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 Der
sowjetische Schriftsteller Ilja Ehrenburg
entlarvt einen der schlimmsten Ausbeuter der damaligen Zeit, den Schuhfabrikanten Tomas
Bata
Egon
Erwin Kisch: Schuhwerk
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Ilja Ehrenburg:
Der
Schuhkönig Thomas Bata mehr
Bata
contra Ehrenburg
Zuschrift
der Firma Bata, Zlin mehr
Ehrenburg
contra Bata mehr
Über
Tomas Bata muss ich erzählen:
er kostete mich eine Menge Zeit.(Ilja Ehrenburg) mehr
Egon Erwin Kisch:
Schuhwerk mehr
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Ilja Ehrenburg:
Der
Schuhkönig Thomas Bata
Tage-Buch, 7. November 1931
Fords
Ideen waren ein Wagnis gewesen. Für viele schienen sie nur eine Utopie,
Ford aber hatte als erster begriffen, dass die Menschen es mit dem Leben
eilig haben, also Autos brauchen. Er wollte Luxus in eine Notwendigkeit
verwandeln. Ein Vierteljahrhundert später war er einer der reichsten
Menschen der Welt; das Auto hatte den ihm vorgeschriebenen Weg zurückgelegt
und war aus einer kühnen Erfindung ein lästiges und doch
unentbehrliches Detail des Alltags geworden.
Thomas
Bata, Sohn eines Bauernvolkes, 13 Jahre jünger als Ford, hat sich nie
durch gefährliche Phantasien berauschen lassen. Er wollte ganz sicher
gehen. Ohne Autos kann man im Leben auskommen, ohne Schuhe nicht. Er
rechnete sich aus, dass man für zwei Milliarden Menschen unseres
Planeten 4 Milliarden Paar Schuhe braucht, dass im Jahr aber nur 900
Millionen angefertigt werden. Die Wilden aber sterben aus oder ziehen
Schuhe an, nachdem sie unserer hohen Kultur teilhaftig geworden sind.
Die Zukunft ist gesichert, das Ziel ist klar - es müssen Schuhe
fabriziert werden auf die Art, wie Ford seine Autos fabriziert.
Bata
spricht nie von seinem Vorteil. Seine Aussprüche sind vornehm und
pathetisch wie die der Heiligen Schrift. Man braucht den Namen
irgendeines Schusters nicht zu kennen, aber jeder muss den selbstlosen
Menschenfreund und Träumer anerkennen. Es liegt Bata fern, Millionen zu
verdienen. Sein einziger Traum ist, die barfüßige Menschheit mit
Schuhen zu versorgen. Selbstverständlich verdient Bata auch dabei und
das ist ganz natürlich. Denn er sagt: "Wenn von den großen
Geistern einige in Armut gestorben sind, so nur deshalb, weil sie nicht
das waren, was sie zu sein schienen ."
"Bata"
- dieses kleine Wort hört man auf der ganzen Welt, in Japan so gut wie
in Dänemark, in der Türkei, in Algier und in Argentinien. Aber Batas
Macht ist sogar noch größer als sein Ruhm - in vielen Ländern
verkauft er seine Schuhe unter fremden Namen und umgeht auf diese Weise
den hinderlichen Zoll. Menschen, die nie von ihm gehört haben, tragen
seine Schuhe. Bata ist ehrgeizig, aber er gibt sich mit diesem anonymen
Werken [sic!] zufrieden, denn es führt ihn ja zum erwünschten Ziel: Er
versorgt die Menschheit mit Schuhen und wird reich dabei.
Vor
drei Jahren besuchte der Präsident der Tschechoslowakischen Republik
Batas Residenz, das Städtchen Zlin. Thomas Masaryk begrüßte Thomas
Bata: "Wohin ich auch komme - überall ist Bata! Ich habe das erst
unlängst in Brünn erfahren. Da zeigte man mir einen tausendjährigen
Mammut und darauf stand der Name "Bata".
Diese
Rede wurde durch Radio verbreitet. Emsig arbeiteten die Photographen,
und am nächsten Tage verschickte Bata überallhin Photos, auf denen der
Präsident der Republik zu sehen war, Herrn Bata begrüßend. Bata überreichte
dem Präsidenten ein paar Schuhe, und prompt verkündeten die
Telegraphendrähte den Amerikanern: der Präsident der Tschechoslowakei
trägt Bata-Schuhe.
Bata
ist erst 55 Jahre alt, aber er hat schon Anerkennung und Ruhm. Das Leben
dieses "großen Geistes" fing bescheiden an. Sein Vater war
ein Handwerker, der Hausschuhe machte. Der Junge lernte schlecht. Es
gelang ihm im Laufe von fünf Jahren nicht, die vier Spezies der
Arithmetik zu bewältigen. Dafür besaß er ein Sparkassenbuch, in das
er seine armseligen Kreuzer eintrug. Dieses Buch existiert noch heute,
und Bata zeigt es seinen Besuchern, als sei es sein erstes Gedicht. Der
Junge beschäftigte sich hauptsächlich mit Handel. Er fuhr in den Dörfern
Morawiens herum und bot die Hausschuhe seines Vaters feil. Mit 28 Jahren
fuhr er nach Amerika, arbeitete dort in Schuhfabriken und studierte die
Mentalität des Arbeiters. mit einem Wort, er versuchte dahinter zu kommen,
wie man Dollars verdient. Voller Ideen und Begeisterung kehrte er zurück,
und es gelang ihm, in Zlin eine Schuhwerkstatt zu eröffnen. Das Geschäft
ging nicht schlecht, aber von wirklichem Reichtum konnte keine Rede
sein.
Da
kam diesem Menschenfreund der Krieg zu Hilfe. Als Bata von der
Mobilisation erfuhr, beeilte er sich, nach Wien zu fahren. Er wollte
Aufträge und hatte Angst, zu spät zu kommen. Er bekam die Aufträge
der Regierung und lieferte Schuhwerk für die Österreich-ungarische Armee. Er war Patriot der Doppelmonarchie
und konnte befriedigt lächeln:
die Soldaten gingen ja zum Sieg in seinen Stiefeln! Die Stadt Zlin
verwandelte sich in ein Gefängnis: in Batas Fabriken arbeiteten
Kriegsgefangene und die eingezogenen Krüppel. Bata erteile Befehle und
setzte die Arbeiter für das kleinste Vergehen in Arrest. Sein liebster
Ausspruch war: "Drei Tage strenger Arrest." Das Ministerium
zahlte für die Stiefel, und Bata glaubte an den Sieg.
