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Auge um Auge?
Blutbad im Gazastreifen
Quelle:
jungewelt
Die israelische »Operation Tag der Reue«,
die seit vergangenem Dienstag im Gazastreifen stattfindet, hat bisher
mehr als 60 Menschenleben gefordert; die meisten davon waren Zivilisten.
Das ist der unverhältnismäßige Blutzoll, den die palästinensische
Bevölkerung für die Tötung von zwei israelischen Kleinkindern, die
einem Raketenbeschuß zum Opfer fielen, zu entrichten hat. In dieser
Dimension bewegt sich seit jeher das israelische Verständnis des
alttestamentarischen Vergeltungsprinzips »Auge um Auge, Zahn um Zahn«.
Auch UN-Generalsekretär Kofi Annan dürfte
die den Palästinensern abverlangten »Tage der Reue« als unverhältnismäßige
Reaktion betrachten. Er forderte die Beendigung der brutalen Militäraktion
gegen das Flüchtlingslager Dschabalija. Doch hat sich die israelische Führung
von Ermahnungen der UNO noch nie ernsthaft beeindrucken lassen. Weil
Angriff die beste Verteidigung ist, unterstellten sie der
UN-Hilfsorganisation UNRWA, Handlangerdienste für »Terroristen« zu
besorgen: Eine Rakete soll demnach in einen UN-Transporter verladen
worden sein. Ob nun auch für die UNO Reue angesagt ist?
Scharons rücksichtsloses Vorgehen in Gaza dürfte
vor allem als innenpolitisches Signal gedacht sein. Sein Plan eines Rückzuges
aus dem Todesstreifen hat einen Aufruhr der Siedler ausgelöst. Sie
werfen dem Premier vor, das ihnen von Gott verliehene Land preisgeben zu
wollen. Ein über die üblichen innenpolitischen Querelen weit
hinausgehender Konflikt ist im Entstehen, in dem sich Ariel Scharon
einer fanatischen Meute gegenübersieht, als deren Anführer er stets
gegolten hatte. Doch die Besiedler des »Landes Israel«, die den Palästinensern
das Recht auf jeden Fußbreit ihres angestammten Landes absprechen,
wollen nicht verstehen, daß Scharon es gut mit ihnen meint und sein Rückzugsplan
schlecht für die Palästinenser ist.
Denn der Rückzug aus dem Gazastreifen ist
Teil eines politischen Konzepts, das das Entstehen eines palästinensischen
Staates, der mehr wäre als ein folkloristisches Kuriosum, auf Dauer
verhindern soll. Der Plan zielt auf die endgültige Bantustanisierung
der besetzten Gebiete, auf die Installierung einer Sonderzone Gaza, die
Herstellung einer zweiten palästinensischen Entität und damit auf die
Zerstörung des palästinensischen nationalstaatlichen Projekts. Vor
allem aber geht es um die Delegitimierung der Autonomiebehörde in
Ramallah, die – so korrupt und versöhnlerisch sie auch sein mag –
die historisch legitimierte Führung des Volkes und die Verkörperung
des palästinensischen Nationalbewußtseins ist. Was Scharon in Gaza
plant, führt er jetzt bereits vor: eine Politik der verbrannten Erde.
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