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Maschinenfabrik
N.& K. (1930)
von
Willi Bredel
Quelle:
Nemesis
- Sozialistisches Archiv für Belletristik
auf
Kommunisten-online am 29: Oktober 2011
Das Werk.
Jetzt
war es fünfzehn Minuten vor sieben. Das grüne Bäckerauto fuhr wie
jeden Morgen um diese Zeit hier vorbei. Die drei Arbeitermädel von der
Gummifabrik kamen dort um die Ecke. Wie jeden Morgen um diese Zeit
humpelte der Alte mit den schlohweißen Haaren und dem merkwürdig
langen Kinn über die Kanalbrücke. Dann rasselte auch schon drüben wie
jeden Morgen um diese Zeit, fünfzehn Minuten vor sieben, der Schlüssel
des Pförtners im Schloss der schweren Eisentür, und die Arbeiter, die
bereits vor dem Fabrikgebäude standen oder am Geländer des Kanals
lehnten, schritten langsam in den Fabrikhof. Es war ein diesiger,
nasskalter Februarmorgen. Mit hochgeklappten Kragen, die Hände tief in
den Taschen, schritten die Arbeiter mit unwirschen, verschlafenen
Gesichtern dahin.
Je
mehr die Uhr auf sieben ging, desto lebhafter wurde der Zustrom. Der Pförtner,
ein kleiner, verhungert aussehender Kriegsbeschädigter, stand am
Eingang und murmelte ununterbrochen: „'n Morgen, 'n Morgen!"
Da
heulte die Fabriksirene kurz und schrill. Fünf Minuten vor sieben. Auch
von den anderen Fabriken pfiff, heulte, schrie es. Die Arbeiter auf den
Straßen beschleunigten ihre Schritte. Einige junge Weiber liefen
lautlos über die Kanalbrücke, sie mussten zur Gummifabrik, die noch
ein ganzes Stück entfernt lag.
Im
Fabrikeingang bei Negel & Kopp staute es sich jetzt. Arbeiter mit
Fahrrädern hatten Mühe, sich durch das Tor zu zwängen. Gesprochen
wurde fast gar nicht. Keiner hatte Lust, den Mund auf zutun, nur der
Alte mit dem lahmen Bein murmelte immer wieder: „'n Morgen! 'n
Morgen!"
Diejenigen,
die sich schon umgezogen hatten, gingen über den Fabrikhof in ihre
Werkstattabteilung. Einige schüttelten sich, als sie die nasskalten,
dreckigen und öligen blauen Kittel am Leibe hatten und in die kalte,
feuchte Luft kamen.
In
dem Umkleideraum, gleich links am Eingang, war es jetzt übervoll. Jeder
trachtete so schnell wie möglich in seine „Plünnen" zu kommen.
Außer einer Schar Lehrlinge, die hinten in der Ecke rumorten, stieg
jeder stumm in seine Arbeitshosen, knöpfte den Kittel zu und ging
hinaus. An der Zentralheizung standen die Arbeitsleute, alte verhutzelte
Gestalten, die klappernd vor Kälte ihre Glieder aufzuwärmen suchten.
Ein
Pfiff, lang, abscheulich grell. Sieben Uhr. Und dann eine Schreierei in
den Lüften in allen Tonarten. Fast gleichzeitig wurden die großen
Elektromotoren angestellt, und die Vorgelege von Hunderten von Maschinen
ratterten durch die Räume. An einigen großen Hobelmaschinen, die
mitten im Span abgestellt worden waren, quälte sich kreischend und ächzend
der Stahl durch das Eisen.
Bevor
Geliert, der lahme Pförtner, das Tor schloss, sah er immer noch einmal
nach Nachzüglern aus. Er kannte sie schon, die immer auf die letzte
Minute oder gar zu spät kamen. Er wollte gerade seinen Kopf wieder zurückziehen
und schließen, als er den langen Erwin drüben um die Ecke rennen sah.
Ganz außer Atem kam er an. „Immer dieselben!"
„Sing
nicht, Alter!" rief der Lange und setzte über den Hof. Stempelte
man nämlich an der Kontrolluhr fünf Minuten nach sieben Uhr, dann
wurden dreißig Minuten abgezogen.
Die
Maschinenfabrik Negel & Kopp stellte Kräne, Schäl-, Schneide- und
landwirtschaftliche Maschinen her. Drei riesige Werkzeughallen bildeten
die Fabrik. Gleich links am Eingang, anschließend an den Umkleideraum,
war die Halle der Tischlerei. Bedeutend größer und höher zog sich in
der Mitte des ganzen Fabrikkomplexes die Montagehalle hin. Ganz rechts,
direkt am Kanal, stand die Maschinenhalle und daran anschließend die
technische Werkstatt und das Büro. Insgesamt waren etwa dreihundert
Arbeiter und fünfzig Angestellte der technischen und kaufmännischen
Abteilung in der Fabrik beschäftigt.
In
der Tischlerei war es verhältnismäßig sauber. Einige Kreis- und
Horizontalsägen kreischten grell und drangen erstaunlich schnell ins
helle Holz. Große Bretter wurden an einer Maschine gehobelt, dass die
Späne als lockige Holzwolle umherwirbelten. Sämtliche früheren umständlichen
Handgriffe wurden in verblüffender Schnelligkeit maschinell erledigt.
Drei halbfertige Krangehäuse standen in der Halle. Rechts in der Ecke
war eines fertig und wurde von Lehrlingen gestrichen. Dazwischen lagen
Holzstapel und kleinere Einzelteile. Es wurde gehämmert, gemessen,
gerufen, und ununterbrochen kreischten die Sägen.
In
der Montagehalle sah es bedeutend finsterer und schmutziger aus. Mitten
durch die Halle liefen Schienen, auf denen halbfertige Kräne standen.
Unter der Hallendecke hingen Laufkräne, die schwere Eisenteile
transportierten. An den Seiten, vor den verschmutzten Fenstern, standen
die Werkzeugtische, und in einer angebauten Vertiefung brannten mehrere
Schmiedefeuer, wo die Schweißer arbeiteten. Hier war ein Höllenlärm,
ein Tosen und Gedröhne. Das durcheinander tönende tiefe und helle
Eisenschlagen, der Gleichklang des Schmiedens, das Zischen und Fauchen
der Schweißapparate, das Sausen und Schlurren der großen
Schleifsteine, das gegenseitige Anbrüllen der Arbeiter, die sich nur so
in diesem Lärm verständlich machen konnten, war die so oft
angedichtete Sinfonie der Arbeit, in der die Arbeiter von morgens bis
abends ihr ganzes Leben lang schufteten und lebten.
Der
Laufkran fuhr einen riesigen Greifer über die Köpfe der Arbeitenden
hinweg. Schmächtige, kaum der Schule entwachsene Jungen turnten
zwischen den Eisenteilen umher und reichten den Gesellen Werkzeugteile
zu. Dort stand ein hünenhafter Arbeiter und wischte sich von der
verschmutzten, öligen Hand Blut. An den Werkzeugbänken wurde gehämmert
und gefeilt. Überall lagen die blauen Zeichnungen. Es arbeiteten immer
mehrere Arbeiter in einer Kolonne zusammen, die ihr bestimmtes
Arbeitspensum schaffen musste. Es waren zum größten Teil
eingearbeitete Facharbeiter, die ohne viel Reden ihre Arbeit machten.
Zum Umsehen war dabei allerdings auch keine Zeit.
In
der Maschinenhalle standen die Dreh-, Hobel- und Bohrbänke. Eine lange
Reihe Drehbänke stand an der Fensterfront. Inmitten der Halle waren
riesige Karussell- und
Plandrehbänke
in den Boden gemauert. Am andern Ende standen die Hobelbänke und
Bohrmaschinen. Geteilt wurde die Halle durch eine Glasbude, von der aus
die Meister den Arbeitsgang kontrollieren konnten.
In
Reih und Glied hintereinander, so, wie die Bänke standen, arbeiteten
natürlich auch die Dreher. Die verschiedenartigsten Artikel wurden
hergestellt. Von der kleinsten Schraube, dem einfachsten Bolzen bis zu
den kompliziertesten Kugellagergehäusen und Trapezgewindespindeln lagen
sie auf den Arbeitstischen bei den Drehbänken. Es wurden nur solche
Artikel in Arbeit genommen, die sich zur Massenfabrikation eigneten und
dann nach Zahl und Arbeitsvorgang geordnet gestapelt wurden.
An
den Riesen- und Karusselldrehbänken schleppten wieder Laufkräne das
oft zentnerschwere Arbeitsstück heran, das dann mit ganzer Kraft und
genauer Berechnung an der Drehscheibe der Bank gefertigt wurde.
Die
kleinen Bänke liefen in rasendem Tempo. Erstaunlich, mit welcher
Schnelligkeit der für das Material zurechtgeschliffene Stahl das Eisen
herunterschälte. Ein pfeifendes Sausen begleitete den Vorgang.
Die
großen Bänke liefen langsam und stöhnten, dröhnten und ächzten. Der
Stahl quälte sich gewaltsam in den spröden Guss, dass die ganze
Drehbank zitterte.
Etwas
abseits standen die Bohr- und Hobelmaschinen. Bei dauernder starker Kühlung
mit so genanntem Seifenwasser (Ölwasser) fraß sich unter Quietschen
und Kreischen der Bohrer ins Material. Die kleinsten und größten
Bohrungen wurden in einmaligem Vorgang fertig gestellt.
Neben
dieser Abteilung war die Werkzeugmacherei, in der das Werkzeug instand
gehalten und ausgeliehen wurde. -
Da
heulte wieder die abscheuliche Fabriksirene. Es war fünfzehn Minuten
vor neun Uhr. Frühstück. Um neun Uhr wird sie abermals heulen, dann
ist Frühstück vorbei. Von zwölf bis zwölf Uhr fünfundvierzig ist
Mittag und um vier Uhr Feierabend, dann ist ein Arbeitstag vorüber. Die
Woche hat sechs, das Jahr über dreihundert solcher Arbeitstage.
Meister Westmann.
„Also
kommen Sie mit!" Meister Westmann von der Dreherei ging voraus, und
ein „Neuer", ein großer schlanker Arbeiter, Ende der Zwanziger,
mit pieksauberem blauem Arbeitszeug, folgte.
„Sie
übernehmen diese Bank!" Es war eine mittelgroße Spindelbank,
nicht gerade das neueste, aber auch nicht das älteste Modell. Sie sah
stabil und doch handlich aus.
„Hier
im Schrank liegt das Werkzeug, das Sie bekommen, sehen Sie her!... Drei
Schlüssel liegen hier! Zwanzig Stähle. Zählen Sie!"
„Eins,
zwei, drei, vier... Stimmt!"
„Einen
Stahlhalter - einen Handfeger - eine Ölkanne - und hier zehn
Werkzeugmarken. Sie haben Nummer sechsundsiebzig. - Nun unterschreiben
Sie den Empfang!
Ich
habe Ihnen bereits gesagt, hier wird im Akkord gearbeitet. Die ersten
Tage drücke ich natürlich ein Auge zu, aber sehen Sie zu, dass Sie
sich bald eingearbeitet haben. Es ist in Ihrem eigenen Interesse!"
Meister
Westmann war schon einige Schritte fort, da kehrte er wieder um.
„Melmster,
sind Sie organisiert?"
„Wie
meinen Sie das?"
„Ich
meine gewerkschaftlich. Ihre Kollegen hier dulden keine
Unorganisierten!" „Ich bin organisiert!"
„Ist
gut, und Arbeit wird Ihnen gleich gebracht!" Alfred Melmster, der
„Neue", sah sich um. Sein Platz war mitten in der Reihe der
Dreher. Seitlich von ihm stand ein riesiges Biest von einer
Karusselldrehbank. Ein älterer Dreher würgte an ihr mit einem verlängerten
Schraubenschlüssel herum. Vor ihm stand ein jüngerer Mensch mit rötlichen
Haaren. Er schien peinlichst ordentlich zu sein, denn an seinem Platz
lag alles sauber und geordnet. Hinter ihm stand ein kleinerer,
bejahrter, schlau aussehender Arbeiter. Melmster hatte das Gefühl: Den
magst du nicht.
Die
Arbeit war nicht außergewöhnlich schwierig, aber gearbeitet wurde im
Galopp, das sah er. „'n Morgen, Kollege!" - „Morgen!"
„Ich
heiße Endrusch und bin der Vertrauensmann der Dreher, bist du im
Verband?" „Ja - warte -, hier ist mein Buch!"
Inzwischen
hatte der Arbeitsbursche auf einem Rollkarren die erste Arbeit gebracht.
Einhundert Flansche und einige Enden Metall.
Melmster
sah sich die Zeichnung an. Ganz gute Arbeit. Meister Westmann kam
wieder. „Werden Sie draus schlau?" „Natürlich."
„Sehen
Sie", und nun erklärte er ihm bis ins einzelne, worauf es bei den
Flanschen ankam und wie die Arbeit am besten in verschiedenen
Arbeitsteilungen fertig zu stellen sei. Ein anständiger Kerl, sagte
sich Melmster, als der Meister wieder weiterging.
„Hier,
Kollege, dein Buch!"
„Hör
mal, Kollege En... En... !"
„Endrusch!"
half dieser nach.
„Ja,
richtig, wie ist dieser Betrieb organisiert?"
„Sehr
gut - fast hundertprozentig. Es sind nur drei bis vier Arbeiter, die
sich hartnäckig weigern."
„Das
ist ja fabelhaft. Und der Arbeiterrat?"
„Sieben
Kollegen. Von uns, von der Dreherei, dort der Kollege Schmachel!"
„Wie
ist der Arbeiterrat politisch zusammengesetzt?"
„Alles
Sozialdemokraten!"
„Gibt
es hier gar keine Kommunisten?"
„Doch
- aber die sind hier nicht die Mehrheit!"
„So!"
sagte Melmster, aber er wurde aus der Zusammensetzung des Arbeiterrats
nicht recht schlau.
„Dort
hinten, der junge Hobler, das ist der Wortführer der Kommunisten!"
„Sooo",
sagte Melmster wieder und lachte dem Gewerkschaftsfunktionär ins
Gesicht.
Dieser
lachte aus Verlegenheit mit und ging. Dann arbeitete Melmster. Er überholte
die Bank, ölte sie ab, schliff sich die Stähle so, wie er sie
brauchte, setzte einen Flansch in die Planscheibe und begann zu
schruppen und zu bohren. Als er aber sah, dass der junge Hobler hinter
der Meisterbude seine Hobelmaschine abstellte und aus der Halle ging,
fragte er seinen Vordermann nach dem Abort. „Aus der Halle hier, bei
der großen Tür, links übern Hof!" Da stellte auch Melmster seine
Bank ab. Auf dem Hof stieß er auf den Hobler. „Ich hab schon gesehn,
hast heute angefangen, was?"
Sie
gaben sich die Hände. „Du, ich möchte was von dir wissen. Wer sind
meine Nebenleute?"
„Sozialdemokraten.
Wirst es nicht leicht haben. Und der hinter dir steht, Olbracht, ist
eine Kanaille, vor dem musst du dich in acht nehmen."
„Aber
wie kommt es, dass hier nur SPD-Arbeiterräte sind?"
„Wir
sind in der freigewerkschaftlichen Versammlung in der Minderheit
geblieben, und weil wir ihnen tüchtig Zunder gaben, haben sie sich auf
keine Verhältniswahl eingelassen und uns an die Wand gedrückt."
„Haben
wir denn keine eigene Liste aufgestellt?"
„Doch
- aber nur in der freigewerkschaftlichen Betriebsversammlung, und da
blieben wir in der Minderheit, und die SPD besetzte den ganzen
Arbeiterrat!"
„Dann
ist also gar keine richtige Betriebsratswahl gewesen?"
„Nein!"
„Wie
stark ist unsere Zelle?" „Achtundzwanzig Genossen!" „Mit
mir also neunundzwanzig!"
„Und
dann noch zirka vierzig in der RH und fast ebenso viele in der IAH. Man
muss gegen einen Kreis ganz verknöcherter Leute boxen, die hier in der
Wiege reingefahren wurden und die auch wieder im Sarg rausgekarrt werden
möchten!"
„Weißt
du, Hans, ich mach mich die ersten Tage noch nicht mausig - ich will
erst Grund fassen!"
„Wenn
du mit irgend etwas nicht zurechtkommst oder etwas wissen willst, dann
frag mich nur, ich bin hier altes Inventar und weiß so ziemlich
Bescheid", hatte Melmsters Hintermann zu ihm gesagt. Melmster hatte
sich freundlichst bedankt, aber die Antipathie gegen diesen schwammigen
Menschen mit den unruhigen Augen war nur gestiegen.
Als
es Mittag heulte, fragte Melmster, wo der Frühstücksraum sei. Olbracht
lachte.
„Der
ist so verdreckt und so ungemütlich, dass da keiner hingeht",
sagte er.
„Also
gibt's hier keinen Frühstücksraum?"
„Doch!"
„Nein!
- Ein dreckiger, ungemütlicher Frühstücksraum ist so gut wie
keiner!"
Nach
Mittag kam Meister Westmann. Er beobachtete, wie Melmster seine Arbeit
handhabte, und war anscheinend zufrieden, denn er legte, ohne ein Wort
zu sagen, einen Akkordzettel auf die Drehbank und ging wieder.
In
vierzehneinhalb Stunden mussten die Flansche fertig sein, das heißt
geschruppt, gebohrt, Messingbuchsen abgestochen, gedreht, in die
Flansche gepasst und diese dann auf einem Dorn endgültig fertig gedreht
werden. Da war jede Minute einkalkuliert.
„Stimmt
der Preis?" fragte Melmster seinen Hintermann und zeigte ihm den
Akkordzettel.
„Wieso?-Natürlich!"
„Nun,
ich meine nur, einem Neuen können sie ja alles in die Hand drücken!"
Kurz
vor vier Uhr wurde es unruhig. Heimlich wurden die Hände in Öl und
Seifenwasser gewaschen, die Frühstückstaschen mit den Thermosflaschen
bereitgelegt, und als es heulte - jagte, rannte, stolperte alles zum
Mittelausgang.
„Was
ist denn das?" fragte sich Melmster. „Die sind ja total
meschugge!"
Er
stand noch allein hinter seiner Drehbank, aber als er fortgehen wollte,
sah er, dass er sich anschließen musste, eine lange Kette Arbeiter
stand vor dem Ausgang.
„Warum
muss man sich anschließen?" fragte er den, der vor ihm stand.
„Weil
man an der Kontrolluhr stempeln muss!"
„Steht
denn da nur eine Uhr?"
„Ja!"
„Na,
Mensch, das ist aber 'n Betrieb!" Als Melmster seine Karte
abstempelte, war es fünf Minuten nach vier. Im Wasch- und Umkleideraum
war ein wildes Durcheinander. Jetzt sah man es erst, der Raum war viel
zu klein. Einige Minuten musste er warten, bis ein Becken frei wurde.
Die Lehrlinge durften sich sogar erst dann waschen, wenn die Gesellen
fertig waren.
„Toller
Betrieb", murmelte Melmster, als er aus dem Fabriktor schritt...
„Frühstücksraum - Waschraum - Kontrolluhr... "
Der
Neue orientiert sich.
Am
Tage darauf hatte sich Melmster im Betrieb tüchtig umgesehen. Wenn die
Bearbeitung der Flansche einmal eingestellt war und der Span einige
Minuten lief, fand man immer noch Zeit, sich über die Nachbarschaft zu
orientieren. Der junge Rotkopf vor ihm, Kurt Menzel, war ein harmloser,
etwas penibler Junge. Melmster hatte bald heraus, dass er
leidenschaftlich gern tanzte, jedes größere Fußballmatch besuchte und
dass die Mädels ihm den ganzen Tag im Kopf spukten. Er war ein in sich
verschlossener Mensch, aber freundlich und gefällig.
Bleckmann
hieß der ältere Dreher an der Karusselldrehbank. Wenn ein Meister oder
einer der Kalkulatoren durch die Halle ging, wollte er sich vor Arbeit
umbringen. Das gefiel Melmster nicht. Er schien sich außerordentlich
gut mit
Olbracht
zu stehen, die beiden hatten oft die Köpfe beieinander.
Dieser
Olbracht war ein merkwürdiger Kerl. Ganz offensichtlich versuchte er
bei Melmster Sympathie und Zutrauen zu erwerben. Er war freundlich, fast
zu freundlich, lächelte oft, selbst dann, wenn es gar nicht angebracht
war, und bot sich immer wieder als hilfsbereiter Kollege an.
Von
den übrigen Arbeitern fiel ihm ganz am Ende der Reihe ein längerer
schmächtiger Mensch auf, der oft übermäßig laut auf seinen
Vordermann ein schrie und dann knallrot im Gesicht wurde.
An
der großen Koppbank stand ein Dreher aus der
„Demagogengeneration". Er trug einen Spitzbart à la Bebel, und
Melmster wollte wetten, dass er einen schwarzen, breitrandigen Hut trüge.
Der
alte John mochte siebzig Jahre alt sein, und wenngleich er an seiner
Karusselldrehbank seit Jahr und Tag dieselben Schwungräder drehte, wie
Olbracht sagte, empfand es Melmster doch als einen Skandal, dass dieser
Greis sich noch so abplagen musste.
Olbracht
zuckte die Schultern: „Er will ja nicht! Invalidität und Rente könnte
er längst haben!" „Dabei kann er aber verhungern!"
Olbracht
zuckte wieder als Antwort die Schultern.
Ein
lustiger Kauz war der Dreher neben Bleckmann. Er bediente eine
ebensolche Karusselldrehbank wie dieser, und sie schienen in der Arbeit
auch richtige Konkurrenten zu sein. Vornehmlich Bleckmann bekam alle
Augenblicke den Besuch seines Nebenmannes, und dann wurde heftig über
die Arbeit und das Material schwadroniert. Er war ein schmächtiger,
aber springlebendiger Kerl, von einer grotesken Unsauberkeit, denn er
schmierte sich gedankenlos den ganzen Dreck seiner Hände ins Gesicht
und sah nach einigen Stunden Arbeit wie ein Hottentotte aus. Er hieß
Wiesenbach, Fritz, und war für seine Nebenleute das Unikum. Zum Gaudium
seiner Kollegen konnte er bei allen Spöttereien gottserbärmlich
fluchen.
Der
Hobler Hans kam und tat so, als ob er eine Zeichnung suchte, und raunte
dabei Melmster zu: „Komm zwanzig nach drei Uhr zum Scheißhaus fünf!"
Melmster
hätte nach der Akkordstundenzeit eigentlich mit der Arbeit schon fertig
sein müssen, doch war er nach seiner Berechnung höchstens am nächsten
Tag um zehn Uhr soweit. Dabei hatte es außergewöhnlich gut geklappt.
Nur ein Flansch, in den sich der stumpf gewordene Stahl eingefressen
hatte, war Ausschuss. Da er nun mit der Zeit versackt war, bekam er
seinen Grundlohn, und das waren 1,20 Mark die Stunde. Die Zeit auf dem
Akkordzettel war Durchschnittslohn, das heißt zehn Prozent mehr, also
1,32 Mark. Der Höchstakkordsatz, der nach stillschweigendem Übereinkommen
der Belegschaft verrechnet werden durfte, waren zwanzig Prozent. Auf
diese Weise wurde verhindert, dass sich die Kollegen aneinander
vorbeiarbeiteten; wer aus der Reihe tanzte - es gab auch solche Elemente
-, wurde gemieden wie ein Streikbrecher.
„Nun,
kommen Sie mit der Zeit zurecht?" Meister Westmann war an die
Drehbank getreten und betrachtete die Flansche.
„Sie
müssen darauf achten, dass die Metallbohrungen saugend nach Kaliber
minus passen!" „Jawohl!"
„Und
das wird mit der Zeit schon kommen!" „Was wollte er?" fragte
Olbracht, als Westmann fort war. „Nichts von Bedeutung!"
entgegnete Melmster. Olbracht biss sich auf die Lippen.
Melmster
ging über den Fabrikhof zum Lokus. Die Latrine war eine baufällige
Bretterbude. Eine grauschmutzige Blechrinne mit einem Abfluss in ein
Siel zog sich durch die ganze Bretterbude. Atemerstickend war der
Gestank, der einem entgegenschlug. Durch starkes Qualmen versuchte sich
jeder hier den Aufenthalt zu ermöglichen. Melmster kannte von den
Werften und von Süddeutschland her die Lattenlatrinen, wo in einer
Bretterbude nur eine Latte gelegt war, über der man sich balancierend
festhalten musste, doch diese hier waren mindestens ebenso ekelhaft. Die
Wände waren verschmiert und verkritzelt, der Boden war nackte Erde, und
von den fünf Latrinen stand an der dritten noch ein Schild „Nicht
benutzen", hier funktionierte die Wasserleitung nicht.
Auf
Nummer fünf saßen bereits drei. Außer dem Hobler Hans lernte Melmster
den Schlosser Drohn und den Tischler Hackbarth kennen. Diese drei waren
der Zellenkopf der Fabrik.
Sie
hatten Melmster zur Beratung herangezogen, weil sie wussten, dass er ein
aktives und langjähriges Parteimitglied war.
„Ist
das hier eine Pestbude!" Melmster verzog vor Gestank das Gesicht.
„Macht schnell, ich verschwinde bald wieder!"
„Wir
haben so auf Umwegen erfahren", begann der Hobler Hans zu flüstern,
„dass der Arbeiterrat eine Belegschaftsversammlung für Mittwoch nächster
Woche plant. Er wird sie heimlich unter seinen Anhängern vorbereiten
und sie am Tage davor offiziell bekannt geben. So hoffen sie uns zu über
rumpeln. Wir müssen also auf der Hut sein!" - „Ich schlage vor,
sofort für morgen eine außerordentliche Zellenversammlung
einzuberufen. Es ist seit dem Sommer die erste Belegschaftsversammlung,
die der Arbeiterrat einberuft, und vielleicht die letzte vor den
Wahlen!"
Der
Schlosser Drohn gefiel Melmster, was er sagte, war klar und bestimmt.
„Dann
muss jeder möglichst heute noch die Genossen seiner Abteilung
benachrichtigen", ergänzte ihn der Tischler Hackbarth.
„Hallo!"
Jemand rüttelte an der Tür.
„Besetzt!"
schrie Hans Wend.
„Und
was meinst du?" fragte er Melmster.
„Ich
bin durchaus eurer Auffassung. Wenn die Burschen eine
Belegschaftsversammlung umgehen, wo sie nur können, müssen wir auf
Draht sein!"
„Also
gut!" flüsterte nun wieder Hans Wend, „morgen gleich nach
Feierabend. - Geh du zuerst!"
Melmster
ging über den Hof in die Maschinenhalle.
Kurz
vor Feierabend ging der Oberkalkulator durch die Halle, der
meistgehasste Mensch der ganzen Fabrik. Das wusste er auch, aber er
wurde dadurch nur noch hochmütiger. Die Hände auf dem Rücken,
schlenderte er mit scheinbar gleichgültigen Blicken an den Drehbänken
vorbei. Er schien keine Menschen, sondern nur Arbeit zu sehen. Als er
bei dem Dreher Bleckmann vorbeikam, zog dieser die Mütze. Bei Melmster
blieb er etwas länger stehen und beobachtete dessen Handgriffe. Dann
betrachtete der „Mann mit der Stoppuhr" die fertigen Flansche.
Dabei sahen sich Melmster und er sekundenlang in die Augen. Melmster
hatte das Empfinden, als warte jeder darauf, dass der andere grüßen würde.
Melmster verzog keine Miene. Er, der Prolet, fühlte keine Veranlassung,
dem „Ober" die einfachste Höflichkeit zu ersparen. Wortlos ging
der Oberkalkulator weiter.
„Immer
kurz vor Feierabend", brummte der Rotkopf, „dieser madige
Sack!" Dann ließ er seine Bank leer laufen und wusch sich hinter
seinem Werkzeugtisch die Hände.
Eine
komische Begegnung, dachte Melmster, und dann heulte es, und alles lief
wieder in wilder Raserei zur Steckuhr. Melmster aber lief wieder nicht
mit.
Der Betriebsobmann mit der Kastratenstimme.
Karl
Kühne, der Betriebsratsobmann, war ein hünenhafter Kerl. 1,90 Meter
mochte er groß sein, und der eiförmige kleine Kopf saß auf breiten,
fastwaagerechten Schultern. Er schien sich bei seinen körperlichen
Ausmaßen und seiner Funktion auch außerordentlich wichtig vorzukommen,
denn er bewegte sich langsam und gravitätisch. Er war Anreißer, und
seine Anreißplatte stand gleich hinter der Meisterbude zwischen den
Maschinen. Ein großes Gussgehäuse stand hier, und der Riese
bearbeitete mit Winkel, Maß und Reißnadel die angekreideten Stellen.
Dabei war ihm seine außergewöhnliche Körpergröße so hinderlich,
dass er meistens in geduckter Stellung vor seinem Arbeitsstück stand.
„Kollege,
hast du die Zeichnung E sechsunddreißigvierund-zwanzig?"
Melmster
suchte eine Zeichnung, die hier liegen sollte.
„Sieh
mal nach, dort unter den andern!" piepste der Riese mit einer
fisteldünnen Stimme, dass Melmster ihn förmlich entsetzt anstarrte.
Der riesengroße Mensch schien zu begreifen, was in dem andern vorging,
wurde rot und beugte sich noch tiefer über seine Arbeit. Melmster aber
stellte fest, dass er außer dieser Altjungfernstimme auch noch große,
helle, aber etwas einfältige Augen hatte.
Er
fand seine Zeichnung, sagte es und wollte gehen, da rief ihn der
piepsende Riese zurück.
„Kollege,
wo hast du zuletzt gearbeitet?"
„Ich
bin als Reparaturdreher zur See gefahren."
„Du
bist ja schon ziemlich lange im Verband!"
„Ich
war in der Arbeiterjugendbewegung", war Melmsters ganze Antwort.
„Kommst
du mit der Zeit zurecht?"
„Sie
scheint nicht an der Drehbank, sondern nach Tabellen errechnet zu sein.
Die Arbeit selbst ist nicht so aufregend!"
Melmster
beobachtete, wie der Betriebsrat ihn fortgesetzt groß und stur ansah.
Er tat so väterlich gütig und so intelligent wie möglich und wollte
Autorität erobern, er war doch Betriebsratsobmann, und da er im Zweifel
war, ob der „Neue" es überhaupt schon wusste, konnte er es sich
nicht verkneifen, es so scheinbar nebenbei zu bemerken.
„Ich
weiß bereits", sagte Melmster gleichgültig, und der Riese zuckte
ordentlich zusammen...
„Sie
haben an den Flanschen neunzehn Stunden gearbeitet", kam Meister
Westmann mit dem Akkordzettel zu Melmster, „das wird wohl nicht
stimmen I"
„Doch,
ich bin erst heute etwas nach zehn Uhr fertig geworden."
„Na,
Menschenskind, dann haben Sie ja nichts verdient. Haben Sie nicht die
Bank eingerichtet, als Sie sie übernahmen?"
„Jawohl!"
„Also
schreiben wir vier Stunden Bankeinrichten, dann haben Sie doch
wenigstens etwas!"
Melmster
wusste nun, wie hier die Akkordpreise gehalten wurden. Im Kalkulationsbüro
hieß es jetzt, sogar die Neueingetretenen verrechnen bei der ersten
Arbeit schon zehn Prozent.
In
den Nachmittagsstunden war an den letzten Drehbänken eine Brüllerei,
die den Lärm der Maschinen übertönte. Besonders der Dreher mit dem
Bebelspitzbart fuchtelte erregt mit den Armen in der Luft.
„Das
ist Schmachel, der sich mit dem Kommunisten unterhält", grinste
Olbracht.
„Wer
ist denn der Kommunist?"
„Der
Junge dort mit der gespaltenen Nase. - Der Drittvorletzte!"
„Aber
warum brüllt denn der andere so?"
„Das
ist Politik", grinste Olbracht gemein. Politik, dachte Melmster und
wurde daraus nicht schlau.
Der
Spitzbart brüllte weiter, bis der Meister kam, dann fuchtelte er diesem
mit den Händen vorm Gesicht herum und schien sich gar nicht beruhigen
zu können.
Melmster
hatte konische Zahnräder zu bearbeiten. Es war ekelhaftes, sandiges
Material, kein Stahl war scharf zu halten. Auf einem Gang langsamer ging
es dann schließlich leidlich. Sinnend sah Melmster, wie sich der lange,
dünne Bohrstahl federnd ins Material arbeitete. Plötzlich wurde ihm
der Sinn der Brüllerei klar. Die schlagen also Lärm, damit alles auf
den Kommunisten aufmerksam wird und dieser dann bei der nächsten
Gelegenheit seine Papiere erhalten kann. Und alles bewusst und überlegt.
Eine Gemeinheit. -
Als
Melmster nach Feierabend glücklich ein Waschbecken ergattert hatte und
sich wusch, trat der Hobler Hans an ihn heran und sagte: „Ich geh mit
dir längs!"
„Weißt
du", sagte er dann, als sie auf dem Wege zum Versammlungslokal
waren, „wir haben eine Sympathisierende (er sagte es immer statt
Sympathisierende) im Kalkulationsbüro.
Eine
frühere Jugendbeweglerin. Sie macht auch die Protokolle der
Verhandlungen des Arbeiterrats mit der Firma und hat uns schon manchen
Tipp gegeben. Wir kennen jedes Wort, das oben gesprochen wird."
„Das ist ja glänzend I"
„Aber
wir können nie richtigen Gebrauch davon machen, sonst ist sie natürlich
kompromittiert. Es ist gewissermaßen nur zur Information!"
„Wissen
alle davon?"
„Nee,
nur Kerge und Drohn!"
„Das
braucht auch weiter keiner zu wissen!" Inzwischen waren sie durch
einige Straßen gegangen.
„Hier
an der Ecke ist es", sagte dann Hans.
Die Zelle.
Zirka
acht Genossen saßen schon im Vereinszimmer der Eckwirtschaft beisammen,
als Melmster und Hans eintraten.
„Mensch,
Hans, dir hab'n se wohl ins Gehirn gespuckt!" rief ein großer
Arbeiter mit klobigem Knochenbau, ungewaschen und mit freier, behaarter
Brust, „heut ist doch Kundgebung bei Sagebiel!", und seine gelben
Zähne glänzten, „man kann sich ja kaum den Schiet abwaschen!"
„Hätten
wir nicht warten können bis zum festen Tag? Ich wollte heute gerade
meine zehn Mann kassieren", rief ein anderer.
Nach
Melmster kamen noch einige. Unter ihnen interessierte Melmster ein
junger Bursche mit flachsblonden Haaren. „Hallo, Fritz!"
„Bist
du bi uns anfungen?" kam der Junge fragend auf Melmster zu. Sie
setzten sich zusammen. Fritz Baldow, der Tischlerlehrling, schien sich höllisch
zu freuen. Sie kannten sich durch den Bruder des Lehrlings, der ein
unermüdlicher Funktionär der Partei war.
Der
Wirt kam, stellte einige Glas Bier auf den Tisch und nahm Bestellungen
entgegen.
Als
sich noch einige zwischen den Fahrrädern, die an der
Tür
standen, durchklemmten, war das kleine Zimmer fast überfüllt.
„Warum
kommt Rudioff nicht?" fragte Hans, der am Ende des Tisches Platz
genommen hatte. Keiner wusste eine Antwort. „Voriges Mal war er auch
nicht hier, notier es mal, Karl!" „Kulmbacher und Erwing fehlen
auch noch!" rief einer. „Das faule Volk kommt nicht",
erwiderte ein anderer. Dann schlug Hans Wend mit seinem Schlüssel an
das Bierglas.
„Genossen,
ich eröffne unsere außer der Reihe einberufene Zellensitzung. Die
Angelegenheit ist unaufschiebbar, aber wir erledigen sie schnell. An
einem Tag in der nächsten Woche ist Betriebsversammlung. Der
Arbeiterrat ist schon mächtig aktiv, heimlich natürlich. Alle sicheren
Leute werden verständigt. Es soll über Überstunden in der Dreherei
und Neukalkulierung der Akkordpreise verhandelt werden."
„Das
heißt Reduzierung des Akkordlohnes!" rief einer dazwischen.
„Selbstverständlich",
fuhr Hans fort, „und wir müssen geschlossen und planmäßig
auftreten. Bei der letzten Besprechung des Arbeiterrats mit Jacobi und
Fritsche haben Kühne und Schmachel schon so gut wie zugestimmt. Die
Belegschaft soll nur noch amen sagen. Wir müssen nun ein, zwei Redner
bestimmen und eine Resolution ausarbeiten und alle Sympathisierenden in
die Versammlung bringen. Wer will das Wort dazu?"
„Hier!"
rief der Ungewaschene, der Schmied Hennings, wie Fritz erklärte.
„Genossen, die Brüder wollen uns übers Maul fahren. Gut, dass wir
heute beisammen sind und schon wissen, was gespielt wird. Ich schlage
vor, Hans und Drohn reden!"
Es
waren gut zwanzig Arbeiter in dem kleinen Raum, durchschnittlich, wie
Melmster feststellte, im Alter von fünfundzwanzig bis fünfunddreißig
Jahren. Große und kleine, schmächtige und breite. Ihren Beruf konnte
man schon an der Kleidung erkennen.
„Hans,
gib mir mal das Wort!" Ein älterer Kollege - die winzigen
Holzfasern am Rock verrieten den Tischler - räusperte sich und sagte:
„Wir haben zwanzig bis dreißig Pfennig weniger Lohn als die Tischler
in anderen Betrieben. - Beim Abschluss des jetzigen Tarifs sind wir um
unsere Forderungen betrogen worden! - Kaum eine Lohnerhöhung. - Keinen
freien Sonnabendnachmittag. - Jetzt ist die Gelegenheit selten günstig.
- Wir müssen der Firma unsere Forderungen unterbreiten und diese
Forderungen bis zum Ende durchkämpfen! Zuerst müssen wir eine
Resolution einreichen, wo alles drinsteht, aber kurz muss sie sein, kurz
- ganz kurz." Er suchte schwer nach den passenden Worten.
„Wenn
ich recht verstanden habe, sind wir einer Meinung", erklärte nun
wieder Hans. „Der Zellenvorstand wird sich auf seine vier Buchstaben
setzen und eine Resolution ausarbeiten sowie Redner bestimmen. Alle
Sympathisierenden müssen mobilisiert werden. Und jetzt hat unser neuer
Genosse Melmster das Wort."
Dichter
Tabaksqualm war in dem kleinen Zimmer. Der Tischler Hackbarth tat einen
tiefen Schluck und wischte sich den Bierschaum vom Bart. Jeder wartete,
was der „Neue" sagen würde.
„Genossen,
ich bin zwei Tage im Betrieb, ich will euch kurz mitteilen, was mir
aufgefallen ist. Dreihundert Arbeiter und dreißig Genossen und ein
derartiges verdrecktes, ekelhaftes Scheißhaus, dass man sich die Pest
holen kann, kein anständiger Frühstücksraum, keine Spinde und nicht
genügend Waschbecken im Umkleideraum; täglich um vier Uhr ein
Nurmi-Wettrennen, weil nur eine Kontrolluhr vorhanden ist. Das alles ist
ein Skandal ohnegleichen. Aber, Genossen, wir sind mitschuldig daran,
wenn wir nicht gegen derartige Missstände kämpfen.
Dieser
Betriebsrat krümmt doch keinen Finger, der fühlt sich in seinem Amte für
das Wohl und Wehe der Betriebsleitung und die Ruhe und Ordnung der
kapitalistischen Ausbeutung im Werk verantwortlich. Diese Puppen der
reformistischen Bonzen vom ADGB werden niemals Missstände entdecken.
Wie
können wir aber am besten derartige Missstände anprangern und eine
Bewegung im Betrieb entfesseln, damit sie beseitigt werden?
Genossen,
es freute mich als Neuling in eurem Kreise ungemein, als der Genosse
Hans mir mitteilte, dass demnächst eine Betriebszeitung erscheinen
wird." Hans sah ihn furchtbar blöde an, aber Melmster fuhr fort:
„Seht, das ist die richtige Waffe, eine schonungslose Kritik unter den
Kollegen im Betrieb zu entfesseln. Aber ihr müsst alle mitarbeiten,
Schweinereien rücksichtslos anzuprangern, die Meinungen der Kollegen
festhalten, berichten, was gegenwärtig interessiert und diskutiert
wird. Und noch eins - ich bin im Betrieb noch nicht richtig warm, ich
werde mich dabei noch etwas im Hintergrund halten.
Aber
gearbeitet wird schon ab heute, und jeder Genosse, der ein wirklicher
Kommunist sein will, muss mitmachen."
Keiner
sagte was, jeder aber wunderte sich, denn von einer Betriebszeitung war
wohl früher mal flüchtig, aber dann nie wieder gesprochen worden.
Am
Schluss der Zellensitzung trat Hans zu Melmster. „Du willst eine
Betriebszeitung machen?" „Ich nicht - wir!"
„Schön,
und wen gedenkst du offiziell zu beauftragen?" „Unter uns gesagt,
Fritz Baldow."
„Der
Junge, der Lehrling?" Hans hob abwehrend die Hände.
„Der
ist gut, Hans, glaub es mir."
Er
hätte...
Kaum
ratterten am andern Morgen die Maschinen in den Hallen, da hielten sie
auch schon wieder. Die Dreher vermuteten eine Betriebsstörung und
suchten erfreut ihre Sitzplätze an der Fensterfront auf. An einer
steigenden Unruhe in der Fabrik erkannten jedoch alle, dass die Störung
andere Ursachen hatte. Arbeiter liefen durch die Halle. Unter dem einen
Laufkran sammelten sich immer mehr Arbeiter und sahen zum Kran hinauf.
Einige waren
von
der Galerie über die Eisenbalken balanciert, denn der Kranführer Georg
war ins Getriebe gekommen.
Unten
an den Leitschnüren stand totenbleich und wie erstarrt der zweite Kranführer,
der den Kran wahrscheinlich benutzen wollte, ohne dass er wusste, dass
sein Kollege oben das Getriebe schmierte.
Immer
mehr Arbeiter strömten herbei. Auch die Meister kamen aus ihrem
Glashaus. Ein Junge lief ins Kontor. Er sollte nach einem Krankenwagen
telefonieren. Aber von den Büroangestellten war noch keiner da. Nun
lief er durch das große Tor zum Pförtner.
Inzwischen
hatten einige beherzte Kollegen den eingeklemmten Kranführer befreit.
Er war bewusstlos, und eine Hand hing wie tot, schlaff und weiß
herunter. Bei Kopf und Füßen wurde er nun vorsichtig von zwei
Arbeitern über den schmalen Eisenbalken getragen. Alles starrte mit
offenen Mäulern hinauf. Ein Fehltritt, und die beiden schlugen mit dem
Verletzten auf die untenstehenden Maschinen. Es war trotz der Ansammlung
unterm Kran grabesstill. Auf der Galerie standen einige Schlosser und
hoben den Verletzten über das Geländer. Dann wurde es auch unten
wieder lebendiger. Überall wurde gleich diskutiert, wer schuld habe.
„Er
hätte die Leitschnüre zusammenknoten müssen, damit der andere
aufmerksam wurde!" „Er hätte überhaupt den Motor abstellen
sollen!" „Kräne sollten nur in der Frühstücks- oder
Mittagszeit geschmiert werden!" „Er hat selber schuld, er ist zu
leichtsinnig gewesen!" „Nicht er, sondern die Antreiberei hier
ist schuld, es kann denen da ja nie schnell genug gehen!"
Alle
Auffassungen wurden vertreten. Der Kranführer Emil hörte zu, sprach
aber selbst kein Wort; er, ein kräftiger, knochiger Mann, lehnte noch
immer bleich und vom Schreck wie gelähmt am Pfeiler.
Melmster
traf mit Olbracht an der Galerietreppe zusammen, und sie gingen
gemeinsam an ihre Bänke. „Das Bein scheint mehrere Male gebrochen zu
sein - der
Kerl
war auch zu unvernünftig! Wenn die Invalidität genau nachforscht,
steht es mies mit ihm!"
„Warum
werden die Kräne nicht vor Arbeitsbeginn oder nach Feierabend
geschmiert?" fragte Melmster.
Olbracht
machte eine Bewegung mit Daumen und Zeigefinger, was soviel heißen
sollte wie „Geld! - Geld!", und lächelte.
„Dann
wissen wir ja also, wo die Schuld zu suchen ist."
Allmählich
hatten alle wieder ihren Arbeitsplatz aufgesucht. Die Motoren wurden
angestellt. Drehbänke und Bohrmaschinen liefen, und alles war wieder
bei der Arbeit.
Dann
aber kam das Krankenauto in den Fabrikhof gefahren. Auf einer Bahre
wurde der Kranführer hinausgetragen. Er lag wie tot. Alles rannte an
die Fenster, wischte sich ein Blickloch sauber und sah zu, wie der
Verunglückte vorsichtig ins Auto geschoben wurde. Der Motor sprang an,
und sanft und lautlos fuhr das Auto zum Fabriktor.
Als
letzter stand der Kranführer Emil an der weitgeöffneten Seitentür und
sah noch, wie der humpelnde Pförtner das Fabriktor schloss.
„Unfälle
passieren ja täglich", Olbracht schnäuzte sich, „aber das war
ein schwerer!"
Dann
schien der Vorfall vergessen zu sein, auch in der Frühstückspause
sprach keiner weiter davon.
Melmster
quälte sich mit seinen konischen Zahnrädern ab. Während sich der
Stahl in ein Zahnrad wühlte, sortierte er die übrigen nach der Güte
des Materials. Einige waren so versandet, dass sie nicht zu bearbeiten
waren. Als Meister Westmann vorbeikam, zeigte er sie ihm.
„Sehen
Sie, langsam muss ich laufen lassen, sonst rutscht der Stahl weg!"
„Hundsmiserabler
Guss!" Meister Westmann betrachtete die Sandstellen.
„Dabei
komm ich mit der Zeit natürlich nicht annähernd aus!"
„Schreiben
Sie das extra und reservieren Sie einen für den Kalkulator!"
Ein
etwas rundliches Mädel mit üppigem rotblondem Bubikopf schritt in
ihrem weißen Bürokittel forsch durch die Maschinenhalle.
Ob
sie das ist? dachte Melmster und sah ihr nach.
Der
Kittel war eng an den Körper geschnürt, und sie wiegte sich in den Hüften.
Wie
unbewusst blickte er in die Richtung, wo der Hobler Hans arbeitete. Der
schien sich nach ihm den Hals zu verrenken. Als sich die Blicke
begegneten, nickte Hans mit dem Kopf. Melmster nickte wieder. Also sie
war es.
„Der Rote Greifer".
Während
Hans Wend einen Greifer zeichnete, der ein ganzes Bündel strampelnder
und angstschreiender Kapitalisten mit fetten Bäuchen gepackt hatte,
schrieb Melmster über die kommende Belegschaftsversammlung und
redigierte eine Arbeiterkorrespondenz über den piepsenden Goliath. Der
Tischlerlehrling Fritz, der an der Fensterbank saß, entwarf einige
kleine Artikel und Schlagzeilen für die bevorstehende Arbeiterratswahl.
Das
kleine dreieckige Zimmer des Hoblers war die Redaktion, die Druckerei
und die Expedition der neuen Betriebszeitung „Der Rote Greifer"
der Maschinenfabrik von N. & K. geworden. Eine alte Schreibmaschine
und ein Vervielfältigungsapparat waren die einzigen Betriebsutensilien,
die sich die Zelle von den gesammelten Groschen der Arbeiter hatte
anschaffen können. Am Tage der Belegschaftsversammlung sollte der erste
„Greifer" erscheinen. Und nun saß jeder der engeren
Redaktionsmitglieder hier und tat sein Teil zur Fertigstellung.
„Alfred,
Dora Timm wollte auch kommen, wir können ihr dann alles gleich in die
Maschine diktieren!" „Wer?"
„Na,
unsere Freundin von N. & K."
„Ach
so!" Nach einer Weile fragte Melmster: „Hast du eigentlich mit
der ein Verhältnis?" „Nee!" meckerte Hans.
„Aber
wieso hält die zu uns?"
„Das
ist eine kuriose Geschichte - ich denke mir, dazu haben uns unsere
Feinde verholfen! - Sieh mal, hat der nicht eine gewisse Ähnlichkeit
mit dem alten Kopp?"
Hans
wies auf einen fetten Bourgeois, den der Greifer sich gekrallt hatte.
„Aber
was ist mit der Dora Timm?" blieb Melmster hartnäckig.
„Nun,
sie sagt, sie sympathisiere mit uns und fühle sich daher verpflichtet,
auch für uns zu arbeiten!" „Warum ist sie kein
Parteimitglied?"
