| Außer
der Gesinnung sind erwerbbare Kenntnisse
nötig und erlernbare Methoden. Nötig ist für alle
Schreibenden in dieser Zeit der Verwicklungen und der großen
Veränderungen eine Kenntnis der materialistischen Dialektik,
der Ökonomie und der Geschichte. Sie ist aus Büchern und durch
praktische Anleitung erwerbbar, wenn der nötige Fleiß
vorhanden ist. |
Bertolt
Brecht
Fünf
Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit (1938)
Wer
heute die Lüge und Unwissenheit bekämpfen und die Wahrheit schreiben
will, hat zumindest fünf Schwierigkeiten zu überwinden.
Er muss den
Mut haben, die Wahrheit zu schreiben, obwohl sie allenthalben unterdrückt
wird;
die Klugheit, sie zu erkennen, obwohl sie allenthalben verhüllt
wird;
die Kunst, sie handhabbar zu machen als eine Waffe;
das Urteil,
jene auszuwählen, in deren Händen sie wirksam wird;
die List sie unter
diesen zu verbreiten.
Diese Schwierigkeiten sind groß für die unter
dem Faschismus Schreibenden, sie bestehen aber auch für die, welche
verjagt wurden oder geflohen sind, ja sogar für solche, die in den Ländern
der bürgerlichen Freiheit schreiben.
1.
Der Mut, die Wahrheit zu schreiben
Es
erscheint selbstverständlich, dass der Schreibende die Wahrheit
schreiben soll in dem Sinn, dass er sie nicht unterdrücken oder
verschweigen und dass er nichts Unwahres schreiben soll. Er soll sich
nicht den Mächtigen beugen, er soll die Schwachen nicht betrügen. Natürlich
ist es sehr schwer, sich den Mächtigen nicht zu beugen und sehr
vorteilhaft, die Schwachen zu betrügen. Den Besitzenden missfallen, heißt
dem Besitz entsagen. Auf die Bezahlung für geleistete Arbeit
verzichten, heißt unter Umständen, auf das Arbeiten verzichten und den
Ruhm bei den Mächtigen ausschlagen, heißt oft, überhaupt Ruhm
ausschlagen. Dazu ist Mut nötig. Die Zeiten der äußersten Unterdrückung
sind meist Zeiten, wo viel von großen und hohen Dingen die Rede ist.
Es
ist Mut nötig, zu solchen Zeiten von so niedrigen und kleinen Dingen
wie dem Essen und Wohnen der Arbeitenden zu sprechen, mitten in einem
gewaltigen Geschrei, dass Opfersinn die Hauptsache sei. Wenn die Bauern
mit Ehrungen überschüttet werden, ist es mutig, von Maschinen und
billigen Futtermitteln zu sprechen, die ihre geehrte Arbeit erleichtern
würden. Wenn über alle Sender geschrieen wird, dass der Mann ohne
Wissen und Bildung besser sei als der Wissende, dann ist es mutig, zu
fragen: für wen besser? Wenn von vollkommenen und unvollkommenen Rassen
die Rede ist, ist es mutig zu fragen, ob nicht der Hunger und die
Unwissenheit und der Krieg schlimme Missbildungen hervorbringen. Ebenso
ist Mut. nötig, um die Wahrheit über sich selber zu sagen, über sich,
den Besiegten. Viele, die verfolgt werden, verlieren die Fähigkeit,
ihre Fehler zu erkennen. Die Verfolgung scheint ihnen das größte
Unrecht. Die Verfolger sind, da sie ja verfolgen, die Bösartigen, sie,
die Verfolgten, werden ihrer Güte wegen verfolgt. Aber diese Güte ist
geschlagen worden, besiegt und verhindert worden und war also eine
schwache Güte, eine schlechte, unhaltbare, unzuverlässige Güte; denn
es geht nicht an, der Güte die Schwäche zuzubilligen, wie dem Regen
seine Nässe.
Zu
sagen, dass die Guten nicht besiegt wurden, weil sie gut, sondern weil
sie schwach waren, dazu ist Mut nötig.
Natürlich
muss die Wahrheit im Kampf mit der Unwahrheit geschrieben werden und sie
darf nicht etwas Allgemeines, Hohes, Vieldeutiges sein. Von dieser
allgemeinen, hohen, vieldeutigen Art ist ja gerade die Unwahrheit. Wenn
von einem gesagt wird, er hat die Wahrheit gesagt, so haben zunächst
einige oder viele oder einer etwas anderes gesagt, eine Lüge oder etwas
Allgemeines, aber er hat die Wahrheit gesagt, etwas Praktisches, Tatsächliches,
Unleugbares, das, um was es sich handelte.
