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Was
ist denn das Christentum? Antwort: Wie
jede andere Religion Menschenwerk. Der Mensch, der auf seiner
niedrigen Bildungsstufe keine klare Vorstellung von der Natur und
den Naturereignissen, die ihm bald nützten, bald ihn schädigten,
besitzen konnte, der keinen Begriff von seiner eignen Stellung als
Mensch besaß, schrieb alles Unverstandene, das um ihn vorging, übersinnlichen
Wesen zu, welche die für ihn unbegreiflichen Erscheinungen nach
Laune und Willkür hervorriefen und deren Gunst er folglich, um sie
sich geneigt und freundlich gesinnt zu erhalten, durch Bitten,
Gebete, Zeremonien und Opfer zu erlangen suchte.
August
Bebel (1873) |
Christentum
und Sozialismus
Eine
religiöse Polemik zwischen Herrn Kaplan Hohoff in Hüffe und August Bebel
(1873/74)
(Antwort
August Bebel)
Separatabdruck
aus dem „Volksstaat“ von 1873/74. Hier wiedergegeben nach dem Heft 3
der „Große Agitationsbibliothek“, der Verlagsgesellschaft „Der
Freidenker“, 1929.
Quelle:
Freidenker.de
Mein
Herr!
Sie
haben in Nr. 9 ein Schreiben veröffentlicht, worin Sie als ein „Diener
der Kirche“ sich gegen die Angriffe zu verteidigen suchen, welche ich in
der von mir herausgegebenen Broschüre: „Die parlamentarische Tätigkeit
des Deutschen Reichstags usw.“ gegen die Kirche und die Religion überhaupt
erhoben habe. Ihre Verteidigung erheischt eine Antwort, und zwar von mir
als Verfasser jener Broschüre. Erfolgte diese nicht eher, so wollen Sie
dies durch ein längeres Unwohlsein entschuldigen, das mich am Schreiben
verhinderte, und fällt sie etwas länger aus, so mögen Sie daraus schließen,
daß ich Ihre Einwände für wichtig und bedeutend genug hielt, um sie
in einer längeren Ausführung zu widerlegen.
Sie
fühlen sich durch einige Stellen meiner Broschüre persönlich
getroffen und verletzt, wozu Sie, wie Sie bei nochmaligem Durchlesen
derselben vielleicht selber zugeben werden, keine Ursache haben. Ich habe
kirchliche Personen nicht angegriffen, ich habe nirgends bestritten, daß
es unter den „Dienern der Kirche auch eine Anzahl gäbe, die aus
innigster, ehrlichster Überzeugung ihrem Berufe obliegen“; ich konnte
dies um so weniger, als ich einigermaßen die Präparanden-Anstalten
kenne, welche bestimmt sind, junge, unbefangene und noch unwissende Gemüter
zum „Dienste der Kirche“ zurechtzukneten und zu erziehen. Ich gehe
noch weiter: ich gebe zu, daß es Tausende von Männern gibt, selbst auf
vorgeschrittener Bildungsstufe, welche mit Leib und Seele der Kirche und
ihren Lehren ergeben sind, daß es Tausende und aber Tausende gibt und
Millionen gegeben hat, welche durch große Opfer aller Art sich ihr
Seelenheil bei der Kirche zu erkaufen suchten. Aber was beweist das
gegen die von mir entwickelten und hier in Frage stehenden Ansichten?
Einfach nichts, absolut nichts. Dieselbe Opferwilligkeit, Selbstpeinigung
und Askese, derselbe fanatische Glaube, mit welchem Millionen Menschen an
dem Christentum gehangen haben und noch hängen, alle diese Eigenschaften
haben Millionen Anhänger des Judentums, der Lehren des Buddha, des
Confucius, des Muhammed bewiesen, sie alle können mit demselben Recht wie
Sie auf die Erfolge ihrer Religion, auf die Opfer ihrer Gläubigen
hinweisen.
Wollte
man statistisch feststellen, in welcher Religion Millionen von Menschen am
eifrigsten geglaubt und gestrebt, die größte Entsagung, die größte
Selbstpeinigung, die größte Aufopferung stattgefunden hat, es unterläge
keinem Zweifel, die Religion des Buddha würde in allen Beziehungen den
Katholizismus und das Christentum überhaupt übertreffen.
Nach
Ihrer Auffassung des Wertes der Religion müßte also eigentlich der
Buddhaismus die wahre und wirkliche Religion sein und ich mich einer großen
Sünde schuldig machen, wenn ich erklärte, daß trotz alledem der
Buddhaismus so gut wie das Christentum die Menschenentwicklung zur
Freiheit und Selbständigkeit nur gehindert und unterdrückt hat. Sie
selbst aber sind genötigt, kraft der Lehren Ihrer Kirche den Buddhaismus
als falsch, verkehrt, ketzerisch zu betrachten, obgleich sich mit
Leichtigkeit nachweisen läßt, daß, was Moral und Sittenstrenge
betrifft, der Buddhaismus nicht nur dem Christentum vollständig ebenbürtig
ist, sondern die Moralsätze, viele christliche Gebräuche und Dogmen aus
dem älteren Buddhaismus in das 400 Jahre jüngere Christentum herübergenommen
sind.
Und
hier kommen wir auf den Hauptkern der Frage. Was ist denn das Christentum?
