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Erwin Strittmatter (1912 bis 1994) auf der ersten Bitterfelder Konferenz, 24. April 1959

Die Höhen der Kultur erstürmen

Arbeiterliteratur in der DDR und der BRD inspirierten sich gegenseitig, auch wenn das ­keiner zugeben wollte

Von Sabine Kebir

Quelle: Kominform.at am 30.03.2011

Die Höhen der Kultur erstürmen

Arbeiterliteratur in der DDR und der BRD inspirierten sich gegenseitig, auch wenn das ­keiner zugeben wollte

Von Sabine Kebir

Quelle: Kominform.at am 30.03.2011

Auf Kommunissten-online am 2. April 2011 – Arbeiterliteratur? War das Literatur von oder für Arbeiter oder gar von Arbeitern für Arbeiter? Da ist wohl mal was gewesen, mögen sich Ältere erinnern. Ossis denken an die Parole des Bitterfelder Wegs »Greif zur Feder, Kumpel«, und Wessis fällt vielleicht die Gruppe 61 ein und eine Fischer-Taschenbuchreihe mit Texten aus dem Werkkreis Literatur der Arbeitswelt. Die bis zum 1. Mai im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte zu besichtigende Ausstellung »Schreibwelten – Erschriebene Welten. Zum 50.Geburtstag der Dortmunder Gruppe 61« legt nahe, daß es eine Parallelentwicklung im Aufblühen von Arbeiterliteratur in Ost und West während der sechziger Jahren gab. Es lohnt sich, diese in der Ausstellung und auch im Begleitband u.a. durch Brigadetagebücher aus der DDR belegte Vermutung zu vertiefen. So entsteht eine Blickrichtung von unten auf die deutsche Kulturgeschichte, wodurch diverse historische Abgrenzungen und Spaltungen überwunden werden könnten.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit und im ersten Jahrzehnt der deutschen Teilung stand in beiden deutschen Staaten nicht die Tradition der Arbeiterkultur im Vordergrund. Obwohl die Arbeiter in der DDR sofort zur führenden Klasse erklärt wurden, förderte Kulturminister Johannes R. Becher mehr die antifaschistische Exilliteratur, deren Autoren – auch wenn sie Sozialisten waren – zumeist aus bürgerlichen Lebens- und Bildungszusammenhängen stammten. Das hatte natürlich Auswirkungen auf ihre Schreibweisen. In der BRD wurde der Literaturmarkt vor allem von der Gruppe 47 geprägt mit Namen wie Heinrich Böll, Günter Grass, Ingeborg Bachmann. Rückblickend benannte Hans Werner Richter die Ziele der Gruppe 47 folgendermaßen: Um »demokratische Elitenbildung in Literatur und Publizistik« sei es gegangen, um praktisches Ausprobieren von Demokratie in »einem Kreis von Individualisten (…) mit der Hoffnung der Fernwirkung und der vielleicht sehr viel späteren Breiten- und Massenwirkung«. Aber weil sie dem »kollektiven Denken« keinerlei »Vorschub leisten« wollte, funktionierte die Gruppe 47 »ohne Programm, ohne Verein, ohne Organisation«.1

