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Vor
460 Jahren wurde der Philosoph und Freigeist
Giordano Bruno geboren
Ein
Märtyrer des freien Geistes von der Inquisition auf dem
Scheiterhafen
verbrannt
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„Giordano
Bruno, der Mann aus Nola, den die römischen Inquisitionsbehörden
im Jahre 1600 auf dem Scheiterhaufen wegen Ketzerei verbrennen ließen,
gilt allgemein als großer Mann, nicht nur wegen seiner kühnen und
seitdem als wahr erwiesenen Hypothesen über die Bewegungen der
Gestirne, sondern auch wegen seiner mutigen Haltung gegenüber der
Inquisition, der er sagte:
‚Ihr
verkündet das Urteil gegen mich mit vielleicht viel größerer
Furcht, als ich es entgegennehme.’“
Bertolt
Brecht über Bruno in „Mantel des Ketzers“(1939)
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Ein
gelehrter und mutiger Mann
Giordano
Bruno, Philosoph und Wissenschaftler, wurde vor 400 Jahren auf dem
Scheiterhaufen verbrannt
Von
Frank Gaglioti
11. März 2000
aus dem Englischen (16. Februar 2000)
Vor
vierhundert Jahren, am 16.
Februar 1600, ließ die Katholische Kirche den italienischen
Philosophen und Wissenschaftler Giordano Bruno wegen Ketzerei hinrichten.
Er wurde am frühen Morgen aus seiner Zelle auf die Piazza dei Fiori in
Rom gebracht und bei lebendigem Leib auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
Bis zum Ende fürchteten die Kirchen-Oberen die Ideen eines Mannes, der in
ganz Europa als mutiger und hervorragender Kopf bekannt war. Ein
besonderer Aspekt dieses grausamen Ereignisses war, dass
den Henkern befohlen wurde, seine Zunge festzubinden, so dass er nicht in
der Lage wäre, zu den Anwesenden zu sprechen.
Während
seines ganzen Lebens war Bruno Verfechter
des Kopernikanischen Systems in der Astronomie, das die Sonne und
nicht die Erde ins Zentrum des Sonnensystems stellte. Er kämpfte gegen
die verdummende Autorität der Kirche und weigerte sich während seiner
achtjährigen Einkerkerung durch die venezianische und römische
Inquisition, seine philosophischen Überzeugungen zu widerrufen. Sein
Leben legt Zeugnis ab von dem Drang nach Wissen und Wahrheit, das die
erstaunliche Geschichtsperiode kennzeichnet, die man Renaissance nennt –
und von der so vieles in der modernen Kunst, Philosophie und Wissenschaft
herstammt.
1992,
nach 12-jähriger Beratung, gab die Katholische Kirche widerwillig zu,
dass Galileo Galilei Recht hatte, als er die Theorien des Kopernikus
unterstützte. Die Heilige Inquisition hatte 1633 den bejahrten Galileo
unter Androhung der Folter gezwungen, seine Ideen zu widerrufen. Aber in
Bezug auf Bruno gibt es kein solches Eingeständnis. Seine Schriften
stehen noch immer auf der Liste der verbotenen Schriften des Vatikans.
Die
Kirche denkt zur Zeit über einen neuen Katalog von Entschuldigungen nach.
Eine theologische Kommission unter der Leitung von Kardinal Joseph
Ratzinger, dem Vorsitzenden der Kongregation für Glaubensfragen – der
modernen Nachfolgerin der Inquisition – hat eine Untersuchung erstellt
mit dem Titel: „Die Kirche und die Fehler der Vergangenheit: Erinnerung
im Dienste der Aussöhnung“. Darin wird vorgeschlagen, sich für
„Fehler der Vergangenheit“ zu entschuldigen. Die Ergebnisse wurden
Papst Johannes Paul II. überreicht, der sich am 12. März dazu äußern
soll.
Die
Hinrichtung Brunos ist eines der Verbrechen der Kirche, die in diesem
Zusammenhang erwähnt werden. Es gilt jedoch als unwahrscheinlich,
dass hier größere Zugeständnisse gemacht werden. Kompromisslose
katholische Persönlichkeiten haben die Untersuchung von Anfang an mit der
Begründung abgelehnt, übertriebene Reue und Selbsthinterfragung könne
den Glauben an die Kirche und ihre Institutionen untergraben.
