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Frau Dr. Sumaya Farhat-Naser, eine palästinensische Wissenschaftlerin, schreibt in diesem Brief eindrucksvoll über ihre Situation in Palästina, die ihres Volkes und die alltägliche rassistische Diskriminierung die Palästinensern in und außerhalb Israels durch die rassistische und aggressive Politik der Zionisten. Eine Kurzbiografie dieser mutigen Frau findet ihr unten. siehe

Jahresbrief 2003 - Anfang Dezember 2003

von. Sumaya Farhat-Naser

Liebe Freunde,

Wie am Ende jedes Jahres schreibe ich Euch. Ich berichte, erzähle Geschichten und meine Erlebnisse und möchte mit Euch verbunden sein. Euch Allen möchte ich danken für Eure Unterstützung und Begleitung. Ein langer persönlicher Jahresbrief zu Weihnachten ist gut so.

Im Sommer 2001 verließ ich meine Arbeit in Jerusalem, weil die Arbeit für mich unmöglich geworden war. Die brutale Situation verhinderte das Zusammentreffen von Frauen, um an Kursen teilzunehmen oder um ein gemeinsames Treffen mit israelischen Frauen zu planen. Priorität des Tages wurde das Überleben, die Verwundeten zu bergen, die Toten zu begraben und die Familien zu versorgen und vor Sonnenuntergang möglichst schnell Zuhause sich zu verstecken. Die Straßensperren intensivierten sich, sodass der Weg zur Arbeit von einer halben Stunde wurde 3-4 Stunden geworden und mit hohem Risiko verbunden.

Ich war an meinem Wohnort Birzeit gebunden geworden mit einem Bewegungsradius von wenigen Kilometern. Es war hart und bitter, meine Arbeit aufgeben zu müssen und vergeblich darauf zu warten, meine Lehrtätigkeit an der Birzeit Universität aufzunehmen. Die Zahl der Studenten, die die Universität erreichen konnten, sank um ein Viertel, die Zahl der angebotenen Kurse sank entsprechend und die Universität führte strenge Sparmaßnahmen ein, da die Studenten keine Gebühren zahlen konnten, und damit die Beschäftigung sich fast einstellte.

Ich musste handeln, um mich aus dieser Situation zu erheben, mich zu retten, indem ich mir eine Aufgabe stellte. Ich schrieb mein Buch, „Verwurzelt im Land der Olivenbäume", reflektierte über meine Arbeit der letzten sieben Jahre, dokumentierte die Sensibilität und Gefährdung der gemeinsamen Arbeit, mit all den Enttäuschungen und Rückschlägen aber auch den vielen kleinen Schritten zur Verständigung und Versöhnung. Das Buchschreiben war eine Therapie, die mich aufweckte, stärkte und meinen Kopf und Verstand öffnete für kreatives Denken. Ich erkannte, ich müsste die Arbeit weiter führen mit der Jugend als Zielgruppe, auf die die Gestaltung der Zukunft zukommt. Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten sowie junge Frauen aus Birzeit Stadt, den umgebenden Dörfern wie auch der Universität nehmen teil.

Fortbildung und Friedensarbeit: In Seminaren und Workshops für junge Frauen und Jugendliche in Palästina einerseits und für Studierende in Deutschland und in der Schweiz andererseits werden Schulungen zu folgenden Themen entwickelt und durchgeführt:

• Gewaltfreie Kommunikation und Dialogfähigkeit

• Persönlichkeitsentwicklung, Selbstvertrauen, Selbstbildung

• Konfliktmanagement: Umgang mit Wut, Zorn, Angst, Demütigung, Folter und Trauer

• Umgang mit Gewalt, die uns zugefügt wird, und mit Gewalt, die wir anderen zufügen

• Fragen der Zivilgesellschaft, Menschenrechte, Demokratie

• Soziale Kompetenz und politische Bildung

• Umgang mit der deutsch-jüdischen Geschichte als Palästinenser und der Bezug zur eigenen Geschichte: Abgrenzung, Annäherung, Verständigung und Versöhnung.