Antwort: Wie jede andere Religion Menschenwerk. Der Mensch, der auf seiner
niedrigen Bildungsstufe keine klare Vorstellung von der Natur und den
Naturereignissen, die ihm bald nützten, bald ihn schädigten, besitzen
konnte, der keinen Begriff von seiner eignen Stellung als Mensch besaß,
schrieb alles Unverstandene, das um ihn vorging, übersinnlichen Wesen zu,
welche die für ihn unbegreiflichen Erscheinungen nach Laune und Willkür
hervorriefen und deren Gunst er folglich, um sie sich geneigt und
freundlich gesinnt zu erhalten, durch Bitten, Gebete, Zeremonien und Opfer
zu erlangen suchte. Je nach dem Bildungszustand der Völker, der
Bodenbeschaffenheit, dem Klima usw. nahmen die unverstandenen
Naturgewalten als übersinnliche Wesen verschiedene Eigenschaften und
Gestalten an. Demgemäß bildete sich auch die Verehrungsweise, die, da
die Formen bald sehr kompliziert und verwickelt wurden, von pünktlicher
und gewissenhafter Befolgung der religiösen Gebräuche aber Erfolg oder
Nichterfolg bei den höchsten Wesen abhing, Männern übertragen wurden,
die sich ausschließlich mit den religiösen Bedürfnissen befaßten. Da
man naturgemäß aber hierzu nur die Klügsten und Gewandtesten nahm,
wurden diese später auch die Herrschenden. So entstand die Priesterklasse
die es bei allen Völkern der Welt verstanden hat, in kurzer Zeit ihre
Macht immer mehr auszudehnen, indem sie den Völkern den Glauben von ihrer
Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit immer stärker einzuflößen suchte und,
um dies zu können, von vornherein jeder Aufklärung und
Weiterentwicklung des Menschen entgegentreten mußte. Zu der Unkenntnis
der Natur und der Naturerscheinungen kamen noch Peinigungen und
Gewaltsamkeiten
der eigenen Herrscher oder fremder Völker und Herrscher, die schon frühzeitig
als selbstverdiente Strafen für begangenes Unrecht angesehen wurden und
das Bedürfnis nach religiösen Übungen nur verstärkten. Häufig auch außerstande,
das Joch der Eroberer und Vergewaltiger aus eigener Kraft abzuschütteln,
entwickelte sich die Hoffnung auf einen überirdischen Helfer, einen
Messias, der zum Lohne für treue Verehrung der höchsten Wesen erscheinen
und das Volk befreien werde. Diese und ähnliche Ideen, die bei fast allen
Völkern mehr oder weniger ausgeprägt vorhanden waren, hatten in ganz
besonderer Weise infolge der historischen Entwicklung der kleinasiatischen
und der angrenzenden afrikanischen Völker im Judentum Platz gegriffen,
aus dem später das Christentum entstand. Und dieses trat keineswegs als
eine fertige und abgeschlossene Religion, wie man uns so gern zu lehren
pflegt, auf die Bühne, sondern entwickelte sich erst allmählich zu einem
Religionsgebäude, dessen Brauchbarkeit für die Unterdrückung der
Menschheit sehr bald von den herrschenden Klassen der damaligen Zeit
erkannt wurde. Das Christentum ist so wenig der „göttlichen
Offenbarung“ entsprossen wie die von mir vorhin bezeichneten Religionen,
deren Stifter mit der gleichen Entschiedenheit ihre göttliche Sendung
betonten, wie dies vom mythischen Stifter der christlichen Religion
geschehen sein soll und wie Hunderte von Millionen Anhänger beweisen,
welche die Glaubenslehren des Buddha, Confucius und Muhammed gefunden
haben, mit demselben, ja teilweise fanatischeren Glauben an ihre
Wahrhaftigkeit.
Ich
habe nicht, wie Sie von sich behaupten, die philosophischen Systeme von
Sokrates und Pythagoras bis auf Schopenhauer, Feuerbach, Lassalle und Marx
geprüft — wobei ich bemerken will, daß es den beiden letzteren nie
eingefallen ist, ein philosophisches System aufzustellen, sie haben
Praktischeres getan, und daß ein philosophisches System des Sokrates
nicht existiert, denn Sokrates hat auch nicht eine Zeile hinterlassen,
sondern was wir über seine Ansichten wissen, wissen wir durch seine Schüler,
namentlich Plato, der ihn auch in seinem Hauptwerk „Der Staat“ als
Hauptperson im Dialog einführt. Die philosophischen Systeme des Sokrates,
Lassalle und Marx dürfen Sie also aus Ihrem Wissensschatze streichen. —
Aber ich habe mich ein bißchen mit Kulturgeschichte und
Naturwissenschaften beschäftigt und danach gefunden, daß für ein denkfähiges
und mit den Forschungen und Entdeckungen der Naturwissenschaft einigermaßen
vertrautes Hirn es recht schwer sein muß, an das Christentum als das
„Beste und Vollkommenste“ zu glauben. Die Tatsachen allein, welche die
neuere Naturwissenschaft über die Entstehung und das Alter der Erde, über
die Entstehung und Entwicklung der Menschen in unwiderleglicher Weise
feststellt, rauben dem Christentum den Boden, auf dem es steht, und
bringen es zu Falle. Auch muß Ihnen so gut wie mir bekannt sein, daß die
Gründungs- und Entwicklungsgeschichte des Christentums von nichts weniger
als göttlicher Abstammung zeugt, daß Zank, Hader, Streit, gegenseitige
Verfolgungssucht unter den ersten Christen schon in der abscheulichsten
Weise sich breit machten, in allen diesen „Tugenden“ aber jene
vorangingen, welche als „Lehrer und Diener der Kirche“ mit dem
entgegengesetzten Beispiel hätten vorangehen sollen.
Christus
selbst, dessen Existenz sehr nebelhaft, von dessen Lehren und Reden auch
nicht ein von ihm selbst geschriebenes Wort vorhanden ist, wurde erst später,
nach seinem Tode, als Gottmensch verehrt. Jahrhunderte lang wütete der
Streit darüber, ob Christus Gott gleich oder nur Gott ähnlich sei;
erst im Jahre 325 wurde auf der Kirchenversammlung zu Nicäa, wo es wie
auf dem polnischen Reichstag herging und die Vertreter der beiderseitigen
Richtungen in der Christenheit in Ermangelung von Gründen sich mit Vorwürfen
und gegenseitigen Beschimpfungen bedienten, und als das nicht mehr ziehen
wollte, eine gründliche Prügelei vornahmen, die Zweieinigkeit von Gott
und Christus endgültig festgestellt. Die christlichen Lämmerhirten
hatten das Bedürfnis, eine feststehende Ansicht über das Verhältnis von
Christus zu Gott zu schaffen, weil der Streit unter den Priestern auch die
Lämmer ergriff und viele der Gescheiteren und Denkenden stutzig machen mußte.
