|
Aktion
„Gewittersturm“ –
Der
Aufstand von Warschau August/September 1944
Von
der Sowjetunion verraten?
von
Gerd Höhne
verfasst
im Sommer 2004
Vorgeschichte
Die
Polen sind stolz auf ihre Geschichte von Befreiungskämpfen, von
Toleranz und Menschlichkeit. Das ist richtig. Nie gab es in Polen
Ketzerverbrennungen, nie Hexenverfolgungen, bereits im Mittelalter
hatten dort Juden mehr Rechte, als in allen anderen Ländern Europas.
Die Menschen Polens kämpften auf allen Barrikaden in allen Ländern
Europas im 19. Jahrhundert um „eure und unsere Freiheit“.
Die
Reformation (wie auch die Gegenreformation) verlief in Polen weitgehend
ohne Blutvergießen. Das trifft auch auf die sog, Sintflut, den Krieg
Schwedens gegen den polnischen König Jan Kazimirz zu. Das war kein
Krieg der Protestanten gegen die Katholiken. Auf beiden Seiten standen
Katholiken und Protestanten und wäre nicht der Verrat des
(protestantischen) Kurfürsten von Brandenburg an seinem (protestantinschen)
schwedischen Verbündeten gewesen, der katholische König Polens wäre
besiegt worden. Aber es ging nicht um Religion.
Nach
dem Verlust der Staatlichkeit Polens an Österreich, Preußen und v.a.
Russlands gab es verschiedene Aufstände der Polen. Alle diese Aufstände
erregten das freiheitlich gesinnte Europa – waren aber Niederlagen.
Nach
dem 1. Weltkrieg entstand der polnische Staat neu. Wichtigster Repräsentant
der Republik Polen wurde der Marschall Jósef Pilsudski. Diese polnische
Republik war extrem reaktionär ausgerichtet und Pilsudski extremer
Nationalist und Kommunistenhasser. Polen war, wie Lenin es sagte, ein
Staat der Barone. Diese Feudalherren regierten das Land und taten alles,
um ihre feudale Vorherrschaft zu erhalten.
Unter
Pilsudski wollte Polen die Schwäche des revolutionären russischen
Staates ausnutzen, der sich weißgardistischer Truppen und den Truppen
fremder Mächte zu erwehren hatte und wollte weite Teile des westlichen
Russlands sich einverleiben. Ziel war ein Polen von Meer zu Meer, also
von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Nach anfänglichen Erfolgen der
polnischen Truppen ging die Rote Armee zum Gegenangriff über und drang
tief nach Polen ein. Eine Vernichtung der polnischen
Armee und die Eroberung Warschaus schien bevor zu stehen. Aber
als die polnischen Truppen einen verzweifelten Gegenangriff begannen,
stießen sie auf vollkommen falsch organisierten Widerstand, eine
chaotische Führung und Truppen, die an der vordersten Front über kaum
Munition verfügten. Auch waren keine Reserven an Truppen in
Bereitschaft. Oberbefehlshaber der Roten Armee war Leo Trozki. Trotzdem
gelang es die Offensive der polnischen Truppen zu stoppen und Polen
schloss am 20. Oktober 1920 mit Sowjetrussland den Friedensvertrag von
Riga (an den sich die polnische Regierung aber im Zweifelsfall nicht
hielt. Galizien und Teile Weißrusslands wurden jedoch an Polen
abgetreten.
Später
zog sich Pilsudski (1922) aus der aktiven Politik zurück, putschte sich
jedoch am 12. Mai 1926 erneut an die Macht und bleibt polnischer
Diktator bis zu seinem Tod am 12. Mai 1935. Man sagt, Hitler sei ein
Verehrer Pilsudskis gewesen, Tatsache ist jedenfalls, dass dessen Grab
in der Krypta der Wawel-Kathetrale von den Nazi-Okkupanten (1939-1944)
nicht angerührt wurde.
Der
ehemaliger Verwalter des „Berghofes“ (Hitlers privater Wohnsitz),
Herbert Döhring, sagte zum Verhältnis Hitlers zu Pilsudski:
„Der
war zu der damaligen Zeit neben Hitler der größte Kommunistenhasser.
Wenn dieser Mann am Leben geblieben wäre, das hat Hitler immer wieder
im Laufe der folgenden Jahre betont, dann wäre alles anders gekommen.
