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Brief an den PDS-Kreisvorstand Duisburg:
"Ihr billigt und unterstützt den Massenmord an Zivilisten, an Kindern..."  mehr

Kein wehleidiger Nachruf. sondern Trotzdem! mehr

Hanna Ackermann                   7. Mai 2002

Mein Austritt aus der PDS

Einige Aktivisten des Friedensforums Duisburg erhielten in den letzten Tagen einen nicht unterschriebenen Brief mit dem Briefkopf des PDS-Kreisverbandes Duisburg und mit dem Zusatz „Der PDS-Kreisverband Duisburg“ anstelle eines Hinweises, wer für diesen Brief verantwortlich zeichnet. Weil im Brieftext mit „wir“ der Kreisvorstand gemeint ist, ist davon auszugehen, dass er die Meinung des Kreisvorstands widerspiegelt. Dieser Brief liegt mir seit dem 6. Mai vor.

Zu den Aktiven des Friedensforums Duisburg gehöre auch ich. Somit fühle ich mich angesprochen, und dies um so mehr, als ich diejenige bin, die die in diesem Text angegriffene Presseerklärung letztendlich ausformuliert und namentlich unterschrieben hat und somit für jedes Wort verantwortlich ist. Dies muss den Mitgliedern des PDS-Kreisvorstands bekannt sein, weil sie die Presseerklärung gelesen haben.

Insofern finde ich es befremdlich, dass ausgerechnet ich nicht zu den nach undefinierten Kriterien auserwählten Empfängern gehöre. Den Gründen dafür möchte ich an dieser Stelle nicht nachgehen, ebenso wenig wie den Gründen, warum kein Mitglied des Kreisverbandes oder des Kreisvorstands der Duisburger PDS diesen Brief unterschrieben hat.

Folgender Absatz der Presseerklärung wurde vom Vorstand des PDS-Kreisverbandes Duisburg „mit Entsetzen“ zur Kenntnis genommen:

„Mit seinem Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser zerstört die israelische Regierung das Ansehen des israelischen Volkes. Paul Spiegel, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, tut den jüdischen Bürgern hierzulande keinen Gefallen, wenn er die Kritik am Vorgehen des israelischen Militärs „kurzsichtig und arrogant“ nennt. Auch der israelische Botschafter Stein trägt zur Ausbreitung des Antisemitismus in weiteren Kreisen bei, wenn er die eindeutigen Verstöße der israelischen Armee gegen die Genfer Konventionen als „legitimen Kampf“ verteidigt.“

Der Vorstand der Duisburger PDS, der seit Wochen keine eindeutige Position beziehen will und es bei trüben Erklärungen belässt, der andere ermahnt, den Nahost-Konflikt „jenseits von ... Vergleichen“ zu betrachten, hat jetzt eine eindeutige Position bezogen und vergleicht dies mit der „von Jörg Haider und anderen Rechtsextremisten ... praktizierte[n] Rhetorik“.

Soweit ich die verworrenen Sätze der „Erklärung“ verstehe, wird mir weiterhin indirekt „eine Relativierung von Auschwitz“ vorgeworfen, womit ich den „Geschichtsrevisionisten“ zugeordnet werde, „deren Absicht es schon immer gewesen ist, die ‚deutsche Volksseele’ zu entlasten“.

Ich - allen Vorstandsmitgliedern des Duisburger PDS-Kreisverbandes persönlich bekannte Autorin des oben aufgeführten Zitats - bin Tochter eines Widerstandskämpfers, die diese antifaschistische Tradition bewusst fortsetzt, und Angehörige eines VOLKES, gegen welches die deutschen Faschisten einen VERNICHTUNGSKRIEG geführt haben.

Ich habe es nicht nötig, mir von offensichtlich überforderten und verwirrten „Genossen“ solche irrsinnigen Vorwürfe gefallen zu lassen.

Menschen, die mich in eine Reihe mit Jörg Haider und anderen Rechtsextremisten stellen und damit meine ganze politische Arbeit verunglimpfen, können nicht meine Genossen sein.
Deshalb trete ich aus der PDS aus.