In den Seminaren wird ein Forum geschaffen, in dem junge Menschen über ihre Erfahrungen, ihre Ängste und ihre Verzweiflung sprechen und sich austauschen können. In intensiven Diskussionen kommen alle Themen zur Sprache. Für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer beginnt mit dem Kurs ein neuer Lebensabschnitt. Die Arbeit geht weiter im nächsten Jahr und unser Dank gilt allen, die uns unterstützen.

Träger dieser Arbeit ist Berliner Missionswerk und in der Schweiz die Fachstelle für Ökumene, Mission und Entwicklungsfragen (OeME). Die Bosch-Stiftung und Weltgebetstag der Frauen sowie private Spender, Kirchgemeinden, unterstützten diese Arbeit in 2003. Ihnen allen unser herzlichen Dank und hoffentlich geht die Unterstützung weiter, damit die Arbeit weiter geführt werden kann.

Mut zum Begegnen

Die Fortbildung und Friedensarbeit mit der Jugend belebte mich und ich genoss die Freiheit des Unabhängigseins von einer Organisation mit dem Loyalitätszwang der politischen Parteien und des Vorstandes einer Organisation. Ich bekam einen klaren Kopf und den Mut, das zu wagen, was früher gehemmt war. Das Treffen israelischer Friedensfrauen war nicht mehr möglich und unsere Kontakte begrenzten sich auf Internet und Telefon. Nach einem Jahr Entfernung von Jerusalem und da die Situation immer schlimmer wurde, Ohnmacht und Trauer uns beherrschten, fühlte ich mich wie erwürgt. Ich musste handeln, um diese Gefühle zu brechen. Ich entschloss mich, mich nach Jerusalem zu schmuggeln und hatte das große Bedürfnis, mich mit meinen israelischen Partnerinnen für Frieden zu sprechen. Ich vereinbarte ein Treffen mit Gila, Daphna und Terry im American Colony in Jerusalem für den ganzen Tag. Es tat uns gut, uns auszusprechen und uns zu sehen nach einer langen schweren Zeit. Wir erkannten die gemeinsamen Sorgen und Befürchtungen und bekräftigten unsere gemeinsamen Ziele, nie auf zu geben, nämlich, dass wir in Verbindung bleiben und gemeinsam für den gerechten Frieden für beide Völker eintreten. Ich sagte zu Terry, Direktorin von bat Shalom, dass ich bereit wäre, Vorträge an zwei folgenden Tagen innerhalb Israel zu halten, was früher fast unmöglich war. Sie freute sich und sagte sofort zu, das zu organisieren. Ich sagte ferner, dass ich mich frei fühle, ohne Zwänge, und würde mit ihr in einem Hotel in Tel Aviv übernachten, auch wenn das das Brechen der „Roten Linien“ bedeuten würde. Das würde uns die Möglichkeit geben, dass wir viel Zeit bekommen, um vertiefte Gespräche zu führen und uns mehr persönlich kennen zu lernen. Die „Roten Linien“ sind Einsichten der Menschen in Palästina, die sich aufgrund des Verhältnisses Besatzer und Besetzte entstehen, dass man mit den anderen weder essen noch trinkt, und falls man sich trifft, nur Agenda-gebunden diskutieren, um zu zeigen, dass nur politische Gespräche geführt werden, also keine Normalisierung der Beziehungen in einer anormalen Situation, so lang die Besatzung anhält.

Diese Roten Linie sind eigentlich eine Vorbeuge-Maßnahme, um zu verhindern, dass durch das „Normalisieren“ Kollaborateure rekrutiert werden könnten. Ich verstehe und respektiere dieses Bedenken und halte mich daran aus Mitsorge und aus Treue zu meinen Menschen. Ich arbeite mit diesen Frauen seit Jahren, wir wohnen nur eine halbe oder eine Stunde von einander entfernt. Nie war ich bei Ihnen Zuhause, nie sie bei mir. Nie trafen wir uns, um gemeinsam zu trinken oder zu essen. Es ist eigentlich hart und unmenschlich, aber die vieles bei uns ist unlogisch und absurd. Ich fühlte mich nun frei und sah die Notwendigkeit es endlich zu tun, denn ich war reifer geworden und mir meiner Sache sicher. Terry hatte sofort begonnen zu planen, zwei Veranstaltungen im Kibbuz Miesrah und in Tel Aviv. Sie telefonierte mit sieben Hotels, um Zimmer zu bestellen. Jedes Mal hieß es, es gäbe zwei Zimmer, für Terry Greenblatt ja, doch als mein Name fiel, hieß es nein. Terry war erschrocken, entsetzt und gab auf. Ich machte mich auf dem Weg und erreichte Jerusalem nach fünf Stunden anstatt einer halben Stunde, denn ich musste mich schmuggeln zwischen den militärischen Checkpoints, oft über die Felder und Steinwege unter lebensgefährlichen Risiko.