Dann hätten die Polen nicht auf England gehört, sondern sich mit uns
zusammengetan. Der Krieg wäre gekommen, aber nicht im Westen, sondern
gegen den Kommunismus.“[1]
In
einem anderen Bericht steht: „Er (Hitler, G.H.) beendete weitgehend
die in Rapallo manifestierten Sonderbeziehungen zum Sowjetreich und
umwarb die polnische Führung in Gestalt des von ihm verehrten Józef
Pilsudski. Der tendenziell deutschfreundliche Marschall, der 1926 durch
einen Putsch die Macht in Warschau übernommen hatte, zeigte sich
entgegenkommend. Als erster Minister des Deutschen Reiches nach dem Ende
des Ersten Weltkrieges fuhr Propagandaminister Goebbels im Januar 1934
in die polnische Hauptstadt. Dort traf er anläßlich der Unterzeichnung
des Nichtangriffspaktes mit Pilsudski zusammen. Der Bündnisvertrag
beinhaltete bei einer Gültigkeit von zehn Jahren ein gegenseitiges
Versprechen auf Gewaltverzicht. Im Februar wurde er um eine
Presservereinbarung ergänzt, die die haßerfüllte Grundstimmung in den
Medien beider Länder beseitigen sollte. Später kam noch die
Einrichtung deutsch-polnischer Kulturinstitute in Warschau und Berlin
hinzu.“[2]
und
„Dies
alles spiegelte die Ansicht Hitlers wie Pilsudskis wider, daß beide
Staaten starke gemeinsame Interessen verbanden. In erster Linie war dies
die mit tiefsitzenden Ängsten verbundene Feindschaft gegenüber der
Sowjetunion und der Ideologie des Kommunismus sowie der beiderseits
vertretene Antisemitismus.“[3]
1935
jedoch stirbt Pilsudski im Alter von 67 Jahren plötzlich. Die
Nazifreundliche Politik setzen seine Nachfolger fort. Die reaktionäre
Regierung Polens beteiligt sich noch 1938 am Landraub gegen die
Tschechoslowakei und bekommt zum Lohn von den Nazis einen Teil der
Beute. Vorher hatten sie das Angebot der UdSSR, der bedrohten
tschechoslowakischen Republik militärisch Beistand zu leisten,
verhindert, indem sie der sowjetischen Armee die Durchfahrtrechte
verweigerten.
Die
latente Bedrohung ihres Landes durch Deutschland jedoch nahmen die
Obristen in der Warschauer Regierung nicht so ernst. Anstatt rechtzeitig
die Armee zu modernisieren, hielten sie sich schön aussehende
Paradesoldaten in Form von Kavallerietruppen, bewaffnet mit Lanzen, während
in der Wehrmacht die Kavallerieverbände abgeschafft und in eine Truppe
mit modernen Panzern verwandelt wurden. Ein Bündnis mit der Sowjetunion
war außerhalb frt Vorstellungsmöglichkeit der polnischen
Regierung.
Als
dann die Bedrohung akut wurde und die polnische Regierung sich um Hilfe
suchend an die englische Regierung wandte und um Waffenlieferungen
nachsuchte, war es eigentlich schon zu spät. Trotzdem zögerte die
britische Regierung die Waffenlieferungen hinaus und so musste die
polnische Armee mit Reitertruppen mit
Lanzen bewaffnet gegen die Tiger-Panzer der Nazis anrennen. Und nicht
nur das. Die polnischen Truppen standen der Naziwehrmacht auch schutzlos
gegenüber, weil sie nicht natürliche Hindernisse nutzten. Die
Reiterangriffe in offener Feldschlacht wurde zum Tontaubenschießen
für deutsche Infanterie, Stukas und Panzer.
Das
Ergebnis ist bekannt, die deutschen Faschisten besetzten Polen und das
polnische Volk erwartete ein Martyrium in nie gekannten Ausmaßen.
Es
gab auch einflussreiche Kreise in der polnischen Oberschicht, die bereit
waren mit den Nazis gemeinsame Sache zu machen. Der Plan war, eine
Marionettenregierung von Hitlers Gnaden zu errichten und an der Seite
der Nazis einen Krieg gegen die Sowjetunion zu führen.
