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Zum 150 Todestag von Heinrich Heine:

Anmerkung Roter Webmaster

Des Westdeutschen Rundfunks Schwierigkeiten mit Heinrich Heine

Im Radio WDR 5: Nachrichten 8:00: Heinrich Heine, ein „Schriftsteller“, geboren in Düsseldorf, sei heute vor 150 Jahren gestorben. Er sei im Laufe seines Lebens nach Frankreich „ausgewandert“.

Aso, den Titel Dichter wollten ihm die Nachrichtenredakteure des WDR nicht verleihen. Auch sei er nach Frankreich „ausgewandert“. Also eben so mal rüber ins welsche Land.

Dass Heine in Preußen steckbrieflich gesucht wurde, dass er massiv von der preußischen und der Zensur des Deutschen Bundes unter Metternich verfolgt wurde und hier im Land nicht leben und arbeiten konnte, verschwiegen die Nachrichtenredakteure.

Als Freud der Heine’schen Dichtkunst, als Linker, als Kommunist weiß man um die Schwierigkeiten der Herrschenden mit Heine. So gibt es meines Wissens noch immer kein Heine-Denkmal in Deutschland. Es gab mal eins in Hamburg auf dem Gelände des Verlegers von Heine. Der hatte es von Korfu geholt. Im Park der Ville der österreichischen Kaiserin Elisabeth, einer Verehrerin von Heine, hatten es die Verleger nach dem Tode der Kaiserin nach Hamburg geholt. Aber die Hamburger Pfeffersäcke verboten es, das Denkmal auf städtischem Grund aufzustellen. Es stand auf dem Verlagsgelände.

Aber auch da durfte es nicht bleiben. Heine wanderte posthum wirklich aus: Das Denkmal stehe heute in New York.

In den 70er Jahren gründete die NRW-Regierung die Universitär Düsseldorf. Was lag näher, als sie nach Heine zu benennen. Aber es kamen heftige Proteste reaktionärer Kreise und der damalige NRW-Wissenschaftsminister Johannes Rau zögerte. Es wurde erklärt. Heute benenne man Universitäten nicht mehr nach Größen. Jahrelang blieb die Düsseldorfer Uni namenlos. Erst später bekam sie ihren heutigen Namen: Heinrich-Heine-Universität.

Heine ficht das alles nicht an – auch nicht seinem Andenken. Heine gehört zu den Geistesgrößen aus Deutschland, auf ihn sich zu berufen, heißt sich auf die besten Traditionen Deutschlands zu berufen. Heinrich Heine ist unser!

Deutschland. Ein Wintermärchen

CAPUT I

Im traurigen Monat November war´s,
Die Tage wurden trüber,
Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
Da reist ich nach Deutschland hinüber.

Und als ich an die Grenze kam,
Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
In meiner Brust, ich glaube sogar
Die Augen begunnen zu tropfen.

Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
Da ward mir seltsam zumute;
Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
Recht angenehm verblute.

Ein kleines Harfenmädchen sang.
Sie sang mit wahrem Gefühle
Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
Gerühret von ihrem Spiele.

Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden
Dort oben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt
Verklärt in ew´gen Wonnen.

Sie sang das alte Entsagungslied,
Das Eiapopeia vom Himmel,
Womit man einlullt, wenn es greint,
Das Volk, den großen Lümmel.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
Ich kenn auch die Herren Verfasser;
Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
Und predigten öffentlich Wasser.

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,
So wollen wir euch besuchen
Dort oben, und wir, wir essen mit euch
Die seligsten Torten und Kuchen.

Ein neues Lied, ein besseres Lied!
Es klingt wie Flöten und Geigen!
Das Miserere ist vorbei,
Die Sterbeglocken schweigen.

Die Jungfer Europa ist verlobt
Mit dem schönen Geniusse
Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
Sie schwelgen im ersten Kusse.