Die
augenblickliche Einstellung der Römisch-Katholischen Kirche gegenüber
Bruno wird auf einem zweiseitigen Eintrag in der letzten Ausgabe der
„Katholischen Enzyklopädie“ deutlich gemacht. Er prangert Brunos
„Intoleranz“ an und wirft ihm vor, seine „Geisteshaltung gegenüber
der religiösen Wahrheit“ sei die eines „Rationalisten“. [1] Der
Artikel beschreibt detailliert Brunos theologische Irrtümer und seine außerordentlich
lange Inhaftierung durch die Inquisition, erwähnt aber nicht die
bekannteste Tatsache – dass die Kirche ihn bei lebendigem Leib auf dem
Scheiterhaufen verbrannte.
Bruno
wird seit langem als Märtyrer der wissenschaftlichen Wahrheit verehrt.
1889 errichtete man ein Denkmal an dem Ort seiner Hinrichtung.
Wissenschaftler und Dichter bekundeten ihre Bewunderung, man erstellte
eine ausführliche Biographie. In einer Botschaft an den „Contemporary
Club“ in Philadelphia schrieb der amerikanische Dichter Walt Whitman im
Jahr 1890: „Da Amerika seine geistige Kühnheit (dieser Gedanke kam mir
heute) mehr als allen gegenwärtigen Ländern und Völkern den edlen Märtyrern
der früheren Alten Welt verdankt, ist es unsere Pflicht, das Leben und
die Namen dieser Märtyrer zu reinigen und sie in ehrfurchtsvollem
Angedenken als Leitbild zu bewahren. Als typisches Beispiel hierfür steht
Giordano Bruno, den wir stellvertretend heute und in Zukunft in das
dankbare Herz und die Erinnerung der Neuen Welt einschließen.“ [2]
Der
Mitstreiter von Karl Marx, Friedrich Engels, fasste die geschichtliche
Epoche zusammen, die Persönlichkeiten wie Bruno hervorbrachte. In einer
in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts entstandenen Einleitung zu
seinem unvollendeten Werk „Dialektik der Natur“ schrieb Engels: „Es
war die größte progressive Umwälzung, die die Menschheit bis dahin
erlebt hatte, eine Zeit, die Riesen brauchte und Riesen zeugte, Riesen an
Denkkraft, Leidenschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und
Gelehrsamkeit. Die Männer, die die moderne Herrschaft der Bourgeoisie
begründeten, waren alles, nur nicht bürgerlich beschränkt. Im
Gegenteil, der abenteuernde Charakter der Zeit hat sie mehr oder weniger
angehaucht. Fast kein bedeutender Mann lebte damals, der nicht weite
Reisen gemacht, der nicht vier bis fünf Sprachen sprach, der nicht in
mehreren Fächern glänzte...
Auch
die Naturforschung bewegte sich damals mitten in der allgemeinen
Revolution und war selbst durch und durch revolutionär; hatte sie sich
doch das Recht der Existenz zu erkämpfen. Hand in Hand mit den großen
Italienern, von denen die neuere Philosophie datiert, lieferte sie ihre Märtyrer
auf den Scheiterhaufen und in die Gefängnisse der Inquisition. Und
bezeichnend ist, dass Protestanten den Katholiken vorauseilten in der
Verfolgung der freien Naturforschung. Calvin verbrannte Servet, als dieser
auf dem Sprunge stand, den Lauf der Blutzirkulation zu entdecken, und zwar
ließ er ihn zwei Stunden lebendig braten; die Inquisition begnügte sich
wenigstens damit, Giordano Bruno einfach zu verbrennen.“ [3]
Was
Bruno ganz besonders auszeichnet, ist sein energisches Beharren auf
Vernunft und Logik statt religiösem Dogma als Grundlage der
Wahrheitsfindung. Die Denker der Aufklärung des 18. Jahrhunderts
vorwegnehmend, schrieb er in einem seiner letzten Werke, „De triplici
minimo et mensura“ [Vom dreifach Kleinsten und vom Maß] 1591: „Wer
Philosophie betreiben will, muss zunächst einmal alles in Frage stellen.