„Sie
will sich nicht binden, sagt sie. Aber - ich habe meine eigenen
Gedanken. Kennst du den Walter Denvolt? Früher in der SAJ?"
„Dies
Protektionskind der SPD? Natürlich!"
„Und
der spielt, glaube ich, dabei eine Rolle!"
„Nanu?"
„Das
ist ein vollendeter Lump geworden. Früher in der Jugendbewegung radikal
bis zur Schwärmerei, die Haare konnten nicht lang genug, die Hosen
nicht kurz genug sein. Du kennst vielleicht seine Gedichte in der
,Arbeiterjugend': ,Wir Jungen!' und ,Wir Jungen wollen in der ersten
Reihe stehn!' Er boxte auch zeitweilig gegen die Senatorenclique
innerhalb der SPD, bis diese es für an der Zeit hielt, an seine
niedrigen Instinkte zu appellieren. Sie brachten ihn zum Schweigen,
indem sie ihn kauften!"
„Und
er ließ sich kaufen?" fragte Fritz entsetzt.
„Er
ließ sich kaufen, das heißt, wie das heute vor sich geht. Man kauft
durch Vergebung von gutbezahlten Funktionen. Er war in der GEG
angestellt, wurde dort herausgenommen und in den ZdA gesteckt.
Gleichzeitig stellte man ihn bei der nächsten Bürgerschaftswahl auf
die Liste und flüsterte ihm ins Ohr, dass er noch zu großen Dingen
berufen sei. Jetzt ist er schon im Vorstand der SPD, sein Vorbild ist
der Maxe Brauer und sein Ziel, Senator von Hamburg zu werden!"
„Was
hat nun aber die Dora Timm damit zu tun?"
„Die
war in der SAJ sein Mädel, seine Braut oder so. Jetzt sagt ihm die
einfache Kontoristin nicht mehr zu, und er löste dieses nicht zu seiner
Karriere passende Verhältnis!"
„Also
ein Racheliebchen!" spottete Melmster.
„Nenn
es, wie du willst. Sie sagt, sie mache sich keine Illusionen mehr über
die Führer dieser Partei. Sie aber sei Sozialistin!"
„Das
verstoßene Bräutchen als unsere Spionin, das ist ja der reinste
Film!" „Lass sie das um Gottes willen nicht hören!" Mit
einem lächelnden „Guten Tag" trat Dora Timm nach einer Weile
ein.
Ungezwungen
reichte sie jedem die Hand. „Schon so fleißig?"
„Das
ist unser neueingetretener Genosse, Alfred Melmster." „Kenn ich
bereits, guten Tag."
„Mir
aber gar nicht bewusst!" erwiderte etwas verwirrt Melmster.
„Wissen
Sie, ich habe Sie bereits in meiner Kartothek mit Alter, Beruf und Fähigkeiten!"
Alle
lachten, und Melmster wollte wissen, welche Fähigkeiten denn bereits
registriert seien.
Während
sie ihren Mantel abnahm, vorsichtig den Hut über den Kopf zog, damit
die dichten rotblonden Haare, die hervorquollen, nicht in Unordnung
gerieten, sagte sie neckend: „Sie scheinen ein schlechter Kommunist zu
sein, denn Sie gelten als guter Arbeiter!"
„Aber
erlauben Sie mal, jeder Kommunist sollte sich bemühen, ein guter
Arbeiter zu sein!"
„Heißt
das, dass man für die Kapitalisten tüchtig schuften soll?" fragte
Fritz erstaunt.
„Fritz,
wir sprachen kürzlich mit Hans von unserer bolschewistischen Taktik in
der Armee. Wie wir dort, wenn's drauf ankommt, gute, wissbegierige,
umsichtige Soldaten sein müssen, denn wir sollen zum Teil die künftigen
Offiziere sein, so müssen wir auch in den Betrieben gute, wissbegierige
Arbeiter sein, die nicht nur ihr Handwerk, sondern auch noch die
Kalkulation
beherrschen und möglichst noch vom Vertrieb und Umsatz eine Ahnung
haben, denn wir wollen doch später mal die Betriebe sozialisieren; und
wer sollte sie dann leiten, wenn nicht wir?"
„Ach,
soweit ist es noch lange nicht!" seufzte Dora Timm.
„Sie
sind ja ein Schwärmer!"
„Nein,
das sind Fragen, die von uns Kommunisten leider viel zuwenig berücksichtigt
und oft gar nicht verstanden werden!" erwiderte Melmster.
„Danach
wäre es also für mich als Kommunisten Pflicht, dass ich mich bemühe,
ein tüchtiger Tischler zu werden?" meinte noch immer zweifelnd
Fritz.
„Selbstverständlich
ist das eine deiner Pflichten, die du als Kommunist hast!"
„Ich
halte es für richtiger, Marx und Lenin gründlich zu studieren."
„Sonst
wärst du ja kein Kommunist, aber dann musst du auch ein tüchtiger
Facharbeiter sein, denn nach der siegreichen Revolution und dem Aufbau
des Sozialismus musst du als roter Direktor Kommunist und Fachmann
sein."
„Na,
wissen Sie, dem weinenden Herkules haben Sie es aber gegeben!" Dora
las den Artikel von Melmster. „Das ist auch eine ebenso unglückliche
wie jämmerliche Figur!"
„Was
sagen Sie zu meinem Zeichentalent?" Hans Wend zeigte den fertigen
Kopf der Betriebszeitung.
„Gut!
Gut! Und dieser Dickbauch - direkt wie der brummige Kopp!"
„Na,
was sagte ich?" rief Hans triumphierend.
„Wann
ist nun eigentlich die Versammlung?"
„Mittwoch."
„Dann
dürfen wir nicht vergessen, für Mittwoch zwei erwerbslose Genossen zu
bestellen, die den ,Greifer' um sieben Uhr an der Fabrik
verteilen."
Dora
Timm begann vorsichtig, die erste Seite der Betriebszeitung auf den
Wachsbogen zu tippen. Es war ein Artikel zur Belegschaftsversammlung,
den der Betriebsrat immer noch verheimlichte.
„Da
wird der Herkules aber seine Pferdeaugen aufreißen!" lachte Dora.
Alle
schmunzelten still vor sich hin.
Der
„Greifer" trifft.
„Zu
wem zählst du dich eigentlich, zu den Sozialdemokraten oder zu den
Kommunisten?" fragte Olbracht eines Tages. Das kam Melmster
schneller, als er es gewünscht hatte. Als er dann aber seelenruhig
sagte, zu den Kommunisten, polterte Olbracht los: „Zu den Krakeelern,
den Maulhelden mit ihrem Kaschemmenanhang und ihrer gewissenlosen
Putschtaktik?"
Darauf
hatte Melmster nur lächelnd erwidert: „Das habe ich alles schon im
,Echo' gelesen."
Melmster
glaubte nun, Olbracht würde sich fortan etwas reservierter verhalten,
doch dieser blieb scheinbar der alte, väterlich-hilfsbereite Kollege.
Nur Bleckmann schielte ihn einige Male erstaunt an.
Am
Dienstagnachmittag befestigte endlich der Betriebsratsobmann Kühne am
„Schwarzen Brett" eine Bekanntmachung.
Melmster
las, dass am folgenden Tage Belegschaftsversammlung sei, und meinte so
nebenbei zu den Umstehenden: „Das wird reichlich spät bekannt
gemacht!"
„Ja",
sagte Bleckmann betont gleichmütig, „das hätte der Arbeiterrat ruhig
einige Tage eher bekannt machen können!"
Die
Kollegen stimmten ihnen zu.
Am
folgenden Morgen platzte die Sensation. An der Anreißplatte war ein
Kommen und Gehen. Karl Kühne bemühte sich, jedem beruhigend zuzulächeln,
aber man sah doch zwischen dem Lächeln, dass er außer sich war vor
Zorn.
Reibungslos
waren dreihundert „Rote Greifer" am Fabriktor verteilt worden.
Schon im Umkleideraum wurden auf den Arbeiterrat Witze gerissen, da der
„Rote Greifer" anscheinend besser orientiert war als mancher Anhänger
der SPD.
Der
Dreher Schmachel schnaubte vor Wut. Dieser „Rote
Greifer",
der vor ihm lag, war für ihn ein Teufelswerk, etwas Unfassbares. Er
rannte wie ein gereizter Tiger umher.
„Hast
du auch solchen Wisch bekommen?" fragte Olbracht.
„Ja!"
lachte Melmster, „ganz interessant. Ich wusste gar nicht, dass es hier
auch so was gibt."
„Das
ist der erste!" zischte Olbracht. „Ich gäb was drum, wenn ich wüsste,
wer dahintersteckt!"
„Redaktion:
Hummel! Hummel I"
„Die
Kerle sind zu feige, ihren Namen darunterzuschreiben!"
„Dann
würden sie auch nur ihre Entlassung unterschreiben!"
„Du
verteidigst dieses anonyme Machwerk wohl noch?" bellte Olbracht.
„Lass
mich doch erst einmal lesen, was überhaupt drinsteht!"-
Melmster
hatte sich gedacht, dass die erste Betriebszeitung eine Sensation sein würde,
aber alle Hoffnungen wurden übertroffen. Als ob eine Bombe im Betrieb
eingeschlagen hätte. Überall lasen und diskutierten die Arbeiter. Hier
wurde gelacht und zugestimmt, dort wurde auch gepöbelt und verächtlich
geredet, aber überall war der „Rote Greifer" und sein Inhalt
Gesprächsthema. Sogar Meister Westmann lieh sich, wie Melmster
beobachten konnte, von dem Dreher Wiesenbach ein Exemplar, und dann
lagen sie in der Meisterbude mit vier Meistern darüber.
Der
„Rote Greifer" war ein Volltreffer. Melmster strahlte, Hans
strahlte, Fritz strahlte, alle revolutionären Arbeiter strahlten vor
Freude.
Drohn,
der „Scharfe" und der „Gottsucher".
Der
Schlosser Drohn arbeitete in einer Kolonne in der Montagehalle. Er war
bereits drei Jahre bei der Firma tätig und war gewissermaßen in seiner
Kolonne der Angeber; Kolonnenführer war er jedoch nicht. Seit die
Betriebsleitung wusste, dass er Kommunist war, kam er für diesen Posten
nicht mehr in Frage.
Kolonnenführer
sind eine Art Vorarbeiter; sie erhalten einige Pfennige die Stunde mehr,
und diese Pfennige genügen oft, um die so bevorzugten Arbeiter von den
übrigen zu isolieren. Das gehörte zur Lohnpolitik des Unternehmertums.
Drohn
hatte aber den Kolonnenführer völlig in seiner Hand. Es war ein älterer
Arbeiter, Mathews mit Namen, der heidenfroh war, wenn Drohn ihm alle
heiklen Aufgaben, die er als Kolonnenführer zu erledigen hatte, wie
Arbeitsverteilung, Akkordverrechnung und dergleichen, stillschweigend
erledigte. So kam es, dass die Kollegen mehr auf Drohn hörten als auf
Mathews und dieser nur für die Betriebsleitung, nicht aber für die
Arbeiter der Kolonnenführer war.
Der
alte Mathews war seit dem Kriege politisch uninteressiert, indifferent.
Die Enttäuschungen, die ihm als alten Sozialdemokraten aus den
achtziger Jahren die Scheidemänner bereiteten, konnte er nicht überwinden.
Er schimpfte bei jeder Gelegenheit auf den Ministersozialismus und
nannte die Kommunisten eine neue Auflage der alten Verräter. Er war ein
politisch Gescheiterter, er nahm keine Partei, er wählte nicht, baute
nach Feierabend seinen Kohl und seine Kartoffeln in seinem
Schrebergarten und spielte sonntags seinen Skat.
Es
war überhaupt interessant, zu beobachten, wie sich besonders hier in
der Montagehalle die Generationen schieden. Der alte Kriegs- und
Vorkriegsstamm der Arbeiter, die teilweise ihr 25jähriges Jubiläum bei
der Firma schon gefeiert hatten oder dicht davorstanden, war durchweg
verspießert oder verbürgert. Entweder waren sie politisch fatalistisch
eingestellt und hatten ihren Schrebergarten oder Gesangverein, oder sie
waren mehr oder weniger fanatische Parteigänger des
sozialdemokratischen Wahlvereins, wie sich ja heute immer noch die
einzelnen Ortsgruppen der SPD nennen. Sie liefen sich für einige
Pfennige Kassiererprozente nach Feierabend die Füße wund und
verteilten treppauf, treppab Flugblätter, in denen Zörgiebel und
Severing als die größten Sozialisten unserer Zeit verherrlicht wurden.
Dabei schimpften sie über die heutige Jugend, die politisch unaufgeklärt
sei und sich vor der nötigen Kleinarbeit drücke.
Es
gab tatsächlich nur wenige Jungarbeiter, die aktive Parteigänger der
SPD waren. Die 25- und 30jährigen im Betrieb waren entweder Fanatiker
des Fußballs, des Boxringes oder des Tanzbodens, und was politisch
aufgeklärt und interessiert war, schloss sich durchweg der
kommunistischen Opposition im Betrieb an. Die SPD-Führung beurteilten
sie instinktiv durchaus richtig als reaktionär. Natürlich waren nicht
nur die Jungarbeiter revolutionär. Es gab gute Revolutionäre aus der
Bebel-Generation, die sich noch heute unermüdlich und selbstlos für
die Forderungen der Arbeiterklasse einsetzten, wie sie es als aktive
Funktionäre innerhalb der Sozialdemokratie während ihrer heroischen
und revolutionären Vergangenheit getan hatten. Aber der Nachwuchs, die
Jungen, waren doch die stärksten Gruppen in der Front der
proletarischen Revolution.
Das
war nirgends so auffällig wie in der Montage. Meister und Kolonnenführer
durchweg Sozialdemokraten, viele Arbeiter passiv. Aber ein großer Teil
der Jüngeren gehörte der Opposition an.
Die
revolutionäre Arbeiterschaft hatte ihre Vertrauensleute unter den
Zuschlägern in der Schmiede, den Brennern in der Schweißerei und den
Montageschlossern. Die Vertrauensleute der Firma waren die
Privilegierten, die Meister, Vorarbeiter und Kolonnenführer der
einzelnen Branchen mit dem höheren Lohn und der höheren
Akkordverrechnung. Hier schieden sich die Geister.
Nun
arbeitete in der Blechschmiede der Montage ein junger Schlosser, der
Erich Scharff hieß und bei den Kollegen kurz der „Scharfe"
genannt wurde. Er hatte lange, fliegende Haare, ein sympathisches, etwas
mädchenhaftes Gesicht, einen geschmeidigen Gang und eine gepflegte
Aussprache. Man merkte ihm auf hundert Schritt an, dass er einer
Sportoder Kulturorganisation angehörte. Er war ein Gern- und Schönredner
und infolgedessen im ganzen Betrieb bekannt. Er war Mitglied der
Jungsozialisten und das einzige jüngere
Mitglied
der Sozialdemokratie, ein heftiger Opponent gegen den Ministerialismus
in seiner Partei, griff auch seine Parteigenossen im Arbeiterrat heftig
an und hatte im Betrieb fast den Nimbus eines ungestümen Rebellen,
trotzdem er ein erbitterter Antikommunist war. Er war in der
Montagehalle erklärlicherweise das Sprachrohr der sich zur
Sozialdemokratie zählenden Arbeiter geworden, und die Meister und
Vorarbeiter verwahrten sich wohl hin und wieder gegen einige ausgeteilte
Hiebe, ließen ihn aber im übrigen gewähren. Das kommt daher, sagte
einmal Drohn, weil sie wissen, dass er die erregte Stimmung der Arbeiter
abreagiert. Der Dreher Schmachel nannte ihn einmal den vorgeschobensten
Posten der Sozialdemokratie, der sich oft bis in die Gefilde der
Kommunisten wage, und hatte damit die politische Rolle des
„Scharfen" trefflich charakterisiert.
Ein
originelles Gegenstück zum „Scharfen" war ein jüngerer
Tischler, ein blasses, schmales Kerlchen mit großen, hellen Augen und
einer süßlichen Menschenfreundlichkeit. Er war Guttempler, dünkte
sich etwas Besseres und bekämpfte seine Feinde mit Liebe und Güte. Da
er in jedem Menschen, nach seinen eigenen Worten, den Gott suchte,
nannten ihn die Proleten lächelnd den „Gottsucher". Er sprach
nie über den Siebenstundentag, nie über die Rationalisierung oder die
kapitalistische Profitwirtschaft, desto eifriger aber vom Alkohol, dem
ärgsten Feind der Arbeiterschaft, und vom Sozialismus, der Religion
werden müsse.
„Du
siehst, bei uns sind allerlei Typen vertreten", sagte der Schlosser
Drohn belustigt zu Melmster. „Wir Bolschewiki befinden uns in einer
bunten Gesellschaft!"
Betriebsversammlung.
In
dem großen Klublokal von Horning mochten bereits gut hundert Arbeiter
versammelt sein. Teilweise kamen sie direkt vom Schraubstock und
Schmiedefeuer. Die Gesichter der meisten waren schwarz vom Schweiß und
Dreck der Tagesarbeit. Einige jedoch kamen auch strahlend vor
Sauberkeit, mit weißer Wäsche und
einer
Aktentasche unterm Arm. Das waren nicht etwa Angestellte, sondern jüngere
ledige Arbeiter, die sich trotz aller Umstände gleich in der Fabrik gründlich
säuberten und umzogen.
Am
Vorstandstisch saßen Kühne, Schmachel und ein Dritter. Sie flüsterten
sich gegenseitig die letzten Verhaltungsmaßregeln zu. Nervös blätterten
sie in den vor ihnen liegenden Papieren. Im Raum selbst wurde es immer
unruhiger. „Anfangen! - Anfangen!"
Schmachel,
der die Versammlung leiten wollte, winkte ab. Melmster sah sich um.
Immer neue Arbeiter kamen hinzu. Die Hälfte der Belegschaft mochte
vertreten sein. Er sah alte und junge, sympathische und kampflustige,
indifferente und apathische Gesichter. Auch einige Jugendbewegler in
ihrem Manchesteranzug und farbigen Kragen waren darunter.
„Das
ist der ,Scharfe' dort mit der Aktentasche, und dort der Hagere, das ist
der ,Gottsucher'", raunte ihm Drohn zu. Das Versammlungslokal war
nun fast überfüllt, als der Betriebsrat Schmachel die Versammlung eröffnete
und kurz den Anlass der heutigen Zusammenkunft darlegte.
Die
Betriebsleitung war an den Arbeiterrat herangetreten und hatte zu
folgenden Forderungen seine Zustimmung verlangt: Um auf dem Weltmarkt
konkurrenzfähig zu bleiben, müsse rationalisiert werden, habe die
Betriebsleitung erklärt. Man habe sich aus dem Ausland den besten
Schnelldrehstahl besorgt und gedenke mit einem Instrukteur die
Dreharbeiten zu schematisieren. Jeder einzelne Dreher solle künftig nur
seine Spezialarbeiten anfertigen, seine Bank ganz auf dies eine
Arbeitsstück einrichten und sein dazugehöriges Werkzeug erhalten. Er müsse
natürlich bei dieser rationelleren Arbeitsweise auch entsprechend
schneller fertig werden. An einigen Artikeln solle mit doppelten
Stahlhaltern und mehreren Stählen gearbeitet werden.
In
der Montagehalle müsse die ganze Arbeit reorganisiert werden. Die
einzelnen Kolonnen sollten nicht mehr wie bisher an ganzen Kränen
beziehungsweise Schälmaschinen arbeiten, sondern nur ihre jeweiligen
Einzelteile montieren, die dann von anderen Kolonnen zusammengebaut würden.
Die jetzige Arbeitsweise sei für die Firma nicht mehr tragbar. Sämtliche
Arbeit müsse in erheblich kürzerer Zeit fertig gestellt werden.
In
der Tischlerei solle es ähnlich gemacht werden.
Weiter
fordere die Betriebsleitung, um Zeit zur Reorganisation zu gewinnen, bis
auf weiteres täglich zwei Überstunden von den Drehern.
„Der
Arbeiterrat", erklärte Schmachel, „konnte bei solchen
schwerwiegenden Entscheidungen ohne Befragen der Belegschaft natürlich
nicht verhandeln und hat darum diese Belegschaftsversammlung einberufen.
Nun ist heute morgen so ein Wischblatt verteilt worden!" Er
schwenkte einen „Roten Greifer" in der Luft.
„Hohoo-o!
Hoho!" tönte es aus der Versammlung.
„Jawohl,
Wisch- und Lügenblatt!" schrie jetzt Schmachel, und die Schläfen
wurden ihm rot. „Mag der Satan wissen, von wem die Moskowiter die
Tagesordnung der heutigen Versammlung bekommen haben. Vielleicht vom
Betriebsleiter Jacobi!"
„Also
gibst du zu, dass der eher von der Versammlung wusste als wir!"
riefen einige. Andere lachten.
„Ich
gebe gar nichts zu!" schrie Schmachel wieder. „Ich erteile jetzt
das Wort zur Diskussion über die Forderungen der Firma!" Er
beruhigte sich allmählich wieder. „Wer will das Wort?"
„Hier!"
- Hinten im Raum erhob sich ein Arbeiter. „Kollegen, wir haben gehört,
was die Firma alles plant, damit sie ihre Profite erhöhen kann, aber
sosehr ich auch die Ohren spitzte, ich habe kein einziges Wort von einer
Lohnerhöhung gehört. Dabei können wir täglich in der Zeitung lesen,
wie der Index steigt. Wenn die Firma amerikanische Arbeitsmethoden einführen
will, soll sie uns auch amerikanische Löhne zahlen. Auch wundere ich
mich, dass der Arbeiterrat selbst anscheinend keine Meinung hat, sonst hätte
er uns doch vielleicht gesagt, wie er zu den Forderungen der Firma
steht!" Der Hobler Hans meldete sich zu Wort.
„Kollegen,
mein Vorredner hat durchaus recht. Bis Oktober sind wir nach Auffassung
der Firma und unserer Gewerkschaftsinstanzen an den Tarif gebunden.
Inzwischen aber ist die Lebenshaltung enorm gestiegen und steigt unaufhörlich
weiter. Die Firma aber benutzt diese Zeit, um aus einer
Betriebsrationalisierung bei gleichen niedrigen Löhnen erhöhte Profite
herauszuschinden.
Diese
Maßnahme liegt ganz in der Linie der allgemeinen Entwicklung der
wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse. Nachdem sich
neunzehnhundertachtzehn aus dem Zusammenbruch des imperialistischen
Weltgemetzels der deutsche Kapitalismus gerettet hat - ich will hier gar
nicht zum abermalsten Male erwähnen, durch wessen Hilfe..."
„Noske!
- Ebert! - Scheidemann!" rief es aus der Versammlung.
„Also,
nachdem die deutsche Bourgeoisie und ihr kapitalistisches
Herrschaftssystem vor der proletarischen Revolution und dem Sozialismus
gerettet wurde und durch das Inflationsverbrechen wirtschaftlich
gesundete, geht sie unermüdlich an die Rationalisierung ihrer
Wirtschaft. Jede technische Erfindung beschleunigt diesen Prozess. Diese
Entwicklung, die zum Wohle der ganzen Menschheit beitragen könnte, wird
durch den Kapitalismus zum Fluch für die werktätigen Schichten. Die
Aktionäre scheffeln den Profit, der Arbeiter aber hat keine Vorteile,
sondern noch alle Mehrlasten der verschärften Ausbeutung zu tragen, und
Tausende und aber Tausende von Arbeitern werden durch diese
Rationalisierung, die auf Profitinteressen aufgebaut ist, für immer
aufs Straßenpflaster fliegen.
Wir
können auf das Verlangen der Firma nur so antworten: Wie steht es mit
einer zwischentariflichen Lohnerhöhung? Wie steht es mit dem freien
Sonnabendnachmittag, also der Fünfundvierzigstundenwoche? Wir müssen
ganz klar und deutlich sagen, dass wir an den Maßnahmen, wie sie die
Firma plant, völlig uninteressiert sind, aber wir müssen den
Arbeiterrat beauftragen, unsererseits Forderungen an die Firma zu
stellen, und aus diesem Grunde bitte ich euch, folgendem Antrag der
Opposition zuzustimmen:
Die
Belegschaft lehnt die Vorschläge der Firma ab. Sie verlangt aber von
der Firma eine Entscheidung über die Forderungen der Belegschaft. Diese
lauten: zwanzig Prozent Lohnerhöhung auf den Effektivlohn und Fünfundvierzigstundenwoche.
Kollegen, die Firma verlangt von uns Opfer und Mehrleistungen. Ich
denke, wir sind längst an der Reihe, der Firma Forderungen zu
stellen." „Sehr richtig!" riefen einige.
„Ich
bitte euch darum, diesem Antrag der Opposition zuzustimmen!"
„Sehr
richtig!" riefen einige. Der Betriebsratsobmann Kühne hatte sich
zu Wort gemeldet.
„Ich
bin zwar kein Schönredner wie unser kommunistischer Kollege, aber ich fühle
mich doch veranlasst, zu seinen Ausführungen einiges zu sagen!" flötete
er. „Wir müssen die Dinge so betrachten, wie sie sind, und nicht, wie
wir sie gerne sähen. Wir müssen uns doch darüber klar sein, dass die
Firma ihren Betrieb rationalisiert, gleichgültig, ob wir ,ja' oder
,nein' dazu sagen!"
„Na,
was soll dann dies ganze Affentheater?" rief der Schmied Hennings,
und alles lachte.
„Was
das hier soll, wird gefragt, nun, wir können der Firma bei dieser
Gelegenheit unsern guten Willen zeigen und sie so durch unser Verhalten
entwaffnen und zu einigen Zugeständnissen zwingen."
Aus
der Versammlung kamen stürmische Zwischenrufe.
„Mit
Gewalt erobern wir gar nichts, überhaupt will ich unsern moskauisch
orientierten Freunden nur folgendes sagen: In keinem Lande der Erde wird
in solchem Tempo rationalisiert wie in der Sowjetunion. Der so genannte
Fünfjahrplan ist ein einziges riesenhaftes
Rationalisierungsprogramm!"
„Das
ist aber der sozialistische Aufbau!" wurde gerufen.
„Das
wird so gesagt, ja, aber Prämien auf Meistarbeit werden verteilt, wer
sein Quantum nicht leistet, fliegt auf die Straße, und wer besonders
rackert, bekommt den Orden der Roten Fahne!"
„Schwindler
- Antibolschewistenhetzer!" schrie es aus der Versammlung. Der
Versammlungsleiter Schmachel klingelte wie besessen.
„Ich
erzählte dies nur", rief Kühne, und seine Stimme überschlug
sich, „damit ihr seht, bei wem unsere Unternehmer in die Schule gehen.
Richtet euch bei eurer Entscheidung danach."
Die
Stimmung in der Versammlung war nach wie vor erregt. Einige redeten wild
aufeinander ein. Schimpfworte flogen hin und her. Andere brüllten:
„Ruhe!"
Schmachel
klingelte und klingelte und erteilte schließlich dem Kollegen Ahrnfeld
das Wort. „Der ,Gottsucher'!" flüsterte Drohn.
„Du
musst auf den Unterschied der Rationalisierung hier und drüben
eingehen!" flüsterte Melmster zurück.
„Arbeitskollegen",
begann der „Gottsucher", „wir streiten uns hier wieder, und der
Unternehmer reibt sich die Hände!"
„So
ist es immer!" rief einer.
„Der
schlimmste Feind der Arbeiter ist immer der Arbeiter selbst", fuhr
er fort. „Wir müssen nicht in jedem Kollegen, der anderer Meinung ist
als wir selbst, einen Verbrecher sehen, sondern in jeder Rede, in jeder
Ansicht das Körnchen Wahrheit suchen."
„Der
sucht schon wieder den lieben Gott!" rief ein Witzbold. Fast alles
lachte.
„Nenn
es, wie du willst!" Der blasse Gottsucher ließ sich gar nicht
irritieren. „Ob Gott oder Wahrheit, aber jeder einzelne hat recht und
unrecht!"
Wat'n
Quatsch! dachte Melmster.
„Ich
habe beispielsweise nicht gehört, dass der Arbeiterrat sich freudig für
die Vorschläge der Firma einsetzt. Wozu also das Gehässige? Auf die
Zustände in Russland und den Gesinnungsterror dort will ich gar nicht
eingehen. Ich kann mir
wirklich
nicht denken, dass ein Kulturmensch das gutheißen und verteidigen
kann!" „Wo ist denn darin nun das Körnlein Wahrheit?" wurde
gerufen.
Der
„Gottsucher" hörte nichts mehr.
Der
Schlosser Drohn meldete sich hartnäckig zu Wort, aber Schmachel
erteilte es dem Vertreter des Metallarbeiterverbandes, dem Kollegen Höhne.
Ein bartloser, hagerer Mann, der dritte am Vorstandstisch, erhob sich.
„Kollegen",
er hatte ein volles, metallenes Organ, „ich will euch in eurer
Entscheidung nicht vorgreifen, jedoch erlaubt mir, dass ich euch auf
folgendes hinweise: Was ihr jetzt in eurem Werk erlebt, ist bereits im
ganzen Reich praktisch verwirklicht worden. Nach dem zusammengebrochenen
und verlorenen Krieg hat naturgemäß das deutsche Volk durch die
ungeheuren Reparationsleistungen an die Siegerstaaten besonders schwer
am Wiederaufbau seiner Wirtschaft zu leiden."
„Wessen
Wirtschaft?" rief einer. Der Redner reagierte nicht darauf.
„Dazu
kommt, dass tatsächlich die Konkurrenz des Auslandes auf dem Weltmarkt
die deutsche Industrie zu größter Intensität antreibt. Nicht der
einzelne Unternehmer ist schuld und führt diese Maßnahmen aus
Arbeiterfeindlichkeit durch, sondern auch er wird getrieben durch die
Gesetze der allgemeinen ökonomischen Entwicklung. Natürlich versucht
er, alle Schwierigkeiten auf die Arbeiter abzuwälzen, und leider, ich
sage leider, denn daran ist die Uneinigkeit der Arbeiterschaft nicht
schuldlos, noch zu oft mit Erfolg!"
„Sehr
richtig!" betonte mit Nachdruck der „Scharfe".
„Kein
Mensch verkennt die Missstände und Ungerechtigkeiten, die heute noch in
unserer Republik vorherrschen, aber, Kollegen, bedenkt einmal, was käme,
wenn die sozialistische Arbeiterschaft diese Republik fallenließe?"
„Ein
Sowjetdeutschland!"
„Nein,
aber ein Hugenberg-Hitler-Deutschland!"
„Traurig
genug!" rief es ihm entgegen.
„Wer
an diesem Zustand die Schuld trägt, will ich hier lieber nicht erörtern,
das Resultat könnte für manchen der Schreier hier verflucht schlecht
ausfallen! Tatsachenmenschen müssen wir sein und die Dinge sehen, wie
sie sind. Aussprechen, was ist, sagte Lassalle, und da müssen wir heute
zu dem bitteren Entschluss kommen und die Rationalisierungsvorschläge
der Firma prüfen und dabei das Beste für die Arbeiterschaft
herauszuschlagen versuchen. Ich ersuche euch also, den Antrag der
Opposition abzulehnen und dem Arbeiterrat alle Vollmachten zu weiteren
Verhandlungen zu übertragen!"
„Wie
ein Unternehmeragent!" rief einer. Schmachel führte die Klingel
und erwiderte auf den Zwischenruf: „Ich glaube eher, dass dieses
hier" - und er schwenkte wieder den „Roten Greifer" - „von
der Firma subventioniert wird!"
„Bravo!"
riefen einige, und unter den Rufern erkannte Melmster Bleckmann und
Olbracht.
„Idioten!"
schallte es aus der anderen Ecke der Versammlung.
Drohn
meldete sich wieder zu Wort. Schmachel winkte kurz ab.
„Kollegen", rief er, „ich denke, wir wollen zum Schluss kommen.
Wünscht die Versammlung noch, nachdem der Vertreter der Gewerkschaften
gesprochen hat, dass über den Antrag der so genannten Opposition
abgestimmt wird?" „Natürlich!-Ja!-Ja!" „Dann ersuche ich
die, die..." „Noch einmal vorlesen!" riefen etliche.
Schmachel, der eine Mehrheit für den Arbeiterrat ungefährdet sah, las
den Antrag noch einmal vor. Dann ließ er abstimmen. Etwa die Hälfte
war dafür, nicht ganz soviel dagegen, der Rest enthielt sich der
Stimme.
Schmachel
erklärte fest und kühn: „Mit Mehrheit abgelehnt!"
Ein
Sturm des Widerspruchs erfolgte. „Schiebung! -Schwindler!" wurde
gerufen.
Schmachel
musste die Abstimmung wiederholen und auszählen lassen, und da er ja
genau wusste, wie die erste Ab-
Stimmung
ausgefallen war, appellierte er an die Stimmenthalter und hielt ihnen
vor, dass ihr Verhalten feige sei. Für den Antrag wurden 84, dagegen 69
Stimmen gezählt.
Vierunddreißig
Kollegen hatten sich nach wie vor der Stimme enthalten. Am
Vorstandstisch sah man sich entsetzt an, und nun machte Schmachel eine
Riesendummheit. Er war feuerrot im Gesicht vor Verlegenheit und Wut und
schrie in die Versammlung:
„Ihr
könnt beschließen, was ihr wollt, der Arbeiterrat weiß, was er zu tun
hat, und hat sich bereits der Firma gegenüber festgelegt!"
Ein
unbeschreiblicher Spektakel brach los. Es nutzte nichts, dass der
Verbandsvertreter beschwörend die Hände hob, und als der Schlosser
Drohn zum Vorstandstisch eilte und ultimativ das Wort verlangte, schloss
Schmachel, der jetzt kreidebleich geworden war, unter größtem Tumult
kurzerhand die Versammlung.
Die Dreher.
Im
„Roten Greifer" stand eine Notiz zu den von der Betriebsleitung
geforderten Überstunden. Sie schloss mit der Aufforderung: Lehnt diese
Überstunden ab!
Der
Arbeiterrat war in einer verzwickten Lage. Der Betriebsleitung hatte er
sie bereits bewilligt, die Belegschaft hatte sie abgelehnt. Nun berief
er eine Branchenversammlung der Dreher ein. Das Arbeiterratsmitglied
Schmachel wusste, dass die Dreher ziemlich revolutionär eingestellt
waren, aber er wusste auch, dass unter den Drehern kein Sprecher der
Opposition war.
Die
tumultuarische Belegschaftsversammlung zitterte noch im Betrieb nach. Es
war die erste offene Niederlage des sozialdemokratischen Arbeiterrats
und für die alteingesessenen Arbeiter wie Olbracht und Bleckmann
unbegreiflich.
Olbracht
stand bei Melmsters Vordermann und redete auf ihn ein. Dieser versuchte
ihn mehrmals abzuschieben, doch Olbracht blieb, redete, flüsterte,
drohte. Melmster erfuhr später, dass der Rotkopf in der
Belegschaftsversammlung für die
Opposition
gestimmt hatte, und er rief ihm zu: „Lass dich nur nicht einschüchtern!"
und dachte: Den kannst du diesen Reformisten entreißen.
Mit
einem lauten Krach brach Melmsters Bohrstahl und flog ihm haarscharf am
Kopf vorbei. Der Deckel einer Schneidemaschine, den er bearbeitete,
hatte sich in der Planscheibe gelockert, war auf den Bohrstahl
geschlagen und hatte ihn durch die Wucht der Umdrehungen gebrochen, dann
war der Deckel auf den Stahlstumpf geschlagen, und dieser hatte ihn
unbrauchbar gemacht. Alles war eine Angelegenheit von Sekunden, und es hätte
für Melmster äußerst gefährlich auslaufen können. Olbracht grinste.
Bleckmann hatte die nackte Schadenfreude im Gesicht. Schmachel, der mit
anderen Arbeitern wegen des Krachs hinzukam, machte einige ironische
Bemerkungen und zog hämisch grinsend wieder ab.
Melmster
überlief es eiskalt. Nicht wegen des Missgeschicks oder der glücklich
überstandenen Gefahr, sondern wegen der Feindseligkeit dieser Kollegen.
Meister
Westmann kam angerannt, besah sich die Bescherung und sagte kurz:
„Malheur!"
Dann
trat er aber an Melmster heran: „Sehen Sie die Schadenfreude Ihrer
Kollegen?" „Natürlich!"
„Kann
man da nicht zum Menschenverächter werden?" „Nein!" sagte
Melmster, „höchstens zum Verächter aller verachtungswürdigen
Menschen!"
-
Meister Westmann schüttelte den Kopf: „Lassen Sie sich in der
Materialverwaltung einen neuen Deckel geben!"
In
der Mittagszeit war die Zusammenkunft der Dreher in der so genannten Frühstückshalle.
Es war ein großer, aber kahler und verschmierter Raum mit langen rohen
Holztischen und Bänken. Drei alte Arbeiter, die hier saßen, mussten
sich woanders einen Mittagsplatz suchen.
„Kollegen",
begann Schmachel, als die etwa fünfzig Dreher beisammen waren, „durch
die Sprengung der Belegschaftsversammlung konnte nicht über den Punkt
entschieden werden, der besonders uns Dreher angeht, nämlich über die
von der Firma geforderten Überstunden. Ich denke, dass wir hier kurz
beschließen, dass wir bereit sind, bis auf weiteres täglich zwei Überstunden
zu leisten. Oder ist ein Kollege anderer Auffassung?"
Keiner
rührte sich, aber als Schmachel Miene machte, weiterzureden, sagte
Melmster: „Allerdings! - Ich denke nämlich, dass die
Belegschaftsversammlung auch die Überstunden der Dreher abgelehnt hat,
denn die gehörten doch zum Rationalisierungsprogramm der Firma."
„Was
wollen wir uns hier streiten", erwiderte Schmachel unwillig. „Es
soll sich doch keiner einbilden, dass sich die Firma durch den letzten
Belegschaftsbeschluss von ihren Plänen abhalten lässt, das können
doch nur Kinder oder - Kommunisten glauben!"
„Dann
dürfen wir aber unsern Kollegen nicht in den Rücken fallen und müssen
den Belegschaftsbeschluss akzeptieren und die Überstunden
ablehnen", erklärte Melmster mit größter Ruhe. Schmachel starrte
ihn böse an.
„Unser
neuer Kollege will uns Alten Lehren und Verhaltungsmaßregeln
geben!" fiel ironisch Bleckmann ein. „Ich denke, wir wissen
selbst, wie wir uns zu verhalten haben!"
„Aber
er hat doch ganz recht!" rief der Dreher mit dem gespaltenen
Nasenbein. „Wir können doch den Belegschaftsbeschluss nicht umstoßen!"
„Quatsch",
rief jetzt Schmachel, der sich schon wieder aufregte. „Der Arbeiterrat
muss und wird seine Zustimmung zu den Überstunden geben, und die
Kollegen müssen einsehen, dass er gar nicht anders kann!"
„Dann
müssen eben die Kollegen der Dreherei trotz Zustimmung des
Arbeiterrates die Überstunden verweigern!"
Schmacheis
Schläfen waren blutunterlaufen, er schrie Melmster an: „Organisierte
Kollegen kennen Disziplin!"
„Ich
bin organisiert und weiß, dass ich meinen Kollegen nicht in den Rücken
fallen darf!"
„Lausejunge!"
zischte Schmachel. Einige riefen „Hallo! -Hohoo!"
Melmster
lachte. „Kollegen! Ihr wisst, um was es sich handelt", ergriff
der Betriebsratsobmann Kühne, der der Branchenversammlung beiwohnte,
das Wort. „So kommen wir nicht zum Ziel, und keiner ist hoffentlich
interessiert an einer zweiten Auflage der Belegschaftsversammlung. Als
organisierte Kollegen müssen wir jetzt wissen, was wir zu tun haben,
und ich bitte diejenigen, die die Haltung des Arbeiterrats betreffs Überstunden
billigen, um das Handzeichen!"
Eine
Anzahl Arme erhoben sich. Der Kollege Endrusch zählte: „... vierzehn,
fünfzehn, sechzehn!" „Und wer ist dagegen?"
Gut
ebenso viele Arme standen, dann kamen noch einige dazu. Endrusch zählte:...
..vierzehn, fünfzehn, sechzehn, siebzehn, achtzehn, neunzehn!" Man
sah, wie dem Riesen das Blut aus dem Gesicht wich. Er erhob sich jedoch
lässig und lispelte: „Ihr werdet das Weitere erfahren - die Sitzung
ist beendet!"
Im Betrieb ist ein Spitzel.
Olbracht
und Bleckmann schienen mit Melmster gebrochen zu haben, sie sprachen
kein Wort mit ihm. Melmster unterhielt sich nun, zur größten Wut
Olbrachts, desto eifriger mit seinem Vordermann, dem Rotkopf. Dieser
hatte in der Branchenversammlung wieder gegen den Arbeiterrat gestimmt.
„Ich brauche keinen Vormund", sagte er.
„Aber
du unterstützt die Feinde der Arbeiterklasse!"
„Wieso?"
fragte ganz erstaunt der Rotkopf.
„Du
bist im bürgerlichen Sportverein, dem Tummelplatz nationalistischer
Tendenzen, und ich habe noch jeden Montagmorgen sehen müssen, dass du
die reaktionäre Sportpresse liest. Siehst du, mindestens in diesen
Dingen unterstützt du arbeiterfeindliche Organisationen!"
„Mensch,
ich bin nun mal 'n Fußballfanatiker, darum werde ich doch der
Arbeiterbewegung noch lange nicht abtrünnig."
„Ein
Arbeiter wie du und ich darf in keiner Frage aus der großen
Klassenfront tanzen. Es gibt doch Arbeitersportorganisationen, warum
diesen unsinnigen Persönlichkeits- und Rekordwahnsinn des bürgerlichen
Sportgeschäfts unterstützen?"
Sie
sprachen nicht weiter davon.
Kurz
vor Feierabend schlenderte der Oberkalkulator wieder durch den Betrieb.
Nirgends hielt er sich auf, bei Melmster aber blieb er stehen und sah
ihm bei der Arbeit zu. Melmster drehte große Lagerteile aus Weißmetall
und freute sich, dass es gerade so gut klappte, als dieser Akkordhetzer
zusah. Bei wahnsinnig schneller Umdrehung schälte der Stahl die Lagerfläche
spiegelblank. Ein Strahl weißer Metallspäne spritzte über die
Drehbank.
Der
„Ober" stand noch immer wie festgewurzelt da, dann ging er plötzlich
auf Melmster zu. „Sie hatten einige versandete konische Zahnräder von
der letzten Partie, sagte mir Meister Westmann, kann ich die mal
sehen?"
„Bitte
sehr! - Aber einen Moment, eben den Span auslaufen lassen!" Dann
reichte ihm Melmster zwei völlig versandete Zahnräder.
Der
„Ober" betrachtete sie von allen Seiten.
„Tatsächlich
unmöglich zu bearbeiten! Und ich dachte schon", wandte er sich an
Melmster, „Sie wären bei Ihrer politischen Agitation im Betrieb mit
der Zeit versackt!"
„Hm!"
machte Melmster und dachte sich sein Teil.
Der Jubilar.
Rot
vor Eifer hantierten eines Morgens die Dreher Bleckmann und Schmachel
mit Grünzeug und Girlanden an der Karusselldrehbank des alten John
herum. An der Planscheibe war eine große „50" befestigt und mit
Tannenzweigen umwunden. Bunte Papierstreifen hingen vom Vorgelege
herunter, und auf dem Werkzeugtisch stand eine Vase mit frischen Blumen.
Als
Melmster kam, dachte er zuerst an goldenes Hochzeitsjubiläum und musste
lächeln, doch dann hörte er, dass mit dem heutigen Tag der alte John fünfzig
Jahre bei der Firma gearbeitet hatte.
„Du
lieber Himmel!" Melmster war ganz entsetzt. Und an seiner Drehbank,
dachte er, darf man heute so etwas feiern -fünfzig Jahre? Doch dann
dachte er an den Greis, an dessen Falten in der ledernen Haut, dachte an
die tapprigen Hände, an dieses armselige Häufchen Mensch, das sich
selbst kaum helfen konnte und mit sechsundsiebzig Jahren noch in dieser
Hölle schuften musste.
Dem
alten John kamen die Tränen, er war gerührt und vor Aufregung unfähig
zum Arbeiten. Immer wieder betrachtete er die große Fünfzig und
beschnupperte den Blumenstrauß. Dann setzte er sich auf seinen Block
und brütete gedankenvoll vor sich hin.
Bleckmann
war nicht wenig stolz auf sein Werk. Er sah jeden seiner Kollegen an,
und seine Blicke sagten: Seht, so bin ich. Da. sah er Melmsters
verschmitztes Lächeln. „Du nennst es Humbug, nicht wahr?"
„Wieso?" wich Melmster aus.
„Aber
er soll doch heute in den Ruhestand gesetzt werden!"
„Der
John?"
„Natürlich!"
„Wie
geht denn das hier vor sich?"
„Er
bekommt heute einige hundert Mark und dann von der Firma eine
Leibrente!" „Na, na - weißt du das sicher?"
„Es
ist zwar eine ganze Zeit her, dass einer diese Leibrente erhielt, denn
die meisten werden ja nicht so alt, aber bekommen wird er sie bestimmt -
wo er im Kriege doch Meister in der Dreherei war", setzte er noch
hinzu.
„Der
alte Holt hat den Gründer dieser Firma noch gekannt und sich sogar mit
ihm geduzt", mischte sich Olbracht ins Gespräch. Das war früher
noch ein innigeres Verhältnis zwischen Chef und Arbeiter!"
Olbracht schüttelte bedauernd den Kopf.
„Dabei
war der Alte zeitlebens indifferent", fuhr er fort, „nie
Sozialdemokrat, nur um Streit zu vermeiden im Ver-
Reichspräsidenten
gewählt hat, weil er glaubte, dieser alte Soldat würde geordnete Verhältnisse
schaffen. Aber es ist doch ein famoser Mensch", schloss er.
Melmster
musste sich über das alles wundern. Aber es gab ja noch einige
Betriebe, wo aus Stiftungen und Fonds der Gründer der Firma, aus früheren
patriarchalischen Arbeitsverhältnissen, derartige Renten gezahlt
wurden.
„Selbstverständlich
bekommt er das", kam Bleckmann noch einmal auf die Angelegenheit
zurück, „denn unser Betriebsrat hat einen großen moralischen
Einfluss auf die Direktion." Melmster lachte.
Bleckmann
wurde krebsrot vor Zorn, aber er musste an seinem Arbeitsplatz bleiben,
denn Meister Westmann kam. Von allen Seiten strömten Kollegen herbei,
um dem alten John die Hand zu drücken und einige freundliche Worte zu
sagen. Alte gebrechliche Arbeiter, Schmiede und Schlosser waren es
meistens, die ein Menschenleben mit ihm gemeinsam gearbeitet hatten und
nun für einen Augenblick ihren Kollegen, den alten Jubilar, begrüßten.
Dieser
saß vor seiner Drehbank, die heute unbenutzt dastand, hörte wortlos
alle guten Reden an und schlug in jede dargebotene Hand ein. Heute war
sein Ehrentag. -
Melmster
hörte: „Der Alte ist bei John!" und sah einen elegant
gekleideten Mann an der Drehbank bei dem alten Dreher stehen. Diesem war
es anscheinend unangenehm, dass er sitzen bleiben sollte, aber er wurde
immer wieder, wenn er sich erheben wollte, durch einen sanften Druck auf
die Schultern genötigt sitzen zu bleiben.
Der
„Alte" sprach mit John. Alles sah hin. In den entferntesten Ecken
reckten die Arbeiter die Hälse. Dann reichte er ihm etwas Weißes, drückte
ihm noch einmal die Hand und ging mit kurzen, aber schnellen Schritten
ins Büro zurück.
„Siehst
du!" rief triumphierend Bleckmann. Melmster hatte seine eigenen
Gedanken und polierte an seinen Kegelringen, bis die Dichtungsflächen
spiegelblank waren. Er hatte immer nur die Zahl 50 im Kopf. Ihm schien
es eine furchtbare Zahl.
Neugierig
waren Bleckmann und Olbracht und andere Arbeiter zum alten John gelaufen
und hatten gefragt, was „er" gesagt und was „er" gegeben
hatte. Sie blieben nicht lange.
„Na,
was hat er bekommen?" fragte Melmster. „Weiß nicht!" rief
Bleckmann. Olbracht schwieg.
In
der Latrine traf Melmster später den Hobler Hans. „Schönes Theater
bei euch!" „Was meinst du?"
„Weißt
du, was der alte John erhalten hat?" Und ohne die Antwort
abzuwarten, gab er sie selbst: „Fünfzig Mark!" „Fünfzig
Mark?"
„Ja
- und darum diesen Hokuspokus, diese Arschleckerei, diese hündische
Kriecherei!"
