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Jahresbrief
2003 - Anfang
Dezember 2003
von.
Sumaya
Farhat-Naser
Liebe
Freunde,
Wie
am Ende jedes Jahres schreibe ich Euch. Ich berichte, erzähle Geschichten
und meine Erlebnisse und möchte mit Euch verbunden sein. Euch Allen möchte
ich danken für Eure Unterstützung und Begleitung. Ein langer persönlicher
Jahresbrief zu Weihnachten ist gut so.
Im
Sommer 2001 verließ ich meine Arbeit in Jerusalem, weil die Arbeit für
mich unmöglich geworden war. Die brutale Situation verhinderte das
Zusammentreffen von Frauen, um an Kursen teilzunehmen oder um ein
gemeinsames Treffen mit israelischen Frauen zu planen. Priorität des
Tages wurde das Überleben, die Verwundeten zu bergen, die Toten zu
begraben und die Familien zu versorgen und vor Sonnenuntergang möglichst
schnell Zuhause sich zu verstecken. Die Straßensperren intensivierten
sich, sodass der Weg zur Arbeit von einer halben Stunde wurde 3-4 Stunden
geworden und mit hohem Risiko verbunden.
Ich
war an meinem Wohnort Birzeit gebunden geworden mit einem Bewegungsradius
von wenigen Kilometern. Es war hart und bitter, meine Arbeit aufgeben zu müssen
und vergeblich darauf zu warten, meine Lehrtätigkeit an der Birzeit
Universität aufzunehmen. Die Zahl der Studenten, die die Universität
erreichen konnten, sank um ein Viertel, die Zahl der angebotenen Kurse
sank entsprechend und die Universität führte strenge Sparmaßnahmen ein,
da die Studenten keine Gebühren zahlen konnten, und damit die Beschäftigung
sich fast einstellte.
Ich
musste handeln, um mich aus dieser Situation zu erheben, mich zu retten,
indem ich mir eine Aufgabe stellte. Ich schrieb mein Buch, „Verwurzelt
im Land der Olivenbäume", reflektierte über meine Arbeit der
letzten sieben Jahre, dokumentierte die Sensibilität und Gefährdung der
gemeinsamen Arbeit, mit all den Enttäuschungen und Rückschlägen aber
auch den vielen kleinen Schritten zur Verständigung und Versöhnung. Das
Buchschreiben war eine Therapie, die mich aufweckte, stärkte und meinen
Kopf und Verstand öffnete für kreatives Denken. Ich erkannte, ich müsste
die Arbeit weiter führen mit der Jugend als Zielgruppe, auf die die
Gestaltung der Zukunft zukommt. Schülerinnen und Schüler, Studentinnen
und Studenten sowie junge Frauen aus Birzeit Stadt, den umgebenden Dörfern
wie auch der Universität nehmen teil.
Fortbildung
und Friedensarbeit:
In Seminaren und Workshops für junge Frauen und Jugendliche in Palästina
einerseits und für Studierende in Deutschland und in der Schweiz
andererseits werden Schulungen zu folgenden Themen entwickelt und durchgeführt:
•
Gewaltfreie Kommunikation
und Dialogfähigkeit
•
Persönlichkeitsentwicklung, Selbstvertrauen, Selbstbildung
•
Konfliktmanagement: Umgang mit Wut, Zorn, Angst, Demütigung, Folter und
Trauer
•
Umgang mit Gewalt, die uns zugefügt wird, und mit Gewalt, die wir anderen
zufügen
•
Fragen der Zivilgesellschaft, Menschenrechte, Demokratie
•
Soziale Kompetenz und politische Bildung
•
Umgang mit der deutsch-jüdischen Geschichte als Palästinenser und der
Bezug zur eigenen Geschichte: Abgrenzung, Annäherung, Verständigung und
Versöhnung.