So war der erste große Schritt zur Begründung der christlichen Kirche,
d. h. zur Leithammelei der Massen im Sinne der christlichen Priester und
herrschenden Klasse geschehen.
Im
Widerspruch mit den Christen des Abendlandes hatte sich unter den Christen
des Morgenlandes aber die Ansicht von einer Dreiheit des Gottes, wie sie
in älteren Religionen sich ebenfalls gebildet hatte, entwickelt. Damit
drohte eine neue Gefahr der Kirche, und so ward denn eilig, 56 Jahre später,
im Jahre 381, auf der Kirchenversammlung zu Konstantinopel aus der
Zweieinigkeit eine Dreieinigkeit geschaffen und der heilige Geist als
Dritter im Bunde hinzugefügt Das ist die sehr weltliche Geschichte der göttlichen
Dreieinigkeit, des höchsten Dogmas der christlichen Kirche. Sie werden
zugeben, Herr Kaplan, daß rein menschliche Vorgänge, wie die hier
geschilderten, sehr schlecht geeignet sind, den Glauben an die Göttlichkeit
des Christentums zu befestigen, und daß es sich eben nur aus der großen
Umbildung der damaligen Zeit und der Unkenntnis, welche der Mensch über
seine Beziehungen zu Welt und Natur und Naturereignissen hatte, und
leider noch hat, erklären läßt, daß ein so zusammengebrauter Glaube
Millionen Anhänger gefunden hat. Millionen Anhänger, die bis auf den
heutigen Tag nur möglich waren, weil die so von den Kirchenversammlungen
zusammengestellten, zusammengestrittenen und zusammengezankten Dogmen
von Kirchen und Staats wegen der Menschheit als „göttliche
Offenbarungen“ eingebläut und schon mit der Muttermilch eingesogen
wurden. Wenn es passiert, daß in der zweiten Hälfte des 19, Jahrhunderts
noch Hunderttausende von Köpfen sich über das neu ausgeheckte Dogma von
der Unfehlbarkeit des Papstes erhitzen, darf man sich nicht wundern, wie
fast zwei Jahrtausende lang ein großer Teil der Menschheit an die göttliche
Abstammung und Offenbarung des Christentums glauben konnte.
Wie
die heilige Dreieinigkeit erst durch die Priesterschaft geschaffen wurde,
so erging es genau dem Heiligendienst. In den ersten Jahrhunderten wurden
keine Bilder in den Kirchen gelitten, ja die Kirchenversammlung zu Elvira
verbot sogar feierlichst, „die Gegenstände der Verehrung und Anbetung
an den Wänden abzumalen“. Eusebius und Chrysostomus, zwei berühmte
Kirchenväter, die um 390 nach Christi lebten, bezeichneten den
Bildergebrauch als Götzendienst, und doch ist später die
Heiligenanbetung und der Bilder- und Reliquiendienst in der christlichen
Kirche so schlimm wie unter den schlimmsten „Heiden“ getrieben worden
und wird heute noch in der katholischen Kirche als Kultus gepflegt.
Der
so viel bedeutende Rosenkranz ist eine Nachahmung desselben Gebrauchs bei
den alten Ägyptern, also „Heiden“, dieselbe Einrichtung besteht in
dem älteren Buddhaglauben.
Die
Kindertaufe war von alters her bei morgenländischen und teutonischen Völkern
gebräuchlich gewesen; erst im vierten Jahrhundert wurde sie von den
christlichen Priestern eingeführt, heute wird sie den Gläubigen als
„ein von Gott eingesetztes Sakrament“ bezeichnet und gelehrt. Das
Abendmahl, welches nur eine Verchristlichung des bei den Juden gebräuchlichen
Passahfestes ist, erhielt ebenfalls erst später seine jetzige Bedeutung.
Das Nicäasche Glaubensbekenntnis, 325 nach Christi, enthält noch kein
Wort davon. Das Passahfest der Juden ward später die christliche Ostern.
Der
Teufelsglaube, der im Christentum eine so große Rolle spielt, namentlich
im Protestantismus kultiviert wurde und im 16. und 17. Jahrhundert die
Ursache der schauderhaften Hexenverbrennungen war, ist älteren
„heidnischen“ Religionen entnommen.
Der
Glaube an das Fortleben nach dem Tode ist eine nichts weniger als
christliche Idee; er war vorhanden bei allen auf höherer Kulturstufe
stehenden Völkern des Altertums und ist vom Christentum einfach
aufgenommen und nach seiner Weise zubereitet und ausgebildet worden. Das
gleiche gilt in bezug auf das sogenannte Weltgericht oder den „jüngsten
Tag“, der in den „heiligen“ Schriften der Perser lange vor Christi
Geburt bereits Erwähnung findet.
Die
Erlösung der Menschheit durch einen Gesandten des höchsten Wesens, wie
sie im Christentum dem Stifter desselben zugeschrieben wird, ist ebenfalls
keine christliche Besonderheit; sie wurde von Buddha im 4. Jahrhundert vor
Christi, ebenso von Zoroaster gelehrt, und selbst Sokrates deutet auf sie
hin.
