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Wir
weben!
Die
Feder und die Furcht vor ihr: Zum 150. Todestag von Heinrich Heine, den
man lesen muß, aber bitte nicht quer
Von
Wiglaf Droste
Quelle:
http://www.jungewelt
vom 17. Februar 2006
Geburts-
und Todestage berühmt gewordener Frauen und Männer zu begehen gehört
zum Pflichtprogramm des Feuilletons. So pflegt man die Kultur, auf die
man sich berufen möchte, und die Tradition, in der man sich sieht, und
man ergreift die Gelegenheit, auf Menschen hinzuweisen, deren Werke
einem etwas bedeuten. Die Gefahr der Langeweile besteht durchaus –
allzuoft werden die Jubiläen wie auch die Jubilare routiniert
heruntergekaut, Texte, die sich schon beim letzten Anlaß wegdrucken
oder versenden ließen, werden recycelt. So bekommt man viele
Feuilletonseiten und viele Kulturprogramme voll, hat noch dem
Bildungsauftrag Genüge getan und ist auf der sicheren Seite. Das ist
leblos und öde.
Es
geht aber auch anders – wenn beispielsweise der Gegenstand der
Betrachtung so lebendig ist, daß er nicht einmal durch Lobreden und
Feierstunden zu beerdigen ist. Ein solcher Gegenstand ist das Werk von
Heinrich Heine – man kann es nicht ein- und damit wegsortieren, es ist
zu vielfältig, zu widersprüchlich und damit zu gut für ein Etikett.
Am
17. Februar 1856 starb Heinrich Heine und hinterließ sein Leben: Wörter,
die jeden entzücken müssen, der Dichtung weder für eine Klempnerware
noch für Germanistenbeute hält. Heine ist für
Literaturwissenschaftler viel zu schade und viel zu stark – er verträgt
noch heute jede Menge Leser, die nicht aus akademischem Zwang, sondern
aus Lust an intelligenter Unterhaltung lesen. Das nämlich hat Heine
gekonnt: Unterhaltung – die leichte Sache, die so schwer zu machen
ist.
In
Deutschland ist Unterhaltung traditionell etwas Minderes; wer mit
Sprache und Gedanken spielt, ist den Philologen verdächtig und wird als
unernsthaft abgetan. Was federleicht formuliert ist, gilt als gering
auch an geistigem Gewicht und Gehalt; die Lüge von der E- und der
U-Literatur hält sich hartnäckig. Wer wie Grass dröhnend langweilt
– »Auf Weihnachten wünschte ich eine Ratte mir« – hat alle
Chancen, für einen Dickdenker durchzugehen; wer dagegen mit Großem
heiter und licht umzugehen vermag wie F.W. Bernstein – »Kafka liebt
die Sprache und / hat dazu auch allen Grund« –, muß sich mit einem
Bruchteil an Aufmerksamkeit und Auflage begnügen. Allenfalls noch
Kinder- und Jugendbuchautoren gesteht man Luftiges zu; explizit komische
Autoren wie Robert Gernhardt wurden vom Großfeuilleton jahrzehntelang
ignoriert – und werden auch erst dann in den Gesangverein der
Langeweiler aufgenommen, wenn sie sich auf das Niveau herabbegeben, das
Professoren zwar »spaßig«, aber eben auch »seriös« finden.
Wovon
sich die Landsleute unterhalten fühlen, ist erstaunlich. Die Kotorgel
Oliver Pocher gilt vielen Deutschen als »unterhaltsam«; was meinen sie
bloß damit? Wenn Marcel Reich-Ranicki im Fernsehkasten wild um sich
fuchtelnd und komplett argumentfrei »Diesäs Buch ist Dräck« jodelte,
wurde sein »Unterhaltungswert« gefeiert. Warum nur? Daß es
Unterschiede zwischen Oliver Pocher und Marcel Reich-Ranicki gibt, wird
kaum jemand abstreiten; einer davon besteht darin, daß Reich-Ranicki
Heine zwar auch nicht gelesen, aber immerhin doch quer gelesen hat.
Das
Gegenteil des Lesers ist keinesfalls der Nichtleser, sondern der
Querleser. Der Querleser verhält sich zum Leser wie der Querdenker zum
Denker; wie der Querdenker das Denken, so macht der Querleser das Lesen
talkshowtauglich. Verglichen mit dieser Schmähung mutete der fanatische
Analphabetisierungsfeldzug von Pol Pot geradezu respektvoll an. Die
massenmörderische Angst des Diktators vor der Fähigkeit, lesen,
schreiben und denken zu können, spiegelte – auf pervertierte Weise
– die Kraft wider, die von Wort, Schrift und Gedanken ausgeht.
Womit
wir – bitte verzeihen Sie diesen langen Anlauf zu mir selbst – beim
Loben Heinrich Heines angelangt sind. Der Mann schrieb so gut, daß er
den Klugen Bewunderung und den Dummen Furcht einflößte. In seinen
eigenen Worten klingt das so:
»Ich
habe die Erfahrung im Leben gemacht, daß ich durch die Furcht vor
meiner Feder mehr ausrichten kann als durch die Feder selbst, und diese
Furcht gehörig auszubeuten in meinem Interesse ist die große Aufgabe.«
Schön
gesagt – der Mann hatte einen Ruf, den er sich aber auch erarbeitet
hatte. Nur mit Hype – wie derzeit bei den
Jungunternehmer-La-la-la-weilern von Tomte – funktioniert das nicht.
Heine
war klug in den Dingen, die zählen: in der Liebe, der Dichtung (vulgo
dem Musischen) und in der Politik. Ersatzstoffe wie Religion fertigte er
gekonnt lässig ab:
Unser
Gott liebt die Musik,
Saitenspiel
und Festgesänge;
Doch
wie Ferkelgrunzen sind
Ihm
zuwider Glockenklänge.