Und fehlt der Pfaffensegen dabei,
Die Ehe wird gültig nicht minder -
Es lebe Bräutigam und Braut,
Und ihre zukünftigen Kinder!

Ein Hochzeitkarmen ist mein Lied,
Das bessere, das neue!
In meiner Seele gehen auf
Die Sterne der höchsten Weihe -

Begeisterte Sterne, sie lodern wild,
Zerfließen in Flammenbächen -
Ich fühle mich wunderbar erstarkt,
Ich könnte Eichen zerbrechen!

Seit ich auf deutsche Erde trat,
Durchströmen mich Zaubersäfte -
Der Riese hat wieder die Mutter berührt,
Und es wuchsen ihm neu die Kräfte.

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Wir weben!

Die Feder und die Furcht vor ihr: Zum 150. Todestag von Heinrich Heine, den man lesen muß, aber bitte nicht quer

Von Wiglaf Droste

Quelle: http://www.jungewelt vom 17. Februar 2006

Geburts- und Todestage berühmt gewordener Frauen und Männer zu begehen gehört zum Pflichtprogramm des Feuilletons. So pflegt man die Kultur, auf die man sich berufen möchte, und die Tradition, in der man sich sieht, und man ergreift die Gelegenheit, auf Menschen hinzuweisen, deren Werke einem etwas bedeuten. Die Gefahr der Langeweile besteht durchaus – allzuoft werden die Jubiläen wie auch die Jubilare routiniert heruntergekaut, Texte, die sich schon beim letzten Anlaß wegdrucken oder versenden ließen, werden recycelt. So bekommt man viele Feuilletonseiten und viele Kulturprogramme voll, hat noch dem Bildungsauftrag Genüge getan und ist auf der sicheren Seite. Das ist leblos und öde.

Es geht aber auch anders – wenn beispielsweise der Gegenstand der Betrachtung so lebendig ist, daß er nicht einmal durch Lobreden und Feierstunden zu beerdigen ist. Ein solcher Gegenstand ist das Werk von Heinrich Heine – man kann es nicht ein- und damit wegsortieren, es ist zu vielfältig, zu widersprüchlich und damit zu gut für ein Etikett.

Am 17. Februar 1856 starb Heinrich Heine und hinterließ sein Leben: Wörter, die jeden entzücken müssen, der Dichtung weder für eine Klempnerware noch für Germanistenbeute hält. Heine ist für Literaturwissenschaftler viel zu schade und viel zu stark – er verträgt noch heute jede Menge Leser, die nicht aus akademischem Zwang, sondern aus Lust an intelligenter Unterhaltung lesen. Das nämlich hat Heine gekonnt: Unterhaltung – die leichte Sache, die so schwer zu machen ist.

In Deutschland ist Unterhaltung traditionell etwas Minderes; wer mit Sprache und Gedanken spielt, ist den Philologen verdächtig und wird als unernsthaft abgetan. Was federleicht formuliert ist, gilt als gering auch an geistigem Gewicht und Gehalt; die Lüge von der E- und der U-Literatur hält sich hartnäckig. Wer wie Grass dröhnend langweilt – »Auf Weihnachten wünschte ich eine Ratte mir« – hat alle Chancen, für einen Dickdenker durchzugehen; wer dagegen mit Großem heiter und licht umzugehen vermag wie F.W. Bernstein – »Kafka liebt die Sprache und / hat dazu auch allen Grund« –, muß sich mit einem Bruchteil an Aufmerksamkeit und Auflage begnügen. Allenfalls noch Kinder- und Jugendbuchautoren gesteht man Luftiges zu; explizit komische Autoren wie Robert Gernhardt wurden vom Großfeuilleton jahrzehntelang ignoriert – und werden auch erst dann in den Gesangverein der Langeweiler aufgenommen, wenn sie sich auf das Niveau herabbegeben, das Professoren zwar »spaßig«, aber eben auch »seriös« finden.

