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„Sollten
die Einwohner Xinjiangs heute zu einer
Volksbefragung über die Unabhängigkeit einberufen werden, würden sie
wahrscheinlich in der Mehrheit dagegen stimmen.“
(General Fabio Mini in der Zeitschrift Limes. Rivista italiana di
geopolitica, 1999 – Italien)
China:
Was
passiert in Xinjiang?
Von
Domenico Losurdo
Junge
Welt vom 12.07.2009 – Die Berichterstattung über die Unruhen im
Westen Chinas steht in einer langen Reihe antikommunistischer Agitation
Wer
erinnert sich nicht, was in den Jahren des kalten Krieges und vor allem
in seiner Endphase geschah? Unermüdlich behandelte die westliche Presse
das Thema der Flüchtlinge, die der kommunistischen Diktatur entflohen,
um die Freiheit zu gewinnen. In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre
wurde nach der Niederlage der US-amerikanischen Besatzungstruppen und
dem Sturz der Marionettenregierung in Saigon das endlich wieder
vereinigte Vietnam als ein riesiges Gefängnis beschrieben, aus dem das
verzweifelte »boat people« mit allen möglichen Mitteln,
zusammengepfercht und unter Lebensgefahr entfloh. Mit den entsprechenden
Varianten wurde dieses Motiv für Kuba, die DDR und für alle anderen
aus der »freien Welt« ausgestoßenen Länder wiederholt. Heute ist vor
aller Augen, daß die Migrationswelle in Richtung Westen aus dem östlichen
Teil Deutschlands, aus Polen, Rumänien, Albanien usw., trotz der
endlich eroberten Freiheit weitergeht und sich sogar noch verstärkt.
Allerdings werden diese Migranten nicht mehr als Freiheitskämpfer begrüßt.
Sie werden oft als zumindest potenzielle Delinquenten zurückgewiesen.
Die Modalitäten der großen Manipulation werden jetzt klar und
offensichtlich: die Flucht aus dem Süden in den Norden der Erde, aus
dem weniger entwickelten Gebiet (zu dem auch das »sozialistische Lager«
gehörte) in das entwickeltere und reichere Gebiet; dieser ökonomische
Prozeß ist von den Ideologen des kalten Krieges zu einem epischen
politischen und moralischen Unternehmen verklärt worden, das ausschließlich
von dem sublimen Wunsch geleitet war, das Gelobte Land bzw. die »freie
Welt« zu erreichen.
Freiheitsfeindlich?
Eine
ähnliche Manipulation spielt sich heute vor unseren Augen ab. Wie soll
man die schweren Zwischenfälle erklären, die sich im März 2008 in
Tibet ereignet haben und die sich jetzt, auf breiterer Ebene, in
Xinjiang ausbreiten? Im Westen gibt es für die »große« »Informations«presse,
aber auch für die »kleine« »linke« Presse keine Zweifel: Alles erklärt
sich mit der freiheitsfeindlichen Politik der Pekinger Regierung. Zu
denken geben sollte allerdings, daß die Wut der Demonstranten, mehr als
die staatlichen Institutionen, die Han und vor allem die Geschäfte der
Han ins Visier nimmt. Und doch kann man in jedem Geschichtsbuch
nachlesen, daß in Südostasien (in Ländern wie Indonesien, Thailand,
Malaysia) die chinesische Minderheit, die oft auch dank ihrem
historischen Unternehmergeist ein ökonomisches Gewicht hat, das ihre
demographische Dimension weit überschreitet, wiederholt »zum Sündenbock
und zum Opfer regelrechter Pogrome« wurde.
Es stimmt, in Südostasien »wird der wirtschaftliche Erfolg der Hua
qiao (der Überseechinesen) mit einer Mißgunst verfolgt, die regelmäßig
auf antichinesische Gewaltausbrüche hinausläuft, die am Ende manchmal
die diplomatische Beziehungen stören. Das war besonders der Fall bei
Malaysia in den sechziger Jahren, bei Indonesien 1965, als die inneren
Unruhen den Vorwand für das Massaker an mehreren hunderttausend
Personen lieferten. 30 Jahre später lenkten die Tumulte, die den Sturz
des Diktators Suharto begleiteten und die systematisch die chinesische
Gemeinschaft heimsuchten, erneut die Aufmerksamkeit auf die Unsicherheit
der Lage«.
Es ist kein Zufall, daß die Chinesenphobie oft mit der Judenphobie
verglichen worden ist.
Mit
der außerordentlichen Entwicklung, die Tibet und Xinjiang erleben,
erneuert sich auch in diesen Regionen die Tendenz zu Pogromen gegen die
Han, die von den neuen ökonomischen Opportunitäten angezogen werden
und sehen, daß ihre Anstrengungen von Erfolg gekrönt sind. Tibet und
Xinjiang üben auf die Han die gleiche Anziehung aus, die Peking,
Schanghai und die modernsten Städte Chinas auf die westlichen
Unternehmer und Techniker (oder Überseechinesen) ausüben, die oft eine
relevante Rolle in Sektoren spielen, wo sie noch ihre höhere
Spezialisierung geltend machen können. Keinen Sinn hat es, die schweren
Zwischenfälle in Tibet und Xinjiang mit der Theorie von der Han-»Invasion«
zu erklären, eine Theorie, die sicher für Südostasien nicht
funktioniert. Im übrigen ist auch in Italien und im Westen der Kampf
gegen die »Invasion« das Hauptargument der xenophoben Kreise.