Wenig
Mut ist dazu nötig, über die Schlechtigkeit der Welt und den Triumph
der Rohheit im allgemeinen zu klagen und mit dem Triumphe des Geistes zu
drohen, in einem Teile der Welt, wo dies noch erlaubt ist. Da treten
viele auf, als seien Kanonen auf sie gerichtet, während nur Operngläser
auf sie gerichtet sind. Sie schreien ihre allgemeinen Forderungen in
eine Welt von Freunden harmloser Leute. Sie verlangen eine allgemeine
Gerechtigkeit, für die sie niemals etwas getan haben, und eine
allgemeine Freiheit , einen Teil von der Beute zu bekommen, die lange
mit ihnen geteilt wurde. Sie halten für Wahrheit nur, was schön
klingt. Ist die Wahrheit etwas Zahlenmäßiges, Trockenes, Faktisches,
etwas, was zu finden Mühe macht und Studium verlangt, dann ist es keine
Wahrheit für sie, nichts was sie in Rausch versetzt. Sie haben nur das
äußere Gehaben derer, die die Wahrheit sagen. Das Elend mit ihnen ist:
sie wissen die Wahrheit nicht.
2.
Die Klugheit, die Wahrheit zu erkennen
Da
es schwierig ist, die Wahrheit zu schreiben,. weil sie allenthalben
unterdrückt wird, scheint es den meisten eine Gesinnungsfrage, ob die
Wahrheit geschrieben wird oder nicht. Sie glauben, dazu ist nur Mut nötig
Sie vergessen die zweite Schwierigkeit, die der Wahrheitsfindung. Keine
Rede kann davon sein, dass es leicht sei, die Wahrheit zu finden.
Zunächst
einmal ist es schon nicht leicht, ausfindig zu machen, weiche Wahrheit
zu sagen sich lohnt. So versinkt z.B. jetzt, sichtbar vor aller Welt,
einer der großen zivilisierten Staaten nach dem andern in die äußerste
Barbarei. Zudem weiß jeder, dass der innere Krieg, der mit den
furchtbarsten Mitteln geführt wird, jeden Tag in den äußern sich
verwandeln kann, der unsern Weltteil vielleicht als einen Trümmerhaufen
hinterlassen wird. Das ist zweifellos eine Wahrheit, aber es gibt natürlich
noch mehr Wahrheiten. So ist es z. B. nicht unwahr, dass Stühle Sitzflächen
haben und der Regen von oben nach unten fällt. Viele Dichter schreiben
Wahrheiten dieser Art. Sie gleichen Malern, die die Wände untergehender
Schiffe mit Stilleben bedecken.
Unsere
erste Schwierigkeit besteht nicht für sie, und doch haben sie ein gutes
Gewissen. Unbeirrbar durch die Mächtigen, aber auch durch die Schreie
der Vergewaltigten nicht beirrt, pinseln sie ihre Bilder. Das Unsinnige
ihrer Handlungsweise erzeugt in ihnen selber einen „tiefen“
Pessimismus, den sie zu guten Preisen verkaufen und der eigentlich eher
für andere angesichts dieser Meister und dieser Verkäufe berechtigt wäre.
Dabei ist es nicht einmal leicht zu erkennen, dass ihre Wahrheiten
solche über Stühle oder den Regeln sind, sie klingen für gewöhnlich
ganz anders, so wie Wahrheiten über wichtige Dinge. Denn die künstlerische
Gestaltung besteht ja gerade darin, einer Sache Wichtigkeit zu
verleihen.
Erst
bei genauem Hinsehen erkennt man, dass sie nur sagen: ein Stuhl ist in
Stuhl und niemand kann etwas dagegen „machen“ dass der Regen nach
unten fällt.
Diese
Leute finden nicht die Wahrheit, die zu schreiben sich lohnt. Andere
wieder beschäftigen sich wirklich mit den dringendsten Aufgaben, fürchten
die Machthaber und die Armut nicht, können aber dennoch die Wahrheit
nicht finden. Ihnen fehlt es an Kenntnissen. Sie sind voll von altem
Aberglauben, von berühmten und in alter Zeit oft schön geformten
Vorurteilen. Die Welt ist zu verwickelt für sie, sie kennen nicht die
Fakten und sehen nicht die Zusammenhänge. Außer der Gesinnung sind
erwerbbare Kenntnisse nötig und erlernbare Methoden. Nötig ist für
alle Schreibenden in dieser Zeit der Verwicklungen und der großen Veränderungen
eine Kenntnis der materialistischen Dialektik, der Ökonomie und der
Geschichte. Sie ist aus Büchern und durch praktische Anleitung
erwerbbar, wenn der nötige Fleiß vorhanden ist.