Inspiration und Abgrenzung

Die Rede, die Walter Ulbricht im April 1959 auf einer im Kulturpalast des VEB Elektrochemisches Kombinat Bitterfeld abgehaltenen Konferenz des Mitteldeutschen Verlages vor 150 Autoren und 300 schreibenden Arbeitern hielt, entwarf eine für ganz Deutschland neue Literaturprogrammatik. Die Schriftsteller sollten ihre bislang eher »gönnerhaft-patenschaftlichen« Beziehungen zu Arbeitern und Bauern aufgeben. Und diese wiederum wurden aufgefordert – in Anlehnung an die Arbeiterkorrespondentenbewegung der zwanziger Jahre –, ihre »ästhetische Abstinenz« abzulegen, um die »Höhen der Kultur zu erstürmen«. Insbesondere den nachwachsenden jüngeren Autoren wurde nahegelegt, ihre Stoffe aus Recherchen in industriellen und landwirtschaftlichen Betrieben zu gewinnen, in denen sie sich längerfristig aufhalten und gegebenenfalls auch mitarbeiten sollten. Beabsichtigt war nichts Geringeres, als »die eigene Lebensweise zu revolutionieren«, indem »Unterhaltung und Kultur wieder vereinigt und in den Dienst der sozialistischen Bewußtseinsbildung gestellt« würden. Für diese Ziele wurden nicht nur die bestehenden Kulturinstitutionen aktiviert, sondern auch neue gegründet, insbesondere eine Vielzahl Zirkel schreibender Arbeiter. Mehr oder weniger direkt wurde damit an Ziele des der KPD nahestehenden Bundes Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller (BPRS, 1928–1933 legal, bis 1935 illegal tätig) angeknüpft, in dem Arbeiterschriftsteller und Autoren mit bürgerlichem Hintergrund vereint gewesen waren. Der Bitterfelder Weg sollte eine »Massenbewegung« werden, mit der – so meinte Ulbricht – die DDR »Überlegenheit gegenüber Westdeutschland« beweisen könne.2

Das blieb eine Illusion, aber inspirierend mag dieser Aufruf des »Spitzbarts«, wie Ulbricht auch genannt wurde, schon gewirkt haben. Denn im nämlichen Jahr 1959 wandte sich ein schreibender Grubenlokführer aus der Zeche Königsborn in Unna namens Max von der Grün (1926–2005) an den Leiter der Städtischen Volksbücherei Dortmund, Fritz Hüser (1908–1979), weil er Kontakt zu anderen schreibenden Arbeitern suchte. Hüser war in den zwanziger Jahren als Kernmacher ausgebildet worden, konnte aber wegen eines Arbeitsunfalls seinen Beruf nicht ausüben. Als schon früh literarisch interessiertes Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend wurde er zum Bibliothekar für Werksbibliotheken umgeschult. Privat legte er eine umfangreiche Sammlung von Arbeiterliteratur an, die er 1958 als Archiv für Arbeiterdichtung und -kultur der Öffentlichkeit zugänglich machte. Hüser war sofort fasziniert von der Idee einer der Arbeitswelt verbundenen Literaturgruppe und begeisterte dafür auch den jungen Gewerkschaftsfunktionär Walter Köpping. Die beiden und Max von der Grün luden am 31. März 1961 zum ersten Treffen der Gruppe 61 ein.

Wie Hanneliese Palm im Begleitband zur Ausstellung schreibt, verfolgte Mentor Hüser das Ziel, einen neuen ›Sozialen Realismus‹ in der Literatur zu etablieren. So sehr es ihm um Kultur und Literatur der Arbeitswelt ging, ein Arbeiterromantiker war er nicht. Schon die im alten BPRS heiß diskutierte Auffassung, daß der Arbeiter prinzipiell am besten selbst in der Lage sei, die Komplexität seiner Lebens- und Arbeitswelt zu schildern, teilte er nicht. In dem von ihm 1967 herausgegebenen Band »Von der Arbeiterdichtung zur neuen Industriedichtung der Gruppe 61« erwartete er vom Autor »umfassende Kenntnisse und einen großen Überblick – zugleich muß er neue Formen suchen und gestalten, um die Veränderungen unserer Gesellschaft, die Unsicherheit und das quälende Unbehagen der arbeitenden Menschen literarisch zu gestalten und bewußt zu machen.«3 Er forderte allerdings einen gänzlich neuen Anfang jenseits der Arbeiterdichtung der zwanziger und dreißiger Jahre und auch der staatlich gesteuerten Bewegung der schreibenden Arbeiter in der DDR. Nicht traditionelle Arbeiterdichtung sollte weitergeführt werden, sondern »literarische Gestaltung aller brennenden Fragen und Erscheinungen des industriellen Zeitalters mit modernen künstlerischen Mitteln, ohne Rücksicht auf ängstliche Gemüter und Proteste«. Vorbilder sah er in sozialkritischen Autoren »des westlichen Auslands: Schweden, England, Italien, wenn sie in guten Übersetzungen vorlagen.«4 Wie im deutsch-deutschen Verhältnis üblich, mußte jegliche gegenseitige Inspiration von einem Akt förmlicher Abgrenzung begleitet sein. Obwohl Hüser mit Autoren und Literaturkritikern der DDR in Kontakt stand und ihre Arbeiten sammelte, unterzog auch er sich diesem Ritual, um dem Projekt die Chance öffentlicher Resonanz zu geben.