Wie
ich hier bereits die wichtigsten Dogmen und Gebräuche, auf denen das
ganze Christentum beruht, einfach als aus dem „Heidentum“ herübergenommen
nachgewiesen habe, so kann Gleiches mit den Formen des christlichen,
speziell des katholischen Gottesdienstes geschehen. Überall zeigt sich
die Nachahmung des Heidentums, nirgends eine Spur von selbständigen,
originalen Ideen. Der Opfertisch der Griechen und Römer, die alle hier zu
erwähnenden Einrichtungen wieder dem Ägyptertum entnommen hatten, ward
der christliche Altar, der Rednerstuhl wurde die christliche Kanzel;
Farben und Formen der Priesterkleider sind wesentlich dieselben wie bei
den Priestern der alten Ägypter, die Farben des ägyptischen Tag-Osiris,
Rot und Weiß, und die langen Röcke der unbehosten Ägypter werden noch
heute von den christlichen Priestern der verschiedenen Konfessionen
getragen; der Krummstab des richtenden Osiris ging über den Krummstab des
christlichen Bischofs; aus der gehörnten Kopfbedeckung der Priester des
Nacht-Osiris wurden die christlichen Priesterhüte, und sogar die Tonsur
der katholischen Priester ist dem ägyptischen Gottesdienst entnommen, sie
versinnbildlichte das Bild des strahlenden Sonnengotts Osiris. Weihwasser,
Räucherungen und Salben, der Kelch, Musik, Gesang, Niederknien zum Gebet,
Verbeugung vor dem Allerheiligsten, die Wechselgesänge und Reden zwischen
Priester und Gemeinde alles Gottesdienstformeln, die heute noch,
namentlich in der katholischen Kirche, eine so große Rolle spielen, sind
ohne Außnahme dem heidnischen Gottesdienste entlehnt
Ebenso
ward das Geburtsfest des Sonnenkindes, zur Zeit der kürzesten Tage,
umgewandelt in den Geburtstag Jesu. Das Fest des altsemitischen
Feuergottes im Sommer ward christliches Johannesfest; das syrische
Herbstfest, bei den Juden Laubhütten ward Michaelisfest.
Die
Ähnlichkeit heidnischer und christlicher Religionssitten geht noch
weiter. Der jüngere Sonnengott der Ägypter entsprach genau der späteren
Darstellung des christlichen Jesu. Das geneigte Haupt, das wallende Haar,
das milde Antlitz, der Strahlenkreis um das Haupt und die segenspendenden
Hände waren bei jenem wie bei diesem. Isis, die Himmelsgöttin der Ägypter,
mit dem Sonnenkinde entsprach genau der christlichen Mutter Gottes mit
Strahlen- oder Sternenkranz und dem Christuskinde auf dem Arm oder im Schoß
usw.
So
ist alles im Christentum heidnischer Abstammung, das Christentum selbst
nichts als Heidentum, d. h. eine Religion wie alle anderen Religionen
auch: Menschenwerk, nichts mehr und nichts weniger, sich entwickelnd und
gestaltend, je nachdem die Sitten, Gewohnheiten und die alten Religionen
eines Volkes, unter denen es sich Bahn brach, es notwendig machten. Wie in
Armenien der Haupttempel der Mondgöttin Artemis durch Beseitigung ihrer
Bildsäule in einen Christentempel umgeschaffen, in Ephesus der heidnische
Dianentempel dem Sankt Johannis geweiht ward, so wird noch heutigentags in
der Peterskirche in Rom einem bronzenen Jupiter der Fuß geküßt, weil
die Geistlichkeit behauptet, er stelle den heiligen Petrus vor.
Man
rühmt dem Christentum so gern nach, daß es sich vor anderen Religionen
dadurch auszeichnet, daß es den Eingott-Glauben einführte — der eine
Gott aber doch wieder in der Dreiheit vereinigt und umgekehrt —, eine für
den gesunden Menschenverstand unfaßbare Möglichkeit. Aber auch das ist
nur Mythe. Bei den Juden war schon 500 Jahre vor Christi die heilige
Dreieinigkeit im einigen Gott vereinigt, und derselbe Glaube war viele
Jahrhunderte vor Christi bei den Ägyptern vorhanden. Im heidnischen
Inder- und Ägyptertum ist überhaupt jedes christliche Dogma, jeder
christliche Kirchengebrauch Jahrhunderte lang vor Christi Geburt vorhanden
gewesen, so daß man mit vollem Recht sagen kann, das Christentum ist
nichts als der Abklatsch der Religion dieser beiden ältesten Kulturländer.
Wie
nun Dogmen und Gebräuche der christlichen Kirche nichts weniger als
„Gottes Werk“ sind, so ist dasselbe bei der Schrift der Fall, auf
welche das ganze Christentum sich stützt Die Bibel ist das verwirrteste
Buch, welches existiert, ein Buch so voller Ungereimtheiten und Widersprüche,
daß es in der ganzen Christenheit bis auf den heutigen Tag nie zwei
Menschen gegeben hat, welche vollständig übereinstimmend sie ausgelegt
und verstanden hätten. Wer einigermaßen die Entstehungsgeschichte
dieses „heiligen“ Buches kennt, wird sich darüber freilich nicht
wundern.
Die
Verworrenheit, die Unklarheit und die Widersprüche der Bibel oder der
sogenannten heiligen Schrift waren es, die von jeher den Grund zu den
verschiedenartigsten Sekten innerhalb der christlichen Kirche gelegt
haben. Eine Verworrenheit, welche die katholische wie die evangelische
Kirche längst in lauter Sekten aufgelöst haben würde, wenn nicht die
Priester- und die Staatsgewalt die Rechtgläubigkeit an den einmal
aufgestellten Lehren mit Gewalt aufrechterhalten hätte.
Darum
handelt die katholische Kirche von ihrem Standpunkte aus ganz korrekt,
wenn sie das Lesen der Bibel den Laien verbietet. Konnten die Gelehrten über
sie nicht einig werden, wie sollte das dem einfachen gesunden
Menschenverstande möglich sein? Kein Buch in der Welt hat denn auch mehr
Menschen ins Irrenhaus gebracht wie die Bibel. Die armen Grübler suchten,
was nicht darin stand, und wenn sie glaubten, eine Wahrheit entdeckt zu
haben, kam eine andere Stelle und zieh sie des Irrtums. Das ist allerdings
zum Verrücktwerden!
