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Das
meinen Israelis zur Situation ihres Landes
Israels
Wirtschaft: Billigarbeitskräfte und rassistische Unterdrückung
ERST
PALÄSTINENSER AUS GAZA – DANN AFRIKANER... UND ASIATEN...
verfasst
von Michael Schwarz
übersetzt
aus dem Hebräischen von Yonatan Preminger
übersetzt
aus dem Englischen von Jens-Torsten Bohlke
auf
Kommunisten-Online am 11. Januar 2011 – Im Mai 1992 wurde die
israelische Jugendliche Helena Rap auf der Promenade von Bat Yam von
einem Palästinenser durch Messerstiche getötet. Daraufhin
protestierten tausende israelische Einwohner von Bat Yam mit gewalttätigen
Ausschreitungen gegen Palästinenser fünf Tage lang. Sie schlugen Palästinenser
zusammen, zerstörten deren Eigentum und griffen wahllos jeden an, der für
sie auch nur arabisch aussah.
Baruch
Marzel war auch dabei. Er erhielt später eine Strafe von 8 Monaten
Freiheitsentzug auf Bewährung für seine Teilnahme an den
Ausschreitungen. Die Messerstich-Attacke fand vor den Wahlen statt.
Bilder von Bat Yam wurden in den Wahlkampf der Labor Party
eingearbeitet. Und Yitzak Rabin versprach den Wählern, er würde
„Gaza aus Tel Aviv rausnehmen“. Nachdem er 1993 gewählt worden war,
tat er genau dies. Und später dann nahm Ariel Sharon Tel Aviv völlig
aus Gaza heraus.
Aber
das Problem des rassistischen Hasses war nicht gelöst. Kaum 20 Jahre später
ist Bat Yam erneut Schauplatz von Hass-Demonstrationen. Dies zusammen
mit Tel Avivs Vorstadt Hativka. Und wieder machen sich vor Ort Baruch
Marzel und die Einstigen aus Kahane durch ihr Dabeisein bemerkbar - sie
fehlen einfach nie bei einer Gelegenheit des Stimmenfangs in trübem
Wasser!
Aber
diesmal sind die Hass-Ausschreitungen des israelischen Mobs nicht gegen
die Einwohner von Gaza gerichtet. Diesmal richten sie sich gegen die
Asylsucher aus Afrika, welche die Gaza-Billiglöhner in Hativka ablösten.
Ihre Zahl beläuft sich dort auf immerhin 20.000 Menschen. Sie stellen
keinerlei Sicherheitsrisiko dar. Aber für die Behörden und den
israelischen Bürger auf der Straße sind sie eine „demographische
Bedrohung für den Judenstaat“ und werden von ihnen als
„gesellschaftliche Gefahr“ empfunden.
Daher
entschied die Regierung Israels, eine „offene Haftanstalt“ für
Asylsuchende und ihre Kinder zu bauen, die als „Infiltrierer“
bezeichnet worden sind - dieser Ausdruck wurde zuvor auf die Palästinenser
in den fünfziger und sechziger Jahren angewendet. Der Innen- und
Sicherheitsminister Israels, Aharonowitsch, hat bereits wortgewaltige
Erklärungen über die Verbrechensrate bei diesen Menschen abgegeben, während
Gesundheitsexperten vor dem hohen Prozentsatz von Trägern ansteckender
Krankheiten unter den Afrikanern warnen.
Vor
ca. 60 Jahren wurden jüdische Einwanderer aus arabischen Staaten mit
DDT verseucht. Etliche von ihnen leben heute in der Vorstadt Hativka.
Sie waren die Schwarzhäutigen zu ihrer Einwanderungszeit. Aber die neue
Generation jetzt in ihrer Nachbarschaft ist sich all dessen nicht
bewusst oder verdrängt es absichtlich.
Worin
besteht die Verbindung zwischen jener „Herausnahme von Gaza aus Tel
Aviv“ und der „Infiltration Afrikas in Tel Aviv“?
Bekanntlich
lieferte die große Mehrheit aus Gaza stammender und in Israel
arbeitender Menschen der Gesellschaft Israels die benötigten
Billigarbeitskräfte. Abends oder am Wochenende fuhren die palästinensischen
Niedriglöhner nach Hause Richtung Gaza, ohne irgendwelche Forderungen
nach Sozialstandards an den israelischen Staat zu richten. Sie
arbeiteten in all den schmutzigen Jobs, welche Israelis nicht machen
wollten. Dies vor allem in Restaurants, im Bauwesen und in der
Landwirtschaft. Israel hatte 1967 nicht nur Gebiete und neue Märkte
erobert, sondern auch sein Billigarbeitskräfte-Reservoir Gaza. Und
Israel wurde zu einer Regionalmacht vor Ort. Die dafür zu zahlenden
hohen Preise, wie der Verlust an Legitimität und der Verlust an
mehrheitlich jüdischer Bevölkerung auf Israels Territorium, waren auf
den ersten Blick nicht unbedingt zu erkennen.
Aber
dieses aus Israels Regierungssicht idyllisch anmutende
Beziehungsgeflecht hielt nicht lange an. Mit dem Ausbruch der 1.
Intifada 1987 wurden die Palästinenser zu einem
„Sicherheitsproblem“. Israels Wirtschaft hatte sich dennoch an die
Billiglöhner gewöhnt und kam in eine heikle Lage. Da die Israelis
selbst nicht bereit waren, die harte körperliche Arbeit zu übernehmen,
und da die ultra-orthodoxen Juden nicht zu derlei Beschäftigung
gezwungen werden konnten, genehmigte Israels Arbeitsminister Ora Namir
den Einsatz von „ausländischen Arbeitskräften“ unter Bedingungen,
wie sie mit moderner Sklaverei vergleichbar sind. Dies begann langsam im
gleichen Jahr, als die Verträge von Oslo unterzeichnet wurden: 1993.
Aber
aus dem spärlichen Zuzug von ausländischen Arbeitskräften wurde rasch
eine Einwanderungsflut. Die neuen Arbeiter waren leicht zu handhaben,
billig, rund um die Uhr einsetzbar. Sie hatten keinerlei politische
Forderungen, Sie waren nicht Moslems. Und ganz wichtig aus Sicht der
israelischen Machthaber und vieler Bürger dort: ihr Aufenthalt in
Israel war auf fünf Jahre begrenzt. Sie konnten also einfach nur
benutzt und dann willkürlich weggeworfen und rausgeschmissen werden.