Kopf
dieser Kollaborateurbewegung war der Primas von Polen Kardinal August
Hlond. Hlond war ein fanatischer Kommunisten- und Judenhasser. Bereits
1936 veröffentlichte er in einem Hirtenbrief folgende Sätze:
„Das
jüdische Problem wird es geben, solange die Juden bleiben. Es ist eine
Tatsache, dass die Juden die katholische Kirche bekämpfen, in
Freidenkerei verharren und die Vorhut der Gottlosigkeit, des
Bolschewismus und der Subversion bilden. Es ist eine Tatsache, dass der
jüdische Einfluss auf die Sitten verderblich ist und dass ihre Verlage
Pornographie verbreiten. Es ist wahr, dass die Juden betrügen, wuchern,
Zuhälterei betreiben. Es ist wahr, dass der Einfluss der jüdischen
Jugend in den Schulen auf die polnische Jugend in religiöser und
ethischer Hinsicht negativ ist.“[4]
Sogar
nach dem 2. Weltkrieg setzte Hlond seine antikommunistisch-antijüdische
Haltung fort. 1946 verbreiteten religiöse katholische Fanatiker in der
polnischen Provinzstadt Kielce das Gerücht, die Juden töteten
polnische Kinder. Es folgte ein Progrom mit 42 ermordeten Juden. Die
polnische Regierung griff hart durch, die Mörder wurden vor Gericht
gestellt und zum Tode verurteilt. Kardinal Hlond aber entschuldige die Mörder
„Mehr
als ein Jude verdankt den Polen und den polnischen Priestern ihr Leben.
Daß dieses gute Verhältnis nun kaputtgeht, haben die Juden selbst zu
verantworten, da sie den Polen eine Staatsform aufzwingen wollen, die
diese ablehnen". Juden waren für Hlond keine Polen, Juden
waren Kommunisten.
Die
Pläne der Kollaborateure um Hlond scheiterten aber am Starrsinn
Hitlers, er wollte keine polnische Quizling-Regierung.
Allerdings
konstituierte sich bereits am 30. September 1939 eine polnische
Exilregierung in Paris. Premierminister wurde der General Wladyslaw
Sikorski und als der 1943 bei einen Flugzeugabsturz ums Leben kommt,
folgt ihm Stanislaw Mikolajczyk auf diesen Posten.
in
Polen wütete in der Zeit der blanke Naziterror. Wie brutal die
Naziherrschaft in Polen war, zeigt folgender Ausspruch des
Nazistatthaltern des Generalgouvernement Krakau:
„In
Prag waren große Plakate angeschlagen, auf denen zu lesen war, daß
heute 7 Tschechen erschossen worden sind. Da sagte ich mir: Wenn ich für
je sieben erschossene Polen ein Plakat aushängen lassen wollte, dann würden
die Wälder Polens nicht ausreichen, das Papier herzustellen für solche
Plakate,“
2.
Der Aufstand
In
Polen formiert sich der Widerstand gegen die Naziherrschaft. Zwei
Organisationen sind von Bedeutung: Die der Exilregierung unterstellte
Armia Krajowa zu deutsch Landesarmee, (AK) und die
kommunistisch-sozialistische Armia Ludowa, zu deutsch Volksarmee (AL).
Die
AK war allerdings die weitaus größere Widerstandsgruppe, wohingegen
die AL in den Hochburgen der Arbeiterbewegung dominierte, z.B. in der
zweitgrößten polnischen Stadt Lódz.
Im
Frühjahr 1944 startet die Rote Armee ihre Sommeroffensive gegen die
Naziwehrmacht und trieb die Nazitruppen aus den Tiefen Russlands vor
sich her (siehe
Karte), Von Leningrad und Odessa im Osten griffen ab 14. Januar
1944 die Truppen der Sowjetunion die faschistische Wehrmacht an und
jagten sie aus dem der Sowjetunion.
Die
Front verlief vom Norden an der Ostsee bei Leningrad bis zum Schwarzen
Meer bei Odessa, also einer Breite der Front von mindestens 2000 km.
Dass das eine gewaltige Anstrengung erforderte, um die Truppen mit allem
Notwendigen, von Waffen und Munition, über Nahrungsmittel, Bekleidung,
Medikamente usw. zu versorgen, dürfte auch militärischen Laien klar
sein. Vor allem auch deshalb, weil die Nazitruppen alles, was der Roten
Armee von Nutzen sein konnte, mitschleppten, unbrauchbar machten oder
vernichteten. Es gab keine intakte Eisenbahnstrecke und Straße, die Städte
und Dörfer dem Erdboden gleich gemacht, alles Vieh und alle Ernteerträge
weggeschleppt oder vergiftet, selbst die Trinkwasserversorgung war, wo
es möglich war, durch vergiftete Brunnen unmöglich. Um der kämpfenden
Truppe alles Erforderliche zu liefern, musste die Infrastruktur kurz
nach der Befreiung einer Gegend notdürftig repariert werden. Und das im
ganzen Verlauf der Front. Ein eigentlich nicht mögliches Unterfangen.