Literatur aus dem Bergwerk

Zunächst stießen vor allem ältere, erfahrene Autoren aus dem Ruhrgebiet zur Gruppe. Fast alle hatten auch Arbeitserfahrung in Bergwerken. Zu ihnen gehörten u.a. der »Kohlen-Goethe« Willy Bartock (1915–1995), Josef Büscher (1918–1983) sowie Hildegard Wohlgemuth (1917–1993). Von den jüngeren, die von Anfang an dabei waren, ist neben Max von der Grün vor allem Angelika Mechtel (1943–2000) zu nennen. Später stießen u.a. dazu: Günter Wallraff (*1942), Peter Paul Zahl (1944–2011), Erika Runge (*1939) und in der Auflösungsphase Anfang der siebziger Jahre auch Karin Struck (1947–2006). Anfangs stark diskutiert wurde Bruno Gluchowski (1900–1985), der für eine Tradition der Arbeiterliteratur stand, die sich den üblichen politischen Zuordnungen entzog. Sein von Walter Gödden vorgestelltes Hauptwerk Der Durchbruch handelt von einer Bergarbeiterkolonne, die durch ein Grubenunglück 700m unter der Erde gefangen ist und kaum eine Chance auf Rettung hat. Der Revierchef will vermeiden, daß sich seine Leute aus Verzweifelung in eine asoziale Horde verwandeln, in der schließlich nur noch das Recht des Stärkeren gilt. Er behauptet, daß es möglich sei, einen Rettungsgang in einen benachbarten Schacht zu schlagen, eine Arbeit, bei der die Männer ihre letzten Kräfte und Ressourcen nutzen, immer wieder scheitern und fast auch zu jener Horde werden, deren Entstehen der Revierchef verhindern wollte. Der Durchbruch gelingt nicht, aber die mit dem letzten Dynamit ausgeführte Sprengung wird doch von den Arbeitern der Nachbargrube gehört, und so werden die meisten der Verschollenen schließlich doch gerettet. Bemerkenswert an Gluchowskis »Durchbruch« ist sicher die Hervorhebung der Sozialisationskraft der Arbeit, die er an einer Vielfalt unterschiedlichster Charaktere durchkonjugiert. Walter Köpping erklärte das Werk als paradigmatisch für die Arbeiterliteratur. Problematisch mag erscheinen, daß es als Theaterstück 1937 gleichzeitig am Württembergischen Staatstheater Stuttgart und an den Städtischen Bühnen Magdeburg äußerst erfolgreich aufgeführt wurde, also mit dem »nationalsozialistischen« Arbeiterkult vereinbar war. Eine damals geplante Verfilmung wurde von Goebbels im Januar 1939 allerdings abgelehnt, und mit Kriegsbeginn wollten auch die Theater ein solches Stück nicht mehr aufführen, weil nun »allnächtlich so viele Häuser« zusammenstürzten, »daß das Publikum wenig Interesse daran haben dürfte, den Zusammenbruch eines Bergwerkstollens auf der Bühne zu sehen«– so der Bühnenvertrieb von Kiepenheuer 1940. Gödden zeichnet die vielen Initiativen nach, die Gluchowski nach 1945 unternahm, um seinen spannenden Stoff wieder ans Theater und doch noch auf die Leinwand zu bringen. Ablehnungen wurden manchmal offen mit den Bedenken begründet, daß Interessen der Bergbauindustrie geschädigt werden könnten. Erst 1954 brachte der NWDR eine Hörspielfassung. Ihr überwältigender Erfolg strahlte bis weit in die sechziger Jahre. Aber Gödden stellt fest: »Verglichen mit Max von der Grüns Romanen Männer in zweifacher Nacht (1962) oder Irrlicht und Feuer (1963) ist Der Durchbruch ein Relikt aus vergangenen Tagen. Im Gegensatz zu Gluchowski entdämonisierte von der Grün (…) die Arbeitswelt und stellte das kapitalistische Profitstreben und die intrigante Verstrickung von Unternehmertum und Gewerkschaften nüchtern heraus.«5