Die
Israelis gewöhnten sich rasch daran und wollten mehr. Laut groben Schätzungen
gibt es 100.000 ausländische Arbeitskräfte legal in Israel. Weitere
150.000 ausländische Arbeitskräfte halten sich „illegal“ in Israel
auf, d.h. sie sind nach Ablauf ihres Aufenthaltsvisums in Israel
verblieben. Viele von ihnen haben geheiratet. Ihre Kinder wachsen mit
der hebräischen Sprache als Muttersprache auf. Und nach humanistischen
und bürgerlichen Standards sollte ihnen die volle Staatsangehörigkeit
Israels zugestanden werden.
Jedenfalls
haben diese ausländischen Arbeitskräfte Israel zu ihrem Heimatland
gemacht. Dessen ungeachtet werden sie bei mitternächtlichen Razzien
aufgegriffen und in ein Land abgeschoben, das nicht länger ihr
Heimatland ist. Ganze Familien werden bei diesen unmenschlichen Aktionen
gewaltsam auseinandergerissen. Und etliche Kinder wachsen in ständiger
Angst auf, dass Regierungsbehörden sie ergreifen könnten.
Warum
nun hat sich der Hass des israelischen Mobs vor Ort gegen die
afrikanischen Asylsuchenden und nicht beispielsweise gegen die thailändischen
oder chinesischen Arbeitskräfte aufgetürmt?
Erstens
fallen die thailändischen oder chinesischen Arbeitskräfte in der Öffentlichkeit
überhaupt nicht auf. Sie lassen sich gar nicht blicken. Sie leben völlig
unter den Bedingungen ihrer Einsatzfirma und halten sich nur in
Hinterzimmern und versteckten Containern auf.
Zweitens
bringen sie enorme Profite für die privaten Arbeitsfirmen, welche diese
Billiglöhner nach Israel verbringen und den dortigen Bossen zuführen.
Drittens
haben sie dem Staat Israel enorme Gelder erspart, welche die israelische
Regierung ohne sie in Landwirtschaftszuschüsse und Pflegepersonal für
das Gesundheitswesen stecken müsste.
Was
auf Thais und Chinesen zutrifft, ist bei den Asylsuchenden aus Afrika
nicht der Fall. Sie reisten in Israel ohne ein verbindliches Abkommen
zwischen den Staaten ein. Sie zahlten nicht 10.000 Dollar an Arbeitskräfte-Vermittler
mit Kontakten zu etlichen Knesset-Mitgliedern. Sie sind schwarzhäutig.
Hinzu kommt, dass sie frei herumlaufen und verbilligte Wohnungen in den
erbärmlichsten Siedlungen israelischer Städte anmieten. Was Hotels und
Firmen im Süden Israels nicht davon abhält, diese Billiglöhner
auszubeuten.
Jedenfalls
geriet ihre rasch wachsende Zahl für den israelischen Staat außer
Kontrolle. Und nirgendwo stoppt der israelische Staat Rassisten wie
Baruch Marzel und Michael Ben Ari beim Entfesseln von gewalttätigen
Ausschreitungen gegen diese afrikanischen Billiglöhner. Dies alles
macht einen sehr schlechten Eindruck für Israels Ansehen im
internationalen Rahmen. Aber auch da blickt Premier Netanjahu nur
Richtung Himmel, bittet er seine geschätzten Landsleute, Zurückhaltung
zu zeigen und ihm zu ermöglichen, die Dinge auf seine Weise zu regeln.
Es
gibt auch ausländische Arbeitskräfte in Europa. Aber auf jeden Fall können
sie dort bleiben und sich ansässig machen. Haben sie eine Familie dort,
dann haben sie auch ein Recht auf die Staatsangehörigkeit. In einigen
Staaten Europas erfolgt die Zufuhr ausländischer Arbeitskräfte in
Abstimmung mit den Gewerkschaften vor Ort und beschränkt auf
Wirtschaftszweige, wo gerade wirklich Arbeitskräftemangel herrscht.
Diese Einwanderer sind an keine Verträge gebunden. Sie erhalten Löhne
entsprechend den Gesetzen vor Ort.
In
den meisten europäischen Ländern umfasst die Tätigkeit ausländischer
Arbeitskräfte 2-3% des gesamten Beschäftigungsvolumens. Demgegenüber
liegt ihr Anteil in Israel insgesamt bei ca. 10% und erreicht bei
Landwirtschaft und Heimpflege ca. 50%.
Der
sogenannte globalisierte Kapitalismus zieht Millionen Menschen aus armen
Ländern in reiche Länder und lässt sich nicht mit dem
Aufrechterhalten einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit in Israel in
Einklang bringen, denn dies würde eine abgeschlossene, autarke
Wirtschaft erfordern, in welcher Nichtjuden hinter Stacheldrahtzäunen
und Mauern eingeschlossen sich aufhalten. Die Idee eines Judenstaates
ist auch abhängig von Subventionen für die jüdische Gesellschaft und
der Vorbeugung sozialökonomischer Brüche in dieser Gesellschaft, was
direkt der Logik vom „freien Markt“ und der heutigen Realität
zuwiderläuft.
In
seinem Streben nach einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit weiß Israel
nicht mehr, was es will.
Es
will die Palästinenser loswerden, aber das Besatzungsregime nicht
aufgeben. Es will „ausländische Arbeitskräfte“, aber es will sie
nicht hier herumlaufen sehen. Es will demokratisch sein, aber es schränkt
die Rechte der arabischen Minderheit ein.
Israel
ist in inneren Widersprüchen gefangen und verfügt über keine
Strategie zu deren Lösung. Außer eben einfach seinen Kopf in den Sand
zu stecken! Infolge dessen verliert es derzeit seine jüdische Bevölkerungsmehrheit,
welche in den Rassismus gegen eine wachsende Zahl von ethnischen Gruppen
gelenkt wird.
Jeden
Tag neu verliert Israel derzeit seine Legitimität vor der
internationalen Gemeinschaft.