Man
kann viele Wahrheiten aufdecken auf einfachere Weise, Teile der Wahrheit
oder Sachbestände, die zum Finden der Wahrheit führen. Wenn man suchen
will, ist eine Methode gut, aber man kann auch finden ohne Methode, ja
sogar ohne zu suchen. Aber man erreicht, auf so zufällige Art, kaum
eine solche Darstellung der Wahrheit, dass die Menschen auf Grund dieser
Darstellung wissen, wie sie handeln sollten. Leute, die nur kleine
Fakten niederschreiben, sind. nicht imstande, die Dinge dieser Welt
handhabbar zu machen. Aber die Wahrheit hat nur diesen Zweck, keinen
andern. Diese Leute sind der Forderung, die Wahrheit zu schreiben, nicht
gewachsen.
Wenn
jemand bereit ist die Wahrheit zu schreiben und fähig, sie zu erkennen,
bleiben noch drei Schwierigkeiten übrig.
3.
Die Kunst, die Wahrheit handhabbar zu machen als eine Waffe
Die
Wahrheit muss der Folgerungen wegen gesagt werden, die sich aus ihr für
das Verhalten ergeben. Als Beispiel für eine Wahrheit, aus der keine
Folgerungen oder falsche Folgerungen gezogen werden können, soll uns
die weitverbreitete Auffassung dienen, dass in einigen Ländern schlimme
Zustände herrschen, die von der Barbarei herrühren. Nach dieser
Auffassung ist der Faschismus eine Welle von Barbarei, die mit
Naturgewalt über einige Länder hereingebrochen ist.
Nach
dieser Auffassung ist der Faschismus eine neue dritte Macht neben (und
über) Kapitalismus und Sozialismus; nicht nur die sozialistische
Bewegung, sondern auch der Kapitalismus hätte nach ihr ohne den
Faschismus weiter bestehen können usw. Das ist natürlich eine
faschistische Behauptung, eine Kapitulation vor dem Faschismus. Der
Faschismus ist eine historische Phase, in die der Kapitalismus
eingetreten ist, insofern etwas neues und zugleich altes. Der
Kapitalismus existiert in den faschistischen Ländern nur noch als
Faschismus und der Faschismus kann nur bekämpft werden als
Kapitalismus, als nacktester, frechster, erdrückendster und betrügerischster
Kapitalismus.
Wie
will nun jemand die Wahrheit über den Faschismus sagen, gegen den er
ist, wenn er nichts gegen den Kapitalismus sagen will, der ihn
hervorbringt? Wie soll da seine Wahrheit praktikabel ausfallen?
Die
gegen den Faschismus sind, ohne gegen den Kapitalismus zu sein, die über
die Barbarei jammern, die von der Barbarei kommt, gleichen Leuten, die
ihren Anteil vom Kalb essen wollen, aber das Kalb soll nicht
geschlachtet werden. Sie wollen das Kalb essen, aber das Blut nicht
sehen. Sie sind zufriedenzustellen, wenn der Metzger die Hände wäscht,
bevor er das Fleisch aufträgt. Sie sind nicht gegen die Besitzverhältnisse,
welche die Barbarei erzeugen, nur gegen die Barbarei. Sie erheben ihre
Stimme gegen die Barbarei und sie tun das in Ländern, in denen die
gleichen Besitzverhältnisse herrschen, wo aber die Metzger noch die Hände
waschen, bevor sie das Fleisch auftragen.
Laute
Beschuldigungen gegen barbarische Maßnahmen mögen eine kurze Zeit
wirken, solange die Zuhörer glauben, in ihren Ländern kämen solche Maßnahmen
nicht in Frage. Gewisse Länder sind imstande, ihre Eigentumsverhältnisse
noch mit weniger gewalttätig wirkenden Mitteln aufrecht zu erhalten,
als andere. Ihnen leistet die Demokratie noch die Dienste, zu welchen
andere die Gewalt heranziehen müssen, nämlich die Garantie des
Eigentums an Produktionsmitteln. Das Monopol auf die Fabriken, Gruben, Ländereien
schafft überall barbarische Zustände; jedoch sind diese weniger
sichtbar. Die Barbarei wird sichtbar, sobald das Monopol nur noch durch
offene Gewalt geschützt werden kann.
Einige
Länder, die es noch nicht nötig haben, der barbarischen Monopole wegen
auch noch auf die formellen Garantien des Rechtsstaates, sowie solche
Annehmlichkeiten wie Kunst, Philosophie, Literatur zu verzichten, hören
besonders gern die Gäste, welche ihre Heimat wegen des Verzichtes auf
solche Annehmlichkeiten beschuldigen, da sie davon Vorteile haben in den
Kriegen, die erwartet werden. Soll man da sagen, diejenigen hätten die
Wahrheit erkannt , die da z.B. laut verlangen. unerbittlichen Kampf
gegen Deutschland, „denn dieses ist die wahre Heimat des Bösen in
dieser Zeit, die Filiale der Hölle, der Aufenthalt des Antichrist“?