Er darf in einer Diskussion keinen Standpunkt einnehmen, bevor er nicht
die unterschiedlichen Meinungen angehört und die Gründe dafür und
dagegen bedacht und verglichen hat. Er sollte niemals einen Standpunkt
einnehmen auf der Grundlage dessen, was er gehört hat, aufgrund der
Meinung der Mehrheit, wegen des Alters, der Verdienste oder dem Ansehen
des betreffenden Redners, sondern er sollte entsprechend der Überzeugungskraft
einer in sich stimmigen Theorie vorgehen, die sich an reale Dinge hält
und an eine Wahrheit, die im Lichte der Vernunft begriffen werden kann.“
[4]
weiter
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Die
Hinrichtungsstätte von Giordano Bruno:
Der Campo Di Fiore in Rom |
Ein
vielseitiger Gelehrter
Das
philosophische Erbe Brunos lässt eine vielseitige Persönlichkeit
erkennen, beeinflusst von den verschiedenen geistigen Strömungen seiner
Zeit, in einer Epoche, als die moderne Wissenschaft gerade erst begann.
Mit seinen glühenden Polemiken erntete er die Bewunderung der
fortgeschrittensten Denker dieser Epoche und den Hass der Kirche, deren
Autorität durch wissenschaftliche Angriffe bis ins Mark erschüttert
wurde.
Bruno
wurde 1548 in der Stadt Nola in der Nähe von Neapel geboren, zu Beginn
der Revolution in der Astronomie, die durch die Veröffentlichung von
Kopernikus „De revolutionibus orbium coelestium libri VI“ [Die sechs Bücher
über die Umläufe der Himmelskörper] im Jahre 1543 eingeleitet wurde.
Kopernikus erklärte, die Sonne und nicht die Erde sei der Mittelpunkt
eines endlichen begrenzten Universums, wobei die Planeten die Sonne auf
kreisförmigen Bahnen umliefen und die Sterne in einer starren kugelförmigen
Sphäre in beträchtlicher Entfernung darüber fixiert seien.
Das
Kopernikanische System stellte nicht nur die kosmologischen Ansichten der
Kirche, sondern auch die strenge gesellschaftliche Hierarchie des
Feudalismus in Frage. Die bis dahin sauber geordnete Auffassung des
Universums, mit der Erde im Zentrum, bestärkte die starre feudale Ordnung
mit den Leibeigenen auf der untersten Stufe und dem Papst an der Spitze.
Die gefährliche Schlussfolgerung aus der Kopernikanischen Theorie war:
wenn der Glaube an die Unfehlbarkeit der Kirche auf dem Gebiet der
Kosmologie in Frage gestellt werden konnte, dann war ihre
gesellschaftliche Stellung ebenfalls in Zweifel gezogen.
Die
Kirche war bereits von allen Seiten unter Belagerung geraten. 1517 hatte
Martin Luther seine „Fünfundneunzig Thesen“ an eine Kirchentür in
Deutschland genagelt, in denen die Praktiken der Römisch-Katholischen
Kirche angeprangert wurden – der erste Schlag der protestantischen
Revolution, die sich über ganz Europa verbreitete. Der Vatikan reagierte
mit einem Gegenangriff – der Gegenreformation – auf jeden, der die
katholische Lehre anzugreifen schien. 1542 richtete sie die römische
Inquisition ein, um ihre Erlasse mittels Folterung und Hinrichtung
durchzusetzen.
So
wurde Bruno in eine Welt voller Aufruhr geboren. 1563 trat Bruno in das
Kloster San Domenico ein, wo er wegen seiner unorthodoxen religiösen
Ansichten die Aufmerksamkeit der Kirchenoberen auf sich zog. Er nutzte
seine Zeit als Novize, um sich nicht nur mit den philosophischen Werken
der alten Griechen, sondern auch mit den zeitgenössischen europäischen
Denkern vertraut zu machen. Zu dieser Zeit stieß er zum ersten Mal auf
das Werk von Kopernikus, das einen solch tiefgreifenden Einfluss auf sein
Leben haben sollte.
1572
erhielt Bruno die Priesterweihe, verließ den Orden aber 1576, nachdem er
Rom besucht hatte. Man hatte herausgefunden, dass er philosophische Texte
mit Fußnoten des holländischen Humanisten Erasmus gelesen hatte; er
floh, bevor man ihn bei den kirchlichen Behörden denunzieren konnte. Den
Rest seines Lebens bis zu seiner Gefangennahme durchreiste er Europa,
diskutierte und warb für seine philosophischen Ideen.