Endlich kam ich an und ging erstmals in die Gassen der Altstadt Jerusalem, um sie zu beschnuppern, sie zu grüßen, wahrzuehmen, mich an ihrem Geruch zu freuen, die alten Häuser, die Buden, die Sesampresse, die Bäckerei, dazu die Heiligtümer zu genießen, mich von ihnen inspirieren zu lassen. Ich liebe Jerusalem und ich spürte die Ausstrahlung der Menschen und der Stadt. Dann ging ich zum Damaskustor und fragte mehrere Taxifahrer, mich nach West Jerusalem zu bringen. Alle weigerten sich, da ich meinen Ausweis zeigen musste, und sie erkannten, dass ich aus den Besetzten Gebieten komme. Es sei verboten solche Leute zu transportieren, sonst würden sie eine hohe Geldstrafe zahlen, das Auto würde für einen Monat weggenommen und man würde ins Gefängnis gehen müssen. Ich konnte es nicht fassen und wunderte mich, wieso wusste ich nichts davon. Der Taxifahrer meinte, viele wissen es nicht und wir sind es leid, ständig davon zu berichten, wer hört uns zu, was hilft es, es ist soweit, dass wir das Unmögliche, Schreckliche als normal hinnehmen müssen, andernfalls brechen wir zusammen.

Ich rief Terry an und bat um Hilfe, sie schickte eine Freundin, die mich abholte. Dann fuhren wir gemeinsam nach Tel Aviv, was für mich verboten war. Ankommend in Tel Aviv, telefonierte Terry, um den genauen Treffpunkt raus zu finden. Ich wohne nur vierzig Minuten von Tel. Aviv entfernt, kenne nur den Flughafen, war nie dort am Strand oder einfach, um die Stadt kennen zu lernen. Sie sprach Hebräisch, was ich nicht verstand, aber ich hörte Straßennamen, die mich zum Zucken bewegten und mir Angst einjagten. Ben Gurion, Jabotinski, Balfour, Herzel, Meier, Begin, und andere. Namen, die ich aus der Geschichte kenne, für mich sehr verbunden mit der Katastrophe meines Volkes. Ich war irritiert und verängstigt und das machte mich durcheinander. Wo komme ich hin, wie soll ich das verstehen? Straßennamen zur Verewigung ihrer Helden, die für mich mit Grausamkeiten und Verbrechen meinem Volk gegenüber verbunden sind.

Welch ein Gegensatz, der bestehen bleibt solange wir uns in Feindseligkeit befinden. Ich sagte mir, ich wünschte mir den Tag, wo wir gemeinsam Helden so definieren könnten, dass die Helden für beide Seiten gelten könnten. Das kann nur eintreten, wenn Versöhnung den Weg gefunden hat. Darauf müssen wir hin arbeiten.

Im Saal waren über hundert Menschen. Ich begann zu berichten - einfach aus meinem Leben. Es war beeindruckend, wie die Menschen reagierten, auf der Suche nach mehr Wissen, erschrocken über sich selbst. Menschen, die sie meinten, sie wüssten viel und nun stellten sie fest, sie wissen sehr wenig. Viele hatten Tränen in den Augen, dankten und wollten, dass wir unbedingt solche Treffen weiterführen. Unter den Anwesenden waren Palästinenser aus Israel, die mir Vorwürfe machten, weil ich English sprach und nicht Arabisch. Sie meinten, es ist an die Zeit, dass die Israelis uns wahrnehmen müssen, als arabische palästinensische Identität, sie haben leid, nur von ihnen zu verlangen, dass sie hebräisch sprechen und alles in hebräisch geführt wird. Es wurde mir klar, wie sehr diese Palästinenser immer noch im Kampf um Anerkennung ihrer Identität und Gleichberechtigung als Bürger von Israel ringen. Ich sprach Englisch, um meine Emotion und Gefühle rüber zu bringen, denn einiges geht verloren durch die Übersetzung. Ich sprach Englisch, jemand übersetzte auf Arabisch und Terry auf Hebräisch. Nach der Veranstaltung mussten wir nach Jerusalem, um im Paulushaus bei Schwester Ruth zu übernachten.