Und trotzdem stürmte die Rote Armee vor und überschritt im Juli 1944
den Bug. In Lublin wurde noch im gleichen Monat das Polski Komitet
Wyzwolenia Narodowego (PKWN) also das Polnische Komitees der Nationalen
Befreiung konstituiert, das als Regierung in den befreiten polnischen
Gebieten wirkte. Dem PKWN unterstanden auch die polnischen Truppen, die
1. Polnische Armee, die nicht, wie die AK, in den besetzten Gebieten
Gewehr bei Fuß stand, sondern aktiv an der Seite der sowjetischen Armee
gegen Nazideutschland kämpfte.
Das
PKWN war in allen befreiten Gebieten die anerkannte polnische
Staatsmacht, das war im Herbst 1944 80.000 qkm mit beinahe 6 Millionen
Einwohnern. Das PKWN veröffentlichte am 22. Juli das Lubliner Manifest,
in dem das PKWN
zum
Kampf gegen Hitlerdeutschland aufruft:
zum
Aufbau eines neuen, umgestalteten Polens
aufruft.
„Darin
wurden der Aufbau eines volksdemokratischen Staates im Ergebnis
revolutionärer gesellschaftlicher Veränderungen, eine Bodenreform, die
Übernahme der Großindustrie, des Transportwesens und der Banken durch
den Staat und volle politische Rechte für die Werktätigen angekündigt.
Das Manifest versprach, die Außenpolitik Polens zu ändern, vor allem
ein dauerhaftes Bündnis mit der UdSSR und eine Lösung der Frage der
polnischen Ostgrenze anzustreben und die »angestammten polnischen«
Gebiete im Westen und an der Ostsee »wiederzugewinnen«. Der Anspruch
der bisher herrschenden Klassen auf die Staatsmacht war unverkennbar in
Frage gestellt.“[5]
Es
war klar: Die Regierung der Barone aus der Vorkriegszeit, die
Exilregierung, stand unter Zugzwang, wollte sie die Errichtung des neuen
Polens zu Gunsten des alten, das der Barone, verhindern.
Mikolajczyk
und seine Regierung gedachten, die AK einen Aufstand machen zu lassen,
damit in Warschau bereits eine Regierung – nämlich die Exilregierung
– residieren konnte. Die Westalliierten, v.a. Churchill, warnten
Mikolajczyk und verlangten, er solle mit der sowjetischen Führung
kooperieren. Mikolajczyk dachte aber nicht daran. Seine Regierung gab
den in Warschau stationierten AK-Verbänden den Befehl, sobald sie Rote
Armee am Stadtrand auftaucht, den Aufstand zu beginnen.
Bereits
am 7. Juli 1944 erklärten die Stabschefs der westlichen Alliierten,
dass sie nicht imstande seien, den geplanten Aufstand ausreichend mit
Waffen zu versorgen und forderten die Mikolajczyk-Regierung auf, sich
mit der sowjetischen Führung abzustimmen – vergeblich.
Am
27. Juli 1944 wandte sich die Regierung Mikolajczyk offiziell an die
britische und bat um militärische Unterstützung. Die Antwort kam
prompt: Am 29. Juli1944 lehnte die britische Führung jeglichen Einsatz
ihrer Luftstreitkräfte – auch nicht der polnischen Kontingente –
ab. Diese waren z.T. in Italien eingesetzt und trugen die Hauptlast des
Kampfes um das Kloster Monte Casino. (siehe
auch) Mittels Kurier wurde das Oberkommando der AK in Warszawa unter
General Komorowski davon informiert. Es war also klar, die AK-Führung
musste entweder mit der Roten Armee kooperieren, oder den Aufstand ohne
ausreichende Ausrüstung beginnen. Am 1. August verfügte die AK in der
Stadt über max. 35 000 Kämpfer,
von denen aber nur höchstens 3.500 (also 10%) bewaffnet[6]
waren und nur wenige Kampferfahrungen hatten. Die Munitionsvorräte
reichten für zwei bis drei Tage.
Die
Exilregierung und das AK-Kommando ignorierten dies alles. Noch am 14.
August 1944 teilte das britische Außenministerium der Exilregierung
mit, dass diese den Aufstand ohne Wissen der britischen Regierung
begonnen habe und merkte kritisch an, dass auch die sowjetische Führung
nicht unterrichtet worden sei.