Die
Bibel ist natürlich nicht „Gottes Wort“, sie ist nicht von denen
geschrieben, deren Namen sie in der Buch- oder Kapitelbezeichnung trägt;
die Bibel ist einfach eine Zusammenstellung von Schriften der
verschiedensten Männer, deren Verfasser zum größten Teil sogar dem
Namen nach nicht einmal bekannt sind und in verschiedenen Zeitaltern
gelebt haben. Die Verschiedenheit dieser Schriften war es, die in den
ersten Jahrhunderten des Christentums die furchtbarsten Streitigkeiten über
deren Deutung und Echtheit hervorrief, so daß es nur nach und nach den
Kirchen-Versammlungen möglich war, eine Einheit zu schaffen, indem sie,
ohne Rücksicht auf Echtheit oder Unechtheit, eine Masse von Schriften,
die in die neuen Verhältnisse nicht mehr paßten, unterdrückten,
beseitigten oder verschiedene unter einem gemeinsamen Titel vereinigten.
So kam nach jahrhundertelangem Streit und Kampf unsere Bibel als
„unfehlbares Glaubensbuch“ und „Gottes Wort“ zustande, an deren
Wahrhaftigkeit und Richtigkeit zu zweifeln vor noch nicht gar langer Zeit
selbst von Staats wegen als Kardinalverbrechen galt.
Genaue
Forschungen haben ergeben, daß keine einzige der vorhandenen Abschriften
von Evangelien und Apostelbriefen älter ist als das 4. Jahrhundert nach
Christi. Man fand, daß viele wichtige Stellen des Alten und des Neuen
Testaments spärliche Einschaltungen sind, also von beliebigen Verfassern
beliebig eingeschoben, von der leitenden Priesterschaft nach Wunsch und
Interesse ausgelegt und dem gutmütigen Volke als „Gottes Wort“
aufgeschwatzt werden. Die Vergleichung aller vorhandenen Handschriften
der Bibel hat mehr als 50000 Abweichungen ergeben, von denen sehr viele
den bezüglichen Stellen einen wesentlich andern Sinn geben, und
trotzalledem ist die Bibel „Gottes Wort“, an dem nicht gerührt und
getastet werden soll.
Sie
werden zugeben, Herr Kaplan, daß, wenn alle philosophischen Systeme den
Glauben an die Göttlichkeit des Christentums nicht erschüttern sollen
können, derartige feststehende Tatsachen geeignet sind, nach dem bis
hierher Ausgeführten aber auch begreifen, daß ich nicht nur ein Gegner
des Katholizismus, sondern jeder Religion sein muß, weil nach meiner
festen Überzeugung die Religion nur da Geltung haben kann, wo Unwissenheit
über die menschliche Entwicklung wie Unbekanntschaft mit den Forschungen
der Geschichte und Naturwissenschaft besteht, welch letztere, wie schon
angedeutet, die ganze Schöpfungs- und Menschenentwicklungsgeschichte, wie
sie die Bibel lehrt, einfach auf den Kopf stellt. Vom
naturwissenschaftlichen Standpunkte die Unhaltbarkeit der Religion weiter
darzutun, würde mich zu weit führen. Lesen Sie Schriften, wie die von
Haeckel, L. Büchner, Karl Vogt, Radenhausen („Isis. Der Mensch und die
Welt“), Kolb (Kulturgeschichte) und andre, und bringen diese bei Ihnen
ebenfalls nicht fertig, was das angebliche Studium aller philosophischen
Systeme von Pythagoras bis Feuerbach und Schopenhauer bei Ihnen nicht
fertiggebracht hat, dann zweifle ich an Ihrer klaren Denkfähigkeit, und
ich wäre wohl gezwungen, Sie unter die „überspannten Schwärmer“ zu
rechnen.
Wie
stehen wir jetzt zueinander? Ich habe nachgewiesen, daß der Katholizismus
respektive das Christentum weder das „Beste“ noch das
„Vollkommenste“ ist, sondern nicht besser und vollkommener wie andre
Religionen auch, d. h. höchst mangelhaft und unvollkommen, und daß seine
Beseitigung vom Standpunkte des Fortschritts der Menschheit recht bald zu
wünschen ist. Aber die Moral des Christentums! rufen Sie aus. Die Moral,
lieber Herr, hat mit dem Christentum und der Religion überhaupt gar
nichts zu schaffen; die Moral ist universell, wenn auch verschieden nach
dem jeweiligen Bildungszustand der Völker. Bei allen Völkern haben sich
bestimmte Regeln über die Beziehungen von Mensch zu Mensch
herausgebildet, deren Aufrechterhaltung im Interesse aller als allgemein
notwendig anerkannt wird. Keine Gesellschaft kann ohne solche Regeln
bestehen; ihre Übertretung gilt als unmoralisch und wird oft bloß durch
die Kundgabe von Unzufriedenheit von seiten Dritter, oft aber auch noch
durch materielle und physische Strafen, vollzogen durch die die Gesellschaft
vertretende Autorität, an dem Übeltäter heimgesucht. Wie verschieden
selbst innerhalb der katholischen Kirche gewisse Einrichtungen
beurteilt, von dem einen Teil als moralisch und in der Ordnung, von dem
andern als unmoralisch und darum verabscheuungswürdig angesehen werden, mögen
zwei Beispiele zeigen. Daß eine Ehe auch ohne priesterlichen Segen ihre
volle Gültigkeit habe, findet der katholische Franzose ganz in der
Ordnung, der gut katholische Deutsche betrachtet sie als Konkubinat, also
etwas sehr Unmoralisches. Die absolute Trennung der Kirche vom Staat
findet der katholische Nordamerikaner selbstverständlich, viele deutsche
Katholiken sehen sie als eine schmähliche Preisgabe der Kirche seitens
des Staates an. Die Gebote der Nächstenliebe aber, die Gebote der
allgemeinen Menschenliebe, der Gleichheit aller Menschen, der
gegenseitigen Duldung, diese Lehren sind ohne Ausnahme im Buddhaismus wie
im Mohammedanismus enthalten; sie sind theoretisch bei allen Völkern von
einiger Kultur anerkannt und werden bei Indern, Chinesen, Persern und
Arabern auch mehr praktisch gehandhabt wie im Christentum, das alle diese
schönen Dinge erst für das „künftige“ Leben durchführen will. Die
Religion der Liebe, die christliche, ist seit mehr als 18 Jahrhunderten
gegen alle Andersdenkenden eine Religion des Hasses, der Verfolgung, der
Unterdrückung gewesen. Keine Religion der Welt hat der Menschheit mehr
Blut und Tränen gekostet wie sie, keine hat mehr zu Verbrechen der scheußlichsten
Art Veranlassung gegeben, und wenn es sich um Krieg und Massenmord
handelt, sind die Priester aller christlichen Konfessionen noch heute
bereit, ihren Segen zu geben und hebt die Priesterschaft der einen Nation
gegen die feindlich ihr gegenüberstehende Nation flehend die Hände um
Vernichtung des Gegners, zu ein und demselben Gott, dem Gott der Liebe,
empor.