In
den Seminaren wird ein Forum geschaffen, in dem junge Menschen über ihre
Erfahrungen, ihre Ängste und ihre Verzweiflung sprechen und sich
austauschen können. In intensiven Diskussionen kommen alle Themen zur
Sprache. Für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer beginnt mit dem Kurs
ein neuer Lebensabschnitt. Die Arbeit geht weiter im nächsten Jahr und
unser Dank gilt allen, die uns unterstützen.
Träger
dieser Arbeit ist Berliner Missionswerk und in der Schweiz die Fachstelle
für Ökumene, Mission und Entwicklungsfragen (OeME). Die Bosch-Stiftung
und Weltgebetstag der Frauen sowie private Spender, Kirchgemeinden,
unterstützten diese Arbeit in 2003. Ihnen allen unser herzlichen Dank und
hoffentlich geht die Unterstützung weiter, damit die Arbeit weiter geführt
werden kann.
Mut
zum Begegnen
Die
Fortbildung und Friedensarbeit mit der Jugend belebte mich und ich genoss
die Freiheit des Unabhängigseins von einer Organisation mit dem Loyalitätszwang
der politischen Parteien und des Vorstandes einer Organisation. Ich bekam
einen klaren Kopf und den Mut, das zu wagen, was früher gehemmt war. Das
Treffen israelischer Friedensfrauen war nicht mehr möglich und unsere
Kontakte begrenzten sich auf Internet und Telefon. Nach einem Jahr
Entfernung von Jerusalem und da die Situation immer schlimmer wurde,
Ohnmacht und Trauer uns beherrschten, fühlte ich mich wie erwürgt. Ich
musste handeln, um diese Gefühle zu brechen. Ich entschloss mich, mich
nach Jerusalem zu schmuggeln und hatte das große Bedürfnis, mich mit
meinen israelischen Partnerinnen für Frieden zu sprechen. Ich vereinbarte
ein Treffen mit Gila, Daphna und Terry im American Colony in Jerusalem für
den ganzen Tag. Es tat uns gut, uns auszusprechen und uns zu sehen nach
einer langen schweren Zeit. Wir erkannten die gemeinsamen Sorgen und Befürchtungen
und bekräftigten unsere gemeinsamen Ziele, nie auf zu geben, nämlich,
dass wir in Verbindung bleiben und gemeinsam für den gerechten Frieden für
beide Völker eintreten. Ich sagte zu Terry, Direktorin von bat Shalom,
dass ich bereit wäre, Vorträge an zwei folgenden Tagen innerhalb Israel
zu halten, was früher fast unmöglich war. Sie freute sich und sagte
sofort zu, das zu organisieren. Ich sagte ferner, dass ich mich frei fühle,
ohne Zwänge, und würde mit ihr in einem Hotel in Tel Aviv übernachten,
auch wenn das das Brechen der „Roten Linien“ bedeuten würde. Das würde
uns die Möglichkeit geben, dass wir viel Zeit bekommen, um vertiefte
Gespräche zu führen und uns mehr persönlich kennen zu lernen. Die
„Roten Linien“ sind Einsichten der Menschen in Palästina, die sich
aufgrund des Verhältnisses Besatzer und Besetzte entstehen, dass man mit
den anderen weder essen noch trinkt, und falls man sich trifft, nur
Agenda-gebunden diskutieren, um zu zeigen, dass nur politische Gespräche
geführt werden, also keine Normalisierung der Beziehungen in einer
anormalen Situation, so lang die Besatzung anhält.
Diese
Roten Linie sind eigentlich eine Vorbeuge-Maßnahme, um zu verhindern,
dass durch das „Normalisieren“ Kollaborateure rekrutiert werden könnten.