Unterdessen
näherte die österreich-ungarische Armee sich dem Abgrund. Bata geriet
auch dann nicht in Verlegenheit, als das Imperium zusammenkrachte. Er
entsann sich, dass er Tscheche sei und wurde sogleich zum tschechischen
Patrioten. Sollte er in Konkurs gehen, nur weil ein Schild und seine
Fahne sich geändert hatten?
Jetzt
kam die Zeit der friedlichen Arbeit. Und Herr Bata verkündete:
"Wir trocknen die Tränen von Millionen. Die Tränen jener Mütter,
deren größte Sorge es ist, ihre Kinder nicht barfuß zu wissen."
Dabei dachte er aber nicht an die Mütter, die über ihre in Tirol oder
Galizien gefallenen Söhne weinten. Nein, Bata weiß, dass Tote keine
Schuhe brauchten. Herr Bata lebt und seine Arbeit gilt den Lebenden. Äußerlich
ist der Mann, der seinen Namen auf einem tausendjährigen Mammut
verewigt hat, nicht besonders auffallend. Er ist ein ganz gewöhnlicher
mitteleuropäischer Bauer, der seine Einfalt und Naivität verloren und
nur die Bauernschläue sich bewahrt hat. Auf seiner Stirn sieht man eine
Narbe. Die Erinnerung an einen Zusammenstoß eines slawischen Schädels
mit einer amerikanischen Maschine. Bata ist unermüdlich in der Arbeit;
wenn er nicht dabei ist, Aphorismen zu prägen oder Abrechnungen
durchzusetzen, so steht er in der Fabrik im Arbeitskittel voller Öl.
Nie ruht er aus. Seine Gattin lehrte er Maschinenschreiben, um nachts im
Bett noch Briefe oder Sentenzen zu diktieren. Er kennt keine
Zerstreuung. Für die Kunst hat er nichts übrig. An die Mauern seiner
Fabrik ließ er den Spruch hängen: "Das Leben ist kein
Roman." Sogar das Essen ist ihm gleichgültig. Im gehen isst er ein
Linsengericht und kennt nur das eine: seine Schuhe. Vor fünf Jahren
produzierte seine Fabrik jährlich 3 Millionen Paar. Heute sind es 24
Millionen. Bata ist Schuhkönig geworden.
Seine
Thronbesteigung ist nicht so sehr mit den Besonderheiten des
menschlichen Geistes zu erklären als eher ethnographisch. Zlin befindet
sich in der Morawischen Slowakei. Das ist ein armes, elendes Stück
Land. Die Bauern dieser slowakischen Dörfer haben nicht nur ihre alte
Tracht behalten: Pluderhosen, operettenhafte Boleros und Schürzchen,
die die Männer tragen, sondern auch die alte Angst vor Herrschaft. Sie
haben vor dem Gerichtsvollzieher genauso viel Angst wie vor dem lieben
Gott. Und in der Slowakei gibt es viele arme Mütter, alten Aberglauben
und leere Mägen. Viele Burschen und Mädchen kommen zu Bata aus den
kleinen Dörfern, halbverhungert und analphabetisch, und sie kommen in
ein Königreich, in welchem Thomas Bata herrscht.
Offiziell
gehört Zlin zur Tschechoslowakischen Republik. In Wirklichkeit aber ist
es ein Reich für sich. Alles gehört hier Herrn Bata. Bata hat einen
Zweig der Eisenbahn gebaut. Bata hat einen eigenen Aerodrom und
FLugzeuge. Bata hat Wege gebaut und Häuser renoviert. In Zlin besitzt er
zwei eigene Zeitungen. In den Geschäften gehören alle Waren ihm, von
den Ford-Autos bis zu den Würstchen. Und obendrein ist Bata Bürgermeister,
freigewählt von seinen treuen Sklaven.
Batas
Macht reicht über die Grenzen von Zlin. Ein tschechischer Minister hat
versucht mit Bata zu kämpfen, gab es aber rechtzeitig auf. Denn Bata gewinnt unweigerlich alle Prozesse. Er duldet in Zlin keine
Gewerkschaftsbünde. Auf einem Plakat sagt er: "Ich erkenne nur
eine Organisation an, das ist mein Unternehmen." Die
Gewerkschaften sind in der Tschechoslowakei gesetzlich anerkannt, aber
Gesetze interessieren Herrn Bata wenig. Die Zeitungen sind von ihm abhängig,
da soundso viel tausend Kronen täglich von ihm für Annoncen ausgegeben
werden. Das Organ der Regierung ist gleichzeitig Batas Organ, und stolz
zeigt er eine Extraausgabe der "Prager Presse", die ihm
gewidmet ist. Sogar außerhalb der Grenze der Tschechoslowakei ist Bata
eine Art Diktator. Der deutsche Journalist Philipp hatte ein Buch über
Bata geschrieben, das nur Tatsachenmaterial enthielt: Dokumente,
Ziffern, Protokolle. Bata erreichte es, dass das Buch beschlagnahmt
wurde. In Jugoslawien brachte er Journalisten, die es gewagt hatten,
sein System zu kritisieren, zum Schweigen. Wahrhaftig, ein
Stiefel-Mussolini!
Wenn
Minister, Richter, Journalisten machtlos sind, was sollen dann gegen
Bata die unwissenden, unterdrückten Bauern Morawiens und der Slowakei
unternehmen?
Bata
fabriziert Schuhe am laufenden Band. Neben diesem laufenden Band stehen
die Arbeiter, der eine nimmt einen Nagel, der nächste schlägt mit dem
Hammer drauf. Und Bata passt auf, dass das Band sich immer schneller
fortbewegt. Noch unlängst kamen auf einen Arbeiter drei Paar Schuhe am
Tag - jetzt sind es vier Paar. Die Arbeitszeit in Batas Fabrik ist durch
keinerlei Formalität begrenzt. An den Wänden der Werkstätten hängt
ein Plakat: "Ich kenne keine Ausbeutung, ich kenne nur
Mitarbeiter." Batas Arbeiter wissen nicht, wie lange sie arbeiten,
sie wissen auch nicht, wie viel sie verdienen. Sie bekommen eine Aufgabe
- so und so viele Sohlen zu machen. Sie sind quasi die Mitinhaber des
Unternehmens. In Wirklichkeit sind sie immer gefährdet. Sie sind für
die Qualität des Rohmaterials verantwortlich. Drohend hängt über ihnen
das Wort "Strafe", Bata kann einen träumenden Arbeiter nicht
für fünf Tage ins Gefängnis stecken, wie er das während des Krieges
getan hatte, aber er zwingt ihn dafür, diese fünf Tage umsonst zu
arbeiten. Wie anderwärts, fängt die Arbeit auch hier um 7 Uhr morgens
an, aber die Sirene ist abgeschafft, und oft wird der Betrieb erst gegen
Mitternacht geschlossen. Die Arbeiter arbeiten 10, 12, ja 14 Stunden täglich.