Das
Kalkül war, wenn Warszawa mittels eines Aufstand befreit ist, würde
die Rote Armee schon die AK-Verbände unterstützen. Als 31. Juli 1944
aus dem Stadteil Praga - am rechten Ufer der Wisla (Weichsel) - die
Meldung an das AK-Oberkommando kam, es sei ein sowjetischer Panzer
gesichtet worden, gab General Tadeusz Komorowski (Deckname Bór) den
Befehl, am 1. August 1944 um 17:00 Uhr mit dem Aufstand zu beginnen.
Aber
die Meldung war falsch. Es war ein deutscher Panzer auf dem Weg an die
Front zum Gegenangriff gegen den Vormarsch der Roten Armee. Bei Radzymin
und Wolomin fand die größte Panzerschlacht auf polnischem Gebiet am 2.
und 3. August 1944 statt. 500 Panzer der Nazis stand 400 der Roten Armee
gegenüber. Letztere musste zur Verteidigung übergehen und nicht, wie
geplant, auf das linke Ufer der Wisla einen Brückenkopf bilden.
Es
ist klar, die Rote Armee hatte in der Situation nicht die Kraft, die
Invasion nach Westen fortzusetzen, erst musste die erschöpfte Truppe
eine Ruhepause haben, musste der Nachschub ausgebaut werden und die
Verluste an Menschen und Material ersetzt werden. Vom Ausgangspunkt der
Offensibe der Roten Armee bis zur Wisla waren es etwa 1100 km. Der
Vormarsch in einem Stück war allein schon eine Meisterleistung der
Roten Armee. Aber an der Wisla versteifte sich der Widerstand der
Nazitruppen. Der Ausbau des Nachschubs aus dem Hinterland war dringend
notwenig.
Erstes
Ziel des Aufstandes war es, wichtige Kommunikationszentren der
Nazi-Besatzer zu erobern, wie z.B. die Flugplätze, wichtige Straßen,
der Eisenbahnknotenpunkt, Telefon- und Fernschreibnetz, auch ein
Rundfunksender sollte erobert werden. All das gelang nicht, Während es
dem AK-Kommando unmöglich war, schnell und ungestört die kämpfenden
Einheiten in den einzelnen Stadtteilen zu koordinieren (dazu wurden
Kinder und Jugendliche als Kuriere eingesetzt, die sich durch die
Kanalisation von Stadtteil zu Stadtteil bewegten), konnten die Nazis
weiterhin ungestört über die Transportwege Nachschub an die Ostfront
schaffen. Von den Flugplätzen, die die AK eigentlich erobern wollte,
starteten ungestört die Stukas, die gegen den Aufstand eingesetzt
wurden.
Auch
klappte die Koordination der einzelnen in Polen operierenden Teil der AK
nicht. Die AK-Einheiten aus der Provinz blieben dort, und griffen auch
nicht in die Kämpfe ein.
Die
Kämpfe gestalteten sich, mit größten Mut von der polnischen Seite geführt.
zu einem Desater. Der Gegenschlag der Nazitruppen war brutal und
richtete sich nicht nur gegen die Kämpfer, sondern auch gegen die
Zivilbevölkerung. Besonders hervorgetan hat sich hier der SS-General
(SS-Gruppenführer) Heinz Reinefarth,
Kommandeur des XVII. SS-Armeekorps.
Die
Aufständischen kämpften, oft nur mit Pistolen bewaffnet, 63 Tage gegen
die gut bewaffneten und ausgebildeten Nazitruppen. Im Durchschnitt fügten
sie den Okkupanten täglich 300 Mann Verlust zu.
Dass
die AK-Führung nicht vorhatte, mit der sowjetischen Armee – auch
nicht mit der 1. Polnischen Armee – zu kooperieren, zeigt die
Tatsache, dass kein Versuch unternommen wurde, eine Brücke über die
Wisla unter Kontrolle zu bekommen. Dabei hätte das den Nachschub der
Nazis an die Front nachhaltig behindert und v.a. bei Ankunft der Roten
Armee eine wirksame Unterstützung des Aufstands ermöglicht. Aber genau
das war nicht gewollt.
Stattdessen
Tagträumereien. General Leopold Okulicki, der stellvertretende
Kommandeur der AK in Warszawa, schrieb am 7. August an seinen Chef
General Komorowski: „Wenn wir Warschau nur soweit beherrschen würden,
daß eine Umsiedlung des Vizepremiers und von Ihnen möglich wäre. Für
diese zwei Machtorgane müßten die zwei repräsentativsten Gebäude
eingenommen werden (der Ministerrat und der Hauptstab) und eine vollständige
Fasson der Staatsmacht geschaffen werden.“[7]
Darum
ging es. Ohne Rücksicht auf Verluste das alte Polen der Barone
wiederherstellen und die Volksmacht, mit allen Nachteilen für die alten
Machthaber (Bodenreform und Abschaffung der alten Privilegien)
verhindern. Es sollte die Exilregierung anstelle des PKWN die anerkannte
polnische Regierung werden.