Politische Grenzen

»Irrlicht und Feuer« erzeugte einen großen öffentlichen Skandal, der die Gruppe 61 in eine Existenzkrise stürzte. Holger Heith und Eva Galetzka zeichnen den Konflikt zwischen dem Autor und Walter Köpping nach, der – im Namen der Gewerkschaften – unnachgiebig verlangte, daß von der Grün die gewerkschaftskritischen Passagen zurücknehmen sollte. Auch die Firma Westfalia verlangte, daß ihr mit einer mörderischen Untertagemaschine in Verbindung gebrachter Name widerrufen werde. Da von der Grün darauf nicht einging, zumal der Skandal der Verbreitung seines Werks diente, kam es zum Bruch mit Köpping, der aus der Gruppe 61 austrat. Hüser, der weniger eine gewerkschaftliche als eine auf Integration bedachte parteipolitische Linie der SPD verfolgte, teilte zwar die radikalen Positionen von der Grüns auch nicht, hielt aber doch zu ihm.

Der Begleitband zur Ausstellung schildert die Parallelität der die Arbeitswelt literarisch fassenden Entwicklungen in der DDR nur mit Beiträgen über die von Staat und Partei geleiteten Strukturen des Bitterfelder Wegs und geht kaum auf die Dynamik ein, die er innergesellschaftlich entfaltete. So könnte der erbitterte und grundsätzliche Widerstand, den Institutionen der BRD »Irrlicht und Feuer« entgegenbrachten, verglichen werden mit den Angriffen in der DDR auf Werner Bräunigs Roman »Rummelplatz«, der von Mißständen im Bergbau der Wismut handelte. Beide Fälle sind für die von den jeweiligen Gesellschaftssystemen der Arbeiterliteratur gesetzten politischen Grenzen paradigmatisch, zeigen aber auch Unterschiede. Während Bräunigs Buch bis 2007 unveröffentlicht blieb, konnten Max von der Grün und Günter Wallraff, aber auch andere, der kritischen Schilderung der Arbeitswelt verpflichtete Autoren sogar unter den Bedingungen der Marktwirtschaft beachtliche Erfolge erreichen. Daß die Gruppe 61 nur wenige Jahre Bestand hatte, wird u.a. darauf zurückgeführt, daß sie sich – in diesem Punkt der Gruppe 47 durchaus verwandt – doch der Pflege der individuellen Handschrift verpflichtet hatte und kaum konstruktive übergreifende Ziele formulierte. Letztlich – so Ilsabe Arnold-Dielewicz und Heinz Ludwig Arnold – erreichte sie auch kaum Arbeiterleserschaft, weil sie »primär ein bürgerliches Publikum« ansprach und dieses »auf die Problematik der kapitalistisch organisierten Arbeitswelt aufmerksam machte«.6

Auch der aus der Auflösung der Gruppe 61 hervorgehende, in seiner Zielstellung radikalere Werkkreis Literatur der Arbeitswelt erreichte bis in die achtziger Jahre beachtliche Publikumserfolge, da sich auch große Verlage wie Fischer dafür engagierten.