Im Durchschnitt verdienen sie 1,90 Mark pro Tag, die jungen Mädchen
aber nur 1,25 Mark.
Mit
der Zahl seiner Lungenkranken steht Zlin in der Tschechoslowakei an
erster Stelle. Die Arbeiter sterben schnell. An ihre Stelle kommen aus
den Dörfern neue. Bata stellt junge Mädchen bis zu 19 Jahren an, Männer
bis zu 24 - er liebt die Jugend. Das Mittagsmahl essen die Arbeiter im
Stehen. Sie essen am laufenden Band. Es ist ja nur eine niedere Beschäftigung,
und die Arbeiter müssen sich beeilen, denn es harrt ihrer eine hohe
Mission: die Menschheit mit Schuhen zu versorgen. Während der Mahlzeit
spielt das Orchester einen Tusch oder Galopp.
Um
in der Fabrik angestellt zu werden, muss man zuvörderst einen
Fragebogen ausfüllen: "Wie viel wollen Sie im Laufe eines Jahres
ersparen? Was werden Sie mit Ihren Ersparnissen anfangen? Was haben Sie
in Ihrem Leben durchgemacht?" Jeder Arbeiter hat seinen Bogen, auf
dem alle Ereignisse seines Lebens eingetragen sind. Ob er Sliwowitz
trinkt, welche Zeitungen er liest, mit wem er ein Gspusi hat. Die
Arbeiter werden streng überwacht. Am Sonntag sah man eine Arbeiterin in
einem neuen Kleid. Die von Bata eingesetzte Kommission schätzte das
Kleid auf 300 Kronen. Das Mädchen verdiente aber wöchentlich nur 50
Kronen. Sofort wurde in dem Zimmer des Mädchens von der Polizei, die
die Kommission gerufen hatte, eine gründliche Haussuchung gemacht. Alle
Arbeiterinnen in Batas Betrieb müssen sich zweimal im Monat einer ärztlichen
Untersuchung unterziehen, wie Prostituierte. Bata ist für die
Vermehrung der zweibeinigen Tiere und gegen Aborte. Wenn ein Mädchen
sich in Zlin allein gegen 10 Uhr abends zeigt, so riskiert sie, von Batas
Leuten abgeführt und medizinisch untersucht zu erden. Arbeiter, die das fünfundzwanzigste Lebensjahr erreicht haben, müssen entweder
heiraten oder die Fabrik verlassen. Ohne die Erlaubnis von Bata dürfen
die Arbeiter weder lesen noch lieben noch spazieren gehen. So regiert
Thomas Bata, der Schuhkönig, seine zwanzigtausend Sklaven. Von Prag bis
Zlin ist es nicht weit, aber die Prager Humanisten ziehen es vor, gegen
die Sklaverei in Russland zu protestieren, da das ungefährlicher und
einträglicher ist.
Bata
ist ein guter Christ; seine Gattin spendet viel Geld zur Verschönerung
der nachbarlichen Kirche. In Batas Fabrik gibt es keinen einzigen Juden
(außer Herrn Eisler, den sich Herr Bata für seine Finanzoperationen hält).
Bata hatte eine Delegation der Deutschen Katholischen Zentrumspartei
nach Zlin eingeladen. Er wollte seine Ware nach Deutschland einführen.
Er vergaß dabei nicht das Seelenheil seiner Gäste. es war Fasttag und
Bata schickte ein Telegramm an den Bischof, mit der Bitte, seine Gäste
vom Fasten zu befreien. In Anbetracht der Umstände gab der Bischof die
Erlaubnis. Nach einem üppigen Mittagsmahl mussten Batas Gäste zugeben,
dass er ein Menschenfreund sei und dass Deutschland schwer ohne seine
Schuhe auskomme.
Bata
gehört keiner politischen Partei an. Er ist für alle Parteien in dem
Maße, in dem die Parteien für ihn sind. Das bezieht sich natürlich
nicht auf die "Verbrecher", als da sind Sozialisten und
Kommunisten. Während der Wahlen müssen die Arbeiter von Zlin einen
Fragebogen ausfüllen, in dem es heißt: Interessieren Sie sich für die
Wahlen? Was wissen Sie über die Kandidaten Ihres Bezirks? Wurden Sie
von den Vertretern der Opposition bearbeitet? Bata selbst, in seiner
Eigenschaft als Bürgermeister, verbietet den Sozialdemokraten und
Kommunisten, Wahlveranstaltungen abzuhalten. In den morawischen Dörfern
suchen die Agitatoren die Bauern zu bestechen, indem sie ihnen sagen:
Jetzt haben wir als Präsidenten Thomas Masaryk, später werden wir
einen anderen Thomas berufen, Thomas Bata. Ja, dieser Schuhmacher hat
hochgesteckte Ziele!
Bata
tyrannisiert nicht nur seine Arbeiter, sondern auch die Chefs seiner
Filialen. Er hält sie streng wie Soldaten. So müssen sie zum Beispiel
regelmäßig die Residenz des Satrapen besuchen. Die Fahrkarten müssen
die Abteilungschefs natürlich selber bezahlen. Es genügt aber, dass einer den Besuch eine Woche schwänzt, und er bekommt folgenden Brief:
"Sie werden mit einer Strafe von 300 Kronen belegt. Mit Gruß T.B."