Man soll lieber sagen, es sind törichte, hilflose und schädliche
Leute. Denn die Folgerung aus diesem Geschwätz ist, dass dieses Land
ausgerottet werden soll. Das ganze Land mit allen seinen Menschen, denn
das Giftgas sucht nicht die Schuldigen heraus, wenn es tötet.
Der
leichtfertige Mensch, der die Wahrheit nicht weiß, drückt sich
allgemein, hoch und ungenau aus. Es faselt von „den“ Deutschen, er
jammert über „das“ Böse, und der Hörer weiß im besten Fall nicht
was tun. Soll er beschließen, kein Deutscher zu sein? Wird die Hölle
verschwinden, wenn er gut ist? Auch das Gerede von der Barbarei, die von
der Barbarei kommt, ist von dieser Art. Danach kommt die Barbarei von
der Barbarei und hört auf durch die Gesittung, die von der Bildung
kommt. Das ist alles ganz allgemein ausgedrückt, nicht der Folgerungen
für das Handeln wegen und im Grunde niemandem gesagt.
Solche
Darstellungen zeigen nur wenige Glieder der Ursachenreihe und stellen
bestimmte bewegende Kräfte als unbeherrschbare Kräfte, hin. Solche
Darstellungen enthalten viel Dunkel, das die Kräfte verbirgt, welche
die Katastrophen bereiten. Etwas Licht, und es treten Menschen in
Erscheinung als Verursacher der Katastrophen. Denn wir leben in einer
Zeit, wo des Menschen Schicksal der Mensch ist.
Der
Faschismus ist keine Naturkatastrophe, welche eben aus der „Natur“
des Menschen begriffen werden kann. Aber selbst bei Naturkatastrophen
gibt es Darstellungsweisen, die des Menschen würdig sind, weil Sie all
seine Kampfkraft appellieren.
In
vielen amerikanischen Zeitschriften könnte man nach einem großen
Erdbeben, das Jokohama zerstörte, Photographien sehen, welche ein Trümmerfeld
zeigten. Darunter stand „steel stood“ (Stahl blieb stehen) und
wirklich, wer auf den ersten Blick nur Ruinen gesehen hatte, bemerkte
nun, durch die Unterschrift darauf aufmerksam gemacht, dass einige hohe
Gebäude stehen geblieben waren. Unter den Darstellungen, die man von
einem Erdbeben geben kann, sind von unvergleichlicher Wichtigkeit
diejenigen der Bauingenieure, welche die Verschiebungen des Bodens, die
Kraft der Stöße, die sich entwickelnde Hitze usw. berücksichtigen und
zu Konstruktionen führen, die dem Beben widerstehen. Wer den Faschismus
und den Krieg, die großen Katastrophen, welche keine Naturkatastrophen
sind, beschreiben will, muss eine praktikable Wahrheit herstellen. Er
muss zeigen, dass dies Katastrophen sind, die den riesigen
Menschenmassen der ohne eigene Produktionsmittel Arbeitenden von den
Besitzern dieser Mittel bereitet werden.
Wenn
man erfolgreich die Wahrheit über schlimme Zustände schreiben will,
muss man sie so schreiben, dass ihre vermeidbaren Ursachen erkannt
werden können. Wenn die vermeidbaren Ursachen erkannt werden, können
die schlimmen Zustände bekämpft werden.
4.
Das Urteil, jene auszuwählen, in deren Händen die Wahrheit wirksam
wird
Durch
die jahrhundertlangen Gepflogenheiten des Handels mit Geschriebenem auf
dem Markt der Meinungen und Schilderungen, dadurch, dass dem
Schreibenden die Sorge um das Geschriebene abgenommen wurde, bekam der
Schreibende den Eindruck, sein Kunde oder Besteller, der Mittelsmann
gebe das Geschriebene an alle weiter. Er dachte: ich spreche, und die hören
wollen, hören mich. In Wirklichkeit sprach er; und die zahlen konnten,
hörten ihn. Sein Sprechen wurde nicht von allen gehört, und die es hörten,
wollten nicht alles hören. Darüber ist viel, wenn auch noch zu wenig
gesagt worden; ich will hier nur hervorheben, dass aus dem „Jemandem
schreiben“ ein „schreiben“ geworden ist. Die Wahrheit aber kann
man nicht eben schreiben; man muss sie durchaus jemandem schreiben, der
damit etwas anfangen kann. Die Erkenntnis der Wahrheit ist ein den
Schreibern und Lesern gemeinsamer Vorgang. Um Gutes zu sagen, muss man
gut hören können und Gutes hören. Die Wahrheit muss mit Berechnung
gesagt und mit Berechnung gehört werden. Und es ist für uns
Schreibende wichtig, wem wir sie sagen und wer sie uns sagt.
