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Harold
Pinter – Nobelvorlesung:
Kunst,
Wahrheit & Politik
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„Die
Invasion des Irak war ein Banditenakt, ein Akt von unverhohlenem
Staatsterrorismus, der die absolute Verachtung des Prinzips von
internationalem Recht demonstrierte. Die Invasion war ein willkürlicher
Militäreinsatz, ausgelöst durch einen ganzen Berg von Lügen
und die üble Manipulation der Medien und somit der Öffentlichkeit;
ein Akt zur Konsolidierung der militärischen und ökonomischen
Kontrolle Amerikas im mittleren Osten unter der Maske der
Befreiung, letztes Mittel, nachdem alle anderen Rechtfertigungen
sich nicht hatten rechtfertigen lassen. Eine beeindruckende
Demonstration einer Militärmacht, die für den Tod und die
Verstümmelung abertausender Unschuldiger verantwortlich ist.“ |
Harold
Pinter – Nobelvorlesung:
Kunst,
Wahrheit & Politik
1958
schrieb ich folgendes:
„Es
gibt keine klaren Unterschiede zwischen dem, was wirklich und dem was
unwirklich ist, genauso wenig wie zwischen dem, was wahr und dem was
unwahr ist. Etwas ist nicht unbedingt entweder wahr oder unwahr; es kann
beides sein, wahr und unwahr.“
Ich
halte diese Behauptungen immer noch für plausibel und weiterhin gültig
für die Erforschung der Wirklichkeit durch die Kunst. Als Autor halte
ich mich daran, aber als Bürger kann ich das nicht. Als Bürger muss
ich fragen: Was ist wahr? Was ist unwahr?
Die
Wahrheit in einem Theaterstück bleibt immer schwer greifbar. Man findet
sie niemals völlig, sucht aber zwanghaft danach. Die Suche ist
eindeutig der Antrieb unseres Bemühens. Die Suche ist unsere Aufgabe.
Meistens stolpert man im Dunkeln über die Wahrheit, kollidiert damit
oder erhascht nur einen flüchtigen Blick oder einen Umriss, der der
Wahrheit zu entsprechen scheint, oftmals ohne zu merken, dass dies überhaupt
geschehen ist. Die echte Wahrheit aber besteht darin, dass sich in der
Dramatik niemals so etwas wie die eine Wahrheit finden lässt. Es
existieren viele Wahrheiten. Die Wahrheiten widersprechen, reflektieren,
ignorieren und verspotten sich, weichen voreinander zurück, sind füreinander
blind. Manchmal spürt man, dass man die Wahrheit eines Moments in der
Hand hält, dann gleitet sie einem durch die Finger und ist
verschwunden.
Man
hat mich oft gefragt, wie meine Stücke entstehen. Ich kann es nicht
sagen. Es ist mir auch völlig unmöglich, meine Stücke
zusammenzufassen, ich kann nur sagen, dies ist geschehen. Das haben sie
gesagt. Dies haben sie getan.
Die
meisten meiner Stücke entstehen aus einer Textzeile, einem Wort oder
einem Bild. Dem gegebenen Wort folgt oft kurz darauf das Bild. Ich gebe
zwei Beispiele für zwei Zeilen, die mir urplötzlich einfielen, danach
kam das Bild und dann ich.
Es
sind die Stücke Die Heimkehr und Alte Zeiten. Der erste Satz von Die
Heimkehr heißt: „Was hast du mit der Schere gemacht?“ Das erste
Wort von Alte Zeiten lautet: „Dunkel“.
Das
war alles, was ich jeweils an Informationen besaß.
Im
ersten Fall suchte jemand offenbar eine Schere und wollte von jemand
anders, den er verdächtigte, sie gestohlen zu haben, ihren Verbleib
erfahren. Aber irgendwie wusste ich, dass der angesprochenen Person die
Schere ebenso egal war wie die Person, die danach gefragt hatte.
„Dunkel“
verstand ich als Beschreibung der Haare einer Person, der Haare einer
Frau, sowie als Antwort auf eine Frage. In beiden Fällen musste ich der
Sache nachgehen. Dies geschah visuell, ein sehr langsames Überblenden
vom Schatten ins Licht.
Wenn
ich ein Stück beginne, nenne ich die Personen immer A, B und C.
In
dem Stück, aus dem Die Heimkehr wurde, sah ich einen Mann in ein kahles
Zimmer kommen und seine Frage an einen jüngeren Mann richten, der auf
einem hässlichen Sofa saß und eine Rennzeitung las. Ich ahnte
irgendwie, dass A der Vater und B sein Sohn war, aber ich besaß keinen
Beweis dafür. Meine Vermutung wurde allerdings kurz darauf bestätigt
als B (der spätere Lenny) zu A (dem späteren Max) sagt: „Ich würde
jetzt gerne das Thema wechseln, ja, Dad? Ich möchte dich was fragen.
Unser Essen vorhin, was sollte das darstellen? Wie heißt so was? Warum
kaufst du dir keinen Hund? Der würde so was fressen. Ehrlich. Aber du
kochst hier nicht für ein Rudel Hunde.“ Da B also A „Dad“ nennt,
schien mir die Anna hme vernünftig, dass es sich bei ihnen um Vater und
Sohn handelte. A war auch eindeutig der Koch, dessen Kochkünste
offenbar keine hohe Wertschätzung genossen. Bedeutete das, dass es
keine Mutter gab? Ich wusste es nicht. Aber, so sagte ich mir, anfangs
wissen wir nie, worauf alles hinausläuft.
„Dunkel“.
Ein breites Fenster. Abendhimmel. Ein Mann, A (der spätere Deeley), und
eine Frau, B (die spätere Kate), sitzen und trinken. „Dick oder dünn?“
fragt der Mann. Von wem red en sie? Aber dann sehe ich am Fenster eine
Frau, C (die spätere Anna ), sie steht in einer anderen Beleuchtung,
mit dem Rücken zu den anderen, ihre Haare sind dunkel.