Die Abteilungschefs müssen sparen, um ein Auto zu kaufen. Dieses Geld
bekommt Bata, da ja er es ist, der die Autos verkauft. Oder sie bekommen
eine Mitteilung, sie müssen das Porträt des "großen Mannes"
erwerben. Das Bild kostet ohne Rahmen 75 Kronen. Nach diesem Porträt
ist es die Photographie der Fabrik: 90 Kronen. Oder besondere Notizbücher:
das Stück 51 Kronen. Ein guter Wirt verachtet nichts! Die
Abteilungschefs erlegen hohe Kautionen, verdienen tun sie herzlich
wenig. Dabei nennt sie Bata "Mitglieder der Familie". Wie Bata
seine "Familienmitglieder" behandelt, kann man nach dem
Teplitzer Drama beurteilen. Eine Kommission des Herrn Bata hatte in den
Büchern des Teplitzer Abteilungsleiters, eines gewissen Hacek, Unregelmäßigkeiten
entdeckt. Trotz bedeutender Kaution wurde nicht nur Hacek, sondern auch
seine an der Sache völlig unbeteiligte Frau verhaftet.
Hacek
hatte Glück: ein anständiger Rechtsanwalt nahm sich dieser Sache an,
und der ganz unschuldige Mann wurde freigelassen. Seine Frau indessen
erhängte sich in ihrer Zelle, nachdem sie auf den Tisch die Worte
gekritzelt hatte: ich bin unschuldig.
Möglich,
dass Bata, als guter Christ, die unschuldige Frau bedauert hat. Aber was
tun? Arbeiter sterben, Frauen bringen sich um - dafür hat er, Bata, ein
hohes Ziel, die Versorgung der Menschheit mit Schuhen.
Bata
ist es gelungen, die Konkurrenz der deutschen Fabriken zu besiegen. Er
hat den Balkan, Holland, Skandinavien erobert. Er ist sogar nach England
durchgedrungen. Er verkauft seine Schuhe nach Asien und Afrika. In den
Vereinigten Staaten Amerikas hat er seine Filialen. Jetzt erobert er
methodisch und beharrlich Frankreich, indem er versucht, vom Westen aus
ins Innere des Landes vorzudringen. Er hatte es auch mit Russland versucht, auf indirektem Wege über Deutschland. Aber die
"Verbrecher", die an der Spitze dieses unmöglichen Landes
stehen, haben vor Batas genialem System nicht genügend Ehrfurcht
gehabt. Da wurde Bata böse. Er zeigte den Herren von der Presse gern
seine Fabrik, aber als ein sowjetrussischer Schriftsteller nach Zlin
kam, verkündete Bata pathetisch, er könne seine Fabrik nicht dem
Vertreter eines Landes zeigen, das nicht gewillt sei, seine Schuhe zu
kaufen.
Wie
jeder König versucht Bata sein Reich zu vergrößern. Er besitzt
Steinbrüche, Sägemühlen, Ziegeleien, er kauft Textilfabriken auf, Raffinierten, Schuhfabriken in allen Ländern, in Deutschland und
Amerika - sein Machtbereich ist groß. Er sagt: "Um Erdäpfel zu
buddeln, braucht man Zeitungen und Plakate, nicht Spaten." Alle Zäune
der Welt bedeckt er mit seinem Namen. Wenn nötig, kommt er als
bescheidener Bittsteller in die Redaktion einer einflussreichen deutschen Zeitung. Oder er spricht ganz nachlässig mit Diplomaten. er
scheut keine Zirkuseffekte. Während seiner reise nach Amerika, im
Abteil erster Klasse, zog er Zwirn und Ahle heraus und tat so, als nähe
er einen Schuh. Allgemeine Empörung der Mitreisenden über diesen
Proleten. Ein Skandal. Die Blätter voll davon. Aber für Bata sind es
so und so viele Spalten billiger Reklame. Sogar Angriffe versteht er als
Reklame auszunutzen. Als bekannt wurde, dass der vornehme tschechische
Reisende Fritz gezwungen war, Batas Schuhe nach drei Tagen
herauszuwerfen, schickte Bata ihm zwei Paar neue Schuhe und brachte das
ganze in die Zeitung. Bata bestellt sich nicht nur Zeitungsartikel, über
ihn werden ganze Bücher geschrieben, in denen er als Welterlöser und
Genie bezeichnet wird.
Bata
steht diesen Schriftstellern in gar nichts nach. Er selbst prägt nämlich
Aphorismen, die Kilometer von Mauern bedecken. Auch die Lohntüten der
Arbeiter tragen seine Sprüche. In Hunderten prangen diese Sprüchen in
den Schaufenstern des riesigen Palastes, den Bata in der vornehmsten
Straße Prags erbauen ließ. Schließlich hat er seine Aphorismen auch
in einem dicken Band gesammelt.
An den Wänden
der Werkstätten, in denen Arbeiter vor allzu schwerer Arbeit sterben,
hat Bata die Worte anbringen lassen: "Seid heiter!" Und auf
den Lohntüten kann man lesen: "Wollt Ihr Geld haben - so lernt es
zu verdienen." An den Toren der Fabrik, die täglich Tausende von
Menschen für eine sinnlose und stumpfe Fron verschlingt, steht
geschrieben: "Wenn wir nachdenken, werden wir auch ein Ziel
sehen." Für die Gesitteten: "Wir müssen unterscheiden
zwischen denen, die das Geld verzehrten und denen, die nur darauf warten
es zum Fenster herausschmeißen zu können." An die Jugend richtet
sich Bata mit den Worten: "Lest keine russischen Romane - sie
berauben Euch der Freude am Leben!" Und endlich für die
Menschheit: "Von meinen Schuhen kriegt man keine Hühneraugen! Ich
arbeite nicht für mich, sondern für euch." Jeden Morgen ertönen
in den Straßen der ganzen Welt Millionen von Schritten. Das sind die
Arbeiter, die zu ihrer Arbeit gehen, um Häuser zu bauen, Autos zu
machen, Wolle zu weben und Kanonen zu gießen. Ihr steter dumpfer
Schritt ist die Musik unseres bösen Alltags. Sie gehen zu ihrer Arbeit
in den Stiefeln von Bata und tragen an ihren Füßen den Fluch der
zwanzigtausend Sklaven und das königliche Insiegel Thomas Batas.