Die
Kämpfer aber wussten von diesen abenteuerlichen Plänen ihrer Führung
nichts. Ihr unbändiger Hass auf die Nazibanditen wog in manchem ihre
schlechte Bewaffnung und Ausbildung auf, konnte aber letztlich die
Niederlage nicht verhindern.
3.
Verriet die sowjetische Führung den Aufstand?
Ich
habe oben versucht darzustellen, was die Ziele der Exilregierung war.
Dass das die sowjetische Führung nicht dazu bringen konnte, den
dringend erforderlichen Ausbau des Nachschubs an die Front mit einem
vorläufigen Stop des Vormarschs am natürliche Hindernis Wisla
aufzugeben, ist verständlich. Vor ihnen lag dann nur die Oder als nächstmöglicher
Stop. Ein weiterer Vormarsch hätte zu Niederlagen und den damit
verbundenen Opfern an Menschen geführt.
Auch
hatte die Rote Armee zu Beginn des Aufstandes am 1. August noch nicht
das Ostufer der Wisla erreicht. Sie erreichte Warszawa erst am 13.
September. Trotzdem konnte die Rote Armee
südlich Warschaus einen Brückenkopf bei Magnuszew errichten und
halten. Das aber nutzte die AK-Führung nicht aus.
Als
am 13. September die Rote Armee den Warschauer Stadtteil Praga eroberte
(Praga ist am Ostufer der Wisla), bekamen die Aufständischen militärische
und materielle Unterstützung. Sowjetische Luftstreitkräfte wurden
gegen die Luftwaffe eingesetzt, die polnischen Flakeinheit am rechten
Weichselufer beschossen die deutschen Stukas.
Mehr
noch: Die 1. Polnische Armee startete mehrere Übersetzversuche und
errichtete am Westufer zwei Brückenköpfe. Diese Kämpfe waren äußerst
verlustreich, 4000 polnische Soldaten kamen dabei ums Leben. Die AK-Führung
unterstützte diese Kämpfe nicht.
„In
der ersten Septemberwoche zeichneten sich nur noch drei Möglichkeiten
zur Lösung der Krise ab: 1. sich durch Luftversorgung bis zur
Kapitulation der Deutschen zu halten, 2. die Kapitulation vor den
Deutschen und 3. die aktive Zusammenarbeit mit der Roten Armee und der
1. Polnischen Armee zur schnelleren Befreiung der Stadt. Die erste
Variante wurde von der Exilregierung favorisiert, allein sie erwies sich
angesichts der Frontlage als irreal. Die dritte Möglichkeit schloß die
AK-Führung strikt aus.“[8]
Die
erste Variante, die Luftversorgung bis zur deutschen Kapitulation zu
halten, war unmöglich. Zum einen, weil sie nicht ausreichte, die
deutsche Luftabwehr zu stark war, als dass die Engländer – die schließlich
doch Hilfsflüge starten – gezielt abwerfen konnten. Außerdem waren
die Ziele des Abwurfs unklar, das meiste fiel den Nazis in die Hände.
Die
zweite Variante: Kapitulation der Deutschen. SS-General und
SS-Standartenführer von der Bach-Zelewski dachte überhaupt nicht daran
zu kapitulieren. Seine Truppen kämpften mit äußerster Brutalität
jeglichen Widerstand nieder. Auch hatte er den Hitlerbefehl. die Stadt
dem Erdboden gleich zu machen.
Und
die dritte Variante: Zusammenarbeit mit der Roten Armee und der 1.
Polnischen Armee wollte die AK-Führung nicht, hätte das doch genau das
Gegenteil dessen erreicht, was sie wollten: Das Lubliner PKWN wäre als
Regierung in Warschau eingezogen.
Also
ein aussichtsloser Kampf wurde fortgesetzt, nur um die Fiktion aufrecht
zu halten, die Exilregierung sei die wahre Regierung Polens. Der
Opfermut, das Heldentum, der Hass auf die deutschen Okkupanten und der
Patriotismus der Kämpfer wurden missbraucht.
Wenn
der Aufstand dagegen mit der sowjetischen Armeeführung koordiniert
worden wäre, hätte er tatsächlich erfolgreich sein können. Dazu dazu
wäre die Bereitschaft der AK-Führung zur Zusammenarbeit erforderlich
gewesen, aber genau das wollte sie nicht.
