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Eindringlicher
als alle anderen Werke Londons offenbart dieser Roman den
Klassenstandpunkt des Künstlers, seine engen Beziehungen zum Proletariat,
wie auch seinen Widerwillen und seine Verachtung für die Bourgeoisie.
(Aus: Tribüne für die Wahrheit – Zeitng für Theorie und Praxis des
Marxismus-Leninismus, Erscheint in Wien)
Die
eiserne Ferse (1906)
Von
Jack London
Quelle:
http://nemesis.marxists.org
Auf
Kommunisten-online am 21. Januar 2012 –
Vorwort
Man
kann nicht sagen, dass das Everhard-Manuskript ein wichtiges historisches
Dokument sei. In Bezug auf das Historische strotzt es von Irrtümern —
Irrtümern nicht betreffs der Tatsachen, sondern deren Auslegung. Wenn wir
auf die sieben Jahrhunderte zurückblicken, die seit Vollendung des
Manuskripts durch Avis Everhard vergingen, sind uns die Ereignisse, die
ihr verworren und verschleiert erscheinen mussten, klar. Ihr fehlte die
Perspektive. Sie war den Ereignissen, über die sie schreibt, zu nahe, ja,
sie war mit ihnen verschmolzen. Nichtsdestoweniger ist das
Everhard-Manuskript als persönliches Dokument von unschätzbarem Wert.
Aber auch hier sind ihr Irrtümer unterlaufen, die ihre Ursache sowohl in
ihrem Mangel an Perspektive wie in den Vorurteilen haben, welche ihr die
Liebe eingegeben hat. Aber wir verzeihen Avis Eberhard lächelnd die
Heldenverehrung ihres Gatten. Heute wissen wir, dass er nicht so bedeutend
war, nicht so groß in den Ereignissen jener Zeit, wie das Manuskript uns
glauben machen möchte.
Wir
wissen, dass Ernst Everhard ein ungewöhnlich befähigter Mensch war, aber
nicht so außergewöhnlich, wie seine Frau glaubte. Alles in allem war er
nur einer in der großen Zahl von Helden, die, über die ganze Welt
verstreut, ihr Leben der Revolution weihten, wenn auch zugegeben werden
muss, dass er Ungewöhnliches, namentlich in seinem Werk über die
Philosophie der Arbeiterklasse, leistete. Er bezeichnete sie als »Proletarische
Wissenschaft« oder »Proletarier-Philosophie«, ein Beweis für die Enge
seines Geistes — ein Mangel, der jedoch der Zeit zuzuschreiben ist und
dem sich niemand in jenen Tagen zu entziehen vermochte. Doch zurück zu
dem Manuskript. Ganz besonders wertvoll darin ist, dass es das Gefühl
jener schrecklichen Zeiten übermittelt. Nirgends finden wir lebendiger
die Psychologie der Personen dargestellt, die in dieser wilden Periode, in
den Jahren 1912 bis 1932 lebten — ihre Irrtümer und ihre Unwissenheit,
ihre Zweifel, Befürchtungen und Missverständnisse, ihren Wahn, ihre
heftigen Leidenschaften, ihre unbeschreibliche Gewinn- und Selbstsucht.
Diese Dinge sind für unser erleuchtetes Jahrhundert so schwer
begreiflich. Die Geschichte berichtet jedoch, dass sie existierten, und
Biologie und Psychologie erwecken sie nicht wieder zum Leben. Wir nehmen
sie als Tatsache hin, ohne jedoch Mitgefühl und Verständnis für sie
aufbringen zu können.
Dieses
Mitgefühl empfinden wir jedoch, wenn wir das Everhard-Manuskript
aufmerksam lesen. Wir identifizieren uns mit den Darstellern in diesem längst
vergangenen Weltdrama, und für die Dauer unseres Lesens ist ihr Denken
das unsere. Wir verstehen nicht allein Avis Everhards Liebe für ihren
Heldengatten, wir fühlen, wie er in jenen ersten Tagen, das undeutliche
und schreckliche Auftauchen der Oligarchie. Wir fühlen, wie die (so
treffend genannte) Eiserne Ferse heraufstieg und die Menschheit
zerstampfte.
Und
nebenbei finden wir, dass dieser historisch gewordene Ausdruck, die
Eiserne Ferse, Ernst Everhard zum Urheber hat. Dies ist die eine strittige
Frage, die durch das kürzlich aufgefundene Dokument geklärt wird. Vorher
ist der Ausdruck, soweit bekannt, nur in dem im Dezember 1912 von George
Milford veröffentlichten Pamphlet »Ihr Sklaven« angewandt. Dieser
George Milford war ein unbedeutender Agitator, von dem nichts bekannt ist
außer dem wenigen, das man aus dem Everhard-Manuskript erfährt, wonach
er in der Chicagoer Kommune erschossen wurde. Offenbar hatte er den
Ausdruck Ernst Everhards in irgendeiner öffentlichen Rede anwenden hören,
höchstwahrscheinlich bei dem Wahlkampf für den Kongress im Herbst 1912.
Aus dem Manuskript erfahren wir, dass Ernst Everhard den Ausdruck in einer
Privatgesellschaft im Frühling 1912 gebrauchte. Es ist dies zweifellos
die erste bekannte Gelegenheit, bei der die Oligarchie so bezeichnet
wurde.
Die
Erhebung der Oligarchie wird stets der Anlass geheimer Verwunderung für
Historiker und Philosophen bleiben. Andere große historische Ereignisse
haben ihren Platz in der sozialen Entwicklung. Sie waren unvermeidlich,
und ihr Kommen hätte mit derselben Sicherheit vorausgesagt werden können,
wie Astronomen heute die Bewegung der Sterne voraussagen. Ohne diese
anderen großen historischen Ereignisse hätte die soziale Entwicklung
sich auch nicht vollziehen können. Primitiver Kommunismus,
Besitzsklaverei, Leibeigenschaft und Lohnsklaverei waren die notwendigen
Meilensteine auf dem Wege der menschlichen Entwicklung. Es wäre jedoch lächerlich,
zu behaupten, dass die Eiserne Ferse ein solcher notwendiger Meilenstein
gewesen sei. Heute wird sie vielmehr als ein Fehltritt oder Rückschritt
zu der gesellschaftlichen Tyrannei beurteilt, die die Erde früher zur Hölle
machte, die aber für ihre Zeit ebenso notwendig, wie die Eiserne Ferse
unnötig war.
So
schwarz der Feudalismus auch war, sein Kommen war doch unvermeidlich. Was
sonst als Feudalismus konnte dem Zusammenbruch der großen zentralisierten
Regierungsmaschine folgen, die man als Römisches Kaiserreich kennt? Nicht
so jedoch die Eiserne Ferse. In dem ordnungsgemäßen Vorwärtsschreiten
der sozialen Entwicklung war kein Platz für sie. Sie war weder notwendig
noch unvermeidlich. Sie wird immer die große Merkwürdigkeit der
Geschichte bleiben, eine Laune, eine Phantasie, eine Erscheinung, etwas
Unerwartetes, Ungeahntes; und sie sollte den übereiligen politischen
Theoretikern von heute, die mit Gewissheit von sozialen Prozessen
sprechen, zur Warnung dienen.
Nach
dem Urteil der Soziologen jeder Zeit bedeutete der Kapitalismus den Höhepunkt
der bürgerlichen Herrschaft, die reife Frucht der bürgerlichen
Revolution. Und wir können heute dieses Urteil nur unterschreiben. Selbst
geistige Riesen und Kämpfer wie Herbert Spencer glaubten dass auf den
Kapitalismus der Sozialismus folgen würde Man glaubte, dass auf dem
Schutt des selbstsüchtigen Kapitalismus die Blume des Zeitalters, die Brüderlichkeit
der Menschheit, erblühen würde. Statt dessen gebar der Kapitalismus, zum
Entsetzen für uns, die wir heute auf jene Zeit zurückblicken, wie für
die, die damals lebten, in seiner Überreife einen ungeheuren Spross, die
Oligarchie.
Zu
spät erriet die sozialistische Bewegung zu Anfang des zwanzigsten
Jahrhunderts das Kommen der Oligarchie.
Als
man sie kaum ahnte, war sie schon da. Eine zutiefst begründete Tatsache,
eine staunenerregende furchtbare Wirklichkeit. Wie das Everhard-Manuskript
zeigt, glaubte man selbst damals nicht an eine Dauer der Eisernen Ferse,
Das Urteil der Revolutionäre war, dass ihre Niederringung eine Sache
weniger kurzer Jahre sein würde. Es ist wahr, man vergegenwärtigte sich,
dass die Bauernrevolte unvorbereitet, die erste Revolution vorzeitig
erfolgt war; aber man vergegenwärtigte sich kaum, dass die zweite,
wohlvorbereitete Revolution zu derselben Zwecklosigkeit und zu noch
schrecklicherer Strafe verurteilt war.
Offenbar
beendete Avis Everhard ihr Manuskript in den letzten Tagen der
Vorbereitung für die zweite Revolution. Daher die Tatsache, dass sie
deren unglückseliges Ergebnis mit keinem Worte erwähnt. Es ist klar,
dass sie das Manuskript zur sofortigen Veröffentlichung nach Vernichtung
der Eisernen Ferse bestimmt hatte, damit alles, was ihr soeben
verstorbener Gatte gewagt und vollbracht hatte, anerkannt wurde. Dann aber
erfolgte die furchtbare Zerschmetterung der zweiten Revolution, und
wahrscheinlich hat sie in einem Augenblick der Gefahr, ehe sie floh oder
durch die Söldner gefangen genommen wurde, das Manuskript in der hohlen
Eiche zu Wake Robin Lodge versteckt. Über Avis Everhard gibt es keine
weiteren Nachrichten. Zweifellos ist sie von den Söldnern hingerichtet
worden; bekanntlich wurden keine Berichte über derartige Hinrichtungen
seitens der Eisernen Ferse aufbewahrt. Aber selbst damals, als sie das
Manuskript versteckte und sich zur Flucht vorbereitete, hat sie sich kaum
vergegenwärtigt, wie schrecklich der Zusammenbruch der zweiten Revolution
sein würde. Sie hat sich kaum gedacht, dass die qualvolle, irregehende
Entwicklung der nächsten drei Jahrhunderte eine dritte und vierte und
viele weitere Revolutionen nötig machen sollte, die alle in Seen von Blut
erstickt wurden, ehe die Weltrevolution der Arbeiter zu ihrem Rechte
kommen konnte. Und wenig ließ sie sich träumen, dass das Zeugnis ihrer
Liebe zu Ernst Everhard sieben Jahrhunderte lang ungestört im Herzen
einer alten Eiche zu Wake Robin Lodge ruhen sollte.
Ardis,
27. November 419 B. d. M. Anthony Meredith
Mein
Adler
Der
sanfte Sommerwind rauscht in den Riesentannen, und das Wildwasser plätschert
liebliche Kadenzen über sein moosiges Gestein. Schmetterlinge spielen im
Sonnenschein, und überall erhebt sich das einschläfernde Summen der
Bienen. Es ist so still und friedlich, und ich sitze hier, sinne und bin
ruhelos. Die Stille ist es, die mich ruhelos macht. Sie scheint unwirklich
zu sein. Die ganze Welt ist ruhig, aber es ist die Ruhe vor dem Sturm. Ich
strenge meine Ohren, all meine Sinne an, um etwas von dem drohenden Sturme
zu spüren. Ach, dass er nur nicht zu früh losbricht! Dass er nur nicht
zu früh losbricht(1)!
Ist
es ein Wunder, dass ich ruhelos bin? Ich denke und denke und kann nicht
aufhören zu denken. So lange bin ich im Schwärm des Lebens gewesen, dass
ich mich jetzt bedrückt fühle von der Ruhe und dem Frieden rings, und
ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass der tolle Wirbel von Tod
und Vernichtung plötzlich losbrechen muss. In meinen Ohren tönt das
Geschrei der Getroffenen, und wie ich es früher sah(2),
so sehe ich auch jetzt, wie all die frische, schöne Jugend zerfleischt
und zerstückelt wird, und wie die Seelen gewaltsam aus den stolzen
Leibern gerissen und zu Gott emporgeschleudert werden. So erreichen wir
armen Sterblichen unser Ziel, indem wir durch Blut und Vernichtung der
Welt dauernden Frieden zu bringen suchen. Und ich bin so einsam. Wenn ich
nicht an das denke was kommen muss, so denke ich an das, was war und nicht
mehr ist — an meinen Adler, den seine unermüdlichen Schwingen durch den
Raum trugen, hinauf zu dem, was stets seine Sonne war, dem flammenden
Ideal der menschlichen Freiheit. Ich kann nicht müßig dasitzen und auf
das große Ereignis warten, das sein Werk ist, wenn er es auch nicht mehr
sehen soll. Ihm weihte er all seine Mannesjahre und gab sein Leben dafür.
Es ist sein Werk. Er hat es geschaffen(3).
Und
so will ich denn in dieser bangen Zeit des Harrend von meinem Gatten
schreiben. Viel Licht kann ich allein von allen Lebenden auf seinen
Charakter werfen, und ein so edler Charakter kann gar nicht leuchtend
genug geschildert werden. Er war eine große Seele, und wenn meine Liebe
auch zu immer größerer Selbstlosigkeit wächst, so ist es doch mein größter
Schmerz, dass er die kommende Zeit nicht mehr erleben soll. Es kann nicht
fehlschlagen. Dazu hat er zu hartnäckig und zu sicher gebaut. Wehe der
Eisernen Ferse! Bald wird sich die niedergetretene Menschheit unter ihr
erheben. Wenn der Ruf dazu ergeht, werden die Arbeiterscharen der ganzen
Welt aufstehen. Nie hat die Weltgeschichte dergleichen gesehen. Die
Arbeiter stehen zusammen, und in der ersten Stunde wird eine Revolution
ausbrechen, die die ganze Welt umspannt(4).
Ihr
seht, ich bin erfüllt von dem, was da kommen soll. Tag und Nacht habe ich
es immer und immer wieder so durchlebt, dass es mir stets vor Augen steht.
Und so oft ich n meinen Gatten denke, muss ich auch daran denken. Er war
die Seele von alledem, und wie könnte ich ihn in Gedanken davon trennen?
Wie
ich schon sagte, bin ich allein imstande, viel Licht auf seinen Charakter
zu werfen. Man weiß, dass er für die Sache der Freiheit hart arbeitete
und schwer litt. Wie hart er arbeitete, und wie schwer er litt, weiß ich
selbst am besten, denn diese zwanzig aufreibenden Jahre war ich bei ihm,
und ich kenne seine Geduld, sein unermüdliches Streben, seine grenzenlose
Hingabe für die Sache, für die er nun, vor kaum zwei Monaten, sein Leben
gegeben hat.
Ich
will versuchen, schlicht zu erzählen, wie Ernst Everhard in mein Leben
trat — wie ich ihm zuerst begegnete, wie er groß wurde, bis ich ein
Teil von ihm ward, und welch ungeheure Veränderungen er in mein Leben
brachte. So mögt ihr ihn durch meine Augen sehen und ihn kennen lernen,
wie ich ihn kennen lernte — in allem, außer in dem, das zu heilig und
zu süß ist, als dass ich es erzählen könnte.
Es
war im Februar 1912, dass ich ihm zum ersten Male begegnete, und zwar als
Gast im Hause meines Vaters(5) in Berkeley. Ich kann
nicht sagen, dass der erste Eindruck, den er auf mich machte, besonders günstig
war. Bei Tisch war er einer von vielen, und im Salon, wo wir die Gäste
empfingen, wirkte er etwas seltsam. Es war »Pastorentag«, wie mein Vater
unter vier Augen sagte, und unter diesen Männern der Kirche war Ernst
sicher nicht recht am Platze. Erstens saß sein Anzug nicht. Es war ein
fertig gekauften aus dunklern Stoff, der sich seinem Körper schlecht
anschmiegte. Fertig gekaufte Anzüge passten ihm überhaupt nie. Wie immer
beutelte sich auch an diesem Abend der Stoff über seinen Muskeln, während
der Rock zwischen den überbreiten Schultern ein Labyrinth von Falten
zeigte. Sein Hals war der eines Preiskämpfers(6), dick
und stark. So also sieht der Sozialphilosoph und frühere Hufschmied aus,
den mein Vater entdeckt hat, dachte ich. Und wahrlich: Man sah ihm seine
Vergangenheit an den schwellenden Muskeln und dem Stiernacken an. Sofort
war ich mir klar über ihn — eine Sehenswürdigkeit, dachte ich, ein
Blinder Tom(7) der arbeitenden Klasse.
Und
als er mir dann die Hand schüttelte! Sein Händedruck war stark und fest,
seine schwarzen Augen aber sahen mich kühn an — fast zu kühn, wie mir
schien. Ihr seht, ich war ein Produkt meiner Umgebung und besaß damals
ein ausgeprägtes Klassenbewusstsein. Bei einem Manne meiner eigenen
Klasse wäre eine solche Kühnheit fast unverzeihlich gewesen. Ich weiß
noch, wie ich unwillkürlich die Augen senken musste; ich fühlte mich
ganz erleichtert, als ich ihn stehen lassen konnte, um Bischof Morehouse
zu begrüßen
—
einen meiner Lieblinge, ein Mann von mildem Ernst in reiferen Jahren, eine
gütige Christuserscheinung und dabei ein tüchtiger Gelehrter.
Aber
diese Kühnheit, die mir als Anmaßung erschien, war ein Grundzug in Ernst
Everhards Wesen. Er war einfach und geradezu, fürchtete sich vor nichts
und verschmähte es, Zeit auf konventionelles Getue zu verschwenden. »Du
gefielst mir,« erklärte er mir viel später einmal; »und warum sollten
sich meine Augen nicht sattsehen an dem, was mir gefiel?« Ich sagte, dass
er sich vor nichts fürchtete. Er war der geborene Aristokrat — und das
trotz der Tatsache, dass er im Lager der Nichtaristokraten stand. Er war
ein Übermensch, eine blonde Bestie, wie Nietzsche(8) sie
beschrieben hat, und zu alledem ein glühender Demokrat.
Die
Begrüßung der übrigen Gäste nahm mich in Anspruch, und dazu kam der
ungünstige Eindruck, den der Arbeiterphilosoph auf mich gemacht hatte, so
dass ich ihn ganz vergessen haben würde, hätte er nicht ein- oder
zweimal meine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, und zwar durch ein
Aufblitzen seiner Augen, während er den Worten eines der Geistlichen
lauschte. Er hat Humor, dachte ich und verzieh ihm fast seine Kleidung.
Aber das Essen ging seinem Ende zu, ohne dass er den Mund zum Sprechen geöffnet
hätte, während die Geistlichen ununterbrochen von der arbeitenden Klasse
und ihren Beziehungen zur Kirche, sowie von dem redeten, was die Kirche für
sie getan hatte und noch tat. Ich merkte, dass mein Vater sich ärgerte,
weil Ernst nichts sagte. Einmal nahm er eine Pause wahr, um ihn zu bitten,
etwas zu sagen; Ernst aber zuckte mit einem »Ich habe nichts zu sagen«
die Achseln und fuhr fort, Salzmandeln zu essen.
Vater
ließ sich jedoch nicht abweisen. Nach einer Weile sagte er:
»Wir
haben ein Mitglied der arbeitenden Klasse unter uns. Ich bin sicher, dass
er manches von einem neuen, interessanten und erfrischenden Standpunkt aus
beleuchtet! könnte. Was meinen Sie, Herr Everhard?«
Die
ändern bezeigten geziemendes Interesse und baten Ernst um eine Darlegung
seiner Ansichten. Ihr Benehmen gegen ihn war so duldsam und liebenswürdig,
dass es schon beinahe herablassend wirkte. Und ich sah, dass Ernst es
bemerkte und belustigt war. Er blickte sich langsam um, und ich sah das
Lachen in seinen Augen.
»Ich
bin nicht in der Höflichkeit geistlicher Unterhaltung bewandert«, begann
er, stockte dann aber bescheiden und unschlüssig.
»Nur
zu«, drängten die ändern, und Dr. Hammerfield sagte: »Wir stoßen uns
nicht an der Aufrichtigkeit eines Menschen, wenn sie nur ehrlich ist.«
»Sie
machen also einen Unterschied zwischen Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit?«
Ernst lächelte flüchtig bei diesen Worten.
Dr.
Hammerfield schnappte nach Luft; dann erwiderte er: »Die besten unter uns
können irren, junger Mann, die besten unter uns.«
Ernst
änderte sein Benehmen augenblicklich. Er wurde ein anderer.
»Also
schön«, sagte er, »dann lassen Sie mich Ihnen gleich von vornherein
sagen, dass Sie alle irren. Von der arbeitenden Klasse wissen Sie nichts,
weniger als nichts. Ihre Soziologie ist ebenso falsch und wertlos wie ihre
ganze Denkart.«
Es
war nicht so sehr, was er sagte, wie die Art, wie er es sagte.
Beim
ersten Klang seiner Stimme war ich aufgerüttelt.
Diese
Stimme war ebenso kühn wie seine Augen. Sie durchdrang mich wie eine
Fanfare. Und die ganze Tafelrunde war aufgerüttelt und aus ihrer Eintönigkeit
und Schläfrigkeit geweckt.
»Was
ist denn so Falsches und Wertloses an unserer Denkart, junger Mann?«
fragte Dr. Hammerfield, und schon war eine gewisse Unliebenswürdigkeit in
seiner Stimme und Sprechweise zu spüren.
»Sie
sind Metaphysiker. Durch Metaphysik können Sie alles beweisen; und
demzufolge kann jeder Metaphysiker jedem ändern Metaphysiker — zu
seiner eigenen Genugtuung — beweisen, dass er irrt. Sie sind Anarchisten
im Reiche des Gedankens. Und schlechte Weltordner sind Sie dazu! Jeder von
Ihnen lebt in seiner selbst geschaffenen Welt, die seiner Phantasie und
seinen eigenen Wünschen entsprungen ist. Die wirkliche Welt, in der Sie
leben, kennen Sie nicht, und in der wirklichen Welt hat Ihr Denken nur
insofern Platz, als diese Welt eine durch Geistesverwirrung hervorgerufene
Erscheinung ist.
Wissen
Sie, woran ich denken musste, als ich bei Tisch Ihren Gesprächen
lauschte? Sie erinnerten mich ganz an die Welt der Scholastiker im
Mittelalter, die feierlich und unter Aufgebot ungeheurer Gelehrsamkeit die
fesselnde Frage behandelten, wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen
könnten. Ja, meine verehrten Herren, dem geistigen Leben des zwanzigsten
Jahrhunderts stehen Sie ebenso fern wie ein indianischer Medizinmann, der
vor zehntausend Jahren im Urwald seine Beschwörungen vornahm.«
Eine
schöne Leidenschaft schien Ernst beim Sprechen zu erfüllen; sein Antlitz
glühte, seine Augen leuchteten und sprühten, und Kinn und Kiefer zeigten
eine angriffslustige Beredtheit. Aber es war dies nur seine Art. Sie war
es, die stets die Menschen aufrüttelte. Seine Art, anzugreifen, wie ein
Hammer niederzuschmettern, ließ sie alles um sich vergessen. Und so
geschah es auch jetzt. Bischof Morehouse beugte sich vor und lauschte
gespannt. Zorn und Ärger röteten das Gesicht Dr. Hammerfields. Einige
von den ändern waren auch aufgebracht, während wieder andere belustigt
und überlegen lächelten. Ich selbst fand es außerordentlich drollig.
Ich warf einen Blick auf meinen Vater und bekam Angst, dass er im nächsten
Augenblick losplatzen würde über den Erfolg der Bombe, die er selbst
geschleudert hatte.
»Ihre
Worte sind recht unklar«, unterbrach Dr. Hammerfield das Schweigen. »Präzisieren
Sie bitte, das Sie damit meinen, wenn Sie uns Metaphysiker nennen.«
»Ich
nenne Sie Metaphysiker, weil Sie metaphysisch denken«, fuhr Ernst fort.
»Sie denken alles andere eher als! wissenschaftlich. Ihre Folgerungen
haben keine Gültigkeit. Sie können alles und nichts beweisen, ohne dass
auch nur zwei von Ihnen einig wären. Jeder von Ihnen sucht sich und das
All nach seiner eigenen Überzeugung zu erklären. Ebenso gut können Sie
sich an Ihren eigenen Stiefelstrippen hochheben, wie eine Überzeugung
durch die andere erklären.«
»Ich
verstehe Sie nicht«, sagte Bischof Morehouse. »Mir scheint doch, dass
alles Geistige metaphysisch ist. Die exakteste und überzeugendste aller
Wissenschaften, die Mathematik, ist durch und durch metaphysisch. Jeder
Denkprozess eines Wissenschaftlers ist es. Geben Sie mir da nicht recht?«
»Ja,
insofern Sie sagen, dass Sie mich nicht verstanden haben«, erwiderte
Ernst. »Der Metaphysiker urteilt deduktiv aus seiner eigenen Subjektivität
heraus. Der Wissenschaftler urteilt induktiv aus der Erfahrung heraus. Der
Metaphysiker schließt von der Theorie auf die Tatsachen, der
Wissenschaftler von den Tatsachen auf die Theorie. Der Metaphysiker erklärt
das Universum aus sich, der Wissenschaftler sich aus dem Universum.«
»Gott
sei Dank, dass wir keine Wissenschaftler sind«, murmelte Dr. Hammerfield
selbstgefällig.
»Was
sind Sie denn?« fragte Ernst.
»Philosophen.«
»Ach
so!« Ernst lachte. »Sie haben den festen Boden verlassen und sich mit
einer Nachricht für ein Flugzeug in die Luft begeben. Bitte, kommen Sie
wieder zur Erde herab und sagen Sie mir kurz und bündig, was Sie unter
Philosophie verstehen.«
»Philosophie
ist —«, Dr. Hammerfield machte eine Pause und räusperte sich, »etwas,
das nur denen verständlich gemacht werden kann, die selbst nach Geist und
Temperament Philosophen sind. Der begrenzte Wissenschaftler, der seine
Nase in ein Reagenzglas steckt, versteht von Philosophie nichts.«
Ernst
überging den Stich. Es war stets seine Art, die Spitze gegen den Gegner
zu kehren, und er tat es auch jetzt, wobei seine Miene seine Worte
ausdrucksvoll unterstrich.
»Dann
werden Sie aber zweifellos die Erklärung verstehen, die ich Ihnen jetzt
von der Philosophie geben werde. Zuvor aber ersuche ich Sie, etwaige Irrtümer
darin festzustellen oder schweigender Metaphysiker zu bleiben. Die
Philosophie ist unbedingt die umfassendste aller Wissenschaften. Ihre
Denkmethode ist dieselbe wie die irgendeiner Sonderwissenschaft, und wie
die aller Sonderwissenschaften. Und durch eben diese Methode, die
induktive, sammelt die Philosophie alle Sonderwissenschaften zu einer
einzigen großen Wissenschaft. Wie Spencer sagt, sind die Grundzüge jeder
Sonderwissenschaft teilweise gleichartige Erkenntnisse. Die Philosophie
vereinigt das Wissen, das von allen ändern Wissenschaften
zusammengetragen ist. Die Philosophie ist die Wissenschaft der
Wissenschaften, die Meisterwissenschaft, wenn Sie wollen. Wie gefällt
Ihnen meine Erklärung?«
»Nicht
schlecht, nicht schlecht«, murmelte Dr. Hammerfield zögernd.
Aber
Ernst war unerbittlich.
»Vergessen
Sie nicht«, warnte er ihn, »dass meine Erklärung für die Metaphysik
verhängnisvoll ist. Wenn Sie jetzt keine Lücke in meiner Erklärung
finden, sind Sie später nicht berechtigt, metaphysische Argumente
vorzubringen. Sie müssen Ihr ganzes Leben nach dieser Lücke suchen und
metaphysisch schweigen, bis Sie sie gefunden haben.«
Ernst
hielt inne. Das Schweigen war peinlich. Dr. Hammerfield war verlegen und
zugleich verblüfft. Der scharfe Angriff hatte ihn aus der Fassung
gebracht. Diese einfache und direkte Kampfmethode war er nicht gewöhnt.
Er sah sich flehend am Tische um, aber niemand sprang für ihn in die
Bresche. Ich ertappte meinen Vater, wie er lachend in seine Serviette
biss.
»Es
gibt noch eine Art, die Metaphysiker zu widerlegen«, sagte Ernst, als die
Niederlage Dr. Hammerfields besiegelt war. »Beurteilen Sie sie nach ihren
Werken. Was haben sie für die Menschheit getan, außer dass sie lästige
Phantasiegebilde ersannen und ihre eigenen Schatten für Götter hielten .
Sie haben zur Erheiterung der Menschheit beigetragen, das gebe ich zu;
aber was haben Sie Greifbares für die Menschheit getan? Sie
philosophierten, wenn Sie mir den Missbrauch des Wortes verzeihen wollen,
über das Herz als den Sitz der Regungen, während die Wissenschaftler den
Kreislauf des Blutes feststellten. Sie redeten von Pest und Hungersnot als
Geißeln Gottes, während die Wissenschaftler Kornspeicher bauten und Städte
kanalisierten. Sie schufen Götter nach ihrem eigenen Bilde und ihren
eigenen Wünschen, während die Wissenschaftler Straßen und Brücken
bauten.
Sie
erklärten unsre Erde für den Mittelpunkt des Alls, während die
Wissenschaftler Amerika entdeckten und den Himmelsraum nach den Sternen
und ihren Gesetzen durchforschten. Kurz, die Metaphysiker haben nichts,
absolut nichts für die Menschheit getan. Fuß um Fuß sind sie vor dem
Fortschritt der Wissenschaft zurückgewichen. Ebenso schnell, wie die
festgestellten wissenschaftlichen Tatsachen ihre subjektiven Erklärungen
über den Haufen warfen, ebenso schnell stellten sie wieder neue
subjektive Erklärungen auf, die die letzten wissenschaftlichen Tatsachen
einbezogen. Und das werden sie zweifellos bis ans Ende der Dinge tun.
Meine Herren, ein Metaphysiker ist ein Medizinmann. Der Unterschied
zwischen ihm und dem Eskimo, der sich einen pelzbekleideten,
walspeckfressenden Gott macht, besteht nur in einigen tausend Jahren
festgestellter Tatsachen. Das ist alles.«
»Und
doch haben die Gedanken des Aristoteles Europa zwölfhundert Jahre lang
beherrscht«, verkündete Dr. Ballingford feierlich. »Und Aristoteles war
Metaphysiker.«
Dr.
Ballingford blickte sich um und erntete beifälliges Nicken und Lächeln.
»Ihr
Beispiel ist sehr unglücklich gewählt«, erwiderte Ernst. »Sie beziehen
sich auf eine sehr dunkle Periode der menschlichen Geschichte. Diese
Periode nennen wir in der Tat das dunkle Mittelalter. Es war eine Periode
in der die Wissenschaft von den Metaphysikern vergewaltigt wurde, in der
die Physik den Stein der Weisen suchte, die Chemie zur Alchimie und die
Astronomie zur Astrologie wurde. Die Herrschaft der Gedanken des
Aristoteles ist ein trauriges Kapitel.«
Doktor
Ballingford sah verstimmt aus, dann aber erheiterte sich seine Miene, und
er sagte:
»Wenn
ich auch zugebe, dass das schreckliche Bild, das Sie gezeichnet haben, der
Wirklichkeit entspricht, so müssen Sie doch gestehen, dass die Metaphysik
insofern Gutes bewirkt hat, als sie die Menschen aus diesem dunklen
Zeitalter heraus und in die Erleuchtung der glücklichen Jahrhunderte
getrieben hatte.«
»Damit
hatte die Metaphysik nichts zu tun«, entgegnete Ernst.
»Wie?«
rief Dr. Hammerfield. »War es nicht ihr Denken und Grübeln, das zu den
Entdeckungsreisen führte?«
»Ach,
mein Lieber«, Ernst lächelte. »Ich dachte, Sie wären erledigt, denn
bis jetzt haben Sie die Lücke in meiner Erklärung der Philosophie nicht
gefunden. Sie stehen nicht auf dem Boden der Wirklichkeit. Aber das ist
die Art der Metaphysiker, und ich verzeihe Ihnen. Nein, ich wiederhole:
Die Metaphysik hat nichts damit zu tun. Brot und Butter, Seide und
Juwelen, Dollars und Cents und, nebenbei, die Unterbindung des Verkehrs
auf dem Landwege nach Indien, das waren die Ursachen der
Entdeckungsreisen. Mit dem Fall Konstantinopels im Jahre 1453 blockierten
die Türken den Karawanenweg nach Indien. Die Kaufleute Europas mussten
einen ändern Weg finden. Das war der eigentliche Anlass zu den
Entdeckungsreisen. Kolumbus schiffte sich ein, um einen neuen Weg nach
Indien zu suchen. Das steht in jedem Geschichtsbuch. Zufällig erfuhr man
dabei manches Neue über die Natur, die Form und Größe der Erde, und das
ptolemäische System begann seinen Glanz zu verlieren.«
Doktor
Hammerfield schnaufte.
»Sie
pflichten mir nicht bei?« fragte Ernst. »Worin habe ich denn unrecht?«
»Ich
kann meine Behauptung nur aufrechterhalten«, erwiderte Doktor Hammerfield
mürrisch. »Es würde jetzt zu viel Zeit in Anspruch nehmen, wollte man
sich in die Sache vertiefen.«
»Für
den Wissenschaftler dauert nichts zu lange«, sagte Ernst liebenswürdig.
»Daher erreicht der Wissenschaftler eben sein Ziel. Daher kam er nach
Amerika.«
Ich
will nicht den ganzen Abend schildern, obgleich es mir eine Freude ist,
mir jeden Augenblick, jede Einzelheit dieser ersten Stunde meiner
Bekanntschaft mit Ernst Everhard ins Gedächtnis zurückzurufen.
Ein
prachtvoller Kampf entspann sich, die Geistlichen bekamen rote Köpfe und
regten sich auf, namentlich, als Ernst sie romantische Philosophen,
Schattenspieler und dergleichen mehr nannte. Und immer wieder wartete er
ihnen mit Tatsachen auf.
»Tatsachen,
Verehrtester, unwiderlegbare Tatsachen!« rief er triumphierend, sobald er
einen von ihnen zu Fall gebracht hatte. Er strotzte von Tatsachen. Mit
Tatsachen stellte er ihnen eine Falle, mit Tatsachen überfiel er sie, mit
den Breitseiten von Tatsachen bombardierte er sie.
»Sie
scheinen den Altar der Tatsachen anzubeten«, spöttelte Doktor
Hammerfield.
»Es
gibt keinen Gott außer der Tatsache, und Herr Everhard ist ihr Prophet«,
zitierte Doktor Ballingford.
Ernst
lächelte zustimmend.
»Ich
bin wie der Mann aus Texas«, sagte er, und um eine Erklärung gebeten,
fuhr er fort: »Ja, der Mann aus Missouri sagt immer: >Sie müssen es
mir zeigen.< Der Mann aus Texas aber sagt: >Sie müssen es mir in
die Hand legen.< Was beweist, dass er kein Metaphysiker ist.«
Als
Ernst einmal geradezu sagte, dass die metaphysischen Philosophen nie den
Wahrheitsbeweis erbringen könnten, fragte Dr. Hammerfield hastig: »Was
ist der Wahrheitsbeweis, junger Mann? Wollen Sie uns freundlichst erklären,
worüber klügere Leute als Sie sich so lange den Kopf zerbrochen haben?«
»Gern«,
antwortete Ernst. Seine absolute Sicherheit irritierte die ändern. »Die
klugen Leute haben sich den Kopf so über der Wahrheit zerbrochen, weil
sie auf der Suche nach ihr ins Blaue gerieten. Wären sie auf dem festen
Boden geblieben, so würden sie sie leicht gefunden haben — ja, sie hätten
entdeckt, dass sie selbst mit allem praktischen Tun und Denken ihres
Lebens eben den Wahrheitsbeweis erbrachte.
»Den
Beweis, den Beweis«, wiederholte Dr. Hammerfield ungeduldig, »ohne
Umschweife. Geben Sie uns, was wir so lange gesucht haben: den
Wahrheitsbeweis. Geben Sie ihn uns, und wir werden Götter sein.«
Seine
Worte und sein ganzes Benehmen zeigten einen unhöflichen, höhnischen
Skeptizismus, an dem jedoch die meisten bei Tische heimliches Gefallen
fanden. Nur Bischof Morehouse schien aufgebracht.
»Dr.
Jordan(9) hat es ganz klar ausgesprochen«, sagte Ernst.
»Sein Wahrheitsbericht ist: >Wird es wirken? Willst du dein Leben
daran wagen?<«
»Pah!«
höhnte Dr. Hammerfield. »Sie haben nicht mit Bischof Berkeley(10)
gerechnet. Er wurde nie widerlegt.«
»Der
prächtigste Metaphysiker von allen«, Ernst lachte. »Aber Ihr Beispiel
ist unglücklich gewählt. Berkeley bezeugt selbst, dass seine Metaphysik
wirkungslos sei.«
Jetzt
war Dr. Hammerfield zornig, rechtschaffen zornig. Es war, als hätte er
Ernst bei einem Diebstahl oder einer Lüge ertappt.
»Junger
Mann«, stieß er hervor, »diese Behauptung ist allen ändern Äußerungen,
die Sie heute abend getan haben, ebenbürtig. Sie ist eine niedrige,
unverantwortliche Anmaßung.«
»Ich
bin ganz zerschmettert«, murmelte Ernst demütig Nur weiß ich noch
nicht, wodurch. Sie müssen es mir in die Hand legen, Herr Doktor.«
»Das
will ich, das will ich«, sprudelte Doktor Hammerfield heraus. »Woher
wissen Sie das? Woher wissen Sie, dass Bischof Berkeley bezeugte, seine
Metaphysik sei wirkungslos. Sie haben keinen Beweis dafür, junger Mann,
sie war immer wirksam.«
»Ich
halte es für einen Beweis für die Unwirksamkeit von Berkeleys
Metaphysik, dass« — Ernst hielt einen Augenblick inne — , »dass
Berkeley die unabänderliche Gewohnheit hatte, durch Türen statt durch
Mauern zu gehen. Dass er sein Wohl Brot und Butter und gebratenem Fleisch
anvertraute. Dass er sich mit einem Messer rasierte, welches wirkte, indem
es die Haare aus seinem Gesicht entfernte.«
»Aber
das sind wirkliche Dinge«, rief Doktor Hammerfield. »Metaphysik ist
etwas Geistiges.«
»Und
sie wirkt — geistig?« fragte Ernst ruhig.
Der
andere nickte.
»Dann
können also unzählige Engel auf einer Nadelspitze tanzen — geistig«,
fuhr Ernst sinnend fort. »Und ein pelzgekleideter, speckfressender Gott
kann existieren und wirken — geistig; und es gibt keine Gegenbeweise —
geistig. Ich nehme an, Herr Doktor, dass Sie geistig leben?«
»Mein
Geist ist mein Königreich«, lautete die Antwort.
»Mit
ändern Worten, Sie leben im Blauen. Aber ich bin überzeugt, dass Sie zur
Erde herabkommen, wenn Essenszeit ist, oder wenn ein Erdbeben stattfinden
sollte. Oder, sagen Sie, Herr Doktor, fürchten Sie beim Erdbeben nicht,
dass Ihr unkörperlicher Leib von einem unkörperlichen Ziegelstein
getroffen werden könnte?«
Im
selben Augenblick fuhr Doktor Hammerfields Hand unbewusst nach dem Kopfe,
wo er eine Narbe unter dem Haar hatte. Zufällig hatte Ernst ein passendes
Bild gewählt.
Doktor
Hammerfield wäre bei dem Großen Erdbeben(11) fast von
einem herabstürzenden Schornstein erschlagen worden. Alles brach in
schallendes Gelächter aus.
»Nun?«
fragte Ernst, als sich die Heiterkeit gelegt hatte. »Ihre Gegenbeweise!«
Aber
Doktor Hammerfield hatte für einen Augenblick genug bekommen, und der
Kampf nahm eine andere Wendung. Punkt für Punkt forderte Ernst die
Geistlichen heraus. Behaupteten sie, die arbeitende Klasse zu kennen, so
sagte er ihnen gründlich die Wahrheit, bewies ihnen, dass sie die
arbeitende Klasse gar nicht kannten, und forderte sie auf, ihn zu
widerlegen. Er wartete ihnen mit Tatsachen auf, bremste ihre Ausflüge ins
Blaue und holte sie mit seinen Tatsachen auf den festen Boden zurück.
Wie
klar sehe ich die Szene vor mir! Noch jetzt kann ich ihn mit dem
kriegerischen Ton in seiner Stimme hören, wie er seine Gegner mit seinen
Tatsachen quälte, deren jede wie ein Peitschenhieb war, und er war
unerbittlich. Er verlangte keinen Pardon und gab keinen(12).
Nie vergesse ich den Hieb, den er ihnen zum Schluss versetzte.
»Sie
haben mehrmals, teils offen, teils unbewusst, bewiesen, dass Sie die
arbeitende Klasse gar nicht kennen. Aber daraus mache ich Ihnen keinen
Vorwurf. Wie könnten Sie etwas von ihr wissen? Sie wohnen nicht mit ihr
zusammen. Sie wohnen mit der kapitalistischen Klasse zusammen in ändern
Gegenden. Und warum nicht? Die kapitalistische Klasse bezahlt Sie, ernährt
Sie, gibt Ihnen die Kleidung, die Sie tragen. Und dafür predigen Sie eben
die Metaphysik, die Ihren Brotherren angenehm ist. Und diese Metaphysik
ist Ihnen wiederum angenehm, weil sie die hergebrachte Gesellschaftsform
nicht bedroht.« Bei diesen Worten erhob sich lärmender Widerspruch. »Oh
ich stelle Ihre Lauterkeit nicht in Frage«, fuhr Ernst fort »Sie sind
ehrlich. Sie predigen, was Sie glauben. Darin liegt eben Ihre Kraft und
Ihr Wert — für die kapitalistische Klasse. Sollten Sie aber Ihrem
Glauben irgendeine Richtung geben, die bedrohlich für die bestehende
Ordnung wäre, so würde man Ihre Predigten unangenehm empfinden und Sie
Ihres Amtes entheben. Hin und wieder geschieht das ja auch wohl nicht wahr(13)?«
Diesmal
erhob sich kein Widerspruch. Die Geistlichen saßen stumm ergeben da, und
nur Dr. Hammerfield sagte:
»Wenn
ihre Anschauungen unrichtig sind, werden sie ersucht, ihren Abschied zu
nehmen.«
»Mit
ändern Worten, wenn diese Anschauungen unbequem sind«, antwortete Ernst
und fuhr dann fort: »Und darum sage ich Ihnen, machen Sie weiter,
predigen Sie und verdienen Sie sich Ihr Geld damit, aber lassen Sie um
Himmels willen die arbeitende Klasse in Frieden. Sie stehen im Lager des
Feindes. Sie haben keine Gemeinschaft mit der arbeitenden Klasse. Ihre Hände
sind weich von der Arbeit, die andere für Sie getan haben. Sie essen so
viel, dass Sie schon Bäuche haben. (Hier fuhr Doktor Bailingford
zusammen, und alle Augen richteten sich auf seinen mächtigen Bauch. Man
sagte von ihm, dass er seit Jahren seine eigenen Füße nicht mehr gesehen
hätte.) Sie haben keine anderen Lehren im Kopfe als die, welche die mächtigen
Grundpfeiler der herrschenden Ordnung sind. Sie sind Söldner — ehrliche
Söldner, gebe ich zu — genau wie die Leute der Schweizer Garde(14).
Bleiben
Sie Ihrem Salz und Sold treu. Behüten Sie mit Ihren Predigten die
Interessen ihrer Brotherren, aber steigen Sie nicht zur arbeitenden Klasse
hinab und dienen ihr als falsche Führer. Als ehrliche Menschen können
Sie nicht in zwei Lagern auf einmal stehen. Die arbeitende Klasse ist ohne
Sie ausgekommen. Glauben Sie mir, sie wird es auch ferner. Und mehr noch,
sie wird besser ohne Sie auskommen.«
(1)
Die zweite Revolution war in der Hauptsache ein Werk Ernst Everhards, wenn
er auch natürlich mit den europäischen Führern zusammenarbeitete. Die
Festnahme und heimliche Hinrichtung Everhards war das große Ereignis des
Jahres 1932. So gründlich aber hatte er die Revolution vorbereitet, dass
es seinen Mitverschworenen möglich war, seine Pläne fast ohne Verwirrung
oder Aufschub ins Werk zu setzen. Nach der Hinrichtung Everhards begab
seine Frau sich nach Wake Robin Lodge, einem kleinen Landsitz in den
Sonoma-Bergen in Kalifornien.
(2)
Zweifellos spielt sie hier auf die Chicagoer Kommune an.
(3)
Bei aller Hochachtung vor Avis Everhard, muss doch erwähnt werden, dass
ihn Mann nur einer der vielen fähigen Männer war, die den Plan für die
zweite Revolution ausarbeiteten. Und wenn wir heute durch die Jahrhunderte
zurückblicken, so können wir kaum mit absoluter Gewissheit sagen, ob die
zweite Revolution, wenn Everhard am Leben geblieben, weniger unglücklich
ausgefallen wäre.
(4)
Die zweite Revolution war wirklich international. Der Plan war ungeheuer
— zu ungeheuer, als dass er im Geist eines einzelnen Menschen hätte
entstehen können. Die Arbeiterschaft in allen Oligarchien der Welt war
bereit, sich auf das Signal hin zu erheben. Deutschland, Italien,
Frankreich und Australien waren Arbeiterländer — sozialistische
Staaten. Sie waren bereit, die Revolution zu unterstützen. Sie taten es
tapfer, und das war der Grund, dass, als die zweite Revolution ausbrach,
auch sie von den vereinigten Oligarchien der Welt unterdrückt wurden, die
die sozialistischen Regierungen dieser Länder durch oligarchische
ersetzten.
(5)
John Cunnigham, der Vater Avis Everhards, war Professor an der
Staatsuniversität zu Berkeley in Kalifornien. Sein Fach war die
Naturwissenschaft; als schöpferischer Forscher machte er sich einen
Namen. Seine Hauptwerke waren seine Studien über die Elektronen und seine
monumentale Arbeit über »Die Identität von Stoff und Kraft«, in der
er, über alle Spitzfindigkeit erhaben, für alle Zeit festlegte, dass die
letzten Einheiten von Materie und Energie eines sind. Diese Idee war zwar
schon früher von Sir Oliver Lodge und ändern Forschern auf dem Gebiete
der Radio-Aktivität ausgesprochen, aber nicht bewiesen worden.
(6)
In jenen Tagen pflegten manche Menschen um Geld zu kämpfen. Sie fochten
mit den Fäusten. Sobald der eine besinnungslos oder totgeschlagen war,
erhielt der andere das ausgesetzte Geld.
(7)
Diese dunkle Andeutung bezieht sich auf einen blinden Neger-Musiker, der
in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts der christlichen
Zeitrechnung die Welt im Sturm eroberte.
(8)
Friedrich Nietzsche, der tolle Philosoph des neunzehnten Jahrhunderts der
christlichen Zeitrechnung, der Lichtblitze der Wahrheit erfasste, aber im
menschlichen Denken immer im Kreise ging, bis er sich schließlich in den
Irrsinn hineindachte.
(9)
Ein bekannter Pädagoge vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts
der christlichen Zeitrechnung. Er war Rektor der Stanforder Universität,
ein Wohltäter der Menschheit seiner Zeit.
(10)
Idealistischer Monist, der lange die Philosophen seiner Zeit dadurch in
Aufregung versetzte, dass er die Existenz der Materie leugnete, dessen
einfache Argumente aber schließlich widerlegt wurden, als die neuen
empirischen Tatsachen der Wissenschaft philosophisch verallgemeinert
wurden.
(11)
Das Große Erdbeben von 1906, das San Franzisko zerstörte.
(12)
Dieses Bild ist den Gewohnheiten jener Zeit entnommen. Wenn in den wilden
tierischen Kämpfen auf Tod und Leben ein Getroffener die Waffe senkte,
war es dem Sieger überlassen, ihn zu erschlagen oder zu schonen.
(13)
In jener Zeit wurden viele Geistliche aus der Kirche ausgeschlossen, weil
sie unannehmbare Lehren predigten. Namentlich geschah das, wenn ihre
Predigten einen sozialistischen Einschlag hatten.
(14)
Die aus fremden Söldnern bestehende Leibgarde Ludwigs XVI., eines Königs
von Frankreich, der von seinem Volke enthauptet wurde.
Anklagen
Als
die Gäste gegangen waren, warf mein Vater sich auf einen Sessel und brach
in ein schallendes Gelächter aus. Seit dem Tode meiner Mutter hatte ich
ihn noch nie so lachen hören.
»Ich
wette, Doktor Hammerfield ist noch nie in seinem Leben so aufgebracht
gewesen«, meinte er dann. »>Die Höflichkeit geistlicher
Unterhaltung!< Hast du es bemerkt, wie er sanft wie ein Lamm anfing —
Everhard, meine ich —, und wie schnell er zum brüllenden Löwen wurde?
Er hat einen glänzend geschulten Geist. Er hätte einen vorzüglichen
Wissenschaftler abgegeben, wenn seine Energie in die Richtung gelenkt
worden wäre.«
Ich
brauche kaum zu sagen, dass Ernst Everhard mich ungeheuer interessierte.
Es war nicht allein das, was er gesagt, und wie er es gesagt hatte,
sondern der Mann an sich. Nie war ich einem solchen Manne begegnet. Ich
glaube, es kam daher, dass ich trotz meiner vierundzwanzig Jahre noch
nicht verheiratet war. Er gefiel mir, das gestand ich selber.
Und
mein Gefallen an ihm beruhte auf Dingen, die jenseits von Intellekt und
Argument lagen. Ungeachtet seiner schwellenden Muskeln und seines
Preisboxer-Halses machte er auf mich den Eindruck eines geistreichen
jungen Mannes. Ich hatte das Gefühl, dass unter der Maske eines
intelligenten Eisenfressers ein zarter, empfindsamer Geist lebte. Woher
dies Gefühl kam, weiß ich nicht, aber es muss wohl meine weibliche
Intuition gewesen sein.
In
dieser tönenden Stimme lag etwas, das mir zu Herzen ging. Sie klang mir
noch in den Ohren, und ich fühlte, dass ich sie gern wiederhören und
ebenso gern das Lachen in seinen Augen wieder sehen würde — dieses
Lachen, das den leidenschaftlichen Ernst seines Antlitzes Lügen strafte.
Und
eine ganze Reihe wirrer, unbestimmter Gefühle regten sich in mir. Schon
damals liebte ich ihn, wenn ich auch überzeugt bin, dass, hätte ich ihn
nie wieder gesehen, diese unklaren Gefühle vergangen wären und ich ihn
mit Leichtigkeit vergessen hätte.
Aber
ich sollte ihn wieder sehen. Das neu erwachte Interesse meines Vaters für
Soziologie, die Gesellschaften, die er gab, waren die Ursache. Mein Vater
war nicht Soziologe. Seine Ehe mit meiner Mutter war sehr glücklich
gewesen, und in den Forschungen, die er in seiner eigentlichen
Wissenschaft, der Physik, anstellte, hatte er ebenfalls Glück gehabt. Als
aber meine Mutter starb, konnte seine Arbeit nicht die entstandene Leere
ausfüllen. Zuerst befasste er sich ein wenig mit Philosophie, dann ließ
er sich, als das Interesse wach wurde, in das Studium der Nationalökonomie
und der Soziologie hineintreiben. Er hatte einen starken
Gerechtigkeitssinn und fasste bald eine wahre Leidenschaft, geschehenes
Unrecht wiedergutzumachen. Diese Zeichen neuerwachten Lebensmutes nahm ich
dankbar wahr, wenn ich mir auch nicht träumen ließ, was dabei
herauskommen sollte. Mit der Leidenschaft eines Jünglings stürzte er
sich in diese neuen Studien, unbekümmert, wohin sie ihn führten.
Er
war stets gewohnt gewesen, im Laboratorium zu arbeiten, und so wurde unser
Esszimmer bald zu einem soziologischen Laboratorium. Hierher kamen zum
Essen Männer aller Art und Klassen — Gelehrte, Politiker, Bankleute,
Kaufleute, Professoren, Arbeiterführer, Sozialisten und Anarchisten. Er
reizte sie zur Diskussion und analysierte ihre Gedanken über Leben und
Gesellschaft.
Ernst
hatte er kurz vor dem »Pastoren-Abend« kennen gelernt. Und als die Gäste
gegangen waren, erfuhr ich, wie er seine Bekanntschaft gemacht hatte. Beim
Passieren einer Straße war er eines Abends stehen geblieben, um einem
Mann zuzuhören, der auf einer Seifenkiste stand und zu einer Schar von
Arbeitern redete. Der Mann auf der Kiste war Ernst. Aber er war kein gewöhnlicher
Seifenkistenredner. Er stand in hohem Ansehen bei der sozialistischen
Parteileitung, war einer der Führer, und zwar der anerkannte Führer in
der sozialistischen Philosophie. Aber er hatte eine klare bestimmte Art,
Schwerverständliches in einfachen Worten auszudrücken, er war der
geborene Erklärer und Lehrer und verschmähte die Seifenkiste nicht als
ein Mittel, den Arbeitern seine Parteilehren darzulegen.
Mein
Vater war stehen geblieben, um zuzuhören, hatte Interesse gefasst, ihn
angeredet und ihn, nachdem die Bekanntschaft gemacht war, zum »Pastoren-Abend«
eingeladen. Nach der Gesellschaft erzählte mir mein Vater das wenige, was
er von ihm wusste. Er stammte aus der Arbeiterklasse, wenn er auch zu den
Everhards gehörte, die schon vor mehr als zweihundert Jahren in Amerika
ansässig gewesen waren(1). Im Alter von zehn Jahren
musste er schon in der Mühle arbeiten, und später kam er in die Lehre
und wurde Hufschmied. Er war Autodidakt, hatte sich selbst Deutsch und
Französisch beigebracht, und fristete nun sein Leben durch das Übersetzen
wissenschaftlicher und philosophischer Werke für einen schwer kämpfenden
sozialistischen Verlag in Chikago. Seine Einnahmen wurden vermehrt durch
das geringe Honorar, das seine eigenen volkswirtschaftlichen und
philosophischen Schriften ihm eintrugen.
So
viel erfuhr ich, ehe ich zu Bett ging, und lange lag ich wach und hörte
im Geist noch den Klang seiner Stimme. Ich erschrak vor meinen eigenen
Gedanken. Er war so anders als die Männer meiner Klasse, so fremdartig
und so stark. Seine Überlegenheit entzückte und erschreckte mich
zu-gleich, denn meine phantastischen Gedanken trieben ihr mutwilliges
Spiel so weit, bis ich mich dabei ertappte, dass ich ihn mir als meinen
Geliebten, als meinen Gatten vorstellte. Ich hatte stets gehört, dass die
Stärke eines Mannes eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Frauen ausübte;
aber er war zu stark. »Nein! Nein!« rief ich. »Es ist unmöglich,
unsinnig!« Und am Morgen erwachte ich mit der Sehnsucht, ihn wieder zu
sehen. Ich wollte ihn sehen, wie er andere Männer mit dem kriegerischen
Klang seiner Stimme in der Diskussion abtat; ihn sehen, in all seiner
Sicherheit und Kraft, wie er sie aus ihrer Behaglichkeit herausriss und
aus ihren ausgetretenen Gedankenbahnen rüttelte. Warum er seine
Klopffechterei betrieb? Um seinen eigenen Ausdruck zu gebrauchen, weil es
»zog«, Effekt machte. Und zudem war seine Klopffechterei ein
prachtvolles Schauspiel. Sie erregte einen wie der Angriff zur Schlacht.
Mehrere
Tage vergingen, in denen ich Ernsts Bücher las, die mein Vater mir lieh.
Er schrieb, wie er sprach, knapp, klar und überzeugend. Eben diese klare
Schlichtheit war es, die selbst dann überzeugte, wenn man noch zweifelte.
Er hatte die Gabe, Klarheit um sich zu verbreiten. Er war der vollendete
Erklärer. Und doch war ich trotz seines Stils in vielem nicht mit ihm
einverstanden. Er legte zuviel Gewicht auf das, was er Klassenkampf nannte
-- den Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital, den Streit der Interessen.
Vater erzählte mir mit großem Vergnügen das Urteil, das Doktor
Hammerfield über Ernst gefällt hatte, und das in der Behauptung
gipfelte, Ernst sei »ein frecher junger Laffe, den sein bisschen sehr
unzureichendes Wissen aufgeblasen hätte«. Doktor Hammerfield wünschte
auch nicht wieder mit ihm zusammenzutreffen.
Dagegen
erklärte Bischof Morehouse, dass Ernst ihn interessiere, und dass er ihn
gern wieder sehen wolle. »Ein starker junger Mann«, sagte er. »Und
lebhaft, sehr lebhaft. Aber er ist zu sicher, zu sicher.«
Eines
Nachmittags kam Ernst mit Vater. Der Bischof war bereits anwesend, und wir
tranken Tee auf der Veranda. Dass Ernst so oft in Berkeley war, erklärte
sich aus der Tatsache, dass er an der Universität Vorlesungen über
Biologie hörte, und dass er ferner stark an seinem neuen Buche »Philosophie
und Revolution(2)« arbeitete.
Die
Veranda schien plötzlich zu eng geworden, als Ernst kam. Nicht, dass er
außergewöhnlich groß gewesen wäre — er maß nur ein Meter fünfundsiebzig
—, aber er schien eine Atmosphäre von Größe auszustrahlen. Als er
mich begrüßte, verriet er eine leichte Verlegenheit, die befremdend
wirkte und nicht im Einklang stand mit seinem kühnen Blick und seiner
festen, sicheren Hand, die die meine im Augenblick der Begrüßung drückte.
Und eben in diesem Augenblick waren seine Augen ruhig und sicher. Er
betrachtete mich lange, und eine Frage schien in seinem Blick zu liegen.
»Ich
habe gerade in Ihrer >Philosophie der arbeitenden Klasse< gelesen«,
sagte ich und sah seine Augen zufrieden auf leuchten. »Sie haben doch natürlich
das Publikum in Betracht gezogen an das das Buch sich richtet«,
antwortete er. »Ja, und eben deshalb muss ich ein Wörtchen mit Ihnen
reden«, sagte ich herausfordernd.
»Ich
habe auch einen Strauß mit Ihnen auszufechten, Herr Everhard«, sagte
Bischof Morehouse.
Ernst
hob die Schultern und nahm eine Tasse Tee, die ich ihm reichte.
Der
Bischof ließ mir mit einer Verbeugung den Vortritt. »Sie schüren den
Klassenhass«, sagte ich. »Ich halte es für unrecht und sträflich, all
die niedrigen und rohen Instinkte der arbeitenden Klasse wachzurufen.
Klassenhass ist unsozial, und, wie mir scheint, antisozialistisch.«
»Falsch«,
erwiderte er. »Weder im Wortlaut noch im Geist irgendeiner meiner
Schriften ist Klassenhass.« »Oho!« rief ich vorwurfsvoll, nahm sein
Buch und schlug es auf. Er nippte lächelnd an seinem Tee, während ich
die Seiten überflog.
»Seite
hundertzweiunddreißig«, las ich laut. >»Daher gibt es im jetzigen
Stadium der sozialen Entwicklung als einziges Mittel den Klassenkampf
zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.<«
Ich
blickte ihn triumphierend an.
»Keine
Spur von Klassenhass«, gab er lachend zurück.
»Aber
Sie sprechen doch von Klassenkampf«, sagte ich.
»Etwas
ganz anderes als Klassenhass«, erwiderte er. »Und glauben Sie mir, wir
schüren den Hass nicht. Wir sagen, dass der Klassenkampf eine Folge der
sozialen Entwicklung ist. Wir sind nicht dafür verantwortlich. Wir
schaffen den Klassenkampf nicht. Wir erklären ihn nur, wie Newton das
Gesetz der Gravitation erklärt hat. Wir erklären lediglich das Wesen des
Interessenkonflikts, der den Klassenkampf hervorruft.«
»Aber
es sollte keinen Interessenkonflikt geben!« rief ich.
»Da
bin ich völlig mit Ihnen einig«, antwortete er. »Das ist es ja, was wir
Sozialisten erstreben — die Beendigung des Interessenkonflikts.
Entschuldigen Sie bitte einen Augenblick; lassen Sie mich vorlesen.« Er
nahm das Buch und blätterte darin. »Seite hundertsechsundzwanzig:
>Die Periode der Klassenkämpfe, die mit der Zersetzung der ursprünglichen
Gütergemeinschaft und der Entstehung des Privateigentums begann, wird mit
dem Aufhören des Privateigentums im Sinne des Sozialismus endigen.<«
»Aber
da stimme ich nicht mit Ihnen überein«, fiel der Bischof ein, dessen
blasses, asketisches Gesicht durch schwaches Erröten seine Erregung
verriet. »Ihre Voraussetzung ist falsch. Es gibt nichts Derartiges wie
einen Interessenkonflikt zwischen Arbeit und Kapital — oder, vielmehr,
es sollte ihn nicht geben.«
»Danke«,
sagte Ernst mit Nachdruck. »Durch diese Behauptung haben Sie mir meine
Voraussetzung wiedergegeben .«
»Aber
warum muss es einen Konflikt geben?« fragte der Bischof eifrig.
Ernst
zuckte die Achsel. »Weil wir einmal so geschaffen sind, denke ich.«
»Aber
das sind wir ja gar nicht!« rief der andere.
»Sprechen
Sie vom Idealmenschen?« fragte Ernst. »Von dem selbstlosen, gottähnlichen
Idealmenschen, der so selten ist, dass er praktisch gar nicht in Frage
kommt, oder sprechen Sie vom gewöhnlichen Durchschnittsmenschen?«
»Vom
gewöhnlichen Durchschnittsmenschen«, lautete die Antwort.
»Der
schwach und fehlbar und Irrtümern verfallen ist?«
Bischof
Morehouse nickte.
»Und
kleinlich und selbstsüchtig?« Er nickte wieder. »Beachten Sie wohl,«
sagte Ernst, »ich sagte >selbstsüchtig<.«
»Der
Durchschnittsmensch ist selbstsüchtig«, gab der Bischof tapfer zu.
»Begehrt
alles, was er bekommen kann.«
»Begehrt
alles, was er bekommen kann — leider wahr.«
»Dann
habe ich Sie.« Ernst ließ seine Kiefer wie eine Falle zuklappen. »Ich
werde es Ihnen zeigen. Nehmen Sie einen Mann, der an der Straßenbahn
arbeitet.«
»Er
hätte diese Arbeit nicht, wenn das Kapital nicht wäre«, unterbrach ihn
der Bischof.
»Stimmt,
aber Sie werden mir zugeben, dass das Kapital zugrunde gehen würde, wenn
die Arbeiter nicht die Dividenden verdienten.«
Der
Bischof schwieg.
»Geben
Sie das zu?« beharrte Ernst.
Der
Bischof nickte.
»Dann
heben unsere Behauptungen sich gegenseitig auf«, sagte Ernst geschäftsmäßig,
»und wir sind wieder, wo wir waren. Also lassen Sie uns wieder von vorne
anfangen. Die Arbeiter bei der Straßenbahn liefern die Arbeit. Die Aktionäre
liefern das Kapital. Durch die vereinigte Wirkung von Arbeit und Kapital
wird das Geld verdient(3). Das verdiente Geld wird
zwischen ihnen geteilt. Der Verdienstanteil des Kapitals heißt
>Dividende<, der der Arbeit >Lohn<.«
»Sehr
richtig«, bemerkte der Bischof. »Und es ist kein Grund vorhanden, dass
die Teilung nicht auf friedlichem Wege erfolgen sollte.«
»Sie
haben schon vergessen, worüber wir uns einig waren«, erwiderte Ernst. »Wir
waren uns darüber einig, dass der Durchschnittsmensch selbstsüchtig ist.
Er ist der Mensch der Tatsache. Sie sind ins Blaue geflogen und haben
einen Unterschied zwischen den Menschen aufgestellt, wie sie sein sollten,
aber nicht sind. Kehren Sie wieder auf die Erde zurück. Der Arbeiter, der
selbstsüchtig ist, will bei der Teilung haben, was er bekommen kann. Der
Kapitalist, der auch selbstsüchtig ist, will ebenfalls bei der Teilung
haben, was er bekommen kann. Wenn es aber nur soundso viel zum Teilen
gibt, und wenn zwei alles haben wollen, dann ist der Interessenkonflikt
zwischen Arbeit und Kapital ein unversöhnlicher. Solange es Arbeiter und
Kapitalisten gibt, werden sie sich über die Teilung streiten. Wenn Sie
heute abend in San Franzisko wären, müssten Sie zu Fuß gehen. Dort fährt
nicht eine Straßenbahn.«
»Wieder
Streik(4)?« fragte der Bischof erschrocken. »Ja, sie
streiten sich über die Verteilung des Gewinns der Straßenbahn.«
Bischof
Morehouse wurde erregt.
»Es
ist unrecht«, rief er. »Es ist so kurzsichtig von den Arbeitern. Wie können
sie Sympathie von uns erwarten —« »Wenn wir gezwungen werden, zu Fuß
zu gehen«, Ernst schmunzelte.
Aber
Bischof Morehouse beachtete ihn nicht und fuhr fort: »Ihr Horizont ist zu
eng. Menschen sollten Menschen sein und keine wilden Tiere. Jetzt wird es
wieder Gewalt und Mord, trauernde Witwen und Waisen geben. Kapital und
Arbeit sollten Freunde sein. Sie sollten Hand in Hand zu gegenseitigem
Nutzen arbeiten.«
»Ach,
jetzt schweben Sie wieder im Blauen«, bemerkte Ernst trocken. »Kommen
Sie auf die Erde zurück. Vergessen Sie nicht: Wir waren uns einig, dass
der Durchschnittsmensch selbstsüchtig ist.«
»Aber
er sollte es nicht sein«, rief der Bischof.
»Da
stimme ich mit Ihnen überein«, lautete Ernsts Erwiderung- »Er sollte
nicht selbstsüchtig sein. Aber er wird es sein solange er unter einem
sozialen System lebt, das auf einer Schweine-Ethik beruht.«
Der
Bischof war entsetzt, und mein Vater schmunzelte.
»Ja,
Schweine-Ethik«, fuhr Ernst unbarmherzig fort, »das ist das
kapitalistische System. Und dafür tritt Ihre Kirche ein, die predigen
Sie, so oft Sie die Kanzel besteigen. Schweine-Ethik! Es gibt keine andere
Bezeichnung dafür.«
Bischof
Morehouse wandte sich flehend zu meinem Vater, aber der nickte lachend.
»Ich
fürchte, Herr Everhard hat recht«, sagte er. »Laissez-faire, die
Unterlassungspolitik, jeder für sich, und den Rest soll der Teufel holen.
Wie Herr Everhard neulich sagte, ist es die Aufgabe von euch Männern der
Kirche, die bestehende Gesellschaftsordnung aufrechtzuerhalten, und auf
dieser Grundlage steht die Gesellschaft eben.«
»Aber
das ist nicht die Lehre Christi!« rief der Bischof.
»Die
heutige Kirche lehrt nicht Christus«, warf Ernst schnell ein. »Deshalb
will der Arbeiter nichts mit der Kirche zu tun haben. Die Kirche
sanktioniert die furchtbare Brutalität und Grausamkeit der Kapitalisten
gegen die arbeitende Klasse.«
»Die
sanktioniert die Kirche nicht«, wandte der Bischof ein.
»Jedenfalls
protestiert die Kirche nicht dagegen«, erwiderte er. »Und wenn die
Kirche nicht protestiert, sanktioniert sie; denn vergessen Sie nicht, dass
die Kirche von der kapitalistischen Klasse unterhalten wird.«
»In
diesem Licht habe ich es noch nicht gesehen«, sagte der Bischof naiv. »Sie
müssen unrecht haben. Ich weiß wohl, dass manches in dieser Welt hässlich
und schlecht ist. Ich weiß, dass die Kirche das — das Proletariat(5),
wie Sie es nennen, verloren hat.«
»Sie
haben das Proletariat nie gehabt«, rief Ernst. »Das Proletariat ist
abseits von der Kirche und ohne sie entstanden.«
»Ich
verstehe Sie nicht«, sagte der Bischof verzagt.
»Dann
lassen Sie es mich Ihnen erklären. Mit der Einführung der Maschine und
des Fabriksystems gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts wurde die große
Masse der arbeitenden Bevölkerung heimatlos gemacht. Das alte
Arbeitssystem war zusammengebrochen. Das arbeitende Volk wurde von seinen
Dörfern vertrieben und in Fabrikstädten zusammengepfercht. Mütter und
Kinder mussten an den neuen Maschinen arbeiten. Alles Familienleben hörte
auf. Die Bedingungen waren furchtbar. Es ist eine blutige Geschichte.«
»Ich
weiß, ich weiß«, unterbrach Bischof Morehouse ihn mit schmerzlicher
Miene. »Es war schrecklich. Aber das ist anderthalb Jahrhunderte her.«
»Und
damals, vor anderthalb Jahrhunderten entstand eben das moderne Proletariat«,
fuhr Ernst fort. »Und die Kirche kümmerte sich nicht darum. Während die
Kapitalisten aus der Nation ein Schlachthaus machten, blieb die Kirche
stumm. Sie protestierte damals so wenig, wie sie es heute tut. Wie Austin
Lewis(6), wenn er von jener Zeit spricht, sagt, haben
die, an welche das Gebot >Weidet meine Lämmer< ergangen ist, ruhig
zugesehen, wie diese Lämmer in die Sklaverei verkauft wurden und sich zu
Tode arbeiten mussten(7). Damals war die Kirche stumm,
und ehe ich fortfahre, bitte ich Sie, mir zu sagen, ob Sie mir recht geben
oder nicht. War die Kirche damals stumm?«
Bischof
Morehouse zögerte. Wie Dr. Hammerfield war er einen solchen »Zusammenprall«,
wie Ernst es nannte, nicht gewohnt.
»Die
Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts ist geschrieben«, sagte Ernst
schnell. »Wäre die Kirche nicht stumm, würde sie in den Büchern nicht
schweigen.«
»Ich
fürchte, die Kirche war stumm«, gestand der Bischof.
»Und
die Kirche ist heute noch stumm.«
»Da
muss ich widersprechen«, sagte der Bischof.
Ernst
machte eine Pause, sah ihn forschend an und nahm dann die Herausforderung
an.
»Also
schön«, sagte er. »Lassen Sie uns sehen. In Chikago gibt es Frauen, die
die ganze Woche für nur neunzig Cents arbeiten. Hat die Kirche dagegen
protestiert?«
»Das
ist mir ganz neu«, lautete die Antwort. »Neunzig Cents die Woche! Das
ist ja schrecklich.«
»Hat
die Kirche dagegen protestiert?« beharrte Ernst.
»Die
Kirche weiß das nicht.« Der Bischof war offenbar in schwerer Bedrängnis.
»Aber
der Kirche ist doch befohlen: >Weidet meine Lämmer«, höhnte Ernst.
Und im nächsten Augenblick sagte er: »Verzeihen Sie meinen Hohn, Herr
Bischof. Aber können Sie sich wundern, wenn wir die Geduld mit Ihnen
verlieren? Wann haben Sie je bei Ihren kapitalistischen Verbänden gegen
die Verwendung von Kindern zur Arbeit in den Baumwollspinnereien des Südens
protestiert(8)? Sechs -und siebenjährige Kinder arbeiten
jede Nacht in Zwölfstundenschichten. Sie sehen nie die Sonne. Sie sterben
wie die Fliegen. Die Dividenden werden mit ihrem Blute bezahlt. Und aus
den Dividenden werden in Neuengland prachtvolle Kirchen gebaut, in denen
Ihresgleichen den schlauen, dickbäuchigen Beziehern dieser Dividenden
Plattheiten predigen.«
»Das
wusste ich nicht«, murmelte der Bischof leise. Sein Gesicht war bleich,
und ihm schien übel zu werden.
»Dann
haben Sie also nicht dagegen protestiert.«
Der
Bischof schüttelte den Kopf.
»Dann
ist die Kirche heute noch so stumm, wie sie es im achtzehnten Jahrhundert
war?«
Der
Bischof schwieg, und Ernst gab dem Gespräch unvermittelt eine andere
Wendung. »Sie wissen, dass ein Geistlicher, der protestieren wollte,
entlassen würde.« »Ich glaube kaum, dass das leicht ist«, lautete die
Erwiderung.
»Wollen
Sie protestieren?« fragte Ernst. »Zeigen Sie mir solche Schäden, wie
Sie sie anführen, in unserer eignen Gemeinde, und ich werde protestieren.«
»Ich
werde sie Ihnen zeigen«, sagte Ernst ruhig. »Ich stehe Ihnen zur Verfügung.
Ich will mit Ihnen eine Wanderung durch die Hölle machen.«
»Und
ich werde protestieren.« Die Glieder des Bischofs strafften sich, und
seine feinen Züge nahmen die Härte eines Kriegers an. »Die Kirche soll
nicht stumm sein.«
»Man
wird Sie entlassen«, sagte Ernst.
»Ich
werde Ihnen das Gegenteil beweisen«, lautete die Antwort. »Ich werde
beweisen, dass die Kirche nur aus Unwissenheit geirrt hat. Und mehr noch,
ich bin überzeugt, dass, was auch immer Schreckliches in der Industrie
vorkommt, nur durch die Unwissenheit der kapitalistischen Klasse ermöglicht
wird. Sobald sie es erfährt, wird sie alles Unrecht gutmachen. Und dass
sie es erfährt, soll Sache der Kirche sein.«
Ernst
lachte. Er lachte brutal, und mich trieb es, dem Bischof beizustehen.
»Vergessen
Sie nicht«, sagte ich, »dass Sie nur die eine Seite der Sache sehen. Es
ist viel Gutes in uns, wenn Sie es auch nicht sehen wollen. Bischof
Morehouse hat recht. Das Unrecht der Industrie ist schrecklich, aber er
sagt, es rührt nur von der Unwissenheit her. Der Schlund, der zwischen
den verschiedenen Schichten der Gesellschaft klafft, ist zu breit
geworden.«
»Der
wilde Indianer ist nicht so roh und grausam wie die kapitalistische Klasse«,
erwiderte er, und in diesem Augenblick hasste ich ihn.
»Sie
kennen uns nicht«, antwortete ich. »Wir sind nicht roh und grausam.«
»Beweisen
Sie das«, forderte er mich auf.
»Wie
kann ich es Ihnen beweisen?« Ich wurde zornig.
Er
schüttelte den Kopf.
»Ich
verlange ja nicht, dass Sie es mir beweisen sollen. Beweisen Sie es sich
selber.«
»Ich
weiß Bescheid«, sagte ich.
»Sie
wissen nichts«, erwiderte er grob.
»Aber
Kinder«, sagte Vater besänftigend.
»Es
ist mir ganz einerlei — «, begann ich unwillig, aber Ernst unterbrach
mich.
»Ich
glaube, Sie — oder Ihr Vater, was dasselbe ist — haben Geld in den
Sierra-Spinnereien angelegt.«
»Was
hat das damit zu tun?« rief ich.
»Nicht
viel«, begann er langsam. »Nur, dass das Gewand, das Sie tragen, mit
Blut befleckt ist. Dass die Nahrung, die Sie essen, blutig ist. Dass das
Blut kleiner Kinder und starker Männer von Ihren Dachbalken herabtropft.
