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Listige
Lobbyisten
Vom
Grundrecht auf Bildung zur Elitezüchtung. Wie Bertelsmanns Think-tank CHE
privilegierten Sprößlingen zu Diensten ist
Von
Thomas Barth
Quelle:
jungeWelt vom
03.11.2006
»Die
institutionelle Macht des reorganisierten Reichtums erlaubte es, Einflußimpulse
über das gesamte politische System in streng hierarchisch-autoritärer
Manier zu verteilen und zudem die Exekutivmacht allmählich einem der
Parteiendemokratie entrückten ›politischen Direktorat‹ zuzuschanzen.«
(Hans-Jürgen Krysmanski, Power Structure Research)
Das
Jahr 2007 wird ein schwarzes für Studierende, es wird das Jahr der flächendeckenden
Einführung von Studiengebühren. In allen CDU-regierten Bundesländern
werden Gebühren von bis zu 500 Euro pro Semester fällig. Trotzdem
behaupten Politiker die »Sozialverträglichkeit« ihrer Machenschaften:
angeblich soll niemand durch die Studiengebühren von einem
Hochschulstudium abgehalten werden. Doch die bisherigen Erfahrungen weisen
auf erhebliche Verstärkung der klassen- und schichtengeprägten
Chancenungerechtigkeit im deutschen Hochschulsystem hin, das damit noch
weiter gegen »Bildungsferne«, vor allem Arbeiter und Migranten,
abgeschottet wird.
In
Hunderten von Demos, Streiks und Institutsbesetzungen protestierten
Studierende bislang gegen den Ausverkauf des Rechts auf Bildung. Mutmaßlich
von militanten Gebührengegnern begangene Brandstiftungen an Hochschulen
in Göttingen, Bielefeld und Münster forderten sogar, von den Medien
weitgehend unbeachtet, ein Menschenleben. Anfang August dieses Jahres
starb ein Feuerwehrmann bei Löscharbeiten am Göttinger »Socio-Oeconomicum«,
dem Gebäude der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät.
Vielleicht
hätte eine einzige Großdemonstration an einem der Hauptsitze des Übels,
in Gütersloh, mehr gebracht: dort residiert das Centrum für
Hochschulentwicklung, kurz: CHE. Von vielen Journalisten in den
Mainstreammedien immer noch als unabhängiges Hochschulforschungsinstitut
gepriesen, entpuppt sich das CHE bei näherer Betrachtung als umtriebiger
Strippenzieher in Sachen Studiengebühren. Finanzier und Auftraggeber der
Einrichtung ist das mächtige Medienimperium Bertelsmann mit Hauptsitz in
der ostwestfälischen Stadt.
Bildung
als Ware
Die
Politikberater von Bertelsmann sind hierzulande allgegenwärtig: von den
Kommunen bis ins Kanzleramt, von der Hartz-Kommission bis hin zu den
Hochschulen. Das CHE ist dabei ihr Sturmtrupp für die Einführung des
Bezahlstudiums; es gilt als einflußreichster Think-tank der deutschen
Bildungspolitik. Das CHE ist eine private, als gemeinnützig anerkannte
GmbH, die von der Bertelsmann-Stiftung mit jährlich etwa zwei Millionen
Euro finanziert wird. Seiner Selbstdarstellung zufolge handelt es sich um
eine (angeblich unabhängige) »Denkfabrik«. Deren Leiter, Detlef Müller-Böling,
gilt manchen als heimlicher Bildungsminister der Bundesrepublik. Müller-Böling
ist Professor für Betriebswirtschaftslehre – nicht etwa für
Erziehungswissenschaft oder wenigstens Bildungsökonomie –, und das ist
charakteristisch für die Perspektive des CHE: Es geht weniger um Bildung
als vielmehr um Bildungsfinanzierung.
Gegründet
wurde das CHE 1994 auf Initiative der Bertelsmann-Stiftung zusammen mit
der standesbewußten Hochschulrektorenkonferenz. Der hippe Name (sprich:
»Tscheh«) knüpft listig an mögliche Reste von Revolutionsromantik bei
Alt-68er-Professoren an. Doch anders als Che Guevara, Weggefährte Fidel
Castros, kämpft das CHE nicht für eine klassenlose Gesellschaft. Im
Gegenteil: Man arbeitet daran, das Bildungswesen wirtschaftskonform
umzugestalten und die – laut konservativer Propaganda angeblich gar
nicht existierenden – Unterschichten mit Studiengebühren weiter aus den
Hochschulen zu drängen.
