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TUNNELBLICK
IN AFGHANISTAN
Aus
„Vrede“ („Frieden“),
Zeitschrift
für internationale Politik, Juli/August 2011
von
Antoine Uytterhaeghe, Mitglied der Redaktion von „Vrede“
übersetzt
von Jens-Torsten Bohlke
Gent,
Juni 2011, vrede. (auf Kommunisten-online am 1. August 2011) – Der
US-Präsident und Friedensnobelpreisträger Barack Obama kündigte mit
dem dafür erforderlichen Posaunenstoß an, dass 33.000 US-Militärangehörige
im Sommer 2012 Afghanistan verlassen werden. Laut den Worten des US-Präsidenten
wird die Präsenz der US-Truppen 2014 nicht mehr nötig sein und werden
die afghanischen Truppen dann „die Sicherheit selbst gewährleisten“
können. Die Ankündigung des US-Präsidenten ist allerdings bei genauem
Hinsehen weniger beeindruckend, als er es erscheinen lassen will. Das
wird jedem rasch klar, der nur ein ganz klein wenig Zahlen vergleichen
und rechnen kann.
Monatelang
haben das Weiße Haus und das Pentagon wegen des Abzugs von US-Soldaten
aus Afghanistan mit sich gerungen. US-Verteidigungsminister Robert Gates
und der US-Oberbefehlshaber der ausländischen Truppen in Afghanistan,
David Petraeus, machen sich da Sorgen. Sie finden, dass die US-Truppen
in Afghanistan nicht zu hastig zurückgezogen werden sollten.
Obama
dagegen muß sich der zunehmenden Kriegsmüdigkeit der US-Bevölkerung
angesichts der hohen Kriegskosten dieses US-Kreuzzugs stellen.
Insgesamt
gaben die USA seit 2001 mehr als 1500 Milliarden US-Dollar für die Führung
des Afghanistankriegs aus. Derzeit belaufen sich die ausgewiesenen
monatlichen Kosten des Afghanistankriegs für die USA auf über 3,5
Milliarden Dollar. Dies macht wöchentlich 117 Millionen oder täglich
ca. 30 Millionen Dollar aus.
In
einer Meinungsumfrage des US-Fernsehsenders CBS haben sich 64% der
befragten US-Bürger für einen raschen Truppenabzug aus Afghanistan
ausgesprochen. Demgegenüber hämmert die Führung der US-Streitkräfte
mit Unterstützung durch Kongressmitglieder der Republikanischen Partei
beharrlich, dass die heutige US-Truppenstärke in Afghanistan noch
mindestens zwei Jahre aufrechterhalten werden muß.
Mathematisches
Bei
Obamas großspurig verkündeten Truppenabzugsplan gibt es eine wichtige
Fußnote. Als dieser US-Präsident sein Amt antrat, waren 33.000
US-Soldaten in Afghanistan stationiert. In seiner Amtszeit verdreifachte
Obama dann die Stärke des US-Truppenkontingents in Afghanistan. Daher
sollten wir vor allem nicht aus dem Blickfeld verlieren, dass im Fall
eines Einhaltens seiner Zusage vom Abzug von 33.000 US-Soldaten aus
Afghanistan immer noch ca. 66.000 US-Soldaten in Afghanistan verbleiben.
Was doppelt so viele wie zu Beginn der Amtszeit von Obama sind. Nach
dessen Worten jedoch soll der von Obama geplante Truppenabzug den
Afghanistankrieg zu einem Ende bringen.
In
seiner Amtszeit führte Obama drei große Erhöhungen des
US-Truppenkontingents in Afghanistan durch. Im Februar 2009 kündigte er
die Entsendung von zusätzlich 20.000 US-Soldaten nach Afghanistan an.
Und im Dezember 2009 sagte er, dass noch weitere 33.000 US-Soldaten nach
Afghanistan verlegt werden. Zusammen mit weiteren kleineren Erhöhungen
des US-Truppenkontingents in Afghanistan kommen wir auf insgesamt
100.000 US-Soldaten an zusätzlich entsandten Mannschaften in
Afghanistan.
In
einer Fernsehansprache kündigte Obama aus dem Weißen Haus den Abzug
von US-Truppen ab Juli 2011 an. Bis Jahresende 2011 sollen 10.000
US-Soldaten Afghanistan verlassen haben. Im Sommer 2012 sollen ihnen
dann noch 23.000 US-Soldaten folgen. Somit soll bis Sommer 2012
lediglich die US-Truppenverstärkung vom Dezember 2009 rückgängig
gemacht werden.