Wovon sich die Landsleute unterhalten fühlen, ist erstaunlich. Die Kotorgel Oliver Pocher gilt vielen Deutschen als »unterhaltsam«; was meinen sie bloß damit? Wenn Marcel Reich-Ranicki im Fernsehkasten wild um sich fuchtelnd und komplett argumentfrei »Diesäs Buch ist Dräck« jodelte, wurde sein »Unterhaltungswert« gefeiert. Warum nur? Daß es Unterschiede zwischen Oliver Pocher und Marcel Reich-Ranicki gibt, wird kaum jemand abstreiten; einer davon besteht darin, daß Reich-Ranicki Heine zwar auch nicht gelesen, aber immerhin doch quer gelesen hat.

Das Gegenteil des Lesers ist keinesfalls der Nichtleser, sondern der Querleser. Der Querleser verhält sich zum Leser wie der Querdenker zum Denker; wie der Querdenker das Denken, so macht der Querleser das Lesen talkshowtauglich. Verglichen mit dieser Schmähung mutete der fanatische Analphabetisierungsfeldzug von Pol Pot geradezu respektvoll an. Die massenmörderische Angst des Diktators vor der Fähigkeit, lesen, schreiben und denken zu können, spiegelte – auf pervertierte Weise – die Kraft wider, die von Wort, Schrift und Gedanken ausgeht.

Womit wir – bitte verzeihen Sie diesen langen Anlauf zu mir selbst – beim Loben Heinrich Heines angelangt sind. Der Mann schrieb so gut, daß er den Klugen Bewunderung und den Dummen Furcht einflößte. In seinen eigenen Worten klingt das so:

»Ich habe die Erfahrung im Leben gemacht, daß ich durch die Furcht vor meiner Feder mehr ausrichten kann als durch die Feder selbst, und diese Furcht gehörig auszubeuten in meinem Interesse ist die große Aufgabe.«

Schön gesagt – der Mann hatte einen Ruf, den er sich aber auch erarbeitet hatte. Nur mit Hype – wie derzeit bei den Jungunternehmer-La-la-la-weilern von Tomte – funktioniert das nicht.

Heine war klug in den Dingen, die zählen: in der Liebe, der Dichtung (vulgo dem Musischen) und in der Politik. Ersatzstoffe wie Religion fertigte er gekonnt lässig ab:

Unser Gott liebt die Musik,

Saitenspiel und Festgesänge;

Doch wie Ferkelgrunzen sind

Ihm zuwider Glockenklänge.

Soviel zum Wert religiöser Rituale; was vom Glauben zu halten ist, wußte Heine ebenfalls:

Ich glaub nicht an den Himmel,

Wovon das Pfäfflein spricht;

Ich glaub nur an dein Auge,

Das ist mein Himmelslicht.

Ich glaub nicht an den Herrgott,

Wovon das Pfäfflein spricht;

Ich glaub nur an dein Herze,

’nen andern Gott hab ich nicht.

Ich glaub nicht an den Bösen,

An Höll und Höllenschmerz;

Ich glaub nur an dein Auge,

Und an dein böses Herz.

Der Mann weiß um die Dinge, und er kann sie wunderbar sagen. Allein das »Pfäfflein« ist Zeitkolorit; den abfälligen Diminutiv kann man sich heute sparen – bis zum nächsten Mal, wenn die Glaubensterroristen wieder so dick im Sattel sitzen, wie sie das immer wollen. Was ihnen aber, auch Heine sei Dank, eben nicht immer gelingt.

Aktuell ist auch Heines Diktum über »jenen beschränkten Teutomanismus, der viel von Liebe und Glauben greinte, dessen Liebe aber nichts war als Haß des Fremden und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand« – mit den werbeagenturflachen, jung&matten »Du bist Deutschland!«-Brülleimern zu Beginn des dritten Jahrtausends verhält es sich nicht anders.

