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Freudentaumel
Iglu-Studie
und Pisa
Von
Ralf Wurzbacher
Quelle:
jungeWelt vom
30.11.2007
Selten
frohe Kunde aus deutschen Klassenzimmern: Hiesige ABC-Schützen lernen
lesen. Wer hätte das noch zu hoffen gewagt nach den etlichen PISA- und
anderen Schlappen bei früheren Bildungsvergleichsstudien. Alles Schnee
von gestern.
Die
Befunde der am Mittwoch (nach Redaktionsschluß) in Berlin vorgestellten
internationalen Grundschul-Leseuntersuchung Iglu erfüllen das Volk der
Dichter und Denker endlich wieder mit Stolz. In Sachen Lese- und
Textverständnis ausgehender Viertkläßler landet Deutschland unter 35
Staaten und zehn Regionen auf einem elften Rang – sensationell! Überflügelt
nur noch von der bildungselitären Crème de la Crème aus Ländern wie
Rußland, Hongkong, Singapur, Luxemburg und Ungarn.
Das
ist Balsam für die geschundenen Seelen deutscher Bildungspolitiker. Über
eine »große Ermutigung« und einen »Ansporn für weitere Reformen«
jubilierte vorneweg die zuständige Bundesministerin, Annette Schavan
(CDU), und halluzinierte freudetrunken: »Wir haben die besten
Grundschulen Europas!«. Daß sie damit gleich fünf »bessere« europäische
Vertreter bei Abwesenheit des PISA-Abonnementsiegers Finnland unter den
Tisch fallen ließ, dürften nur böse Spötter auf etwaige Leseschwächen
der ersten Bildungspolitikerin im Staate schieben. Denn wer will sich an
Feiertagen schon mit Kleinigkeiten herumärgern, wo doch die Botschaft
so schön und eingängig klingt: »Die Deutschen sind wieder wer –
auch in der Bildung.«
Nur
ein paar der lästigen Details, von denen Schavan und Kollegen am
liebsten nichts hören wollen: Die neueste Iglu-Studie bescheinigt dem
deutschen Schulsystem abermals einen Spitzenplatz in punkto sozialer
Auslese. Wer als Kind sozial schwacher Herkunft eine Gymnasialempfehlung
erhalten möchte, muß mit Bestnoten glänzen.
Für
Kinder aus der Oberschicht reicht dagegen eine Leistung deutlich unterm
Durchschnitt. Gegenüber 2001, dem Jahr der Iglu-Vorgängerstudie, haben
sich die Ungleichheiten noch verschärft.
Jetzt
zu einer guten Nachricht: Tatsächlich haben die deutschen Grundschulen
in Vergleichstests schon immer ordentlich abgeschnitten. Das ist
erfreulich und das erdenklich beste Argument dafür, Kinder unabhängig
von sozialer Herkunft und Leistungsstärke dauerhaft gemeinsam zu
unterrichten, statt damit nach der vierten Klasse aufzuhören. Wohin das
führt, beweisen die regelmäßig lausigen Ergebnisse Deutschlands bei
den PISA-Studien. Aber Vorsicht: Wie gestern durchsickerte, zeigt der
Daumen für Deutschland nun auch bei der neuesten Schulleistungsstudie
mit Schwerpunkt Naturwissenschaften nach oben. Von der OECD verlautete
jedoch, die Ergebnisse seien mit früheren Tests nicht vergleichbar,
weshalb Platz 13 nicht als Aufstieg zu werten sei. Das wird Frau Schavan
nicht jucken: »Deutschland hat die besten Schulen der Welt!« |