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Heines Kommunismus – zum Ende des Heine-Jahres

Von Dr. Seltsam

Wir hatten im Jahre 2006 erstaunlich viele Jubiläen, in deren unterschiedlicher Behandlung das bürgerliche Feuilleton mal wieder beweisen konnte, auf wecher Seite es steht. Statt des mit der Revolution spielenden Mozarts, der einst den verfolgten Beaumarchais-Figaro propagierte, wurde uns der am Tourette-Syndrom erkrankte Furz-Liebhaber als kotzsüße Mozartkugel eingebrandauert. Der ungetreue Doktor Benn wurde wieder mal gegen Brecht und wiedermal gegen die gesamte Emigration in Stellung gebracht, während das in einzigartiger Schändlichkeit dastehende KPD-Verbot gleich ganz vergessen wurde. Schreckliches Freud-Jahr 2006, das soviel Verdrängung bot bei sowenig Analytik der Großmedien. Am schlimmsten aber erging es mal wieder Heinrich Heine. Man dachte, nach der Barbaren-Posse der Nazis, die die „Loreley“ anonym im Lesebuch behalten, den Judendichter aber vergasen wollten – leider war er schon tot – , und nach der bundesdeutschen Blamage um die Benennung der Heine-Uni in Düsseldorf wäre der wohl größte deutsche Dichter in seiner Heimat endlich durchgesetzt und es könne schlimmer nicht kommen. Weit gefehlt; jetzt ist der arme Harry/Heinrich auch noch am Stalinismus Schuld! Erfunden hat diese nur freudianisch zu erkärende Ferkelei ein „Künstler“, der von Heine alles gelernt hat außer gutem Charakter: Wolf Biermann. Im Spiegel 7/06 schrieb er über „Heine und Le Communisme“ und offenbar versteht er von beidem nichts:

„Hellsichtig ahnte er (Heine), daß die soziale Gleichheit aller Menschen wahrscheinlich nur eine neue Form raffinierterer Ungleichheit gebären würde,... ein noch schlimmerer Kreis in der irdischen Hölle...In „Lutetia“ klagte er: „Eine unsägliche Betrübnis ergreift mich, wenn ich an den Untergang denke, womit meine Gedichte und die ganze alte Weltordnung von dem Kommunismus bedroht ist.“ Aber dann kommt die flagellantische Volte, für die ihn die stalinistischen Bonzen liebten: „ Gesegnet sei der Kräuterkrämer, der einst aus meinen Gedichten Tüten verfertigt, worin er Kaffee und Schnupftabak schüttet für die armen alten Mütterchen, die in unserer heutigen Welt der Ungerechtigkeit vielleicht eine solche Labung entbehren mussten – fiat iustitia, pereat mundus!“...Aber: Es kam alles viel schlimmer, und es mußte so kommen. Die arme alte Frau und ihre Kinder wurden einfach totgeschlagen. Im real existierenden Kommunismus brauchte kein Untertan mehr Gewürze, denn es gab hinter Stacheldraht für Millionen gar kein Huhn im Topf, das gewürzt werden müsste. Die Häftlinge in den Arbeitslagern tranken keinen Kaffee...und

manche schlachteten im Wahnsinn des Hungers heimlich ihre krepierten Leidensgefährten, zum Fraß. Ideologisch verblendet...Brecht, Bloch, Gerhart und Hanns Eisler, Feuchtwanger, Heinrich Mann, denen es gelungen war, sich vor den Genossen Hitler und Stalin in Sicherheit zu bringen... Mir träumte, Heine sei ein Häftling auf der Insel Kuba...in einem grausam verdreckten Knast des Castro-Regimes, Abteilung „Staatsfeindliche Poeten“ ...Ich sagte: Lieber, verehrter Monsieur Heine, Sie sind doch der Verfasser der Verse..., hoffen Sie immer noch auf einen Kommunismus mit Zuckererbsen für jedermann“ ?