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Bata
contra Ehrenburg
Zuschrift
der Firma Bata, Zlin
Im
"Tage-Buch" vom 7. November hat Ilja Ehrenburg einen Artikel
"Der Schuhkönig Thomas Bata" veröffentlicht. Er hat Bata als
Erpresser und Ausbeuter dargestellt, dessen Siegeszug über die Leichen
der Arbeiter hinwegführe. Aber Ehrenburg kennt Thomas Bata nicht, kennt
nicht seine "20 000 Sklaven" und kennt nicht "die Hölle
von Zlin". Der Raum verbietet es, alle seine unrichtigen
Behauptungen detailliert zu widerlegen. Aber wenigstens das Krasseste richtig zu stellen, sind wir den Lesern des "Tage-Buch"
schuldig.
Ehrenburg
behauptet, dass Bata durch den Krieg groß geworden sei. Aber Bata beschäftigte
schon im Jahre 1914, vor dem Kriege, 2000 Leute. Nach dem Krieg, im
Jahre 1923, waren es nur noch 1800 Leute in vier Fabrikgebäuden. Erst
damals, während der schweren Wirtschaftskrise, welche für die
Tschechoslowakei weit fühlbarer war als die jetzige, einigte er sich
mit seinen Arbeitern auf eine Lösung, die dem tschechoslowakischen
Charakter mehr entspricht, als Fabriken zu schließen und der
Entwicklung untätig gegenüberzustehen. er mäßigte die Preise sämtlicher
Waren um 50%, die Löhne um 40%. Er mäßigte für seine Arbeiter aber
auch die Preise der Lebensmittel, die er für sie in Mengen beschaffte,
um 50%. Er verlor auf einen Schlag die Hälfte seines Vermögens. Aber
er brachte die Räder seiner Werkstätten in dem Augenblick in Schwung,
als sie gerade stillstehen wollten.
In
welcher Richtung er den Betrieb führt und welche Erfolge diese Führung
zeitigt, zeigen am besten folgende Zahlen: Die Arbeiterzahl hat sich von
1923 bis 1931 verfünfzehnfacht. Die Löhne sind um das 2 1/2fache
gestiegen. Die Schuhpreise sind auf den fünften Teil gesunken. Das
unternehmen hat sich von vier Gebäuden auf fünfzig vergrößert. Die
Produktion ist von 7000 auf 150 000 Paar täglich gestiegen.
Im
Jahre 1922 trat Thomas Bata mit einem Arbeitsprogramm vor seine
Mitarbeiter, wie man es einige Jahre später in Russland "Fünfjahresplan"
nannte. Nach diesem Programm sollten die Werke im Jahre 1930
hunderttausend Paar Schuhe täglich produzieren. Heute produzieren sie
150 000 Paar täglich. Ein gleiches Programm legte er den Bürgern der
Stadt Zlin vor in einer Zeit, als diese Stadt 4500 Einwohner hatte, als
keine Straßen, keine Wasserleitung, keine Elektrizität, kein Gas, kein
Krankenhaus, kein Park und überhaupt nichts vorhanden war, was eine
Stadt ausmacht. In seinem für zehn Jahre aufgestelltem Programm hat
Bata erklärt, dieses Dorf in eine Gartenstadt mit 50 000 Einwohnern zu
verwandeln. Heute, nach achtjähriger Arbeit, hat Zlin 28 000 Einwohner.
Zlin hat den kleinsten Prozentsatz von Sterbefällen und
Tuberkulosekranken in der ganzen Tschechoslowakei. Es hat den größten
Prozentsatz an Heiraten und Geburten. Die Volkswirtschaftler betrachten
dies als Zeichen des Wohlstandes.
Ehrenburg
behauptet, dass die Arbeiterinnen der Bata-Werke wie Prostituierte
behandelt, dass sie zwangsweise körperlich untersucht wurden, dass man
mit Hilfe der Polizei Mädchen in den Verdacht des Diebstahls bringe,
wenn sie ein neues Kleid tragen. Das alles ist ebenso unwahr, wie etwa
die Behauptung, dass Bata in allen seinen Betreiben keinen jüdischen
angestellten beschäftige, bis auf einen Herrn Eisler, der sein
Finanzminister sei. Es sei festgestellt, dass es in den Bata-Werken niemals einen Herrn Eisler gegeben hat,
dass Bata Hunderte von Juden
beschäftigt hat und noch beschäftigt, ja dass er der jüdischen
Gemeinde in Zlin in einem ihm gehörigen Hause einen Raum für den
Gottesdienst zur Verfügung gestellt hat und auf eigene Kosten
herrichten ließ. Auf der gleichen Stufe wie die angeführten
Behauptungen stehen die Nachrichten über das Mittagessen, das angeblich
stehend eingenommen wird, - "damit es schneller geht, spielt dazu
die Betriebsmusik nach Batas raffinierter Erfindung einen Galopp".
Tatsache ist, dass beide Speisesäle derartig eingerichtet sind, dass man anders als sitzend gar nicht essen kann.
Einen
Teil seiner Informationen übernahm Ehrenburg wahrscheinlich von dem
durch Bata populär gewordenen Journalisten Philipp, vor allem die Geschichte
über die von Bata angeblich "tyrannisierten"
Filialleiter, ferner die Behauptung, dass die Arbeiter von Zlin tag und
Nacht, 10 bis 12 bis 14 Stunden täglich, für den Lohn von 1,90 RM.
arbeiten. Zur Zeit der Kämpfe gegen und um Philipps Verleumdungen kam
der Sekretär des Internationalen Arbeitsamts in Genf, der
Schweizer Paul Devinat, studienhalber auf einige Wochen nach Zlin. er
hat dem Arbeitsamt einen Bericht eingereicht, den diese internationale
Behörde ihrerseits in Druck herausgab. Sie heißt: "Die
Arbeitsbedingungen in einem rationalisierten Betrieb", mit dem Untertitel:
"Das System Bata in seinen sozialen Auswirkungen". Einen
Abdruck stellen wir jedem Leser des "Tage-Buch" gerne zur Verfügung.
Dieser Bericht reicht zwar an die farbenfrohe Beschreibung Ehrenburgs
nicht heran. Er enthält aber z.B. die Konstatierung der wahren
Tatsache, dass die qualifizierten Arbeiter der Firma Bata bereits im
_Jahre 1928 wöchentlich durchschnittlich 480 Kc. = 60 RM. zuzüglich 90
Kc. = 11,25 R. Gewinnbeteiligung verdienten, also insgesamt 570 Kc. = 71,25
RM; und dass im Betriebe mit erfolg nicht nur die technische,
sondern auch die Verwaltungsrationalisation durchgeführt wurde durch Einführung
der Selbstverwaltung der Werkstätten und der planmäßigen
arbeit.