Es
ist ein merkwürdiger Moment, der Moment, in dem man Personen erschafft,
die bis dahin nicht existierten. Was dann kommt, vollzieht sich
sprunghaft, vage, sogar halluzinatorisch, auch wenn es manchmal einer
unaufhaltsamen Lawine gleicht. Der Autor befindet sich in einer
eigenartigen Lage. Die Personen empfangen ihn eigentlich nicht mit
offenen Armen. Die Personen widersetzen sich ihm. Es ist schwierig, mit
ihnen auszukommen, sie zu definieren ist unmöglich. Vorschreiben lassen
sie sich schon gar nichts. In gewisser Weise spielt man mit ihnen ein
endloses Spiel: Katz und Maus, Blindekuh, Verstecken. Aber schließlich
merkt man, dass man es mit Menschen aus Fleisch und Blut zu tun hat, mit
Menschen die einen eigenen Willen und eine individuelle Sensibilität
besitzen und aus Bestandteilen bestehen, die man nicht verändern,
manipulieren oder verzerren kann.
Die
Sprache in der Kunst bleibt also eine äußerst vieldeutige
Angelegenheit, Treibsand oder Trampolin, ein gefrorener Teich, auf dem
man, der Autor, jederzeit einbrechen könnte.
Aber
wie gesagt, die Suche nach der Wahrheit kann nie aufhören. Man kann sie
nicht vertagen, sie lässt sich nicht aufschieben. Man muss sich ihr
stellen und zwar hier und jetzt.
Politisches
Theater stellt einen vor völlig andersartige Probleme. Moralpredigten
gilt es unter allen Umständen zu vermeiden. Objektivität ist
unabdingbar. Die Personen müssen frei atmen können. Der Autor darf sie
nicht einschränken und einengen, damit sie seinen eigenen Vorlieben,
Neigungen und Vorurteilen genügen. Er muss bereit sein, sich ihnen aus
den verschiedensten Richtungen zu nähern, unter allen möglichen
Blickwinkeln, sie vielleicht gelegentlich zu überrumpeln, ihnen aber
trotzdem die Freiheit zu lassen, ihren eigenen Weg zu gehen. Das
funktioniert nicht immer. Und die politische Satire befolgt natürlich
keine dieser Regeln, sie tut tatsächlich das genaue Gegenteil und erfüllt
damit ihre eigentliche Funktion.
In
meinem Stück Die Geburtstagsfeier lasse ich, glaube ich, in einem
dichten Wald der Möglichkeiten einer ganzen Reihe von Alternativen
Spielraum, bevor schließlich ein Akt der Unterwerfung in den Brennpunkt
rückt.
Berg-Sprache
behauptet einen solchen Spielraum nicht. Das Stück bleibt brutal, kurz
und hässlich. Aber die Soldaten im Stück haben ihren Spaß. Man
vergisst manchmal, dass sich Folterer rasch langweilen. Sie müssen
etwas zu lachen haben, damit ihnen die Lust nicht vergeht. Die
Ereignisse in Abu Ghraib in Bagdad haben das natürlich bestätigt.
Berg-Sprache dauert nur 20 Minuten, aber es könnte Stunde um Stunde
immer so weitergehen, nach demselben Muster, immer so weiter, Stunde um
Stunde.
Asche
zu Asche andererseits scheint mir unter Wasser zu spielen. Eine
ertrinkende Frau reckt durch die Wellen die Hand nach oben, sie
versinkt, sucht nach anderen, aber sie findet dort niemand, weder über
noch unter Wasser, sie findet nur treibende Schatten, Spiegelungen; die
Frau, eine verlorene Gestalt in einer ertrinkenden Landschaft, eine
Frau, die dem Verderben, das nur anderen bestimmt gewesen zu sein
schien, nicht entrinnen kann.
Doch
so wie sie starben, muss auch sie sterben.
Politische
Sprache, so wie Politiker sie gebrauchen, wagt sich auf keines dieser
Gebiete, weil die Mehrheit der Politiker, nach den uns vorliegenden
Beweisen, an der Wahrheit kein Interesse hat sondern nur an der Macht
und am Erhalt dieser Macht. Damit diese Macht erhalten bleibt, ist es
unabdingbar, dass die Menschen unwissend bleiben, dass sie in Unkenntnis
der Wahrheit leben, sogar der Wahrheit ihres eigenen Lebens. Es umgibt
uns deshalb ein weitverzweigtes Lügengespinst, von dem wir uns nähren.
Wie
jeder der hier Anwesenden weiß, lautete die Rechtfertigung für die
Invasion des Irak, Saddam Hussein verfüge über ein hoch gefährliches
Arsenal an Massenvernichtungswaffen, von denen einige binnen 45 Minuten
abgefeuert werden könnten, mit verheerender Wirkung. Man versicherte
uns, dies sei wahr. Es war nicht die Wahrheit. Man erzählte uns, der
Irak unterhalte Beziehungen zu al-Qaida und trage Mitverantwortung für
die Gräuel in New York am 11. September 2001. Man versicherte uns, dies
sei wahr. Es war nicht die Wahrheit. Man erzählte uns, der Irak bedrohe
die Sicherheit der Welt. Man versicherte uns es sei wahr. Es war nicht
die Wahrheit.
Die
Wahrheit sieht völlig anders aus. Die Wahrheit hat damit zu tun, wie
die Vereinigten Staaten ihre Rolle in der Welt auffassen und wie sie sie
verkörpern wollen.
Doch
bevor ich auf die Gegenwart zurückkomme, möchte ich einen Blick auf
die jüngste Vergangenheit werfen; damit meine ich die Außenpolitik der
Vereinigten Staaten seit dem Ende des 2. Weltkriegs. Ich glaube, wir
sind dazu verpflichtet, diesen Zeitraum zumindest einer gewissen, wenn
auch begrenzten Prüfung zu unterziehen, mehr erlaubt hier die Zeit
nicht.