Melmster
sagte kein Wort, aber er merkte, wie er rot im Gesicht wurde. Schämte
er sich? Aber warum denn, für wen denn?
„Als
vor einigen Jahren die Firma fünfundsiebzigjähriges Bestehen feierte,
wurde trotz unseres Protestes gesammelt, und es kamen hundertzwanzig
Mark für ein Geschenk zusammen. Und diese Schweine drücken einem
Arbeiter, den sie fünfzig Jahre ausgebeutet haben, nun, wo er alt und
klapprig geworden ist, fünfzig Mark in die Hand."
„Wie
viel Rente zahlt ihm denn die Firma?"
„Keinen
Pfennig, der Betrieb kann derartige ,unrentable Belastungen' nicht
tragen!"
„Stimmt
das?"
„Aber
der Betriebsrat ist doch schon drinnen und weint dem Alten was
vor!"
Melmster
wandte sich an Bleckmann: „Fünfzig Mark hat der alte John bekommen,
du!" „Ja - Schweinerei!" brummte dieser. „Und Leibrente
keinen Pfennig."
Bleckmann
schwieg. „Aber der Betriebsrat ist ja drinnen, der wird's schon
schaffen", spottete Melmster, „der hat ja so'n großen
moralischen Einfluss auf die Firma...!"
Bleckmann
schwieg noch immer, und Olbracht grinste.
Durch
den ganzen Betrieb ging es wie ein Lauffeuer: „Fünfzig Mark - Keine
Rente! - Davongejagt!" Überall standen Gruppen und diskutierten.
Überall Wut, aber auch Spott auf alle Speichellecker und Kriecher und
über den Kanossagang des Arbeiterrats.
Inzwischen
war der alte John, ohne dass es in der allgemeinen Aufregung einer
gemerkt hätte, verschwunden.
Stundenlang
wurde verhandelt. Kurz vor Feierabend zogen die fünf Arbeiterräte, Kühne,
der Riese, voran, im Gänsemarsch aus dem Büro durch den Maschinensaal.
An der Anreißplatte war noch eine kurze Besprechung, wurden noch einige
Instruktionen erteilt, und dann gingen sie auseinander.
Bleckmann
stürzte sofort zu Schmachel.
Als
sie sich die Hände im Öl wuschen, fragte Melmster: „Na?"
„Die
Firma zahlt nicht mehr", war die kurze Antwort.
„Beim
Geld hört die Wirtschaftsdemokratie auf!" lachte Melmster, „und
auch der moralische Einfluss!"
Bleckmann
wurde wütend. „Schließlich ist es ja heute auch etwas ganz anderes
als früher", rief er.
„So-oo!"
„Ja,
natürlich! Heute sorgen für die Arbeitsinvaliden die Institutionen des
Staates, heute hilft die Republik den Alten!"
Melmster
war sprachlos über diese Wandlung, aber er musste laut lachen.
„Und
übrigens, dass heute das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und
Arbeitnehmer so schlecht ist, ist Schuld der Kommunisten, der
Radauhelden, der Schreihälse!" rief Bleckmann.
Melmster
fühlte, wie er bis an den Hals rot wurde. „So ist es richtig!
Verteidige um Gottes willen die Firma und die Direktion", rief
Melmster zurück, „ohrfeige dich selbst, aber verteidige das
Unternehmertum!"
„Ist
das nicht grotesk, dass jetzt die Kommunisten die Schuld kriegen, dass
der alte John von der Firma so schofel behandelt wurde?" wandte
sich Melmster an Olbracht. Der zuckte die Schultern.
Arbeiterkorrespondenz 2516.
Der
alte John hatte sich erhängt. Wie ein Peitschenhieb traf die Nachricht
jeden Arbeiter. Der Betrieb glich im Nu einem aufgewühlten
Ameisenhaufen. Eine drohende Schwüle herrschte in allen Abteilungen. Überall
diskutierten Gruppen. Drohungen, Verwünschungen wurden ausgestoßen.
Einige verlangten Proteststreik, andere sofortige
Belegschaftsversammlung. Der Hobler Hans ging an Bleckmanns Drehbank vorüber.
„Nimm man die Tannenzweige und binde einen Kranz draus!" rief er.
Bleckmann
tat, als höre er nichts.
Bald
wurden ergänzende Meldungen bekannt. Das greise Ehepaar Holt, eben John
und seine achtundsiebzigjährige Frau, hatten sich gemeinsam in ihrer
Wohnung erhängt. Auf dem Tisch fand man auf einem weißen Briefumschlag
einen Fünfzigmarkschein. Nachbarn hatten sie am Morgen gefunden;
nachdem sie bereits die ganze Nacht gehangen hatten.
Der
Arbeiterrat hatte alles getan, um eine Protestbewegung zu unterdrücken.
Am Tage der Beerdigung sollte etwas unternommen werden. Der Betrieb
arbeitete wieder. Die Arbeiter hatten sich scheinbar beruhigt.
Melmster
war ganz in seine Arbeit vertieft. Durch die vielen Diskussionen hatte
er Zeit verloren. Lange, durch die schnellen Umdrehungen blaue
Spanspiralen drehte der Stahl aus dem Eisen. Und immer wieder ertappte
er sich, wie er an den alten John dachte. Das war das Proletarierende. Fünfzig
Jahre geschuftet, gerackert, fünfzig mal dreihundert Tage täglich an
der Drehbank gewühlt, nur um das kärgliche Leben zu erhalten und dem
Unternehmer den Profit zuzuschanzen, um dann schließlich, wenn die
Haare grau, die Glieder steif
und
die Hände zittrig wurden, sich erhängen zu müssen. Das war unsere
Zivilisation - das war die „soziale Republik".
„Er
hätte es nicht zu tun brauchen", meinte Olbracht. Melmster stellte
erstaunt fest, dass er nicht grinste.
„Ich
habe mir ausgerechnet, was er an Invalidenrente bekommen hätte."
Sie
wollen ihr Gewissen beruhigen, dachte Melmster und sagte: „Kann man
denn von diesen Bettelpfennigen leben?"
„Alte
Leute brauchen nicht viel", entgegnete Olbracht.
„Ich
will dir was sagen: Was wir jetzt erlebt haben, ist ein Stück von dem
Irrsinn der kapitalistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. Wer
nicht das Glück hat, vor dem Altwerden zu krepieren, der muss, wenn er
graue Haare hat, Hand an sich legen. Geh mir los!"
„Wie
willst du das ändern?"
„Komische
Frage von einem angeblichen Sozialisten. Durch die Herrschaft der
Arbeitenden und eine sozialistische Staatsund
Gesellschaftsordnung!"
„Die
Menschen sind nicht reif!"
„Man
muss gesunde Verhältnisse schaffen, sozialistische." „Nur der
aufgeklärte Mensch schafft sich gesunde Verhältnisse."
„Olbracht,
wir als organisierte Arbeiter sollten dazu aufgeklärt genug sein. Aber
die Masse der Menschen ist ein Produkt ihrer Verhältnisse, wir
sozialistischen Arbeiter müssen Verhältnisse schaffen, die für alle
gesund sind!"
„Ich
bin aber gegen Zwang!"
„Das
ist ja nicht wahr, du bist, genauso wie ich, der Auffassung, dass hier
im Betrieb jeder Arbeiter organisiert sein muss. Der Arbeiter, der einen
Streik, welcher mit Mehrheit beschlossen wurde, nicht mitmacht, wird als
Streikbrecher aus dem Betrieb gejagt. Ist das Demokratie? Aber übertrage
diese Gedankengänge auf die große Politik, und du kommst zur Diktatur
der Arbeiterschaft, das heißt zur Diktatur der übergroßen Mehrheit
der Arbeitenden über eine kleine Clique Gauner, Hals- und
Kuponabschneider!" Olbracht grinste und winkte ab. -
Der
Arbeiterrat hatte unter dem Druck der erregten Stimmung im Betrieb
beschlossen, am Tag der Beerdigung des Ehepaares Holt eine Stunde früher
den Betrieb zu verlassen. Ausdrücklich erklärte jedoch Obmann Kühne,
dies sei keine Demonstration gegen die Betriebsleitung, sondern eine
Ehrung des verstorbenen Kollegen.
Die
kommunistische Opposition im Betrieb hatte einen eintägigen
Proteststreik gegen das schändliche Verhalten des Unternehmers
gefordert. Der Betriebsrat hatte es abgelehnt, diesen Vorschlag überhaupt
zur Kenntnis zu nehmen.
Am
Tage der Beerdigung standen in verschiedenen Zeitungen Nachrufe. Die
Angestellten hatten im demokratischen „Anzeiger", der Arbeiterrat
in der sozialdemokratischen Presse einen schwülstigen Nachruf veröffentlicht.
Der Selbstmord wurde schamhaft in „trauriges Ende" und
„hoffnungsloses Alter" umfrisiert und mit keiner Silbe erwähnt.
Die
kommunistische „Arbeiterzeitung" aber war die Sensation des
Betriebes. Unter der Überschrift „Der Jubilar" stand darin eine
Arbeiterkorrespondenz folgenden Inhalts:
Arbeiterkorrespondenz
2516. Johann Holt war ein Greis von sechsundsiebzig Jahren. Er stand fünfzig
Jahre an der großen Karusselldrehbank der Maschinenfabrik N. & K.
Als junger, frischer Bursch war er auf der Walze quer durch Deutschland
in unsere Stadt gekommen und blieb, wie es so im Leben ist, hier sitzen.
Er hatte zu tief in die Augen einer Frau gesehen und richtete sich ein,
bei der Firma N. & K. eine Lebensstellung zu suchen. Er witterte,
wie man das anfangen musste. Er arbeitete nicht nur unermüdlich, ohne
Unzufriedenheit zu zeigen, täglich seine zwölf und, wenn es sein
musste, vierzehn Stunden, sondern rückte auch weit ab von den
sozialdemokratischen Agitatoren, die damals ihre hetzerische Tätigkeit
im Betrieb entfalteten. Er war ein Freund der bestehenden Ordnung, und
da er niemals die wilden Streiks und Unruhen der Sozialdemokratie
mitmachte und sogar einmal zur Zeit des Sozialistengesetzes einen
illegalen sozialdemokratischen Agitator denunzierte, war er bald der
Intimus
des alten Chefs geworden. So hatte er sich seine gesicherte Stellung
errungen und lebte einen ruhigen und bescheidenen, wenngleich
arbeitsreichen Tag.
Zwei
Pole füllten durchaus sein Leben aus: die Arbeit an der großen
Karusselldrehbank bei N. & K. und die paar Stunden Ruhe und
Ausspannung bei seiner kleinen Familie im Hinterhaus der Roloffstraße.
So
flossen Jahre und Jahrzehnte dahin. Johann Holts Junge, Arthur, war in mühseligen,
entbehrungsreichen Jahren groß und stark geworden, hatte ein Handwerk
gelernt und war dann in Frankreich gefallen. In seinen alten Tagen war
Holt wieder einsam und lebte mit seiner von Arbeit und Gram gebeugten,
halbblinden Frau ein stilles Dasein.
Teilnahmslos
ließ das alte Ehepaar, nachdem Moloch Krieg den Sohn gefressen hatte,
die Revolutionsjahre an sich vorüberziehen. Und ihre einzige staatsbürgerliche
Handlung bestand darin, dass sie von Zeit zu Zeit von einigen netten
Herren mit dem Auto abgeholt wurden, um der einzig wahren und gerechten
deutschnationalen Partei ihre Stimme zu geben. Auf diese Weise hatten
auch die beiden alten Leute den kaiserlichen Feldmarschall Hindenburg
zum Präsidenten der Republik gewählt.
Fünfzig
Jahre hatte Johann Holt so Jahr für Jahr, Tag für Tag seine Drehbank
bedient. Längst war sein Rücken gebeugt und sein Haar ergraut. Heute
war er nun fünfzig Jahre Dreher bei N. & K. Die Kollegen hatten
einige Blumen um die Drehbank gewunden, mit einer großen „50"
darüber, und Johann Holt überdachte die fünfzig Jahre seines Lebens,
die er hier verbracht hatte.
Da
wurde ihm plötzlich leise auf die Schulter geklopft. Holt drehte sich
um, und das Herz schlug ihm bis zum Hals, vor ihm stand der Chef der
Firma. Dies war der größte Augenblick in Holts Leben, auf den er fünfzig
Jahre gewartet hatte und wo er die Ernte seines arbeitsreichen Lebens
einbringen wollte.
„Mein
lieber Holt", begann der Chef, „im Namen der Firma Negel &
Kopp spreche ich Ihnen für Ihre treuen Dienste, die
Sie
geleistet haben, unsern herzlichen Dank aus. Leider ist die großmütige
Spende des verehrten Gründers unserer Firma durch die Inflation
verloren gegangen. Aber auch wir wollen uns erkenntlich zeigen, und ich
bin beauftragt, Ihnen dies zu überreichen. Wir nehmen an, dass sie den
verständlichen Wunsch haben, sich zur Ruhe zu setzen, Sie wissen ja,
mein lieber Holt, dass die sozialen Institutionen Ihnen treu zur Seite
stehen. Nochmals unseren herzlichen Dank und Glückwünsche für Ihren
Lebensabend!" Damit schüttelte er dem Greis die Hand, machte kehrt
und ging ins Büro zurück.
Der
alte Holt schaute ihm entgeistert nach. Das war so ganz anders, als er
gedacht hatte. Mit zitternden Händen öffnete er das Kuvert. Er zog
einen Fünfzigmarkschein heraus. Heimlich und still wie ein räudiger
Hund schlich er aus der Fabrik.
Gestern
stand folgende Notiz in der Zeitung: „Ein altes Ehepaar mit Namen
Holt, wohnhaft Roioffstraße, verübte Doppelselbstmord durch Erhängen.
Die Motive der grausigen Tat sind unbekannt."
Es
gab keinen in der Fabrik, der nicht die Zeitung las.
Es
gab keinen, dem nicht das Blut in die Schläfen schoss.
Es
gab kaum einen, der nicht an sein eigenes Leben dachte.
Es
gab leider noch zu wenige, die die Faust ballten und diesem
kapitalistischen Mordsystem Fehde schworen.
Drohn
lässt „husten".
Am
Sonnabendnachmittag wurde am „Schwarzen Brett" folgende
Bekanntmachung angeschlagen:
Ab
Montag arbeitet die Dreherei bis auf weiteres bis sechs Uhr. Jacobi,
Betriebsleiter.
Kühne,
Betriebsratsobmann.
„Wirst
du bleiben, Kurt?" fragte Melmster den Rotkopf, der neben ihm stand
und diesen Anschlag las. „Ich bin doch kein Heidelberger!" war
die Antwort.
„Nun
haben wir uns gerupft, dass die Haare flogen", grinste Olbracht,
„und erreicht haben wir nischt!" „Wieso?"
„Na,
nun heißt es doch Überstunden schieben!"
„Für
dich gilt der Branchenbeschluss wie für jeden andern!"
„Für
mich ist der Arbeiterrat maßgebend!"
Die
Dreher hatten sich in zwei Lager gespalten. Die Minorität, die
Betriebsratsanhänger, wollten die Überstunden hinnehmen, aber von den
sechzehn Indifferenten rückten jetzt einige offen ab. Die Mehrheit der
Dreher aber wollte Montag wie jeden Tag um vier den Betrieb verlassen.
In
aller Eile wurde noch Sonnabend Nachmittag in der Latrine vom Zellenkopf
der Opposition beschlossen, was am Montag zu tun sei. Es war klar, dass
ohne Unterstützung der Gesamtbelegschaft die Schmachel-Leute sich
durchsetzen würden, denn hinter ihnen stand die Betriebsleitung. Es gab
nur einen Weg. Dieser musste beschritten werden.
Am
Montag wurde von der Opposition vom frühen Morgen an fieberhaft
gearbeitet. Nicht nur in der Dreherei wurde die Front gegen die Diktatur
des reformistischen Arbeiterrats aufgerichtet, auch in der Montage und
in der Tischlerei nahmen alle Kollegen zum Verhalten des Arbeiterrats
Stellung. „Nicht sofort nach Hause gehen, im Umkleideraum
bleiben", war die Parole. Sie fiel auf günstigen Boden, denn noch
war das Ende des alten John nicht vergessen. In der Dreherei war es
dagegen unheimlich ruhig. Keiner sprach zum andern, jeder war in seine
Arbeit vertieft und in seine Gedanken verbissen.
Bleckmann
drehte Gusstrommeln von riesigem Umfang. Sie drehten sich langsam und
bedächtig, und bei jeder Umdrehung fraß sich der Stahl ächzend
weiter, dass die ganze Umgebung erzitterte. Sein Nebenmann Wiesenbach
hatte wieder alle zehn Finger Dreck im Gesicht und zappelte an der
Drehbank hin und her, er musste höllisch aufpassen, dass ihm die großen,
aber leichten, dünnwandigen Gehäuse nicht aus der Planscheibe fielen.
Der
Rotkopf trällerte den allerneuesten Schlager von
Liebe,
Park und Bank und den neun Monaten. Er schien sich die geringsten Sorgen
zu machen.
Hundert
lange, einfache Spindeln zu drehen war eine famose Arbeit.
Melmster
selbst schien nur an seine Arbeit zu denken. Er drehte an handgroße
Kegelräder konische Dichtungsflächen an. Mit seinen Gedanken war er
jedoch nur bei den Dingen, die heute Nachmittag bevorstanden. Die Luft
war verteufelt dick, und wie würde es verlaufen?
In
der Montage wartete alles auf vier Uhr. Nachdem sich sogar der
„Scharfe" bereit erklärt hatte, dem Belegschafts- und
Branchenbeschluss Geltung verschaffen zu helfen, war Einmütigkeit unter
den Schlossern. Die Einzelgänger in der Dreherei sollten einen Nasenstüber
erhalten.
Die
Tischler waren eigenbrötlerischer. „Wat hewt wi mit de Dreiher to don?"
meinten einige. -
„Was
habt ihr vor?" fragte der Riese mit der Kastratenstimme den Hobler
Hans.
„Was
meinst du?"
„Verstell
dich man nicht so! Aber ich warne euch, ihr werdet euch die Köppe
einrennen!" -
Wiesenbach
hatte auf der Latrine so allerlei munkeln hören, und nun erinnerte er
sich plötzlich, dass er ja heute eine wichtige Besorgung zu machen hätte
und um vier Uhr fortmüsse. Er verständigte Meister Westmann und seine
Kollegen Bleckmann und Olbracht. „Sehr merkwürdig!" brummte
Bleckmann.
Wiesenbach
verdrehte die Augen und beteuerte, dass es ihm unter diesen Umständen
sehr peinlich sei.
Je
mehr die Uhr auf vier ging, desto aufgeregter und erwartungsvoller
wurden alle. Etwas würde kommen, das fühlte jeder, aber keiner wusste
recht, was.
Melmster
hatte seine achtzig Kegelräder fertig. Sie lagen übereinander auf dem
Arbeitstisch. Die neue Arbeit, schwere Eisenköpfe mit grobem
Innengewinde, war auch schon herangekarrt. Er fegte die Bank sauber und
stellte sie auf die neue Arbeit um.
Kurz
vor vier ging der Arbeiterrat Schmachel von Drehbank zu Drehbank und
rief jedem Dreher zu: „Heute bis sechs!"
Melmster
tat wie die meisten, er hörte und sah ihn nicht. Hinterher konferierte
Schmachel an der Anreißplatte mit Kühne. Sie schienen sehr
zuversichtlich. Den Jungens wollten sie mal eine Lektion erteilen.
Zehn
Minuten vor vier sah sich Melmster um. Jeder arbeitete, keiner wusch
sich wie sonst die Hände und bereitete sich zum Weggehen vor. Ihm wurde
unangenehm zumute. Wenn nun die meisten umfielen? Wenn nun keiner ging?
„Machen
wir uns fertig, Kurt?" rief er seinem Vordermann zu.
Sie
wuschen sich die Hände in Öl und Seifenwasser. Bleckmann schielte
verstohlen zu ihnen hin, und als Melmster sich mit Twist abtrocknete,
sah er Olbrachts Grinsen. Auch Wiesenbach machte sich fertig.
„Das
hätte ich nicht gedacht!" sagte der Rotkopf und zeigte auf
Wiesenbach.
Nun
waren schon mehrere Dreher dabei, die Arbeit für heute zu beenden,
Olbracht und Bleckmann aber schienen von alledem nichts zu sehen, sie
waren kolossal in ihre Arbeit vertieft. Dann heulte es Feierabend.
Als
Melmster sich anschließen wollte, um seine Tageskarte zu stempeln, trat
Meister Westmann ihm in den Weg. „Sie sollen doch Überstunden
machen?" „Die Branchenversammlung hat die Überstunden mit
Stimmenmehrheit abgelehnt!" erwiderte Melmster. „Aber der
Arbeiterrat hat doch mit unterzeichnet!" Melmster zuckte die
Schultern.
Die
übergroße Mehrzahl der Dreher war fortgegangen, nur vereinzelt standen
noch einige hinter ihren Bänken.
Vor
dem Ausgang des Umkleideraums standen Drohn, Hennings und Hackbarth und
sagten zu jedem, der hinausgehen wollte: „Alles hier bleiben!"
„Warum?" fragte einer.
„Wir
müssen uns noch ein paar Arbeitswütige ansehen!" erwiderte der
Schmied, über sein ganzes verrußtes Gesicht lachend.
„Kollegen!"
rief dann der Schlosser Drohn. „Trotzdem die Belegschaftsversammlung
und die Branchenversammlung der Dreher mit Mehrheit Überstunden
abgelehnt hat, haben sich heute einige charakterlose Elemente gefunden,
die Überstunden schieben. Wir können uns das nicht gefallen lassen,
und ich schlage euch vor, wir sehen uns die Burschen einmal an, damit
wir in Zukunft wissen, mit wem wir es zu tun haben!"
„Sehr
richtig!" riefen einige. - „Schlagt diese Lumpen mit Eisenstangen
aus dem Betrieb!" schrie einer.
Es
mochten achtzig bis hundert Arbeiter sein, die den Umkleideraum verließen
und zur Maschinenhalle zogen. Drohn, Hennings und der Hobler Hans
marschierten voran. Als sie durch das breite Tor strömten, schrie
Hennings in die Halle: „So, jetzt wollen wir mal sehen, wer hier noch
arbeitet!"
Sie
bewegten sich auf die ersten Drehbänke zu, an denen Olbracht und
Bleckmann, totenbleich geworden, arbeiteten. Keiner von den Hereinströmenden
wusste, was eigentlich geschehen sollte. Fünfzig Arbeiter standen um
die beiden Bänke herum, andere zogen zwischen den Bänken zu solchen,
wo ebenfalls noch gearbeitet wurde.
Olbracht
war gewiss kein Held; als er hundert drohende Augen auf sich gerichtet fühlte,
zitterten seine Hände an der Kurbel. Er wagte nicht aufzusehen.
Bleckmann hatte die Situation sofort erfasst, stellte seine Bank ab und
packte ein. Olbracht stand wie angewurzelt. Da hustete der Schlosser
Drohn auffällig stark, und wie auf Kommando husteten fünfzig Menschen.
Das dröhnte abscheulich durch die stille Maschinenhalle.
Olbracht
zuckte zusammen und stellte seine Bank ab und ging sofort hinaus.
Hinterher schob sich der ganze Schwarm.
Kein
einziges Wort war gefallen, aber kein Dreher stand mehr an der Drehbank.
Es war eine stumme, aber eindrucksvolle Demonstration gewesen.
Nun
standen alle vorm Umkleideraum und warteten, bis der letzte die Fabrik
verlassen hatte. Dann gingen auch sie.
Dora
kennt den Spitzel.
„Natürlich
- sie wollte bestimmt um acht Uhr kommen. Wenn man es sich richtig überlegt,
geht das Mädel ein ziemliches Risiko ein. Nicht wegen der Entlassung,
ich meine wegen Verletzung oder Weitertragen von Geschäftsgeheimnissen
oder so. Kann man eigentlich so etwas konstruieren? Wir müssen höllisch
vorsichtig sein!"
Melmster
und der Hobler Hans warteten schon eine ganze Weile am „Grünen Jäger".
Jetzt sah man erst so richtig, was für große, ansehnliche Kerle sie
waren. Statt in verdreckten, öligen blauen Kitteln steckten sie in
braunen und blauen Anzügen, und statt der eisenstaubdreckigen Haut
leuchteten saubere, rasierte Gesichter. Die hellen Sportkragen und die
dunklen Binder gaben ihnen sogar ein flottes Aussehen.
„Trotz
alldem sag ich dir, Hans, die hat ein Auge auf dich geworfen, sonst ist
das einfach nicht zu begreifen."
„Bei
dir Panne, hier oben!" lachte der Hobler.
„Na
ja, das musst du mit dir selbst abmachen - aber ich verdrücke mich
bald!"
„Du
bist ein ausgemachter Feigling!"
„Das
weiß ich!" - Sie schwiegen.
„Mensch,
das geht nicht!" erinnerte sich dann der Hobler plötzlich, „was
soll ich denn allein mit ihr anfangen?"
„Soll
ich dir das sagen?" Melmster dachte nach. „Überlass ihr
das", war alles, was er vorschlagen konnte.
„Jetzt
ist es doch mindestens zwanzig nach acht, ich glaub wirklich, die lässt
uns sitzen."
„Nee,
da kommt sie!" Sie ging wie ein Mann, fest und kräftig. Einen
helleuchtenden Regenmantel hatte sie an, und unter dem glockenförmigen
Hut lachte ein volles Gesicht und blitzten ein Paar große helle Augen.
Melmster
und Hans lüfteten artig ihren Hut.
„Meine
Herren!" lachte sie, „entschuldigen Sie meine kleine Verspätung",
und dann schüttelten sie sich die Hände und schlenderten ins Borsteler
Moor.
„Das
ist sehr nett, Hans, dass Sie Ihren Freund mitgebracht haben!"
Melmster
war überzeugt, dass sie log.
„Ich
kann Ihnen Dinge erzählen, die direkt ungeheuerlich sind. Natürlich
unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Davon darf auch nichts in den
,Greifer'. - Sehen Sie nur, wie es schon grün wird. Diese zarten
Knospen, man kann bald Kätzchen pflücken!"
„Sie
müssen natürlich auch sehr vorsichtig sein", lenkte Melmster
wieder ein.
„Na,
und ob!" Sie wandte sich an Melmster. „Ich persönlich habe ja
gar nichts damit zu tun, ich höre es ja alles nur durch meine Kollegin
Anita oder lese es heimlich in ihren Sachen. Sie wissen doch, ich habe
nur die Kalkulationsschreiberei und die Protokolle. Das andere bekomme
ich gar nicht zu Gesicht. - Und gerade Sie betrifft es!"
„Mich?"
fragte Melmster ungläubig.
„Jawohl
- und eine Stimmung ist augenblicklich bei uns! Der Fritsche gebärdet
sich wie ein Irrsinniger, und der Jacobi brüllt jeden ohne Grund an. Es
ist kaum auszuhalten!"
„Aber
was ist das mit Melmster?" fragte Hans.
„Über
Sie liegt ein Bericht vor. Und den Betriebsspitzel kenne ich nun auch!
Wie heißt doch Ihr Hintermann?"
„Menzel!"
„Nein
- der andere?" „Olbracht!"
„Ja,
richtig, Olbracht! Dass Sie gegen die Überstunden gesprochen haben und
sonst im Betrieb kommunistische Propaganda treiben, steht darin."
Melmster
bekam ein Kribbeln im Körper. Eben war er heiß, jetzt eiskalt.
Olbracht! An den hatte er nicht gedacht, ist das möglich?
„Sagen
Sie, bekommen diese Lumpen von der Firma dafür Geld?"
„Die
bekommen nichts!"
„Wissen
Sie das genau? Vielleicht keine baren Korruptionsgelder, aber doch
irgendwelche Begünstigungen?"
„Was
ich nicht wüsste!" Dora Timm schien nie darüber nachgedacht zu
haben. „Er soll wohl mal Meister werden, wenn der Westmann
ausscheidet, aber sonst bekommt er außer seinem Höchstlohn, soviel ich
weiß, nichts."
„Was
ist das für ein Höchstlohn?"
„Zwanzig
Prozent auf den höchsten Akkordlohn!"
„Zwanzig
Prozent auf den höchsten Akkordlohn?" fragte Melmster. „Wer
bekommt denn das?"
„Der
Arbeiterrat und die Alten!"
„Alle
Arbeiterratsmitglieder?"
„Ja."
„Und
alle Alten?"
„Nicht
alle, vielleicht vier oder fünf! Aber Olbracht ist dabei."
„War
der alte John auch dabei?" „Nein, gewiss nicht!" Dora Timm
lachte. „Warum lachen Sie?"
„Na,
den Höchstlohn bekommen doch nur die Günstlinge der Firma."
„Was
sagste nun?" fragte Melmster Hans.
„Warum
sagen Sie uns das heute erst?" wandte sich dieser an Dora.
„Ich
dachte, das wär Ihnen längst bekannt."
„Wissen
Sie, ich habe noch eine Verabredung. Nehmen Sie es mir nicht übel, ich
möchte mich verabschieden!" sagte jetzt Melmster, dem die
Situation unangenehm wurde.
„Wir
gehen doch auch da runter!" meinte Hans.
„Ich
möchte aber gleich in die Bahn steigen!" Bevor er ging, rief ihm
das Mädchen noch zu: „Sie dürfen aber von dem, was ich Ihnen erzählt
habe, keinen Gebrauch machen!"
Melmster
nickte. -
„Ihr
Freund war doch auf einmal so sonderbar?"
„Ja!"
war alles, was Hans erwiderte. Melmster stieg nicht in die Straßenbahn.
Ziellos rannte er die Chaussee hinunter. Was könnte man mit diesem
Olbracht machen? Wie sollte man mit so einem Lumpen abrechnen?
„Guten
Morgen, Kollege Olbracht!" könnte man sagen, „du bist doch im
Verband, bist doch Gewerkschaftler?" - „Ja!" -„Du bist
doch Sozialdemokrat?" - „Ja!" - „Du weißt doch auch, was
Kollegialität heißt? Hm! Weißt du auch, was ein Denunziant ist? Hm? -
Hierbleiben! Hallo!" Und dann eins in die Fresse, noch eins, noch
und noch. Und wenn er fällt, aufreißen und noch eins und noch. Pfui
Teufel, solch Schwein. Ja, das müsste man tun. Oder ihn im
„Greifer" vor allen Kollegen entlarven. „Die korrupten Gesellen
von N. & K." oder „Der Betriebsspitzel von N. & K.".
Oder eine Arbeiterkorrespondenz in die Tagespresse bringen. Ach, man müsste
ihm einen zölligen Schlüssel an den Schädel schmeißen. Solche
Lumpen!
Melmster
stöhnte vor Wut.
Und
dann hörte er wieder: „Aber Sie dürfen davon keinen Gebrauch
machen!"
Die
acht Verächtlichen.
„Fabrikkuli",
das ist der richtige Name für uns!" sagte der Schlosser Drohn.
„Tag für Tag, Jahr für Jahr ist man in diesem schmutzigen und lärmenden
Kessel zusammengepfercht und dreht, hämmert, montiert Dinge, zu denen
man nicht die geringsten Beziehungen hat. Um einige Pfennige Akkord wird
gehetzt und gerufft. Um einige Pfennige Akkord werden die notwendigsten
Schutzmaßnahmen, wenn sie Zeit beanspruchen, außer acht gelassen.
Viele wurden wegen so'n paar Pfennige Krüppel und Invaliden, denn von fünfunddreißig
Mark Lohn kann keiner eine Familie ernähren. Schon mit einigen Mark
Zulage gelingt es dem Unternehmer, Arbeiter zu korrumpieren und sie
gegen die Interessen der Gesamtbelegschaft auszuspielen. Gemeinheiten
und Lumpereien sind spottbillig geworden, und die Unternehmer haben in
der Korrumpierung Routine bekommen!" -
Schon
im Umkleideraum wurde von der Vertreibung der acht Dreher gesprochen.
Melmster
verspätete sich an diesem Morgen um zwei Minuten. Als er kam, standen
die Kollegen bereits an ihrem Arbeitsplatz.
„Guten
Morgen!" Der Rotkopf grüßte und kniff ein Auge zu.
„Guten
Morgen!"
„Guten
Morgen!" Olbracht grüßte, als wäre gar nichts geschehen.
Melmsters
Hände zitterten, als er seinen Schrank aufschloss, sein Essen verpackte
und das Werkzeug herausholte. Als er zu arbeiten begann, sah er den
Hobler Hans hinten stehen und warnend mit der Hand drohen.
Den
ganzen Vormittag wurde unter den Drehern um Melmster herum kein einziges
Wort geredet. Der Rotkopf war schließlich der einzige, der sich von
Zeit zu Zeit umdrehte und mit Melmster über die „acht" und ihre
Vertreibung sprach. Die „acht Verächtlichen" waren sie bereits
in der Fabrik getauft, und von den Kollegen waren viele im Zweifel, ob
sie überhaupt weiter mit ihnen reden oder sie meiden sollten.
Kurz
vor Mittag ging Dora Timm in die Meisterbude. Den Rückweg ins Büro
nahm sie nicht durch den Mittelgang, wie gewöhnlich, sondern an den
Fenstern entlang, bei den Drehern vorbei.
Melmster
sah sie kommen. Sie sähen sich an. Keine Miene verriet etwas. Olbracht,
der an seinem Arbeitstisch fertige Lagerdeckel sortierte, grüßte überfreundlich.
„Guten Morgen, Fräulein!" „Guten Morgen!" lachte sie.
Melmster fühlte einen Druck in der Kehle. Der Rotkopf verrenkte sich
den Hals. „Stramme Deern -und Beine... "
Der
Stahl an Melmsters Support zitterte und krächzte. Die Arbeit ging in
ihrer Eintönigkeit weiter. „Italien hat ja gegen Deutschland zwei zu
null gewonnen?" „Nanu? - Seit wann verfolgst du diese
Spiele?" „Ich habe an der Radiostrippe gehangen!" „Nicht
wahr, dieser Caligari war fabelhaft und dieser Combi
erst",
der Rotkopf brannte lichterloh, „dieser Combi, von dem kann der lange
Heiner noch was lernen. Die einzige Genugtuung war der Schalker.
Leinberger hat katastrophal versagt und Hofmann enttäuscht. Aber das
war doch spannend, was?"
„Weißt
du, Kurt, das sind die gefährlichsten Demonstrationen des
Nationalismus. Dagegen sind Hugenberg und Hitler Stümper!"
„Wenn
du Fußballer wärst, dächtest du gar nicht daran!"
„Oha!
Ich liebe den Fußball. - Augenblick!" Melmsters Stahl war die
Bohrung durch. Er spannte ein neues Schwungrad ein. Der Stahl setzte an.
„Ich liebe den Fußball. Er ist so ganz der Sport unserer Zeit. Nicht
Mann gegen Mann, sondern Mannschaft gegen Mannschaft, also ein
kollektives Spiel. Dazu ein ausgesprochener Kampfsport. Es ist kein
Wunder, dass der Fußball ein Massensport geworden ist! Aber die
Bourgeoisie macht aus dem Sport nicht nur ein Geschäft, sondern auch
Manifestationen des Nationalismus. Sie sangen in Frankreich die .Giovinezza'
und ,Deutschland, Deutschland über alles!'."
„Aber
das Verteidigungsdreieck der Italiener war trotzdem brillant!"
Mittags
saß wie gewöhnlich jeder an seinem Fensterplatz und aß und las.
Keiner sprach aber ein Wort. Selbst Bleckmann und Olbracht sprachen
nicht miteinander. Zur größten Verwunderung Melmsters fielen auch von
den anderen Kollegen keine spöttischen oder provozierenden Bemerkungen.
Später,
als es auf vier Uhr ging und Melmster sich umdrehte, um ein neues
Schwungrad zu packen und es in die Planscheibe zu spannen, sagte
Olbracht: „Ihr braucht euch heute nicht zu bemühen, es wird nicht
gearbeitet!"
„Ich
würde mich an deiner Stelle genieren, noch hier zu sein!" war
Melmsters Antwort.
„Mensch,
Melmster!" rief Olbracht, „wir haben doch nur nach dem Willen des
Arbeiterrats gehandelt, und wenn dessen Handlungen nicht richtig waren,
rechnet mit ihm ab!" Melmsters Kiefer zitterten.
„Ich
bin zwar Sozialdemokrat, aber keiner kann mir Unkollegialität oder
Streikbruch vorwerfen!"
Melmster
arbeitete wie wild. „Der Überfall gestern war doch etwas zu
schimpflich. Die Grünschnäbel in der Montage sprechen von unsereinem
wie von Erzhaiunken."
Melmster
hatte ein Flimmern vor den Augen. Etwas würgte ihn im Halse. Die Hände
krallten sich in die Supportkurbeln. - Verflucht! - Er stellte seine
Bank ab und ging mit großen Schritten durch die Mitteltür über den
Fabrikhof. -„Verprügeln? In Sack hau'n? In die Zeitung lancieren? Und
das jetzt? Ist Quatsch", sagte der Hobler. „Wir suchen die
richtigste und günstigste Zeit aus und rechnen dann gründlich mit dem
Schurken ab! Also mach keine Geschichten! Denk auch an Dora!"
Melmster
stand kreidebleich vor Erregung vor dem Lokus, auf dem der Hobler saß.
„Hast du etwas Papier?" -
Als
er wieder an den Arbeitsplatz ging, fühlte er Olbrachts Blicke. Er
vermied, ihn anzusehen.
Bei
der Arbeit aber hatte er immer das Gefühl, als hocke ihm eine Bestie im
Genick und kralle sich in ihm fest.
Der
Rotkopf war beneidenswert. Der sang einen Schlager nach dem andern. -
Der
Dreher mit dem gespaltenen Nasenbein kam. Er war ein gedrungener,
knochiger Mensch mit einem zerrissenen Gesicht und kleinen Boxeraugen.
„Habt ihr euch in den Haaren gehabt?" „Dieser Olbracht
versuchte, sich zu entschuldigen und alle Schuld auf Schmachel zu
schieben!"
„Der
riskiert bei uns keinen Pieps, und keiner spricht mit ihm. Man müsste
diesen Schweinehund bei Kopf und Arsch packen und in den Kanal schmeißen!"
Er
ging um die Drehbank herum weiter. „Was nicht ist, kann noch
werden!" rief er noch. -
Zehn
Minuten vor vier Uhr überraschte Meister Westmann den Rotkopf beim
Waschen der Hände in Öl. Plötzlich trat
er
hinter Wiesenbachs Bank hervor. Er schimpfte pflichtgemäß, trotzdem er
genau wusste, dass es jeder tat. Der Rotkopf begann von neuem zu
arbeiten.
Der
„Alte" sah dann zu Melmster. Nach einer Weile trat er dicht an
ihn heran.
„Melmster!"
flüsterte er, „nehmen Sie sich in acht vor Denunzianten!"
„Ich
danke Ihnen!" lächelte er, „aber man hat mich bereits
orientiert."
Meister
Westmann stutzte und schob sprachlos ab.
Vom Abort, der Kontrolluhr und vom
Umkleideraum.
Am
Mittwochmorgen wurde ein neuer „Roter Greifer" verteilt. Der
Betriebsobmann Kühne machte einen schwachen Versuch, die Verteiler vor
dem Fabriktor zu vertreiben. Es gelang ihm jedoch nicht, die Arbeiter
selbst schützten sie.
Einen
neuen Zusammenstoß gab es im Umkleideraum. Einige
Arbeiterratsmitglieder wollten den Lehrlingen den „Greifer"
wegnehmen.
„Dat
is nix vor Jungens!" meinte das Arbeiterratsmitglied Kappke von der
Tischlerei. Doch die Lehrjungen wehrten sich, und die Mehrzahl
versteckte die Betriebszeitung und behauptete, keine bekommen zu haben.
Im
„Roten Greifer" wurde zur Belegschafts- und Branchenversammlung
Stellung genommen und die Kollegenschaft aufgefordert, stets so wie an
diesem Montag fest und geschlossen zusammenzustehen und ihren
Forderungen Geltung zu verschaffen. Der sozialdemokratische Arbeiterrat
und die „acht Verächtlichen" wurden als die Agenten des
Unternehmertums entlarvt. Doch den größten Eindruck unter den Kollegen
machte die Korrespondenz „Nur drei Punkte". Jeder las sie. Alles
diskutierte über die drei Punkte. Die Korrespondenz hatte folgenden
Wortlaut:
Wir
wollen in dieser Korrespondenz nicht von dem Hungerlohn, nicht von der
Akkordraserei, nicht von den Agenten des Unternehmertums in unseren
eigenen Reihen sprechen, sondern nur von drei Dingen im Betrieb, die so
schon seit Jahren bestehen und um die sich noch nie ein
Arbeiterratsmitglied gekümmert hat.
1.
Der Abort. - Hört man unsern Betriebsobmann und seine Anhänger, so
kommen immer wieder die Redewendungen „wir heutigen
Kulturmenschen!" - „anspruchsvoll, jahrzehntelang organisierte
Arbeiter!" - „Der Betriebsrat hat heute ein Wort
mitzureden!" und dergleichen mehr. Nun, um so charakteristischer
ist die Feststellung, dass seit Jahrzehnten auf dem Fabrikhof ein Scheißhaus
steht, das ein wahrer Pestpfuhl ist. Aber kein „kultivierter"
Sozialdemokrat oder gar Arbeiterratsmitglied hat je daran Anstoß
genommen. Für dreihundert Menschen sind fünf Aborte vorhanden, die in
der Regel noch nicht einmal alle benutzt werden können, fast täglich
ist einer verstopft. Im Winter ist in diesem leichten, unheizbaren
Holzverschlag eine Hundekälte, im Sommer ist es eine Brutstelle für
Seuchen. Dass durch diese Abtritte noch nicht die Pest entstanden ist,
ist ein seltener Glücksumstand, aber Unterleibsleiden und Erkältungen
sind an der Tagesordnung, denn der Boden ist nackte Erde, nur wissen die
Kollegen in den meisten Fällen nicht, dass es auf diese Aborte zurückzuführen
ist. Das Pissoir ist eine verrostete und verschmutzte Blechrinne, in der
allerlei Gewürm lebt. Zwei Meter breit für dreihundert Menschen. Der
Arbeiterrat kennt diese schweinemäßigen Zustände, aber er rührt
keinen Finger, er scheißt, wo dransteht „Meister und
Vorarbeiter".
2.
Die Kontrolluhr. - In jeder Halle steht nur eine Kontrolluhr. Täglich
spielt sich um vier Uhr eine Szene ab, die tief beschämend für die
gesamte Belegschaft ist. In wilder Jagd stürzt sich jeder auf die
Kontrolluhr, um der erste zu sein. Die letzten, diejenigen, die am Ende
der Halle arbeiten oder die diese dumme Rennerei nicht mitmachen wollen,
müssen oft fünf und mehr Minuten warten, bis die eine Uhr frei ist.
Wer morgens fünf Minuten zu spät kommt, dem wird eine halbe Stunde vom
Lohn abgezogen.
Wann
du, Kollege, aber abends nach Hause kommst, das
interessiert
den Unternehmer nicht. Das ist kapitalistische Rationalisierung. Und der
gold-gelbe Arbeiterrat sieht über diesen skandalösen Zustand hinweg,
denn er ist vom Stempeln an der Uhr entbunden.
3.
Der Umkleideraum. - Etwa neunzig bis hundertzwanzig Quadratmeter groß
ist der Raum, den die Firma zum Umkleiden und zum Reinigen von
dreihundert Arbeitern übrig hat. Nicht ein einziges Spind steht darin,
dazu wäre auch der Raum viel zu klein, sondern lange Hakenständer sind
aufgestellt mit dreihundert Haken. Jede Nummer hat ihren Haken, und man
kann auf diesem einen Haken unmöglich sein Zeug richtig aufhängen.
Zweiundvierzig Waschbecken stehen in diesem Raum für dreihundert
Arbeiter. Die Arbeiterratsmitglieder und die... zigjährigen im Betrieb
haben ihr Stammbecken, die andern müssen warten oder ungewaschen nach
Hause gehen. - Noch nie ist vom Arbeiterrat daran gedacht worden, hier
Wandel zu schaffen. Der Betriebsratsobmann Kühne kennt diesen
ungeheuren Missstand, denn er geht fast regelmäßig täglich einige
Minuten vor vier in den Umkleideraum, und die Betriebsleitung ist klug
genug, es bei ihm zu dulden.
Kollegen,
soll dies so weitergehen? - Die Gewerkschaftsopposition und die
revolutionären Arbeiter fordern von der Betriebsleitung:
1.
einen hygienisch einwandfreien Abort
2.
mindestens zwei Kontrolluhren für jede Fabrikhalle
3.
ein Waschbecken und ein verschließbares Spind für jeden Arbeiter.
Der
Arbeiterrat muss sich in der nächsten Belegschaftsversammlung zu diesen
Punkten äußern. Sorgt dafür, dass bald eine Belegschaftsversammlung
einberufen wird, brecht die Sabotage der feigen Unternehmerseelen! Die
gesamte Belegschaft muss sich für die Forderungen der Revolutionären
Gewerkschaftsopposition einsetzen und sie durchkämpfen.
Diese
Korrespondenz im „Roten Greifer" wurde Betriebsgespräch. In der
Montage, in der Maschinenhalle, in der
Tischlerei,
überall wurden die „drei Punkte" erörtert und diskutiert. An
der Holzwand über der Pissrinne im Lokus war der aufgeschlagene
„Greifer" angeheftet, und darüber hatte einer mit Kreide
geschrieben: „Wer kann bestreiten, dass es so ist?"
Nur
die Arbeiterratsmitglieder taten, als hätten sie nichts gelesen und wüssten
von nichts. Der Betriebsgoliath an der Anreißplatte bewegte sich eher
noch gravitätischer als gewöhnlich! Doch das war Berechnung, innerlich
bebte und tobte er, aber er wusste auch genau, dass er machtlos war und
sich nur noch mehr der Lächerlichkeit aussetzte, wenn er zeigen würde,
was in ihm vorging.
Olbracht
und Bleckmann fühlten sich inzwischen von ihrer Überstundenblamage
etwas erholt und hatten wieder dauernd die Köpfe beieinander. Melmster
erriet, worüber sie sprachen. Nicht etwa über das, was in der
Betriebszeitung stand, nicht über Möglichkeiten und Wege, die
aufgezeigten Missstände zu beseitigen - sie waren nur von dem einen
Problem erfüllt: Wer kann der Betriebszeitungsredakteur sein? Alle
bekannten Kommunisten im Betrieb nahmen sie durch.
„Der
Hobler Wend?"
„Sie
werden nicht gerade den nehmen!"
„Der
Schlosser Drohn?"
„Ich
weiß genau, der kann wohl reden, aber nicht schreiben!"
„Der
Revolverdreher Dresen?"
„Unmöglich,
der ist zu alt!"
„Der
Schmied Hennings?"
„Der
Schreihals ist viel zu dämlich!"
„Aber
einer muss es doch sein?"
„Natürlich!
Einer muss es sein!"
„Ja!-Wer?-Wer?"
„Und
Melmster?" fragte Bleckmann.
„Daran
habe ich auch schon gedacht! Doch der war knapp zwei Tage im Betrieb,
als die erste Nummer erschien. Und wie mir versichert wurde, hat er in
der Zellenversammlung der Kommunisten bereits davon gesprochen, dass
eine Betriebszeitung geplant und vorbereitet ist. Der ist es nicht! Der
ist noch zu jung im Betrieb!"
„Aber
wer ist es denn?"
„Ja!
Ja! Ich möcht es verflucht gern wissen!"
Die
Zelle wächst.
Der
Hobler Hans trug seit einiger Zeit ein merkwürdiges Wesen zur Schau. Er
verhielt sich zurückhaltend und äußerst schweigsam. Auch einige
Funktionärssitzungen der Partei hatte er geschwänzt, was in der
letzten Zeit nicht vorgekommen war. Sogar den letzten „Greifer"
hatten Fritz und Melmster allein zusammengebaut. Hans war schon nach
einer Stunde fortgegangen, und die Dora Timm war auch nicht gekommen.
Bis hart gegen Mitternacht hatten Melmster und der brave Jungkommunist
Fritz abwechselnd mit zwei Fingern die Wachsbogen vollgetippt. Auch im
Betrieb wich Hans den Genossen aus. In der Mittagspause stellte ihn
Melmster.
„Sag
mal, was ist eigentlich mit dir los? Du hockst hier wie ein nasser Sack
und redst kein Wort. Was ist mit dir?"
„Wir
hatten Angst, du würdst dich nicht beherrschen können!"
Hm!