Wenn ich jetzt die Augen schließe, kann ich es immerfort über mir
tropfen hören: Tripp, tropp, tripp, tropp.«
Und
indem er die Tat den Worten folgen ließ, schloss er die Augen und lehnte
sich in seinem Sessel zurück. Vor Zorn und verletzter Eitelkeit brach ich
in Tränen aus. Nie in meinem Leben war man mir so brutal begegnet. Sowohl
der Bischof wie mein Vater waren verlegen und bestürzt. Sie versuchten
die Unterhaltung in ruhigere Bahnen zu lenken, aber Ernst öffnete die
Augen, ließ sie einen Augenblick auf mir ruhen und wandte sich dann ab.
Sein Mund war starr und seine Augen auch, und sie lächelten nicht. Was er
mir sagen, welche furchtbare Züchtigung er mir angedeihen lassen wollte,
habe ich nie erfahren, denn in diesem Augenblick blieb ein Mann, der auf
dem Bürgersteig vorbeiging, stehen und sah zu uns herein. Er war groß,
ärmlich gekleidet und trug auf dem Rücken eine schwere Last von Rohr-
und Bambusständern, Stühlen und Ofenschirmen. Er sah zum Hause herauf,
als sei er unschlüssig, ob er eintreten und versuchen sollte, etwas von
seiner Ware zu verkaufen. »Der Mann heißt Jackson«, sagte Ernst. »Mit
dem kräftigen Körper sollte er arbeiten und nicht hausieren«,
antwortete ich kurz. »Sehen Sie seinen linken Ärmel«, sagte Ernst höflich.
Ich blickte hin und sah, dass der Ärmel leer war. »Blut von diesem Arm
war es, das ich von Ihren Dachbalken tropfen hörte«, sagte Ernst mit
immer gleich bleibender Höflichkeit. »Er verlor seinen Arm in den
Sierra-Spinnereien, und wie ein niedergebrochenes Pferd warfen sie ihn zum
Sterben auf die Landstraße. Unter >sie< verstehe ich den
Generaldirektor und die Beamten, die von Ihnen und den anderen Aktionären
für die Leitung der Spinnerei bezahlt werden. Es war ein Unfall. Er
erlitt ihn bei dem Versuch, der Gesellschaft ein paar Dollar zu retten. Er
geriet mit dem Arm zwischen die Zahnräder. Er hätte das Steinchen ruhig
lassen können, das er zwischen den Zähnen sah. Es wäre nur eine Reihe
von Stiften verbogen worden. Aber er griff nach dem Stein, und dabei wurde
sein Arm gepackt und von den Fingerspitzen bis zur Schulter zerfleischt.
Es war Nacht. Die Spinnerei machte Überstunden. Sie schütteten damals
eine fette Dividende aus. Jackson hatte viele Stunden gearbeitet, seine
Muskeln waren erlahmt, und so führten sie die Bewegung ein wenig langsam
aus. Deshalb packte ihn die Maschine. Er hat eine Frau und drei Kinder.«
»Und was tat die Gesellschaft für ihn?« fragte ich darauf. »Nichts.
Ach ja, doch, etwas taten sie. Sie führte den Prozess, den Jackson nach
seiner Entlassung aus dem Krankenhaus auf Schadenersatz anstrengte,
erfolgreich durch. Die Gesellschaft beschäftigt sehr tüchtige Rechtsanwälte,
wissen Sie.«
»Sie
haben nicht alles erzählt«, sagte ich mit Überzeugung. »Oder Sie
wissen nicht alles. Vielleicht war der Mann unverschämt.«
»Unverschämt!
Ha! Ha!« Sein Lachen war teuflisch. »Du lieber Gott, unverschämt! Mit
seinem verstümmelten Arm! Trotz allem war er demütig und bescheiden und
dachte gar nicht daran, unverschämt zu sein.«
»Aber
das Gericht«, drängte ich. »Der Prozess wäre doch nicht zu seinen
Ungunsten entschieden worden, wenn nicht noch etwas gewesen wäre, das Sie
nicht erwähnt haben.«' »Der erste Anwalt der Gesellschaft ist Ingram,
ein scharfsinniger Jurist.« Ernst sah mich einen Augenblick gespannt an,
dann fuhr er fort: »Ich will Ihnen etwas sagen, Fräulein Cunningham.
Untersuchen Sie den Fall Jackson.«
»Das
hatte ich mir sowieso vorgenommen«, sagte ich kühl.
»Schön«,
meinte er freundlich. »Und ich will Ihnen sagen, wo Sie den Mann finden können.
Aber ich zittere für Sie, wenn ich daran denke, was Sie durch Jacksons
Arm erfahren werden.«
Und
so kam es, dass sowohl der Bischof wie ich auf den Vorschlag Ernsts
eingingen. Die beiden entfernten sich und ließen mich allein mit dem
schmerzlichen Gefühl eines Unrechts, das mir und meiner Klasse angetan
war. Dieser Mann war ein wildes Tier. Ich hasste ihn und tröstete mich
nur mit dem Gedanken, dass man eben von einem Angehörigen der arbeitenden
Klasse kein anderes Benehmen erwarten konnte.
(1)
In jenen Tagen machte man einen scharfen Unterschied zwischen Eingeborenen
und Eingewanderten.
(2)
Dieses Buch wurde in den dreihundert Jahren der Herrschaft der Eisernen
Ferse immer wieder heimlich gedruckt. In der Nationalbibliothek von Ardis
befinden sich eine ganze Reihe von Ausgaben verschiedener Verleger.
(3)
In jenen Tagen übten räuberische Individuen die Kontrolle über alle
Transportmittel aus und erhoben vom Publikum eine Abgabe für deren
Benutzung.
(4)
Diese Streitigkeiten waren in jenen irrationellen und anarchistischen
Zeiten sehr häufig. Zuweilen weigerten die Arbeiter sich, zu arbeiten.
Zuweilen weigerten die Kapitalisten sich, die Arbeiter arbeiten zu lassen.
Bei der Heftigkeit und Verwirrung solcher Unstimmigkeiten wurde viel
Eigentum zerstört und manches Leben vernichtet. Alles dies ist uns heute
unverständlich — ebenso unverständlich wie eine andere Gewohnheit
jener Zeit, nämlich die Gepflogenheit von Männern der niederen Klasse,
die Einrichtung zu zertrümmern, wenn sie sich mit ihren Frauen zankten.
(5)
Proletariat: stammt ursprünglich von dem lateinischen proletarii, ein
Name, der zur Zeit des Servius Tullius denen gegeben wurde, die für den
Staat nur als Erzeuger von Nachkommenschaft (proles) Wert hatten; mit ändern
Worten, sie kamen weder für Besitz und Stellung, noch für außergewöhnliche
Befähigung in Betracht.
(6)
Von den Sozialisten bei der Wahl im Jahre 1906 der christlichen
Zeitrechnung aufgestellter Kandidat für den Gouverneurposten von
Kalifornien. Er war Engländer von Geburt, Verfasser vieler national-ökonomischer
und philosophischer Bücher und einer der bedeutendsten Sozialistenführer
seiner Zeit.
(7)
Es gibt kein schrecklicheres Blatt in der Geschichte als die Behandlung
von Kindern und Frauen in den englischen Fabriken in der zweiten Hälfte
des achtzehnten Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung. Aber manche
der stolzesten Schicksale jener Tage erwuchsen aus diesen Industriehöllen.
(8)
Ein noch besseres Beispiel hätte Everhard vorbringen können, wenn er
daran gedacht hätte, wie die Kirche vor ihrer Zeit für die Sklaverei
eingetreten war. Im Jahre 1835 stellte die Versammlung der
presbyterianischen Kirche fest: »Sklaverei ist sowohl im Alten wie im
Neuen Testament anerkannt und von Gott nicht verboten.« Die Charlestoner
Baptisten-Gesellschaft veröffentlichte im Jahre 1835 folgendes: »Das
Recht des Herrn, über die Zeit seiner Sklaven zu verfügen, ist klar vom
Schöpfer aller Dinge anerkannt, der unbedingt das Besitzrecht über jeden
Gegenstand zuerteilen kann, wem ihm beliebt.« Referend E.D. Simon, Doktor
der Religionsgeschichte und Professor am Randolph-Macon Methodist-College
in Virginia, schrieb: »Die Heilige Schrift bestätigt an viele»Stellen
unwiderruflich das Recht auf Sklavenhaltung in Gemäßheit des allgemeinen
Besitzrechtes. Das Recht, zu kaufen und zu verkaufen, ist klar bestätigt,
ob wir nun die von Gott selbst vorgeschriebene Politik des jüdischen
Staates oder die gleichartige Behandlung dieser Angelegenheit durch die
Gesetze in allen Jahrhunderten, die Vorschriften des Neuen Testamentes
oder unsere Moralgesetze befragen. Immer kommen wir zu dem Schlüsse, dass
Sklaverei nicht unmoralisch ist. Wenn einmal feststeht, dass die ersten
afrikanischen Sklaven gesetzmäßig in die Sklaverei gebracht worden sind,
so folgt daraus unerbittlich das Recht, auch ihre Kinder in der Sklaverei
zu behalten. Wir sehen also, dass die Sklaverei in Amerika zu Recht
besteht.«
Es
ist durchaus nicht merkwürdig, dass wir dieselben Anschauungen etwa eine
Generation später wieder von der Kirche vertreten sehen, und zwar zur
Verteidigung des kapitalistischen Eigentums. Im Museum zu Asgard befindet
sich ein Buch Henry van Dykes, »Angewandte Essays«. Das Buch erschien im
Jahre 1905 der christlichen Zeitrechnung, und wir können daraus ersehen,
dass van Dyke Geistlicher gewesen sein muss. Es ist ein gutes Beispiel für
das, was Everhard bourgeoises Denken genannt haben würde. Man beachte die
Ähnlichkeit zwischen den oben zitierten Äußerungen der Charlestoner
Baptistengesellschaft und dem folgenden, siebzig Jahre später von van
Dyke geprägten Satze: »Die Bibel lehrt, dass die Welt Gott gehört. Er
teilt jedermann nach Gutdünken in Überreinstimmung mit den allgemeinen
Gesetzen aus.«
Jacksons
Arm
Ich
ließ mir nicht träumen, welch verhängnisvolle Rolle Jacksons Arm in
meinem Leben spielen sollte. Jackson selbst machte, als ich ihn aufsuchte
keinen besonders starken Eindruck auf mich. Ich fand ihn in einem
wackligen, baufälligen(1) Hause, dicht an der Bucht, am
Rande des Sumpfes. Rings um das Haus waren Tümpel stagnierenden Wassers,
dessen Oberfläche von grünem fauligen Schlamm bedeckt war, und aus denen
ein unerträglicher Gestank aufstieg.
Ich
fand Jackson so demütig und bescheiden, wie Ernst ihn geschildert hatte.
Er war mit der Herstellung eines Rohrgeflechts beschäftigt und arbeitete
stumpf weiter, während ich mit ihm sprach. Aber trotz seiner Demut und
Bescheidenheit glaubte ich in ihm das erste Anzeichen einer keimenden
Erbitterung zu entdecken, als er sagte:
»Man
hätte mich aber doch wenigstens als Wächter(2)
einstellen sollen.«
Ich
bekam nur wenig aus ihm heraus. Er machte den Eindruck eines
Stumpfsinnigen, und doch schien die Gewandtheit, mit der er mit seiner
einen Hand arbeitete, seinen Stumpfsinn Lügen zu strafen. Das brachte
mich auf einen Gedanken.
»Wie
kam es, dass Ihr Arm in die Maschine geriet?«
Er
warf mir einen langen, forschenden Blick zu und schüttelte dann den Kopf.
»Ich
weiß nicht. Es ist eben passiert.«
»Fahrlässigkeit?«
fragte ich.
»Nein«,
antwortete er. »So kann man es nicht nennen. Ich machte Überstunden und
war, glaube ich, etwas übermüdet. In den siebzehn Jahren, die ich in der
Spinnerei arbeitete, habe ich bemerkt, dass die meisten Unglücksfälle
gerade vor Arbeitsschluss(3) vorkommen. Ich möchte
wetten, dass in der letzten Arbeitsstunde mehr Unfälle vorkommen als während
der ganzen übrigen des Tages. Wenn der Mensch stundenlang anstrengend
gearbeitet hat, ist er nicht mehr so gewandt. Ich habe zu viele zerlöchert
und zerrissen und bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt gesehen.«
»Viele?«
forschte ich.
»Hunderte
und aber Hunderte, auch Kinder.«
Bis
auf die schrecklichen Einzelheiten stimmte seine Beschreibung des Unfalls
mit der überein, die ich bereits vernommen hatte. Als ich ihn fragte, ob
er vielleicht eine der Bedienungsvorschriften der Maschine außer acht
gelassen hätte, schüttelte er den Kopf.
»Ich
riss mit der rechten Hand den Treibriemen ab«, sagte er, »und griff mit
der Linken nach dem Steinchen. Ich hielt nicht an, um nachzusehen, ob der
Treibriemen wirklich ab wäre. Ich dachte, meine rechte Hand hätte es
getan — aber das war nicht der Fall. Ich griff schnell hin, aber der
Riemen war nicht ganz herunter, und da wurde mir der Arm abgerissen.«
»Es
muss sehr geschmerzt haben«, sagte ich mitleidig.
»Das
Krachen der Knochen war nicht schön«, lautete seine Antwort.
Ü
ber seinen Prozess war er sich noch nicht ganz klar. Nur so viel wusste
er, dass er keinen Schadenersatz erhalten hatte. Er hatte das Gefühl,
dass die Aussagen des Direktors und des Werkmeisters die ungünstige
Entscheidung des Gerichts herbeigeführt hatten. Ihre Aussagen, wie er sie
hinstellte, »waren nicht, wie sie hätten sein sollen«. Und ich
beschloss, diese Zeugen aufzusuchen.
Eines
war klar, die Lage Jacksons war erbärmlich. Seine Frau war leidend, und
er selbst konnte durch das Rohrflechten und Hausieren den Lebensunterhalt
für seine Familie nicht verdienen. Er war mit der Miete im Rückstand,
und sein ältestes Kind, ein Junge von elf Jahren, hatte jetzt angefangen,
in der Spinnerei zu arbeiten.
»Sie
hätten mich als Wächter einstellen sollen«, waren seine letzten Worte,
als ich ging.
Als
ich dann den Anwalt, der Jackson vertreten, sowie die beiden Werkführer
und den Generaldirektor der Spinnerei, die in dem Prozess ausgesagt,
gesprochen hatte, begann ich zu fühlen, dass in dem, was Ernst
behauptete, etwas Wahres steckte.
Der
Anwalt machte den Eindruck eines energielosen, unfähigen Menschen, und
bei seinem Anblick wunderte ich mich nicht, dass Jackson seinen Prozess
verloren hatte. Mein erster Gedanke war, dass Jackson recht geschehen war,
weil er sich einen solchen Anwalt genommen hatte. Im nächsten Augenblick
aber kamen mir plötzlich zwei Behauptungen von Ernst zum Bewusstsein: »Die
Gesellschaft beschäftigt sehr tüchtige Rechtsanwälte« und »Ingram ist
ein scharfsinniger Jurist«. Ich überlegte schnell. Es wurde mir klar,
dass die Gesellschaft sich natürlich bessere Juristen leisten konnte als
ein Arbeiter wie Jackson. Aber das war das wenigste. Es musste unbedingt
einen Grund haben, dass der Prozess ungünstig für Jackson ausgefallen
war.
»Warum
haben Sie den Prozess verloren?« fragte ich.
Der
Anwalt war bestürzt und sah mich einen Augenblick zerquält an, und ich
empfand Mitleid mit dem armseligen Menschen. Dann begann er zu jammern.
Ich glaube, das Jammern war ihm angeboren. Er jammerte über die
Zeugenaussagen. Sie wären alle zugunsten der Gegenpartei ausgefallen.
Nicht ein einziges Wort zugunsten Jacksons hätte man aus ihnen
herausbringen können. Sie hätten gewusst, wo die Butter für ihr Brot zu
holen war. Jackson sei ein Dummkopf. Er wäre durch Ingram eingeschüchtert
und verwirrt worden. Ingram sei glänzend im Kreuzverhör. Er hätte
Jackson veranlasst, nachteilige Antworten zu geben.
»Wie
konnten seine Antworten nachteilig sein, wenn er das Recht auf seiner
Seite hatte?« fragte ich.
»Was
hat das mit Recht zu tun?« fragte er zurück. »Sehen Sie alle diese Bücher.«
Er wies mit der Hand auf eine Reihe von Bänden an den Wänden seines
winzigen Bureaus. »Alles, was ich in ihnen gelesen und studiert habe, hat
mich gelehrt, dass Gesetz und Recht zweierlei sind. Fragen Sie jeden
Anwalt, den Sie wollen. In der Sonntagsschule lernt man, was Recht ist.
Aus diesen Büchern aber lernt man eines: Gesetz.«
»Wollen
Sie damit sagen, dass Jackson im Recht war und doch verurteilt wurde?«
forschte ich. »Wollen Sie sagen, dass es keine Gerechtigkeit in Caldwells
Gericht gibt?«
Der
kleine Anwalt starrte mich einen Augenblick an, dann aber schwand die
Energie aus seinen Zügen.
»Ich
hatte keine Möglichkeit«, begann er wieder jammernd. »Sie haben Jackson
zum Narren gemacht und mich auch. Welche Möglichkeiten hatte ich auch.
Ingram ist ein großer Jurist. Wäre er das nicht, würden ihm dann die
Sierra-Spinnereien, das Erston Land-Syndicate, die Berkeley Consolidated,
die Oakland, San Leandro und Pleasenton Elektrizitätswerke die Führung
ihrer Rechtsgeschäfte übertragen haben? Er ist Trustanwalt, und ein
Trustanwalt wird nicht umsonst bezahlt(4). Wofür meinen
Sie wohl, zahlt die Sierra-Spinnerei allein ihm zwanzigtausend Dollar jährlich?
Natürlich, weil er ihnen zwanzigtausend Dollar jährlich wert ist. Ich
bin nicht so viel wert. Wäre ich es, so stünde ich nicht abseits, darbte
und übernähme Prozesse wie den Jacksons. Was, glauben Sie, hätte ich
bekommen, wenn ich den Prozess gewonnen hätte?«
»Aller
Wahrscheinlichkeit nach hätten Sie Jackson ausgeplündert«, antwortete
ich.
»Selbstverständlich!«
rief er ärgerlich. »Ich muss doch auch leben, nicht wahr(5)?«
»Er
hat Frau und Kinder«, tadelte ich ihn.
»Ich
auch«, erwiderte er. »Und außer mir kümmert sich kein Mensch in der
Welt darum, ob sie darben oder nicht.«
Seine
Züge wurden plötzlich weich, er öffnete seine Uhr und zeigte mir die
auf die Innenseite des Deckels geklebte Photographie von einer Frau und
zwei kleinen Mädchen.
»Das
sind sie, sehen Sie sie an. Wir haben schwere Zeiten durchgemacht, schwere
Zeiten. Ich hatte gehofft, sie aufs Land schicken zu können, wenn ich
Jacksons Prozess gewann. Sie brauchen Landluft, aber ich kann es mir nicht
leisten, sie fortzuschicken.«
Als
ich mich zum Gehen anschickte, verfiel er wieder in sein Jammern.
»Ich
habe nicht die geringsten Aussichten. Ingram und der Richter Caldwell sind
befreundet. Ich will nicht sagen, dass diese Freundschaft den Prozess
entschieden haben würde, wenn ich im Kreuzverhör die Zeugen zu den
richtigen Aussagen bekommen hätte. Aber Caldwell tat doch sein möglichstes,
um zu verhindern, dass ich das richtige Beweismaterial zusammenbekam.
Caldwell und Ingram gehören derselben Loge und demselben Klub an. Sie
sind Nachbarn in einer Gegend, wo ich es mir nicht leisten kann zu wohnen.
Und ihre Frauen besuchen sich immer. Sie haben ihre gemeinsame Whistpartie
und lauter ähnliche Dinge.«
»Und
glauben Sie noch, dass Jackson im Recht war?« fragte ich, indem ich einen
Augenblick auf der Schwelle stehen blieb.
»Ich
glaube nicht, ich weiß nicht«, lautete die Antwort. »Zuerst glaubte ich
auch, dass er Aussichten hätte. Aber ich sagte meiner Frau nichts davon.
Ich wollte ihr keine Enttäuschung bereiten. Ihr Herz hing an einem
Aufenthalt auf dem Lande, so schwer das auch zu machen war.«
»Warum
lenkten Sie nicht die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass Jackson die
Maschine vor Schaden zu bewahren versuchte?« fragte ich Peter Donnelly,
einen der Werkführer, die vor Gericht ausgesagt hatten. Er überlegte
lange, ehe er antwortete. Dann warf er einen scheuen Blick um sich und
sagte:
»Weil
ich eine brave Frau und drei der süßesten Kinder habe, die Ihre Augen je
erblickt haben. Deshalb.«
»Ich
verstehe Sie nicht«, sagte ich.
»Mit
ändern Worten, weil es nicht ratsam gewesen wäre«, antwortete er.
»Sie
meinen —«, begann ich.
Er
unterbrach mich heftig.
»Ich
meine, was ich sage. Ich arbeite seit vielen Jahren in der Spinnerei. Als
Kind fing ich an den Spindeln an und habe mich seitdem langsam
heraufgearbeitet. Nur durch schwere Arbeit habe ich meine jetzige Stellung
erlangt. Ich bin Werkführer, mit Verlaub. Und ich zweifle, dass in der
ganzen Spinnerei sich eine Hand ausstrecken würde, um mich vor dem
Ertrinken zu retten. Ich war immer Mitglied der Gewerkschaft. Aber bei
zwei Streiks habe ich der Gesellschaft geholfen. Sie nannten mich einen
Streikbrecher. Nicht einer von ihnen würde ein Glas mit mir trinken, wenn
ich ihn dazu einlüde. Sehen Sie die Narben an meinem Kopfe? Sie stammen
von Ziegelsteinen, die nach mir geworfen wurden. Kein Kind an den
Spindeln, das meinen Namen nicht verfluchte. Mein einziger Freund ist die
Gesellschaft. Und nicht aus Pflichtgefühl stehe ich zu ihr, Brot und
Butter und das Leben meiner Kinder binden mich an sie. Das ist es.«
»War
Jackson zu verurteilen?« fragte ich.
»Er
hätte Schadenersatz haben sollen. Er war ein guter Arbeiter, der nie
krakeelte.«
»War
es Ihnen denn nicht möglich, die ganze Wahrheit zu sagen, wie Sie
geschworen hatten?«
Er
schüttelte den Kopf.
»Die
Wahrheit, die reine Wahrheit, und nichts als die Wahrheit?« sagte ich
feierlich.
Wieder
wurde sein Gesicht leidenschaftlich erregt, und er hob es nicht zu mir,
sondern zum Himmel.
»Für
meine Kinder würde ich Seele und Leib in ewiger Hölle brennen lassen«,
lautete seine Antwort.
Henry
Dallas, der Generaldirektor, war ein Mensch mit einem Fuchsgesicht, der
mich frech ansah und sich weigerte, über die Sache mit mir zu sprechen.
Nicht ein Wort über die Gerichtsverhandlung und seine Aussage konnte ich
aus ihm herausbekommen. Aber bei dem anderen Werkführer hatte ich mehr Glück.
James Smith war ein Mann mit harten Zügen, und das Herz sank mir in die
Schuhe, als ich vor ihm stand. Auch er machte den Eindruck, dass er keinen
freien Willen hätte, und als ich mit ihm sprach, bemerkte ich, dass er
geistig höher stand als der Durchschnitt seiner Klasse. Er stimmte mit
Peter Donnelly darin überein, dass Jackson hätte entschädigt werden müssen,
ja, er ging sogar noch weiter und nannte die Handlungsweise, die den durch
einen Unfall zum Krüppel gewordenen Arbeiter brotlos gemacht hatte,
herzlos und gemein. Er erklärte auch, dass Unfälle in der Spinnerei häufig
seien, und dass die Gesellschaft die Politik verfolge, alle sich daraus
ergebenden Schadenersatzansprüche bis zum bitteren Ende zu bekämpfen.
»Das
bedeutet jährlich Hunderte und Tausende für die Aktionäre«, und ich
musste an die letzte Dividende, die mein Vater erhalten, und an den
herrlichen Mantel für mich und die Bücher für meinen Vater denken, die
von ebendieser Dividende gekauft worden waren. Ich dachte an den Ausspruch
Ernsts, dass an meinem Mantel Blut klebe, und ich begann unter meinen
Kleidern zu zittern.
»Haben
Sie bei Ihrer Aussage nicht betont, dass Jackson verunglückte, als er
versuchte, die Maschine vor Schaden zu bewahren?« sagte ich.
»Nein«,
lautete seine Antwort, und sein Mund presste sich bitter zusammen. »Ich
sagte aus, dass Jackson seinen Unfall selbst verschuldet hätte, und zwar
durch Nachlässigkeit und Fahrlässigkeit, und dass die Gesellschaft in
keiner Weise verantwortlich oder ersatzpflichtig sei.«
»War
es denn Fahrlässigkeit?« fragte ich.
»Nehmen
Sie es, wie Sie wollen. Tatsache ist, dass ein Mann müde wird, wenn er
stundenlang gearbeitet hat.«
Der
Mann begann mich zu interessieren. Er stammte zweifellos aus einer höheren
Klasse.
»Sie
sind gebildeter als die Arbeiter im allgemeinen«, sagte ich.
»Ich
habe das Gymnasium besucht«, erwiderte er. »Das ermöglichte ich, indem
ich mich als Pförtner anstellen ließ. Ich wollte auf die Universität
gehen. Aber mein Vater starb, und ich musste in die Spinnerei. Ich wollte
Naturwissenschaft studieren«, erklärte er schüchtern, als gestände er
eine Schwäche ein. »Ich liebe Tiere, aber ich musste in die Spinnerei.
Als ich zum Werkführer aufrückte, verheiratete ich mich, und dann kam
die Familie und — nun ja, da war ich eben nicht mehr mein eigener Herr.«
»Was
meinen Sie damit?« fragte ich.
»Ich
wollte Ihnen gerade erklären, warum ich vor Gericht aussagte, wie ich es
tat — ich folgte Instruktionen.«
»Wessen
Instruktionen?«
»Ingrams.
Er schrieb mir die Aussage, die ich zu machen hatte, vor.«
»Und
darum verlor Jackson seinen Prozess?«
Er
nickte, und das Blut stieg ihm dunkel ins Gesicht.
»Und
Jackson hat eine Frau und zwei Kinder zu ernähren.«
»Ich
weiß«, sagte er ruhig, aber sein Gesicht färbte sich noch dunkler.
»Sagen
Sie mir«, fuhr ich fort, »wurde es Ihnen leicht, aus dem gebildeten
Menschen, der Sie waren, zu dem Manne zu werden, der Sie geworden sein müssen,
um das fertig zu bringen?«
Ich
prallte erschrocken zurück, so unerwartet kam Gefühlsausbruch. Er stieß
einen wilden Fluch aus und ballte die Fäuste, als wollte er mich
schlagen.
»Verzeihen
Sie«, sagte er im nächsten Augenblick. »Nein, es war nicht leicht. Und
jetzt wird es am besten sein, wenn Sie gehen. Sie haben alles, was Sie
wollten, aus mir herausgebracht . Aber ehe Sie gehen, möchte ich Ihnen
noch eines sagen. Es würde Ihnen nichts helfen, wenn Sie etwas von dem,
was Sie von mir gehört haben, weitersagen. Ich würde es leugnen, und Sie
haben keinen Zeugen. Ich würde jedes Wort leugnen — wenn es sein müsste,
unter Eid auf der Zeugenbank.«
Nach
der Unterredung mit Smith ging ich in das Bureau meines Vaters im
chemischen Laboratorium, und dort traf ich Ernst. Die Begegnung war ganz
unerwartet, aber er begrüßte mich mit seinem kühnen Blick und seinem
festen Händedruck und mit dieser eigentümlichen Mischung von
Verlegenheit und Ungezwungenheit. Es schien, als hätte er unsere letzte
stürmische Begegnung vergessen; aber ich war nicht in der Stimmung, sie
zu vergessen.
»Ich
habe den Fall Jackson verfolgt«, sagte ich unvermittelt.
Er
wartete gespannt, dass ich weitersprechen sollte, aber; ich konnte in
seinen Augen die Gewissheit lesen, dass meine Ansichten erschüttert
worden seien.
»Man
scheint ihm übel mitgespielt zu haben«, gestand ich. »Ich — ich —
glaube, dass etwas von seinem Blute von unsern Dachbalken tropft.«
»Natürlich«,
antwortete er. »Wenn man gegen Jackson und alle seine Genossen barmherzig
gewesen wäre, würde die Dividende nicht so fett sein.«
»Ich
werde nie mehr Gefallen an schönen Kleidern finden können«, fügte ich
hinzu.
Ich
fühlte mich gedemütigt und zerknirscht, und mich durchrieselte es süß,
dass Ernst eine Art Beichtvater für mich war. Dann, wie später immer, stützte
mich seine Kraft. Sie schien eine Verheißung von Schutz und Frieden
auszustrahlen. »Und ebenso wenig werden Sie Gefallen an Sackleinen finden
können«, sagte er mit Nachdruck. »Sie kennen die Jutespinnereien, dort
herrschen dieselben Zustände. Dort wie überall. Unsere viel gepriesene
Zivilisation ist auf Blut begründet, mit Blut gesättigt, und weder Sie,
noch ich, noch sonst irgend jemand kann es vermeiden, von diesem roten
Blut befleckt zu werden. Wer waren die Leute, mit denen Sie sprachen?«
Ich
erzählte ihm alles, was vorgefallen war.
»Und
nicht einer von ihnen hatte Handlungsfreiheit«, sagte er. »Sie alle sind
an die erbarmungslose Industriemaschine gefesselt. Und das Tragische dabei
ist, dass sie alle mit ihrem Herzblut daran gefesselt sind. Ihre Kinder
— es ist immer das junge Leben, das sie instinktiv schützen. Dieser
Instinkt ist stärker als alle Ethik in ihnen. Mein Vater! Er log, er
stahl, er tat alles mögliche Ehrenrührige, um Brot für mich und meine
Geschwister zu schaffen. Er war ein Sklave der Industriemaschine, die ihn
zerstampfte, ihn zu Tode hetzte.«
»Aber
Sie«, warf ich ein. »Sie sind doch sicher frei in ihrem Handeln.«
»Nicht
ganz«, erwiderte er. »Ich bin nicht durch mein Herzblut gefesselt. Ich
bin oft dankbar, dass ich keine Kinder habe, und dabei liebe ich Kinder.
Und doch würde ich mir keine wünschen, wenn ich verheiratet wäre.«
»Das
ist ein schlechter Grundsatz«, rief ich.
»Ich
weiß«, sagte er traurig, »aber für mich ist er angebracht. Ich bin
Revolutionär, und das ist ein gefährlicher Beruf.«
Ich
lachte ungläubig.
»Was
würde Ihr Vater tun, wenn ich nachts bei ihm einzubrechen versuchte, um
seine Dividenden von den Sierra-Spinnereien zu stehlen?«
»Er
schläft mit einem Revolver auf dem Nachttisch neben sich«, antwortete
ich. »Aller Wahrscheinlichkeit nach würde er Sie erschießen.«
»Und
wenn ich und ein paar andere anderthalb Millionen Mann(6)
in die Häuser aller Wohlhabenden führen würde -es gäbe eine mächtige
Schießerei, nicht wahr?«
»Ja,
aber das würden Sie nicht tun«, bemerkte ich.
»Eben
das will ich tun. Und wir haben die Absicht, nicht nur allen Reichtum in
den Häusern zu nehmen, sondern auch sämtliche Quellen dieses Reichtums,
alle Bergwerke, Eisenbahnen, Fabriken, Banken und Geschäfte. Das ist die
Revolution. Sie ist wirklich gefährlich. Ich fürchte, die Schießerei
wird schlimmer werden, als ich mir je erträumen ließ. Aber, wie gesagt,
heute ist niemand frei in seinem Handeln. Wir sind alle von den Rädern
und Zähnen der Industriemaschine gepackt. Sie haben das dort, wo Sie
waren, gesehen, Sie sehen, dass die Männer, mit denen Sie sprachen, es
auch waren. Sprechen Sie noch mit einigen ändern. Gehen Sie zu Ingram.
Suchen Sie die Reporter und Redakteure auf, die dafür sorgten, dass der
Fall Jackson nicht in die Zeitungen kam. Sie werden sehen, dass sie alle
Sklaven der Maschine sind.«
Im
Verlauf unserer Unterhaltung stellte ich eine einfache Frage nach der
Haftpflicht gegenüber den Arbeitern bei Unfällen und erhielt von ihm
eine statistische Belehrung.
»Es
steht alles in den Büchern«, sagte er. »Alle Fälle sind gesammelt, und
es ist unumstößlich, dass die wenigsten Unfälle sich in den
Morgenstunden ereignen, dass ihre Zahl aber mit jener Stunde, mit der der
Arbeiter körperlich und geistig ermüdet und langsamer wird, rasch
anschwillt.«
»Weshalb,
meinen Sie, hat Ihr Vater dreimal soviel Chancen für die Sicherheit von
Leib und Leben wie ein Arbeiter? Er hat sie. Die
Versicherungsgesellschaften(7) wissen es. Ihn kostet eine
Unfallversicherung auf tausend Dollar vier Dollar zwanzig jährlich, einen
Arbeiter hingegen fünf-zehn Dollar.«
»Und
Sie?« fragte ich, und in diesem Augenblick spürte ich eine mehr als
oberflächliche Unruhe in mir.
»Ach,
als Revolutionär habe ich etwa achtmal soviel Aussicht wie ein Arbeiter,
verletzt oder getötet zu werden«, antwortete er sorglos. »Von einem
sehr geübten Chemiker, der mit Explosivstoffen umgeht, verlangt die
Unfallversicherung die achtfache Prämie wie von einem Arbeiter. Ich
glaube, mich würden sie überhaupt nicht aufnehmen. Warum fragen Sie?«
Ich
konnte die Augen nicht aufschlagen und fühlte, wie mir das Blut in heiß
in die Wangen stieg. Nicht, weil er meine Unruhe bemerkt haben konnte,
sondern weil ich sie selbst, und dazu in seiner Gegenwart, entdeckt hatte.
In
diesem Augenblick trat mein Vater ein und machte Anstalten, mit mir
fortzugehen. Ernst gab ihm einige Bücher zurück, die er von ihm geliehen
hatte, und verabschiedete sich. Aber im Hinausgehen drehte er sich noch
einmal um und sagte: »Wissen Sie, statt dass Sie sich Ihre Seelenruhe stören
lassen und ich die des Bischofs störe, sollten Sie lieber Frau Wickson
und Frau Pertonwaithe aufsuchen. Ihre Männer sind, wie Sie wissen, die
beiden Hauptaktionäre der Spinnerei. Wie alle ändern Menschen, sind auch
diese beiden Frauen an die Maschine gefesselt, wenn sie auch obendrauf
sitzen.«
(1)
Dieses Wort bezeichnet den Zustand halb zerstörter und verfallener Häuser,
in denen große Massen der arbeitenden Bevölkerung in jenen Tagen
Unterkunft fanden. Sie zahlten den Grundbesitzern feste und im Verhältnis
zum Werte solcher Häuser ungeheure Abgaben.
(2)
In jenen Tagen war Diebstahl ungeheuer verbreitet. Jeder stahl vom ändern.
Die Herren der Gesellschaft stahlen legal, die ärmere Klasse illegal.
Nichts war sicher, wenn es nicht bewacht wurde. Riesige Menschenmassen
waren als Wächter zum Schütze des Eigentums angestellt. Die Häuser der
Wohlhabenden waren eine Kombination von Banksafe und Festung. Die
Aneignung der persönlichen Besitzgegenstände anderer durch unsere Kinder
in heutiger Zeit ist als ein rudimentäres Überbleibsel des Stehldranges
anzusehen, der in jenen frühere Zeiten allgemein war.
(3)
Den Arbeitern wurden Beginn und Schluss der Arbeit durch das wilde,
nervenzerreißende Kreischen von Dampfpfeifen angezeigt.
(4)
Aufgabe der Trustanwälte war es, durch korrupte Methoden den
geldrafferischen Neigungen der Trusts zu dienen. Hierauf bezieht sich, was
Theodore Roosevelt, damals Präsident der Vereinigten Staaten, im Jahre
1905 sagte: »Wir alle wissen, dass, wie die Dinge zur Zeit liegen, viele
der einflussreichsten und bestbezahlten Mitglieder der Gerichtsbarkeit in
jedem Zentrum des Reichtums es sich zur besonderen Aufgabe machen, kühne
und feindurchdachte Pläne auszuarbeiten, die ihre wohlhabenden Klienten,
seien es einzelne Persönlichkeiten oder Korporationen, instand setzen,
die Gesetze zu umgehen, die den Nutzen der großen Reichtümer zum Besten
der Gesamtheit regulieren sollten.«
(5)
Eine typische Illustration des mörderischen Ringens, das die ganze
Gesellschaft umfasste. Die Menschen plünderten sich gegenseitig wie
raubgierige Wölfe. Die großen Wölfe fraßen die kleinen, und in diesem
Rudel war Jackson einer der allerkleinsten.
(6)
Diese Bemerkung bezieht sich auf den im Jahre 1910 in den Vereinigten
Staaten von den Sozialisten gestellten Antrag. Die Geschichte dieses
Antrages zeigt deutlich das rasche Wachsen der Revolutionspartei. Es
stimmten für sie im Jahre 1888:2068; 1902: 127713; 1904: 435040; 1908:
1108427 und 1910: 1688211.
(7)
In dem schrecklichen Kampf jener Jahrhunderte befand sich niemand dauernd
in Sicherheit, so viele Reichtümer er auch aufgehäuft haben mochte. Aus
Sorge um das Wohlergehen der Angehörigen ersann man das System der
Versicherungen. Uns erscheint heute in unserm vernunftbegabten Zeitalter
eine derartige Versicherung lächerlich und primitiv. Damals aber waren
Versicherungen eine sehr ernste Angelegenheit. Das Lustigste daran ist,
dass das Kapital der Versicherungsgesellschaften oft geplündert wurde,
und zwar gerade von den Beamten, denen seine Verwaltung anvertraut war.
Sklaven
der Maschine
Je
mehr ich an Jacksons Arm dachte, desto tiefer war ich erschüttert. Ich
stand einer Tatsache gegenüber. Zum ersten Male sah ich das Leben, wie es
war. Meine Universitätsjahre, Studium und Kultur waren nichts Wirkliches
gewesen. Ich hatte nur die Theorien des Lebens und der Gesellschaft kennen
gelernt, die sich gedruckt alle sehr schön ausnahmen, jetzt aber hatte
ich das Leben selbst gesehen. Jacksons Arm war eine Tatsache. Ernsts
Worte: »Tatsachen, Verehrtester, unwiderlegbare Tatsachen!« klangen mir
noch in den Ohren.
Es
erschien mir ungeheuerlich, unmöglich, dass unsere ganze Gesellschaft auf
Blut begründet sein sollte. Aber Jackson! Ich konnte nicht von ihm
loskommen. Immer wieder flogen meine Gedanken zu ihm zurück, wie die
Kompassnadel zum Pol. Er war ungeheuerlich behandelt worden. Man hatte ihm
sein Blut nicht bezahlt, um eine höhere Dividende ausschütten zu können.
Und ich kannte eine ganze Reihe glücklicher, wohlhabender Menschen, die
diese Dividende erhalten und Nutzen aus Jacksons Blut gezogen hatten.
Konnte ein Mann so ungeheuerlich behandelt werden, und konnte die
Gesellschaft so sorglos ihren Weg wandeln, mochten dann nicht viele
Menschen so ungeheuerlich behandelt worden sein? Mir fielen die Frauen in
Chikago ein, von denen Ernst gesprochen hatte, die für neunzig Cents die
Woche arbeiteten, die Kinder, die in den Spinnereien im Süden fronten.
Und ich konnte ihre blassen, weißen Hände, aus denen das Blut
herausgepresst war, sehen, wie sie die Stoffe für meinen Mantel
herstellten. Und dann dachte ich wieder an die Sierra-Spinnereien und die
Dividenden, die bezahlt worden waren, und deutlich sah ich das Blut
Jacksons auf meinem Mantel. Ich konnte Jackson nicht entgehen. Immer
wieder kehrten meine Gedanken zu ihm zurück.
Tief
in meinem Innern hatte ich das Gefühl, dass ich am Rande eines Abgrunds
stände. Mir war, als sollte mir eine neue, furchtbare Offenbarung des
Lebens werden. Und nicht mir allein. Meine ganze Welt stürzte zusammen.
Mein Vater zum Beispiel! Ich konnte den Einfluss Ernsts an ihm beobachten.
Und der Bischof! Als ich ihn das letzte Mal sah, hatte er einem Kranken
geglichen. Er befand sich in einer nervösen Erregung, und in seinen Augen
lag ein unaussprechliches Grauen. Aus dem wenigen, das ich erfuhr, konnte
ich ersehen, dass Ernst sein Versprechen, ihm die Hölle zu zeigen,
gehalten hatte. Was für Höllenszenen der Bischof aber gesehen hatte,
erfuhr ich nicht, denn vor Entsetzen schien er nicht darüber sprechen zu
können.
Als
ich einmal besonders stark fühlte, dass in meiner kleinen Welt und in
allem um mich her das Unterste zu oberst gekehrt wurde, dachte ich, dass
Ernst die Ursache sei; und ich dachte weiter: >Wir waren so glücklich
und zufrieden, ehe er kam!< Aber im selben Augenblick empfand ich
diesen Gedanken als Verrat an der Wahrheit, und Ernst erschien mir wie ein
Verklärter, ein Wahrheitsapostel, der mit strahlendem Antlitz und der
Furchtlosigkeit eines Engels Gottes für Wahrheit und Recht, für die
Armen, Verlassenen und Unterdrückten kämpfte. Und dann stand er wieder
in einer ändern Gestalt vor mir, in der Jesu! Auch Jesus hatte für die
Verlassenen und Unterdrückten gegen die ganze bestehende Macht der
Priester und Pharisäer Partei ergriffen. Und ich dachte an seinen Tod am
Kreuze, und mein Herz krampfte sich zusammen, wenn ich an Ernst dachte.
War auch er für das Kreuz bestimmt? Er, mit seiner klingenden,
kriegerischen Stimme und all seinem herrlichen Mannesmut!
Und
in diesem Augenblick wusste ich, dass ich ihn liebte, dass ich vor
Verlangen, ihn zu trösten, verging. Ich dachte an sein Leben. Niedrig,
rauh und armselig musste es gewesen sein. Und ich dachte an seinen Vater,
der für ihn gelogen und gestohlen und sich zu Tode gearbeitet hatte. Und
er selbst hatte als zehnjähriger Knabe in der Spinnerei arbeiten müssen!
Mein Herz schien zerspringen zu wollen vor Sehnsucht, ihn mit meinen Armen
zu umschlingen und sein Haupt an meiner Schulter zu bergen — dieses
Haupt, das von so vielen Gedanken schmerzen musste, und das in einer
freundlichen Stunde Ruhe, Linderung und Vergessen finden sollte!
Ich
traf Rechtsanwalt Ingram bei einer kirchlichen Veranstaltung. Ich kannte
ihn seit Jahren sehr gut. Ich entdeckte ihn hinter großen Palmen und
Gummibäumen, ohne dass er indessen etwas davon ahnte. Er begegnete mir
mit konventioneller Freundlichkeit und Höflichkeit. Er war immer sehr
elegant, taktvoll, diplomatisch und aufmerksam und machte äußerlich den
distinguiertesten Eindruck aller Herren in der Gesellschaft. Neben ihm sah
selbst der verehrte Rektor der Universität unelegant und unbedeutend aus.
Und doch sah ich, dass Ingram sich in derselben Lage befand wie die
unbelesenen Maschinenarbeiter. Auch er war nicht Herr seines Handelns.
Auch er war an das Rad gefesselt. Nie werde ich die Veränderung
vergessen, die mit ihm vorging, als ich den Fall Jackson erwähnte. Seine
lächelnde Freundlichkeit verschwand wie ein Geist. Ein entsetzter
Ausdruck entstellte plötzlich sein liebenswürdiges Gesicht. Ich spürte
dieselbe Unruhe, die ich bei dem Ausbruch von James Smith gefühlt hatte.
Aber Herr Ingram fluchte nicht. Das war der sichtbare Unterschied, der
zwischen dem Arbeiter und ihm bestehen blieb. Man rühmte ihn als einen
Mann von Witz, aber jetzt war nichts davon zu bemerken.
Er
blickte nur, ganz unbewusst, hin und her, um eine Gelegenheit zu finden,
mir zu entschlüpfen. Aber er stand zwischen Palmen und Gummibäumen.
Nein,
ihm war nicht wohl bei dem Klang von Jacksons Namen. Warum ich die
Angelegenheit erwähnt hätte? Mein Scherz gefiel ihm nicht. Es wäre
geschmacklos und sehr unüberlegt von mir. Ob ich nicht wüsste, dass sein
Beruf keine persönlichen Gefühle zuließe? Die ließe er zu Hause, wenn
er in sein Bureau ging. Hier hätte er nur berufliche Gefühle.
»Hätte
Jackson Schadenersatz haben sollen?« fragte ich ihn.
»Gewiss«,
antwortete er. »Das heißt, dies ist ein persönliches Gefühl. Aber das
hat nichts mit der rechtlichen Seite der Sache zu tun.«
Er
versuchte sich zu sammeln.
»Sagen
Sie, hat Recht etwas mit Gesetz zu tun?« fragte ich.
»Sie
haben einen falschen Ausdruck gebraucht«, antwortete er lächelnd.
»Macht?«
fragte ich, und er nickte. »Und doch meinen wir, durch das Gesetz immer
zu unserm Recht zu kommen.«
»Das
ist eben das Paradoxe dabei«, entgegnete er. »Wir erhalten nicht
Gerechtigkeit, sondern Recht.«
»Jetzt
sprechen Sie beruflich, nicht wahr?« fragte ich.
Ingram
errötete, errötete wirklich und warf wieder ängstliche Blicke um sich.
Aber ich versperrte ihm den Weg und machte keine Anstalten, ihn
freizugeben.
»Sagen
Sie mir«, fragte ich, »wenn jemand seine persönlichen Gefühle mit dem
Beruflichen vermengt, gibt das dann nicht eine Art geistiger Missgeburt?«
Ich
erhielt keine Antwort. Herr Ingram hatte unrühmlich die Flucht ergriffen,
wobei er eine Palme umwarf.
Nunmehr
versuchte ich mein Heil bei den Zeitschriften. Ich schrieb einen ruhigen,
zurückhaltenden, leidenschaftslosen Aufsatz über den Fall Jackson. Ich
griff darin die Männer, mit denen ich gesprochen hatte, nicht an, erwähnte
sie nur. Ich legte die Tatsachen dar, sprach von den langen Jahren, die
Jackson in der Spinnerei gearbeitet, von der Anstrengung, die er gemacht
hatte, um die Maschine vor Schaden zu bewahren, und von dem daraus
folgenden Unfall, sowie von seiner jetzigen furchtbaren, bedauernswerten
Lage. Weder die drei Tageszeitungen noch die beiden Wochenblätter unserer
Stadt nahmen den Aufsatz an.
Ich
wandte mich an Percy Layton. Er hatte sein Staatsexamen gemacht, war dann
zum Journalismus übergegangen und verdiente sich augenblicklich seine
Sporen als Reporter an der einflussreichsten der drei Zeitungen. Als ich
ihn fragte, warum die Zeitungen nichts über Jackson und seinen Fall
bringen wollten, lächelte er.
»Redaktionspolitik«,
sagte er. »Damit haben wir nichts zu tun. Das ist Sache der Redakteure.«
»Was heißt Politik?« fragte ich.
»Wir
sind alle solidarisch mit den großen Unternehmungen«, erwiderte er. »Selbst
wenn Sie die Anzeigengebühr bezahlen würden, könnten Sie etwas
Derartiges nicht in die Zeitungen bringen. Und wenn einer von uns
versuchen wollte, es einzuschmuggeln, würde er seine Stellung verlieren.
Sie würden es nicht hineinbringen, und wenn Sie die zehnfache Gebühr
zahlten.«
»Und
wie steht es mit Ihrer eigenen Politik?« forschte ich. »Es sieht fast so
aus, als hätten Sie auf Befehl Ihrer Arbeitgeber, die ihrerseits wieder
den Befehlen der Unternehmungen gehorchen, die Wahrheit zu verdrehen.«
»Damit
habe ich nichts zu tun.« Einen Augenblick schien ihm die Sache
unbehaglich zu werden, dann aber sah er einen Ausweg, und seine Miene
erhellte sich. »Und selbst schreibe ich nichts Unwahres. Ich halte mein
Gewissen rein. Aber natürlich gibt es bei meinem Tagewerk viele Widerstände.
Das gehört nun einmal dazu, sehen Sie«, schloss er naiv.
»Aber
Sie hoffen doch, eines Tages am Redaktionstisch zu sitzen und die Politik
zu leiten.«
»Bis
dahin bin ich abgehärtet«, lautete seine Erwiderung.
»Da
Sie heute noch nicht abgehärtet sind, bitte ich Sie, mir Ihre aufrichtige
Meinung über die allgemeine Redaktionspolitik zu sagen.«
»Ich
denke nicht darüber nach«, antwortete er schnell. »Man kann es sich
nicht leisten, über die Stränge zu schlagen, wenn man als Journalist
Erfolg haben will. So viel habe ich jedenfalls schon gelernt.«
Er
nickte weise mit seinem jungen Kopfe.
»Aber
das Recht?« beharrte ich.
»Sie
verstehen das Spiel nicht. Alles ist natürlich recht, wenn es auf die
rechte Weise gebraucht wird. Sehen Sie das nicht ein?«
»Köstlich
unklar«, murmelte ich; aber das Herz schmerzte mir um seine Jugend, und
ich fühlte, dass ich es herausschreien oder in Tränen ausbrechen musste.
Ich
fing an, die äußere Schale der Gesellschaft, in der ich lebte, zu
durchschauen und die schreckliche Wirklichkeit dahinter zu entdecken. Es
schien eine geheime Verschwörung gegen Jackson zu bestehen, und mir tat
der jammernde Anwalt leid, der seinen Prozess so unrühmlich geführt
hatte. Und diese heimliche Verschwörung wuchs beständig. Sie richtete
sich nicht gegen Jackson allein, sondern gegen jeden Arbeiter, der in der
Fabrik zum Krüppel wurde. Und wenn gegen jeden Arbeiter in den
Spinnereien, warum nicht auch gegen jeden in jeder ändern Fabrik?
Wirklich, war es nicht überall so, in der ganzen Industrie?
Verhielt
es sich aber so, dann war die Gesellschaft eine Lüge. Ich schreckte vor
meinen eigenen Schlüssen zurück. Es war zu furchtbar und abscheulich, um
wahr zu sein. Aber Jackson und Jacksons Arm und das Blut, das mein Kleid
befleckte und von meinem eigenen Dache herabtropfte? Und es gab viele
Jacksons — Hunderte allein in den Spinnereien, wie Jackson selbst gesagt
hatte. Ich konnte Jackson nicht entfliehen.
Ich
suchte Herrn Wickson und Herrn Pertonwaithe, die beiden Hauptaktionäre
der Sierra-Spinnereien, auf. Aber sie konnte ich nicht zum Wanken bringen
wie die beiden Maschinisten, die in ihren Diensten standen. Ich sah, dass
ihre Moral der der übrigen Gesellschaft überlegen war. Es war eine
Moral, die ich die aristokratische oder Herrenmoral(1)
nennen möchte.
Sie
redeten weitschweifig über Politik und identifizierten Politik und Recht.
Mit mir sprachen sie väterlich, sie behandelten mich gönnerhaft mit Rücksicht
auf meine Jugend und Unerfahrenheit. Sie waren die Hoffnungslosesten, die
ich in meiner Sache aufgesucht hatte. Sie waren durchaus überzeugt, dass
die Spinnereien richtig geleitet wurden. Darüber gab es keine Frage,
keine Erörterung. Sie waren überzeugt, dass sie die Führer der
Gesellschaft waren und der großen Masse das Glück brachten. Sie
entwarfen ergreifende Bilder von dem Elend, das über die Arbeiter kommen
musste, wenn sie beschäftigungslos wurden, was sie allein durch ihre
Weisheit verhüteten.
Gleich
nach der Begegnung mit diesen beiden Herren traf ich Ernst und berichtete
ihm, was ich erfahren hatte. Er sah mich befriedigt an und sagte:
»Wirklich
ausgezeichnet! Sie beginnen auf eigene Faust nach Wahrheit zu schürfen.
Es ist Ihre eigene, empirische Verallgemeinerung, und sie stimmt. Kein
Mensch an der Industriemaschine ist Herr seines Handelns, außer den Großkapitalisten,
und die sind es letzten Endes auch nicht. Sie sehen, die Herren sind
vollkommen überzeugt, dass sie in allem, was sie tun, recht haben. Das
ist der Gipfelpunkt der Absurdität in der ganzen Situation. Sie sind so
tief in ihre menschliche Natur verstrickt, dass sie nichts tun können,
ohne es für Recht zu halten. Sie brauchen eine Sanktion für ihr Tun.
»Wenn
sie etwas tun wollen, etwas Geschäftliches, beraten sie, bis in ihrem
Hirn irgendein religiöser oder ethischer, wissenschaftlicher oder
philosophischer Begriff entsteht, der ihnen einen Rechtsstandpunkt
verleiht. Und dann machen sie sich daran und wissen nicht, dass der Wunsch
der Vater des Gedankens ist, eine der Schwächen der menschlichen Seele.
Was sie auch tun, sie finden immer eine Sanktion dafür. Eine der
angenehmsten und unumstößlichsten Fiktionen, die sie geschaffen haben,
ist, dass sie der übrigen Menschheit an Weisheit und Tüchtigkeit überlegen
sind. Daher ihre Anmaßung, dass ihnen die Aufsicht über Brot und Butter
der übrigen Menschheit zusteht. Sie sind es auch, die die Lehre vom göttlichen
Recht der Könige wieder zum Leben erweckt haben — in ihrem Fall der
Handelskönige(2).
Die
Schwäche ihrer Stellung liegt darin, dass sie nur Geschäftsleute sind.
Sie sind keine Philosophen, sie sind weder Biologen noch Soziologen. Wären
sie es, so würde natürlich alles gut sein. Ein Geschäftsmann, der
zugleich Biologe und Soziologe wäre, würde annähernd das Richtige für
die Menschheit zu tun wissen. Aber außerhalb des Reiches ihrer Geschäfte
sind diese Männer stumpfsinnig. Sie kennen nur ihre Geschäfte. Sie
kennen weder die Gesetze noch die Gesellschaft, und doch machen sie sich
zu Herren über das Geschick der hungernden Millionen und der übrigen
Millionen dazu. Eines Tages wird die Geschichte auf ihre Kosten
schmerzlich lachen.«
Ü
ber den Erfolg meiner Unterredung mit Frau Wickson und Frau Pertonwaithe
war ich nicht weiter überrascht. Sie waren Damen der Gesellschaft(3).
Sie bewohnten Paläste. Sie besaßen viele Häuser, die über das Land, im
Gebirge, an den Seen und am Meere verstreut waren. Sie hatten ein Heer von
Bedienten, und ihre soziale Betätigung war verwirrend. Sie begönnerten
die Universitäten und die Kirchen, und namentlich die Geistlichen lagen
in demütiger Unterwürfigkeit vor ihnen auf den Knien(4).
Sie waren Mächte, diese beiden Frauen, und das waren sie kraft ihres
Geldes. Mit ihrem Gelde förderten sie in bemerkenswertem Maße die
Gedanken, wie ich bald von Ernst lernen sollte.
Sie
ahmten ihre Männer nach und redeten in den gleichen hohen Tönen über
die Politik und über die Pflichten und die Verantwortlichkeit der
Reichen. Sie hatten dieselbe Moral wie ihre Männer — die Moral ihrer
Klasse, glatte Phrasen, die sie selbst nicht verstanden. Als ich ihnen von
der bedauernswerten Lage der Familie Jackson erzählte und meine
Verwunderung aussprach, dass sie nichts für den Mann getan hätten,
wurden sie aufgebracht. Ich erfuhr, dass sie niemand für Belehrungen über
ihre sozialen Pflichten dankbar seien. Als ich sie rundweg bat, Jackson zu
helfen, lehnten sie es ebenso rundweg ab. Das Merkwürdige war, dass sie
es fast mit den gleichen Worten ablehnten, und das, obgleich ich sie jede
für sich aufsuchte, und keine von den beiden wusste, dass ich die andere
besucht hatte oder besuchen wollte. Beide antworteten, dass sie sich
freuten, es einmal deutlich aussprechen zu können: Nie würde sie eine Prämie
auf Fahrlässigkeit aussetzen, und ebenso wenig wollten sie durch Unterstützung
die Armen verleiten, sich in die Maschine zu werfen(5).
Und
sie meinten es aufrichtig, die beiden Frauen. Sie waren trunken von der Überzeugung
ihrer Überlegenheit und der ihrer Klasse. Für alles, was sie taten,
fanden sie eine Sanktion in ihrer Klassenmoral. Als ich Frau Pertonwaithes
Haus verließ, warf ich noch einen Blick zurück und dachte an Ernsts
Worte, dass auch sie an die Maschine gefesselt seien, wenn sie auch
obendrauf säßen.
(1)
Ehe Avis Everhard geboren war, schrieb John Stuart Mill in seinem Essay
»Über Freiheit«: Wo auch immer es eine aufsteigende Klasse gibt,
entsteht ein großer Teil der Moral aus den Interessen und dem Überlegenheitsgefühl
dieser Klasse.
(2)
Im Jahre 1902 der christlichen Zeitrechnung machte sich der Präsident des
Anthracit-Kohlentrusts, George F. Baer, durch die Verkündung folgender
Prinzipien bemerkbar: »Die Rechte und Interessen des Arbeiters werden
durch die Männer geschützt, denen Gott in seiner unendlichen Weisheit
die Besitzinteressen des Landes in die Hände gegeben hat.«
(3)
»Gesellschaft«. Hier mit einer Einschränkung zu verstehen; dieser
Ausdruck war damals gebräuchlich für die Drohnen, die nicht arbeiteten,
sondern sich nur aus den Honigwaben der Arbeiter den Wanst füllten. Weder
Geschäftsleute noch Arbeiter hatten Zeit für die »Gesellschaft«. Die
Gesellschaft war eine Schöpfung der faulen Reichen, die nicht arbeiteten
und sich auf diese Weise die Zeit vertrieben.
(4)
»Bringt uns euer beflecktes Geld«, lautete der Wahlspruch der Kirche in
dieser Periode.
(5)
In der Nummer vom 19. August 1906 des »Outlook«, einer kritischen
Wochenschrift, die in dieser Periode erschien, wird berichtet, wie ein
Arbeiter seinen Arm verlor, und zwar unter Umständen, die denen des von
Avis Everhard erzählten Falles ganz ähnlich sind.
Die
Wissbegierigen
Ernst
besuchte uns jetzt oft. Es war nicht nur mein Vater, und es waren auch
nicht allein die Streitfragen, die bei Gesellschaften an unserm Tisch erörtert
wurden, welche ihn anzogen, vielmehr schmeichelte ich mir damals,
teilweise selbst die Veranlassung zu seinen Besuchen zu sein, und bald
darauf erfuhr ich, dass meine Vermutung richtig gewesen war. Nie hat es
einen Liebhaber gegeben wie Ernst Everhard. Sein Blick und sein Händedruck
wurden, wenn möglich, noch fester und sicherer, und die Frage, die von
Anfang an in seinen Augen gestanden, noch gebieterischer.
Mein
erster Eindruck von ihm war ungünstig gewesen. Dann hatte ich mich von
ihm angezogen gefühlt. Dann wieder hatte er mich mit seinen brutalen
Angriffen auf meine Klasse abgestoßen. Als ich jedoch eingesehen hatte,
dass er meine Klasse nicht verleumdet hatte, dass alles Bittere, das er
von ihr sagte, berechtigt war, fühlte ich mich wieder zu ihm hingezogen.
Er wurde mein Orakel. Um meinetwillen riss er der Gesellschaft die Maske
vom Gesicht und gewährte mir Einblicke in die Wirklichkeit, die zwar
unerfreulich, aber unbestreitbar richtig waren.
Wie
gesagt: Nie hat es einen Liebhaber gegeben wie ihn. Kein Mädchen konnte
bis zu ihrem fünfundzwanzigsten Lebensjahr in einer Universitätsstadt
leben, ohne Liebeserfahrungen gemacht zu haben. Auch ich hatte meine
Verehrer gehabt, und zwar bartlose Studenten, ergraute Professoren und
Sportsleute jeder Art. Aber nicht einer von ihnen hatte mir den Hof
gemacht, wie Ernst es tat. Ehe ich es wusste, hatte er mich umarmt. Ehe
ich Einspruch erheben oder es verhindern konnte, hatten seine Lippen sich
auf die meinen gepresst. Seinem Ernst gegenüber hätte konventionelle
Geziertheit lächerlich gewirkt. Sein glänzendes, unwiderstehliches
Ungestüm riss den Boden unter mir fort. Er machte mir keinen Antrag. Er
umschloss mich, küsste mich und hielt es dann für abgemacht, dass wir
heiraten sollten. Das war keine Frage. Die einzige Frage — sie entstand
erst später — war, wann wir heiraten sollten.
Es
war beispiellos. Es war phantastisch. Aber, in Übereinstimmung mit Ernsts
Wahrheitsbeweis: es wirkte. Ich vertraute ihm mein Leben an. Und dies
Vertrauen war Glück verheißend. Dennoch war mir oft in den ersten Tagen
unserer Liebe bange vor der Zukunft, wenn ich an die Heftigkeit und das
Ungestüm seiner Liebe dachte. Aber diese Furcht war unbegründet. Nie ist
eine Frau mit einem edleren, zartfühlenderen Gatten beglückt worden.
Sein Zartgefühl und sein Ungestüm waren eine seltsame Mischung, ähnlich
der von Verlegenheit und Ungezwungenheit in seinem Benehmen. Diese
linkische Verlegenheit! Er überwand sie nie, und sie war köstlich. Sein
Benehmen in unsern Salons war das eines ängstlichen Bullen in einem
Porzellanladen(1) . In dieser Zeit schwanden auch meine
letzten Zweifel an meiner Liebe zu ihm (es waren höchstens unbewusste
Zweifel). Im »Klub der Wissbegierigen« bot Ernst an einem prachtvollen
Kampfabend den Herren in ihrem Lager Trotz. Die »Wissbegierigen« waren
der exklusivste Klub an der pazifischen Küste. Er war eine Gründung von
Fräulein Brentwood, einer sehr reichen alten Jungfer, und war für sie
Gatte, Familie und Spielzeug. Seine Mitglieder waren die reichsten Leute
der Stadt, die Dollarfürsten, denen, um dem Klub eine intellektuelle Note
zu geben, natürlich einzelne Gelehrte zugesellt waren.
Die
»Wissbegierigen« hatten kein Klubhaus. Ein derartiger Klub war es nicht.
Die Mitglieder trafen sich einmal monatlich in einem ihrer Privathäuser,
um einen Vortrag zu hören. Die Vortragenden erhielten gewöhnlich, wenn
auch nicht immer, ein Honorar. Wenn ein Chemiker in New York eine neue
Entdeckung, sagen wir Radium, machte, wurden ihm alle Reisekosten quer über
den Kontinent sowie eine fürstliche Vergütung für seinen Zeitverlust
bezahlt. Dasselbe war der Fall mit einem heimgekehrten Nordpolfahrer und
einem erfolgreichen Schriftsteller oder Künstler. Gäste wurden nicht
zugelassen, weil die Wissbegierigen die Politik verfolgten, nichts von
ihren Diskussionen in die Zeitungen gelangen zu lassen. Daher konnten
Staatsmänner — und es hatte solche Gelegenheiten gegeben — ganz offen
ihre Meinungen aussprechen.
Vor
mir liegt ein zerknitterter Brief, den Ernst mir vor zwanzig Jahren
geschrieben hat, und dem ich folgendes entnehme:
»Dein
Vater ist Mitglied der Wissbegierigen. Du hast also Zutritt. Komm daher am
nächsten Dienstag abend. Ich verspreche dir eine der schönsten Stunden
deines Lebens. Als du seinerzeit die Herren sprachst, war es dir nicht möglich,
sie aufzurütteln. Wenn du jetzt kommst, werde ich es für dich tun. Ich
will sie knurren lassen wie die Wölfe. Du hast sie nur bei ihrer Moral
gepackt. Dabei fühlen sie sich nur um so selbstgefälliger und erhabener.
Ich werde ihren Geldbeutel bedrohen. Das wird die Wurzeln ihres Wesens
erschüttern. Wenn du kommst, wirst du den Höhlenmenschen im Smoking über
einem Knochen knurren und zuschnappen sehen. Ich verspreche dir eine
prachtvolle Katzenmusik und einen tiefen Einblick in das Wesen der
Bestien.
Sie
haben mich eingeladen in der Absicht, mich zu zerreißen. Es ist die Idee
von Fräulein Brentwood, die sie nur ungeschickt verbarg, als sie mich
einlud. Sie hat ihnen schon den Vorgeschmack von diesem Spaß gegeben. Man
schwelgt in dem Gedanken, einen vertrauensvollen, höflichen
Weltverbesserer zu sehen zu bekommen. Fräulein Brentwood hält mich für
so sanft wie ein Kätzchen und so gutmütig und dumm wie eine Familienkuh.
Ich leugne nicht, dass ich ihr geholfen habe, diesen Eindruck zu gewinnen.
Zuerst war sie sehr vorsichtig, bis sie meine Harmlosigkeit festgestellt
hatte. Ich bekomme ein hübsches Honorar — zweihundert-fünfzig Dollar
—, wie es einem Manne zukommt, der, wenn auch bei den Radikalen, eine
leitende Stellung einnimmt. Ich muss auch im Smoking kommen. Das ist
Zwang. Ich habe noch nie so etwas angehabt und werde mir wohl irgendwo ein
solches Möbel leihen müssen. Aber um eine solche Gelegenheit bei den
Wissbegierigen zu erhalten, würde ich noch mehr tun.«
An
diesem Abend versammelte sich der ganze Klub im Hause Pertonwaithe. Der
große Saal stand voller Stühle und alles in allem müssen zweihundert
Wissbegierige dagewesen sein, um Ernst zu hören. Es waren wirklich die Löwen
der Gesellschaft. Ich machte mir das Vergnügen, in Gedanken die Summe des
Vermögens, das diese Leute repräsentierten, zu veranschlagen; sie lief
in die Hunderte Millionen. Und dabei waren die Besitzer nicht untätig. Es
waren Geschäftsleute, die den regsten Anteil am industriellen und
politischen Leben nahmen.
Wir
hatten alle Platz genommen, als Fräulein Brentwood Ernst hereinführte.
Alles wandte sich gleichzeitig nach der Seite des Raumes, wo er sprechen
sollte. Er war im Smoking und sah prachtvoll aus mit seinen breiten
Schultern und seinem königlichen Kopfe. Über seinen Bewegungen lag
wieder der leichte, unverkennbare Hauch von Verlegenheit.
Ich
glaube fast, ich hätte ihn schon deswegen allein lieben können. Als ich
ihn ansah, empfand ich eine große Freude. Ich fühlte wieder den
Pulsschlag seiner Hand in der meinen und die Berührung seiner Lippen; und
so groß war mein Stolz, dass ich am liebsten aufgestanden wäre und der
Versammlung zugerufen hätte: »Er ist mein! Er hat mich in seinen Armen
gehalten, und ich, ich allein, habe seine Seele bis zur Grenze ihrer Möglichkeiten
und ihrer königlichen Gedanken erfüllt!«
Gleich
bei seinem Eintritt stellte Fräulein Brentwood ihn Herrn Van Gilbert vor,
der, wie ich erfuhr, den Vorsitz führen sollte. Herr Van Gilbert war ein
großer Trustanwalt und dazu ungeheuer reich. Seine geringste
Honorarforderungbetrug hunderttausend Dollar. Er kannte das Gesetz in-und
auswendig. Es war eine Puppe, mit der er spielen konnte. Er knetete es wie
Lehm, verdrehte und verzerrte es wie ein chinesisches Spielzeug in jeder
gewünschten Richtung. Seine Erscheinung sowie seine Redeweise waren
altmodisch, an Phantasie, Kenntnissen und Begabungen aber nahm er es mit
dem Jüngsten auf. Seine erste Berühmtheit hatte er erlangt, als er das
Shardwellsche Testament mit Erfolg anfocht(2). Allein
hierfür erhielt er ein Honorar von einer halben Million Dollar. Dann war
er wie eine Rakete aufgestiegen. Man nannte ihn oft den größten Anwalt
— Trustanwalt natürlich — des Landes. Und wenn man die Namen der drei
größten Anwälte der Vereinigten Staaten nannte, durfte der seine nicht
fehlen.
Er
erhob sich und stellte Ernst mit einigen wohlgesetzten Worten vor, die
einen leicht ironischen Unterton enthielten, Bei der Vorstellung dieses
sozialen Reformators und Angehörigen der arbeitenden Klasse war Van
Gilbert geistreich und ironisch, und die Zuhörer lächelten. Das ärgerte
mich, und ich sah Ernst an. Sein Anblick ärgerte mich noch mehr. Er
schien die feinen Anspielungen nicht übel zu nehmen, ja, noch schlimmer,
gar nicht zu verstehen. Höflich, dumm und schläfrig saß er da. Er sah
direkt stumpfsinnig aus, und einen Augenblick stieg der Gedanke in mir
auf: Wie, wenn die imposante Versammlung von Macht und Geist ihn eingeschüchtert
hätte? Dann aber lächelte ich. Mich konnte er nicht narren. Die ändern
aber narrte er, wie er Fräulein Brentwood genarrt hatte. Sie setzte sich
auf einen Stuhl in der ersten Reihe, wandte sich mehrmals zum einen oder
ändern ihrer Gesinnungsgenossen und lächelte beifällig über deren
Bemerkungen.
Als
Herr Van Gilbert geendet hatte, erhob Ernst sich und begann zu sprechen.
Er tat es mit leiser Stimme, bescheiden und zurückhaltend, und seine
Miene zeigte deutlich seine Schüchternheit. Er sprach von seiner Herkunft
aus der arbeitenden Klasse und von dem Schmutz und Elend seiner Umgebung,
wo Körper und Geist gleicherweise Hunger und Qualen erlitten. Er
schilderte seine Bestrebungen und Ideale und seine Vorstellung von dem
Paradiese, in dem die oberen Klassen lebten. Er sagte:
»Ich
wusste, dass dort Selbstlosigkeit, ein reines edles Denken und freier
Geist herrschten. Ich wusste das alles, denn ich las die Romane der
>Seebücherei< (3), in denen, mit Ausnahme der Bösewichte
und Abenteurer, jeder Mann und jede Frau nur die wundervollsten Gedanken
denkt, die herrlichste Sprache redet und die glorreichsten Taten
vollbringt. Kurz, es war mir klar wie die Sonne, dass bei ihnen alles
fein, edel und schön war, dass sie alles hatten, was dem Leben Anstand
und Würde verlieh, alles, was das Leben lebenswert erscheinen ließ und
den Menschen für seine Mühe und sein Elend entschädigte.«
Er
fuhr fort und schilderte sein Leben in der Fabrik, seine Lehrzeit in der
Hufschmiede und seine Begegnung mit den Sozialisten. Unter ihnen, sagte
er, hätte er scharfen Verstand und glänzenden Geist gefunden, Verkünder
des Evangeliums, die gescheitert wären, weil ihr Christentum zu groß für
die Anschauungen der Kapitalisten und Professoren gewesen, und die daher
von der herrschenden Klasse unter dem Rade ihres Kastengeistes zermalmt
worden wären. Die Sozialisten wären Revolutionäre, sagte er, die danach
strebten, die vernunftwidrige Gesellschaft der Gegenwart umzustoßen, und
die fähig wären, die vernunftgemäße Gesellschaft der Zukunft
aufzubauen. Und noch vieles andere sagte er, das hier niederzuschreiben zu
weit führen würde, aber nie werde ich vergessen, wie er das Leben der
Revolutionäre schilderte. Alle Zurückhaltung schwand, seine Stimme wurde
stark und sicher und glühte wie er selbst und die Gedanken, die er zum
Ausdruck brachte. Er sagte:
»Bei
den Revolutionären fand ich warmes Vertrauen zur Menschheit, glühenden
Idealismus, edle Selbstlosigkeit, Erhebung und Märtyrertum alle glänzenden,
scharfen Eigenschaften des Geistes. Hier war das Leben rein, edel und
lebendig. Er stand unter dem Einfluss großer Seelen, die Körper und
Geist über Dollar und Cent erhoben, und denen das Jammern hungernder
Kinder in schmutzigen Gassen mehr bedeutete als aller Pomp und alles
Streben nach kommerzieller Expansion und Weltherrschaft. Alles um mich her
war edler Wille und heldenmütiges Handeln, meine Tage und Nächte waren
Sonnenschein und Sternenglanz, Licht und Tau, und vor meinen Augen stand
in ewigem Flammenschein der heilige Gral, der Gral Christi, dieses
barmherzigen Menschen, der so schmerzlich litt und misshandelt wurde, um
doch schließlich erlöst zu werden.«
Wie
schon einmal zuvor, so stand Ernst auch jetzt verklärt vor mir. Auf
seiner Stirn strahlte das Göttliche, das in ihm war, und mehr noch
leuchteten seine Augen aus diesem Strahlenkranz, der ihn wie ein Mantel
umhüllte. Aber die andern sahen diesen Strahlenkranz nicht, und ich
dachte, dass vielleicht die Tränen, die ich vor Liebe und Freude weinte,
meine Augen getrübt hätten. Jedenfalls war Herr Wickson, der hinter mir
saß, gänzlich unangefochten, denn ich hörte ihn laut und höhnisch
sagen: »Utopie(4).«
Ernst
erzählte nun von seinem Aufstieg in der Gesellschaft, bis er schließlich
mit Mitgliedern der oberen Klassen in Berührung war und Schulter an
Schulter neben den Männern stand, die die höchsten Stellungen einnahmen.
Dann war seine Enttäuschung gekommen, und diese Enttäuschung schilderte
er in Ausdrücken, die für seine Zuhörer nicht gerade schmeichelhaft
waren. Der überall herrschende Schmutz hatte ihn überrascht, das Leben
hatte sich nicht als schön und freundlich erwiesen. Er war entsetzt über
den Eigennutz, dem er begegnete, und mehr noch überraschte ihn der Mangel
an geistigem Leben. Frisch von den Revolutionären gekommen, empörte ihn
der geistige Stumpfsinn der herrschenden Klasse. Und dazu hatte er
erkannt, dass sie alle, Männer und Frauen, trotz ihren herrlichen Kirchen
und gut gelohnten Geistlichen in höchstem Maße materiell waren. Zwar
schwatzten sie liebenswürdig über kleine Ideale und ebenso kleine
Moralitäten, die ihnen teuer waren, aber trotz diesem Geschwätz war ihr
Leben im Grunde rein materialistisch. Und sie kannten keine wirkliche
Moral — zum Beispiel das, was Christus gepredigt hatte, was aber jetzt
nicht mehr gepredigt wurde.