Wenn
heute die Kirche in dem früheren Maße nicht mehr unterdrückt, dann sind
nicht die Priester und die Diener der Kirche daran schuld, sondern der
allgemeine menschliche Fortschritt, der trotz Priester und Kirche und
gegen Priester und Kirche erkämpft worden ist. Sie sagen, was die Diener
der Religion getan, kann der Religion selbst nicht zum Vorwurf gemacht
werden. Aber, Verehrter, wenn die Priester nicht als Ausnahme, sondern als
Regel von den ältesten Zeiten bis auf den heutigen Tag nicht auf die
Moralgrundsätze der Religion — die, ich betone es noch einmal, mit der
Religion selbst durchaus keinen ausschließlichen Zusammenhang haben —
achteten, sondern Tag für Tag dagegen sündigen, was ist denn eine solche
Religion wert? Die eifrigsten Gläubigen haben aber, wenn sie auch
glaubten, Gutes zu tun, am meisten der Menschheit geschadet, denn sie
haben jedes Rütteln an den Dogmen als Ketzerei, jedes Bezweifeln der
Grundlagen der Religion als Kardinalverbrechen angesehen und mit Feuer
und Schwert dagegen gewütet. Die Kreuzzüge, die zahllosen
Religionsverfolgungen, die Inquisition, die Judenverfolgungen, die
Hexenprozesse, in denen Hunderttausende von Menschen dem blinden Wahn
geopfert wurden, sind von fanatischen Priestern hervorgerufen und geschürt,
von den Klugen und Kaltblütigen unter ihnen für Ausbreitung der Macht
der Kirche — die ihre Macht war — und des Raubes wegen unterstützt
worden.
Das
Christentum ist freiheits- und kulturfeindlich. Durch seine Lehre vom
passiven Gehorsam gegen die „von Gott eingesetzte“ Obrigkeit, sein
Predigen zur Duldung und Ergebung im Leiden, verknüpft mit dem Hinweis,
daß für alle Beschwerden hienieden die Seligkeit im jenseitigen Leben
entschädigen werde, hat es die Menschheit von ihrem Zwecke, sich nach
allen Richtungen zu vervollkommnen, nach ihrer höchsten Entwicklung zu
streben und der gewonnenen Güter sich zu freuen und sie zu genießen,
abgezogen. Es hat die Menschheit in der Knechtschaft und Unterdrückung
gehalten und bis auf den heutigen Tag sich zum Werkzeug politischer und
sozialer Ausbeutung hergegeben. Nach dem Sturz der griechischen und römischen
Kultur hat das Christentum mehr als 1000 Jahre in Europa geherrscht, und
die dickste Unwissenheit und Barbarei lastete auf den Völkern. Spanien,
das unter der Herrschaft der „heidnischen“ Mauren in Ackerbau,
Gewerbe, Künsten und Wissenschaften den höchsten Blütepunkt erreichte
und in Wohlstand schwamm, in dem zu jener Zeit — also unter den
heidnischen Mauren oder Arabern — Christen und Juden eine Toleranz
genossen, wie sie in unsern modernen Kulturstaaten kaum oder erst seit
kurzem für die Juden besteht, ward, als christliche Waffen die Mauren
verdrängten und das Christentum die Alleinherrschaft hatte, eine Stätte
des Fanatismus und religiöser Verfolgungssucht. Die blühendsten Städte
und Gegenden wurden verwüstet, der Glanz arabischer Wissenschaft zerstört
und das Land auf jenen tiefstehenden Kultur- und Bildungszustand gebracht,
aus dem es sich bis heute noch nicht erholt hat. Die Wissenschaft und der
Fortschritt, welche im 12. Jahrhundert in Italien, im 15. Jahrhundert
auch in Deutschland sich zu regen begannen, waren nicht die Folge des
Christentums, sondern des Studiums der heidnischen altklassischen
Literatur, die aus dem Staub und Moder, in die sie unter der Christenherrschaft
gelangt war, hervorgeholt wurde und den kirchlichen Anfechtungen und
Verfolgungen zum Trotz in immer weitere Kreise drang und die Menschheit
auf die Bahnen des Fortschritts führte.
Das
Leben und die Tätigkeit der hohen wie der niederen Geistlichkeit aller
Jahrhunderte lief schnurstracks den Lehren entgegen, die sie für andre
lehrte. Die Religion war nur Mittel zum Zweck, um die Herrschaft über die
Massen auszuüben und mehr und mehr zu befestigen.