Quelle:
http://www.challenge-mag.com/en/authors__106/schwartz_michal
Hervorhebungen
von Jens-Torsten Bohlke
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Zionismus
und Rassismus
Vor
35 Jahren verurteilte die Vollversammlung der Vereinten Nationen Israels
Staatsdoktrin
Von
Moshe Zuckermann
Quelle:
jungeWelt vom 17. November 2010
Auf
Kommunisten-online am 17. November 2010 – Am 10. November 1975 geschah etwas, das man für
entweder gravierend oder – gemessen daran, daß dies Gravierende späterhin
annulliert wurde – für nichtig erachten kann. Die UN-Vollversammlung
entschied: » (…) der Zionismus ist eine Form des Rassismus und der
rassischen Diskriminierung«. Die Stimmverteilung für und wider das
Verdikt darf sowohl beim Beschluß als auch bei dessen nachmaliger
Annullierung außer acht gelassen werden; sie verdankte sich der
jeweiligen, deutlich zeitgeistgeschwängerten politischen Konstellation
der UN-Vollversammlung. Da aber der an den Zionismus ergehende Vorwurf
des Rassismus durch die Aufhebung der institutionellen Entscheidung
mitnichten aus der Welt geräumt ist, lohnt es sich, das Problem
besagter Zuschreibung grundsätzlich zu reflektieren.
Man
kann es sich dabei leicht machen, indem man den Begriff des Rassismus
auf seine ursprüngliche, namentlich biologistische Grundbedeutung zurückführt
und nachweist, daß sich der historische Zionismus nicht durch ein
ideologisches Postulat der Rassenreinheit auszeichnete. Zwar weist die jüdische
Halacha in ihrer Definition des Juden eine biologische Komponente auf
– Jude ist, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde –, aber
zum einen gründet diese Doktrin nicht im Zionismus, sondern im religiösen
Judentum; zum anderen ist selbst sie prinzipiell »überwindbar«: Denn
Jude ist auch der, der eine orthodox anerkannte Konversion zum Judentum
begangen hat. Es stimmt zwar, daß das religiöse Judentum (in striktem
Gegensatz zu Christentum und Islam) nicht missionarisch ausgerichtet
ist, traditionell mithin einer Abgrenzung gegenüber Nichtjuden das Wort
redet, aber dies hat nichts mit der Ideologie einer modernen
Rassenbiologie zu tun, sondern, wenn überhaupt, mit dem religiös-archaischen
Auserwähltheitsgedanken sowie mit der historisch begründeten Ambition,
als Religionsgemeinschaft im Diasporischen und im Kontext einer langen
Verfolgungsgeschichte zu überdauern.
Ein
Blick auf Israels Straßen genügt zudem, um sich davon zu überzeugen,
wie »rassisch« und ethnisch durchmischt das aus aller Herren Länder
im Einwanderungsland Israel zusammengekommene jüdische Kollektiv selbst
ist. Selbst wenn man in Anschlag bringt, daß ein Theodor Herzl
seinerzeit sich nur schwerlich hätte vorstellen können, daß der von
ihm antizipierte Judenstaat dereinst auch dunkelhäutige äthiopische
und »nichtweiße« orientalische Juden zu seinen Bürgern zählen würde
– und in der Tat verstand sich das zionistische Projekt ursprünglich
primär als ein europäisches, mithin aschkenasisches Unterfangen –,
so kann ihm nicht im nachhinein unterstellt werden, rassistischem
Gedankengut aufgesessen zu sein.
Die
nationale Lösung
Nun
ist aber auch kaum anzunehmen, daß der gegen den Zionismus erhobene
Vorwurf des Rassismus biologistisch gedacht war. Gemeint war vielmehr,
daß der Zionismus das proklamierte Objekt seiner
Emanzipationsbestrebung so eng faßt, daß sich diese Bestrebung mit
Postulaten westlicher Emanzipationsvorstellungen als letztlich
unvereinbar erweist. Denn der nicht von ungefähr abstrakt konzipierte,
spätestens seit der Französischen Revolution zum politischen Maßstab
geadelte Bürgerbegriff wollte sich gerade solcher Partikulareinschränkungen
wie Religion, Rasse, Ethnie und (späterhin) Geschlecht entledigen, was
zwangsläufig mit der Kategorie des Juden als ausschließlichem
Kriterium der Zugehörigkeit zum sich als Nation konstituierenden
(zionistischen) Kollektiv und des damit einhergehenden Anspruchs auf
automatische Staatsbürgerschaft kollidieren mußte. Wenn nur Juden (und
zwar jeder Jude, wo immer er lebt) einen unhinterfragbaren Anspruch auf
die israelische Staatsbügerschaft erheben dürfen, dann findet sich
darin in der Tat ein Element diskriminierender Ausschließlichkeit. Was
dabei dieses spezifische Moment der Diskriminierung von anderen
vergleichbaren Exklusionspostulaten, wie sie sich heutzutage zunehmend
in Ausländer- und Fremdenfeindlichkeit europäischer Länder
manifestiert, unterscheidet, ist der schiere Umstand, daß im Falle des
Zionismus das Kriterium der Ausschließlichkeit von Anbeginn zur
staatsoffiziellen Doktrin, ja zur raison d’être des zionistischen
Staates erhoben wurde.
Zu
fragen ist freilich, ob dies für sich genommen angreifbar ist. Denn
nicht die Tatsache, daß der Zionismus sich von vornherein als nationale
Befreiungsbewegung der Juden definierte, wäre in diesem Zusammenhang zu
hinterfragen, sondern die historischen Vorbedingungen der schieren
Notwendigkeit, die Juden separat emanzipieren zu sollen. Es gibt zwar
Strömungen im heutigen Zionismus, die behaupten, der Zionismus hätte
sich auf jeden Fall von sich aus als Bewegung der kulturellen wie
nationalen Erneuerung des diasporisch degenerierenden Judentums
konstituiert, aber man geht wohl kaum fehl, wenn man dem entgegenhält,
daß die Schlagkraft dieser (national-kulturellen) Erneuerung sich aus
einem reaktiven Moment des Zionismus speiste, namentlich aus dem für
das europäische Judentum im ausgehenden 19. Jahrhundert zur nicht
ignorierbaren Bedrohung gewachsenen Antisemitismus. Nicht Juden, sondern
Nichtjuden schufen das sogenannte »jüdische Problem«; als es sich
aber als solches formuliert und gesellschaftlich-politisch etabliert
hatte, mußten sich Juden, die es verinnerlicht hatten, mit ihm nolens
volens auseinandersetzen.