Zum
Schluss erwähnt Ehrenburg, dass Bata seinen Angestellten das politische
Leben unmöglich mache und keine Organisation dulde. Er soll dies
angeblich auf irgendeinem Plakat mit den Worten verkündet haben: "Ich
erkenne nur eine Organisation an, das ist mein Unternehmen." Herr
Ehrenburg wird nicht in der Lage sein, den Nachweis einer solchen Äußerung
oder eines solchen Plakates Batas zu führen. Falls Ehrenburg seine
Information von den Kandidaten der kommunistischen Partei in Zlin
bezogen hat, ist allerdings zu sagen, dass diese sicher erbittert sind;
denn sie erhielten bei den letzten Zliner Wahlen nur 202 Stimmen. Andere
Informationen würde er schon von der sozialdemokratischen Partei in
Zlin bekommen, für deren Wohnungsgenossenschaft Bata Grundstücke
besorgt hat und deren Anhänger er massenhaft in seinen Betrieben beschäftigt.
Bata sieht bei der Beurteilung eines Menschen nicht auf die Farbe der
politischen Richtung, der er angehört, sondern auf die Gewinn- und
Verlustrechnung und auf die Qualität seiner Arbeit, und danach zahlt
und handelt er. Und er wird in dieser Richtung fortfahren.
Es
ist schwer zu beurteilen, wieso Ilja Ehrenburg einen derartigen Artikel
über ein Unternehmen schreiben konnte, das er gar nicht gesehen hat. Im
Falle des Buches von Rudolf Philipp wurde der Sinn und Zweck dieses
Buches erst offenbar, als es auf der Internationalen Leder-Ausstellung
in Berlin verkauft wurde, wo es in den Auslagen der Konkurrenzgeschäfte
ausgestellt war und als Waffe in der Kampagne zur Einführung von Zöllen
gegen Batas billige Schuhe benutzt wurde. In diesem Sinne hat Philipps
Buch schon ungefähr ein Jahr lang ausgedient und ist in Vergessenheit
geraten. Sollte an seiner Stelle jetzt Ilja Ehrenburg die Rolle des
Retters der internationalen Leder- und Schuhzunft übernehmen?
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Ehrenburg
contra Bata
Das
"Tage-Buch" vom 7. November 1931 hat meinen Artikel "Der
Schuhkönig Thomas Bata" veröffentlicht, und die Firma Bata
hat im "Tage-Buch" vom 12. Dezember 1931 geantwortet.
Thomas
Bata wundert sich, dass ich einen Artikel über Zlin schreiben könne,
ohne es gesehen zu haben. Es steht aber fest, dass Ende Juni 1928 ein
gewisser Sowjet-Schriftsteller bei der Redaktion der Bata-Werke in Zlin
versprach, mit der Bitte, die Fabriken besichtigen zu dürfen. Die
Antwort lautete, dass es Thomas Bata leider unmöglich sei, einem
Schriftsteller des Volkes seine Betriebe zu zeigen, das ihm feindlich
gesinnt sei. Ich kann verstehen, dass Thomas Bata interessiert ist,
seine Fabriken keinem Sowjet-Schriftsteller zu zeigen; aber Thomas Bata muss
es auch verstehen, dass diese Schriftsteller an seiner sozialen Tätigkeit
sehr interessiert sind.
Thomas
Bata sagt, dass meine Informationen falsch seien und dass ich sie wohl
"von den Kandidaten der kommunistischen Partei in Zlin
bezogen" habe; "andere Informationen würde ich schon von der
sozialdemokratischen Partei bekommen" haben ... Der größte teil
der in meinem Artikel geschilderten Tatsachen über die Ausbeutung in
Zlin ist einem Bericht des Herrn Srb entnommen, Sekretär des
Syndikats der Lederarbeiter der Sozialdemokratischen Partei.
Die anderen Informationen stammen aus Büchern und Veröffentlichungen,
gegen die Bata entweder nicht protestiert hat oder die trotz seiner
Proteste und Berufungen von den kompetenten Instanzen als zu Recht
bestehend anerkannt wurden.
Ich
weiß, dass die Meinungen der Arbeiter, selbst wenn sie weit entfernt
sind, der kommunistischen Partei anzugehören, nicht als objektiv
angesehen werden. Deshalb begnüge ich mich damit, die Ausführungen des
Kammergerichts zu Berlin zu zitieren, des höchsten preußischen
Gerichts:
"...
dass im Unternehmen des Antragstellers (Batas) selbst die
gewichtigsten, im modernen Rechtsleben anerkannten sozialpolitischen Erwägungen,
die sich gegen die schrankenlose Ausnutzung der Machtüberlegenheit des
Unternehmers richten, keine Beachtung gefunden haben."
Das
Kammergericht stellt weiterhin zusammenfassend fest,
"dass
durch eine auf Äußerste gesteigerte Ausnutzung des ökonomischen
Machtelements, mit Hilfe eines 'psychologisch aufs klügste
durchdachten Systems' Erscheinungen gezeitigt werden, die sich - nach
dem Sprachgebrauch der 'Ausbeutungstheorie' - als stärkste
'Ausbeutung' der Arbeiterschaft darstellen."
Ich
glaube nicht, dass man das Kammergericht verdächtigen kann, dass es
seine Urteile irrtümlich zugunsten einer der prozessierenden Parteien
abgibt.
Thomas
Bata versucht glauben zu machen, dass ich an meinem Artikel über ihn
persönlich nicht uninteressiert sei und "die Rolle des Retters der
internationalen Schuhzunft übernehmen" wolle. Wahrscheinlich gibt
es für Thomas Bata nur zwei Gruppen, von Schriftstellern: die einen,
die in seinem Dienst stehen, und die anderen, die für die Konkurrenz
arbeiten. Ich erlaube mir aber, mich zu der dritten Gruppe zu zählen,
die weder im Dienste Batas noch seiner Konkurrenz steht, sondern im
Dienste derer arbeitet, die von allen beiden ausgebeutet werden. Ich
habe keinen Hass gegen Thomas Bata persönlich. Mich interessiert nur,
das neue Sklaventum aufzudecken, das sich unter demokratischem
Deckmantel verbirgt und für das Thomas Bata einer der typischsten
Organisatoren ist.