Jeder
weiß, was in der Sowjetunion und in ganz Osteuropa während der
Nachkriegszeit passierte: die systematische Brutalität, die weit
verbreiteten Gräueltaten, die rücksichtslose Unterdrückung eigenständigen
Denkens. All dies ist ausführlich dokumentiert und belegt worden.
Aber
ich behaupte hier, dass die Verbrechen der USA im selben Zeitraum nur
oberflächlich protokolliert, geschweige denn dokumentiert, geschweige
denn eingestanden, geschweige denn überhaupt als Verbrechen
wahrgenommen worden sind. Ich glaube, dass dies benannt werden muss, und
dass die Wahrheit beträchtlichen Einfluss darauf hat, wo die Welt jetzt
steht. Trotz gewisser Beschränkungen durch die Existenz der
Sowjetunion, machte die weltweite Vorgehensweise der Vereinigten Staaten
ihre Überzeugung deutlich, für ihr Handeln völlig freie Hand zu
besitzen.
Die
direkte Invasion eines souveränen Staates war eigentlich nie die
bevorzugte Methode der Vereinigten Staaten. Vorwiegend haben sie den von
ihnen sogenannten „Low Intensity Conflict“ favorisiert. „Low
Intensity Conflict“ bedeutet, dass tausende von Menschen sterben aber
langsamer als würde man sie auf einen Schlag mit einer Bombe auslöschen.
Es bedeutet, dass man das Herz des Landes infiziert, dass man eine bösartige
Wucherung in Gang setzt und zuschaut wie der Faulbrand erblüht. Ist die
Bevölkerung unterjocht worden oder totgeprügelt es läuft auf dasselbe
hinaus und sitzen die eigenen Freunde, das Militär und die großen
Kapitalgesellschaften, bequem am Schalthebel, tritt man vor die Kamera
und sagt, die Demokratie habe sich behauptet. Das war in den Jahren, auf
die ich mich hier beziehe, gang und gäbe in der Außenpolitik der USA.
Die
Tragödie Nicaraguas war ein hochsignifikanter Fall. Ich präsentiere
ihn hier als schlagendes Beispiel für Amerikas Sicht seiner eigenen
Rolle in der Welt, damals wie heute.
Ende
der 80er Jahre nahm ich an einem Treffen in der amerikanischen Botschaft
in London teil.
Der
Kongress der Vereinigten Staaten sollte entscheiden, ob man die Contras
in ihrem Feldzug gegen den nicaraguanischen Staat mit mehr Geld unterstützt.
Ich gehörte der Delegation an, die für Nicaragua sprach, doch das
wichtigste Delegationsmitglied war Father John Metcalf. Der Leiter der
amerikanischen Gruppe war Raymond Seitz (damals nach dem Botschafter die
Nummer Zwei, später selber Botschafter). Father Metcalf sagte: „Sir,
ich leite eine Gemeinde im Norden Nicaraguas. Meine Gemeindeglieder
haben eine Schule gebaut, ein medizinisches Versorgungszentrum, ein
Kulturzentrum. Wir haben in Frieden gelebt. Vor einigen Monaten griffen
Contratruppen die Gemeinde an. Sie zerstörten alles: die Schule, das
medizinische Versorgungszentrum, das Kulturzentrum. Sie vergewaltigten
Krankenschwestern und Lehrerinnen, schlachteten die Ärzte aufs
brutalste ab. Sie benahmen sich wie Berserker. Bitte fordern Sie, dass
die US-Regierung diesen empörenden terroristischen Umtrieben die
Unterstützung entzieht.“
Raymond
Seitz besaß einen ausgezeichneten Ruf als rationaler,
verantwortungsbewusster und hoch kultivierter Mann. Er genoss in
diplomatischen Kreisen großes Ansehen. Er hörte genau zu, zögerte und
sprach dann mit großem Ernst. „Father“, sagte er, „ich möchte
Ihnen etwas sagen. Im Krieg leiden immer Unschuldige.“ Es herrschte
eisiges Schweigen. Wir starrten ihn an. Er zuckte nicht einmal mit der
Wimper.
In
der Tat, Unschuldige leiden immer.
Schließlich
sagte jemand: „Aber in diesem Fall waren die ,Unschuldigen‘ Opfer
einer durch Ihre Regierung subventionierten, entsetzlichen Gräueltat,
einer von vielen. Sollte der Kongress den Contras mehr Geld bewilligen,
wird es zu weiteren Gräueln kommen. Ist dem nicht so? Macht sich Ihre
Regierung damit nicht der Unterstützung von Mordtaten und
Vernichtungswerken schuldig, begangen an Bürgern eines souveränen
Staates?“
Seitz
ließ sich durch nichts erschüttern. „Ich bin nicht der Auffassung,
dass die vorliegenden Fakten Ihre Behauptungen stützen“, sagte er.
Beim
Verlassen der Botschaft sagte mir ein US-Berater, er schätze meine Stücke.
Ich reagierte nicht.
Ich
darf Sie daran erinnern, dass Präsident Reagan damals folgendes
Statement abgab: „Die Contras stehen moralisch auf einer Stufe mit
unseren Gründervätern.“
Die
Vereinigten Staaten unterstützten die brutale Somoza-Diktatur in
Nicaragua über 40 Jahre. Angeführt von den Sandinisten, stürzte das
nicaraguanische Volk 1979 dieses Regime, ein atemberaubender
Volksaufstand.
Die
Sandinisten waren nicht vollkommen. Auch sie verfügten über eine
gewisse Arroganz, und ihre politische Philosophie beinhaltete eine Reihe
widersprüchlicher Elemente. Aber sie waren intelligent, einsichtig und
zivilisiert. Sie machten sich daran, eine stabile, anständige,
pluralistische Gesellschaft zu gründen. Die Todesstrafe wurde
abgeschafft. Hunderttausende verarmter Bauern wurden quasi ins Leben zurückgeholt.