Dabei
boten sich ihnen drei säkulare Lösungswege: der (vor allem von
deutschen Juden angestrebte) Weg der Assimilation; der (von
kosmopolitisch ausgerichteten Juden erwählte) des Sozialismus; und eben
der des auf die Errichtung einer nationalen Heimstätte für die Juden
zielenden politischen Zionismus. Letzterer kann nicht einfach als
partikulare, daher unzureichende Lösung wegdiskutiert werden. Denn
nicht nur erwuchs der politische Zionismus aus dem Geiste nationaler
Emanzipationsbestrebungen des europäischen 19. Jahrhunderts und
verstand sich darin eben als partikulare Bestrebung, wie sie allen
nationalen Aspirationen jener Zeit zu eigen war; sondern man muß auch
bedenken, daß selbst ein Mann vom Schlage Moses Hess, immerhin dem
Kreise von Marx und Engels verbunden und zunächst dezidiert
universalistischen Erlösungsvorstellungen verpflichtet, sich angesichts
der Nationalkonflikte Europas und des anwachsenden Antisemitismus
letztlich doch der Idee eines sozialistisch beseelten Zionismus
verschrieb, mithin postulierte, »das jüdische Problem« bedürfe der
nationalen Lösung.
Nimmt
man noch hinzu, daß sich mit dem Holocaust die vom Zionismus
angetriebene nationale Lösung des »jüdischen Problems« als akute
Notwendigkeit der Schaffung einer Zufluchtsstätte für die Überlebenden
der welthistorischen Monstrosität ausnahm, dann relativiert sich das
Partikularitätsproblem der den Juden unmittelbar nach der Katastrophe
real angebotenen »Lösung« ihres »Problems« zumindest in der Logik
jenes historischen Ausnahmezustands und des ihm verschwisterten Gefühls
gebotener Dringlichkeit.
Perpetuiertes
Unrecht
Nun
hat sich aber das, was sich damals als reale historische Notwendigkeit
ausnahm und alsbald verobjektivieren sollte, nicht im luftleeren Raum,
sondern in einem neuralgischen Kontext zugetragen. Die Gründung des
zionistischen Staates ging bekanntlich mit der kollektiven Katastrophe
der palästinensischen Bevölkerung im Territorium dieses Staates und
einem gewaltigen, von Juden am palästinensischen Kollektiv verübten
historischen Unrecht einher. Ob sich dieses Unrecht aus dem Wesen des
Zionismus (also als etwas von vornherein im Zionismus Angelegtes)
ableitete oder sich als tragische Konstellation im zeitgenössischen
Zusammenhang deutet, spielt im hier erörterten Kontext eine eher
geringe Rolle. Dieses Unrecht besteht und ist mit der israelischen
Okkupationpraxis seit 1967 intensiviert, mithin immer wirkmächtiger
geworden, ungeachtet der Apostrophierung des Zionismus als »eine Form
des Rassismus«. Zu fragen bleibt freilich, ob die realen
geschichtlichen Voraussetzungen für den Zustand des perpetuierten
Unrechts in sich schon die strukturelle Tendenz zu dem bargen, was sich
nachmalig als Rassismus ausnehmen mochte. Die Antwort darauf könnte
positiv, mit nicht minderem Recht jedoch auch negativ ausfallen. Denn würde
es beispielsweise zu einer Beilegung des israelisch-palästinensischen
Konflikts im Sinne der Zwei-Staaten-Lösung kommen (von der binationalen
Lösung ganz zu schweigen, aber die würde ja auch das Ende des
historischen zionistischen Projekts bedeuten), würde sich kaum jemand
noch einfallen lassen, den befriedeten Zionismus als rassistisch zu
bezeichnen. Man würde sich in diesem Falle einer ohnehin prekären
Wesensbestimmung des Zionismus enthalten und sich den auch in ihm
angelegten Potential historischen Wandels verschreiben wollen.
Strukturelle
Exklusion
Zu
eilig darf man freilich nicht zu diesem (eh noch visionären) Urteil
gelangen. Denn der israelische Alltag wie auch die gegenwärtig
vorwaltende hohe Politik Israels setzen offenbar alles daran, dem
UNO-Verdikt von 1975 noch im nachhinein Geltung zu verschaffen. Viel ließe
sich dazu anführen; dies würde aber den hier gebotenen Rahmen
sprengen. Wenige ausgesuchte Beispiele seien statt dessen exemplarisch
dargelegt.
»Das
Eindringen des Faschismus aus den Straßenrändern in die Korridore der
Herrschaft«, schreibt der israelische Historiker Danny Gottwein (Haaretz,
9.11.2010), »ist einer der Wege, deren sich die israelische Rechte
bedient, um sich mit dem Wandel der gesellschaftlichen Funktion der
Okkupation auseinanderzusetzen. Die Modifikation des Staatsbürgerschaftsgesetzes,
die darauf aus ist, einen Treueeid auf Israel als einen jüdischen und
demokratischen Staat einzubeziehen, ist ein Ausdruck davon.«
Gottwein
verweist in diesen wenigen Sätzen auf die strukturelle Diskrepanz
zwischen dem Selbstbild Israels als einem demokratischen Staat, der
sogar vorgibt, die einzige Demokratie im Nahen Osten zu sein, und seiner
politischen Realität, die sich gesetzlicher Mittel bedient, welche bei
jedem Demokraten berechtigtes Entsetzen hervorrufen dürften. Denn nicht
nur ist das Kriterium des Jüdischen unter Juden selbst mitnichten
konsensuell geklärt (das Gegenteil ist der Fall) – Israel ist darüber
hinaus nun einmal ein Staat, in welchem (staatsoffiziell anerkannt)
mindestens 1,3 Millionen Nichtjuden, arabische Bürger, leben. Die
irreale, dafür mit um so größerer Emphase ausgesprochene Erwartung,
daß diese nichtjüdischen Bürger Israel als einen jüdischen Staat
anerkennen (und nicht etwa als den Staat all seiner Bürger, in welchem
sie als gleichberechtigte Bürger einbezogen wären), läuft auf nichts
anderes hinaus als auf ihre strukturelle Exklusion aus der bürgerlichen
Gemeinschaft des Landes. Dies ist freilich schon seit Gründung des
Staates das etablierte Grundmuster. Offiziell sind Israels Araber
gleichberechtigte Bürger des Staates; de facto leben sie aber seit
Jahrzehnten (in nahezu allen Lebensbereichen) als Bürger zweiter
Klasse. Neu ist die nunmehr gesetzlich vorangetriebene Identitätsfarce,
die – aus der politischen Ecke Avigdor Liebermans kommend – der bewußten
Diskriminierung der arabischen Bevölkerung des Landes eine legale
Grundlage zu verschaffen trachtet. Das hat mit biologistischem Rassismus
nichts zu tun, sehr wohl aber mit einem ethnisch beseelten politischen
Rassismus, der sich mit der faschistischen Brachialität Liebermans nur
zu gut in Einklang weiß.