Thomas
Bata wagt, seine persönliche Bereicherung mit der heroischen Arbeit des
russischen Fünfjahresplans zu vergleichen. Der Unterschied ist nur der,
dass Batas Erfolg sich in der Erhöhung seines privaten Kapitals ausdrückt.
Der Erfolg des Fünfjahresplans jedoch ist die beginnende Befreiung
aller Menschen - Thomas Bata mit eingeschlossen - von dem, was im
Menschen niedrig und schal ist.
Im Grunde
bedaure ich Thomas Bata mit seinen Aphorismen, mit seinen Erfolgen und
seinem geräuschvollen Leben, das für mich traurig und leer ist.
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Über
Tomas Bata muss ich erzählen:
er kostete mich eine Menge Zeit.
Batas Privatflugzeug war startbereit.
Das Flugwetter war schlecht; der Pilot bat den Schuhkönig, zu warten.
Bata war nervös. Das Flugzeug stieg über Zlin auf und stürzte kurz
darauf ab.
Der Schuhkönig war der Sohn eines
kleinen Schusters. Er walzte durch die Dörfer und bot Schuhe feil. Dann
fuhr er nach Amerika und lernte dort allerhand. Dann brach der Krieg
aus. Bata belieferte die österreichisch-ungarische Armee mit Schuhwerk.
Die Stadt Zlin glich einem Gefängnis: In den Bata-Werken arbeiteten
Reservisten und Kriegsgefangene. Als der Frieden einzog, sagt Bata:
"Wir müssen die Tränen der Mütter trocknen, die ihre Kinder
beschuht sehen wollen." Er hatte überhaupt eine Schwäche für
Aphorismen. Als er Schuhkönig geworden war, schmückte er die Wände
der Werkhallen mit Losungen: Seien wir fröhlich - Man muss arbeiten,
man muss ein Ziel haben - Das Leben ist kein Roman. Auf den Lohntüten
stand geschrieben: Lernt, aus euerem Körper Geld zu machen. Einige der
Bataschen Aphorismen waren für den Verbraucher bestimmt. Ich entsinne
mich zweier nebeneinander prangender Aussprüche: Meine Schuhe machen
keine Hühneraugen, und: Lest keine russischen Romane, sie rauben euch
die Freude am Leben.
Als ich Bata um die
Erlaubnis bat,
sein Königreich besichtigen zu dürfen, erwiderte er: "Ich zeige
meine Fabriken nicht dem Vertreter einer fremden Macht." (Ich bekam
sein Reich trotzdem zu sehen.) Bata litt an Größenwahn: Er signierte
das Skelett eines Mammuts, er proklamierte einen "Fünfjahresplan
des Tomás Bata". Er ließ keine Gewerkschaften gelten und
organisierte seine eigene Polizei. Er bezahlte seine Arbeiter schlecht
und überschwemmte die Welt mit billigen Schuhen. Es gab keine Stadt, in
der nicht die vier Buchstaben BATA prangten. Er war katholisch und hasste
die Kommunisten.
Als Bata meine
Reportage
über die Zustände in Zlin las, bekam er einen Wutanfall und verklagte mich. Da der Aufsatz in
Deutschland erschienen war, musste ich mich vor einem deutschen Gericht
verantworten. Bata ließ die mir zustehenden Buch- und Filmhonorare
durch Gerichtsbeschluss sperren.
Bata liebte es, zu prozessieren. Er
brach gleich zwei Prozesse auf einmal gegen mich vom Zaun: einen Zivilprozess
und einen Strafprozess. Vor dem Zivilgericht verklagte er
von mir eine halbe Million Schadensersatz (niemals im Leben habe ich so
viel Geld gesehen). Durch das Strafverfahren wollte er erreichen, dass man mich wegen Diffamation ins Gefängnis steckt.
Bata engagierte gute Advokaten; auch
ich musste mich um einen Advokaten bemühen. Meine besten Verteidiger
waren aber die Arbeiter von Zlin. Sie schickten mir Dokumente und
Fotographien zu, die meine Behauptungen erhärteten. Die Arbeiter gaben
illegal die Zeitschrift "Batovák" heraus, wo sie die
grausamen Methoden des Schuhkönigs und die Willkürherrschaft seiner
Privatpolizei schilderten. Ich legte dem Gericht eine komplette Ausgabe
dieser Zeitschrift vor.
Batas Advokat erschien zur
Gerichtsverhandlung mit einer Übersetzung des "Julio Jurenito".
Er zitierte aus dem Roman, um meinen Zynismus zu beweisen, versicherte
dem Gericht, ich hätte nicht nur Kaninchen dressiert, sondern auch als
Kassier im öffentlichen Haus von Mister Cool gearbeitet. Der Advokat
berief sich außerdem auf die Aufsätze einiger Moskauer Kritiker:
"Sogar im kommunistischen Russland empöre man sich über die
Unsittlichkeit und Prinzipienlosigkeit dieses Menschen, der es gewagt
hat, den hochverehrten Tomás Bata zu verleumden!"
Das
Gericht bat beide Seiten um zusätzliche Unterlagen. Das Flugzeug Tomás
Batas zerschellte. In Deutschland kam Hitler an die Macht. Die Nazis
verbrannten meine Bücher und schlossen die Bata-Geschäfte. Was mein
recht bescheidenes Honorar anbelangt, das Bata hatte sperren lassen, so
fiel es nicht an seine Nachfolger, sondern an das Dritte Reich. (S.
693ff.)
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Egon Erwin Kisch:
Schuhwerk
Mehr als
ein Vierteljahrhundert haben Thomas Bata und sein Wirtschaftswunder die
Welt beschäftigt. Die Saga begann damit, dass ein mährischer
Pantoffelschuster Thomas Bata, Schwiegersohn des Horfats Dr. Kerzl,
seine Schuhfabrik in einer noch nicht dagewesenen Weise ausbaute, um die
österreichisch-ungarische Armee zu beschuhen. Hofrat Dr. Kerzl war der
Leibarzt Kaiser Franz Josephs, ein Mann im Dunkeln. Selbst in der
einzigen Anekdote, die man von ihm erzählte, blieb er nur ein stummes
Objekt. Laut dieser Anekdote soll Hofrat Dr. Kerzl einmal im Schlafanzug
ans Bett Kaiser Franz Josephs gestürzt sein, als dieser plötzlich
einen schweren Anfall erlitten hatte. Aber Franz Joseph habe ihn
weggewiesen, die Worte japsend: "Ziehen Sie sich zuerst den Frack
an."