Soviel
zum Wert religiöser Rituale; was vom Glauben zu halten ist, wußte
Heine ebenfalls:
Ich
glaub nicht an den Himmel,
Wovon
das Pfäfflein spricht;
Ich
glaub nur an dein Auge,
Das
ist mein Himmelslicht.
Ich
glaub nicht an den Herrgott,
Wovon
das Pfäfflein spricht;
Ich
glaub nur an dein Herze,
’nen
andern Gott hab ich nicht.
Ich
glaub nicht an den Bösen,
An
Höll und Höllenschmerz;
Ich
glaub nur an dein Auge,
Und
an dein böses Herz.
Der
Mann weiß um die Dinge, und er kann sie wunderbar sagen. Allein das »Pfäfflein«
ist Zeitkolorit; den abfälligen Diminutiv kann man sich heute sparen
– bis zum nächsten Mal, wenn die Glaubensterroristen wieder so dick
im Sattel sitzen, wie sie das immer wollen. Was ihnen aber, auch Heine
sei Dank, eben nicht immer gelingt.
Aktuell
ist auch Heines Diktum über »jenen beschränkten Teutomanismus, der
viel von Liebe und Glauben greinte, dessen Liebe aber nichts war als Haß
des Fremden und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand« – mit
den werbeagenturflachen, jung&matten »Du bist Deutschland!«-Brülleimern
zu Beginn des dritten Jahrtausends verhält es sich nicht anders.
In
Deutschland wird Intelligenz oft als Mangel an Gefühl denunziert, als Kälte.
Heine wußte, daß Klugheit und Gefühl, daß Verstand und Herz
untrennbar miteinander verbunden sind – und notierte: »Alle Menschen,
die kein Herz haben, sind dumm. Denn die Gedanken kommen nicht aus dem
Kopfe, sondern aus dem Herzen.«
Auch
über die Liebe, also über Glück und Unglück, macht Heine weder sich
noch anderen etwas vor:
Aus
meinen großen Schmerzen
Mach’
ich die kleinen Lieder;
Die
heben ihr klingend Gefieder
Und
flattern nach ihrem Herzen.
Sie
fanden den Weg zur Trauten,
Doch
kommen sie wieder und klagen,
Und
klagen, und wollen nicht sagen,
Was
sie im Herzen schauten.
Heine
durchmaß das, und weil er kein eitler, geiziger Schmock und
Lohnschreiber war, legte er seine Erkenntnis ohne Rücksicht auf den
Tisch:
Das
Glück ist eine leichte Dirne,
Und
weilt nicht gern am selben Ort;
Sie
streicht das Haar dir von der Stirne
Und
küßt dich rasch und flattert fort.
Frau
Unglück hat im Gegenteile
Dich
liebefest ans Herz gedrückt;
Sie
sagt, sie habe keine Eile,
Setzt
sich zu dir ans Bett und strickt.
Noch
etwas? Ja, unbedingt: den politisch kämpfenden Heine, dem Pathos nicht
fremd ist – warum auch, wenn es vom Fachmann gemacht ist?
Revolutionslieder brauchen einen anderen Ton als das Lied von der
Loreley – »Die schlesischen Weber« sind guter, harter, wahrer Stoff:
Im
düstern Auge keine Träne,
Sie
sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland,
wir weben Dein Leichentuch,
Wir
weben hinein den dreifachen Fluch –
Wir
weben, wir weben!
Ein
Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In
Winterskälte und Hungersnöten;
Wir
haben vergebens gehofft und geharrt,
Er
hat uns geäfft, gefoppt und genarrt –
Wir
weben, wir weben!
Ein
Fluch dem König, dem König der Reichen
Den
unser Elend nicht konnte erweichen,
Der
den letzten Groschen von uns erpreßt,
Und
uns wie Hunde erschießen läßt –
Wir
weben, wir weben!
Ein
Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo
nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo
jede Blume früh geknickt,
Wo
Fäulnis und Moder den Wurm erquickt –
Wir
weben, wir weben!
Das
Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir
weben emsig Tag und Nacht –
Altdeutschland,
wir weben Dein Leichentuch,
Wir
weben hinein den dreifachen Fluch,
Wir
weben, wir weben!
Daß
ich dieses Stück im Alter von 18 oder 19 Jahren gemeinsam mit Wolfgang
Kornfeld (Gitarre, Gesang), Hartmut Simon (Gitarre, Gesang), Karsten
Kurz (Bass) und – typisches Schlagzeugerschicksal – einem mir
namentlich nicht mehr bekannten Trommler vertonte und mehrfach aufführte,
zählt zu den verzeihlichen Sünden meines Lebens. Wir waren jung, glühend,
bedingt musikfähig, verträumt und kein bißchen fertig gebacken –
doch mit dem ha-ha-ironisch sein sollenden, aber bloß dumm
korruptionsverherrlichenden Satz »Wir waren jung und brauchten das Geld«
hätte man uns um die Welt jagen können.
Wie
ein Webstuhl funktioniert, wußten wir nicht; mit der Wut der Betrogenen
indes fühlten wir uns vertraut. Und sangen also, jungmännerzornig: »Wir
weben!« Was heißen sollte: Wir leben – auch gegen euren Willen und
eure Vorstellung. Unsere Bemühungen, Heine etwas Adäquates an die
Seite zu stellen, waren künstlerisch erfolglos – falsch waren sie
nicht. Vom damals ungefähr 125 Jahre toten Heinrich Heine jedenfalls
haben wir niemals Beschwerden vernommen.
Den
Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2006/02-17/052.php
(c)
Junge Welt 2006
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