Nach
dreijährigem Aufenthalt in Italien ging er nach Genf, das damals von der
protestantisch-calvinistischen Sekte beherrscht wurde. Bruno geriet bald
in Konflikt mit den maßgebenden Autoritäten, weil er ein Pamphlet veröffentlichte,
in dem er einem Genfer Philosophieprofessor 20 Fehler in einer Vorlesung
nachwies. Er wurde von den Calvinisten inhaftiert und erst freigelassen,
nachdem er die anstoßerregende Broschüre zurückgezogen hatte. 26 Jahre
zuvor hatten die Calvinisten den spanischen Arzt, Geografen und Literaten
Michael Servetus wegen seiner (…) Ansichten auf dem Scheiterhaufen
verbrannt.
Als
nächstes reiste Bruno nach Toulouse in Frankreich, wo er Vorlesungen über
„De anima“ von Aristoteles hielt und ein Buch über mnemotechnisches
Gedächtnistraining schrieb. 1581 kam er nach Paris, wo er die
Aufmerksamkeit König Heinrichs III. auf sich zog, der sich für sein dem
Ruf nach legendäres Gedächtnis interessierte. Der König verschaffte ihm
eine Stelle am College de France, nachdem ihm der Eintritt in die Sorbonne
von den Kirchenbehörden verboten worden war.
Während
seines Aufenthalts in Paris schrieb er drei Bücher, zwei über die Gedächtniskunst
und eine Komödie mit dem Titel „Der Kerzenmacher von Bruno dem Nolaner,
Absolvent keiner Akademie, genannt der Quälgeist“. In diesem Stück
beschreibt Bruno seine Zeit im Dominikanerkloster in Neapel – eine
vernichtende Anklage gegen die Kirche. Giovanni Gentiles Kommentar zu dem
Stück beschreibt Brunos Charakterisierung der Kirche wie folgt: „Man
bekommt in ungeordneter Folge zu sehen: Episoden von Beutelschneiderei,
Trickbetrügereien, Schurkengeschäfte; ebenso herrliche Widerwärtigkeiten,
bittere Süßigkeiten, törichte Entscheidungen, irriger Glaube und verkrüppelte
Hoffnungen, schäbige Almosen, Richter, würdevoll und aufrichtig in Bezug
auf die Angelegenheiten der anderen, aber nicht auf ihre eigenen; männliche
Frauen, weibische Männer und Stimmen der Verschlagenheit statt
Barmherzigkeit, sodass der Gläubige der Betrogene ist – und überall
die Liebe zum Gold.“ [5]
1583
war Bruno gezwungen, Frankreich zu verlassen. Er reiste nach England; sein
dreijähriger Aufenthalt dort erwies sich als die fruchtbarste Periode
seines Lebens. Er wurde in eine Gesellschaft eingeführt, die begeistert
alle Formen italienischer Gelehrsamkeit aufnahm und schon über eine beträchtliche
italienische und ausländische Exilgemeinde verfügte. Viele waren
geflohen, um einer Verfolgung wegen unorthodoxer philosophischer und
religiöser Ideen zu entgehen. Bruno führte Diskussionen mit Königin
Elisabeth I., welche die Möglichkeit reizte, philosophische Fragen direkt
auf Italienisch zu diskutieren. Er zog sehr schnell eine Reihe von
Intellektuellen an, die darauf brannten, die philosophischen Probleme
dieser Zeit zu erörtern.
In
England veröffentlichte Bruno sechs Bücher, alle auf Italienisch, in
denen er zum ersten Mal seine philosophischen Ideen ausführlich darlegte.
Er war der erste Philosoph, der wissenschaftliche Probleme in seiner
Muttersprache erörterte. Schon die Tatsache, dass er Bücher auf
Italienisch veröffentlichte, war eine offene Herausforderung an die
Kirche, die versuchte, Latein als Wissenschaftssprache aufrecht zu
erhalten und so die Weiterverbreitung von Ideen zu begrenzen. Das
bahnbrechende Werk von Kopernikus war nur auf Lateinisch erschienen. Die
Drucker von Brunos Werken waren so verängstigt, dass keiner von ihnen
sich in seinen gedruckten Texten zu erkennen gibt.