Mit
dem Renommee der Rektoren und Millionen von Milliardär Reinhard Mohn, dem
Bertelsmann-Firmenpatriarchen, setzen sich die Gütersloher für eine
stramm neoliberale Neuordnung öffentlicher Bildungseinrichtungen ein.
Rektoren sollen künftig autonom nach betriebswirtschaftlichen Prinzipien
einen »Globalhaushalt« verwalten, den sie zusätzlich über Schul- und
Studiengebühren oder Drittmittel von interessierten Kapitalgebern
aufstocken müssen.
Rektoren
werden so künftig zu kleinen Potentaten mit deutlich größerer Macht über
die Finanz- und Personalpolitik, Schulen und Universitäten zu
wirtschaftsorientierten Dienstleistungsunternehmen. Lernwillige mutieren
zu Bildungskunden, die an ihnen erbrachte Bildungsdienstleistungen zu
bezahlen haben. Das Grundrecht auf freien Zugang zu Bildung wird zu einer
Ware degradiert. Es entscheiden nicht länger Fleiß, Talent und
Interesse, sondern der Geldbeutel der Eltern über die Bildungschancen von
Schülern und Studenten. Doch was – neben dem Vertreten von
Standesinteressen der Machtelite – nützt es speziell Bertelsmann, sich
als Vorreiter für eine Bildungsenteignung einzusetzen?
Die
Bertelsmann AG ist der größte europäische Medienkonzern, der fünftgrößte
weltweit, mit Hauptsitz in Gütersloh (siehe jW-Thema v. 31.7./1.8.2006).
Mit Fernsehmarktführer RTL nebst RTL2, SRTL, VOX, n-tv dominiert
Bertelsmann die Mattscheibe, sein Zeitschriften-Imperium beherrscht die
Kioske: Spiegel, Stern, Capital, Brigitte. Auch Buchverlage,
Radiostationen, Filmproduktion, Rechtehandel, der Internet- und
Logistikmoloch Arvato sowie Immobilien, Finanzfirmen und, zunehmend
bedeutsam, auch private Bildungsinstitute gehören zum
Bertelsmann-Konzern. Gerade der Sektor der privaten Bildung mit seinen »IHK-anerkannten«,
d.h. nur von der Industrie- und Handelskammer legitimierten Abschlüssen
etwa zum Diplom-Betriebswirt, dürfte direkt von Studiengebühren
profitieren: Manch einer wird angesichts von absehbar 6000,- Euro
Studienkosten künftig eher etwa zu den Fernlehrgängen des Hamburger
Instituts für Lernsysteme greifen.
CHE
und Bertelsmann-Netze
Eine
Besonderheit der Bertelsmann AG ist die Bertelsmann-Stiftung, die gut drei
Viertel des Konzernkapitals hält, was dem Milliardärsclan Mohn
Steuerersparnis im zehnstelligen Millionenbereich verspricht. Die Mohns
beherrschen sowohl den Konzern wie dessen Stiftung und haben bislang den Börsengang
vermieden. Die Bertelsmann-Stiftung ist heute mit einem Gesamtetat von
zirka 65 Millionen Euro die größte deutsche Unternehmensstiftung. Mit über
300 Mitarbeitern, die etwa 100 Projekte betreuen, hat sie sich in den 90er
Jahren zu einem führenden neoliberalen Think-tank entwickelt. Sie ist in
zahlreiche neoliberale »Reform«-Projekte (Hartz IV, Studiengebühren,
Controlling in Schulen etc.) als Stichwortgeber und Konzeptentwickler
verwickelt, übt aber auch in Kampagnen wie »Du bist Deutschland«
politische Macht im Sinne Reinhard Mohns aus.
Der
Bertelsmann-Firmenpatriarch legte in zahlreichen Schriften seine persönliche
Ideologie dar, eine Art deutschen Sonderweg in den Neoliberalismus, die
auf eine korporatistische Unternehmenskultur setzt, den Sozialstaat aushöhlen
und eine mit Marketingtechniken gesteuerte Öffentlichkeit durchsetzen
will.