»Ich
traf Männer«, sagte Ernst, »die in leidenschaftlichen Schriften den
Friedensfürsten gegen den Krieg anriefen, und die gleichzeitig ihren Wächtern(5)
Gewehre in die Hand gaben, um Streikende in ihren eigenen Fabriken
niederzuschießen. Ich traf Männer, die sich entrüstet von den rohen
Boxkämpfen fernhielten, aber gleichzeitig an der Fälschung von
Nahrungsmitteln teilhatten, wodurch jährlich mehr Säuglinge getötet
wurden, als der blutige Herodes je getötet hat. Dieser feine
aristokratisch aussehende Herr war der stumme Direktor und das Werkzeug
von Trusts, die heimlich Witwen und Waisen plünderten. Jener Ehrenmann,
der kostbare Bücher sammelte, und als Mäzen der Literatur auftrat,
zahlte dem Zeitungsverleger mit seinen Hängebacken und seiner finsteren
Miene Schmiergelder. Dieser Redakteur, der Anzeigen über Geheimmittel
brachte, nannte mich einen schurkischen Demagogen, weil ich ihn
aufforderte, in seiner Zeitung die Wahrheit über diese Geheimmittel(6)
zu schreiben. Dieser Mann, der erhaben und ernst über die Schönheit des
Idealismus und die Güte Gottes sprach, hatte soeben erst seine Teilhaber
um ihren Geschäftsgewinn betrogen. Jener, eine Stütze der Kirche und ein
wertvoller Förderer der Negermission, ließ seine Ladenmädchen zehn
Stunden täglich für einen Hungerlohn arbeiten und trieb sie geradezu der
Prostitution in die Arme. Dieser, der Lehrstühle an Universitäten
dotierte und prächtige Kapellen erbaute, leistete um Dollars und Cents
einen Meineid. Jener Eisenmagnat brach sein Wort als Bürger, Ehrenmann
und Christ, indem er einen geheimen Rabatt bewilligte, und das tat er oft.
Dieser Senator war das Werkzeug, der Sklave, das Püppchen eines brutalen,
ungebildeten Großfabrikanten(7). So wurde denn der eine
Direktor und der andere höchster Gerichtsherr. Und sie fuhren auf
Freikarten mit der Eisenbahn, der schlaue Kapitalist war Herr der
Fabriken, ihres Chefs und der Eisenbahn, die die Freikarten ausgab. Und so
befand ich mich denn statt im Paradiese in der trockenen Wüste des
Kommerzialismus. Abgesehen vom Geschäft fand ich nichts als Stumpfsinn.
Ich fand niemand, der sauber, vornehm und geistig rege war, wenn ich auch
viele fand, die rege waren — in ihrer Verderbnis. Was ich fand, war
ungeheuerliche Selbstsucht und Herzlosigkeit und ein plumper, gieriger,
praktisch zum Ausdruck gebrachter Materialismus.«
Noch
vieles erzählte Ernst von ihnen und von seiner Enttäuschung. In
geistiger Beziehung hätten sie ihn gelangweilt, in moralischer ihn
abgestoßen, so dass er glücklich gewesen wäre, als er zu seinen
Revolutionären hätte zurückkehren können, die sauber, vornehm, geistig
rege, kurz in jeder Beziehung das Gegenteil von den Kapitalisten seien.
»Und
jetzt«, sagte er, »lassen Sie mich über die Revolution zu Ihnen
sprechen.«
Zuerst
muss ich aber doch sagen, dass seine schrecklichen Schmähungen sie nicht
im geringsten gerührt hatten. Ich blickte sie an und sah, dass bei allem,
was er ihnen vorgeworfen hatte, ihre erhabene Selbstgefälligkeit unverändert
geblieben war, und ich dachte an das, was er mir gesagt hatte, dass kein
Angriff auf ihre Moral sie aus der Fassung bringen könnte. Immerhin
bemerkte ich, dass die Kühnheit seiner Sprache einigen Eindruck auf Fräulein
Brentwood gemacht hatte. Sie sah erschrocken und beunruhigt aus.
Ernst
begann mit der Beschreibung der revolutionären Armee, und als er ihre
ziffernmäßige Stärke (nach den in den verschiedenen Ländern
abgegebenen Stimmen) nannte, begann die Versammlung unruhig zu werden.
Ihre Gesichter zeigten Besorgnis, und ihre Lippen pressten sich zusammen.
Jetzt endlich spürten sie, dass der Kampf ausgebrochen war. Er schilderte
die internationale Organisation der Sozialisten, die die anderthalb
Millionen in den Vereinigten Staaten mit den mehr als dreiundzwanzig
Millionen der übrigen Welt vereinigte.
»Eine
solche revolutionäre Armee«, sagte er, »fünfundzwanzig Millionen
stark, ist etwas, das die Herrscher und die herrschenden Klassen zum
Nachdenken bringen sollte. Die Losung dieser Amee ist: >Keinen Pardon!
Wir wollen alles, was euch gehört. Nicht weniger kann uns befriedigen als
euer ganzer Besitz. In unsere Hände wollen wir die Zügel der Macht, das
Schicksal der Menschheit nehmen. Hier sind unsere Hände: starke Hände.
Wir wollen eure Herrschaft, eure Paläste, eure Herrlichkeit nehmen, und
dann sollt ihr für euer Brot arbeiten wie der Bauer auf dem Felde, wie
der darbende, kümmerliche Schreiber in euern Städten. Hier sind unsere Hände:
starke Hände!<«
Und
während er so sprach, hob er von seinen herrlichen Schultern seine mächtigen
Arme, und die Hufschmiedhände krallten sich wie Adlerklauen in die Luft.
Er stand da wie der Geist der regierenden Arbeit, der die Hände
ausstreckte, um seine Zuhörer zu zerreißen und zu zermalmen.
Ich
gewahrte, wie die Zuhörer vor dieser wirklichen, mächtigen und drohenden
Revolutionsgestalt kaum merkbar zusammenzuckten. Das heißt, nur die
Frauen erschraken, und auf ihren Gesichtern lag Angst. Nicht so die Männer.
Sie gehörten zu jenen Reichen, die nicht die Hände in den Schoß legten;
sie waren tatkräftig, sie waren Kämpfer. Ihre Stimmen erhoben sich zu
einem leisen Summen, das einen Augenblick durch den Raum zog und dann
verhallte. Es war der Vorbote des Knurrens, und ich sollte es an diesem
Abend noch öfters hören — dieses Zeichen des Tieres im Menschen, die
ernsteste seiner ursprünglichen Leidenschaften. Dabei waren sie sich
dessen nicht bewusst. Es war das Knurren des Tieres, das das Tier, ohne es
zu wissen, hören ließ. Und als ich in diesem Augenblick die Härte in
ihren Gesichtern und die Kampfgier in ihren Augen lodern sah, sagte ich
mir, dass es nicht leicht sein würde, ihnen die Weltherrschaft zu entreißen.
Ernst
fuhr in seinem Angriff fort. Er erklärte, im Namen der anderthalb
Millionen Revolutionäre in den Vereinigten Staaten zu sprechen, wenn er
der kapitalistischen Klasse den Vorwurf machte, die Menschheit schlecht
geführt zu haben. Er entwarf ein flüchtiges Bild von den ökonomischen
Verhältnissen des Höhlenmenschen und der heutigen wilden Völker und
betonte, dass sie weder Werkzeuge noch Maschinen, sondern nur ihre natürlichen
Kräfte zur Arbeitsleistung besäßen. Dann schilderte er die Entwicklung
der Maschine und der sozialen Organisation, derzufolge die
Produktionskraft eines zivilisierten Menschen heutzutage tausendmal größer
als die eines Wilden sei.
»Fünf
Menschen«, sagte er, »können das Brot für Tausende backen. Ein Mensch
kann für zweihundertfünfzig Menschen baumwollene, für dreihundert
Menschen wollene Kleider und für tausend Menschen Schuhe und Stiefel
produzieren. Hieraus sollte man den Schluss ziehen können, dass der
zivilisierte Mensch bei richtiger Leitung der Gesellschaft weit besser
daran sein müsste als der Höhlenmensch. Aber ist er es? Wir wollen
sehen. In den Vereinigten Staaten leben heute fünfzehn Millionen Menschen
in Armut(8); und unter Armut ist der Zustand gemeint, in
dem die normale Arbeitsfähigkeit unter Nahrungsmangel und schlechten
Wohnungsverhältnissen leidet. In den Vereinigten Staaten arbeiten heute
trotz Ihrer so genannten Arbeitergesetzgebung drei Millionen Kinder(9).
In zwölf Jahren hat sich ihre Zahl verdoppelt. Und bei der Gelegenheit möchte
ich Sie, die Führer der Gesellschaft fragen, warum Sie nicht die Ziffern
der Zählung von 1910 veröffentlicht haben? Und ich will die Antwort für
Sie erteilen: Sie fürchteten sich. Die Darstellung dieses Elends würde
die Revolution, die sich gerade jetzt vorbereitet, beschleunigt haben.
Doch
zurück zu meiner Anklage: Wenn die Produktionskraft des modernen Menschen
tausendmal größer ist als die des Höhlenbewohners, wie kommt es dann,
dass es heute in den Vereinigten Staaten fünfzehn Millionen Menschen
gibt, die weder genügende Wohnung noch hinreichende Nahrung haben? Wie
kommt es dann, dass heute in den Vereinigten Staaten drei Millionen Kinder
arbeiten? Meine Anklage ist berechtigt. Die kapitalistische Klasse hat
Misswirtschaft getrieben. Angesichts der Tatsache, dass der moderne Mensch
armseliger lebt als der Höhlenbewohner, obwohl seine Produktionskraft
tausendmal größer ist, angesichts dieser Tatsache ist kein anderer
Schluss möglich, als dass die kapitalistische Klasse Misswirtschaft
getrieben hat, dass Sie, meine Herren, verbrecherisch und selbstsüchtig
gewirtschaftet haben. Und auf diese Anklage können Sie mir heute abend,
Angesicht zu Angesicht, ebenso wenig antworten, wie Ihre ganze Klasse den
anderthalb Millionen in den Vereinigten Staaten. Sie können mir nicht
antworten. Bitte, ich fordere Sie dazu auf. Und mehr noch, ich wage es,
Ihnen zu sagen, dass Sie mir auch nicht antworten werden, wenn ich geendet
habe. In diesem Punkt werden Sie schweigen, wenn Sie auch über andere
Dinge genug reden werden.
Sie
haben in Ihrer Verwaltung Fehler über Fehler begangen. Sie haben aus der
Zivilisation ein Schlachthaus gemacht, Sie sind blind und habgierig
gewesen. Sie sind -wie auch heute - ohne Erröten in den Hallen unserer
gesetzgebenden Körperschaften aufgestanden und haben erklärt, dass ohne
die Arbeit von Kindern ein Gewinn nicht zu erzielen sei. Wenn Sie mir
nicht glauben, bitte, es ist alles urkundlich festgelegt. Sie haben Ihr
Gewissen mit Phrasen über schöne Ideale und teure Moralitäten
beschwichtigt. Sie sind von Macht und Besitz geschwollen, von Erfolg
trunken, aber Ihre Aussichten gegen uns sind nicht größer als die der
Drohnen, die sich um die Honigwaben scharen, wenn die Arbeitsbienen auf
sie eindringen, um ihr faules Leben zu vernichten. Sie haben in der
Verwaltung der Gesellschaft unheilvolle Fehler begangen, und deshalb muss
sie Ihnen fortgenommen werden. Anderthalb Millionen Arbeiter sind im
Begriff, sich mit den ändern zusammenzutun, um Ihnen die Verwaltung zu
entreißen. Das ist die Revolution, meine Herren! Verhindern Sie sie, wenn
Sie können.«
Eine
merkbare Zeit noch hallte Ernsts Stimme durch den großen Raum. Dann erhob
sich wieder das Geräusch, das ich schon vorhin gehört hatte, und ein
Dutzend Männer sprangen auf und baten Van Gilbert um das Wort. Ich
bemerkte, dass die Schultern von Fräulein Brentwood konvulsivisch
zuckten, und war einen Augenblick zornig, weil ich glaubte, dass sie über
Ernst lachte. Dann aber entdeckte ich, dass es kein Lachen, sondern
Hysterie war. Sie war entsetzt über das, was sie angerichtet hatte, als
sie diesen Aufwiegler in ihren geheiligten Klub brachte.
Van
Gilbert beachtete die Männer, die sich mit leidenschaftlich erregten
Gesichtern zum Worte meldeten, nicht. Sein eigenes Gesicht war ebenfalls
von Leidenschaft verzerrt. Er sprang auf, schwang die Arme und konnte
einen Augenblick nur unzusammenhängende Laute hervorbringen. Dann fand er
die Sprache wieder. Aber seine Sprache war ebenso wenig die des
Trustanwalts, wie sie altmodisch war.
»Irrtum
über Irrtum!« rief er. »Nie in meinem Leben habe ich in einer kurzen
Stunde so viele Irrtümer gehört. Und zudem, junger Mann, muss ich Ihnen
sagen, dass Sie nichts Neues erzählt haben. Das alles lernte ich schon
auf der Universität, ehe Sie geboren waren. Jean Jacques Rousseau verkündete
Ihre sozialistischen Theorien schon vor zwei Jahrhunderten. Eine Rückkehr
in den Sumpf, wahrhaftig! Rückschritt! Unsere Biologie lehrt, dass das
eine Unmöglichkeit ist. Ein wahres Wort besagt, dass Halbbildung ein gefährliches
Ding sei, und dafür haben Sie heute abend mit ihren verrückten Ansichten
ein Beispiel gegeben. Irrtum über Irrtum. Nie in meinem Leben habe ich
mich von einem Übermaß von Irrtümern so angewidert gefühlt. Nicht so
viel sind Ihre unreifen Verallgemeinerungen und kindischen
Schlussfolgerungen wert!«
Er
knipste verächtlich mit den Fingern und setzte sich langsam. Die Frauen
ließen ein unverständliches Gemurmel hören, während die Männer in
rauheren Tönen ihre Zustimmung gaben. Von dem Dutzend Männern, die sich
zum Wort gemeldet hatten, begann die Hälfte gleichzeitig zu sprechen. Die
babylonische Verwirrung war unbeschreiblich. Nie hatten die weiten Räume
Frau Pertonwaithes ein solches Schauspiel erlebt. Und dies waren die
kaltsinnigen Führer der Industrie und die Herren der Gesellschaft, diese
knurrenden, murrenden Wilden im Smoking. Ja, wirklich, Ernst hatte sie
aufgerüttelt, als er seine Hände nach ihren Geldsäcken ausstreckte,
diese Hände, die in ihren Augen wie die Hände der anderthalb Millionen
Revolutionäre erschienen.
Aber
Ernst verlor nie den Kopf. Bevor Van Gilbert sich wieder gesetzt hatte,
war Ernst schon aufgesprungen.
»Einer
zur Zeit!« brüllte er sie an. Der aus der Tiefe seiner starken Lunge
kommende Klang beruhigte den menschlichen Sturm. Nur durch seine
bezwingende Persönlichkeit gebot er Schweigen.
»Einer
zur Zeit«, wiederholte er ruhig. »Lassen Sie mich Herrn Van Gilbert
antworten. Dann können die ändern sprechen — aber, wohl zu merken,
immer einer zur Zeit. Keine Massenspiele. Hier ist kein Fußballplatz.«
»Sie«,
wandte er sich an Van Gilbert, »haben auf nichts, was ich gesagt habe,
erwidert. Sie haben nur einige gereizte und abfällige Behauptungen über
meine geistigen Fähigkeiten aufgestellt. Das mag in Ihrem Beruf von
Nutzen sein, mit mir aber können Sie so nicht reden. Ich bin kein
Arbeiter, der Sie mit der Mütze in der Hand um Lohnerhöhung oder um
Schutz vor der Maschine, an der er arbeitet, bittet. Wenn Sie mit mir
streiten, können Sie nicht Ungewisse Behauptungen aufstellen. Die sparen
Sie sich auf, bis Sie sich mit Ihren Lohnsklaven streiten. Die werden es
nicht wagen, Ihnen zu antworten, denn ihr Brot und ihre Butter, ihr Leben
liegt in Ihren Händen.
Was
die Rückkehr zur Natur betrifft, eine Lehre, die Sie, wie Sie sagen,
schon vor meiner Geburt auf der Universität studiert haben, so gestatten
Sie mir die Bemerkung, dass Sie augenscheinlich seitdem nichts mehr
hinzugelernt haben. Sozialismus hat damit nicht mehr zu tun als eine
Differentialgleichung mit einem Bibelspruch. Ich habe gesagt, dass Ihre
Klasse stumpfsinnig sei, sobald sie sich außerhalb des Bereichs ihrer
Geschäfte befindet. Sie, mein Herr, haben ein glänzendes Beispiel für
meine Behauptung gegeben.«
Diese
furchtbare Züchtigung ihres Hunderttausend-Dollar-Anwalts war zuviel für
die Nerven Fräulein Brentwoods. Ihr hysterischer Anfall wurde noch
schlimmer, und man führte sie weinend und lachend aus dem Zimmer. Das war
gut, denn es sollte noch Schlimmeres kommen.
»Sie
brauchen mir gar nichts zu glauben«, fuhr Ernst fort, als die Störung
beseitigt war. »Ihre eigenen Autoritäten werden Ihre Unkenntnis
einstimmig feststellen. Ihre eigenen, besoldeten Wissenschaftslieferanten
werden Ihnen sagen, dass Sie unrecht haben. Gehen Sie zu dem
bescheidensten Assistenten eines Professors der Soziologie und fragen Sie
ihn nach dem Unterschied zwischen der Lehre Rousseaus von der Rückkehr
zur Natur und der Lehre des Sozialismus. Fragen Sie Ihre größten
orthodoxen Bourgeois, Volkswirtschaftler und Soziologen; schlagen Sie in
jedem Buche nach, das den Gegenstand behandelt, und das auf den Regalen
der von Ihnen gestifteten Bibliotheken steht; überall werden Sie die
Antwort erhalten, dass die Rückkehr zur Natur und der Sozialismus nichts
miteinander zu tun haben, ja, Sie werden sogar die einstimmige Antwort
erhalten, dass beides sich diametral gegenübersteht. Wie gesagt, Sie
brauchen mir nicht zu glauben. Der Beweis Ihrer Unkenntnis steht in den Büchern,
in Ihren Büchern, die Sie nie lesen. Und in Bezug auf Ihre Unkenntnis
sind Sie nur ein Beispiel Ihrer Klasse.
Sie
kennen Gesetz und Geschäft, Herr Van Gilbert. Sie wissen, wie man den
Trusts dienen und die Dividenden durch Gesetzverdrehungen erhöhen kann.
Ausgezeichnet! Bleiben Sie dabei. Sie sind, wie sie sein sollen. Ein glänzender
Anwalt, aber ein armseliger Historiker. Sie kennen nichts von Soziologie,
und Ihre Biologie stammt von Plinius.«
Van
Gilbert wand sich auf seinem Stuhle. Im Saal herrschte völlige Stille.
Jeder war wie verhext — gelähmt, möchte ich sagen. Eine so furchtbare
Behandlung des großen Van Gilbert war unerhört, undenkbar, unglaublich
— des großen Van Gilbert, vor dem die Richter zitterten, wenn er sich
im Gerichtssaal erhob. Aber Ernst gab nie einem Feinde Pardon.
»Das
richtet sich natürlich nicht gegen Sie persönlich«, sagte Ernst. »Jeder,
wie er kann. Nur bleiben Sie bei Ihrem Handwerk, wie ich bei dem meinen.
Sie haben Ihre Spezialität. Wenn es darauf ankommt, wie man am besten das
Gesetz umgeht oder ein neues Gesetz zugunsten der diebischen Trusts macht,
bin ich Ihnen weit unterlegen. In der Soziologie aber — meinem Handwerk
— ist es umgekehrt. Vergessen Sie das nicht. Erinnern Sie sich auch,
dass Ihr Gesetz nur der Staub eines Tages ist, und dass Sie in Dingen, die
mehr umfassen, nicht bewandert sind. Daher sind Ihre unbewiesenen
Behauptungen und vorschnellen Verallgemeinerungen geschichtlicher und
soziologischer Fragen nicht den Atem wert, den Sie darauf verschwenden.«
Ernst
hielt einen Augenblick inne und betrachtete ihn nachdenklich. Er sah, wie
Van Gilberts Gesicht sich vor Arger dunkel färbte und verzerrte, wie
seine Brust keuchte, sein Körper sich wand und seine schlanken weißen Hände
sich nervös ballten und öffneten.
»Aber
es scheint, dass Sie noch etwas Atem haben, und so will ich Ihnen eine
Gelegenheit geben, ihn zu benutzen. Ich habe Ihre Klasse angeklagt, zeigen
Sie mir, dass meine Anklage falsch ist. Ich zeigte Ihnen das Elend des
modernen Arbeiters. In den Vereinigten Staaten arbeiten drei Millionen
Kinder, ohne deren Arbeit ein Gewinn nicht zu erzielen sein soll, und
anderthalb Millionen unterernährter, schlechtgekleideter Menschen hausen
in ungesunden Wohnungen. Ich sagte Ihnen, dass die Arbeitsleistung des
modernen Menschen infolge sozialer Einrichtungen und des Gebrauchs von
Maschinen tausendmal größer sei als die der Höhlenbewohner. Und ich
behaupte, dass dies keinen andern Schlüssel zuließe, als dass die
kapitalistische Klasse falsch gewirtschaftet hätte. Das war meine
Anklage, und ich habe Sie aufgefordert, mir nur hierauf zu antworten. Ich
tat sogar noch mehr. Ich sagte voraus, dass Sie nicht antworten würden.
Es ist Ihnen also anheim gestellt, meine Prophezeiung zuschanden zu
machen. Sie haben meine Rede einen Irrtum genannt, beweisen Sie mir diesen
Irrtum, Herr Van Gilbert. Widerlegen Sie die Anklage, die ich und meine
anderthalb Millionen Genossen gegen Sie und Ihre Klasse vorgebracht haben.«
Herr
Van Gilbert vergaß ganz, dass er Vorsitzender war, und dass die Höflichkeit
geboten hätte, die ändern, die um das Wort gebeten hatten, sprechen zu
lassen. Er sprang auf, schleuderte seine Arme, seine Beredsamkeit und
seine Selbstbeherrschung in die Luft, wobei er abwechselnd Ernst wegen
seiner Jugend und seiner Aufwiegelei beschimpfte und wild die arbeitende
Klasse angriff, die er der Faulheit und Nichtswürdigkeit beschuldigte.
»Ich
habe noch nie einen Rechtsanwalt gesehen, der sich so hartnäckig wie Sie
an einen Punkt geklammert hätte«, begann Ernst auf die Tirade zu
antworten. »Meine Jugend hat nichts mit meinen Worten zu tun, und ebenso
wenig die Nichtswürdigkeit der arbeitenden Klasse. Ich habe die
kapitalistische Klasse der Misswirtschaft bezichtigt. Sie haben nicht
geantwortet. Sie haben nicht einmal den Versuch gemacht, zu antworten.
Warum nicht? Weil Sie keine Antwort wissen. Sie sind der Herr dieser
ganzen Versammlung. Alle außer mir hängen an Ihrem Munde, um die
Wahrheit zu hören. Man erwartet die Antwort aus Ihrem Munde, weil man
selbst keine Antwort weiß. Und ich, das sagte ich Ihnen bereits, ich weiß,
dass Sie nicht nur keine Antwort wissen, sondern dass Sie nicht einmal den
Versuch einer Antwort machen werden.«
»Das
ist unerträglich«, rief Van Gilbert. »Das ist beleidigend.«
»Unerträglich
ist, dass Sie nicht antworten«, erwiderte Ernst mit Nachdruck. »Niemand
kann intellektuell beleidigt werden. Besinnen Sie sich. Geben Sie mir eine
intellektuelle Antwort auf meine intellektuelle Anklage, dass die
kapitalistische Wirtschaft eine Misswirtschaft ist.«
Van
Gilbert schwieg, und seine Miene nahm den unfreundlichen, überlegenen
Ausdruck eines Mannes an, der sich nicht mit einem Raufbold streiten will.
»Machen
Sie sich nichts daraus«, sagte Ernst. »Trösten Sie sich damit, dass
noch kein Mitglied Ihrer Klasse diese Beschuldigung widerlegt hat.« Er
wandte sich zu den ändern, die sich zum Wort gemeldet hatten. »Jetzt können
Sie reden. Bitte, und vergessen Sie nicht, dass ich Sie aufgefordert habe,
die Antwort zu geben, die Herr Van Gilbert nicht geben konnte.«
Es
würde mir nicht möglich sein, alles niederzuschreiben, was in der
Diskussion gesagt wurde. Ich hatte mir nicht träumen lassen, wie viel in
drei Stunden geredet werden kann. Aber es war jedenfalls fabelhaft. Je
mehr seine Gegner sich aufregten, desto absichtlicher reizte Ernst sie. Er
übertraf sie weit an universellem Wissen und durchstach sie mit einem
Wort oder einem Satze wie mit feinen Degenstößen. Erwies auf die Punkte
hin, an denen ihre Logik scheiterte. Dies war eine falsche Folgerung,
jener Schluss bezog sich nicht auf die Voraussetzung, während die nächste
Voraussetzung trügerisch war, weil sie, schlau verborgen, die
Schlussfolgerung enthielt, deren Beweis versucht werden sollte. Dies war
ein Irrtum, jenes eine Anmaßung und das folgende eine Widerspruch zu
einer in allen Büchern festgestellten Tatsache.
So
ging es weiter. Zuweilen vertauschte er den Degen mit dem Knüppel und
schwenkte ihn links und rechts in ihre Gedanken. Und immer forderte er
Tatsachen und weigerte sich, Theorien zu erörtern. Und seine Tatsachen
bereiteten ihnen eine vernichtende Niederlage. Wenn sie die arbeitende
Klasse angriffen, gab er stets zurück: »Ein Esel schimpft den ändern
Langohr; das ist keine Antwort auf die Behauptung, dass Sie selbst lange
Ohren haben.« Und immer wieder sagte er: »Warum haben Sie nicht auf
meine Beschuldigung geantwortet, dass Ihre Klasse Misswirtschaft getrieben
hat? Sie haben über alles andere geredet, nur nicht davon; ist das
deshalb, weil Sie keine Antwort wissen?«
Zum
Schluss der Diskussion sprach Herr Wickson. Er war als einziger ruhig
geblieben, und Ernst behandelte ihn mit einer Achtung, die er den ändern
vorenthalten hatte.
»Eine
Antwort ist unnötig«, sagte Herr Wickson bedächtig. »Ich habe die
ganze Diskussion mit Verwunderung und Ärger verfolgt. Ich ärgere mich über
Sie, meine Herren Klassengenossen. Sie haben sich wie alberne Schulknaben
benommen, indem Sie Ethik und den Wortschwall des gewöhnlichen Politikers
in die Diskussion hineingetragen haben. Sie sind besiegt und abgeführt
worden. Sie haben sehr viele Worte gebraucht, aber alles, was Sie gesagt
haben, war nur Gesumm. Sie haben gesummt wie die Mücken um einen Bären.
Meine Herren, dort steht der Bär«, er zeigte auf Ernst, »und Ihr Summen
hat nur seine Ohren gekitzelt.
Glauben
Sie mir, die Lage ist ernst. Dieser Bär hat heute die Tatzen
ausgestreckt, um uns zu zermalmen. Er hat gesagt dass es anderthalb
Millionen Revolutionäre in den Vereinigten Staaten gäbe. Das ist
Tatsache. Er hat gesagt, dass es die Absicht dieser Menschen sei, uns
unsere Herrscherrechte, unsere Paläste und all unsere purpurne
Herrlichkeit zu entreißen. Auch das ist Tatsache. Eine Veränderung, eine
große Veränderung der Gesellschaft wird kommen, vielleicht aber nicht
die, die der Bär erwartet. Der Bär hat gesagt, er wolle uns zermalmen.
Wie, wenn wir den Bären zermalmten?«
Ein
Geräusch von Stimmen erhob sich in dem großen Raum, und man nickte sich
verständnisvoll und zuversichtlich zu. Ihre Gesichter waren hart
geworden. Es waren Kämpfer, das war sicher.
»Aber
nicht mit Worten werden wir den Bären zermalmen«, fuhr Wickson gelassen
und leidenschaftslos fort. »Wir wollen den Bären jagen. Wir wollen ihm
nicht mit Worten antworten. Unsere Antwort soll in Leitsätzen gefasst
sein. Wir haben die Macht. Das wird niemand leugnen. Und kraft dieser
Macht wollen wir mächtig bleiben.«
Er
wandte sich plötzlich an Ernst. Der Augenblick war dramatisch.
»So
ist denn dies unsere Antwort: >Wir haben keine Worte an Sie zu
verschwenden. Wenn Sie Ihre gepriesenen starken Hände nach unseren Palästen
und unserer purpurnen Herrlichkeit ausstrecken, werden wir Ihnen zeigen,
was Kraft ist. Das Gebrüll der Granaten und Schrapnells, das Knattern der
Maschinengewehre wird unsere Antwort sein. Wir werden die Revolutionäre
unter unserer Ferse zermalmen, und wir werden über sie hinwegschreiten.
Die Welt ist unser, wir sind ihre Herren, und unser soll sie bleiben. Seit
Anbeginn der Geschichte hat das Heer der Arbeiter im Staube gelegen, und
ich lese die Geschichte richtig. Und im Staube soll es bleiben, solange
ich und die Meinen und die, die nach uns kommen werden, die Macht haben.
Das ist das Wort. Das königliche Wort — Macht. Nicht Gott, nicht
Mammon, sondern Macht. Nehmen Sie es auf die Zunge, bis sie Ihnen
prickelt: Macht!<«
»Ich
habe die Antwort«, sagte Ernst ruhig. »Es war die einzige Antwort, die möglich
war. Macht! Das ist es, was wir der arbeitenden Klasse predigen. Wir
wissen, und wir wissen es aus bitterer Erfahrung, dass keine Bitte um
Recht, Gerechtigkeit, Menschlichkeit Sie je rühren wird. Ihre Herzen sind
so hart wie die Fersen, mit denen Sie die Armen zu Boden treten. Aber auch
wir haben Macht gepredigt. Und durch die Macht unserer Stimmzettel werden
wir Ihnen am Wahltage die Herrschaft entreißen —.«
»Wie,
wenn Sie am Wahltage eine Majorität, eine erdrückende Majorität hätten«,
unterbrach Herr Wickson ihn, »und wir weigerten uns, Ihnen die Herrschaft
abzutreten, die Sie an der Wahlurne erobert haben?«
»Auch
das haben wir erwogen«, erwiderte Ernst, »und wir werden Ihnen die
Antwort in Leitsätzen geben. Sie nennen Macht das königliche Wort. Schön.
So soll es Macht sein. Und an dem Tage, da wir zum Sieg an die Wahlurne
schreiten, und Sie sich weigern, uns die Regierung abzutreten, die wir auf
gesetzliche und friedliche Weise gewonnen haben, und von der Sie wissen
wollen, was wir damit anzufangen gedenken — an dem Tage, sage ich,
werden wir Ihnen antworten, und unsere Antwort wird das Gebrüll der
Granaten und Schrapnells, das Geknatter der Maschinengewehre sein. Sie können
uns nicht entrinnen. Es ist wahr, dass Sie die Geschichte richtig gelesen
haben. Es ist wahr, dass seit Beginn der Geschichte der Arbeiter am Boden
gelegen hat. Und ebenso wahr ist es, dass, solange Sie und die Ihrigen und
Ihre Nachkommen die Macht haben, der Arbeiter am Boden bleiben wird. Darin
gebe ich Ihnen recht. Ich gebe Ihnen in allem recht, was Sie gesagt haben.
Die Macht wird herrschen, wie sie es stets getan. Es ist Klassenkampf. Wie
Ihre Klasse den Feudal-Adel niedergerungen hat, so soll meine, die
arbeitende Klasse, die Ihre niederringen. Wenn Sie Ihre Biologie und Ihre
Soziologie ebenso gut lesen wie Ihre Geschichte, dann werden Sie erkennen,
dass dieser Ausgang, wie ich ihn beschrieben habe, unvermeidlich ist.
Einerlei, ob in einem Jahr, in zehn oder in tausend — Ihre Klasse wird
niedergerungen werden. Und das wird durch Macht geschehen. Wir
Arbeitnehmer haben dieses Wort auswendig gelernt, bis alle unsere Sinne
davon widerhallten. Macht! Es ist ein königliches Wort.« Und so endete
der Abend bei den Wissbegierigen.
(1)
In jenen Tagen hatte man noch die Gewohnheit, die Wohnräume mit Nippes zu
füllen. Man hatte noch nicht die Einfachheit des Lebens entdeckt. Solche
Räume waren Museen, die unaufhörliches Reinmachen erforderten. Der Dämon
Staub war Herr im Hause. Es gab unzählige Erfindungen zur Bekämpfung des
Staubes und nur sehr wenige, die wirklich nutzten.
(2)
Dieses Anfechten von Testamenten war ein besonderer Zug jener Zeit. Die
Anhäufung von Riesenvermögen stellte ihre Besitzer vor das schwierige
Problem, Verfügungen über die Anwendung des Geldes nach ihrem Tode zu
treffen. Das Aufsetzen und Anfechten von Testamenten war etwa so wie die
Fabrikation von Porzellanplatten und Kanonen. Die gerissensten Anwälte
wurden beauftragt, Testamente aufzusetzen, die nicht angefochten werden
konnten. Aber immer wurden die Testamente angefochten und sehr oft gerade
durch die Anwälte, die sie aufgesetzt hatten. Nichtsdestoweniger blieb
die besitzende Klasse in ihrem Wahn, dass es möglich sei, ein absolut
unanfechtbares Testament aufzusetzen, und so kämpften Klienten und
Advokaten Generationen hindurch um diese Fiktion.
(3)
Eine merkwürdige Sammlung von Romanen, die der arbeitenden Klasse das
Wesen der Drohnenklasse in einem ganz falschen Licht zeigen sollten.
(4)
Die Menschen jenes Zeitalters waren Sklaven der Phrase. Ihre Unterwürfigkeit
ist uns unverständlich. Worte hatten für sie eine Macht, die größer
war als die Kunst von Hexenmeistern. So trunken und chaotisch war ihr
Verstand, dass ein einziges Wort alle Ergebnisse ernsthaften Forschens und
Denkens zunichte machen konnte. Ein solches Wort war »Utopie«. Dieses
Wort allein genügte zur Verurteilung einer Idee, die eine ökonomische
Veränderung betraf, so vernünftig sie auch sein mochte. Weite Teile der
Bevölkerung verloren den Verstand über Phrasen, wie »ein guter Dollar«
und »ein voller Fleischtopf«. Das Pflegen solcher Phrasen hielt man für
äußerst gefühlvoll.
(5)
Ursprünglich waren es Privatdetektive. Sie wurden jedoch bald Kämpfer für
die Kapitalisten und entwickelten sich schließlich zu Soldaten der
Oligarchie.
(6)
Diese Geheimmittel waren durch »Patent« gesetzlich geschützte Lügen,
mit denen das Volk wie mit den Zaubermitteln und dem Ablass des
Mittelalters betrogen wurde; der einzige Unterschied war, dass die
patentierten Mittel schädlicher und kostspieliger waren.
(7)
Noch im Jahre 1912 A. D. glaubte das Volk, dass es vermöge seiner
Wahlzettel das Land regierte. Tatsächlich wurde das Land durch das
regiert, was man Politische Maschinerie nennen könnte. Anfangs legten die
Maschinisten den Kapitalisten übermäßige Gebühren für die
Gesetzgebung auf. Bald aber fanden die Kapitalisten es billiger, sich
selbst zu Herren der politischen Maschinerie zu machen und die bisherigen
Maschinisten anzustellen.
(8)
Im Jahre 1906 schrieb Robert Hunter in einem »Armut« betitelten Buche,
dass damals zehn Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten in Armut
lebten.
(9)
Nach der Volkszählung vom Jahre 1900 belief sich die Zahl der arbeitenden
Kinder in den Vereinigten Staaten auf l 752 187.
Schatten
Um
diese Zeit häuften sich die Anzeichen der kommenden Ereignisse. Ernst
hatte schon mit Vater über dessen Politik, Sozialisten und Arbeiterführer
bei sich zu sehen, öffentlich sozialistische Veranstaltungen zu fördern,
gesprochen, aber Vater hatte Ernsts Sorgen nur verlacht. Ich selbst lernte
viel aus dieser Berührung mit den Führern der arbeitenden Klasse. Ich
sah die andere Seite der Medaille. Ich war begeistert von der
Selbstlosigkeit und dem hohen Idealismus, dem ich begegnete, wenn mich
auch die ungeheure philosophische und wissenschaftliche Literatur des
Sozialismus einschüchterte. Ich lernte schnell, aber nicht schnell genug,
um mir das Gefährliche unserer Lage klarzumachen.
Es
gab Anzeichen, aber ich sah sie nicht. So übten Frau Pertonwaithe und
Frau Wickson eine sehr erschreckende soziale Macht in der Universitätsstadt
aus, und von ihnen stammte das Urteil, dass ich ein voreiliges, selbstgefälliges
junges Mädchen sei und den boshaften Drang hätte, mich in die
Angelegenheiten anderer einzumischen. In Anbetracht der Rolle, die ich bei
der Untersuchung des Falles Jackson gespielt hatte, erschien mir dies ganz
natürlich. Aber ich unterschätzte die Wirkung dieses von zwei in
sozialer Beziehung so mächtigen Frauen ausgehenden Urteils. Ich bemerkte
zwar, dass meine besten Freunde sich in gewisser Weise von mir
fernhielten, schrieb dies aber der Verstimmung zu, die wegen meiner
beabsichtigten Heirat mit Ernst in meinen Kreisen entstanden war. Bald
aber setzte Ernst mir klar auseinander, dass diese Haltung meiner Klasse
nicht nur eine spontane Regung sei, sondern dass die verborgenen Kräfte
einer organisierten Verschwörung dahintersteckten. »Du hast einem Feind
deiner Klasse Zuflucht gegeben«, sagte er, »und nicht allein Zuflucht,
du hast ihm deine Liebe, dich selbst gegeben. Das ist Verrat an deiner
Klasse. Glaub nicht, dass die Strafe dafür ausbleibt.«
Aber
vorher noch war Vater eines Nachmittags nach Hause gekommen, und Ernst,
der bei uns war, und ich sahen, dass Vater ärgerlich war, ärgerlich wie
ein Philosoph. Er war selten wirklich ärgerlich, aber ein gewisses Maß
kontrollierten Ärgers gestand er sich zu. Er nannte ihn tonisch, und bei
seinem Eintritt konnten wir sehen, dass er tonisch ärgerlich war.
»Was
meint ihr«, fragte er, »ich war zum Frühstück bei Wilcox.«
Wilcox
war der frühere Rektor der Universität, und sein welker Geist war mit
Verallgemeinerungen angefüllt, die im Jahre 1870 neu gewesen sein
mochten, aber seitdem nicht revidiert worden waren.
»Ich
war eingeladen«, berichtete Vater. »Ich war hinbestellt.« Er hielt
inne, und wir warteten.
»Oh,
es ging sehr nett zu, bitte; aber ich bekam Vorwürfe. Ich! Und von diesem
Fossil.«
»Ich
wette, ich weiß, weshalb Sie Vorwürfe erhielten«, sagte Ernst.
»Nein,
und wenn Sie dreimal raten«, Vater lachte.
»Einmal
wird genügen« erwiderte Ernst. »Und ich brauche gar nicht zu raten, ich
brauche nur meine Schlüsse zu ziehen. Man hat Ihnen Ihr Privatleben
vorgeworfen.«
»Wahrhaftig«,
rief Vater. »Wie haben Sie das erraten?«
»Ich
wusste, dass es kommen würde. Ich habe Sie schon früher gewarnt.«
»Ja,
das ist wahr«, sagte Vater nachdenklich. »Aber ich konnte es nicht
glauben. Jedenfalls gibt mir das aber nur noch stärkeres Beweismaterial für
mein Buch.«
»Es
ist nichts gegen das, was noch kommen wird«, sagte Ernst, »wenn Sie
weiter diese Sozialisten und Radikalen, mich eingeschlossen, bei sich
sehen werden.«
»Genau,
was der alte Wilcox sagte. Er redete blödes Zeug. Es sei geschmacklos,
ganz zwecklos und vertrüge sich nicht mit akademischen Traditionen und
akademischer Würde. Das alles deutete er nur an, so dass ich keine
Gelegenheit hatte, ihn irgendwie festzunageln. Ich trieb ihn zwar in die
Enge, aber er wiederholte sich nur und erzählte mir, wie hoch er und die
ganze Welt mich als Wissenschaftler schätzten. Es war keine angenehme
Aufgabe für ihn; ich konnte sehen, dass sie ihm nicht behagte.«
»Er
war nicht frei«, sagte Ernst. »Die Fußeisen(1) tragen
sich nicht immer angenehm.«
»Nein.
So viel brachte ich aus ihm heraus. Er sagte mir, die Universität
brauchte dieses Jahr viel mehr Geld, als der Staat bewilligen könnte; sie
wären daher auf Stiftungen reicher Privatleute angewiesen, die jedoch
Anstoß daran nehmen würden, wenn die Universität von ihren hohen
Idealen leidenschaftsloser Forschung und leidenschaftsloser Intelligenz
abirrte. Als ich ihn mit der Frage festzunageln versuchte, was mein
Privatleben denn damit zu tun hätte, bot er mir einen zweijährigen
Urlaub bei vollem Gehalt an, den ich zu meiner Erholung und zu
Forschungszwecken in Europa verbringen sollte. Natürlich konnte ich das
Anerbieten unter diesen Umständen nicht annehmen.«
»Es
wäre weit besser für Sie gewesen«, sagte Ernst.
»Es
wäre Bestechung«, protestierte Vater, und Ernst nickte.
»Der
Mensch sagte auch, man spräche beim Tee, in Gesellschaften und
dergleichen darüber, dass sich meine Tochter öffentlich mit einem so berüchtigten
Menschen wie Sie sehen ließe, das vertrüge sich nicht mit Ton und Würde
der Universität. Er wolle mir nicht etwa persönliche Vorwürfe machen
— o nein! Aber man spräche so, und ich würde wohl verstehen.«
Ernst
überlegte einen Augenblick, dann sagte er mit einer Miene, in der sich
Erregung und finsterer Zorn mischten:
»Dahinter
steckt mehr als das akademische Ideal. Irgend jemand hat einen Druck auf
Wilcox ausgeübt.«
»Meinen
Sie?« fragte Vater, und sein Gesicht verriet mehr Interesse als Furcht.
»Ich
wollte, ich könnte Ihnen den Gedanken übermitteln, der sich jetzt dunkel
in meinem Geiste bildet«, sagte Ernst. »Nie in der Weltgeschichte hat
sich die menschliche Gesellschaft in einem so furchtbaren immerwährenden
Wechsel befunden wie jetzt. Die schnellen Veränderungen in unserem
industriellen System verursachten ebenso schnelle in unserem religiösen,
politischen und sozialen Gefüge. Eine schreckliche, unsichtbare Umwälzung
geht im Körper der Gesellschaft vor. Man kann das nur dunkel fühlen.
Aber es liegt in der Luft, jetzt, heute. Man spürt den Hauch von diesem
Gewaltigen, Unbestimmten, Furchtbaren. Mein Geist schreckt davor zurück,
sich die Folgen auszumalen. Sie haben gehört, was Wickson neulich sagte.
Dahinter standen dieselben namenlosen, formlosen Dinge, die ich fühle,
und zu denen er unbewusste Beziehungen hat.«
»Sie
meinen... ?« begann Vater, hielt dann aber inne.
»Ich
meine, dass der Schatten von etwas Ungeheurem, Drohendem gerade jetzt auf
das Land zu fallen beginnt, Nennen Sie es meinetwegen den Schatten einer
Oligarchie; das dürfte ihm am nächsten kommen. Welcher Art sie sein
wird, kann ich mir nicht vorstellen(2). Was ich aber
sagen wollte: Sie befinden sich in einer gefährlichen Lage — in einer
Gefahr, die meine eigene Furcht noch erhöht, da ich nicht imstande bin,
sie zu ermessen. Folgen Sie meinem Rat und nehmen Sie den Urlaub an.«
»Aber
das wäre feige«, protestierte Vater.
»Durchaus
nicht. Sie sind ein alter Mann. Sie haben Ihre Arbeit in der Welt
geleistet, eine große Arbeit. Überlassen Sie jetzt den Kampf der Jugend
und der Kraft. Wir Jungen haben unsere Arbeit noch zu tun. Avis wird mir
zur Seite stehen, was auch kommen mag. Sie wird Sie an der Front
vertreten.«
»Aber
man kann mir ja nichts tun«, warf Vater ein. »Ich bin Gott sei Dank
unabhängig. Oh, ich versichere euch, ich kenne die furchtbare Behandlung,
die sie an der Universität einem wirtschaftlich abhängigen Professor
zuteil werden lassen können. Aber ich bin unabhängig. Ich bin nicht auf
mein Gehalt angewiesen. Ich kann sehr behaglich von meinen Zinsen leben,
und sie können mir nicht mehr nehmen als mein Gehalt.«
»Aber
Sie sehen die Dinge nicht, wie sie sind«, antwortete Ernst. »Wenn alles
kommt, wie ich fürchte, dann kann man Ihnen ebenso leicht wie Ihr Gehalt
auch noch Ihre Zinsen, ja selbst Ihr ganzes Vermögen nehmen.«
Vater
schwieg einige Minuten. Er sann nach, und ich sah die Linien der
Entschlossenheit in seinem Gesicht sich bilden. Schließlich sagte er:
»Ich
werde den Urlaub nicht annehmen.« Er machte wieder eine Pause. »Ich
werde weiter an meinem Buche arbeiten(3). Sie mögen
recht haben, aber ob Sie nun recht oder unrecht haben: Ich stehe fest zu
meiner Sache.«
»Gut«,
sagte Ernst. »Sie wandern denselben Weg wie Bischof Morehouse und gehen
einer ähnlichen Katastrophe entgegen. Ehe Sie das Ende dieses Weges
erreicht haben, werden Sie beide Proletarier sein.«
Die
Sprache kam jetzt auf den Bischof, und wir baten Ernst, uns zu erzählen,
was er mit ihm gemacht hatte.
»Seine
Seele ist krank, seit er mit mir durch die Hölle gewandert ist. Ich
zeigte ihm die Wohnungen einiger unserer Fabrikarbeiter. Ich zeigte ihm
die menschlichen Trümmer, die unsere industrielle Maschine beiseite
geworfen hat, und er hörte ihre Lebensgeschichte. Ich führte ihn in die
Spelunken San Franziskos, und er lernte, dass es eine tiefere Ursache für
Trunksucht, Prostitution und Verbrechen als nur angeborene Verderbtheit
gibt. Er ist sehr krank, und schlimmer noch, er hat sich nicht mehr in der
Hand. Er ist zu ethisch veranlagt und dazu, wie gewöhnlich, unpraktisch.
Er schwebt in der Luft mit allerhand ethischen Täuschungen und Plänen für
eine Mission unter den Gebildeten. Er hält es für seine heilige Pflicht,
den alten Geist der Kirche wieder zum Leben zu erwecken und ihre Botschaft
und Herrlichkeit der Gesellschaft zu übermitteln. Er ist überarbeitet.
Früher oder später gelangt es bei ihm zum Ausbruch, und dann kommt die
Katastrophe für ihn. In welcher Form, kann ich nur erraten. Er ist eine
reine, begeisterte Seele, aber gänzlich unpraktisch. Er kann nicht mit
den Füßen auf der Erde bleiben. Mit rasender Schnelligkeit eilt er
seinem Golgatha entgegen. Und dann seiner Kreuzigung. Diese hohen Seelen
sind für das Kreuz bestimmt.«
»Und
du?« fragte ich; und mein Lächeln ließ den Ernst der besorgten Liebe
durchschimmern.
»Ich
nicht«, er lachte zurück. »Ich mag hingerichtet oder ermordet werden,
nie aber gekreuzigt. Ich stehe zu sicher und zu fest auf der Erde.«
»Aber
warum musstest du die Kreuzigung des Bischofs veranlassen?« fragte ich.
»Du wirst nicht leugnen, dass du die Ursache bist.«
»Warum
sollte ich eine üppige Seele in der Üppigkeit lassen, wenn Millionen in
Arbeit und Elend leben?« fragte er zurück.
»Warum
hast du Vater denn geraten, den Urlaub anzunehmen?«
»Weil
ich keine reine, begeisterte Seele bin«, lautete die Antwort. »Weil ich
starr, schwerfällig und eigennützig bin. Weil ich dich liebe und weil,
wie einst bei Ruth, dein Volk mein Volk ist. Der Bischof hat keine
Tochter. Zudem wird seine Beschwerde, so unzulänglich sie auch ist, der
Revolution doch etwas nutzen, und selbst das Geringste zählt.«
Ich
konnte Ernst nicht zustimmen. Ich kannte den edlen Charakter Bischof
Morehouses und konnte nicht begreifen, dass seine Stimme, die er für die
Gerechtigkeit erhob, nur einer kleinen, unzulänglichen Klage Ausdruck
verleihen sollte. Aber ich kannte noch nicht wie Ernst die harte
Wirklichkeit des Lebens. Er sah klar, wie nutzlos die Bemühungen der großen
Seele des Bischofs sein mussten, und die kommenden Ereignisse lehrten auch
mich bald, dies klar zu sehen. Kurz darauf sagte mir Ernst eines Tages,
dass ihm die Regierung einen Posten als Arbeitskommissar der Vereinigten
Staaten angeboten hätte. Ich war überfroh. Das Gehalt war verhältnismäßig
hoch und hätte unsere Heirat gesichert. Ferner hätte die Arbeit Ernst
sicher zugesagt, und endlich bedeutete die angebotene Ernennung meinem
eifersüchtigen Stolz eine Anerkennung seiner Fähigkeiten.
Da
bemerkte ich, dass er mit den Augen zwinkerte. Er lachte mich aus.
»Du
wirst es doch nicht... ablehnen?« fragte ich ängstlich.
»Es
ist Bestechung«, sagte er. »Ich sehe die feine Hand Wicksons und die Hände
von Größeren dahinter. Es ist ein alter Kniff, so alt wie der
Klassenkampf selbst — dem Arbeiterheere die Führer zu stehlen. Armer,
betrogener Arbeiter! Wenn du wüsstest, wie viele von deinen Führern man
schon auf diese Weise gekauft hat. Es ist billiger, viel billiger, einen
General zu kaufen, als mit ihm und seiner ganzen Armee zu kämpfen. Da war
— aber ich will keinen Namen nennen. Es ist schlimm genug. Liebes Herz,
ich bin Arbeiterführer. Ich möchte mich nicht verkaufen. Wenn nicht aus
einem ändern Grunde, dann in der Erinnerung an meinen armen alten Vater
und die Art und Weise, wie er sich zu Tode arbeiten musste.«
Meinem
großen, starken Helden standen die Tränen in den Augen. Er konnte nie
verzeihen, wie man seinen Vater misshandelt hatte — dass man ihn zu
niedrigen Lügen und kleinen Diebstählen gezwungen hatte, damit er seinen
Kindern Brot verschaffen konnte.
»Mein
Vater war ein guter Mensch«, sagte Ernst einmal zu mir. »Seine Seele war
gut, aber sie wurde verzerrt und verstümmelt und abgestumpft durch die
Grausamkeit des Lebens. Seine Herren, diese Bestien, machten ein erschöpftes
Tier aus ihm. Er könnte heute noch leben wie dein Vater. Er hatte eine
gute Konstitution. Aber er war an die Maschine gefesselt und musste sich
zu Tode arbeiten — um des Profits willen. Vergiss das nicht! Um des
Profits willen — setzten die reichen Schmarotzer, die feinen Herren, die
Bestien, sein Lebensblut in ein Weingelage, in schimmernden Tand oder eine
ähnliche Sinnenorgie um.«
(1)
Fußeisen — die afrikanischen Sklaven wurden damit gefesselt, ebenso
Verbrecher. Erst als die Verbrüderung der Menschheit Tatsache wurde,
kamen die Fußeisen außer Gebrauch.
(2)
Wenn Everhard es sich nicht vorstellen konnte, so gab es doch, sogar vor
seiner Zeit, Menschen, die den Schatten kommen sahen. John C. Calhoun
sagte: »Im Lande ist eine Macht entstanden, größer als das Volk selbst,
aus vielen, verschiedenartigen und mächtigen Interessen zusammengesetzt
und zusammengehalten durch die Kohäsionskraft des riesigen Überschusses
der Banken.« Und der große Humanist Abraham Lincoln sagte kurz vor
seiner Ermordung: »Ich sehe in naher Zukunft eine Krisis kommen, die mich
um die Sicherheit meines Landes zittern lässt... Körperschaften sind
entthront, eine Ära der Korruption in höchsten Stellen wird folgen, und
die Geldmacht des Landes wird ihre Herrschaft zu verlängern wissen, indem
sie die Vorurteile ausnutzt, bis aller Reichtum sich in einigen wenigen Händen
befindet und die Republik vernichtet ist.«
(3)
Dieses Buch »Wirtschaft und Erziehung« wurde in jenem Jahre veröffentlicht.
Drei Exemplare sind erhalten; zwei in Ardis und eines in Asgard. Es
behandelt in sorgfältig ausgearbeiteten Einzelheiten einen für die Dauer
des Bestehens wichtigen Faktor, die kapitalistische Seite der Universitäten
und Volksschulen. Es war eine logische, niederschmetternde Anklage des
ganzen Erziehungssystems, das in den Köpfen der Studenten nur solche
Ideen entwickelte, die dem kapitalistischen Regime und dem Ausschluss
aller feindlichen und umstürzlerischen Gedanken dienten. Das Buch erregte
die Wut der Oligarchie und wurde prompt von ihr unterdrückt.
Die
Vision des Bischofs
»Der
Bischof hat den Kopf verloren«, schrieb Ernst mir. »Er schwebt gänzlich
in der Luft. Heute abend will er beginnen, in unserer elenden kleinen Welt
wieder Ordnung zu schaffen. Er will seine Botschaft verkünden. Das hat er
mir gesagt, und ich kann ihn nicht davon abbringen. Heute abend führt er
den Vorsitz in der I.H.P.(1) und will gleich in seinen
einleitenden Worten seine Verkündigung bringen.
Soll
ich dich mitnehmen? Sein Versuch ist natürlich schon im voraus zum
Scheitern verurteilt. Es wird dir und ihm das Herz brechen, aber für dich
und mich wird es eine ausgezeichnete Lehre sein. Du weißt, liebes Herz,
wie stolz ich auf deine Liebe bin. Und deshalb möchte ich, dass du meinen
vollen Wert erkennst, dass ich in deinen Augen wiedergutmache, was dir an
mir unwürdig erschienen sein mag. Mein Stolz will, dass du meine Meinung
als korrekt und richtig erkennen sollst. Meine Ansichten sind hart, aber
der Misserfolg eines so edlen Menschen wie des Bischofs wird dir sagen,
warum ich zu solcher Härte gezwungen bin. Komm also heute abend; so
Trauriges sich auch ereignen mag, fühle ich doch, dass es dich mir näher
bringen wird.«
Die
I.H.P. hielt an diesem Abend eine Versammlung in San Franzisko ab(2).
Die Versammlung war einberufen worden, um über geeignete Mittel zur Bekämpfung
der öffentlichen Unmoral zu beraten. Bischof Morehouse führte den
Vorsitz. Als er auf dem Katheder stand, konnte ich deutlich sehen, wie
nervös und aufgeregt er war. Neben ihm saßen Bischof Dickinson, H.H.
Jones, Professor der Ethik an der kalifornischen Universität, Frau W. W.
Burd, die große Organisatorin wohltätiger Veranstaltungen, Philipp Ward,
der ebenso große Philanthrop, und noch einige kleinere Leutchen auf dem
Gebiet der Moral und der Nächstenliebe. Bischof Morehouse erhob sich und
begann ohne Einleitung:
»Ich
fuhr gestern in meinem Wagen durch die Straßen. Es war Abend. Hin und
wieder sah ich durch die Wagenfenster, und plötzlich war mir, als würden
mir die Augen geöffnet, und ich sah die Dinge, wie sie wirklich sind.
Zuerst bedeckte ich meine Augen mit den Händen, um sie dem schrecklichen
Anblick zu verschließen, dann aber, in der Dunkelheit klang die Stimme:
Was tun? Kurz darauf erhob sich die Frage in anderer Weise: Was würde der
Herr tun? Und bei dieser Frage schien helles Licht den Raum zu erfüllen,
und ich erkannte sonnenklar meine Pflicht wie Saul die seine auf dem Wege
nach Damaskus.
Ich
ließ halten, stieg aus und überredete mit einigen Worten zwei öffentliche
Dirnen, sich zu mir in den Wagen zu setzen. Wenn Jesus recht hatte, dann
waren diese Unglücklichen meine Schwestern, und die einzige Hoffnung auf
ihre Läuterung lag in meiner Liebe und Fürsorge.
Ich
wohne in einer der anmutigsten Gegenden San Franziskos. Das Haus, in dem
ich wohne, hat hunderttausend Dollar gekostet, die Möbel, die Bibliothek
und die Kunstwerke und noch viel mehr. Es ist ein herrschaftliches Haus,
nein, ein Palast mit vielen Bedienten. Ich habe nie gewusst, wozu Paläste
gut sind. Ich hatte gedacht, um darin zu leben. Jetzt aber weiß ich es.
Ich nahm die beiden Frauen von der Straße in meinen Palast, und sie
werden bei mir bleiben. Ich hoffe, jedes Zimmer meines Palastes mit
Schwestern wie diesen füllen zu können.«
Die
Zuhörer waren immer unruhiger und verwirrter geworden, und die Gesichter
derer, die auf dem Podium saßen, verrieten immer mehr Schrecken und
Niedergeschlagenheit. Und an dieser Stelle erhob Bischof Dickinson sich
und verließ mit einem Ausdruck des Widerwillens eilig das Podium und die
Halle. Bischof Morehouse aber hatte alles um sich her vergessen, seine
Augen strahlten seherisch, und er fuhr fort:
»Oh,
meine Schwestern und Brüder, diese meine Handlungsweise zeigte mir einen
Weg zur Überwindung aller Schwierigkeiten. Ich hatte bisher nicht
gewusst, wozu man Wagen hat. Jetzt weiß ich es. Es gibt sie, damit
Schwache, Kranke und Alte fahren können; es gibt sie, damit denen Ehre
erwiesen werde, die selbst das Schamgefühl verloren haben. Ich wusste
nicht, wozu Paläste erbaut wurden, jetzt aber habe ich erkannt, wozu sie
nützlich sind. Die Paläste der Kirche sollten Hospitäler und Heime für
die sein, die auf Abwege geraten und gefährdet sind.« Er machte eine
lange Pause, völlig von seinen Gedanken überwältigt und in nervöser
Aufregung, wie er sie am besten zum Ausdruck bringen sollte.
»Ich
bin nicht der Rechte, meine lieben Brüder, von Moral zu Ihnen zu
sprechen. Ich habe zu lange in Schmutz und Heuchelei gelebt, als dass ich
imstande wäre, anderen zu helfen; aber das, was ich mit den Frauen,
meinen Schwestern, getan habe, zeigt mir, dass der bessere Weg leicht zu
finden ist. Für die, welche an Jesus und sein Evangelium glauben, kann es
nichts anderes zwischen Mensch und Mensch geben als die Liebe. Liebe
allein ist stärker als Sünde — stärker als Tod. Deshalb sage ich zu
den Reichen unter Ihnen, dass es Ihre Pflicht ist, zu tun, wie ich getan
habe und tue. Möge jeder von euch, dem es gut geht, einen Dieb oder eine
Unglückliche in sein Haus nehmen und als Bruder oder Schwester behandeln,
und San Franzisko wird keine Polizei und keine Obrigkeit mehr brauchen,
die Gefängnisse werden in Hospitäler verwandelt werden, und das
Verbrechen wird mit den Verbrechern verschwinden.
Wir
müssen uns selbst geben, nicht nur unser Geld. Wir müssen tun, was
Christus tat. Das ist die Botschaft der Kirche heute. Wir sind weit von
der Lehre des Herrn abgewichen. Wir haben Geld an die Stelle Christi
gesetzt. Ich möchte euch ein Gedicht vorlesen, in dem alles gesagt wird.
Es wurde von einer irrenden Seele geschrieben, die dennoch klar sah(3).
Es darf nicht missverständlich als Angriff auf die katholische Kirche
aufgefasst werden. Es ist ein Angriff auf alle Kirchen, auf den Pomp und
Glanz aller Kirchen, die vom Wege des Herrn abgewichen sind und sich von
seinen Lämmern abgesondert haben. Hört:
Silberfanfaren
hallten durch den Dom, Und betend lag das Volk auf seinen Knien; Und einem
hohen Gotte gleich erschien, Hoch über Tausenden, der heilige Herr von
Rom. Nach Art der Priester schneeweiß war sein Kleid, Und Purpur wallte
an ihm königgleich; Drei goldene Kronen trug sein Haupt zugleich. So
schritt der Papst in Glanz und Herrlichkeit. Da dacht' ich, wie der eine
einst allein Verlassen wanderte an ödem Strand, Vergeblich suchend eine
Ruhestatt: >Der Fuchs hat seinen Bau, der Vogel hat Sein Nest; ich aber
keine Stätte fand, Und Tränen salzen meinen kargen Wein.<«
Die
Zuhörer waren erschüttert, aber sie blieben stumm. Bischof Morehouse
bemerkte es jedoch nicht. Er fuhr unbeirrt fort:
»Und
so sage ich denn zu den Reichen unter euch, und zu allen Reichen überhaupt,
dass ihr die Lämmer des Herrn arg bedrängt. Ihr habt eure Herzen verhärtet.
Ihr habt eure Ohren den Stimmen verschlossen, die im Lande rufen, Stimmen
von Sorge und Qual, die ihr nicht hören wollt, die aber doch eines Tages
gehört werden. Und so sage ich euch —«
An
dieser Stelle führten H. H. Jones und Philipp Ward, die sich bereits von
ihren Sitzen erhoben hatten, den Bischof vom Katheder, während die Zuhörer
atemlos und erschüttert dasaßen.
Als
wir wieder auf der Straße standen, lachte Ernst hart und wild. Sein
Lachen berührte mich unangenehm. Mir schien das Herz von unterdrückten
Tränen zerspringen zu wollen.
»Er
hat seine Botschaft ausgerichtet«, rief Ernst. »Die Menschlichkeit und
das tief verborgene, zarte Wesen ihres Bischofs brachen hervor, und da
schlössen seine christlichen Zuhörer, die ihn liebten, dass er verrückt
sei! Hast du gesehen, wie behutsam sie ihn fortführten? Die Hölle muss
bei diesem Schauspiel gelacht haben.«
»Und
doch muss, was der Bischof heute tat und sagte, großen Eindruck gemacht
haben«, sagte ich.
»Meinst
du?« fragte Ernst spöttisch.
»Es
wird Aufsehen erregen«, erklärte ich. »Hast du nicht gesehen, wie die
Referenten während seiner Rede sich die Finger wund schrieben?«
»Nicht
eine Zeile davon wird morgen in den Zeitungen stehen.«
»Das
kann ich nicht glauben!« rief ich.
»Warte
nur ab«, lautete die Antwort. »Nicht eine Zeile, nicht ein Gedanke, den
er geäußert hat. Die Tagespresse? Lügenpresse!«
»Aber
die Referenten?« warf ich ein. »Ich habe sie doch gesehen.«
»Nicht
ein Wort von dem, was er gesprochen hat, wirst du gedruckt sehen. Du
vergisst die Redakteure. Sie beziehen ihre Gehälter für die Politik, die
sie treiben. Und ihre Politik besteht darin, nichts zu drucken, was eine
vitale Bedrohung der bestehenden Ordnung bedeutet. Die Rede des Bischofs
war ein heftiger Angriff auf die herrschende Moral. Sie war Ketzerei. Man
führte ihn vom Podium, um weitere Ketzereien zu verhüten. Die Zeitungen
werden seine Ketzereien mit Stillschweigen übergehen. Die Presse der
Vereinigten Staaten? Sie ist eine Schmarotzerpflanze, die sich an der
kapitalistischen Klasse mästet. Ihre Aufgabe ist, die öffentliche
Meinung zugunsten der herrschenden Klasse zu beeinflussen, und das tut sie
gründlich.
Lass
mich prophezeien. Die Zeitungen werden morgen nur melden, dass die
Gesundheit des Bischofs angegriffen, dass er überarbeitet und gestern
abend zusammengebrochen sei. Einige Tage später wird man eine Notiz
bringen, dass seine Nerven vollkommen zerrüttet seien, und dass seine
dankbare Gemeinde ihm einen längeren Urlaub bewilligt habe. Dann wird
folgendes geschehen: Entweder wird der Bischof seinen Irrtum einsehen und
von seinem Urlaub als ein gesunder Mensch zurückkehren, der keine
Visionen mehr hat, oder er beharrt in seinem Wahn, und dann wirst du
sicher in den Zeitungen, mit rührendem Zartgefühl versteckt, die Meldung
lesen, dass er geisteskrank geworden sei. Und dann wird er seine Visionen
gepolsterten Wänden erzählen können.«
»Jetzt
gehst du zu weit!« rief ich.
»In
den Augen der Gesellschaft ist es wirklich Wahnsinn«, erwiderte er. »Welcher
ehrenhafte und nicht wahnsinnige Mann würde Dirnen und Diebe in sein Haus
aufnehmen und als Schwestern und Brüder behandeln? Christus starb
allerdings zwischen Dieben, aber das ist etwas anderes. Wahnsinn? Die
Geistesprozesse eines Menschen, mit dem man nicht übereinstimmt, sind
immer irrig, und der Geist dieses Menschen ist daher irre. Wo ist die
Grenze zwischen Irren und Irresein? Es ist unfassbar, dass ein gesunder
Mensch in völligem Widerspruch mit den Schlüssen eines ändern gesunden
Menschen stehen kann.
Ein
gutes Beispiel dafür steht in der heutigen Abendzeitung. Am Südende der
Market Street wohnt Mary McKennan, eine arme, aber ehrliche Frau.
Patriotin ist sie auch. Aber sie hat irrige Gedanken bezüglich der
amerikanischen Flagge und des Schutzes, den diese Flagge vermutlich
symbolisieren soll. Ihr Mann hatte einen Unfall und musste drei Monate im
Krankenhaus liegen. Obwohl sie für andere wusch, blieb sie mit der Miete
im Rückstand. Gestern wollte man sie aus ihrer Wohnung treiben. Da hüllte
sie sich in eine amerikanische Flagge und erklärte, dass sie nun geschützt
sei und nicht auf die kalte Strasse gesetzt werden könnte. Und was
geschah? Sie wurde als wahnsinnig festgenommen. Heute ist sie von Irrenärzten
untersucht und für verrückt erklärt worden. Man hat sie in das
Napa-Asyl gebracht.«
»Aber
das ist doch etwas ganz anderes«, warf ich ein.
»Angenommen,
ich hätte über den literarischen Wert eines Buches andere Ansichten als
alle anderen, so würde man mich doch deshalb nicht in eine Heilanstalt
bringen.«
»Sehr
richtig«, erwiderte er. »Aber diese Meinungsverschiedenheit ist keine
Drohung für die Gesellschaft. Darin eben liegt der Unterschied. Die
Meinungsverschiedenheit Mary McKennans und die des Bischofs aber bedrohen
die Gesellschaft. Wie, wenn alle Armen die Mietezahlung verweigerten und
hinter der amerikanischen Flagge Schutz suchen wollten? Die Grundbesitzer
würden ja ruiniert werden. Und die Anschauungen des Bischofs sind ebenso
gefährlich für die Gesellschaft. Also in die Anstalt mit ihnen! «
Aber
ich wollte es noch nicht glauben.
»Warte
es ab«, sagte Ernst, und ich wartete.
Am
nächsten Morgen ließ ich alle Zeitungen holen. Insofern hatte Ernst
recht: Nicht ein Wort aus der Rede des Bischofs war gedruckt. Ein oder
zwei Zeitungen schrieben lediglich, dass der Bischof von seinen Gefühlen
übermannt worden sei. Dagegen waren die Plattheiten der Redner, die nach
ihm gesprochen hatten, vollständig wiedergegeben.
Einige
Tage später erschien eine kurze Notiz, dass der Bischof in Urlaub
gegangen sei, um sich von den Folgen einer Überarbeitung zu erholen. So
weit war alles gut; von Wahnsinn, ja auch nur von einem
Nervenzusammenbruch wurde keine Andeutung gemacht.
Ich
ließ mir nicht träumen, welchen Leidensweg der Bischof noch gehen
sollte, den Weg nach Golgatha und zum Kreuz, wie Ernst es vorausgesehen
hatte.
(1)
Der mit diesen Buchstaben bezeichnete Name der Organisation ist nicht
festzustellen.
(2)
Mit dem Fährboot brauchte man nur wenige Minuten von Berkeley nach San
Franzisko. Diese sowie die ändern Städte an der Bucht bilden in
Wirklichkeit einen einzigen Komplex.
(3)
Oskar Wilde, einer der Meister der Sprache im 19. Jahrhundert der
christlichen Zeitrechnung.
Die
Maschinenstürmer
Kurz
bevor Ernst sich als Kandidat der Sozialisten für den Kongress aufstellen
ließ, gab Vater sein »Gewinn- und Verlustessen«, wie er es vertraulich
nannte. Ernst nannte es das Essen der Maschinenstürmer. Tatsächlich lud
Vater hauptsächlich Geschäftsleute — kleine Geschäftsleute natürlich
— ein. Ich zweifle, dass einer von ihnen an irgendeinem Geschäft
beteiligt war, dessen Gesamtkapital mehr als einige hunderttausend Dollar
betrug. Sie waren echte Vertreter des Mittelstandes.
Da
war zum Beispiel Owen von der Firma Silverberg, Owen & Co., einem großen
Kolonialwarengeschäft, das mehrere Zweiggeschäfte besaß; wir kauften
bei ihnen. Ferner die beiden Teilhaber der großen Drogerie Kowalt &
Washburn, sowie Herr Asmunsen, Besitzer eines großen Granitsteinbruchs in
Contra Costa Country, und viele ähnliche Leute, Besitzer oder Teilhaber
kleiner Fabriken, kleiner Geschäfte — kurz, kleine Kapitalisten.
Es
waren gescheit aussehende Männer, und sie sprachen klar und einfach. Sie
klagten einmütig über die großen Wirtschaftsverbände und Trusts. Ihre
Losung war: »Nieder mit den Trusts!« Die Ursache alles Elends waren die
Trusts, und alle beklagten sich darüber. Sie vertraten die Ansicht, dass
solche Trusts wie Eisenbahnen und Telegraphen dem Staat übereignet werden
müssten; die gewaltigen Anhäufungen von Reichtum sollten durch
entsprechende Abgaben verhindert werden. Ferner verlangten sie, dass
gemeinnützige Anlagen wie Wasserleitung, Gas, Fernsprecher und Straßenbahn
in den Besitz der Gemeinde übergehen sollten.
Besonders
interessant war, was Asmunsen als Besitzer des Steinbruchs schilderte. Er
erklärte, nie Gewinn aus seinem Steinbruch erzielen zu können, obgleich
sein Geschäft seit der Zerstörung San Franziskos durch das große
Erdbeben einen riesigen Aufschwung genommen hätte. Vor sechs Jahren wäre
der Wiederaufbau San Franziskos in Angriff genommen, sein Geschäft hätte
sich seitdem vervierfacht und verachtfacht, und doch habe er nichts davon.
»Die
Eisenbahn kennt meine Geschäfte besser als ich«, sagte er. »Sie weiß
meine Unkosten auf den Cent genau und kennt sogar meine Lieferungsverträge.
Woher sie diese Kenntnisse hat, kann ich nur vermuten. Sie muss Spione in
meinem Geschäft und in denen meiner Geschäftsfreunde haben, denn, sehen
Sie, sobald ich einen großen Vertrag abschließe, dessen Bedingungen mir
einen guten Gewinn versprechen, werden die Frachtsätze von meinem
Steinbruch nach den Ablieferungsorten erhöht. Eine Begründung wird nicht
gegeben. Die Eisenbahn schluckt meinen Gewinn. Ich habe nie die Eisenbahn
von einer solchen Tariferhöhung abbringen können. Gab es andererseits
unvorhergesehene Zwischenfälle, erhöhten sich die Unkosten oder mussten
Verträge unter weniger aussichtsreichen Bedingungen geschlossen werden,
so setzte die Eisenbahn die Frachtsätze stets entsprechend herab. Was ist
das Ergebnis? Die Eisenbahn bekommt stets meinen Gewinn, möge er groß
oder klein sein.«
»Ihnen
bleibt also«, unterbrach Ernst ihn, »ungefähr soviel, wie das Gehalt
ausmachen würde, das Sie als Geschäftsführer bekämen, wenn der
Steinbruch der Eisenbahn gehörte? «
»Ganz
genau«, erwiderte Asmunsen. »Neulich sah ich meine Bücher der letzten
zehn Jahre durch und fand, dass ich in diesen zehn Jahren genau so viel
verdient hatte, wie das Gehalt eines Geschäftsführers ausgemacht hätte.
Die Eisenbahn hätte ebenso gut Besitzerin meines Steinbruchs sein und
mich als Geschäftsführer angestellt haben können.«
»Nur
mit dem Unterschied«, Ernst lachte, »dass die Eisenbahn dann das Risiko
getragen hätte, das Sie ihr nun so entgegenkommend abnehmen.«
»Sehr
richtig«, erwiderte Asmunsen erregt.
Nachdem
jeder sein Herz ausgeschüttet hatte, begann Ernst nach allen Seiten
Fragen zu stellen. Er fing mit Herrn Owen an.
»Haben
Sie nicht vor etwa sechs Monaten hier in Berkeley ein Zweiggeschäft eröffnet?«
»Ja«,
antwortete Herr Owen.
»Und
seitdem haben, wie ich bemerkte, drei kleine Kolonialwarenhandlungen ihre
Läden geschlossen. War das Ihre Schuld?«
Herr
Owen bejahte mit selbstgefälligem Lächeln. »Sie konnten sich nicht
gegen uns halten.«
»Warum
nicht?«
»Wir
hatten mehr Kapital. Je größer das Geschäft, desto geringer die
Unkosten, und desto höher die Leistungsfähigkeit.«
»Und
Ihre Filiale hat die Gewinne der drei kleinen Geschäfte aufgesogen. Ich
verstehe. Aber sagen Sie, was ist aus den Inhabern der drei Geschäfte
geworden?«
»Einer
von ihnen fährt einen Lieferwagen für uns. Was aus den beiden ändern
geworden ist, weiß ich nicht.«
Ernst
wandte sich unvermittelt an Herrn Kowalt.
»Sie
verkaufen viel zu herabgesetzten Preisen(1). Was ist aus
den kleinen Drogisten geworden, die Sie an die Wand gedrückt haben?«
»Einer
von ihnen ist jetzt Leiter unserer Arzneimittelabteilung«, lautete die
Antwort.
»Und
Sie saugen den Gewinn auf, den früher diese kleineren Geschäfte gemacht
haben?«
»Gewiss.
Dafür sind wir ja Geschäftsleute.«
»Und
sie«, wandte Ernst sich plötzlich an Herrn Asmunsen. »Sie sind
entsetzt, weil die Eisenbahn Ihre Gewinne aufgesogen hat?«
Herr
Asmunsen nickte.
»Sie
möchten wohl den Gewinn für Ihre Tasche haben? «
Herr
Asmunsen nickte wieder.
»Auf
Kosten anderer?«
Keine
Antwort.
»Auf
Kosten anderer?« beharrte Ernst.
»So
verdient man eben«, erwiderte Herr Asmunsen kurz.
»Dann
sehen Sie es als Geschäftsmann für Ihre Aufgabe an, an ändern zu
verdienen, diese ändern jedoch zu hindern, an Ihnen zu verdienen, nicht
wahr?«
Ernst
musste die Frage wiederholen, ehe Herr Asmunsen antwortete.
