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Der zwölfte Zwölfte Achtzig

Kinder, Kinder, so schön war die Zeit, als die Autonomen geboren wurden

von Dr. Seltsam

Quelle: jungeWelt vom 12.12.2005

»Der Zwölftezwölfte war in meinem Leben der Dosenöffner; innerhalb kurzer Zeit bekam ich sowohl eine klare Richtung als auch einen Raketenantrieb verpaßt.« So beschreibt eine Aktivistin diesen ersten Kreuzberger Kampftag in dem Szenereader »Autonome in Bewegung« der AG Grauwacke (d.i. Pflasterstein-Material). »Ich lernte den Unterschied zwischen Reden und Tun, zwischen Zuschauen und Mitmachen. Die Explosion der (alltäglichen) politischen Bemühung zur machtvollen Bewegung, die mich gleichzeitig sozialisierte, war etwas, was vermutlich so nur einmal im Leben passiert.«

Es gab schon Anzeichen, daß das Jahr 1980 in Berlin nicht so friedvoll enden würde, wie es der korrupte SPD-Senat (Garski-Affäre u.a.) erträumte. Bereits am 6. Mai hatte es in Bremen eine neuartige Randale gegen das Rekrutengelöbnis im Bremer Weserstadion gegeben, dessen Ausgang wegen der unerwarteten Militanz der jungen schwarz vermummten Angreifer als linker Sieg gewertet wurde. Dasselbe am 12. 11. in Bonn; beim Protest gegen F. J. Strauß in Hamburg trieb die Polizei Olaf Ritzmann in den Tod unter der S-Bahn, in Frankfurt, Freiburg und sogar im braven Zürich gab es Unruhen, »Züri brännt« hieß das dann. Die Wut über die sinnlos brutale Räumung des Anti-Atom-Dorfes in Gorleben (4.6.) war unter den Vertriebenen noch frisch und nachhaltig. Nun war Berlin am Zug. Hier war bereits zaghaft und unbemerkt eine Handvoll Wohnungen besetzt worden, die Herrschaft der Abrißbirne und der Baumafia aber war noch ungebrochen.

Am Freitag morgen, dem 12.12.80, sperrte Polizei das Haus Fraenkelufer 48 und jagte die Leute in brutaler Weise am Kanal entlang. Das ganze Wochenende lang gab es immer wieder aufflammende Straßenschlachten, Menschenjagd, splitternde Schaufenster, Plünderungen und die Besetzung ganzer Häuser. Hunderte Menschen wurden verletzt. In der Weltpresse erschien das Foto eines Polizeibeamten, der mit einem meterlangen Stock einen am Boden liegenden Wehrlosen mitten auf dem Kudamm offenbar totschlagen will: Das Gespenst vom 2. Juni 67: Ein Kripomann hatte damals einen Studenten abgeknallt. Darüber hinaus hinaus setzte 1980 eine sogenannte Wanne, ein Polizeimannschaftswagen, der so nur in Berlin im Einsatz war, zurück und fuhr gegen einen Blumenkübel – und zerquetschte die Beine von Rüdiger Haese, der auf dem Kübel gesessen hatte. Insgesamt verhaftete die Polizei 28 Leute. Danach demonstierten Tausende, es bildeten sich Patengemeinschaften von Prominenten, die die Besetzter schützen wollten, und der Ermittlungsausschuß, den es bis heute gibt. Nach einem Vierteljahr waren schließlich 167 Häuser in Westberlin besetzt. Die Polizei hatte mit ihrem Bürgerkrieg binnen weniger Tage eine neue politisch militant staatsfeindliche und antikapitalistische Bewegung geschaffen.

Der zwölfte Dezember 1980 gilt als Geburtsstunde der militanten »Autonomen«, die die Straßenkämpfe etwa ein Jahrzehnt lang beherrschten. Bis bis zum Anschluß der DDR, in deren Wirren die unabhängige Linke merkwürdigerweise mit unterging, obwohl sie mit dem »Staatssozialismus« nichts am Hut hatte. Der Begriff »Autonome« stammte von den italienischen Linksradikalen, deren autonomia operaria eine revolutionäre Arbeiterbewegung propagierten, die sich gegen die Kompromißlinie der Gewerkschaftsbosse organisierte und die auch mit der anpasserischen Haltung der Parteikommunisten nichts zu tun haben wollte. Genauso fühlten sich die deutschen Autonomen von der offiziellen Politik wie von den organisierten KP-Sekten gleich weit entfernt und verraten. Das machte ihre Stärke aus, bis zuletzt blickte der Staatsschutz nicht durch, wer dazugehörte. Das war aber auch ihre Schwäche: Außer mit dem von ihnen geförderten meist dünnbrettbohrenden »Antistalinismus« haben die Autonomen keine nachhaltige Wirkung erreicht, keine Struktur, keine Organisation, keine Nachfolger, keine Erben. Schon ein Jahrzehnt früher war »Streetfighting man« eine schöne Musik – und ein schöner Traum.

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