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Gegen Studiengebühren und »Turbo-Abi«

8000 Schüler und Studenten in Göttingen auf der Straße

Von Reimar Paul

jungeWelt vom 18.06.2009 – »Bildung für alle, und zwar umsonst «. »Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut.« Immer wieder skandieren Hunderte diese Sprechhöre. Über dem kilometerlangen Demonstrationszug wehen Fahnen und Transparente. 7 000 bis 8 000 Schüler und Studenten, vielleicht auch mehr, protestieren an diesem Mittwoch in Göttingen stundenlang gegen Mißstände in der Bildungspolitik. Immer wieder werden Kreuzungen blockiert, stoppt die Demo zu kurzen Zwischenkundgebungen. »Unsere Forderungen sind Abschaffung der wirtschaftsorientierten Bildungspolitik, Abschaffung der Studiengebühren, weniger Konkurrenz-, Leistungs- und Zeitdruck in allen Bildungsinstitutionen «, ruft ein Sprecher des Streikrates durch das Mikro.

Daniel studiert im 4. Semester Medizin. »Ich wollte studieren, um Arzt zu werden«, sagt er. »Ich habe mir vorgestellt, daß Neugier gefördert und Wissen vermittelt wird.« Tatsächlich sei die Arbeitsbelastung aber so hoch, »daß die Neugier abgetötet wird«. 28 Semesterwochenstunden, dazu weitere Pflichtseminare, Klausuren und Testate. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Artzberuf finde gar nicht mehr statt.

Ähnlich sei die Situation im Mathematik- Studium, erzählt Titus. »Man muß jede Woche zwei Übungszettel abgeben, für die man jeweils etwa zwanzig Stunden rechnen muß. Man arbeitet immer nur oberflächlich, schreibt hier noch mal schnell ein Essay und da noch schnell eine Hausarbeit und hat dann zwei Wochen später alles vergessen.«

Großer Jubel brandet auf, als fast 1000 Schülerinnen und Schüler der Integrierten Gesamtschule zu dem Demozug stoßen. Auch an der Gesamtschule will die niedersächsische Landesregierung das sogenannte »Turbo- Abi« nach nur zwölf Schuljahren durchdrücken. »Das ist die Abschaffung der Gesamtschulen auf kaltem Wege«, steht auf einem Flugblatt der Schüler.

Eine Gruppe Studentinnen hat sich stark geschminkt, Perücken übergestülpt, Miniröcke und Netzstrümpfe angezogen. Kleine Schilder, die sie in der Hand halten, verkünden »Prostitution für Bildung«. Eliza – sie studiert Jura und Ethnologie im zweiten Semester - beklagt, daß ihre Fächer überhaupt nicht aufeinander abgestimmt seien. Wenn sie keinen Platz für ein Masterstudium bekomme, stehe sie bald mit einem Bachelor-Abschluß und einem Haufen Schulden für die Studiengebühren auf der Straße. Eine andere Studentin berichtet, daß sie »beim Essen sparen muß, damit ich das Geld für die Studiengebühren zusammenbekomme «.

In der Mitte der Demonstration hat sich ein »sozial-revolutionärer Block« formiert. Wer hier mitläuft, hat weitergehende Forderungen: »Wir lehnen jede Flickschusterei am Kapitalismus ab«, heißt es hier. Ein Transparent verlangt kurz und knapp die »soziale Revolution«. An anderer Stelle wird auch »Solidarität mit den Studenten im Iran« bekundet.

Wie in vielen anderen Städten, sind die Proteste in Göttingen schon zum Wochenbeginn angelaufen. Studierende besetzten mehrere Institute, auf dem Campus entstand eine kleine Zeltstadt.

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