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Interview mit Eduardo Galeano

„DER FREIE MARKT IST FEIND DER FREIHEIT“

übersetzt von Jens-Torsten Bohlke, Brüssel

Montevideo, 2. Juni 2009, Tribuna Popular TP. – „Meine Absicht war, etwas wie eine Weltgeschichte zu machen, welche vom Gesichtspunkt derer erzählt wird, die auf keinem Bild erschienen sind“, sagt der uruguayische Literat und Publizist Eduardo Galeano zu seinem neuen Buch „Spiegel“ aus dem Verlag „21. Jahrhundert“ gegenüber „7 Tage“.

In diesem Interview spricht Galeano von seiner Leidenschaft für Fußball. Er gibt Einblick in seine Widersprüche bezüglich Hugo Chávez. Er kritisiert Fidel, aber er nimmt Kuba in Schutz. Und er schlägt eine Lösung für die Zellulosefabriken* vor.

Aus der Feder von Galeano entdecken die Leser, dass Adam und Eva beim Verlassen des Paradieses nach Afrika kamen. Daß die Schrift und die Algebra im Irak erfunden wurde, und nicht in Texas. Daß die drei Erneuerungen, die die europäische Renaissance möglich machten, der Kompaß, das Schießpulver und der Buchdruck, von den Chinesen erfunden worden sind. Welche fast alles erfunden hatten, was in Europa neu erfunden wurde.

In seinen sehr kurzen Geschichten erzählt Galeano, daß John Locke, der Philosoph der Freiheit, Aktionär der Royal Africa Company war, die Sklaven kaufte und verkaufte. Daß die Coca Cola Company die Fanta erfand, inmitten des 2. Weltkrieges, für den deutschen Markt produzierte. Dass IBM die Identifizierung und Klassifizierung der Juden möglich machte. Und dies war der erste weltweite Durchbruch der Lochkartentechnik.

Die von Galeano erzählten Geschichten sind kurz, minimiert. Und sie haben ihren Platz am Rande großer Gesten. Die Geschichte macht aus sich Dichtung, Anklage, Humor, Fabel und Legende. In diesem exklusiven Interview verteidigt Galeano seine Leidenschaft für Fußball. Er gibt Einblick in seine Widersprüche bezüglich Hugo Chávez. Er kritisiert Fidel, aber er nimmt Kuba in Schutz. Er bezieht gegen die Monokultur Stellung. Und er schlägt eine Lösung für den Konflikt zwischen Argentinien und Uruguay wegen der Einrichtung der Zellulosefabriken* vor.

Frage: Warum haben Sie „Spiegel” geschrieben?

Antwort: „Spiegel“ ist der Höhepunkt einer Arbeit, die ich mit „Die offenen Adern Lateinamerikas“ begonnen hatte und mit „Erinnerungen des Feuers“ fortsetzte. In den Erinnerungen fand ich meine Sprache, meinen Stil, um die Vergangenheit zu erzählen. Dies auf eine Art und Weise, daß sie zur Gegenwart wird. Damit der Leser spürt, daß dies geschehen mußte und weiterhin vor sich geht, während ich es erzähle.

Frage: Was ist für Sie die Vergangenheit?

Antwort: Sie ist ein Herr, der zum Schlafenden wird, oder zuweilen so tut, als sei er tot. Der aber in Wirklichkeit in uns allen lebt, obwohl wir dies nicht wissen. In den „Erinnerungen des Feuers“ bildeten die kleinen Geschichten die große Historie. Dort wurde ich mir bewußt, daß ich Freunde und Feinde in anderen Zeitaltern und in anderen Zeiten fand.

Frage: Aber warum gaben Sie dem Buch den Titel „Spiegel“?

Antwort: Weil sich im Spiegel jemand in Anderen erkennt, obwohl jene Anderen nicht mehr vorhanden sind. Irgendwie erkennst du dich in dem, was du liebst, oder in dem, was du haßt. Das Buch ist geschrieben worden, um Dinge zu erzählen. Geschichten zu erzählen, die denen zugestoßen sind, gdie auf keinem Bild erscheinen”. Oder es sollen diejenigen sein, die aus der offiziellen Geschichtsschreibung weggelassen worden sind: die Frauen, die Schwarzen, die Indianer, die Chinesen, die Hindus, die Araber. Das sind Menschen, die eine gigantische Geschichte haben. Aber man weiß gar nicht, was sich da ereignet hat.