Die DDR-Führung hatte ihre Grenzziehungen bereits 1965 mit dem XI.Plenum des ZK der SED deutlich gemacht, das die Aufforderung Ulbrichts von 1959, »Plane mit – arbeite mit – regiere mit!« wieder zurückschraubte. Indem Autoren wie die anderen Arbeitenden darauf eingeschworen wurden, sich an die Direktiven von Partei und Staat zu halten, waren die Bedingungen für kritisches Schreiben über das, was in den Betrieben vor sich ging, wieder außerordentlich eng gezogen. Es waren Sorgen vor Subversivem, die die DDR-Führung zum Rückzug veranlaßt hatte. Offiziell wurde der Bitterfelder Weg aber nicht aufgegeben. Informell hieß es, daß er von den älteren, gestandenen Autoren nicht mitgetragen würde. Kulturpolitische Wirkung nach innen und auch nach Westdeutschland versprach sich die DDR nun wieder mehr von Autoren, die sich auf der literaturpolitischen Linie von Georg Lukács entwickelt hatten, der gewisse bürgerliche Schreibtraditionen auch für den Sozialismus empfohlen hatte. Auf die häufige Hypertrophierung der Bedeutung der Arbeit in den sogenannten Produktionsromanen reagierte Christa Wolf mit einem radikalen Buch– dem nur unter Schwierigkeiten 1968 erschienenen Roman »Christa T.«. Er handelt von einer Frau, die ihren hauptsächlichen Lebensinhalt nicht in der Arbeit findet. So unterschiedlich »Christa T.« und Karin Strucks »Klassenliebe« auch sein mögen, beiden Texten ist eine deutliche Hinwendung zu Themen der Privatheit und Innerlichkeit gemeinsam. Sie beziehen sich nicht mehr vorrangig auf das Thema der Arbeit als wichtigsten Sozialisationsfaktor.

Emanzipation und Arbeitswelt

Walter Delabar fragt sich am Ende seines Beitrags über Erika Runges »Bottroper Protokolle« und ihren Fernsehfilm, wieso »Warum ist Frau B. glücklich« als »Klassenkampfliteratur« gelten und nicht schon als »Beitrag zur Genderdiskussion und als Demonstration weiblicher Überlebensfähigkeit« verstanden würden. Daß die Frauenthemen behandelnde Literatur in der Gruppe 61 noch selten war und in der Literatur des Werkkreises schon deutlicher hervortrat, wird vom Katalogband nicht weiter problematisiert. Diesbezüglich ist auf Erkenntnisse der kürzlich verstorbenen Anglistin Hanna Behrend aus der DDR zu verweisen. Anfang der achtziger Jahre fragte sie sich, weshalb die auch in England existierenden Zirkel schreibender Arbeiter nur eine recht mäßige Literatur hervorbrachten. Dagegen hatten sich in den siebziger Jahren auch Schriftstellerinnen-Workshops gebildet, in denen sich keinesfalls nur mittelständige oder akademische Frauen wiederfanden. »Auch englische Arbeiterinnen und vor allem Arbeiterinnen mit Migrantinnenhintergrund begannen, sich öffentlich und künstlerisch zu artikulieren.« Behrend stellte fest, daß »sie erheblich emanzipatorischer, innovatorischer und subversiver als die ›klassischen‹ Worker Writers Workshops waren und auch künstlerisch überzeugten«.7

Von hier aus gelangt man leicht zu dem Schluß, daß die alte Arbeiterliteratur, einschließlich der in der DDR, vorwiegend patriarchalisch geprägt war und daß dieses Genre vielleicht erst durch die Zunahme weiblicher schreibender Subjekte ihre vollen Möglichkeiten auszuschöpfen vermag. Denn: Die kapitalistische – und zunächst auch die sozialistische – Produktionsweise waren auf den männlichen Proletarier und sein Selbstverständnis als Haupternährer der Familie zugeschnitten, und zwar auch dann, wenn massenhaft Frauen beschäftigt wurden. Der weibliche Körper mit seinen differenten biologischen Voraussetzungen und Bestimmungen gerät aber in viel tiefgreifendere Widersprüche zur Produktionsweise und stellt die Balance, die diese vor allem zu den männlichen Körpern etabliert hat, wesentlich stärker in Frage. Wie wenig diese Zusammenhänge noch in der DDR erkannt waren, läßt sich daran ablesen, daß die im November 2010 einhundert Jahre alt gewordene Schriftstellerin Elfriede Brüning, deren Hauptthema zeitlebens die schwere Vereinbarkeit von Arbeit, Partnerschaft und Familie für Frauen war, dort oft als »kleinbürgerlich« kritisiert wurde. Und das, obwohl sie für ihre Romane in Betrieben recherchierte und gegebenenfalls auch am Fließband arbeitete, lange ehe Partei und Staat die Autoren dazu aufgerufen hatten.