Nachbarn
nach Wunsch
Danny
Gottwein indiziert, daß die faschistische Tendenz sich von den Rändern
der Straße in die Mitte der politischen Herrschaft bewegt. Zu denken
ist eher eine dialektische Wechselwirkung: Die politische Klasse nimmt
auf, was ihr »die Straße« zufaucht, formt aber zugleich das Fauchen,
facht es an und legitimiert es. So eröffnet etwa die Publizistin
Avirama Golan eine mit der Drohung »Du bist der nächste Araber«
betitelte Kolumne (Haaretz, 3.11.2010) mit den Worten: »Was ist so
schlimm daran – sagte mir G. –, daß Menschen in Gemeinden sich ihre
Nachbarn aussuchen wollen? Ich rede von der Bestrebung, in einem schönen,
sauberen Ort zu leben, den Kindern eine hochwertige Erziehung in einer
qualitativ hochstehenden Gemeinde angedeihen zu lassen; was ist also so
schlimm daran, daß man keine Araber haben möchte? Sie passen doch
wirklich nicht zu einer Ortsgemeinde mit jüdisch-zionistischer Couleur.«
Golan klärt G., einen orientalischen Juden mit einer Frau aus der
ehemaligen Sowjetunion, auf, macht ihm plausibel, warum er selbst kaum
eine Chance hätte, in der von ihm idealisierten Gemeinde aufgenommen zu
werden, und beendet ihre Kolumne wie folgt: »G. ist in eine
faschistische Falle hineingetappt, die ihn mit dem hohlen Titel
›Jude‹ entschädigt, während sie seine staatsbürgerliche
israelische Identität ausradiert, damit er nicht merkt, wie sehr seine
Selbstsicherheit bereits erschüttert worden ist. Aber wieso siehst du
das nicht, G.? Weißt du denn nicht, daß in den Aufnahmekomittees
[besagter Gemeinden] und in allen künftig kommenden du der nächste
Araber sein wirst?«
Was
sich bei Avirama Golan wie eine anekdotische Fiktion des Feuilletons
ausnimmt, ist krude israelische Realität, dezidierte Praxis der
parlamentarischen Legislative. In der Tat hat der Verfassungsausschuß
der Knesset Ende Oktober dieses Jahres einen Gesetzesentwurf verhandelt,
der die Aufnahmekomittees von Gemeinden gesetzlich ermächtigen soll,
Anwärter auf Aufnahme in die Ortsgemeinden nach Kriterien »der
Anpassung an die Grundanschauung der Gemeinde« und »der sozialen
Anpassung an den Geist der Gemeinde, ihre Lebensweise und ihre soziale
Zusammensetzung« anzunehmen oder abzuweisen. Nicht von ungefähr heißt
es im Leitartikel der Haaretz vom 27.10.2010: »Das ist ein empörender
Entwurf, der einen Beschluß des Obersten Gerichtshofes (…) skrupellos
umgeht. Die Ortsgemeinden werden auf öffentlichem Boden errichtet und
bieten den Anwärtern eine hohe Lebensqualität zu relativ niedrigem
Preis an, um das kontroverse Ziel einer ›Judaisierung‹ ganzer
Landstriche zu verwirklichen«. Soziale »Anpassung« ans »Jüdische«
des Ortes also zwecks prästabilisierter Ausgrenzung von Arabern (oder
auch anderen unliebsamen Nichtjuden), welche ihrerseits in einer von
oben generierten Politik der »Judaisierung« arabisch bevölkerter
Landstriche Israels gründet. Dieses Postulat landnehmender Expansion
eignete freilich dem Zionismus von seiner Frühzeit an.
Politik
und Religion
Die
Konstellation wechselseitiger Wirkung von diskriminatorischer hoher
Politik und alltagsrassistischem Ressentiment verbandelt sich in Israel
auch zunehmend mit der Religion. Das letzte eklatante Beispiel für
diese unselige Verschwisterung war in der nordisraelischen Stadt Safed
zu verzeichnen. Auch dieses Falls nahm sich ein Leitartikel der Haaretz
an (8.11.2010): »500 arabische Studenten, die im College der Stadt
lernen, waren Opfer einer häßlichen öffentlichen Attacke, die in
Gewalt gegen drei von ihnen gipfelte. Der oberste Rabbiner der Stadt,
Shmuel Eliyahu, veröffentlichte letztens ein halachisches Verdikt,
welches Juden verbietet, Arabern in der Stadt Wohnungen zu vermieten;
von einer Notversammlung, an der 18 Rabbiner und rund 400 Anhänger
teilnahmen, ging ein ähnlicher Aufruf aus. Der Vizebürgermeister der
Stadt unterstützte die Versammlung. Ein 89jähriger Bürger der Stadt
(…) wurde in seinem Leben bedroht, nachdem er seine Wohnung an
beduinische Studenten vermietete.« Shmuel Eliyahu ist kein Kind von
traurigen Eltern: In der Vergangenheit rief er bereits dazu auf, Araber
aus dem College der Stadt Safed zu verjagen, und ging gar soweit, die
Ermordung Unschuldiger zu befürworten, wenn sie Palästinenser sind. Daß
Regierungangehörige und die Munizipalobrigkeit diesen blanken Rassismus
durch Schweigen legitimieren, darf nicht verwundern. Auch nicht, daß
der Rabbiner seine rassistischen Auslassungen damit begründet, daß es
»so in der Thora geschrieben steht«. Denn was ist schon von einer
Regierungsmannschaft zu erwarten, die einen Avigdor Lieberman, den
Initiator des Treueeid-Gesetzes, zum Außenminister und die
rechtsradikalsten Elemente der israelischen Parteienlandschaft zu
Koalitionspartnern erkoren hat? Auch die bigotte Bibeltreue des
Stadtrabbinners birgt einen realen Wahrheitskern – denn in der Tat läßt
sich manches der Thora entnehmen, das mit den Rassismen des Rabbiners
vollauf kompatibel wäre. Ein orthodoxer Rabbiner ist seinem Beruf nach
nun einmal ein Vermittler der Thora, Werber halachischer Lebensweise und
Bekämpfer all dessen, was seinen religiösen Wahrheiten entgegensteht.