Über 100.000 Familien erhielten Grundbesitz. Zweitausend Schulen
entstanden. Eine äußerst bemerkenswerte Alphabetisierungskampagne
verringerte den Anteil der Analphabeten im Land auf unter ein Siebtel.
Freies Bildungswesen und kostenlose Gesundheitsfürsorge wurden eingeführt.
Die Kindersterblichkeit ging um ein Drittel zurück. Polio wurde
ausgerottet.
Die
Vereinigten Staaten denunzierten diese Leistungen als
marxistisch-leninistische Unterwanderung. Aus Sicht der US-Regierung war
dies ein gefährliches Beispiel. Erlaubte man Nicaragua, elementare
Normen sozialer und ökonomischer Gerechtigkeit zu etablieren, erlaubte
man dem Land, den Standard der Gesundheitsfürsorge und des
Bildungswesens anzuheben und soziale Einheit und nationale Selbstachtung
zu erreichen, würden benachbarte Länder dieselben Fragen stellen und
dieselben Dinge tun. Damals regte sich natürlich heftiger Widerstand
gegen den in El Salvador herrschenden Status quo.
Ich
erwähnte vorhin das „Lügengespinst“, das uns umgibt. Präsident
Reagan beschrieb Nicaragua meist als „totalitären Kerker“. Die
Medien generell und ganz bestimmt die britische Regierung werteten dies
als zutreffenden und begründeten Kommentar. Aber tatsächlich gab es
keine Berichte über Todesschwadronen unter der sandinistischen
Regierung. Es gab keine Berichte über Folterungen. Es gab keine
Berichte über systematische oder offiziell autorisierte militärische
Brutalität. In Nicaragua wurde nie ein Priester ermordet. Es waren
vielmehr drei Priester an der Regierung beteiligt, zwei Jesuiten und ein
Missionar des Maryknoll-Ordens. Die totalitären Kerker befanden sich
eigentlich nebenan in El Salvador und Guatemala. Die Vereinigten Staaten
hatten 1954 die demokratisch gewählte Regierung von Guatemala gestürzt,
und Schätzungen zufolge sollen den anschließenden Militärdiktaturen
mehr als 200.000 Menschen zum Opfer gefallen sein.
Sechs
der weltweit namhaftesten Jesuiten wurden 1989 in der Central American
University in San Salvador von einem Batallion des in Fort Benning,
Georgia, USA, ausgebildeten Alcatl-Regiments getötet. Der außergewöhnlich
mutige Erzbischof Romero wurde ermordet, als er die Messe las. Schätzungsweise
kamen 75.000 Menschen ums Leben. Weshalb wurden sie getötet? Sie wurden
getötet, weil sie ein besseres Leben nicht nur für möglich hielten
sondern auch verwirklichen wollten. Dieser Glaube stempelte sie sofort
zu Kommunisten. Sie starben, weil sie es wagten, den Status quo infrage
zu stellen, das endlose Plateau von Armut, Krankheit, Erniedrigung und
Unterdrückung, das ihr Geburtsrecht gewesen war.
Die
Vereinigten Staaten stürzten schließlich die sandinistische Regierung.
Es kostete einige Jahre und beträchtliche Widerstandskraft, doch
gnadenlose ökonomische Schikanen und 30.000 Tote untergruben am Ende
den Elan des nicaraguanischen Volkes. Es war erschöpft und erneut
verarmt. Die Casinos kehrten ins Land zurück. Mit dem kostenlosen
Gesundheitsdienst und dem freien Schulwesen war es vorbei. Das Big
Business kam mit aller Macht zurück. Die 'Demokratie' hatte sich
behauptet.
Doch
diese „Politik“ blieb keineswegs auf Mittelamerika beschränkt. Sie
wurde in aller Welt betrieben. Sie war endlos. Und es ist, als hätte es
sie nie gegeben.
Nach
dem Ende des 2. Weltkriegs unterstützten die Vereinigten Staaten jede
rechtsgerichtete Militärdiktatur auf der Welt, und in vielen Fällen
brachten sie sie erst hervor. Ich verweise auf Indonesien, Griechenland,
Uruguay, Brasilien, Paraguay, Haiti, die Türkei, die Philippinen,
Guatemala, El Salvador und natürlich Chile. Die Schrecken, die Amerika
Chile 1973 zufügte, können nie gesühnt und nie verziehen werden.
In
diesen Ländern hat es Hunderttausende von Toten gegeben. Hat es sie
wirklich gegeben? Und sind sie wirklich alle der US-Außenpolitik
zuzuschreiben? Die Antwort lautet ja, es hat sie gegeben, und sie sind
der amerikanischen Außenpolitik zuzuschreiben. Aber davon weiß man natürlich
nichts.
Es
ist nie passiert. Nichts ist jemals passiert. Sogar als es passierte,
passierte es nicht. Es spielte keine Rolle. Es interessierte niemand.
Die Verbrechen der Vereinigten Staaten waren systematisch, konstant,
infam, unbarmherzig, aber nur sehr wenige Menschen haben wirklich darüber
gesprochen. Das muss man Amerika lassen. Es hat weltweit eine ziemlich kühl
operierende Machtmanipulation betrieben, und sich dabei als Streiter für
das universelle Gute gebärdet. Ein glänzender, sogar geistreicher, äußerst
erfolgreicher Hypnoseakt.
Ich
behaupte, die Vereinigten Staaten ziehen die größte Show der Welt ab,
ganz ohne Zweifel. Brutal, gleichgültig, verächtlich und skrupellos,
aber auch ausgesprochen clever. Als Handlungsreisende stehen sie
ziemlich konkurrenzlos da, und ihr Verkaufsschlager heißt Eigenliebe.
Ein echter Renner. Man muss nur all die amerikanischen Präsidenten im
Fernsehen die Worte sagen hören: „das amerikanische Volk“, wie zum
Beispiel in dem Satz: „Ich sage dem amerikanischen Volk, es ist an der
Zeit, zu beten und die Rechte des amerikanischen Volkes zu verteidigen,
und ich bitte das amerikanische Volk, den Schritten ihres Präsidenten
zu vertrauen, die er im Auftrag des amerikanischen Volkes unternehmen
wird.“
Ein
brillanter Trick. Mit Hilfe der Sprache hält man das Denken in Schach.