Dümmlich, zynisch, anbiederisch; man muß sich unter kulturnahen Menschen mit Erinnerungsvermögen heute entschuldigen, Biermann zu zitieren, noch dazu im Konnex mit Heine, aber das war es wohl, was der nationalistische Konvertit mit seiner ödipalen Anpisserei erreichen wollte. Heinrich Heine kannte seine Biermanns und hat sie schon vorsorglich und rechtzeitig abgewatscht:

„Aus Haß gegen die Parteigänger des (teutonischen) Nationalismus könnte ich fast den Kommunisten meine Liebe zuwenden, wenigstens sind sie keine Heuchler.“ So lautet eines der dialektisch formulierten Distichen aus Heines „Lutetia“. In diesem Buch, worin er dem deutschen Publikum das revoltierende Frankreich erklärte, unternahm er den weitesten intellektuellen Vormarsch gegen die herrschende Front aus feudaler Reaktion und feigem Kleinbürgertum. Es geht damals wie heute um „Klassenverrat“, die zentrale Kategorie fortschrittlicher Kunst im Kapitalismus. Die Künstler wollen essen, die Bourgeoisie bezahlt – so einfach ist unter normalen Umständen das Verhältnis. Aber seit Gramscis Gefängnisschrift wissen die Linken genauer, dass es auch zu Zeiten großer revolutionärer Schwäche möglich ist, auf dem Gebiet der Kultur linke Siege zu erringen: Weil nämlich die Kunst ihre Zahlherrn nicht mag und frei sein will, befreit von Armut, Zensur und der bürgerlichen Zumutung der Verwertbarkeit. Lügende Künstler sind ein Widerspruch in sich, von Ausnahmen wie Biermann und dem ganzen Dreck im Fernsehen abgesehen. Heine denunziert diese kleine miese Anpasserei, die um kleinen Vorteil willen sämtliche intellektuellen Klasseninteressen verrät, Wahrheit, Qualität, Integrität, als hätte er sie prophetisch vorausgesehen. Der Grund ist, dass wir immer noch in derselben Gesellschaftsstruktur leben und deswegen auch die Gesetze von Überleben und Verrat dieselben sind. Die individuelle Lösung kann ein ehrlicher Künstler, das ist das Thema von „Lutetia“, nur im Bündnis mit den Armen suchen, wenn und soweit sie revolutionär sind.

Was die Autoren der ideologischen Spurensuche zur Verwandschaft von Marx und Heine oft vergessen, ist die Generationendistanz: Heine war „der Alte“; je nachdem welches seiner phantasievoll erfundenen Geburtsdaten gerade galt, zählte er um zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre mehr als die jungen „Doktoren der Revolution“ Karl Marx und Arnold Ruge, mit denen er in der Pariser Emigration an den „Deutsch-französischen Jahrbüchern“ arbeitete. Im Unterschied zu ihnen hatte Heine bei Hegel persönlich studiert, die nachfolgenden „Linkshegelianer“ kannten Hegel nur vom Hörensagen oder aus unzuverlässigen Vorlesungsmitschriften. Er hatte an der Berliner Universität, wie Bilder zeigen, wirklich zu Füßen von Gottvater Hegel sitzend, aus dessen Vorlesungen gelernt, was heutzutage Peter Hartz und Müntefehring in den Ohren gellt und was mithin schon lange vor Marx verbreitete Einsicht war:

„Das Herabsinken einer großen Masse unter das Maß einer gewissen Subsistenzweise, die sich von selbst als die für ein Mitglied der Gesellschaft notwendige reguliert, - und damit zum Verluste des Gefühls des Rechts, der Rechtlichkeit und der Ehre, durch eigene Tätigkeit und Arbeit zu bestehen, - bringt die Erzeugung des Pöbels hervor, die hinwiederum zugleich die größere Leichtigkeit, unverhältnismäßige Reichtümer in wenige Hände zu konzentrieren, mit sich führt.“ ( §244 Grundlinien der Philosophie des Rechts von G.W.F.Hegel 1821 )