Brunos
Sicht des Universums
Brunos
Kosmologie wird in den Werken „Das Aschermittwochsmahl“, „Von der
Ursache, dem Prinzip und dem Einen“ und „Vom Unendlichen, dem All und
den Welten“ erläutert, die eine brillante Vorwegnahme späterer
wissenschaftlicher und philosophischer Entwicklungen darstellen. In
mancher Hinsicht gingen die Schlussfolgerungen, zu denen Bruno durch
mutige Intuition gelangte, über das Werk seiner Nachfolger wie Galileo
und Kepler hinaus. Die Bücher sind in Form von Dialogen aufgebaut, in
denen Brunos Personen verschiedene philosophische Standpunkte von
unterschiedlichen Blickwinkeln aus diskutieren, und eine dieser Personen
stellt Bruno selbst dar.
In
„Das Aschermittwochsmahl“ bringt Bruno als einer der ersten Argumente
für die Existenz eines unendlichen Universums vor, das eine unendliche
Zahl von Welten, ähnlich der Erde, enthält. Damit verwarf er die Beschränkungen
des Kopernikanischen Systems, das ein endliches Universum postulierte,
begrenzt durch eine starre kugelförmige Sphäre von Sternen oberhalb des
Solarsystems. Er argumentierte, die Sonne sei nicht das Zentrum des
Universums und erklärte, wenn man die Sonne von irgendeinem der anderen
Sterne aus beobachten würde, dann sähe sie genauso aus. Bruno machte
sich auch Gedanken darüber, dass diese anderen Welten bewohnt sein könnten.
Der
deutsche Philosoph Ernst Cassirer erklärte die Bedeutung von Brunos
Auffassung eines unendlichen Universums wie folgt:
„Diese Doktrin... war der erste und entscheidende Schritt zur
Selbstbefreiung des Menschen. Der Mensch lebt nicht länger in der Welt
eines Gefangenen, eingeschlossen in die engen Wände eines endlichen
physikalischen Universums. Er kann die Lüfte durchqueren und alle imaginären
Grenzen der himmlischen Sphären durchbrechen, die von einer falschen
Metaphysik und Kosmologie errichtet wurden. Das unendliche Universum setzt
dem menschlichen Geist keine Grenzen; im Gegenteil, es ist die große
Herausforderung für den menschlichen Geist. Der menschliche Geist wird
sich seiner eigenen Unendlichkeit bewusst, indem er seine Kräfte am
unendlichen Universum misst.“ [6]
Die
weiteren drei Bücher, die Bruno in England veröffentlichte – „Die
Vertreibung der triumphierenden Bestie“, „Die Kaballa des Pegasus“
und „Die heroischen Leidenschaften“ – enthalten eine beißende
Kritik der Gegenreformation. Die italienische Historikerin Hilary Gatti
bemerkt in ihrem Buch „Giordano Bruno und die Wissenschaft der
Renaissance“: „Die Bedeutung
dieser letzten italienischen Werke liegt meiner Meinung nach... im Übergang
von einer Vorstellungswelt, die von einer theologischen Weltsicht
beherrscht war, zu einer Vorstellungswelt, in der philosophische Begriffe
herrschten. In diesem Übergang von der Theologie zur Philosophie wird mit
der offenbarten Religion in allen Formen roh umgegangen, vor allem aber
mit der christlichen Religion, die das Leben und die Kultur Europas im
sechzehnten Jahrhundert dominierte – und das oft mit Gewalt und Unterdrückung.“
[7]
In
England hinterließ Bruno den größten Eindruck. Seine Ansichten wurden
in gelehrten Kreisen diskutiert, und die Argumente, die er in seinen Büchern
vorbringt, vermitteln einen Eindruck von der zeitgenössischen Diskussion.
Zwei führende Wissenschaftler, William Gilbert und Thomas Harriot, wurden
zu herausragenden Befürwortern seiner kosmologischen Ansichten. Gilbert,
dessen Werk „De Magnete“ (1600) bis ins neunzehnte Jahrhundert als
grundlegende Abhandlung über den Magnetismus galt, war ein bedeutender
Vertreter einer Gruppierung, die wissenschaftliche Fragen diskutierte. Er
war insbesondere daran interessiert, seine magnetischen Theorien in Bezug
zu Brunos kosmologischen Ansichten zu entwickeln.