Hm! Wir! dachte Melmster und sagte: „Unsinn, das kann doch nicht der
Grund deines Verhaltens sein. Übrigens seht ihr ja, dass ich mich
beherrsche!"
„Knapp
war's man!" lachte der Hobler.
„Versetz
dich in meine Lage! - Aber dein Gesicht gefällt mir nicht."
„Ich
versteh nicht, was du hast, ich fühl mich sauwohl!"
Die
exzentrischen Schwundräder, die Melmster zu bearbeiten hatte, waren die
gefürchtetste Dreherarbeit. Das Ausrichten in der Planscheibe mit
Gegengewichten nach genauen Berechnungen nahm die meiste Zeit in
Anspruch und kostete Nerven, denn einige Fehlschläge, und man war mit
der nach Tabellen, Stoppuhr und Spindelumdrehungen errechneten Zeit
uneinholbar versackt.
Melmster
hatte Pech. Schon einige Male war das Schwungrad unausgeglichen
geblieben, und die Bohrung wurde infolgedessen elliptisch. Er rackerte
an der Planscheibe herum, berechnete, experimentierte, und alles kostete
Zeit - Zeit, die nicht einkalkuliert war, denn die Berechnungstabelle
kennt nur glatte Arbeitsgänge.
Der
Rotkopf beobachtete sinnend die Anstrengung Melmsters, der sich in
Schweiß arbeitete. „Weißt du, Alfred."
Melmster
dachte, er wolle ihm Ratschläge geben, und hörte hin.
„Ich
will in die Partei eintreten!" „Richtig, Kurt! Und der Fußball?"
„Ich bin schon aus ,Concordia' ausgetreten!" „Das ist anständig!
- Sieh doch mal dies Aas! Ich kriege ihn nicht hin!"
„Ich
will aber in ,Barmbeck dreiundneunzig' eintreten, da wird ein guter
Arbeiter-Fußball gespielt."
„Gib
mir mal noch einen halbzölligen Schlüssel! - So! -Halt hier fest! -
Noch mal! - Und wenn das Luder jetzt noch schlägt...!"
Es
lief. Der Stahl setzte an.
„Das
ist fabelhaft, Kurt. Dann sind wir ja Genossen!" -Melmster atmete
erleichtert auf, als es auf vier Uhr ging. Das war ein verfluchter Tag
gewesen. Er war wie in Schweiß gebadet und hatte doch nichts beschickt.
„Hast
du noch etwas Öl?" rief Olbracht. Melmster reichte ihm seine
Kanne. Merkwürdig, die Wut auf dieses Subjekt war vorerst verraucht.
Doch die Abrechnung war nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben.
Olbracht
erzählt ihm, dass die Firma demnächst ihre Rationalisierungsmaßnahmen
durchzuführen gedenke. Stähle und verstellbare Kopfhalter sowie mehrstählige
Vorrichtungen seien schon eingetroffen.
„Was
gedenkt ihr dagegen zu unternehmen?" fragte er zum Schluss.
„Du
fragst mich, als ob ich der Generalissimus der Opposition wäre!"
„Na,
ihr werdet doch vorgearbeitet haben?" „Wie darauf reagiert wird,
weiß ich nicht, das ist ja auch Sache der Kollegen selbst!" wich
Melmster aus.
Vier
neue Parteimitglieder hatten die letzten vierzehn Tage gebracht. Zwei
Schlosser aus der Montage, einen Arbeitsmann und den Dreher Kurt Menzel.
Der „Rote Greifer" hatte richtig gegriffen, und alle Genossen und
darüber hinaus fast die gesamte Belegschaft waren von dieser mutigen
Betriebszeitung begeistert. Selbst einige von den Genossen wollten in
der Zellenversammlung wissen, wer den „Greifer" schreibe. Der
Hobler Hans sagte darauf nur, dass es besser sei, es wüssten dies so
wenige wie nur möglich.
Auf
der Tagesordnung dieser Zellenversammlung stand ein Referat über die
Taktik der Opposition bei den bevorstehenden Betriebsrätewahlen. Da
aber, wie gewöhnlich, der Referent der Bezirksleitung nicht kam, wurde
über dies Thema unter den Genossen diskutiert.
Viele
waren der Meinung, dass die Opposition in der freigewerkschaftlichen
Belegschaftsversammlung die Mehrheit bekommen würde und dann
gleichzeitig den gesamten Arbeiterrat in Händen hätte.
Ein
Genosse machte darauf aufmerksam, dass die Betriebsleitung im Interesse
des jetzigen, ihr sehr angenehmen Arbeiterrats kurz vor der Wahl
Massenentlassungen oppositioneller Arbeiter vornehmen werde, um so dem
jetzigen Arbeiterrat eine abermalige Mehrheit zu sichern.
Melmster
forderte die unsichtbare „Greifer"-Redaktion auf, bereits in der
nächsten Nummer zu den Betriebsratswahlen Stellung zu nehmen, und
machte die Zellenleitung darauf aufmerksam, alle Termine genauestens zu
beachten und einzuhalten.
Zum
Schluss wurde noch auf Vorschlag des Hoblers aus jeder Halle ein
Literaturobmann bestimmt. Der Vertrieb der
„Arbeiter-Illustrierten" sowie sämtlicher Parteibroschüren
sollte jetzt systematisch im Betrieb organisiert werden. Jeder Genosse
und darüber hinaus alle Leser sollten künftig im
Betrieb
die Zeitung abonnieren und neue Leser werben. Auf diese Weise sollte
diese einzige proletarische Bilderzeitung noch mehr unter die
Arbeiterschaft kommen, und gleichzeitig blieben der Zelle wöchentlich
einige Groschen zur Finanzierung des „Roten Greifers".
Es
sollten vorerst achtzig Exemplare wöchentlich bestellt werden.
Am
Schluss der Zellenversammlung fragte Melmster den Hobler nach Dora Timm.
„Was soll ich dir da antworten?"
„Ich
meine nur so", log Melmster, „ich habe euch gesehen!"
„Ist
das wahr?" Hans war ganz erschrocken. „Wir haben immer Angst,
dass uns mal einer vom Betrieb begegnet!"
„Na,
beruhige dich, es stimmt nicht."
„Doch
woher weißt du... ? Wie kommst du darauf... ?"
„Es
muss doch eine Erklärung für dein jetziges Verhalten geben!"
Hans
wurde rot und verlegen wie ein Backfisch.
RGO
Metall.
Die
oppositionellen Arbeiter aller Landbetriebe der Metallindustrie hatten
in einer gemeinsamen Versammlung zu dem bevorstehenden Ablauf des Tarifs
Forderungen aufgestellt und diese in einem Kampfaufruf veröffentlicht.
Einige
Tage später lagen auch auf den Arbeitsplätzen der Arbeiter der
Maschinenfabrik N. & K. kleine Flugzettel mit folgendem Inhalt:
An
die Arbeiter der Landbetriebe der Metallindustrie!
Kollegen!
- Am 31. März läuft der Tarifvertrag der Metallarbeiter ab. Die Löhne
sind katastrophal gesunken. Von Juli bis Dezember sank der Geldlohn des
deutschen Arbeiters um 13,6 Prozent und der Reallohn um 12, 9 Prozent.
Unablässig steigern die Unternehmer die Ausbeutung. Die Hungeroffensive
der Bourgeoisie gegen das Proletariat, Massensteuern, Zollwucher,
Mietverteuerung, die Verschlechterung der Sozialfürsorge zwingen die
Metallarbeiter, schon jetzt alle
Voraussetzungen
für einen erfolgreichen Kampf um Lohnerhöhung und Verkürzung der
Arbeitszeit zu organisieren.
Die
Forderungen der Metallarbeiter der Landbetriebe sind:
1.
Die Arbeitszeit wird auf sieben Stunden pro Tag und vierzig Stunden die
Woche herabgesetzt. An Sonnabenden beträgt sie fünf Stunden.
2.
Für Jugendliche unter sechzehn Jahren beträgt sie sechs Stunden pro
Tag und fünfunddreißig Stunden die Woche.
3.
Die bisherigen Löhne werden unter Festhalten an der Forderung
„gleicher Lohn für gleiche Arbeit" ab 1. April erhöht für:
a)
gelernte Arbeiter von 92 Pf um 38 Pf auf 1,30 Mark
b)
angelernte Arbeiter von 86 Pf um 39 Pf auf 1,25 Mark
c)
ungelernte Arbeiter von 79 Pf um 41 Pf auf 1,20 Mark
d)
ungelernte Arbeiterinnen von 52 Pf um 53 Pf auf 1,05 Mark
e)
Lehrlinge im ersten Lehrjahr von 13 Pf um 17 Pf auf 30 Pf, im vierten
Lehrjahr von 33 Pf um 57 Pf auf 90 Pf und entsprechende Abstufungen in
den anderen Lehrjahren.
4.
Die bisher wirklich erzielten Verdienste erhöhen sich für alle
Arbeiter entsprechend der Erhöhung des Grundlohnes.
5.
Der Tarif läuft auf unbestimmte Zeit und kann jederzeit mit einer Frist
von vier Wochen gekündigt werden.
In
allen Betrieben müssen vorbereitende Kampfleitungen aus
klassenbewussten organisierten und unorganisierten Arbeitern und
Arbeiterinnen, Jungarbeitern und Jungarbeiterinnen gebildet werden. Es
gilt, sofort Betriebs- und Branchenversammlungen einzuberufen und Beschlüsse
zu den vorstehenden Forderungen der Revolutionären
Gewerkschaftsopposition zu fassen. Wer gegen diese Forderungen steht,
ist auf der Seite der Arbeiterfeinde.
Metallarbeiter,
wählt bei den bevorstehenden Betriebsratswahlen nur solche Kollegen,
die bereit sind, für diese Forderungen zu kämpfen. Organisiert auf der
breitesten Grundlage den Kampf für diese Forderungen! - Bildet
revolutionäre Wahlkomitees! - Wählt rote Arbeiterräte!
Die
Revolutionäre Gewerkschaftsopposition der Metallarbeiter der
Landbetriebe.
„Das
sind wirklich einmal Forderungen, für die es sich lohnt, zu kämpfen!"
sagte ein junger Schlosser zum „Scharfen", mit dem er gemeinsam
Bolzen in das Drehgestell eines Kranes schlug.
„Das
sind Phantasie- und Agitationsphrasen der Kommunisten. Sie wissen ganz
genau, dass sie niemals verwirklicht werden können, und darauf
spekulieren sie!" entgegnete unwirsch und abfällig der
„Scharfe" und schlug mit einem kurzen, schweren Vorschlaghammer
einen neuen Bolzen in den Drehkranz.
„Man
muss heute ja immer schon damit rechnen, dass nur dreißig Prozent oder
gar nur zwanzig Prozent der von uns aufgestellten Forderungen
durchkommen, und was bleibt dann noch, wenn wir vier oder sechs Pfennig
Zulage fordern, wie es im vorigen Jahr unsere Gewerkschaftsinstanzen
taten?" mischte sich ein anderer, älterer Schlosser ins Gespräch.
„Was
noch bleibt, hast du ja erfahren, zwei Pfennig!" lachte der Junge.
„Die
können sie sich diesmal in den Arsch stecken! Wir sind die miserabelst
bezahlten Arbeiter und sind die bestorganisierten. Aber die in Berlin,
die Oberbonzen, mit ihren Tausendmarkgehältern und diversen Spesen,
diese Clique würgt jeden ernsthaften Kampf aus staatspolitischen Gründen
ab, wie sie sagen. Bei diesen staatspolitischen Gründen kriegt der
Kapitalist volle Backen, und wir gehen vor die Hunde!"
„Komm,
lass mich mal schlagen!"
Ein
Bolzen nach dem andern wurde eingeschlagen. Bald war der Kranz fertig.
Unter den wütenden, wuchtigen Schlägen flutschte die Arbeit. Der
„Scharfe" hatte mit keinem Wort seinem Kollegen widersprochen. Er
war klug genug, sich nicht offen zum Schützer korrupter
Gewerkschaftsbonzen aufzuwerfen, seine Methode war, bei günstigen
Situationen belanglose antikommunistische Argumente breit auszuwalzen
und dabei den sittlich und politisch Entrüsteten zu spielen. Wenn
revolutionäre Arbeiter mit einem Sack voll Argumente gegen die falsche
Politik der SPD-Führung kamen, hörte er schweigend zu, denn es erschütterte
ihn nicht.
Aber
wenn er an einem armseligen Argument seinen Faden spann, gab es immer
noch Arbeiter, die er ins Schwanken brachte und vom entscheidenden
Schritt zur revolutionären Opposition abhielt. -
„Ihr
seid ja gar nicht bescheiden!" Olbracht wies grinsend auf das
Flugblatt. Als Melmster nichts erwiderte, setzte er noch mit besonderer
Betonung hinzu: „Hoffentlich stellt die Verbandsleitung realisierbare
Forderungen!"
„Und
was wäre nach deiner Auffassung realisierbar?" fragte Melmster.
„Ich
denke, dass der Verband acht bis zehn Pfennig fordern wird!"
„Damit
du zwei oder drei Pfennig bekommst und an die Bonzokratie zehn Pfennig
mehr Verbandsbeitrag zahlen kannst!"
„Aus
dir spricht richtig der kommunistische Gewerkschaftsfeind!"
polterte Olbracht in künstlicher Erregung los.
Melmster
biss sich auf die Lippen. Ausgerechnet diese Kanaille musste ihm das
sagen.
Der „Gottsucher" sucht Anhänger.
Am
andern Tag hatte Melmster an seiner Bank einen seltsamen Besuch. Der
„Gottsucher" kam, und die ganze Nachbarschaft beobachtete
erstaunt und interessiert dieses Ereignis.
„Ich
komm zu dir, Kollege, um mit dir bekannt zu werden!" Und dabei
lachte er Melmster mit seinem kinderhaft schmalen Gesicht freundlich an.
Er trug einen sauberen gestreiften Kittel und eine kleine lederne Schürze.
„Und fragen wollte ich, ob ich dich heute auf dem Nachhauseweg
begleiten kann?"
Nun
musste Melmster lächeln. Er hatte das Gefühl, als spräche ein Mädchen
mit ihm. Glasklare, treuherzige Augen hatte der Mensch und eine rührende
Schüchternheit.
„Natürlich
habe ich nichts dagegen! Nur kann ich mir den Zweck nicht erklären!"
„Du
wirst doch Mitglied einer Jugendorganisation, nicht wahr? Und du bist
doch Kommunist? - Eben aus diesen Gründen möchte ich mit dir
reden."
„Also
gut!"
„Schönen
Dank!" Er nickte leicht mit dem Kopf und ging dann um die Drehbank
herum sofort aus der Halle hinaus. Melmster lächelte in sich hinein und
merkte, wie Olbracht vor Neugier zappelte. Er hätte zu gern erfahren,
was der „Gottsucher" gewollt hatte, aber er traute sich doch
nicht zu fragen.
Wiesenbach
aber streckte sein verschmiertes Gesicht vor. „Wull he di
bekehren?"
„De
süht nich so schietig ut wi du!" rief ihm der Rotkopf zu. -
Am
Vormittag besichtigte eine Kommission die Fabrik. Es mochten zwölf
Herren sein, die, vom Betriebsleiter geführt, auch durch die Dreherei
kamen. Um Bleckmanns Bank versammelten sie sich. Dieser hatte wieder
Riesentrommeln in Arbeit, in die er unter Mordsspektakel des Stahles
armbreite Trossennuten drehte. Bleckmann hüpfte hin und her und fühlte
sich außerordentlich wichtig. Kollege Wiesenbach wurde von dem
nachbarlichen Ereignis so mitgenommen, dass er sich krampfhaft mit einer
Handvoll Twist das Gesicht säuberte. Aber die Kommission ging weiter,
ohne Wiesenbach und seine Arbeit zu beachten. Er sah ordentlich
beleidigt aus.
„Das
sind die Aasgeier der Rationalisierung!" rief Olbracht Melmster zu.
Die
Mitglieder des Arbeiterrats waren nach den letzten Vorfällen auffallend
schweigsam geworden. Schmachel pütscherte von morgens bis abends an
seiner plumpen Koppbank herum. Er wurde von den Kollegen der Dreherei
wie ein an den Pocken Erkrankter gemieden. Kühne, der gern im Betrieb
herumstolzierte und der sich sonst seines Wertes übervoll bewusst war,
kam gar nicht mehr von der Anreißplatte weg und war so bescheiden
geworden. Und die Betriebsleitung, die so brennend nötig Überstunden
brauchte, um vorauszuarbeiten, damit kurz vor den neuen
Tarifverhandlungen Flaute vorgeschützt werden konnte, und die auch
sonst auf alle Fälle vorbereitet war, verlor gegenüber den
widerspenstigen Drehern kein Wort. Und das war gerade das
Unheildrohende.
Es
lag etwas in der Luft, das sich auch bald entladen sollte.
Als
sich Melmster nach vier Uhr angezogen und gewaschen hatte, sah er sich
nach dem „Gottsucher" um, aber er konnte ihn nicht finden. Er hat
es vergessen, dachte er. Doch als er aus der Fabrik herauskam und seinen
Weg zur nächsten Hochbahnstation nehmen wollte, ging der
„Gottsucher" plötzlich neben ihm.
„Hallo,
ich dachte schon, du hättest es verschwitzt!"
„O
nein! Du gehst zur Hochbahn?" Melmster nickte.
„Vielleicht
werden wir bis dahin ins reine kommen!" Was der bloß will, grübelte
Melmster.
„Kollege
Melmster, du bist vielleicht schon durch die Kollegen über mich
orientiert. Es ist natürlich gar nicht so, wie es die meisten
kolportieren. Ich bin nicht religiös, zumindest nicht im kirchlichen
Sinne, sondern bei meinen Anschauungen eher so etwas wie Anarchist, und
ich bemühe mich ernsthaft, an der Lösung des sozialen Problems
mitzuarbeiten. Wenn man nun im Betrieb, wie bei uns, sich umsieht,
beobachtet man zwei Generationen, die sich schroff gegenüberstehen, die
Alten und die Jungen. Die Alten sind hoffnungslos und für den Kampf der
Arbeiter verloren, sie sind innerlich ungläubig geworden und so
gescheitert. Die Jungen, wir also, sind der einzige Faktor, der der
Bewegung neuen Antrieb, neue Gläubigkeit und neue Kraft geben kann. Ich
plane nun eine
Zusammenfassung
dieser Jungen, vorerst im Betrieb, und natürlich auch vorerst nur
bestimmter, etwa solcher, die aus der Jugendbewegung kommen, und dich möchte
ich für meinen Plan gewinnen. Wie ist deine Meinung?"
Melmster
war ein ganzes Stück größer als der Tischler, und dieser blickte ihn
von unten fragend an.
„Drei
Fragen!" entgegnete Melmster. „Wie stehst du zur Theorie des
Klassenkampfes? - Wie stehst du zur Diktatur des Proletariats? - Wie
stehst du zur Kommunistischen Partei?"
„Soll
dieses Ultimatum eine Antwort auf meinen Vorschlag sein?"
„Es
gibt bestimmte Voraussetzungen, unter denen sich nur in einem solchen
Falle Diskussionen lohnen!"
Der
blasse Mensch mit den träumerischen Augen dachte nach.
„So
will ich dir deine Fragen sofort beantworten. Erstens bin ich kein
Marxist. Zweitens bin ich kein Mitglied der Kommunistischen Partei, noch
sympathisiere ich mit ihr. Und nun?"
„Wissen
wir, woran wir sind!" lächelte Melmster. „Ich bin Marxist und
infolgedessen auch Kommunist!" „Und mein Vorschlag?"
„Ist
völlig undiskutabel! - Die Frage des Klassenkampfes und der revolutionäre
Kampf der Arbeiter ist keine besondere Frage von Generationen. Dass die
Generation vor uns den Kampf in anderen Formen führte, ist nur zurückzuführen
auf die damaligen ökonomischen Zustände und den entsprechenden
Reifegrad der Arbeiterschaft und umgekehrt. Die heutigen Formen und
Methoden des Klassenkampfes entsprechen den heutigen Wirtschaftsverhältnissen
und dem gegenwärtigen Entwicklungsstadium der Arbeiterschaft und sind
nicht das Ergebnis einer besonders berufenen Generation!"
„Aber
bedenke...!"
„Dass
die Alten, wie du sagst, versagen, ist die historische Schuld der SPD-Führung,
die dies mit ihrer ideologisch lähmenden und praktisch konterrevolutionären
Politik heraufbeschwor."
„Ihr
schreibt im ,Roten Greifer' von den Missständen im Betrieb und von der
miserablen Entlohnung, und wenn Arbeitskollegen kommen, um euch in
diesem Kampf zu unterstützen, dann weist ihr sie ab. Ich wollte nicht
mit dir politisieren, sondern dir nur Vorschläge unterbreiten, wie man
gegen diese Missstände kämpfen kann!"
„Dann
schließ dich der Opposition an!"
„Ich
wollte aber gerade durch deine Mitwirkung die Jungen im Betrieb dafür
interessieren und gewinnen!"
„Recht
schön und gut, Ahrnfeld, aber man muss sich dann doch einigen, auf
welcher Grundlage."
Der
„Gottsucher" reagierte aber nicht auf diese Frage, er sprach
nachdenklich, fast bedauernd und wie zu sich selbst: „Das ist nicht
gut, dass wir es ohne dich und Wend machen müssen!"
„Hat
denn der Hobler auch schon abgelehnt?"
„Ich
hab noch nicht mit ihm gesprochen, aber Scharff und Ermisch, die
Schlosser, und der Platzarbeiter Franke und mein Kollege Gerhard sind
bereit. Wir kommen am Sonnabend bei Scharff zusammen!"
So
weit hatte der Tischler schon vorgearbeitet. Melmster überlegte. Eine
verrückte Idee dieser Leutchen! - Man müsste doch sehen, was da
vorgeht.
Und
zur größten Freude des „Gottsuchers" erklärte Melmster, er würde
kommen.
Eine
Kriegserklärung.
„Wissen
Sie, was der Direktor der Eumo-Werke sagte, als er durch unseren Betrieb
ging? - So gemütlich arbeiteten wir in den neunziger Jahren. Das ist
hier ja ein richtiges Idyll!"
„Will
mir gar nicht so scheinen!" brummte Meister Westmann.
„Das
sagte so ähnlich auch Jacobi!" begann der Kalkulator wieder.
„Aber das hätten Sie hören sollen! - Was laufen die
Arbeiter
hier spazieren? - Wo ist deren Arbeitsplatz? -Warum bedienen nicht die
Dreher und Hobler zwei von den großen Maschinen? - Warum müssen die
tagsüber stundenlang in die Luft gaffen? - Warum murksen vier oder fünf
Arbeiter immer nur einen Kran fertig? - Das ist Spielerei! - Wer kann
sich das heute noch erlauben? - Warum wird nicht systematisch Hand in
Hand gearbeitet? - Dieser Betrieb muss ja unrentabel sein! - Dreihundert
Prozent mehr ließen sich herausholen!"
„Der
vergisst unser Menschenmaterial."
„Als
Jacobi ihm sagte, dass die Arbeiter nicht wollen und sich gegen weitere
Rationalisierungsmaßnahmen wehren würden, lachte der Direktor laut
auf. Bestimmen in diesem Betrieb die Arbeiter oder Sie? Sie züchten ja
den Bolschewismus durch Ihre unangebrachte Humanität! - Das wird noch
heiß bei uns hergehen! Mir wurde hinterher eingeheizt, als sei ich der
Schuldige! Bei den Drehern fängt nun der Rummel an!"
„Ausgerechnet!"
„Bei
Planarbeiten soll Bleckmann Wiesenbachs Bank mit übernehmen. Diesem müssen
Sie dann eine kleine Schnelldrehbank geben. Der Dreher Dresen richtet künftig
nur die Automatenbänke ein. Die Dreher in der Reihe bekommen nur noch
Spezialarbeiten. Auch die Hobler müssen fortan zwei Maschinen
bedienen!"
„Wenn
das man alles gut geht!"
„Etliche
Entlassungen stehen ebenfalls bevor, besonders in der Montage."
„Mehrarbeit und Entlassungen?" „Das ist das Programm!"
In
den nächsten Tagen wurde im Betrieb hin und her gehastet. Die Meister
liefen wie aufgescheuchtes Wild umher. Drei Kalkulatoren tauchten mit
ihren Stoppuhren zwischen den Drehbänken auf. Die Umdrehungen der
einzelnen Gänge von den verschiedensten Drehbänken wurden abgelesen
und registriert. Sämtliche Stahlarten wurden ausprobiert. Phantastische
Apparate mit mehrstähligen Supporten und schnellfließenden Kühlanlagen
wurden auf einige Bänke montiert. Alles war in Aufregung und
fieberhafter Tätigkeit.
Bleckmann
arbeitete im Beisein der Kalkulatoren, dass ihm große Schweißtropfen
auf der Stirn standen. Wiesenbach schmierte sich in nervöser Hast noch
mehr Dreck ins Gesicht als gewöhnlich, und der Rotkopf knurrte und
brummte den ganzen Tag über diesen tollhausartigen Betrieb.
An
einem Nachmittag gab dann die Betriebsleitung durch einen Anschlag
offiziell die Einführung rationellerer Arbeitsmethoden bekannt. Es
wurde in dem Anschlag in einem schwülstigen Pathos von der Konkurrenz
auf dem Weltmarkt geredet und von Deutschlands Wettbewerb um die
Erhaltung und Verbreiterung der Absatzmärkte. Die Rationalisierung sei
die Lebensnotwendigkeit der deutschen Wirtschaft, hieß es weiter, und
Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssten gemeinsam am Wiederaufbau unserer
zerrissenen Wirtschaft arbeiten.
Etwa
zwanzig Arbeiter standen vor dem „Schwarzen Brett" und lasen.
„Das
sind dieselben Redensarten, wie sie unsere Reformisten gebrauchen!"
„Das
ist eine Kriegserklärung!" Der Hobler Hans hatte sich unter die
lesenden Arbeiter gedrängt.
„Eines
Krieges, der gegen uns gerichtet ist!" ergänzte ein
Revolverdreher.
„Und
den wir wieder bezahlen müssen!" setzte ein anderer hinzu.
So
entstand wieder eine Unruhe im Betrieb. Jeder Arbeiter spürte, das war
ein Angriff des Unternehmertums, und das Ziel dieses Angriffes war:
Mehrleistung bei gleichem Lohn mit weniger Arbeitern.
In
allen Abteilungen wurde diskutiert. Die unsinnigsten Vorschläge wurden
gemacht, um diesen Vorstoß der Unternehmer abzuwehren. Von Sabotage,
von passiver Resistenz, von systematischem Versacken aller und
dergleichen mehr wurde schwadroniert. Der Schlosser Drohn war überall.
Er bewies den Arbeitern, dass die Ursachen dieser Rationalisierung in
den Bemühungen der deutschen Kapitalisten zu suchen waren, die
Konkurrenz auf den Weltmärkten zu schlagen. Er widerlegte alle die
unsinnigen Vorschläge, die im Grunde durchaus passiver Natur waren, und
zeigte, wie nur im revolutionären Kampf des Proletariats, und zwar auf
breitester Grundlage, Klasse gegen Klasse, die wirtschaftlichen
Positionen der Arbeiter verbessert und der Kapitalismus niedergerungen
werden könnten. Unermüdlich ging er auf jede Unterredung, auf jede
gegenseitige Bemerkung ein. Die Kollegen seiner Kolonne arbeiteten
widerspruchslos für ihn mit, dadurch bewiesen sie ihre Sympathie für
ihn.
Auch
Hans Wend wirkte in diesem Sinne unter den Hoblern und Bohrern. Die
Mitglieder des Arbeiterrats aber verhielten sich völlig
desinteressiert, sie und die feste Clique der Jubiläumsarbeiter nahmen
alles hin, als ginge es sie gar nichts an. Einige Schlosser standen an
der Anreißplatte bei Kühne und redeten auf ihn ein. Man konnte sehen,
wie sie der Riese abwehrte und sie zu beschwichtigen versuchte. Heftig
gestikulierend verließen sie die Maschinenhalle.
Der
Hobler rief dem Betriebsratsobmann zu: „Deine Genossen rebellieren
wohl? Wie steht es denn mit dem Belegschaftsbeschluss?"
Der
Riese machte lediglich eine wegwerfende Handbewegung.
„Ja,
ja!" lachte und höhnte der Hobler. „Undankbarer Posten. Deine
Genossen sagen auch, es ist ein Opfer, Minister zu sein, und drängeln
sich danach, dieses Opfer zu bringen!"
Bei
den Drehern wurde wie wild gearbeitet. Meister und Kalkulatoren rannten
hin und her. „Nun beginnen deine Raben zu arbeiten!"
Olbracht
verspürte offenbar keine Lust, auf diese Spitzfindigkeit einzugehen,
aber Bleckmann hatte es gehört, und er pöbelte und drohte: „Diese
Parasiten in Lack und Frack sollen sich nicht einbilden, dass ich mich
teilen kann, ich habe mich mit meiner einen Bank genug zu quälen. Die
sollen nicht glauben, dass ich zugleich an zwei Bänken arbeiten kann.
Zwei Hände habe ich man nur!" „Mit Schimpfen ist da nichts
getan!"
„Verquickst
wohl diese Angelegenheit auch mit der Weltrevolution wie der Hobler und
versuchst, daran dein Parteisüppchen zu kochen!"
„Die
kapitalistische Rationalisierung ist eine verdammt wichtige
Angelegenheit der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung. Sie
ist ein Generalangriff auf deine, meine und unser aller Lebenshaltung
und unsere noch vorhandenen geringen Rechte!"
„Siehe
Rationalisierung in Russland! Dort wird selbst nach euren eigenen
Angaben amerikanisches Tempo überboten!" warf jetzt Olbracht
bissig ein.
„In
Russland beherrschen die Arbeiter und Bauern Staat und Wirtschaft!"
erwiderte Melmster. „Alle Errungenschaften kommen dort den Werktätigen
zugute. Weitestgehende Sozialfürsorge, auskömmliche Löhne,
Siebenstundentag und Fünftagewoche. Der russische
Rationalisierungsprozess ist das Tempo des sozialistischen Aufbaus. Hier
schuften wir für den Profit anderer. Die kapitalistische
Rationalisierung bei uns bringt den Unternehmern erhöhte Profite und
uns Elend und Massenerwerbslosigkeit. Die sozialistische
Rationalisierung in der Sowjetunion bringt höhere Löhne für die
Arbeiter und verkürzte Arbeitszeit. Das ist der Unterschied."
„Schluss!"
winkte Olbracht ab und grinste.
Das erste Opfer.
„Dem
Tischler Elmers sind zwei Finger von der linken Hand abgesägt!"
Der
Rotkopf brachte diese Nachricht. Sie wurde mit erstaunlichem Gleichmut
aufgenommen. Kurt Menzel aber war ganz erregt. Er hatte den aschfahlen
Tischler mit der zerstückelten, blutenden Hand gesehen.
„Nummer
eins!" registrierte Melmster.
„Was
meinst du damit?"
„Das
erste Opfer der Rationalisierung!"
„Die
soll ja erst kommen!" meinte Olbracht lachend. „Ich habe grässlichere
Unfälle erlebt, und übrigens geschehen in jeder Minute Unfälle und
meistens schwerere!"
Melmster
erwiderte nichts, aber er dachte: Zwei Finger weg sind heute eine
Bagatelle, und ein erzählter Unfall erschüttert nicht. Anders ist es,
wenn man Blut und die angst- und schmerzaufgerissenen Augen des Verunglückten
sieht.
Unvergesslich
blieb ihm ein Unfall während seiner Lehrzeit. Er lernte in einer
Armaturenfabrik. Ein Dreher in einer Nebenabteilung hatte seinen
Treibriemen ausgebessert und war dabei, ihn wieder über das Schwungrad
der Transmission zu werfen. Die Dreher hatten darin eine erstaunliche
Fertigkeit und kamen damit zustande, ohne den Betrieb zum Halten zu
bringen. Doch tausendmal geht es gut, einmal passiert's. Melmster hörte
damals nur einen Schrei, einen kurzen, durchdringenden, gellenden
Schrei. Er sah nicht, was vorgefallen war, und auch nicht einmal den
Verunglückten, aber diesen Schrei konnte er nicht vergessen. Das
Schwungrad packte den Dreher und riss ihm den rechten Arm glatt ab.
-Dann erinnerte sich Melmster noch eines besonders schaurigen Unfalls.
Vor Jahren, in einer Werkzeugfabrik, kam sein Vordermann mit der Hand
zwischen Arbeitsstück und Bohrstahl, dabei wurde ihm der Daumen abgewürgt,
und unter dem entsetzlichen Gebrüll des Arbeiters wickelte sich eine
Sehne aus der blutenden Hand um das rotierende Arbeitsstück.
Melmster
hatte außer vielen leichteren Verletzungen, die jeder schon als
Selbstverständlichkeit hinnahm, einen schweren Unfall gehabt, und eine
breite Narbe an der inneren Handfläche war ein bleibendes Erinnern
daran. Beim Bohren musste er sich einmal ohne Bohrfutter behelfen und
mit einem Mitnehmer, den er um den Bohrer spannte, diesen halten. Während
des Bohrens glitt die führende Reitstockspitze ab, der Bohrer fraß
sich schief, und der Mitnehmer schlug ihm auf die Hand. Die ganze
ausgespannte Handfläche platzte, und der kleine Finger hing wie losgelöst
dabei. Er hatte noch Glück gehabt und seine Finger behalten.
So
floss in der Fabrik täglich Blut. Die verschärfte kapitalistische
Rationalisierung würde noch mehr blutige Opfer fordern, und wie im
imperialistischen Kriege fielen auch auf diesem Schlachtfeld der Arbeit
nur die Geknechteten, die Ausgebeuteten. Die kapitalistischen Nutznießer,
die Dividendenschlucker und Profitjäger saßen auch hier weitab von der
mordenden Front.
Auf
dem Fabrikhof traf Melmster den „Gottsucher". Der eilte gleich
auf ihn zu.
„Entsetzlich!
Denk dir, völlig ab - die Finger lagen an der Erde. Und jetzt ist immer
noch kein Krankenauto da!"
„Er
ist bewusstlos!"
„Ach
wo! Er stiert vor sich hin, als könne er das alles nicht
begreifen!" „Dann hat er aber Nerven!"
„Ich
will noch einmal das Hafenkrankenhaus anrufen!" Damit lief er
weiter zum Pförtner.
In
der Latrine wurde natürlich auch von dem Unfall gesprochen.
„Lächerlich!"
sagte ein untersetzter, aber stämmiger Schlosser. „Hier die
Fingerkuppe weg, abgemeißelt. - Hier den ganzen Handrücken geröstet,
heißes Eisen draufgefallen. -Und hier die Narbe unter den Haaren, ich
bin da von einer Stellage heruntergesaust und beinahe skalpiert
worden!" Das zeigte er und lachte breit.
Zwei
jüngere Lehrlinge staunten ihn entsetzt und ehrfurchtsvoll an.
„Na,
Emil, mach die Jungens nicht ängstlich, die trauen sich keinen Hammer
und Meißel mehr anzufassen!" Ein alter, durch die ewige
Schmiedefeuerglut ausgedörrter Schmied hatte vom Lokus aus zugehört.
Mit brüllendem Gelächter schlug der so vielfach von der Arbeit
Gezeichnete die Latrinentür zu.
„Es
kommt auf unsere Kollegen von links an."
Melmster
und der Hobler standen vor einem Neubau an der Peripherie der Stadt.
„Nummer hundertvierundsechzig! Hier muss es sein!"
Das
Haus stand am äußersten Ende des Neubaublocks. Der Wind heulte aus der
unbebauten Finsternis heran. Dort mussten Schrebergärten sein, denn in
der Dunkelheit waren die Umrisse von Lauben und Holzbaracken zu
erkennen.
„Wir
verhalten uns, wie besprochen. Ihnen auf den Zahn fühlen und uns auf
keinen Fall binden oder verpflichten!"
Der
„Scharfe" kam selbst an die Tür und öffnete. An der Begrüßung
erkannten die beiden, dass denen, die diesen Plan ausgedacht hatten,
sehr viel an ihrem Kommen lag.
In
einer kleinen, gut geheizten Stube, in der etwas zuviel Möbel standen,
saßen unter einem grünen Lampenschirm bereits der „Gottsucher"
und der junge Platzarbeiter Franke. Sie hatten offensichtlich eine
lebhafte Diskussion gehabt, denn schon im Flur hörte man ihre lauten
Stimmen. Als Melmster und der Hobler eintraten, verstummte das Gespräch,
und die beiden rückten zusammen, um den Eintretenden Platz zu machen.
„Nun warten wir nur noch auf den Franz und den Aly!"
Der
„Gottsucher" hatte ordentlich glänzende Augen.
Im
Zimmer stand wie ein Schmuckstück ein fast neuer Bücherschrank, in dem
eine ganz stattliche Anzahl Leinen- und Lederbände sorgsam geordnet
hinter den Glastüren standen.
Melmster
setzte sich an den Tisch und sah vor sich einen großen Kunstdruck in
einem schmalen schwarzen Rahmen. Eine Heidelandschaft mit Wacholder.
Der
Hobler, der auf der Chaiselongue Platz genommen hatte, konnte auf dem Bücherschrank
die bekannte Dante-Büste sehen.
Auf
dem Tisch lagen einige Bücher. Melmster erkannte auf den ersten Blick
Emil Ludwigs „Bismarck" und den „Johann-Christof" von
Romain Rolland. „Wir sprachen soeben von Emil Ludwig", wandte
sich der
„Gottsucher"
an die Hinzugekommenen. „Das ist doch ein ungemein spannender und
lehrreicher Historiker."
„Er
ist fraglos ein sehr interessanter Literat", erwiderte Melmster,
„aber ein gefährlicher Historiker!"
„Siehst
du, Willy, was ich sagte. Er nimmt es mit der geschichtlichen Wahrheit
nicht so genau!" rief der „Scharfe".
„Die
Gefahren der Ludwigschen Geschichtsmalerei liegen nicht einmal so sehr
in seiner Geschichtsfälschung, sondern in seiner ausgesprochen
antimarxistischen Geschichtsdarstellung. Große Männer machen die
Geschichte. Von den Zusammenhängen ihrer Politik mit den
wirtschaftlichen Kräften ihrer Zeit hörst du nichts. Er ist gerade
darum ein so gefährlicher Gegner für uns Marxisten, weil seine Bücher
liberal gehalten und ungemein spannend geschrieben sind!"
„Du
lehnst offenbar alles von deinem orthodoxen Parteistandpunkt ab!"
„Wer
eine Weltanschauung hat, kann nur von der aus diese Dinge
betrachten!"
Es
klingelte, und der „Scharfe" lief mit dem Ruf: „Das ist Aly!"
zur Tür.
Ein
untersetzter, breitschultriger Arbeiter trat ins Zimmer. Melmster kannte
ihn nicht, aber der Hobler raunte ihm zu: „Der sympathisiert mit uns,
es wundert mich, dass der hier ist!"
Um
den großen Tisch gruppierten sich die Anwesenden. Länger wollte man
nicht warten, und der „Gottsucher" eröffnete die Zusammenkunft
der Jungen von N. & K. und erteilte sich dann selbst das Wort.
Er
schilderte die materielle und geistige Not der heutigen Arbeiterschaft
und speziell der Jugend, zeigte noch einmal ganz allgemein den Gegensatz
zwischen den Alten und den Jungen auf und begründete seinen Vorschlag
der heutigen Zusammenkunft mit der besonderen Mission, die vor der
Jugend stehe und von der so ungeheuer viel abhänge. Die heutige Fühlungsnahme
solle ein erstes Tasten untereinander sein, um einmal zu sehen, wie weit
die Verständigungsmöglichkeit unter den Jungen trotz aller
weltanschaulichen oder parteilichen Differenzen bereits gediehen sei.
Dann
sprach der „Scharfe" ein offenes Wort, wie er seine Ausführungen
nannte, und schilderte klagend den konservativen Geist der
Sozialdemokratie. „Immer mehr verbürgerlicht meine Partei, ein Tor,
wer das leugnen wollte", sagte er wörtlich. Die einzige Hoffnung
seien die jüngere Generation und die revolutionäre Opposition dieser
Jungen gegen den Ministerialismus und die Koalitionspolitik. „Es kommt
auf unsere Kollegen von links an, ob wir einheitlich im Betrieb gegen
die Auswüchse in allen Parteien vorstoßen können!" schloss er
seine Ausführungen.
Alle
erwarteten, dass hinterher Melmster oder der Hobler sprechen würden.
Aber die schwiegen.
Der
Platzarbeiter Franke sprach etwas von der Achtung vor den Anschauungen
der andern.
Der
„Gottsucher" blickte erwartungsvoll auf Melmster. „Nun, Kollege
Melmster, was ist deine Meinung?" „Wenn ich das sagen soll, muss
ich erst eins wissen!" „Na, und?"
„Was
glaubt ihr zu erreichen, und was ist der Zweck des Ganzen?"
„Ich
denke mir das eventuell so", erklärte der „Gottsucher",
„wir bleiben eine lose Gemeinschaft, unterhalten uns über alle Missstände
im Betrieb und suchen sie zu beseitigen und besprechen alle sonstigen
Vorkommnisse und wirken revolutionierend und reinigend - jeder in seiner
Partei. Wir sind so gewissermaßen in den kleinsten Anfängen das
Verbindungs- und Einigungsglied zwischen den beiden sozialistischen
Parteien!"
Alles
blickte auf Melmster.
„Nun,
dann will ich darauf auch einmal ein offenes Wort sagen", begann er
dann lächelnd. „Ich brauche keine lange Einleitung zu machen. Mein
Leben hat nur durch meine politische Tätigkeit in den Organisationen
des Proletariats und im revolutionären Kampf um seine Befreiung Sinn
und Inhalt. Dass eine starke, millionenstarke, im Ziel klare und im
Wollen
einige Partei die Voraussetzung des Sieges der Arbeiterklasse sein muss,
weiß ich. All das brauche ich wohl nicht zu betonen. Aber nun eins.
Eure ganze Einstellung, eure ganze Absicht, ich will gern zugute halten,
unbewusst, unbeabsichtigt, steht auf antisozialistischer Grundlage. Die
entscheidende Frage für euch ist doch, die Sozialdemokratie zu
reformieren. Ich vermeide bewusst das Wort revolutionieren. Und da seid
ihr in einem Generalirrtum befangen. Die SPD-Führung betreibt keine
revolutionäre, keine marxistische, sozialistische Politik mehr. Sie war
in den Jahren der Revolution der Retter der kapitalistischen Wirtschaft
auf bürgerlich-demokratischer Grundlage, sie ist im Laufe der Jahre ein
Bestandteil dieser Wirtschaft und dieses Staates geworden. Ihre ganze
Politik richtet sich vornehmlich gegen alle revolutionären Strömungen
in der Arbeiterklasse. Sie hat nicht nur die proletarische Revolution
blutig unterdrückt, sie hat sich von damals bis heute zum
ausgesprochenen Schützer des kapitalistischen Staates entwickelt, der
mit allen Mitteln der bewaffneten Klassenmacht der Bourgeoisie jeden
revolutionären Willen der Arbeiterklasse blutig unterdrückt. Die Rolle
des Faschismus im Todesalter des Kapitalismus ist bekanntlich, dem
Kapitalismus durch barbarischste Unterdrückung aller revolutionären Kräfte
des Proletariats eine Galgenfrist zu verschaffen. Die heutige SPD-Führung
arbeitet unter einer dünnen Maske sozialer Phrasen dem Faschismus in
die Hand.
Sie
hat den Marxismus endgültig über Bord geworfen und steht in krassem
Gegensatz zu den Lebensinteressen der Arbeiterklasse. Die klügeren und
prominenteren Gegner der offiziellen Parteipolitik opponieren auch nur
gegen die plumpe Taktik eines verlumpten Nosketums, gegen die
grundlegende antisozialistische, staatserhaltende Politik opponieren sie
nicht. Aber darin liegt das Entscheidende. Eure Versuche werden, wie man
so sagt, am untauglichen Objekt scheitern, oder ihr werdet euch anpassen
und in die Front der Klassengegner schwenken. Ich kann euch in meinem
und meiner Genossen Namen nur sagen: Solange ihr einer solchen
Führung
folgt, solange ihr die politischen Grundfragen dieser Partei bejaht und
die KPD bekämpft, solange ihr nicht beweist, durch Wort und Tat, dass
ihr proletarische Revolutionäre seid, so lange gibt es zwischen uns
keine Annäherung. Die Tatsache, dass wir eine Generation und sämtlich
aus der Jugendbewegung sind, hat gar nichts auf sich und ist als eine
Grundlage irgendeiner Gemeinschaft völlig ungenügend. Einmal sind aus
der proletarischen Jugendbewegung genügend Korruptionisten
hervorgegangen, so dass die ehemalige Mitgliedschaft einfach kein
absoluter Beweis politischer Anständigkeit mehr ist. Und zweitens ist,
wie gesagt, die entscheidende Frage die des politischen Bekenntnisses.
Wer wirklich bereit ist, für die proletarische Revolution, für den
Sozialismus zu leben und zu kämpfen, der kann nur einen Weg, nur einen
einzigen Weg gehen: mit allen revolutionären Arbeitern in der
geschlossenen proletarischen Klassenfront, unter Führung der Partei
Lenins und Liebknechts. - Das ist, was ich hier zu sagen hätte!"
Alles schwieg.
„Ich
verstehe diesen Parteifanatismus nicht!" begann endlich der
„Gottsucher", „und wahrhaftig, die KPD hat doch genug Dreck am
Stecken!"
„Nach
Melmster sind wir und alle Sozialdemokraten im Betrieb ausgesprochene
Lumpen, Klassenfeinde und Faschisten. Das ist wirklich eine traurige
Perspektive!" meinte der „Scharfe".
„Das
ist Unsinn, Erich", begann nun der Hobler, „ich glaube, ihr übertreibt
und missversteht schon aus Absicht. Wir Kommunisten ringen um jeden
Betriebsarbeiter, ja, jeder sozialdemokratische Arbeiter, der im Kampf
gegen das Unternehmertum an unserer Seite kämpft, ist unser
Klassengenosse. Aber das sage ich ausdrücklich, mit manchem einfachen
sozialdemokratischen Betriebsarbeiter werdet ihr noch euer blaues Wunder
erleben!"
„Lumpen
gibt es in allen Lagern!"
„Durchaus
richtig, aber in dem einen Lager machen sie Karriere und in dem anderen
werden sie ausgerottet. Und
die
heutige Massenkorruption kann nur auf dem politischen Boden des
Klassenverrats gedeihen!"
„Dann
sind wir Nichtkommunisten also alle Verräter?"
„Jeder,
der sich gegen die in der Klassenfront des Proletariats für die
politische Herrschaft der Arbeiterklasse und den Sozialismus kämpfenden
Arbeiter stellt, hilft dem Klassenfeind!"
„So
kommen wir natürlich nicht weiter!" fiel der „Gottsucher"
ein. „Die kommunistischen Kollegen wollen nicht. Ihr Verhalten mag man
beurteilen, wie man will, ich bedaure es. Wir werden nun ohne sie
arbeiten müssen!"
„Aber
was wollt ihr denn eigentlich praktisch erreichen?" fragte
ungeduldig Melmster und erhob sich.
„Beispielsweise
unseren Einfluss bei den Arbeiterratswahlen geltend machen!"
„Und
wie denkst du dir das?"
„Einen
von uns an aussichtsreiche Stelle bringen!"
„Nun,
wir werden ja sehen! Auf der Oppositionsliste wird einer von uns
vertreten sein!"
Melmster
und der Hobler hatten sich inzwischen zum Aufbruch fertiggemacht. Von
den Anwesenden sprach nun keiner mehr. Sie sahen den beiden schweigend
zu.
„Darum
keine Feindschaft!" meinte der „Gottsucher", als er Melmster
die Hand zum Abschied gab.
„Nicht
mehr als sonst!" lachte dieser. -Als sie aus der windigen
Neubaustraße zurück ins Stadtinnere schritten, lachte der Hobler aus
vollem Halse: „Die wittern Gewitter und wollten uns als Blitzableiter
benutzen!"
„Trotzdem
müssen wir sie gegen die Kühne und Schmachel ausspielen!"
Ein
Kapitel gegen die Querulanten.
„Wir
müssen uns auch viel stärker auf die Betriebsratswahlen
einstellen!"
Melmster
und der Hobler gingen durch die abendlich menschenleeren Straßen der
Arbeitervorstadt.
„Die
Firma macht in den nächsten Tagen den Anfang!"
„Entlassungen?"
„Ja
- in der Montage, und besonders natürlich unsere Genossen. Dora erzählt,
dass die Betriebsleitung gar zu gern auch für einige Wochen die
Dreherzahl halbiert hätte. Einmal wissen sie genau, dass oppositionelle
Dreher ihren ganzen Betrieb gefährden, und dann auch wegen der Ferien.