Frage: Wenn es heißt, daß es eine beinahe Weltgeschichte ist, ist es dann nicht auch die Geschichte der Besiegten, der Zerschlagenenc

Antwort: Ja, genau dies meine ich. Denn ich denke, daß die interessantesten der von uns empfangenen Botschaften die nicht gehörten Botschaften sind. Nicht gehört, weil jene, die sie herausgaben, die Zerschlagenen in der offiziellen Geschichtsschreibung waren. Ich griff die Sachen auf, die mir verborgen geblieben waren, und die ich erst aufdeckte. Es geht darum, das Zeugnis der Nichtgehörten aufzuspüren. Nichtgehört, weil ihre Besieger sie zum Schweigen brachten. Auf jeden Fall steckt der Beweis für die Lebendigkeit der Geschichte darin, daß die Besiegten von heute die Sieger von morgen sein können oder umgekehrt.

Frage: Sie arbeiten viel mit dem Blickwinkel, mit dem Gesichtspunkt, um jene Dinge in Frage zu stellen, die sich jemandem für's erste darstellen.

Antwort: Ich schaue mir die Sachverhalte von der anderen Seite aus an. Ich sage immer, daß vom Standpunkt des Wurmes aus ein Spagettimahl eine Orgie ist. Es geht darum, es vom anderen Blickwinkel aus zu sehen. Warum waren Dinge gnormal”, die anormal waren? Wie konnten solche Weglassungen, solche Diskriminierungen, solche Verstümmelungen hingenommen werden?

Frage: Geben Sie mir ein Beispiel!

Antwort: Die katholische Kirche verhinderte siebeneinhalb Jahrhunderte lang, daß die Frauen in den Kirchenhäusern sangen. Warum wurde dies für gnormal” gehalten? Die Idee herrschte, daß die Stimmen der Töchter von Eva die Reinheit des Kirchenhauses beschmutzen, weil dies die Stimme waren, die Adam in Versuchung gebracht hatten.

Dasselbe geschieht mit dem priesterlichen Zölibat. Die Priester heirateten, bis die Kirche als Herrin eines Drittels aller Ländereien Europas verhinderte, daß Besitzansprüche diesen Besitz teilen könnten, sofern man ihn in den Händen der Frauen und der Kinder der Priester beläßt. Um ihren Immobilienbesitz zu schützen, wurde die Kirche zum einzigen Ledigen-Unternehmen der Welt.

Frage: Wie sehen Sie sich vorzugsweise? Als Journalist, als Historiker, als Chronist?

Antwort: Als nichts. Ich weiß nicht richtig, wer ich bin. Ich schreibe ein Genre der Genres, das ist sehr schwer einzuordnen. Ich weiß lediglich, daß der menschliche Blickwinkel subjektiv ist. Die Objektivität ist ein unmögliches Abenteuer. Im allgemeinen wird die Objektivität als Maske benutzt, um die extremsten Entstellungen der Realität zu vertuschen.

Frage: Was ist die Antwort, die Sie gefunden haben, auf alle Ungerechtigkeiten, die Sie im Buch auflisten?

Antwort: Das Buch gibt keine Antworten. Es stellt nur Fragen. Und dann wird jede Frage auf ihre Art interpretiert. Dies ist der Unterschied zwischen diesem Typ der Erzählung und einem Buch wie „Die offenen Adern Lateinamerikas“, welches ein klassischer Essay war. Hier gibt es ein freieres Spiel mit dem Leser. Ich habe vor, mit ihm zu reden. Und ihm diese Dinge mitzugeben, damit jeder einzelne Leser mit ihnen macht, was ihm beliebt.

Frage: Die Anklage ist eine Konstante in ihren Büchern und Artikeln. Aber der Ton der Anklage hat sich verändert. Warum?

Antwort: Ich habe entdeckt, daß alles, was man tun will, um die Wirklichkeit aufzudecken, wirksamer sein wird und besser funktionieren wird, wenn man sich  darauf beschränkt, die Wirklichkeit zu zeigen, wie sie ist. Die explizite Anklage scheint mir langfristig weniger wirksam zu sein als die implizite Anklage. Das ist wie der Unterschied zwischen der Pornografie und der Erotik.

Frage: Wenn Sie Fragen der Gegenwart verabscheuen, verspüren Sie dann nicht Lust, den Ton zu heben?