Ich verstehe und respektiere dieses Bedenken und halte mich daran aus
Mitsorge und aus Treue zu meinen Menschen. Ich arbeite mit diesen Frauen
seit Jahren, wir wohnen nur eine halbe oder eine Stunde von einander
entfernt. Nie war ich bei Ihnen Zuhause, nie sie bei mir. Nie trafen wir
uns, um gemeinsam zu trinken oder zu essen. Es ist eigentlich hart und
unmenschlich, aber die vieles bei uns ist unlogisch und absurd. Ich fühlte
mich nun frei und sah die Notwendigkeit es endlich zu tun, denn ich war
reifer geworden und mir meiner Sache sicher. Terry hatte sofort begonnen
zu planen, zwei Veranstaltungen im Kibbuz Miesrah und in Tel Aviv. Sie
telefonierte mit sieben Hotels, um Zimmer zu bestellen. Jedes
Mal hieß es, es gäbe zwei Zimmer, für Terry Greenblatt ja, doch als
mein Name fiel, hieß es nein. Terry war erschrocken, entsetzt und
gab auf. Ich machte mich auf dem Weg und erreichte Jerusalem nach fünf
Stunden anstatt einer halben Stunde, denn ich musste mich schmuggeln
zwischen den militärischen Checkpoints, oft über die Felder und
Steinwege unter lebensgefährlichen Risiko.
Endlich
kam ich an und ging erstmals in die Gassen der Altstadt Jerusalem, um sie
zu beschnuppern, sie zu grüßen, wahrzuehmen, mich an ihrem Geruch zu
freuen, die alten Häuser, die Buden, die Sesampresse, die Bäckerei, dazu
die Heiligtümer zu genießen, mich von ihnen inspirieren zu lassen. Ich
liebe Jerusalem und ich spürte die Ausstrahlung der Menschen und der
Stadt. Dann ging ich zum Damaskustor und fragte mehrere Taxifahrer, mich
nach West Jerusalem zu bringen. Alle weigerten sich, da ich meinen Ausweis
zeigen musste, und sie erkannten, dass ich aus den Besetzten Gebieten
komme. Es sei verboten solche Leute zu transportieren, sonst würden sie
eine hohe Geldstrafe zahlen, das Auto würde für einen Monat weggenommen
und man würde ins Gefängnis gehen müssen. Ich konnte es nicht fassen
und wunderte mich, wieso wusste ich nichts davon. Der Taxifahrer meinte,
viele wissen es nicht und wir sind es leid, ständig davon zu berichten,
wer hört uns zu, was hilft es, es ist soweit, dass wir das Unmögliche,
Schreckliche als normal hinnehmen müssen, andernfalls brechen wir
zusammen.
Ich
rief Terry an und bat um Hilfe, sie schickte eine Freundin, die mich
abholte. Dann fuhren
wir gemeinsam nach Tel Aviv, was für mich verboten war. Ankommend
in Tel Aviv, telefonierte Terry, um den genauen Treffpunkt raus zu finden.
Ich wohne nur vierzig Minuten von Tel. Aviv entfernt, kenne nur den
Flughafen, war nie dort am Strand oder einfach, um die Stadt kennen zu
lernen. Sie sprach Hebräisch, was ich nicht verstand, aber ich hörte
Straßennamen, die mich zum Zucken bewegten und mir Angst einjagten. Ben
Gurion, Jabotinski, Balfour, Herzel, Meier, Begin, und andere. Namen, die
ich aus der Geschichte kenne, für mich sehr verbunden mit der Katastrophe
meines Volkes. Ich war irritiert und verängstigt und das machte mich
durcheinander. Wo komme ich hin, wie soll ich das verstehen? Straßennamen
zur Verewigung ihrer Helden, die für mich mit Grausamkeiten und
Verbrechen meinem Volk gegenüber verbunden sind.
Welch
ein Gegensatz, der bestehen bleibt solange wir uns in Feindseligkeit
befinden. Ich sagte mir, ich wünschte mir den Tag, wo wir gemeinsam
Helden so definieren könnten, dass die Helden für beide Seiten gelten könnten.
Das kann nur eintreten, wenn Versöhnung den Weg gefunden hat. Darauf müssen
wir hin arbeiten.