Mit den Worten „das amerikanische Volk“ wird ein wirklich luxuriöses
Kissen zur Beruhigung gebildet. Denken ist überflüssig. Man muss sich
nur ins Kissen fallen lassen. Möglicherweise erstickt das Kissen die
eigene Intelligenz und das eigene Urteilsvermögen, aber es ist sehr
bequem. Das gilt natürlich weder für die 40 Millionen Menschen, die
unter der Armutsgrenze leben, noch für die 2 Millionen Männer und
Frauen, die in dem riesigen Gulag von Gefängnissen eingesperrt sind,
der sich über die Vereinigten Staaten erstreckt.
Den
Vereinigten Staaten liegt nichts mehr am low intensity conflict. Sie
sehen keine weitere Notwendigkeit, sich Zurückhaltung aufzuerlegen oder
gar auf Umwegen ans Ziel zu kommen. Sie legen ihre Karten ganz ungeniert
auf den Tisch. Sie scheren sich einen Dreck um die Vereinten Nationen,
das Völkerrecht oder kritischen Dissens, den sie als machtlos und
irrelevant betrachten. Sie haben sogar ein kleines, blökendes Lämmchen,
das ihnen an einer Leine hinterher trottelt, das erbärmliche und
abgeschlaffte Großbritannien.
Was
ist aus unserem sittlichen Empfinden geworden? Hatten wir je eines? Was
bedeuten diese Worte? Stehen sie für einen heutzutage äußerst selten
gebrauchten Begriff – Gewissen? Ein Gewissen nicht nur hinsichtlich
unseres eigenen Tuns sondern auch hinsichtlich unserer gemeinsamen
Verantwortung für das Tun anderer? Ist all das tot? Nehmen wir
Guantanamo Bay. Hunderte von Menschen, seit über drei Jahren ohne
Anklage in Haft, ohne gesetzliche Vertretung oder ordentlichen Prozess,
im Prinzip für immer inhaftiert. Diese absolut rechtswidrige Situation
existiert trotz der Genfer Konvention weiter. Die sogenannte
„internationale Gemeinschaft“ toleriert sie nicht nur, sondern
verschwendet auch so gut wie keinen Gedanken daran. Diese kriminelle
Ungeheuerlichkeit begeht ein Land, das sich selbst zum „Anführer der
freien Welt“ erklärt. Denken wir an die Menschen in Guantanamo Bay?
Was berichten die Medien über sie? Sie tauchen gelegentlich auf –
eine kleine Notiz auf Seite sechs. Sie wurden in ein Niemandsland
geschickt, aus dem sie womöglich nie mehr zurückkehren. Gegenwärtig
sind viele im Hungerstreik, werden zwangsernährt, darunter auch
britische Bürger. Zwangsernährung ist kein schöner Vorgang. Weder
Beruhigungsmittel noch Betäubung. Man bekommt durch die Nase einen
Schlauch in den Hals gesteckt. Man spuckt Blut. Das ist Folter. Was hat
der britische Außenminister dazu gesagt? Nichts. Was hat der britische
Premierminister dazu gesagt? Nichts. Warum nicht? Weil die Vereinigten
Staaten gesagt haben: Kritik an unserem Vorgehen in Guantanamo Bay
stellt einen feindseligen Akt dar. Ihr seid entweder für uns oder gegen
uns. Also hält Blair den Mund.
Die
Invasion des Irak war ein Banditenakt, ein Akt von unverhohlenem
Staatsterrorismus, der die absolute Verachtung des Prinzips von
internationalem Recht demonstrierte. Die Invasion war ein willkürlicher
Militäreinsatz, ausgelöst durch einen ganzen Berg von Lügen und die
üble Manipulation der Medien und somit der Öffentlichkeit; ein Akt zur
Konsolidierung der militärischen und ökonomischen Kontrolle Amerikas
im mittleren Osten unter der Maske der Befreiung, letztes Mittel,
nachdem alle anderen Rechtfertigungen sich nicht hatten rechtfertigen
lassen. Eine beeindruckende Demonstration einer Militärmacht, die für
den Tod und die Verstümmelung abertausender Unschuldiger verantwortlich
ist.
Wir
haben dem irakischen Volk Folter, Splitterbomben, abgereichertes Uran,
zahllose, willkürliche Mordtaten, Elend, Erniedrigung und Tod gebracht
und nennen es „dem mittleren Osten Freiheit und Demokratie bringen“.
Wie
viele Menschen muss man töten, bis man sich die Bezeichnung verdient
hat, ein Massenmörder und Kriegsverbrecher zu sein? Einhunderttausend?
Mehr als genug, würde ich meinen. Deshalb ist es nur gerecht, dass Bush
und Blair vor den Internationalen Strafgerichtshof kommen. Aber Bush war
clever. Er hat den Internationalen Strafgerichtshof gar nicht erst
anerkannt. Für den Fall, dass sich ein amerikanischer Soldat oder auch
ein Politiker auf der Anklagebank wiederfindet, hat Bush damit gedroht,
die Marines in den Einsatz zu schicken. Aber Tony Blair hat den
Gerichtshof anerkannt und steht für ein Gerichtsverfahren zur Verfügung.
Wir können dem Gerichtshof seine Adresse geben, falls er Interesse
daran hat. Sie lautet Number 10, Downing Street, London.
Der
Tod spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Für Bush und Blair ist
der Tod eine Lappalie. Mindestens 100.000 Iraker kamen durch
amerikanische Bomben und Raketen um, bevor der irakische Aufstand
begann. Diese Menschen sind bedeutungslos. Ihr Tod existiert nicht. Sie
sind eine Leerstelle. Sie werden nicht einmal als tot gemeldet.
„Leichen zählen wir nicht“, sagte der amerikanische General Tommy
Franks.