Antwort: Ich denke, daß die erzählende Dichtung besser vibriert, mehr Elektrizität hat, wenn man die Zügel beim Reiten kurz hält. Wenn man zügellos wird, wirkt das viel weniger. Ich will keine Dogmen verkünden, aber so passiert es mir eben. Mir scheint, daß das Informieren besser ist als das Formieren. Besser, als die Dinge abstrakt zu entwickeln, ist es, ihnen Gestalt zu geben. Damit die Ideen schwitzen, damit sie atmen, damit sie Furcht erregen, damit sie weinen, und damit sie lachen. Danach muß man sehen, was mit den Worten geschieht, die der Leser aufnimmt. Und dafür gibt es keine gültige Statistik. Der Beweis, daß ein Buch wirklich funktioniert, steckt nicht in dem Buch, sondern im Leser oder in der Leserin.

Frage: Wie arbeiten Sie?

Antwort: Ich gehe immer mit einem kleinen Büchlein herum. (Er nimmt aus seiner Hosentasche ein Büchlein in der Größe einer Streichholzschachtel heraus.) Hier notiere ich Dinge, die ich sehe, von denen ich lese, wo ich nicht weiß, ob aus ihnen mal etwas wird. (Er blättert im Büchlein und liest:) „Alles wird von unten nach oben aufgebaut, außer die Bohrlöcher. Sie werden von oben gemacht.h

ACHT JAHRE, SOHN EINES KARTONMACHERS IN BUENOS AIRES

Frage: Was gefällt Ihnen am meisten?

Antwort: Gott kennenzulernen, ohne daß ich sterbe.

Frage: Wie wählen Sie Ihre Feinde aus?

Antwort: Es gibt keine Schlechten und Guten. Alles, was uns als mögliche Verschiedenheit Furcht einflößt, hilft im Leben nicht weiter. Die fanatischen Konzeptionen, die dogmatischen Konzeptionen der Religion, der Politik oder der Kultur, oder was auch immer es sein soll, sind Verstümmler der Verschiedenheit. Das Beste, was die Welt hat, ist die Zahl der Welten, die die Welt enthält. Ich empfinde als Feind jenes, was die Verschiedenheit der Welt ablehnt.

Frage: Zum Beispiel die Fundamentalismen aus irgendeinem Jahrhundertc

Antwort: Nicht nur die Fundamentalismen. Auch die ererbten Entstellungen. Wie kann es sein, daß das höchste Denkmal Argentiniens jene vom General Roca ist, der die Indios auslöschte? Das ist unnormal.

Frage: Trotzdem vergöttern Sie Diego Maradona.

Antwort: Ja, aber als einen schmutzigen Gott. Im Text über Maradona sage ich, daß er ein Rebell war. Das einzige Fußballer-Idol, welches das Fussballgeschäft in Frage stellt, welcher mit den anderen Spielern solidarisch war, die weder berühmt noch wichtig waren im Vergleich zu ihm. Und dies ist was sehr Positives. Aber die Schlüssel für seinen Aufstieg zu seiner Meisterkondition liegen nicht nur in seinen Fähigkeiten, sondern auch in seinen Defekten. Er ist mehr für das von den Engländern geraubte Tor bewundert worden als für für sein Tor im spannendsten Spiel, welches jemals in der Weltmeisterschaft gesehen worden ist. Darum lieben ihn die Leute so sehr. Weil er ein schmutziger Gott ist, ein Sünder, der uns wie ein Trunkenbold vorkommt, wie ein Schürzenjäger, verlogen, versoffen. Das Drama von Maradonna besteht darin, daß die Götter nicht in den Ruhestand gehen. Er wird nicht wieder in die anonyme Masse zurückkehren, aus der er herkommt. Er braucht es, der Tote jeder Totenwache zu sein.

Frage: Was versöhnt Ihre Leidenschaft für Fußball mit dem Geschäft mit dem Fußball, dem Fußball der Hooligans?

Antwort: Nichts ist mehr vermarktet worden als der Sex. Viel mehr als der Fußball, und dennoch gibt es ihn. Mit Fußball passiert dasselbe. Der gutgespielte Fußball ist eine schöne Augenweide und ein Fest für die Beine, die ihn spielen. Dies trotz des Schweinegeschäftes, welches den Fußball in der Welt von heute regiert. Dasselbe passiert mit vielen anderen menschlichen Leidenschaften, die  verdienen, lebendig erhalten zu bleiben.

Frage: Was halten Sie von der neuen Generation lateinamerikanischer Führungspersönlichkeiten?