Die
Fäden im Netz der Bertelsmann-Stiftung reichen weit. Unterschiedlichste
andere Stiftungen sind mit ihr verbunden, von der ihr politisch besonders
nahestehenden Heinz-Nixdorf- und Ludwig-Erhard- über die grüne
Heinrich-Böll-bis hin zur gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Dazu
kommen enge Verbindungen zu einer Vielzahl prominenter Personen aus
Kultur, Wissenschaft und Politik, bis hinauf zum Bundespräsidenten. Durch
Ausgründungen wie dem CHE oder dem Münchner Centrum für angewandte
Politikforschung (CAP) mit seinem Direktor Werner Weidenfeld erkauft sich
Gütersloh weitere Einflußmöglichkeiten. Auf diese Weise verfügt
Reinhard Mohns Stiftung mittlerweile über ein dicht geknüpftes
personelles und organisatorisches Netzwerk unterschiedlichster sozialer
Akteure. Das hinter ihr stehende Medienimperium der Mohns sichert den
Kampagnen der Stiftung viel Raum in der öffentlichen Aufmerksamkeit und
drängt ihre Kritiker ins mediale Abseits.
Das
CHE ist im Netzwerk der Bertelsmänner spezialisiert auf den akademischen
Raum und unterhält enge Beziehungen zu Universitäten, angefangen bei
seinem Leiter Müller-Böling, BWL-Professor der Uni Dortmund, über einen
eigens gegründeten Studierendenverein bis hin zu Hochschuleinrichtungen,
die als »best practices«-Beispiele für »Reform«-Projekte dienen
sollen. Das CHE ist in hochschulpolitischen Beiräten und Kommissionen
zahlreicher CDU-regierter Bundesländer vertreten, z.B. in Thüringen,
Niedersachsen oder Baden-Württemberg. Auf Bundesebene verfügte der
CHE-Chef in den 90er Jahren über gute Beziehungen zu
Wissenschaftsminister Jürgen Rüttgers (heute NRW-Ministerpräsident) und
zum damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog (beide CDU). Über diese
Beziehungen konnte das CHE sein neoliberales Bildungsenteignungsprogramm
unauffällig in alle bildungspolitischen Debatten einspeisen, wo die
Bertelsmann-Massenmedien sie wiederum begierig aufgreifen und der
staunenden Öffentlichkeit als der Weisheit letzten Schluß präsentieren
sollten.
Intensive
Medienarbeit
Keine
tendenziöse Kampagne ist den Mainstreammedien dabei zu durchsichtig
solange sie nur dem ideologisch verfochtenen Ziel, der Propagierung von
Studiengebühren, nützt. Das CHE publizierte im Dezember 2003 eine selbst
lancierte Umfrage, derzufolge die Studenten angeblich gerne für ihre
Bildung zahlen würden, Titel: »Studierende mehrheitlich für Studiengebühren«.
Nur hatte die Befragung den Studierenden lediglich verschiedene Gebührenmodelle
vorgelegt; die grundsätzliche Frage, ob sie für oder gegen ein
Bezahlstudium sind, wurde indes gar nicht gestellt.
Den
Befragten wurden lediglich drei Modelle präsentiert, ohne die Alternative
des freien Studiums auch nur zu erwähnen: von Studiengebühren zugunsten
des Staatshaushalts bis hin zu solchen zugunsten der Hochschule. Dieser
suggestive Aufbau ließ die Befragten das aus ihrer Sicht günstigste
Modell wählen – selbst wenn sie theoretisch dreimal hätten Nein sagen
können. Kritiker nannten diese Befragungstechnik eine bewußte »Irreführung
der Öffentlichkeit unter wissenschaftlichem Deckmantel«. Wer geglaubt
hatte, seine Beteiligung bei der Entwicklung von Modellen sei hier
gefragt, war offensichtlich naiv. Man brauchte die Beteiligung der
Studierenden, um Studiengebühren überhaupt erst einmal durchzusetzen.
Wenn diese dann kommen, ist sehr fraglich, ob ihre Abwicklung oder gar
ihre Höhe mit den Betroffenen diskutiert werden wird.
Der
Zeitpunkt der Umfrage-Publikation kam den Gebührenapologeten ebenfalls
nicht ungelegen: die Pressemitteilung stieß mitten in die
Studierendenproteste hinein und lag kurz vor einer Großdemonstration.
Auch sonst zeigt die intensive Medienarbeit der selbsternannten
Hochschulentwickler, daß die Beeinflussung der öffentlichen Meinung
ihnen sehr am Herzen liegt. CHE-Chef Müller-Böling tingelte gern durch
Fernseh-Talkrunden, wobei intime Verbindungen zu RTL, Stern- und
Spiegel-TV sicher kein Hindernis waren und sich mit lubhudelnden Berichten
in befreundeten Printmedien in vorteilhafter Weise ergänzten. Das CHE
publiziert gemeinsam mit dem Stern, neuerdings sogar mit der Zeit sein berüchtigtes
neoliberales Hochschulranking und arbeitet auch gern mit Redaktionen von
Studierenden-Zeitschriften zusammen, insbesondere solchen aus dem
Bertelsmann-Imperium.