Sie sparen sie bei den später Eingestellten!"
„Und
warum unterlassen sie es?"
„Weil
sie zuviel Dreherarbeit haben!"
„Hätten
wir Überstunden geschoben, würden jetzt zwanzig Dreher
rausgesetzt!"
„Weißt
du, wer unter den Entlassungskandidaten steht?"
„Na?"
„Der
,Scharfe'."
„Nanu?
Wird der ihnen sogar unbequem?"
„Ich
bin wirklich gespannt, wie das verläuft!"
„Wir
werden im nächsten ,Greifer' dazu Stellung nehmen!"
„Hast
du die Anweisungen der Partei zur Arbeiterratswahl gelesen?" -
„Ja."
„Ich
verstehe die Auseinandersetzungen in der Partei nicht. Man kann doch im
Betrieb nur revolutionär arbeiten im stärksten Gegensatz zu den
Rechten und den reformistischen Gewerkschaftsinstanzen. Wir können doch
nicht, wie in den Vorjahren, immer noch am Schwanz der reformistischen
Gewerkschaftspolitik herschleifen? Ich bin für selbständiges,
entschiedenes Auftreten!"
„Der
Kern ist die Betriebsarbeit. Die Querulanten sind immer wieder
diejenigen, die die Notwendigkeit der Betriebszellenarbeit bestreiten.
Sie ist um so vieles unbequemer und gefährlicher als die
Organisationsstruktur eines Wahlvereins. Und dann müssen wir damit
rechnen, dass wir rudelweise aus den Gewerkschaften ausgeschlossen
werden!"
„Sie
können schon nicht mehr so, wie sie möchten, der Widerstand wächst."
„Das
hängt ganz von unserer Arbeit in den Gewerkschaften ab."
„Was
sagt Dora sonst noch?"
„Nichts
Besonderes! Im Kalkulationsbüro ist alles durcheinandergerührt. Es
wird gerechnet - umgestoßen - wieder gerechnet - wieder umgestoßen.
Die Preise werden sämtlich nachkalkuliert und neu registriert. Eine
Hetzjagd von morgens bis abends. Die Dora jammert mir jeden Abend die
Ohren voll!"
„Seid
ihr denn jeden Abend zusammen?"
„Wieso?"
Der Hobler fühlte sich ertappt und wusste gar nicht, was er sagen
sollte. „Das ist doch nur so eine Redensart!"
„Lauf
morgen man nicht wieder weg! Der ,Greifer' ist für zwei zuviel
Arbeit!"
Lakaien des Kapitals.
Die
Wirkung im Betrieb war verblüffend. An dem Tag, an dem die Firma in der
Montage zehn Schlosser entließ, wurde der „Rote Greifer"
verteilt, in dem zu den Entlassungen Stellung genommen wurde. Das
Argument der Betriebsleitung, die Entlassungen in der Schlosserei seien
durch die abgelehnte Überstundenarbeit der Dreher notwendig geworden,
wurde zerpflückt und als bewusstes Irreführungsmanöver, um die
Branchen gegeneinander auszuspielen, entlarvt.
„Das
sind Mordskerle", sagten die einen, „so prompt auf die neusten
Ereignisse zu reagieren."
„Dahinter
steckt die Betriebsleitung", behaupteten die Reformisten, „denn
anders ist das nicht zu erklären."
Die
Entlassungen und die noch folgenden schilderte der „Greifer" als
eine Hilfe der Firma für den unternehmerhörigen Betriebsrat.
„Auf
diese Weise soll die Belegschaft von den unruhigen Elementen befreit und
den Reformisten die Möglichkeit zu einer Mehrheit in der so reduzierten
Belegschaft gegeben werden!" hieß es im „Greifer".
„Dieser Arbeiterrat erspart nämlich der Firma ein Dutzend Vorarbeiter
und Aufseher. Keiner könnte besser im Betrieb die Belange der Firma
vertreten
als
der jetzige Arbeiterrat. Keiner könnte tatkräftiger für die Ruhe und
Ordnung der Ausbeutung in diesem Betrieb sorgen als er. Er hat der Firma
unschätzbare Dienste geleistet. Welcher Kollege kennt einen Fall, wo
sich der Arbeiterrat entschlossen für die Forderungen der Belegschaft
eingesetzt und sie der Firma gegenüber durchgesetzt hat? Es gibt in dem
ganzen Jahr seiner Tätigkeit keinen einzigen derartigen Fall. - Und die
politische Rolle, die dieser sozialdemokratische Arbeiterrat in unserem
Betrieb spielt, ist im kleinen die Rolle, die die SPD-Führung in der
großen Politik innerhalb der kapitalistischen Republik spielt. - Wenn
ihr diese Leute wieder zu Arbeiterräten macht", schloss der
Artikel, „wählt ihr nicht euch, sondern der Firma Vertrauensleute im
Betrieb. Darum gilt es bei der kommenden Wahl, trotz
Hand-in-Hand-Arbeitens der Reformisten und der Betriebsleitung, trotz
Hinauswurfs oppositioneller Arbeiter revolutionäre Arbeiterräte und
rote Vertrauensleute zu wählen. Schluss mit der Begünstigungs- und
Korruptionswirtschaft!"
„Die
haben sich ja wieder ein Ding abgekniffen!" Olbracht grinste.
„Das
liegt klar auf der Hand, dass hinter dieser Sache die Firma steht!"
ergänzte Bleckmann, und beide sprachen so laut, dass Melmster es hören
musste.
Auch
der Rotkopf hatte es gehört. Ihm schien das selbst nicht ganz geheuer
zu sein, er grübelte und grübelte.
„Alfred!"
wandte er sich endlich an Melmster, „erfahren auch die Mitglieder der
Partei nicht, wer den ,Greifer' herstellt?"
„Einige
wissen es - nicht alle!"
„Sind
sie nicht einmal alle vertrauenswürdig?"
„Unter
dreißig kann sich schon ein Spitzel einschleichen!"
„Wie
ist es aber möglich, dass hier schon immer die neusten Ereignisse erörtert
werden?"
„Einmal
waren die Entlassungen vorauszusehen. Die Säuberung der Betriebe vor
den Arbeiterratswahlen von revolutionären Arbeitern ist eine alte
Taktik der Unternehmer. Und -kann es nicht auch möglich sein, dass wir
Vertrauensleute oder gar Genossen im Büro haben?"
„Das
wäre eine famose Sache!"
„Vielleicht
ist es so!" So kamen durch die Stinkbomben der Reformisten die mit
dem Kommunismus sympathisierenden Arbeiter immer wieder ins Schwanken,
denn so, wie es dem Rotkopf ging, ging es in noch stärkerem Maße allen
nur lose mit der Opposition verbundenen Arbeitern.
Die
Entlassungen in der Montage verliefen nicht ohne Zwischenfall. Unter den
Entlassenen war ein Gewerkschaftsfunktionär, der ging zu dem
Arbeiterrat der Montage, dem Schlosser Fahs.
„Warum
werden diese Entlassungen vom Arbeiterrat genehmigt?"
„Wir
konnten daran nichts ändern. Es ist eine vorübergehende Stockung der
Arbeit eingetreten."
„Dann
verlangen wir, dass der Arbeiterrat der Firma vernünftige Maßnahmen
vorschlägt. Warum wird, wenn es nur eine vorübergehende Stockung ist,
keine Kurzarbeit eingeführt?"
Der
Arbeiterrat Fahs hatte über diese Möglichkeit nie nachgedacht, und
schließlich lag sie ja auch gar nicht im Interesse der Firma.
Er
war aber ganz perplex. „Ja! Ja!" stotterte er. „Hm!"
„Ich
verlange im Auftrag meiner zehn Kollegen, dass sich der Arbeiterrat mit
dieser Frage sofort beschäftigt." „Ja, wenn das man geht?"
„Was
seid ihr eigentlich!" brauste der Schlosser auf, „unsere
Interessenvertreter oder die Lakeien der Firma?"
„So
komm mir man, dann ist es aus!" brüllte der Arbeiterrat verletzt
zurück.
„Soll
man dir in'n Arsch kriechen? Wir verlangen, dass du unserm Wunsch
nachkommst!"
„Schert
euch zum Teufel!" knirschte Fahs. Darauf organisierten die zehn
Schlosser einen gemeinsamen Beschwerdegang zum Betriebsratsobmann. Kühne
sah sich an der Anreißplatte plötzlich von zehn Arbeitern umringt. Ihm
wurde dasselbe wie dem Montage-Arbeiterrat vorgebracht: Kurzarbeit für
alle, bis wieder genügend Arbeit vorhanden ist.
Kühne
versuchte sie abzuwimmeln. Es gelang ihm aber nicht. So blieb ihm nichts
anderes übrig, als die Arbeiterratsmitglieder zu einer Besprechung
zusammenzutrommeln. Es war mittlerweile zwei Uhr geworden. Kühne ging
ins Kontor. Er kam sofort wieder heraus. Im Frühstücksraum wurde dann
beraten. Es wurde drei Uhr. Der Arbeiterrat beriet. Die entlassenen
Schlosser mussten unterdessen ihr Werkzeug abgeben und ihre
Akkordverrechnungen machen. Der Arbeiterrat beriet noch immer.
Der
Schlosser Drohn hatte inzwischen unter den Kollegen gearbeitet. Sein
Verdienst war es, dass die Forderung der Kurzarbeit nicht nur die der
zehn entlassenen Schlosser, sondern eine Forderung der ganzen Montage
war. Nur einer verhielt sich in dieser Frage auffallend zurückhaltend
und schweigsam - der „Scharfe". Er sagte nicht nein und nicht ja
dazu.
Zwanzig
Minuten vor vier Uhr kamen endlich die Arbeiterratsmitglieder von ihrer
Beratung zurück, Kühne ging selbst in die Montage zu den Entlassenen
und erklärte, dass die Betriebsleitung eine Rückgängigmachung der
Entlassungen und eine Gesamtumstellung der Montage auf Kurzarbeit
augenblicklich für undurchführbar halte und sie als Arbeiterrat nichts
weiter unternehmen könnten.
„Man
kann von euch nichts anderes verlangen!" erwiderte der Sprecher der
Schlosser.
„Kollege!"
wandte sich der Obmann an den Schlosser, „dein Verhalten gegenüber
dem Kollegen und Betriebsrat Fahs war eines organisierten Arbeiters unwürdig!"
Die Antwort war ein Gelächter.
Im
Waschraum trat der Hobler an Melmster heran: „Der ,Scharfe' ist nicht
unter den Entlassenen!" „Ich habe schon gesehen!" „Wir
werden ja erfahren, warum nicht!"
Der
Oberkalkulator blamiert sich.
Am
nächsten Tag verteilten die Funktionäre der Sozialdemokratie ihre
Betriebszeitung „Die Betriebswacht". Es war ein gedrucktes Blatt,
das für sämtliche Betriebe der Stadt galt. Während der Arbeitszeit
gingen Olbracht und Schmachel in der Dreherei umher und verteilten sie.
„Hier!"
sagte Olbracht und reichte Melmster eine hin.
„Danke!"
„Da
steht aber der Name drunter - das ist nix Anonymes!" „Der Inhalt
wird es wohl erlauben!" erwiderte Melmster. „Eben weil es
Wahrheit ist!"
„Vielleicht
auch, weil es dem Unternehmer nicht weh tut! Ich werde ja sehen!"
Wichtig
gingen die beiden von Drehbank zu Drehbank. Ihr Benehmen sagte: Seht, so
sind wir, so vor aller Welt verteilen wir unsere Zeitung! - Sie schienen
sich auf die stillschweigende Duldung des Unternehmers noch ungeheuer
viel einzubilden. Dass dies seine bestimmten politischen Gründe hatte,
die sie vor der gesamten Arbeiterschaft hätten verächtlich machen müssen,
kam ihnen nicht in den Sinn. -
„Hest
all lesen, wat dor binn steit?" fragte der Rotkopf.
„Junge,
Junge, all's gegen uns!" Melmster las: Kommunistische
Schuftigkeiten! - Das Sowjetparadies! - Der Weinkeller im Zentralgebäude
der KPD! - Kommunistische Spaltungsarbeiten in den Gewerkschaften! - Ein
bekehrter Weltrevolutionär! - Die Blutschuld der Komintern an den
Chinesenmassakern! - und zum Schluss: Wählt nur sozialdemokratische
freigewerkschaftliche Kollegen in den Arbeiterrat und die Vertrauensmännerkörperschaften!
Melmster
und der Rotkopf lachten wie toll. Olbracht war ganz verwundert.
„Ihr
habt euch wohl vergriffen? Das ist wohl von der Antibolschewistischen
Liga zusammengestellt?"
„Das
sind euch wohl unangenehme Tatsachen?"
„Mensch,
mach dich nicht lächerlich! - Aber wo ist denn euer Kampf gegen das
Unternehmertum? - wo gegen die
Missstände
im Betrieb? - wo für höhere Löhne? - wo für verkürzte Arbeitszeit?
- Solche Dinger verteilt nur jeden Tag, vor dem Erfolg wird euch noch
grausen. Und du wunderst dich, dass das Unternehmertum euch
stillschweigend, sogar freudig gewähren lässt!" Olbracht schwieg
hartnäckig.
„Hast
du etwas vom Ablauf des Tarifs und unseren Lohnforderungen
gelesen?" fragte der Rotkopf, der eifrig die „Betriebswacht"
studierte.
„Und
etwas aus den Betrieben oder gegen die kapitalistischen Halsabschneider?
Warum heißt das Ding überhaupt ,Betriebswacht'?"
„Frag
Olbracht!" lachte Melmster.
„Nur
Hetze - alles Kommunistenhetze! Da will ich mal einige ,Freunde' ärgern!"
rief er und lief davon.
Olbracht
las jetzt selbst erst das Blatt, und Melmster sah, dass er mit Bleckmann
und Wiesenbach zusammenstand und ärgerlich über den Inhalt der
„Betriebswacht" tuschelte. Die beiden stimmten ihm zu. Ihnen war
beim Lesen dieser tollen Hetze selbst nicht wohl zumute.
Es
gab aber auch Witzbolde im Betrieb. In der Latrine über der Pissrinne
war auch diese „Betriebszeitung" angeheftet, und darüber stand:
„Betriebsnachtwächter - Kümmere dich nicht um deinen Kohldampf,
Prolet, schon den Unternehmer, aber hau den Kommunisten!"
„Nun
wird auch bei Ihnen rationalisiert!" kam Meister Westmann zu
Melmster. „Waren nicht die Seitenflansche mit den Messingbuchsen Ihre
erste Arbeit?"
„Allerdings!"
„Das
wird in Zukunft Ihre Spezialität werden, die Sie auf neuer
rationalisierter Basis fertigstellen sollen! Welche Zeit haben Sie noch
dafür bekommen?"
„Ich
weiß nicht genau, sechzehn oder achtzehn Stunden!"
„O
nee! Ich hab hier die Abrechnung! Vierzehneinhalb Stunden! Gearbeitet
haben Sie sechzehn Stunden! Jetzt muss es in zehn Stunden geschafft
werden!"
„Ist
die ganze Rationalisierung nur eine Heruntersetzung der Zeit?"
„Nicht
nur!" erwiderte Meister Westmann lächelnd, „Sie bohren die
Flansche, die Buchsen werden in der Automatenbank gemacht und von den
Jungens eingeschlagen. Dann nehmen Sie die Flansche auf einen Federdorn
und drehen sie fertig. Siebeneinhalb Stunden erhalten Sie dafür."
„Ich
kann Ihnen jetzt schon sagen, das ist unmöglich!"
„Es
ist alles genau auskalkuliert! Sie bekommen eine Vorrichtung, an der Sie
mit zwei Stählen zugleich arbeiten können!"
„Soll
ich mich gleich umstellen?"
„Ja,
fangen Sie gleich die Flansche zu bohren an!"
Der
Rotkopf bekam ähnliche Anweisungen. Er sollte fortan Spindeln drehen,
seine Bank zog am besten zylindrisch. Die Aussicht stimmte ihn ganz
zufrieden, denn es war laufende Arbeit. Aber die Zeit, erklärte er,
habe ein Verrückter oder ein Schneider ausgetüftelt.
Mit
Hochdruck wurde jetzt im Betrieb rationalisiert. Bereits am Nachmittag
hatte Melmster die berohrten Flansche wieder zurück. Er richtete nur
den Federdorn aus und begann die Stähle an der neuen Vorrichtung
auszuprobieren.
Da
näherte sich auch schon der Oberkalkulator mit seinen
Kalkulationsgehilfen. Sie gruppierten sich um Melmsters Bank und wollten
ihr an Tabellen zurecht addiertes und multipliziertes Wunderwerk
praktisch erprobt sehen.
Melmster
nahm sich bei Anwesenheit dieser Akkordteufel selbst ein feierliches
Versprechen ab, ruhig und überlegt zu bleiben, keine Hetzpsychose
aufkommen zu lassen.
Er
rechnete noch die Entfernung der beiden Stähle aus, als der eine
Kalkulator auch schon die erste Belehrung vom Stapel ließ.
„Nehmen
Sie doch ein genaues Zwischenstück!" „Haben Sie eins?"
Schweigen.
Damit
war die Unterhaltung fürs erste wieder beendet. Dann ließ er die Bank
laufen. Mindestens acht Augenpaare verfolgten den Arbeitsvorgang. Beide
Stähle setzten zugleich an. Melmster kurbelte vorsichtig. Die Stähle
schnitten gut.
Der
erste Flansch war zwei Millimeter zu stark. Melmster gab dem Stahl einen
kleinen Schlag. Sein durch die dauernde Dreherei entwickeltes Gefühl für
die Arbeit bestimmte die Schnelligkeit der Umdrehungen und des Kurbeins.
So wurden einige Flansche fertig. Zwei Kalkulatoren rechneten
ununterbrochen. Einige flüsterten. Es schien etwas nicht zu stimmen.
„Lassen
Sie einen Gang schneller laufen, und kurbeln Sie auch ruhig schneller,
die Flächen brauchen nicht direkt blank zu werden."
„Das
hält der Stahl nicht aus!" widersprach Melmster. „Natürlich hält
er das aus!" Melmster wusste genau, wie schwach der Federdorn war
und dass der Stahl nicht haken durfte, sonst schlug der Dorn, darum
sagte er standhaft: „Das ist unmöglich!"
„Es
gibt nichts Unmögliches!" belehrte ihn der „Ober". „Ich
will Ihnen das zeigen."
Melmster
ging bereitwilligst zur Seite. „Ja, so dürfen Sie die Stähle nicht
schleifen!" Er spannte die Stähle aus und ging sie schleifen.
Olbracht
grinste über Melmsters Demütigung. Der „Ober" kam mit den Stählen
zurück, spannte sie ein, nahm das Maß und warf den Riemen einen Gang
schneller.
Melmster
sah, dass der hintere Stahl viel zu niedrig eingespannt war - so musste
er unterhaken -, er sagte aber nichts.
Der
„Ober" drehte. Seine Gehilfen sahen ihm aufmerksam und bewundernd
zu.
„Notieren
Sie die Zeit!" rief er siegesgewiss und kurbelte drauflos. Fast
hatte er die Flächen herunter, da rutschte der hintere Stahl unter den
Flansch. Es knackte, der Stahl würgte sich ins Material, holperte über
den Federdorn und verbog die leichten Federflügel. Erschreckt riss der
„Ober" den eingeklemmten Stahl zurück. Er war völlig
abgeschliffen, und der demolierte Federdorn schlug wie ein Lämmerschwanz.
Die
Kalkulatoren standen mit aufgerissenen Mäulern dabei, hilf- und
fassungslos. Der „Ober" hatte einen zum Platzen knallroten Kopf.
Melmster aber erglühte bis oben hin vor Schadenfreude. „Nein, so
etwas!" kam der „Ober" endlich wieder zu sich. „Der Stahl
steht zu tief, nicht wahr?" wandte er sich an Melmster.
Der
zuckte die Schultern.
Von
den Herumstehenden war einer noch verlegener als der andere.
„Also,
drehen Sie die Dinger fertig - wir werden ja sehen, wie Sie mit der Zeit
auskommen!"
„Das
heißt, ich muss mir erst einen neuen Federdorn drehen!"
„Ja.
Ja!" nickte der „Ober", und mit langen Gesichtern schob der
ganze Tross ab. Melmster jubelte. Sieg auf der ganzen Linie. Der erste
Angriff war abgeschlagen.
Dann
kam Meister Westmann angetrippelt und sah sich kopfschüttelnd die
Bescherung an.
Der
zweite Verrat.
Von
Hand zu Hand wanderte an einem Morgen die abgerissene Hälfte des bürgerlichen
Anzeigers. Hier stand unter der Rubrik „Aus Wirtschaft und
Handel" in kleinster Schrift folgende Notiz:
In
der Metallindustrie, Gruppe Landbetriebe, ist zwischen dem
Arbeitgeberverband und dem Metallarbeiterverband ein Abkommen
geschlossen worden, dass der gegenwärtige Lohn- und Arbeitstarif als
bis auf weiteres verlängert gilt.
Die
Arbeiter waren vor Erstaunen über die Unverfrorenheit der
reformistischen Gewerkschaftsinstanzen derart sprachlos, dass sie
wortlos auf diese kleine Notiz starrten. Das Stück Zeitung kursierte
durch den ganzen Betrieb. Fast keiner von denen, die es lasen, sagte
etwas, höchstens, dass einige
Flüche
gebrummt wurden. Die maßlose Wut verschnürte jedem Arbeiter den Hals.
Die ärgsten Pessimisten hatten mit zwei oder drei Pfennig Lohnerhöhung
gerechnet, aber nichts hatte keiner erwartet.
„Das
sind wirklich realisierbare Forderungen!" wandte sich Melmster an
Olbracht. „Und was sagst du dazu?"
Olbracht
zuckte mit den Schultern, als wollte er etwas Lästiges abschütteln.
„Wie
steht es denn mit deinen acht bis zehn Pfennig Lohnerhöhung?"
Olbracht
grinste, aber er erwiderte nichts.
Um
die Mittagszeit war Lärm an der Anreißplatte. Mehrere Arbeiter drangen
auf Kühne ein. Er sollte erklären, ob diese Notiz in der Zeitung wahr
sei. Der Betriebsratsobmann wehrte ab, schwieg und arbeitete weiter. Der
Hobler Hans gab aber auf die Fragen der Kollegen Antwort, und jede
Antwort war eine Ohrfeige für Kühne, für die Gewerkschaftsbürokratie
und die Reformisten.
Kühne
hantierte mit vor Wut und Ohnmacht zitternden Händen an seinem Gussgehäuse
herum.
Unter
wilden Verwünschungen und Flüchen verließen schließlich die
aufgebrachten Arbeiter diesen feigen Herkules.
„Das
wird dir heimgezahlt!" zischte er drohend zum Hobler hinüber.
Die
Erregung im Betrieb nahm ständig zu. Besonders bei den Drehern gärte
es. In der Mittagspause setzten sich einige zusammen und beschlossen,
eine Branchenversammlung zu erzwingen und zwischentarifliche
Lohnforderungen zu stellen.
„Wir
müssen selbst für uns eintreten, die Verbandsbonzen paktieren mit den
Unternehmern!" war die allgemeine Auffassung.
Es
waren überwiegend parteilose Arbeiter, sogar einige mit dem
Mitgliedsbuch der SPD stimmten zu. Gemeinsam traten sie an den
Gewerkschaftsdelegierten der Dreherei, Endrusch, heran und forderten von
ihm die sofortige Einberufung einer Branchenversammlung aller
freigewerkschaftlich organisierten Dreher. Endrusch wusste nicht recht,
wie er sich verhalten sollte, er hätte sich zu gern Rat und Order vom
Arbeiterrat geholt, aber dazu ließen ihm die Kollegen keine Zeit. Er zögerte.
„Falls
es dir an Courage mangelt, berufen wir sie selber ein!"
„Ich
bin natürlich einverstanden!" „Na also, auf was wartest du
noch?"
„Willst
du erst die Firma um Erlaubnis fragen?" rief einer. „Aber wo
denn?"
„Bei
Hornings! - Bei Hornings!" riefen mehrere durcheinander.
„Gleich
nach Feierabend?"
„Ja!"
„Na
gut!"
Der
Delegierte Endrusch ging nun bei den Drehern herum und teilte jedem mit,
dass nach Arbeitsschluss bei Horning Branchenversammlung sei.
Fünfzehn Prozent Lohnerhöhung.
Auf
dem Wege zum Versammlungslokal kaufte sich Melmster die
sozialdemokratische Tageszeitung. Er war neugierig, wie diese das
Abkommen in der Metallindustrie bringen und kommentieren würde. In der
Zeitung war nichts zu finden. Er ging Spalte für Spalte durch, las
einmal, zweimal, las von hinten nach vorn, nichts zu finden. „Halt! -
Hier!" rief der Rotkopf, der mitsuchte.
In
der äußersten Ecke standen hier dieselben lakonischen Zeilen wie im
Anzeiger, kein Wort dazu. Darunter fanden die beiden noch eine Notiz des
Holzarbeiterverbandes, dass er den Tarif gekündigt und fünfzehn
Prozent Lohnerhöhung gefordert habe.
Das
kleine Klublokal von Horning war gedrängt voll. Schmachel, Kühne,
Olbracht und Bleckmann saßen zusammen. Endrusch saß am Vorstandstisch.
Tabaksqualm und lärmende Reden erfüllten den Raum. Es wurde laut
diskutiert und geschimpft und gedroht.
Endrusch
teilte bei der Eröffnung der Versammlung kurz mit, dass die Kollegen
die Versammlung von ihm verlangt hätten, und erteilte dann dem
Betriebsobmann das Wort.
„Kollegen!"
piepste der, „ich muss außerordentlich bedauern, dass auf eine
unkontrollierbare Meldung eines bürgerlichen Pressereptils diese
Aufregung und diese überstürzte Versammlung zustande gekommen
ist!"
„Irrtum!"
unterbrach ihn Melmster, „auch in deiner Parteipresse steht die
gleiche Meldung!" Er schwenkte die Zeitung in der Luft. Gelächter.
Kühne
stierte ihn böse an.
„Es
mag dahingestellt sein, ob die Meldung auf Wahrheit beruht oder
nicht!"
„Haha!
- Na also!" tönte es aus der Versammlung.
„Aber
eins dürfen wir nicht außer acht lassen, die Dreher können für sich
keine Extrawurst beanspruchen. Wenn zwischentarifliche Lohnforderungen
gestellt werden, dann muss es Sache der gesamten Belegschaft sein. Der
Arbeiterrat wird sein Möglichstes tun, um einheitliche Forderungen
aufzustellen. Doch die Dreher dürfen nicht undiszipliniert aus der
Reihe tanzen!"
„Bremser!
- Schwindler!" wurde ihm zugerufen. Als erster erhielt der Dreher
Dresen das Wort. Sofort waren die Anwesenden ruhig. Dresen war ein
alter, ruhiger Arbeiter, der nur sehr selten sprach, dann aber
aufmerksam angehört wurde.
„Wir
sollen unsere Arbeiten um durchschnittlich dreißig Prozent billiger
herstellen, und die Firma steckt den Mehrgewinn restlos ein, kein
lumpiger Pfennig Lohnerhöhung ist dabei für uns übrig. Für das
Verhalten der Gewerkschaftsführer finde ich keine Worte!"
„Korrupte
Lumpen! Unternehmeragenten sind es!" rief einer.
„Wir
sind die bestorganisierte und die lebenswichtigste Branche", fuhr
der Alte fort, „wir müssen jetzt vorstoßen und nicht nur für uns,
sondern für die Gesamtbelegschaft eine Lohnerhöhung erzwingen."
Mit
Beifall und Bravorufen wurden seine Ausführungen aufgenommen.
Dann
erteilte Endrusch Melmster das Wort.
„Unser
alter Kollege Dresen hat recht, in einer Zeit, wo nicht nur die
Lebenshaltung sich ungeheuer verteuert, sondern wo die Unternehmer auch
in einem rücksichtslosen Rationalisierungsfeldzug gegen uns die
Arbeitsleistungen auf Kosten unserer Knochen phantastisch steigern,
bleibt der elende Lohn aus dem vorigen Jahr für unabsehbare Zeit
bestehen. Mehr Arbeit - weniger Lohn heißt das, denn die Beibehaltung
des alten Lohnes ist in Wirklichkeit ein Lohnabbau!"
„Sehr
richtig! Sehr richtig!"
„Ist
das Verhalten der heutigen Gewerkschaftsführer verwunderlich? Ich sage
nein! Die reformistische Gewerkschaftsbürokratie ist bereits so eng mit
dem republikanischen Staatsapparat verquickt und versippt, dass sie das
wirtschaftliche Fundament dieses Staates nicht erschüttern darf, wenn
sie nicht ihre eigenen Positionen erschüttern will. Darum wird jeder
Lohnkampf abgewürgt, darum wird von vornherein vor dem Unternehmer
kapituliert, denn sie wissen genau, jeder wirtschaftliche Kampf ist
heute zugleich ein politischer, der sich gegen das System, gegen die
kapitalistische Republik richtet - und das wollen sie auf alle Fälle
vermeiden. Die Existenz dieser Republik steht ihnen höher als die
Existenz der Arbeiterschaft. Aber die kapitalistischen Beherrscher
dieser Republik rüsten zu noch gewaltigeren Schlägen. Die
Arbeiterschaft soll nicht nur wirtschaftlich geschwächt und politisch
geknebelt werden, die deutschen Unternehmer wollen auch in der
Kriegs-Allianz der kapitalistischen Staaten gegen den Staat der
Herrschaft der Arbeiter und Bauern dabeisein. Warum wird unentwegt gerüstet?
Jeder behauptet doch, er wolle den Frieden. Panzerkreuzer werden gebaut,
Hunderte Millionen für die Reichswehr bewilligt!"
„Zur
Sache!" kreischte Kühne. „Ja, ja, zur Sache!" riefen
etliche.
„Diese
Dinge hängen unlösbar mit dem wirtschaftlichen Lohnabbau der
Unternehmer und den politischen Unterdrückungsmaßnahmen des Staates
zusammen. Auch der Vorstoß der Unternehmer der Metallindustrie ist ein
Glied in der riesenhaften Kette. Wenn wir uns nicht geschlossen und
entschlossen zur Wehr setzen, werden weitere Lohndrückungsmaßnahmen,
weitere Beschneidungen unserer Rechte die Folgen sein. Ich stelle im
Namen der Gewerkschaftsopposition folgenden Antrag:
Die
versammelten freigewerkschaftlichen Dreher der Maschinenfabrik N. &
K. fordern eine Erhöhung des bestehenden Lohnes um fünfzehn Prozent.
Werden diese Forderungen von der Firma abgelehnt, treten die Dreher in
den Streik."
Kühne
und Schmachel fuhren bei dem Wort „Streik" ordentlich zusammen.
„Wir
haben keine andere Wahl", schloss Melmster, „steht einmütig und
geschlossen zu diesem Antrag und wählt bereits heute einen
vorbereitenden Kampfausschuss!"
„Sehr
richtig! - Bravo!" riefen einige, aber die Mehrzahl der Anwesenden
schwieg und überlegte. Das beobachtete auch Kühne, und er erhob sich
und erklärte, dass der Arbeiterrat zu derartig leichtfertig vom Zaune
gebrochenen Streiks seine Zustimmung nicht geben werde.
Ein
wildes Geschrei war die Antwort. Kühne stand reglos mit blutleerem
Antlitz da. Seine weiteren Worte verhallten im Lärm.
Melmster
sah, wie Olbracht scharf beobachtete und grinste. Diese abscheuliche
Kreatur freute sich anscheinend bereits über den interessanten Bericht
an die Firma. „Schluss! Schluss! Abstimmen!" wurde dauernd
gerufen.
Zweiunddreißig
Stimmen wurden für den Antrag gezählt, der ganze Tisch um Kühne und fünf
weitere Kollegen, also neun, dagegen.
Dann
wurde ein vorbereitender Kampfausschuss aus drei oppositionellen
Kollegen gebildet. Dresen und der Dreher mit dem gespaltenen Nasenbein
waren dabei.
Melmster
jauchzte innerlich. Die Kurve ging steil an. Und übermorgen war
Arbeiterratswahl.
Schlachtpläne.
„Ich
soll die Polizei herbeirufen, wenn Sie wieder diese Zeitung
verteilen!" erklärte der Pförtner den beiden erwerbslosen
Arbeitern, die einen neuen „Roten Greifer" verteilten. „Dat lot
man sin!" entgegnete trocken der eine. Der Pförtner humpelte
unentschlossen hinter das Fabriktor zurück.
Die
Zeitung wurde den beiden aus den Händen gerissen, nur der
Betriebsratsobmann Kühne ging mit verächtlichen Blicken für die
Verteiler weiter und verweigerte die Annahme der ihm hingereichten
Betriebszeitung. Die umstehenden Arbeiter uzten und verspotteten ihn.
Als
die Fabriksirene lang anhaltend heulte, waren wieder dreihundert
Exemplare verteilt.
Beim
Dreher Schmachel an der großen Koppbank in der äußersten Ecke der
Maschinenhalle war Konferenz des Fünfmännerkollegiums. Kühne,
Olbracht, Bleckmann und der Bohrer Kaufmann waren beisammen. Seit drei
Tagen war die entscheidende freigewerkschaftliche
Belegschaftsversammlung angesetzt. Heute fand sie statt. Den
Arbeiterratsmitgliedern grauste. Und dann am letzten Tag der
„Greifer", der in einem letzten Appell an die Belegschaft zur
Wahl der Kandidaten der Opposition aufforderte und die Streikhetze, die
bei den Drehern Erfolg hatte, über die ganze Belegschaft ausdehnte,
steigerte ihre Sorgen.
„Wenn
man wüsste, was für eine Liste sie einreichen werden?" flüsterte
Kühne.
„Ich
werde dem Dreher Kulb sagen, dass er den Harms aushorchen soll. Der
quasselt mehr, als er verantworten kann!"
„Wer
ist das?" fragte Kühne.
„Der
Boxer mit der gespaltenen Nase, der hier am Ende steht." „Ach
der!"
„Der
hat mir, ohne es zu ahnen, über Kulb schon manches verraten!"
grinste Olbracht. „Werden wir durchkommen?" „Ich glaube
nicht!" antwortete Schmachel.
Kühne
schwieg. „Und dann?" „Abwarten!"
Auch
der Zellenkopf der Opposition tagte. Der aber durfte nicht wagen, sich
offen im Betrieb zu zeigen. Die Sitzung war wieder auf Latrine fünf.
Bis ins einzelne wurden der Vorstoßplan und alle möglichen Eventualitäten
besprochen, und alle, aber besonders der Hobler, waren zuversichtlich.
„Ich
hab's in der Tasche!" sagte er und lachte. „Hast du alles überlegt?"
fragte Melmster. „Wir werden die Karten aufdecken. Heut oder
nie!" „Wie sich wohl der ,Gottsucher' und der ,Scharfe' verhalten
werden?"
„Scharff
verteidigt Fahs und arbeitet für die SPD.-Liste", erklärte Drohn,
„der entpuppt sich vor der Wahl wieder einmal richtig!"
„Er
wird wohl wissen, warum!" Melmster lachte verächtlich.
„Der
soll sich heute nur nicht aufblasen!" drohte der Hobler.
Am
Nachmittag wurde es im Betrieb immer lebhafter. Die
Arbeiterratsmitglieder gingen zu ihren vermeintlichen Freunden und lächelten
süß wie im ganzen Jahre zuvor nicht.
Unter
den Kollegen aber wurde heftig diskutiert, Wetten auf das Wahlergebnis
wurden abgeschlossen, und die fiebernde Spannung unter den Arbeitern
wuchs, je mehr die Uhr auf vier zuging.
Einhunderteinundsiebzig!
Im
großen Tanzsaal von Horning war bereits kurz nach vier Uhr jeder Stuhl
und jeder Winkel besetzt. Die Nachzügler, die keinen Platz mehr fanden,
blieben im Gastzimmer oder an der Tür stehen. Die Durstigen zogen die
Plätze an der Theke vor.
Immer
noch drängten sich neue Arbeiter durch die kleine Saaltür, an der zwei
Kollegen die Kontrolle ausübten. Nur freigewerkschaftlich organisierte
Arbeiter, die bei N. & K. arbeiteten, wurden eingelassen. Im Saal
rumorte und lärmte es. Es wurde laut diskutiert, gerufen, gelacht, Stühle
wurden aus dem kleinen Klubzimmer in den Saal gereicht. Und dazwischen
liefen Kellner und brachten Bier, Selters und Schnäpse.
Der
Schmied Hennings ging durch den Saal und verteilte kleine weiße Zettel,
darauf standen die Namen: Hans Wend, Hobler Karl Dresen, Dreher Fritz
Drohn, Schlosser Adolf Hackbarth, Tischler Hermann Hennings, Schmied
Alfred Plien, Schweißer Karl Bröse, Platzarbeiter
Das
waren die Arbeiterratskandidaten der Revolutionären
Gewerkschaftsopposition.
Pünktlich
um viereinhalb klingelte der Betriebsratsobmann, der die Versammlung
leitete. Die Saaltür wurde geschlossen. Der Lärm ließ nach. Als
Vertreter des Verbandes erhielt der Gewerkschaftsangestellte Kies das
Wort. Am Vorstandstisch erhob sich ein bärenhaft großer, beleibter
Mann.
„Wat
de Drönbüdel verteilt, weet wi all!" sagte ein hagerer Schmied.
„Komm, lot uns rut!"
An
der Theke standen noch eine ganze Anzahl Arbeiter. „Wer spricht?"
„Der
Gewerkschaftsbonze Kies!"
„Ich
will dessen Quatsch gar nicht hören. Bei der Abstimmung gehe ich rein.
Wen ich zu wählen hab, weiß ich. - Kuddel, schenk mi noch 'en Halben
in!"
Auch
an der Theke bildeten sich Diskutiergruppen.
„Mensch,
sieh sie dir an! Der Riese mit dem Sammetpfötchen - der tapprige Fahs -
der Dreher mit dem Gemsbart -das sind doch alles Scheißkerle!"
„Die
Kommunisten sind aber manchmal noch richtige Jungens!"
„Aber
nicht bange, mein Lieber. Den Alten läuft das Wasser aus den Hosen,
wenn sie von weitem den Jacobi sehen! Geh mir mit diesen verknöcherten
Leisetretern los!" erwiderte ein stämmiger, noch von der
Tagesarbeit schmutziger Schlosser dem Schweißer und nahm dabei einen
tiefen Schluck.
An
einem Tisch wurde geknobelt. Dreimal sieben und zweimal eins gewinnt. Für
einen Augenblick sah alles zu den Spielern, denn mit lautem Hallo und
Gelächter wurde der Verlierer festgestellt. „Wirt, noch eine
Runde!"
„Faselt
der noch immer?" fragte der Schmied den Schlosser, der die Saaltür
etwas geöffnet und einen Augenblick zugehorcht hatte.
„Fahs
spricht. Er gibt den Jahresbericht!"
„Fahs?
Kühne hat wohl einen Kloss im Hals - oder ist er heiser?"
„Was
will und was kann der berichten?"
„Geh
rein und hör dir's an. Du wirst staunen, was wir alles im letzten Jahr
erreicht haben!"
„Das
sagt mir mein Portemonnaie viel besser!"
„Ja!"
brüllte der Schmied mit rauhem Lachen. „Uns wird der Schaum nur so um
die Fresse geklatscht!" -
„Der
Dreher spricht jetzt!"
„Welcher?"
„Der
große, der neue, der mit dem Kindergesicht!"
Die
Saaltür wurde aufgerissen. „Pst! - Pst!"
„Ruhe,
wir wollen auch was hören!"
Melmster
sprach. „Zwar bin ich knapp ein Vierteljahr im Betrieb, aber das genügt,
um diesen zusammengestotterten Jahresbericht des Arbeiterrats zu zerpflücken."
„Hahaha!"
brüllte zustimmend der Schmied, dass sich ein gutes Dutzend Arbeiter
nach ihm umsahen.
„In
welcher Frage kann der jetzige Arbeiterrat vor uns hintreten und sagen,
dies und das haben wir mit eurer Hilfe der Firma, dem Unternehmer
abgerungen? In keiner, in keiner einzigen Frage kann er das. Weder
hygienisch noch organisatorisch ist etwas von den vorsintflutlichen Zuständen
in unserem Betrieb geändert worden, höchstens in einer Frage gab es
eine umwälzende Änderung, in der Frage des Arbeitstempos. Hier ist
modernisiert und das Tempo auf unsere Kosten nach oben geschraubt
worden. Und dann der Lohn..."
„Der
Junge redet wie ein Advokat!"
„Der
ist gut, der lässt sich kein X für ein U vormachen und gibt dem
Arbeiterrat manche bittere Pille zu schlucken!" stimmte der
Schlosser zu und schloss die Saaltür. Langsam gingen sie wieder zu
ihren halbvollen Gläsern an die Theke.
„So
Feuer und Flamme waren wir auch mal!" sagte der Schmied und sah
tiefsinnig ins Bierglas. „Bebel kam. Ich vergeß es mein Lebtag nicht.
Er sprach im Gewerkschaftshaus, unserer damaligen Waffen- und heutigen
Verratsschmiede. Das war ein Leben! Wir haben agitiert, nachts geklebt,
Flugblätter verteilt und waren von morgens bis abends auf den Beinen.
Und dann die Massen, die Begeisterung! Tausende eng gepfropft im Saal,
Tausende auf der Straße. Plötzlich Ruhe. Alles starrte wie
hypnotisiert nach vorn. Dann trat der Alte ans Podium. Ein Tosen, ein
Brausen, ein Gejubel. Das war er. Mir kollerten Tränen, ich sage dir,
Tränen übers Gesicht. Das war der letzte vernünftige
Sozialdemokrat!"
Der
Schmied goss den ganzen Rest des Bieres in sich hinein.
„Und
diese Spitzbuben heute, diese Minister und Senatoren! Man sollte es
nicht für möglich halten!" Im Saal wurde lebhaft geklatscht.
„Der
Junge wird seine Sache gut gemacht haben!" meinte der Schlosser.
„Drei
Sieben! Ich bin raus!" Die vier jungen Montageschlosser knobelten
noch immer.
„Ich
will doch mal sehen, wer jetzt am Törn ist!"
„Der
Tischler Kappke!" kam der Schweißer zurück. Plötzlich entstand
im Saal ein großer Lärm. Rufe, Schreie und die Klingel des
Versammlungsleiters drangen bis an die Theke.
„Ich
bin doch neugierig!"
„Ja,
horch und erzähl mir's dann!" rief der Schmied dem Schweißer
nach.
An
der offenen Saaltür standen jetzt eine ganze Anzahl Arbeiter und
horchten. Der Schmied aber saß auf seinem Bock an der Theke und träumte
vor sich hin.
Die
jungen Kerle würfelten noch immer, aber nicht mehr um Bier, sondern aus
Vergnügen.
Wieder
Lärm im Saal, aber auch Beifall dazwischen. „Der Tischler behauptet,
der ,Rote Greifer' werde von der Firma finanziert!" „Der
Idiot!"
„Er
sagt, der Arbeiterrat habe Beweise dafür!" „Dann soll er sie
sagen!"
„Das
sieht so aus, als ob die Stimmung umschlägt!"
„Sollte
mich nicht wundern!" brummte der Schmied. „Die Menschen sind zu
blöde und fallen auf jeden Trick herein!"
„Mensch,
komm her!" schrie der Schlosser aus Leibeskräften. „Jetzt wird's
interessant!" Und fast gleichzeitig drang ein lautes Gebrüll aus
dem Saal.
Der
Schmied und sogar die Würfelspieler eilten zur Saaltür, die wieder
weit aufgerissen war.
Inmitten
der Versammlung stand der Hobler.
„Wenn
diese niederträchtigen, durch nichts zu beweisenden Behauptungen hier
geäußert wurden, so will ich der erste sein, der den Vorhang lüftet,
damit die Kollegen einmal hinter die Kulissen blicken können. Im Namen
meiner Gesinnungsfreunde behaupte ich, dass der Arbeiterrat von der
Firma
korrumpiert wurde!" - Eine unheimliche Ruhe im ganzen Saal.
„Aber
ich behaupte es nicht nur, ich beweise es. Welcher Kollege hier im Saal
weiß, dass sämtliche Arbeiterratsmitglieder jede Woche zwanzig Prozent
auf den bei uns üblichen Höchstlohn ausgezahlt bekommen? Ich glaube,
keiner, und doch ist es so! Oder stimmt es nicht, Kollege Kühne?"
Keiner rührte sich.
„Das
Schweigen bestätigt alles!"
„Solch
Gesindel!" schrie einer, und im Nu wogte und lärmte es im ganzen
Saal. Der Arbeiterrat saß regungslos, wie versteinert am
Vorstandstisch.
„Das
ist aber noch nicht alles!" schrie der Hobler, und die Ruhe war
fast augenblicklich wiederhergestellt.
„Wir
haben auch einen Kollegen in unserer Mitte, der über jedes Vorkommnis
im Betrieb, über jede Versammlung, die wir abhalten, über jedes Wort,
das ein Kollege spricht, der Firma Mitteilung macht!"
Eine
drohende Unruhe ging durch die anwesenden Arbeiter.
„Das
sind die Leute, die behaupten, die oppositionellen Kollegen stehen mit
der Firma im Bunde!"
Nun
brach es los. Die Arbeiter sprangen von ihren Stühlen. Alles schrie,
tobte: „Wer? - Wer? - Wer ist das?" Der Hobler winkte sich mit
der Hand Ruhe. „Der - Dreher - Olbracht!" Wie ein knallender
Schlag schlug jedes Wort in der Versammlung ein. Erst schien alles wie
gelähmt, dann brüllte ein Schrei aus hundert Kehlen. Fäuste wurden
geballt. Einige ließen sich kaum noch bändigen. „Kollegen!"
schrie der Hobler. „Kollegen!" Nur langsam beruhigten sich die
aufs äußerste erregten Arbeiter.
„Lasst
uns hören, was dieser Schurke auf die Anschuldigungen zu sagen
hat!"
Und
als ob der Hobler der Versammlungsleiter wäre, rief er: „Olbracht hat
das Wort!"
Über
zweihundert Augenpaare sahen zu dem kleinen Tisch hin, an dem grau und
mit blauen Lippen, wie ein Lebloser, der Entlarvte saß und unverwandt
vor sich hin starrte.
Er
rührte sich nicht. Selbst wenn er sich hätte verteidigen wollen, wäre
er unfähig dazu gewesen. Der Angriff erfolgte so unerwartet und plötzlich.
„Er schweigt!" stellte trocken der Hobler fest.
Wieder
brach ein Sturm der Entrüstung los, Verwünschungen und Flüche
schwirrten durch den Saal.
Die
Arbeiter, die an einem Tisch mit dem Spitzel saßen, erhoben sich und rückten
von ihm ab. Einer spuckte vor Ekel vor ihm aus. Als aber einige mit
unverkennbarer Absicht sich den Weg zu ihm bahnten, rief der Hobler mit
lauter Stimme: „Kollegen, lasst uns erst die Wahl tätigen. Durch unüberlegte
Handlungen hetzen wir nur die Polizei auf uns!"
„Da
findet man direkt keine Worte für!" Der Schmied hatte ein vor Wut
gerötetes Gesicht, und sein Unterkiefer zitterte.
„Es
ist unbegreiflich, dass es noch solche Schufte gibt!" pflichtete
der Schweißer bei.
Sie
gingen wieder an den Schanktisch zurück. Das stehen gebliebene Bier war
schal geworden. Der Wirt schenkte neues ein.
„So'n
Schuft!" wiederholte der Schlosser.
„Die
Gurgel umdrehen, das einzige!" brummte der Schmied.
Hennings
und Melmster kamen aus der Saaltür. „Also es ist absolut
bewiesen!"
„Alles
stimmt und ist zu beweisen, was Hans sagte!" bestätigte Melmster.
„Ist
gut!" erwiderte kurz der Schmied, seine Augen flatterten, und seine
knochigen Finger verkrampften sich zur Faust.
„Was
hast du vor?"
„Ist
gut!" wiederholte Hennings und ging in den Saal zurück.
„Hallo,
Hermann!" rief ihm sein alter Arbeitskollege von der Theke nach.
Doch der war schon wieder im Saal verschwunden.
„Er
hätte doch 'n Schluck mittrinken können!"
„Der
Arbeiterrat rückt jetzt von Olbracht ab! Der Kühne spricht! meldete
der Schweißer, der von der Tür kam.
„Jetzt
lassen sie ihn fallen, aber sie waren und bleiben seine Spießgesellen!"
„Ich
begreife es noch nicht!" grübelte der Schlosser, „was denkt sich
so'n Kerl dabei!"