Im
Saal waren über hundert Menschen. Ich begann zu berichten - einfach aus
meinem Leben. Es war beeindruckend, wie die Menschen reagierten, auf der
Suche nach mehr Wissen, erschrocken über sich selbst. Menschen, die sie
meinten, sie wüssten viel und nun stellten sie fest, sie wissen sehr
wenig. Viele hatten Tränen in den Augen, dankten und wollten, dass wir
unbedingt solche Treffen weiterführen. Unter den Anwesenden waren Palästinenser
aus Israel, die mir Vorwürfe machten, weil ich English sprach und nicht
Arabisch. Sie meinten, es ist an die Zeit, dass die Israelis uns
wahrnehmen müssen, als
arabische palästinensische Identität, sie haben leid, nur von ihnen zu
verlangen, dass sie hebräisch sprechen und alles in hebräisch geführt
wird. Es wurde mir klar, wie sehr diese Palästinenser immer noch im Kampf
um Anerkennung ihrer Identität und Gleichberechtigung als Bürger von
Israel ringen. Ich sprach Englisch, um meine Emotion und Gefühle rüber
zu bringen, denn einiges geht verloren durch die Übersetzung. Ich sprach
Englisch, jemand übersetzte auf Arabisch und Terry auf Hebräisch. Nach
der Veranstaltung mussten wir nach Jerusalem, um im Paulushaus bei
Schwester Ruth zu übernachten.
Am
nächsten Tag hatte ich dieselbe
Fahrt für zwei Stunden nach Miezrah. Dort fand eine schöne Begegnung
statt: Nach der Veranstaltung kam ein Mann zu mir und sagte: Sumaya, ich
bin der Jacob! Welchen Jakob dachte ich, und dann fuhr er fort, Jakob
Kartiel von der Haifa Universität, mit dem ich unbekannterweise seit zwei
Jahre per E-Mail kommuniziere. Es war schön ihm zu begegnen und uns
auszutauschen.
Viele
Anrufe kamen, um sich zu bedanken und die Bereitschaft auszudrücken, dass
sie solche Veranstaltungen an anderen Orten organisieren wollen, denn sie
hätten so viel davon gehabt und dass solche Begegnungen die besten Mittel
wären, uns näher kennenzulernen auf dem Weg der Verständigung und Versöhnung.
Leider verhinderte das Bewegungsverbot für Palästinenser jegliche
Bewegung und jegliches Treffen.
Ein
Jahr später rief mich Terry an und wollte sich mit mir treffen, bevor sie
in die USA zurückgeht. Sie hielt es nicht mehr aus in Israel.
Vier Anläufe macht ich, um nach Jerusalem zu gelangen, leider vergebens.
Sie schrieb mir einen Brief, in dem sie mir berichtete, dass ihre Tochter
einen hohen Militäroffizier geheiratet hat, was sie sehr traurig und
verzweifelt macht. Terry wusste, wie sehr meine Tochter leidet unter der
Tatsache, dass ihr Verlobter seit 16 Monaten verhaftet ist und die beiden
seit drei Jahren versuchen zu heiraten. Sie
schaffen es nicht, weil der Bräutigam immer wieder verhaftet wird, als
Administrativhaft, ohne Anschuldigung, ohne Anklage und ohne Gericht.
Seine Haftzeit wird ständig verlängert, so wie bei allen anderen
Gefangenen, mit der Begründung, er könnte die Sicherheit des Staates gefährden.
Die Gefangene wird als Geisel der Politik gehalten. Meine
Tochter kann ihren Verlobten nicht besuchen oder Briefe schreiben. Er
sitzt im Gefängnis in der Wüste des Negev unter schweren Bedingungen.