Harriot
war ein berühmter Mathematiker und Astronom; man nimmt an, dass er noch
vor Galileo Sonnenflecken entdeckt hatte. Harriot führte 1608 eine
Korrespondenz mit Kepler, in der er Brunos Auffassung vom unendlichen
Universum diskutierte, die Kepler später ablehnte. Harriot war einer der
Wissenschaftler, die vom Neunten Earl von Northumberland gefördert wurden
– ein treuer Anhänger Brunos. Northumberland verfügte über eine
umfassende Sammlung von Brunos Werken, die er den Wissenschaftlern in
seinem Kreis zugänglich machte.
Aufgrund
von Vermögensverlusten seines Förderers, des Marquis de Mauvissiere, mit
dem er nach England gereist war, musste Bruno nach Frankreich zurückkehren.
In Paris brachte er dann drei Werke heraus, war jedoch gezwungen
abzureisen, nachdem sein Angebot, mit jedermann über das Thema „120
Thesen über Natur und Welt“ zu diskutieren, heftige Angriffe von
Kirchentreuen ausgelöst hatte. Er reiste daraufhin nach Deutschland, wo
er sich bis 1588 in Wittenberg und Marburg aufhielt. Er musste Marburg
verlassen, nachdem er mit den Lutheranischen Autoritäten in Konflikt
geraten war, und durchreiste anschließend Europa – Prag, Helmstedt,
Frankfurt und Zürich.
1591
kehrte Bruno nach Italien zurück, weil er von dem italienischen Adligen
Zuane Mocenigo eingeladen worden war, Aristokraten in der Gedächtniskunst
zu unterrichten. Mocenigo denunzierte ihn später bei der Inquisition. Am
23. Mai 1592 wurde Bruno verhaftet, über seine philosophischen Werke verhört
und am 27. Januar 1593 auf direktes Ersuchen des päpstlichen Nuntius
Taverna, der im Auftrag von Papst Clemens VIII. handelte, der Inquisition
in Rom übergeben.
Während
seiner Haft in Rom wurde er im Verlauf von sieben Jahren über alle
Aspekte seines Lebens und seiner philosophischen und theologischen
Ansichten verhört. Am 15. Februar 1599 klagte die Inquisition Bruno wegen
Ketzerei in acht Fällen an, die die Kirche bis heute nicht offengelegt
hat. Den wenigen Dokumenten zufolge, die zur Verfügung stehen, wurde
Bruno wegen seiner „atheistischen“ Ansichten und wegen der Veröffentlichung
des Werks „Die Vertreibung der triumphierenden Bestie“ angeklagt. Er
weigerte sich zu widerrufen.
Die
Inquisition verkündete ihr Urteil am 20. Januar 1600:
„Hierdurch, in diesen Dokumenten... verkünden wir das Urteil und erklären,
dass der zuvor genannte Bruder Giordano Bruno ein unbußfertiger und hartnäckiger
Ketzer ist und deshalb alle kirchlichen Tadel und Strafen des Heiligen
Kanons auf sich geladen hat... Wir verfügen und befehlen deshalb, dass Du
dem weltlichen Gericht ausgeliefert wirst... damit Du die Strafe erhältst,
die Du verdienst, obwohl wir inbrünstig beten, dass er (der Römische
Statthalter) die Strenge des Gesetzes in Bezug auf Deine Strafen mildern möge,
damit Du nicht getötet wirst oder Deine Glieder verstümmelt.