In Wirklichkeit war Hofrat Dr. Kerzl der
Mann, der immer um den Kaiser war, Zahl, Art und Dauer der Audienzen und
Besuche bestimmte letzten Endes er. Er spielte am österreichischen
Kaiserhof etwa die Rolle, die hundert Jahre vorher der Dr. Struensee am
dänischen gespielt hatte. Aber Hofrat Dr. Kerzl, schlauer als Struensee,
spielte sie nicht öffentlich.
Wenn wirklich Hofrat Dr. Kerzl der
Schwiegervater jenes jungen Schusters war, dann konnte dieser kaum etwas
Geringeres werden als Lieferant der k. u. k. Armee, ein unbegrenzter
Millionär und Kaiser über alles Fußvolk in Uniform und Zivil.
Als nach dem Jahr 1918 Beziehungen zum österreichischen
Hofstaat zu etwas geworden waren, womit für einen Bürger der
tschechoslowakischen Republik kein Staat zu machen war, sagte sich Bata
von der angeblichen Verwandtschaft mit Hofrat Dr. Kerzl öffentlich los.
Seine Gattin sein eine geborene Mensik, Tochter des pensionierten
Regierungsrates Dr. Alexander Mensik. Damit wäre die plausible Erklärung
für den Aufstieg Batas in sich zusammengefallen, wenn sich nicht Gerüchte
erhalten hätten, dass die Familien Mensik und Kerzl verschwägert
seien.
Jedenfalls hatte Bata die Heereslieferung
in der Tasche gehabt, in der der Profit steckte, und kein Hindernis
stellte sich ihm in den Weg, als er seinen Schusterthron nun im
Nachfolgestaat aufschlug.
Seine Regierung (1915-1932) war die eines
Tyrannen, aber keinesfalls eines gewöhnlichen. Vor allem war er ein Mährer.
Hier möchte ich die von wenigen bemerkte Tatsache einschalten, dass Mähren
der Welt eine unverhältnismäßig große Zahl von Persönlichkeiten
geschenkt hat. Ohne den gemeinsamen Nenner dieser Größen zu bezeichnen
und ohne die geistige Nährkraft dieser Landschaft näher zu erklären,
setze ich einige weltumfassende Namen hierher: die Philosophen Comenius
und Thomas G. Masaryk; Gregor Mendel, den Entdecker der
Vererbungsgesetze, und den Empiriokritizisten Ernst Mach; Myslbeck, den
Bildhauer, und Uprka, den Maler; Palacký, den Historiker; Janacek, den
Komponisten, und Absalon, den Urzeitforscher; die Schauspielerinnen
Therese Kronos, Fritzi Massary und Leopoldine Konstantin, die
Schauspieler Eric von Strohheim und Max Pallenberg sowie zahllose
Dichter und Schriftsteller in tschechischer und deutscher Sprache, unter
denen Marie von Ebner-Schenbach, Petr Bezruc, Ottokar Brezina und Robert
Musil nicht vergessen seien. (Sigmund Freud, Gustav Mahler, Karl Kraus
stammen von der Grenze.)
In geistesgeschichtlicher Beziehung gehört
selbstverständlich Thomas Bata keineswegs in diese Kategorie. Er war
ein Kaufmann und Fabrikant, der die von Rathenau klassifizierte
Eigenschaft besaß, das Geldverdienen nicht als Ursinn seines Schaffens
anzusehen. Was er wollte, wollte er aus Machttrieb, was ihn peitschte,
war sein beinahe sportlicher Ehrgeiz eines Amateurs, und er verstieg
sich schließlich in dem des Akrobaten Zemganno, der seine Schwerkraft
überwinden will. Thomas Bata sah sich als Übermenschen und demgemäß
alle anderen als Untermenschen, er betrog sie ohne Hemmungen, er beutete
sie aus, traktierte seine Angestellten mit Fußtritten, schmiss unbedenklich seine Arbeiter aus Wohnung, aus Arbeit und -- aus dem
Leben.
Sogar das, was außerhalb seines
Fabrikbetriebs lag, zertrat der Bata-Schuh, der Absatz des Bata-Schuhs
erbarmungslos. In jedem böhmischen Dorf errichtete er eine Bata-Filiale,
und so gab es in Böhmen, Mähren, Schlesien und der Slowakei, ja in der
ganzen Welt kaum noch jemanden, dessen Handwerk es war, Schuhwerk zu
machen. Schuhe auf Maß gehörten der Geschichte an. Dem Schuster, der
bei seinem Leisten bleiben wollte, blieb zunächst nur die
Flickschusterei übrig. Zunächst. Denn schon schuf Bata sein Netz von Reparaturwerkstätten, und der Schusterstand, der fast so alt war wie
die Fußgängerei, endete jäh und buchstäblich durch Selbstmorde.
Wie wenig ließ Bata sich das anfechten!
Im Bata-Mausoleum von Zlín sieht man altertümliche Schusterwerkzeuge
ausgestellt. "Die erste Werkstatt Thomas Batas", steht darauf,
und ehrfürchtig-neidisch betrachteten die Besucher-Einkäufer aus der
Fremde ein so dukatenscheißerisches Inventar. Aber ein alter Genosse
aus dem Betrieb nahm mich zur Seite: "Das hat früher einem Mann in
Ostrau gehört. Schon sein Urgroßvater war dort Schuster gewesen. Als
er sich von Bata endgültig ruiniert sah, packte er alles in zwei Kisten
und lieferte es in der Bata-Fabrik ab 'für den Chef'. Dann sprang er
mit seiner Frau und zwei Kindern in die Ostrava. Thoma Bata bekam
gleichzeitig mit der Todesnachricht diesen Nachlas und schaute sich ihn
an. 'Lassen Sie das drüben mit der Aufschrift aufstellen, dass die
Werkzeuge aus meinen Anfängen sind.' Der hat Nerven gehabt, was?"
Die Befehle Thomas Batas waren unfehlbar,
über ihnen stand nur er selbst! So befahl er sich selbst und starb
daran: am 15. Juni 1932 bestand er darauf, in Nebel und Sturm
abzufliegen, obwohl der Pilot es schlotternd, weinend und flehend als
unmöglich erklärte. Drei Minuten später sauste das Flugzeug
und seine beiden Passagiere zerschmettert zu Boden ...
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