Von
Verfolgten zu Verfolgern
Nur
stellt sich dann halt die Frage aufs neue, ob somit der Zionismus
vielleicht doch für rassistisch zu erachten sei. Die Antwort lautet
weiterhin: nein – jedenfalls insofern der Zionismus als prononciertes
Erzeugnis des europäischen Nationalismus begriffen wird. Was Rassismus,
Fremden- und Ausländerhaß anbelangt, hat er keinem anderen
Nationalstaat des Westens etwas voraus. Die Spezifität der ihm
nachweisbaren rassistischen Elemente (die hier nur lapidar skizziert
werden konnten) erklärt sich aus seinem Entstehungszusammenhang und
seiner präzedenzlosen historischen Genese, mithin aus seinem wesentlich
reaktiven Charakter: Der zionistische Rassismus »verdankt« sich in
vielem dem europäischen Antisemitismus, nicht zuletzt in seiner
ideologischen Selbstgewißheit und seinem selbstgerechten Hang zur
(geschichtlichen) Verdrängung. Am Rande bemerkt sei hier nur, daß er
darin auch im innerjüdischen Diskurs (etwa zwischen aschkenasischen und
orientalischen Juden) nicht haltmacht.
Eine
ganz andere Frage ist freilich, ob sich Israels Staats- und
Gesellschaftsrealität (ungeachtet essentialistischer Wesensbestimmungen
des Zionismus als solchen) durch Rassismus auszeichnet. Und diese Frage
muß – zumindest im Hinblick auf die immer beredter sich
manifestierende Gesamttendenz – entschieden bejaht werden. Die
unselige Konstellation von geschichtlicher Verfolgungsneurose,
politischer Ideologie der Expansion, religiös-messianischem Wahn und
realer (selbstgewollter?) Sackgasse in der Handhabung des
Nahostkonflikts hat inzwischen die ursprüngliche Idee emanzipierter
nationaler Souveränität in eine regressiv-repressive »Rückbesinnung
auf sich selbst« umkippen lassen, bei der die historische Angst vorm
Verfolgtsein in eine brachiale Ideologie der Verfolgung, »Judentum«
zur reaktionären Kampfparole gegen Fremde und das Gedenken an
historischen Rassenwahn in eigenen Rassismus umgeschlagen sind. Das hat
nicht unbedingt etwas mit Zionismus, viel aber mit der Art und Weise zu
tun, wie sich seine Träger in den »Straßenrändern« und den »Korridoren
der Herrschaft« gegenwärtig meinen, setzen zu sollen.
Zuletzt
erschien von Moshe Zuckermann: »Antisemit!« Ein Vorwurf als
Herrschaftsinstrument. Wien, Promedia Verlag, 208 Seiten, brosch., 15,90
Euro.
Auch
im jW-Shop erhältlich. Buchvorstellungen mit dem Autor am Freitag,
19.11., in Kiel (19 Uhr, Kieler Landeshaus, Schleswig-Holstein-Saal, Düsternbrooker
Weg 70, 24105 Kiel) und am Samstag, 20.11., in Hamburg (19 Uhr,
Heinrich-Wolgast-Schule, Greifswalderstr. 40, 20099 Hamburg – eine
Veranstaltung von ver.di
Der Soziologe Moshe Zuckermann lehrt seit 1990 am Cohn
Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas
(Universität Tel Aviv) und war von 2000 bis 2005 Direktor des
Instituts für Deutsche Geschichte in Tel Aviv.
zurück
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Israel:
Wir
sind nicht loyal - angesichts einer Regierung von Rassisten!
Von
Adam Keller
„Die
schlafende Mehrheit wacht auf“ – Breites Bündnis demonstriert in
Israel (Gush Shalom)
Gush
Shalom 16. Januar 2011 (Auf Kommunisten-online am 25. Januar 2011) – „Die
schlafende Mehrheit wacht auf“ verkündeten große Schilder, als der
Strom von Menschen aus dem Gan Meir-Park auf die Straßen drang. Später
erklärte Knessetmitglied (KM) Nitzan Horowitz auf dem Podium der Menge,
die den Museumsplatz überflutete: „Seht euch um: Wir sind nicht
klein, und wir sind nicht schwach, und wir haben absolut keinen Grund,
zu verzagen!“
In
den letzten Jahren hat sich dieser Teil der israelischen Gesellschaft in
der Tat häufig isoliert und an den Rand gedrängt gefühlt. Oft war die
vorherrschende Stimmung bei seinen Demonstrationen die einer tapferen
Herausforderung, die von Menschen geäußert wurde, die entschlossen
waren, gegen eine übermächtige Flut anzuschwimmen. Der
Stimmungsumschwung heute wurde ausgerechnet von der bisher
unverfrorensten Verkörperung nationalistischer Aggression bewirkt: Dem
Beschluß, eine „Untersuchung“ der Friedens- und
Menschenrechtsorganisationen zu lancieren, die von Avigdor Lieberman und
seinen Knessetabgeordneten angestrengt und mit großer Mehrheit
verabschiedet wurde, und die dem „Treueschwurgesetz“, dem
„Zulassungskomiteegesetz“ und verschiedenen anderen berüchtigten
Gesetzesinitiativen folgte, die in der derzeitigen Knesset
unkontrolliert wuchern.
Ihre
offensichtliche Arroganz, ihr Gefühl, die israelischen Gesetzbücher
mit jedem rassistischen oder antidemokratischen Stück beschmutzen zu können,
das sie sich aussuchen, hat die Menschen aufgerüttelt, die in den
letzten Jahren zuhause geblieben waren. Es gibt ein Gefühl der
Dringlichkeit, das Bewußtsein, daß es der letzte Moment sein könnte,
um eine Gegenkraft aufzubauen und den Versuch zu unternehmen, dem düsteren
Strom eine andere Richtung zu geben. „Protestiert! Geht auf die Straße
- solange es noch möglich ist!“ lauteten die vom demokratischen Lager
veröffentlichten Demonstationsaufrufe, die sich in der vergangenen
Woche rapide im Netz verbreiteten, bevor sie als bezahlte Anzeigen in
der Presse erschienen.