So
wurde die Legende in die Welt gesetzt, die sowjetische Führung habe den
Aufstand in Warszawa verraten, es sei ihr darum gegangen, die
kommunistische Macht in Polen zu etablieren. Aber allein die Tatsache,
dass das PKWN über die kampfstarke, gut ausgerüstete und gut
ausgebildete 1. Polnische Armee verfügte, dass sich dieser auf dem Weg
nach Westen auch immer mehr ehemalige AK-Kämpfer anschlossen, dass es
im von den Nazis besetzten Polen auch die linke AL gab (deren Teile in
Warschau schlossen sich dem Aufstand zwar an, blieben aber selbständig),
ist das ganze eine offenkundige Verfälschung der Realitäten.
Es
war seit der Konferenz von Teheran und Jalta klar, dass Polen zur
Interessenssphäre der Sowjetunion gehört. Das wurde auch nicht von den
westlichen Regierungen infrage gestellt und zeigt sich auch darin, dass
die britische Regierung diese Eigenmächtigkeit von Stanislaw
Mikolajczyk und seiner Regierung weder billigte noch unterstützte.
Verraten
wurde der Aufstand von der Exilregierung. Sie wollte das Polen der
Barone wieder errichten. Es ging der Exilregierung nicht in erster Linie
um die Befreiung ihres Vaterlandes, sondern und die Wiederherstellung
des reaktionären Staates eines Pilsudski.
4.
Nachtrag
Das
nun angeblich freie – sprich: nicht mehr sozialistische, Polen und
EU-Partner ist nun dem Raub der deutschen Konzerne ausgeliefert. Fast
die gesamte Industrie ist entweder „abgewickelt“ oder in den Händen
ausländischer, v.a. deutscher Konzerne. Die 1945 von der Bodenreform
mit Land versorgten polnischen Bauern, werden der Konkurrenz in der EU
nicht standhalten. Bereits jetzt geben immer mehr Bauern auf. Wenn man
bedenkt, dass z.B. in Deutschland landwirtschaftliche Betriebe um die 50
ha Land, es schwer haben, zu überleben, haben die polnischen Bauern mit
5 bis 10 ha nicht die Spur einer Chance. Die zaghaften Versuche der
polnischen Regierung gegen die übermächtige EU-Großmacht Deutschland
aufsässig zu werden und z.B. gegen die EU-Verfassung zu sein und die
USA im Irak zu unterstützen, landen in der Sackgasse. Polen ist heute
das, was es nie sein wollte: beherrscht von fremden Mächten. Wenn auch
scheinbar rein polnisch regiert. Ökonomisch wird aber nicht in Warszawa
bestimmt wo es lang geht, das wird in den Bankhochhäusern in Frankfurt
und in den Chefetagen der Konzerne entschieden.
Andererseits
ist das Land weitgehend entindustrialisiert. Die zweitgrößte polnische
Stadt Lódz, das östliche Manchaster, mit riesigen Webereien, hat heute
überhaupt keine Weberei mehr. Ähnlich ist es auch in anderen Städten.
Einen Boom erreichen die Brauereien. Wer keine Arbeit mehr hat, verfällt
oft in den Alkoholismus.
Und
die Erinnerung an die hier erwähnten reaktionären polnischen Führer
aus der Vorkriegszeit? Eine wichtige Straße in Lódz z.B. heißt sei
Ende der Volksrepublik ul. Pilsudskiego (Pilsudskistraße) in Wroclaw
(Breslau) gibt es sogar eine ul. Kardinala Hlonda. Also eine Straße
wird nach dem Mann benannt, er mit Hitler zusammenarbeiten wollte und in
seiner antifüdischen und antikommunistischenh Gesinnung den Nazis nicht
sehr nachstand.
5.
Aber trotzdem Verrat durch die Russen?
Diese
Behauptung wird auch durch ständige Wiederholung nicht wahrer. Und sie
basiert auf dem weitverbreiteten Irrtum – auch in Polen – die Rote
Armee habe, als der Aufstand begann, bereits am östlichen Ufer der
Wisla im Warschauer Stadtteil Praga gestanden. Stattdessen erreichte sie
erst am 13. September 1944 das rechte Weichselufer der polnischen
Hauptstadt.
