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Berlinale 2005

„Dazu bietet „Sophie Scholl“ die genaue Kehrseite: Dort der ohnmächtige Hitler, hier die ohnmächtige Bekennerin, und wir alle sind nur Spielzeuge in Gottes Hand und können nie nichts ändern. Vom Design her Kammerspiel statt Kriegsverbrechen, frommer Mut statt kluger Taktik, Papier statt Gewalt: Zum Heulen. Auch der Bundespräsident, ein kulturell depravierter (von der Gesellschaft verformt, Red. K-online)  Sparkassenleiter, weinte bei diesem Film, laut SPIEGEL 10/05, weil er am Hinrichtungstag Sophie Scholls geboren wurde, was er vorher nicht gewußt hat.“

Antifa-Filme auf der Berlinale 6.3.2005

Von Dr. Seltsam

Wie jedes Jahr war ich für eine Blinden-Sprechzeitung auf dem Filmfest akkreditiert und habe mir dabei gezielt Filmbeiträge angesehen, von denen ich eine antifaschistische Grundhaltung erwartet habe. Einer der Preisträgerfilme war „Sophie Scholl“ aus deutscher Produktion, - so war er denn auch! Der Regisseur ist der Sohn von Beate Uhse, das Team war zum Teil identisch mit dem des Hitlerfilms „Der Untergang“, den Neonazis in Gruppen besuchen und lauthals Beifall grölen bei den antisemitischen Tiraden des „Führers“. Bei der heute vorherrschenden niedrigen politischen Bildung der meisten jungen PISA-Deutschen hat der „Untergang“ trotz der hohen Schauspielkunst von Bruno Ganz den fatalen Effekt, daß unbedarfte Zuschauer am Ende Mitleid mit dem armen Hitler empfinden, der leider nicht mehr dazu gekommen ist, seine Lebenspläne zu verwirklichen (siehe unten die Anmerkung!). Dazu bietet „Sophie Scholl“ die genaue Kehrseite: Dort der ohnmächtige Hitler, hier die ohnmächtige Bekennerin, und wir alle sind nur Spielzeuge in Gottes Hand und können nie nichts ändern. Vom Design her Kammerspiel statt Kriegsverbrechen, frommer Mut statt kluger Taktik, Papier statt Gewalt: Zum Heulen. Auch der Bundespräsident, ein kulturell depravierter (von der Gesellschaft verformt, Red. K-online) Sparkassenleiter, weinte bei diesem Film, laut SPIEGEL 10/05, weil er am Hinrichtungstag Sophie Scholls geboren wurde, was er vorher nicht gewußt hat.

Auch sonst weiß er nichts, wie er in der anschließenden Podiumsdiskussion mit Schülern der  Sophie-Scholl-Oberschule unter Beweis stellt: „Das Grundgesetz ist die beste Verfassung, die wir je hatten und da steckt ganz viel von der Weißen Rose drin!“ Mit solchen Politikern ist natürlich gegen Nazis kein Staat zu machen, er empfiehlt den Film als Vorbild, also Beten und „ ganz viel diskutieren“. Diese ganzen Opfer-Filme, die die Medien zum Jahrestag der Befreiung überschwemmen, mögen so verschieden sein wie man will, sie haben alle eins gemeinsam: Die Verhöhnung des wirklichen antifaschistischen Kampfes. Der reale Widerpart gegen die Nazis war nicht die Weiße Rose und nicht die Kirche und schon gar nicht die „Deutsche Kultur“, der wirkliche Gegner war die Rote Armee! Und dass die am Ende gewonnen hat bedauern Christliche Demokraten vom Schlage Köhlers heute noch.

Ich empfehle die Einrichtung einer kleinen Stiftung für die Verleihung eines unabhängigen „Antifa-Filmpreises“ bei der Berlinale, und sei es nur, um laut und deutlich zu verkünden, dass so etwas wie „Sophie Scholl“ k e i n antifaschistischer, ja nicht mal ein politischer Film ist, sondern schön designte affirmative gequirlte Kacke. (Letzter Satz: “Sie ist ihrem Volk verpflichtet.“) Kandidaten für meinen Filmpreis wären einige der neuen Werke aus dem Forum-Programm, etwa „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihm weiß“ über die Familie des Naziverbrechers Ludin. Die Schuld der Väter zerreißt jede deutsche Familie und jeden Deutschen: Die Hitlerei hat uns auf Generationen zur Schizophrenie verurteilt.

„Richtigen“ lustigen Widerstand bis hin zum Einzelkampf gegen NS-Einheiten zeigen die „Edelweißpiraten“ aus Köln-Ehrenfeld, ein spritziger Jugend- Spielfim von Niko von Glasow, der viel eher die Lorbeeren der „Sophie Scholl“ verdient hätte. (Zwei kurze Filme über schwule Nazis und über Goebbels Tagebücher werden es wohl  nicht in die Kinos schaffen.)

Viel wichtiger als der deutsche Bezug erscheinen mir einige weltweit anerkannte Produktionen, die mit faschistischen Grundhaltungen aufräumen:  Eine glänzende Widerlegung des „wissenschaftlichen Rassismus“ in dem Abenteuerfilm „Man to Man“, der demnächst in die Kinos kommt; unbedingt ansehen muß man auch das Hohelied auf die Zivilcourage in „Hotel Ruanda“, beide mit südafrikanischem Kapital gedreht: Offenbar machen Völker, die einen revolutionären Kampf bestehen, bessere Kunst. Das gilt auch für meine schärfste Empfehlung: „Paradise Now“ über palästinensische Selbstmordattentäter und ihre Gründe. Das  m u s s  man sehen, falls sich die Möglichkeit bietet.

Die Filmfestspiele 2005 waren popliger, unpolitischer und unglamouröser als je zuvor. Sponsoren waren das ZDF („Hier schläft man in der zweiten Reihe“), Lóreal (weltbekannte Giftcocktails) und Hugo Boss, die Modefirma, die schon die Originale der zackigen schwarzen SS-Uniform entworfen hat, deren Film-Kopien heuer so viele junge Menschen begeistern. Das passt wieder.

Wir verlosen die Filmfest-Umhängetasche zum praktischen Transport von Flaschen.

Dr. Seltsam

Und nicht Vergessen: JEDEN Sonntag 13 Uhr im MAX&MORITZ am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg: DR. SELTSAMS WOCHENSCHAU mit Musik und aktueller antifaschistischer Kulturkritik.

Anmerkung: Wunderbar karikiert in dem österreichischen Salzburg-Krimi SILENTIUM: „Hitler hat nichts mehr gehaßt als Lärm, aber er liebte Wagner. Und dann ist das letzte was so ein Mann im Leben hört, der Knall einer Pistole im Bunker. Irgendwie tragisch.“

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