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Vor 25 Jahren: Putsch in Chile

Der Verräter im Fauteuil

Von Heinz Moll

Der Verrat steht ihm ins Gesicht geschrieben. Noch nach 25 Jahren. Seine Kastratenstimme ist brüchig geworden. Die Augen, die keinem Blick standhalten, strömen die alte Kälte aus. Seine Klasse hat ihn - halb aus Dankbarkeit, halb aus Schiss - zum Senator der Republik auf Lebenszeit gemacht, den Ermordeten zum Hohn. Da sitzt er nun, im prunkvollen Palast zu Valparaiso, seine Inkontinenz im hohen Fauteuil verbergend: Pinochet, Lateinamerikas niederträchtigster General. Mit ihm wird im Orkus verschwinden die schäbigste Verfassung der westlichen Hemisphäre. Bald. Das Volk wird siegen. Venceremos!

Der Verrat kommt ohne Lüge nicht aus. Die Mörder des vom Volk gewählten Präsidenten - feige, wie sie sind - verbreiten bis heute die falsche Botschaft vom Suizid Salavdor Allendes. Dabei hat der Präsident gekämpft. Die Photo ist um die Welt gegangen: Allende mit umgehängtem Schnellfeuergewehr, den Stahlhelm auf dem Kopf, inmitten einer Gruppe Getreuer auf dem Balkon von La Moneda während eines Luftangriffes am Vormittag des 11. Septembers 1973.

Sieben Stunden leisteten die paar Handvoll Verteidiger im Präsidentenpalast den übermächtigen Angreifern Widerstand. Um 13.30 Uhr schliesslich brechen Panzer das Haupttor in den Palast ein. Ihnen folgen Infanteristen. Auf der Haupttreppe entbrennt ein erbitterter Kampf. Von den 40 Verteidigern überlebt nur die Hälfte diesen Angriff, aber sie kämpfen wie die Löwen weiter.

Um 14.00 Uhr bricht der Gegner in das Obergeschoss durch. Die Verteidiger verbarrikadieren sich im Roten Saal. Die von Hauptmann Roberto Garrido geführten Angreifer rammen die Tür ein. Sie werden mit heftigem Feuer empfangen. Präsident Allende erhält einen Bauchschuss, aber er schiesst, auf einen Sessel gestützt, weiter. Garrido feuert aus einer Maschinenpistole auf den Präsidenten. Allende fällt in die Brust getroffen zu Boden. Aka, seine Lieblingshündin, stürzt sich auf den Mörder. Garrido erschiesst das Tier. Dann ziehen sich die Putschisten zurück - als seien sie selbst durch die Ungeheuerlichkeit ihres Verbrechens in Schrecken versetzt.

Die Verteidiger verfolgen sie durch die Korridore. Andere tragen den toten Präsidenten in sein Amtszimmer. Sie setzen den Leblosen in den Präsidentensessel und streifen ihm - ein Akt aussergewöhnlicher Würde - die Präsidentenschärpe über die Brust, das Wahrzeichen seiner Macht. Seine Schultern bedecken sie mit der Nationalflagge.

Als die Mörder zwei Stunden später in das Arbeitszimmer des Präsidenten vordringen, sehen sie vor sich Allende an seinem Schreibtisch sitzen. Hauptmann Garrido tritt auf ihn zu - und jagt aus nächster Nähe eine MP-Garbe auf den toten Präsidenten.

Noch am selben Nachmittag frohlockt der Putschistensender «Agricultura»: «Hauptmann Garrido, dieser tapfere Offizier, hat den Marxisten Allende mit eigener Hand durch Kopfschuss getötet.»

Selbstmord mit 17 Kugeln

Am folgenden Tag führt General Javier Palacios, der Kommandeur der Angreifer, ausgewählte Journalisten siegesstolz durch die schwer beschädigte La Moneda. Über den ermordeten Präsidenten sagt der General: «...er, der bewaffnet war und der geschossen hatte - das konnten wir feststellen, seine Hände waren voller Pulver und alles war voller Hülsen - also er hat bis zuletzt auf uns geschossen, und wir haben ihn aufgefordert, sich zu ergeben... Ein Offizier wird Ihnen nun das automatische Gewehr des Ex-Präsidenten zeigen, Sie können filmen und fotografieren.»