Wir
müssen die Wahrheit über die schlimmen Zustände denen sagen, für die
die Zustände am schlimmsten sind, und wir müssen sie von ihnen
erfahren. Nicht nur die Leute einer bestimmten Gesinnung muss man
ansprechen, sondern die Leute, denen diese Gesinnung und Grund ihrer
Lage anstünde. Und eure Hörer verwandeln sich fortwährend! Sogar die
Henker sind sprechbar, wenn die Bezahlung für das Hängen nicht mehr
einläuft oder die Gefahr zu groß wird. Die bayrischen Bauern waren
gegen jeden Umsturz, aber als der Krieg lange genug gedauert hatte und
die Söhne nach Hause kamen und keinen Platz mehr auf den Höfen fanden,
waren sie für den Umsturz zu gewinnen.
Für
die Schreibenden wichtig ist, dass sie den Ton der Wahrheit treffen. Für
gewöhnlich hört man da einen sehr sanften, wehleidigen Ton, den von
Leuten, die keiner Fliege weh tun können. Wer diesen Ton hört und im
Elend ist, wird elender. So sprechen Leute, die vielleicht keine Feinde
sind, aber bestimmt keine Mitkämpfer. Die Wahrheit ist etwas
Kriegerisches, sie bekämpft nicht nur die Unwahrheit, sondern bestimmte
Menschen, die sie verbreiten.
5.
Die List, die Wahrheit unter vielen zu verbreiten
Viele,
stolz darauf, dass sie den Mut zur Wahrheit haben, glücklich, sie
gefunden zu haben, müde vielleicht von der Arbeit, die es kostet, sie
in eine handhabbare Form zu bringen, ungeduldig wartend auf das
Zugreifen derer, deren Interessen sie verteidigen, halten es nicht für
nötig, nun auch noch besondere List bei der Verbreitung der Wahrheit
anzuwenden. So kommen sie oft um die ganze Wirkung ihrer Arbeit. Zu
allen Zeiten wurde zur Verbreitung der Wahrheit, wenn sie unterdrückt
und verhüllt wurde, List angewandt. Konfutse fälschte einen alten
patriotischen Geschichtskalender. Er veränderte nur gewisse Wörter.
Wenn es hieß „Der Herrscher von Kun ließ den Philosophen Wan töten,
weil er das und das gesagt hatte“ setzte KONFUTSE statt töten
„ermorden“. Hieß es, der Tyrann so und so sei durch ein Attentat
umgekommen, setzte er „hingerichtet worden“. Dadurch brach KONFUTSE
einer neuen Beurteilung der Geschichte Bahn.
Wer
in unserer Zeit statt Volk Bevölkerung und statt Boden Landbesitz sagt
unterstützt schon viele Lügen nicht. Er nimmt den Wörtern ihre faule
Mystik. Das Wort Volk besagt eine gewisse Einheitlichkeit und deutet auf
gemeinsame Interessen hin, sollte also nur benutzt werden, wenn von
mehreren Völkern die Rede ist, da höchstens dann eine Gemeinsamkeit
der Interessen vorstellbar ist. Die Bevölkerung eines Landstriches hat
verschiedene, auch einander entgegengesetzte Interessen, und dies ist
eine Wahrheit, die unterdrückt wird. So unterstützt auch, der Boden
sagt und die Aecker den Nasen und Augen schildert, indem er von ihrem
Erdgeruch und von ihrer Farbe spricht, die Lügen der Herrschenden; denn
nicht auf die Fruchtbarkeit des Bodens kommt es an, noch auf die Liebe
des Menschen zu ihm, noch auf den Fleiß, sondern hauptsächlich auf den
Getreidepreis und den Preis der Arbeit.
Diejenigen,
welche die Gewinne aus dem Boden ziehen, sind nicht jene, die aus ihm
Getreide ziehen und der Schollengeruch des Bodens ist den Börsen
unbekannt. Sie riechen nach anderem. Dagegen ist Landbesitz das richtige
Wort; damit kann man weniger betrügen. Für das Wort Disziplin sollte
man, wo Unterdrückung herrscht, das Wort Gehorsam wählen, weil
Disziplin auch ohne Herrscher möglich ist und dadurch etwas Edleres an
sich hat als Gehorsam. Und besser als das Wort Ehre ist das Wort
Menschenwürde. Dabei verschwindet der einzelne nicht so leicht aus dem
Gesichtsfeld. Weiß man doch, was für ein Gesindel sich herandrängt,
die Ehre eines Volkes verteidigen zu dürfen! Und wie verschwenderisch
verteilen die Satten Ehre an die welche sie sättigen, selber hungernd.