Alle, die mich kennen, wissen, dass ich es pflege, mich kurz zu fassen. Deshalb gehe ich hier kurz auf einige Feststellungen des Kreisvorstands ein:

1.      Die Schreiber des Briefes behaupten Folgendes: Nicht das verbrecherische Vorgehen der israelischen Armee, die nachweislich gegen die Genfer Konventionen verstößt, sei das Problem, sondern „das eigentliche und das zu benennende Problem“ sei „die tiefe Verwurzelung des Antisemitismus in der westlichen Welt“. Damit scheint der Vorstand die Verbrechen der israelischen Soldaten, über denen ständig die schwarze Fahne der Illegalität weht, mit dem Problem des Antisemitismus (dessen Existenz ich gar nicht leugnen will) rechtfertigen zu wollen. Hier empfehle ich den Schreibern nur die Lektüre von inzwischen leicht zugänglichen israelischen Quellen, zum Beispiel den Internetseiten der israelischen Friedensbewegung. Vielleicht bringt es euch, ehemalige Genossen, zur Einsicht, wenn ihr in der Lage seid, euer in festen Bahnen gefangenes Denken zu revidieren!

2.      Der Duisburger PDS-Vorstand wirft mir vor, ich würde „mit einem fragwürdigen Begriff wie ‚Volk’ herumhantieren“: Ich hantiere nicht mit einem fragwürdigen Begriff herum. Ich benutze das Wort VOLK, wenn ich das meine, was zum Bedeutungsfeld dieses Wortes gehört. Hier sei an die Definition erinnert, die uns im Februar Christian Uliczka an die Hand gegeben hat: „Volk ist, der Idee nach, handelndes Pendant zur Regierung, ist Subjekt.“ Zugegeben, etwas schwierig, deshalb füge  ich hier die Abgrenzung an, die Christian Uliczka zum leichteren Verständnis liefert: „Bevölkerung demgegenüber ist nur zufälliges Konglomerat von Individuen, handlungsunfähiges und –unwilliges bloßes Objekt.“ Alles klar?

Übrigens: Wie allgemein bekannt, hat auch Bert Brecht mit diesem Wort „herumhantiert“. Hat er ein Nazi-Gedicht geschrieben – oder war er vielleicht selbst ein Nazi?

“Daß die VÖLKER nicht erbleichen / Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen / Uns wie andern VÖLKERN hin.
Und nicht über und nicht unter / Andern VÖLKERN wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen / Von der Oder bis zum Rhein.
Und weil wir dies Land verbessern / Lieben und beschirmen wir’s.
Und das liebste mag’s uns scheinen / So wie andern VÖLKERN ihrs.“

3.      Auch die Verwendung des Wortes „Vernichtungskrieg“ wirft mir der PDS-Kreisvorstand vor. „Uns wie Euch ist bekannt,  daß dieser Begriff in der Öffentlichkeit im allgemeinen nur im Zusammenhang mit dem wehrmachtlichen „Unternehmen Barbarossa“ und den mit diesem ‚Unternehmen’ einhergehenden Verbrechen der Wehrmacht verwendet wird.“

Meine ehemaligen Genossen irren: Die Bedeutung eines zusammengesetzten Wortes erklärt man zunächst aus der Bedeutung seiner Bestandteile. Somit ist ein „Vernichtungskrieg“ jeder Krieg, der „Vernichtung“ des Gegners zum Ziel hat. Die österreichische Zeitung „Der Standard“ zitiert Ariel Sharon mit einer seiner Ansprachen an das israelische VOLK mit Worten von „einem kompromisslosen Krieg, um diese Wilden auszurotten“. Sicher: wir können auch von einem „Ausrottungskrieg“ sprechen, wenn das jemand schöner findet als „Vernichtungskrieg“. Das Ziel bleibt gleich.

4.      Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Der Duisburger PDS-Kreisvorstand ermahnt mich wegen angeblich falscher Benutzung bestimmter Begriffe und geht dabei den Faschisten selbst auf den Leim: Er schreibt von „nationalsozialistischen Verbrechen“ und vergisst, dass dies nun wirklich ein Wort ist, dass Sozialisten nicht in den Mund nehmen sollen: „nationalsozialistisch“ ist nämlich weder national noch sozialistisch, sondern eine verschleiernde Bezeichnung für „faschistisch“.

Während meiner Mitgliedschaft in der PDS und in der Phase meiner aktiven politischen Arbeit unter der PDS-Fahne habe ich viele Menschen kennengelernt, die eine klare politische Meinung haben und sie auch entschieden vertreten. Manche von ihnen haben die PDS schon lange vor mir verlassen, manche sind immer noch dabei. Ihnen wünsche ich viel Erfolg in der weiteren Arbeit. Ich hoffe, wir werden auch weiterhin für unsere gemeinsamen Ziele gemeinsam kämpfen.

Hanna Ackermann

(Sprecherin des Vorstands der PDS Duisburg vom Nov. 1999 bis Nov. 2001)  

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