Am nächsten Tag hatte ich  dieselbe Fahrt für zwei Stunden nach Miezrah. Dort fand eine schöne Begegnung statt: Nach der Veranstaltung kam ein Mann zu mir und sagte: Sumaya, ich bin der Jacob! Welchen Jakob dachte ich, und dann fuhr er fort, Jakob Kartiel von der Haifa Universität, mit dem ich unbekannterweise seit zwei Jahre per E-Mail kommuniziere. Es war schön ihm zu begegnen und uns auszutauschen.

Viele Anrufe kamen, um sich zu bedanken und die Bereitschaft auszudrücken, dass sie solche Veranstaltungen an anderen Orten organisieren wollen, denn sie hätten so viel davon gehabt und dass solche Begegnungen die besten Mittel wären, uns näher kennenzulernen auf dem Weg der Verständigung und Versöhnung. Leider verhinderte das Bewegungsverbot für Palästinenser jegliche Bewegung und jegliches Treffen.

Ein Jahr später rief mich Terry an und wollte sich mit mir treffen, bevor sie in die USA zurückgeht. Sie hielt es nicht mehr aus in Israel. Vier Anläufe macht ich, um nach Jerusalem zu gelangen, leider vergebens. Sie schrieb mir einen Brief, in dem sie mir berichtete, dass ihre Tochter einen hohen Militäroffizier geheiratet hat, was sie sehr traurig und verzweifelt macht. Terry wusste, wie sehr meine Tochter leidet unter der Tatsache, dass ihr Verlobter seit 16 Monaten verhaftet ist und die beiden seit drei Jahren versuchen zu heiraten. Sie schaffen es nicht, weil der Bräutigam immer wieder verhaftet wird, als Administrativhaft, ohne Anschuldigung, ohne Anklage und ohne Gericht. Seine Haftzeit wird ständig verlängert, so wie bei allen anderen Gefangenen, mit der Begründung, er könnte die Sicherheit des Staates gefährden. Die Gefangene wird als Geisel der Politik gehalten. Meine Tochter kann ihren Verlobten nicht besuchen oder Briefe schreiben. Er sitzt im Gefängnis in der Wüste des Negev unter schweren Bedingungen. Terry hat immer wieder angerufen, ihre Solidarität bekundet und uns ermutigen wollen. Nun plagt sie der Vergleich zwischen unseren beiden Töchtern. Die eine wählt den Militär Offizier, die andere, meine Tochter, kann nicht heiraten, weil der Bräutigam nicht zur Verfügung steht. Die Hilflosigkeit und Ohnmacht, die ich aus Terry’s Brief entnahm, waren erdrückend und sie schrieb, es wäre die große, innige Liebe und die instinktive Verbundenheit zwischen Mutter und Tochter, die sie vor dem Zerbrechen bewahren. Ich brauchte zwei Wochen um ihr zu antworten, denn es war wie ein Schlag für mich. Ausgerechnet Dir passiert das, Terry? Deine Tochter? Ich erkannte aber, dass es hoch zu schätzen ist, dass sie mir ihre Sorge anvertraut, sie brauchte das eigentlich nicht mir zu erwähnen. Ich erkannte ihre Hilfesuche, Trostsuche, und ich schrieb ihr tröstend, ermutigend und herzlich. Das hat uns innig verbunden und gestärkt.