Die List des KONFUTSE ist auch heute noch verwendbar. KONFUTSE ersetzte
ungerechtfertige Beurteilungen nationaler, Vorgänge durch
gerechtfertigte. Der Engländer THOMAS MORUS beschrieb in einer Utopie
ein Land, in dem gerechte Zustände herrschten - es war ein sehr anderes
Land, als das Land, in dem er lebte, aber es glich ihm sehr, bis auf die
Zustände!
LENIN,
von der Polizei des Zaren bedroht, wollte die Ausbeutung und Unterdrückung
der Insel Sachalin durch die russische Bourgeoisie schildern. Er setzte
Japan statt Russland und Korea statt Sachalin. Die Methoden der
japanischen Bourgeoisie erinnerten alle Leser an die der russischen in
Sachalin, aber die Schrift wurde nicht verboten, da Japan mit Russland
verfeindet war. Vieles was in Deutschland über Deutschland nicht gesagt
werden darf, darf über Oesterreich gesagt werden.
Es
gibt vielerlei Listen, durch die man den argwöhnischen Staat täuschen
kann.
VOLTAIRE
bekämpfte den Wunderglauben der Kirche, indem er ein galantes Gedicht
über die Jungfrau von Orleans schrieb. Er beschrieb die Wunder, die
zweifellos geschehen sein mussten, damit JOHANNA in einer Armee und an
einem Hof und unter Mönchen eine Jungfrau blieb.
Durch
die Eleganz seines Stils und indem er erotische Abenteuer schilderte,
die aus dem üppigen Leben der Herrschenden stammen, verlockte er diese,
eine Religion preiszugeben, die ihnen die Mittel für dieses lockere
Leben verschaffte. Ja, er schuf so die Möglichkeit, dass seine Arbeiten
auf ungesetzlichen Wegen an die gelangten, für die sie bestimmt waren.
Die Mächtigen seiner Leser förderten oder duldeten die Verbreitung.
Sie gaben so die Polizei preis, die ihnen ihre Vergnügungen
verteidigte. Und der große LUKREZ betont ausdrücklich, dass er sich für
die Verbreitung des epikuräischen Atheismus viel von der Schönheit
seiner Verse verspreche.
Tatsächlich
kann ein hohes literarisches Niveau einer Aussage als Schutz dienen. Oft
allerdings erweckt es auch Verdacht. Dann kann es sich darum handeln,
dass man es absichtlich herabschraubt. Das geschieht z.B., wenn man in
der verachteten Form des Kriminalromans an unauffälligen Stellen
Schilderungen übler Zustände einschmuggelt. Solche Schilderungen würden
einen Kriminalroman durchaus rechtfertigen. Der große SHAKESPEARE hat
aus viel geringeren Erwägungen heraus das Niveau gesenkt, als er die
Rede der Mutter Koriolans, mit der sie dem gegen die Vaterstadt
ziehenden Sohn gegenübertritt, absichtlich kraftlos gestaltete er
wollte, dass Koriolan nicht durch wirkliche Gründe oder durch eine
tiefe Bewegung von seinem Plan abgehalten werden sollte, sondern durch
eine gewisse Trägheit, mit der er sich einer alten Gewohnheit hingab.
Bei
SHAKESPEARE finden wir auch ein Muster listig verbreiteter Wahrheit in
der Rede des ANTONIUS an der Leiche des CÄSAR. Unaufhörlich betont er,
das CÄSARs Mörder BRUTUS ein ehrenwerter Mann sei, aber er schildert
auch seine Tat und die Schilderung dieser Tat ist eindrucksvoller als
die ihres Urhebers; der Redner lässt sich so durch die Tatsachen selber
besiegen; er verleiht ihnen eine größere Beredtsamkeit selber.
JONATHAN SWIFT schlug in einer Broschüre vor, man sollte, damit das
Land zu Wohlstand gelange, die Kinder der Armen einpökeln und als
Fleisch verkaufen. Er stellte genaue Berechnungen auf, die bewiesen,
dass man viel einsparen kann, wenn man vor nichts zurückschreckt.
SWIFT
stellte sich dumm. Er verteidigte eine bestimmte, ihm verhasste
Denkungsart mit vielem Feuer und vieler Gründlichkeit in einer Frage,
wo ihre ganze Gemeinheit jedermann erkennbar zu Tage trat. Jedermann
konnte klüger sein als SWIFT oder wenigstens humaner, besonders der,
welcher bisher gewisse Anschauungen nicht auf die Folgerungen untersucht
hatte, die sich aus ihnen ergaben.
Die
Propaganda für das Denken, auf welchem Gebiet immer sie erfolgt, ist
der Sache der Unterdrückten nützlich. Eine solche Propaganda ist seht
nötig. Das Denken gilt unter Regierungen, die der Ausbeutung dienen,
als niedrig.