Studenten
kontra Medienimperium
In
die Studierendenproteste des letzten Sommersemesters fiel ein besonders
typisches Beispiel aus dem UniSpiegel, Sprößling des sich einst
linksliberal gebendenden Nachrichtenmagazins, an dem Bertelsmann über 25
Prozent der Anteile hält. Nicht ohne Häme verkündet der UniSpiegel im
Juni stolz: »Der Kampf gegen die Studiengebühren scheint verloren. Viel
zu schnell haben die Landesregierungen gehandelt. Und viel zu langsam die
Protestler.« Der Autor des Artikels »Studieren auf Pump« schien jedoch
eher ein Finanz- als ein Bildungsexperte zu sein, denn der Text
(Untertitel: »Während die Pläne zur Einführung von Studiengebühren
immer konkreter werden, bringen Kreditinstitute ihre Finanzierungsmodelle
auf den Markt. Was taugen die Angebote?«) liest sich seitenweise eher wie
eine Werbebroschüre der Deutschen Bank, die im selben Heft eine
ganzseitige Anzeige plazierte (»Sie studieren –wir finanzieren:
StudentKredit für nur anfänglich effekt. 5,9 Prozent p.a.«). Ein paar
der »Protestler«, wenn auch nicht die eloquentesten, kommen darin
ebenfalls zu Wort.
Im
kurzen Interview mit widerständigen Studenten zeigt sich der UniSpiegel
weniger bemüht, etwas zu erfahren, als vielmehr den Studentenvertreter
zur Aufgabe zu überreden. Etwa so: »... glauben Sie wirklich, daß
allgemeine Studiengebühren noch verhindert werden können? (...) Und
dennoch werden die meisten deutschen Studenten schon bald zahlen müssen.
Wofür kämpfen Sie noch? (...) Zu den Protestaktionen sind nicht
besonders viele Studenten gekommen. (...)« Und als der etwas defensiv
widersprechende Student sich uneinsichtig zeigt: »Können Sie sich
vorstellen, notfalls mit den Landesregierungen zusammenzuarbeiten, um die
Gebührenmodelle sozialer zu gestalten?« Aber nicht einmal auf diesen
raffinierten Einbindungsversuch fällt der Interviewte herein, er will
nicht und beharrt: »...Ob nun Gebühren kommen oder nicht. Wir wollen ein
Zeichen setzen.« Auch ein anderer Student, dessen Namen die Redaktion womöglich
lustig fand, darf auf die Vorhaltung der angeblichen Zwecklosigkeit des
Widerstandes antworten; Martin Dümmer, 20, meint: »Es war wichtig, ein
Zeichen zu setzen.« Der Frager höhnt zurück: »Wirklich?« – und
behauptet gebetsmühlenartig, der Widerstand sei verloren.
Zur
Besetzung in Bielefeld heißt es: »Revolution in Bielefeld: Die
Studiengebühren sollten kippen« und »Ihr Ziel war klar. Und auch, daß
sie es nie erreichen würden.« Alles sei vergebens gewesen, man habe kaum
etwas erreicht. Statt inhaltlich zu berichten, variiert der UniSpiegel nur
sein Leitthema: Widerstand ist zwecklos. Der Artikel steigert seinen in
drei knappen Absätzen abgehandelten Protestler-Bericht zum dramatischen
Showdown: Während die Bielefelder noch protestieren, »...kam per Handy
die Nachricht: Die Studenten von Paderborn geben auf. Sie waren die
engsten Mitstreiter.« Ätsch.
An
anderer Stelle im selben Heft kommt UniSpiegel zu seinem Kernthema: den
Kreditangeboten der Finanzinstitute, die über fünf Spalten ausgewalzt
werden. Ein Bildungsfonds mit Namen »Career Concept« wird ausführlich
vorgestellt, dann noch ausführlicher die Studienkredite der Deutschen
Bank. An letzter Stelle wird die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) erwähnt
und dann auch noch banales politisches Hickhack um die KfW ausgebreitet:
erst ganz zuletzt und im Nebensatz erfährt man »...die Stiftung
Warentest empfahl den KfW-Kredit.«
Der
UniSpiegel-Autor und Finanzexperte Sebastian Christ sorgt sich weniger um
Bildungsgerechtigkeit oder sinkenden Lebensstandard der ausgeplünderten
Studierenden, sondern vor allem um die Lage der Finanzinstitute: »Für
Banken ist das Geschäft mit den Kreditanfängern risikoreich, weil
Studenten kaum Erfahrung im Geldgeschäft haben ...« (S.15) Nichts ist
bekanntlich riskanter für einen ausgebufften Banker, als wenn er einem Grünschnabel
ohne Erfahrung im Geldgeschäft einen Kreditvertrag andreht. Kurzum: die
Studierenden werden vom UniSpiegel verraten und für dumm verkauft.