Beschränkungen aufbrechen

Wie der Bitterfelder Weg hatte auch die Gruppe 61 vor allem den Industriearbeiter im Blick, obwohl sich mit dem beginnenden Zechensterben und der rasanten Entwicklung der Rationalisierung die heute manifeste Prekarisierung der Arbeitswelt bereits abzuzeichnen begann. Mehrere Beiträge im Katalogband stellen die Frage, welche Bedeutung der Konversion des Kohlepotts an der Ruhr zur Dienstleistungsgesellschaft und zur neuen Kulturmetropole zuzumessen ist. Ob diese Sektoren längerfristig die einst unter und über Tage mit der Kohle verbundene Warenproduktion ersetzen können, muß sich noch erweisen. Sind Pop, Trash, Poetry Slam, Lit Cologne Ausdruck der neuen Arbeitswelt? Und findet die künstlerische Auseinandersetzung mit dieser auch in bestimmten Sparten des modernen, konkret ortsbezogenen Krimis statt?

Das, was in verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Systemen unter »Arbeiterliteratur« verstanden wurde, litt meist unter einem viel zu engen Begriff der Arbeit und vor allem auch des Arbeiters, der historisch bereits überholt war oder unrealistischen politischen Zielvorstellungen entsprang. So wurden Werke, in deren Mittelpunkt kleine Angestellte oder um ihren Lebensunterhalt kämpfende Künstler standen, zumeist nicht zur Arbeiterliteratur gerechnet, obwohl diese Leute sehr wohl zum arbeitsabhängigen Teil der Menschheit gehören. Daß aber auch der im engen Sinn als Arbeiter verstandene Mensch ein Abstraktum bleiben mußte, wenn er nur im Rahmen der Arbeitswelt und nicht in seinen gesamten Lebenszusammenhängen gesehen wurde, stellte eine weitere Einschränkung des Genres dar. Solcherart Beschränkungen waren vielleicht auch die Gründe dafür, weshalb die Arbeiterliteratur in der Arbeiterklasse selbst oft nicht mit viel Enthusiasmus rezipiert wurde. Die literarische Fokussierung auf die Arbeitswelt ist erst durch die Zunahme feministischer Arbeiterinnenliteratur wirklich aufgebrochen worden. Und in der kritischen Untersuchung komplexer Lebenszusammenhänge von Menschen, die von Erwerbsarbeit leben, wäre auch die zeitgemäße und zukunftsfähige Definition von Arbeiterliteratur zu finden.

Anmerkungen

1 Zit. n.: Gertrude Cepl-Kaufmann: »Gruppenfieber. Vom fruchtbringenden Palmbaum zum poetischen Baukran«, in: Schreibwelten – Erschriebene Welten. Zum 50. Geburtstag der Dortmunder Gruppe 61, hrsg. v. Gertrude Cepl-Kaufmann u. Jasmin Grande, Schriften des Hüser-Instituts 22, Essen 2011, S. 91

2 Autorenkollektiv: Probleme sozialistischer Kulturpolitik am Beispiel DDR, Frankfurt am Main 1974, S. 216 ff.

3 Zit. n. Holger Heith und Eva Galetzka: »Walter Köpping, Max von der Grün und die Bergarbeitergewerkschaft«, in: Schreibwelten, a. a. O., S. 199

4 Hanneliese Palm: »Fritz Hüser als Mentor der Dortmunder Gruppe 61«, ebd. S. 174.

5 Walter Gödden: »Die Verschollenen. 14 Anmerkungen zu Bruno Gluchowskis Der Durchbruch«, ebd., S.

6 Zit. n. Rolf Parr: »Warum die Bildung von Schriftstellergruppen eine so schwierige Angelegenheit ist«, ebd., S. 160.

7 Hanna Behrend: Die Überleberin. Jahrzehnte in Atlantis. Guthmann-Peterson, Wien 2008, S. 630

Sabine Kebir promovierte in Berlin/DDR als Romanistin zur Kulturkonzeption Gramscis und habilitierte in Frankfurt am Main als Politologin zu dessen Begriff der Zivilgesellschaft. Sie lebt als freie Publizistin in Berlin

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