Ganz
zu Beginn der Invasion veröffentlichten die britischen Zeitungen auf
der Titelseite ein Foto von Tony Blair, der einen kleinen irakischen
Jungen auf die Wange küsst. „Ein dankbares Kind“, lautete die Überschrift.
Einige Tage später gab es auf einer Innenseite einen Bericht und ein
Foto von einem anderen vierjährigen Jungen, ohne Arme. Eine Rakete
hatte seine Familie in die Luft gesprengt. Er war der einzige Überlebende.
„Wann bekomme ich meine Arme wieder?“ fragte er. Der Bericht wurde
nicht weiter verfolgt. Nun, diesen Jungen hielt auch nicht Tony Blair in
den Armen, weder ihn noch sonst ein anderes verstümmeltes Kind oder
irgendeine blutige Leiche. Blut ist schmutzig. Es verschmutzt einem Hemd
und Krawatte, wenn man eine aufrichtige Ansprache im Fernsehen hält.
Die
2000 toten Amerikaner sind peinlich. Sie werden bei Dunkelheit zu ihren
Gräbern transportiert. Die Beerdigungen finden dezent statt, an einem
sicheren Ort. Die Verstümmelten verfaulen in ihren Betten, manche für
den Rest ihres Lebens. Die Toten und die Verstümmelten verfaulen beide,
nur in unterschiedlichen Gräbern.
Dies
ist ein Stück aus einem Gedicht von Pablo Neruda: „Erklärung einiger
Dinge“:
Und
eines Morgens brachen die Flammen aus allem,
und eines Morgens stiegen lodernde Feuer
aus der Erde,
verschlangen Leben,
und seither Feuer,
Pulver seither,
und seither Blut.
Banditen mit Flugzeugen und Marokkanern,
Banditen mit Ringen und Herzoginnen,
Banditen mit segnenden schwarzen Mönchen
kamen vom Himmel, um Kinder zu töten,
und durch die Strassen das Blut der Kinder
floss einfach, wie das Blut von Kindern.
Schakale, widerwärtig für einen Schakal,
Steine, auf die die trockene Distel gespien hätte,
Vipern, die Vipern verachten würden!
Vor euch habe ich das Blut
Spaniens aufwallen gesehn,
euch zu ersäufen in einer einzigen Woge
von Stolz und Messern!
Generäle
Verräter:
seht mein totes Haus,
seht mein zerbrochenes Spanien:
doch aus jedem Haus schiesst brennendes Metall
anstelle von Blumen,
aus jedem Loch in Spanien
springt Spanien empor,
aus jedem ermordeten Kind wächst ein Gewehr mit Augen,
aus jedem Verbrechen werden Kugeln geboren,
die eines Tages den Sitz
eines Herzens finden werden.
Ihr fragt, warum seine Dichtung uns nichts
von der Erde erzählt, von den Blättern,
den großen Vulkanen seines Heimatlandes?
Kommt, seht das Blut in den Strassen,
kommt, seht
das Blut in den Straßen,
kommt, seht doch das Blut
in den Strassen! [1]
Ich
möchte ganz unmissverständlich sagen, dass ich, indem ich aus Nerudas
Gedicht zitiere, keinesfalls das republikanische Spanien mit dem Irak
Saddam Husseins vergleiche. Ich zitiere Neruda, weil ich nirgendwo sonst
in der zeitgenössischen Lyrik eine so eindringliche, wahre Beschreibung
der Bombardierung von Zivilisten gelesen habe.
Ich
sagte vorhin, die Vereinigten Staaten würden ihre Karten jetzt völlig
ungeniert auf den Tisch legen. Dem ist genau so. Ihre offiziell
verlautbarte Politik definiert sich jetzt als „full spectrum dominance“.
Der Begriff stammt nicht von mir sondern von ihnen. „Full spectrum
dominance“ bedeutet die Kontrolle über Land, Meer, Luft und Weltraum,
sowie aller zugehörigen Ressourcen.
Die
Vereinigten Staaten besitzen, über die ganze Welt verteilt, 702 militärische
Anlagen in 132 Ländern, mit der rühmlichen Ausnahme Schwedens natürlich.
Wir wissen nicht ganz genau, wie sie da hingekommen sind, aber sie sind
jedenfalls da.
Die
Vereinigten Staaten verfügen über 8000 aktive und operative
Atomsprengköpfe. Zweitausend davon sind sofort gefechtsbereit und können
binnen 15 Minuten abgefeuert werden. Es werden jetzt neue
Nuklearwaffensysteme entwickelt, bekannt als Bunker-Busters. Die stets
kooperativen Briten planen, ihre eigene Atomrakete Trident zu ersetzen.
Wen, frage ich mich, haben sie im Visier? Osama Bin Laden? Sie? Mich?
Joe Dokes? China? Paris? Wer weiß das schon? Eines wissen wir
allerdings, nämlich dass dieser infantile Irrsinn – der Besitz und
angedrohte Einsatz von Nuklearwaffen – den Kern der gegenwärtigen
politischen Philosophie Amerikas bildet. Wir müssen uns in Erinnerung
rufen, dass sich die Vereinigten Staaten dauerhaft im Kriegszustand
befinden und mit nichts zu erkennen geben, dass sie diese Haltung
aufgeben.
Abertausende
wenn nicht gar Millionen Menschen in den USA sind nachweislich
angewidert, beschämt und erzürnt über das Vorgehen ihrer Regierung,
aber so wie die Dinge stehen, stellen sie keine einheitliche politische
Macht dar – noch nicht. Doch die Besorgnis, Unsicherheit und Angst,
die wir täglich in den Vereinigten Staaten wachsen sehen können,
werden aller Wahrscheinlichkeit nach nicht schwinden.