»Ja,
so ist es«, sagte er. »Nur dass wir nichts dagegen haben, dass auch die
ändern verdienen, solange dieser Verdienst nicht übermäßig ist.«
»Mit
übermäßig meinen Sie groß; aber Sie haben nichts dagegen, selbst großen
Verdienst einzuheimsen? Sicher nicht.«
Herr
Asmunsen gestand diese Schwäche freundlich ein. Noch ein anderer der
Anwesenden wurde jetzt von Ernst aufs Korn genommen, ein Herr Calvin, der
früher einmal eine große Molkerei besessen hatte.
»Vor
einiger Zeit haben Sie den Milchtrust bekämpft«, sagte Ernst zu ihm; »und
jetzt haben Sie sich in die Politik(2) gestürzt. Wie
kommt das?«
»Oh,
ich habe den Kampf nicht aufgegeben«, antwortete Herr Calvin und sah
kriegerisch genug drein. »Ich bekämpfe den Trust auf dem einzigen Felde,
wo er bekämpft werden kann, dem politischen. Ich will Ihnen das erklären.
Vor einiger Zeit hatten wir Molkereibesitzer vollkommen freie Hand.«
»Aber
Sie machten sich gegenseitig Konkurrenz«, unterbrach Ernst ihn.
»Ja,
und dadurch wurden die Preise gedrückt. Wir machten Versuche, uns zu
organisieren, aber unabhängige Molkereibesitzer durchbrachen den Ring
immer wieder. Dann kam der Milchtrust.«
»Finanziert
von dem Überschuss der Standard Oil Company(3)«, sagte
Ernst.
»Ja«,
bestätigte Herr Calvin. »Aber das wussten wir damals nicht. Der Trust
kam uns mit dem Knüppel: Macht mit und werdet fett oder bleibt draußen
und hungert.< Die meisten von uns traten ein. Wer es nicht tat,
hungerte. O ja, der Trust bezahlte... zuerst. Der Milchpreis stieg um
einen Cent das Liter, ein Viertel dieses Cents bekamen wir, drei Viertel
der Trust, dann stieg der Preis wieder um einen Cent, und davon bekamen
wir nichts. Unsere Vorstellungen waren erfolglos. Der Trust stand unter
der Kontrolle der Standard Oil Company. Wir entdeckten, dass unsere
Anteile verpfändet waren. Schließlich wurde uns der Viertelcent auch
nicht mehr zugestanden. Dann begann der Trust uns auszupressen. Was
sollten wir tun? Schließlich waren wir ausgepresst, und es gab keinen
Molkereibesitzer mehr, nur noch einen Milchtrust.«
»Aber
ich sollte meinen, dass Sie mit einem Preisaufschlag von zwei Cents noch
konkurrenzfähig gewesen wären«, sagte Ernst listig.
»Das
meinten wir auch, und wir versuchten es.« Herr Calvin schwieg einen
Augenblick. »Aber das ruinierte uns. Der Trust brachte die Milch billiger
auf den Markt, als wir es konnten. Er konnte immer noch mit einem kleinen
Gewinn verkaufen, wo wir mit offenbarem Verlust arbeiteten. Ich verlor
dabei fünfzigtausend Dollar. Die meisten von uns machten Bankrott(4).
Die Molkereibesitzer verloren ihre Existenz.«
»Der
Trust nahm Ihnen also Ihren Gewinn«, sagte Ernst. »Und nun versuchen Sie
es mit der Politik, um den Trust mit gesetzlichen Mitteln zu vernichten
und Ihren Gewinn wiederzubekommen .«
Herrn
Calvins Gesicht erhellte sich.
»Genau
dasselbe sage ich den Bauern in meinen Ansprachen. Das ist in wenigen
Worten unsere Idee.«
»Und
doch produziert der Trust die Milch billiger, als die unabhängigen
Molkereien es konnten?« forschte Ernst.
»Warum
sollte er es nicht bei seiner glänzenden Organisation und den neuen
maschinellen Einrichtungen, die sein großes Kapital ermöglicht?«
»Fraglos«,
antwortete Ernst. »Er sollte es gewiss, und, mehr noch, er tut es.«
Jetzt
holte Herr Calvin zu einem politischen Gespräch aus und setzte seine
Ansichten auseinander. Ein Teil der Anwesenden zollte ihm warmen Beifall,
und alle waren sich darüber einig, dass die Trusts vernichtet werden müssten.
»Armes,
törichtes Volk«, sagte Ernst leise zu mir. »So weit ihre Augen reichen,
sehen sie klar, aber ihre Augen reichen nur bis zu ihrer eigenen
Nasenspitze.«
Kurz
darauf ergriff er wieder das Wort und behielt es in seiner
charakteristischen Weise für den Rest des Abends.
»Ich
habe Ihnen genau zugehört«, begann er, »und ich sehe deutlich, dass Sie
in diesen geschäftlichen Fragen von Ihrem Recht überzeugt sind. Das
Leben summiert sich bei Ihnen zu Profiten. Sie haben den festen, steten
Glauben, dass Sie nur erschaffen wurden, um Profite zu machen. Nur dass
die Sache einen Haken hat. Mitten in Ihrem Profite machen kommt der Trust
und nimmt Ihnen die Profite weg. Das ist das Dilemma, das irgendwie dem
Zweck der Schöpfung widerspricht, und so erscheint es Ihnen als einziger
Ausweg, den zu vernichten, der Ihnen die Profite wegschnappt.
Ich
habe Ihnen genau zugehört und kann nur einen Namen finden, der Sie
kennzeichnet. Ich will Ihnen diesen Namen nennen, Sie sind Maschinenstürmer.
Wissen Sie, was ein Maschinenstürmer ist? Hören Sie zu. Im achtzehnten
Jahrhundert webten in England Männer und Frauen in ihren eigenen Hütten
auf Handwebstühlen Stoffe. Dieses System der Heimarbeit war langweilig,
schwerfällig und kostspielig. Dann kam die Dampfmaschine mit ihrer
Ersparnis. Tausend Webstühle wurden in einer großen Fabrik aufgestellt
und von einer Zentraldampfmaschine in Gang gesetzt. So konnte der Stoff
billiger hergestellt werden als von den Heimarbeitern auf ihren Handwebstühlen.
Die Fabrik war ihnen im Herstellungsprozess überlegen, und die Konkurrenz
schied aus. Die Männer und Frauen, die bisher ihre Handweberei für
eigene Rechnung betrieben hatten, mussten jetzt in die Fabrik gehen und an
den Maschinenwebstühlen arbeiten, und zwar zum Nutzen der Kapitalisten.
Ja, mehr noch, in diesen Fabriken arbeiteten zu niedrigen Löhnen auch
kleine Kinder. Viele Männer wurden dadurch arbeitslos, und es kamen
bittere Zeiten für sie. Ihre Lebenshaltung verschlechterte sich. Sie
hungerten, und sie sagten, dass die Maschine an allem schuld sei. Deshalb
versuchten sie, die Maschine zu stürmen und zu zerstören. Sie hatten
kein Glück damit; ihre Einfalt hielt die wirtschaftliche Entwicklung
nicht auf. Sie, meine Herren, haben nichts von ihnen gelernt. Jetzt,
anderthalb Jahrhunderte später, wollen Sie ebenfalls die Maschine stürmen.
Ihrer eigenen Ansicht nach arbeiten die Trusts schneller und billiger, und
deshalb können Sie nicht mit ihnen konkurrieren. Und nun möchten Sie
diese überlegenen Maschinen stürmen. Der Unterschied zwischen Ihnen und
den naiven Arbeitern damals in England ist, dass Sie noch unwissender
sind. Während Sie von der Wiederherstellung des freien Wettbewerbs reden,
erdrücken die Trusts Sie völlig.
Sie
erzählen alle dieselbe Geschichte, wie der freie Wettbewerb ausgeschaltet
wurde und die Trusts aufkamen. Sie, Herr Owen, haben den freien Wettbewerb
hier in Berkeley vernichtet, als Ihr Zweiggeschäft die drei kleinen
Kolonialwarenhändler aus ihren Läden vertrieb. Ihre Firma war stärker.
Jetzt spüren Sie den Druck der Trusts und schreien. Sie sind eben kein
Trust. Wären Sie ein über die ganzen Vereinigten Staaten verbreiteter
Trust, dann würden Sie ein anderes Lied singen. Und das würde lauten:
>Gepriesen seien die Trusts.« Ihre kleine Firma ist aber eben kein
Trust, und Sie fühlen selbst Ihren Mangel an Kraft. Sie beginnen Ihr
eigenes Ende zu ahnen. Sie und Ihre Filialen sind nur Bauern in einem
Schachspiel. Sie sehen mächtigere Geschäfte entstehen und täglich mächtiger
werden. Sie sehen, wie gepanzerte Fäuste sich auf Ihren Profit legen und
hier und dort einen Teil davon nehmen — die Fäuste des Eisenbahntrusts,
des Stahl-, des Öl-, des Kohlentrusts — und Sie wissen, dass Sie schließlich
erdrückt werden, und dass man Ihnen den letzten Cent Ihres kleinen
Profits wegnehmen wird.
Sie
sind ein armseliger Spieler, Herr Owen. Als Sie, dank Ihrer besseren
Organisation, die drei kleinen Geschäfte in Berkeley an die Wand drückten,
brüsteten Sie sich, sprachen von Tatkraft und Unternehmungslust und ließen
von dem Gewinn, den Sie durch das Verschlucken der drei kleinen Geschäfte
gemacht hatten, Ihre Frau nach Europa reisen. Ein Hund schnappt eben dem
anderen den Bissen weg, und Sie haben beide verschluckt. Und nun werden
Sie wieder von größeren Hunden aufgefressen, und da heulen Sie. Und was
ich Ihnen sage, das gilt allen hier am Tische. Sie heulen alle. Sie fühlen
alle, dass Sie Ihr Spiel verloren haben, und deshalb heulen Sie. Durch Ihr
Heulen klären Sie die Situation aber nicht, wie ich es getan habe. Sie
sagen nicht, dass Sie den Wunsch haben, aus anderen Gewinn
herauszuschlagen, und dass Sie nur deshalb heulen, weil andere den Profit,
den Sie gemacht haben, wieder aus Ihnen herauspressen. Nein, dazu sind Sie
zu schlau. Statt dessen sagen Sie etwas anderes. Sie machen die
politischen Redensarten der kleinen Kapitalisten, wie Herr Calvin. Und was
sagte er? Ich wiederhole einige seiner Aussprüche, die ich behalten habe:
>Unsere wesentlichen Grundgedanken sind richtig«, >Was dieses Land
braucht, ist die Rückkehr zu den grundlegenden amerikanischen Methoden
— Freie Bahn für alle<, >Der Geist der Freiheit, in dem dieses
Volk geboren wurde«, >Lasst uns zu den Grundsätzen unserer Vorfahren
zurückkehren.« Wenn er sagt, >Freie Bahn für alle«, so meint er,
freie Bahn, um sich Gewinn zu verschaffen, was ihm die großen Trusts
jetzt unmöglich machen. Und das Abgeschmackteste dabei ist: Sie haben
dieses Schlagwort so oft wiederholt, dass Sie jetzt selbst daran glauben.
Sie wollen nur Gelegenheit haben, auf Ihre eigene kleinliche Art und Weise
Profite zu machen, aber Sie bemänteln das, indem Sie sich selbst den
Gedanken suggerieren, dass Sie Freiheit verlangen. Sie sind unverschämt
und gewinnsüchtig, aber der Nimbus Ihrer Phrasen verleitet Sie zu dem
Wahn, dass Sie patriotisch seien. Ihre Gewinnsucht, die reiner Eigennutz
ist, gaben Sie oft für selbstlose Sorge um die leidende Menschheit aus.
Sie sind unter sich, meine Herren, lassen Sie die Maske fallen und seien
Sie einmal ehrlich. Blicken Sie den Tatsachen ins Auge und stellen Sie sie
mit aufrichtigen Worten fest.«
Jetzt
gab es rote und zornige Gesichter an der Tafel und ein gut Teil Schrecken.
Sie fürchteten sich ein wenig vor diesem jungen, bartlosen Mann, vor dem
Schwung und der Kraft seiner Rede und vor seiner schrecklichen Freude
daran, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Herr Calvin antwortete
unverzüglich.
»Und
warum nicht?« fragte er. »Warum können wir es nicht machen, wie unsere
Väter es gemacht haben, als die Republik gegründet wurde? Sie haben viel
Wahres gesagt, Herr Everhard, so unangenehm es auch war. Aber wir sind
unter uns, und da wollen wir uns aussprechen. Wir wollen alle Masken
ablegen und uns zu der Wahrheit, die Herr Everhard klar und deutlich
festgestellt hat, bekennen. Es ist richtig, dass wir Kleinkapitalisten
hinter dem Gewinn her sind, und dass die Trusts ihn uns wegschnappen. Es
ist wahr, dass wir die Trusts vernichten wollen, damit die Gewinne wieder
uns zufallen. Aber warum sollten wir das nicht? Warum nicht? Ich frage,
warum nicht?«
»Aha,
jetzt kommen wir zum Kern der Sache«, sagte Ernst mit zufriedenem
Ausdruck. »Ich will Ihnen sagen, warum nicht, wenn meine Worte auch
ziemlich hart sein werden. Sehen Sie, meine Herren, Sie haben Ihr Geschäft
ganz gut gelernt, aber von der sozialen Entwicklung verstehen Sie gar
nichts. Sie befinden sich mitten in einem Übergangsstadium der
wirtschaftlichen Entwicklung, aber die verstehen Sie nicht und daher kommt
Ihre ganze Verwirrung. Warum Sie nicht zurückkehren werden? Weil sie es
nicht können. Sie können den Fluss nicht bergauf fließen lassen, und
Sie können die Flut der wirtschaftlichen Entwicklung nicht in den Kanal
zurückleiten, aus dem sie gekommen ist. Josua ließ die Sonne über
Gibeon stillstehen, aber Sie wollen Josua noch übertreffen. Sie wollen
die Sonne am Himmel rückwärts gehen lassen. Sie wollen, dass die Zeit
vom Abend zum Morgen zurückgeht.
Angesichts
der arbeitersparenden Maschinen, der organisierten Produktion, des durch
Zusammenschluss erhöhten Unternehmungsgeistes, wollen Sie die
wirtschaftliche Sonne um eine volle Generation oder noch mehr in jene
Zeiten zurückversetzen, da es keine Großkapitalisten, keine großen
Maschinen, keine Eisenbahnen gab — in die Zeit, da eine Schar kleiner
Kapitalisten sich gegenseitig bekämpfte und die Produktion primitiv,
zeitraubend, kostspielig und nicht organisiert war. Glauben Sie mir, Josua
hatte es leichter, und dazu half ihm Jehova. Aber ihr Kleinkapitalisten
seid von Gott verlassen. Die Sonne der Kleinkapitalisten geht unter und
wird nie mehr aufgehen. Und Sie haben nicht einmal die Macht, sie
stillstehen zu lassen. Sie sind im Begriff, zugrunde zu gehen, und Sie
sind dazu verurteilt, ganz von der Oberfläche der Gesellschaft zu
verschwinden.
Das
ist der Gang der Entwicklung. Es ist das Wort Gottes. Die Trusts sind stärker
als der freie Wettbewerb. Der Urmensch war ein furchtsames Geschöpf, das
sich in Felsspalten verkroch. Aber er schloss sich zu Horden zusammen und
bekriegte seine fleischfressenden Feinde. Es waren Tiere, die sich
gegenseitig bekämpften. Der Urmensch war ein Gesellschaftstier, und das
war der Grund, dass er die Herrschaft über die anderen Tiere errang. Und
der Mensch schuf immer größere Verbände, fest gefügte Organisationen
gegen den freien Wettbewerb. Es ist ein Kampf von tausend Jahrhunderten,
in denen der freie Wettbewerb immer wieder geschlagen wurde. Wer sich auf
die Seite des freien Wettbewerbs stellt, geht zugrunde.«
»Aber
die Trusts sind doch selbst aus dem freien Wettbewerb hervorgegangen«,
unterbrach ihn Herr Calvin.
»Sehr
richtig«, antwortete Ernst. »Und die Trusts haben selbst den freien
Wettbewerb unterbunden. Daher sind Sie, Herr Calvin, nach Ihrer eigenen
Aussage, nicht mehr Molkereibesitzer.«
Das
erste Lachen an diesem Abend erklang am Tische, und selbst Herr Calvin
stimmte ein.
»Und
da wir gerade einmal bei den Trusts sind«, fuhr Ernst fort, »so lassen
Sie uns ein paar Tatsachen feststellen. Ich werde einige Behauptungen
machen, und wenn Sie nicht mit mir übereinstimmen, so sprechen Sie.
Stillschweigen bedeutet Zustimmung. — Stimmt es nicht, dass ein
mechanischer Webstuhl schneller und billiger arbeitet als ein
Handwebstuhl?« Er hielt inne, aber niemand widersprach ihm. »Ist es dann
nicht sehr unvernünftig, die Maschine zu stürmen und zu der mühsamen
und kostspieligen Methode der Handweberei zurückzukehren?« Man nickte
zustimmend mit dem Kopfe. »Finden Sie nicht, dass die unter dem Namen
Trust bekannte Organisation wirksamer und Billiger arbeitet als tausend
miteinander konkurrierende kleine Gesellschaften?« Niemand hatte etwas
einzuwenden. »Ist es dann nicht unvernünftig, diese billigen und
wirksamen Organisationen zu vernichten?«
Lange
antwortete niemand. Dann ergriff Herr Kowalt das Wort:
»Was
sollen wir denn tun?« fragte er. »Die Vernichtung der Trusts ist das
einzige Mittel für uns, ihrer Herrschaft zu entrinnen.«
Ernst
war sofort Feuer und Flamme.
»Ich
werde Ihnen einen ändern Weg zeigen«, rief er. »Wir wollen diese
wundervollen Maschinen, die so wirksam und billig arbeiten, nicht zerstören.
Wir wollen Sie beaufsichtigen. Wir wollen Nutzen aus ihrer Wirksamkeit und
Billigkeit ziehen. Lassen Sie sie für uns selbst laufen. Lassen Sie uns
die gegenwärtigen Besitzer dieser vorzüglichen Maschinen enteignen und
selbst die Maschinen in Besitz nehmen. Das, meine Herren, ist Sozialismus,
eine umfassendere Vereinigung als die Trusts, eine höhere wirtschaftliche
und soziale Organisation, als die Erde sie je gesehen hat. Das ist die
Entwicklungslinie. Wir begegnen der Organisation mit einer noch höheren
Organisation. Das schafft uns den Sieg. Kommen Sie herüber zu uns
Sozialisten und kämpfen Sie auf der Seite der Sieger.«
Jetzt
erhob sich Widerspruch. Man schüttelte die Köpfe, und Murren wurde hörbar.
»Also
schön, Sie ziehen es vor, Anachronisten zu sein«, Ernst lachte. »Sie
wollen lieber atavistische Rollen spielen. Aber wie alle Atavisten, sind
auch Sie dem Untergang geweiht. Haben Sie sich gefragt, was aus Ihnen
werden soll, wenn noch größere Verbände als die gegenwärtigen Trusts
entstehen? Haben Sie je überlegt, was Sie tun werden, wenn die großen
Trusts selbst in dem Verband der Verbände, dem sozialen, wirtschaftlichen
und politischen Trust — aufgehen?« Er wandte sich plötzlich an Herrn
Calvin.
»Habe
ich nicht recht? Sie fühlen den Drang, eine neue politische Partei zu gründen,
weil die alte Partei in der Gewalt der Trusts ist. Das größte Hindernis
für Ihre Bauernpropaganda sind die Trusts. Hinter jedem Hindernis, dem
Sie begegnen, in jedem Schlag, der Sie trifft, in jeder Niederlage, die
Sie erleiden, spüren Sie ihre Hand. Stimmt das nicht? Antworten Sie mir.«
Herr
Calvin hüllte sich in ein unbehagliches Schweigen.
»Bitte«,
ermutigte Ernst ihn.
»Es
ist wahr«, gestand Herr Calvin, »wir brachten in der Regierung von
Oregon ein glänzendes Schutzgesetz gegen die Trusts durch, aber der
Gouverneur, eine Kreatur der Trusts, legte sein Veto ein. Wir wählten
einen Gouverneur für Colorado, aber er durfte sein Amt nicht antreten.
Zweimal brachten wir eine staatliche Einkommensteuer durch, und beide Male
verwarf sie der oberste Gerichtshof als verfassungswidrig. Die Gerichtshöfe
befinden sich in den Händen der Trusts. Wir, das Volk, bezahlen unsere
Richter unzureichend. Aber es wird eine Zeit kommen —«
»Da
die Trusts in ihrer Gesamtheit die ganze Gesetzgebung kontrollieren und
selbst die Regierung sein werden«, unterbrach ihn Ernst.
»Niemals!
Niemals!« hieß es. Alle waren aufgeregt und kampfbereit.
»Sagen
Sie mir«, fragte Ernst, »was werden Sie tun, wenn diese Zeit kommt?«
»Wir
werden uns aus aller Kraft dagegen stemmen«, rief Herr Asmunsen, und alle
stimmten ihm bei.
»Das
würde Bürgerkrieg heißen«, warnte Ernst sie.
»Dann
mag es Bürgerkrieg sein«, antwortete Herr Asmunsen, und alle Anwesenden
riefen ihren Beifall.
»Wir
haben die Taten unserer Vorfahren nicht vergessen. Wir sind bereit, für
unsere Freiheit zu kämpfen und zu sterben.«
Ernst
lächelte und sagte: »Vergessen Sie nicht, wir sind stillschweigend übereingekommen,
dass in Ihrem Falle, meine Herren, Freiheit heißt, aus den ändern
Profite herauszupressen .«
Jetzt
war die Tafelrunde aufgebracht und zornig, aber Ernst beschwichtigte den
Tumult und verschaffte sich Gehör.
»Noch
eine Frage. Wenn Sie sich unter Anwendung von Gewalt erheben, dann
erinnern Sie sich bitte: die Ursache Ihrer Erhebung wird sein, dass die
Regierung sich in den Händen der Trusts befindet. Daher wird die
Regierung Ihnen die reguläre Armee, die Flotte, die Miliz, die Polizei,
kurz, die ganze organisierte Kriegsmacht der Vereinigten Staaten
entgegenstellen. Wo bleiben Sie dann?«
Schrecken
prägte sich auf ihren Gesichtern aus, und ehe sie sich erholen konnten,
fuhr Ernst fort:
»Erinnern
Sie sich, dass unsere reguläre Armee vor nicht langer Zeit nur fünfzigtausend
Mann betrug? Von Jahr zu Jahr wuchs sie, und heute ist sie
dreihunderttausend Mann stark.«
Er
holte zu einem neuen Schlage aus.
»Das
ist noch nicht alles. Während Sie eifrig Ihrem Lieblingsphantom, dem
Profit, nachjagen und moralistische Betrachtungen über Ihren angebeteten
Götzen, den freien Wettbewerb, anstellen, haben die Trusts weit größere
und schrecklichere Dinge vollbracht. Denken Sie an die Miliz.«
»Sie
ist unsere Stärke«, rief Herr Kowalt. »Mit ihr schlagen wir die reguläre
Armee.«
»Sie
werden selbst in die Miliz eingereiht werden«, erwiderte Ernst. »Und man
wird Sie nach Maine oder nach Florida oder nach den Philippinen oder sonst
irgendwohin schicken, um Ihre eigenen Kameraden, die um der Freiheit
willen im Bürgerkriege stehen, umzubringen. Unterdessen werden Ihre
Kameraden aus Wisconsin oder Kansas oder irgendeinem ändern Staate zur
Miliz eingezogen und nach Kalifornien geschickt, um hier Ihre Kameraden
umzubringen.«
Jetzt
waren sie wirklich erschüttert, sie saßen wortlos da, bis Herr Owen
schließlich murmelte:
»Wir
werden nicht zur Miliz gehen. So verrückt werden wir nicht sein.«
Ernst
lachte hell auf.
»Sie
kennen die zustande gekommene Verquickung nicht, Sie haben keinen Ausweg.
Sie werden in die Miliz geschleift werden.«
»Es
gibt noch etwas wie ein Zivilrecht«, beharrte Herr Owen.
»Nicht,
wenn die Regierung das Zivilrecht aufhebt. An dem Tage, an dem Sie davon
reden, sich zu erheben, wird man Ihre eigene Macht gegen Sie ausspielen.
Sie müssten zur Miliz, ob Sie wollen oder nicht. >Habeas corpus< höre
ich einen murmeln. Statt >habeas corpus« würde es für Sie >post
mortem< geben. Wenn Sie den Eintritt in die Miliz oder nach Ihrem
Eintritt den Gehorsam verweigerten, würde man Sie vor ein Kriegsgericht
stellen und wie Hunde niederknallen. Das ist das Gesetz.«
»Das
ist das Gesetz nicht«, behauptete Herr Calvin mit Bestimmtheit. »Ein
solches Gesetz gibt es nicht, junger Mann, Sie träumen. Sie sprechen von
einer Verwendung der Miliz auf den Philippinen. Aber das ist
verfassungswidrig. Die Verfassung sagt ausdrücklich, dass die Miliz nie
außer Landes geschickt werden darf.«
»Was
hat die Verfassung damit zu tun?« fragte Ernst. »Die Gerichtshöfe legen
die Verfassung aus, und die Gerichtshöfe sind, wie Herr Asmunsen mir bestätigt
hat, Kreaturen der Trusts. Außerdem ist es Gesetz, wie ich gesagt habe;
schon seit Jahren, meine Herren, seit neun Jahren.«
»Dass
wir zur Miliz ausgehoben werden können?« fragte Herr Calvin ungläubig.
»Dass man uns im Weigerungsfalle durch ein Kriegsgericht erschießen könnte?«
»Ja«,
erwiderte Ernst, »eben das.«
»Wie
kommt es denn, dass wir nie etwas von diesem Gesetz gehört haben«,
fragte mein Vater, und ich merkte, dass es auch für ihn neu war.
»Aus
zwei Gründen«, sagte Ernst. »Erstens war es nicht notwendig, es den
Leuten besonders einzuschärfen. Sie hätten es immer noch früh genug
erfahren. Und zweitens wurde das Gesetz heimlich, eilig und eigentlich
ohne tatsächliche Diskussion durch Kongress und Senat verabschiedet.
Natürlich
brachten die Zeitungen nichts darüber. Aber wir Sozialisten wussten es.
Wir veröffentlichten es in unseren Blättern. Aber die lesen Sie ja nie.«
»Ich
glaube immer noch, dass Sie träumen«, sagte Herr Calvin hartnäckig. »Das
hätte das Land nie zugegeben.«
»Aber
das Land hat es zugegeben«, erwiderte Ernst. »Und was das anbetrifft,
dass ich träume«, er fuhr mit der Hand in die Tasche und zog eine kleine
Broschüre heraus, »— so sagen Sie mir bitte, ob das wie ein
Traumgebilde aussieht?«
Er
schlug das Heft auf und las:
»Paragraph
eins, wird verfügt und so weiter und so weiter, dass die Miliz aus allen
diensttauglichen kräftigen Männern der respektiven Staaten, Territorien
und des Distrikts von Kolumbia bestehen soll, welche ein Alter von über
achtzehn und unter fünfundvierzig Jahren haben.
Paragraph
sieben, dass jeder Offizier oder in die Liste eingetragene Mann — denken
Sie an Paragraph eins — meine Herren, Sie sind alle in die Liste
eingetragen —, dass jeder eingetragene Mann der Miliz, der sich weigert
oder es versäumen sollte, sich bei einer der oben näher bezeichneten
Musterungen zu erscheinen, vor ein Kriegsgericht gestellt und von einem
solchen Kriegsgericht unmittelbar bestraft werden soll.
Paragraph
acht, dass diese Kriegsgerichte nur aus Milizoffizieren zu bestehen haben.
Paragraph
neun, dass die Miliz, wenn sie zum Kriegsdienst der Vereinigten Staaten
einberufen wird, den gleichen Gesetzen und Kriegsartikeln unterstehen soll
wie die reguläre Armee.
Da
haben Sie es, meine Herren, amerikanische Bürger und Milizgenossen. Vor
neun Jahren glaubten wir Sozialisten, dass das Gesetz sich nur gegen die
Arbeiter richtete. Jetzt aber will mir scheinen, dass es sich auch gegen
Sie richtet. In der kurzen Diskussion, die zugelassen wurde, sagte der
Abgeordnete Wiley, dass dieses Gesetz >als eine Art Reserve vorgesehen
sei, um den Mob an der Gurgel zu packen< — der Mob sind Sie, meine
Herren — >sowie als Schutz gegen alle Wechselfälle des Lebens, der
Freiheit und des Eigentums<. Und wenn die Zeit einmal kommen wird, da
Sie sich erheben werden, so denken Sie daran, dass es gegen das Eigentum
der Trusts geht und gegen die Erlaubnis der Trusts, Sie im Einklang mit
dem Gesetz auszupressen. Man hat Ihnen die Zähne ausgebrochen, meine
Herren. Man hat Ihnen die Krallen gestutzt. An dem Tage, an dem Sie sich,
ohne Zähne und Krallen, erheben, werden Sie so harmlos sein wie ein Heer
von Muscheln.«
»Ich
glaube es nicht!« rief Kowalt. »Ein solches Gesetz gibt es nicht. Das
ist eine von den Sozialisten erfundene Zeitungsente.«
»Das
Gesetz wurde am 30. Juli 1902 eingebracht, und zwar von Diek, dem
Abgeordneten von Ohio. Es wurde in aller Eile durchgepeitscht und am 14.
Januar 1903 vom Senat einstimmig angenommen. Und genau sieben Tage später
wurde es vom Präsidenten der Vereinigten Staaten genehmigt(4).«
(1)
Die Herabsetzung des Verkaufspreises bis zum Einkaufspreis und selbst
darunter. Große Geschäfte konnten einen derartigen verlustreichen
Verkauf länger ertragen als kleine und entledigten sich auf diese Weise
manches Konkurrenten. Eine allgemein übliche Art des Wettbewerbs.
(2)
In dieser Periode wurden viele Anstrengungen gemacht, die Bauern, denen es
von Tag zu Tag schlechter ging, in einer politischen Partei zu
organisieren, deren Ziel es war, die Trusts und ähnliche Körperschaften
durch strenge Gesetzgebung zu vernichten. Alle solchen Versuche mussten
mit einem Fehlschlage enden.
(3)
Der erste erfolgreiche große Trust, der fast ein Menschenalter vor den ändern
gegründet wurde.
(4)
Everhard hatte im wesentlichen recht, wenn er sich auch in den Daten
irrte. Das Gesetz wurde nicht am 30. Juli, sondern am 30. Juni
eingebracht. Der Kongressbericht befindet sich hier in Ardis, und wenn man
ihn einsieht, findet man folgende Daten bezüglich dieses Gesetzes: 30.
Juni, 9., 5., und 17. Dezember 1902, sowie 7. und 14. Januar 1903. Die
Unwissenheit der Geschäftsleute, die sich an dem Abend offenbarte, war
nichts Ungewöhnliches. Nur wenige Menschen kannten die Existenz dieses
Gesetzes. E. Untermann, ein Revolutionär, veröffentlichte im Juni 1903
ein Pamphlet gegen Girard, Kansas, über das »Milizgesetz«. Das Pamphlet
wurde fast nur in Arbeiterkreisen gelesen; soweit war die Trennung der
Klassen schon vorgeschritten, dass der Mittelstand überhaupt nichts davon
hörte und so in Unwissenheit über das Gesetz blieb.
Die
Mathematik eines Traumes
Die
durch seine Enthüllungen verursachte Bestürzung hatte sich noch nicht
gelegt, als Ernst fortfuhr:
»Eine
ganze Reihe von Ihnen hat heute abend behauptet, dass Sozialismus etwas
Unmögliches sei. Sie haben seine Unmöglichkeit verfochten, und jetzt
lassen Sie mich Ihnen seine Unvermeidlichkeit darlegen. Es ist nicht nur
unvermeidlich, dass Sie, die Kleinkapitalisten, untergehen, auch der
Untergang der Großkapitalisten und der Trusts ist unvermeidlich.
Vergessen Sie nicht, dass die Flut der Entwicklung nie rückwärts fließt.
Sie fließt immer weiter, vom freien Wettbewerb zum Verband, vom kleinen
Verband zum großen, vom großen zum riesigen, und sie ergießt sich
schließlich in den Sozialismus, den riesigsten aller Verbände.
Sie
sagen, dass ich träume. Schön. Ich werde Ihnen die Mathematik meines
Traumes darlegen; und ich fordere sie von vornherein auf, mir zu beweisen,
dass meine Mathematik nicht stimmt. Ich werde Ihnen zeigen, dass der
Zusammenbruch des kapitalistischen Systems unvermeidlich ist, und ich
werde die Unvermeidlichkeit dieses Zusammenbruchs mathematisch beweisen.
Ich beginne, und bitte Sie nur, etwas Geduld mit mir zu haben, wenn ich
anfangs ein wenig weitschweifig bin.
Lassen
Sie uns zunächst einmal einen einzelnen Industriezweig ins Auge fassen,
und wenn ich irgend etwas behaupten sollte, mit dem Sie nicht übereinstimmen,
so bitte ich Sie, mich zu unterbrechen. Nehmen wir eine Schuhwarenfabrik.
Diese Fabrik kauft Leder und verarbeitet es zu Schuhen.
Sagen
wir, es wären für hundert Dollar Leder. Es geht durch die Fabrik und
kommt in Form von Schuhen wieder heraus, die einen Wert von, sagen wir,
zweihundert Dollar haben. Der Wert des Leders hat sich also um hundert
Dollar vermehrt. Wie ist das gekommen? Lassen Sie uns sehen. Kapital und
Arbeit haben also den Wert um hundert Dollar gesteigert. Das Kapital
stellt die Fabrik, die Maschinen und kommt für alle Auslagen auf. Arbeit
liefert Arbeit. Durch vereinte Kraft von Kapital und Arbeit wurde der
Wertzuwachs von hundert Dollar geschaffen. Sind wir soweit einig? «
Die
Tafelrunde nickte zustimmend.
»Arbeit
und Kapital haben also diese hundert Dollar verdient, und nun gehen sie
daran, zu teilen. Die Statistiken dieser Teilung rechnen mit Brüchen: wir
wollen der Bequemlichkeit halber runde Zahlen nehmen. Das Kapital nimmt fünfzig
Dollar als seinen Anteil, und die Arbeit erhält fünfzig Dollar in Lohn
als ihren Anteil. Wir wollen hier nicht auf die Streitigkeiten bezüglich
der Teilung eingehen(1) . Wie sehr man sich auch streiten
mag, zu irgendeinem Prozentsatz muss die Teilung doch vorgenommen werden.
Und bedenken Sie, dass das, was für diesen einen Industriezweig in Frage
kommt, auch für alle ändern Fabrikationszweige zutrifft. Habe ich recht?«
Wieder
nickte der ganze Tisch zustimmend.
»Und
nun setzen wir den Fall, dass die Arbeit, die ihre fünfzig Dollar
erhalten hat, ihrerseits Schuhe kaufen wollte.
Sie
kann das nur im Wert von fünfzig Dollar. Das ist klar, nicht wahr?
Und
nun nehmen wir statt dieses einzelnen Zweiges die ganze Summe aller
industriellen Zweige in den Vereinigten Staaten, die die Herstellung des
Leders selbst, die Lieferung der Rohstoffe, den Transport und den Verkauf,
kurz, alles einschließen. Nehmen wir, um eine runde Summe zu nennen, an,
dass die Gesamtproduktion an Sachwerten in den Vereinigten Staaten vier
Milliarden Dollar jährlich beträgt. In derselben Zeit hat die Arbeit
einen Lohn von zwei Milliarden Dollar erhalten. Vier Milliarden sind
produziert worden. Wie viel kann die Arbeit hiervon zurückkaufen? Zwei
Milliarden. Darüber kann es keine Meinungsverschiedenheit geben, das ist
sicher. Im übrigen ist der Teilungssatz, den ich angenommen habe, sehr
hoch, denn in Tausenden von kapitalistischen Unternehmungen kann die
Arbeit bei weitem nicht die Hälfte der Gesamtproduktion zurückkaufen.
Wir wollen aber annehmen, dass die Arbeit zwei Milliarden zurückkaufen
kann. Das heißt, dass die Arbeit nur zwei Milliarden verbrauchen kann.
Wir müssen also mit zwei Milliarden rechnen, die die Arbeit nicht zurückkaufen
und verbrauchen kann.«
»Die
Arbeit verbraucht ihre zwei Milliarden nicht«, unterbrach ihn Herr
Kowalt. »Täte sie es, dann gäbe es keine Ersparnisse in den Sparkassen.«
»Die
Ersparnisse der Arbeit in den Sparkassen sind nur eine Art Reservefonds,
der ebenso schnell wieder verbraucht wird, wie er sich anhäuft. Die
Ersparnisse sind für Alter, Krankheit und unvorhergesehene Fälle sowie für
Begräbniskosten gemacht. Sie sind einfach ein Stück Brot, das man wieder
in den Schrank gelegt hat, um es erst am nächsten Tage zu essen. Nein,
die Arbeit verbraucht alles, was ihr Lohn von der Produktion zurückkauft.
Zwei
Milliarden verbleiben dem Kapital. Verbraucht das Kapital, nachdem es alle
seine Ausgaben bestritten hat, den Rest? Verbraucht das Kapital seine
ganzen zwei Milliarden? «
Ernst
hielt inne und richtete die Frage an verschiedene Herren. Sie schüttelten
die Köpfe.
»Ich
weiß es nicht«, sagte einer von ihnen freimütig.
»Natürlich
wissen Sie es«, fuhr Ernst fort. »Denken Sie einen Augenblick nach. Wenn
das Kapital seinen Anteil verbrauchte, könnte die Gesamtsumme des
Kapitals nicht wachsen. Sie würde konstant bleiben. Wenn Sie die ökonomische
Geschichte der Vereinigten Staaten betrachten wollen, werden Sie sehen,
dass die Gesamtsumme des Kapitals beständig gewachsen ist. Das heißt,
dass das Kapital seinen Anteil nicht verbraucht. Erinnern Sie sich noch
der Zeit, als England einen großen Teil unserer Eisenbahnaktien besaß?
Mit den Jahren kauften wir diese Aktien zurück. Was heißt das? Dass der
unverbrauchte Teil des Kapitals die Aktien zurückkaufte. Was bedeutet die
Tatsache, dass heute die Kapitalisten der Vereinigten Staaten Hunderte und
aber Hunderte von Millionen Dollar in mexikanischen, russischen und
griechischen Aktien besitzen? Das bedeutet, dass diese Hunderte und aber
Hunderte Millionen von ihrem Kapitalanteil nicht verbraucht wurden. Seit
Beginn des kapitalistischen Systems hat das Kapital seinen Anteil nie völlig
verbraucht.
Und
nun kommen wir zur Hauptsache. Vier Milliarden Werte werden jährlich in
den Vereinigten Staaten produziert. Hiervon kauft die Arbeit zwei
Milliarden zurück und verbraucht sie. Das Kapital verbraucht die ihm
verbleibenden zwei Milliarden nicht. Es verbleibt also ein großer,
unverbrauchter Überschuss. Und was geschah mit diesem Überschuss? Was
geschieht mit ihm? Die Arbeit kann nichts davon verbrauchen, denn sie hat
ihren Lohn ja bereits ausgegeben. Das Kapital verbraucht diesen Überschuss
ebenfalls nicht, weil es naturgemäß soviel, wie es konnte, verbraucht
hat. Aber der Überschuss ist noch da. Was kann damit geschehen? Was ist
damit geschehen?« »Er geht ins Ausland«, meinte Herr Kowalt. »Sehr
richtig«, stimmte Ernst ihm zu. »Dieser Überschuss verursacht unsern
Bedarf an ausländischen Abnehmern. Er wird exportiert. Er muss exportiert
werden. Es gibt keine andere Möglichkeit, ihn loszuwerden. Und dieser
unverbrauchte und exportierte Überschuss wird zu dem, was wir unsere günstige
Handelsbilanz nennen. Sind wir soweit einig?«
»Es
dürfte Zeitverschwendung sein, uns dieses Abc des Handels
auseinanderzusetzen«, sagte Herr Calvin mürrisch. »Das verstehen wir
alle.«
»Und
gerade durch dieses Abc, das ich Ihnen so genau auseinandergesetzt habe,
werde ich Sie aufrütteln!« erwiderte Ernst. »Das ist das Schöne daran.
Und ich fange jetzt gleich an.
Die
Vereinigten Staaten sind ein kapitalistisches Land, das seine Hilfsquellen
aufgeschlossen hat. Zufolge seinem kapitalistischen System in der
Industrie hat es unverbrauchte Überschüsse, die es abstoßen muss, und
zwar ins Ausland(2). Und was von den Vereinigten Staaten
gilt, gilt von jedem kapitalistischen Staate mit erschlossenen
Hilfsquellen. Jedes dieser Länder hat einen unverbrauchten Überschuss.
Vergessen Sie nicht, dass sie schon miteinander Handel getrieben haben,
und dass diese Überschüsse doch geblieben sind. Die Arbeit in allen
diesen Ländern hat ihre Löhne ausgegeben und kann von dem Überschuss
nichts kaufen. Das Kapital in allen diesen Ländern hat auch schon
verbraucht, was es ausgeben konnte. Und immer bleiben noch Überschüsse.
Gegenseitig können diese Länder sich die Überschüsse nicht verkaufen.
Wie werden sie sie also los?«
»Sie
verkaufen sie an Länder mit unerschlossenen Hilfsquellen«, meinte Herr
Kowalt.
»Sehr
richtig. Sehen Sie, meine Beweisführung ist so klar und einfach, dass Sie
sie selbst in Ihren Gedanken weiterführen. Und weiter. Gesetzt, die
Vereinigten Staaten verkauften ihren Überschuss an ein Land mit
unerschlossenen Hilfsquellen. Sagen wir, Brasilien. Was erhielten nun die
Vereinigten Staaten von Brasilien als Gegenwert?«
»Gold«,
sagte Herr Kowalt.
»Aber
es gibt nur soundso viel Gold auf der Welt, und nicht allzu viel«, warf
Ernst ein.
»Gold
in Gestalt von Sicherheiten, Aktien und so weiter«, ergänzte Herr
Kowalt.
»Da
haben Sie's«, sagte Ernst. »Die Vereinigten Staaten erhalten von
Brasilien als Gegenwert Aktien und Sicherheiten. Und was bedeutet das? Das
bedeutet, dass die Vereinigten Staaten dann Besitzer von Eisenbahnen,
Fabriken, Bergwerken und Ländereien in Brasilien sein werden. Und was
bedeutet das wiederum?«
Herr
Kowalt überlegte und schüttelte den Kopf.
»Ich
will es Ihnen sagen«, fuhr Ernst fort. »Das bedeutet, dass die
Hilfsquellen von Brasilien erschlossen werden. Und nun weiter. Wenn
Brasilien unter dem kapitalistischen System seine Hilfsquellen erschlossen
hat, wird es selbst einen unverbrauchten Überschuss haben. Kann es diesen
Überschuss an die Vereinigten Staaten loswerden? Nein, denn die
Vereinigten Staaten haben selbst einen Überschuss. Können die
Vereinigten Staaten ihren Überschuss an Brasilien loswerden wie bisher?
Nein, denn jetzt hat Brasilien einen Überschuss.
Was
geschieht nun? Die Vereinigten Staaten und Brasilien müssen sich andere Länder
mit unerschlossenen Hilfsquellen suchen, um ihren Überschuss an sie
abzugeben. Und wenn das geschieht, werden auch diese Länder ihre
Hilfsquellen erschließen, dann bekommen auch sie Überschüsse und suchen
sich ihrerseits wieder Absatzgebiete in anderen Ländern. Jetzt, meine
Herren, passen Sie auf. Unser Planet hat nur eine bestimmte Größe. Es
gibt nur soundsoviel Länder auf der Welt. Was geschieht, wenn alle Länder
der Welt, selbst das kleinste und letzte, mit einem Überschuss in der
Hand allen anderen Ländern, die ebenfalls Überschüsse haben, gegenüberstehen?«
Er
machte eine Pause und sah die Zuhörer an. Die Bestürzung in ihren Mienen
war belustigend. Aber auch Schrecken lag in ihnen. Durch abstrakte
Begriffe hatte Ernst eine Vision beschworen. Und jetzt, da sie sie sahen,
wurden sie von Schrecken gepackt.
»Wir
sind vom Abc ausgegangen, Herr Calvin«, sagte Ernst listig. »Ich habe
Ihnen jetzt das ganze Alphabet hergesagt. Es ist sehr einfach. Das ist das
Schöne daran. Sie haben gewiss die Antwort bereit. Also bitte, wenn jedem
Land der Erde ein unverbrauchter Überschuss bleibt, wo bleibt dann Ihr
kapitalistisches System?«
Aber
Herr Calvin schüttelte ärgerlich den Kopf. Er überlegte
augenscheinlich, in der Hoffnung, einen Irrtum in Ernsts Beweisführung zu
finden.
»Wir
wollen die Sache noch einmal kurz durchsprechen«, sagte Ernst. »Wir
gingen von einem einzelnen Industriezweig, der Schuhwarenfabrikation, aus.
Wir sahen, dass die Produktionsteilung dort der aller anderen
industriellen Betriebe ähnelt. Wir sahen, dass die Arbeit mit ihrem Lohn
nur einen gewissen Teil der Produktion zurückkaufen konnte, und dass das
Kapital den ihm verbleibenden Anteil nicht ganz aufbrauchte. Wir sahen,
dass immer noch ein unverbrauchter Überschuss blieb, nachdem die Arbeit
ihren ganzen Lohn, und das Kapital alles, was es benötigte, verbraucht
hatte. Wir wurden uns darüber einig, dass dieser Überschuss nur an das
Ausland abgesetzt werden konnte, dass infolgedessen die Hilfsquellen
dieses Landes aufgeschlossen wurden und dieses Land binnen kurzem selbst
einen unverbrauchten Überschuss haben musste. Wir dehnten diesen Vorgang
auf alle Länder der Erde aus, bis jedes Land jährlich und täglich einen
unverbrauchten Überschuss produzierte, den es nicht mehr an das Ausland
absetzen konnte. Und nun frage ich Sie noch einmal: Was fangen wir mit
diesem Überschuss an?«
Noch
immer antwortete niemand.
»Herr
Calvin?« fragte Ernst.
»Das
geht über meinen Horizont«, gestand Herr Calvin.
»Ich
habe mir solche Dinge nie träumen lassen«, sagte Herr Asmunsen. »Und
jetzt scheinen sie mir so klar wie gedruckt .«
Zum
ersten Mal hörte ich nun die Auslegung der Lehre Marx(3)
vom Mehrwert; Ernst entwickelte sie, und zwar so einfach, dass auch ich
bestürzt und wie vom Donner gerührt dasaß.
»Ich
will Ihnen sagen, wie Sie den Überschuss loswerden können«, fuhr Ernst
fort. »Werfen Sie ihn ins Meer. Werfen Sie jedes Jahr Hunderte von
Millionen Dollar in Schuhen, in Weizen , in Kleidern, in sämtlichen
Handelsartikeln ins Meer. Wäre das nicht eine Lösung?«
»Zweifellos«,
antwortete Herr Calvin. »Aber es ist abgeschmackt von Ihnen, so zu reden.«
Ernst
wandte sich blitzschnell gegen ihn.
»Ist
es auch nur im geringsten abgeschmackter als das, was Sie Maschinenstürmer
reden, wenn Sie die Rückkehr zu den vorsintflutlichen Methoden Ihrer
Vorfahren fordern? Welche Vorschläge machen Sie, um die Überschüsse
loszuschlagen? Sie würden der ganzen Frage einfach aus dem Wege gehen,
indem Sie keinen Überschuss produzierten. Aber wie wollen Sie den Überschuss
vermeiden: durch Rückkehr zu einer primitiven Produktionsweise, die so
verworren, unordentlich und vernunftswidrig, so zeitraubend und
kostspielig ist, dass es unmöglich wäre, einen Überschuss zu
produzieren !«
Herr
Calvin schluckte. Der Hieb saß. Er schluckte mehrmals und räusperte
sich.
»Sie
haben recht«, sagte er. »Ich bin geschlagen. Es ist abgeschmackt. Aber
wir müssen etwas tun. Für uns vom Mittelstand ist es eine Frage auf
Leben und Tod. Wir wollen nicht zugrunde gehen. Lieber wollen wir
abgeschmackt sein und zu der sicher rohen, primitiven und unökonomischen
Methode unserer Vorfahren zurückkehren. Wir wollen die Industrie auf das
Vor-Trust-Stadium zurückführen. Wir wollen die Maschinen stürmen. Und
was wollen Sie dagegen machen?«
»Aber
Sie können die Maschinen nicht stürmen«, erwiderte Ernst. »Sie können
die Flut der Entwicklung nicht rückwärts lenken. Ihnen stehen zwei Mächte
gegenüber, deren jede allein stärker ist als der Mittelstand. Die Großkapitalisten,
die Trusts verlegen Ihnen den Rückweg. Sie wollen nicht, dass die
Maschinen zerstört werden. Und größer noch als die Macht der Trusts ist
die der Arbeit. Sie erlaubt Ihnen nicht, die Maschinen zu stürmen. Die
Weltherrschaft, und mit ihr die Maschine, liegt zwischen Trust und Arbeit.
Dort ist die Schlachtfront. Auf keiner Seite will man die Vernichtung der
Maschinen, auf jeder Seite aber ihren Besitz. In diesem Kampf ist kein
Raum für den Mittelstand, der ist ein Zwerg zwischen zwei Riesen. Sie müssen
einsehen, dass Sie, die Angehörigen des armen, dem Untergang geweihten
Mittelstandes, zwischen zwei Mühlsteine gepresst sind, und dass das
Mahlen soeben begonnen hat.
Ich
habe Ihnen mathematisch bewiesen, dass der Zusammenbruch des
kapitalistischen Systems unvermeidlich ist. Wenn jedes Land mit einem
unverbrauchten und unverkäuflichen Überschuss in der Hand dasteht, wird
das kapitalistische System unter dem schrecklichen Profitgebäude
zusammenbrechen, das es selbst errichtet hat. Dann aber wird es für den
Mittelstand ganz unerträglich werden. Für die Vereinigten Staaten, für
die ganze Welt wird ein neues, gewaltiges Zeitalter anbrechen. Statt von
den Maschinen zermalmt zu werden, wird das Leben durch sie angenehmer, glücklicher
und schöner gestaltet werden. Sie vom untergegangenen Mittelstand und der
Arbeiter — es wird dann nur noch Arbeiter geben — Sie und alle
Arbeiter werden die Produkte der wunderbaren Maschinen gerecht verteilen.
Und wir alle werden neue und noch wunderbarere Maschinen bauen. Und es
wird keinen unverbrauchten Überschuss geben, weil es keinen Gewinn gibt.«
»Gesetzt
aber, in diesem Kampf um die Herrschaft über die Maschine und die Welt würden
die Trusts siegen?« fragte Herr Kowalt.
»Dann«,
antwortete Ernst, »werden Sie und die Arbeiter und wir alle von der
eisernen Ferse der unbarmherzigsten, furchtbarsten Despotismus, den die
Geschichte der Menschheit je gesehen hat, zermalmt werden. Diesen
Despotismus würde man treffend mit dem Namen >Die Eiserne Ferse<(4)
bezeichnen.«
Eine
lange Pause entstand, in der jeder sich ungewohnten, schweren Gedanken
hingab.
»Aber
Ihr Sozialismus ist ein Traum«, sagte Herr Calvin und wiederholte:
»Ein
Traum.«
»Dann
will ich Ihnen etwas zeigen, was kein Traum ist«, antwortete Ernst. »Und
dieses Etwas will ich Oligarchie nennen. Sie nennen es Plutokratie. Wir
meinen beide dasselbe: die Großkapitalisten oder die Trusts. Wir wollen
sehen, wer heute die Macht hat. Und zu diesem Zweck wollen wir die
Gesellschaft in Klassen einteilen.
Es
gibt drei große Klassen in der Gesellschaft. Erstens: die Plutokratie,
die sich aus reichen Bankiers, Eisenbahnmagnaten, Verbandsdirektoren und
Trustmagnaten zusammensetzt. Zweitens: den Mittelstand, Ihre Klasse, die
aus Landwirten, Kaufleuten, kleinen Fabrikanten und berufstätigen Leuten
besteht. Drittens und letztens: meine Klasse, das Proletariat, das aus
Lohnarbeitern zusammengesetzt ist(5).
Sie
können nicht leugnen, dass der Besitz heute eine wesentliche Macht in den
Vereinigten Staaten bedeutet. Wie ist der Besitz unter den drei Klassen
verteilt? Ich werde Ihnen Zahlen nennen. Die Plutokratie besitzt Werte für
siebenundsechzig Milliarden. Von sämtlichen gewerbetreibenden Menschen in
den Vereinigten Staaten gehören nur neun-zehntel Prozent der Plutokratie
an, aber siebzig Prozent des gesamten Reichtums sind in ihrem Besitz. Der
Mittelstand besitzt vierundzwanzig Milliarden. Neunundzwanzig Prozent der
berufstätigen Menschen gehören dem Mittelstand an, und ihr Anteil am
Gesamtvermögen beträgt fünfundzwanzig Prozent. Endlich das Proletariat.
Das besitzt vierzig Milliarden und stellt siebzig Prozent der arbeitenden
Bevölkerung. In seinem Besitz befinden sich vier Prozent der gesamten
Werte. Wer hat die Macht, meine Herren?«
»Nach
Ihren eigenen Angaben sind wir vom Mittelstand mächtiger als die Arbeiter«,
bemerkte Herr Asmunsen.
»Dass
Sie uns schwach nennen, macht Sie im Vergleich zur Macht der Plutokratie
nicht stärker«, gab Ernst zurück »Aber ich bin noch nicht fertig. Es
gibt eine größere Macht als Reichtum, größer deshalb, weil sie einem
nicht genommen werden kann. Unsere Stärke, die Stärke des Proletariats,
liegt in unseren Muskeln, in unseren Händen, die Stimmzettel abgeben, in
unseren Fingern, die Gewehre abdrücken können. Diese Stärke kann uns
nicht genommen werden. Es ist die Urkraft, die Kraft, die dem Leben
verwandt ist, die Kraft, die stärker ist als Reichtum, und die uns der
Reichtum nicht nehmen kann.
Ihre
Kraft aber ist entreißbar. Sie kann Ihnen genommen werden. Gerade jetzt
ist die Plutokratie dabei, es zu tun, und sie wird sie Ihnen schließlich
ganz nehmen. Und dann haben Sie aufgehört, Mittelstand zu sein. Sie
werden zu uns herabsteigen und Proletarier sein. Und das Beste dabei ist,
dass Sie dann unsere Kraft vermehren werden. Wir werden Sie als Brüder
begrüßen und Schulter an Schulter mit Ihnen für die Sache der
Menschheit kämpfen.
Sie
sehen, der Arbeiter hat nichts Konkretes, das man ihm nehmen kann. Sein
Anteil am Volksvermögen besteht aus Kleidern und Haushaltungsgegenständen;
in sehr seltenen Fällen hat er einmal ein eigenes Heim. Sie aber haben
konkrete Werte, vierundzwanzig Milliarden, und die will die Plutokratie
Ihnen wegnehmen. Natürlich besteht auch beim Proletariat ein starkes
Verlangen, sie Ihnen zu nehmen. Sie sind sich Ihrer Lage nicht klar, meine
Herren? Der Mittelstand ist ein schwaches kleines Lamm zwischen Löwen und
Tigern. Einer von beiden verschlingt sie. Und wenn die Plutokratie Sie
auch zuerst verschlingen sollte, nun, so ist es nur eine Frage der Zeit,
wann das Proletariat die Plutokratie verschlingen wird.
Ihr
gegenwärtiger Reichtum ist kein zuverlässiger Gradmesser für Ihre Macht
. Ihr Reichtum ist in diesem Augenblick nichts als eine leere Schale.
Deshalb lautet Ihr schwacher Kriegsruf: >Zurück zu den Methoden
unserer Väter !< Sie sind sich Ihrer Machtlosigkeit bewusst. Sie
wissen, dass Ihre Stärke eine leere Schale ist, und ich will Ihnen das
beweisen.
Welche
Macht haben die Landwirte? Mehr als fünfzig Prozent sind Sklaven
angesichts der Tatsache, dass sie nur Pächter oder tief verschuldet sind.
Und alle sind Sklaven angesichts der Tatsache, dass die Trusts alle Mittel
zum Vermarkten des Getreides, wie Speicher, Eisenbahnen, Elevatoren und
Dampferlinien, besitzen oder unter ihrer Kontrolle haben. Und noch mehr,
die Trusts kontrollieren den Markt selbst. Die Bauern haben gar keine
Macht in diesen Dingen. Über ihre politische Macht werde ich später
sprechen, und zwar werde ich dabei gleich über die politische Macht des
Mittelstandes reden.
Tag
für Tag pressen die Trusts die Landwirte aus, wie sie Herrn Calvin und
die übrigen Molkereibesitzer ausgepresst haben. Und Tag für Tag werden
die Kaufleute auf dieselbe Weise ausgepresst. Erinnern Sie sich, dass der
Tabaktrust in New York allein in sechs Monaten über vierhundert
Zigarrengeschäfte aufgesogen hat. Wo sind die einstigen Besitzer der
Kohlengruben? Sie wissen heute, ohne dass ich es Ihnen zu sagen brauche,
dass der Eisenbahntrust Anthrazitgruben und Asphaltfelder besitzt oder
kontrolliert. Besitzt der Standard Oil Trust(6) nicht an
zwanzig Ozeanlinien? Und steht nicht auch alles Kupfer unter seiner
Kontrolle, abgesehen vom Hüttentrust, einem kleinen Außenseiter?
Zehntausend Städte in den Vereinigten Staaten erhalten ihr Licht von
Gesellschaften, die im Besitz des Standard Oil Trusts sind oder unter
seiner Kontrolle stehen, und in ebenso vielen Städten befinden sich alle
elektrischen Verkehrsmittel — Straßenbahnen, Hochbahnen und
Untergrundbahnen — in seinen Händen. Die kleinen Kapitalisten, denen
diese Tausende von Unternehmungen gehörten, sind dahin. Das wissen Sie.
Und ebenso wird es Ihnen ergehen.
Dem
kleinen Fabrikanten ergeht es ebenso wie dem Landwirt; beide sind heute zu
Vasallen erniedrigt. Im übrigen sind heute alle Angehörigen freier
Berufe, alle Künstler, wenn auch nicht dem Namen nach, Leibeigene und die
Politiker Knechte. Warum arbeiten Sie, Herr Calvin, Tag und Nacht, um die
Bauern mit den übrigen Mitgliedern des Mittelstandes zu einer neuen,
politischen Partei zu vereinigen? Weil die Angehörigen der alten Partei
nichts mit Ihren atavistischen Ideen zu tun haben wollen. Und warum wollen
sie das nicht? Weil sie, wie ich sagte, Knechte und Vasallen der
Plutokratie sind.
Ich
nannte die Angehörigen der freien Berufe Leibeigene. Was sind sie denn
anderes? Sie alle, Professoren, Redakteure, Geistliche, behalten ihre
Stellungen nur, weil sie der Plutokratie dienstbar sind, und ihr Dienst
besteht darin, nur Ideen zu verbreiten, die der Plutokratie nichts
schaden, oder die sie fördern. Verbreiten sie Ideen, die für die
Plutokratie bedrohlich sind, so verlieren sie ihre Stellungen und steigen,
wenn sie nicht für schlechte Tage vorgesorgt haben, zum Proletariat
hinab, gehen entweder unter oder werden Agitatoren der arbeitenden Klasse.
Und vergessen Sie nicht, dass Presse, Kanzel und Universität die öffentliche
Meinung machen und das Denken des Volkes bestimmen. Die Künstler wiederum
schmeicheln fast ausschließlich dem vulgären Geschmack der Plutokratie.
Alles
in allem aber ist der Reichtum an sich gar nicht die wirkliche Macht; er
ist nur das Mittel dazu, die Macht selbst ist die Regierung. Wer aber
beaufsichtigt heute die Regierung? Das Proletariat mit seinen zwanzig
Millionen Arbeitnehmern? Selbst Sie lachen über diesen Gedanken. Der
Mittelstand mit seinen acht Millionen tätigen Mitgliedern? Nein, nicht
mehr als das Proletariat. Wer kontrolliert also die Regierung? Die
Plutokratie mit ihrer knappen Viertelmillion tätiger Mitglieder. Aber
auch diese Viertelmillion kontrolliert die Regierung, nicht, wenn sie auch
wirksame Beihilfe dazu leistet. Es ist das Hirn der Plutokratie, das die
Regierung kontrolliert. Und dieses Hirn besteht aus sieben(7)
kleinen, aber mächtigen Gruppen. Und vergessen Sie nicht, dass diese
Gruppen heute wirklich gemeinsam arbeiten.
Lassen
Sie uns nur eine einzige dieser Eisenbahngruppen herausgreifen und ihre
Macht betrachten. Sie beschäftigt vierzigtausend Rechtsanwälte, um das
Volk zu entrechten. Sie verschenkt ungezählte Tausende von Fahrkarten an
Richter, Bankiers, Redakteure, Minister, Akademiker und Mitglieder der
gesetzgebenden Körperschaften und des Kongresses. Sie unterhält in der
Hauptstadt eines jeden Staates sowie in der Landeskapitale üppig
eingerichtete Lobbys(8) Und in allen ändern größeren
und kleineren Städten des Landes beschäftigt sie eine ungeheure Armee
von Winkeladvokaten und kleinen Politikern, deren Aufgabe es ist,
Parteitagungen beizuwohnen, Versammlungen einzuberufen, sich zu
Geschworenen machen zu lassen, Richter zu bestechen und in jeder Weise die
Interessen der Gruppe zu vertreten(9).
Meine
Herren, ich habe nur die Macht einer von den sieben Gruppen flüchtig
skizziert, die das Hirn der Plutokratie(10) bilden. Ihre
vierundzwanzig Milliarden Werte verleihen Ihnen nicht für fünfundzwanzig
Cents Einfluss auf die Regierung. Ihr Reichtum ist nur eine leere Schale,
und auch die wird man Ihnen bald wegnehmen. Die Plutokratie hat heute alle
Macht in Händen. Sie gibt die Gesetze, denn sie hat den Senat, den
Kongress, die Gerichte, und die gesetzgebenden Körperschaften in ihrer
Gewalt. Und nicht allein das. Hinter dem Gesetz muss die Macht stehen, es
zur Ausführung zu bringen. Die Plutokratie gibt heute die Gesetze, und zu
ihrer Ausführung stehen ihr die Polizei, die Armee, die Flotte und
endlich auch noch die Miliz, der Sie, ich und wir alle angehören, zu
Gebote.«
Es
folgte keine starke Diskussion, und die Gäste gingen bald. Alle waren
still und niedergeschlagen, und sie verabschiedeten sich mit leiser
Stimme. Das Bild, das sie gesehen hatten, schien ihnen Schrecken eingeflößt
zu haben.
»Die
Lage ist wirklich ernst«, sagte Herr Calvin zu Ernst.
»Ich
habe kaum etwas gegen Ihre Schilderung einzuwenden Nur Ihr Urteil über
den Mittelstand unterschreibe ich nicht. Wir werden die Trusts über den
Haufen werfen.«
»Und
zu den Methoden unserer Vorfahren zurückkehren«, vollendete Ernst den
Satz.
»Jawohl«,
antwortete Herr Calvin feierlich. »Ich weiß, dass es eine Art
Maschinenstürmerei und dass es absurd ist. Aber dann ist das ganze Leben
im Hinblick auf die Machenschaften der Plutokratie absurd. Jedenfalls aber
ist unsere Maschinenstürmerei letzten Endes praktisch möglich, und das
ist Ihr Traum nicht. Ihr sozialistischer Traum ist — nun, eben ein
Traum. Wir können Ihnen nicht folgen.«
»Ich
wünschte nur, Sie wüssten ein wenig von Entwicklungslehre und Soziologie«,
sagte Ernst nachdenklich, und sie schüttelten sich die Hände. »Dann könnten
wir uns viele sparen.«
(1)
Everhard entwickelt hier klar die Ursache aller Arbeiterunruhen jener
Zeit. Bei der Teilung des gemeinsam erzielten Gewinnes wollte das Kapital
alles haben, was es bekommen konnte, und ebenso machten es die Arbeiter.
Dieser Streit über die Teilung war unversöhnlich. Solange das System der
kapitalistischen Produktion existierte, stritten Arbeit und Kapital sich
über die Teilung des gemeinschaftlichen Gewinnes. Uns erscheint das heute
als ein lächerliches Schauspiel, wir dürfen aber nicht vergessen, dass
wir den Vorteil haben, sieben Jahrhunderte später zu leben.
(2)
Theodore Roosevelt, Präsident der Vereinigten Staaten, erließ folgende
öffentliche Erklärung: »Wir brauchen eine liberale und umfassendere
Verteilung des Erwerbs und Verkaufs von Werten, so dass fremde Staaten die
Überproduktion der Vereinigten Staaten in genügendem Maße aufnehmen können.«
Natürlich war die Überproduktion, die er meinte, der Gewinn des
kapitalistischen Systems, der die Aufnahmefähigkeit der Kapitalisten überstieg.
Zur selben Zeit sagte der Senator Mark Hanna: »Die jährliche Produktion
von Reichtum in den Vereinigten Staaten übersteigt seinen Verbrauch um
ein Drittel.« Auch ein anderer Senator, Chauncey Depew, sagte: »Das
amerikanische Volk produziert Jährlich zwei Milliarden mehr, als es
verbrauchen kann.«
(3)
Karl Marx — der große Geistesheld des Sozialismus. Ein deutscher Jude
des neunzehnten Jahrhunderts, ein Zeitgenosse von John Stuart Mill. Es
erscheint uns heute unglaublich, dass seit den ökonomischen Entdeckungen
von Marx Generationen verstrichen sind, in denen er von anerkannten
Denkern und Gelehrten verspottet wurde. Die Folge seiner Entdeckungen war,
dass er aus seinem Heimatlande vertrieben wurde und als Verbannter in
England starb.
(4)
Dies ist, soweit bekannt, das erste Mal, dass dieser Name auf die
Oligarchie angewendet wurde.
(5)
Diese Einteilung der Gesellschaft stimmt überein mit der von Luden
Sanial, einer der statistischen Autoritäten jener Zeit. Er berechnete die
Zahlenstärke der Klassen nach der Volkszählung der Vereinigten Staaten
im Jahre 1900 wie folgt: Plutokratie 250 251, Mittelstand 8 429 845 und
Proletariat 20 393 137.
(6)
Standard Oil und Rockefeller - siehe Fußnote 10 aus diesem Kapitel
(7)
Noch im Jahre 1907 rechnete man damit, dass elf Gruppen das Land
beherrschten; diese Zahl wurde jedoch durch die Verschmelzung der fünf
Eisenbahngruppen zu einer Einheit auf sieben reduziert. Jene fünf
Gruppen, die sich nebst ihren finanziellen und politischen Verbündeten
derart verschmolzen, waren l. James J. Hill, der die Nordwestbahn
kontrollierte; 2. die Pennsylvania-Eisenbahn-Gruppe, die von Schiff und ändern
großen Bankfirmen in New York und Philadelphia finanziert wurde; 3.
Harriman, der mit Frick als Berater und Odell als politischem Vertreter
der Kontinentlinie, die Südwest- und die Südpacific-Küstenlinien
kontrollierte; 4. die Eisenbahninteressen der Familie Gould und 5. Moore,
Reid und Leeds, bekannt unter dem Namen »Die Rock-Island-Bande«. Diese
starken Oligarchien gingen schließlich als Sieger aus dem Wettbewerb
hervor und gelangten zu dem unvermeidlichen Zusammenschluss.
(8)
Lobbys, eigentlich Vorsäle, Bureaus, die zur Bestechung und Korruption
von Parlamentsmitgliedern und anderen Politikern, die die Interessen des
Volkes vertreten sollten, eingerichtet waren.
(9)
Ein Jahrzehnt vor diesen Auslassungen Everhards gab das New-Yorker
Handelsamt einen Bericht heraus, dem wir folgendes entnehmen: »Die
Eisenbahnen kontrollieren völlig die Gesetzgebung der meisten Staaten der
Union; sie ernennen die Senatoren, Kongressmitglieder und Gouverneure der
Vereinigten Staaten und setzen sie ab und sind die eigentlichen Leiter der
Politik der Vereinigten Staaten.«
(10)
Rockefeller begann als Mitglied des Proletariats, und durch Glück und
Geschicklichkeit brachte er es dazu, den ersten vollkommenen Trust zu
schaffen, nämlich den als Standard Oil bekannten. Wir können es uns
nicht versagen, ein bemerkenswertes Blatt aus der Geschichte jener Zeiten
folgen zu lassen, um zu zeigen, wie die Notwendigkeit, den Überschuss des
Standard Oil Trusts anzulegen, kleine Kapitalisten an die Wand drückte
und den Zusammenbruch des Mittelstandes beschleunigte. Wir wollen David
Graham Philipps, einen radikalen Schriftsteller dieser Periode, zitieren,
und zwar nach einem Exemplar der Saturday Evening Post vom 4. Oktober
1902. Es ist dies das einzige erhaltene Exemplar des Blattes, aber nach
Aufmachung und Inhalt können wir schließen, dass es eine populäre,
periodisch erscheinende Zeitung war, die eine große Verbreitung genoss.
Das Zitat möge hier folgen:
»Vor
ungefähr zehn Jahren wurde das Einkommen Rockefellers von autoritativer
Seite auf 30000000 Dollar geschätzt. Er hatte die Grenze rentabler Anlage
seines Verdienstes in der Ölindustrie erreicht, in deren Kassen die
riesigen Summen — mehr als 2 000 000 Dollar monatlich allein für David
Rockefeller --strömten. Das Problem der Neuanlage seines Gewinns wurde
immer schwieriger. Es wurde ein Alp. Das Einkommen schwoll immer mehr an,
und die Möglichkeit gesunder Kapitalanlage war begrenzt, noch begrenzter
als heute. Es war nicht das Verlangen nach noch größerem Gewinn, das die
Rockefellers veranlasste, sich noch auf andere Zweige als öl zu legen.
Die hereinrollende Hut des Reichtums, durch ihren Monopolmagneten
unwiderstehlich angezogen, zwang und trieb sie weiter. Sie errichteten
einen Stab von Leuten, die geeignete Kapitalanlagen ausfindig machen
mussten. Man sagt, dass der Chef dieses Stabes ein Jahresgehalt von 125
000 Dollar bezog.
Der
erste bemerkbare Abstecher der Rockefellers in fremdes Gebiet erfolgte in
das der Eisenbahn. Um das Jahr 1895 besaßen sie die Kontrolle über ein Fünftel
des amerikanischen Schienenstranges. Was befindet sich heute in ihrem
Besitz oder doch, infolge überwiegender Kapitalbeteiligung, unter ihrer
Kontrolle? Sie haben die Majorität aller großen Eisenbahnen von New
York, außer einer einzigen, bei der sie nur mit einigen Millionen
beteiligt sind. Sie haben ihre Hand in den meisten der großen Linien,
deren Mittelpunkt Chikago ist. Sie beherrschen mehrere der Pacific-Linien.
Ihre Stimme ist es, die Morgan so mächtig macht, wenn sie auch, wie man
sagen muss, seinen Verstand mehr brauchen, als er ihre Stimme —
jedenfalls augenblicklich —, und die Verbindung beider ist die Grundlage
der »Interessengemeinschaft«.
Aber
die Eisenbahnen waren allein nicht imstande, diese mächtige Flut des
Goldes zu absorbieren. Gegenwärtig ist das Einkommen von John D.
Rockefeller von 2 500 000 Dollar auf vier, fünf, sechs Millionen im
Monat, auf 75 000 000 Dollar im Jahr angewachsen. Alles Petroleum wurde für
ihn zum Gewinn. Die Neuanlage des Einkommens ergab wieder viele Millionen
im Jahr.
Die
Rockefellers legten sich auf Gas und Elektrizität, sobald diese
Industrien sich soweit entwickelt hatten, dass sie eine sichere
Kapitalanlage darstellten. Und heute muss ein großer Teil des
amerikanischen Volkes, sobald die Sonne untersinkt, die Rockefellers
bereichern, einerlei, welche Art Beleuchtungsmittel sie gebrauchen. Dann
legten sie sich auf den Grundstückshandel. Man sagt, dass wenige Jahre
zuvor Rockefeller fast zu Tränen gerührt wurde, wenn er von einem
Landwirt hörte, der es vermocht hatte, sich von seinen Hypotheken zu
befreien; jetzt wurden acht Millionen, die er auf Jahre hinaus gut
verzinslich untergebracht glaubte, plötzlich vor seiner Tür abgeladen
und jammerten nach einem Unterkommen. Diese unerwartete neue Sorge, wie er
Raum für Kinder, Enkel und Urenkel seines Petroleums finden sollte, war
zuviel für den Gleichmut dieses Mannes mit seiner gestörten Verdauung...
Die
Rockefellers verlegten sich auf Minen — Eisen, Kohlen, Kupfer und Blei;
auf andere Industrien; auf Straßenbahnen, auf Staats- und
Gemeindeanleihen; auf Schiffe, Telegraphenlinien; auf Grundbesitz,
Wolkenkratzer, Paläste, Hotels und Geschäftshäuserblocks; auf
Lebensversicherungen und Banken. Bald gab es buchstäblich kein
Industriegebiet mehr, auf dem ihre Millionen nicht arbeiteten ...
Die
Bank der Rockefellers — die National City Bank — ist bei weitem die größte
Bank der Vereinigten Staaten. Sie wird in der ganzen Welt nur durch die
Bank von England und die Bank von Frankreich übertroffen. Ihre Depositen
betragen durchschnittlich über hundert Millionen täglich, und sie
beherrscht den Geldmarkt wie auch den Effektenmarkt von Wall Street. Aber
sie steht nicht allein da; sie ist nur das Haupt der Rockefeller-Banken,
die allein in New York vierzehn Banken und Trusts und in allen Zentren des
Landes Bankhäuser von großer Kapitalkraft und starkem Einfluss umfassen.
John
D. Rockefeller besitzt Aktien vom Standard Oil Trust für vier bis fünfhundert
Millionen Kurswert. Er ist mit hundert Millionen am Stahltrust, mit fast
ebensoviel an einer Eisenbahn im Westen, mit beinahe der Hälfte an einer
zweiten beteiligt. Und so könnten wir fortfahren, bis der Geist vom Aufzählen
ermüdet ist. Sein Einkommen betrug im letzten Jahre gegen 100 000 000
Dollar — es ist zweifelhaft, ob das Einkommen aller Mitglieder der
Familie Rothschild zusammen eine größere Summe ausmacht. Und dabei
steigt es von Jahr zu Jahr.«
Der
Strudel
Unmittelbar
nach diesem Abend erfolgte ein erschreckendes Ereignis nach dem ändern;
und ich, die ich all meine Tage so friedlich in der stillen Universitätsstadt
verlebt hatte, wurde mit meinen persönlichen Angelegenheiten in den
Strudel der großen Weltereignisse hineingezogen. Was es war, das mich zur
Revolutionärin machte — ob meine Liebe zu Ernst oder das klare Bild,
das er mir von der Gesellschaft, in der ich lebte, gezeigt hatte—, weiß
ich nicht; aber Revolutionärin wurde ich, und ich geriet in einen Wirbel
von Ereignissen, die mir noch vor drei Monaten unfassbar gewesen wären.