Wir trafen uns dann in Oktober 2003 in Washington zum Treffen der Global Fund for Women mit 20 Frauen aus dem Nahen Osten und USA. Dort begegneten wir uns nach zwei Jahren Trennung, doch mit großem Lächeln, Tränen und Wärme. Wir fühlten uns so verbunden wie noch nie und so verständnisvoll. Gemeinsam präsentierten wir in Washington im Rahmen einer Hausparty, organisiert vom Global Women Fund, zum Fund Raising Event zur Unterstützung von Frauenprojekte in der Welt, unsere gemeinsame Arbeit und sprachen über unsere gemeinsamen Sorgen, auch unserer Töchter. Da merkte ich, dass wir immer von „meiner Tochter, von „deiner Tochter“ sprachen und schrieben, und nie die Namen erwähnten. Da sagte ich ihr: Wie heisst deine Tochter eigentlich? Sie sagte Irit und ich sagte: meine heißt Ghada. Wir haben einen großen Schritt gemacht, indem wir zum ersten Mal Persönliches sprachen. Einen Monat später musste ich wieder nach San Francisco, um an der Jahressitzung vom Global Fund for Women teilzunehmen, denn ich gehöre zum Vorstand. Terry wohnt in Berkeley und sie lud mich ein. Ich ging mit meiner Schwester zu ihr, zum ersten Mal in ihre Wohnung. Sie lud viele ihrer Freundinnen ein. Wir aßen zu Abend, ich las aus meinem englischen Buch, eine andere aus ihrem, eine Dritte ihr Gedicht und eine Vierte sang. Es war schön und erfreulich, es war einfach normal, stärkend und wunderbar. Wir verabschiedeten uns mit den Worten, wir treffen uns wieder.

Das Jahr 2003 geht zu Ende. Trotz des erlebten Leides und der Ohnmachtgefühle, die uns beschatteten, war mir, war uns die Kraft gegeben, auch das Gute zu erkennen, die Freude wahrzunehmen und die Hoffnung zu erneuern. Folgende Arbeit konnte geschafft werden:

* In Wien, unternahmen „Frauen ohne Grenzen“ und das „Kreisky Forum“ eine Campagne „Save Motherhood, save Childhood“ zur Unterstützung der Birzeit Frauenorganisation mit dem Aufbau eines Geburtshauses und eines mobilen Hebammeneinsatzes. Viele Vorträge und Lesungen in Österreich, der Schweiz und in Deutschland meinerseits, sowie viele Aktivitäten der Frauen ohne Grenzen und des Kreisky Forums motivierten Kirchengemeinden und private Leute, das Projekt zu unterstützen. Das Labor konnte sehr gut ausgestattet werden, so dass die meisten Untersuchungen nun vor Ort gemacht werden können und die Patienten sich den schweren Weg nach Ramallah ersparen können. Das Geburtshaus ist jetzt, auch durch die Unterstützung von USAID und Terra Tech betriebsbereit. Langsam, doch sehr gut läuft die Arbeit und es ist eine große Erleichterung und eine Ermutigung für uns. Unser Dank gilt allen, die zu diesem Projekt beigetragen haben. Wir wissen es sehr zu schätzen. Wir zielen auf den Aufbau einer Notfall- und Intensiv-Station in den nächsten Jahren.

Am 2. November 2003 war ich in Bosten zur Jüdischen Konferenz von Brit Tzedek eingeladen und habe eine Rede gehalten vor 500 jüdischen Amerikanern und Israelis, darunter Herr Miznah. Es war für mich eine besondere bereichernde und berührende Situation zu erkennen, sie wollen mir zuhören und gemeinsam mit mir einen Ausweg suchen. Ich spürte die tiefe Sorge und Verbundenheit mit dem unser beider Land und unseren beiden Völkern. Es tut gut, so etwas klar und deutlich zu spüren. Für mich war die Anwesenheit von Herrn Miznah sehr irritierend. Zum einen kenne ich ihn als Militärgouverneur mit Sitz in Bet El, nur drei km von meinem Haus entfernt, aus der Zeit, als mein Sohn angeschossen, gefoltert und im Gefängnis war, all das, bevor er 18 Jahre geworden war. Wie oft stand ich da vor dem Militärkomplex auf der Suche nach Jemand, der mich anschaue, meine Stimme vernimmt. Jetzt sitzt Herr Miznah im selben Raum und hört mir zu. Ich wollte zu ihm, mit ihm sprechen, ich schaute hin, sah ihn nur, als trüge er eine Militäruniform. Ich schaute weg, dann wieder zu ihm hin. Danach ging ich heraus um ihn anzusprechen, er ging fort um ein Interview zu geben. Ich ging dann mit einer Frau zu irgendeinem Zimmer, um Unterlagen zu kopieren. Da hörte ich ihn im Nebenzimmer sprechen. Er gab ein Interview per Telefon. Ich hörte zu, darauf wartend, dass er vielleicht herauskommt. Ich hörte, wie er von der Genfer Initiative spricht, sie verteidigt, danach ruft, die Chance zu nutzen, um die Menschen zu retten.