„Was
denken sich Zörgiebel, Severing und der Müller und wie die Kerle alle
heißen!" antwortete der Schmied mit einer Frage.
„Ja,
meinst du, dass die Firma ihn direkt bezahlt?"
„Die
werden sich schon revanchieren!"
„Abstimmung!"
schrie einer von der Tür, und alle begaben sich in den Saal.
Kleine
weiße Zettel wurden verteilt. Es wurde über Listen abgestimmt. Liste
eins war die sozialdemokratische, und fast sämtliche Mitglieder des
alten Arbeiterrats kandidierten wieder. Liste zwei war die der
Revolutionären Gewerkschaftsopposition. Gleichzeitig wurden
entsprechend diesem Wahlergebnis die Vertrauensleute gewählt.
Noch
klang die unterdrückte Erregung unter den Arbeitern nach. Überall
wurde halblaut diskutiert. Dazwischen wurde geschrieben. Einige
Bleistifte wanderten von Hand zu Hand. Dann liefen drei
Gewerkschaftsfunktionäre mit Hüten umher und sammelten die
beschriebenen Stimmzettel wieder ein.
Während
der Auszählung sprach der Gewerkschaftsangestellte Kies zu den letzten
Vorfällen und erklärte, „dass die Gewerkschaften diese
ungeheuerlichen Beschuldigungen prüfen und den betreffenden Kollegen
zur Rechenschaft ziehen werden!"
„Vertuschen
werden!" rief einer.
„Bei
uns wird nichts vertuscht!" schrie der Redner. Dann meldete sich
der „Gottsucher" zu Wort.
„Ich
habe die Liste der Opposition gewählt", begann er, „nicht weil
unter den Sozialdemokraten ein Lump entlarvt wurde, sondern weil ich zur
Überzeugung gekommen bin, dass überhaupt nur noch in der Opposition
die fortschrittlich und ehrlich gesinnten Arbeiter versammelt
sind!"
„Bravo!"
riefen etliche.
„Jetzt
will ich aber nicht nur mit der Stimmabgabe, sondern auch in der
praktischen Kleinarbeit die Opposition unterstützen!" schloss er.
Dann
gab der Versammlungsleiter Fahs unter denkbar größter Ruhe das
Wahlresultat bekannt.
Für
Liste eins: zweiundvierzig Stimmen. Für Liste zwei:
hunderteinundsiebzig Stimmen. Ungültig waren achtzehn Stimmen.
Der
Spitzel bekommt eine Abreibung.
Inzwischen
war es dämmerig geworden. Es war ein trüber, unfreundlicher Märztag
gewesen, und jetzt in der Dämmerung fiel ein dünner, kalter Regen.
Den
Jackettkragen hoch, den Kopf tief eingezogen, schritt eilig ein kleiner
untersetzter Mann an der Häuserfront entlang. An der großen
Automobilwerkstätte, kurz vor einer Einfahrt, stockte er plötzlich.
Wie aus der Erde gezaubert, standen drei ebenfalls in hochaufgeschlagene
Kragen vermummte Gestalten, die Hüte tief im Gesicht, vor ihm. „Lasst
mich weiter."
Der
eine Flügel der Garagentür stand halb geöffnet. Die drei Gestalten drängten
sich wortlos an den ängstlich weiterschreitenden Olbracht. Ein Schlag -
Olbracht taumelte in die halbgeöffnete Autoauffahrt.
Der
letzte der drei spähte noch einmal sorgfältig nach allen Seiten und
schloss dann vorsichtig die Tür.
Einige
Minuten später kamen die drei wieder heraus. Der eine, ein knochiger
Kerl, zerrte sein Jackett zurecht. Mit schnellen Schritten entfernten
sie sich.
Dann
taumelte Olbracht, blutend, dunkle Flecke im Gesicht, barhäuptig und
mit zerzausten Kleidern wie ein Betrunkener aus der Garagenauffahrt.
Mitten
auf der Straße schrie er mit gellender Stimme „Hilfe!", drehte
sich einmal um sich selbst und brach zusammen.
Der
Kampf geht weiter.
Der
nächste Arbeitsmorgen unterschied sich nicht von den übrigen. Im
Umkleideraum wurden nur einige bekannte Parteigänger der
Sozialdemokratie, weil sie so verärgert dreinblickten, gehänselt. Doch
sonst ging alles seinen gewohnten Gang.
„Wo
ist denn Olbracht, dein Parteigenosse?" fragte der Rotkopf höhnisch
Bleckmann.
Ein
rabiater Fluch war die Antwort.
„Blas
dich man nicht künstlich auf!" lachte der Rote. Melmster
beobachtete das geschwollene Siegesbewusstsein seines Vordermannes und
hatte Angst um seinen jungen Gesinnungsgenossen. Dieser sah nur den
gestrigen Wahlerfolg und ahnte nicht, dass der Kampf erst begonnen hatte
und nicht etwa ausgefochten war.
„Kurt,
dass unser gestriger Sieg gleich so überwältigend war, ist gar nicht
gut!"
„Du
bist wohl verrückt!"
„Nein,
im Ernst! Sie werden die ganze Meute auf uns hetzen!"
„Aber
jetzt beherrschen wir doch für ein Jahr den Betrieb, und an uns werden
sie sich die Zähne ausbeißen, hoff ich!"
„Gewiss
- doch wart nur ab, der Tanz beginnt erst!"
„Du
bist merkwürdig!" -Melmster drehte seine Flansche. Kunstvoll
pyramidisch geordnet, standen bereits Dutzende fertig auf dem
Arbeitstisch. Melmster hatte nach dem missglückten Rekordversuch des
Oberkalkulators neun Stunden statt siebeneinhalb Stunden bekommen. Das
ging so leidlich, er verdiente seinen Höchstlohn.
Die
scharfen Stähle schoben sich die beiden Flächen hinunter. Melmster
starrte auf seine Arbeit. In seinen Gedanken aber war er ganz woanders.
Würde die vom alten Arbeiterrat zusammengesetzte Wahlleitung den neuen
Arbeiterrat bestätigen? Von den sieben Arbeiterräten hatte die
Opposition fünf erobert. Selbst wenn die Angestellten zwei Reformisten
oder Bürgerliche wählten, hatte die Opposition immer noch die absolute
Mehrheit. Er grübelte vor sich hin. Plötzlich stand der Oberkalkulator
neben ihm.
„'n
Morgen!"
„Guten
Morgen!"
„Sie
kommen wohl ganz gut zurecht?"
„Wenn
immer alles klappt!" erwiderte Melmster.
„Sagen
Sie mal, wissen Sie, was mit Olbracht los ist?"
„Nein!"
„Er
ist doch gestern noch in der Versammlung gewesen, nicht wahr?"
„Allerdings!"
„Kam
es denn da zu Zusammenstößen?" „Wieso?"
„Weil
Olbracht im Krankenhaus liegt!" Melmster pfiff unmerklich durch die
Zähne.
„Nein,
es ging alles ruhig ab!" sagte er.
„Aber
wie ist denn die Versammlung verlaufen?"
„Wissen
Sie, Sie können nicht verlangen, dass ich Ihnen einen detaillierten
Versammlungsbericht gebe!"
„Soso!"
fauchte der „Ober" und rannte geradenwegs zur Anreißplatte.
Melmster
erzählte in seiner Nachbarschaft von Olbracht, und im Nu raste die
Neuigkeit durch den Betrieb, Olbracht liege im Krankenhaus.
Melmster
musste an die knochigen Arme des Schmieds denken. -
Mittags
kam der Hobler und verzehrte sein Mittagbrot bei Melmster an der
Fensterfront.
„Was
die wohl jetzt im Büro herumtoben?"
„Meinst
du, dass sie bereits alles wissen?"
„Der
Kühne hat sich ausgeheult. Wie ein blutlechzender Tiger stürzte der
,Ober' ins Büro!"
„Ist
Dora gesichert?" fragte flüsternd Melmster.
„Ich
glaube kaum, dass man ihr etwas nachweisen kann!"
„Was,
meinst du, wird die Wahlleitung tun? Bestätigen oder
Kladderadatsch!"
„Sie
sind ganz von der Firma abhängig, und ich möchte fast glauben, sie beißen
in den sauren Apfel. Die Firma hat zuviel Aufträge."
„Wen
machen wir zum Obmann?"
„Drohn!
- Und..."
„Was?"
„Ich---ich---habe
mich verlobt!"
„Gratuliere!"
lachte Melmster.
Am
Nachmittag brachte Meister Westmann neue Arbeitszettel. Er kam ganz nahe
an Melmster heran.
„Meinen
Sie nicht auch, Ihr Bombensieg ist eine schlimme Sache?"
„Im
Gegenteil!"
„Das
ist damit nicht erledigt, das fängt erst an!" „Das ist ja gerade
das Erfreuliche!" „Glauben Sie denn, dass Sie was erreichen können?"
„Ungeheuer viel!"
„Was
denn, Menschenskind?" fragte ärgerlich und ungläubig der
rundliche Mann mit den misstrauischen Augen. „Sympathien!"
„Davon
werden Sie aber nicht satt!"
„Nicht
für mich, sondern für den Kommunismus!"
„Wissen
Sie, Melmster, Ihre Gegner sind viel zu mächtig. Der Arbeiterrat im
Betrieb, die Gewerkschaften, die Firma, die Polizei, alles ist gegen Sie
und Ihre Genossen!"
„Das
ist es ja, Meister Westmann, was alle endlich begreifen und erfahren
sollen!"
„Die
Menschen sind zu blöde!"
Dieser
Tag war wirklich einmal schnell vorübergegangen. Melmster fühlte sich
so leicht und froh wie nie zuvor. War es die Erwartung kommender Kämpfe,
das Bewusstsein des Vorwärtsschreitens der Bewegung, der Gedanke an den
„Roten Greifer" oder?
Hinter
ihm stand die Bank leer. Er fühlte sich im Rücken freier.
Streik.
Am
andern Tag erklärte der Ex-Betriebsratsobmann Kühne, dass die
sozialdemokratischen Kollegen eine eigene freigewerkschaftliche Liste
zur Betriebsratswahl einreichen würden, denn die Kandidaten auf der
Oppositionsliste würden sämtlich aus der Gewerkschaft ausgeschlossen.
Dieses
unüberlegte Geständnis rief unter den organisierten Arbeitern einen
Sturm der Entrüstung hervor.
„Ihr
werdet nicht einmal eure zweiundvierzig Stimmen aus der Versammlung
zusammenbekommen!"
„Nein!"
rief ein anderer, „außer den Mitgliedern des Arbeiterrats wird sich
keiner zu derartigen Lumpereien hergeben!"
„Sind
wir eigentlich Kulis für euch!" schrie einer.
„Ausschließen
- ausschließen wollt ihr. Die oppositionellen Kollegen sind in einer
rechtmäßigen Versammlung rechtmäßig gewählt. Ihr könnt sie nicht
ausschließen!"
„Das
werdet ihr ja sehen!" entgegnete Kühne höhnisch.
Am
selben Tag noch reichte der alte Arbeiterrat eine eigene Liste zur
Arbeiterratswahl ein. Sämtliche Mitglieder des alten Arbeiterrats waren
auch die Kandidaten für den neuen. Das Kennwort dieser Liste hieß:
freigewerkschaftlich.
Aber
zur Betriebsratswahl sollte es gar nicht kommen, denn inzwischen trat
die Betriebsleitung in Aktion.
Die
Wahl der oppositionellen Arbeiterratsliste beantwortete sie mit der
Entlassung des Hoblers. Er habe Geschäftsgeheimnisse der Firma
preisgegeben und sich geweigert, seine Zuträger aus dem technischen
oder kaufmännischen Personal anzugeben, hieß es in der Begründung.
Die
ultimativen Lohnforderungen der Dreher wurden mit der Entlassung
Melmsters beantwortet. Hier wurde als Grund lakonisch-höhnisch
„Arbeitsmangel" angegeben.
„Ich
sagte es Ihnen gleich!" war Meister Westmanns letztes Wort.
Melmster
lachte.
Der
Rotkopf war erschrocken. „Das ist unmöglich - es gibt doch ein
Betriebsrätegesetz!"
„Der
sozialdemokratische Arbeiterrat und der Wahlausschuss werden keinen
Finger für uns krümmen!" erwiderte Melmster.
„Aber
Arbeitsmangel? Das ist doch Quatsch! Dass das an den Haaren
herbeigezogen ist, sieht doch jeder."
„Natürlich!
Aber das Betriebsrätegesetz, schon mies genug, wird ein Fetzen Papier,
wenn die Frage Macht gegen Macht steht!"
„Aber
wir werden doch nicht...?" „Natürlich nicht!"
Der
Schlosser Drohn veranlasste sofort, dass die neugewählten
oppositionellen Vertrauensleute eine Sitzung anberaumten. Sie fand im Frühstücksraum
statt. Die Sitzung war kurz. Es wurde beschlossen, Zurücknahme der
Entlassungen und Bewilligung der Forderungen der Dreher zu verlangen.
Der Firma wurde eine Frist bis zwölf Uhr gelassen. Im Fall der
Ablehnung dieser Forderungen wollten die Vertrauensleute die Belegschaft
auffordern, in den Streik zu treten. In der Mittagspause sollte eine
Betriebsversammlung auf dem Fabrikhof einberufen werden.
Die
Betriebsleitung wollte die Opposition zerschlagen, bevor sie sich im
Betrieb fest verankern konnte. Ihr Vorgehen war eine bewusste
Provokation. Die Opposition, die nun die Mehrheit der Belegschaft hinter
sich hatte, musste wiederum mit aller Klarheit und Schärfe den Anschlag
der Betriebsleitung abschlagen, selbst angesichts der nicht zu
leugnenden großen Schwierigkeiten.
Die
gestürzten Alleinherrscher, die Kühne und Schmachel und Fahs, sagten
kein Wort. Zwar schlug ihnen das Herz bis zum Halse vor freudiger
Aufregung und Genugtuung, aber sie taten so, als ginge sie das alles
nichts mehr an, was sich im Betrieb ereignete.
Der
Betrieb selbst war wie in Auflösung begriffen. Alles lief
durcheinander. Überall standen Gruppen und diskutierten. Die Latrine
war gedrängt voll. Gearbeitet wurde fast gar nicht.
Der
Hobler, Drohn und Melmster waren unermüdlich. An den Drehbänken und
Schmiedefeuern, an den Feilbänken und bei den Montageschlossern wurde
die proletarische Einheitsfront gegen die Unternehmerfrechheit
geschmiedet. Einen neuen wichtigen Bundes- und Kampfgenossen hatte die
Opposition erhalten. Der „Gottsucher" arbeitete im Sinne der
einheitlichen Kampfesfront mit verbissener Zähigkeit unter den
Tischlern. Diese wollten sich neutralisieren, denn der
Holzarbeiterverband hatte einen Tarif mit zehn Prozent Lohnzuschlag
abgeschlossen, und nun behaupteten sie, der Kampf im Betrieb sei eine
alleinige Angelegenheit der Metallarbeiter. Wenn die Tischler im Betrieb
blieben, war die einheitliche Front gesprengt.
Der
„Scharfe", der bei ähnlichen Anlässen immer vornweg war, stand
abseits und verhielt sich völlig passiv.
Der
Hobler trat dicht zu ihm heran und flüsterte ihm unter vier Augen etwas
zu. Der „Scharfe" wurde über und über rot und erklärte, unter
diesen Umständen seine Entlassung fordern zu wollen.
Mit
den Worten: „Ich habe immer gewusst, dass du ein Feigling bist!"
verließ ihn der Hobler.
Kaum
hatte die Fabriksirene Mittag angezeigt, strömten aus den Hallen die
Arbeiter auf den Fabrikhof. So von der Arbeit weg, mit den vor Schweiß
und Dreck schmutzigen Gesichtern, standen sie, das Mittagsbrot in den Händen,
Kopf an Kopf vor dem Maschinenhaus, wo der Dreher Dresen auf eine
Abfalltonne geklettert war und redete. Ein feiner Regen fiel, und
rundherum starrten die grauen, rußigen und schmierigen Fabrikwände auf
den Hof.
Der
alte Dreher stellte die anwesenden Arbeiter vor die Entscheidung:
Unterwerfung unter das Unternehmerdiktat oder Streik.
Aus
den Bürofenstern guckten interessiert die Angestellten und Büromädel.
Sogar der humpelnde Pförtner blickte erwartungsvoll um die Ecke. Der
Regen wurde stärker.
Als
der Alte mit seiner Rede zu Ende war und von der
Tonne
stieg, war kein Laut zu vernehmen. Bei der Abstimmung aber stimmten fast
alle für Streik.
Langsam
kehrten die Arbeiter in die Hallen zurück und ordneten alles zum
Verlassen der Fabrik. Mit Tränen vor Wut in den Augen stürzte der
„Gottsucher" in den Umkleideraum. Die Tischler arbeiteten.
Von
Kapitalisten, Bonzen und Schlichtern.
Die
Gastwirtschaft Horning war Streiklokal. In einem kleinen Klubzimmer
tagte die Streikleitung in Permanenz. Hier wurden Streikposten und
Kuriere bestimmt, Kontrollisten der streikenden Arbeiter geschrieben,
hier wurden Meldungen entgegengenommen und Ordern erteilt.
In
der Gastwirtschaft selbst und an der Theke saßen die Arbeiter. Einige
lasen, andere knobelten, und ganz hinten in der Ecke spielten zwei
Schach. Dabei schwirrten ununterbrochen Reden durch die Luft, denn es
wurde oft überlaut diskutiert.
Etwas
nach zehn Uhr war eine Versammlung gewesen, in der Drohn über die
Organisation des Streiks und die ersten Maßnahmen der Streikleitung
referiert hatte. Die Arbeiter waren zuversichtlich, keiner rechnete mit
einem langen Anhalten des Ausstandes.
Die
bekannten Sozialdemokraten im Betrieb, wie Kühne, Schmachel, Bleckmann
oder Scharff, hatten sich nicht bei der Streikleitung gemeldet. Doch außer
den Tischlern arbeitete keiner im Werk.
An
der Tür des Klubzimmers, in dem die Streikleitung arbeitete, war eine
„Streikzeitung" befestigt. Es war ein schwarzes Brett, auf dem
allerlei Neuigkeiten und Meldungen über die Streiklage angeheftet
wurden.
Der
Hobler kam aus dem Zimmer und nahm die schwarze Tafel vom Nagel.
„Hallo,
Hans! Trink einen mit!" rief ein junger Arbeiter von der Theke und
schwenkte ihm ein halbvolles Bierglas zu.
„Nee,
lot man!" winkte der Hobler ab und verschwand wieder hinter der Tür.
-
„Hohoooo!
- Halloooo!" brüllten einige im Chorus an der Theke.
„Was
ist denn los?"
„Der
Blechklopper behauptet, wir erreichen nichts!"
„Tun
wir auch nicht!" kreischte ein kleiner, spindeldürrer Mann, dem
die spitzen Backenknochen aus dem Gesicht stachen.
„Tun
wir auch nicht!" wiederholte er und fuchtelte mit den Armen in der
Luft umher.
„Aber
warum denn nicht, Vadder Brahle?" fragte ruhig ein selbstbewusst lächelnder
Schlosser.
„Das
einzige, was wir uns holen werden, sind Beulen!"
„Du
willst wohl miesmachen!" herrschte ihn grob der hagere Schmied an.
„Wir
stehen doch ganz allein, und die andern sind mächtig!" sprudelte
der Blechschmied los, seine Worte überrannten sich, der Speichel
spritzte ihm aus dem Mund.
„Wer,
die andern?"
„Alle!
Alle! Kapitalisten und Polizisten und Bonzen und Schlichter und
Miesmacher und... !" „Da gehörst du ja auch zu!"
„Ich?
Ich?" kreischte der Kleine und hob seine Arme. „Du Lümmel!"
„Ruhe!
Ruhe! Keine Prügeleien!" rief der Schmied. „Beruhige dich,
Vadder Brahle!"
„So
unrecht hat er gar nicht!" meinte einer, der nahe an der Theke saß
und den Würfelspielern zusah. „Man darf aber keine Mutlosigkeit
predigen!" Der Hobler hängte das Schwarze Brett wieder an. Einige
Zeitungsausschnitte waren neu angeklebt.
Mehrere
Arbeiter gingen hin, um zu lesen. Ein schmalbrüstiger Arbeitsbursche
las auf Wunsch laut vor: „Zu dem Lohnabkommen in der norddeutschen
Metallindustrie schreibt die bürgerliche Presse: Gewerkschaftliche
Tapferkeit. - Ein beachtenswerter gewerkschaftlicher Vorgang ist der auf
einer Versammlung vom Deutschen Metallarbeiterverband gefasste
Beschluss, die Kündigung des Lohntarifs in der Eisenindustrie
Nordwestdeutschlands zu unterlassen. Ein solcher Beschluss, trotz
Verlangens der radikalen Mitgliedschaft nach Lohnerhöhung, bedeutet den
Sieg des Standpunktes, dass nur Preisabbau die Industrie von dem
schweren Druck befreien kann. Der Beschluss zeugt von Einsicht und
entschlossener Tapferkeit besonnener Gewerkschafter. Das Börsenblatt
der Industrie, das ,Berliner Tageblatt': Die Ortsverwaltung des
Metallarbeiterverbandes empfahl im Einverständnis mit den Arbeitgebern,
in Anbetracht der augenblicklichen Wirtschaftslage in Norddeutschland
von einer Kündigung des Tarifs abzusehen." „Die Unternehmer sind
also mit den reformistischen Gewerkschaftsbonzen sehr zufrieden."
„Die ja - aber wir absolut nicht!" schrie der Schmied heiser.
„Diese Bande steckt ja mit den Unternehmern unter einer Decke!"
„Wir
haben sie gemästet!" stöhnte ein weißhaariger Arbeiter.
„Aber
sie wollen die Preise senken?"
„Was?
- Haha! - Alles Schwindel!" schrie es nun durcheinander.
„Alles
Lug und Trug! - Spitzbübereien! - Wer glaubt denn daran?"
Melmster
trat ein, grüßte und ging sofort in das kleine Klubzimmer.
Hier
saßen an einem länglichen Tisch der Hobler Hans, Drohn und ein ihm
unbekannter Kollege. Der „Gottsucher" war auch da. Er saß am
Fenster und schrieb Listen.
„Die
da oben verwerfen unsern Streik und erklären ihn für wild!"
„Diese
Schurken!" rief der „Gottsucher".
„Das
war vorauszusehen!" meinte kühl der Hobler.
„Wisst
ihr, wer im Gewerkschaftsbüro war?"
„Und?"
„Olbracht
und Kühne."
„Und
was taten sie, als sie dich sahen?"
„Olbracht
grinste!"
„Und?"
„Dann
gingen beide in einen Nebenraum, an dessen Tür ,Privat' stand!"
„Was soll man dazu sagen!"
„Die
Gewerkschaften unterstützen uns also nicht?"
„Unterstützen?"
lachte Melmster. „Sie werden alles versuchen, um unsern Kampf
schnellstens zu liquidieren."
„Und
was beginnen wir nun?" fragte der „Gottsucher".
„Wir
kämpfen weiter - ohne Gewerkschaften!"
„Und
gegen die Gewerkschaften!"
„Die
Internationale Arbeiterhilfe muss helfen!" Plötzlich wurde die Tür
aufgerissen. „Kollege Ahrnfeld, die Tischler verlassen die
Fabrik!"
„Hallo!"
rief der „Gottsucher" und schoss hoch. „Da muss ich
laufen!"
„Komm
sofort wieder!" rief ihm der Hobler nach.
„Sie
werden alle Minen gegen uns loslassen!"
„Dora
erzählt, die Firma ist ungeheuer im Druck. Riesige Konventionalstrafen
drohen. Der Schaden ist unermesslich, und jeder Tag vergrößert ihn.
Die Firma kann das nicht lange aushalten, sie muss kapitulieren!"
„Die
Gewerkschaften aber wollen, dass nicht die Firma, sondern wir
kapitulieren müssen!" entgegnete Melmster.
„Du
übertreibst!" warf Drohn dazwischen.
„Aber
nein! Gewinnen wir, ist das ein Schlag gegen die Reformisten und eine Stärkung
unserer Opposition - und das wollen sie auf alle Fälle vermeiden!"
„Und
du meinst, dass sie lieber den Unternehmer als uns triumphieren
lassen?"
„Aber
selbstverständlich, Drohn! Mit ihrer Wirtschaftsdemokratie, überhaupt
mit dem heutigen Wirtschaftssystem leben und sterben sie!"
„Wie
viele haben sich registriert?" -
„Zweihundertvierundachtzig!"
„Dann
fehlen... ?"
„Zirka
fünfunddreißig!"
„Das
Verhältnis ist nicht übel!" Der „Gottsucher" riss die Tür
auf und stürzte herein.
„Aussperrung!"
keuchte er.
„Was?"
riefen alle wie aus einem Munde.
„Die
gesamte Belegschaft ist ausgesperrt! Die Tischler mussten die Fabrik
verlassen!"
„Na,
was sagt ihr nun?" wandte sich Drohn an Melmster und den Hobler.
Was
mag dahinterstecken? fragte sich Melmster.
Dresen
macht einen Besuch.
Am
Nachmittag desselben Tages stand bereits in allen bürgerlichen Organen
und in der sozialdemokratischen Tageszeitung folgendes Inserat:
Aussperrung
Seit
einigen Wochen wühlen in unserer Maschinenfabrik einige kommunistische
Unruhestifter, die, reichlich mit Geldmitteln versehen, eine
Betriebszeitung herausgaben und immer wieder versuchten, die Belegschaft
aufzuputschen und die besonnenen Arbeiter zu terrorisieren. Nun ist ihr
verbrecherischer Anschlag geglückt. Ein Teil unserer Belegschaft hat
den Betrieb verlassen. Die Betriebsleitung unseres Werkes fühlt sich
eins mit den freigewerkschaftlichen Instanzen, die diese Treibereien auf
das schärfste verurteilen und diesen Streich der kommunistischen
Krakeeler einen kalten Putsch und wilden Streik nennen.
Um
nun derartigen Vorkommnissen ein für allemal die Spitze abzubrechen und
den besonnenen Familienvätern Lohn und Brot zu sichern, hat sich die
Betriebsleitung veranlasst gesehen, sämtliche Arbeiter auszusperren und
die Fabrik zu schließen.
Nach
einer gründlichen Säuberung der Belegschaft von allen verbrecherischen
Elementen werden wir unser Werk wieder öffnen. Alle Arbeiter, die dann
wieder bei uns eingestellt werden, erhalten schriftlichen Bescheid.
Die Betriebsleitung der Maschinenfabrik
Negel & Kopp
Der
alte Dreher Dresen, der einundzwanzig Jahre dem freigewerkschaftlichen
Deutschen Metallarbeiterverband angehörte, ging am andern Morgen zum Büro
der Organisation. Die Büroräume der Gewerkschaft waren große, helle
Zimmer, die kunstvoll tapezierte Wände und einen spiegelblanken
Linoleumboden hatten. Hinter und zwischen den Schreibtischen standen
mehrere Blumentische mit kostbaren Blumen und bizarren Kaktusgewächsen.
An den großen Fenstern waren Aquarien angebaut, in denen sich
Goldfische und Schleierschwänze tummelten. Der alte Dreher stellte sich
an einen der vielen Schalter und wartete geduldig, bis der Kollege
Gewerkschaftsfunktionär hinter dem Schalter zu ihm aufsehen und ihn
nach seinen Wünschen fragen würde. Das dauerte freilich eine ganze
Weile, mit einer beneidenswerten Ruhe kritzelte dieser mit dem Bleistift
auf einer Kartothekkarte herum und suchte dann scheinbar etwas in einem
der vielen Schubfächer des Schreibtisches. Mit der Gelassenheit und
Ruhe eines regelmäßig um diese Zeit frühstückenden Menschen kaute an
einem andern Tisch ein Kollege Angestellter sein Butterbrot und blätterte
dabei interessiert in der neusten Nummer der „Berliner
Illustrierten". Ein anderer stand in den Knien gehockt vor einem
Aquarium und neckte schelmisch die Goldfische, indem er hin und wieder
ans Glas klopfte und dann kicherte, wenn sich die Fische erschrecken ließen.
Dresen
musste an die streikenden Kollegen denken. Hier war Frieden und
Geruhsamkeit, hier musste das Wort „Kampf" ein Störenfried sein,
hier war auch kein Lüftchen der Atmosphäre, die an der Drehbank und an
dem Schraubstock herrschte, hier kannte man keine Stopp- und
Kontrolluhren, keine Akkordhatz, keine Rationalisierung, hier stand
unsichtbar über jedem Schreibtisch: „Mei Ruh' will i ham."
Der
Alte wollte gerade umkehren, weil ihm der Zweck
seines
Kommens plötzlich absurd vorkam, als tatsächlich der Kollege hinter
dem Schalter den wartenden Dreher eines Blickes würdigte und ihn sogar
nach seinen Wünschen fragte.
„Ich
komm von der streikenden Belegschaft der Maschinenfabrik N. & K. und
möchte den Kollegen Peters sprechen!" erwiderte ruhig der Dreher
und gab sein Verbandsbuch durch den Schalter.
Zwei
zusammengekniffene Augen blinzelten ihn durch die Brillengläser an.
„Einen Augenblick!"
Plötzlich
zuckte der Schalterbeamte jäh zurück. Er hatte sich von seinem
Schreibtisch erhoben und wollte ins anliegende Zimmer gehen, als er
einen kleinen Stapel Verbandsbücher etwas schief auf dem Aufsatz seines
Pultes liegen sah. Sorgfältig klopfte er den Haufen Bücher zusammen
und stellte ihn, mit zurückliegendem Kopf abschätzend, symmetrisch
hin. Dann erst ging er befriedigt durch das Büro in einen Nebenraum.
Dresen
sah sich um. Hinter ihm standen bereits vier Arbeiter. Der eine wurde
schon ungeduldig und sah einige Male, leise vor sich hin fluchend, zum
Schalter.
„Einen
Augenblick musst du noch warten!" kam der Schalterbeamte zurück
und steckte seinen Kopf durch die Schalteröffnung.
„Darauf
wird man hier wohl dressiert?"
„Ich
kann mich nicht zerreißen!" schrie es aus dem Schalter hervor, und
zwei beleidigte und wütende Blicke trafen den Dreher.
Das
erste, was dem Dreher Dresen auffiel, als er in das Zimmer des ersten
Bevollmächtigten des Metallarbeiterverbandes trat, war ein riesiges
Ebert-Bild in einem breiten, pechschwarzen Rahmen. Es hing dem Eingang
gegenüber, und darunter saß an einem Diplomatenschreibtisch der
breitschultrige Peters, aus dessen bartlosem Gesicht ein paar stahlgraue
Augen hervorstachen.
„Kollege,
was führt dich her? Setz dich dorthin - ja dorthin!"
Der
Alte setzte sich etwas umständlich und verwirrt in einen niedrigen,
gepolsterten Tuchstuhl.
„Wegen
des Streiks und der Aussperrung!"
„Ja,
ja - dumme Sache, Kollege, wie konntet ihr euch von den paar Jungens im
Betrieb verleiten lassen und leichtfertig in einen Streik treten?"
„Ein
paar Jungens?" Der Alte sah ihn ganz erstaunt an. „Elf Zwölftel
der Belegschaft stimmten für Streik, Kollege Peters!"
„Ich
sagte ja, ihr habt euch verleiten lassen!"
„Keiner
wurde verleitet. Das ist alles Unsinn. Es blieb der Belegschaft gar
nichts anderes übrig, als in den Streik zu treten, und ich bin nur
gekommen, um zu erfahren, wie sich eigentlich die Leitung des Verbandes
die Angelegenheit denkt!"
„Das
sollte dir als altem Kollegen klar sein!" erwiderte etwas verärgert
der Verbandsleiter. „Dir ist doch bekannt, dass sich unsere
Organisation mit dem Unternehmerverband geeinigt hat. Der Streik bei
euch widerspricht den Abmachungen, die wir nicht durchbrechen können
noch wollen. Der Verband hat also mit der disziplinlosen Aktion der
Belegschaft von N. & K. absolut nichts zu tun!"
„Und
die Aussperrung?" fragte der alte Dreher, der den Bevollmächtigten
unentwegt anstarrte.
„Ist
doch nur eine automatische Folge eures wilden Streiks! - Natürlich
haben wir bereits in dieser Angelegenheit mit der Firma verhandelt, aber
die setzt sich aufs hohe Pferd und will nur die ihr angenehmen Arbeiter
wieder einstellen."
„Ihr
habt verhandelt? Davon wusste ja von uns keiner etwas!" entgegnete
erstaunt der Dreher. „Nun, es war unsere Pflicht."
„Eure
Pflicht?" lächelte bitter der Alte, und seine Kiefer zitterten vor
Aufregung. „Eure Pflicht? Mir scheint, eure Pflicht wäre etwas
anderes!"
„So,
was denn?"
„Uns
in unserem Kampf zu unterstützen!" schrie nun der Alte, der sich
nicht mehr länger beherrschen konnte, los. „Statt dessen paktiert ihr
hinter unserm Rücken mit dem Unternehmer und organisiert unsere
Niederlage. Seid ihr eigentlich noch unsere Vertreter oder
Unternehmeragenten?"
Der
Verbandsleiter erhob sich langsam und erwiderte kaltschnäuzig: „Anpöbeleien
dulde ich in diesem Zimmer nicht!"
Der
Dreher hatte sich ebenfalls erhoben und starrte den ihm ruhig gegenüberstehenden
Peters an. Seine Zähne schlugen hörbar aufeinander.
„Als
zwanzigjährig organisierter Arbeiter würde ich vorsichtiger in meinem
Urteil sein!"
„Wieso?
Wieso?" brachte erregt der Dreher hervor.
„Um
mir die Vorteile meiner Mitgliedschaft zu sichern."
„Was?"
brüllte der andere, und er wurde blau in seinem faltigen Gesicht.
„Wollt ihr mich auf die Art kaufen? Schufte seid ihr! Schufte! Betrüger
und Verräter!"
Der
Verbandsleiter stieß mit dem Fuß gegen die Tür, dass sie krachend
aufflog. -
Am
Schalter verweigerte der Gewerkschaftsangestellte dem fortwährend
schimpfenden Dreher das Mitgliedsbuch und drohte mit Anzeige wegen
Hausfriedensbruch und Polizei.
Die
Internationale Arbeiterhilfe.
Fast
eine Woche dauerte nun schon der Streik. Die Fabrik lag da wie
ausgestorben. Kein Rad drehte sich. Nur eine dünne Rauchfahne stieg aus
dem hohen Schlot hervor. Jeden Morgen fünfzehn Minuten vor sieben fuhr
wie immer das grüne Bäckerauto vorbei. Jeden Morgen fünf Minuten vor
sieben liefen die Arbeitermädels hurtig über die Kanalbrücke zur
Gummifabrik. Jeden Morgen um sieben Uhr, wenn sonst die Transmissionen
in den Hallen zu rattern begannen und die elektrischen Blasebälge
pfiffen, die Sägen kreischten, heulte auch die Fabriksirene. Der
humpelnde Pförtner musste etwas Dampf für die Heizkörper in den Büroräumen
halten und auf Anordnung der Betriebsleitung wie an normalen
Arbeitstagen, auf die Sekunde genau, die Sirene heulen lassen. Es wirkte
gespenstisch, wenn aus dieser wie tot daliegenden Fabrik plötzlich die
Sirene aufschrie.
Das
Leben um die Fabrik herum ging aber den alltäglichen Gang weiter.
Im
Streiklokal waren jetzt immer bedeutend weniger Arbeiter anwesend. Das
Geld wurde knapp. Jedes Glas Bier schwächte die Streikfront, denn es
schwächte die wirtschaftliche Widerstandskraft der Kämpfenden, und bei
vielen der Streikenden warteten im Hause hungrige Mäuler.
Fast
sämtliche Streiker waren gewerkschaftlich organisiert, viele zehn und
zwanzig Jahre, und diese Arbeiter, die jahrzehntelang regelmäßig ihren
Beitrag den Gewerkschaften gezahlt hatten, bekamen nun in ihrem
Wirtschaftskampf keinen Pfennig Unterstützung. Die heutigen
Gewerkschaftsführer fühlten sich für die Erhaltung der Ruhe und
Ordnung der kapitalistischen Wirtschaft verantwortlich, nicht dafür,
dass mit den steigenden Lebensmittelpreisen auch die Löhne der Arbeiter
stiegen. Sie waren sogar die Grundpfeiler dieser kapitalistischen
Wirtschaftordnung geworden, und sie betrachteten ihre Aufgabe lediglich
darin, innerhalb dieser Wirtschaftsstruktur dem Arbeiter nach Möglichkeit
ein Existenzminimum zu erhandeln.
Als
die Arbeiter nun in ihrem Kampf von den Gewerkschaften verraten wurden,
trat die Internationale Arbeiterhilfe auf den Plan, die proletarische
Proviantkolonne, die stets dort eingreift, wo kämpfende Arbeiter Not
leiden.
Sie
hatte auch zur Unterstützung der Streiker von N. & K. eine
Hilfsaktion organisiert. Im Laufe des Tages war eine Wagenladung Brote
und Pakete bei Horning abgeladen worden, und nun arbeiteten im großen
Saal eine Anzahl selbstloser Helfer dieser Organisation, um eine
geregelte Verteilung der Lebensmittel durchführen zu können. Auch
zahlreiche Frauen der streikenden Metallarbeiter, die auf diese Weise
ihr Teil dazu beitragen wollten, die Kampffront ihrer Männer zu stärken,
halfen tatkräftig mit.
Melmster
schrieb an einer Liste. Sämtliche Arbeiter von N. & K. mussten
registriert werden. Jeder einzelne musste darauf aufmerksam gemacht
werden, dass er Anspruch auf sein Quantum Lebensmittel hatte.
„Famose
Sache, diese IAH!" meinte ein junger Genosse, dem man ansah, dass
er viel Sport trieb. Er saß neben Melmster und schrieb Adressen auf
Briefumschläge.
„Die
hat auch Lenin ins Leben gerufen!"
„Wirklich?"
„Weißt
du das nicht, Hermann? Das war damals, als nach dem Bürgerkrieg in
Russland im Wolgagebiet Hungersnot ausbrach und Millionen Menschen nicht
wussten, womit sie das nackte Leben fristen sollten. Da hat Lenin einen
Aufruf erlassen, das Proletariat der ganzen Welt sollte als Zeichen der
brüderlichen Solidarität aller Werktätigen Hilfe für die Hungernden
organisieren. Millionen Arbeiter der ganzen Welt, Engländer,
Amerikaner, Chinesen, Japaner, Franzosen, Deutsche, gaben freiwillig ihr
Scherflein. Mehrere Millionen Mark kamen damals zusammen. Dazu riesige
Mengen von Lebensmitteln, Kleidungsstücken, Medikamenten, die ins
Hungergebiet geschickt wurden. Es war das größte Zeichen der
Arbeitersolidarität, das die Welt bis dahin gesehen hatte." Der
junge Schlosser hörte interessiert zu.
„So
ist die Internationale Arbeiterhilfe entstanden. Sie ist die einzige
proletarische Hilfsorganisation in der ganzen Welt. Übrigens ist der
Generalsekretär ein Deutscher. Wenn nun irgendwo in der Welt, ob in
Amerika, Deutschland oder China, Arbeiter im Streik sind, greift die IAH
ein und sorgt dafür, dass es den Unternehmern nicht gelingt, die
streikenden Arbeiter auszuhungern. Kein Gewerkschaftsbonze kann sich
dazwischendrängen, die Arbeiter sorgen selbst dafür, dass die Hilfe an
die Richtigen kommt. So wird jetzt auch unseren Genossen geholfen
werden."
„Das
habe ich bis jetzt noch gar nicht gewusst!" sagte der Schlosser und
wurde über und über rot.
„Das
ist schlimm genug!" sagte Melmster und lachte. „Nach dem Streik
trete ich bestimmt in die IAH ein!" „Recht so, Hermann!"
Gutmütig klopfte Melmster dem Kollegen auf den Rücken. Die Arbeit ging
weiter.
Vormittags
um elf Uhr begann die Verteilung der Brote und Lebensmittelpakete. Es
wurde nicht gefragt, welcher politischen Gesinnung der einzelne war,
sondern jeder im Kampf stehende Arbeiter erhielt sein Teil.
Unter
scherzhaften Zurufen ging die Verteilung vor sich. Einige Frauen standen
wartend vor dem Lokal und nahmen hastig und aufatmend die Brote und
Lebensmittel von ihren Männern in Empfang. Etwas nach zwölf Uhr waren
über zweihundertfünfzig Arbeiter für einige Tage mit Lebensmitteln
versorgt.
„Hest
diene Kampfration weg?" fragte der hagere Schmied, der jetzt in
seinem grauen Jackett mit dem bunten Patentvorhemd noch knochiger und
hagerer aussah.
„Dat
weur ok bannig Tied!" erwiderte der Gefragte, der seine Pakete in
einen mitgebrachten Bogen Zeitungspapier wickelte und vergnügt seine
beiden Brote unter den Arm kniff.
„Wenn
uns die übrigen Arbeiter weiter solidarisch zur Seite stehen, werden
wir schon durchhalten!" mischte sich ein Dritter ins Gespräch.
„Die
sollten lieber wie wir ihre Betriebe stilllegen!"
„Die
Gewerkschaften verhindern das!"
„Wir
haben uns doch auch nicht hindern lassen." Darauf wusste der andere
nichts zu sagen.
„Wir
müssen von uns aus, über die Köpfe aller Instanzen hinweg, die
proletarische Einheitsfront bilden!" begann erneut der junge
Dreher.
„Das
ist eine alte Phrase. Wie soll denn das geschehen?"
„Durch
die Wahl roter Betriebsräte!"
„Und
wenn sie gewählt sind, schmeißt der Unternehmer sie raus!"
„In
allen Betrieben müssen sie gewählt werden!" erhitzte sich der
Junge, „und dann müssen von allen Werken die Betriebsräte
zusammengefasst werden. Nur sie sind dann unsere Vertretung, und auf
diese Art werden alle Arbeiter durch ihre selbstgewählten Vertreter
zusammengefasst und eine einheitliche Masse!"
„Der
Junge hat nicht so unrecht!"
„Mensch,
was wird das für Arbeit kosten?" Der alte Schlosser schüttelte grübelnd
und zweifelnd den Kopf.
„Natürlich
viel Arbeit!" rief der Junge, „aber wenn wir nicht so arbeiten,
kommen wir nicht weiter, und wir werden nie dieses verruchte System
beseitigen!" -
„Was
ist denn das für ein Spektakel auf der Straße?" In der Nähe des
Lokals wurde geschrieen, einige Straßenpassanten liefen an der
Gaststube vorbei.
„Polizei!
Polizei!" kreischte eine Frauenstimme. Die Arbeiter stürmten aus
dem Lokal. An der Straßenecke war ein Menschenauflauf. Aus der
Hauptstraße kamen zwei Tschakos angerannt.
Zwei
Arbeiter hatten sich offenbar geprügelt. Der eine, ein breiter, stämmiger
und schlecht gekleideter Arbeiter, war völlig ruhig und ließ sich von
einigen Kindern seine beiden Brote und die Pakete wiedergeben. Der
andere sah furchtbar zerzaust aus und blutete im Gesicht. „Herr
Wachtmeister! -Herr Wachtmeister!" - Er schnappte mühsam nach
Luft. „Der Mensch hat mich ohne Grund misshandelt! - Ohne Grund! - Ich
bin kein Rowdy! - Ich falle auf der Straße keinen friedfertigen Bürger
an!"
„Sie
kommen mit zur Wache!" wandte sich der Sipo an den Arbeiter, der
mit seinen Broten und Paketen neben dem Polizisten stand. „Warum haben
Sie diesen Mann verprügelt?"
„De
Internationale Arbeiterhilfe, de uns in unsern Streik helpen deit, is ne
,kommunistische Heilsarmee', het he seggt -und dorvor het he en Morsvull
kregen!"
„Also
kommen Sie!"
„Jo,
dat do ick ok!"
Streikbrecher gesucht.
„Das
macht ein hübsches Sümmchen!" nickte Dresen. „Einundzwanzig
Jahre, über tausend Wochen, habe ich mir den Beitrag für den Verband
vom Lohn abgezwackt, und wofür? Wofür? Wir haben eine Bonzokratie gezüchtet
und uns im riesenhaftesten Ausmaß selbst die Fesseln um die Gelenke
gelegt!"
„Hat
er dir denn nicht irgend etwas Grundsätzliches mitgeteilt?" fragte
Melmster den Alten.
„Grundsätzliches?"
überlegte Dresen. „Natürlich! - Dass sie grundsätzlich nicht kämpfen
können, dass sie das Abkommen mit den Unternehmern respektieren müssen!"
„Ich
meinte...!"
„Ja!
Ja!" fiel ihm der Alte ins Wort, „und dann hat er mir den Rat
gegeben, auf meine alten Tage doch das Maul zu halten!"
„Auf
deine alten Tage? Wie soll man das verstehen?" warf Drohn ein.
„Invalidität!"
bemerkte bissig der Alte.
„Ja,
das ist wirklich kein Rätsel!" lachte Melmster. „Das ist das
korrumpierende Argument, mit dem die reformistische Bonzokratie
raffiniert zu arbeiten weiß. Wer soundso viele Jahre Mitglied des
Verbandes ist, bekommt in einem bestimmten Alter eine monatliche
Invalidenrente ausgezahlt. Wer sich aber auf der anderen Seite im
Verband oppositionell betätigt und reformistischen Bonzokratien lästig
wird, fliegt aus der Gewerkschaft raus und wird damit seiner Rente
verlustig, selbst wenn er wie Dresen einundzwanzig Jahre Mitglied
war!"
„Darum
sind die Jubiläumsmitglieder des Verbandes so bürokratietreu!"
ergänzte der Hobler.
„So
machen sie aus den Gewerkschaften, die Kampforganisationen für höhere
Löhne und eine endgültige Befreiung der Arbeiterklasse sein sollen,
eine Invalidenversicherung!"
„Die
nur Mamelucken Rente zahlt!"
„Mir
tut jede Mark leid, die ich diesen Halunken in den Rachen geworfen
habe!" brummte der Alte. „Dresen, die Gewerkschaften sind keine
Angelegenheit von einer Handvoll Schurken, die Gewerkschaften sind wir,
trotzdem reformistische Schurken mit allen Mitteln und durch ausgeklügelte
Statuten jede Arbeiterdemokrade in den Gewerkschaften unterbinden und
sich durch Verrat an den Interessen der Arbeiterklasse die
schwerbezahlten Positionen erhalten", sagte Drohn.
„Ich
ziehe heute einen Schlussstrich!" erklärte entschlossen der Alte.
„Du
darfst die Mitgliedschaft nicht einfach von dir werfen!" fiel ihm
Melmster wieder ins Wort.
„Brich
aufs entschiedenste mit der Sozialdemokratie, mit der konterrevolutionären
Ideologie des wirtschaftsfriedlichen Reformismus, aber bleib, bleib auf
alle Fälle als gärender Sauerteig in der Organisation, wo du vor dem
Forum der Gesamtarbeiterschaft in der Opposition aufklärend und
revolutionär wirken kannst. Wir dürfen den Reformisten nicht die
Arbeit erleichtern und Tausenden Arbeitern den Rücken kehren und sie
diesen Schurken überlassen!"
„Sie
werden uns aus dem Verband werfen, wenn wir ihnen gefährlich werden und
wenn wir drei Viertel der Belegschaft hinter uns haben!"
„Wenn
wir drei Viertel der Mitglieder fest hinter uns haben, sind wir der
Verband, nicht das übrige Viertel!"
„Also
Spaltung der Gewerkschaften?"
„Nein,
keine Spaltung, aber Eroberung der Mehrheit der Mitgliedschaft!"
„Sie
werden uns alle ausschließen!"
„Wir
werden uns dagegen wehren und die Mitgliedschaft fest unter der Führung
der RGO zusammenhalten."
Wie
an jedem Tag saß in dem kleinen Klubzimmer bei Horning die
Streikleitung oder der Viermännerausschuss, wie die Kollegen sagten,
beisammen. Melmster, der der Streikleitung nicht angehörte, wartete auf
einen Schlosser, mit dem er zusammen in einigen Minuten die Streikposten
für drei Stunden ablösen sollte.
Auch
der „Gottsucher" war anwesend. Er arbeitete mit einer
Aufopferung, als wollte er nachholen, was er in früheren Jahren versäumt
hatte.
Ein
großer, schlanker Arbeiter trat ins Zimmer. Melmster erinnerte sich an
das Gesicht, aber er wusste im Augenblick nicht, wer es war. „Na,
Helmut?" begrüßte ihn der Hobler. „Hier! Das habe ich heute
geschickt bekommen!" Er trat an den Tisch heran und überreichte
dem Hobler ein Schreiben.