Als
niedrig gilt, was für die Niedergehaltenen nützlich ist. Niedrig gilt
die ständige Sorge um das Sattwerden; das Verschmähen der Ehren,
welche den Verteidigern des Landes, in dem sie hungern, in Aussicht
gestellt werden; der Zweifel am Führer, wenn er ins Unglück führt;
der Widerwille gegen die Arbeit, die ihren Mann nicht nährt; das
Aufbegehren gegen den Zwang zu sinnlosem Verhalten; die Gleichgültigkeit
gegen die Familie, der das Interesse nichts mehr nützte. Die Hungernden
werden beschimpft als Verfressene, die nichts zu verteidigen haben als
Feiglinge, die an ihrem Unterdrücker zweifeln, als solche, die an ihrer
eigenen Kraft zweifeln, die Lohn für ihre Arbeit haben wollen, als
Faulpelze usw. Unter solchen Regierungen gilt das Denken ganz allgemein
als niedrig und kommt in Verruf. Es wird nirgends mehr gelehrt und, wo
es auftritt, verfolgt.
Dennoch
gibt es immer Gebiete, wo man ungestraft auf die Erfolge des Denkens
hinweisen kann; das sind diejenigen Gebiete, auf denen die Diktaturen
das Denken benötigen. So kann man zum Beispiel die Erfolge des Denkens
auf dem Gebiet der Kriegswissenschaft und Technik nachweisen. Auch das
Strecken der Wollvorräte durch Organisation und Erfindungen von
Ersatzstoffen erfordert Denken. Die Verschlechterung der Nahrungsmittel,
die Ausbildung der Jugendlichen für den Krieg, all das erfordert
Denken: es kann beschrieben werden. Das Lob des Krieges, des unbedachten
Zweckes dieses Denkens, kann listig vermieden werden; so kann das
Denken, das aus der Frage kommt, wie man am besten einen Krieg führt,
zu der Frage führen, ob dieser Krieg sinnvoll ist und bei der Frage
verwendet werden, wie man einen sinnlosen Krieg am besten vermeidet.
Diese
Frage kann natürlich schwerlich öffentlich gestellt werden. Kann also
das Denken, das man propagiert hat, nicht verwertet, daß heisst
eingreifend gestaltet werden? Es kann.
Damit
in einer Zeit wie der unsrigen die Unterdrückung, die der Ausbeutung
des einen (größeren) Teils der Bevölkerung durch den (kleineren)
anderen Teil dient, möglich bleibt, bedarf es einer ganz bestimmten
Grundhaltung der Bevölkerung, die sich auf alle Gebiete erstrecken
muss. Eine Entdeckung auf dem Gebiet der Zoologie, wie die des Engländers
DARWIN konnte der Ausbeutung plötzlich gefährlich werden; dennoch kümmerte
sich eine Zeitlang nur die Kirche um sie, während die Polizei noch
nichts merkte. Die Forschungen der Physiker haben in den letzten Jahren
zu Folgerungen auf dem Gebiet der Logik geführt, die immerhin eine
Reihe von Glaubenssätzen die der Unterdrückung dienen, gefährlich
werden konnten.
Der
preußische Staatsphilosoph HEGEL beschäftigt mit schwierigen
Untersuchungen auf dem Gebiete der Logik, lieferte MARX und LENIN, den
Klassikern der proletarischen Revolution, Methoden von unschätzbarem
Wert. Die Entwicklung der Wissenschaften erfolgt im Zusammenhang aber
ungleichmäßig und der Staat ist außerstande, alles im Auge zu
behalten. Die Vorkämpfer der Wahrheit können sich Kampfplätze auswählen,
die verhältnismässig unbeobachtet sind. Alles kommt darauf an, dass
ein richtiges Denken gelehrt wird, ein Denken, das alle Dinge und Vorgänge
nach ihrer vergänglichen und veränderbaren Seite fragt. Die
Herrschenden haben eine große Abneigung gegen starke Veränderungen.
Sie möchten, dass alles so bleibt, am liebsten tausend Jahre.
Am
besten der Mond bleibe stehen und die Sonne liefe nicht weiter! Dann bekäme
keiner mehr Hunger und wollet zu Abend essen. Wenn sie geschossen haben,
soll der Gegner nicht mehr schießen dürfen, ihr Schuss soll der letzte
gewesen sein. Eine Betrachtungsweise, die das Vergängliche besonders
hervorhebt, ist ein gutes Mittel, die Unterdrückten zu ermutigen... eh,
dass in jedem Ding und in jedem Zustand ein Widerspruch sich meldet und
wächst, ist etwas was den Siegern entgegengehalten werden muss. Eine
solche Betrachtungsweise (wie der Dialektik, der Lehre vom Fluss der
Dinge) kann bei der Untersuchung von Gegenständen eingeübt werden,
welche den Herrschenden eine Zeitlang entgehen. Man kann sie in der
Biologie oder Chemie anwenden. Aber auch bei der Schilderung der
Schicksale einer Familie kann sie eingeübt werden, ohne allzuviel
Aufsehen zu erwecken. Die Abhängigkeit jeden Dings von vielen andern;
sich ständig ändernden, ist ein den Diktaturen gefährlicher Gedanke,
und er kann in vielerlei Arten auftreten, ohne der Polizei eine Handhabe
zu bieten.