Kann das angehen, fragte ich mich? Er plädierte an alle, diese Initiative zu unterstützen. Ich atmete auf und dachte, es ist in Ordnung. Ich wartete und wartete und er wurde nicht fertig. Ich jedoch musste dann zur nächsten Sitzung. Eigentlich war es auch so in Ordnung. Ich machte einen Zug nach vorne, schaffte es nicht bis zum Ende, denn die Barriere ist noch da, auch wenn einige von mir überwunden sind. Es ist normal, dass es Zeit braucht, dass es oft nicht beim ersten Mal klappt, und es darf nie erzwungen sein. Mein Herzklopfen legte sich wieder, ich fühlte mich wohler und ich sagte mir, vielleicht klappt es beim nächsten Mal.

Ich war sehr gerührt von der Reaktion der Anwesenden, denn es gab "standing aviation".

Seit Oktober 2003 und bis Februar 2004 habe ich eine Gastdozentur an der Uni Augsburg. Ich unterrichte: der Nahost Konflikt: Ansätze zur gewaltfreien und persönlichen Kommunikation für den Frieden. Ich genieße das normale, akademische Leben, das große Interesse und dass einfach alles normal läuft. Von hier aus halte ich viele Vorträge und Lesungen an vielen Orten.

Aber Heimweh habe ich zunehmend, denn ich sorge mich um meine Familie und um alle Daheim. Meine Tochter Hala, die in USA studiert, kommt Weihnachten nach Haus. Wir treffen uns in der Schweiz, da sie kein Einreisevisum bekommt für Deutschland. Der Antrag dafür müsste in Tel Aviv eingereicht werden, nie im Ausland. Eine Bestimmung Israels. Wir wollen gemeinsam dann über Jordanien nach Jericho und weiter den schweren Weg nach Birzeit finden. Die Schweiz verlangt kein extra Visum für die, die eine „US Green Card“ haben, zum Glück hat Hala dies, so können wir uns in der Schweiz treffen. Deutschland akzeptiert die Green Card nicht als Einreisevisum. Mein Sohn, Anis, studiert in Innsbruck und ist vier Jahre nicht nach Hause gekommen. Wir fürchten, er könne nicht wieder ausreisen zum Studium. Er hat seine Schwester Hala also seit vier Jahre nicht gesehen. Er hat ein Visum der Schengener Staaten, kann damit aber nicht in die Schweiz einreisen, obwohl alle Staatsbürger der Welt mit diesem Schengener Staaten Visum in die Schweiz einreisen könnten. Es gilt nur nicht für Palästinenser, erklärte mir der Grenzpolizist am Flughafen. Er müsste erst zurück nach Hause, um in Tel Aviv einen Antrag auf ein Visum für die Schweiz zu beantragen, eine Bestimmung Israels.

Aber wir möchten uns doch treffen, denn zwischen Innsbruck und Zürich sind nur drei Stunden Entfernung. Wir suchen nach einem Ausweg, vielleicht an einem Grenzbahnhof zwischen Österreich und der Schweiz. Ob das gelingt? Das wäre das schönste Weihnachtsgeschenk!