Der
hatte kaum einen Blick hineingeworfen, als er ausrief: „Hallo! Die
Firma will morgen arbeiten!"
„Was?"
Alle sprangen von ihren Stühlen und drängten sich zum Hobler, der Wort
für Wort aus einem Einschreibebrief der Betriebsleitung an den Bohrer
Helmut Rohde las: „Wir haben uns entschlossen, die Tätigkeit in
unserer Fabrik wieder aufzunehmen. Wenn Sie am Donnerstag um sieben Uhr
sich zur Arbeit melden, gelten Sie mit den alten Rechten als
eingestellt.
Betriebsleitung
von Negel & Kopp" Alle blickten den Hobler an, als warteten
sie, dass er etwas darauf sagen würde. „So beginnt es!" brach
der Schlosser Drohn das Schweigen. „Was beginnt?" fragte ein
anderer, und dann schnatterte alles durcheinander: „Diese
Schufte!" - „Was nun?" - „Was tun wir?" - „Dahinter
stecken die Gewerkschaften!" - „Und Kühne und Schmachel."
„Hört einmal, Genossen!" rief der Hobler. „Wir müssen uns
sofort klar werden, was wir unternehmen wollen. Bleiben wir bei unseren
jetzigen Streikschutzmethoden, arbeiten morgen mindestens einige Dutzend
Streikbrecher in der Fabrik!"
„Die
Kühne, Schmachel und Fahs warten schon jeden Tag darauf!" rief der
„Gottsucher", der vor Erregung fieberte.
„Ja,
eben", fuhr der Hobler fort, „darum schlage ich vor, sämtliche
Kollegen sind morgen früh am Fabrikeingang und sehen sich an, was da
vorgehen soll!"
Von
allen Seiten wurde ihm zugestimmt. „Wir werden einen Streikschutz
organisieren", warf Melmster ein, „wie er in Amerika üblich ist.
Die ganze Belegschaft wird dabeisein. Die ganze Belegschaft wird
Streikposten stehen! Außerdem werden wir die Erwerbslosen zu Solidaritätsaktionen
alarmieren, damit es den Reformisten und Unternehmern nicht gelingt, sie
gegen uns auszuspielen. Die Erwerbslosen gehören mit in die
Streikfront!"
Der
Bohrer Helmut Rohde, der immer noch am Tisch stand, war völlig
vergessen. Sofort wurden jetzt von den Mitgliedern der Streikleitung die
Adressen der streikenden Kollegen aufgeteilt. Jeder sollte
benachrichtigt werden, dass er morgen früh um sechseinhalb Uhr vor der
Fabrik zu erscheinen habe.
Im
Laufe des Tages kamen noch einige Kollegen, die ebenfalls das Schreiben
der Betriebsleitung erhalten hatten. Jeder Arbeiter, der kam, wurde in
die Arbeit zur Organisierung der Abwehr des geplanten Streikbruchs
eingespannt.
„Was
wird morgen früh?"
„Wer
wird arbeiten wollen?"
„Wird
es uns gelingen, den Streikbruch zu verhindern?" Das waren die
Fragen, die jeden streikenden Arbeiter bewegten.
Vorerst
wurden die Streikposten verdoppelt. Einige Arbeiter mit Fahrrädern
wurden als Kuriere mit Adressenmaterial losgeschickt. Die Arbeit unter
den Kollegen hatte einen neuen Anstoß erhalten.
Melmster
war von der Streikleitung vom Streikpostenstehen befreit worden. Er saß
in einem Winkel der Gaststube und schrieb an einer längeren
Arbeiterkorrespondenz für die kommunistische Tageszeitung über die
Ursachen und den bisherigen Verlauf des Streiks.
Die
Polizei schießt.
Um
sechs Uhr drückten sich am andern Morgen schon die ersten Streiker in
den Eingängen und Terrassen der um die Fabrik liegenden Häuser herum.
Es war ein windstiller, milder, aber nebliger Morgen. In den Straßen
war es noch menschenleer. Die festen Schritte eines Arbeiters, der über
die Kanalbrücke ging, hallten in den Straßen wider. Hin und wieder
flammte Licht hinter den Fenstern der Wohnhäuser auf. Langsam kroch der
alltägliche graue Morgen in diesem Proletarierviertel heran.
Melmster,
der Hobler und der Rotkopf kauerten in einem Treppenflur. Ihnen gegenüber
lag in der nebligen Morgendämmerung die Fabrik. Melmster fror und hatte
sich ganz in einen alten Mantel verkrochen. Noch hörte man in der Ferne
die Schritte des einen Arbeiters.
„Der
,Gottsucher' und der Schweißer Georg stehen drüben in der
Terrasse!"
„Und
noch ein Dritter!"
„Ja,
am Ende des Häuserblocks kriechen auch einige herum!"
„Gut,
dass es nicht kalt ist!" „Mich friert abscheulich!" „Du
bist eben krank!"
Von
irgendwoher schlug es halb. Es schien so, als wenn nur wenige Arbeiter
inzwischen hinzugekommen wären. Es war überall still. Jetzt aber
gingen schon mit dem morgendlich müden Gang mehrere Arbeiter die Straße
entlang und über die Kanalbrücke. Ein junges Arbeitermädel mit
schlafgeschwollenen Augen hastete am Hauseingang, in dem die drei
standen, vorbei. Ein Rollwagen fuhr langsam, aber geräuschvoll in der
Nebenstraße. Der Nebel wich kaum.
„Dort
an der Brücke, der Schmied!" zeigte der Rotkopf mit der Hand.
Vor
der Kanalbrücke war ein Torweg, hier standen mehrere Arbeiter. Der
muskulöse Schmied Hennings war unter ihnen gut zu erkennen.
Im
Nebenhaus bellte wütend ein Hund. Stimmengewirr erklang dazwischen.
Vier bis fünf Arbeiter traten aus dem Hausflur heraus, und ein
Einwohner, der mit einem Hund die Treppen herunterkam, sah sich erstaunt
nach ihnen um. Wie die Minuten langsam dahinkrochen...
„Das
grüne Bäckerauto!" rief der Hobler.
„Jetzt
aufpassen!"
Gleich
musste die Uhr drei Viertel schlagen. Würde der Pförtner wie an den
Arbeitstagen sorglos das Tor öffnen? Durch den Nebel konnten die drei
nur auf der andern Seite, in unmittelbarer Nähe des Fabrikeingangs, die
beiden Streikposten patrouillieren sehen.
„Hörst
du?"
„Was?"
„Der
Pförtner!"
„Unsinn!"
„Doch!"
Ein
Geräusch war zu hören, als wenn ein Schlüssel in einem großen
Schloss rumorte.
„Halt!
Hier wird gestreikt!" brüllte eine Stimme, und als sei es ein
Signal, strömten aus den umliegenden Häusern und über die Straße
zahlreiche Arbeiter auf den Fabrikeingang zu.
Der
Schlosser Berlitt, der an diesem Morgen Streikposten war, stand dicht
vor einem Arbeiter und verweigerte diesem den Eingang in die Fabrik. Es
war der Dreher Schmachel. Mit aufgerissenen Augen starrte er die auf ihn
eindringenden Arbeiter an.
„Hast
du gehört, hier wird gestreikt!" Schmachel war keines Wortes mächtig.
Unschlüssig stand er da und sah, als begriffe er das Ganze nicht, um
sich.
„Gestreikt!
Gestreikt!" schrie ihm ein Arbeiter in die Ohren.
„Ich
fühle mich euch nicht verpflichtet!"
„Was?
- Was? - Du Kanaille!" schrie es um ihn her.
„Du
wirst es bald fühlen!" pflanzte sich ein baumlanger Schlosser vor
ihm auf, „und zwar, wenn du nicht schleunigst kehrtmachst!"
In
diesem Augenblick drang ein Geschrei von der Brücke herüber. „Hilfe!
Hilfe!"
Von
der Fabrik aus konnte man nicht viel sehen. Einige Arbeiter rannten über
die Brücke. Der ganze Platz vor der Fabrik wimmelte jetzt von
Arbeitern.
Plötzlich
schrie lang anhaltend die Fabriksirene fünf Minuten vor sieben. Ein
hundertstimmiges Gebrüll aus Arbeiterkehlen war die Antwort. In der
Straße brodelte es. Die Fenster der umliegenden Häuser wurden
aufgerissen, und verschlafene Gesichter sahen heraus. „Kollegen!"
Der
Hobler hatte sich auf einen Absatz der Fabrikmauer geschwungen.
„Kollegen! Wir wollen absolut keinen Krawall entfesseln, sondern nur
die Streikbrecherlumpen verjagen und unsern Streik schützen. Sämtliche
Kollegen bleiben hier als Streikschutz, aber jeder verhält sich ruhig,
keiner darf sich provozieren lassen!"
Scharenweise
patrouillierten die Arbeiter vor der Fabrik auf und ab. Dann heulte die
Sirene sieben Uhr. Diesmal wurde die demonstrative Mahnung des
Unternehmertums mit Gelächter beantwortet.
Eine
Sipostreife kam und forderte die Arbeiter zum Weitergehen auf.
„Hohoo!
- Hohoooo!" war die Antwort, und keiner wich. Der alte Dreher
Dresen ging an die Sipos heran und erklärte, dass sie lediglich
Streikposten ständen und soeben nur einige Streikbrecher verjagt hätten.
Der eine ältere Wachtmeister blickte sich um, sah sich von einem
Dutzend entschlossener Arbeiter umringt. Er lächelte vor Verlegenheit.
Die beiden anderen erwiderten: „So, so! - Ja, ja!"
„Was
war an der Brücke?" fragte Melmster.
„Der
Schmied!" beantwortete der Hobler die Frage.
„Und
wer?" bohrte Melmster weiter.
„Wen
meinst du?" lachte Hans. „Den Goliath!"
„Den?"
Melmster vergegenwärtigte sich die Ausmaße des Ex-Betriebsratsobmanns.
„Hat
Hordenkeile gekriegt!" knüpfte der Hobler belustigt an Melmsters
Ausspruch an. „Und hoffentlich saftig!" Melmster tat noch ganz
verwundert.
„Überhaupt
ist der feige wie ein altes Weib!"
„Guten
Morgen, Genossen!"
„Guten
Morgen!" grüßten die beiden den „Gottsucher". „Das hat
doch famos geklappt, nicht wahr?"
„Das
kann man wohl sagen!"
„Und
wie viele gekommen sind! Auch die Lehrlinge haben wir sämtlich wieder
nach Hause geschickt!"
„Die
waren doch sicherlich nicht ärgerlich darüber?"
„Nein,
gewiss nicht!" lachte der „Gottsucher".
„Was
ist denn das?" schrie der Rotkopf und zeigte nach vorn.
In
rasendem Tempo kam ein großes Polizeiauto die Straße heruntergejagt.
Kurz vor der Fabrik stoppte es hart. Sämtliche Arbeiter drängten sich
instinktiv zusammen. Ein paar kurze Kommandorufe, dann sprangen etwa
drei Dutzend Sipos vom Wagen, und unter dem Ruf des leitenden Offiziers
„Straße frei!" rückten sie gegen die Arbeiter vor.
Mit
Gebrüll und Gejohle wurden sie empfangen. Nach einigen Rempeleien zogen
sich die Streikenden geschlossen bis zur Kanalbrücke zurück. Die
Polizisten besetzten den Fabrikeingang. Alles war eine Angelegenheit von
Minuten.
Dann
fuhr ein zweites Polizeiauto heran und hielt direkt vor dem
Fabrikeingang. Eine Anzahl Arbeiter stiegen heraus. Als die Streikenden
auf der Brücke Olbracht, Kühne und Schmachel unter den Streikbrechern
erkannten, durchbrachen sie mit Geheul die Postenkette und fielen über
sie her. Eine wilde Schlägerei entstand. Der Schmied Hennings brach wie
ein Berserker in die Gruppe der Streikbrecher ein und schlug wie wild um
sich. Der Schlosser Fahs stürzte lang zu Boden, und über ihn wälzte
sich ein in sich verkrampfter Knäuel prügelnder Menschen.
Die
Sipos waren im ersten Augenblick vor Erstaunen wie gelähmt, jetzt
hieben sie blindlings mit ihrem Gummiknüppel nach allen Seiten hin.
Aber immer mehr Arbeiter wurden in den Tumult hineingerissen.
Plötzlich
kreischte ein Offizier: „Achtung, es wird geschossen!"
Einige
stoben auseinander. Der Menschenknäuel löste sich. Drei Sipos rissen
den Schmied hoch und wollten dessen Arme nach hinten schrauben. Der aber
wehrte sich wie toll. Der eine Sipo zog einen Revolver, aber bevor er
richtig anlegen konnte, taumelte er, durch einen Tritt in den Unterleib
getroffen, zurück. Als sich der Revolver dabei entlud, sank plötzlich
unter den zurückweichenden Arbeitern der „Gottsucher" laudos zu
Boden.
Durch
den Schuss waren die Polizisten selbst erschrocken.
Der
Schmied riss sich los und verschwand unter den übrigen Arbeitern.
Melmster
und der Hobler packten vorsichtig den „Gottsucher" und trugen ihn
in das nächste Treppenhaus. Das sowieso blasse Kerlchen sah mit
aufgerissenen Augen entsetzt auf Melmster. Er wimmerte leise und hielt
sich mit beiden Händen den Hals.
Als
Melmster die Hände um den Hals etwas zu lösen versuchte, sickerte dünnes
Blut hervor. „Genosse Melmster!" flüsterte wimmernd der
Tischler. „Was denn, Ahrnfeld?"
„Ich
möchte doch so gern der Partei beitreten!" hauchte er. „Natürlich,
das kannst du ja auch!"
Melmster
lächelte gewaltsam, und das schmale Kindergesicht des Tischlers lächelte
zurück. -
Auf
der Straße wurde gebrüllt. In den Häusern, an den Fenstern schrieen
die Frauen. Der Verkehr staute sich, und die Arbeiter, die durch diesen
Lärm aus allen Straßen herbeigelockt wurden, schwollen zu Massen an.
Am
Fabriktor stand die Sipoabteilung. Rundherum in dichten Scharen wogte
eine Kette erregter Arbeiter.
Mit
dem bekannten schrillen Signal nahte ein Krankenauto und hielt vor dem
Fabrikeingang. Der Streikbrecher Fahs wurde auf eine Bahre gelegt und in
das Auto geschoben. Als das Auto abfahren wollte, stürzte Melmster aus
dem Treppenflur und brüllte: „Halt! Halt!"
Das
Auto hielt. Vorsichtig wurde der bleiche Tischler, dessen Finger sich
noch immer um den Hals krallten, ins Auto neben den Streikbrecher
geschoben.
Wie
eine Mauer standen die Arbeiter um die Fabrik. Ein befreiendes Geschrei
erscholl, als die Streikbrecher wieder auf das Polizeiauto verladen
wurden und über die Kanalbrücke, von Schmährufen der Arbeiter
begleitet, davonfuhren.
Eine
kleine Abteilung Sipo marschierte ins Kontor der Fabrik, die übrigen
fuhren dem ersten Auto nach. -
Die
Streikfront war nicht erschüttert. In der Fabrik drehte sich kein Rad.
Aber Blut war geflossen. Arbeiterblut.
Ein Kapitel über Faschismus.
Melmster
hatte sämtliche Abendzeitungen gekauft. Die deutschnationalen
„Nachrichten" schrieben:
Blutige
Streikhetze der Kommunisten Heute früh kam es vor der Maschinenfabrik
von N. & K. zu blutigen Zusammenstößen zwischen streikenden
Arbeitern und der Polizei. Die Belegschaft dieser Firma steht seit
einigen Tagen im Streik. Einige arbeitswillige Elemente wurden von den
Streikenden misshandelt. Als die Polizei eingriff, gingen die
kommunistischen Unruhestifter auch gegen die Polizisten vor. Diese
mussten von der Schusswaffe Gebrauch machen. Nach dem Polizeibericht
wurden zwei Arbeiter verwundet. Der demokratische
„Generalanzeiger" schrieb: Schießerei vor der Maschinenfabrik N.
& K. -Ein Toter, ein Verwundeter
Bei
Zusammenstößen zwischen streikenden und arbeitswilligen Arbeitern, in
deren Verlauf die Polizei eingreifen musste, kam es zu Schießereien.
Bedauerlicherweise wurde ein junger Arbeiter durch Halsschuss tödlich
getroffen. Wer geschossen hat, ist noch nicht einwandfrei erwiesen. Die
Ruhe ist wiederhergestellt. Das Organ der SPD schrieb: Die Blutschuld
der Kommunisten -Ein Todesopfer der Moskauer Gewaltanbeter Mit
terroristischen Methoden ist es einer Handvoll junger Kommunisten in der
Maschinenfabrik N. & K. gelungen, die Belegschaft zu einem wilden
Streik zu provozieren. Die gemeinsten und verruchtesten Mittel wurden
gegen alte,
ergraute
Gewerkschaftler angewandt. Vor einigen Tagen erst wurde ein alter
Gewerkschaftler vom kommunistischen Janhagel in der Dunkelheit überfallen
und blutig geschlagen.
Natürlich
grenzen sich die Gewerkschaften von diesen verbrecherischen Methoden der
kommunistischen Gewaltanbeter scharf ab. Sie haben diesen wilden Streik
sofort als eine planmäßige Putschisterei gekennzeichnet, die kein
organisierter Arbeiter unterstützen darf. Als heute morgen der Betrieb
(nach einer Aussperrung seitens der Firma) wieder geöffnet werden
sollte, fiel eine Rotte Halbstarker über die alten Gewerkschaftler her.
Polizei musste den kommunistischen Janhagel zurückdrängen. Während
der Schlägerei wurde auch geschossen. Ein junger Tischler wurde tödlich
und ein älterer Arbeiter leicht verletzt. Es steht einwandfrei fest,
dass auf Seiten der Kommunisten geschossen wurde.
Melmster,
der die Zeitungsberichte vorgelesen hatte, sah auf. Der Hobler lächelte.
Der Schlosser Drohn machte Anstalten, etwas zu sagen, aber das Wort
blieb ihm in der Kehle stecken. Der Lehrling Fritz drückte sich ganz in
die Ecke. „Seht ihr jetzt, was Faschismus ist?" fragte Melmster.
Und
da keiner antwortete, fuhr er fort: „Die herrschende Bourgeoisie kennt
viele Methoden zur Erhaltung ihrer Klassenherrschaft. Die blutige
Unterdrückung aller revolutionären Strömungen durch ihre eigenen
staatlichen Machtmittel ist der offene robuste Ausdruck ihrer
Klassenmacht. Darüber hinaus aber kauft sie sich durch alle Arten der
Korrumpierung Verbündete, die sie durch deren eigene Interessen an den
Bestand ihrer Herrschaft fesselt, und schafft sich so Prätorianergarden.
Sind die Hitler-Leute, die Stahlhelmer etwas anderes als Prätorianer
des deutschen Unternehmertums, als die besoldete Schutztruppe des um
seine Klassenherrschaft besorgten Bürgertums?"
Keiner
erwiderte etwas auf Melmsters Ausführungen, aber jeder wunderte sich,
wie er jetzt davon sprechen konnte.
„Warum
erzählst du uns so etwas und stellst uns solche Fragen?"
„Ist
das, was wir heute erlebten, nicht Faschismus in Reinkultur, ist das
nicht modernes Prätorianertum?" Alle schwiegen.
„Glaubst
du, dass sich die Kühne und Schmachel dessen bewusst sind?" fragte
Drohn.
„Kaum",
erwiderte Melmster, „vielleicht nicht einmal die besoldete
Bonzokratie, ich sage vielleicht, aber darauf kommt es bei der
Feststellung der Dinge ja nicht an, sondern auf die Wirkung ihrer
Handlungen. Dass sich die sozialdemokratischen Arbeiter dessen bewusst
werden, ist ja der Sinn unserer Arbeit."
„Das
werden wir auch jedem Arbeiter einhämmern müssen!" stimmte der
Hobler zu.
„Was
wir erlebten, ist ja kein Einzelfall", begann noch einmal Melmster,
„sondern der Ausdruck der allgemeinen Entwicklung. Durch unseren
revolutionären Widerstand haben wir sie nur gezwungen, alle Trümpfe
gegen uns auszuspielen!"
„Was
schreibt nun eigentlich unsere Presse?"
„Sie
bringen das, was wir heute Vormittag zusammenstellten, und den Bericht
von Alfred!"
„Bis
um sieben Uhr sollen wir die Plakate haben!"
„Wir
kleben den ganzen Stadtteil, aber hauptsächlich die Fabrik!"
„Vier
Kolonnen habe ich organisiert!" „Ist der Hennings dabei?"
fragte Melmster. „Ja!" antwortete Drohn.
„Der
sollte sich im Augenblick lieber etwas zurückhalten." Als Melmster
und der Hobler durch die Straßen schlenderten, fragte Melmster nach
Dora.
„Wir
sind jetzt natürlich außerordentlich vorsichtig, denn im Kontor traut
einer dem andern nicht. Aber es ist seltsam, Dora sagt, keiner erwähnt
noch etwas von der Affäre. Es ist, als wenn sie vergessen oder aufgeklärt
wäre!"
„Beides
wird wohl nicht stimmen!"
„Bestimmt
nicht. Ich glaube sogar, dahinter steckt eine bestimmte Absicht der
Betriebsleitung. Dora wird die Ohren spitzen und steifhalten!"
Drüben
auf der andern Seite lag die Fabrik. Im Pförtnerhaus brannte Licht.
„Dort
wird die Sipo einquartiert sein!"
„Möglich!"
Scharf
zeichneten sich die Umrisse des massigen Fabrikgebäudes mit den Schnörkeleien
des kitschigen wilhelminischen Baustils vom mondhellen Nachthimmel ab.
„Ob er wirklich tot ist?"
„Er
war auf dem Wege, ein guter Revolutionär zu werden!"
Die Klebekolonne.
Kurz
vor Mitternacht brachen sie auf. Melmster war von der Streikleitung der
Kolonne zugeteilt, die unter anderem auch die Fabrik bekleben sollte.
Vier Arbeiter waren immer eine Kolonne. Einer trug in einer alten
Einholetasche, wie sie Arbeiterfrauen zum Einkaufen benutzen, unter
Zeitungspapier verdeckt, einen großen Topf Kleister. Ein anderer
schleppte eine bis oben hin voll gepfropfte Aktentasche mit Flugblättern.
Es
war jetzt Anfang April, und wenn auch tagsüber die Sonne schien, war
der Abend noch eisig. Das war nun allerdings sehr günstig, denn die nüchternen
Arbeiterstraßen waren nahezu menschenleer. Um die Ecke vom Kanal her
blies der Wind, dass die Flamme im Glühstrumpf der Gaslaterne zur Seite
schoss.
Melmster
klapperte am ganzen Körper. Ihn fror entsetzlich. Eine bleierne Schwere
lag ihm im Kopf knapp über den Augen. Aber bloß nicht schlappmachen,
nur nicht krank sein. Er fühlte sich für diesen Kampf der Belegschaft
stark mitverantwortlich. Würde es nicht Arbeiter geben, die dächten,
er wolle sich jetzt, wo es mulmig wurde, nur drücken! Wer würde ihm
restlos glauben, dass ihm hundsmiserabel zumute sei? Also bloß nicht
krank sein. „Ich habe eine Idee!" Der Rotkopf, der zur Kolonne
gehörte, tat furchtbar wichtig. „Wir kleben rund um die Fabrik einen
geraden roten Strich Plakate. Das muss in die Augen springen und
wirken!" „Nicht übel!"
„Du
gehst mit deinem Kleistertopf die Fabrikmauer entlang und pinselst nur.
Immer in gleicher Höhe, immer in gleicher Breite. Und wir gehen
hinterdrein und klatschen ein Plakat neben das andere!"
„Und
ich? Bin ich überflüssig?" fragte Melmster.
„Du
schützt vor Überraschungen! Ein Pfiff genügt!"
„Vorher
nehmen wir aber die Terrassen und Höfe unseres Häuserblocks, denn der
rote Strich um die Fabrik wird selbst nachts mächtig auffallen."
„Fabelhaft,
was!" lobte der Rotkopf selbst seinen Vorschlag. Sie trafen in den
dunklen Terrassen Liebesleute, Einwohner, die spät nach Hause kamen,
Passanten, die ihres Weges gingen, keiner kümmerte sich um die
Plakatkleber. Und doch hieß es aufpassen. Es gab welche, die aus purem
Schabernack die nächste Sipostreife den Plakatklebern auf den Hals
hetzten. Man musste die Menschen, denen man begegnete, scharf
beobachten, um gewissermaßen sofort aus deren Verhalten Rückschlüsse
zu ziehen.
Melmster
schlenderte scheinbar völlig gedankenlos und gleichgültig den Bürgersteig
entlang, aber seine Sinne waren angespannt und seine Augen überall.
Währenddessen
klebten die drei unermüdlich eine Torwegwand nach der anderen mit den
nicht sehr großen, aber knallroten Plakaten.
War
das nur ein Rad? Eine kleine, träge Funzel Licht war zu sehen. Nein -
das waren drei! - Verflucht! Ein kurzer, schriller Pfiff.
Wie
Schatten huschten die drei in den Torweg und von dort in die Hauseingänge.
Melmster stand breitbeinig am Kantstein.
„Was
pfeifen Sie denn hier mitten in der Nacht?" „Ich bin schon halb
erfroren. Eine Stunde stehe ich schon hier. Ich habe meinen Hausschlüssel
vergessen!"
„So
was ist verflucht unangenehm!" „Das mögen Sie wohl sagen!"
„Also - angenehme Nacht!"
Lachend
fuhren die drei Sipos auf ihren Rädern weiter. „Danke!" sagte
Melmster und lachte auch. -
Schritt
für Schritt wurde der Ring Plakate um die Fabrik geklebt.
„Hier
traf es den ,Gottsucher'!" flüsterte der Rotkopf.
„Ja!"
erwiderte Melmster, und er dachte an den Besuch an der Drehbank, an die
glasklaren Augen und die weiße, zarte Haut des „Gottsuchers",
der noch wenige Minuten vor seinem Ende den richtigen Weg gefunden
hatte. -
„Das
gibt eine Sensation."
„Was?"
„Na,
dieser rote Ring!" erwiderte gekränkt der Rotkopf. -Als wäre rund
um die Fabrik mit Blut ein roter Strich gezogen, so leuchtete am andern
Morgen der Plakatring. In alle Straßen schrie das grelle Rot. Keiner
konnte achtlos vorübergehen. Vor den schlaftrunkenen Augen flimmerte
und brannte es. Jeder sah, jeder las.
„Arbeiterblut
ist geflossen!" las der Alte mit dem herabhängenden Kinn, der
jeden Morgen um diese Zeit an der Fabrik vorübereilte.
„Kampf
um das Stück Brot... Rationalisierung... Abwehr der willkürlichen
Entlassung von oppositionellen Arbeiterräten, die mit großer Mehrheit
gewählt wurden...!"
„Ja,
ja!" nickte der Alte, als er weiterlas.
„Die
reformistische Gewerkschaftsbürokratie paktiert mit den Unternehmern
und fällt den streikenden Arbeitern in den Rücken... Wenn die
Reformisten heute Streikbrecher mobilisieren, unter Polizeischutz
Streikbruch betreiben und streikende Arbeiter ermorden lassen, so ist
das ein Beispiel, mit welchen arbeiterfeindlichen Methoden
Sozialdemokraten und die reformistische Gewerkschaftsbürokratie im
Interesse des Unternehmertums gegen die Arbeiterklasse vorgehen!"
Der Alte nickte und brummte etwas vor sich hin.
„Nieder...
Arbeitermörder!... Reiht euch ein... Gewerkschaftsopposition... Kampf
um Verkürzung der Arbeitszeit, um höheren Lohn und den revolutionären
Sieg der Arbeiterklasse... Übt Solidarität!"
Mit
einigen Milchflaschen unter dem Arm trat ein Sipo aus der Fabrik. Als er
den roten Streifen um die Fabrik sah, machte er Stielaugen und rannte
wieder zurück. Zirka acht Sipos stürzten bald darauf heraus. Der
Gruppenführer bekam einen Kopf, so rot wie die Plakate.
Im
Schweiße ihres Angesichts kratzten dann alle mit den Bajonetten an den
Fabrikwänden herum.
Die
Arbeiter, die vorübergingen, grinsten. Die Frauen aus den umliegenden Häusern
lachten hell auf. Die Kinder aber, die zur Schule gingen, schrieen: „Oooh,
die Sipo arbeitet!"
Die Streikleitung wird verhaftet.
„Der
,Scharfe' ist kein schlechter Kerl, nur eine verrückte Nudel -steckt
bis an den Hals in Schulden!"
„Wie
kann denn der Schulden haben? Der isst aus Mutters Kochtopf, raucht
nicht, trinkt nicht?"
„Stimmt,
aber Motorradfahren ist sein halbes Leben. Diese Kerle sind ja total
meschugge. Erst wird monatelang trocken Brot gefressen, um die Anzahlung
für ein Rad zu erhungern, dann wird monatelang gehungert, um die
Abzahlungen aufzubringen. Soviel ich weiß, hatte der noch eine hübsche
Stange nach."
„Aber
der ist doch so 'n Wandervogel!"
„Na,
Mensch, ein moderner Wandervogel trillert doch nicht mehr mit
Klampfengezirpe, sondern pufft mit einigen PS die Landstraße
hinunter!"
„Der
sah wirklich nicht so aus!"
„Nee!"
lachte der andere, „aber die langen, wilden Haare und die krausen,
wilden Gedanken darunter bleiben darum doch die gleichen!"
„Hallo,
Karl, schenk uns beiden noch 'n kleinen ein!"
„Übrigens
gibt es doch schon Motorrad-Wandervogel-Lieder!"
„Ach
was!"
„Aber,
Mensch, natürlich! Kennst du nicht das Lied: Bin ein fahrender
Gesell?"
Und
dann brüllte er selbst auf vor Vergnügen über seinen Witz und bekam
es dabei mörderisch in der Kehle, dass er mit geschwollenem Kopf
hustete, als sollte der Schädel zerspringen.
„Aber
ich sage dir, der ,Scharfe' ist kein schlechter Kerl!" wiederholte
er noch einmal.
Melmster,
der in diesem Augenblick an die Theke trat, hörte das.
„Hast
du den ,Scharfen' gesehen?"
„Gestern
Abend", antwortete der Schlosser.
„Weißt
du, warum der sich hier nicht meldet?"
„Der
arbeitet doch!"
„Der
arbeitet?"
„Bei
Henkel und Söhne. Es gefällt ihm ganz gut. Er sagte, er könne doch
bei uns nicht mehr weiterarbeiten."
„Kann
ich mir denken!" lachte Melmster.
„Was
ist denn eigentlich vorgefallen?" fragte nun der Schlosser.
„Er
sollte damals entlassen werden, aber nachdem er das Versprechen abgab,
sich der politischen Tätigkeit im Betrieb zu enthalten, durfte er
bleiben!"
„Hm!
Hm!"
Melmster
kaufte zwei Selters und ging dann ins Klubzimmer zurück.
„Was
ich dir sagte!" wandte sich der Schlosser an seinen Nachbarn.
„Das Motorrad! So 'n Motorrad kann den besten Kerl versauen! Aber
trotzdem, der ,Scharfe' ist kein schlechter Kerl!"
„Die
Parteileitung hat uns heute Abend zu einer Sitzung beordert; trotzdem du
offiziell nicht zur Streikleitung gehörst, ist es selbstverständlich,
dass du dabei bist!"
„Ich
werde schon kommen!" erwiderte Melmster.
„Wir
müssen alles versuchen, um die Kampfbasis zu erweitern. Die ziehen uns
den Strick immer enger!" redete der
Hobler
weiter. „Die Partei will sämtliche Genossen der Metallbetriebe
zusammenrufen!"
„Das
hätte schon längst geschehen können!"
„Du
kennst doch die Schwierigkeiten, Drohn! - Morgen Vormittag müssen
unbedingt einige hier sein. Um elf Uhr ist wieder IAH-Verteilung."
„Einer
muss auch zu den Eltern des ,Gottsuchers' gehen!"
„Melmster!"
„Ausgeschlossen!"
rief der. „Ich wäre der letzte, der sich dazu eignet!" „Dann
muss Dresen gehen, ich kann es auch nicht!" „Die
Streikorganisation lockert sich!" „Wieso?"
„Es
kommen nicht mehr alle zur Kontrolle!" „Einige wohnen aber auch
sehr entfernt!" „Das kann es allein nicht sein."
„Das
Leben ist beschissen, wenn du arbeitest, und es ist beschissen, wenn du
nicht arbeitest, also lass das Arbeiten sein!"
„Wie
lange soll der Dreck noch so laufen? Ich habe nie gewusst, dass ein Tag
so lang ist!"
Zwei
Streikende, ein Bohrer und ein Schlosser, saßen auf den hohen Böcken
an der Theke.
„Die
meisten wühlen wie die Maulwürfe in ihren Schrebergärten. Verrückte
Bagage!"
„Der
Boldt hilft schon den dritten Tag seiner Ollen beim Großreinemachen.
Der muss büßen."
„Hohohohoho!"
brüllten die beiden los, dass die Gläser auf dem Schanktisch hüpften.
„Die
da spielen schon den ganzen Morgen Skat!"
„Wie
hoch?"
„Drei
Streichhölzer! Anschreiben!" Und wieder brüllten die beiden und
prusteten vor Lachen. Nach einer Weile fragte der eine: „Kannst du mir
'n Taler pumpen?"
„Du
bist wohl wahnsinnig!"
„Auf
sechsundfünfzig Pfennig bin ich abgebrannt!" Der hagere Schmied
und sein Berufsnachbar Hennings traten in die Gaststube.
„Verdammt
ekelhaftes Wetter! Überall lauert die Grippe. Die einzige Arznei ist
Rum!"
„Mir
sitzt das Wetter in allen Gliedern!"
„Zwei
Grogs! Nicht zu wenig Rum!"
„Hallo,
guten Tag!"
„Guten
Tag!"
„Immer
noch fidel?"
„Unser
Streik ist der reinste Hungerstreik. Nichts zu fressen!"
„Das
geht uns ja allen so!" erwiderte der dürre Schmied. „Da musst du
eben um so mehr trinken!" sagte er lachend.
„Ich
glaube, du bildest dir noch ein, du wärst der Schuldige?"
„Es
geht mir auch mächtig an die Nieren!" Sie probierten beide ihren
Grog.
„Wer
lässt sich schließlich wehrlos niederknallen? Ich nicht!" brüllte
plötzlich Hennings.
„Nun
sei doch ruhig!" herrschte ihn der Hagere an.
„Schuss
kriegen und auf der Stelle weg sein. Glänzende Sache!" mischte
sich der Montageschlosser ins Gespräch. „Aber verwundet werden,
Schmerzen, Bein ab, Arm ab oder gar gelähmt oder blind - huh, das ist
ekelhaft!"
„Das
ist alles noch gar nicht so schlimm, aber verhaftet und dann im
Polizeikeller verprügelt werden", begann nun auch noch der Bohrer.
„Damals, neunzehnhundertdreiundzwanzig - die haben uns geprügelt noch
und noch. Mit Kolben, Revolvern, Stangen, Knüppeln - und wenn du am
Boden lagst, mit den schweren Kommissstiefeln ins Kreuz, in den Leib, in
die Fresse. Das ist viel schlimmer. Sadistische Bestien gibt es unter
den Grünen. Wir haben sie um standrechtliche Erschießung angebettelt,
denn diese Misshandlungen waren unerträglich!"
„Du
lebst ja noch!" grinste der Schmied.
„Mich
kriegen sie nicht ein zweites Mal. Lieber Kopfschuss als so etwas noch
einmal!"
„Mensch,
ich Rindvieh - ich dachte, das As wäre schon weg. So 'n Massel!"
fluchte ärgerlich einer der Skatspieler.
„Polizei-ei!"
schrie einer. Jeder blieb wie angewurzelt an seinem Platz. Der Schmied
Hennings war der einzige, der gelassen sein Grogglas nahm und es bis auf
den letzten Tropfen leerte.
Etwa
zehn Sipos drangen in die Wirtschaft. Draußen postierten sich weitere,
das konnte man von der Theke aus durch die Gardinen sehen.
„Keiner
verlässt das Lokal!" schnarrte die Stimme eines gestriegelten und
geschniegelten Offiziers.
„Wo
tagt die Streikleitung?" Keiner der Arbeiter antwortete. Der
Schmied Hennings bestellte sich noch einen Grog.
„Da
drinnen!" wies der Wirt. Zwei Sipos blieben in der Gastwirtschaft
am Eingang stehen. Der Offizier riss die kleine Klubzimmertür auf.
„Die
Streikleitung der Belegschaft von N. & K. ist verhaftet!"
Der
Hobler bewahrte eine bewundernswerte Ruhe. „Auf wessen
Anordnung?" fragte er. „Machen Sie keine Umstände. Hier ist der
Haftbefehl!"
Der
Hobler warf einen flüchtigen Blick hinein. „Schön!" lächelte
er dann. „Ich bin Vorsitzender der Streikleitung. Weiter gehören ihr
an dieser und jener Kollege!" „Es sollen vier sein!"
„Der
vierte ist der Tischler Ahrnfeld, aber der wurde ja gestern von Ihnen
erschossen!"
„Dann
ersuche ich Sie und Ihre beiden Kollegen, mir zu folgen!"
Der
Offizier ging als erster. Der Hobler warf Melmster noch einen Blick zu,
der völlig verstanden wurde, dann folgte er und ebenfalls der junge
Schlosser und der Dreher mit der gespaltenen Nase. Der alte Dreher
Dresen blieb durch des Hoblers Geistesgegenwart von der Verhaftung
verschont.
„Ausharren!"
rief der Hobler, als sie durch die Gaststube schritten.
Ein
zustimmendes Knurren war die Antwort.
„Sie
haben still zu sein!" keifte der Offizier, und bevor er die
Gaststube verließ, wandte er sich plötzlich an den ihm am nächsten
sitzenden Arbeiter.
„Kennen
Sie den Schmied Hermann Hennings?"
„Jawohl!"
„Wissen
Sie, wo er ist?" „Nein!"
Der
Offizier ließ noch einmal seinen Blick über alle Anwesenden schweifen,
drehte sich dann kurz um und ging hinaus.
Draußen
hatten sich bereits zahlreiche Neugierige angesammelt. Unter knallendem
Auspufflärm fuhr das Überfallauto davon.
Melmster
handelte sofort. Eine neue provisorische Streikleitung wurde gebildet.
Der alte Dresen blieb drin, der hagere Schmied wurde herangezogen.
Melmster übernahm vorerst die Leitung. Ein junger Schlosser, der sein
Fahrrad draußen stehen hatte, wurde sofort von Melmster zur
Kommunistischen Partei und Presse geschickt. Für morgen Vormittag wurde
eine allgemeine Belegschaftsversammlung angesetzt.
Inzwischen
verschwand der Schmied Hennings unauffällig.
Am
Nachmittag bekam die Streikleitung einen überraschenden Besuch:
Bleckmann!
Als
er eintrat, sagte er kein Wort, selbst der Gruß blieb ihm anscheinend
im Halse stecken. Er ging langsam auf Melmster zu.
„Ich
möchte mich als Streikender eintragen lassen!"
„Du
kommst reichlich spät, Bleckmann!"
„Was
zuviel ist, ist zuviel. Ich möchte nicht mit einem Betriebsspitzel
identifiziert werden!"
„Das
ist anständig von dir!" Melmster reichte ihm die Hand.
Die Reichsbannerkolonne.
Die
Betriebsleitung der Maschinenfabrik von N. & K. hatte wiederholt mit
dem Vorstand des freigewerkschaftlichen Metallarbeiterverbandes Fühlung
aufgenommen, um gemeinsam Mittel und Wege zu finden, den Streik der
Belegschaft beziehungsweise die Aussperrung der Firma zu liquidieren.
Riesenhafte Konventionalstrafen drohten, und der Unternehmerverband
machte die Gewerkschaft als Vertragskontrahenten beim Tarifabschluss der
beiden Verbände für den Streik moralisch verantwortlich. Die
Gewerkschaften wieder schreckten vor keinem Mittel zurück, um den
Streik so schnell wie möglich abzuwürgen. Sie veranlassten die
polizeiliche Besetzung des Betriebes, sie organisierten den - allerdings
bislang vereitelten - Streikbruch, sie forderten und erreichten die
Verhaftung der Streikleitung, sie waren unermüdlich am Werk, den
Streik, auf dessen Führung sie keinen Einfluss hatten, zu zerschlagen.
Heimlich
warben die Vertrauensleute der reformistischen Gewerkschaftsbürokratie
auf dem Arbeitsnachweis der Metallarbeiter unter den erwerbslosen
Reichsbannermitgliedern Streikbrecher. Jeder Erwerbslose mit dem
Firmenschild der Republik an der Mütze wurde, wenn er Dreher,
Schlosser, Schmied oder Schweißer war, angehalten und bearbeitet. Es
gab manchen, der trotz allen Zuredens derartige Schurkereien glatt
ablehnte, es gab aber auch viele, denen jede Gelegenheit recht war,
wieder zu Arbeit zu kommen, und in deren Augen jeder Streik, wenn er
nicht vom Verband organisiert und geführt wurde, ein Verbrechen war,
das man bekämpfen musste.
So
hatten die Gewerkschaftsinstanzen für den entscheidenden Schlag, den
sie gemeinsam mit der Firma gegen die streikende Belegschaft planten,
alles im geheimen vorbereitet.
Am
Tag nach der Verhaftung der Streikleitung führten die Gewerkschaften
ihren planmäßig organisierten Streikbruch durch. In aller Stille wurde
die Polizeibesetzung der Fabrik verstärkt und rund um das Werk eine
Postenkette gezogen, die strikte Anweisung hatten, rücksichtslos gegen
Ansammlungen streikender Arbeiter vorzugehen.
Am
nächsten Morgen waren sämtliche Zugangsstraßen zur Fabrik polizeilich
besetzt. Unmittelbar vor dem Fabriktor standen zwei Ketten Sipo, die
ihre Gewehre schussbereit im Arm trugen.
Kurz
vor sieben Uhr kamen dann einzeln die angeworbenen Streikbrecher und
betrachteten erstaunt den kriegerischen Schutz vor der Fabrik.
„Sollen
wir etwa unter polizeilichem Schutz arbeiten?" rief plötzlich
einer im Umkleideraum. „Wer ist hier der Betriebsratsobmann?"
Alle
horchten gespannt auf.
„Hier!"
rief Kühne und reckte sich auf, denn er wechselte gerade sein
Schuhzeug.
„Das
hat man uns nicht gesagt, dass die Fabrik von Polizei besetzt ist!"
wandte sich der Arbeiter an ihn. „Was hat das zu bedeuten?"
„Kollege,
hast du denn keine Zeitung gelesen?"
„Nein."
„Gestern
haben doch einige Kommunisten auf uns geschossen und einen Jungarbeiter
getötet!" Kühne suchte in seiner Rocktasche nach der Zeitung.
„Wir
müssen uns doch gegen diesen Terror schützen!" rief einer aus der
Ecke.
„Das
mit der Polizei ist schließlich nur heute!" meinte ein anderer.
„Davon
weiß ich gar nichts", erwiderte nun der Arbeiter, der die Frage
gestellt hatte, etwas verlegen. „Immerhin - eine verflucht dreckige
Geschichte. Ich arbeite nicht gern unter Polizeiaufsicht."
„Sieht
ja auch dumm aus", meinte nun auch Kühne, „aber muss sein!"
Ein
Gemurmel war die Antwort, und das dumpfe Schweigen, das sich dann über
die Streikbrecher legte, wurde nur durch die schrille Stimme des alten
Platzarbeiters unterbrochen, der den neueingestellten Arbeitern Plätze
und Kleiderhaken anwies, wo sie sich umziehen und ihre Kleider lassen
konnten.
Noch
hing die Mehrzahl der „Blutplakate" an den Mauern der Fabrik,
noch war der ermordete Tischler nicht bestattet, noch stand die übergroße
Mehrzahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter von N. & K. im
Streik, als etwa siebzig Arbeiter der Belegschaft, meistens Tischler -
die noch immer sich selber einredeten, mit dem Streik nichts zu tun zu
haben -, und zirka hundert auf dem Arbeitsnachweis angeworbene
erwerbslose Reichsbannerarbeiter unter dem Schutz der Polizei die Arbeit
im Betrieb wieder aufnahmen.
Als
am Morgen um sieben Uhr die Fabriksirene heulte, ratterten seit langem
wieder die Transmissionen durch die Maschinenhalle, kreischten die Sägen
und pfiffen die elektrischen Blasebälge.
Nieder mit den Streikbrechern und Arbeitermördern!
Das
war ein fortwährendes Kommen und Gehen. In und vor dem Lokal von
Horning stauten sich die streikenden Arbeiter. Zahlreiche Fahrräder
standen am Straßenrand. Auf der anderen Seite patrouillierten zwei
Sipos, die das Lokal beobachteten.
Melmster
trug jetzt die ganze Last der Streikleitung. Er organisierte den
Kurierdienst, er hielt die Verbindung mit der Gewerkschaftsabteilung der
Partei aufrecht, er musste auf Hunderte Fragen, Pläne und Vorschläge
der Kollegen Antwort geben, er musste in der bevorstehenden
Belegschaftsversammlung einen zusammenfassenden Bericht über den Streik
und die gegenwärtige Situation geben. Melmster war von morgens bis
abends im Klubzimmer des Streiklokals und hinterher auf den Sitzungen
und Zusammenkünften der Partei tätig.
Dabei
war die Streiklage hoffnungslos. Unternehmer, Gewerkschaft und Polizei
bildeten eine einheitliche Front gegen die dreihundert streikenden
Arbeiter. Die übrigen Metallbetriebe waren nicht zum Streik zu bewegen.
Einige Unternehmer hatten raffiniert - „zur Beruhigung" -
minimale Lohnerhöhungen bewilligt, in anderen Betrieben war der
Einfluss der Reformisten noch zu groß.
Melmster
dachte an das gemeine Grinsen Olbrachts, an Kühnes selbstbewusst gravitätische
Schritte - eine Wut, eine unbändige Wut packte ihn. Diese Leute würden
triumphieren, würden von der Unfähigkeit der Kommunisten, einen Streik
erfolgreich zu Ende zu führen, schwafeln, würden weiter zu jedem
Diktat der Betriebsleitung eine tiefe Verbeugung machen und weiter
unliebsame, revolutionäre Arbeiter diffamieren. -
Der
Wirt Karl Horning kam selbst ins Klubzimmer und überreichte Melmster
einen Brief, der an seine Adresse gerichtet war. Staunend öffnete ihn
Melmster. Er war von Dora Timm. Melmster las:
Lieber
Alfred!
Da
ich ja mit Hans keine Verbindung mehr haben kann, wende ich mich an Sie
und teile Ihnen nun folgendes mit: Es besteht ein Abkommen zwischen der
Firma und der Gewerkschaft, den Betrieb unter allen Umständen
aufrechtzuerhalten. Polizei soll fürs erste in der Fabrik bleiben.
Zweihundertvierzehn Arbeiter erhalten heute mit der Post ihre
Entlassungspapiere. Außer den bereits Arbeitenden erhalten noch zirka
neunzig Arbeiter die Aufforderung, die Arbeit am Freitag wieder
aufzunehmen oder sich die Entlassungspapiere abzuholen. Sie sind leider
nicht unter den Wiedereingestellten.
Gruß
Dora!
Vernichten
Sie diesen Brief sofort.
Famose
Deern, dachte Melmster, als er zum Erstaunen aller anwesenden Kollegen
den Brief verbrannte. Dann setzte er sich hin und schrieb an die
Gewerkschaftsabteilung der Partei.
Seine
Vorschläge waren: Abbruch des Streiks. - Weiteres revolutionäres
Arbeiten im Betrieb. - Die neunzig Arbeiter, die wieder eingestellt würden,
sollten die Arbeit wieder aufnehmen. - Die Ursachen und Erfahrungen
dieses Streiks in den übrigen Betrieben der Metallindustrie behandeln.
- Auf breiterer Grundlage neue Kämpfe vorbereiten.
Kaum
war ein Kollege mit den Vorschlägen Melmsters
zur
Parteileitung gefahren, um dann deren Meinung zurückzubringen, als vor
dem Lokal eine lebhafte Bewegung entstand. Alles lief aus dem Lokal auf
die Straße...
Ein
geschlossener Trupp Arbeiter marschierte die Straße herauf. Man hörte
den Gesang eines revolutionären Liedes.
„Die
Erwerbslosen!" kam der Rotkopf ins Klubzimmer gestürzt. „Die
wollen uns unterstützen!"