Die
Krisis in meinem eigenen Schicksal kam gleichzeitig mit großen Krisen in
der Gesellschaft. Zunächst verlor Vater seinen Lehrstuhl an der Universität.
Oh, er wurde nicht formell entlassen. Er wurde gebeten, zu verzichten, das
war alles. Das wollte an sich nicht viel heißen. Vater freute sich im
Grunde, namentlich, weil seiner Entlassung die Veröffentlichung seines
Buches »Wirtschaft und Erziehung« zugrunde lag. Das erhärtete seine
Beweisführung, und er war zufrieden. Denn welch besseren Beweis konnte es
für die Behauptung geben, dass das Erziehungswesen von der
kapitalistischen Klasse beherrscht wurde?
Aber
dieser Beweis gelang nirgends. Niemand erfuhr, dass Vater zum Rücktritt
gezwungen worden war. Seine Bedeutung als Wissenschaftler war so groß,
dass die Bekanntgabe seines Rücktritts und ihrer wahren Ursache die ganze
Welt in Aufruhr gebracht hätte. Die Zeitungen überschütteten ihn mit
Lobreden und gaben ihm recht, dass er die Plackerei des Lehrstuhls
aufgegeben hatte, um sich ganz seinen wissenschaftlichen Forschungen
widmen zu können.
Zuerst
lachte Vater. Dann wurde er ärgerlich — tonisch ärgerlich. Dann
erfolgte die Unterdrückung seines Buches. Das geschah so geheim, dass wir
es zuerst gar nicht gewahr wurden. Das Erscheinen des Buches hatte gleich
einige Aufregung im Lande verursacht. Vater war von der kapitalistischen
Presse beschimpft worden; der Grundton der Schmähungen war, dass es
bedauerlich sei, wenn ein großer Gelehrter sein eigentliches Gebiet
verlasse und sich in das Reich des Sozialismus begebe, wovon er nichts
verstehe, und wohin er sich übereilt verirrt habe. Das dauerte eine
Woche, und Vater lachte sich ins Fäustchen und sagte, sein Buch habe den
Kapitalismus an seiner wunden Stelle getroffen. Dann hörten plötzlich
die Zeitungen und kritischen Schriften auf, das Buch zu besprechen. Und
ebenso plötzlich verschwand das Buch aus dem Buchhandel. Nicht ein
einziges Exemplar war mehr bei den Buchhändlern aufzutreiben. Vater
schrieb an den Verlag und erhielt die Mitteilung, dass die Matern durch
einen unglücklichen Zufall beschädigt seien. Eine unerquickliche
Korrespondenz folgte. Als der Verlag sich schließlich zu einer
unzweideutigen Erklärung gezwungen sah, schrieb er, dass er nicht in der
Lage sei, das Buch neu zu setzen; er sei jedoch gern bereit, seine Rechte
abzutreten.
»Sie
werden im ganzen Lande keinen Verleger mehr für das Buch finden«, sagte
Ernst. »An Ihrer Stelle würde ich mich jetzt zurückziehen. Sie haben
nur einen Vorgeschmack von der Eisernen Ferse bekommen.«
Aber
Vater war Gelehrter und nichts als das. Er zog nie voreilige Schlüsse.
Ein Experiment war keins, wenn es nicht in allen Einzelheiten durchgeführt
wurde. So machte er denn geduldig die Runde bei allen Verlegern. Sie
machten unzählige Ausflüchte, aber kein einziger wollte die Neuausgabe
des Buches übernehmen.
Als
Vater die Überzeugung gewonnen hatte, dass das Buch tatsächlich unterdrückt
worden war, machte er den Versuch, diese Tatsache in den Zeitungen zu veröffentlichen;
aber es gelang ihm nicht. Bei einer politischen Sozialistenversammlung,
bei der viele Berichterstatter zugegen waren, glaubte er, eine Möglichkeit
zu sehen. Er erzählte die Geschichte von der Unterdrückung seines
Buches, Als er jedoch am nächsten Morgen die Zeitungen las, lachte er,
dann aber wurde er von einem Zorn ergriffen, der allen tonischen Zorn, den
er je gefühlt, in den Schatten stellte. Das Buch erwähnten die Zeitungen
nicht, wohl aber verleumdeten sie den Autor. Sie rissen seine Worte und Sätze
aus dem Zusammenhang heraus und verdrehten die wohlüberlegten Äußerungen
zu einer wilden, anarchistischen Sprache. Das alles geschah sehr
geschickt. Ein Umstand ist mir besonders gut im Gedächtnis haften
geblieben. Er hatte den Ausdruck »soziale Revolution« gebraucht. Die
Referenten ließen einfach das Wort »soziale« aus. Ein Telegramm der
Associated Press meldete das, und im ganzen Lande erhob sich überall großes
Geschrei. Vater wurde als Nihilist und Anarchist gebrandmarkt, und eine
viel verbreitete Karikatur zeigte ihn mit einer roten Fahne an der Spitze
einer Bande von langhaarigen, wildblickenden Kerlen, die Pechfackeln,
Messer und Dynamitbomben in den Händen trugen.
Die
Presse überfiel ihn mit langen Schmähartikeln, und es wurden
Anspielungen auf einen geistigen Zusammenbruch gemacht. Ernst sagte uns,
eine derartige Handlungsweise seitens der kapitalistischen Presse sei
nichts Neues. Es herrsche dort die Gepflogenheit, in alle sozialistischen
Versammlungen Berichterstatter zu schicken mit dem ausdrücklichen Befehl,
über alles Geredete falsch und verdreht zu berichten, um dadurch den
Mittelstand von einer Annäherung an das Proletariat abzuschrecken. Und
wieder ermahnte Ernst meinen Vater, den Kampf einzustellen und sich zurückzuziehen.
Die
sozialistische Presse des Landes nahm jedoch den Kampf auf, und im
Leserkreise der Arbeiterschaft erfuhr man, dass das Buch unterdrückt war.
Aber auch nur hier. Kurz darauf traf der »Appell an die Vernunft«, ein
großer sozialistischer Verlag, mit Vater eine Vereinbarung über eine
Neuausgabe des Buches. Vater war glücklich, Ernst war beunruhigt.
»Ich
sage euch, wir stehen vor unbekannten Ereignissen«, beharrte er. »Große
Dinge bereiten sich rings um uns vor. Wir können sie fühlen. Was es ist,
wissen wir nicht, aber es ist da. Der ganze Bau der Gesellschaft erbebt
darunter. Fragt mich nicht. Ich weiß selber nichts. Aber aus diesem
Wirbel der Gesellschaft kristallisiert sich etwas. Und zwar gerade jetzt.
Die Unterdrückung Ihres Buches ist ein Niederschlag. Wie viele Bücher
sind unterdrückt worden? Wir ahnen es nicht. Wir tappen im Dunkeln. Wir
haben keine Möglichkeit, es zu erfahren. Aber passt auf, jetzt kommt die
Unterdrückung der sozialistischen Presse und der sozialistischen
Verlagsanstalten. Ich fürchte, sie kommt. Man erdrosselt uns.«
Ernst
hatte seine Hand näher am Pulsschlag der Ereignisse als die übrigen
Sozialisten. Zwei Tage später erfolgte der erste Schlag. Der »Appell an
die Vernunft« war eine Wochenschrift, deren Abonnentenzahl unter dem
Proletariat siebenhundertfünfzigtausend betrug. Außerdem wurden häufig
Sondernummern in einer Auflage von zwei bis fünf Millionen gedruckt.
Diese großen Ausgaben wurden von dem kleinen Stab freiwilliger
Mitarbeiter, die sich um den »Appell« gesammelt hatten, ausgeteilt. Der
erste Schlag richtete sich gegen diese Sonderausgaben und war vernichtend.
Durch eine eigenmächtige Verfügung der Post wurde entschieden, dass sie
keine regelmäßig erscheinende Zeitung darstellten, und dass deshalb ihre
Beförderung von der Post abgelehnt werden müsse.
Eine
Woche später entschied die Post, dass das Blatt selbst ein revolutionäres
Organ sei, und sperrte die Beförderung ganz. Das war ein furchtbarer
Schlag für die sozialistische Propaganda. Der »Appell« war verzweifelt.
Man beschloss, das Blatt den Abonnenten durch die Expressgesellschaften
zuzustellen, aber die lehnten ab. Das war das Ende des »Appell«. Aber
doch nicht ganz. Er ging mit verdoppeltem Eifer an seine Buchausgaben. Von
Vaters Buch lagen zwanzigtausend Exemplare in der Binderei, weitere
befanden sich im Druck. Da erschien plötzlich, ohne jede Ankündigung,
nachts eine Bande, steckte unter dem Schwenken der amerikanischen Flagge
und dem Absingen patriotischer Lieder das reichhaltige Inventar des »Appell«
in Brand und vernichtete es völlig.
Dabei
war Girard in Kansas eine ruhige, friedliebende Stadt. Nie hatte es dort
Arbeiterunruhen gegeben. Der »Appell« zahlte Einheitslöhne, und er war
tatsächlich das Rückgrat der Stadt, da er Hunderten von Männern und
Frauen Beschäftigung gab. Die Bande bestand nicht aus Bürgern von
Girard, sie war wie aus dem Erdboden gestiegen und, nachdem sie ihre
Aufgabe in jeder Beziehung erfüllt hatte, wieder in ihm verschwunden.
Ernst sah in diesem Ereignis das finsterste Anzeichen.
»>
Die Schwarzen Hundertschaften<(1) sind in den
Vereinigten Staaten organisiert«, sagte er. »Das ist der Anfang. Aber es
kommt noch schlimmer. Die Eiserne Ferse hat Blut geleckt.«
Und
das war das Ende von Vaters Buch. Im Laufe der Zeit sollten wir noch viele
Taten der Schwarzen Hundertschaften sehen. Von Woche zu Woche wurden immer
mehr sozialistische Zeitungen von der Post gesperrt, und die Schwarzen
Hundertschaften zerstörten eine ganze Anzahl sozialistischer Druckereien.
Die Zeitungen lobten natürlich, der reaktionären Politik folgend, die
herrschende Klasse, zerrten die vernichtete soziale Presse in den Schmutz
und priesen die Schwarzen Hundertschaften als wahre Patrioten und Retter
der Gesellschaft. So überzeugend waren all diese Fälschungen, dass
selbst Geistliche von der Kanzel herab in gutem Glauben die Schwarzen
Hundertschaften rühmten, wenn sie auch die Anwendung von Gewalt
bedauerten.
Die
Geschichte ging ihren Gang. Die Herbstwahlen standen vor der Tür, und
Ernst wurde von der sozialistischen Partei als Kandidat für den Kongress
aufgestellt. Seine Aussichten waren sehr günstig. Der Straßenbahnerstreik
in San Franzisko war zusammengebrochen, und ebenfalls der darauf folgende
Streik der Fuhrleute. Beide Niederlagen waren verhängnisvoll für die
organisierten Arbeiter. Der ganze Hafenarbeiterverband hatte, gemeinsam
mit seinen Verbündeten aus dem Baugewerbe, die Fuhrleute unterstützt,
und alle waren unrühmlich unterlegen. Der Streik hatte Blut gekostet. Die
Polizei hatte ihre Knüppel auf zahllose Köpfe niedersausen lassen, und
die Totenliste war durch das Feuer eines Maschinengewehrs erhöht worden,
das von den Schuppen der großen Speditionsfirmen auf die Streikenden
gerichtet wurde.
Infolgedessen
waren die Leute erregt und rachgierig Sie verlangten Blut und Vergeltung.
Auf ihrem eigenen Felde geschlagen, drängte es sie, durch eine politische
Aktion Rache zu nehmen. Ihre Organisation bestand noch; das verlieh ihnen
in dem politischen Kampfe, der entbrannt war, Macht. Ernsts Wahlaussichten
stiegen von Tag zu Tag Täglich erklärten neue Verbände, ihre Stimmen
den Sozialisten geben zu wollen, und selbst Ernst musste lachen, als sich
schließlich sogar die Leichenträger und Geflügelrupfer einstellten. Die
Arbeiter wurden störrisch. Zu den sozialistischen Versammlungen drängten
sie sich mit ungeheurer Begeisterung, aber den Lockungen der alten
Parteipolitiker blieben sie unzugänglich. Die Redner der alten Partei
standen meistens vor leeren Sälen, und wenn sie sich einmal füllten,
dann wurden die Redner so roh behandelt, dass mehr als einmal die Polizei
einschreiten musste.
Die
Geschichte ging ihren Gang. Die Luft vibrierte von Ereignissen, die
eintrafen oder bevorstanden. Schwere Zeiten(2) waren für
das Land gekommen. Und die Ursache war eine Reihe glücklicher Jahre, in
denen es immer schwerer geworden war, den unverbrauchten Überschuss an
das Ausland abzusetzen. Die Industrie arbeitete nur noch in beschränktem
Maße. Viele große Fabriken standen still, und die Löhne wurden an allen
Enden gekürzt.
Auch
der große Maschinenarbeiterstreik war zusammengebrochen. In dem
blutigsten Streik, der die Vereinigten Staaten je erschüttert hatte,
waren zweihunderttausend Maschinenarbeiter mit fünfhunderttausend Verbündeten
aus der Metallindustrie besiegt worden. Regelrechte Schlachten hatten
zwischen ihnen und dem Heere der Streikbrecher(3), die
von den Arbeitgeberverbänden ins Feld geschickt wurden, stattgefunden;
die Schwarzen Hundertschaften erschienen in den entlegensten Ortschaften
und zerstörten das Eigentum. Dann waren hunderttausend Mann von der regulären
Armee aufgeboten worden, um der Sache ein Ende mit Schrecken zu machen.
Eine Anzahl Arbeiterführer wurde hingerichtet, viele andere zu Gefängnisstrafen
verurteilt und Tausende von den Streikenden in Rinderpferchen(4)
zusammengetrieben und von den Soldaten aufs unbarmherzigste behandelt.
Jetzt
musste man für die guten Jahre bezahlen. Alle Märkte waren überfüllt,
alle Preise fielen, und bei dem allgemeinen Preissturz der der Arbeit am
allerschnellsten. Das Land wurde durch industrielle Kämpfe erschüttert.
Überall wurde gestreikt, und wo nicht gestreikt wurde, sperrten die
Unternehmer die Arbeiter aus. Die Zeitungen waren voll von Berichten über
Gewalttaten und Blutvergießen. Und überall hatten die Schwarzen
Hundertschaften ihre Hand im Spiel. Aufruhr, Brandstiftung und wahllose
Zerstörung war ihre Aufgabe, und die erfüllten sie wahrlich gut. Die
ganze reguläre Armee stand im Felde, eine Folge der Tätigkeit der
Schwarzen Hundertschaften(5). Alle Städte und Dörfer
glichen bewaffneten Lagern, und die Arbeiter wurden wie die Hunde
niedergeschossen. Aus dem Riesenheer der Arbeitslosen rekrutierten sich
die Streikbrecher, und wenn die Streikbrecher von den Arbeitern überwältigt
wurden, erschienen stets die Truppen und schlugen die Arbeiter. Dazu kam
noch die Miliz. Bis jetzt hatte man seine Zuflucht noch nicht zu dem
geheimen Milizgesetz zu nehmen brauchen, nur die reguläre Armee war
aufgeboten, und sie war überall im Felde. In dieser Schreckenszeit aber
wurde die reguläre Armee durch Regierungsbefehl um hunderttausend Mann
vermehrt. Nie hatten die Arbeiter eine solche Niederlage erlitten. Die großen
Industriefürsten, die Oligarchen, hatten anfangs ihr volles Gewicht in
die von den kämpfenden Arbeitgeberverbänden gelegten Breschen geworfen.
Diese Verbände gehörten tatsächlich dem Mittelstand an, jetzt aber
bereiteten sie unter dem Zwang der schweren Zeiten, der krachenden Märkte
und mit Unterstützung der großen Industriefürsten den organisierten
Arbeitern eine schreckliche und entscheidende Niederlage. Das Bündnis war
übermächtig, aber es war ein Bündnis zwischen Löwe und Lamm, und das
sollte der Mittelstand nur zu bald erfahren.
Die
Arbeiterschaft war blutdürstig und rachsüchtig, aber zermalmt. Durch
ihre Niederlage wurden die Zeiten indessen nicht besser. Die Banken,
selbst eine der wichtigsten Hilfskräfte der Oligarchie, kündigten fortwährend
die Kredite. Die Wall-Street-Gruppe(6) stürzte den
Geldmarkt in einen Strudel, in dem die Werte des ganzen Landes fast
ertranken. Und aus diesem Zusammenbruch und Untergang stieg die wachsende
Oligarchie unbekümmert, unerschütterlich und sicher wieder hervor. Ihre
Ruhe und Sicherheit war erschreckend. Zur Ausführung ihrer Pläne
benutzte sie nicht nur ihre eigene riesige Macht, sondern auch die ganze
Finanzkraft der Vereinigten Staaten.
Die
Industriefürsten hatten sich jetzt gegen den Mittelstand gewandt. Die
Arbeitgeberverbände, die den Industriefürsten behilflich gewesen waren,
die Arbeiter zu zerschmettern, wurden jetzt selbst von ihren früheren
Verbündeten zerschmettert. Und inmitten des Unterganges der kleinen Geschäftsleute
und Fabrikanten standen die Trusts fest. Ja, mehr noch, sie waren tätig.
Sie säten Wind, Wind, und immer mehr Wind. Denn sie allein verstanden es,
den Sturm zu ernten und Gewinne aus ihm zu ziehen. Und was für Gewinne!
Riesige! Stark genug, dem Sturm, den sie selbst zum größten Teil
entfesselt hatten, zu trotzen, ließen sie ihn tosen und raubten die
treibenden Trümmer. Alle Werte schrumpften unbarmherzig und unbegreiflich
ein, und die Trusts häuften zu ihrem bisherigen Besitz ungeheure Reichtümer,
indem sie ihre Unternehmungen auf immer neue Gebiete ausdehnten — und
immer auf Kosten des Mittelstandes. Der Sommer 1912 gab dem Mittelstand
den Todesstoß. Selbst Ernst war über die Schnelligkeit erstaunt, mit der
es geschehen war. Er schüttelte den Kopf und sah den Herbstwahlen
hoffnungslos entgegen.
»Es
hat keinen Zweck«, sagte er, »wir sind geschlagen. Die Eiserne Ferse
schreitet. Ich hatte auf einen friedlichen Sieg an der Wahlurne gehofft.
Ich habe mich geirrt. Wickson hatte recht. Die wenigen Freiheiten, die uns
noch geblieben sind, werden uns auch geraubt werden; die Eiserne Ferse
wird über uns hinwegschreiten. Der Arbeiterschaft bleibt nichts übrig
als eine blutige Revolution. Dann werden wir freilich siegen, aber mich
schaudert, wenn ich daran denke.«
Und
von diesem Augenblick an setzte Ernst sein ganzes Vertrauen auf die
Revolution. Hierin eilte er seiner Partei voraus. Seine Genossen stimmten
ihm nicht zu und blieben dabei, dass der Sieg durch die Wahlen errungen
werden müsse. Nicht, dass sie eingeschüchtert gewesen wären. Dazu waren
sie zu berechnend und zu waghalsig. Sie waren nur skeptisch. Das war
alles. Ernst konnte sie nicht dazu bringen, den Aufmarsch der Oligarchen
ernst zu nehmen. Sie waren zwar beunruhigt, aber doch ihrer eigenen Macht
zu sicher. In ihrem sozialen Gebäude gab es keinen Raum für die
Oligarchie, und deshalb existierte sie nicht.
»Wir
schicken Sie in den Kongress, und alles ist in Ordnung«, sagten sie ihm
in einer vertraulichen Sitzung.
»Und
wenn man mich aus dem Kongress herausholt«, erwiderte Ernst kaltblütig,
»an die Wand stellt und mir eine Kugel durch den Kopf jagt — was dann?«
»Dann
gehen wir mit Gewalt vor«, antwortete ein Dutzend gleichzeitig.
»Dann
werdet ihr euch in euerem Blute wälzen«, lautete seine Entgegnung. »Das
Lied habe ich schon den Mittelstand singen hören, und wo ist er jetzt mit
seiner Gewalt?«
(1)
»Die Schwarzen Hundertschaften« waren reaktionäre, von der
untergehenden Autokratie in der russischen Revolution organisierte Pöbelbanden.
Sie attackierten die revolutionären Gruppen und plünderten und zerstörten
gegebenenfalls Eigentum, um der Autokratie einen Vorwand zu verschaffen,
die Kosaken herbeizurufen.
(2)
Unter dem kapitalistischen Regime waren derartige Perioden ebenso
unvermeidlich wie sinnwidrig. Wohlergehen brachte immer Elend mit sich.
Das war natürlich dem Übermaß an unverbrauchtem Verdienst
zuzuschreiben, der sich aufgespeichert hatte.
(3)
Streikbrecher — das waren in jeder Beziehung, nur nicht dem Namen nach,
die Privatsoldaten der Kapitalisten. Sie waren durch und durch organisiert
und gut bewaffnet und wurden in steter Bereitschaft gehalten, um jederzeit
in Sonderzügen sofort nach irgendeinem Teil des Landes geschickt zu
werden, wo die Arbeiterschaft einen Streik oder die Unternehmer eine
Aussperrung ins Werk setzten. Nur jene sonderbaren Zeiten konnten ein
Schauspiel bieten wie Farley, ein bekannter Streikbrecherführer, der im
Jahre 1906 mit einer schwer bewaffneten und vollkommen ausgerüsteten
Armee von zweitausendfünfhundert Mann in Sonderzügen quer durch die
Vereinigten Staaten von New York nach San Franzisko fuhr, um den Streik
der Straßenbahner zu brechen. Eine solche Handlungsweise war eine direkte
Verletzung der Gesetze des Landes. Die Tatsache, dass sie, wie tausend ähnliche,
ungestraft hinging, zeigt uns, wie vollständig die Gerichtsbarkeit von
der Plutokratie beherrscht wurde.
(4)
In einem Bergarbeiterstreik in Idaho in der zweiten Hälfte des
neunzehnten Jahrhunderts wurden viele Streikende durch die Truppen in
einen Rinderpferch getrieben. Diese Methode wurde noch im zwanzigsten
Jahrhundert befolgt.
(5)
Nur der Name, nicht die Idee war aus Russland importiert. Die Schwarzen
Hundertschaften waren von kapitalistischen Geheimagenten ins Leben gerufen
und fanden bei den Arbeiterkämpfen im neunzehnten Jahrhundert Verwendung.
Darüber kann man nicht streiten. Kein geringerer als Caroll D. Wright,
Arbeitsminister der Vereinigten Staaten, ist für diese Angaben
verantwortlich. Aus seinem Buche: »Die Kämpfe der Arbeit« entnehmen wir
die Klage, dass »in einigen der großen historischen Streiks die
Unternehmer selbst Gewalttätigkeiten veranlassten«, dass Fabrikanten
vorsätzlich Streiks ins Leben riefen, um sich von überflüssigem
Inventar zu befreien, und dass während des Eisenbahnerstreiks im Auftrage
der Unternehmer Frachtwaren verbrannt wurden, um den Tumult zu steigern.
Diese Geheimagenten der Unternehmer bildeten dann die Schwarzen
Hundertschaften, und sie waren es, die später zu der schrecklichen Waffe
der Oligarchie, den Agents provocateurs, wurden.
(6)
Wall Street — nach einer Straße im ältesten New York benannt, wo sich
die Fondsbörse befand, an der die unsinnige Organisation der Gesellschaft
heimliche Manipulationen aller Industrien des Landes erlaubte.
Das
große Ereignis
Herr
Wickson ließ Vater nicht zu sich bitten. Sie trafen sich zufällig auf
dem Fährboot nach San Franzisko, und die Warnung, die er Vater erteilte,
kam daher ganz unvorbereitet. Hätten sie sich nicht zufällig getroffen,
so wäre Vater überhaupt nicht gewarnt worden. Der Erfolg wäre immerhin
der gleiche gewesen. Vater entstammte dem alten Mayflower-Geschlecht(1),
und sein Blut war gebieterisch.
»Ernst
hatte recht«, sagte er zu mir, sobald er nach Hause zurückgekehrt war.
»Ernst ist ein außergewöhnlicher junger Mann, und ich sehe lieber, dass
du seine Gattin als die Rockefellers oder selbst des Königs von England würdest.«
»Was
ist vorgefallen?« fragte ich beunruhigt.
»Die
Oligarchie ist im Begriff, über uns hinwegzuschreiten — über dich und
mich. Das hat Wickson mir wenigstens gesagt. Er war sehr liebenswürdig
— für einen Oligarchen. Er bot mir an, mir meinen Posten wiederzugeben.
Was sagst du dazu? Er, Wickson, dieser schmutzige Geldraffer, hat die
Macht, zu entscheiden, ob ich an der Universität lehren soll oder nicht.
Aber mehr noch: Er wollte mich zum Vorsitzenden eines großen
physikalischen Instituts machen, das gegründet werden sollte — du
siehst, die Oligarchie muss ihren Überschuss irgendwie anlegen.
>
Erinnern Sie sich, was ich dem sozialistischen Verehrer Ihrer Tochter
sagte?< meinte er. >Ich sagte ihm, dass wir über die arbeitende
Klasse hinwegmarschieren würden. Und das werden wir. Was Sie betrifft, so
schätze ich Sie als Gelehrten sehr; wenn Sie aber gemeinsame Sache mit
den Sozialisten machen, dann hüten Sie sich, das ist alles, was ich Ihnen
sagen kann.« Und damit drehte er sich um und ließ mich stehen.«
»Das
heißt, dass wir früher heiraten müssen, als du gedacht hattest«, erklärte
Ernst, als ich es ihm erzählte Ich verstand ihn nicht, musste ihm aber
bald genug recht geben Gerade zu dieser Zeit sollte die Dividende der
Sierra-Spinnereien ausgezahlt werden, aber Vater bekam nichts. Als er
einige Tage gewartet hatte, schrieb er an das Sekretariat. Prompt kam die
Antwort, dass die Bücher keinen Aktienbesitz Vaters aufwiesen, und dass
man ihn höflichst um näheren Aufschluss bäte.
»Den
sollen sie klar genug haben, zum Donnerwetter«, erklärte Vater und fuhr
zur Bank, um die fraglichen Aktien aus dem Schließfach zu nehmen.
»Ernst
ist wirklich ein außerordentlicher Mensch«, sagte er, als er heimkam und
ich ihm aus dem Überzieher geholfen hatte. »Ich wiederhole, mein Kind,
dieser junge Mann ist ein ganz ungewöhnlicher Mensch.«
Ich
wusste aus Erfahrung, dass, wenn er Ernst derart lobte, etwas Unheilvolles
zu erwarten war.
»Sie
sind schon über mich hinweggeschritten«, erklärte Vater. »Es sind
keine Aktien da. Das Schließfach war leer. Ihr werdet bald heiraten müssen,
du und Ernst.«
Vater
war kein Geschäftsmann. Er brachte zwar die Sierra-Spinnereien vor
Gericht, konnte aber ihre Bücher nicht dorthin schaffen. Er beherrschte
das Gericht nicht, das taten aber die Spinnereien. Das sagt alles. Er
wurde durch das Gesetz vollkommen geschlagen, und der nackte Raub
triumphierte.
Wenn
ich an jene Tage zurückdenke, erscheint es mir fast lächerlich, wie
Vater geschlagen wurde. Er traf Wickson zufällig in San Franzisko auf der
Straße und sagte ihm, dass er ein Schurke sei. Und dann wurde er wegen
versuchter Tätlichkeiten festgenommen, zu einer Geldstrafe verurteilt und
musste sich verpflichten, sich künftig friedlich zu verhalten. Das alles
war so lächerlich, dass Vater zu Hause selbst darüber lachte. Aber der Lärm
in den Zeitungen! Sie brachten feierliche Aufsätze über den Bazillus der
Gewalttätigkeit, der jeden befiele, der sich dem Sozialismus in die Arme
würfe, und Vater, der ein so langes und friedfertiges Leben geführt
hatte, wurde als glänzendes Beispiel für die Wirkung dieses Bazillus
hingestellt. Mehrere Blätter behaupteten, Vater sei infolge seiner
anstrengenden wissenschaftlichen Studien überarbeitet und geisteskrank
geworden, und schlugen vor, ihn in einer staatlichen Irrenanstalt
unterzubringen. Das war nicht nur Gerede, es war drohende Gefahr. Aber
Vater war klug genug, sie zu sehen. Die Erfahrungen, die der Bischof
gemacht hatte, waren eine gute Lehre für ihn. Und deshalb blieb er ruhig,
soviel Ungerechtigkeiten ihm auch widerfahren mochten, und überraschte
dadurch, wie ich annehme, seine Feinde wirklich.
Dann
kam unser Haus — unser Heim — an die Reihe. Eine Hypothek wurde für
verfallen erklärt, und wir mussten es aufgeben. Natürlich gab es gar
keine Hypothek, hatte nie eine gegeben. Das Grundstück war bar bezahlt
worden und das Haus ebenfalls sofort nach seiner Fertigstellung, und weder
das eine noch das andere war je belastet worden. Aber die Hypothek war da,
vorschriftsmäßig aufgesetzt und unterzeichnet, und eine Aufstellung der
auf eine Reihe von Jahren hinaus zu entrichtenden Zinsen lag ebenfalls
vor. Vater machte kein Geschrei. Wie man ihn seines Geldes beraubt hatte,
so beraubte man ihn jetzt seines Heims. Und er hatte niemand, an den er
sich halten konnte. Die Maschinerie der Gesellschaft befand sich in den Händen
derer, die ihn zugrunde richten wollten. Vater war Philosoph durch und
durch, und deshalb ärgerte er sich nicht lange.
»Ich
bin zum Untergang verurteilt«, sagte er zu mir. »Aber das ist kein
Grund, weshalb ich nicht versuchen sollte, so viel wie möglich von meiner
Haut zu retten. Meine alten Knochen sind schwach, und ich habe meine
Lektion gelernt. Gott weiß, dass ich nicht den Wunsch habe, meine letzten
Tage in der Irrenanstalt zu verbringen.«
An
dieser Stelle fällt mir Bischof Morehouse ein, den ich lange auf diesen
Seiten vernachlässigt habe. Zuerst will ich jedoch berichten, dass ich
mich verheiratete. In dem Strudel der Ereignisse wird diese Begebenheit
bedeutungslos, das weiß ich wohl, und deshalb erwähne ich sie nur
nebenbei.
»Jetzt
werden wir richtige Proletarier«, sagte Vater, als wir aus unserem Heim
vertrieben wurden. »Ich habe oft deinen Mann um seine Kenntnis vom
Proletariat beneidet. Jetzt soll ich es also selbst kennen lernen.«
In
Vaters Adern muss Abenteuerblut geflossen sein. Ihm erschien unser
Zusammenbruch als ein Abenteuer. Weder Zorn noch Erbitterung ergriff ihn.
Er war zu sehr Philosoph und zu einfach, um rachsüchtig zu sein, und
lebte zu sehr in der Welt des Geistes, als dass er die leiblichen Genüsse
entbehrt hätte, die wir aufgeben mussten. So kam es, dass er seinen
Einzug in vier armselige Stuben im schmutzigen Süden der Market Street in
San Franzisko mit der Freude und der Begeisterung eines Kindes — und mit
den klaren Augen und dem festen Halt eines außerordentlichen Geistes
hielt. In geistiger Beziehung verknöcherte er tatsächlich nie. Er hatte
keinen falschen Begriff von Werten. Konventionelle oder gewohnheitsmäßige
Werte bedeuteten ihm nichts. Die einzigen Werte, die er anerkannte, waren
mathematische und wissenschaftliche Tatsachen. Mein Vater war ein großer
Mensch. Er hatte einen Geist und eine Seele, wie nur große Menschen sie
besitzen. In manchem war er sogar größer als Ernst, der doch der größte
Mensch war, den ich gekannt habe.
Mir
selbst brachte unser verändertes Leben eine gewisse Erleichterung. Wenn
sonst nichts, so war ich doch jetzt von der organisierten Verleumdung
befreit, die in immer steigendem Maße unser Los in der Universitätsstadt
gewesen war, seit wir uns die Feindschaft der wachsenden Oligarchie
zugezogen hatten. Und auch für mich war diese Veränderung ein Abenteuer,
und zwar das größte von allen, denn es war das Abenteuer meiner Liebe.
Der Verlust unseres Vermögens hatte meine Heirat beschleunigt, und so zog
ich als junge Frau in die vier Stübchen in der Pell Street, der
verrufensten Gegend San Franziskos, ein.
Von
alledem weiß ich heute nur noch eines: Ich machte Ernst glücklich. Ich
trat in sein stürmisches Leben nicht als eine neue verwirrende Kraft,
sondern als Friedensbringerin. Ich schenkte ihm Ruhe, das war der Lohn
meiner Liebe für ihn. Das war das untrügliche Zeichen dafür, dass ich
mich nicht geirrt hatte. Ihm Vergessen zu schaffen oder das Licht der
Freude in diesen armen müden Augen zu entzünden — welch größere
Freude hätte mich beseligen können?
Diese
lieben, müden Augen. Er arbeitete, wie nur wenige Menschen je gearbeitet
haben, und er arbeitete sein ganzes Leben lang für andere. Das war der Maßstab
seiner Männlichkeit. Er liebte die Menschen, und er liebte mich. Und
dieser Mann mit der eingefleischten Kampflust, seiner
Gladiatorenerscheinung und seinem Adlermut — dieser Mann war gegen mich
vornehm und zartfühlend wie ein Dichter. Er war ein Dichter. Ein Sänger
in Taten. Sein ganzes Leben sang er das Lied der Menschlichkeit. Und er
tat es aus reiner Menschenliebe, gab für diese Menschen sein Leben und
ward gekreuzigt.
Und
alles das tat er nicht in der Hoffnung auf künftigen Lohn. Seiner
Auffassung nach gab es kein Leben nach diesem. Er, in dem die
Unsterblichkeit loderte, verneinte diese Unsterblichkeit. Das war der
Widerspruch in ihm. Er mit seinem warmen Geiste war beherrscht vom
materialistischen Monismus, dieser kalten, abstoßenden Philosophie Ich
pflegte ihn zu widerlegen, indem ich ihm sagte, dass ich seine
Unsterblichkeit an den Schwingen seiner Seele mäße und endlose Zeiten
leben müsste, um sie ganz zu ermessen Dann lachte er, streckte die Arme
nach mir aus und nannte mich seine liebe Metaphysikerin. Die Müdigkeit
schwand aus seinen Augen, und in ihnen erstrahlte das Licht seines
Liebesglücks, das auch wieder ein neuer, hinreichender Beweis für seine
Unsterblichkeit war.
Oft
nannte er mich auch seine Dualistin und wollte mir erklären, wie Kant im
Sinne der reinen Vernunft zum Zwecke der Gottesanbetung die Vernunft
aufgehoben hätte. Und er zog die Parallele und zieh mich einer ähnlichen
Schuld. Und wenn ich meine Schuld eingestand, sie aber als einen Akt höchster
Vernunft verteidigte, presste er mich an sich und lachte, wie nur einer
von Gottes erkorenen Liebenden lachen kann. Ich war gewohnt, zu verneinen,
dass Vererbung und Umgebung das eigene Wesen, die eigene Begabung eher
erklärten, als der kalt forschende Finger der Wissenschaft das trügerische
Etwas, das hinter dem Leben stand, erfassen, zergliedern, einteilen und
erklären könnte.
Ich
war der Meinung, dass der Raum das Sichtbarwerden Gottes und dass die
Seele eine Erscheinung seines Wesens sei, und wenn er mich seine liebe
Metaphysikerin nannte, nannte ich ihn meinen unsterblichen Materialisten.
Und so liebten wir uns und waren glücklich; und ich verzieh ihm seinen
Materialismus über dem gewaltigen Werk, das er, ohne an einen Gewinn für
sich zu denken, vollbrachte, und um seiner außerordentlichen
Bescheidenheit willen, die ihn vor einem königlichen Stolz auf sich und
seine Seele bewahrte.
Aber
stolz war er. Wie sollte auch ein Adler nicht stolz sein? Seiner
Auffassung nach war es für einen Sterblichen schöner als für einen
Gott, sich Gott ähnlich zu fühlen. Und so begeisterte er sich für das,
was er für seine Sterblichkeit ansah. Er zitierte gern das Fragment eines
Gedichts, das er nie ganz gesehen hatte, und nach dessen Urheber er
vergebens forschte. Ich schreibe dies Fragment hier nieder, nicht nur,
weil er es liebte, sondern weil es den Widerspruch zwischen seinem Geist
und seiner Auffassung von seinem Gott kennzeichnet. Denn wie kann ein Mann
mit bebenden Fibern und leidenschaftlicher Begeisterung diese Verse
sprechen und doch nur sterblicher Staub und ein winziges Körnchen vergänglicher
Kraft, eine vorübergehende Erscheinung sein? Hier möge es folgen:
Freude
auf Freude, Gewinn auf Gewinn
Sind
mir von Geburt bestimmt.
Ich
jauchze den Stolz meines Lebens hinaus,
Das
nie ein Ende nimmt.
Und
soll ich auch leiden jeglichen Tod,
Der
mir zum letzten beschert,
So
hab' ich den Becher der Freude doch
Bis
auf den Grund geleert —
Des
Stolzes Schaum, der Macht Geschmack,
Der
Liebe süße Glut!
Den
letzten Tropfen ich kniend schlürf,
Denn
ach, der Trank ist gut;
Ich
trink auf das Leben, ich trink auf den Tod,
Und
mein Lied, mein Lied erklingt,
Denn
sterbe ich, ein anderes Ich
Den
vollen Becher trinkt.
Der
Mensch, den du aus Eden vertriebst,
War
ich, o Herr, war ich,
Und
ich bin wieder da, wenn Himmel und Meer
Und
Erde spalten sich;
Denn
es ist meine Welt, meine prächtige Welt,
Die
Welt meiner süßen Pein,
Vom
ersten Wimmern des Säuglings bis
Zu
der gefolterten Mutter Schrei'n.
Mein
Puls schlägt kommender Menschheit gleich,
Von
Wünschen das Herz mir schwillt,
Die
wogende Flut meines wildjungen Bluts
Das
göttliche Feuer stillt.
Ich
bin Mensch, Mensch, Mensch aus lebendigem Fleisch
Bis
zum Rest meiner Erdenfrist,
Vom
heimlichen Dunkel des Mutterleibs,
Bis
nichts als der Geist mehr ist.
Fleisch
meines Fleischs und Blut meines Bluts,
Dreht
die Erde sich, wie mir's gefällt,
Und
ungestillt wird nach Eden der Durst
Auf
ewig quälen die Welt.
Allmächtiger,
wenn einst das Leben verrauscht
Und
zerstoben der schillernde Schaum,
Ist
die Finsternis der ewigen Nacht
Zu
lang nicht für meinen Traum.
Der
Mensch, den du aus Eden vertriebst,
War
ich, o Herr, war ich,
Und
ich bin wieder da, wenn Himmel und Meer
Und
Erde spalten sich;
Denn
es ist meine Welt, meine prächtige Welt,
Die
Welt meiner süßen Pein,
Vom
ersten Wimmern des Säuglings bis
Zu
der gefolterten Mutter Schrei'n.
Ernst
war stets überarbeitet. Seine prachtvolle Konstitution hielt ihn
aufrecht; aber selbst sie konnte nicht den müden Ausdruck aus seinen
Augen bannen. Seine lieben, müden Augen! Denn er schlief nachts nie mehr
als viereinhalb Stunden; und doch fand er nicht Zeit genug, alles das zu
tun, was er vorhatte. Seine propagandistische Tätigkeit stellte er nie
ein, und immer war er auf lange Zeit hinaus für Vorlesungen in den
Arbeitervereinen verpflichtet. Und dann der Wahlkampf. Der allein nahm die
ganze Kraft eines Mannes in Anspruch. Mit der Unterdrückung der
sozialistischen Verlage hatten die mageren Einkünfte, die er von dort
bezogen, aufgehört, und er musste schwer für seinen Lebensunterhalt
arbeiten, und zwar neben all seiner anderen Arbeit. Er übersetzte eine
große Reihe wissenschaftlicher und philosophischer Werke für bürgerliche
Verleger. Wenn er spät abends völlig erschöpft heimkam, machte er sich
an seine Übersetzungen und arbeitete bis in die Morgenstunden hinein. Und
zu alledem kamen noch seine Studien. Bis zu seinem Todestage blieb er
ihnen treu, und er studierte ungeheuer viel.
Und
doch fand er noch Zeit, mich durch seine Liebe glücklich zu machen. Aber
das war nur dadurch möglich, dass ich mein Leben in dem seinen aufgehen
ließ. Ich lernte Stenographie und Schreibmaschine und wurde seine Sekretärin.
Er behauptete, dass es mir gelänge, seine Arbeit auf die Hälfte zu
reduzieren, und ich lernte eifrig, um sein Werk verstehen zu können. Wir
teilten alle unsere Interessen und waren miteinander froh.
Und
mitten in unserer Arbeit stahlen wir uns süße Augenblicke — nur ein
Wort, eine Liebkosung oder einen zärtlichen Blick, und dass wir uns diese
Augenblicke stehlen mussten, machte sie nur noch süßer. Wir lebten auf Höhen,
wo die Luft rein und funkelnd war, wo alle Mühsal der Menschheit galt,
und wo Geiz und Eigennutz nie zugelassen wurden. Wir liebten die Liebe,
und nie wurde unsere Liebe getrübt. Und dies bleibt mir: Ich habe nichts
versäumt. Ich schenkte ihm Ruhe — ihm, der so schwer für andere
arbeitete, meinem lieben Sterblichen mit den müden Augen.
(1)
Mayflower war der Name eines der ersten Schiffe, die nach der Entdeckung
der Neuen Welt Kolonisten nach Amerika brachten. Die Nachkommen dieser frühesten
Kolonisten waren eine Zeitlang stolz auf ihre Abstammung; mit der Zeit
verbreitete sich ihr Blut jedoch so, dass es eigentlich in den Adern eines
jeden Amerikaners rann.
Der
Bischof
Kurz
nach meiner Verheiratung traf ich zufällig Bischof Morehouse. Aber ich
will die Geschehnisse der Reihe nach wiedergeben. Nach dem ereignisreichen
Abend in der L.P.H.-Versammlung hatte der Bischof, ein edler Mensch, dem
freundschaftlichen Druck, der auf ihn ausgeübt wurde, nachgegeben und war
in Urlaub gegangen. Aber er kehrte wieder, fester als je überzeugt, dass
es seine Bestimmung sei, die Botschaft der Kirche zu predigen. Und zur
Bestürzung seiner Gemeinde war seine erste Predigt ganz ähnlich der
Rede, die er seinerzeit in der Versammlung gehalten hatte. Wieder sprach
er lange und umständlich davon, dass die Kirche von der Lehre des Herrn
abgewichen sei und Mammon an Stelle Christi gesetzt habe.
Der
Erfolg war, dass er, ob er wollte oder nicht, in einer privaten
Irrenanstalt eingesperrt wurde, während die Zeitungen pathetische
Berichte über seinen geistigen Zusammenbruch und die Frömmigkeit seines
Charakters brachten. Er wurde als Gefangener im Sanatorium festgehalten.
Ich ging mehrmals hin, um ihn zu besuchen, wurde aber nicht zu ihm
gelassen, und ich war aufs tiefste erschüttert von der Tragödie eines
gesunden, normalen, frommen Mannes, der durch den brutalen Willen der
Gesellschaft vernichtet wurde. Denn der Bischof war gesund, rein und edel.
Ernst hatte recht! Ihm fehlte nichts als nur die rechten Begriffe von
Biologie und Soziologie, und das war der Grund, dass er die Fragen, die
sich vor ihm erhoben, nicht hatte beantworten können.
Was
mich erschreckte, war die Hilflosigkeit des Bischofs. Wenn er bei der
Wahrheit, wie er sie sah, blieb, war er verurteilt, in der Anstalt zu
bleiben. Er konnte nichts dagegen tun. Sein Geld, seine Stellung, seine
Bildung konnten ihn nicht retten. Seine Ansichten waren gefährlich für
die Gesellschaft, und die Gesellschaft konnte nicht begreifen, dass solche
Ansichten einem gesunden Hirn entspringen konnten. Dies schien mir
jedenfalls die Stellung zu sein, die die Gesellschaft dazu einnahm.
Aber
der Bischof war trotz seiner reinen, edlen Gesinnung von Argwohn erfasst.
Er begriff seine gefährliche Lage klar. Er sah sich im Netz gefangen und
versuchte, zu entschlüpfen. Ohne Hilfe von seinen Freunden, wie Vater,
Ernst und ich sie ihm hätte bringen können, war er in seinem Kampf ganz
auf sich allein angewiesen. Und in der verschärften Einzelhaft des
Sanatoriums erholte er sich und wurde wieder gesund. Er hatte keine
Visionen mehr, sein Hirn war von der Idee befreit, dass es Pflicht der
Kirche sei, die Lämmer des Herrn zu weiden.
Wie
gesagt, er wurde gesund, ganz gesund, und die Zeitungen sowie die
Geistlichkeit begrüßten seine Rückkehr freudig. Ich ging einmal in
seine Kirche. Die Predigt war ganz wie die, welche er lange, ehe er
Visionen gehabt, gehalten hatte. Ich war enttäuscht, erschüttert. Hatte
die Gesellschaft ihn zur Unterwerfung gezwungen? War er ein Feigling? War
er zum Widerruf gezwungen worden? Oder war die Anstrengung zu groß für
ihn gewesen, und hatte er sich demütig den Gesetzen der bestehenden
Ordnung unterworfen?
Ich
besuchte ihn in seinem schönen Hause. Er war traurig und verändert. Er
war recht abgemagert, und sein Gesicht hatte Falten, die ich nie zuvor
gesehen. Er war sichtlich erschrocken über meinen Besuch. Beim Sprechen
zupfte er nervös an seinem Ärmel, und seine Augen irrten ratlos umher
und vermieden es, den meinen zu begegnen. Sein Gedächtnis schien geschwächt,
er konnte plötzlich Pausen in der Unterhaltung eintreten lassen,
unvermittelt zu anderen Dingen überspringen und zeigte eine verwirrende
Inkonsequenz. War dies der klardenkende, christusähnliche Mann, den ich
gekannt hatte, der Mann mit den reinen hellen Augen und dem Blick, der
ebenso standhaft und fest war wie seine Seele? Man war bös mit ihm
umgesprungen; er war eingeschüchtert bis zur Unterwerfung. Seine
Gesinnung war zu vornehm. Er hatte nicht vermocht, dem organisierten
Wolfsrudel der Gesellschaft zu trotzen.
Ich
war traurig, unsagbar traurig. Er sprach unbestimmt und fürchtete sich so
offensichtlich vor meinen Fragen, dass ich nicht das Herz hatte, sie zu
stellen. Er sprach wie abwesend von seiner Krankheit, und wir unterhielten
uns in abgerissenen Sätzen über die Kirche, über Veränderungen in der
Verwaltung und über geringfügige Liebeswerke, und er sah mich mit so
sichtbarer Erleichterung gehen, dass ich hätte lachen mögen, wäre mir
das Herz nicht so voll von Tränen gewesen.
Der
arme kleine Held! Hätte ich ihn nur gekannt! Er kämpfte wie ein Riese,
und ich ahnte es nicht. Allein, ganz allein inmitten von Millionen
Kameraden kämpfte er seinen Kampf. Voll Grauen vor der Anstalt und erfüllt
von seinem Glauben an Recht und Wahrheit, hielt er an Recht und Wahrheit
fest; aber so allein war er, dass er sich nicht einmal mir anzuvertrauen
wagte. Er hatte seine Lektion gut gelernt — nur zu gut.
Aber
ich sollte es bald erfahren. Eines Tages verschwand der Bischof. Er hatte
niemand etwas davon gesagt, dass er fort wolle. Als aber die Tage
vergingen und er nicht zurückkehrte, hieß es allgemein, er müsse in
einem Anfall von Geistesgestörtheit Selbstmord begangen haben. Dann aber
erfuhr man, dass er seinen ganzen Besitz — sein Haus in der Stadt, sein
Landhaus in Menlo Park, seine Gemälde, seine Sammlungen und sogar seine
geliebten Bücher — verkauft hatte. Es war klar, dass er heimlich reinen
Tisch gemacht hatte, ehe er verschwand.
Dies
geschah in der Zeit, als es uns selbst recht elend ging. Kaum aber hatten
wir uns in unserer neuen Wohnung eingerichtet, als der Bischof uns
Gelegenheit gab, über sein Tun zu staunen und nachzudenken. Und dann
wurde uns plötzlich alles klar. Eines Abends war ich in der Dämmerung
rasch über die Straße gelaufen, um bei einem Schlachter Fleisch zum
Abendbrot für Ernst zu holen.
In
dem Augenblick, als ich aus dem Laden trat, tauchte aus dem
danebenliegenden Laden ein Mann auf. Ein eigentümliches Gefühl sagte
mir, dass ich diesen Mann kennen müsse, und ich sah mich mehrmals nach
ihm um. Aber der Mann hatte sich umgedreht und ging eilig fort. Etwas in
der Haltung seiner Schultern und der Saum seines silberweißen Haares
zwischen Rockkragen und Hutrand erweckten unbestimmte Erinnerungen in mir.
Statt die Straße zu kreuzen, eilte ich hinter dem Manne her. Ich suchte
mich von dem sich unversehens aufdrängenden Gedanken zu befreien und
beschleunigte dabei meine Schritte. Nein, es war unmöglich. Er konnte es
nicht sein — dieser Mann in den verschossenen blauen Hosen, die zu lang
und an den Enden abgetreten waren.
Ich
blieb stehen, lachte über mich selbst und wollte die Jagd aufgeben. Aber
diese verhexte Ähnlichkeit der Schultern und dieses Silberhaar! Wieder
eilte ich ihm nach. Als ich ihn überholte, blickte ich ihm keck ins
Gesicht; dann drehte ich mich plötzlich um und stand — dem Bischof
gegenüber.
Er
blieb ebenso plötzlich stehen und atmete schwer. Eine große Tüte fiel
aus seiner Rechten auf den Bürgersteig. Sie zerriss, und zwischen seine
und meine Füße rollten eine Menge Kartoffeln. Er sah mich überrascht
und traurig an; dann schien er zu erschlaffen, seine Schultern senkten
sich mutlos, und er seufzte tief. Ich reichte ihm die Hand. Er drückte
sie, aber die seine fühlte sich feucht an. Er räusperte sich verlegen
und ich sah, wie ihm der Schweiß aus der Stirn brach. Er war sichtbar
tief erschrocken.
»Die
Kartoffeln«, murmelte er ängstlich. »Sie sind kostbar.«
Wir
sammelten sie auf und taten sie wieder in die geplatzte Tüte, die er
sorgsam unter den Arm presste. Ich versuchte, ihm meine Freude über
unsere Begegnung auszudrücken und bat ihn, uns recht bald zu besuchen.
»Vater
wird sich freuen, Sie wieder zu sehen«, sagte ich. »Wir wohnen nur ein
paar Häuser entfernt.«
»Ich
kann nicht«, sagte er. »Ich muss gehen. Leben Sie wohl.«
Er
sah sich argwöhnisch um, als fürchtete er, entdeckt zu werden, und
schickte sich dann an weiterzugehen. »Sagen Sie mir, wo Sie wohnen; ich
werde später vorsprechen«, sagte er, als er sah, dass ich neben ihm
herschritt und mich jetzt, da ich ihn gefunden hatte, an seine Fersen
heftete.
»Nein«,
antwortete ich bestimmt. »Sie müssen jetzt gleich mitkommen.«
Er
warf einen Blick auf die Kartoffeln unter seinem Arm und die ändern
kleinen Pakete, die er unter dem ändern Arm trug.
»Es
ist wirklich unmöglich«, sagte er. »Verzeihen Sie meine Unhöflichkeit.
Aber wenn Sie wüssten —«
Er
sah aus, als wolle er zusammenbrechen. Im nächsten Augenblick hatte er
sich aber wieder in der Gewalt.
»Außerdem
diese Lebensmittel«, fuhr er fort. »Es ist ein trauriger Fall. Es ist
schrecklich. Sie ist eine alte Frau. Ich muss sie ihr gleich bringen. Sie
braucht sie dringend. Ich muss gleich gehen. Sie verstehen. Dann komme ich
wieder. Ich verspreche es Ihnen.«
»Ich
begleite Sie«, erbot ich mich. »Ist es weit?«
Er
seufzte wieder und ergab sich. »Nur bis zur übernächsten Ecke«, sagte
er. »Lassen Sie uns eilen.«
Unter
der Führung des Bischofs lernte ich einiges aus meiner jetzigen
Nachbarschaft kennen. Ich hatte mir nicht träumen lassen, dass es so
furchtbares Elend gäbe. Das kam natürlich daher, dass ich mich nicht
selbst mit Wohltätigkeit beschäftigte. Ich hatte mich überzeugt, dass
Ernst recht hatte, wenn er sie höhnisch als ein Geschwür bezeichnete.
Entfernt das Geschwür, hieß sein Rezept. Gebt dem Arbeiter sein
Erarbeitetes, pensioniert wie Soldaten die, die in der Arbeit in Ehren
grau geworden sind, dann sind Almosen überflüssig. Hiervon überzeugt,
arbeitete ich mit ihm gemeinsam auf die Revolution hin und verschwendete
meine Kraft nicht damit, soziale Übel zu lindern, die immer wieder aus
der Ungerechtigkeit des Systems entspringen mussten.
Ich
folgte dem Bischof in das drei mal vier Meter große einzige Zimmer einer
Mietswohnung. Und hier trafen wir eine alte Deutsche — vierundsechzig
Jahre alt war die Frau, wieder Bischof mir sagte. Sie war überrascht,
mich zu sehen, nickte mir aber einen freundlichen Gruß zu und nähte an
einem Paar Männerhosen weiter. Neben ihr auf dem Fußboden lag ein
weiterer Stoß Hosen. Der Bischof sah, dass weder Kohlen noch Holz
vorhanden waren, und ging, es zu holen.
Ich
nahm ein Paar Hosen in die Hand und betrachtete ihre Arbeit.
»Sechs
Cents, meine Dame«, sagte sie, den Kopf wiegend, und nähte weiter. Sie nähte
langsam, aber ununterbrochen. Das Wort »nähen« schien sie ganz zu
beherrschen.
»Für
diese ganze Arbeit?« fragte ich. »Mehr wird dafür nicht bezahlt? Wie
lange brauchen Sie dazu?«
»Nein,
mehr nicht. Sechs Cents für die fertige Hose. An jedem Paar nähe ich
zwei Stunden. — Aber das weiß der Chef nicht«, fügte sie rasch hinzu,
aus Furcht, ihm Unannehmlichkeiten zu bereiten. »Ich bin langsam. Ich
habe Gicht in den Fingern. Junge Mädchen arbeiten viel schneller. Sie
brauchen nur halb so lange. Der Chef ist gut. Er erlaubt mir, die Arbeit
mit heimzunehmen, weil ich alt bin und das Geräusch der Maschine mir
Kopfschmerzen macht. Wäre er nicht so gut zu mir, so müsste ich hungern.
Ja,
wer im Geschäft arbeitet, bekommt acht Cents. Aber was soll ich tun? Es
gibt nicht einmal Arbeit genug für die Jungen. Die Alten haben keine
Aussicht. Oft bekomme ich nur ein Paar. Manchmal aber, wie heute, habe ich
acht Paar bis zum Abend fertig zu machen.«
Ich
fragte sie, wie viele Stunden sie arbeitete; das hinge von der Jahreszeit
ab, antwortete sie.
»Im
Sommer, wenn die Nachfrage groß ist, arbeite ich von fünf Uhr morgens
bis neun Uhr abends. Im Winter aber ist es so kalt. Dann dauert es so
lange, bis die Finger nicht mehr steif sind. Dafür muss ich abends länger
arbeiten - manchmal bis nach Mitternacht.
Ja,
es war ein schlechter Sommer. Die schweren Zeiten! Gott muss zürnen. Das
hier ist meine erste Arbeit in dieser Woche. Es ist schon richtig, dass
man nicht viel zu essen hat, wenn es keine Arbeit gibt. Aber daran bin ich
gewöhnt. Ich habe mein ganzes Leben genäht. Früher in der alten Heimat
und jetzt — seit dreiunddreißig Jahren — hier in San Franzisko. Wenn
nur das Geld für die Miete da ist, dann ist alles in Ordnung. Der
Hauswirt ist sehr freundlich, aber er verlangt seine Miete. Und das gehört
sich auch so. Er nimmt nur drei Dollar für dieses Zimmer. Das ist billig.
Aber es ist nicht leicht, jeden Monat die drei Dollar aufzubringen .«
Sie
schwieg und nähte, den Kopf neigend, weiter.
»Sie
müssen mit Ihrem Verdienst sehr haushalten«, meinte ich. Sie nickte
lebhaft.
»Wenn
ich die Miete bezahlt habe, ist es nicht mehr so schlimm. Fleisch kann ich
mir allerdings nicht kaufen. Und Milch zum Kaffee auch nicht. Aber eine
Mahlzeit täglich gibt es doch. Und manchmal auch zwei.«
Die
letzten Worte sprach sie mit Stolz. Als sie aber schweigend weiter
stichelte, bemerkte ich die müden Augen und den abgehärmten Mund. Ihr
Blick war abwesend. Sie rieb sich rasch die trüben Augen klar; sie musste
weiter nähen.
»Nein,
der Hunger tut nicht weh«, erklärte sie. »Daran gewöhnt man sich. Ich
weine nur um mein Kind. Die Maschine hat sie getötet. Es ist wahr, sie
musste schwer arbeiten, aber ich begreife es doch nicht. Sie war stark,
und jung — erst vierzig. Und dreißig Jahre arbeitete sie schon. Sie
fing früh an, das ist richtig; aber mein Mann war gestorben. In der
Fabrik explodierte der Kessel. Und was sollten wir machen? Sie war erst
zehn Jahre alt, aber sehr kräftig. Und doch hat die Maschine sie getötet.
Ja. Meine Tochter wurde getötet, und dabei war sie die beste Arbeiterin
in der Fabrik. Ich habe oft darüber nachgedacht, und ich weiß es. Darum
kann ich nicht in der Fabrik arbeiten. Die Maschine zerrüttet mir den
Kopf. Ich höre immer, wie sie sagt: Ich tat es, ich tat es! Und das sagt
sie den ganzen Tag. Und dann denke ich an meine Tochter und kann nicht
arbeiten.«
Ihre
Augen wurden wieder feucht, und sie musste sie sich wischen, ehe sie
weiter sticheln konnte.
Ich
hörte den Bischof die Treppe herauf stolpern und öffnete die Tür. Was für
einen Anblick bot er! Auf dem Rücken trug er einen halben Sack Kohlen,
und obendrauf ein Bündel Holz. Sein Gesicht war von Kohlenstaub bedeckt,
und der Schweiß rann ihm in Strömen von der Stirn. Er stellte seine Last
in die Ecke neben den Ofen und wischte sich das Gesicht mit einem bunten
baumwollenen Taschentuch. Ich traute kaum meinen Augen. Der Bischof
schwarz wie ein Kohlenträger, in einem billigen Arbeiterhemd (am Halse
fehlte ein Knopf) und in Überziehhosen! Das war das Merkwürdigste von
allem — die Überziehhosen, die, unten abgetreten, zu weit herabhingen
und mit einem schmalen Lederriemen, wie Arbeiter ihn tragen, um die Hüfte
geschnallt waren.
Dem
Bischof war warm, aber der alten Frau krampften sich die armen
geschwollenen Hände vor Kälte zusammen; und ehe wir sie verließen,
hatte der Bischof Feuer gemacht und ich die Kartoffeln geschält und auf
den Ofen gestellt. Mit der Zeit sollte ich erfahren, dass sich viele ähnliche
Fälle wie der ihrige und noch weit schlimmere in den ungeheuren
Arbeiterkasernen meiner Nachbarschaft verbargen.
Als
wir in unsere Wohnung traten, war Ernst beunruhigt um mich. Nachdem die
erste Überraschung sich gelegt hatte und sie sich begrüßt hatten,
lehnte sich der Bischof auf seinem Stuhl zurück und seufzte mit
sichtbarer Erleichterung. Wir seien die ersten von seinen alten Freunden,
die er seit seinem Verschwinden sähe, sagte er. Er musste in der
Zwischenzeit sehr unter der Einsamkeit gelitten haben. Er erzählte viel,
sprach aber am meisten von der Freude, die er bei der Ausübung des göttlichen
Gebotes fühlte.
»Jetzt
weide ich wirklich seine Lämmer«, sagte er. »Und ich habe eine große
Lehre erhalten. Der Seele kann nicht geholfen werden, ehe nicht der Magen
beschwichtigt ist. Zuerst müssen seine Lämmer Brot und Butter,
Kartoffeln und Fleisch haben, und dann, dann erst sind ihre Seelen für
feinere Nahrung empfänglich.«
Er
aß so herzhaft von dem Abendbrot, das ich bereitet hatte. Nie hatte er in
alten Tagen an unserm Tisch einen solchen Appetit gehabt. Wir sprachen darüber,
und er sagte, dass er sich nie im Leben so wohl gefühlt hätte wie jetzt.
»Ich
gehe jetzt stets zu Fuß«, sagte er, und die Röte stieg ihm in die
Wangen bei dem Gedanken an die Zeit, da er in seinem Wagen gefahren war,
als sei es eine Sünde gewesen, von der er sich nicht so leicht
lossprechen könnte. Und doch lag in seinem Gesicht eine immerwährende
Qual, die Qual des Leides, das er jetzt auf sich genommen hatte. Er sah
das Leben in seiner wahren Gestalt, und die war so ganz anders, als er es
in seinen Büchern gelesen hatte.
»Und
Sie haben die Verantwortung für alles das, junger Mann«, wandte er sich
direkt an Ernst.
Ernst
war verlegen.
»Ich
— ich habe Sie gewarnt«, stotterte er.
»Nein,
Sie missverstehen mich«, erwiderte der Bischof. »Ich mache Ihnen keinen
Vorwurf, sondern ich danke Ihnen. Ich muss Ihnen danken, weil Sie mir
meinen Weg gewiesen haben. Sie haben mich von den Theorien des Lebens zum
Leben selbst geführt. Sie haben den Schleier vom sozialen Betrug
weggezogen. Sie haben Licht in mein Dunkel gebracht, und jetzt sehe ich
das Licht auch. Und ich bin sehr glücklich, nur... « Er zögerte zerquält,
und in seinen Augen lag eine tiefe Furcht. »Nur die Verfolgung. Ich tue
niemand etwas zuleide. Warum lässt man mich nicht in Ruhe? Aber es ist
nicht das. Es ist die Art der Verfolgung. Ich würde nichts danach fragen,
wenn sie mir das Fleisch in Streifen schnitten, mich auf dem
Scheiterhaufen verbrennen würden oder mich kreuzigten. Was ich fürchte,
ist nur die Anstalt. Denken Sie! Ich — in eine Irrenanstalt! Es ist empörend!
Ich sah einige Fälle in den Sanatorien. Sie waren furchtbar. Das Blut
erstarrt mir, wenn ich daran denke. Und für den Rest meines Lebens
inmitten von Tobsucht und Wahnsinn eingesperrt zu sein! Nein! Nein! Nur
das nicht! Nur das nicht!«
Er
war bemitleidenswert. Seine Hände zitterten, sein ganzer Körper bebte
zurück vor dem Bild, das er heraufbeschworen hatte. Aber im nächsten
Augenblick war er wieder ruhig.
»Verzeihen
Sie«, sagte er schlicht. »Ich bin so nervös Und wenn das Werk des Herrn
mich dorthin führt, so mag es sein. Wer bin ich, dass ich klagen dürfte.«
Als
ich ihn ansah, hätte ich laut rufen mögen: Großer Bischof! Held! Held
Gottes!
Im
Laufe des Abends erfuhren wir noch mehr über sein Tun.
»Ich
habe mein Haus — oder vielmehr meine Häuser — «, sagte er »und
meinen ganzen Besitz verkauft. Ich wusste, dass ich es heimlich tun
musste, weil man mir sonst alles weggenommen hätte, und das wäre
schrecklich gewesen. Ich denke in diesen Tagen oft darüber nach, welch
ungeheure Menge Kartoffeln oder Brot, Fleisch, Kohlen oder Holz man für
zwei- oder dreihunderttausend Dollar kaufen könnte.«
Er
wandte sich an Ernst.
»Sie
haben recht, junger Mann. Die Arbeit wird schrecklich bezahlt. Ich habe
nie in meinem Leben gearbeitet, außer, dass ich an die Pharisäer in ästhetischem
Sinne appellierte — ich dachte, die göttliche Botschaft zu predigen
—, und doch hatte ich eine halbe Million Dollar. Ich habe nie gewusst,
was eine halbe Million Dollar bedeutete, bis ich ausrechnete, wie viel
Kartoffeln, Brot, Butter und Fleisch ich dafür kaufen könnte. Und da
machte ich mir noch etwas klar. Ich dachte darüber nach, dass all diese
Kartoffeln, all dieses Brot, diese Butter und dieses Fleisch mir gehörten,
und dass ich dabei nichts für ihre Erzeugung getan hatte. Es wurde mir
klar, dass andere es getan hatten, und dass es ihnen geraubt worden war.
Und als ich zu den Armen herabstieg, fand ich die, welche man beraubt
hatte, und die dadurch hungrig und elend geworden waren.«
Wir
veranlassten ihn, den Faden seiner Erzählung wieder aufzunehmen.
»Das
Geld? Ich habe es in vielen verschiedenen Banken unter verschiedenen Namen
deponiert. Man kann es mir nie nehmen, denn man findet es nicht. Und Geld
ist doch etwas so Gutes. Man kann so viel Nahrung dafür kaufen. Nie habe
ich gewusst, wozu Geld gut ist.«
»Ich
wünschte, wir hätten etwas davon für unsere Propaganda«, sagte Ernst
sinnend.
»Meinen
Sie?« sagte der Bischof. »Ich habe nicht viel Vertrauen zur Politik. Ich
glaube, dass ich eigentlich nichts von Politik verstehe.«
Ernst
war in solchen Dingen sehr zartfühlend. Er wiederholte seine Anspielung
nicht, obgleich er die arge Verlegenheit, in der sich die sozialistische
Partei durch ihren Geldmangel befand, nur zu gut kannte.
»Ich
schlafe in billigen Logierhäusern«, fuhr der Bischof fort. »Aber ich fürchte
mich und bleibe nie lange an einer Stelle. Ferner habe ich zwei Zimmer in
Arbeiterkasernen in verschiedenen Stadtgegenden gemietet. Das ist eine große
Extravaganz, ich weiß, aber es ist notwendig. Ich mache es aber wieder
gut dadurch, dass ich selbst koche, nur manchmal esse ich in billigen
Restaurants. Und ich habe eine Entdeckung gemacht. Tamales(1)
sind ausgezeichnet, wenn die Luft spät abends kühl wird. Nur sind sie so
teuer. Aber ich habe ein Lokal ausfindig gemacht, wo ich drei für zehn
Cents bekomme; sie sind nicht so gut wie anderswo, aber sie wärmen doch.
Und
so habe ich endlich, dank Ihnen, junger Mann, meine Arbeit in der Welt
gefunden. Das ist das Werk des Herrn.« Er sah mich an und zwinkerte mit
den Augen. »Sie haben mich dabei erwischt, wie ich seine Lämmer weidete.
Aber Sie werden mein Geheimnis sicher wohl verwahren.«
Er
sprach scheinbar sorglos, aber hinter seinen Worten war doch die Angst zu
spüren. Er versprach, uns wieder zu besuchen, aber eine Woche später
lasen wir in der Zeitung den traurigen Fall des Bischofs Morehouse, der
ins Napa-Asyl eingeliefert worden war, und für den es nur noch eine
schwache Hoffnung gab. Vergebens versuchten wir zu ihm zu dringen. Und
ebenso vergebens bemühten wir uns durchzusetzen, dass die Sache wieder
aufgenommen und nochmals untersucht würde. Wir konnten nichts weiter über
ihn erfahren, außer der wiederholten Versicherung, dass noch eine
schwache Hoffnung für seine Wiederherstellung vorhanden sei.
»Christus
sprach zu dem reichen Jüngling, er solle all seinen Besitz verkaufen«,
sagte Ernst bitter. »Der Bischof hat dieser Aufforderung gehorcht und ist
in ein Irrenhaus gesperrt worden. Die Zeiten haben sich seit Christus geändert.
Ein reicher Mann, der alles, was er hat, den Armen gibt, ist heute verrückt.
Darüber ist nicht zu streiten.«
(1)
Ein mexikanisches Gericht, das gelegentlich in der Literatur jener Zeit
erwähnt wird. Man nimmt an, dass es sich um eine warme, starkgewürzte
Speise gehandelt hat. Ein Rezept davon ist uns nicht überliefert.
Der
Generalstreik
Natürlich
wurde Ernst bei dem großen sozialistischen Rutsch im Herbst 1912 in den
Kongress gewählt. Ein Umstand, der sehr zum Anschwellen der
sozialistischen Flut beitrug, war die Vernichtung Hearsts(1).
Das erschien der Plutokratie leichte Arbeit. Die Herausgabe seiner
verschiedenen Zeitungen kostete Hearst jährlich achtzehn Millionen
Dollar, und diese Summe und mehr noch zahlte ihm der Mittelstand wieder für
Anzeigen zurück. Die Quelle seiner finanziellen Kraft bildete ausschließlich
der Mittelstand. Die Trusts inserierten nicht(2). Um
Hearst zu vernichten, war es nur notwendig, ihm die Anzeigen zu entziehen.
Der Mittelstand war noch nicht ganz ausgerottet. Das feste Skelett war
geblieben, aber es hatte keine Kraft. Die kleinen Fabrikanten und Geschäftsleute,
die es noch gab, waren ganz auf die Gnade der Plutokratie angewiesen. Sie
hatten keinen wirtschaftlichen oder politischen Halt mehr. Als sie von der
Plutokratie den Befehl erhielten, entzogen sie der Hearst-Presse ihre
Anzeigen.
Hearst
kämpfte tapfer. Er gab seine Zeitungen mit einem Verlust von anderthalb
Millionen monatlich heraus. Er druckte die Anzeigen kostenlos weiter. Die
Plutokratie gab neue Befehle aus, und die kleinen Fabrikanten und Geschäftsleute
überschwemmten Hearst mit einer Flut von Briefen, in denen sie die Veröffentlichung
ihrer früheren Anzeigen untersagten. Hearst beharrte auf seinem
Standpunkt.
Es
ergingen gerichtliche Aufforderungen an ihn. Er ließ sich nicht einschüchtern.
Er erhielt sechs Monate Gefängnis wegen Missachtung des Gerichts, weil er
den an ihn ergangenen Aufforderungen nicht nachgekommen war, und schließlich
machte er infolge zahlloser Schadenersatzklagen Bankrott Jede Möglichkeit
war ihm abgeschnitten. Die Plutokratie hatte ihr Urteil gefällt. Die
Gerichtshöfe waren in ihrer Hand und mussten das Urteil vollstrecken. Und
mit Hearst ging auch die demokratische Partei zugrunde, der er neues Leben
eingehaucht hatte.
Nach
der Vernichtung Hearsts und der demokratischen Partei gab es für deren
Anhänger nur zwei Wege: der eine führte zur sozialistischen, der andere
zur republikanischen Partei.
So
kam es, dass wir Sozialisten die Früchte von Hearsts
pseudosozialistischer Lehre ernteten, denn der größte Teil seiner Anhänger
ging zu uns über.
Die
damals stattgefundene Enteignung der Landwirte würde ebenfalls unsere
Stimmenzahl vergrößert haben, hätte man nicht die kurzlebige und
unfruchtbare Bauernpartei gegründet. Ernst und die sozialistischen Führer
bemühten sich ungeheuer um die Landwirte, aber die Vernichtung der
sozialistischen Zeitungen und Verlagsanstalten bildete ein zu großes
Hindernis, und in der mündlichen Propaganda war man damals noch nicht
erfahren genug. Daher kam es, dass Politiker vom Schlage des Herrn Calvin,
selbst längst enteignete Gutsbesitzer, die Bauern für sich gewannen und
ihre politische Kraft in einem vergeblichen Wahlkriege verschwendeten .
»Die
armen Bauern«, Ernst lachte wild; »sie sind ganz in den Händen der
Trusts.«
Und
so war es wirklich. Die sieben großen, Hand in Hand arbeitenden Trusts
hatten ihre riesigen Überschüsse zusammengelegt und bildeten den
Landtrust. Die Eisenbahnen, die die Frachtsätze, und die Bankiers und Börsenjobber,
die die Preise kontrollierten, hatten die Bauern längst zu ihren
Schuldnern gemacht. Die Banken und sämtliche Trusts hatten den Landwirten
längst riesige Summen geliehen. Sie waren im Netz gefangen, man brauchte
nur noch das Netz aus dem Wasser zu ziehen. Und das besorgte der
Landtrust.
Die
schweren Zeiten von 1912 hatten schon einen furchtbaren Preissturz auf dem
landwirtschaftlichen Markte zur Folge gehabt. Jetzt wurden die Preise
absichtlich bis zum Ruin der Bauern gedrückt, während die Eisenbahnen
mit ihrem übermäßigen Tarif dem Bauernkamel das Rückgrat brachen. Die
Bauern waren gezwungen, immer mehr Geld aufzunehmen, während es ihnen unmöglich
gemacht wurde, alte Schulden zu bezahlen. Die Folge waren große
hypothekarische Verschreibungen und weitere Ansammlungen von
Schuldscheinen. Schließlich übergaben die Bauern ihren Grundbesitz
einfach dem Landtrust. Es blieb ihnen nichts anderes übrig. Und als sie
ihren Besitz abgetreten hatten, arbeiteten sie für den Landtrust als
Verwalter, Inspektoren, Vorarbeiter und einfache Knechte. Sie arbeiteten für
Lohn. Sie wurden Leibeigene, kurz — Sklaven, die sich im Schweiße ihres
Angesichts ihr Brot verdienen mussten. Sie konnten ihren Herrn nicht
fortlaufen, denn sie waren Mitglieder der Plutokratie. Sie konnten nicht
in die Städte gehen, denn auch die hatte die Plutokratie in ihrer Gewalt.
Sie hatten nur die Möglichkeit, die heimatliche Scholle zu verlassen, um
Landstreicher zu werden und zu hungern. Und auch diese Möglichkeit wurde
ihnen genommen, denn es wurden gegen die Landstreicher strenge Gesetze
erlassen und unnachgiebig durchgeführt.
Hier
und dort gab es natürlich Bauern und ganze Bauerngemeinschaften, die dank
außergewöhnlichen Verhältnissen der Enteignung entgangen waren. Aber
das waren nur wenige, sie zählten nicht, und auch sie wurden im Laufe des
nächsten Jahres irgendwie eingeheimst(3).
So
lagen die Dinge im Herbst 1912, und die sozialistischen Führer nahmen,
mit Ausnahme von Ernst, an, dass das Ende des Kapitalismus gekommen sei.
Durch die Schwere der Zeiten war das Heer der Arbeitslosen ungeheuer
angeschwollen, und die Vernichtung der Landwirte und des Mittelstandes
sowie die entschiedene Niederlage, die die Arbeiterverbände auf der
ganzen Linie erlitten hatten, trugen das Ihre dazu bei. Die Sozialisten
glaubten fest an das Ende des Kapitalismus und warfen der Plutokratie den
Fehdehandschuh hin.