Über
ein weiteres Zeit-Schema schwieg Obama. Er verkündete lediglich, dass
der Truppenabzug verstetigt werden wird. Er sagte auch, dass der Auftrag
der US-Truppen künftig ausschließlich in der „Unterstützung“ der
afghanischen Truppen bestehen wird. Diese Übergangsperiode soll 2014
beendet werden. Ein Teil der von den USA finanzierten, besoldeten und
ausgebildeten afghanischen Militär- und Polizeiangehörigen, die die
Sicherheit Afghanistans ab 2014 allein gewährleisten sollen, machen
sich laut kürzlich publizierten Berichten des Terrors, Folterns und Tötens
von Gefangenen schuldig.
Hamid
Karzai begrüßte die Ankündigung von Obama. Demgegenüber drohten die
Taliban mit Ausweitung ihrer Offensiven. Der afghanische Präsident äußerte,
dass er unlängst mit Washington über die Möglichkeit gesprochen hat,
nach 2014 noch US-Truppen in Bereitschaft in Afghanistan zu haben. Die
Verhandlungen sollen am Ende zu einer „Strategischen Partnerschaft
nach 2014“ führen.
Kritische
Beobachter, vor allem im Ausland, nennen dies zynisch „Das Abkommen über
Ständige Stützpunkte“. Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass das
Pentagon nach eine dauerhafte Präsenz der US-Truppen in Afghanistan mit
einer langfristigen Nutzung der dortigen Militärstützpunkte strebt.
Geostrategisch liegt Afghanistan zu günstig, als dass es die US-Truppen
vollständig verlassen möchten. Immerhin grenzt Afghanistan an
Russland, China, Iran und die erdgasreichen mittelasiatischen
Republiken.
US-Präsidentschaftswahlaspekte
Seit
Obama das Weiße Haus betrat, haben sich die Verluste für die
US-Besatzungsmacht in Afghanistan verfünffacht. Während der Amtszeit
von US-Präsident Bush starben in Afghanistan 630 US-Soldaten, d.h.
durchschnittlich 6,5 US-Soldaten pro Monat. Seit Amtsantritt Obamas im
Januar 2009 bis Anfang Juli 2011 verloren 1026 US-Soldaten in
Afghanistan ihr Leben. Das sind durchschnittlich 33 tote US-Soldaten in
Afghanistan pro Monat.
Obamas
Behauptung, aus einer Position der Stärke den Beginn des
US-Truppenabzugs in Afghanistan vorzunehmen, stellt somit die Dinge auf
den Kopf. Obamas leere Phrasen wie „das Licht am Ende des Tunnels für
einen dauerhaften Frieden ist sehr spürbar“ lassen an die berüchtigten
haltlosen Äußerungen der US-Regierenden aus der Zeit des Vietnamkriegs
denken. Das Weiße Haus und die US-Konzernmedien hatten es seinerzeit
auch ständig mit dem angeblichen Licht am Ende des angeblichen Tunnels.
Mit
der zunehmenden Kriegsmüdigkeit der eigenen Bevölkerung versprach
Obama, dass er sich mehr um die inneren wirtschaftlichen Probleme der
USA kümmern werde. Nur allein für die Kriege in Irak und Afghanistan
gaben die USA (Stand 8. Juli 2011) ungefähr 1.219,000.000.000 Dollar
aus. Dies bei einer gigantischen Staatsverschuldung mit schwerwiegenden
sozialökonomischen Folgen für die gesamte US-Bevölkerung. Es ist höchstwahrscheinlich
kein Zufall, dass Obama so nahe vor den bevorstehenden US-Präsidentschaftswahlen
2012 plötzlich verkündet, dass dringend investiert und erneuert werden
muß, um Arbeitsplätze zu schaffen und einen Aufschwung für die Firmen
zu gewährleisten.
Obamas
Ankündigungen zum Thema Afghanistan haben somit symbolischen Wert,
stellen aber keineswegs eine durchdachte und glaubwürdige Strategie
eines Rückzugs der US-Besatzungstruppen aus Afghanistan dar. Der angekündigte
US-Truppenabzug wird immer noch nicht von einem ausgehandelten
Friedensabkommen gefolgt. Was da mit den Afghanen nach 2014 geschehen
wird, ist ein Thema, über welches sich Obama ausschweigt.