„Wie
viele sind es?" fragte Melmster.
„Oh,
sicher über vierhundert!" Bei einer Kohlenhandlung mitten auf der
Straße sprach ein Arbeiter zu der Masse. Melmster konnte von der
Gastwirtschaft aus einige Sätze des Redners verstehen.
„Wir
lassen uns nicht dazu missbrauchen, unseren kämpfenden Kollegen in den
Rücken zu fallen... Erwerbslose Reichsbannerarbeiter wurden durch die Bürokratie
zum Streikbruch angehalten... Heute haben eine Anzahl dieser
Auch-Arbeiter in der Maschinenfabrik N. & K. zu arbeiten angefangen,
trotzdem seit fünfzehn Tagen die Belegschaft im Streik steht... Dieser
Streich der reformistischen Gewerkschaftsbürokratie und das schuftige
Verhalten einiger gesinnungsloser oder betrogener Erwerbsloser fällt
auf uns alle zurück!"
„Sehr
richtig!" riefen einige.
„Wir
wollen den streikenden Arbeitern von N. & K. zeigen, dass wir ihnen
nicht in den Rücken fallen, sondern sie in ihrem Kampf gegen das
Unternehmertum unterstützen!"
„Bravo!
Bravo!"
„Und
wir wollen den Streikbrechern zeigen, zu welchen schuftigen Handlungen
sie sich durch eine korrupte Gewerkschaftsbürokratie missbrauchen
lassen. Nieder mit den Streikbrechern und Arbeitermördern!"
„Nieder!
Nieder! Nieder!" brüllte es aus Hunderten von Arbeiterkehlen.
Die
Straße war jetzt schwarz voll Menschen, und plötzlich kam eine Unruhe
über sie.
„Sipo!
Sipo!" wurde geschrieen. Einige liefen in die Treppenhäuser.
Über
die ganze Breite der Straße nahte eine Sipokette, den Sturmriemen
unterm Kinn. „Stra-aße - frei!"
Alles
lief durcheinander, einige stolperten und stürzten. Nieder-Rufe wurden
ausgebracht. Eine Frau fiel in Schreikrämpfe.
Einige
Erwerbslose gingen furchdos mit ausgebreiteten Armen der Sipo entgegen
und riefen: „Wir haben Hunger! Huu-unger! - Schießt doch!"
Mit
Gummiknüppeln schlugen die Sipos auf sie ein, bis sie blutend zu Boden
stürzten.
Die
ganze Straße wurde geräumt. Hinter der ersten Sipokette nahte eine
zweite, die prügelte die in die Treppenhäuser und Terrassen geflüchteten
Arbeiter heraus. In den Nebenstraßen sammelten sich die Arbeiter
wieder. Ununterbrochen ertönten Nieder-Rufe auf die Polizeibestialitäten.
Der gesamte Verkehr stockte. Immer mehr Menschen sammelten sich an. Ein
Trupp Erwerbsloser war in großem Bogen zur entgegengesetzten Seite des
Stadtviertels gezogen und hatte dicht vor der Fabrik im Sprechchor
Nieder-Rufe auf den Streikbruch ausgebracht. Die Einwohner des ganzen
Stadtteils gerieten über das brutale Verhalten der Polizei in Erregung.
Überall sammelten sich Arbeiter an, die über den Streik, den
Streikbruch und die Aktion der Erwerbslosen diskutierten. Nach einiger
Zeit kam der Kurier mit der Antwort der Parteileitung zu Melmster zurück.
Nach dem Vorschlag, der Situation entsprechend zu handeln, lautete die
Antwort. - Für heute war an eine Versammlung nicht zu denken. Sie wurde
auf den kommenden Tag verschoben.
Am
Nachmittag waren sämtliche um die Fabrik liegenden Straßen polizeilich
überwacht. In zwei Autobussen, die die Hoch- und Straßenbahn AG auf
Veranlassung des reformistischen Metallarbeiterverbandes den
Streikbrechern zur Verfügung stellte, fuhren diese unter
Polizeiaufsicht in ihre Wohnbezirke.
Aufgeschoben
— aber nicht aufgehoben!
Eine
gespannte Erwartung lag über den Arbeitern, die dichtgedrängt im großen
Saal bei Horning den Ausführungen Melmsters lauschten. Der Kampf der
dreihundert hatte die größte Steigerung erreicht, hatte Zusammenstöße
mit der Polizei und einen Toten gekostet. Was war jetzt zu tun?
Melmster
stand am Vorstandstisch und zeigte in seiner klaren, ruhigen Art die
Ursachen des Streiks, das elende Verhalten der Gewerkschaftsbürokratie
auf und enthüllte die Hintergründe des Polizeiterrors.
Es
war eine unruhige und aufgeregte Versammlung. Zahlreiche Zwischenrufe
wurden gemacht. Einige wollten auf die Straße und nicht in einer
Versammlung die kostbare Zeit vertrödeln. Andere wollten eine Verprügelung
aller Streikbrecher organisieren. Oft schrie alles erregt durcheinander.
Wenn
sich die Stürme der Entrüstung gelegt hatten, fuhr Melmster in seinem
Bericht fort. Eingehend zeigte er den Arbeitern anhand der erlebten
Beispiele die politische Rolle der Reformisten und der Gewerkschaftsbürokratie
und erklärte die Motive ihrer Handlungen aus ihrer
Schicksalsverbundenheit mit der bürgerlichen Gesellschaft. Am Schluss
seiner Ausführungen machte er die Versammlung mit den Dingen bekannt,
die ihm Dora Timm geschrieben hatte.
„Ich
habe Nachricht bekommen", sprach er unter atemloser Stille, „dass
die Betriebsleitung im Einvernehmen mit der Gewerkschaftsbürokratie und
der von einem Sozialdemokraten geleiteten Polizeibehörde unter allen
Umständen den Betrieb aufrechterhalten will. Dies ,unter allen Umständen'
ist für unsere Klassenfeinde ein blutiger Begriff. ,Unter allen Umständen'
heißt nicht nur polizeiliche Unterdrückung und Einkerkerung, sondern
blutige Niederschlagung der kämpfenden Arbeiter mit allen
Mitteln!"
„Die
Bluthunde!" kreischte einer mit entsetzlich greller Stimme, dass es
jedem durch und durch ging. Die Ruhe im Saal wurde hinterher noch
unheimlicher.
„Noch
ist der Zeitpunkt nicht erreicht", rief Melmster jetzt mit
erhobener Stimme, „wo wir Arbeiter auf allen Fronten zum revolutionären
Angriff auf die kapitalistische Klassenherrschaft losstürmen. Aber der
Zeitpunkt wird kommen, der Zeitpunkt muss kommen, und jeder Kollege, der
nicht das Ende des alten John nehmen will, der dieses unerträgliche
Dasein für sich und seine Kinder nicht verewigen helfen will, muss kämpfen
mit allen revolutionären Arbeitern in einer Klassenfront. Das ist die
Lehre dieses Streiks, das ist seine Mahnung an jeden Arbeiter hier im
Saal, ob er nun Mitglied der Kommunistischen Partei, parteilos oder
Mitglied der Sozialdemokratie ist!"
Eine
flüsternde Unruhe ging durch den Saal, als Melmster endete.
Ein
Platzarbeiter erhob sich und bat ums Wort. Er sprach über
Sowjetrussland und die Hetze gegen diesen ersten Staat der werktätigen
Klasse. Dann las er aus einer bürgerlichen Zeitschrift Zahlen über den
Lebensstandard der dortigen Arbeiter vor.
„Wir
haben noch viel einzuholen, wenn wir an die Leistungen und Erfolge der
russischen Arbeitsbrüder herankommen wollen!" schloss er.
Abschließend
nahm Melmster noch einmal das Wort.
„Die
Streikleitung hat Mitteilung erhalten, dass die Betriebsleitung nur
zirka neunzig Kollegen wieder einstellen will und den übrigen die
Entlassungspapiere zuschicken wird. Diejenigen nun, die eine
Aufforderung bekommen, die Arbeit wieder aufzunehmen, müssen dies tun.
Sie haben aber die Pflicht, die revolutionäre Arbeit im Betrieb
weiterzuführen. Auch der ,Rote Greifer' muss weiter erscheinen.
Kollegen, sechzehn Tage gegen den Dreimächteblock Unternehmertum -
Reformismus - Polizei zu kämpfen und tagelang den organisierten
Streikbruch zu verhindern ist eine unvergleichliche Leistung. Es ist uns
gelungen, während des Kampfes die Reformisten im Betrieb gründlich zu
entlarven und einem gemeingefährlichen Betriebsspitzel das schmutzige
Handwerk zu legen. Zahlreiche Arbeiter sind, angeekelt von der niederträchtigen,
verräterischen Politik der Kühne,
Schmachel
und Fahs und der reformistischen Metallarbeiterbürokratie, in die Front
des Klassenkampfes gestoßen und haben sich der RGO angeschlossen. Von
den dreihundert streikenden Kollegen hat jeder einzelne seine volle
Pflicht getan. Nach dem Streik wird die revolutionäre Arbeit im Betrieb
nicht aufhören. Die Streikleitung hat bereits diesbezügliche
Zusicherung erhalten.
Auch
nach der Niederdrückung unseres Kampfes durch die ungeheure Übermacht
muss jeder Kollege seine revolutionäre Pflicht auf einem anderen
Frontabschnitt im Klassenkampf weiter erfüllen. Todfeindschaft der
Barbarei der kapitalistischen Klassenherrschaft! Todfeindschaft der
arbeiterfeindlichen reformistischen Bürokratie! Es lebe der Kampf um
die Herrschaft der Arbeiterklasse und den Sieg des Sozialismus!"
Brausend
stimmten die Arbeiter Melmster zu. Wie ein Mann erhob sich die
Versammlung.
Mit
lauter Stimme rief Melmster in den Saal: „Dann erkläre ich im Auftrag
der Streikleitung den Streik der Belegschaft der Maschinenfabrik von N.
& K. für beendet!"
Die Jugend greift ein.
Melmster,
Dresen, der Rotkopf und noch einige Arbeiter kamen von der Bestattung
des „Gottsuchers" und begegneten auf dem Friedhof dem Dreher
Bleckmann.
„Ich
habe mich leider verspätet!" bedauerte er bei der Begrüßung.
„Wo liegt Ahrnfeld?"
„Du
musst hier in den linken Seitenweg einbiegen. Etwas weiter unten findest
du die frisch aufgeworfenen Gräber!" erklärte eilfertig der
Rotkopf.
„Hör
mal, Melmster!" Bleckmann nahm Melmster zur Seite. „Ich glaube,
mich werden sie wieder einstellen. Soll ich die Arbeiter wieder
aufnehmen?"
„Selbstverständlich,
Bleckmann!"
„Wird
das ratsam sein?"
„Ich
weiß, du hast auf den Meisterposten reflektiert. Wenn du das noch nicht
aufgegeben hast, musst du allerdings dem Betriebsleiter süß zulächeln!"
„Verlass
dich drauf, ich bin kein Schuft!" Melmster schwieg und sann vor
sich hin.
„Du
glaubst mir nicht?" fragte Bleckmann nach einer Weile Schweigen.
„Doch!"
riss sich Melmster aus seinen Sinnen. „Natürlich, Bleckmann."
Dann
verabschiedeten sie sich. „Was wollte er?" fragte der alte
Dresen. „Ihn zwickt das Gewissen." „Also hat er wenigstens noch
eins!"
„Stimmt
das, Alfred, wir haben gestern sechzehn Neuaufnahmen gemacht?"
„Ja
- und einundzwanzig Aufnahmen für die IAH!"
„Das
ist ja großartig!" rief der Rotkopf. „Ist der Bohrer Kahlberg
unter den Eingetretenen?"
„Ich
glaube!"
„Siehst
du! Haha! Das ist doch der, den ich dauernd bearbeitet habe!"
triumphierte selbstgefällig der Rotkopf.
Atemlos
kam Fritz Baldow, der Tischlerlehrling, hinter ihnen hergerannt.
„Wie
kommst denn du hierher?"
„Ich
bin - von der - anderen Seite - gekommen", pustete der Blondkopf,
„und traf Bleckmann. Dann bin ich euch nachgerannt."
„Aber,
ich denke, du arbeitest?"
„Nee,
ick schwänze!"
„Was
meinst du, Melmster, wie lange werden sie die drei noch
festhalten?"
„Sie
werden sicher morgen, spätestens übermorgen freikommen."
„Zwei
erwerbslose Arbeiter haben sie gestern auch noch verhaftet!"
„Die
Hunde hausen wie in den Revolutionstagen!" „Besonders einer war
da", fiel der Rotkopf dazwischen, „mit einem aufgedunsenen
Gesicht und einem Pickel über der Nase, der schlug wie verrückt
drauflos. Den hab ich mir gemerkt!"
Melmster
lachte. „Lass ihn leben, Kurt!"
„Man
weiß nicht, wie das mal kommen kann!" entgegnete der Rotkopf
ernsthaft.
„Ich
möchte wissen, wen sie sich unter uns heraussortieren!"
„Uns
beide gewiss nicht, Dresen!"
„Hoffentlich
kommen aber wieder einige Genossen hinein!"
„Auf
jeden Fall wird die Agitation im Betrieb nicht lahm gelegt werden können!"
erwiderte Melmster. „Bist du dessen so sicher?" „Absolut
sicher!"
Melmster
streifte mit einem Blick Fritz, der neben ihm ging, den Blick auffing
und dabei vielsagend ein Auge zukniff.
Vor
dem Friedhofsportal trennten sie sich, und Melmster ging mit dem
Tischlerlehrling zu Fuß in die Stadt.
„Fritz,
übermorgen muss ein neuer ,Greifer' verteilt werden!"
„Ja!"
„Ich
werde soweit alles fertigstellen, und dann müssen wir sehen, dass wir
in jeder Halle einen Genossen ausfindig machen. Unter den neunzig
Kollegen, die dann angefangen haben, werden wir sie wohl finden!"
„Ja!"
„Vor
dem Fabrikeingang verteilen ist natürlich fürs erste unmöglich. Es müssen
also mehrere Genossen die Betriebszeitung in den Betrieb schmuggeln und
sie irgendwie vorsichtig verteilen!"
„Ja!"
„Vielleicht
in der Mittagspause heimlich unter die Schränke stecken oder sie ganz
frühmorgens auf die Arbeitsplätze legen. Ein paar kann man auch auf
der Latrine liegenlassen!"
„Ja!"
„Aber
vorsichtig!" „Ja!"
„Du
wirst nun künftig mit einigen erst jetzt in die Partei eingetretenen
Genossen die Zeitung selber machen müssen."
Fritz
sagte nicht „Ja", aber seine hellen Augen waren eine viel
deutlichere Zustimmung.
„Du
wirst es schon können!" lachte Melmster und packte ihn an den
Schultern.
Zuchthäusler
oder Fürsorgezöglinge?
Scheinbar
völlig ungestört begann in den nächsten Tagen die Arbeit in der
Fabrik wieder. Auch in den Straßen war wieder Ruhe. Kaum waren noch
Spuren der letzten Kämpfe und Zusammenstöße zu sehen. Die Polizei
hatte sich zurückgezogen, lediglich zwei Sipos patrouillierten in der Nähe
der Fabrik und beobachteten den Fabrikeingang.
Nur
siebenundneunzig von den über dreihundert streikenden Arbeitern waren
wieder eingestellt. Wortkarg und voller Verachtung für die
streikbrecherischen Neulinge standen die meisten an ihrem Arbeitsplatz.
In
der Fabrik aber herrschte seit dem Streik der größte Wirrwarr. Die
Meister fluchten und rauften sich die Haare. Die Mehrzahl der
eingearbeiteten Arbeiter war mit der Zeit schon auf der Strecke
geblieben. Mit diesen neuen, teilweise auch direkt unfähigen Arbeitern
mussten sie sich behelfen. Die Arbeit ging überhaupt nicht vorwärts,
und die vermurksten Ausschüsse häuften sich. Von vorn musste
angefangen werden, denn die Neuen kamen nicht annähernd mit der Zeit
aus, in der die eingearbeiteten und mit allen Kniffen vertrauten
Arbeiter die Arbeit fertig gestellt hatten.
Ernstlich
wurden diese Dinge in der Meisterbude besprochen.
„Das
ist ganz ausgeschlossen, dass das noch lange so weitergehen kann. Was nützt
uns nun die Rationalisierung? Wir schaffen nicht die Hälfte von dem,
was vor dem Streik geschafft wurde!"
„Ein
gewisser Rückgang der Produktion war in der ersten
Zeit
ja zu erwarten. Aber ich gestehe, das hier übertrifft alle Befürchtungen!"
„Ich
gehe noch auseinander vor Wut", ereiferte sich Meister Westmann,
„wenn ich dies unfähige Volk bei der Arbeit sehe!"
„Es
wird ja nur für einige Tage sein", beschwichtigte ihn der
Oberkalkulator, „wenn sich alles beruhigt hat, sortieren wir; was wir
dann nicht brauchen können, fliegt, und wir suchen uns brauchbareres
Material. Es laufen genug Dreher herum!"
„Aber
wissen Sie denn, wie diese Leute gesinnt sind? Es dauert nicht lange,
und wir haben wieder den Bau voll Bolschewiki!"
Der
Oberkalkulator zuckte mit den Schultern. „Ihre ganze Reinigungsaktion
war für die Katz!" „Das ist nun wohl mal so! Nur müssen wir
aufpassen, dass es nicht wieder so hart hergeht!"
Bleckmann
arbeitete wieder an seiner riesigen Karusselldrehbank.
„Was
sagen Sie nun?" wandte er sich an Meister Westmann, als dieser an
seiner Bank vorbeikam. „Ein neuer ,Roter Greifer'!"
Meister
Westmann starrte ihn wie abwesend an. „Wa-aas?"
„Ein
neuer ,Roter Greifer'!" lachte Bleckmann und zeigte ihm die neue
Betriebszeitung. „Würden Sie mir die ausleihen?" „Natürlich!"
„Die
muss ich doch gleich mal denen da vorn unter die Nase reiben!"
Er
tippelte erregt und schnurstracks ins Büro.
Überall
tauchte der „Rote Greifer" auf. Im Umkleideraum wurden in der
Mittagspause einige gefunden, auf der Latrine, an den Arbeitstischen,
unter den Dreh- und Hobelbänken lagen etliche. Es dauerte nicht lange,
und die gefundenen Exemplare wanderten von Hand zu Hand.
Die
am Streik beteiligten Kollegen lasen ihn mit triumphierenden Gesichtern,
die Reichsbannermitglieder studierten ihn mehr aus Neugierde, aber die
alten Arbeiterratsmitglieder waren erst wie versteinert und tobten dann
im Betrieb umher.
Kühne,
der nach Erdrosselung des Streiks im Betrieb einherschritt, als war ihm
alles Untertan, verlor seine ganze Haltung. Der Dreher Schmachel fluchte
laut in die Welt, trotzdem weit und breit nur er allein an der Drehbank
stand.
Olbracht
aber, der von jedem, sogar von den meisten Reichsbannerarbeitern,
gemieden wurde und der noch als Erinnerung an seine Schuftigkeit ein
langes Pflaster im Gesicht hatte, wurde käsig im Gesicht, als er vom
Wiedererscheinen des „Greifers" hörte. Er wusste, warum.
In
allen Ecken der Fabrik tuschelten nun die Arbeiter über den
„Greifer". „Organisierter Streikbruch" stand in fetten
Lettern unter dem Kopf der Betriebszeitung. „Die Mörder des Kollegen
Ahrnfeld" hieß eine weitere Überschrift.
Jeder
las über die Ursachen des Streiks, von der Einheitsfront der
Unternehmer, Gewerkschaftsbürokratie und Polizei gegen die Streikenden.
Der Polizeimord an dem Tischler wurde geschildert, und die
streikbruchbereiten ehemaligen Arbeiterräte wurden dafür
verantwortlich gemacht.
„Die
Mitglieder des Reichsbanners, die als Streikbrecher herbeigeholt wurden,
sind betrogen worden!" hieß es im „Greifer". „Sie wurden
mit erlogenen Gründen zum Streikbruch angehalten. Sicher gibt es auch
unter den Arbeitern im Reichsbanner viele, die, wenn sie gewusst hätten,
warum sie geholt wurden, sich nicht gegen ihre Arbeitskollegen im
Interesse des Unternehmertums hätten missbrauchen lassen."
Einige
Reichsbannerarbeiter lasen diesen Artikel immer und immer wieder.
„Der
Betriebsspitzel Olbracht" hieß ein weiterer Artikel im
„Greifer". Klar und eindeutig wurde dessen Denunziantentum an den
Pranger gestellt, und die Kollegen wurden aufgefordert, derartige
Kreaturen aus dem Betrieb hinauszujagen.
Ganz
groß stand auf der letzten Seite: „Der ,Rote Greifer' wird nach wie
vor alle vierzehn Tage erscheinen!"
Während
das Blatt von vorn bis hinten durchgeschnüffelt wurde, tauchte bei
allen die Frage auf: Woher kommt die Zeitung? - Einige grübelten -
andere lachten sich ins Fäustchen. Am gleichgültigsten taten der
Tischlerlehrling Fritz und der junge Schlosser Wittig, die seit Abbruch
des Streiks Mitglied der kommunistischen Zelle im Betrieb geworden
waren.
Am
aufgeregtesten aber waren die Mitglieder des alten Arbeiterrats. Sie
tobten im Betrieb umher. Kühne ging durch die Maschinenhalle und
Schmachel durch die Montagehalle, und beide sammelten die
Betriebszeitungen ein.
Es
gab Arbeiter, die sie ablieferten, aber bei den meisten wurden sie
ausgelacht. Selbst viele Reichsbannermitglieder wehrten sich gegen diese
Bevormundung. „Hast du auch eine Zeitung?" „Jawohl!"
„Also
gib sie her!" flötete der Riese.
„Wie
komm ich dazu!" erwiderte der Bohrer, ein Reichsbannerarbeiter, der
sogar an seiner alten, fettigen Fabrikmütze eine schwarzrotgoldene
Fahne trug.
„Warum
willst du den Wisch behalten!" brauste Kühne auf.
„Sind
wir hier Zuchthäusler oder Fürsorgezöglinge? Wir brauchen keinen
Zensor. Wir können selbst beurteilen, was Lüge und was Wahrheit
ist!"
„Ich
bin kein Zensor, aber..."
„Dann
wohl Altpapiersammler, was? Ich liefere nicht ab!" fiel ihm der
Bohrer ins Wort.
Kühne
versuchte fluchend sein Glück bei anderen.
Am
Nachmittag aber vereinbarte er mit der Betriebsleitung, ohne dazu befugt
zu sein, dass künftig jeder Kollege mit verdächtigem Gepäck beim
Betreten der Fabrik untersucht würde. Diese Vereinbarung wurde von der
Betriebsleitung in jeder Halle ans „Schwarze Brett" geschlagen.
Gleichzeitig wurde die nächste Versammlung der freigewerkschaftlich
organisierten Arbeiter bekannt gegeben, die aber nicht bei Horning,
sondern innerhalb des Betriebes, im Frühstücksraum, stattfinden
sollte.
Trotz
alledem: Rote Liste.
Nach
einigen Tagen wurde ein neuer Termin für die Wahl eines Arbeiterrats
angesetzt. Kühne schmunzelte. Schmachel machte höhnische Bemerkungen
über die RGO und erzählte den neueingestellten Reichsbannerarbeitern
skrupellos von dem unerträglich gewesenen Terror der Handvoll
Kommunisten, die ja nun glücklich hinausgeworfen worden seien.
„Nun
herrscht wieder Ruhe in der Bude!" frohlockte er. „Wir
jahrzehntelang organisierten Arbeiter wurden von diesen Rotzjungen wie
Denunzianten und Unternehmeragenten behandelt!"
„Und
Olbracht?" fragte skeptisch der Dreher mit dem
Reichsbannerabzeichen an seiner ölschmierigen Mütze.
„Was
weißt du von Olbracht?" fuhr ihn Schmachel an.
„Das,
was du auch weißt!" kam keck die Antwort. Schmachel wurde puterrot
im Gesicht. „Alles Lügen und Verleumdungen, die über ihn verbreitet
wurden!" zischte er und ging wieder an seine Drehbank.
„Was
ist denn mit Olbracht?" fragte einer der Dreher.
„Der
hat kommunistische Kollegen der Betriebsleitung denunziert!"
„So
'n Schwein!" platzte der andere heraus. „Das war wohl ein
Gelber?"
„Nein,
er ist heute noch Sozialdemokrat!" antwortete ruhig der Dreher und
kurbelte plan und horizontal zugleich eine Konusfläche an einen großen
Gusseisernen Kegelbolzen.
Der
Ex-Betriebsratsobmann fühlte sich wieder restlos als Herr der Lage.
Eine Versammlung der freigewerkschaftlich organisierten Arbeiter hatte
eine neue Arbeiterratsliste aufgestellt. Kühne, Schmachel und Fahs
waren wieder auf ihr vertreten. Von einer Opposition war nichts mehr zu
sehen. Die war allem Anschein nach gründlich ausgeräuchert.
Einiges
Erstaunen erregte aber der Rücktritt Bleckmanns von der Liste.
Als
der Vorschlag an das „Schwarze Brett" geheftet wurde, um dann
nach Ablauf der gesetzlichen Frist als gewählt erklärt zu werden,
huschte über das Gesicht des piepsenden Riesen ein zufriedenes Lächeln.
Er fühlte sich als Sieger.
Um
so größer war das Entsetzen, als später, knapp vor Ablauf der Frist,
eine Gegenliste der RGO eingereicht wurde. Die reformistischen
Betriebsfunktionäre liefen unruhig im Betrieb umher und bestürmten Kühne
an der Anreißplatte mit Fragen. Mit geheuchelter Sicherheit gab er
allen Auskunft und überschüttete die unsichtbare RGO mit Hohn und
Spott.
Der
Dreher Schmachel aber war wieder mal außer sich vor Wut. Fortan war er
gegen jeden im Betrieb misstrauisch und schielte auch den Dreher, der
ihm zur Seite stand, zweifelnd an, trotzdem er den Reichsadler an der Mütze
trug.
„Das
war also der Grund, warum du die Kandidatur auf unserer Liste abgelehnt
hast?" Kühne stand mit forschenden Blicken vor Bleckmann.
„Natürlich!"
erwiderte der und machte sich an der Planscheibe zu schaffen.
„Mensch,
Bleckmann...!" drang Kühne auf ihn ein. „Was ist eigentlich der
Anlass zu deiner plötzlichen...!"
„Der
da gestanden hat!" schrie ihn plötzlich der Dreher an und zeigte
zur großen Karusselldrehbank, an der der alte John gestanden hatte.
„Und der dort!" zeigte er auf Olbracht, der ganz in seine Arbeit
vertieft schien. „Und du und deinesgleichen, damit ihr es wisst! Und
jetzt hau ab! Verschwinde!"
„Dein
Name auf der RGO-Liste, du weißt hoffentlich, was das bedeutet!"
„Ja,
ich weiß!" lächelte Bleckmann verächtlich. „Ich erspare dir
oder deinem Genossen Olbracht das Denunzieren!"
Kühne
stierte ihn mit seinen Kuhaugen wütend an. „Bilde dir bloß nicht
ein, dass du gewählt wirst", murmelte er und ging.
Meister
Westmann, der diesen Auftritt beobachtet hatte, trat an Bleckmann heran.
„Bleckmann,
Sie machen sich unmöglich!"
„Nach
allem, was vorgefallen ist, kann ich nicht anders, ich kann kein Freund
von Denunzianten und Halunken sein!"
„Trotzdem
wäre es klüger, wenn Sie schweigen würden!" Meister Westmann rückte
näher.
„Wissen
Sie was von Melmster und Dresen und dem Hobler?" flüsterte er.
„Nichts!"
wehrte Bleckmann ab.
„Sie
kommen nicht mit ihnen zusammen?"
„Nein!
Die drei sind ja längst aus der Haft entlassen!" Meister Westmann
nickte.
„Die
lassen nicht locker... Die lassen sich durch nichts schrecken!... Diese
Begeisterung! Diese Uneigennützigkeit! Diese Entschlossenheit...!"
Meister
Westmann nickte immer noch und sann vor sich hin. „Die werden es
schaffen! Das ist sicher!"
An
diesem Tag fand abends in einer kleinen Gastwirtschaft die erste
Zellenversammlung der neugegründeten kommunistischen
Jugendbetriebszelle der Firma Negel & Kopp statt. Es war dem
Jungkommunisten Fritz Baldow gelungen, drei weitere junge Arbeiter zu
gewinnen, mit denen zusammen bildete er nun die neue Betriebszelle.
„Die
wichtigste Arbeit, die vor uns steht, ist die Herstellung und Verteilung
der Betriebszeitung", flüsterte Fritz, denn auch der Wirt sollte
nicht wissen, um was es ging.
„Wir
müssen aber außerordentlich vorsichtig arbeiten. Erwischt werden darf
keiner! Wir sind jetzt die Basis für die weitere Arbeit im Betrieb! Wir
haben nicht nur die Jungarbeiter im Betrieb zu bearbeiten, sondern müssen
auch noch die ganze Parteiarbeit übernehmen und dahin arbeiten, dass
bald wieder eine neue Betriebszelle geschaffen wird!"
„Wir
werden's schon machen!" meinte ein kleiner Blondkopf, der an der
Metallsäge arbeitete. Die andern nickten ihm zu.
Am
Tage nach der Arbeiterratswahl stand in der sozialdemokratischen
Tageszeitung folgende Notiz: Arbeiterratswahl in der Maschinenfabrik N.
&• K.
Die
gestrige Arbeiterratswahl bei Negel & Kopp wurde zu einem großen
Erfolg der sozialdemokratischen Liste. Trotz monatelanger Wühlereien
der Kommunisten, trotz Streikhetze und planmäßiger Überfälle auf
langjährige Gewerkschaftsfunktionäre erhielt die sozialdemokratische
Arbeiterratsliste 164 Stimmen. Die Liste der Kommunisten, die so
genannte RGO, erhielt nur 53 Stimmen. Die Sozialdemokraten haben
hiernach drei, die Kommunisten nur einen Vertreter im Arbeiterrat. Das
Resultat zeigt wieder einmal, was für eine hoffnungslose Minderheit die
Kommunisten in den Betrieben sind.
Bei
N. & K. wirbelte diese Notiz ungeheuren Staub auf. Jeder einzelne
wusste von den Kämpfen im Betrieb, wusste, dass alle oppositionellen
und der Opposition verdächtigen Arbeiter entlassen worden waren, dass
durch Denunziation, Polizei und organisierten Streikbruch der
Reformisten der Betrieb kommunistenrein gemacht worden war.
Kühne
wimmelte kaltschnäuzig die ihn bestürmenden Arbeiter ab. Er fühlte
sich wieder ganz als Betriebsratsobmann. Schmachel aber, der hitzige,
fauchte den Dreher mit der Reichsbannerkokarde unüberlegt an. „Du
musst doch die politische Notwendigkeit solcher Dinge verstehen! Es
steht doch nur drin, um andere Arbeiter zu warnen!"
„Aber
es stimmt doch nicht!" erwiderte hartnäckig der Dreher.
„Das
ist ja auch nicht für uns kleines Häuflein im Betrieb geschrieben,
sondern für die vielen Tausende Arbeiter, die von den Kämpfen hier
nichts wissen!"
„Sosoo!"
quittierte der Dreher ironisch das unfreiwillige Geständnis.
„Es
rettet uns kein höh'res Wesen".
Nach
fünf Tagen wurden der Hobler und seine beiden Kollegen von der ersten
Streikleitung aus der Haft entlassen.
Die
ehemaligen Arbeiter von N. & K., die täglich mit der Entlassung der
drei rechneten, hatten sich wie jeden Morgen, bevor sie in die Stadt zum
Arbeitsnachweis gingen, bei Horning versammelt.
Unter
größtem Hallo und Jubel wurden die drei empfangen. Jeder wollte seine
letzten Groschen opfern, um ihnen ein Glas Bier zu spendieren. Der
Hobler sah wohl etwas blass und mitgenommen aus, aber er lachte über
das ganze Gesicht und schüttelte die vielen Hände, die sich ihm
entgegenstreckten.
„Hier,
Hans, lies mal das SPD-Blatt von gestern!" trat der hagere Schmied
an den Hobler heran.
Der
Hobler las das Geschreibsel, blieb aber ganz ruhig.
„Wat
sagste nu?" fragte ihn der Schmied, der ihn aufmerksam beobachtet
hatte.
„Kein
Wort über den Polizeiterror, kein Wort über die Verhaftung der
Streikleitung, kein Wort über die Massenentlassungen nach der
Streikniederschlagung - an solchen Siegen werden sie zugrunde
gehen."
„Aber
das sind Demagogen, was?" Der Wirt Karl Horning, der immer mit den
oppositionellen Arbeitern sympathisiert hatte, servierte den drei
Entlassenen eine tüchtige Portion Bratkartoffeln mit Rührei.
Mitten
in der Gastwirtschaft saßen nun die drei und futterten.
Rund
um sie herum standen wie eine dichte Mauer die Arbeiter, die sich an dem
gesunden Appetit der drei freuten.
„Man
los!" rief der Hobler. „Hier können noch einige hungrige Mäuler
anmustern!"
„Nee!
- Nee! - Um Gottes willen! - Man bloß nicht!" riefen alle
durcheinander und hoben abwehrend die Hände.
„Haut
man ordentlich rein!" rief lachend der Schmied, und alle lachten
mit, und allen knurrte ganz gottserbärmlich der Magen.
Nachdem
die drei sich satt gegessen und die anderen sich hungrig gesehen hatten,
zogen sie alle in die Stadt zum Stempeln. Der Hobler, der Dreher Harms
und der dritte, der junge Schlosser Boldt, mussten sich nun auch auf dem
Arbeitsamt anmelden.
„Unterstützung
gibt's aber erst nach drei Wochen Karenzzeit!" erklärte ein Dreher
den dreien. „Warum?" fragte Harms.
„Weil
wir unsere Entlassung selbst verschuldet hätten, sagte mir so ein
Dickwanst hinterm Schalter!"
„Genossen,
jetzt heißt es aber unter den Erwerbslosen arbeiten. Im
Erwerbslosen-Ausschuss sitzen auch nicht die Besten. Die politische
Arbeit tut dort bitter Not!"
„Wie
der redet!" lachte der Schmied. „Ist eben eine Stunde aus dem Gefängnis!"
Geschlossen
verließen die Arbeiter das Lokal. Auf dem Bürgersteig musste alles vor
ihnen Platz machen. Mit beinahe achtzig Mann zogen sie los.
„Platz
dem Arbeiter!" rief der Schmied aufgebracht, als zwei wohlgenährte
Bourgeois über den Fahrdamm ihnen ausbiegen mussten und sich empört
von den ruppigen Arbeitern abwandten.
„Hans,
wie war's denn im Kittchen?" rief einer laut über die Straße.
Alles lachte. „Wo ist Hennings?" fragte der Hobler Melmster.
„Der taucht für eine Weile nicht wieder auf!" „Das ist auch
besser."
Um
ins Innere der Stadt zu kommen, wo das Arbeitsamt war, mussten sie durch
ein Villenviertel.
„Jetzt
kommen wir ins Schlaraffenviertel!" rief einer der Arbeiter.
„Zu
den Nichtstuern!"
„Zu
den Ausbeutern!" rief ein anderer.
„Und
den Nutznießern!" betonte der Schmied.
„Melmster,
sieh mal den Palast da mit dem prächtigen Park.
Was
werden wir damit anfangen, wenn wir die Macht erobert haben?"
Melmster
überlegte lächelnd. „Ich würde es als Heim für Arbeiterveteranen
vorschlagen. Dann soll sich keiner mehr erhängen müssen wie der alte
John!"
„Nicht
übel!" meinte der Schmied dazu und sann angestrengt über die
Zweckmäßigkeit des Vorschlages nach, als läge es in seiner Macht, ihn
sofort zu verwirklichen.
„Das
dort wär ein ideales Klubhaus, groß, geräumig und vorzüglich
gelegen!" begann ein anderer.
„Was
muss denn nach deiner Meinung alles in solchem Klubhaus sein?"
fragte einer.
„Eine
Bibliothek, ein Leseraum, ein Baderaum, ein Radiozimmer und ein größerer
Raum für Kino und Theater, auch ein Schachzimmer..."
„Und
ein Rauchzimmer?"
„Natürlich
auch ein Rauchzimmer!" ergänzte er.
„Sag
mal, wie groß ist jetzt deine Wohnung?" fragte der Schmied und
zwinkerte dem andern zu.
„Ich
habe keine Wohnung, wir haben ein Zimmer in Untermiete!"
Alles
lachte, doch der Schmied brüllte vor Vergnügen, dass ihm die Tränen
aus den Augen purzelten.
„Was
habt ihr nur? Das soll doch nicht für mich, sondern für uns alle
sein!" erwiderte ganz verlegen der Erwerbslose.
„Schon
gut! Schon gut! Ich meine nur so!" prustete noch immer der Schmied.
Melmster
und der Hobler hatten das Gespräch schweigend mit angehört.
„Lacht
nicht, all das und noch viel mehr wird uns einmal gehören. Alles, was
die Werktätigen geschaffen haben, wird ihnen auch gehören, wie es
heute schon unseren russischen Arbeitsbrüdern gehört. Dann werden wir
das gesellschaftliche Leben in unserem Sinne, im sozialistischen Sinne
regeln, dann werden wir die Wirtschaft auf kollektiver Grundlage
organisieren, und nur wer arbeitet, erhält Anteil an der Arbeit aller.
- Aber, Genossen, noch gehört uns nicht soviel, um uns satt essen zu können.
Doch jeder muss sich sagen, an mir liegt es mit, wie lange es dauert,
bis wir, die Arbeiterklasse, die Macht im Staate haben. Das Verhalten
eines jeden einzelnen von uns ist mitentscheidend, ob es bald oder erst
später sein wird. Nur wenn wir restlos alles dransetzen, werden wir
alles gewinnen!"
„Zur
Herrschaft der Arbeiterklasse und zum Aufbau des Sozialismus gibt es
nicht mehrere, nicht einmal zwei Wege", ergänzte Melmster den
Hobler, „sondern nur einen, einen einzigen, den Weg der proletarischen
Revolution und der Diktatur der Arbeiterklasse!" -
Schweigend
schritten die achtzig Arbeiter mit schweren, dröhnenden Schritten durch
die Straßen. Das Villenviertel lag längst hinter ihnen, sie
marschierten wieder durch eintönige, schmucklose Proletarierstraßen.
Erstaunt
betrachteten die Leute auf der Straße den Trupp. Plötzlich begann
einer eine revolutionäre Melodie zu summen:
„Es
rettet uns kein höh'res Wesen -" Bald summten einige leise mit:
„Kein Gott, kein Kaiser noch Tribun -" Schließlich sangen alle,
dass es in den Straßen widerhallte: „Uns aus dem Elend zu erlösen,
Können
wir nur selber tun!" Der Gesang stürmte die Straße entlang,
kletterte an den Häusern hoch und drang in die Türen und Fenster.
Melmster
und der Hobler, der alte Dresen und der hagere Schmied, achtzig
Proleten, im Bewusstsein der unüberwindbaren Kraft ihrer Klasse,
marschierten im Gleichschritt die Straßen hinunter, dass es von den
Steinen dröhnte.
Nachwort des Autors zur Ausgabe von 1960.
Dreißig
Jahre sind es her, seit dieses Buch - mein Erstling - gedruckt erschien.
Nie habe ich erwartet, dass es einmal neu aufgelegt werden würde und
-
offen gesagt - es auch gar nicht gewollt. Aber warum eigentlich sollte
ich es verhindern? Es kann vielleicht helfen, lesenden Arbeitern Mut zu
machen, selber zur Feder zu greifen.
Ich
schrieb es in meiner Festungshaft, zu der mich das Reichsgericht der
Weimarer Republik wegen Vorbereitung zum literarischen Hoch- und
Landesverrat verurteilt hatte. Die Haft nutzte ich anders, als meine
Richter es gewiss erwarteten; die zwei Festungsjähre wurden meine
Universitätsjahre. Ich studierte nach einem von mir selbst
aufgestellten Lehrplan, den ich gewissenhaft erfüllte. Zugleich wurden
die zwei Haftjahre für mich schriftstellerische Lehrjahre.
Ende
der zwanziger Jahre arbeitete ich in meinem Beruf als Dreher in der
Hamburger Maschinenfabrik Nagel & Kaemp. Im Kampf gegen die
reformistische Gewerkschaftsbürokratie und ihre Verteidiger an der
Werkbank errang die Revolutionäre Gewerkschaftsopposition das Vertrauen
der Kollegen im Betrieb; sie erreichte in legaler Gewerkschaftswahl die
absolute Mehrheit. Die Folgen waren Aussperrung, Streik und Polizeimaßnahmen.
Auch ich wurde damals auf die Straße geworfen. Was sich in der Fabrik
abgespielt hatte, schrieb ich in der Festungshaft auf; es sollte in
Fortsetzungen in der „Hamburger Volkszeitung", unserer
Tagespresse, erscheinen. An eine Buchausgabe dachte ich im Traume nicht;
mir schwebte vielmehr so etwas wie eine erweiterte Arbeiterkorrespondenz
vor.
Mit
allen ihren Unzulänglichkeiten ist diese Aufzeichnung
-
das finde ich heute noch - ein wahrheitsgetreues Dokument aus den
damaligen politischen Kampfjahren. Die Spaltung der deutschen
Arbeiterbewegung wirkte sich immer verhängnisvoller aus. Trotz der
Missstände in den Betrieben, der ständig sinkenden Lebenshaltung der
Werktätigen, der steigenden Massenerwerbslosigkeit und der drohend
heraufziehenden faschistischen Gefahr gelang es nicht, eine einheitliche
Arbeiterfront zu bilden. Die Erbitterung der ehrlichen, klassenbewussten
und kampfentschlossenen Arbeiter über die arbeiterfeindliche Politik
der rechten SPD- und Gewerkschaftsführer führte vielfach dazu, dass
sie ihren Unwillen an ihren sozialdemokratischen Kollegen im Betrieb
ausließen; sie beschimpften sie, anstatt sie von der Verderblichkeit
der Politik ihrer Führer zu überzeugen und mit ihnen gemeinsam die
Einheit der Arbeiter an den Werkbänken herzustellen. Diese
Erscheinungen mehrten sich und beeinflussten auch zeitweilig die Politik
der Kommunistischen Partei, nachdem am 1. Mai 1929 der
sozialdemokratische Polizeipräsident von Berlin, Karl Zörgiebel, auf
demonstrierende Arbeiter schießen ließ und in den Straßen Berlins
Arbeiterblut floss.
Auch
in der Maschinenfabrik N. & K. wurde nach diesem schändlichen
Verbrechen zwischen organisierten Sozialdemokraten im Betrieb und den
reformistischen Führern, die wie auch in Hamburg zugleich Bürgermeister,
Senatoren, Polizeipräsident und Arbeitsamtleiter waren, immer seltener
unterschieden, und die politischen Auseinandersetzungen verschärften
sich immer mehr. Wir Kommunisten hatten die Gefahr erkannt, die der
gesamten Arbeiterbewegung, dem ganzen werktätigen Volk drohte. Wir
wussten und haben es oft genug ausgesprochen, gelang es den
Hitlerfaschisten, die politische Macht zu bekommen, dann würden sie
unter der organisierten Arbeiterbewegung ein unvorstellbares Blutbad
anrichten und schließlich einen neuen Weltkrieg entfesseln. Wir aber
wollten ein derartiges Verhängnis von unserm Volk abwenden. Es ist
wahr, wir kannten und wir hatten keine Ruhe zu jener Zeit und auch nur
wenig Geduld mit denen, die gleichgültig blieben oder nicht begriffen,
wie nah, wie groß und wie furchtbar die Gefahr war.
Ende
Januar 1933 schob das Großbürgertum Hitler die politische Macht zu. Es
kam, wie wir Kommunisten vorausgesagt hatten: Terror und Krieg. Nicht
nur Kommunisten wurden verfolgt und ermordet, sondern auch
Sozialdemokraten und ehrliche parteilose Arbeiter, Juden und aufrechte
Christen, und am Ende trieb der Hitlerfaschismus unser ganzes Volk auf
die Schlachtbank des zweiten Weltkrieges, zerstörte Europa und brachte
Deutschland an den Rand des totalen Ruins. Wir deutschen Kommunisten
hatten längst die Lehren aus der Vergangenheit gezogen. Bereits 1935
war auf der Brüsseler Konferenz unserer Partei, die unter dem Vorsitz
von Wilhelm Pieck durchgeführt wurde, als politisches Ziel die
Schaffung einer breiten Volksfront im Kampf gegen den Faschismus und zum
Sturz der faschistischen Tyrannei aufgestellt worden. Auch die besten Kräfte
der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands hatten in den
faschistischen Kerkern und Todeslagern erkannt, wie verhängnisvoll sich
die Spaltungspolitik reformistischer Führer für die ganze Nation
ausgewirkt hat.
Nach
dem Sieg der Sowjetunion und der mit ihr alliierten Mächte über
Hitlerdeutschland wurde als erstes und Wichtigstes darangegangen, die
unheilvolle Spaltung der deutschen Arbeiterklasse zu überwinden. Die
Kommunistische Partei und die Sozialdemokratische Partei vereinigten
sich Ostern 1946 zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. In den
von den kapitalistischen Westmächten besetzten westdeutschen Zonen, wo
der Wille der Arbeiterklasse zur Einheit nicht weniger stark als im
Osten war, gelang es den in- und ausländischen Imperialisten mit
entscheidender Hilfe rechter sozialdemokratischer Führer wie Kurt
Schumacher, die Spaltung der Arbeiterklasse aufrechtzuerhalten.
Dreißig
Jahre im Leben eines Menschen sind eine große, im Leben eines Volkes
eine nur kurze Spanne Zeit. Schwere, entsetzlich schwere, aber auch außerordentlich
lehrreiche drei Jahrzehnte waren es. Sie brachten unserm Volk und andern
Völkern das Grauenvollste, das Menschen je erlebt haben.
Menschenvernichtungslager und ein in Flammen stehendes Europa. Aber in
diesen drei Jahrzehnten triumphierten letztlich doch die Kräfte, die Völkerhass
und Krieg überwinden, und jene Völker, die sich eine sozialistische
Ordnung gaben, wuchsen an zu einem Weltlager. All das liegt zwischen der
ersten deutschen Ausgabe der „Maschinenfabrik N. & K." 1930
und dieser neuen Ausgabe 1960.
Als
1932 die russische Ausgabe des Buches vorbereitet wurde (es erschien außerdem
noch in ukrainischer, dänischer, jiddischer, holländischer und
japanischer Sprache sowie in Esperanto), wurde ich von den sowjetischen
Schriftstellern eingeladen. Kaum war ich aus der Festungshaft entlassen,
fuhr ich nach Moskau. In kameradschaftlichen, für mich außerordentlich
lehrreichen Begegnungen und Aussprachen wurde mein Erstling kritisch
unter die Lupe genommen. Als ich hörte, die russische Erstauflage werde
hunderttausend Exemplare betragen, rief ich erstaunt: „Nach dieser
Kritik?" Mir wurde erwidert: „Als erstes Buch ist es eine
beachtliche Leistung. Aber deine nächsten Bücher, lieber Genosse
Willi, müssen bedeutend besser werden."
Die
Prüfung als Schriftsteller, das wusste ich gut, hatte ich mit meinem
ersten Buch noch keineswegs bestanden. Würde ich sie je bestehen? Und
wann würde ich überhaupt dazu kommen, ein neues Buch zu schreiben? Ja,
wann? In den deutschen Straßen marschierten, randalierten und mordeten
die braunen Totschläger. Hitler forderte von der herrschenden Bürgerklasse
die politische Macht. Ich arbeitete wieder als Redakteur an der
„Hamburger Volkszeitung", als Funktionär meiner Partei.
Anfang
1933 war ich abermals ein Gefangener, diesmal KZ-Gefangener der
Faschisten. Eine Leidenszeit ohnegleichen begann: dreizehn Monate
Kerker, elf Monate Einzelhaft und sieben Wochen Dunkelhaft, dazu
siebzehn Auspeitschungen. Aber in den Nächten auf der Pritsche schrieb
ich an einem Buch. In Gedanken, denn Feder und Papier hatte ich nicht.
Aber ich schrieb Episode auf Episode, Kapitel auf Kapitel, ein ganzes
Buch. Und als es mir tatsächlich gelang, dem KZ Hamburg-Fuhlsbüttel zu
entrinnen und aus Deutschland zu fliehen, schrieb ich das im Gedächtnis
Angesammelte in Prag nieder. Ich gab diesem Buch den Titel „Die Prüfung".
Willi
Bredel
Siehe
auch
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