Ach,
wie unterschätzten wir die Macht des Feindes! Überall verkündeten die
Sozialisten ihren bevorstehenden Sieg an der Wahlurne und erklärten die
Situation mit nicht mißzuverstehenden Worten. Die Plutokratie nahm den
Fehdehandschuh auf. Und, prüfend und wägend, besiegte sie uns, indem sie
unsere Macht zersplitterte. Durch ihre Geheimagenten ließ sie verbreiten,
dass die Sozialisten Gotteslästerer und Atheisten wären. Sie riefen die
Kirche, und vor allem die katholische, auf den Plan und jagten uns dadurch
einen Teil von Arbeiterstimmen ab. Und, natürlich wieder durch ihre
Geheimagenten, ermutigte die Plutokratie die Bauernpartei und zerstreute
dann die Bauern in die Städte und in die Reihen des sterbenden
Mittelstandes.
Immerhin
erfolgte also der sozialistische Rutsch. Aber statt eines durchschlagenden
Erfolges, der uns die höchste Vollziehungsgewalt und das Übergewicht in
allen gesetzgebenden Körperschaften gesichert hätte, mussten wir sehen,
dass wir in der Minderheit waren. Allerdings konnten wir fünfzig
Mitglieder in den Kongress schicken. Als sie aber im Frühjahr 1913 ihre
Sitze einnahmen, entdeckten sie ihre völlige Machtlosigkeit. Sie waren
aber noch glücklicher als die Landwirte, die ein Dutzend Plätze erhalten
hatten, sie aber nicht einnehmen konnten. Die früheren Inhaber weigerten
sich, sie zu verlassen. Und die Gerichte befanden sich in den Händen der
Oligarchie. Aber das greift dem Gang der Ereignisse zu weit vor. Ich muss
zuvor noch von den aufregenden Zeiten des Winters 1912 berichten.
Die
schweren Zeiten hatten eine ungeheure Absatzstockung verursacht. Die
Arbeiter, meistens ohne Arbeit, hatten kein Geld, um zu kaufen. Die Folge
war, dass die Plutokratie einen größeren Überschuss als je in Händen
hatte. Diesen Überschuss musste sie an das Ausland absetzen, denn zur
Ausführung ihrer riesigen Pläne brauchte sie viel Geld. Die Folge der
großen Anstrengungen, die sie machte, um diesen Überschuss auf dem
Weltmarkt abzustoßen, war, dass die Plutokratie mit Deutschland
zusammenstieß . Wirtschaftliche Zusammenstöße pflegen durch Kriege
ausgetragen zu werden, und diesmal war es nicht anders. Der mächtige
deutsche Kriegsherr rüstete, und dasselbe taten die Vereinigten Staaten.
Die
Kriegswolken hingen schwarz und drohend am Himmel. Eine Weltkatastrophe
schien vor der Tür zu stehen, denn in der ganzen Welt gab es schwere
Zeiten, Arbeiterunruhen, untergehenden Mittelstand und Heere von
Arbeitslosen, Zusammenstöße wirtschaftlicher Interessengruppen auf dem
Weltmarkte und ein Gemurmel und Raunen von der kommenden sozialistischen
Revolution(4).
Die
Oligarchie wollte den Krieg mit Deutschland. Und sie wollte ihn aus
Dutzenden von Gründen. Im Wirrwarr der Ereignisse, die ein solcher Krieg
verursachen musste, in der Neumischung der internationalen Karten sowie in
den Abschlüssen neuer Verträge hatte die Oligarchie viel zu gewinnen.
Ferner musste der Krieg viele nationale Überschüsse verbrauchen, die
Heere der Arbeitslosen, die alle Länder bedrohten, vermindern und der
Oligarchie eine Atempause zur Ausführung ihrer weiteren Pläne schenken.
Ein solcher Krieg musste tatsächlich der Oligarchie die Herrschaft über
den Weltmarkt verschaffen. Er musste auch ein großes stehendes Heer ins
Leben rufen, das nicht mehr abgerüstet zu werden brauchte, während die
öffentliche Meinung den Ruf »Sozialismus gegen Oligarchie« mit dem »Amerika
gegen Deutschland« vertauschen würde.
Und
sicher würde der Krieg die Erwartungen der Oligarchie erfüllt haben, wären
nicht die Sozialisten gewesen. In unseren vier engen Zimmern in der
Pell-Street fand eine geheime Zusammenkunft der westlichen Führer statt.
Hier wurde zunächst der Standpunkt erwogen, den die Sozialisten einnehmen
sollten.
Es
war jedoch nicht das erste Mal, dass wir dem Krieg den Fuß auf den Nacken
setzten(5), aber in den Vereinigten Staaten geschah es
zum ersten Male. Nach unserer geheimen Zusammenkunft traten wir in Fühlung
mit den Organisationen des Landes, und bald gingen unsere
Chiffretelegramme über den Atlantischen Ozean zwischen uns und den
internationalen Bureaus hin und her.
Die
deutschen Sozialisten waren bereit, gemeinsame Sache mit uns zu machen. Es
waren über fünf Millionen Mann, darunter viele, die im aktiven Heere
dienten und gute Beziehungen zu den Arbeiterorganisationen unterhielten.
In beiden Ländern führten die Sozialisten eine kühne Sprache, erhoben
Einspruch gegen den Krieg und drohten mit Generalstreik. Und unterdessen
trafen sie ihre Vorbereitungen. Außerdem brachte die revolutionäre
Partei in allen Ländern den sozialistischen Grundgedanken zum Ausdruck,
an dem man für alle Fälle, selbst für den einer Revolte und Revolution
in der Heimat, festhalten wollte.
Der
Generalstreik war der einzige große Sieg, den wir amerikanischen
Sozialisten errangen. Am vierten Dezember wurde der amerikanische
Botschafter in Berlin abberufen. In der Nacht machte die deutsche Flotte
einen Angriff auf Honolulu, versenkte drei amerikanische Kreuzer sowie
einen Zollkutter und bombardierte die Stadt. Am nächsten Tage erklärten
Amerika und Deutschland einander de Krieg, und eine Stunde später hatten
die Sozialisten beider Länder zum Generalstreik aufgerufen.
Zum
ersten Mal wandte sich der deutsche Kriegsherr an den Teil seines Volkes,
der seine Macht bildete. Ohne ihn konnte er seine Herrschaft nicht ausüben.
Das Neue war dass die Aufrührer untätig blieben. Sie kämpften nicht.
Sie taten nichts. Und dadurch banden sie ihrem Kriegsherrn die Hände. Er
hätte nichts sehnlicher gewünscht als eine Gelegenheit, seine
Kriegshunde auf das rebellische Proletariat loszulassen. Aber er konnte
auch seine Armee nicht in Bewegung setzen, um in den Krieg zu ziehen, und
ebenso wenig konnte er die widerspenstigen Elemente bestrafen. Nicht ein
Rad lief mehr in seinem Reiche. Keine Eisenbahn verkehrte, keine
Telegramme liefen über den Draht, denn Telegraphen - und Bahnbeamte
hatten gleichzeitig mit der übrigen Bevölkerung die Arbeit niedergelegt.
Und
ebenso wie in Deutschland ging es in den Vereinigten Staaten. Die
organisierten Arbeiter hatten endlich etwas gelernt. Auf ihrem eigenen
Felde, dem der Arbeit, geschlagen, hatten sie sich auf das politische der
Sozialisten begeben, denn dieser Generalstreik war ein politischer Kampf.
Die Niederlage im Wirtschaftskampfe hatte zur Folge gehabt, dass ihnen
jetzt alles gleich war. Aus lauter Verzweiflung traten sie in den
Generalstreik ein. Zu Millionen legten sie ihre Werkzeuge nieder und
verließen ihre Arbeitsstätten. Besonders taten sich dabei die
Maschinenarbeiter hervor. Sie waren blutgierig, und wenn ihre Organisation
auch anscheinend vernichtet war, so zeigten sie sich doch jetzt wieder
gemeinsam mit ihren Verbündeten aus der Metallindustrie.
Selbst
die ungelernten und die nicht organisierten Arbeiter legten die Arbeit
nieder. Das Streikfieber hatte alle ergriffen, und keiner konnte arbeiten.
Und als die eifrigsten Förderer des Streiks erwiesen sich die Frauen. Sie
widersetzten sich dem Kriege. Sie wollten ihre Männer nicht in den Krieg
ziehen und sterben lassen. Aber die Idee des Generalstreiks wirkte auch
auf das Gemüt des Volkes. Sie erweckte seinen Sinn für Humor. Sie wirkte
ansteckend. In allen Schulen streikten die Kinder, und die Lehrer mussten
nach Hause gehen, weil keine Schüler da waren. Der Generalstreik nahm die
Form einer großen nationalen Landpartie an. Die Idee von der Solidarität
der Arbeiter, die so offenkundig geworden war, beschäftigte die Phantasie
aller. Und letzten Endes war diese riesige Aktion gefahrlos, denn wenn
jeder schuldig war, konnte keiner bestraft werden.
Die
Vereinigten Staaten waren gelähmt. Niemand wusste, was vorging. Es gab
keine Zeitungen, keine Briefe, keine Telegramme. Jede Gemeinde war so
abgesondert, als lägen zehntausend Meilen Urwildnis zwischen ihr und der
übrigen Welt. Und dieser Zustand dauerte eine Woche.
In
San Franzisko erfuhren wir nichts von dem, was sich jenseits der Bucht in
Oakland oder Berkeley ereignete. Der Eindruck war unheimlich, niederdrückend.
Es war, als sei ein großes, kosmisches Wesen gestorben. Der Puls des
Landes hatte aufgehört zu schlagen. Die Nation war wirklich wie tot. Man
hörte kein Wagengerassel auf den Straßen, keine Fabrikpfeife, keine
Ausrufe der Zeitungsjungen. Nichts — nichts, außer dass hier und dort
Leute, selbst bedrückt durch die Stille und gleichsam wie wesenlos, wie
heimliche Geister vorbeihuschten.
In
dieser Woche des Schweigens erhielt die Oligarchie ihre Lehre. Und sie
lernte gut. Der Generalstreik war eine Warnung. Das durfte nie wieder
geschehen. Dafür wollte die Oligarchie sorgen.
Am
Ende der Woche kehrten, wie vereinbart, die Telegraphisten auf ihren
Posten zurück. Die sozialistischen Führer beider Länder ließen durch
sie den Herrschern ihr Ultimatum übermitteln. Die Kriegserklärung sollte
zurückgezogen werden, oder der Generalstreik würde weitergeführt. Bald
darauf kam es zu einer Verständigung. Die Kriegserklärung wurde
widerrufen, und die Bevölkerung beider Länder kehrte an ihre Arbeit zurück.
Die
Erneuerung des Friedens brachte das Bündnis zwischen Deutschland und den
Vereinigten Staaten. Tatsächlich war es ein Bündnis zwischen Kaiser und
Oligarchie, um den gemeinsamen Feind, das revolutionäre Proletariat
beider Länder, zu treffen. Und dieses Bündnis sollte die Oligarchie später
so schändlich brechen, als die deutschen Sozialisten aufstanden und den
obersten Kriegsherrn von seinem Thron vertrieben. Das war es ja, was die
Oligarchie gewollt hatte — der Ausschluss ihres großen Rivalen vom
Weltmarkt. War der deutsche Kaiser aus dem Wege geräumt und der
Sozialismus am Ruder, so konnte Deutschland keine Überschüsse mehr
exportierten. Denn bei dem Wesen des sozialistischen Staates musste
Deutschland alles verbrauchen, was es erzeugte. Natürlich musste es
gewisse seiner Erzeugnisse gegen solche austauschen, die es selbst nicht
produzierte; dieser Warenaustausch aber war grundverschieden von der früheren
kapitalistischen Wirtschaftsweise .
»Ich
wette, die Oligarchie findet schon eine Entschuldigung dafür«, sagte
Ernst, als er ihren Verrat am deutschen Kaiser erfuhr. »Wie immer wird
die Oligarchie glauben, recht gehandelt zu haben.«
Und
wirklich. Die Oligarchie entschuldigte ihre Handlungsweise öffentlich
damit, zum Wohle des amerikanischen Volkes gehandelt zu haben, für dessen
Interessen sie besorgt gewesen wäre. Sie hatte den verhassten Rivalen vom
Weltmarkt verdrängt und Amerika befähigt, seinen Überschuss dorthin zu
verkaufen.
»Und
das Unsinnige dabei ist, dass wir so hilflos sind und unsere Interessen
wirklich durch solche Idioten vertreten lassen müssen«, meinte Ernst. »Sie
haben es uns ermöglicht, mehr zu exportieren, und das bedeutet, dass wir
gezwungen sind, weniger zu verbrauchen.«
(1)
William Randolph Hearst — ein junger kalifornischer Millionär, der der
mächtigste Zeitungsbesitzer im Lande wurde. Seine Zeitungen erschienen in
allen großen Städten und wandten sich an den aussterbenden Mittelstand
sowie an das Proletariat. So groß war sein Gefolge, dass es ihm gelang,
sich in der leeren Muschelschale der alten demokratischen Partei
einzunisten. Er nahm insofern eine besondere Stellung ein, als er einen
entmannten Sozialismus, verbunden mit einer schwer beschreiblichen Art von
kleinbürgerlichem Kapitalismus predigte. Das war Öl und Wasser und gänzlich
aussichtslos, wenn er auch eine kleine Weile eine Quelle ernster Befürchtungen
für die Plutokratie bildete.
(2)
Es ist höchst erstaunlich, was in jenen wirren Zeiten für Inserate
ausgegeben wurde. Nur die Kleinkapitalisten standen im Konkurrenzkampf und
inserierten deshalb. Da die Trusts keine Konkurrenz kannten, hatten sie
nicht nötig, zu inserieren.
(3)
Die Vernichtung der römischen Bauernschaft vollzog sich mit weit
geringerer Schnelligkeit als die der amerikanischen Landwirte und
Kleinkapitalisten. Im zwanzigsten Jahrhundert gab es eine Triebkraft, die
im alten Rom nicht existiert hatte.
Zahlreiche
Landwirte, die sich nicht von ihrer Scholle vertreiben lassen und lieber
wie die wilden Tiere leben wollten, versuchten sich der Enteignung zu
entziehen, indem sie sich von allen Märkten fern hielten. Sie verkauften
nichts und kauften nichts. Ein primitiver Tauschhandel begann unter ihnen;
ihre Entbehrungen und ihre Mühsal waren schrecklich, aber sie harrten
aus. Es wurde tatsächlich eine Bewegung. Die Art, wie sie schließlich
geschlagen wurden, war ebenso eigenartig wie logisch und einfach. Die
Plutokratie benutzte ihre Regierungsgewalt, um Steuern zu erheben. Das war
der schwache Punkt in der Verteidigung der Bauern. Da sie weder kauften
noch verkauften, hatten sie kein Geld, und so wurde ihr Land schließlich
verkauft, um die Steuern zu bezahlen.
(4)
Lange Zeit hatte man es murmeln und raunen hören. Schon im Jahre 1906 äußerte
Lord Avebury, ein Engländer, im Herrenhause folgende Worte: »Die Unruhe
in Europa, die Verbreitung des Sozialismus und das verhängnisvolle
Anwachsen des Anarchismus sind Warnungen für die Regierungen und die
herrschenden Klassen, dass die Lage der arbeitenden Klasse in Europa immer
unerträglicher wird, und dass zur Vermeidung einer Revolution Schritte
unternommen werden müssen, um die Löhne zu erhöhen, die Zahl der
Arbeitsstunden zu reduzieren und die Preise für Lebensmittel und andere
Notwendigkeiten herabzusetzen.« Das »Wall Street Journal«, ein Organ
der Börse, schrieb als Kommentar zu der Rede Lord Aveburys: »Diese Worte
hat ein Aristokrat und Mitglied der konservativsten Körperschaft in
Europa geäußert. Das verdoppelt ihre Bedeutung. Sie enthalten mehr
gesunde politische und ökonomische Gesichtspunkte, als man sie in den
meisten Büchern findet. Sie klingen wie ein Warnruf. Aufgepasst, meine
Herren vom Kriegs- und Marineministerium l«
Zur
gleichen Zeit schrieb der Amerikaner Sydney Brooks in Harper's
Wochenschrift: »Sie hören nichts von den Sozialisten in Washington.
Warum sollten Sie auch? Die Politiker sind immer die letzten, die
erkennen, was sich in ihrem eigenen Lande unter ihren Augen zuträgt. Sie
werden mich auslachen, wenn ich, und zwar mit größter Zuversicht
prophezeie, dass die Sozialisten bei den nächsten Präsidentenwahlen mehr
als eine Million Stimmen erhalten werden.«
(5)
Bei Anbruch des zwanzigsten Jahrhunderts formulierten die Sozialisten
endlich ihre lang durchdachte Kriegspolitik. In wenigen Worten lautete ihr
Entschluss: »Warum sollten die Arbeiter eines Landes mit denen eines ändern
Landes zum Wohl ihrer kapitalistischen Herren kämpfen?«
Am
21. Mai 1905, als ein Krieg zwischen Österreich und Italien drohte,
hielten die Sozialisten Italiens und Österreich-Ungarns eine Konferenz in
Triest ab und drohten mit einem Generalstreik der Arbeiter beider Länder,
falls der Krieg erklärt würde. Dasselbe wiederholte sich, als im
folgenden Jahre die Marokko-Affäre Frankreich, Deutschland und England in
einen Krieg zu verwickeln drohte.
Der
Anfang vom Ende
Schon
im Januar 1913 sah Ernst deutlich, welchen Lauf die Dinge nehmen würden,
aber es gelang ihm nicht, auch die ändern das Bild, das er von der
Eisernen Ferse sah, sehen zu lassen. Sie waren zu vertrauensselig. Die
Ereignisse näherten sich mit großer Hast der Entscheidung. Eine
Weltkrise war eingetreten. Die amerikanische Oligarchie beherrschte tatsächlich
den Weltmarkt und verdrängte zahllose Länder mit unverbrauchten und
unverkäuflichen Überschüssen. Diesen Ländern blieb nichts übrig als
eine vollkommene Umstellung. Sie konnten nicht fortfahren, Überschüsse,
das heißt Exportwaren, zu erzeugen. In diesen Ländern brach das
kapitalistische System rettungslos zusammen.
Die
Umstellung nahm hier revolutionäre Formen an. Es war eine Zeit der
Verwirrung und Gewalt. Überall brachen Staatsordnung und Regierung
zusammen. In allen Ländern bis auf zwei oder drei kämpften die
bisherigen Kapitalisten erbittert um ihren Besitz. Aber die Herrschaft
wurde ihnen vom kämpfenden Proletariat entrissen. Endlich bewahrheitete
sich der klassische Ausspruch von Karl Marx: »Die Totenglocke des
Privateigentums hat geschlagen. Die Enteigner werden selbst enteignet.«
Und ebenso schnell, wie die kapitalistischen Regierungen zusammenbrachen,
entstanden an ihrer Stelle genossenschaftliche Gemeinwesen.
»Wo
bleiben die Vereinigten Staaten!« »Wacht auf, ihr amerikanischen
Revolutionäre!« »Was ist mit Amerika?« — so lauteten die
Botschaften, die wir von unseren siegreichen Genossen in anderen Ländern
erhielten. Aber wir konnten nicht emporgelangen, die Oligarchie versperrte
uns den Weg. Wie ein riesiges Ungeheuer stand sie da.
»Wartet
bis zum Frühjahr«, antworteten wir. »Dann sollt ihr sehen.«
Hinter
diesen Worten lag unser Geheimnis. Wir hatten die Bauernpartei aufgesogen
und mussten dadurch im Frühjahr die Regierungsgewalt in etwa einem
Dutzend Staaten erlangen, in denen wir bei den letzten Herbstwahlen
gesiegt hatten. Dann wollten wir sofort ein Dutzend genossenschaftlicher
Staaten gründen, und das übrige war leicht.
»Wenn
aber die Bauern nicht ans Ruder kommen?« fragte Ernst, und seine Genossen
schalten ihn einen Schwarzseher.
Aber
die Möglichkeit eines Fehlschlages für die Bauern war nicht die größte
Gefahr, an die Ernst dachte. Er sah den Abfall der großen Gewerkschaften
und das Entstehen von Kasten voraus.
»Ghent
hat die Oligarchien gelehrt, wie sie es machen sollen«, sagte Ernst, »ich
wette, dass sie sich nach seinem Wohltätigen Feudalismus<(1)
richten.«
Nie
werde ich den Abend vergessen, an dem Ernst sich nach einer heftigen
Auseinandersetzung mit einem halben Dutzend Arbeiterführer zu mir wandte
und sagte:
»Das
setzt den Schlusspunkt darunter. Die Eiserne Ferse hat gesiegt. Das Ende
ist in Sicht.«
Diese
kleine Besprechung in unserem Heim war nicht offiziell, aber Ernst und
seine Freunde wollten Gewissheit haben, dass die Arbeiterführer beim nächsten
Generalstreik ihre Leute auch wirklich aufriefen. Von den anwesenden Führern
weigerte sich O'Connor, der Vorsitzende des Maschinenarbeiterverbandes, am
hartnäckigsten, diese Zusicherung zu geben.
»Ihr
habt gesehen, wie ihr bei eurer alten Streik- und Boykott-Taktik gründlich
geschlagen wurdet«, drängte Ernst.
O'Connor
und die übrigen nickten.
»Und
ihr habt gesehen, was für eine Wirkung ein Generalstreik hat«, fuhr
Ernst fort. »Wir haben den Krieg mit Deutschland verhindert. Noch nie hat
die Solidarität und Macht der Arbeiter sich so glänzend bewährt. Der
Arbeiter kann und wird die Welt beherrschen. Wenn ihr mit uns geht, werden
wir der Herrschaft des Kapitals ein Ende machen. Das ist unsere einzige
Hoffnung. Und was weiter geschieht, wisst ihr. Es gibt keinen anderen
Ausweg. Was ihr auch nach eurer alten Taktik unternehmen mögt, ihr seid
zur Niederlage verurteilt, und wenn aus keinem ändern Grunde, so deshalb,
weil die Kapitalisten die Gerichtshöfe beherrschen(2).«
»Sie
übereilen sich«, antwortete O'Connor. »Sie kennen nicht alle Auswege.
Es gibt noch andere. Wir wissen, woran wir sind. Wir sind streikmüde. Die
Streiks sind schuld daran, dass man unsere Organisation in Fetzen gerissen
hat. Aber ich glaube auch nicht, dass es je nötig sein wird, unsere Leute
zum Generalstreik aufzurufen.«
»Und
was ist Ihr Ausweg?« fragte Ernst barsch.
O'Connor
lachte und schüttelte den Kopf.
»Ich
sage Ihnen nur so viel: Wir haben nicht geschlafen. Und auch jetzt träumen
wir nicht.«
»Es
ist hoffentlich nichts, das man fürchten, oder dessen man sich schämen müsste«,
forschte Ernst.
»Ich
glaube, wir wissen am besten, was uns frommt«, lautete die Antwort.
»Nach
der Art, wie Sie damit hinter dem Berge halten, scheint es nicht ganz
sauber zu sein«, sagte Ernst in wachsendem Ärger.
»Wir
haben unsere Erfahrungen mit Schweiß und Blut bezahlt. Und wir nehmen,
was wir kriegen können«, lautete die Antwort. »Jeder ist sich selbst
der Nächste.«
»Wenn
ihr Angst habt, mir euren Ausweg zu nennen, so will ich ihn euch sagen.«
Ernst wurde zornig. »Ihr tretet für eine Interessengemeinschaft mit dem
Kapital ein. Ihr habt mit dem Gegner Verträge geschlossen. Das habt ihr
getan. Ihr habt die Sache der Arbeiter, aller Arbeiter verraten. Ihr
verlasst wie Feiglinge das Schlachtfeld.«
»Ich
sage nichts«, antwortete O'Connor mürrisch. »Aber ich meine doch, dass
wir ein wenig besser als Sie wissen müssten, was für uns das
Vorteilhafteste ist.«
»Und
sie kümmern sich nicht einen Deut darum, was für die anderen Arbeiter am
besten ist. Die lassen Sie zum Teufel gehen.«
»Ich
sage nichts«, erwiderte O'Connor, »als dass ich der Vorsitzende des
Maschinenarbeiterverbandes bin, und dass es meine Pflicht ist, die
Interessen derer wahrzunehmen, die ich vertrete. Das ist alles.«
Und
dann, als die Arbeiterführer uns verlassen hatten, erklärte Ernst mir
ganz ruhig, welchen Gang die Ereignisse nehmen würden.
»Die
Sozialisten«, sagte er, »pflegen freudig den Tag vorauszusagen, an dem
die organisierten Arbeiter das wirtschaftliche Gebiet, auf dem sie noch
jedes Mal besiegt wurden, verlassen und endlich auf das politische übergehen
werden. Nun hat die Eiserne Ferse die Gewerkschaften auf wirtschaftlichem
Gebiete geschlagen und sie dadurch auf das politische getrieben; aber
statt Freude wird es uns nur Sorgen bringen. Die Eiserne Ferse hat
gelernt. Während des Generalstreiks haben wir ihr unsere Macht gezeigt,
und deshalb hat die Eiserne Ferse Schritte unternommen, um einen zweiten
Generalstreik zu verhindern.«
»Wieso?«
fragte ich.
»Einfach,
indem sie die großen Gewerkschaften subventioniert. Die werden den nächsten
Generalstreik nicht mitmachen, und deshalb wird es gar keinen
Generalstreik mehr geben.«
»Aber
die Eiserne Ferse kann doch nicht ewig ein so kostspieliges Programm
durchführen«, warf ich ein.
»Ach,
sie subventionieren nicht alle Gewerkschaften. Das ist auch gar nicht nötig.
Ich will dir sagen, wie es kommen wird: Man wird die Löhne erhöhen und
die Arbeitsstunden kürzen, und zwar für Eisenbahner, Eisen- und
Stahlarbeiter, Techniker und Maschinisten.
Diese
bevorzugten Verbände werden stets günstigere Bedingungen erhalten, und
deshalb wird die Mitgliedschaft in ihnen wie ein Platz im Paradiese sein.«
»Das
verstehe ich noch nicht ganz«, warf ich ein. »Was wird dann aus den
anderen Verbänden? Die Zahl der auf diese Weise bevorzugten
Gewerkschaften ist doch nur klein.«
»Die
nicht unterstützten Verbände werden verschwinden — alle. Denn, siehst
du, Eisenbahner, Maschinisten und Techniker, Eisen- und Stahlarbeiter
verrichten alle für unsere maschinelle Kultur lebenswichtige Arbeit. Wenn
die Eiserne Ferse sie hat, kann sie auf die übrigen Arbeiter pfeifen.
Eisen, Stahl, Kohle, Maschinen und Transportmittel bilden das Rückgrat
der ganzen Industrie.«
»Aber
die Kohlen?« fragte ich. »Es gibt doch fast eine Million Arbeiter in den
Kohlengruben.«
»Das
sind meistens ungelernte Arbeiter. Die zählen nicht. Ihre Löhne werden
fallen und ihre Arbeitsstunden zunehmen. Sie werden Sklaven sein wie wir
ändern, und sie werden wohl von uns allen zuerst zu reinen Arbeitstieren
herabsinken. Sie werden ebenso zur Arbeit gezwungen werden wie die Bauern,
die sich jetzt für die Herren abrackern müssen, die ihnen ihr Land
abgegaunert haben. Und ebenso wird es allen ändern Verbänden ergehen,
die nicht zu den bevorzugten gehören. Du wirst sehen, wie diese Verbände
wanken und abbröckeln, wie ihre Mitglieder zu Sklaven werden, die man
durch die Hungerpeitsche und die drakonischen Gesetze zur Arbeit treibt.
Weißt
du, was aus Farley(3) und seinen Streikbrechern wird? Ich
will es dir sagen. Das Streikbrechen als Beruf wird aufhören. Es wird
keine Streiks mehr geben. An die Stelle der Streiks werden Sklavenrevolten
treten. Farley und seine Bande werden zu Sklaventreibern aufrücken. O
nein, man wird das Ding nicht beim rechten Namen nennen; es wird heißen,
dass sie dem Gesetz, das die Arbeiter zur Arbeit zwingt, Geltung
verschaffen. Durch den Verrat der Gewerkschaften wird der Kampf verlängert
werden. Der Himmel weiß, wo und wann die Revolution triumphieren wird.«
»Aber
kann man, wenn die Oligarchie und die großen Gewerkschaften einen so mächtigen
Bund geschlossen haben, überhaupt noch glauben, dass die Revolution je
triumphieren wird?« fragte ich. »Wird dieses Bündnis nicht ewig dauern?
«
Er
schüttelte den Kopf. »Einer unserer Lehrsätze besagt, dass jedes auf
Klassen und Kasten begründete System den Keim seines Zerfalls schon von
Anfang an in sich trägt. Kann in einem auf Klassen begründeten System
die Bildung von Kasten verhindert werden? Die Eiserne Ferse kann es nicht
verhindern, und am Ende werden die Kasten die Eiserner Ferse vernichten.
Die Oligarchen haben bereits Kasten unter sich gebildet; aber warte nur,
bis die begünstigten Gewerkschaften dasselbe tun. Die Eiserne Ferse wird
ihre ganze Macht aufbieten, um es zu verhindern, aber vergebens.
Die
begünstigten Gewerkschaften umfassen die Blüte der amerikanischen
Arbeiter. Es sind starke, tatkräftige Männer. Jeder tüchtige Arbeiter
in den Vereinigten Staaten wird den Ehrgeiz haben, Mitglied dieser Verbände
zu werden. Die Oligarchie wird diesen Ehrgeiz und den sich daraus
ergebenden Wettbewerb anstacheln. Und die tüchtigen Arbeiter, die sonst
vielleicht Revolutionäre geworden wären, werden uns so genommen, und
ihre Kraft wird die Oligarchie stützen. Andererseits werden die
Arbeiterkasten, die Mitglieder der bevorzugten Gewerkschaften, danach
streben, ihre Organisationen zu geschlossenen Körperschaften zu machen.
Und das wird ihnen gelingen. Die Mitgliedschaft in den Arbeiterkasten wird
erblich werden. Die Söhne werden den Vätern folgen, und es wird keinen
Zufluss neuer Kräfte aus dem ewigen Kräftereservoir, dem gemeinen Volk,
mehr geben. Das bedeutet, dass die Arbeiterkasten entarten und immer schwächer
werden. Gleichzeitig werden sie aber als Gesamtheit für eine Weile übermächtig
sein. Sie werden der Palastgarde im alten Rom gleichen. Und es wird
Palastrevolutionen geben, in denen die Arbeiterkasten sich der Herrschaft
bemächtigen. Und die Oligarchen werden Gegenrevolutionen machen, und bald
wird die eine, bald die andere Partei die Oberhand und damit die
Herrschaft haben. Und unterdessen wird die unvermeidliche Kastenschwächung
weiter fortschreiten, so dass schließlich das gemeine Volk durch den
Niedergang der anderen zu seinem Rechte kommen wird.«
Diese
Prophezeiung einer langsamen sozialen Entwicklung machte Ernst, als er
durch den Abfall der großen Gewerkschaften bedrückt war. Ich habe ihm
nie beigestimmt und tue es jetzt, während ich diese Zeilen schreibe,
weniger als je, denn gerade jetzt stehen wir, obgleich Ernst tot ist, vor
einer Revolution, die alle Oligarchen hinwegfegen wird. Aber ich habe die
Prophezeiung Ernsts niedergeschrieben, weil es seine Prophezeiung war.
Trotz seines Glaubens an seine Theorie bekämpfte er sie wie ein Riese und
hat mehr als irgendein anderer dazu beigetragen, die Revolution, die jetzt
gerade auf das Signal zum Ausbruch harrt, zu ermöglichen(4).
»Wenn
aber die Oligarchie bestehen bleibt?« fragte ich ihn an diesem Abend. »Was
wird dann aus den großen Überschüssen werden, die alljährlich auf
ihren Anteil entfallen? «
»Irgendwie
müssen sie untergebracht werden«, erwiderte er, »und verlass dich
darauf, die Oligarchie wird schon einen Weg finden. Man wird herrliche
Straßen bauen. Große wissenschaftliche und künstlerische Werke werden
entstehen. Wenn die Oligarchen das Volk vollständig unterjocht haben,
werden sie Zeit haben, für andere Dinge zu sparen. Sie werden Verehrer
der Schönheit werden. Sie werden Kunstfreunde sein. Und die Künstler
werden unter ihrer Herrschaft arbeiten und großmütig belohnt werden.
Dann wird eine große Zeit für die Kunst kommen, und die Künstler werden
sich nicht mehr vor dem Mittelstand beugen. Es wird eine große Zeit für
die Kunst sein, sage ich dir. Und es werden Wunderstädte entstehen, neben
denen die Städte der alten Zeit billig und gewöhnlich erscheinen. Und in
diesen Städten werden die Oligarchen wohnen und die Schönheit anbeten(5).
So wird der Überschuss beständig ausgegeben werden, während die
Arbeiter ihre Arbeit verrichten. Die Schöpfung dieser großen Werke und
Städte wird Millionen von Arbeitern einen Hungerlohn gewähren, denn die
ungeheure Größe des Überschusses wird zu ebenso ungeheuren Ausgaben
zwingen, und die Oligarchen werden für tausend, nein, für zehntausend
Jahre bauen. Sie werden Bauten aufführen, wie Ägypter und Babylonier sie
sich nicht träumen ließen. Und wenn die Oligarchen einst nicht mehr
sind, dann werden ihre großen Straßen und Wunderstädte für die Brüderschaft
der Arbeiter bleiben, dass diese in ihnen wohnen können(6).
Die
Oligarchen werden diese Dinge tun, weil sie nicht anders können. Die großen
Werke werden die Form sein, die die Verausgabung des Überschusses
annehmen wird, und zwar ebenso, wie vor Jahrtausenden die herrschende
Klasse in Ägypten den dem Volke erpressten Überschuss für den Bau von
Tempeln und Pyramiden verwendete. Unter den Oligarchen wird kein
Priesterstand, wohl aber ein Künstlerstand blühen. Und an die Stelle der
bürgerlichen, handeltreibenden Klasse werden die Arbeiterklassen treten.
Tief unter ihnen aber wird der Abgrund sein, in dem das gemeine Volk, die
große Masse der Bevölkerung, faulen, hungern, verwesen und sich doch
immer wieder in sich erneuern wird. Und am Ende, wer weiß wann, wird das
gemeine Volk sich aus diesem Abgrund erheben, Arbeiterkasten und
Oligarchie werden abbröckeln, und endlich wird nach jahrhundertelanger
Arbeit der Tag für den einfachen Mann anbrechen. Ich hatte geglaubt,
diesen Tag erleben zu dürfen. Jetzt aber weiß ich, dass ich ihn nie
sehen werde.«
Er
hielt inne und sah mich an. Dann fügte er hinzu:
»Die
soziale Entwicklung geht entsetzlich langsam, nicht wahr, Liebling?«
Ich
umarmte ihn; er legte seinen Kopf an meine Brust. »Sing mich in Schlaf«,
murmelte er in seltsamem Ton. »Ich habe eine Vision gehabt und möchte
sie vergessen.«
(1)
Ein unter dem Titel »Wohltätiger Feudalismus« im Jahre 1902 von W. I.
Ghent veröffentlichtes Buch. Man hat stets behauptet, dass Ghent den Großkapitalisten
die Idee von der Oligarchie eingab. Dieser Glaube beherrschte die
Literatur der drei Jahrhunderte der Eisernen Ferse und selbst noch die des
ersten Jahrhunderts der Menschenverbrüderung. Heute wissen wir es besser,
aber dieses, unser Wissen, schafft die Tatsache nicht aus der Welt, dass
kein Mensch in der Geschichte je so unschuldig geschmäht wurde wie Ghent.
(2)
Im folgenden ein paar Beispiele für die Art der Entscheidungen der
Gerichtshöfe gegen die Arbeiter. Die Beschäftigung der Kinder in den
Kohlengruben war allgemein bekannt. Im Jahre 1905 gelang es der
Arbeiterschaft in Pennsylvanien ein Gesetz durchzudrücken, welches
bestimmte, dass das Alter des Kindes und eine gewisse Schulbildung von den
Eltern eidlich bezeugt werden müsste. Diese Bestimmung wurde vom Luzerner
Kreisgericht prompt als verfassungswidrig bezeichnet, weil es einen
Unterschied zwischen Individuen derselben Klasse, nämlich Kindern über
und unter vierzehn Jahren, machte. Das Landgericht bestätigte diese
Entscheidung. Das New-Yorker Kammergericht erklärte im Jahre 1905 das
Gesetz, das Frauen und Minderjährigen Fabrikarbeit nach neun Uhr abends
untersagte, als verfassungswidrig, und zwar unter dem Vorwand, dass es ein
Klassengesetz sei. In der damaligen Zeit waren die Bäcker furchtbar überarbeitet.
Die gesetzgebende Körperschaft des Staates New York bestimmte, dass die
Arbeit in den Bäckereien auf zehn Stunden täglich zu beschränken wäre.
Im Jahre 1906 erklärte das Höchstgericht der Vereinigten Staaten dieses
Gesetz als verfassungswidrig. In der Entscheidung hieß es: Es liegt kein
vernünftiger Grund vor, die Freiheit von Personen und das Recht eines
freien Vertrages zu unterbinden, indem man die Arbeitsstunden der Bäcker
festsetzt.
(3)
James Farley war ein berüchtigter Streikbrecher jener Zeit, ein Mann von
mehr Mut als Moral und von unleugbarer Geschicklichkeit. Er stieg unter
der Regierung der Eisernen Ferse zu hohen Würden auf und wurde schließlich
in die Oligarchie aufgenommen. Im Jahre 1932 wurde er von Sarah Jenkins
ermordet, deren Mann dreißig Jahre zuvor von den Streikbrechern Farleys
umgebracht worden war.
(4)
Diese Prophezeiung Everhards war bemerkenswert. In dem Licht vergangener
Ereignisse sah er klar den Abfall der begünstigten Arbeiterverbände, die
Erhebung und den langsamen Verfall der Arbeiterkasten, sowie den Kampf um
die Herrschaft zwischen ihnen und der in Verfall geratenen Oligarchie.
(5)
Wir können die Voraussicht Everhards nur bewundern. Ehe der Gedanke an
Wunderstädte wie Ardis und Asgard in den Köpfen der Oligarchen entstand,
sah Everhard diese Städte und die unvermeidliche Notwendigkeit ihrer Gründung.
(6)
Seit dem Tage dieser Prophezeiung sind drei Jahrhunderte der Herrschaft
der Eisernen Ferse und vier Jahrhunderte der Verbrüderung der Menschheit
verstrichen, und heute schreiten wir durch die Straßen und wohnen in den
Städten, die die Oligarchen schufen. Es ist wahr, gerade jetzt bauen wir
noch wunderbarere Wunderstädte, aber die, welche die Oligarchen gebaut
haben, stehen noch, und ich schreibe diese Zeilen in Ardis, einer der
wunderbarsten von allen.
Die
letzten Tage
Gegen
Ende Januar 1913 erlangte die Öffentlichkeit Kenntnis von der veränderten
Haltung der Oligarchie den bevorzugten Gewerkschaften gegenüber. Die
Zeitungen brachten die Nachricht von einer beispiellosen Lohnerhöhung und
Arbeitszeitverkürzung für Eisenbahner, Eisen- und Stahlarbeiter,
Techniker und Maschinisten. Aber die ganze Wahrheit zu sagen, wagten die
Oligarchen noch nicht. Tatsächlich war die Lohnerhöhung noch größer
und entsprechend die Vorrechte. Alles das war Geheimnis, aber Geheimnisse
wollen ans Tageslicht. Mitglieder der bevorzugten Verbände erzählten es
ihren Frauen, und die klatschten es weiter, und bald wusste es die ganze
Arbeiterschaft.
Es
war nur die logische Entwicklung dessen, was in seinen Anfängen schon im
neunzehnten Jahrhundert bekannt gewesen. Im Wirtschaftskampf jener Zeit
hatte man den Versuch mit der Gewinnbeteiligung gemacht, dass heißt, die
Kapitalisten hatten versucht, die Arbeiter dadurch zu fesseln, dass sie
sie an ihren Unternehmungen beteiligten. Aber Gewinnbeteiligung als System
war lächerlich und unmöglich, So konnten nur die vereinzelten Fälle im
System der freien Konkurrenz Erfolg haben, denn wenn Arbeit und Kapital
die Gewinne teilten, so mussten Verhältnisse eintreten, als wenn es gar
keine Gewinnbeteiligung gab.
So
entstand denn aus dem unpraktischen Gedanken der Gewinnbeteiligung der
praktische der Raubbeteiligung. »Gebt uns mehr Lohn und wälzt die Lasten
auf das Publikum ab«, lautete der Kriegsruf der starken Verbände. Und
diese selbstsüchtige Politik wirkte hier und dort erfolgreich.
Durch
das Abwälzen auf das Publikum wurde die große Masse der nicht oder
schwach organisierten Arbeiter getroffen. Sie bezahlten in Wirklichkeit
die erhöhten Löhne ihrer stärkeren Brüder, der Mitglieder der
bevorzugten Verbände(1), die in gewissem Sinne
Arbeitermonopole waren
Sobald
das Geheimnis vom Abfall der bevorzugten Verbände offenbar wurde, machte
sich in der Arbeiterwelt eine starke Verstimmung bemerkbar. Zunächst
zogen sich die bevorzugten Verbände von den internationalen Vereinigungen
zurück und brachen alle Beziehungen mit ihnen ab Es kam zu Unruhen und
Gewalttätigkeiten. Die Mitglieder der bevorzugten Verbände wurden als
Verräter gebrandmarkt und in Wirtschaften und öffentlichen Häusern, auf
der Straße und bei der Arbeit, überall, von den Genossen, die so schmählich
von ihnen im Stich gelassen waren, tätlich angegriffen .
Zahllose
Führer wurden misshandelt und getötet. Kein Mitglied der bevorzugten
Verbände war seines Lebens sicher. Sie gingen nur truppweise zur Arbeit
und blieben stets mitten auf dem Fahrdamm. Auf dem Bürgersteig liefen sie
Gefahr, dass ihre Köpfe von Ziegeln und Kieselsteinen, die aus den
Fenstern und von den Dächern geworfen wurden, zerschmettert wurden. Sie
hatten die Erlaubnis, Waffen zu tragen, und die Obrigkeit stand ihnen in
jeder Beziehung zur Seite. Ihre Verfolger wurden zu Gefängnisstrafen
verurteilt und übel behandelt. Und keinem, der nicht Mitglied der
bevorzugten Verbände war, wurde das Tragen von Waffen erlaubt. Übertretungen
dieses Gesetzes wurden als grobes Verbrechen angesehen und entsprechend
bestraft.
Gewalttätige
Arbeiter fuhren fort, Rache an den Verfolgern zu nehmen. Von selbst
entstanden Kastengegensätze. Die Kinder der Verräter wurden von den
Kindern der betrogenen Arbeiter verfolgt, bis sie nicht mehr auf der Straße
spielen und die Schule besuchen konnten. Die Frauen und Familien der Verräter
wurden aufs schmählichste behandelt und die Kaufleute, die ihnen Waren
verkauften, von den ändern Arbeitern boykottiert. Die Folge war, dass die
Verräter und ihre Familien, von allen Seiten in die Enge getrieben,
eigene Siedlungen gründeten. Es war ihnen nicht möglich, unter dem
betrogenen Proletariat zu wohnen, und deshalb zogen sie in andere
Gegenden, die dann nur von ihnen bewohnt wurden. Hierbei wurden sie von
den Oligarchen unterstützt. Gute, moderne und gesunde, von weiten Höfen
umgebene und hier und dort durch Parks und Spielplätze getrennte Häuser
wurden erbaut. Die Kinder besuchten eigens für sie errichtete Schulen, in
denen Handfertigkeiten und besondere wissenschaftliche Fächer gelehrt
wurden. Aus dieser Absonderung musste das typische Kastenwesen entstehen.
Die Mitglieder der bevorzugten Verbände wurden die Aristokratie der
Arbeiterschaft. Sie standen abseits von den übrigen Arbeitern. Sie
wohnten besser, kleideten sich besser, aßen besser und wurden besser
behandelt. Sie rächten sich durch die Gewinnbeteiligung.
Unterdessen
ging es den übrigen Arbeitern immer elender. Viele kleine Vergünstigungen
wurden ihnen genommen, und ihr Lohn und ihre Lebenshaltung sanken beständig.
Dazu kam, dass die Schulen sich verschlechterten und der Schulzwang allmählich
aufhörte. Die Zahl der Arbeiter, die nicht lesen und schreiben konnten,
wuchs erschreckend.
Die
Eroberung des Weltmarktes durch die Vereinigten Staaten hatte die übrigen
Länder der Welt auseinander gerissen. Überall brachen Institutionen und
Regierungen zusammen oder wurden geändert. Deutschland, Frankreich,
Italien, Australien und Neuseeland bildeten schnell kooperative
Gemeinwesen. Das Britische Reich fiel auseinander England hatte alle Hände
voll zu tun, in Indien war die Revolution in vollem Gange. In ganz Asien
rief man: »Asien den Asiaten!« Und dahinter stand Japan und hetzte und
unterstützte fortgesetzt die gelbe und die braune Rasse gegen die weiße.
Und während Japan vom kontinentalen Weltmarkt träumte und bestrebt war,
diesen Traum zu verwirklichen, unterdrückte es sein eigenes, revolutionäres
Proletariat. Es war ein einfacher Kastenkrieg. Kuli gegen Samurai, und die
sozialistischen Kulis wurden zu Zehntausenden hingerichtet. Vierzigtausend
wurden in den Straßenkämpfen in Tokio und bei dem nutzlosen Angriff auf
den Palast des Mikados getötet. Kobe war ein Schlachthaus. Das Massaker
der Baumwollarbeiter durch Maschinengewehre hat die traurigste Berühmtheit
von all den schrecklichen hinrichtungen erlangt, die je durch moderne
Maschinengewehre vollzogen wurden. Die japanische Oligarchie war die
brutalste von allen. Japan beherrschte den Osten und riss den ganzen
asiatischen Teil des Weltmarktes, mit Ausnahme des indischen, an sich.
England
bemühte sich, seine eigene proletarische Revolution zu ersticken und
Indien festzuhalten, obwohl es an der Grenze der Erschöpfung angelangt
war. Ohnmächtig musste es zusehen, wie seine großen Kolonien ihm
entglitten. So kam es, dass es den Sozialisten gelang, Australien und
Neuseeland zu kooperativen Gemeinwesen zu machen. Ebenso ging Kanada den
Engländern verloren. Aber Kanada unterdrückte mit Unterstützung der
Eisernen Ferse die sozialistische Revolution. Und ebenso half die Eiserne
Ferse Mexiko und Kuba, die Revolution niederzuschlagen. So stand die
Eiserne Ferse in der Neuen Welt fest dam sie hatte ganz Nordamerika vom
Panamkanal bis zum Eismeer zu einer Einheit zusammengeschweißt.
Als
England seine großen Kolonien preisgeben muste, war es ihm gelungen,
Indien zu behalten. Aber auch das nur vorübergehend. Der Kampf mit Japan
und dem übrigen Asien Indiens wegen wurde nur hinausgezögert. England
war zum baldigen Verlust Indiens verurteilt, und hinter diesem Ereignis
lauerte der Kampf zwieschen dem geeinten Asien und der übrigen Welt.
»Dreimal
verwünschte Verwirrung!« rief Ernst. »Wie können wir bei all diesen
tollen Wünschen und Konflikten auf Solidarität hoffen?«
Wirklich
unheimliche formen nahm die religiöse Wiedergeburt an. Das Volk,
erschlafft und allen irdischen Dingen enttäuscht, brauchte einen Himmel,
in den nicht mehr industrielle Tyrannen eingingen als Kamele in ein Nadelöhr.
Wildblicken Wanderprediger durchschwärmten das Land; und trotz dem Verbot
durch die bürgerliche oligarchie und trotz der Verfolgung wegen
Widersetzlichkeit wurden die Flammen des religösen Wahns durch zahllose
Versammlungen auf freiem Felde entfacht.
»Die
letzten Tage sind gekommen«, schrien sie. »Der Anfang vom Ende der Welt
ist da. Die vier Winde sind losgelassen. Gott hat die Völker zum Streit
aufgehetzt.« - Es war eine Zeit der Missionen und Wunder, und die Zahl
der Seher und Propheten war Legion. Das Volk ließ zu Tausenden die Arbeit
im Stich und floh in die Berge, um dort das nahe bevorstehende Erscheinen
Gottes und die Himmelfahrt der Hundertvierundvierzigtausend zu erwarten.
Aber Gott erschein nicht, und sie verhungerten massenhaft. In ihrer
Verzweiflung plünderten sie die Bauernhöfe, und die darauf folgende
Erregung und Anarchie vermehrte nur noch die Leiden der armen, ihres
Besitzes beraubten Bauern.
Aber
die geplünderten Bauernhöfe und Geschäfte waren Eigentum der Eisernen
Ferse. Ganze Armeen wurden in die Berge gesandt und die Fanatiker mit
Hilfe von Bajonetten an ihre Arbeit in die Städte zurückgetrieben. Hier
verübten sie immer wieder Ausschreitungen. Ihre Führer wurden wegen
Aufruhrs hingerichtet oder in Irrenhäuser gesteckt. Wer hingerichtet
wurde, ging mit der Freude des Märtyrers in den Tod. Es war eine Zeit des
Wahnsinns. Die Unruhe wuchs. In den Sümpfen, Wüsten und Einöden von
Florida und Alaska tanzten die kleinen Überbleibsel der Indianerstämme
Geistertänze und erwarteten die Ankunft ihres eigenen Messias.
Und
während alledem wuchs mit erschreckender Sicherheit und Ruhe das
Ungeheuer des Zeitalters, die Oligarchie. Mit eiserner Faust und eiserner
Ferse knechtete sie die leidenden Millionen, brachte Ordnung in die
Verwirrung und errichtete in dem Chaos ihr eigenes Fundament und Bollwerk.
»Wartet
nur, bis wir am Ruder sind«, sagten die Bauernbündler – Calvin erzählte
es uns in unserer Wohnung in der Pell-Street. »Seht die Städte, die wir
erobert haben. Mit euch Sozialisten im Rücken werden wir ihnen, wenn wir
ans Ruder kommen, ein anderes Lied beibringen.«
»Die
Millionen von Unzufriedenen und Verarmten gehören uns«, sagten die
Sozialisten. »Die Bauern, der Mittelstand und die Arbeiter sind zu uns übergangen.
Das kapitalistische System wird zertrümmert werden. Nächsten Monat
schicken wir fünfzig Mann in den Kongreß. Zei Jahre später werden wir
alle Ämter vom Präsidenten bis zum Gemeindehundefänger in Händen
haben.«
Ernst
aber schüttelte zu allem den Kopf und sagte: »Wie viele Gewehre habt
ihr? Wisst ihr, wo ihr Blei genug bekommen könnt? Wenn es los geht, dann
sind chemische Mixturen besser als bloße Fäuste, das sage ich euch.«
(1)Dieser
Verbindung mit der Oligarchie traten alle Eisenbahnerverbände bei, und es
ist beachtenswert, dass die Politik des Gewinnraubes zum ersten Male
praktisch im neunzehnten Jahrhundert durch einen Eisenbahnerverband zur
Anwendung kam, nämlich durch den Lokomitivführerverband. P.M. Arthur war
zwanzig Jahre lang Vorsitzender des Verbandes. Nach dem Streik der
Pennsylvanischen Eisenbahn im Jahre 1877 entwarf er einen strategischen
Plan für die Lokomitivführer, demzufolge sie getrennt von den übrigen
Arbeiterverbänden marschieren sollten. Dieser Entwurf hatte großen
Erfolg und war ebenso erfolgreich wie selbstsüchtig, und damals wurde das
Wort Arthurisation zur Bezeichnung von Gewinnbeteiligung der Arbeiterverbände
geprägt. Dieses Wort Arthurisation hat lange die Etymologen verwirrt,
aber sein Ursprung ist jetzt, wie ich hoffe, klargestellt.
Das
Ende
Als
es für Ernst und mich Zeit wurde, nach Washington zu gehen, begleitete
Vater uns nicht. Er hatte das Leben des Proletariers lieb gewonnen. Er
betrachtete unsere schmutzige Nachbarschaft als ein großes,
soziologisches Laboratorium und war in einer anscheinend endlosen
Schwelgerei von Forschungen gelandet. Er hielt gute Kameradschaft mit den
Arbeitern und war in vielen Familien der Vertraute. Er übernahm auch
allerlei Gelegenheitsarbeit, die für ihn ebenso wohl Zeitvertreib wie
Studium bedeutete; sie machte ihm Freude, und er pflegte sprudelnd von unzähligen
Berichten über seine neuesten Abenteuer nach Hause zu kommen. Er war der
vollendete Gelehrte.
Seine
Arbeit war durchaus keine Notwendigkeit, denn Ernst verdiente mit seinen
Übersetzungen so viel, dass wir alle drei zu leben hatten. Aber Vater
bestand darauf, seinem Lieblingsphantom nachzugehen, und nach den
Arbeiten, die er verrichtete, zu urteilen, war es ein sehr
abwechslungsreiches Phantom. Nie werde ich den Abend vergessen, an dem er
seine Hausiererwaren, die aus Schuhbändern und Hosenträgern bestanden,
heimbrachte, und ebenso wenig die Zeit, wenn ich zum Einkaufen in den
kleinen Krämerladen an der Ecke ging und er auf mich wartete. Hiernach
war ich nicht überrascht, als er eine Woche lang in der Wirtschaft gegenüber
als Kellner fungierte. Er arbeitete als Nachtwächter, bot auf der Straße
Kartoffeln an, klebte in einer Konservenfabrik Etiketten, war Bote in
einer Pappschachtelfabrik, Wasserträger für eine Bauabteilung der Straßenbahn
und hatte sich gerade der Aufwäschergewerkschaft angeschlossen, als sie
sich gleich darauf auflöste.
In
Bezug auf seine Kleidung schien ihn das Beispiel des Bischofs angesteckt
zu haben, denn er trug ein billiges baumwollenes Arbeiterhemd und Überziehhosen
mit einem schmalen Riemen um die Hüften. Eine Gewohnheit aus seinem früheren
Leben aber behielt er bei: Er erschien stets gut gekleidet zum Abendessen.
Ich
hätte überall mit Ernst glücklich sein können; dass aber Vater sich in
unseren jetzigen Verhältnissen glücklich fühlte, musste mein eigenes Glück
vollkommen machen.
»Als
Knabe war ich sehr wissbegierig«, sagte Vater. »Ich wollte den Ursprung
der Dinge kennen, deshalb wurde ich Physiker. Heute noch bin ich ebenso
wissbegierig wie in meiner Jugend, und dieser Wissensdrang ist es, der mir
das Leben lebenswert macht.«
Zuweilen
versuchte er sein Glück nördlich der Market-Street, in der Geschäfts-
und Theatergegend, wo er Zeitungen verkaufte, Botengänge verrichtete und
Droschkenschläge öffnete. Dort traf er eines Tages, als er einen
Wagenschlag schloss, Wickson. Ausgelassen schilderte Vater das Ereignis
dieses Abends.
»Als
ich die Tür hinter ihm zuschlug, sah Wickson mich scharf an und murmelte:
>Ich will gehängt werden.< Das waren seine Worte. Sein Gesicht
wurde rot, und er war so verwirrt, dass er vergaß, mir ein Trinkgeld zu
geben. Aber er muss sich schnell beherrscht haben, denn die Droschke war
noch keine zwanzig Meter fort, als sie kehrtmachte und wiederkam. Wickson
lehnte sich aus der Tür. >Hören Sie, Professor, sagte er, >das ist
zuviel. Was kann ich für Sie tun?< >Ich habe die Tür für Sie
zugemacht<, antwortete ich, >dafür gibt man gewöhnlich einen
Zehner.< >Donnerwetter!< schnaubte er. >Ich meine etwas
Wirkliches.< Es war ihm sicherlich Ernst, und etwas wie Gewissensbisse
mochte sich in ihm regen; und so überlegte ich einen Augenblick.
>Geben Sie mir mein Haus wieder, sagte ich, >und meine
Spinnereiaktien.<« Vater hielt inne.
»Und
was sagte er?« fragte ich eifrig.
»Was
konnte er sagen? Nichts. Aber ich sagte: >Ich hoffe, dass Sie glücklich
sind.< Er sah mich mit einem seltsamen Blick an. >Sagen Sie mir, ob
Sie glücklich sind?« fragte ich.
Er
befahl dem Kutscher, fortzufahren, und verschwand mit einem schrecklichen
Fluch. Aber er gab mir keinen Zehner und noch weniger mein Haus und mein
Vermögen. Du siehst also, mein Kind, dass dein Vater auch in seiner
Laufbahn als Gelegenheitsarbeiter manche Enttäuschung erlebt.«
Und
so blieb Vater denn in der Pell-Street, während Ernst und ich nach
Washington fuhren. Die Vernichtung des Bestehenden stand vor dem
Abschluss, und dieser Abschluss war näher, als ich mir träumen ließ.
Wider alle Erwartung machte man keine Anstalten, die sozialistischen
Abgeordneten zu hindern, ihre Sitze einzunehmen. Alles verlief glatt, und
ich lachte über Ernst, der das als eine schlechte Vorbedeutung ansah.
Unsere
sozialistischen Freunde waren vertrauensselig und optimistisch bezüglich
ihrer Stärke und ihres Vorhabens. Einige in den Kongress gewählte
Bauernbündler verstärkten unsere Macht, und gemeinsam wurde ein sorgfältig
durchdachter Arbeitsplan aufgestellt. Ernst stimmte allem treulich und
nachdrücklich bei, konnte es aber nicht unterlassen, hin und wieder, ohne
es näher zu bezeichnen, zu sagen: »Wenn es zum Klappen kommt, denkt an
mich: Chemische Mixturen sind besser als bloße Fäuste.«
Die
Unruhe begann in den Staaten, die die Bauernbündler bei der letzten Wahl
erobert hatten. Es waren ein Dutzend Staaten, aber die Gewählten durften
ihre Sitze nicht einnehmen. Die alten Inhaber weigerten sich, zu gehen. Es
war ganz einfach. Sie behaupteten nur, es wäre bei den Wahlen
ungesetzlich zugegangen, und verschanzten sich hinter undurchdringlichem Bürokratismus.
Die Bauern waren machtlos. Ihre letzte Zuflucht waren die Gerichte, und
die befanden sich in den Händen ihrer Gegner. Das war das Gefährliche.
Wenn die betrogenen Bauern gewalttätig wurden, war alles verloren. Wie
wir Sozialisten arbeiteten, um sie zurückzuhalten! Tage und Nächte
schloss Ernst kein Auge. Die großen Bauernführer sahen die Gefahr und
standen fest zu uns. Aber das nützte alles nichts. Die Oligarchie wünschte
Gewalttätigkeiten und ließ darum ihre Agents provocateurs los. Es ist
kein Wort darüber zu verlieren, dass nur sie es waren, die die
Bauernrevolte verursachten.
In
einem Dutzend Staaten flackerte die Revolte auf. Die enteigneten Bauern
bemächtigten sich gewaltsam der Regierung. Es war allerdings
verfassungswidrig, und natürlich schickten die Vereinigten Staaten ihre
Soldaten ins Feld. Überall hetzten die Agents provocateurs die Bevölkerung
auf. Diese Spitzel der Eisernen Ferse maskierten sich als Handwerker,
Bauern und Landarbeiter. In Sacramento, der Hauptstadt von Kalifornien,
war es den Bauernführern gelungen, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Da
wurden eilig Tausende von Geheimagenten in die ruhige Stadt geschickt. Pöbelhaufen,
die sie selbst bildeten, verbrannten und plünderten Häuser und Fabriken.
Sie hetzten das Volk auf, bis es schließlich an den Plünderungen
teilnahm. Um die Masse noch mehr zu erregen, wurde Schnaps in großen
Mengen unter dem Pöbel verteilt. Und als alles bereit war, erschienen die
Soldaten der Vereinigten Staaten, die in Wahrheit die Soldaten der
Eisernen Ferse waren. Elftausend Männer, Frauen und Kinder wurden in den
Straßen von Sacramento niedergeschossen oder in ihren Häusern ermordet.
Washington hatte über Sacramento gesiegt, und für Kalifornien war alles
vorbei. Und wie in Kalifornien, so auch anderswo. Jeder Bauernstaat wurde
verwüstet und in Blut gebadet. Zuerst wurde durch Geheimagenten und die
Schwarzen Hundertschaften die Ordnung über den Haufen geworfen, und dann
kamen die Soldaten. Aufruhr und Pöbelherrschaft tobten in den ländlichen
Distrikten. Tag und Nacht stieg der Rauch von brennenden Bauernhöfen,
Warenhäusern, Dörfern und Städten empor. Dynamit wirkte. Eisenbahnbrücken
und Tunnels wurden gesprengt und Eisenbahnzüge zerstört. Die armen
Bauern wurden massenhaft erschossen und aufgehängt. Die Rache war bitter,
und mancher Offizier der Plutokratie und der Armee wurde ermordet. Die Männer
hatten Blut und Rache im Herzen. Die regulären Truppen kämpften so wild
mit den Bauern, als wären sie Indianer gewesen. Und sie hatten Grund
dazu: zweitausendachthundert waren in einer Reihe furchtbarer
Dynamitexplosionen in Oregon getötet worden, und ebenso hatte man eine
Anzahl Eisenbahnladungen an verschiedenen Orten und zu verschiedenen
Zeiten vernichtet. So kam es, dass sowohl die regulären Truppen wie die
Bauern um ihr Leben kämpften.
Das
Milizgesetz vom Jahre 1903 trat in Kraft, und die Arbeiter eines Staates
wurden unter Androhung von Todesstrafe gezwungen, ihre Arbeitskameraden in
anderen Staaten niederzuschießen. Natürlich ging das nicht so ohne
weiteres. Viele Milizsoldaten wurden ermordet, und viele Soldaten wurden
standrechtlich erschossen.
Die
Prophezeiung, die Ernst Kowalt und Asmunsen gegenüber ausgesprochen
hatte, ging überraschend in Erfüllung. Beide waren milizpflichtig und
wurden für die Strafexpedition ausgehoben, die von Kalifornien gegen die
Bauern in Missouri ausgesandt wurde. Kowalt und Asmunsen verweigerten den
Dienst. Man machte kurzen Prozess mit ihnen. Sie wurden vor das
Kriegsgericht gestellt und hingerichtet. Den Rücken gegen die feuernde
Abteilung, fielen sie.
Viele
junge Leute flohen in die Berge, um dem Milizdienst zu entgehen. Dort
wurden sie Banditen, und noch ehe die Zeiten ruhiger geworden, war ihr
Schicksal besiegelt. Es war drastisch. Die Regierung erließ eine
Aufforderung an alle gesetzestreuen Bürger, binnen drei Monaten die Berge
zu verlassen und heimzukehren. Nach Ablauf dieser Frist wurde eine halbe
Million Soldaten in die Berge geschickt; es gab weder Untersuchung noch
Gericht: Wo immer ein Mann sich sehen ließ, wurde er auf der Stelle
niedergeknallt. Die Truppen operierten so, dass kein Mann, kein Bandit in
den Bergen bleiben konnte. Einige Banden, die feste Stellungen hatten, kämpften
tapfer, zuletzt aber fand jeder Deserteur der Miliz den Tod.
Noch
kräftiger war die Lehre, die der Bevölkerung durch die Bestrafung der
Miliz von Kansas erteilt wurde. Die großen Meutereien in Kansas erfolgten
zu Beginn der militärischen Operationen gegen die Bauern. Sechstausend
Milizleute meuterten. Sie waren schon wochenlang unruhig und trotzig
gewesen und daher im Lager festgehalten worden. Ihre offene Meuterei
jedoch wurde zweifellos von den Agents provocateurs hervorgerufen.
In
der Nacht des 22. April erhoben sie sich und ermordeten ihre Offiziere,
von denen nur wenige entkamen. Das ging über den Plan der Eisernen Ferse
hinaus; die Agents provocateurs hatten zu gute Arbeit getan. Aber alles
schlug für die Eiserne Ferse zum Vorteil aus. Sie hatte den Aufstand
vorbereitet, und jetzt gab ihr die Ermordung so vieler Offiziere die
Berechtigung zu dem, was folgte. Wie herbeigezaubert erschienen
vierzigtausend Soldaten der regulären Armee und umzingelten die
Widerspenstigen. Es war eine Falle. Die unglückliche Miliz merkte, dass
ihre Maschinengewehre unbrauchbar gemacht waren, und dass die Patronen aus
den erbeuteten Magazinen nicht in ihre Gewehre passten. Sie hissten die
weiße Flagge, aber das wurde nicht beachtet. Keiner blieb am Leben.
Granaten und Schrapnells wurden von weitem auf sie gefeuert, und als sie
in ihrer Verzweiflung gegen die Umzinglungslinien anstürmten, wurden sie
von den Maschinengewehren niedergemäht. Ich sprach mit einem Augenzeugen
darüber, und er sagte, dass kein Milizmann näher als hundertfünfzig
Meter an die Maschinengewehre herangekommen sei. Die Erde war mit Toten
bedeckt und zum Schluss stampfte ein Kavallerieangriff mit dem Trampeln
der Pferdehufe, mit Revolver und Säbel die Verwundeten zu Boden. Um
dieselbe Zeit wie die Vernichtung der Bauern erfolgte der Aufstand der
Kohlenbergleute. Das war der Todeskampf der organisierten Arbeiter.
Dreiviertel Million Bergleute traten in den Streik. Aber sie waren zu weit
über das Land verstreut, um ihre Stärke ausnutzen zu können. Sie wurden
distriktweise abgesondert und zur Unterwerfung gebracht. Das war das erste
große Sklaventreiben. Pocock(1) verdiente sich dabei
seine Sporen als Sklaventreiber und den tödlichen Hass des Proletariats.
Zahllose Mordversuche auf ihn wurden gemacht, aber er schien gefeit. Er
war es, der für die Einführung des russischen Passierscheinsystems unter
den Bergleuten verantwortlich war und ferner dafür, dass ihnen das Recht
der Freizügigkeit genommen war.
Die
Sozialisten blieben fest. Während die Bauern in Flammen und Blut
untergingen und die organisierten Arbeiter getrennt wurden, hielten die
Sozialisten Frieden und festigten ihre geheime Organisation.
Die
Eiserne Ferse, die anfangs gezögert hatte, mit dem ganzen Proletariat auf
einmal abzurechnen, fand die Arbeit leichter als erwartet und hätte
nichts lieber gesehen als einen Aufstand unsererseits. Wir wichen aber
aus, trotz der Tatsache, dass es von Agents provocateurs unter uns
wimmelte. Damals waren die Agenten der Eisernen Ferse noch ein wenig
schwerfällig. Sie mussten noch viel lernen, unterdessen aber wurden sie
von unserer Kampfgruppe ausgerottet. Es war eine bittere, blutige Arbeit,
aber wir kämpften für das Leben und die Revolution, und wir mussten den
Gegner mit seinen eigenen Waffen schlagen. Aber wir kämpften anständig.
Kein Agent der Eisernen Ferse wurde ohne Verhör hingerichtet. Wir mögen
Fehler begangen haben in dieser Beziehung, aber sehr wenige. Die
mutigsten, kampflustigsten und opferwilligsten Genossen traten in die
Kampftruppen ein. Zehn Jahre später hat Ernst einmal an Hand der Zahlen,
die ihm die Führer der Kampftruppen gaben, eine Berechnung aufgestellt
und ist zu dem Schluss gekommen, dass die durchschnittliche Lebensdauer
eines Mannes oder einer Frau nach ihrem Eintritt in die Gruppe noch fünf
Jahre betrug. Die Kameraden der Kampftruppe waren alle Helden, und das
eigentümliche ist, dass sie Gegner des Tötens waren. Sie handelten gegen
ihre Natur, aber sie liebten die Freiheit und kannten kein Opfer, das zu
groß für sie war(2). Die Aufgabe, die wir uns stellten,
war eine dreifache: erstens die Ausrottung der Spitzel der Oligarchie,
zweitens die Organisation der Kampftruppen und daneben die allgemeine
geheime Organisation der Revolution, drittens die Anstellung unseres
eigenen Geheimagenten in jedem Zweig der Oligarchie - in den Arbeiterverbänden
und besonders unter den Telegraphisten, Sekretären und Schreibern, im
Heer, unter den Agents provocateurs und den Sklaventreibern. Es war eine
langsame, gefährliche Arbeit, und oft wurden unsere Anstrengungen durch
kostspielige Fehlschläge zunichte gemacht.
Im
offenen Kampfe hatte die Eiserne Ferse triumphiert, aber in dem neuen
Kampfe, den wir begannen, hielt unsere Organisation stand, und dieser
unsichtbare Krieg wurde seltsam und schrecklich. Nichts war sichtbar,
vieles nicht einmal zu erraten; der Blinde kämpfte mit dem Blinden, und
doch waren alle Pläne zielbewusst und durchdacht. Wir durchdrangen die
ganze Organisation der Eisernen Ferse mit unseren Spitzeln, während
unsere eigene Organisation von den Spitzeln der Eisernen Ferse
durchdrungen wurde. Es war ein finsterer und labyrinthischer Krieg, voller
Intrige und Verschwörung. Komplott und Gegenkomplott. Und hinter alledem
lauerte stets drohend der gewaltsame, schreckliche Tod. Männer und
Frauen, unsere nächsten und besten Genossen, verschwanden. Heute sahen
wir sie noch, morgen waren sie verschwunden. Wir sahen sie nie wieder und
wussten, dass sie tot waren.
Es
gab weder Zuversicht noch Vertrauen mehr. Der Mann, der neben uns kämpfte,
war vielleicht, obgleich wir ihn alle kannten, ein Spitzel der Eisernen
Ferse. Und trotzdem Vertrauen und Zuversicht fehlten, waren wir genötigt,
unsere ganze Arbeit darauf aufzubauen. Oft sahen wir uns betrogen. Es gab
schwache Menschen. Die Eiserne Ferse bot Geld, Bequemlichkeit und die
Freuden und Herrlichkeiten, die in der Ruhe der Wunderstädte winkten. Uns
blieb nur die Genugtuung, einem edlen Ideal treu zu sein. Und schließlich
war der Lohn für die, die treu blieben, doch nichts als Gefahr, Folter
und Tod. Es gab schwache Menschen, sagte ich, und diese Schwachen zwangen
uns, die einzig mögliche Vergeltung zu üben, die in unserer Macht lag.
Und das war die Vergeltung mit dem Tode. Die Notwendigkeit zwang uns, die
Verräter zu bestrafen. Jedem, der uns verriet, wurden bis zu einem
Dutzend zuverlässiger Rächer auf die Fersen geschickt. Wir mögen bei
der Vollstreckung der Urteile an unseren Feinden, wie zum Beispiel den
Pococks, versagt haben; in einem aber gab es kein Versagen, und das war
die Bestrafung unserer eigenen Verräter. Genossen wurden unter der
Vorspiegelung, Verräter zu sein, in die Wunderstädte geschickt, um dort
unser Urteil an den wirklichen Verrätern zu vollstrecken. Wir wurden ein
solcher Schrecken, dass es gefährlicher war, uns zu verraten, als uns
treu zu bleiben.
Die
Revolution nahm fast den Charakter von Religion an. Wir beteten sie an als
das Heiligtum der Freiheit. In uns ruhte das göttliche Feuer, Männer und
Frauen weihten ihr Leben der Sache, und neugeborene Kinder wurden ihr
geweiht, wie sie früher dem Dienst Gottes geweiht worden waren. Wir
liebten die Menschheit.
(1)
Albert Pocock, ein anderer berüchtigter Streikbrecher jener Zeit, der bis
zu seinem Todestage dafür sorgte, dass die Leute in den Kohlengruben an
ihrer Arbeit blieben. Ihm folgte sein Sohn Lewis Pocock, und fünf
Generationen hindurch beherrschte dieses bemerkenswerte Geschlecht von
Sklaventreibern die Kohlengruben. Der älteste Pocock, Pocock J. genannt,
wird folgendermaßen beschrieben: »Ein langer, magerer Kopf, von
graumeliertem braunen Haar umkränzt, mit starken Backenknochen, glanzlose
graue Augen, eine metallische Stimme und nachlässiges Benehmen.« Er war
das Kind einfacher Eltern und begann seine Laufbahn als Kellner. Dann
wurde er Privatdetektiv bei einer Straßenbahngesellschaft und entwickelte
sich allmählich zum professionellen Streikbrecher. Pocock V., der letzte
der Dynastie, wurde bei einer geringfügigen Revolte von Minenarbeitern im
Indianer-Territorium mit einer Bombe in die Luft gesprengt. Das geschah im
Jahre 2073.
(2)
Diese Kampforganisationen waren ein wenig denen der russischen Revolution
nachgebildet, und sie konnten sich trotz unaufhörlicher Anstrengung der
Eisernen Ferse drei Jahrhunderte halten. Aus Männern und Frauen
bestehend, die durch erhabene Vorsätze angespornt wurden und keine
Todesfurcht kannten, übten die Kampftruppen einen starken Einfluss aus
und milderten die wilde Brutalität der Herrschenden. Die Geheimagenten
der Oligarchie zwangen sie zu unsichtbarer Kriegführung, aber die
Oligarchie selbst war gezwungen, die Anweisungen der Gruppen zu befolgen,
und oft, wenn sie es nicht tat, wurden ihre Mitglieder mit dem Tode
bestraft — ebenso wie die Untergebenen der Oligarchie, die Offiziere der
Armee und die Führer der Arbeiterklasse.
Strenge
Justiz wurde von diesen organisierten Rächern geübt, am
bemerkenswertesten aber waren ihre leidenschaftslosen gerichtlichen
Prozeduren. Es gab keine übereilten Urteile. Sobald jemand festgenommen
war, wurde ihm unparteiische Untersuchung und jede Gelegenheit zu seiner
Verteidigung zugebilligt. Die Notwendigkeit ergab, dass viele Menschen in
absentia abgeurteilt wurden, wie z. B. General Lampton. Das geschah im
Jahre 2138. Vielleicht der blutdürstigste und bösartigste aller Söldner,
die je der Eisernen Ferse dienten, wurde er von den Kampfgruppen
benachrichtigt, dass sie Gericht über ihn gehalten, ihn für schuldig
befunden und zum Tode verurteilt hätten — und das, nachdem er dreimal
gewarnt worden war, seine rohe Behandlung des Proletariats einzustellen.
Nach seiner Verurteilung sicherte er sich durch unzählige Schutzmaßnahmen.
Jahre vergingen, ohne dass die Kampfgruppe ihr Urteil vollstrecken konnte.
Genosse auf Genosse, Männer und Frauen waren erfolglos bei ihren
Attentatsversuchen und wurden grausam von der Oligarchie hingerichtet. Der
Fall des Generals Lampton gab die Veranlassung zur Wiedereinführung der
Kreuzigung als gesetzliches Hinrichtungsmittel. Schließlich aber fand der
Verurteilte doch seinen Henker in Gestalt eines siebzehnjährigen Mädchens,
Madeline Provence, die, um ihren Plan auszuführen, zwei Jahre lang als Näherin
in seinem Palast diente. Sie starb nach langer, furchtbarer Folter im
Kerker, heute aber steht sie in Bronze im Pantheon der Brüderschaft in
der Wunderstadt Serles. Wir, die wir aus persönlicher Erfahrung kein
Blutvergießen kennen, dürfen die Helden der Kampfgruppen nicht zu hart
verurteilen. Sie gaben ihr Leben für die Menschheit, kein Opfer war ihnen
zu groß, und die unerbittliche Notwendigkeit des blutigen Zeitalters
zwang sie zu blutigem Vorgehen. Die Kampfgruppe bildete den einzigen
Stachel, den die Eiserne Ferse nie zu entfernen vermochte. Everhard war
der Schöpfer dieser merkwürdigen Armee, und ihre Vervollkommnung wie ihr
erfolgreiches Fortbestehen während dreier Jahrhunderte legte Zeugnis ab für
seine organisatorischen Fähigkeiten und für die feste Grundlage, die er
schuf, und auf der die folgende Generation weiter baute. In gewisser
Beziehung muss, trotz seiner großen ökonomischen und soziologischen
Taten und seiner Leistungen als Führer der Revolution, die Organisation
der Kampfgruppen als sein größtes Verdienst angesehen werden.