„Nein,
nein, nein - Faschismus lassen wir nicht durchgehen!“ erklang der
alte, wohlbekannte Sprechchor die King George-Straße entlang - und
wurde mit einem neuen und unheilkündenderen beantwortet: „Menschen
wacht auf! - Der Faschismus ist schon da!“ „Die Demokratie schreit
um Hilfe“ las sich ein großes Transparent, und das nächste lautete:
„Der Mord an der Demokratie in Israel - ein Verbrechen, von dem man
vorher wußte!“ „Rassismus? Dafür heben wir nicht die Hand!“ war
auf den Poster des Mossawa Centers [1] zu lesen, einer der
Organisationen, die Angriffsziel der Lieberman-Untersuchung ist. Eine
weitere, seit langem bedrohte Gruppe, der New Israel Fund [2], kam mit
Schildern wie: „Untersucht auch mich!“ und „Wir werden nicht den
Mund halten!“. Eine junge Frau hielt ein Schild mit dem Spruch:
„Eine Linke im Fadenkreuz“ in die Höhe, daneben eine gemalte
Zielscheibe. „Ich habe gestern eine Stunde zuhause daran gesessen, bis
es genauso war, wie ich es haben wollte. Ich habe immer lieber mein
eigenes Plakat, statt ein vorgedrucktes.“
„Ein
linker Patriot“, lautet ein neuer Sticker, den Peace Now vor dieser
Demonstration produziert hat. Israelische Nationalfahnen flatterten über
den Demonstranten sowie blauweiße Fahnen, deren Davidstern durch ein
großes „Peace“ ersetzt war. Demonstranten mit einer anderen
politischen Orientierung trugen palästinensische Fahnen, und einer von
ihnen blieb vor dem Metudat Ze'ev-Hauptquartier der Likud-Partei stehen,
und schwenkte herausfordernd die Fahne. (Später wurden Besitzer palästinensischer
Fahnen von der Polizei festgenommen, die offensichtlich vergessen hatte,
daß dies seit den Verträgen von Oslo in Israel keine Straftat mehr
darstellt - oder erwartet die Polizei vieleicht bald neue Richtlinien?)
Und es gab im Demonstrationszug die Gush Shalom-Symbole, die beide
Fahnen, die israelische und die palästinesische, zusammen zeigen, und
die roten Fahnen der Kommunisten und die grünen der Meretz-Partei, und
von einigen der regelmäßig in Sheikh Jarrah Demonstrierenden wurden
Trommeln geschlagen, und jemand blies Trompete. Auffällig abwesend
waren Teilnehmer mit einen Zeichen, das sie als Anhänger der
Arbeitspartei auswies - auch wenn es wahrscheinlich nicht wenige in der
Menge gab, die bei den letzten Wahlen noch für diese gestimmt hatten.
„Ich
bin Yonathan Pollak“ lauteten große Schilder, wie auch kleinere,
schwarze Buttons, die viele am T-Shirt trugen. Der Ruf nach der
Freilassung von Pollak - wegen der Teilnahme an einem Fahrradprotest vor
zwei Jahren im Gefängnis - wurde auch von vielen Menschen laut, die nie
gekommen waren, um zusammen mit Pollak und seinen Mitstreitern gegen die
Trennmauer auf den Feldern des Ortes Bil'in zu demonstrieren. Die
Hithabrut-Tarabut-Bewegung [3] kam mit Postern unter dem Titel „Laßt
die politischen Gefangenen frei“, auf denen sich Yonathan Pollaks Name
neben dem von Nuri al-Okbi fand, dem Aktivisten für die Rechte der
Beduinen - der wegen des Vorwurfs, „ein Unternehmen ohne Lizenz
betrieben zu haben“ ins Gefängnis gebracht wurde -, sowie der von
Israel Bondak aus Jerusalem, einem Veteranen der Israeli Black Panthers
[4], dem einzigen von vielen „Piratensender“-Betreibern, der für
seine Rundfunkaktivitäten ins Gefängnis gekommen ist.
„Juden
und Araber - Weigert Euch, Feinde zu sein!“ lauteten viele Schilder,
und die Worte wurden laut und deutlich gerufen, als der
Demonstrationszug sich durch den alten Abschnitt der Dizengoff-Straße
wand. Die Mischung der Akzente bewies, daß es sich tatsächlich um
Juden und Araber handelte, die diese gemeinsam anstimmten, wieder und
wieder und wieder.
Wer
weiter am Ende des Zuges marschierte, erlebte am Museumsplatz eine
unerfreuliche Überraschung: Polizeimotorräder parkten dort als
provisorische Straßenblockade und riegelten die Eingangsstufen
vollkommen ab. „Keiner darf mehr hinein, der Platz ist voll.
Gefahr!“ verkündete ein grimmig dreinblickender Polizist.
Viele
Demonstranten weigerten sich, das Verbot zu akzeptieren und suchten sich
Umgehungswege, kletterten über Betonmauern und schoben sich in die
Menge, die den Platz bereits füllte. „Wir waren schon einmal 15.000
Menschen auf dem Platz, wir bitten die Polizei, damit aufzuhören unsere
Freunde auszusperren, die zu uns kommen wollen,“ ertönte die Stimme
aus dem Lautsprecher. Etwa 15 Minuten später wurde die Erklärung:
„Wir sind jetzt über 20.000!“ mit Applaus begrüßt.
Die
Liste der Redner war deutlich in Hinblick darauf zusammengestellt
worden, eine breite Spannweite an Rednern zu präsentieren: Juden und
Araber, Männer und Frauen, Moderate und Radikale, Kommunisten und
Liberale, Zionisten und Antizionisten und Nichtzionisten.
Lieberman,
der rassistische Demagoge, Außenminister und Möchtegern-Putin war natürlich
Zielscheibe eines endlosen Flusses von Verurteilungen, aber fast alle
Redner waren darauf bedacht, ihr Feuer auch auf Ministerpräsident „Netanyahu,
der rassistische Gesetze fördert, der Lieberman den Rücken stärkt,
der Rabbis Gehälter zahlt, die zum Rassenhaß anstiftende Briefe veröffentlichen“
zu richten. Und die lautesten Buh-Rufe, die die meiste Unterstützung
ernteten, waren dem Verteidigungsminister vorbehalten: „Barak von der
Arbeitspartei und alle deine Freunde, ihr sitzt in dieser
rassistischsten aller israelischen Regierungen und seid Komplizen bei
all ihren Schandtaten, bei den rassistischen Gesetzen, der zügellosen
Besetzung und bei der Zerstörung jeglicher Chance auf Frieden, die noch
geblieben ist. Lieberman hofft, durch seine Taten in dieser Regierung
Stimmen zu gewinnen. Was versucht ihr zu gewinnen - ein paar mehr jämmerliche
Monate in euren Ministersesseln?“
Meretz-KM
Nitzan Horowitz schloß mit einem zionistischen Credo: „Ich bin
Zionist, weil ich an die Werte der israelischen Unabhängigkeitserklärung
glaube. Mein Zionismus ist das Streben nach einem heilen Israel, einem
Israel der bürgerlichen Gleichheit und der Menschenrechte, einem
Israel, das all seinen Bürgern ungeachtet von Religion, Rasse oder
Geschlecht die gleichen Rechte garantiert.“ In ähnlichem Tenor äußerte
Yariv Oppenheimer von Peace Now seine Hoffnung, den Tag zu erleben, an
dem er mit Stolz die Worte sagen könne: „Ich bin ein Israeli.“
„Es
gibt keine abgedroschenere Phrase als 'Die Besetzung korrumpiert' - und
gleichzeitig gibt es keine Wahrheit, die immer noch genauso klar und
deutlich wie an dem ersten Tag ist, an dem sie geäußert wurde,“
stellte Hadash-KM [5] Muhammad Barake fest. „Wer sich vorgemacht hat,
daß die erstickende Unterdrückung des palästinensischen Volkes an der
Grünen Linie [6] Halt machen würde, wurde sehr unmißverständlich
eines Besseren belehrt. Jetzt kommt diese Unterdrückung hierher, und
wir alle spüren greifbar die Bedrohung. Es ist keinesfalls sicher, daß
eine solche Demonstration wie die heutige in einem Jahr noch möglich wäre.