Terry hat immer wieder angerufen, ihre Solidarität bekundet und uns
ermutigen wollen. Nun plagt sie der Vergleich zwischen unseren
beiden Töchtern. Die eine wählt den Militär Offizier, die andere, meine
Tochter, kann nicht heiraten, weil der Bräutigam nicht zur Verfügung
steht. Die Hilflosigkeit und Ohnmacht, die ich aus Terry’s Brief
entnahm, waren erdrückend und sie schrieb, es wäre die große, innige
Liebe und die instinktive Verbundenheit zwischen Mutter und Tochter, die
sie vor dem Zerbrechen bewahren. Ich brauchte zwei Wochen um ihr zu
antworten, denn es war wie ein Schlag für mich. Ausgerechnet Dir passiert
das, Terry? Deine Tochter? Ich erkannte aber, dass es hoch zu schätzen
ist, dass sie mir ihre Sorge anvertraut, sie brauchte das eigentlich nicht
mir zu erwähnen. Ich erkannte ihre Hilfesuche, Trostsuche, und ich
schrieb ihr tröstend, ermutigend und herzlich. Das hat uns innig
verbunden und gestärkt.
Wir
trafen uns dann in Oktober 2003 in Washington zum Treffen der Global Fund
for Women mit 20 Frauen aus dem Nahen Osten und USA. Dort begegneten wir
uns nach zwei Jahren Trennung, doch mit großem Lächeln, Tränen und Wärme.
Wir fühlten uns so verbunden wie noch nie und so verständnisvoll.
Gemeinsam präsentierten wir in Washington im Rahmen einer Hausparty,
organisiert vom Global Women Fund, zum Fund Raising Event zur Unterstützung
von Frauenprojekte in der Welt, unsere gemeinsame Arbeit und sprachen über
unsere gemeinsamen Sorgen, auch unserer Töchter. Da merkte ich, dass wir
immer von „meiner Tochter, von „deiner Tochter“ sprachen und
schrieben, und nie die Namen erwähnten. Da sagte ich ihr: Wie heisst
deine Tochter eigentlich? Sie sagte Irit und ich sagte: meine heißt Ghada.
Wir haben einen großen Schritt gemacht, indem wir zum ersten Mal Persönliches
sprachen. Einen Monat später musste ich wieder nach San Francisco, um an
der Jahressitzung vom Global Fund for Women teilzunehmen, denn ich gehöre
zum Vorstand. Terry wohnt in Berkeley und sie lud mich ein. Ich ging mit
meiner Schwester zu ihr, zum ersten Mal in ihre Wohnung. Sie lud viele
ihrer Freundinnen ein. Wir aßen zu Abend, ich las aus meinem englischen
Buch, eine andere aus ihrem, eine Dritte ihr Gedicht und eine Vierte sang.
Es war schön und erfreulich, es war einfach normal, stärkend und
wunderbar. Wir verabschiedeten uns mit den Worten, wir treffen uns wieder.
Das
Jahr 2003 geht zu Ende. Trotz des erlebten Leides und der Ohnmachtgefühle,
die uns beschatteten, war mir, war uns die Kraft gegeben, auch das Gute zu
erkennen, die Freude wahrzunehmen und die Hoffnung zu erneuern. Folgende
Arbeit konnte geschafft werden:
*
In Wien, unternahmen „Frauen ohne Grenzen“ und das „Kreisky Forum“
eine Campagne „Save Motherhood, save Childhood“ zur Unterstützung der
Birzeit Frauenorganisation mit dem Aufbau eines Geburtshauses und eines
mobilen Hebammeneinsatzes. Viele Vorträge und Lesungen in Österreich,
der Schweiz und in Deutschland meinerseits, sowie viele Aktivitäten der
Frauen ohne Grenzen und des Kreisky Forums motivierten Kirchengemeinden
und private Leute, das Projekt zu unterstützen. Das Labor konnte sehr gut
ausgestattet werden, so dass die meisten Untersuchungen nun vor Ort
gemacht werden können und die Patienten sich den schweren Weg nach
Ramallah ersparen können. Das Geburtshaus ist jetzt, auch durch die
Unterstützung von USAID und Terra Tech betriebsbereit. Langsam, doch sehr
gut läuft die Arbeit und es ist eine große Erleichterung und eine
Ermutigung für uns. Unser Dank gilt allen, die zu diesem Projekt
beigetragen haben. Wir wissen es sehr zu schätzen. Wir zielen auf den
Aufbau einer Notfall- und Intensiv-Station in den nächsten Jahren.