Wie
weitsehende und berühmte Männer der verschiedensten Zeiten die Religion
nur als Mittel zum Zweck — der politischen Herrschaft — betrachteten
(Aristoteles, Macchiavelli), habe ich schon in meiner Broschüre erwähnt;
es ist nicht überflüssig, Äußerungen und Taten einiger kirchlicher
Autoritäten gleichfalls anzuführen. Der Bischof Synesius erklärte 410
n. Ch. Geb.: „Das Volk will durchaus, daß man es täusche, man kann auf
andere Weise gar nicht mit ihm verkehren. ... Ich meinesteils werde stets
Philosoph sein für mich, aber Priester“ — was in diesem Falle doch
wohl Betrüger hieß — „in bezug auf das Volk“. Und ebenso schrieb
Gregor von Nazians an den Hieronymus: „Es bedarf nichts als Geschwätz,
um beim Volke Eindruck zu machen. Je weniger es begreift, deste mehr
bewundert es. Unsre Väter und Lehrer haben oft nicht das gesagt, was sie
dachten, sondern was ihnen die Umstände und das Bedürfnis in den Mund
legten.“ Zur Zeit als Papst Julius II. (1475 bis 1513) regierte,
existierte am römischen Hofe ein Leben, das an Ausschweifung,
Liederlichkeit und Religionsverspottung das denkbar Mögliche leistete.
Als eines Tages aus dem frommen Deutschland große Geldsendungen ankamen,
sprach der Papst zu einem seiner Kardinäle die denkwürdigen Worte:
„Gelt Bruder, die Fabel von Jesus Christus ist einträglich.“ Wie der
französische Gesandte die Moral des Papstes Paul III., im 16.
Jahrhundert, beurteilte, geht aus folgender Stelle eines Briefes an seinen
Hof hervor: „Der Papst und seine Minister (Kardinäle) haben euch bisher
in jeglicher Weise hintergangen; jetzt suchen sie es durch Heuchelei und Lügen
zu decken und eine wahre Niederträchtigkeit daraus zu machen.“ Papst
Paul VI. rief, um gegen die gut katholischen Spanier zu kämpfen, nicht
bloß die Protestanten zu Hilfe, sondern forderte sogar den „Erbfeind“
der Christen, die Türken, auf, das spanische Sizilien und Neapel zu überfallen.
Papst Alexander VI. lebte mit seiner eignen Tochter, der berüchtigten
Lukretia Borgia, in Blutschande. Als er einst sieben Kardinäle bei einem
Gastmahl vergiften wollte, verstanden diese es, den Koch zu bestechen und
ließen ihn nebst seinem Sohn, den er neben der Tochter besaß, obgleich
er im Zölibat lebte, vergiften.
Hunderte
und Tausende von Schandtaten der Geistlichkeit ließen sich hier noch
anreihen; die vorgeführten mögen genügen.
Sie
bestreiten zwar meine Angabe, daß Staat und Kirche sich jederzeit brüderlich
verständigt, wenn es sich um die Ausbeutung des Volkes gehandelt, als
richtig, vergessen aber den Beweis zu führen.
Wenn
irgendein Staat verpflichtet war, das Bild eines christlichen
Musterstaates zu geben, war es der Kirchenstaat, der unmittelbar unter
der Regierung des Papstes und der höchsten Geistlichkeit stand; und
welches Bild hat uns der Kirchenstaat bis zum letzten Tage seines
Bestandes geliefert? Das traurigste, das in Europa sich auftreiben ließe.
Eine schmählich vernachlässigte, in Aberglauben und Unwissenheit
versunkene Bevölkerung; die Arbeit geschändet und unterdrückt,
dagegen herrschend die unverschämteste Bettelei und die großartigste
Massenarmut Die Verbrecherstatistik schlimmer wie in irgendeinem Staate
der Welt, die Öffentliche Unsicherheit sprichwörtlich, die Staatsverwaltung
die liederlichste, die existierte, und das Gebot der christlichen Nächstenliebe,
das sich doch zunächst in der Toleranz gegen Andersgläubige zeigen müßte,
mit Füßen getreten. Das war der christliche Musterstaat. In allen
Staaten Europas, wo Vertreter der Kirche, einerlei ob protestantische oder
katholische, in der Staatsleitung, in der Volksvertretung ein Wort
mitzusprechen haben, überall ist ihr Einfluß auf Zurückhaltung und Stärkung
der volksfeindlichen Staatsgewalt bedacht Und wenn im Augenblick
Deutschland in bezug auf die katholische Priesterschaft eine Ausnahme zu
machen scheint, so scheint dieses auch nur der Fall zu sein. Eine Politik,
wie sie unkluger von keinem Staatsmann der herrschenden Klassen je geführt
wurde, hat die katholische Geistlichkeit in die Stellung der Unterdrückten
gebracht, und diese Stellung einzig und allein ist es, welche sie
veranlaßt, heute Forderungen zu vertreten, die sie in der umgekehrten
Lage nimmer stellen oder gutheißen wurde. Welche Stellung die Leiter und
bewußten Vertreter des Katholizismus — denn die Geleiteten wie die
unklaren Köpfe kommen nicht in Betracht — vor wenig Jahren noch in
Bayern, in Preußen und anderwärts einnahmen, ist hinlänglich bekannt;
sie standen stets auf der Rechten, der äußersten Rechten sogar, wie dies
im Augenblick tatsächlich noch in Österreich und namentlich auch in
Frankreich der Fall ist und in Deutschland in Bälde wieder sein wird. Darüber
täuschen wir uns also nicht. Kann es denn anders sein? Der Fortschritt
der Menschheit bedingt, daß allem Vorrecht und aller Herrschaft der Krieg
erklärt wird; die Kirche übt eine nicht geringere Herrschaft auf das
Volk aus wie der Staat. Auf der Autorität und dem blinden Glauben
beruhend, muß sie alles bekämpfen, was diese zu untergraben trachtet,
also das Wissen und die Bildung, wie sie der Sozialismus erstrebt. Der
Sozialismus, der das reine Volks- und Menschentum ist, welcher die
Moralhetze, welche der Kirche seit 18 Jahrhunderten kaum mehr als Aushängeschild
für die Unterdrückung und Ausbeutung der Massen gedient haben, in der
Wirklichkeit zur Geltung bringen will; der die allgemeine Gleichheit, die
allgemeine Menschenliebe, das allgemeine Glück nicht verwirklichen will,
weil ein Buddha, ein Jesus, ein Mohammed sie gepredigt, sondern weil es
Ziele und Ideale sind, nach denen die Menschheit unter allen Zonen, allen
Staats-, allen Religionsverfassungen bewußt oder instinktiv gestrebt hat,
und denen sie zugestrebt haben würde, wenn es auch keinen Buddha, keinen
Christus, keinen Mohammed gegeben hätte. Diese haben vielmehr, indem sie
die Erde als ein Jammertal darstellten, die Entbehrung und Enthaltsamkeit
predigten und die Menschheit auf ein künftiges Leben, das nicht
existiert, verwiesen, dem menschlichen Streben die schlimmsten Fesseln
angelegt und den menschlichen Fortschritt gehemmt.