Ich
weiß, dass Präsident Bush zahlreiche ausgesprochen fähige
Redenschreiber hat, aber ich möchte mich freiwillig für den Job
melden. Ich schlage folgende kurze Ansprache vor, die er im Fernsehen an
die Nation halten kann. Ich sehe ihn vor mir: feierlich, penibel gekämmt,
ernst, gewinnend, aufrichtig, oft verführerisch, manchmal mit einem
bitteren Lächeln, merkwürdig anziehend, ein echter Mann.
„Gott
ist gut. Gott ist groß. Gott ist gut. Mein Gott ist gut. Bin Ladens
Gott ist böse. Er ist ein böser Gott. Saddams Gott war böse, wenn er
einen gehabt hätte. Er war ein Barbar. Wir sind keine Barbaren. Wir
hacken Menschen nicht den Kopf ab. Wir glauben an die Freiheit. So wie
Gott. Ich bin kein Barbar. Ich bin der demokratisch gewählte Anführer
einer freiheitsliebenden Demokratie. Wir sind eine barmherzige
Gesellschaft. Wir gewähren einen barmherzigen Tod auf dem elektrischen
Stuhl und durch barmherzige Todesspritzen. Wir sind eine große Nation.
Ich bin kein Diktator. Er ist einer. Ich bin kein Barbar. Er ist einer.
Und er auch. Die alle da. Ich besitze moralische Autorität. Seht ihr
diese Faust? Das ist meine moralische Autorität. Und vergesst das bloß
nicht.“
Das
Leben eines Schriftstellers ist ein äußerst verletzliches, fast
schutzloses Dasein. Darüber muss man keine Tränen vergießen. Der
Schriftsteller trifft seine Wahl und hält daran fest. Es stimmt jedoch,
dass man allen Winden ausgesetzt ist, und einige sind wirklich eisig.
Man ist auf sich allein gestellt, in exponierter Lage. Man findet keine
Zuflucht, keine Deckung – es sei denn, man lügt – in diesem Fall
hat man sich natürlich selber in Deckung gebracht und ist, so ließe
sich argumentieren, Politiker geworden.
Ich
habe heute Abend etliche Male vom Tod gesprochen. Ich werde jetzt ein
eigenes Gedicht zitieren. Es heißt „Tod“.
Wo
fand man den Toten?
Wer fand den Toten?
War der Tote tot, als man ihn fand?
Wie fand man den Toten?
Wer war der Tote?
Wer war der Vater oder die Tochter oder der Bruder
Oder der Onkel oder die Schwester oder die Mutter oder der Sohn
Des toten und verlassenen Toten?
War er tot, als er verlassen wurde?
War er verlassen?
Wer hatte ihn verlassen?
War der Tote nackt oder gekleidet für eine Reise?
Warum haben Sie den Toten für tot erklärt?
Haben Sie den Toten für tot erklärt?
Wie gut haben Sie den Toten gekannt?
Woher wussten sie, dass der Tote tot war?
Haben Sie den Toten gewaschen
Haben Sie ihm beide Augen geschlossen
Haben Sie ihn begraben
Haben Sie ihn verlassen
Haben Sie den Toten geküsst [2]
Blicken
wir in einen Spiegel, dann halten wir das Bild, das uns daraus
entgegensieht, für akkurat. Aber bewegt man sich nur einen Millimeter,
verändert sich das Bild. Wir sehen im Grunde eine endlose Reihe von
Spiegelungen. Aber manchmal muss ein Schriftsteller den Spiegel
zerschlagen – denn von der anderen Seite dieses Spiegels blickt uns
die Wahrheit ins Auge.
Ich
glaube, dass den existierenden, kolossalen Widrigkeiten zum Trotz die
unerschrockene, unbeirrbare, heftige intellektuelle Entschlossenheit,
als Bürger die wirkliche Wahrheit unseres Lebens und unserer
Gesellschaften zu bestimmen, eine ausschlaggebende Verpflichtung
darstellt, die uns allen zufällt. Sie ist in der Tat zwingend
notwendig.
Wenn
sich diese Entschlossenheit nicht in unserer politischen Vision verkörpert,
bleiben wir bar jeder Hoffnung, das wiederherzustellen, was wir schon
fast verloren haben – die Würde des Menschen.
Fußnoten
1.
aus Pablo Neruda: Dritter Aufenthalt auf Erden, 1937/1947. Übersetzt
von Erich Arendt, in Der unsichtbare Fluss – ein Lesebuch
herausgegeben von Victor Farias. Luchterhand, Hamburg, 1994.
2.
aus Harold Pinter: Krieg. Übersetzt von Elisabeth Plessen und Peter
Zadek. Rogner und Bernhard, Hamburg, 2003.
Übersetzung
von Michael Walter
©
DIE NOBELSTIFTUNG 2005
Aus:
Website der Nobelpreis-Komitees, http://nobelprize.org
Biobibliographische
Notiz
Harold
Pinter wurde am 10. Oktober 1930 als Sohn eines jüdischen
Damenschneiders in Hackney, London geboren. Er mußte in den Jahren
seines Heranwachsens antisemitische Stimmungen fühlen, was, wie er
selbst betont hat, für seine Entwicklung zum Dramatiker von Bedeutung
war. Beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde er als Neunjähriger aus
London evakuiert und kehrte als Zwölfjähriger zurück. Er sagte später,
daß sein Erlebnis der Bomben während des Krieges ihn nie losgelassen
hat. Nach seiner Rückkehr nach London besuchte er die Hackney Grammar
School, wo er unter anderem in Inszenierungen von Joseph Brearley die
Rollen des Macbeth und des Romeo spielte. Dies trug dazu bei, daß er
eine Schauspieler-Karriere sich zum Ziel setzte. 1948 wurde er als Schüler
an der Royal Academy of Dramatic Art zugelassen. 1950 veröffentlichte
er seine ersten Gedichte. 1951 wurde er in die Central School of Speech
and Drama aufgenommen und im selben Jahr an das berühmte irische
Tourneetheater Anew McMasters engagiert, das durch seine
Shakespeare-Aufführungen bekannt war. 1954–1957 ging Pinter unter dem
Pseudonym David Baron erneut auf Tournee. 1956–1980 war er mit der
Schauspielerin Vivien Merchant verheiratet, und 1980 ehelichte er die
Schriftstellerin Lady Antonia Fraser.
