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Werner Pirker

Auge um Auge?

Blutbad im Gazastreifen

Quelle: jungewelt

Die israelische »Operation Tag der Reue«, die seit vergangenem Dienstag im Gazastreifen stattfindet, hat bisher mehr als 60 Menschenleben gefordert; die meisten davon waren Zivilisten. Das ist der unverhältnismäßige Blutzoll, den die palästinensische Bevölkerung für die Tötung von zwei israelischen Kleinkindern, die einem Raketenbeschuß zum Opfer fielen, zu entrichten hat. In dieser Dimension bewegt sich seit jeher das israelische Verständnis des alttestamentarischen Vergeltungsprinzips »Auge um Auge, Zahn um Zahn«.

Auch UN-Generalsekretär Kofi Annan dürfte die den Palästinensern abverlangten »Tage der Reue« als unverhältnismäßige Reaktion betrachten. Er forderte die Beendigung der brutalen Militäraktion gegen das Flüchtlingslager Dschabalija. Doch hat sich die israelische Führung von Ermahnungen der UNO noch nie ernsthaft beeindrucken lassen. Weil Angriff die beste Verteidigung ist, unterstellten sie der UN-Hilfsorganisation UNRWA, Handlangerdienste für »Terroristen« zu besorgen: Eine Rakete soll demnach in einen UN-Transporter verladen worden sein. Ob nun auch für die UNO Reue angesagt ist?

Scharons rücksichtsloses Vorgehen in Gaza dürfte vor allem als innenpolitisches Signal gedacht sein. Sein Plan eines Rückzuges aus dem Todesstreifen hat einen Aufruhr der Siedler ausgelöst. Sie werfen dem Premier vor, das ihnen von Gott verliehene Land preisgeben zu wollen. Ein über die üblichen innenpolitischen Querelen weit hinausgehender Konflikt ist im Entstehen, in dem sich Ariel Scharon einer fanatischen Meute gegenübersieht, als deren Anführer er stets gegolten hatte. Doch die Besiedler des »Landes Israel«, die den Palästinensern das Recht auf jeden Fußbreit ihres angestammten Landes absprechen, wollen nicht verstehen, daß Scharon es gut mit ihnen meint und sein Rückzugsplan schlecht für die Palästinenser ist.

Denn der Rückzug aus dem Gazastreifen ist Teil eines politischen Konzepts, das das Entstehen eines palästinensischen Staates, der mehr wäre als ein folkloristisches Kuriosum, auf Dauer verhindern soll. Der Plan zielt auf die endgültige Bantustanisierung der besetzten Gebiete, auf die Installierung einer Sonderzone Gaza, die Herstellung einer zweiten palästinensischen Entität und damit auf die Zerstörung des palästinensischen nationalstaatlichen Projekts. Vor allem aber geht es um die Delegitimierung der Autonomiebehörde in Ramallah, die – so korrupt und versöhnlerisch sie auch sein mag – die historisch legitimierte Führung des Volkes und die Verkörperung des palästinensischen Nationalbewußtseins ist. Was Scharon in Gaza plant, führt er jetzt bereits vor: eine Politik der verbrannten Erde.

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