Entdemokratisierung
der Unis
Mit
der neoliberalen »Reformierung« des Bildungssystems geht seine
Entdemokratisierung einher. Betriebswirtschaftlich organisierte
Bildungseinrichtungen werden zur Einrichtung exklusiver »Hochschulbeiräte«
und anderer Gremien gedrängt, welche das Mitspracherecht der Mitarbeiter
und Mitarbeiterinnen bzw. der durch sie gewählten Gremien zunehmend
aushebeln. Rektoren werden gestärkt, Personalräte ins Abseits gestellt,
Drittmittelgeber und Konzerne bekommen Einfluß auf Forschung und Lehre.
Kritiker sprechen von Reformen unterhalb der Ebene gesetzgeberischer Veränderungen,
gestützt durch Hochschulrektoren und -präsidenten, einzelne
Landesregierungen und Stiftungen unter ideologischer Führung des CHE.
Im
Kontext neoliberaler Hegemonie über die Sphäre der medialen und
politischen Öffentlichkeit wirken Think-tanks wie die
Bertelsmann-Stiftung im Sinne der gesichtslosen Konzernherren, der
corporate rich (H.-J. Krysmanski). So werden gesellschaftliche
Reformprozesse durch Kapitalinteressen dominiert, insbesondere
Kapitalinteressen der Finanziers von Think-tanks. Insofern widerspricht
die korporatistische Strategie der Bertelsmann-Stiftung keineswegs der
heute vorherrschenden neoliberalen Shareholder-Value-Programmatik. Die
Bertelsmann-Firmenkultur und das von Konzern und Stiftung aufgebaute und
gepflegte Image machen diese Strategie zu einer spezifischen, maßgeblich
von Vorstellungen Reinhard Mohns geprägten Form, zu einem deutschen
Sonderweg in den Neoliberalismus. Die Massenmedien des
Bertelsmann-Konzerns sichern seiner Stiftung einen besonderen Einfluß auf
den zentralen gesellschaftlichen Feldern Politik, Wirtschaft, Kultur und
Wissenschaft und wirken dort wie eine Windmaschine der Deregulierung.
Die
Einflußnahmen der Bertelsmann-Stiftung sind sicher nur ein Beispiel für
das Wirken eines Akteurs, der nicht demokratisch legitimiert ist. Auch
andere Medienkonzerne ringen offenbar mit den Güterslohern um die
Dominierung der öffentlichen Sphäre. Wenn die ZEIT-Stiftung gut mit
Mohns Leuten, gerade mit dem CHE, kooperiert und Patriarchengattin Liz
Mohn sich im besten Einvernehmen mit Friede Springer zeigt, lassen sich
gelegentliche Ansätze kritischer Berichterstattung wohl verschmerzen,
etwa eine süffisante Bild-Schlagzeile über pompöse Feierlichkeiten der
Bertelsmänner oder ein Bericht in der Zeit über rabiate Personalpolitik
bei RTL, die so gar nicht zum Image partnerschaftlicher Firmenkultur paßt.
Jenseits der »Power Structure« feiner Kanäle der Macht gibt es
letztlich immer noch das gemeinsame Interesse der ökonomischen
Herrschaftselite. Und das zielt grundsätzlich auf die Ersetzung
demokratisch legitimierter durch Wirtschaftsmacht.
Die
Medien feiern derzeit Eliteuniversitäten, jene in zweifelhaften Verfahren
gekrönten, künftig mit öffentlichen Geldern überschütteten Tempel
eines neuen Elitekultes. An der Spitze der »Exzellenzinitiative« von
Bundesregierung, Deutscher Forschungsgemeinschaft und Wissenschaftsrat
steht nun – wenig überraschend – die Ludwig-Maximilians-Universität
München; sie unterhält enge Beziehungen zu Bertelsmann. Studierende mit
weniger begüterten Eltern werden sicherlich wenig von der Umgestaltung
des Hochschulwesens in Deutschland haben. Aber das ist ja möglicherweise
auch eines der Ziele der »Reformen«: den privilegierten Sprößlingen
die lästige Konkurrenz aus der Unterschicht vom Halse zu halten.
Thomas
Barth ist Lehrbeauftragter für Medienethik an der Fachhochschule
Vorarlberg (Österreich) |