Antwort: Es gibt eine Wechselstimmung, die mir sehr gesund erscheint. Aber die Verallgemeinerungen sind ungerecht und nicht sehr wirklichkeitsgetreu. Mir scheint, daß eine verbreitete Wechselstimmung besteht. Die Menschen wollen was Anderes. Es wurde eine sehr leidvolle Erfahrung mit dieser Marktidealisierung als Zauberlösung für die Probleme gemacht, bis Land nach Land beweist, daß der freie Markt der Feind der menschlichen Freiheit ist.

Frage: Wie erklären Sie das Auftrauchen von Führungspersönlichkeiten wie Hugo Chávez?

Antwort: Das ist ein sehr widersprüchlicher Mensch. Mit einigen Dingen identifiziere ich mich, mit anderen Dingen nicht. Manchmal stolpert er über seine Füße, manchmal scheint er mir die Wahrheit zu sagen. Für seinen Hauptverdienst halte ich seine Großzügigkeit. Er ist ein solidarischer Mensch. Und es ist selten, daß ein Ölland solidarisch ist. Die Ölländer sind immer egoistisch und verarscht. Das beginnt mit Saudi-Arabien. Die Tatsache, daß Venezuela seit Chávez zum großzügigsten und am meisten solidarischen Land geworden ist, erscheint mir sehr bedeutsam. Er muß allerdings mit der Redezeit oder dem möglichen Rausrutschen einiger Äußerungen aufpassen.

Frage: Und welche Aspekte mißfallen Ihnen?

Antwort: Wenn er mir vom Iran erzählt, daß Iran schön ist. Oder wenn er sich bei der FARC entschuldigt, dann überzeugt mich dies überhaupt nicht.

Frage: Im „Spiegelh zählen Sie die Kritiken auf, die gegenüber Fidel Castro formuliert worden sindc

Antwort: Ja. Seine Feinde sagen, daß er ein ungekrönter König war, der die Einheit mit der Einstimmigkeit verwechselte. Und darin haben seine Feinde recht. Auch sagen sie, daß Napoleon, sofern er eine Zeitung wie die Zeitung gGranma” gehabt hätte, kein Franzose über die Katastrophe von Waterloo bescheid wüßte. Und darin haben seine Feinde recht. Aber seine Feinde sagen nicht, daß Kuba** ein seltenes Land ist, welches nicht bei reinen Show-Weltmeisterschaften mitmacht. Kuba ist, was es sein konnte. Es ist nicht, was es sein wollte.

Frage: Sie warnten stets vor der Monokultur. Aber jetzt geht Uruguay das Risiko der Monokultur mit Zellulose ein, und Argentinien das mit der Soja.

Antwort: Die Monokultur erheischt die Vorstellung des vergänglichen Glanzes, der später zur dauerhaften Ruine wird. Die lateinamerikanische Geschichte ist eine Geschichte dieser Ruinen. Jegliche Monokultur hinterläßt Verwüstung. Die der Soja für Argentinien, und die der Zellulose für Uruguay.

Frage: Was würden Sie mit den Zellulosefabriken machen?

Antwort: Ich habe da schon was vorgeschlagen. Aber man hört nicht auf mich. Ich schlug vor, daß sie sie alle in Punta del Este hinstellen. Denn sie werden die Lebensqualität im Seebad sehr verbessern.

Quelle: Tribuna Popular

Seit Mai 2005 geht die Auseinandersetzung um die Projekte für mehrere Zellulosefabriken am Rio Uruguay, dem Grenzfluß zwischen Uruguay und Argentinien. Dieses Großprojekt ist die größte industrielle Investition in der Geschichte Uruguays. Ganze Städtchen in Argentinien haben nicht nur demonstriert, sondern auch Straßen blockiert. Auch in Uruguay wurden Zehntausende zum Protest mobilisiert. Was in der bürgerlichen Medienwirtschaft meist als Streit zwischen Argentinien und Uruguay dargestellt wird, ist in Wirklichkeit einer der weltweit so zahlreichen Widerstandsbewegungen gegen Industrialisierungsprojekte. Der Widerstand gegen das Projekt reiht sich ein in ähnliche Bewegungen in Brasilien (Landfrauen, Indigene) und anderswo in Südamerika: neben der Sojaproduktion ist der Bau von Zellulosefabriken, inklusive entsprechender Eukalyptusplantagen, der am meisten expandierende Wirtschaftszweig im südlichen Südamerika.

** Zur Vertiefung folgende Empfehlungen: http://www.woz.ch/artikel/2008/nr03/leben/15840.html

http://handycode2000.ha.ohost.de/artikel/hegemonial/usakuba.htm

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