Am
2. November 2003 war ich in Bosten zur Jüdischen Konferenz von Brit
Tzedek eingeladen und habe eine Rede gehalten vor 500 jüdischen
Amerikanern und Israelis, darunter Herr Miznah. Es war für mich eine
besondere bereichernde und berührende Situation zu erkennen, sie wollen
mir zuhören und gemeinsam mit mir einen Ausweg suchen. Ich spürte die
tiefe Sorge und Verbundenheit mit dem unser beider Land und unseren beiden
Völkern. Es tut gut, so etwas klar und deutlich zu spüren. Für mich war
die Anwesenheit von Herrn Miznah sehr irritierend. Zum einen kenne ich ihn
als Militärgouverneur mit Sitz in Bet El, nur drei km von meinem Haus
entfernt, aus der Zeit, als mein Sohn angeschossen, gefoltert und im Gefängnis
war, all das, bevor er 18 Jahre geworden war. Wie oft stand ich da vor dem
Militärkomplex auf der Suche nach Jemand, der mich anschaue, meine Stimme
vernimmt. Jetzt sitzt Herr Miznah im selben Raum und hört mir zu. Ich
wollte zu ihm, mit ihm sprechen, ich schaute hin, sah ihn nur, als trüge
er eine Militäruniform. Ich schaute weg, dann wieder zu ihm hin. Danach
ging ich heraus um ihn anzusprechen, er ging fort um ein Interview zu
geben. Ich ging dann mit einer Frau zu irgendeinem Zimmer, um Unterlagen
zu kopieren. Da hörte ich ihn im Nebenzimmer sprechen. Er gab ein
Interview per Telefon. Ich hörte zu, darauf wartend, dass er vielleicht
herauskommt. Ich hörte, wie er von der Genfer Initiative spricht, sie
verteidigt, danach ruft, die Chance zu nutzen, um die Menschen zu retten.
Kann
das angehen, fragte ich mich? Er plädierte an alle, diese Initiative zu
unterstützen. Ich atmete auf und dachte, es ist in Ordnung. Ich wartete
und wartete und er wurde nicht fertig. Ich jedoch musste dann zur nächsten
Sitzung. Eigentlich war es auch so in Ordnung. Ich machte einen Zug nach
vorne, schaffte es nicht bis zum Ende, denn die Barriere ist noch da, auch
wenn einige von mir überwunden sind. Es ist normal, dass es Zeit braucht,
dass es oft nicht beim ersten Mal klappt, und es darf nie erzwungen sein.
Mein Herzklopfen legte sich wieder, ich fühlte mich wohler und ich sagte
mir, vielleicht klappt es beim nächsten Mal.
Ich
war sehr gerührt von der Reaktion der Anwesenden, denn es gab "standing
aviation".
Seit
Oktober 2003 und bis Februar 2004 habe ich eine Gastdozentur an der Uni
Augsburg. Ich unterrichte: der Nahost Konflikt: Ansätze zur gewaltfreien
und persönlichen Kommunikation für den Frieden. Ich genieße das
normale, akademische Leben, das große Interesse und dass einfach alles
normal läuft. Von hier aus halte ich viele Vorträge und Lesungen an
vielen Orten.
Aber
Heimweh habe ich zunehmend, denn ich sorge mich um meine Familie und um
alle Daheim. Meine Tochter Hala, die in USA studiert, kommt Weihnachten
nach Haus. Wir
treffen uns in der Schweiz, da sie kein Einreisevisum bekommt für
Deutschland. Der Antrag dafür müsste in Tel Aviv eingereicht werden, nie
im Ausland. Eine Bestimmung Israels. Wir wollen gemeinsam dann über
Jordanien nach Jericho und weiter den schweren Weg nach Birzeit finden.
