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Die
lange Krise
Von
Dr. Seltsam (Berlin) vom 10.2. 2009
Arm
ist man bis 781 Euro netto, reich ab 3418 Euro netto pro Monat. Die einen
sind arbeitslos, weil die Firmenleiter soviele Leute wie möglich
entlassen, denn das hebt die Aktienkurse und die Ausbeutungsrate. Die
anderen sind arbeitslos, weil sie es nicht nötig haben oder weil sie das
Nachdenken über Geldanlage für Arbeit halten. Zweierlei Sorten
Arbeitslose, den einen gehört dieser Staat und seine Regierung macht
alles, um diese kleine herrschende Klasse vor der Krise zu schützen. Den
anderen gehört nur die Angst
vor der Zukunft.
Die
ist leider berechtigt. Denn so eine Krise wie die jetzige war noch nicht
da; es ist eine Überlagerung von vier Faktoren:
Erstens eine im Kapitalismus „normale
Krise“. D.h. die regelmäßig
wiederkehrende Überproduktion von Waren; die ist schon schlimm genug. Wer
keine Marx-Schulung mitgemacht hat und den Krisenzyklus dennoch verstehen
möchte, liest am besten Friedrich Engels: Die Entwicklung des Sozialismus
von der Utopie zur Wissenschaft.
Zweitens das Platzen schlechter Kredite,
zunächst in den USA, jetzt auch in allen anderen imperialistischen Ländern;
eine „Blase“,die ein vielfaches der Wirtschaftskraft der betroffenen Länder
beträgt und die erst nur in Ansätzen zu sehen ist wie die Spitze eines
im Wasser treibenden Eisbergs, die sieben Achtel seiner Masse unterwasser
verbirgt. Zum Beispiel sind die ganzen Kreditkartenfirmen noch gar nicht
miteinbezogen in die Pleite. Wenn das erst losgeht, dann Gnade uns Gott.
Drittens eine „Strukturkrise“:
Die großen Konzerne haben sich nicht an moderne Bedürfnisse angepaßt
und haben seit Jahren die falschen Dinge produziert, und die will nun
keiner mehr kaufen: Riesenautos, Klimatisierte Häuser, Weltraumstationen,
Computer mit zuviel Innenleben, überteuerte Luxuswaren, Flachbildschirme.
Und Viertens die Grundursache der jetzigen
Krise: Eine Ansammlung zu großer
Mengen Reichtum in zu wenigen Händen, oder andersrum ausgedrückt: Die
viel zu niedrigen Löhne der Arbeitenden weltweit, wie ein Krieg
durchgesetzt unter den Labels Neoliberalismus und Globalisierung.
Wegen
dieser vierfachen Verwicklung wird diese Krise ewig dauern und immer
schlimmer werden, der eine Krisenbereich wird den anderen immer mehr mit
hinab ziehen.
Es
gibt, kurz gesagt, zuviel Reichtum auf Erden. Es gibt derzeit keine
lohnenden Geldanlagen, in der sich Kapital rentiert und Zinsen ab wirft.
Logische Folge: Es muss Kapital vernichtet werden, damit sich
Investitionen für das überlebende Kapital wieder lohnen. Das bisher
prominenteste Opfer dieser Situation war der schwäbische Milliardär
Adolf Merkle, der sich mit ein paar Milliarden verspekuliert und sich so
geschämt hat, dass er nur
noch einfacher Milliardär gewesen wäre, da hat er sich lieber
umgebracht. Im Angesicht seiner Lieblingsfirma Ratiopharm auf die Schienen
gelegt! Ich bin Eisenbahnerkind und weiß, dass es zu den größten Ängsten
aller Lokführer gehört, jemanden totzufahren. Sie sind danach schwer
traumatisiert und z.T. jahrelang arbeitsunfähig. Das hat Herrn Merkle
aber nicht interessiert: Bis zu seinem letzten Atemzug war er ein
egoistisches Arschloch.
Und
solche Leute verfügen über die Kapitalströme. Es gibt neuerdings Linke,
die finden, man sollte sich gemeinsam mit solchen „realistischen“
Kapitalisten gegen das USA-Kapital wehren. Aber ich weiß eine bessere Lösung:
Sollten wir ihnen das Verfügungsrecht über ihr Vermögen nicht einfach
wegnehmen? Sie haben ja nun wohl deutlich bewiesen, dass sie mit Geld
nicht umgehen können. Jede Hartz-4-Mutter kann / muss
besser rechnen als unsre Kapitalisten. Ich habe keinen Neidkomplex
und ich reiße mich nicht drum, aber ohne einen ordentlichen „Luxusführerschein“
sollte man die Großeigentümer nicht mehr an ihre Konten lassen. Besser wäre:
Man teilt alles auf, das Geld und die Arbeit: Dann haben alle genug zum
Leben und alle arbeiten. Die paar Stunden die Woche bin ich dann auch
gerne dabei!
| Dr.
Seltsam ist seit zwanzig Jahren in Berlin bekannter politischer
Aktionist und Kabarettist. In
seiner regelmäßigen Veranstaltung DR. SELTSAMS
WOCHENSCHAU interviewt er u.a. Menschen, die mit Krise,
Sozialabbau und dem Kampf dagegen zu tun haben. Eintritt frei |
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