Separatistische
Agitation (weiter)
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Rebiya
Kadeer (links), Führerin der uigurischen separatistischen
Bewegung;
„Siehst
du, du gestikulierst wie ich, du hast die gleiche weiße Haut
wie ich: du bist Indoeuropäerin, möchtest du von einem
Kommunisten mit gelber Haut unterdrückt werden?“
(im Gespräch mit einer italienischen Journalistin in: La Stampa,
8. Mai 2009)
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Konzentrieren
wir uns jetzt auf Xinjiang. Im Jahre 1999 ist die in dieser Region
herrschende Situation vom italienischen General Fabio Mini in der
Zeitschrift Limes. Rivista italiana di geopolitica folgendermaßen
beschrieben worden: Eine außerordentliche Entwicklung sei im Gange, und
die chinesische Zentralregierung »finanziert ohne sich um die
Wiedererlangung der Investitionen zu sorgen, ungeheure Ausbauten der
Infrastrukturen«. Wie es scheint, geht die ökonomische Entwicklung mit
der Anerkennung der Autonomie einher: »Die lokale Polizei ist zum Großteil
aus Uiguren zusammengesetzt.« Trotzdem gibt es eine separatistische
Agitation, »die zum Teil von islamischen Extremisten, wie den
afghanischen Taliban« finanziert werde. Es handle sich um eine
Bewegung, die »sich mit der gewöhnlichen Kriminalität vermischt« und
»Schandtaten« begehe. Die Attentate scheinen in erster Linie die »toleranten
Uiguren oder ›Kollaborateure‹« bzw. die »Polizeireviere« ins
Visier zu nehmen, die von Uiguren kontrolliert werden, wie wir gesehen
haben. Jedenfalls – resümiert der General, der im übrigen seine
Sympathien geopolitischer Art für den Separatismus nicht verheimlicht
– »sollten die Einwohner Xinjiangs heute zu einer Volksbefragung über
die Unabhängigkeit einberufen werden, würden sie wahrscheinlich in der
Mehrheit dagegen stimmen« (Limes 1/1999).
Und
heute? In der italienischen Tageszeitung La Stampa (8. Juli 2009)
berichtet Francesco Sisci aus Peking: »Viele Han von Ürümqi beklagen
sich über die Privilegien, die die Uiguren genießen. Denn diese haben,
als muslimische nationale Minderheit, bei gleichem Lohnniveau, viel
bessere Arbeits- und Lebensbedingungen als ihre Han-Kollegen. Im Büro
hat ein Uigure die Genehmigung, die Arbeit mehrmals am Tag zu
unterbrechen, um die fünf täglichen traditionellen muslimischen Gebete
zu verrichten (…) Außerdem brauchen sie am Freitag, dem muslimischen
Feiertag, nicht zu arbeiten. Theoretisch müßten sie am Sonntag
nachholen. Aber am Sonntag sind die Büros verlassen (…) Ein weiteres
schmerzliches Thema ist für die Han, die der harten Politik der
Familienvereinheitlichung unterworfen sind, die das Einzelkind
vorschreibt, die Tatsache, daß die Uiguren zwei oder drei Kinder haben
dürfen. Als Muslime erhalten sie außerdem eine Extravergütung
zusammen mit ihrem Gehalt, weil sie, wegen des Schweinefleischverbots,
auf Lammfleisch ausweichen müssen, das teurer ist.«
Es
macht also keinen Sinn, die Regierung in Peking anzuklagen – wie es
die proimperialistische Propaganda tut – sie wolle die nationale und
religiöse Identität der Uiguren auslöschen.
Zusammen
mit der Gefahr, die Minderheiten darstellen, die zum einen in bestimmten
Sektoren vom Fundamentalismus vergiftet sind und zum anderen vom Westen
aufgehetzt werden, muß man natürlich auch die Gefahr des Chauvinismus
der Han berücksichtigen, die sich auch in diesen Tagen verspüren läßt:
Ein Problem, auf das die kommunistische Partei, von Mao Zedong bis Hu
Jintao, immer aufmerksam gemacht hat. Aber die in der Linken, die dazu
neigen, den Separatismus der Uiguren zu verklären, täten gut daran,
das Interview zu lesen, das Rebiya Kadeer, die Führerin der uigurischen
separatistischen Bewegung, ein paar Wochen vor den jüngsten Ereignissen
gegeben hat. Aus ihrem US-amerikanischen Exil drückt sie sich im Gespräch
mit einer italienischen Journalistin so aus: »Siehst du, du
gestikulierst wie ich, du hast die gleiche weiße Haut wie ich: du bist
Indoeuropäerin, möchtest du von einem Kommunisten mit gelber Haut
unterdrückt werden?« (La Stampa, 8. Mai 2009) Wie man sieht, ist das
entscheidende Argument nicht die Verurteilung der »Invasion« der Han
und nicht einmal der Antikommunismus. Vielmehr bringt die arische bzw.
»indoeuropäische« Mythologie ihren ganzen Abscheu für die Barbaren
mit der »gelben Haut« zum Ausdruck.
*
Übersetzung aus dem Italienischen: Erdmute Brielmayer
* Der Italiener Domenico Losurdo ist Professor für Philosophie und
lehrt an der Universität Urbino in Italien. Im Neue Impulse Verlag
erschien im vergangenen Monat eine aktualisierte und erweiterte
Neuauflage seines Buches »Flucht aus der Geschichte? Die russische und
die chinesische Revolution heute«. Bezug: www.jungewelt.de/shop
Quelle:
Junge Welt; 12.07.2009
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