Das
Gute, das während der Herrschaft des Christentums entstanden, gehört ihm
nicht, und das viele Üble und Schlimme, das es gebracht, das wollen wir
nicht, das ist mit zwei Worten unser Standpunkt.
Und
nun werden Sie vielleicht einsehen, Herr Kaplan, wie himmelweit
verschieden unser Streben von dem des Katholizismus, des Christentums ist.
Ihre Bischöfe, Ihre Domherren, Ihre Grafen, Barone und Bourgeois, die als
Leiter an der Spitze der katholischen Bewegung stehen, das sind nicht
unsre Männer; die wollen die Gleichheit und das Glück der Menschen nicht
denn sonst müßten sie ihre bevorrechtete Stellung, wenn nicht aufgeben,
so doch benutzen, um der von ihnen angeblich erstrebten Wohlfahrt der
Menschen zum Siege zu verhelfen. Aber sie sind die Hauptverteidiger der
Vorrechte, der Standes- und Klassenherrschaft, sie wollen nicht die
Gerechtigkeit, sondern die Mildtätigkeit, nicht die Gleichheit, sondern
die demütige Unterwerfung, nicht das Wissen, sondern den Glauben. Und während
das Volk nach menschenwürdiger Existenz und dem Ertrage seiner Mühe und
Arbeit strebt und verlangt, predigen sie ihm die Zufriedenheit und vertrösten
es auf den Himmel, sie selbst aber leben in Herrlichkeit und Freude und
genießen die Früchte der Arbeit andrer. Das katholische Volk, das diesen
Männern folgt, das gehört zu uns, und dieses hoffen wir eines Tages
noch, wenn auch ihm die Augen aufgehen, auf unsre Seite zu ziehen. Treten
dann die ausgebeuteten und unterdrückten niederen katholischen
Geistlichen, deren Proletarierstellung Sie so vortrefflich schildern, mit
in unsre Reihen, gut, sie sollen uns willkommen sein; Sie werden dann
finden, daß das ideale Streben, daß Sie vergeblich in Ihrer Kirche zu
verwirklichen suchten, in unsern Reihen und durch uns verwirklicht wird,
und daß wir eine bessere Aufgabe für Sie haben, als die Verrichtung
leerer Formeln einer Religion, die bisher nur, wie jede andre, ein
Hemmschuh des wahren Fortschritts der Menschheit war. Sie, Herr Kaplan,
sind schlechter gestellt, nach Ihrem eignen Geständnis, als ein Lakai
oder eine Kammerjungfer, und führen ein Leben wie der niedrigste
Proletarier; der Bischof aber lebt wie ein großer Herr und bezieht die
Einkünfte und Ehren eines solchen. Will das Christentum, wie Sie sagen,
dasselbe wie der Sozialismus, wie kann es dann ein solches System der
Standesunterschiede und der Ungleichheit aufrechterhalten und als „von
Gott geschaffene Einrichtung“ verteidigen? Kann eine solche Religion
unsre Achtung und unsern Beifall finden? Oder muten Sie uns zu, daß wir
auf die allgemeine Wohlfahrt und das möglichst hohe Glück aller Menschen
warten sollen, bis eine Religion, die seit bald 19 Jahrhunderten besteht
und bis heute nicht einmal ihre eignen Priester zu ihren angeblichen
Grundsätzen bekehrt hat, es uns bringt? Da könnten wir bis in alle
Ewigkeit warten, und das menschliche Leben ist kurz. Nein, nein! Suchen
Sie noch so eifrig zwischen der Kirche und angeblich „einzelnen“ ihrer
Diener einen Unterschied zu machen, es wird und kann Ihnen nicht gelingen.
Was Sie als Ausnahme hinzustellen suchen, ist Regel und Prinzip, und Ihre
Regel die Ausnahme. Sie wissen aber, daß die Ausnahme nie die Regel
aufhebt.
Es
ist mir also nicht möglich, Ihrer Ansicht mich anzuschließen, wonach
das Christentum dasselbe erstreben soll wie der Sozialismus. Christentum
und Sozialismus stehen sich gegenüber wie Feuer und Wasser. Der
sogenannte gute Kern im Christentum, den Sie, aber ich nicht darin finde,
ist nicht christlich, sondern allgemein menschlich, und was das
Christentum eigentlich bildet, der Lehren- und Dogmenkram, ist der
Menschheit feindlich. Ich überlasse es Ihnen, wie Sie sich in diesem
Widerspruch Ihrer Theorie mit der Praxis zurechtfinden wollen.
Der
Verfasser der Broschüre: „Die parlamentarische Tätigkeit des
Deutschen Reichstags und der Landlage und die Sozialdemokratie“ Leipzig,
im Februar 1874.
Fussnoten
[1]
Redewendungen, die auf Rechnung der damaligen Streitigkeiten zwischen den
beiden sozialdemokratischen Richtungen zu setzen sind D.H.
[2]
Redewendungen, die auf Rechnung der damaligen Streitigkeiten zwischen den
beiden sozialdemokratischen Richtungen zu setzen sind D.H.
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