Die Schweiz verlangt kein extra Visum für die, die eine „US Green
Card“ haben, zum Glück hat Hala dies, so können wir uns in der Schweiz
treffen. Deutschland akzeptiert die Green Card nicht als Einreisevisum.
Mein Sohn, Anis, studiert in Innsbruck und ist vier Jahre nicht nach Hause
gekommen. Wir fürchten, er könne nicht wieder ausreisen zum Studium. Er
hat seine Schwester Hala also seit vier Jahre nicht gesehen. Er
hat ein Visum der Schengener Staaten, kann damit aber nicht in die Schweiz
einreisen, obwohl alle Staatsbürger der Welt mit diesem Schengener
Staaten Visum in die Schweiz einreisen könnten. Es gilt nur nicht für
Palästinenser, erklärte mir der Grenzpolizist am Flughafen. Er müsste erst zurück nach Hause, um in Tel Aviv einen Antrag auf ein
Visum für die Schweiz zu beantragen, eine Bestimmung Israels.
Aber
wir möchten uns doch treffen, denn zwischen Innsbruck und Zürich sind
nur drei Stunden Entfernung. Wir suchen nach einem Ausweg, vielleicht an
einem Grenzbahnhof zwischen Österreich und der Schweiz. Ob das gelingt?
Das wäre das schönste Weihnachtsgeschenk!
Zuhause
warten Munir, mein Mann, und Ghada, meine Tochter, auf mich. Es ist ein
großes Opfer, vier Monate von Zuhause weg zu sein. Ohne die Unterstützung
meines Mannes und meiner Familie könnte ich es nicht ertragen. Täglich
telefoniere ich mit meiner Familie. Ghada ist beladen mit Sorge um ihren Bräutigam, der immer
noch im Gefängnis sitzt, in Administrativ-Haft, mit zum vierten Mal verlängerter
Haftzeit, ohne Vorwürfe, Anklage oder Gericht. Seit drei Jahren
planen wir die Hochzeit, doch vergebens, denn der Bräutigam ist im Gefängnis.
Seine Haftzeit wird für drei Monate bestimmt und kurz vor Ablauf dieser
Zeit gibt eine Verlängerung von vier Monaten, dann von zwei Monaten, dann
von fünf Monaten. Wir haben die Hochzeit für April, dann Juni,
September, November geplant. Jetzt hörten wir auf zu planen. Was wird aus
diesen jungen Menschen? Wie bewahren wir sie vor dem Zerbrechen. Meine
liebe Mutter, 77Jahre alt, sagte mir, sie fühle sich verloren, wenn ich
nicht Zuhause bin, denn die Sorge um meinen Bruder Adnan plagt sie sehr.
Er ist krank und hat tiefe Depressionen, sodass er seine eigene Familie
nicht mehr erkennt und die Sprache verloren hat. Wir tragen gemeinsam Leid
und Freude, nur so können wir es schaffen und uns stärken. Wir alle
warten sehnsüchtig auf das gemeinsame Beisammensein zu Weihnachten. Die
Straßenblockade zwischen Birzeit und Ramallah wurde Anfang Dezember
aufgehoben, ein Zeichen der Erholung und der Hoffnung. Hoffentlich werden
die vielen anderen Check Points und Blockaden verschwinden. Wir wollen
hoffen und daran glauben, dass der Frieden kommen wird. Wir müssen Wege
finden, um unser Leiden und unsere Ohnmacht in aktive, positive Kraft zu
verwandeln im Dienste des gemeinsamen Friedens. Gemeinsam werden wir überleben
und miteinander leben. Wir müssen es nur wollen.
Es
möge ein gesegnetes Weihnachtsfest sein und ein friedvolles und gutes
Neues Jahr für alle werden
Sumaya
Farhat-Naser
sumaya@palnet.com
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