Zuhause warten Munir, mein Mann, und Ghada, meine Tochter, auf mich. Es ist ein großes Opfer, vier Monate von Zuhause weg zu sein. Ohne die Unterstützung meines Mannes und meiner Familie könnte ich es nicht ertragen. Täglich telefoniere ich mit meiner Familie. Ghada ist beladen mit Sorge um ihren Bräutigam, der immer noch im Gefängnis sitzt, in Administrativ-Haft, mit zum vierten Mal verlängerter Haftzeit, ohne Vorwürfe, Anklage oder Gericht. Seit drei Jahren planen wir die Hochzeit, doch vergebens, denn der Bräutigam ist im Gefängnis. Seine Haftzeit wird für drei Monate bestimmt und kurz vor Ablauf dieser Zeit gibt eine Verlängerung von vier Monaten, dann von zwei Monaten, dann von fünf Monaten. Wir haben die Hochzeit für April, dann Juni, September, November geplant. Jetzt hörten wir auf zu planen. Was wird aus diesen jungen Menschen? Wie bewahren wir sie vor dem Zerbrechen. Meine liebe Mutter, 77Jahre alt, sagte mir, sie fühle sich verloren, wenn ich nicht Zuhause bin, denn die Sorge um meinen Bruder Adnan plagt sie sehr. Er ist krank und hat tiefe Depressionen, sodass er seine eigene Familie nicht mehr erkennt und die Sprache verloren hat. Wir tragen gemeinsam Leid und Freude, nur so können wir es schaffen und uns stärken. Wir alle warten sehnsüchtig auf das gemeinsame Beisammensein zu Weihnachten. Die Straßenblockade zwischen Birzeit und Ramallah wurde Anfang Dezember aufgehoben, ein Zeichen der Erholung und der Hoffnung. Hoffentlich werden die vielen anderen Check Points und Blockaden verschwinden. Wir wollen hoffen und daran glauben, dass der Frieden kommen wird. Wir müssen Wege finden, um unser Leiden und unsere Ohnmacht in aktive, positive Kraft zu verwandeln im Dienste des gemeinsamen Friedens. Gemeinsam werden wir überleben und miteinander leben. Wir müssen es nur wollen.

Es möge ein gesegnetes Weihnachtsfest sein und ein friedvolles und gutes Neues Jahr für alle werden

Sumaya Farhat-Naser

sumaya@palnet.com

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Die Palästinenserin wurde 1948 geboren und wuchs in der Nähe von Jerusalem auf; sie besuchte ein deutsches Internat unweit Bethlehem.

Nach dem Abitur studierte sie an der Universität Hamburg Biologie, Geographie und Erziehungswissenschaften und promovierte in angewandter Botanik.

Als Wissenschaftlerin lehrt sie Biologie an der Universität ihrer Heimatstadt.

Vor einiger Zeit verlieh die Universität Münster der praktizierenden Christin die theologische Ehrendoktorwürde.

Sumaya Farhat-Naser ist bekannt für ihre klaren Meinungsäußerungen gegenüber den Medien und, insbesondere, für ihre verschiedenen Projekte, in denen sie Frauen motiviert, eine Lösung des israelisch-palästinensischen Konfliktes herbeizuführen.

1994 schuf sie zusammen mit anderen Frauen den "Jerusalem Link", eine "politische Stimme für den Frieden". Die Institution besteht aus dem "Jerusalem Center for Women" auf palästinensischer Seite, dessen Direktorin Frau Farhat-Naser ist, und der israelischen Gruppe "Bat Schalom".

Sumaya Farhat-Naser organisiert Gesprächsforen, in denen Frauen aus Israel und Palästina lernen, ihre Empfindungen zu artikulieren, Demütigungen und Ängste zu überwinden und Vorurteile abzubauen.

In ihrer Autobiografie "Thymian und Steine" berichtet sie, wie ihr 14-jähriger Sohn von israelischen Soldaten angeschossen und gefoltert wurde. Trotzdem gilt ihr Kampf nie anderen Menschen, sondern immer nur Ideologien und Feindbildern.

Die Stadt Augsburg verleiht ihren diesjährigen Friedenspreis am 1. Oktober 2000 an Sumaya Farhat-Naser, weil sie, so der evangelische Bischof Ernst Öffner,

"mit den Waffen einer Frau die Gewaltmechanismen der Männer durchbrochen hat".

Sie sei "inmitten des Nahost-Konfliktes eine in Palästina und Israel sowie weit darüber hinaus international anerkannte Brückenbauerin und Friedensfrau an der Nahtstelle zwischen den Völkern und politischen Systemen, zwischen den Kulturen, Konfessionen und Religionen."

aus: http://www.djds.de/i055.htm

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