In Deutschland wird Intelligenz oft als Mangel an Gefühl denunziert, als Kälte. Heine wußte, daß Klugheit und Gefühl, daß Verstand und Herz untrennbar miteinander verbunden sind – und notierte: »Alle Menschen, die kein Herz haben, sind dumm. Denn die Gedanken kommen nicht aus dem Kopfe, sondern aus dem Herzen.«

Auch über die Liebe, also über Glück und Unglück, macht Heine weder sich noch anderen etwas vor:

Aus meinen großen Schmerzen

Mach’ ich die kleinen Lieder;

Die heben ihr klingend Gefieder

Und flattern nach ihrem Herzen.

Sie fanden den Weg zur Trauten,

Doch kommen sie wieder und klagen,

Und klagen, und wollen nicht sagen,

Was sie im Herzen schauten.

Heine durchmaß das, und weil er kein eitler, geiziger Schmock und Lohnschreiber war, legte er seine Erkenntnis ohne Rücksicht auf den Tisch:

Das Glück ist eine leichte Dirne,

Und weilt nicht gern am selben Ort;

Sie streicht das Haar dir von der Stirne

Und küßt dich rasch und flattert fort.

Frau Unglück hat im Gegenteile

Dich liebefest ans Herz gedrückt;

Sie sagt, sie habe keine Eile,

Setzt sich zu dir ans Bett und strickt.

Noch etwas? Ja, unbedingt: den politisch kämpfenden Heine, dem Pathos nicht fremd ist – warum auch, wenn es vom Fachmann gemacht ist? Revolutionslieder brauchen einen anderen Ton als das Lied von der Loreley – »Die schlesischen Weber« sind guter, harter, wahrer Stoff:

Im düstern Auge keine Träne,

Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:

Deutschland, wir weben Dein Leichentuch,

Wir weben hinein den dreifachen Fluch –

Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten

In Winterskälte und Hungersnöten;

Wir haben vergebens gehofft und geharrt,

Er hat uns geäfft, gefoppt und genarrt –

Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen

Den unser Elend nicht konnte erweichen,

Der den letzten Groschen von uns erpreßt,

Und uns wie Hunde erschießen läßt –

Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,

Wo nur gedeihen Schmach und Schande,

Wo jede Blume früh geknickt,

Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt –

Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,

Wir weben emsig Tag und Nacht –

Altdeutschland, wir weben Dein Leichentuch,

Wir weben hinein den dreifachen Fluch,

Wir weben, wir weben!

Daß ich dieses Stück im Alter von 18 oder 19 Jahren gemeinsam mit Wolfgang Kornfeld (Gitarre, Gesang), Hartmut Simon (Gitarre, Gesang), Karsten Kurz (Bass) und – typisches Schlagzeugerschicksal – einem mir namentlich nicht mehr bekannten Trommler vertonte und mehrfach aufführte, zählt zu den verzeihlichen Sünden meines Lebens. Wir waren jung, glühend, bedingt musikfähig, verträumt und kein bißchen fertig gebacken – doch mit dem ha-ha-ironisch sein sollenden, aber bloß dumm korruptionsverherrlichenden Satz »Wir waren jung und brauchten das Geld« hätte man uns um die Welt jagen können.

Wie ein Webstuhl funktioniert, wußten wir nicht; mit der Wut der Betrogenen indes fühlten wir uns vertraut. Und sangen also, jungmännerzornig: »Wir weben!« Was heißen sollte: Wir leben – auch gegen euren Willen und eure Vorstellung. Unsere Bemühungen, Heine etwas Adäquates an die Seite zu stellen, waren künstlerisch erfolglos – falsch waren sie nicht. Vom damals ungefähr 125 Jahre toten Heinrich Heine jedenfalls haben wir niemals Beschwerden vernommen.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2006/02-17/052.php

(c) Junge Welt 2006

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