Als
Dramatiker debütierte Pinter mit The Room, das 1957 in Bristol uraufgeführt
wurde. Weitere frühe Dramen sind The Birthday Party (1957), ursprünglich
ein legendäres Fiasko, aber später eines seiner meistgespielten Stücke,
und The Dumb Waiter (1957). Seinen endgültigen Durchbruch erzielte er
mit The Caretaker (1959), dem unter anderem 1964 The Homecoming folgte.
Harold
Pinter wird ganz allgemein als hervorragendster Vertreter des englischen
Dramas in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts eingestuft.
Seine Stellung als moderner Klassiker wird dadurch veranschaulicht, daß
man aus seinem Namen ein Adjektiv gebildet hat, das eine gewisse
Stimmung und ein gewisses Milieu in Theaterstücken beschreibt, nämlich
„pinteresk“.
Pinter
führte das Theater auf seinen elementaren Ursprung zurück, den
geschlossenen Raum und den nicht vorhersagbaren Dialog, wo die Menschen
einander ausgeliefert sind und die Verstellung zerfällt. Bei einem
Minimum von Intrigen entspringt das Drama dem Machtkampf und
Versteckenspiel des Wortwechsels. Pinters Dramatik faßte man zunächst
als Spielart des absurden Theaters auf, aber man hat sie später
zutreffender als “comedy of menace” (’Komödie der Drohung’)
charakterisiert, ein Genre, in dem uns der Schriftsteller ein Spiel von
Dominanz und Unterwerfung abhören läßt, das sich im alltäglichsten
Gespräch verbirgt. Im typischen Pinter-Stück begegnet man Menschen,
die sich gegen fremde Manipulationen oder ihre eigenen Triebe dadurch
verteidigen, daß sie sich hinter einem reduzierten und kontrollierten
Dasein verschanzen. Ein anderes Hauptthema ist Flüchtigkeit und Unfaßbarkeit
der Vergangenheit.
Man
hat behauptet, daß Harold Pinter nach einer ersten Periode des
psychologischen Realismus mit Stücken wie Landscape (1967) und Silence
(1968) zu einer zweiten, lyrischeren Phase überging sowie danach zu
einer dritten, politischen mit One for the Road (1984), Mountain
Language (1988), The New World Order (1991) und weiteren Stücken. Aber
diese periodische Einteilung scheint vereinfacht und übersieht einige
seiner stärksten Texte wie No Man’s Land (1974) und Ashes to Ashes
(1996). Ganz im Gegenteil ist die Kontinuität seines Werks
bemerkenswert, und seine politischen Themen können als
Weiterentwicklung der Analyse des frühen Pinters von Drohung und Willkür
aufgefaßt werden.
Seit
1973 hat sich Pinter neben seiner Schriftstellerei als Vorkämpfer für
die Menschenrechte ausgezeichnet. Seine Stellungnahmen wurden oft als
kontroversiell empfunden. Pinter hat auch Hörspiele und Drehbücher für
Film und Fernsehen geschrieben. Zu seinen bekanntesten Filmdrehbüchern
gehören The Servant (1963), The Accident (1967), The Go-Between (1971),
The French Lieutenant’s Woman (1981; nach dem Roman von John Fowles).
Er hat auch als Regisseur bahnbrechend gewirkt.
Werke
auf deutsch
Tiefparterre
/ Neu durchges. Fassung nach d. Übers. von Willy H. Thiem. – Reinbek
bei Hamburg : Rowohlt, 1967. – Originaltitel: The Basement
Teegesellschaft
/ nach d. Übers. von Willy H. Thiem, d. Bühnen gegenüber Ms. –
Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1968. – Originaltitel: Tea Party
Dramen
/ Neu durchges. Fassung nach d. Übers. von Willy H. Thiem u.a. –
Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1970
Alte
Zeiten ; Landschaft ; Schweigen : 3 Theaterstücke / Dt. von Renate u.
Martin Esslin. – Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1972
Betrogen
/ Dt. von H. M. Ledig-Rowohlt. – Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1978.
– Originaltitel: Betrayal
Das
Treibhaus / Dt. von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. – Reinbek bei
Hamburg : Rowohlt, 1980. – Originaltitel: The Hothouse
Der
stumme Diener : ausgew. Dramen / Übers. aus d. Engl. von Willy H. Thiem
... Ausw. u. Nachw. von Klaus Köhler. – Leipzig : Insel-Verlag, 1981
Familienstimmen
/ Dt. von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. – Reinbek bei Hamburg :
Rowohlt-Theater-Verlag, 1981. – Originaltitel: Family Voices
Einen
für unterwegs / Dt. von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. – Reinbek bei
Hamburg : Rowohlt-Theater-Verlag, 1984. – Originaltitel: One For the
Road
Genau
/ Dt. von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. – Reinbek bei Hamburg :
Rowohlt, Theater-Verlag, 1986. – Originaltitel: Precisely
An
anderen Orten : 5 neue Kurzdramen / Dt. von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt.
– Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1988
Die
Geburtstagsfeier ; Der Hausmeister ; Die Heimkehr ; Betrogen. – Nach
den Übers. von Willy H. Thiem. – Reinbek bei Hamburg : Rowohlt, 1990
Die
Zwerge : Roman / Dt. von Johanna Walser und Martin Walser. – Reinbek
bei Hamburg : Rowohlt, 1994. – Originaltitel: The Dwarfs
Mondlicht
und andere Stücke. – Reinbek bei Hamburg : Rowohlt-Taschenbuch-Verl.,
2000
Krieg
/ Aus dem Engl. von Elisabeth Plessen und Peter Zadek. – Hamburg :
Rogner und Bernhard bei Zweitausendeins, 2003. – Originaltitel: War
Quelle:
Nobelpreis-Komitee; http://www.svenskaakademie |