Die
scharlachrote Livree
Mit
der Zerstörung der Bauernstaaten verschwanden deren Abgeordnete aus dem
Kongress. Sie wurden wegen Hochverrats angeklagt und ihre Sitze von
Kreaturen der Eisernen Ferse eingenommen. Die Sozialisten befanden sich in
einer kläglichen Minderheit, und sie wussten, dass ihr Ende nahe war.
Kongress und Senat waren leere Vorwände und Farcen. Gemeinnützige Fragen
wurden feierlich debattiert und nach den alten Regeln verabschiedet, während
in Wirklichkeit alles, was geschah, nur darauf hinauslief, den Befehlen
der Oligarchie den Stempel verfassungsmäßigen Verfahrens aufzuprägen.
Ernst
befand sich im dichtesten Kampfgewühl, als das Ende kam. Es war in der
Debatte über das Gesetz zur Unterstützung Arbeitsloser. Die schweren
Zeiten des vergangenen Jahres hatten große Massen des Proletariats gänzlich
verelenden lassen, und die fortdauernde, sich immer mehr ausbreitende
Verwirrung ließ sie noch tiefer sinken. Millionen hungerten, während die
Oligarchen und ihr Anhang übersättigt waren(1). Wir
nannten diese verelendeten Massen das »Volk des Abgrunds«(2),
und zur Linderung dieser schrecklichen Qualen hatten die Sozialisten ein
Gesetz beantragt, das die Unterstützung der Arbeitslosen betraf. Doch das
war nicht nach dem Sinn der Eisernen Ferse. Die traf zwar auf ihre Weise
Vorbereitungen, diesen Millionen Arbeit zu geben, aber ihr Weg war nicht
der unsere, und deshalb hatten sie Befehl erteilt, unseren Antrag
niederzustimmen. Ernst und seine Genossen wussten, dass ihre Anstrengungen
zwecklos waren, aber sie waren des Hinausschiebens müde. Sie wollten,
dass etwas geschehen sollte. Sie wussten, dass sie nichts erreichen
konnten, aber sie hofften wenigstens, dieser gesetzlichen Posse, bei der
sie unfreiwillig mitspielen mussten, ein Ende zu machen. Wie das Ende sein
würde, wussten sie nicht, aber ein schlimmeres als das, welches wirklich
kam, hatten sie sicher nicht erwartet.
Ich
saß an diesem Tage auf der Galerie. Wir wussten alle, dass etwas
Furchtbares drohte. Es lag in der Luft und wurde durch bewaffnete
Soldaten, die in Gliedern in den Gängen, und durch Offiziere, die
gruppenweise an den Eingängen des Kongressgebäudes standen,
unterstrichen. Die Oligarchie streikte. Ernst sprach. Er schilderte die
Leiden der Arbeitslosen in der Absicht, irgendwie die Herzen und das
Gewissen der Mitglieder des Hauses aufzurütteln. Aber die Demokraten und
Republikaner grinsten und verhöhnten ihn, und es gab Lärm und
Durcheinander. Ernst schlug plötzlich einen anderen Ton an.
»Ich
weiß, dass keines meiner Worte Sie rührt«, sagte er. »Sie haben keine
Herzen, die sich rühren lassen. Sie sind rückgratlose, schlaffe Geschöpfe.
Sie nennen sich hochtrabend Republikaner und Demokraten. Es gibt keine
republikanische Partei. Es gibt keine demokratische Partei. Es gibt keinen
Republikaner oder Demokraten in diesem Hause. Sie sind Speichellecker und
Schmeichler, Kreaturen der Plutokratie. Sie schwatzen in den Redewendungen
einer vergangenen Zeit von Ihrer Freiheitsliebe und tragen dabei die
scharlachrote Livree der Eisernen Ferse.«
Jetzt
übertönten wildes Geschrei und die Rufe »Ordnung! Ordnung!« Ernsts
Stimme, aber er blieb mit geringschätzigem Ausdruck stehen, bis der Lärm
sich einigermaßen gelegt hatte. Er machte eine Handbewegung, als wolle er
sie alle umfassen, wandte sich dann zu seinen Genossen und sagte:
»Hört
das Bellen der gemästeten Bestien!«
Ein
Höllenlärm brach los. Der Präsident rief zur Ordnung und warf einen
erwartungsvollen Blick auf die Offiziere in den Türeingängen. Man hörte
den Ruf »Empörung«, und ein großer, kugelrunder New-Yorker
Abgeordneter brüllte Ernst das Wort »Anarchist« zu. Aber Ernst achtete
nicht darauf. Er bebte vor Kampfeseifer, und sein Gesicht war wie das
eines kämpfenden Tieres, aber er blieb kühl und gefasst.
»Vergessen
Sie nicht«, sagte er so laut, dass er den Lärm übertönte, »dass das
Proletariat, wenn Sie jetzt Mitleid mit ihm haben, eines Tages auch
Mitleid mit Ihnen haben wird.«
Die
Rufe »Empörer« und »Anarchist« verdoppelten sich.
»Ich
weiß, dass Sie nicht für die Vorlage stimmen werden«, fuhr Ernst fort.
»Sie haben von Ihren Herren den Befehl bekommen, dagegen zu stimmen. Und
mich nennen Sie einen Anarchisten! Sie, die Sie die Volksregierung
vernichtet haben und mit Ihrer scharlachroten Schmach schamlos auf öffentlichen
Plätzen prunken, nennen mich einen Anarchisten. Ich glaube nicht an Feuer
und Schwefel der Hölle, aber in einem Augenblick wie dem jetzigen tut es
mir leid, dass ich ungläubig bin. Nein, in einem Augenblick wie dem
jetzigen bin ich gläubig. Es muss eine Hölle geben, denn nirgends sonst
könnte es möglich sein, Strafen, die Ihren Verbrechen angemessen wären,
an Ihnen zu vollziehen. Solange Sie und Ihresgleichen leben, braucht das
Weltall ein Höllenfeuer.«
In
den Türeingängen gab es Bewegung. Ernst, der Präsident und alle
Abgeordneten blickten dorthin.
»Warum
rufen Sie nicht Ihre Soldaten herein und befehlen ihnen, ihre Arbeit zu
tun?« fragte Ernst. »Sie würden Ihre Pläne schnell zur Ausführung
bringen.«
»Es
sind andere Pläne«, lautete die Antwort, »weswegen die Soldaten hier
sind.«
»Unsere
Pläne vermutlich«, höhnte Ernst. »Meuchelmord oder dergleichen.«
Aber
bei dem Worte »Meuchelmord« brach der Lärm von neuem los. Ernst konnte
sich kein Gehör verschaffen, blieb aber ruhig auf seinem Platz und
wartete, dass Ruhe einträte.
Und
da geschah es. Ich konnte von meinem Platz auf der Galerie nichts sehen
als das Aufblitzen der Explosion. Der Donner erfüllte meine Ohren, und
ich sah, wie Ernst in einer dichten Rauchwolke schwankte und fiel, und wie
die Soldaten hereinstürzten. Seine Genossen sprangen auf, rasend vor Zorn
und zu jeder Gewalttat bereit. Aber Ernst richtete sich einen Augenblick
auf und hob die Arme, um Ruhe zu gebieten.
»Es
ist ein Komplott«, warnte er seine Genossen. »Tut nichts, sonst seid ihr
verloren.«
Dann
sank er langsam nieder, und die Soldaten waren bei ihm. Im nächsten
Augenblick wurden die Galerien geräumt, und ich sah nichts mehr.
Obwohl
er mein Gatte war, wurde ich nicht zu ihm gelassen. Als ich meinen Namen
nannte, wurde ich sofort festgenommen. Und gleichzeitig wurden alle in
Washington anwesenden sozialistischen Abgeordneten verhaftet, selbst der
unglückliche Simpson, der in seinem Hotel an Typhus erkrankt daniederlag.
Das
gerichtliche Verfahren war kurz und bündig. Die Leute wurden verurteilt.
Es war ein Wunder, dass Ernst nicht hingerichtet wurde. Seitens der
Oligarchie war dies ein schwerer Fehler und ein kostspieliger dazu. Aber
die Oligarchie war in jenen Tagen zuversichtlich. Sie war trunken von
Erfolg und ließ sich nicht träumen, dass diese kleine Handvoll Helden
die Kraft in sich hatte, die Grundfesten der Oligarchie zum Wanken zu
bringen. Morgen, wenn die große Revolution ausbricht und die ganze Welt
widerhallt von dem Tritt der Millionen, wird die Oligarchie, aber zu spät,
erfahren, wie mächtig diese Heldenschar angewachsen ist(3).
Selbst
Revolutionärin, und zwar eine, die in alle Hoffnungen, Sorgen und
geheimen Pläne der Revolutionäre eingeweiht war, bin ich wie wenige in
der Lage, die Anschuldigung zurückzuweisen, dass wir, die Sozialisten,
die Schuld an der Bombenexplosion im Kongress tragen. Und ich kann
rundweg, ohne Einschränkung und ohne einen Zweifel, erklären, dass die
Sozialisten weder im Kongress noch außerhalb ihre Hand im Spiel hatten.
Wer die Bombe warf, wissen wir nicht, nur das wissen wir sicher, dass wir
es nicht taten.
Andererseits
ist es klar, dass die Eiserne Ferse für die Tat verantwortlich zu machen
ist. Wir können es allerdings nicht beweisen. Unsere Annahme beruht nur
auf Mutmaßungen. Aber das wissen wir: Durch Geheimagenten der Regierung
war dem Präsidenten mitgeteilt worden, dass die sozialistischen
Abgeordneten ihre Zuflucht zum Terrorismus nehmen wollten, und dass sie
den Tag" bereits festgesetzt hätten, an dem sie damit beginnen würden.
Und dieser Tag war eben der, an dem die Explosion stattfand. Deshalb hatte
man schon im voraus Truppen im Kapitol zusammengezogen. Da wir nichts von
der Bombe wussten, da sie wirklich explodierte, und da sich die Behörden
schon im voraus darauf vorbereitet hatten, ist die Annahme, dass die
Eiserne Ferse davon wusste, nur zu berechtigt. Wir behaupten ferner, dass
die Eiserne Ferse schuld an den Ausschreitungen trug, dass sie sie
vorbereitet und begangen hat mit der Absicht, die Schuld auf uns zu wälzen,
um uns zu vernichten.
Der
Präsident gab allen Anwesenden im Hause, die die scharlachrote Livree
trugen, den nötigen Wink. Sie wussten, dass der Gewaltakt geschehen würde,
während Ernst sprach. Und um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, müssen
wir sagen, dass sie aufrichtig glaubten, die Sozialisten hätten diesen
Gewaltakt ausgeführt. Bei der Verhandlung sagten mehrere, ebenfalls in
ehrlicher Überzeugung, aus, dass Ernst sich angeschickt hätte, die Bombe
zu werfen, dass sie jedoch zu früh explodiert sei! Natürlich hatten sie
gar nichts dergleichen gesehen, aber in ihrer fieberhaften Angst bildeten
sie sich ein, es gesehen zu haben. Das ist alles.
Es
war, wie Ernst beim Verhör sagte: »Kann ein vernünftiger Mensch
glauben, dass ich, wenn ich eine Bombe werfen wollte, dazu einen harmlosen
kleinen Kanonenschlag verwenden würde? Er enthielt nicht genügend
Pulver. Er machte eine Menge Rauch, verwundete aber keinen außer mir. Er
explodierte gerade vor meinen Füßen, tötete mich aber nicht. Glauben
Sie mir: Wenn ich Bomben werfe, dann gibt es Schaden. In meinen Petarden
wird etwas anderes sein als Rauch.«
Von
der Anklage wurde dagegen gefolgert, dass die Kraftlosigkeit der Bombe auf
ein Versehen der Sozialisten zurückzuführen sei, ebenso wie ihre
vorzeitige Explosion, die dadurch verursacht worden sei, dass Ernst seine
Nerven verlor und die Bombe fallen ließ. Und zur Bekräftigung dieses
Arguments bezeugten mehrere Abgeordnete, gesehen zu haben, dass Ernst mit
der Bombe spielte und sie fallen ließ.
Von
uns weiß keiner, wie die Bombe geworfen wurde. Ernst sagte mir, dass er
sie den Bruchteil einer Sekunde, ehe sie explodierte, vor seine Füße
habe fliegen sehen. Er erklärte das vor Gericht, aber man schenkte ihm
keinen Glauben. Die Eiserne Ferse hatte beschlossen, uns zu vernichten,
und jeder Widerstand war nutzlos.
Man
sagt, dass die Wahrheit stets an den Tag komme. Ich zweifle heute daran.
Neunzehn Jahre sind vergangen, und trotz unserer unermüdlichen
Anstrengungen haben wir nie herausbekommen, wer die Bombe geworfen hat.
Zweifellos war es ein Spitzel der Eisernen Ferse, aber er ist der
Entdeckung entgangen. Wir haben nie den leisesten Anhaltspunkt zu seiner
Feststellung finden können. Und jetzt, nach so langer Zeit, bleibt nichts
übrig, als die ganze Angelegenheit unter die Geheimnisse der
Weltgeschichte zu reihen(4).
(1)
Dieselben Zustände herrschten im neunzehnten Jahrhundert unter der
britischen Herrschaft in Indien. Die Eingeborenen verhungerten zu
Millionen, während ihre Herren ihnen die Frucht ihrer Arbeit raubten und
einen ungeheuren Aufwand trieben sowie sich den ärgsten Ausschweifungen
hingaben. In unserm erleuchteten Zeitalter müssen wir über viele Taten
unserer Vorfahren erörtern, unser einziger Trost ist die Philosophie. Wir
müssen das kapitalistische Stadium in der sozialistischen Entwicklung
etwa mit dem frühen Affenstadium vergleichen. Die Menschheit musste bei
ihrem Aufstieg aus dem Schlamm und Schleim des tief erstehenden
organischen Lebens über diese Stufe hinweg. Es war unvermeidlich, dass
viel Schlamm und Schleim haften blieb und nicht leicht abzuschütteln war.
(2)
»Das Volk des Abgrunds« — ein Ausdruck, der von dem genialen H.G.
Wells gegen Ende des 19. Jahrhunderts geprägt wurde. Wells war ein
soziologischer Prophet von ebensoviel Vernunft wie Menschenliebe. Viele
Bruchstücke seiner Werke sind uns überkommen, und zwei seiner größten
Werke, »Vorahnungen« und »Menschheit im Werden«, sogar unversehrt.
Schon vor den Oligarchen und Everhard dachte Wells an den Bau von Wunderstädten,
wenn er sie auch in seinen Schriften nur als »Städte der Freuden«
bezeichnete.
(3)
Avis Everhard hielt es für ausgemacht, dass ihre Erzählung in ihrer
eigenen Zeit gelesen werden würde, und unterließ es daher, den Ausgang
des Gerichtsverfahrens wegen Hochverrats zu erwähnen. In dem Manuskript
machen sich überhaupt viele ähnliche störende Auslassungen bemerkbar.
Zweiundfünfzig sozialistische Abgeordnete wurden vor Gericht gestellt und
alle schuldig befunden. Es ist merkwürdig, dass kein einziger zum Tode
verurteilt wurde. Everhard und elf andere, unter ihnen Theodore Donneisen
und Matthew Kent, erhielten lebenslängliches Zuchthaus. Die übrigen
vierzig wurden zu Zuchthausstrafen zwischen dreißig und fünfundvierzig
Jahren verurteilt, während Arthur Simpson, der in dem Manuskript zu
diesem Zeitpunkt als typhuskrank erwähnt wird, mit fünfzehn Jahren
davonkam. Der Überlieferung nach soll er in der Einzelhaft verhungert
sein, und diese harte Behandlung wurde durch seinen unnachgiebigen Trotz
und seinen stolzen Hass gegen alle Diener des Despotismus erklärt. Er
starb in Cabanas auf Cuba, wo drei seiner Genossen ebenfalls eingesperrt
waren. Die zweiundfünfzig sozialistischen Abgeordneten wurden in militärischen
Festungen, über die ganzen Vereinigten Staaten verstreut, eingesperrt.
Thus, Du Bois und Woods wurden in Porto Rico eingekerkert, während
Everhard und Merryweather in Alcatraz, einer Insel in der Bucht von San
Franzisko.in einem Gebäude untergebracht wurden, das schon seit vielen
Jahren als Militärgefängnis diente.
(4)
Avis Everhard hätte viele Generationen leben müssen, um die Aufklärung
dieses eigenartigen Mysteriums zu erfahren. Erst vor kaum hundert Jahren,
also mehr als sechs Jahrhunderte nach ihrem Tode, wurde das Geständnis
Pervaises in den Geheimarchiven des Vatikans entdeckt. Es ist vielleicht
angebracht, ein wenig von diesem Geheimdokument zu erzählen, wenn es auch
in der Hauptsache nur für den Historiker Interesse hat.
Pervaise
war ein Amerikaner französischer Abstammung, der im Jahre 1913, wegen
Mordes angeklagt, im New-Yorker Gefängnis lag und auf die Verhandlung
wartete. Aus einer Beichte erfahren wir, dass er kein Verbrecher war. Er
war heißblütig, leidenschaftlich, weichherzig, leicht zu rühren. In
einem krankhaften Anfall von Eifersucht tötete er seine Frau — in
damaliger Zeit etwas ganz Alltägliches. Pervaise war, wie er des langen
und breiten in seiner Beichte erzählt, von Todesfurcht gepackt. Um dem
Tode zu entgehen, würde er jede Tat begangen haben, und die politischen
Agenten präparierten ihn, indem sie ihm versicherten, dass er bei der
Gerichtsverhandlung seiner Verurteilung wegen vorsätzlichen Mordes kaum
entgehen würde. Vorsätzlicher Mord war damals ein Kapitalverbrechen. Der
oder die Schuldige wurde in einen eigens dazu konstruierten Todesstuhl
gesetzt und unter Aufsicht von Ärzten durch den elektrischen Strom
hingerichtet. Man nannte das Hinrichtung mittels Elektrizität, und sie
war damals sehr volkstümlich. Anästhesie beim Zwangstod wurde erst später
eingeführt.
Dieser
gutmütige, aber gänzlich unbeherrschte Mann wurde, im Gefängnis
schmachtend und nichts als den Tod erwartend, von den Spitzeln der
Eisernen Ferse überredet, die Bombe im Kongress zu werfen. In seiner
Beichte betonte er, dass man ihm gesagt hätte, die Bombe sei schwach und
nicht lebensgefährlich. Das deckt sich mit der Tatsache, dass sie
offenbar nur eine leichte Pulverladung enthielt, und dass sie zu Everhards
Füßen explodierte, ohne ihn zu töten.
Pervaise
wurde unter dem Vorwand, Reparaturen auszuführen, in eine der Galerien
eingeschmuggelt. Der Zeitpunkt für das Werfen der Bombe wurde ihm überlassen,
und er gesteht offen, dass er bei seinem Interesse für die Rede Everhards
und bei der dadurch entstandenen allgemeinen Erregung seine Aufgabe fast
vergessen hätte.
Zum
Lohn für seine Tat entließ man ihn nicht nur aus dem Gefängnis, sondern
bewilligte ihm sogar eine lebenslängliche Rente. Er sollte sie jedoch
nicht lange genießen. Im September 1914 erkrankte er an Herzrheumatismus
und starb nach drei Tagen. Vorher verlangte er noch nach dem katholischen
Priester, Vater Peter Durban und beichtete ihm. Diese Beichte erschien dem
Priester so wichtig, dass er sie zu Protokoll nahm und beschwören ließ.
Was dann geschah, können wir nur vermuten. Das Dokument war sicher
wichtig genug, um seinen Weg nach Rom zu finden, aber mächtige Einflüsse
müssen sich geltend gemacht haben, so dass es unterdrückt wurde. Erst
vor etwa hundert Jahren fand es Lorbia, der ausgezeichnete italienische
Gelehrte, ganz zufällig bei seiner Durchforschung des Vatikans.
Heute
besteht kein Zweifel mehr, dass die Eiserne Ferse verantwortlich war für
die Bombe, die im Jahre 1913 im Kongress explodierte. Wenn die Beichte
Pervaises auch nicht ans Licht kam, so konnte doch kein vernünftiger
Mensch hieran zweifeln, denn die Tat, die zweiundfünfzig Abgeordnete ins
Gefängnis! brachte, glich ganz den ändern Taten, die die Oligarchien und
vor ihnen die Kapitalisten begingen.
So
haben wir das klassische Beispiel von dem grausamen und leichtfertigen
Justizmord an den unschuldigen so genannten Haymarket-Anarchisten in den
achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts in Chikago. Eine Kategorie für
sich bildet das wohlerwogene Niederbrennen und Zerstören kapitalistischen
Eigentums durch die Kapitalisten selbst (siehe Fußnote l auf Seite 157).
Für solche Zerstörungen wurden oft Unschuldige bestraft.
In
den Arbeiterunruhen des ersten Jahrzehnts des zwanzigsten Jahrhunderts —
die Grubenarbeiter in den westlichen Distrikten erhoben sich gegen die
Kapitalisten— wurde eine ähnliche, nur blutigere Taktik angewandt.
Kapitalistische Spitzel sprengten den Bahnhof von Independance in die
Luft. Dreizehn Menschen wurden dabei getötet — eine weit größere
Anzahl verwundet. Und dann bezichtigten die Kapitalisten, die die
gesetzgebende und gerichtliche Maschinerie des Staates Kolorado
beherrschten, die Grubenarbeiter des Verbrechens und hätten sie fast überführt.
Romaines,
wie Pervaise ein Werkzeug der Oligarchie, lag im Gefängnis eines ändern
Staates, Kansas, und wartete auf seine Aburteilung, als die Agenten der
Kapitalisten an ihn herantraten. Aber anders als im Fall Pervaise, wurde
das Geständnis Romaines noch zu seinen Lebzeiten bekannt.
Zur
selben Zeit ereigneten sich die Fälle Moyer und Haywood, zwei starker,
furchtloser Arbeiterführer. Der eine war Vorsitzender, der andere Sekretär
des westlichen Grubenarbeiterverbandes. Der Exgouverneur von Idaho war auf
mysteriöse Art und Weise ermordet worden. Sozialisten und Grubenarbeiter
legten das Verbrechen offen den Grubenbesitzern zur Last.
Nichtsdestoweniger wurden, mit Verletzung der verfassungsmäßigen Rechte
und durch Verabredung der Gouverneure von Idaho und Kolorado, Moyer und
Haywood ins Gefängnis geworfen und des Mordes bezichtigt. Diese
Angelegenheit war es, die Eugene V. Debs, dem damaligen Führer der
amerikanischen Sozialisten, folgende Worte entriss: »Die Arbeiterführer,
die nicht zu bestechen oder einzuschüchtern sind, müssen in den
Hinterhalt gelockt und ermordet werden. Das einzige Verbrechen Moyers und
Haywoods war, dass sie unerschütterlich treu zur Arbeiterklasse hielten.
Die Kapitalisten haben unser Land gestohlen, unsere Politik verdorben,
unsere Rechtsprechung besudelt und uns mit ihren scharf beschlagenen
Pferden überritten; jetzt wollen sie die morden, die sich
verwerflicherweise ihrer brutalen Herrschaft nicht fügen wollen. Die
Gouverneure von Kolorado und Idaho führen nur die Befehle ihrer Herren
aus. Es heißt: Arbeit gegen Plutokratie! Führen sie den ersten Schlag,
so werden wir den letzten austeilen.«
Im
Schatten der Sonoma-Berge
Von
mir ist in dieser Zeit nicht viel zu berichten. Ich wurde sechs Monate in
Haft gehalten, obgleich man mich keines Vergehens beschuldigte. Ich war
verdächtig — ein beängstigendes Wort, das bald alle Revolutionäre
kennen lernen sollten. Aber unser eigener Geheimdienst begann zu wirken.
Gegen Ende des zweiten Monats meiner Gefängniszeit gab sich mir einer der
Gefängniswärter als ein mit der Organisation in Fühlung stehender
Revolutionär zu erkennen. Einige Wochen später zeigte sich, dass Joseph
Parkhurst, der erst kürzlich angestellte Gefängnisarzt, Mitglied einer
der Kampfgruppen war.
So
umspann unsere Organisation ungehindert die der Oligarchie. Dadurch blieb
ich in Berührung mit der Außenwelt. Und ebenso stand jeder unserer
verhafteten Führer in Verbindung mit den tapferen Genossen, die sich in
die Livree der Eisernen Ferse vermummt hatten. Zwar war Ernst dreitausend
Meilen entfernt an der Pazifischen Küste eingesperrt, aber doch stand ich
in ununterbrochener Verbindung mit ihm, und unsere Briefe gingen regelmäßig
hin und her. Die Führer waren im Gefängnis wie draußen imstande, den
Feldzug zu beraten und zu leiten. Mehrere Monate wäre es einigen von
ihnen möglich gewesen, zu fliehen. Da die Einsperrung aber kein Hindernis
für unsere Tätigkeit bildete, wurde beschlossen, jede Übereilung zu
vermeiden. Zweiundfünfzig Kongressmitglieder waren im Gefängnis und dazu
noch volle dreihundert unserer Führer. Man plante, sie alle gleichzeitig
zu befreien. Entfloh nur ein kleiner Teil, so musste die Wachsamkeit der
Oligarchie rege und die Flucht der ändern vereitelt werden. Andererseits
war man der Ansicht, dass eine allgemeine Befreiung der Gefangenen im
ganzen Lande einen außerordentlich starken psychologischen Eindruck auf
das Proletariat ausüben musste. Unsere Stärke musste dadurch offenbar
werden und Vertrauen erwecken.
Es
wurde verabredet, dass ich nach meiner Entlassung verschwinden und ein
sicheres Versteck für Ernst ausfindig machen sollte. Das Verschwinden war
an sich gar nicht so einfach. Sobald ich in Freiheit gesetzt wurde, hetzte
die Eiserne Ferse ihre Spione auf meine Fährte. Es war notwendig, sie von
meiner Spur abzulenken und nach Kalifornien zu gelangen. Wie dies geschah,
ist lustig.
Das
dem russischen nachgebildete Passsystem war bereits in der Entwicklung
begriffen. Ich konnte es nicht wagen, den Kontinent in meiner wahren
Gestalt zu durchreisen. Wollte ich Ernst je wieder sehen, so musste ich
zunächst gänzlich verloren gegangen sein, denn wenn sie mich nach seiner
Flucht aufstöberten, fingen sie auch Ernst wieder. Ferner durfte ich
nicht als Mitglied des Proletariats verkleidet reisen. Es blieb mir nur übrig,
die Maske eines Mitglieds der Oligarchie anzulegen. An Hauptoligarchen gab
es nur eine Handvoll, dagegen unzählige geringere, sagen wir, vom Schlage
des Herrn Wickson — Leute, die einige Millionen schwer und Anhängsel
der Oligarchie waren. An Frauen und Töchtern dieser Männer gab es sehr
viele, und so wurde beschlossen, dass ich als eine von ihnen reisen
sollte. Einige Jahre später wäre das unmöglich gewesen, denn da war das
Passsystem so ausgebildet, dass jeder Mann, jede Frau und jedes Kind im
ganzen Lande eingetragen war.
Als
es so weit war, wurden die Spione von meiner Fährte abgelenkt. Eine
Stunde später gab es keine Avis Everhard mehr; eine Felice van Verdighan
stieg, von zwei Kammerjungfern und einem Schoßhündchen nebst dessen Wärterin(1)
begleitet, in den Salonwagen, um einige Minuten später gen Westen zu
sausen.
Die
drei jungen Mädchen, die mich begleiteten, waren Revolutionärinnen. Zwei
von ihnen waren Mitglieder der Kampfgruppen, und die dritte, Grace
Holbrock, trat im folgenden Jahre in eine solche Gruppe ein, wurde aber
schon sechs Monate später durch die Eiserne Ferse hingerichtet. Es war
das Mädchen, das als Wärterin des Schoßhündchens mitfuhr. Von den
anderen beiden verschwand Bertha Stole zwölf Jahre später, während Anna
Roylston(2) noch heute lebt und eine immer größere
Rolle in der Revolution spielt.
Wir
fuhren ohne Abenteuer quer durch die Vereinigten Staaten bis nach
Kalifornien. In Oakland stiegen wir aus, und dann verschwand Felice van
Verdighan mit ihren beiden Jungfern, ihrem Schoßhündchen und dessen Wärterin
für immer. Die Mädchen wurden von vertrauenswürdigen Genossen
fortgebracht, und andere Genossen nahmen sich meiner an. Eine halbe Stunde
nach Verlassen des Zuges befand ich mich in einem kleinen Fischerboot auf
der Bucht von San Franzisko. Der Wind war veränderlich, und wir trieben
den größten Teil der Nacht ziellos umher. Aber ich sah die Lichter von
Alcatraz, wo sich Ernst befand, und fand Trost in dem Gedanken, ihm nahe
zu sein. Bei Tagesanbruch erreichten wir unter Zuhilfenahme der Riemen die
Marin-Inseln. Hier hielten wir uns den ganzen Tag versteckt, und in der
folgenden Nacht fuhren wir, von der Flut und einer frischen Brise
getrieben, in zwei Stunden über die Bucht von San Pablo und landeten in
Petaluma.
Hier
warteten wieder Genossen mit Pferden auf uns, und ohne Verweilen ging es
fort durch die Sternennacht. Im Norden sah ich die Umrisse des
Sonomagebirges, auf das wir zuritten. Wir ließen das alte Sonoma rechts
liegen und ritten durch eine Schlucht, die sich zwischen den Ausläufern
des Gebirges hinzog. Die Fahrstraße wurde zu einem Holzweg, dieser zu
einem Viehsteig, und der verlor sich wieder in den hochgelegenen Triften.
Wir ritten direkt über das Sonoma-gebirge. Das war der sicherste Weg.
Niemand bemerkte uns.
In
der Dämmerung erreichten wir den Nordrand und stiegen in dem grauen Licht
durch das Gestrüpp in tiefe, vom Hauch des scheidenden Sommers erwärmte
Schluchten hinab. Für mich war es eine altbekannte Gegend, und bald übernahm
ich die Führung. Es war mein Versteck. Ich hatte es entdeckt. Wir ließen
den Pferden die Zügel und ritten über eine hochgelegene Matte. Dann ging
es über einen niedrigen, mit Eichen bewachsenen Bergrücken, und bei
einer kleinen Matte stiegen wir ab. Dann erklommen wir wieder einen Berg,
wobei wir unter rotgeränderten Madronos und Manzanitas von tiefem Rot
ritten. Beim Aufstieg fielen uns die ersten Sonnenstrahlen auf den Rücken.
Ein Volk Wachteln strich durch das Dickicht ab. Ein großer Hase kreuzte
unseren Pfad; er lief leicht und geräuschlos wie ein Reh. Und dann sprang
ein Hirsch, ein vielgabeliger Bock, dessen Rücken und Schultern in der
Sonne rotgolden glänzten, über den Hügelkamm vor uns und verschwand.
Wir
folgten eine Weile seiner Fährte, stiegen dann aber einen Zickzackpfad,
den er verschmäht hatte, hinab, bis zu einer Gruppe von Edeltannen um
einen Teich, der trübe von den Erzen seines Felsgrundes war. Ich kannte
jeden Zoll des Weges. Ein mir befreundeter Schriftsteller war einmal
Besitzer dieser Viehweide gewesen. Aber er war auch Revolutionär geworden
und hatte weniger Glück als ich gehabt, denn er war schon tot und dahin,
und niemand wusste, wie und wann. Er allein hatte außer mir das Versteck
gekannt, das ich jetzt aufsuchte. Er hatte die Weide ihrer Schönheit
wegen gekauft und, zum großen Missfallen der ansässigen Bauern, ein
gutes Stück Geld dafür bezahlt. Er erzählte gern mit großem Vergnügen,
wie sie die Köpfe über den Preis geschüttelt, ihre schwerfällige
Kopfrechnung gemacht und dann gesagt hatten: »Aber Sie können keine
sechs Prozent damit machen.«
Jetzt
war er tot, und die Viehweide war nicht an seine Kinder übergegangen. Sie
war jetzt Eigentum Wicksons, der die ganzen Ost- und Nordhänge des
Sonoma-Gebirges von dem Besitz Spreckels bis zum Rand des Bennettals sein
eigen nannte. Er hatte einen herrlichen Wildpark daraus gemacht, in dem
das Wild Tausende von Morgen weit durch liebliche Abhänge, Lichtungen und
Schluchten, fast wie durch eine Urwildnis schweifte. Die früheren
Besitzer waren vertrieben worden. Ferner hatte Wickson eine staatliche
Anstalt für Schwachsinnige abgerissen, um Raum für das Wild zu schaffen.
Das beste war, dass Wicksons Jagdhaus nur eine Viertelmeile von meinem
Versteck entfernt lag. Statt dass dieser Umstand gefahrbringend gewesen wäre,
bot er uns im Gegenteil Sicherheit, denn so standen wir im Schütze eines
der kleineren Oligarchen. Wie die Dinge lagen, war jeder Verdacht
ausgeschlossen, und das letzte Fleckchen Erde, auf das die Spione der
Eisernen Ferse auch nur im Traum gekommen wären, um mich und Ernst zu
suchen, war Wicksons Wildpark.
Wir
banden unsere Pferde an die Bäume am Teich. Aus einem Versteck in einem
hohlen, morschen Baumstumpf holte mein Gefährte eine Menge Sachen hervor
— einen Sack mit fünfzig Pfund Mehl, alle möglichen Arten
Dosenkonserven, Küchengeräte, Decken, eine wasserdichte Zeltbahn, Bücher
und Schreibgerät, ein großes Bündel Briefe, ferner eine Kanne mit fünf
Gallonen Petroleum, einen Petroleumkocher und endlich, was besonders
wichtig war, eine große Rolle starken Seiles. Der Vorrat war so groß,
dass das Hinschaffen zu meinem Versteck sehr viele Gänge nötig machte.
Aber
das Versteck war ganz in der Nähe. Ich nahm das Seil und schritt voraus
auf dem Wege, der durch eine mit wildem Wein und Gestrüpp bewachsene
Lichtung zwischen zwei bewaldeten Hügeln hindurchführte. Die Lichtung
endete plötzlich an einem steilen Flussufer. Es war ein kleiner Fluss,
der von Quellen gespeist wurde und selbst im heißesten Sommer nicht
austrocknete. Zu beiden Seiten erhoben sich bewaldete Hügel, die
aussahen, als hätte eine Titanenfaust sie sorglos hingeschleudert. Sie
erhoben sich Hunderte von Fuß und bestanden aus roter vulkanischer Erde,
dem berühmten Rebenboden von Sonoma. Durch sie hindurch hatte der Fluss
sich sein tiefes, abschüssiges Bett gegraben.
Auf
Händen und Füßen kletterten wir mühsam zum Fluss hinunter und
schritten dann etwa dreißig Meter flussabwärts. Und dann gelangten wir
zu der großen Höhle. Nichts verriet, dass hier eine Höhle war, und es
war auch keine Höhle im landläufigen Sinne. Man kroch durch
undurchdringliches Dornengestrüpp und Zweige hindurch und befand sich
dann am Ende der etwa fünfzig Fuß langen und breiten Höhle. Vielleicht
durch das Gegeneinanderschleudern der Hügel entstanden, sicher aber mit
Hilfe einer seltsamen Erosion, war die Höhle im Laufe der Jahrhunderte
durch das Wasser tief ausgewaschen. Nirgends sah man die bloße Erde. Sie
war vollkommen von Pflanzen überwuchert, von zartem Frauenhaar und
goldschimmernden Farnen bis zu den mächtigen Tannen und Douglasfichten.
Diese hohen Bäume wuchsen direkt aus den Wänden der Höhle hervor.
Einige lehnten sich in einem Winkel von fünfundvierzig Grad über, die
meisten aber strebten aus den weichen, fast senkrechten Erdwänden
geradeswegs in die Höhe.
Es
war ein vollendetes Versteck. Niemand kam dorthin, nicht einmal die
Dorfjugend von Glen Ellen. Hätte sich die Höhle auf dem Grunde einer
Schlucht befunden, und wäre sie eine oder mehrere Meilen lang gewesen, so
hätte man sie wohl gekannt. Aber dies war keine Schlucht. Die ganze Länge
des Flussbettes betrug nicht mehr als achthundert Meter, und zweihundert
Meter oberhalb der Höhle entsprang der Fluss aus Quellen am Fuß einer
flachen Matte. Und hundert Meter weiter erreichte er schon die offene
Landschaft, vereinigte sich mit dem Hauptstrom und floss durch
grasbewachsenes Land.
Mein
Gefährte schlang das eine Ende des Seils um einen Baum und ließ sich mit
mir am anderen Ende hinab. Ich gelangte auf den Boden, und in kürzester
Zeit hatte er alle Gegenstände aus dem Versteck herbeigeschafft und zu
mir heruntergelassen. Er wickelte das Seil wieder auf, verbarg es und rief
mir im Fortgehen ein frohes Abschiedswort zu.
Ehe
ich fortfahre, möchte ich ein Wort über diesen Genossen John Carlson
sagen, der eine bescheidene Gestalt der Revolution, einer der zahllosen
Aufrechten in unseren Reihen war. Er arbeitete in Wicksons Ställen in der
Nähe des Jagdhauses. Tatsächlich waren es auch Wicksons Pferde, auf
denen wir durch die Sonoma-Berge geritten waren. Seit etwa zwanzig Jahren
ist Carlson der Hüter der Höhle, und ich bin überzeugt, dass ihm in
dieser ganzen Zeit nie auch nur der leiseste Gedanke an eine Untreue
gekommen ist. Ein Vertrauensbruch wäre für ihn undenkbar gewesen. Er war
phlegmatisch und so beschränkt, dass man sich wundern muss, wie er überhaupt
auf den Gedanken gekommen war, sich mit der Revolution zu befassen. Aber
doch glimmte die Liebe zur Freiheit dunkel und stetig in seiner schwerfälligen
Seele. In mancher Beziehung war es wirklich ganz gut, dass er nicht
erfinderisch und phantastisch war; er verlor nie den Kopf. Er konnte
Befehlen gehorchen und war weder neugierig noch geschwätzig. Ich fragte
ihn einmal, weshalb er Revolutionär sei.
»Als
junger Mann war ich Soldat«, erwiderte er, »in Deutschland. Dort müssen
alle jungen Leute im Heer dienen. Mit mir zusammen diente ein junger Mann,
dessen Vater war, was man einen Agitator nennt. Der Vater saß im Gefängnis
wegen Majestätsbeleidigung — so heißt es, wenn man die Wahrheit über
den Kaiser sagt. Und der junge Mann, der Sohn, sprach viel mit mir über
das Volk und die Arbeit und die Aussaugung des Volkes durch die
Kapitalisten. Er zeigte mir die Dinge in einem neuen Licht, und so wurde
ich Revolutionär. Seine Worte waren echt und gut, und ich habe sie nie
vergessen. Als ich nach den Vereinigten Staaten kam, suchte ich die
Sozialisten auf. Ich wurde Mitglied einer Sektion — das war zur Zeit der
S.L.P. Als später die Trennung kam, schloss ich mich der S.P. an. Ich
arbeitete in einem Tattersall in San Franzisko. Das war vor dem Erdbeben.
Zweiundzwanzig Jahre lang habe ich meine Beiträge bezahlt. Ich bin heute
noch Mitglied und bezahle meine Beiträge, wenn es jetzt auch ganz geheim
gehalten werden muss. Ich werde meine Beiträge stets zahlen, und wenn das
kooperative Gemeinwesen kommt, werde ich glücklich sein.«
Mir
selbst überlassen, machte ich mich daran, auf dem Petroleumkocher mein Frühstück
zu bereiten und mein Heim einzurichten. Frühmorgens oder abends, nach
Eintritt der Dunkelheit, stahl Carlson sich oft in mein Versteck und
arbeitete ein paar Stunden. Zuerst wickelte ich mich nur in die Zeltbahn,
später wurde ein kleines Zelt aufgeschlagen. Und noch später, als wir
uns von der Sicherheit des Ortes völlig überzeugt hatten, wurde ein
kleines Haus erbaut. Dieses Haus war neugierigen Blicken, die etwa vom
Ende der Höhle hereinschauen konnten, vollkommen verborgen. Die üppige
Vegetation dieses geschützten Platzes bildete einen natürlichen Schirm.
Das Haus lehnte sich gegen die senkrechte Wand, und in die Wand selbst,
die durch starke Baumstämme gestützt, gut entwässert und mit Luftlöchern
versehen wurde, gruben wir zwei kleine Stuben. Oh, glaubt mir, wir hatten
manche Bequemlichkeit. Als Biedenbach, der deutsche Terrorist, später mit
uns hier wohnte, erdachte er eine sinnreiche Vorrichtung, die den Rauch
verzehrte und es uns ermöglichte, an Winterabenden bei knisterndem
Holzfeuer zu sitzen.
Und
hier muss ich ein Wort einlegen für den edelsinnigen Terroristen;
schrecklicher als er ist wohl kein Genösse in der Revolution
missverstanden worden. Genosse Biedenbach hat keinen Verrat an der Sache
geübt. Er ist auch nicht, wie man gewöhnlich glaubt, von den Genossen
hingerichtet worden. Diese Lüge haben die Kreaturen der Oligarchen in
Umlauf gesetzt. Genösse Biedenbach war zerstreut und vergesslich.
Er
wurde von einer unserer Wachen beim Höhlenversteck am Carmel erschossen,
weil er sich der geheimen Parole nicht sofort erinnerte. Es war ein
trauriger Irrtum. Und dass er seine Kampfgruppe verraten hätte, ist Lüge.
Nie hat ein Mann treuer und ehrlicher zu der Sache gestanden als er(3).
Neunzehn Jahre lang ist das Versteck, das ich ausgesucht hatte, fast
ununterbrochen bewohnt gewesen und in dieser ganzen Zeit, mit Ausnahme
eines einzigen Falles, nie von einem Außenstehenden entdeckt worden. Und
doch lag es nur eine Viertelmeile von Wicksons Jagdhaus und eine knappe
Meile von Glen Ellen entfernt. Ich konnte stets die Morgen- und Abendzüge
ankommen und abfahren hören, und ich pflegte meine Uhr nach der
Dampfpfeife der Ziegelei zu stellen(4).
(1)
Dieses lächerliche Bild illustriert das herzlose Benehmen der
herrschenden Klasse. Während das Volk hungerte, wurden Schoßhündchen
von Dienerinnen betreut. Es war dies eine ernsthafte Maskerade von Avis
Everhard. Es ging um Leben und Tod, und daher muss man das Bild für echt
halten. Es liefert einen schlagenden Kommentar zu den Sitten jener Zeit.
(2)
Trotz fortgesetzter und beinahe unfassbarer Wagnisse erreichte Anna
Roylston das königliche Alter von einundneunzig Jahren. Wie die Pococks
den Henkern der Kampfgruppen, so bot sie den Henkern der Eisernen Ferse
Trotz. Sie lebte ein Leben voller Zauber und Glück inmitten von Gefahren
und Kampf. Sie selbst war unter den Kampfgruppen als die »Rote Jungfrau«
bekannt und wurde eine der berühmtesten Gestalten der Revolution. Als
alte Frau von ungefähr neunundsechzig Jahren schoss sie den »blutigen«
Halcliffe inmitten seiner bewaffneten Eskorte nieder und entkam
unbehelligt. Endlich starb sie an einem geheimen Zufluchtsort der
Revolutionäre in den Ozark-Bergen.
(3)
Soviel wir auch das Material jener Zeit, soweit es uns erhalten ist,
durchforschen, können wir doch nichts über den hier erwähnten
Biedenbach finden. Außer in dem vorliegenden Manuskript der Avis Everhard
ist er nirgends erwähnt.
(4)
Wenn der wissbegierige Reisende von Glen Ellen aus den Weg nach Süden
einschlägt, wird er sich auf einem Boulevard befinden, der identisch mit
der alten Landstraße ist, die sich vor sieben Jahrhunderten dort befand.
Nach Überschreitung der zweiten Brücke wird er, eine Viertelmeile von
Glen Ellen, zur Rechten eine Barranca bemerken, die wie eine Schramme
durch das hügelige Land bis zu einer Gruppe bewaldeter Hügel läuft. Die
Barranca ist der Sitz des alten Wegerechts, das im Zeitalter des
Privatbesitzes dem Pachtgute eines gewissen Chauvet zustand, eines französischen
Pioniers in Kalifornien, der in den Märchentagen des Goldes sein
Heimatland verlassen hatte. Die bewaldeten Hügel sind dieselben, von
denen Avis Everhard spricht.
Das
große Erdbeben von 2368 zerriss einen dieser Hügel und verschüttete die
Höhle, in der die Everhards ihre Zuflucht genommen hatten. Seit Auffinden
des Manuskriptes hat man Ausgrabungen vorgenommen und das Haus, das die
beiden Flüchtlinge so lange bewohnt haben, sowie allen aufgehäuften
Kehricht ans Licht gebracht. Viele wertvolle Überreste wurden gefunden,
darunter merkwürdigerweise die rauchverzehrende Einrichtung Biedenbachs,
von der in der Erzählung die Rede ist. Wer sich für solche Dinge
interessiert, sollte die Broschüre Arnolds Benthams lesen, deren Veröffentlichung
bevorsteht.
Eine
Meile nordwestlich von den bewaldeten Höhen erreicht man bei Wake Robin
Lodge die Vereinigung des Wildwassers und des Sonoma-Baches. Man beachte
nebenbei, dass das Wildwasser ursprünglich Graham-Bach hieß und auf den
früheren Landkarten so bezeichnet wurde. Aber der spätere Name ist
geblieben. In Wake Robin Lodge lebte Avis Everhard später hin und wieder,
um, als Agent provocateur der Eisernen Ferse verkleidet, ungefährdet ihre
Pläne verfolgen zu können. Die offizielle Erlaubnis zum Bewohnen von
Wake Robin Lodge findet sich noch bei den erhaltenen Berichten, und sie
ist von keinem Geringeren unterzeichnet als von Wickson, dem in dem
Manuskript erwähnten kleineren Oligarchen.
Verwandlung
»Du
musst dich gänzlich umgestalten«, schrieb Ernst mir. »Du musst aufhören,
zu sein. Du musst eine andere Frau werden — und zwar nicht nur in deiner
Kleidung, sondern in deiner Haut unter den Kleidern. Du musst dich so
umgestalten, dass selbst ich dich nicht wieder erkennen würde — deine
Stimme, deine Gesten, deine Gewohnheiten, deine Haltung, deinen Gang,
alles.«
Ich
gehorchte diesem Befehl. Stundenlang übte ich mich täglich, die alte
Avis Everhard unter der Haut einer anderen Frau, die ich mein anderes Ich
nennen möchte, zu begraben. Erst nach langer Übung konnte ich einen
Erfolg verzeichnen. Meine Stimme übte ich fast ununterbrochen, bis sie
die feste Tonhöhe meines neuen Ichs erhielt. Die automatische Anpassung
an meine Rolle war unbedingt notwendig. Man musste sich hineinleben, als
gelte es, sich selbst zu täuschen. Es war, als ob man eine neue Sprache,
sagen wir Französisch, lernt. Zunächst ist das Französischsprechen
lediglich etwas Bewusstes, ein Willensakt. Der Studierende denkt englisch,
übersetzt dann ins Französische, oder er liest französisch und übersetzt
es, um es verstehen zu können, ins Englische. Wenn der Schüler aber erst
eine feste Grundlage hat, liest, schreibt und denkt er französisch, ohne
seine Zuflucht zum Englischen nehmen zu müssen.
Und
ebenso ging es mit unseren Verstellungen. Wir mussten so lange üben, bis
uns die angenommenen Rollen in Fleisch und Blut übergingen und eine
wachsame, strenge Willensübung erforderlich gewesen wäre, um das ursprüngliche
Ich wieder anzunehmen. Natürlich war vieles zuerst nur ein ungeschickter
Versuch. Wir schufen eine neue Kunst, und da mussten wir vieles entdecken.
Aber wir machten doch Fortschritte; wir entwickelten uns zu Meistern in
dieser Kunst und sammelten einen Schatz von Kniffen und guten
Hilfsmitteln. Dieser Schatz wurde eine Art Lehrbuch, das in der Schule der
Revolution Verwendung fand(1).
In
dieser Zeit verschwand mein Vater. Seine Briefe, die ich bisher regelmäßig
erhalten hatte, blieben aus. Er erschien nicht mehr in unserer Wohnung in
der Pellstreet. Unsere Genossen suchten ihn überall. Durch unseren
Geheimdienst ließen wir alle Gefängnisse des Landes durchforschen. Aber
er war so vollkommen verschwunden, als hätte ihn die Erde verschlungen,
und bis auf den heutigen Tag haben wir nichts entdeckt, was Aufschluss über
sein Ende geben könnte(2).
Sechs
einsame Monate verbrachte ich an meinem Zufluchtsort, aber wir waren nicht
müßig. Unsere Organisation machte sichtlich Fortschritte, und es gab
immer Berge von Arbeit, die erledigt werden musste. Ernst und die anderen
Führer gaben von den Gefängnissen aus Anweisungen, was geschehen sollte,
und wir draußen hatten für die Ausführung zu sorgen. Es handelte sich
dabei um die Organisation der mündlichen Propaganda, die Organisation des
Spionagesystems mit all seinen Verzweigungen, die Einrichtung unserer
geheimen Druckereien, ferner den Ausbau unserer unterirdischen
Verbindungen; letzteres bedeutete das Zusammenfügen unserer unzähligen
Zufluchtsplätze und die Bildung neuer Zufluchtsorte, wo in der Kette, die
das ganze Land umschloss, Glieder fehlten.
Allerdings
wurde die Arbeit nie zu Ende geführt. Nach Ablauf von sechs Monaten wurde
meine Einsamkeit durch die Ankunft zweier Kameradinnen unterbrochen. Es
waren mutige, von leidenschaftlicher Freiheitsliebe beseelte junge Mädchen:
Lora Peterson, die im Jahre 1922 verschwand, und Kate Bierce, die später
Du Bois(3) heiratete und heute noch zu uns gehört, und
die ihre Augen zu der Sonne von morgen erhebt, welche die neue Zeit verkündet.
Die
beiden jungen Mädchen trafen ein in einem Wirrwarr von Aufregung, Gefahr
und Schrecken. In der Gesellschaft auf dem Fischerboot, das sie über die
San-Pablo-Bucht brachte, befand sich ein Spion, ein Spitzel der Eisernen
Ferse, der mit Erfolg die Maske eines Revolutionärs angelegt hatte und
tief in die Geheimnisse unserer Organisation eingedrungen war. Zweifellos
war er mir auf der Spur, denn wir wussten seit langem, dass mein
Verschwinden dem Geheimdienst der Oligarchie schwere Sorge machte. Glücklicherweise
hatte er seine Entdeckungen, wie sich herausstellte, keinem enthüllt. Er
hatte offenbar seine Meldung verzögert, weil er lieber warten wollte, bis
er alles zu einem erfolgreichen Ende gebracht hatte, und zwar durch
Auffindung meines Verstecks und meine Festnahme. Sein Wissen starb mit
ihm. Als die jungen Mädchen am Petaluma landeten und zu Pferde gestiegen
waren, verschwand er vom Boote.
Auf
dem Wege nach den Sonoma-Bergen übergab Carlson den jungen Mädchen sein
Pferd, ließ sie allein weiterreiten und ging selbst zu Fuß zurück. Sein
Argwohn war erregt worden. Er fing den Spion und gab uns über das, was
weiter geschah, aufrichtigen Bescheid.
»Ich
habe ihn erledigt«, lautete Carlsons kaltblütige Schilderung. »Ich habe
ihn erledigt«, wiederholte er, wobei sich seine mächtigen, arbeitsharten
Hände beredt öffneten und schlössen. »Er machte gar keinen Lärm. Ich
erschlug ihn, und heute abend gehe ich zurück und scharre ihn ein.«
In
dieser Zeit musste ich oft staunend über meine Veränderung nachdenken.
Manchmal erschien es mir unmöglich, dass ich, die ich einst ein ruhiges,
friedliches Leben in einer Universitätsstadt geführt hatte, nun eine
Revolutionärin geworden war, der Gewalt und Tod kein Schrecken mehr
boten. Eines oder das andere war unmöglich. Das eine war Wirklichkeit,
das andere Traum; aber welches? War das jetzige Leben im Höhlenversteck
ein schwerer Alp? Oder war ich eine Revolutionärin, die irgendwie,
irgendwo geträumt hatte, in einem früheren Dasein in Berkeley gelebt und
nie ein Leben gekannt zu haben, das stärkere Reize bot als Tee und Tanz,
gesellschaftliche Unterhaltung und Lesezirkel? Aber dann denke ich wieder,
dass so alle fühlen mussten, die sich unter dem Banner der menschlichen
Brüderlichkeit gesammelt hatten.
Oft
dachte ich an Gestalten aus jenem anderen Leben, und merkwürdigerweise
kamen und gingen sie hin und wieder auch in meinem neuen Leben. Bischof
Morehouse zum Beispiel. Nachdem unsere geheime Organisation sich
entwickelt hatte, hatten wir vergebens nach ihm geforscht. Er war von
einer Anstalt in die andere verschleppt worden. Wir verfolgten seine Spur
von der staatlichen Irrenanstalt in Napa bis zu der in Stockton, und von
hier nach Agnews im Santa-Clara-Tal, dort aber verlor sie sich. Eine
Urkunde über seinen Tod war nicht zu finden. Er musste irgendwie
entkommen sein. Ich ahnte nicht, unter welch traurigen Verhältnissen ich
ihn noch einmal wieder sehen sollte — ganz flüchtig in dem wilden
Gemetzel der Chicagoer Kommune.
Jackson,
der seinen Arm in den Sierra-Spinnereien verloren hatte, und der die
Ursache gewesen war, dass ich Revolutionärin wurde, habe ich nie wieder
gesehen. Aber wir alle wussten, was er tat, ehe er starb. Er schloss sich
nie den Revolutionären an. Erbittert durch sein Schicksal, über das ihm
zugefügte Unrecht brütend, wurde er Anarchist — kein philosophischer,
sondern ein rein tierischer, von Hass und Rachgier toller Anarchist. Und
er hat fruchtbare Rache geübt. Nachts, als alles schlief, schlich er sich
trotz der Wächter in den Palast Pertonwaithes und sprengte ihn in Atome.
Niemand entkam. Nicht einmal die Wächter. Und im Gefängnis, wo er sein
Urteil erwartete, erstickte er sich unter seinen Decken.
Ganz
anders als das Schicksal Jacksons war das von Doktor Hammerfield und
Doktor Bailingford. Sie wandelten weiter ihre alten Bahnen und wurden
entsprechend mit kirchlichen Palästen belohnt, in denen sie heute noch in
Frieden mit der Welt wohnen. Beide sind Verteidiger der Oligarchie, beide
sind sehr dick geworden. »Doktor Hammerfield«, sagte Ernst einmal, »hat
seine Metaphysik mit Erfolg so gedreht, als ob Gott die Eiserne Ferse
gutheiße; er betet auch die Schönheit an und verwandelt das von Haeckel
beschriebene, gestaltlose Wirbeltier in ein unsichtbares Gespenst. Der
Unterschied zwischen ihm und Doktor Ballingford ist, dass der letzten
Endes den Gott der Oligarchen noch etwas gestaltloser gemacht und mit
weniger Rückenwirbeln versehen hat.«
Eine
große Überraschung bereitete uns allen Peter Donnelly, der elende
Werkmeister der Sierra-Spinnereien, den ich aus Anlass meiner Untersuchung
des Falles Jackson kennen lernte. Im Jahre 1918 wohnte ich einer
Versammlung der »Frisko-Roten« bei. Von allen unseren Kampfgruppen war
dies die furchtbarste, wildeste und erbarmungsloseste. Eigentlich war sie
kein Zweig unserer Organisation. Ihre Mitglieder waren Fanatiker,
Wahnsinnige. Solchen Geist wagten wir nicht zu ermutigen. Wenn sie aber
auch nicht zu uns gehörten, so unterhielten wir doch freundschaftliche
Beziehungen zu ihnen. Es war eine Angelegenheit von Leben und Tod, die
mich damals zu ihnen führte. Unter den vielen Männern war ich allein
nicht maskiert. Nachdem die Angelegenheit, die mich hingeführt hatte,
erledigt war, wurde ich von einem der Mitglieder fortbegleitet. In einem
dunklen Gange zündete er ein Streichholz an, hielt es sich vor das
Gesicht und schob seine Maske zurück. Ich sah einen Augenblick in die von
Leidenschaft verzerrten Züge Peter Donnellys. Dann erlosch das
Streichholz.
»Ich
wollte nur, dass Sie mich erkennen sollten«, sagte er in der Dunkelheit.
»Erinnern Sie sich noch an Dollas, den Generaldirektor? «
Ich
nickte. Ich erinnerte mich noch gut an den fuchsäugigen Leiter der
Sierra-Spinnereien.
»Den
hab' ich zuerst gekillt«, sagte Donnelly stolz, »gleich nach meinem
Eintritt bei den Roten.«
»Wie
kommt es, dass Sie hier sind?« fragte ich. »Ihre Frau und Kinder?«
»Tot«,
antwortete er. »Das ist der Grund. Nein«, fuhr er hastig fort, »es ist
nicht Rache für sie. Sie starben ruhig in ihren Betten — Krankheit,
wissen Sie, eines nach dem andern. Solange sie lebten, banden sie mir die
Hände. Aber jetzt, da sie dahin sind, suche ich Rache für meine
verdorrte Manneskraft. Einst war ich Peter Donnelly, der elende
Werkmeister. Heute nacht aber bin ich Nummer siebenundzwanzig von den
>Frisko-Roten<. Kommen Sie, ich will Sie jetzt hinausführen.«
Später
sollte ich mehr von ihm hören. Er hatte auf seine Art die Wahrheit
gesprochen, als er sagte, dass alle tot seien. Aber einer lebte,
Timotheus, und er war für den Vater tot, weil er im Söldnerheer der
Eisernen Ferse diente(4) Jedes Mitglied der »Frisko-Roten«
war verpflichtet, zwölf Todesurteile jährlich zu vollziehen. Auf
Misslingen stand Todesstrafe Ein Mitglied, das die Zahl nicht erreichte,
beging Selbstmord. Die Vollstreckungen erfolgten nicht zufällig. Diese
Gruppe Wahnsinniger kam häufig zusammen und fällte dann in Bausch und
Bogen Urteile über missliebige Mitglieder und Diener der Oligarchie. Die
Vollstreckung wurde durch das Los zugeteilt. Tatsächlich war der Grund,
dass ich in jener Nacht hinging, dass ich einem solchen Gericht beiwohnen
wollte. Einer unserer Genossen, der sich jahrelang im örtlichen
Geheimdienst der Eisernen Ferse bewährt hatte, war dem Bann der »Frisko-Roten«
verfallen und verurteilt worden. Natürlich war er nicht anwesend, und natürlich
wussten seine Richter nicht, dass er einer der Unseren war. Meine Aufgabe
war es, seine Identität und Treue zu bezeugen. Man wundert sich
vielleicht, dass wir überhaupt von der ganzen Angelegenheit Kenntnis
erhielten. Die Erklärung ist einfach. Einer unserer Geheimagenten war
Mitglied der »Frisko-Roten«. Wir waren genötigt, Freund wie Feind im
Auge zu behalten. Und diese Gruppe Wahnsinniger war uns bedeutend genug,
um sie zu überwachen.
Aber
zurück zu Peter Donnelly und seinem Sohn. Alles ging gut, bis Donnelly im
folgenden Jahre auf der Liste der ihm zugeteilten Hinrichtungen den Namen
Timotheus Donnelly fand. Da machte der Familiensinn, den er in so hohem Maße
besaß, seine Rechte geltend. Um seinen Sohn zu retten, verriet er seine
Genossen. Das gelang ihm nur zum Teil, aber ein Dutzend von den »Frisko-Roten«
wurde hingerichtet und die Gruppe fast vernichtet. Zur Vergeltung
verurteilten die Überlebenden Donnelly zum Tode, den er durch seinen
Verrat verdient hatte.
Auch
Thimotheus Donnelly lebte nicht mehr lange. Die »Frisko-Roten«
verpflichteten sich, ihn hinzurichten. Die Oligarchie strengte alles an,
um ihn zu retten. Er wurde von einem Teil des Landes in den anderen
gebracht. Drei »Frisko-Rote« büßten bei dem fruchtlosen Versuch, ihn
zu erwischen, ihr Leben ein. Die Gruppe bestand nur aus Männern. Schließlich
nahmen sie ihre Zuflucht zu einer Frau, einer unserer Genossinnen, und
zwar keiner anderen als Anna Roylston. Wir versagten ihr allerdings die
Erlaubnis, aber sie hatte immer ihren eigenen Willen und hielt keine
Disziplin. Sie war ein Genie und ein liebenswürdiges Wesen, aber
Disziplin konnten wir ihr nie beibringen. Sie bildete eine Klasse für
sich und kann nicht mit den Durchschnittsrevolutionären verglichen
werden.
Trotz
unserm Verbot nahm sie die Tat in Angriff. Anna Roylston war ein
bestrickendes Weib. Sie brauchte einem Mann nur zu winken. Sie brach unzähligen
unserer jungen Männer das Herz, und unzählige andere Männer bezauberte
sie und führte sie auf diese Weise unserer Organisation zu. Aber sie
weigerte sich standhaft, zu heiraten. Sie liebte Kinder zärtlich, meinte
aber, dass ein eigenes Kind sie der Sache, der sie ihr Leben geweiht,
entziehen würde.
Für
Anna Roylston war es ein kleines, Timotheus Donnelly zu gewinnen. Ihr
Gewissen bedrängte sie nicht, denn gerade damals fand das Massaker in
Nashville statt, bei dem die Söldner unter dem Befehl Donnellys buchstäblich
achthundert Weber jener Stadt ermordeten. Aber sie tötete Donnelly nicht.
Sie übergab ihn als Gefangenen den »Frisko-Roten«. Das geschah erst vor
einem Jahr, und jetzt hat man ihr einen neuen Namen gegeben. Überall
nennen die Revolutionäre sie die »Rote Jungfrau«(5).
Zwei
bekannte Persönlichkeiten, mit denen ich später zusammentraf, waren
Oberst Ingram und Oberst Van Gilbert. Oberst Ingram stieg in der
Oligarchie zu hohen Ehren und Würden auf. Er wurde Botschafter in
Deutschland. Das Proletariat beider Länder hasste ihn aufrichtig. Ich
traf ihn in Berlin, wo ich als beglaubigte internationale Spionin der
Eisernen Ferse von ihm empfangen wurde und ihm manche Hilfe leistete.
Nebenbei erwähne ich, dass ich in meiner Doppelrolle der Revolution
einige wichtige Dienste leistete.
Oberst
Van Gilbert wurde unter dem Namen der »Knurrer« bekannt. Am meisten trat
er hervor, als er nach der Chicagoer Kommune das neue Gesetzbuch
zusammenstellte. Schon vorher war wegen seiner teuflischen Bosheit als
Untersuchungsrichter das Urteil über ihn gesprochen worden. Ich gehörte
zu denen, die ihn verhörten und das Urteil fällten. Anna Roylston
vollstreckte es.
Und
noch eine Gestalt aus alten Zeiten steigt aus dem Dunkel hervor - der
Verteidiger Jacksons. Am allerletzten hätte ich gedacht, dass ich diesen
Mann, Joseph Hurd, je wieder sehen würde. Es war eine seltsame Begegnung.
Zwei Jahre nach der Chicagoer Kommune kamen Ernst und ich eines Nachts spät
an unserem Zufluchtsort in Benton Harbor an. Der lag in Michigan, über
dem See von Chikago. Als wir eintrafen, war gerade das Verhör eines
Mannes abgeschlossen. Das Todesurteil war gefällt, und der Spion sollte
abgeführt werden. In diesem Augenblick kamen wir dazu. Da riss sich der
Unglückliche von seinen Häschern los und stürzte sich mir zu Füßen.
Seine Arme umpressten meine Knie wie ein Schraubstock, und er schrie
rasend um Erbarmen . Als er mir das von Angst verzerrte Gesicht zuwandte,
erkannte ich Joseph Hurd. Keiner von allen Schrecken, die ich je erlebt,
hat so furchtbar auf mich gewirkt wie das Flehen dieses schreienden Geschöpfes
um sein Leben. Er war toll. Es war zum Jammern. Er ließ mich nicht los,
obgleich ein Dutzend Genossen an ihm zerrten. Als er schließlich
schreiend fortgeschleppt wurde, sank ich ohnmächtig nieder. Es ist viel
leichter, einen tapferen Mann sterben zu sehen, als einen Feigling um sein
Leben winseln zu hören(6).
(1)
Verkleidung wurde in dieser Zeit zu einer wirklichen Kunst. Die Revolutionäre
unterhielten in all ihren Zufluchtsorten Schauspielschulen. Sie
verachteten alles Zubehör wie Perücken und Barte, falsche Augenbrauen
und ähnliche Hilfsmittel der Bühnendarsteller. Das Spiel der Revolutionäre
war ein Spiel auf Leben und Tod, und derartige Hilfsmittel wären Fallen
gewesen. Die Verkleidung musste grundlegend, innerlich, ein wesentlicher
Bestandteil des eigenen Wesens sein, zur zweiten Natur werden. Von der
Roten Jungfrau wird berichtet, dass sie eine der Geschicktesten in dieser
Kunst gewesen sei. Diesem Umstand muss man ihre lange, erfolgreiche
Laufbahn zuschreiben.
(2)
Das Verschwinden von Menschen war einer der Schrecken jener Zeit. In
Liedern und Erzählungen finden wir es immer wieder. Es war eine
unvermeidliche Begleiterscheinung des unterirdischen Kampfes, der in
diesen drei Jahrhunderten wütete, und kam beinahe ebenso häufig in der
Oligarchie und den Arbeiterverbänden, wie in den Reihen der Revolutionäre
vor. Ohne Warnung, spurlos verschwanden Männer, Frauen, ja selbst Kinder
und wurden nicht mehr gesehen. Ihr Ende blieb in ein ewiges Dunkel gehüllt.
(3)
Du Bois, der jetzige Bibliothekar von Ardis, stammt in gerader Linie von
diesem revolutionären Paare ab.
(4)
Außer den Arbeiterkasten entstand noch eine Kaste, die militärische. Ein
stehendes Heer von Berufssoldaten wurde gegründet und von Mitgliedern der
Oligarchie befehligt. Es trat an die Stelle der Miliz, die sich unter dem
neuen Regime als unverwendbar erwiesen hatte. Außer dem regulären
Geheimdienst der Eisernen Ferse wurde ein Geheimdienst der Söldner
eingerichtet, die ein Bindeglied zwischen Polizei und Militär bildeten.
(5)
Erst nach Unterdrückung der zweiten Revolution blühten die »Frisko-Roten«
wieder auf. Zwei Generationen bestand die Gruppe. Dann gelang es einem
Spitzel der Eisernen Ferse, sich bei ihr einzuschleichen, all ihre
Geheimnisse kennen zu lernen und ihre völlige Vernichtung zu
bewerkstelligen. Das geschah im Jahre 2002. Die Mitglieder wurden einzeln
in Zwischenräumen von je drei Wochen hingerichtet und ihre Leichen in den
Arbeitervierteln in San Franzisko ausgestellt.
(6)
Der Zufluchtsort in Benton Harbor war eine Katakombe, deren Eingang durch
eine Quelle bezeichnet wurde. Er ist heute noch gut erhalten, und der
wissbegierige Besucher gelangt durch ein Labyrinth von Gängen in die
Versammlungshalle, wo sich zweifellos die von Avis Everhard beschriebene
Szene abspielte. Dahinter befinden sich die Gefängniszellen, in denen die
Gefangenen eingesperrt wurden, und das kleine Zimmer, in dem die
Hinrichtungen stattfanden. Weiter abwärts liegt ein Kirchhof — lange,
gewundene, in den festen Fels gehauene Galerien mit Nischen zu beiden
Seiten, in denen, Reihe an Reihe, Revolutionäre liegen, wie sie vor
langen Jahren von ihren Genossen gebettet wurden.
Ein
verlorener Oligarch
Aber
bei der Erinnerung an mein altes Leben bin ich meiner Erzählung in das
neue Leben vorausgeeilt. Die allgemeine Flucht aus den Gefängnissen
erfolgte erst im Laufe des Jahres 1915. Es war ein schwieriges
Unternehmen, gelang aber ohne Hindernis und ermutigte uns als eine
beachtenswerte Leistung in unserer Arbeit. Aus unzähligen Gefängnissen ,
militärischen Strafanstalten und Festungen von Kuba bis Kalifornien
befreiten wir in einer einzig Nacht einundfünfzig oder zweiundfünfzig
Abgeordnete und über dreihundert andere Führer. Und in keinem Fall
hatten wir einen Misserfolg zu verzeichnen. Die Befreiten entkamen nicht
nur, sondern erreichten auch alle die für sie bestimmten Zufluchtsstätten.
Der einzige Abgeordnete, den wir nicht bekamen, war Arthur Simpson, der
bereits in Cabanas nach grausamer Folter gestorben war.
Die
folgenden achtzehn Monate waren vielleicht die glücklichsten, die ich mit
Ernst verlebte. In dieser Zeit waren wir stets zusammen. Später, als wir
wieder in die Welt zurückkehrten, mussten wir uns oft trennen. Nicht glühender
habe ich je auf die Flamme der kommenden Revolution gewartet, als in jener
Nacht auf Ernst. Ich hatte ihn so lange nicht gesehen, und der Gedanke an
ein mögliches Hindernis oder eine falsche Berechnung in unseren Plänen,
wodurch er in seinem Gefängnis zurückgehalten werden konnte, brachte
mich fast von Sinnen. Die Stunden schlichen wie Jahrhunderte. Ich war ganz
allein. Biedenbach und drei junge Leute, die in unserem Versteck gewohnt
hatten, waren, schwer bewaffnet und auf alles vorbereitet, über die Berge
gezogen. In dieser Nacht waren, glaube ich, keine Genossen in irgendeiner
Zufluchtsstätte des ganzen Landes.
Als
der erste blasse Morgenschimmer am Himmel erschien, hörte ich das Signal
von oben und gab die Antwort. In der Dunkelheit hätte ich fast
Biedenbach, der zuerst herunterkam, umarmt; im nächsten Augenblick aber
lag ich in Ernsts Armen. Meine Verwandlung war so vollkommen, dass ich,
wie ich in diesem Augenblick merkte, all meine Willenskraft aufbieten
musste, um die alte Avis Everhard mit ihrem alten Benehmen, ihrem alten Lächeln,
ihrer alten Redeweise und Stimme zu sein. Nur mit größter Anstrengung
konnte ich meine frühere Identität wieder herstellen und ich konnte
nicht einen Augenblick darin verharren, so unwillkürlich und gebieterisch
war die neue, von mir geschaffene Persönlichkeit geworden. In der kleinen
Hütte sah ich Ernsts Gesicht bei Licht. Mit Ausnahme der Gefängnisblässe
war keine Veränderung an ihm wahrzunehmen - wenigstens keine bedeutende.
Er war derselbe liebende Gatte und Held. Und doch zeigte sein Gesicht
gewiss asketische Linien. Aber das stand ihm gut, denn es schier dem aufrührerischen
Übermaß von Leben, das seine Züge stets geprägt hatte, eine gewisse
geläuterte Feinheit zu verleihen. Er war ein wenig ernster als früher,
aber das Lächeln spielte immer noch in seinen Augen. Er wog zwanzig Pfund
weniger, befand sich aber in glänzender körperlicher Verfassung. Während
dieser ganzen Zeit seiner Gefangenschaft hatte er seine körperlichen Übungen
fortgesetzt, und seine Muskeln waren wie Eisen. Er war tatsächlich besser
in Form als zu der Zeit, da er ins Gefängnis kam. Es vergingen Stunden,
ehe er sich niederlegte. Ich aber fand keinen Schlaf. Ich war zu glücklich
und hatte auch nicht die Anstrengungen der Flucht aus dem Gefängnis und
des Rittes hinter mir.
Während
Ernst schlief, zog ich mich um, ordnete mein Haar anders und wurde wieder
mein neues, unwillkürliches Ich. Als Biedenbach und die anderen Genossen
dann aufwachten, ersann ich mit ihrer Hilfe eine kleine Verschwörung.
Alles war in Ordnung, und wir befanden uns in dem Teil der Höhle, der
gleichzeitig als Küche und Speisezimmer diente, als Ernst die Tür öffnete
und eintrat. In diesem Augenblick redete Biedenbach mich mit Mary an, und
ich drehte mich um und antwortete ihm. Dann blickte ich mit neugieriger
Teilnahme Ernst an, wie sie etwa ein junger Genosse zeigen mag, wenn er
zum ersten Mal einen anerkannten Helden der Revolution sieht. Aber Ernsts
Blick überging mich und glitt forschend durch den Raum. Im nächsten
Augenblick wurde ich ihm als Mary Holmes vorgestellt.
Um
die Täuschung vollkommen zu machen, war ein Teller zuviel auf den Tisch
gestellt, und als wir uns niedersetzten, blieb ein Stuhl leer. Ich hätte
vor Freude aufschreien können, als ich Ernsts wachsende Unruhe und
Ungeduld bemerkte. Schließlich hielt er nicht mehr an sich.
»Wo
ist meine Frau?« fragte er barsch.
»Sie
schläft noch«, antwortete ich.
Dies
war der kritische Augenblick. Aber meine Stimme war eine fremde geworden,
und er erkannte sie nicht. Wir begannen zu essen. Ich sprach viel und mit
Begeisterung, wie der Verehrer eines Helden sprechen mag, und ein Held war
er unverkennbar. Ich stieg bis zum höchsten Gipfel der Begeisterung und
Verehrung und schlang, ehe er meine Absicht erraten konnte, meine Arme um
seinen Hals und küsste ihn auf den Mund. Er hielt mich auf Armeslänge
von sich ab und blickte sich ärgerlich und verlegen um. Die vier Männer
brachen in ein schallendes Gelächter aus, und dann wurden Erklärungen
gegeben. Zuerst war er ungläubig. Er forschte mich scharf aus und war
halb überzeugt, dann wieder schüttelte er den Kopf und wollte nicht
glauben. Und erst, als ich die alte Avis Everhard wurde und ihm Dinge ins
Ohr flüsterte, die nur wir beide wissen konnten, nahm er mich als seine
wirkliche, wahre Frau hin.
Später
am Tage schloss er mich in die Arme, zeigte große Verlegenheit und sprach
von polygamen Gefühlen.
»Du
bist meine Avis«, sagte er. »Und doch bist du eine andere. Du verkörperst
zwei Frauen und deshalb bist du mein Harem. Nun, wir sind jedenfalls
sicher, dass es mir, wenn die Vereinigten Staaten uns zu heiß werden,
nicht schwer fallen wird, das Bürgerrecht in der Türkei(1)
zu erwerben .«
Das
Leben in unserem Zufluchtsort wurde für mich sehr glücklich. Gewiss, wir
arbeiteten schwer und lange, aber wir arbeiteten gemeinsam. Wir hatten
einander achtzehn köstliche Monate, und wir waren nicht allein, denn
stets gab es ein Kommen und Gehen von Führern und Genossen -fremde
Stimmen aus der Unterwelt der Intrigen und der Revolution, die uns
Neuigkeiten von den Plänen und Kämpfen auf der ganzen Schlachtlinie erzählten.