Dies ist ein Zitat aus den berühmten Paragraphen 190 ff und 230 ff, in denen der Begriff der „bürgerlichen Gesellschaft“ etwa schon so entwickelt wird, wie man es später den Marxisten zuschreiben wird, um ihre grundsätzliche Kritik als extremistische Position unwirksam zu machen. Die „Grundlinien“ sind eine Vorlesungsmitschrift und erscheinen deswegen oft so „dunkel“ und sprunghaft, weil die Herausgeber natürlich noch nicht stenografieren konnten. Sie erschienen 1821 und geben mithin genau die Seminare wieder, die Heine bei Hegel belegt haben dürfte. Durchdacht hat Hegel erstmals das alles übrigens in seinem Sommerhaus am Südabhang des damals wüsten Kreuzberges bei Berlin, etwa dort, wo sich bis vor kurzem das Gelände der Schultheiss-Brauerei befand. Dort besaß Hegel ein Sommerhaus, und dort starb er auch 1831 an der Cholera. Zu der Zeit ging Marx noch in Trier zur Schule. Man kann ermessen, wie wichtig für Marx später die Zeitzeugenschaft Heines war, denn auf den preussischen Staatsphilosophen Hegel bezog sich jeder im wissenschaftlichen Diskurs.

Für Hegel bestimmte bekanntlich der „Weltgeist“ die Geschichte, erst „vom Kopf auf die Füße gestellt“ durch die „Junghegelianer“ wurde seine Dialektische Theorie nutzbar als Anleitung für revolutionäre Praxis, von Heine meisterlich in Reime gesetzt:

Doktrin

Schlage die Trommel und fürchte dich nicht

Und küsse die Marketenderin!

Das ist die ganze Wissenschaft,

Das ist der Bücher tiefster Sinn

Trommle die Leute aus dem Schlaf,

Trommle Reveille mit Jugendkraft,

Marschiere trommelnd immer voran,

Das ist die ganze Wissenschaft.

Das ist die Hegelsche Philosophie,

Das ist der Bücher tiefster Sinn!

Ich hab sie begriffen, weil ich gescheit,

Und weil ich ein guter Tambour bin.

(zusammen mit „Die schlesischen Weber“ 1844 auf einem Flugblatt erschienen.)

Heine, der ganz im Gegensatz zum „Eleganten Unsinn“ der heutigen Poststrukturalisten einfache Worte suchte, aber nicht einfache Gedanken, hat als erster Hegels Einsichten volksfreundlich dargestellt („Die Romantische Schule“) und popularisiert, etwa in diesem kommunistischen Gedicht:

Weltlauf

Hat man viel, so wird man bald

Noch viel mehr dazu bekommen.

Wer nur wenig hat, dem wird 

Auch das wenige genommen.

Wenn du aber gar nichts hast,

Ach, so lasse dich begraben –

Denn ein Recht zum Leben, Lump,

Haben nur, die etwas haben.

(Aus „Lazarus“, 1851)

Und noch 1855 analysiert er in der großen klassischen Ballade „Das Sklavenschiff“ den ökonomischen Zusammenhang von Sklavenhandel, Unterhaltungskultur und Religion, es endet:

„Verschone ihr Leben um Christi willn,

Der für uns alle gestorben!

Denn bleiben mir nicht dreihundert Stück,

So ist mein Geschäft verdorben.

Dies schmetterte ein Mensch in die europäische Öffentlichkeit, der mit einer rätselhaften Nervenlähmung, wahrscheinlich Spätfolgen der Syphilis, seit fast einem Jahrzehnt unbeweglich ans Bett gefesselt war und der 1855 noch ein knappes Jahr zu leben hatte. Wenn er auch, mehr oder weniger ironisch, am Ende fromm wurde, was man angesichts seiner körperlichen Leiden vielleicht verstehen kann, so blieb er doch immer Sympatisant der revolutionären Arbeiterbewegung. Harry Heine, wie er vor seiner Taufe anläßlich des juristischen Examens hieß, war schon Kommunist, als Marx und Engels noch in die Windeln machten.