Demgegenüber
wird ständig über den Verbleib einer dauerhaften Nutzung von Militärstützpunkten
in Afghanistan durch US-Militär verhandelt. Aber es werden noch lange
keine Strategien aufgestellt, um dem kriegsverwüsteten Land nach dem
sogenannten Rückzug der US-Truppen sozial und ökonomisch auf die Beine
zu helfen. So weit oder so kurz reicht die US-Besorgnis hinsichtlich des
Loses der afghanischen Bürger.
Es
ist klar, dass Obama beim Anlaufen der US-Präsidentschaftswahlen
versucht, einen guten Eindruck zu machen. Dies aber auch nur, weil die
internationale Gemeinschaft und vor allem ein Großteil der eigenen Bevölkerung
in den USA diesen Krieg satt haben.
Aber
selbst mit dem vorgesehenen schrittweisen Rückzug der US-Soldaten
bleibt Afghanistan ein Land im Krieg und ein Protektorat der USA, wo die
Anzahl dort stationierter ausländischer Soldaten bei Bedarf aufgestockt
werden kann.
Die
politische Elite der USA hat überhaupt keine Absicht, die
US-Vorherrschaft über die Welt aufzugeben. Aber durch die finanziellen
und wirtschaftlichen Probleme der USA sieht Washington sich gezwungen,
seine Taktik anzupassen.
Ein
aktuelles Vorbild für eine da mögliche neue Taktik ist der Krieg der
westlichen Welt gegen Libyen, wo die USA eine Lastenverteilung an die
NATO erzwungen haben. Wollen die USA in Afghanistan denselben Weg gehen?
HÖCHSTE
ZEIT FÜR EINE TATSÄCHLICHE RÜCKZUGSSTRATEGIE
Unsere
Friedensorganisation Vrede vzw findet, dass alle ausländischen Truppen
Afghanistan verlassen müssen. Sie haben lediglich für eine Zunahme der
Gewalttätigkeiten in jenem kontraproduktiven und teuren Krieg gesorgt,
welcher den belgischen Staatshaushalt jährlich über 100 Millionen Euro
kostet.
Der
Truppenabzug muß mit einem Streben nach einer politischen Vereinbarung
mit allen relevanten Parteien in Afghanistan kombiniert werden, damit es
zu einem Ende der Gewalttätigkeiten kommt. Ein erster Schritt ist das
Stoppen der Bombenangriffe und der Abzug der belgischen F-16's, wie es
jedes Jahr neu von der belgischen Friedensbewegung gefordert wird.
Die
Ankündigung von Verteidigungsminister Pieter de Crem, die Präsenz
belgischer Militärangehöriger in Afghanistan auf die Hälfte zu kürzen,
ist mehr ein Zugeben militärischen und politischen Scheiterns auf dem
dortigen Terrain als eine Strategie, die der Gewalt und den sozialen und
politischen Problemen Afghanistans ein Ende setzen muß. Die Kriegslogik
bleibt bei ihm erhalten.
Belgien
hat überhaupt keine Pläne für das Afghanistan nach der Besetzung.
Auch die Argumente von Minister de Crem, um die Truppenverminderung zu
verantworten, haben wenig zu tun mit einer Vision darüber, wie es mit
Afghanistan nun weitergehen soll.
Die
Soldaten auf dem Flughafen Kabul leiden unter „burn-out“ und sind überfordert,
so heißt es. Außerdem bleiben die belgischen F-16's weiter aktiv im
Einsatz im Gebiet vor Ort, wo die eskalierende Kriegsführung von beiden
Seiten weiterhin unschuldige Menschen tötet und verstümmelt.
In
Wirklichkeit wird die Strategie für Afghanistan vollauf in Washington
verfasst, und dort sitzt die Regierung mit den Händen in den Haaren.
Laut unserer Friedensorganisation Vrede vzw muß Belgien einen eigenen
politischen Standpunkt entwickeln und nicht weiterhin blindlings der
US-Politik folgen. Die US-Regierung hat ganz gigantisch mehr die eigenen
Probleme als das Wohl der afghanischen Bevölkerung im Sinn.
Quelle:
http://www.vrede.be/tijdschrift/169-nr-410--juli--augustus-2011
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