Der Putschisten-Junta passten die Nachrichten von Allendes Heldentod nicht ins Konzept. Sie erteilten den Zeitungen und Sendern den Befehl, die Lüge vom Selbstmord zu verbreiten. So geschah es. Und so geschieht es bis auf den heutigen Tag. Die Junta-Lüge ist heute sogar noch stärker verbreitet als zu ihrer Entstehungszeit. Obwohl sie doch längst widerlegt ist. Kein Selbstmörder jagt sich 17 Kugeln verschiedenen Kalibers in den Leib.

Wie ist es aber zu erklären, dass die Lüge vom Selbstmord immer neue Auferstehung feiert? Es ist dies eine Frage der fast totalen Dominanz der USA auf dem globalen Nachrichtenmarkt. Zum andern ist es eine Folge der mangelnden beruflichen Kompetenz, die bei vielen Journalisten zu beobachten ist - vor allem in den Nachrichtenredaktionen. Für erschreckend viele Journalisten sind amerikanische Nachrichten so gut wie sakrosankt; dass eine US-Quelle hinterfragt würde, kommt kaum vor. Es herrscht eine völlige Kritiklosigkeit.

Über die Hintergründe des Militärputsches und die wirkliche Anzahl seiner Opfer wird heute vielfach kaum oder nur sehr verfälscht informiert. Die amtierende chilenische Regierung nennt offiziell die Zahl von 6'000 Menschen, die während der militär-faschistischen Diktatur ermordet wurden. Diese Opferzahl ist das Produkt eines von allerhand Drohungen begleiteten zähen Ringens zwischen der demokratischen Regierung und den einstigen Putschisten. Sie steht in krassem Widerspruch zu früheren Berichten von Menschenrechtsorganisationen und der UNO, die weit höhere Opferzahlen nannten (zwischen 30'000 und 80'000).

US-Verantwortung

Die Vereinigten Staaten tragen eine direkte Verantwortung für den blutigen Putsch und die nachfolgenden schweren Menschenrechtsverletzungen in Chile. US-Präsident Nixon, dieser alte Gauner, und sein «Sicherheitsberater» Kissinger unternahmen erst buchstäblich alles, um einen Wahlsieg der Unidad Popular (UP) und ihres Kandidaten Allende zu verhindern. Sie konferierten wiederholt mit CIA-Boss Richard Helms, erteilten ihm Carte blanche und machten Millionen Dollars locker.

Nach dem Wahlsieg der UP zahlte die CIA Bestechungsgelder an Parlamentsabgeordnete, damit sie Allende die - verfassungsmässig verlangte - Zustimmung zum Präsidentenamt versagen. Seit September 1970 beteiligte sich die CIA - in direktem Auftrag Nixons - an Planungen für einen Militärputsch gegen Allende.

Nach dessen Amtseinsetzung am 21. Dezember 1970 setzen die USA ein ganzes Arsenal geheimdienstlicher Mittel ein, die zum Ziel hatten, Chile innenpolitisch zu destabilisieren und seine Wirtschaft zu zerrütten. Abermillionen Dollars wurden hierfür eingesetzt und ungezählte «Spezialisten» ins Land geschleust. Die USA finanzierten regierungsfeindliche Radiosender und Zeitungen ebenso wie die Blockaden von Fuhrunternehmern. Selbst faschistische Killerkommandos durften der finanziellen und logistischen Unterstützung der CIA sicher sein.

Es erübrigt sich fast zu betonen, dass diese Aktivitäten auf den nachhaltigen Sukkurs grosser US-Konzerne wie z. B. ITT (Telekommunikation) zählen konnten.

Wir zitieren nicht etwa aus einer kubanischen Propagandaschrift. Unsere Quelle ist ein Untersuchungsbericht des US-Senats über Geheimaktionen in Chile: 94. Kongress, 1. Session, Dokumentennummer 052 070 031450. Man wird es auf Internet wohl vergeblich suchen...

aus: 

http://homepage.sunrise.ch/homepage/comtex/uw4988.htm

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