Darüber
hinaus verurteilen, missbilligen und verbieten wir alle Deine zuvor
genannten und Deine übrigen Bücher und Schriften als ketzerisch und
irrig, da sie viele Ketzereien und Irrtümer enthalten, und wir verfügen,
dass alle diese Bücher, die in die Hände der Inquisition gelangt sind
oder in Zukunft gelangen, öffentlich vernichtet und auf dem
St.-Peters-Platz vor den Stufen verbrannt werden und auf den Index
verbotener Bücher gesetzt werden sollen.“ [8]
Trotz
des unaufrichtigen Beiklangs von Sorge über Brunos körperliches
Wohlergehen verkündete die Inquisition das Todesurteil. Bruno trotzte ihr
bis zum Schluss. Gaspar Schopp von Brelau, der kurz zuvor zum
Katholizismus übergetreten war und dem Urteil beiwohnte, berichtet, dass
Bruno, als er den Spruch vernahm, ausrief: „Vielleicht
habt Ihr, die Ihr mein Urteil verkündet, mehr Angst als ich, der es
entgegennimmt.“ [9]
An
die Heilige Inquisition und ihre Folterknechte erinnert man sich nur als
Symbole der Erzreaktion. Aber Bruno hat die Zeiten überdauert. Betrachtet
man sein Leben, so sieht man einen wahren Menschen der Renaissance mit
einem leidenschaftlichen Interesse an allen Aspekten des menschlichen
Wissens, der mit großer Energie und Entschlossenheit an den geistigen
Auseinandersetzungen seiner Zeit teilgenommen hat. Seine Erkenntnisse
waren ein wichtiger Beitrag zu den Ideen, die die Grundlage für die
moderne Wissenschaft legten. Seine standhafte Weigerung, sich der Autorität,
Macht und dem Unterdrückungsapparat der Römisch-Katholischen Kirche –
der mächtigsten Institution seiner Zeit – zu beugen, wird ohne Zweifel
auch für kommende Jahrhunderte eine Inspiration sein.
Der
deutsche Philosoph Georg Hegel erklärt zusammenfassend über die
Generation von Denkern, der Bruno angehörte, in seinen „Vorlesungen über
die Geschichte der Philosophie“: „Sie
fühlten sich und wurden nun von dem Triebe regiert, aus sich heraus das
Wesen zu schaffen, die Wahrheit zu schöpfen, – Menschen gärender und
brausender Natur, von unstetem und wildem Charakter, enthusiastischem
Wesen, das nicht die Ruhe der Wissenschaft gewinnen konnte. Man findet so
bei ihnen große Originalität; der Inhalt ist aber höchst vermischt und
ungleich. In dieser Zeit finden sich eine Menge Individuen, groß durch
die Energie ihres Geistes, ihres Charakters, bei denen sich aber eine große
Verworrenheit des Geistes und Charakters zugleich findet, – deren
Schicksale, wie ihre Schriften, nur diese Unsicherheit ihres Wesens und
die Empörung des Innern gegen das vorhandene Dasein wie Intelligenz und
die Sucht, heraus zur Festigkeit zu gebären, bezeichnen und in denen ein
heißer Trieb zum Tiefsten und Konkreten in denkender Weise durch
unendliche Phantastereien, Wildheit der Einbildung, Sucht nach geheimen
astrologischen, geomantischen und anderen Kenntnissen verunreinigt war.
Diese merkwürdigen Erscheinungen glichen wesentlich der Auflösung, dem
Erdbeben und den Eruptionen eines Vulkans, der sich im Inneren gebildet
hatte und der eine neue Schöpfung hervorbrachte; seine Schöpfungen sind
noch wild und unregelmäßig.“ [10]
Anmerkungen:
Die
Zitate wurden aus den angegebenen englisch-sprachigen Quellen übersetzt.
1.
The Catholic Encyclopaedia (http://www.knight.org/advent/cathen/03016a.htm)
2.
Quoted in „The Infinite Worlds of Giordano Bruno“ by Antoinette Mann
Paterson, 1970, page ix
3.
„Dialektik der Natur“, Friedrich Engels, Seite 10
4.
„De triplici minimo“ by Giordano Bruno as quoted in „Giordano Bruno
and Renaissance Science“ by Hilary Gatti, 1998, page 4
5.
Quoted in „Giordano Bruno, His Life and Thought“ by Dorothea Waley
Singer, 1950, page 22
6.
Quoted in „The Infinite Worlds of Giordano Bruno“ by Antoinette Mann
Paterson, 1970, pages 33-34
7.
„Giordano Bruno and Renaissance Science“ by Hilary Gatti, 1998, page
229
8.
Quoted in „Giordano Bruno, His Life and Thought“ by Dorothea Waley
Singer, 1950, page 176-177
9.
Quoted in „Giordano Bruno, His Life and Thought“ by Dorothea Waley
Singer, 1950, page 179
10.
Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, G.W.F. Hegel, Werke in
20 Bänden, Band 20, Seite 18
Quelle
WsWs |