Aber wir, die wir hier auf diesem Platz stehen, Araber und Juden, Juden
und Araber, vereint im Kampf gegen den galoppierenden Faschismus, wir können
siegen! Ja, wir können siegen, so wie die Menschen in Tunis gerade
gestern in einem heroischen Kampf gegen eine finstere Tyrannei gesiegt
haben!“
Anwältin
Bana Shoughry-Badarne vom Öffentlichen Komitee gegen Folter, die
stellvertretend für die bedrohten Menschenrechtsorganisationen sprach,
schalt jene mit milden Worten, die eine Gefahr nicht wahrnehmen, solange
sich die Opfer hauptsächlich unter Palästinensern befinden. „Vor über
einem Jahrzehnt, als ich anfing, aktiv zu werden, waren alle Anzeichen
schon deutlich zu sehen: Politische Internierung, Tötung von
Zivilisten, Landenteignung, alle Formen der Unterdrückung. Aber manche
Menschen dachten sich, daß sie, da sie zur herrschenden ethnischen
Gruppe gehörten, die Tyrannei der Mehrheit nicht antasten würde. Jetzt
wird offensichtlich, daß ein Land, das sich nicht als Staat aller
seiner Bürger definiert, keine wirkliche Demokratie haben kann. Wir
sind nicht hierhergekommen, um gegen eine kurzlebige Untersuchung zu
protestieren, die Finanzierungsquellen aufdecken soll, die für jeden,
der sich die Mühe macht, auf den Internetseiten der betroffenen
Organisationen nachzusehen, offen und sichtbar daliegen. Wir
demonstrieren gegen Besetzung und Unterdrückung und Diskriminierung, für
Solidarität und für grundlegende Menschen- und Bürgerrechte für
alle.“ (Anhaltende Rufe „Menschenrechte - Für Alle! Für Alle! Für
Alle!“)
„Vor
zwei Wochen haben die Frauen in Israel einen großen Sieg errungen, und
die Opfer des Vergewaltigers und Sexualstraftäters Moshe Katzav
erhielten ihre Genugtuung vor Gericht. Dennoch hat die patriarchalische
Regierungsstruktur, die über uns herrscht, diesen Augenblick gewählt,
um eine Offensive in einer anderen Richtung zu starten“, sagte die
feministische Aktivistin Dorit Abramovich. „Wir haben in diesem Land
ein Weißes Männliches Jüdisches Regime, das auf die romantisierte
Kamaraderie der Kämpfer von 1948 zurückgeht, ein Regime, das sich
bereits lange, bevor Lieberman oder Bibi auf der Bühne erschienen sind,
festgesetzt hat. Als Feministin lege ich Wert darauf, auf die
untrennbare Verbindung zwischen Regierungsgewalt, Besetzung und
sexueller Unterdrückung hinzuweisen. Sie sind alle Teil der gleichen
Sache. Ich möchte etwas sagen, dem nicht alle hier zustimmen werden: Es
kann keinen jüdischen und demokratischen Staat geben - beides
widerspricht sich und ist miteinander unvereinbar. Die Palästinenser in
Israel hatten nie demokratische Rechte. Wir sollten nicht darüber
reden, die glorreichen Zeiten einer alten Demokratie wiederherzustellen,
wir sollten eine neue Demokratie errichten, die bis jetzt nie existiert
hat.“
Hinsichtlich
der unmittelbaren politischen Wirkung war die Knessetabgeordnete Meir
Shitrit von der Kadima-Partei die bedeutendste und unerwartetste
Rednerin - die bis zu diesem Zeitpunkt, gelinde gesagt, eine
ausgesprochen ambivalente Haltung gegenüber den Lieberman-Vorstößen
eingenommen hatte. „Jabotinsky [7] dreht sich im Grab herum beim
Anblick der Likud-Mitglieder, die dieses Stück antidemokratischen
Irrsinn unterstützen. Jabotinsky hat sich immer gegen die Tyrannei der
Mehrheit gestellt, immer erklärt, daß der Einzelne, der sich wagemutig
gegen die Masse stellt, ein König ist. Was ist in diese Likud-Leute
gefahren, daß sie zulassen, daß Lieberman sie in die extreme rechte
Ecke zieht? Die Knesset hat keinerlei Recht, eine solche Untersuchung
durchzuführen. Ihr linksgerichteten Organisationen müßt nicht
erscheinen, müßt keine Fragen beantworten, ihr könnt diese
Untersuchung mit der äußersten Verachtung strafen, die sie verdient.
Sie haben keinerlei Berechtigung, gegen euch zu ermitteln! (Applaus).
Sicher, auch einige Kadima-Mitglieder haben dafür gestimmt. Es ist
leichter, Leute aus der Likud-Partei zu lösen, als die Likudheit von
diesen Menschen abzustreifen. Ich möchte hier erklären, daß Kadima
absolute Parteidisziplin beschlossen hat. Das nächste Mal, wenn das
Thema vor die Knesset kommt, werden wir alle einstimmig dagegen
votieren!“ (Applaus)
„Vor
vielen Jahren war ich bei den Linken in Frankreich aktiv,“
kommentierte ein weißhaariger Mann, der auf der Seite stand. „Unter
uns in Paris sagten wir immer: Wenn du siehst, daß die Opportunisten plötzlich
auf deine Seite wechseln, scheint sich der Wind wohl zu drehen.“
Videoreportage
über die Demo von Social TV (auf hebräisch):
http://www.youtube.com/
Link
zum englischen Originaltext:
http://zope.gush-shalom.org
Quelle:
Gush Shalom, Israel, 16.01.2011
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