Heines Kommunismus war der von Babeuf und seiner „Verschwörung der Gleichen“, ein idealer Traum aus intellektueller Konsequenz: „Kann ich der Prämisse nicht widersprechen, `daß alle Menschen das Recht haben zu essen´, so muß ich mich auch allen Folgerungen fügen.“ (Lutetia) Als lebenslang gutgesponserter Bankiersneffe und Empfänger erheblicher französischer „Reptilien“ brauchte er den praktischen Beweis seiner Solidarität mit dem Proletariat nie anzutreten, ja, er hatte sogar persönlich Angst vor der unausbleiblichen Revolution, weil dann das „Manifest der Gleichen“ gälte: „Mögen, wenn es sein muß, alle Künste untergehen, wenn uns nur die wirkliche Gleichheit bleibt!“ (Babeuf). Aber Heine war bereit, daß die Blätter mit seinen edlen Gedichten darauf nach der Revolution zum Erbsenabwiegen benutzt würden, wenn denn nur jeder genügend Erbsen, auch Zuckerebsen, erhielte.

Aber: „Je le crains“ – das fürchte ich, schrieb er an entscheidender Stelle, und das ist das wahre Heinesche Vermächtnis. Der Klassenverrat des bürgerlichen Intellektuellen wird ihm kaum zum persönlichen Vorteil gereichen, wohl aber zur Befreiung Aller mithelfen, und Heine überwindet seine „geheime Angst des Künstlers und des Gelehrten, die wir unsre ganze moderne Zivilisation, die mühselige Errungenschaft so vieler Jahrhunderte, die Frucht der edelsten Arbeiten unsrer Vorgänger, durch den Sieg des Kommunismus bedroht sehen.“ (Geständnisse)  Heinrich Heine ist einverstanden. Acht Jahre lang Gefangener der Matrazengruft und dennoch kein Zaudern und kein Jammern, sobald es gegen die Reaktion geht. Welch ein Held!

Dann kamen die deutschen „Doktoren“ Marx und Engels und erfanden die Politik der Klassenbündnisse und den Begriff des „historischen Erbes“, das Kommunistische Manifest empfahl die Fortsetzung der bürgerlichen Revolution, nicht ihre Rücknahme. Daher Heines Hochachtung für sie. Der linke Intellektuelle darf nun, dank Marx, ohne Furcht vor kulturloser Gleichmacherei das politisch-ökonomische Bündnis mit der Bourgeoisie, von der er vorerst noch lebt, aufkündigen und sich bedenkenlos mit den revolutionären Klassen in eine gemeinsame Kampffront begeben. Der genaue Zeitpunkt dieser unter Künstlern heute wieder umkämpften Entscheidung läßt sich bei Heine philologisch genau feststellen. So findet sich jenes bedeutungsschwere „je le crains / ich fürchte es“ noch 1854 am Ende des in der DDR oft und falsch zitierten berühmten Satzes aus „De L´Allemagne“, jedoch in der letzten Auflage 1855 fehlt es: Heinrich Heine starb getröstet! Hier nun die ganze Wahrheit:

„Die mehr oder weniger geheimen Führer der deutschen Kommunisten sind große Logiker, deren stärkste aus der Hegelschen Schule hervorgegangen sind, und sie sind ohne Zweifel die fähigsten Köpfe, die energischsten Charaktere Deutschlands, Diese Doktoren der Revolution und ihre mitleidslos entschlossenen Schüler sind die einzigen Männer in Deutschland, die Leben in sich haben, und ihnen, fürchte ich, gehört die Zukunft.“

Dr.Seltsam

(Dr. Seltsam ist politischer Kabarettist in Berlin bei DR. SELTSAMS WOCHENSCHAU, jeden Sonntag 13 Uhr im Wirtshaus Max&Moritz in Kreuzberg, dort am 20.8. Heine im „Club der toten Dichter: Heine Brecht, Benn“!. Dr. Seltsam hat Literatur u.a. an der Uni Hamburg studiert und dabei 1972 im Seminar von Prof Klaus Briegleb auch ein ganz Kleines an der derzeit besten Heine Ausgabe mitgearbeitet. Weitere gute Texte zum Thema:

Klaus Briegleb Hrsg., Heine Sämtliche Schriften in 7 Bänden dtv 59074 (78 E)

Leo Kreutzer, Heine und der Kommunismus, Göttingen 1970.

Joachim Müller, Marx und Heine Kulturbund Berlin/DDR 1953.

Walther Victor, Heine – Lesebuch für unsere Zeit

Denke auch an den Film von Konrad Wolf "Ich war 19", wo der russische Oberst Heine-Kenner ist, das ist typisch und wahr.)

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