Eine
vollständige Schilderung aller Umstände und Prozesse, von denen ein
Mann betroffen wird, der einen Tabakladen aufmacht, kann ein harter
Schlag gegen die Diktatur sein. Jeder, der ein wenig nachdenkt, wird
finden warum. Die Regierungen, welche die Menschenmassen ins Elend führen,
müssen vermeiden, dass im Elend an die Regierung gedacht wird. Sie
reden viel vom Schicksal. Dieses, nicht sie, ist am Mangel schuld. Wer
nach der Ursache des Mangels forscht, wird verhaftet, bevor er auf die
Regierung stößt. Aber es ist möglich, im allgemeinen dem Gerede vom
Schicksal entgegenzutreten; man kann zeigen, dass dem Menschen sein
Schicksal von Menschen bereitet wird.
Dies
kann wieder auf vielfache Art geschehen. Es kann zum Beispiel die
Geschichte eines Bauernhofes erzählt werden, etwa eines isländischen
Bauernhofes. Das ganze Dorf spricht davon, dass auf diesem Hof ein Fluch
liegt. Eine Bäuerin hat sich in den Brunnen gestürzt, ein Bauer hat
sich aufgehängt. Eines Tages findet eine Heirat statt, der Sohn des
Bauern verheiratet sich mit einem Mädchen, das einige Aecker mit in die
Ehe bringt. Der Fluch weicht vom Hof. Das Dorf ist sich in der
Beurteilung dieser glücklichen Wendung nicht einig. Die einen schreiben
sie der sonnigen Natur des jungen Bauern zu, die andern den Aeckern, die
die junge Bäuerin mitgebracht hat und die den Hof erst lebensfähig
machen. Aber selbst in einem Gedicht, das eine Landschaft schildert,
kann etwas erreicht werden, nämlich wenn der Natur die von Menschen
geschaffenen Dinge einverleibt werden.
Es
ist List nötig, damit die Wahrheit verbreitet wird.
Zusammenfassung
Die
große Wahrheit unseres Zeitalters (mit deren Erkenntnis noch nicht
gedient ist, ohne deren Erkenntnis aber keine andere Wahrheit von Belang
gefunden werden kann) ist es, dass unser Erdteil in Barbarei versinkt,
weil die Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln mit Gewalt
festgehalten werden. Was nützt es da, etwas Mutiges zu schreiben, aus
dem hervorgeht, dass der Zustand, in den wir versinken, ein barbarischer
ist (was wahr ist), wenn nicht klar ist, warum wir in diesen Zustand
geraten? Wir müssen sagen, dass gefoltert wird, weil die Eigentumsverhältnisse
bleiben sollen. Freilich, wenn wir dies sagen, verlieren wir viele
Freunde, die gegen das Foltern sind, weil sie glauben, die Eigentumsverhältnisse
könnten auch ohne Foltern aufrechterhalten bleiben (was unwahr ist).
Wir
müssen die Wahrheit über die barbarischen Zustände in unserem Land
sagen, dass das getan werden kann, was sie zum Verschwinden bringt, nämlich
das, wodurch die Eigentumsverhältnisse geändert werden.
Wir
müssen es ferner denen sagen, die unter den Eigentumsverhältnissen am
meisten leiden, an ihrer Abänderung das meiste Interesse haben, den
Arbeitern und denen, die wir ihnen als Bundesgenossen zuführen können,
weil sie eigentlich auch kein Eigentum an Produktionsmitteln besitzen,
wenn sie auch an den Gewinnen beteiligt sind.
Und
wir müssen, fünftens, mit List vorgehen.
Und
alle diese fünf Schwierigkeiten müssen wir zu ein- und derselben Zeit
lösen, denn wir können die Wahrheit über barbarische Zustände nicht
erforschen, ohne an die zu denken, welche darunter leiden und während
wir, immerfort jede Anwandlung von Feigheit abschüttelnd, die wahren
Zusammenhänge im Hinblick auf die suchen, die bereit sind, ihre
Kenntnis zu benützen, müssen wir auch noch daran denken, ihnen die
Wahrheit so zu reichen, dass sie eine Waffe in ihren Händen sein kann
und zugleich so listig, dass diese Ueberreichung nicht vom Feind
entdeckt und verhindert werden kann.
Soviel
wird verlangt, wenn verlangt wird, der Schriftsteller soll die Wahrheit
schreiben. |