Sofort
wurden die polnischen Kontingente damit beauftragt, den Aufständischen
zu helfen. Polnische Luftabwehr bekämpfte vom östlichen Ufer der Wisla
deutsche Stukas über der Stadt, polnische Soldaten setzten über und
bildeten einen Brückenkopf, der aber wegen mangelnder Unterstützung
durch die AK-Führung nicht gehalten werden konnte. Allein diese Hilfe
kostete 4000 polnischen Soldaten das Leben.
Natürlich
änderte die sowjetische Führung nicht ihre Kriegplanungen. Ihr Ziel
war die Niederschlagung des Faschismus und nicht die Wiederherstellung
eines von reaktionären Baronen beherrschten Regime in Warschau. Polens
Freiheit das war in erster Linie die Vertreibung der faschistischen
Truppen aus dem Land. Wenn das die Exilregierung anders sah, dann hat
sie den Aufstand verraten. Der nämlich wurde geführt – und deshalb kämpften
die Aufständischen auch heldenhaft – aus genau dem Grunde: Polen
sollte frei werden vom faschistischen Joch.
Die
Exilregierung hätte, wenn sie sich an die Weisungen der Alliierten im
Westen gehalten hätte und mit der Roten Armee kooperiert hätte,
patriotisch gehandelt. So aber opferte sie den Hass und den Drang nach
Freiheit der Warschauer Bevölkerung ihren egoistischen Zielen.
6.
Fazit
Bundeskanzler
Schröder laberte in Warschau von deutsch-polnischer Versöhnung und
distanzierte sich von den Forderungen der ostelbischen Krautjunker, ihre
nach dem Krieg verlorenen Güter als Verstoß gegen die Menschenrechte
beim europäischen Gerichtshof einzuklagen (siehe
auch). Dieser Heuchler! Solch eine Erklärung ist wohlfeil, kann
er billig abgeben, er muss nicht darüber entscheiden und kann die
blaublütigen Damen und Herren Ostelbiens auch nicht zwingen, auf ihre
Ansprüche auf feine Schlösser und wertvolles Land zu verzichten. Die
Oberrevanchistin Erika Steinbach distanzierte sich folglich von Schroder
und forderte, wenn Schröder den Polen Rechtssicherheit vor den Rückgabeforderungen
der Krautjunker geben wolle, solle er gefälligst ein Gesetz schaffen,
das einen Griff ins Staatssäckel für die noblen blaublütigen Damen
und Herren von und zu ermögliche.
Einer
der engsten Vertrauten der Frau Steinbach ist der ehemalige Staatssekretär
unter Helmut Schmidt, Peter Glotz. Es ist nicht bekannt, dass die SPD
ihn aus der Partei geworfen hat.
Aber
auch sonst ist Schröder eher als der Herr in Polen erschienen, weniger
der Gast. Wer Polen bereist dem fällt die allgemeine Präsenz deutscher
Konzerne ins Auge. Polen ist heute wirtschaftlich voll in deutscher
Hand. Desgleichen auch die Presse.
Der
Beitritt Polens zur EU dürfe das noch verstärken. Finanzkräftige
deutsche Unternehmen werden sich die Wirtschaft Polens nun restlos unter
den Nagel reißen.
Und
Schröder ist der erste deutsche Kanzler nach Adolf Hitler, der Krieg führen
ließ. Sah Hitler Lebensraum im Osten, so „verteidigt“ die Schöder-Regierung
Deutschland am Hindukusch. Die Parteistiftung der SPD arbeitet an einen
Positionsüapier seiner Partei, dqs juristisch Angriffskriege
rechtfertigen soll. Sie folgt damit dem Vorbild der
Konrad-Adenauer-Stiftung, die so etwas schon vor längerer Zeit
ausgearbeitet hat (siehe).
Einige
Veteranen in Polen jedenfalls glaubten den salbungsvollen Worten des
Regirungschefs des Rechtsnachfolgers des Deutschen Reiches nicht und
empfingen Schröder mit Pfiffen.
Während
Schröder salbungsvolle Reden hilt, tönte die bundesdeutsche Propaganda
umso lauter. Der Warschauer Aufstand sei wegen der Russen
niedergeschlagen worden, sie hätten den Aufstand verraten. Also die
Schuldigen sind nicht Hitler, die Wehrmacht oder SS, Schuld ist Stalin.
Klar, wer sonst?
Das
sagen die Propagandisten des Staates, der den Mördern von damals zu
einer Karriere nach dem Krieg verholfen hat, der bis vor wenigen Jahren
noch Gebietansprüche an Polen geltend machte, in dem eine Unzahl von
Nazimördern ungestraft herum lief – und wenn sie nicht gestorben
sind, laufen sie heute noch rum.
|