Und es gab viel Scherz und Freude. Wir waren nicht allein glühende
Verschwörer. Wir arbeiteten schwer und erduldeten viel, aber bei aller
Arbeit und bei Spiel und Gegenspiel von Leben und Tod fanden wir Zeit zu
Lachen und Liebe. Es waren Künstler, Gelehrte, Studenten, Musiker und
Dichter unter uns; und in dieser Höhle herrschte eine feinere und höhere
Kultur als in den Palästen und Wunderstädten der Oligarchen. Tatsächlich
halfen ja viele unsere Genossen bei der Ausschmückung eben dieser
Wunderstädte(2).
Auch
waren wir nicht auf das Versteck selbst angewiesen. Nachts ritten wir oft
zur Übung über die Berge. Und zwar auf Wicksons Pferden. Wenn er gewusst
hätte, wie viele Revolutionäre seine Pferde schon getragen hatten! Wir
machten sogar Ausflüge nach entlegenen, uns bekannten Orten, wo wir den
ganzen Tag blieben, brachen vor Tag auf und kehrten abends nach Einbruch
der Dunkelheit zurück. Wickson lieferte uns Sahne und Butter(3);
und Ernst schoss obendrein Wicksons Wachteln und Hasen und gelegentlich
seine jungen Böcke.
Wirklich,
es war ein sicherer Zufluchtsort. Ich habe gesagt, dass er nur ein
einziges Mal entdeckt wurde, und das zwingt mich, das Geheimnis vom
Verschwinden des jungen Wickson aufzuklären. Jetzt, da er tot ist, kann
ich frei darüber sprechen. In eine von oben verborgene Ecke der Höhle
schien einige Stunden lang die Sonne herein. Hierhin hatten wir viele
Ladungen Sand aus dem Flussbett getragen, so dass es, trocken und warm,
ein angenehmes, sonniges Plätzchen war. Eines Nachmittags saß ich hier
schlaftrunken, halb eingenickt über einem Buch von Mendenhall(4).
Ich fühlte mich so behaglich und ruhig, dass nicht einmal seine
flammenden Verse mich erregten.
Ich
wurde aufgeschreckt durch einen Klumpen Erde, der mir vor die Füße fiel.
Dann hörte ich ein Geräusch von oben, und im nächsten Augenblick stand
ein junger Mann vor mir, der von der Wand herabgesprungen war. Es war
Philipp Wickson, den ich freilich damals noch nicht kannte. Er sah mich kühl
und überrascht an.
»Nanu«,
sagte er; im nächsten Augenblick aber nahm er die Mütze ab und sagte: »Ich
bitte um Verzeihung. Ich hatte nicht gedacht, jemand hier zu finden.«
Ich
war nicht so kühl. Ich kannte noch nicht die Kunst, mich in verzweifelten
Augenblicken der Situation anzupassen. Später, als ich internationale
Spionin war, hätte ich mich bei ähnlicher Gelegenheit weniger
ungeschickt benommen, dessen bin ich sicher. Wie dem auch war, ich sprang
hastig auf und stieß den Gefahrruf aus. »Warum tun Sie das?« fragte er,
indem er mich scharf ansah. Er hatte ganz bestimmt niemand in der Höhle
vermutet, als er herabstieg. Das stellte ich zu meiner Erleichterung fest.
»Zu
welchem Zweck meinen Sie wohl?« fragte ich meinerseits. Ich war damals
wirklich ungeschickt.
»Ich
weiß es nicht«, antwortete er, den Kopf schüttelnd. »Es sei denn, dass
Sie Freunde in der Nähe hätten. Aber wie dem auch sei, so müssen Sie
mir schon einige Erklärungen geben. Die Geschichte hier gefällt mir
nicht. Sie haben widerrechtlich fremdes Eigentum betreten. Dieser Grund
und Boden gehört meinem Vater, und — «
Aber
in diesem Augenblick sagte Biedenbach, der stets höflich und liebenswürdig
war, leise hinter ihm:
»Hände
hoch, junger Herr!«
Der
junge Wickson hob die Hände und drehte sich zu Biedenbach um, der ein
Repetiergewehr im Arme hielt. Wickson ließ sich nicht aus der Fassung
bringen. »Oho«, sagte er, »ein Nest von Revolutionären — und ein
ganzes Hornissennest, wie mir scheint. Nun, das wird nicht lange dauern,
das kann ich Ihnen sagen.«
»Vielleicht
bleiben Sie lange genug hier, um sich diese Behauptung noch einmal zu überlegen«,
sagte Biedenbach ruhig. »Inzwischen muss ich Sie bitten, einzutreten.«
»Einzutreten?«
Der junge Mann war wirklich erstaunt. »Haben Sie eine Katakombe hier? Ich
habe von solchen Dingen gehört.«
»Kommen
Sie«, erwiderte Biedenbach mit seiner prachtvollen Betonung.
»Aber
das ist gesetzwidrig«, protestierte der andere. »Ja, nach Ihren Gesetzen«,
erwiderte der Terrorist mit Nachdruck. »Aber glauben Sie mir: Nach
unserem Gesetz ist es erlaubt. Sie müssen sich schon an die Tatsache gewöhnen,
dass Sie sich hier in einer anderen Welt befinden als in der von Unterdrückung
und Brutalität, in der Sie bisher gelebt haben.«
»Aber
dort hat man Gelegenheit, die Sache zu erörtern«, murmelte Wickson.
»Dann
bleiben Sie bei uns und erörtern Sie sie.«
Der
junge Mann lachte und folgte seinem Überwinder ins Haus. Er wurde in den
inneren Höhlenraum geführt, wir ließen einen der jungen Genossen als Wächter
zurück, während wir m der Küche die Angelegenheit besprachen.
Biedenbach
war mit Tränen in den Augen dafür, dass Wickson sterben müsse, und er
seufzte erleichtert auf als wir ihn und seinen schrecklichen Vorschlag überstimmten
Andererseits aber durften wir nicht daran denken den jungen Oligarchen
entwischen zu lassen. »Ich will euch sagen, was wir tun«, sagte Ernst.
»Wir behalten ihn hier und erziehen ihn uns.«
»Dann
beanspruche ich für mich das Vorrecht, ihn in die Rechtswissenschaft
einzuführen«, rief Biedenbach. Und so wurde lachend die Entscheidung
getroffen. Wir wollten Philipp Wickson als Gefangenen behalten und ihn zu
unserer Ethik und Soziologie erziehen. Zunächst aber gab es andere
Arbeit. Alle Spuren des jungen Oligarchen mussten verwischt werden. Die
Aufgabe, die Fährte, die Wickson beim Herabklettern an der bröckelnden
Wand hinterlassen hatte, auszulöschen, fiel Biedenbach zu. An einem Seil
hängend, arbeitete er den ganzen Tag, bis nichts mehr zu entdecken war.
Vom Rande der Höhle bis zur Schlucht wurden ebenfalls alle Spuren
verwischt. Und in der Dämmerung kam Carlson und verlangte Wicksons
Schuhe.
Der
junge Mann hatte keine Lust, sie herzugeben, und schickte sich sogar an, für
sie zu kämpfen, bis er die Kraft des Hufschmiedes in Ernsts Händen spürte.
Carlson erzählte uns später von verschiedenen Blasen und schmerzhaften
Hautverlusten, weil die Schuhe ihm zu eng gewesen waren, aber er
verrichtete gute Arbeit in ihnen. Am Ende der Höhle, wo die Fußspuren
aufhörten, zog Charson die Schuhe an und ging in ihnen nach links weiter.
Er marschierte meilenweit um Hügel herum, über Bergrücken und durch
Schluchten und ließ die Spur endlich im fließenden Wasser eines
Flussbettes enden. Hier zog er die Schuhe aus, und nachdem er, um seine
eigene Fährte zu verbergen, eine Strecke weit durch das Wasser gegangen
war, zog er schließlich seine eigenen Schuhe wieder an. Eine Woche später
bekam Wickson seine Schuhe wieder.
In
dieser Nacht waren die Hunde los, und in unserem Versteck gab es wenig
Schlaf. Am nächsten Tage kamen hin und wieder die bellenden Hunde in die
Schlucht herab, nahmen aber die Fährte auf, die Carlson für sie gemacht
hatte, und verloren sich in den anderen Schluchten, oben in den Bergen.
Die ganze Zeit hindurch warteten unsere Leute im Versteck mit Waffen in
den Händen — Repetierrevolvern und Gewehren, nicht zu reden von dem
halben Dutzend Höllenmaschinen, die Biedenbach angefertigt hatte. Wäre
eine Rettungsabteilung in unser Versteck gekommen, so hätte eine mächtige
Überraschung ihrer gewartet.
Ich
habe hier den wahren Bericht über das Verschwinden Philipp Wicksons, des
einstigen Oligarchen und späteren Revolutionärs, gegeben. Wir haben ihn
schließlich bekehrt. Sein Geist war frisch und bildsam, und von Natur war
er moralisch. Mehrere Monate später ritten wir mit ihm auf den Pferden
seines Vaters über die Sonoma-Berge nach Petaluma und brachten ihn auf
eine kleine Fischerbarkasse. Und in bequemen Etappen schmuggelten wir ihn
auf unseren geheimen Verbindungswegen nach dem Carmelversteck.
Dort
blieb er acht Monate, und dann wollte er uns nicht mehr verlassen, und
zwar aus zwei Gründen: der eine war, dass er sich in Anna Roylston
verliebt hatte, der andere, dass er wirklich einer der Unseren geworden
war. Erst als er sich von der Hoffnungslosigkeit seiner Liebe überzeugt
hatte, willigte er in unsern Wunsch ein, zu seinem Vater zurückzukehren.
Nach außen hin bis zu seinem Tode Oligarch, war er in Wirklichkeit einer
unserer wertvollsten Agenten. Immer wieder misslang der Eisernen Ferse die
Ausführung ihrer Pläne und Operationen gegen uns. Hätten sie nur die
Anzahl ihrer Mitglieder, die unsere Agenten waren, gekannt, so würden sie
alles verstanden haben. Der junge Wickson schwankte nie in seiner Treue
zur Sache. Und schließlich starb er aus Pflichtgefühl. In dem großen
Sturm des Jahres 1927 zog er sich in einer Versammlung unserer Führer
eine Lungenentzündung zu, an der er starb(5).
(1)
Damals gab es in der Türkei noch Vielweiberei.
(2)
Dies ist keine Prahlerei von Avis Everhard. Die Blüte der künstlerischen
und intellektuellen Welt bestand aus Revolutionären. Mit Ausnahme einiger
weniger Musiker und Sänger und einiger weniger Oligarchen waren alle großen
Erfinder dieser Zeit, soweit ihr Name auf uns überkommen ist, Revolutionäre.
(3)
Noch zu jener Zeit wurden Sahne und Butter in roher Weise aus Kuhmilch
hergestellt. Die chemische Herstellung der Nahrungsmittel hatte noch nicht
begonnen.
(4)
In aller erhaltenen Literatur dieser Zeit werden immer die Gedichte
Rudolph Mendenhalls erwähnt. Von seinen Genossen wurde er die »Ramme«
genannt. Unzweifelhaft war er ein großes Genie; aber außer gelegentlich
auftauchenden Fragmenten seiner Verse, die in den Schriften anderer
Autoren zitiert werden, ist nichts von ihm erhalten. Er wurde im Jahre
1928 von der Eisernen Ferse hingerichtet.
(5)
Der Fall dieses jungen Mannes war nicht ungewöhnlich. Viele junge Leute
der Oligarchie, von eigenem Rechtssinn getrieben oder von dem Feuer der
Revolution entflammt, widmeten dieser ihr Leben. Ähnlich machten es die Söhne
des russischen Adels in der früheren Revolution ihres Landes.
Die
brüllende Bestie des Abgrunds
Während
der langen Zeit unseres Aufenthalts in der Höhle blieben wir in enger Fühlung
mit allem, was in der Welt draußen vorging, und lernten die Stärke der
Oligarchie, mit der wir im Kriege lagen, gründlich kennen. Nach den
ersten Schwankungen hatten sich die neuen Einrichtungen gefestigt und
wiesen jetzt alle Anzeichen der Dauerhaftigkeit auf. Der Oligarchie war es
gelungen, eine Regierungsmaschine zu ersinnen, die, so verwickelt und
vielseitig sie auch war, pünktlich und gut arbeitete trotz all unsern Bemühungen,
sie zu hemmen oder in Unordnung zu bringen.
Das
überraschte viele Revolutionäre. Sie hatten es nicht für möglich
gehalten. Nichtsdestoweniger nahm die Arbeit im Lande ihren Fortgang. Die
Männer arbeiteten in den Bergwerken und auf den Feldern - vollkommen wie
Sklaven. In den lebensnotwendigen Industrien ging alles gut. Die
Mitglieder der großen Arbeiterkasten waren zufrieden und arbeiteten
freudig. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatten sie Arbeitsfrieden kennen
gelernt. Sie wurden nicht mehr durch schlechte Zeiten, Streik und
Aussperrung beunruhigt. Sie wohnten in behaglichen Häusern und in
herrlichen eigenen Städten - herrlich im Vergleich mit den Gassen und
schmutzigen Vierteln, die sie früher bewohnt hatten. Sie hatten besseres
Essen, kürzere Arbeitszeit, mehr Erholungstage und verschiedenartigere
Interessen und Vergnügungen. Aber um ihre weniger glücklichen Brüder
und Schwestern, die nicht begünstigten Arbeiter, das gepeitschte Volk des
Abgrunds, machten sie sich keine Sorgen. Ein Zeitalter der Selbstsucht
begann für die Menschheit. Und doch ist dies nicht ganz richtig. Die
Arbeiterkasten wurden von unseren Agenten durchlöchert — von Männern,
deren Augen jenseits der Not die strahlende Gestalt der Freiheit und Brüderlichkeit
erblickten.
Eine
andere große Institution, die feste Form angenommen hatte und glatt
arbeitete, war die der Söldner. Dieser Truppenkörper, der sich aus der
regulären Armee entwickelte, besaß eine Stärke von einer Million Mann,
ohne die Kolonialstreitkräfte. Die Söldner bildeten eine besondere
Kaste. Sie wohnten in eigenen Städten, die unter geschickter
Selbstverwaltung standen, und genossen mancherlei Vorteile. Von ihnen
wurde ein großer Teil des verbleibenden Überschusses verbraucht. Sie
verloren jede Berührung und Sympathie mit dem übrigen Volke und
entwickelten in Wirklichkeit eine eigene Klassenmoral und ein eigenes
Klassenbewusstsein. Dennoch waren Tausende unserer Agenten unter ihnen tätig(1).
Die
Oligarchen selbst machten eine bemerkenswerte und, wie man gestehen muss,
unerwartete Entwicklung durch. Als Klasse waren sie gut diszipliniert.
Jedes Mitglied hatte seine Aufgabe in der Welt und war gezwungen, diese
Aufgabe durchzuführen. Es gab keine Müßiggänger mehr unter den jungen
Leuten. Man brauchte ihre Kraft zur Stärkung der Oligarchie. Sie dienten
als Truppenführer, als Leutnants und Hauptleute der Industrie. Sie wählten
sich wissenschaftliche Berufe, und viele von ihnen wurden bedeutende
Ingenieure. Sie traten in unzählige Verwaltungszweige ein, taten Dienst
in den Kolonien, und zehn von tausend wandten sich den verschiedenen
Geheimdiensten zu. Sie waren, möchte ich sagen, beim Unterrichtswesen,
bei der Kirche, der Kunst, der Wissenschaft, der Literatur in die Lehre
gegangen, und auf diesen Gebieten dienten sie der wichtigen Aufgabe, das
Denken der Nation in die Richtung der ewigen Dauer der Oligarchie zu
lenken.
Man
lehrte sie, und später lehrten sie es wieder, dass das, was sie taten,
recht sei. Dieser aristokratische Gedanke wurde ihnen von Kindheit an so
eingehämmert, dass er ihnen in Fleisch und Blut überging. Sie
betrachteten sich als Bändiger wilder Tiere, als Beherrscher von Bestien.
Unter ihren Füßen grollte der unterirdische Donner der Revolution.
Gewaltsamer Tod schlich ständig unter ihnen einher; Bomben, Messer und
Kugeln bedrohten sie als die Krallen der brüllenden Bestie des Abgrunds,
die sie bändigen mussten, wenn die Menschheit weiter bestehen sollte. Sie
waren die Retter der Menschheit und betrachteten sich selbst als die,
welche heldenhaft und opferfreudig für das höchste Gut arbeiteten.
Sie,
als Klasse, glaubten allein die Zivilisation aufrechtzuerhalten. Ihr
Glaube war, dass, wenn sie je schwach werden sollten, die große Bestie
sie und alles Schöne und Herrliche, alle Freude und alles Gute in ihrem
geifernden Rachen verschlingen würde. Ohne sie würde Anarchie herrschen
und die Menschheit in die dunkle Nacht sinken, aus der sie sich so mühsam
erhoben hatte. Fortwährend wurde das Schreckensbild der Anarchie den
Kindern vor Augen gehalten, und sie wiederum zeigten, von der in ihnen
gepflegten Angst besessen, ihren Kindern nun ebenfalls das Schreckensbild
der Anarchie. Das war die Bestie, die zerstampft werden musste, und die höchste
Pflicht der Aristokratie war, sie zu zerstampfen. Kurz, sie glaubten,
allein in ununterbrochener Arbeit und Opferfreudigkeit zwischen der
schwachen Menschheit und der alles verschlingenden Bestie zu stehen; und
sie glaubten es fest.
Ich
kann nicht Gewicht genug auf diese hohe moralische Rechtlichkeit der
ganzen oligarchischen Klasse legen. Sie war die Kraft der Eisernen Ferse,
und zu viele Genossen waren zu schwerfällig oder zu unwillig, als dass
sie den richtigen Schluss daraus gezogen hätten. Viele von ihnen
schrieben die Kraft der Eisernen Ferse ihrem System von Lohn und Strafe
zu. Das ist falsch. Himmel und Hölle mögen die Grundfaktoren für den
Eifer eines Religionsfanatikers sein; für die große Mehrheit der Gläubigen
aber sind Himmel und Hölle unlösbar mit Recht und Unrecht verbunden. Die
Liebe zum Recht, das Verlangen nach Recht, die Unglückseligkeit über
alles, was nicht Recht ist - kurz, das moralische Leben ist der
Grundfaktor der Religion. Und das war es auch bei der Oligarchie. Gefängnis,
Verbannung und Erniedrigung, Ehren, Paläste und Wunderstädte, das alles
sind Zufälligkeiten. Die große treibende Kraft der Oligarchie ist der
Glaube, dass sie das Rechte tue; ungeachtet der Ausnahmen und ungeachtet
der Unterdrückung und Ungerechtigkeit, die die Eiserne Ferse ausübte.
Alles ist erlaubt, und der springende Punkt ist, dass die Kraft der
Oligarchie heute in ihrer Überzeugung von ihrem eigenen Recht liegt(2).
Im
übrigen hat die Kraft der Revolution in diesen zwanzig furchtbaren Jahren
ebenfalls nur im Gefühl ihrer eigenen Rechtlichkeit gelegen. Anders
lassen sich unsere Opfer und unser Märtyrertum nicht erklären. Aus
keinem anderen Grunde hauchte Rudolf Mendenhall seine Seele für die Sache
aus und sang in der Nacht vor seinem Tode seinen wilden Schwanengesang.
Aus keinem anderen Grunde starb Huribert unter Foltern, weil er sich
weigerte, seine Genossen zu verraten. Aus keinem anderen Grunde
verzichtete Anna Roylston auf glückliche Mutterschaft. Aus keinem anderen
Grunde war John Carlson der treue, unbelohnte Wächter unserer Zufluchtsstätte
in Glen Ellen. Einerlei, ob jung oder alt, Mann oder Weib, hoch oder
niedrig, Genie oder Dummkopf, man gehe, wohin man will unter den Genossen
der Revolution, stets wird man ein tiefes, immerwährendes Rechtsverlangen
als treibende Kraft finden!
Aber
ich bin meiner Erzählung vorangeeilt. Ernst und ich verstanden, noch ehe
wir unser Versteck verlassen hatten, sehr wohl, wie die Stärke der
Eisernen Ferse sich entwickelte. Die Arbeiterkasten, die Söldner und das
große Heer der Spitzel und verschiedenartigen Polizeigewalten waren der
Oligarchie verpflichtet. Wenn sie den Verlust ihrer Freiheit übersahen,
waren sie besser daran als früher. Andererseits sank die große hilflose
Masse der Bevölkerung, das Volk des Abgrunds, in eine tierische Ergebung
und Gleichgültigkeit mit ihrem Elend. Wenn starke Proletarier inmitten
der Masse ihre Kraft geltend machten, wurden sie der Masse durch die
Oligarchie entzogen, indem sie Mitglieder der Arbeiterkaste oder der Söldnerheere
wurden. So lullte man die Unzufriedenheit ein und beraubte das Proletariat
seiner natürlichen Führer.
Das
Volk des Abgrunds befand sich in einer bejammernswerten Lage. Es gab keine
öffentlichen Schulen mehr für die Menschen. Sie lebten wie Vieh in großen,
schmutzigen Arbeitervierteln, wo sie in Elend und Entwürdigung verkamen.
Alle ihre alten Freiheiten waren dahin. Die Wahl der Arbeit war ihnen
versagt. Ebenso war ihnen das Recht der Freizügigkeit und das des
Waffentragens genommen. Sie waren nicht Landsklaven wie die Bauern,
sondern Maschinen- und Arbeitssklaven. Wenn es ungewöhnliche Arbeiten
gab, wie den Bau von größeren Landstraßen und Hochbahnen, Kanälen,
Tunnels, Unterführungen und Befestigungen, so wurden in den
Arbeitervierteln Aushebungen vorgenommen und die Sklaven zu Zehntausenden
nach dem Arbeitsfeld transportiert. Große Heere von ihnen arbeiten jetzt
gerade an dem Bau von Ardis, wo sie in elenden Baracken hausen, in denen
kein Familienleben gedeihen kann, und wo Anständigkeit durch dumpfe
Bestialität ersetzt wird. Wahrlich, dort in den Arbeitervierteln wohnt
die brüllende Bestie des Abgrunds, der Schrecken der Oligarchie - aber
ihr eigenes Produkt. Sie will die Affen und Tiger in ihr nicht sterben
lassen.
Und
eben jetzt heißt es, dass Aushebungen in Sicht seien für den Bau von
Asgard, der geplanten Wunderstadt, die nach ihrer Vollendung Ardis noch
weit in den Schatten stellen wird(3). Wir Revolutionäre
werden das große Werk fortsetzen; aber es wird nicht durch elende Sklaven
getan werden. Die Mauern, Türme und Schächte jener herrlichen Stadt
werden unter Gesang entstehen, und in ihre Schönheit und Wunder werden
nich(3). Wir Revolutionäre werden das große Werk
fortsetzen; aber es wird nicht durch elende Sklaven getan werden. Die
Mauern, Türme und Schächte jener herrlichen Stadt werden unter Gesang
entstehen, und in ihre Schönheit und Wunder werden nicht Seufzer und
Schmerz, sondern Musik und Lachen gewoben werden.
Ernst
war krank vor Ungeduld, in die Welt hinauszukommen, und die Arbeit für
unsere erste Revolution, die in der Chicagoer Kommune so elend
fehlschlagen sollte, reifte schnell. Aber er zwang sich zur Geduld. Und in
dieser Zeit seiner Folter, als Hadly, der eigens dazu aus Illinois
gekommen war, ihn in einen ganz anderen Menschen verwandelte(4),
entwarf er große Pläne für die Organisation des gebildeten Proletariats
sowie für die erzieherischen Anfangsgründe im Volk des Abgrunds —
alles natürlich für den Fall eines Fehlschlages der ersten Revolution.
Erst
im Januar 1917 verließen wir unseren Zufluchtsort. Alles war vorbereitet.
Gleichzeitig nahmen wir alle unsere Stellen als Agents provocateurs im
System der Eisernen Ferse ein. Ich sollte als Ernsts Schwester gelten.
Oligarchen und Genossen, die hohe Stellungen im Innendienst bekleideten,
hatten Platz für uns geschaffen, wir waren im Besitz aller notwendigen
Dokumente, und unsere Vergangenheit war hinreichend erklärt. Mit Hilfe
der erwähnten Leute war das leicht zu bewerkstelligen, denn in dieser
Schattenwelt des Geheimdienstes war die Identität unklar. Die Agenten
kamen und gingen wie Geister, gehorchten Befehlen, kamen ihren Pflichten
nach, verfolgten Spuren und erstatteten ihre Berichte häufig
Vorgesetzten, die sie nie sahen, oder arbeiteten mit Agenten zusammen, die
sie nie zuvor gesehen hatten und auch nie wieder sehen sollten.
(1)
Die Söldner spielten in den letzten Tagen der Eisernen Ferse eine
wichtige Rolle. Sie stellten den Machtpendel in dem Kampfe zwischen den
Arbeiterkasten und der Oligarchie dar, der, je nach dem Spiel der Intrige
und Verschwörung, bald nach der einen, bald nach der anderen Seite
schwang.
(2)
Aus der moralischen Zusammenhanglosigkeit und Inkonsequenz des Kapitals
schufen die Oligarchen eine neue, zusammenhängende und stahlscharfe
Ethik, die abgeschmackteste und unwissenschaftlichste, dabei aber die mächtigste,
die eine Tyrannenklasse je besessen. Die Oligarchen glaubten an ihre
Moralität trotz der Tatsache, dass Biologie und Entwicklung sie Lügen
straften, und nur dieser Glaube setzte sie drei Jahrhunderte lang instand,
die mächtige Flut des menschlichen Fortschritts zurückzudämmen — ein
tiefes, gewaltiges, verwirrendes Schauspiel für die metaphysischen
Moralisten, und eines, das dem Materialisten viele Zweifel und Nachprüfungen
verursacht hat.
(3)
Ardis wurde im Jahre 1942 vollendet. Asgard hingegen erst 1984. Zweiundfünfzig
Jahre wurde an der Stadt gebaut und dabei eine ständige Armee von einer
halben Million Sklaven beschäftigt. Zeitweise schwoll diese Ziffer auf
mehr als eine Million an — ohne die Hunderttausende zu rechnen, die den
Arbeiterkasten und der Künstlerschaft angehörten.
(4)
Unter den Revolutionären gab es viele Chirurgen, die in der Vivisektion
eine erstaunliche Fähigkeit erzielten. Nach den Worten Avis Everhards
konnten sie einen Menschen buchstäblich umarbeiten. Das Ausmerzen von
Narben und Entstellungen war etwas ganz Alltägliches für sie. Sie
verwandelten die Züge mit einer solchen mikroskopischen Sorgfalt, dass
keine Spur ihrer Arbeit zurückblieb. Ein beliebtes Organ für ihre Arbeit
war die Nase. Haut- und Haartransplantationen waren einer ihrer gewöhnlichen
Kunstgriffe. Die Veränderungen, die sie im Ausdruck hervorriefen,
grenzten an Hexerei. Augen und Augenbrauen, Lippen, Mund und Ohren wurden
von Grund auf verändert. Durch fein durchdachte Operationen der Zunge,
der Kehle, des Kehlkopfes und der Nasenhöhlen konnte die Aussprache und
Sprechweise eines Menschen völlig verändert werden. Verzweifelte Zeiten
machten verzweifelte Hilfsmittel notwendig, und die Ärzte der Revolution
zeigten sich dieser Notwendigkeit gewachsen. Unter anderem vermochten sie
die Gestalt eines Erwachsenen um vier bis fünf Zoll zu vergrößern oder
um ein bis zwei Zoll zu verkleinern. Die Kunst, die sie ausübten, ist
heute verloren gegangen, wir brauchen sie nicht mehr.
Die
Chicagoer Kommune
Als
Agents provocateurs waren wir nicht nur in der Lage, viel zu reisen, unser
eigenes Werk brachte uns auch in stete Berührung mit dem Proletariat, mit
unseren Genossen, den Revolutionären. So standen wir gleichzeitig in
beiden Lagern, scheinbar im Dienst der Eisernen Ferse, heimlich aber mit
aller Macht an der Arbeit für unsere Sache. Viele der Unseren waren in
den verschiedenen Abteilungen des Geheimdienstes der Oligarchie tätig,
und trotz aller Siebungen und Neuorganisationen, denen der Geheimdienst ständig
unterlag, war es nie möglich, uns gänzlich auszurotten. Ernst hatte die
erste Revolution in allen Einzelheiten durchdacht und als Zeitpunkt den
Anfang des Frühlings 1918 festgesetzt. Im Herbst 1917 waren wir noch
nicht bereit. Es blieb noch viel zu tun, und wenn die Revolution überstürzt
wurde, war sie natürlich von vornherein zum Misslingen verurteilt. Die
Verschwörung war unendlich kompliziert, und jede Übereilung musste sie
bestimmt vernichten Das sah die Eiserne Ferse voraus und machte
dementsprechend ihre Pläne. Wir gedachten unseren ersten Stoß gegen das
Nervensystem der Oligarchie zu richten. In der Erinnerung an den großen
Generalstreik hatte die Oligarchie sich durch Errichtung drahtloser
Stationen, die unter der Aufsicht der Söldner standen, gegen den Abfall
der Telegraphisten gesichert. Aber wir hatten diese Maßnahmen in Rechnung
gezogen. Auf das vereinbarte Signal sollten ergebene Genossen aus allen
Verstecken des ganzen Landes, Städten, Dörfern und Baracken, ausziehen
und die drahtlosen Stationen in die Luft sprengen. Dann war die Eiserne
Faust beim ersten Stoß zur Strecke gebracht und lag tatsächlich
zerschmettert da.
Im
selben Augenblick sollten andere Genossen Brücken und Tunnels in die Luft
sprengen und das ganze Eisenbahnnetz zerstören. Wieder andere Gruppen von
Genossen sollten auf das vereinbarte Signal die Offiziere der Söldner und
der Polizei sowie alle Oligarchen von ungewöhnlichen Fähigkeiten oder in
hervorragenden Stellungen festnehmen. Dadurch wurden die gegnerischen Führer
von den örtlichen Schlachten ferngehalten, die unweigerlich im ganzen
Lande ausgefochten wurden.
Auf
das gegebene Signal sollte vieles gleichzeitig geschehen. Die kanadischen
und mexikanischen Patrioten, die viel stärker waren, als die Eiserne
Ferse sich träumen ließ, sollten dieselbe Taktik wie wir befolgen.
Andere Genossen wieder (in diesem Falle Frauen, denn die Männer hatten
andere Arbeit zu tun) sollten für schnelle Verbreitung der in unseren
geheimen Druckereien hergestellten Kundgebungen sorgen. Wer von uns im höheren
Dienst der Eisernen Ferse stand, sollte sofort versuchen, in allen
Bezirken Verwirrung und Anarchie hervorzurufen. Unter den Söldnern waren
Tausende von Genossen. Ihre Aufgabe bestand darin, die Magazine in die
Luft zu sprengen und das feine Getriebe des Kriegsmechanismus zu zerstören.
In den Städten der Söldner und Arbeiterkasten sollten die gleichen Zerstörungspläne
zur Ausführung gebracht werden.
Kurz,
es sollte ein mächtiger, plötzlicher, betäubender Stoß geführt
werden. Ehe die gelähmte Oligarchie sich erheben konnte, war ihr Ende
gekommen. Es musste schreckliche Zeiten und große Verluste an
Menschenleben geben, aber an derlei stößt sich kein Revolutionär.
Deshalb waren wir in vieler Beziehung auf das nicht organisierte Volk des
Abgrunds angewiesen. Das sollte auf die Paläste und Städte seiner
Unterdrücker losgelassen werden, ungeachtet der Zerstörung von Leben und
Eigentum. Mochte die Bestie des Abgrunds brüllen und Polizei und Söldner
erschlagen. Die Bestie des Abgrunds brüllte ja doch, und Polizei und Söldner
würden ja doch töten. Für uns wurde die Gefahr ja nur geringer, wenn
sie sich gegenseitig vernichteten. Unterdessen konnten wir viel
ungehinderter unser Werk fortsetzen und die Kontrolle über den ganzen
Mechanismus des Staates an uns reißen.
Das
war unser Plan. Jede Einzelheit musste heimlich ausgearbeitet und mit dem
Näher kommen des Zeitpunktes immer mehr Genossen mitgeteilt werden. Das
war der gefährliche Punkt: die Ausbreitung der Verschwörung. Aber so
weit kam es gar nicht. Durch ihr Spionagesystem hatte die Eiserne Ferse
Wind von der Revolution bekommen und ging daran, uns wieder eine ihrer
blutigen Lehren zu erteilen. Chikago war die Stadt, die für diese Lehre
ausgewählt wurde, und die Lektion, die wir dort erhielten, war gut.
Chikago(1) war von allen Städten am reifsten dafür —
Chikago, das von alters her die Stadt des Blutes war, und das sich seinen
Namen nun aufs neue verdienen sollte. Es herrschte dort ein starker,
revolutionärer Geist. In den Tagen des Kapitalismus waren zu viele
Arbeiterstreiks niedergeschlagen worden, als dass der Arbeiter hätte
vergessen und vergeben können. Sogar die Arbeiterkasten dieser Stadt
waren für den Revolutionsgedanken empfänglich. Zu viele Schädel waren
in den früheren Streiks eingeschlagen worden. Trotz ihrer veränderten
und begünstigten Lebensverhältnisse war der Hass der Arbeiter gegen ihre
Herren nicht erloschen. Dieser Geist hatte sogar die Söldner ergriffen,
von denen drei Regimenter bereit waren, geschlossen zu uns überzutreten.
Chikago
war stets das Sturmzentrum des Konflikts zwischen Arbeiterschaft und
Kapital gewesen, eine Stadt des Straßenkampfes und des gewaltsamen Todes,
mit einer klassenbewussten Kapitalisten und einer ebenso klassenbewußten
Arbeiterorganisation. In früheren Zeiten hatten hier sogar die
Schullehrer Gewerkschaften gebildet, die den Maurerverbänden angegliedert
wurden. Und Chikago wurde nun das Sturmzentrum der übereilten ersten
Revolution.
Die
Unruhen waren durch die Eiserne Ferse beschleunigt worden. Sie hatte das
geschickt gemacht. Die ganze Bevölkerung, einschließlich der
Arbeiterkasten, wurde aufs schändlichste behandelt. Versprechungen und
Zugeständnisse wurden gebrochen, und die schärfsten Strafen erwarteten
selbst den geringsten Missetäter. Das Volk des Abgrunds wurde aus seiner
Antipathie herausgefoltert. Die Eiserne Ferse bemühte sich, die Bestie
des Abgrunds zum Brüllen zu bringen. Und Hand in Hand damit hatte die
Eiserne Ferse in allen Vorsichtsmaßregeln in Chikago absichtlich eine
unbegreifliche Fahrlässigkeit gezeigt. Unter den bleibenden Söldnern war
die Disziplin gelockert, während viele Regimenter herausgezogen und nach
den verschiedensten Landesteilen geschickt waren.
Die
Ausführung dieses Programms dauerte nicht lange — nur wenige Wochen.
Wir Revolutionäre hörten nur unbestimmte Gerüchte über den Stand der
Dinge, erfuhren aber nichts Genaues, das hingereicht hätte, um die Lage
richtig zu erkennen. Wir hielten alles wirklich für eine freiwillige
revolutionäre Lebensäußerung, die wir unsererseits sorgsam schüren
mussten, und ließen uns nicht träumen, dass es mit aller Sorgfalt in
Szene gesetzt war — und zwar von dem engsten Kreise der Eisernen Ferse
und so geheim, dass wir keine Ahnung davon hatten. Das Gegenkomplott war
eine geschickt erdachte und geschickt ausgeführte Arbeit.
Ich
befand mich in New York, als ich den Befehl erhielt, nach Chikago zu
kommen. Der Mann, der mir den Befehl brachte, war einer der Oligarchen,
das konnte ich aus seiner Sprache entnehmen; seinen Namen kannte ich
nicht, und sein Gesicht konnte ich nicht sehen. Seine Vorschriften waren
zu klar, als dass ich mich hätte irren können. Ich las deutlich zwischen
den Zeilen, dass unsere Verschwörung entdeckt und eine Gegenmine gelegt
worden war. Die Explosion war zum Losbrennen bereit, und zahllose Agenten
der Eisernen Ferse, darunter auch ich, die entweder in Chikago wohnten
oder hingesandt wurden, sollten beim Losbrennen helfen. Ich schmeichle
mir, dass ich unter den scharfen Augen des Oligarchen meine Fassung
behielt, aber mein Herz schlug wahnsinnig. Ich hätte ihm schreiend mit
meinen bloßen Händen an den Hals springen können, ehe er mit seinen
kaltblütigen Anweisungen fertig war.
Als
er mich verlassen hatte, berechnete ich die Zeit. Ich musste jeden
Augenblick benutzen, um, wenn ich Glück hatte, vor Abgang des Zuges noch
einen unserer am Orte befindlichen Führer zu sprechen. Ich raste nach dem
Emergency Hospital. Ich hatte Glück und wurde sofort bei unserem Genossen
Galvin, dem Chefarzt der inneren Station, vorgelassen. Ich schickte mich
an, ihm keuchend, was ich wusste, mitzuteilen, aber er hielt mich zurück.
»Ich
weiß schon«, sagte er gelassen, aber seine frischen Augen blitzten. »Ich
wusste schon, weshalb Sie kamen. Ich erfuhr es vor fünfzehn Minuten und
habe die Nachricht schon weitergegeben. Hier wird alles geschehen, um die
Genossen zur Ruhe anzuhalten. Chikago muss geopfert werden, aber auch nur
Chikago.«
»Haben
Sie versucht, Nachricht nach Chikago zu geben?« fragte ich.
Er
schüttelte den Kopf.
»Keine
telegraphische Verbindung. Chikago ist abgeschnitten. Dort wird die Hölle
los sein.«
Er
hielt einen Augenblick inne, und ich sah, wie seine weißen Hände sich
zusammenkrampften, dann brach er los:
»Weiß
Gott, ich wollte, ich könnte hingehen!«
»Es
gibt eine Möglichkeit, das Schlimmste zu verhindern«, sagte ich, »wenn
im Zuge nichts passiert, und ich zeitig genug hinkomme. Oder wenn ein
anderer Genösse, der die Wahrheit kennt, früh genug hinkommt.«
»Ihr
vom Innendienst habt euch diesmal schön überrumpeln lassen«, sagte er.
Ich
nickte kleinmütig.
»Es
ging sehr geheim zu«, antwortete ich. »Nur die Chefs des Innendienstes
haben bis heute etwas gewusst. Wir haben es nicht durchschaut und tappten
deshalb im Dunkeln. Wenn Ernst nur hier wäre! Aber vielleicht ist er in
Chikago, und alles geht gut.«
Doktor
Galvin schüttelte den Kopf. »Den letzten Nachrichten zufolge ist er nach
Boston und New Haven geschickt worden. Dieser Geheimdienst für den Feind
hemmt ihn sehr, aber es ist doch immer noch besser, als tatenlos im
Versteck zu bleiben.«
Ich
schickte mich zum Gehen an, und Doktor Galvin drückte mir die Hand.
»Bewahren
Sie Ihre Ruhe«, lauteten seine Worte zum Abschied. »Was macht es, wenn
wir die erste Revolution verlieren sollten? Wir werden eine zweite machen
und dann klüger sein. Leben Sie wohl und viel Glück! Ich weiß nicht, ob
ich Sie je wieder sehen werde. Dort wird die Hölle los sein, aber ich gäbe
zehn Jahre meines Lebens, um statt Ihrer dabei sein zu können.«
Der
Atlantikblitz(2) verließ New York um sechs Uhr abends
und sollte am nächsten Morgen um sieben Uhr in Chikago sein. Aber in
dieser Nacht verspätete er sich. Wir fuhren hinter einem anderen Zuge
her. Unter den Reisenden befand sich Genösse Hartmann, der wie ich im
Geheimdienst der Eisernen Ferse stand. Er erzählte mir von dem Zuge, der
unmittelbar vor uns fuhr. Er war genau wie der unsere, hatte jedoch keine
Reisenden. Der Leerzug sollte das Unheil abfangen, falls der Versuch
gemacht würde, den Atlantikblitz in die Luft zu sprengen. Es befanden
sich übrigens nur sehr wenige Leute im Zuge — in unserem Wagen nur etwa
ein Dutzend.
»Es
müssen einige prominente Leute im Zuge sein«, erklärte Hartmann. »Ich
sah am Ende einen Extrawagen.« Es war Nacht, als der erste
Maschinenwechsel stattfand, und ich ging auf den Bahnsteig, um frische
Luft zu schöpfen und zu sehen, was ich sehen konnte. Durch das Fenster
des Extrawagens sah ich flüchtig drei Männer, die ich kannte.
Hartmann
hatte recht. Der eine war General Altendorff und die beiden anderen waren
Mason und Vanderbood, die Häupter des inneren Geheimdienstes der
Oligarchie.
Es
war eine ruhige Mondnacht, aber ich warf mich unruhig hin und her und
konnte nicht schlafen Um fünf Uhr morgens stand ich auf und kleidete mich
an. Ich fragte die Wärterin im Ankleideraum, wie viel Verspätung der Zug
hätte, und sie sagte: zwei Stunden. Sie war eine Mulattin, und ich sah,
dass ihr Gesicht abgehärmt war, dass sie tiefe Ringe unter den Augen
hatte, während die Augen selbst wie in qualvoller Angst weit geöffnet
waren.
»Was
ist Ihnen?« fragte ich.
»Nichts,
gnädiges Fräulein; ich habe wohl schlecht geschlafen«, lautete die
Antwort.
Ich
betrachtete sie näher und stellte sie mit einem unserer Zeichen auf die
Probe. Sie antwortete, und ich versicherte mich ihrer.
»In
Chikago bereitet sich etwas Schreckliches vor«, sagte sie. »Vor uns läuft
ein blinder Zug. Der und die Truppenzüge haben unsere Verspätung
veranlasst.«
»Truppenzüge?«
forschte ich.
Sie
nickte. »Die Strecke ist voll davon. Wir haben sie während der ganzen
Nacht passiert, und alle gehen nach Chikago. Das hat etwas zu bedeuten.«
»Ich
habe einen Freund in Chikago«, fügte sie, wie um sich zu entschuldigen,
hinzu. »Er ist einer der Unsrigen, er ist bei den Söldnern, und ich habe
Angst um ihn.«
Armes
Mädchen. Ihr Freund stand in einem der drei meuternden Regimenter.
Hartmann
und ich frühstückten zusammen im Speisewagen, aber ich musste mich zum
Essen zwingen. Der Himmel hatte sich bewölkt, und der Zug raste wie ein
Unheil verkündender Blitz durch die graue Blässe des anbrechenden Tages.
Die uns bedienenden Neger wussten, dass etwas Schreckliches drohte. Sie
waren sehr niedergeschlagen, ihre natürliche Gewandtheit hatte sie
verlassen, sie waren schlaff und zerstreut in ihrem Dienst und flüsterten
trübselig miteinander hinter der Küche, am Ende des Wagens. Hartmann sah
die Lage als hoffnungslos an.
»Was
können wir tun?« fragte er zum zwanzigsten Male mit hilflosem
Achselzucken.
Er
zeigte zum Fenster hinaus. »Sehen Sie, alles ist bereit. Sie können sich
darauf verlassen, dass man sie alle, wie diese hier, dreißig bis vierzig
Meilen vor der Stadt auf den Strecken festhält.«
Er
wies auf die Truppentransporte auf den Nebengleisen. Die Soldaten kochten
ihr Frühstück auf Feuern ab, die sie auf der Erde neben dem Gleis angezündet
hatten, und sahen uns neugierig nach, als wir vorbeidonnerten, ohne unser
rasendes Tempo zu verlangsamen.
Als
wir in Chikago einfuhren, war alles ruhig. Offenbar war bis jetzt nichts
geschehen. In den Vorstädten wurden uns die Zeitungen in den Zug
gereicht. Es stand nichts darin, aber doch für den, der zwischen den
Zeilen zu lesen verstand, sehr vieles, das absichtlich so geschrieben war,
dass der gewöhnliche Leser es übersehen musste. Aus jeder Zeile sah die
feine Hand der Eisernen Ferse heraus. Es wurden Andeutungen über ungenügende
Rüstungen der Oligarchie gemacht. Etwas Bestimmtes wurde natürlich nicht
gesagt. Der Leser musste aus diesen Andeutungen seine Schlüsse ziehen. Es
war äußerst geschickt gemacht. Die Morgenzeitungen vom 27. Oktober waren
journalistische Meisterwerke.
Die
lokalen Nachrichten fehlten. Das war an und für sich schon ein
Meisterstreich. Man umhüllte Chikago mit einem Mantel des Geheimnisses
und gab den Durchschnittslesern zu verstehen, dass die Oligarchie nicht
wagte, die Lokalnachrichten zu veröffentlichen. Natürlich wurden unwahre
Andeutungen von Aufständen im ganzen Lande gemacht, die plump in
selbstgefällige Hinweise auf die zu ergreifenden Strafmaßnahmen gehüllt
waren. Es wurde berichtet, dass zahlreiche drahtlose Stationen in die Luft
gesprengt wären, und auf die Entdeckung der Anstifter wurden hohe
Belohnungen ausgesetzt. Natürlich waren gar keine Funkstationen in die
Luft geflogen. Viele ähnliche, in die revolutionäre Verschwörung
hineinpassende Gewalttaten wurden berichtet. Bei den Genossen in Chikago
sollte eben der Eindruck erweckt werden, dass die allgemeine Revolution
begonnen hätte. Einem nicht Eingeweihten war es unmöglich, das unklare,
aber bestimmte Gefühl loszuwerden, dass das ganze Land reif für die
soeben begonnene Revolution sei.
Es
wurde berichtet, die Meuterei der Söldner in Kalifornien sei so ernst
geworden, dass ein halbes Dutzend Regimenter aufgelöst und ihre
Mitglieder nebst Familien aus ihren eigenen Städten nach den
Arbeitervierteln vertrieben worden seien. Dabei waren die kalifornischen Söldner
tatsächlich die pflichttreuesten von allen. Aber wie sollte das von der
Welt abgeschnittene Chikago das wissen? Ferner meldete ein Telegramm aus
New York den Aufruhr des dortigen Pöbels, mit dem sich die Arbeiterkasten
vereinigt hätten, und schloss mit der Versicherung (mit der Absicht, als
Bluff aufgenommen zu werden), dass die Truppen Herren der Lage seien.
Und
wie mit den Morgenzeitungen, so hatten es die Oligarchen mit tausend ändern
Dingen gemacht. Das erfuhren wir später, als zum Beispiel die geheimen
Mitteilungen zum ausdrücklichen Zweck verschickt wurden, um das, was der
Draht während der ersten Hälfte der Nacht gemeldet hatte, den Revolutionären
zu Ohren gelangen zu lassen.
»Ich
glaube, dass die Eiserne Ferse uns nicht mehr braucht«, meinte Hartmann,
die Zeitung aus der Hand legend, als der Zug in den Hauptbahnhof einlief.
»Sie hat ihre Zeit verschwendet, indem sie uns herschickte. Ihre Pläne
sind ihr offenbar über Erwarten gut geglückt. Jede Sekunde muss die Hölle
losbrechen.«
Er
drehte sich um und sah, während wir ausstiegen, den Zug hinab.
»Ich
dachte es mir«, murmelte er. »Als die Zeitungen kamen, haben sie den
Wagen abgehängt.«
Hartmann
war vollkommen niedergeschlagen. Ich gab mir Mühe, ihn aufzuheitern, aber
er überhörte mich und fing plötzlich, während wir den Bahnhof
durchschritten, sehr rasch und leise zu sprechen an. Zuerst konnte ich ihn
nicht verstehen.
»Ich
war meiner Sache nicht sicher«, sagte er, »und deshalb habe ich niemand
etwas gesagt. Obgleich ich mich wochenlang damit beschäftigt habe, konnte
ich nichts Bestimmtes herausbringen. Achten Sie auf Knowlton. Ich habe
Verdacht auf ihn. Er kennt das Geheimnis einer ganzen Reihe unserer
Zufluchtsstätten. Er hat das Leben von Hunderten der Unsrigen in der
Hand, und ich halte ihn für einen Verräter. Es ist eigentlich mehr Gefühlssache,
aber ich glaube seit einiger Zeit eine Veränderung an ihm bemerkt zu
haben. Es besteht die Gefahr, dass er uns verkauft hat oder im Begriff
ist, dies zu tun. Ich würde zu keiner Menschenseele von meinem Verdacht
gesprochen haben, aber manchmal denke ich, dass ich Chikago nicht mehr
lebend verlassen werde. Behalten Sie Knowlton im Auge. Legen Sie ihm
Fallen. Decken Sie ihn auf. Ich weiß nichts Bestimmtes. Es ist nur ein
Verdacht von mir, für den ich eigentlich nicht den leisesten Anhaltspunkt
finden kann.« Wir betraten gerade den Bürgersteig. »Denken Sie daran«,
schloss Hartmann ernst. »Behalten Sie Knowlton im Auge.«
Und
Hartmann hatte recht. Noch ehe der Monat zu Ende ging, bezahlte Knowlton
seinen Verrat mit dem Leben. Er wurde in aller Form von den Genossen in
Milwaukee hingerichtet.
Auf
den Straßen war alles ruhig — zu ruhig. Chikago lag wie ausgestorben
da. Es gab kein Rasseln und Rollen des Geschäftsverkehrs, nicht einmal
Droschken auf der Straße. Kein Wagen der Straßenbahn und der Hochbahn
lief. Nur gelegentlich sah man auf den Bürgersteigen vereinzelte Fußgänger,
und die schlenderten nicht dahin. Sie gingen in großer Eile und
Entschiedenheit ihrer Wege, und doch lag eine seltsame Unentschlossenheit
in ihren Bewegungen, als fürchteten sie, dass die Häuser umstürzten,
die Bürgersteige unter ihnen versänken oder in die Luft flögen. Nur ein
paar Straßenjungen waren sichtbar, und in ihren Augen lag eine unterdrückte
Gier im Vorgenuss kommender, erregender Dinge.
Irgendwoher,
weit im Süden, schlug der dumpfe Ton einer Explosion an unser Ohr. Das
war alles. Dann war es wieder ruhig, wenn die Straßenjungen auch
erschraken und wie junges Wild auf den Ton horchten. Die Torwege zu allen
Häusern waren geschlossen, die Fensterläden geöffnet. Aber eine Menge
Polizisten und Wächter waren sichtbar, und hin und wieder glitt eine
Autopatrouille der Söldner rasch vorbei.
Hartmann
und ich waren uns einig, dass es unnötig sei, sich beim lokalen Chef zu
melden. Wir wussten, dass wir im Hinblick auf die kommenden Ereignisse
entschuldigt waren. Deshalb schlugen wir den Weg nach dem großen
Arbeiterviertel im Süden der Stadt ein, in der Hoffnung, mit einigen
unserer Genossen Fühlung zu erhalten. Zu spät! Wir hatten es uns
gedacht. Aber wir konnten doch nicht untätig in diesen grausig stillen
Straßen dastehen. Wo war Ernst? Es war merkwürdig. Was war in den Städten
der Arbeiterkasten und der Söldner geschehen? In den Festungen?
Wie
als Antwort auf meine Fragen erhob sich plötzlich ein durch die
Entfernung gedämpftes mächtiges Gebrüll, das von einer Detonation nach
der ändern unterstrichen wurde.
»Die
Festungen«, sagte Hartmann. »Gott sei den drei Regimentern gnädig.«
An
einem Straßenübergang bemerkten wir in der Richtung des Viehhofes eine
riesige Rauchsäule. Am nächsten Straßenübergang sahen wir im Westen
mehrere solcher Rauchsäulen gen Himmel steigen, über der Söldnerstadt
sahen wir einen großen Fesselballon, aber im selben Augenblick barst er
und stürzte als brennendes Wrack herab. Wir konnten keine Lösung für
diese Tragödie der Luft finden. Wir konnten nicht entscheiden, ob der
Ballon von Genossen oder von Feinden bemannt gewesen war. Ein verworrenes
Geräusch drang an unser Ohr wie das Brodeln eines riesigen Kessels in der
Ferne. Hartmann sagte, dass es von Maschinengewehren herrühre.
Wo
wir gingen, war es immer noch ruhig. Hier geschah nichts. Die Polizisten
und Autopatrouillen zogen vorbei, und einmal auch ein halbes Dutzend
Feuerspritzen, die offenbar von einer Brandstätte zurückkamen. Ein
Offizier rief von einem Auto aus einem der Feuerwehrleute eine Frage zu,
und wir hörten ihn die Antwort zurückrufen: »Kein Wasser. Sie haben die
Hauptrohre gesprengt!«
»Wir
haben die Wasserleitung zerstört«, rief Hartmann mir erregt zu. »Wenn
wir das schon bei einem vorzeitigen, vereinzelten, unreifen Versuch fertig
bringen, was können wir dann erst bei einer gemeinsamen allgemeinen
Anstrengung im ganzen Lande erreichen!«
Das
Automobil mit dem Offizier, der die Frage an den Feuerwehrmann gerichtet
hatte, setzte sich in Bewegung. Plötzlich aber erhob sich ein betäubendes
Gebrüll. Der Wagen flog mit seiner menschlichen Fracht krachend in die
Luft und fiel als Trümmer- und Todesmasse wieder zu Boden.
Hartmann
jubelte. »So war es recht, so war es recht!« wiederholte er immer wieder
flüsternd. »Das Proletariat erhält heute seine Lehre, aber es erteilt
auch eine.«
Polizisten
eilten nach der Unglücksstätte. Ein zweites Patrouillenauto hatte
ebenfalls Halt gemacht. Ich selbst war wie betäubt. Alles kam zu
unerwartet. Wie war es vor sich gegangen? Ich wusste es nicht, obgleich
ich gerade hingesehen hatte. In meiner Betäubung merkte ich kaum, dass
die Polizisten uns anhielten. Plötzlich sah ich, dass ein Polizist im
Begriff war, Hartmann niederzuschießen, aber Hartmann blieb ruhig und gab
das richtige Losungswort. Der Polizist setzte zögernd den Revolver wieder
ab, und ich hörte ihn schimpfen. Er war wütend und verfluchte den ganzen
Geheimdienst. Er stände überall im Wege, behauptete er, während
Hartmann ihm mit gutgespieltem Geheimdienststolz Ungeschicklichkeit der
Polizei vorhielt.
Im
nächsten Augenblick erfuhr ich, was geschehen war. Um die Trümmer stand
nun eine Gruppe Menschen, und zwei Männer waren gerade dabei, den
verwundeten Offizier aufzuheben und in das Auto zu legen. Plötzlich
wurden alle von einer Panik ergriffen und stoben nach allen Seiten
auseinander, rannten in blindem Schrecken fort, während der verwundete
Offizier, achtlos auf das Plaster gelegt, allein zurückblieb. Auch der
schimpfende Polizist neben mir lief fort, und Hartmann und ich rannten
ebenfalls, ohne zu wissen, wohin und warum, von demselben blinden
Schrecken gepackt und nur von dem Wunsche beseelt, fortzukommen.
Es
geschah tatsächlich nichts, aber alles fand seine Erklärung. Die
Fliehenden kamen verdutzt zurück, stets die Augen ängstlich zu den
vielfenstrigen hohen Mauern erhoben, die wie die senkrechten Wände einer
Schlucht zu beiden Seiten der Straße in die Höhe ragten. Aus einem
dieser unzähligen Fenster war die Bombe geworfen worden. Aber aus
welchem? Eine zweite war nicht gefolgt, es war nur der Schrecken vor ihr.
Später
betrachteten wir forschend die Fenster. Hinter ihnen lauerte vielleicht
der Tod. Jedes Haus konnte ein Hinterhalt sein. So wurde Krieg in dem
modernen Dickicht der Großstadt geführt. Jede Straße war eine Schlucht,
jedes Haus ein Berg. Trotz der vorbeigleitenden Automobile unterschieden
wir uns nicht sehr von den Menschen der Vorzeit.
An
einer Straßenecke stießen wir auf eine Frau. Sie lag in einer Blutlache
auf dem Bürgersteig. Hartmann beugte sich über sie und untersuchte sie.
Ich selbst wandte mich sterbenskrank ab. Ich sollte an diesem Tage noch
viele Tote sehen, aber das ganze Gemetzel griff mich nicht so an wie
dieser eine unglückliche Körper, der verlassen vor meinen Füßen auf
der Straße lag. »Brustschuss«, lautete Hartmanns Befund. In ihrem Arm
hielt sie ein Bündel Drucksachen, als wäre es ein Kind. Selbst im Tode
schien sie sich nicht von dem trennen zu wollen, was die Ursache ihres
Todes gewesen war. Denn als Hartmann endlich das Bündel herausgezogen
hatte, sahen wir, dass es fettgedruckte Flugschriften, die Proklamationen
der Revolutionäre, enthielt.
Aber
Hartmann stieß nur einen Fluch auf die Eiserne Ferse aus, und wir gingen
weiter. Wir wurden wohl hin und wieder von Polizisten und Patrouillen
angehalten, aber unser Losungswort verschaffte uns freie Bahn. Aus den
Fenstern fielen keine Bomben mehr, die letzten Fußgänger schienen von
der Straße verschwunden, und in unserer unmittelbaren Nähe wurde es
immer ruhiger; der riesige Kessel aber in der Ferne brodelte weiter;
dumpfes Gebrüll und Explosionen trafen aus allen Richtungen unser Ohr,
und die Rauchsäulen stiegen immer Unheil verkündender gen Himmel.
(1)
Chikago war die Industriehölle des 19. Jahrhunderts. Eine eigenartige
Anekdote von John Burns, einem großen Arbeiterführer und einstigem
Mitglied des britischen Kabinetts, ist uns überliefert. Bei einem Besuch
der Vereinigten Staaten wurde er in Chikago von einem Journalisten nach
seiner Meinung über die Stadt gefragt. »Chikago«, antwortete er, »ist
eine Taschenausgabe der Hölle.« Einige Zeit später, als er im Begriff
war, sich an Bord eines Dampfers zu begeben, um nach England zurückzufahren,
näherte sich ihm ein anderer Journalist, der wissen wollte, ob er seine
über Chikago geändert hätte. »Ja, ich habe sie geändert«, sagte er.
»Jetzt meine ich, dass die Hölle eine Taschenausgabe von Chikago ist.«
(2)
Dieser Zug war damals als der schnellste der Welt bekannt, er war berühmt.
Das
Volk des Abgrunds
Plötzlich
schien sich alles zu verändern. Ein Zittern der Erregung ging durch die
Luft. Automobile flogen vorbei, zwei, drei, ein Dutzend, und ihre Insassen
riefen uns Warnungen zu. Einer der Wagen machte wenige Häuser weiter in
wilder Hast einen Bogen, und im nächsten Augenblick wurde hinter ihm die
Straße durch eine platzende Bombe zu einem tiefen Loch aufgerissen. Wir
sahen die Polizisten im Laufschritt die Seitenstraße hinab verschwinden
und fühlten, dass etwas Schreckliches im Anzüge war. Wir konnten ein
wachsendes Geräusch hören.
»Unsere
braven Genossen kommen«, sagte Hartmann. Wir sahen die Spitze ihrer
Kolonne, die die Straße von einem Rinnstein bis zum ändern ausfüllte,
als das letzte Kriegsauto zurückfloh. Dicht neben uns hielt der Wagen.
Ein Soldat sprang heraus, trug behutsam einen Gegenstand in den Händen
und setzte ihn mit der gleichen Vorsicht in den Rinnstein. Dann lief er
auf seinen Platz zurück, der Wagen fuhr an, bog um die nächste Ecke und
verschwand aus unserem Gesichtskreis. Hartmann lief zum Rinnstein und
beugte sich über den Gegenstand.
»Bleiben
Sie fort«, warnte er mich.
Ich
sah ihn in wahnsinniger Hast mit den Händen arbeiten. Als er zu mir zurückkam,
stand ihm schwerer Schweiß auf der Stirn.
»Ich
habe sie unwirksam gemacht«, sagte er, »und gerade noch rechtzeitig. Der
Soldat war ungeschickt. Sie war für unsere Genossen bestimmt, aber er ließ
ihr nicht Zeit genug.
Sie
wäre zu früh explodiert. Jetzt geht sie überhaupt nicht mehr los!«
Alles
ging mit rasender Eile. Auf der anderen Seite der Straße, einige Häuser
weiter, sah ich hoch oben aus einem Hause Köpfe herausblicken. Ich hatte
Hartmann kaum darauf aufmerksam gemacht, als ein breites Band von Rauch
und Flammen an der Front des Hauses, in dem die Köpfe erschienen waren,
entlanglief und die Luft durch eine Explosion erschüttert wurde. An
mehreren Stellen wurde die steinerne Fassade weggerissen und die
Eisenkonstruktion bloßgelegt. Im nächsten Augenblick schlugen ähnliche
Flammen und Rauch an der Front des gegenüberliegenden Hauses empor.
Zwischen den Explosionen hörten wir das Rattern der automatischen
Pistolen und Gewehre. Einige Minuten hielt der Feuerkampf an, dann legte
er sich. Offenbar waren unsere Genossen in dem einen, die Söldner in dem
ändern Hause und bekämpften sich über die Straße hinüber. Aber wir
wussten nicht, in welchem Hause unsere Genossen und in welchem die Söldner
sich befanden.
Jetzt
war die Kolonne auf der Straße nahe herangekommen. Als ihre Spitze unter
den kämpfenden Häusern, die beide wieder in Aktion getreten waren,
vorbeikam, wurden aus dem einen Bomben auf die Straße geworfen. Jetzt
wussten wir, welches Haus unsere Kameraden besetzt hielten, und sie taten
gute Arbeit, indem sie die Leute auf der Straße vor den Bomben des
Feindes retteten.
Hartmann
fasste mich am Arm und zog mich in einen weiten Hauseingang.
»Das
sind nicht unsere Genossen«, schrie er mir ins Ohr.
Die
Türen waren verschlossen und fest verriegelt. Wir konnten nicht
entkommen. Im nächsten Augenblick kam die Spitze der Kolonne vorbei. Es
war keine Kolonne, sondern ein lärmender Pöbelhaufen, ein abscheulicher
Strom, der die Straße füllte, das Volk des Abgrunds, toll vor
Trunkenheit und nach dem Blut seiner Unterdrücker brüllend Ich hatte früher
das Volk des Abgrunds gesehen, als ich durch seine Quartiere gegangen war,
und ich glaubte es zu kennen, jetzt aber schien mir, als sähe ich es zum
ersten Mal. Die dumpfe Apathie war verschwunden. Jetzt war es Urkraft —
ein faszinierendes Schauspiel des Todes. Es erhob sich über jede
Einbildungskraft hinaus zu körperlichen Wogen des Zornes, knurrend und
murrend, fleischfressend, trunken von dem Schnaps aus geplünderten Läden,
trunken von Hass und trunken von Blutgier — Männer, Frauen und Kinder,
zerfetzt und zerlumpft, blöde, wilde Tiere, von deren Zügen alles Göttliche
gewichen und Teuflischem Platz gemacht, Affen und Tiger, blutarme,
schwindsüchtige, langhaarige Lasttiere, bleiche Gesichter, denen der
Vampir Gesellschaft alle Lebenskraft ausgesogen hatte. Aufgedunsene, von
Rohheit und Verkommenheit strotzende Gestalten, verwirrte Hexen und Totenköpfe
mit Patriarchenbärten, schwärmende Jugend und schwärmendes Alter,
Teufelsfratzen, krumme, verzerrte, missgestaltete Ungeheuer, von
Krankheiten verzehrt und von dem Schrecken dauernder Unterernährung
gebrochen — der Auswurf und Abschaum der Menschheit, eine zerlumpte,
johlende, vom Teufel besessene Horde.
Und
weshalb nicht? Dieses Volk hatte nichts zu verlieren als das Elend und die
Qualen des Lebens. Und zu gewinnen? Nichts, nur die endliche schreckliche
Sättigung seiner Rachgier. Und als ich hinsah, kam mir der Gedanke, dass
in dem rauschenden Strom dieser menschlichen Lava Männer, Genossen und
Helden sein mussten, deren Aufgabe es gewesen war, die Bestie des Abgrunds
aufzurütteln und den Kampf zwischen ihr und dem Gegner zu schüren.
Und
jetzt geschah etwas Seltsames mit mir. Eine Verwandlung ging mit mir vor.
Die Todesfurcht, für mich und andere, verließ mich. Ich fühlte mich
seltsam gehoben, als ein anderes Wesen in einem anderen Leben. Es war
einerlei. Für diesmal war die Sache verloren. Morgen aber stand sie
wieder auf, dieselbe Sache, immer frisch und immer brennend. Und in der
Schreckensorgie, die in den nächsten Stunden raste, war ich imstande,
warme Teilnahme zu fühlen. Leben und Tod bedeuteten nichts. Ich war ein
wissbegieriger Beobachter der Ereignisse und bisweilen, vom Strom vorwärtsgetrieben,
selbst ein neugieriger Teilnehmer. Denn mein Geist war zu einer sternenkühlen
Höhe emporgestiegen und nahm eine kaltblütige Umwertung aller Werte vor.
Wäre das nicht geschehen, ich weiß, ich hätte sterben müssen.
Als
der Pöbelhaufen eine Meile lang vorbeigezogen war, wurden wir entdeckt.
Ein in phantastische Lumpen gehülltes Weib mit ausgehöhlten Wangen und
kleinen Augen, die wie glühende Bohrer aussahen, hatte uns im Vorbeigehen
erblickt. Sie stieß einen schrillen Schrei aus und drang zu uns herein.
Eine Rotte löste sich von dem Pöbelhaufen und drängte hinter ihr her.
Beim Schreiben dieser Zeilen sehe ich sie noch, wie sie einen Schritt vor
mir stand; ihr graues Haar flatterte in dünnen wirren Strähnen, und von
ihrer Stirn tropfte Blut. In der Rechten hielt sie eine Brandfackel, und
die Linke, die mager und runzlig, eine gelbe Klaue war, krampfte sich in
der Luft. Hartmann sprang vor mich. Für Erklärungen war keine Zeit. Wir
waren gut gekleidet, und das genügte. Mit der Faust schlug er dem Weibe
zwischen die brennenden Augen. Durch die Wucht des Schlages flog sie zurück,
stieß aber gegen die Mauer ihrer vordrängenden Genossen und stürzte,
betäubt und hilflos, wieder nach vorn, wobei die Fackel matt auf
Hartmanns Schulter fiel.
Was
im nächsten Augenblick geschah, weiß ich nicht. Ich wurde von der Menge
überwältigt. Der enge Raum war von Geschrei, Geheul und Flüchen erfüllt.
Schläge fielen auf mich nieder, Hände griffen und rissen an meinem
Fleisch und meiner Kleidung. Mir war, als würde ich in Stücke gerissen.
Ich wurde niedergeworfen und war am Ersticken. Eine starke Hand packte
meine Schulter und zerrte furchtbar an mir. Unter dem Schmerz wurde ich
fast ohnmächtig. Hartmann kam nicht mehr aus dem Eingang heraus Er hatte
mich geschützt und den ersten Anprall aufgehalten. Das war meine Rettung,
denn in dem dichten Gedränge konnten die Hände nur schwach greifen und
zerren.
Ich
befand mich mitten in einem wilden Strudel. Alles um mich her war eine
einzige Bewegung. Ich wurde von einer ungeheuren Flut gepackt und ich weiß
nicht wohin getrieben. Frische Luft spielte um meine Wangen und drang mir
angenehm in die Lungen. Matt und schwindlig, hatte ich das unbekannte Gefühl,
von einem starken Arm umfasst, in die Höhe gehoben und fortgezogen zu
werden. Meine eigenen Glieder halfen mir nur schwach. Vor mir sah ich den
Rücken eines Männerrocks sich bewegen. Seine Mittelnaht war von oben bis
unten aufgerissen und bewegte sich rhythmisch, weil der Schlitz sich bei
jedem Schritt des Mannes regelmäßig öffnete und schloss. Dieser Anblick
fesselte mich einen Augenblick, während mir die Sinne wiederkehrten. Dann
fühlte ich, dass meine Wangen und meine Nase schmerzten, und ich merkte,
wie Blut auf mein Gesicht tropfte. Mein Hut war fort, mein Haar hatte sich
gelöst und flatterte, und der stechende Schmerz in meiner Kopfhaut
brachte mir eine Hand in Erinnerung, die mich im Gedränge am Haar gezerrt
hatte. Meine Brust und meine Arme waren gequetscht und schmerzten an
vielen Stellen.
Meine
Sinne wurden klarer, und ich wandte im Laufen den Kopf, um den Mann, der
mich aufrecht hielt, zu sehen. Er war es, der mich am Haar gezogen und auf
diese Weise gerettet hatte. Er bemerkte meine Bewegung.
»Alles
in Ordnung«, rief er heiser. »Ich erkannte Sie sofort.«
Ich
konnte mich seiner nicht erinnern; ehe ich aber sprechen konnte, stieß
ich gegen etwas, das lebendig war und sich unter meinen Füßen krümmte.
Ich wurde von den Nachfolgenden vorwärts getrieben und konnte nicht zu
Boden sehen, hörte aber, dass es eine Frau war, die gestürzt war und von
Tausenden über sie hinwegschreitender Füße zerstampft wurde.
»Alles
in Ordnung«, wiederholte er. »Ich bin Garthwaite.«
Er
trug einen Bart und war mager und schmutzig, aber ich erkannte jetzt in
ihm den starken jungen Mann, der vor drei Jahren einige Monate an unserem
Zufluchtsort in Glen Ellen verbracht hatte. Er machte mir einige Zeichen
des Geheimdienstes der Eisernen Ferse zum Beweis, dass er auch in ihrem
Dienste stand. »Sobald sich eine Möglichkeit bietet, bringe ich Sie hier
heraus«, versicherte er. »Aber passen Sie beim Gehen auf. Straucheln und
fallen Sie nur nicht.«
Alles
geschah in diesen Tagen plötzlich, und jetzt hielt der Pöbel so plötzlich
an, dass mir schwarz vor Augen wurde. Ich stieß heftig mit einer großen
Frau vor mir zusammen. Der Mann mit dem aufgeschlitzten Rock war
verschwunden, während die Leute hinter mir gegen mich stießen. Ein Höllenlärm
entstand, Kreischen, Fluchen, Todesschreie, und dabei wurde das erschütternde
Rattern der Maschinengewehre und das Ticken der Gewehre immer stärker.
Zuerst wusste ich nicht, was es gab. Rechts und links vor mir fielen die
Menschen. Die Frau vor mir knickte zusammen und sank mit einem
wahnsinnigen Griff nach ihrem Leib zu Boden. Ein Mann zuckte im Todeskampf
vor meinen Füßen.
Ich
bemerkte, dass wir uns an der Spitze der Kolonne befanden. Eine halbe
Meile von der Kolonne war verschwunden - wie oder wohin habe ich nie
erfahren. Bis auf den heutigen Tag weiß ich nicht, was aus dieser
menschlichen halben Meile geworden ist — ob sie durch einen furchtbaren
Kriegsblitz ausgelöscht, ob sie zerstreut oder stückweise vernichtet
wurde, oder ob sie entkam. Aber jetzt waren wir an der Spitze statt in der
Mitte der Kolonne und wurden von dem schreienden Strom fortgetrieben.
Sobald
der Tod das Gedränge gelichtet hatte, führte Garthwaite, der immer noch
meinen Arm festhielt, einen Trupp Überlebender in den breiten Eingang
eines Amtsgebäudes. Hier wurden wir von einer keuchenden Masse von Geschöpfen
gegen die Tür gepresst. Eine Weile blieben wir in dieser Lage, ohne dass
eine Änderung eingetreten wäre.
»Da
habe ich etwas Schönes angerichtet«, klagte Garthwaite. »Ich habe Sie
richtig in eine Falle gebracht. Auf der Straße hatten wir noch die Chance
eines Spielers, hier aber haben wir gar keine. Uns bleibt nur noch übrig,
zu rufen: »Vive la révolution!« Dann geschah, was er erwartete. Die Söldner
töteten ohne Erbarmen. Zuerst war es ein zermalmendes Gedränge, das aber
nachließ, je mehr der Mord wirkte. Tote und Sterbende fielen und machten
Platz. Garthwaite legte den Mund an mein Ohr und rief etwas, aber in dem
furchtbaren Lärm konnte ich ihn nicht verstehen. Er wartete nicht,
sondern ergriff mich und warf mich nieder. Dann zog er eine sterbende Frau
über mich und kroch nach vielem Drücken und Schieben selbst halb über
mich. Ein Berg von Toten und Sterbenden türmte sich über uns auf. Und über
diesen Berg kletterte jammernd und stampfend, wer noch am Leben war. Aber
auch mit ihnen war es bald aus, und es trat eine scheinbare Stille ein,
die nur durch Ächzen, Stöhnen und Erstickungslaute unterbrochen wurde.
Ich
würde zermalmt worden sein, wäre Garthwaite nicht gewesen. Es erscheint
unbegreiflich, dass ich ein solches Gewicht tragen und dabei am Leben
bleiben konnte. Und doch hatte ich außer dem Schmerz noch ein Gefühl:
das der Neugier. Wie würde das Ende werden, was würde der Tod bringen?
So erhielt ich meine Bluttaufe in dem Schlachthaus von Chikago. Früher
war der Tod für mich Theorie, seit er aber eine einfache Tatsache wurde,
ist er so leicht.
Aber
die Söldner gaben sich nicht mit dem Erreichten zufrieden. Sie drängten
sich in den Hauseingang, töteten die Verwundeten und suchten nach
Unverwundeten, die sich gleich uns tot stellten. Ich erinnere mich an
einen Mann, den sie aus dem Haufen herauszogen, und der verächtlich
flehte, bis eine Revolverkugel ihn niederstreckte. Hinter einem Haufen
verteidigte sich eine Frau, höhnend und schießend. Sie gab sechs Schüsse
ab, ehe sie getötet wurde; welchen Schaden sie anrichtete, erfuhren wir
nicht. Wir konnten diese Tragödien nur dem Gehör nach verfolgen. Eine
derartige Szene folgte der ändern, und jede gipfelte in dem
Revolverschuss, der ihr ein Ende machte. Unterdessen hörten wir die
Soldaten sprechen und fluchen, während sie, von ihrem Offizier zur Eile
angetrieben, unter den Leichen wühlten.
Schließlich
kamen sie in unsere Nähe, und wir fühlten, wie der Druck, der auf uns
ruhte, nachließ, als sie die Toten und Verwundeten wegzogen. Garthwaite
sagte die Parole. Zuerst hörte man ihn nicht. Da rief er laut. »Horch
da!« sagte ein Soldat. Und dann erklang die scharfe Stimme eines
Offiziers. »Halt! Vorsicht!«
Oh,
der erste frische Lufthauch, als wir herausgezogen wurden! Garthwaite
begann zuerst zu sprechen, musste sich aber einer kurzen Prüfung
unterziehen, um zu beweisen, dass er im Dienste der Eisernen Ferse stand.
»Agents
provocateurs, in Ordnung«, entschied der Offizier. Er war ein bartloser
junger Mann, offenbar einer der großen Oligarchenfamilien angehörend.
»Ein
verfluchtes Geschäft«, murmelte Garthwaite. »Ich möchte es aufgeben
und in die Armee eintreten. Ihr habt Schneid, Jungens.«
»Sie
verdienen es«, lautete die Antwort des jungen Offiziers. »Ich habe
einigen Einfluss und werde sehen, was sich machen lässt. Ich werde erzählen,
wie ich Sie gefunden habe.«
Er
notierte Garthwaites Namen und Nummer und wandte sich dann an mich.
»Und
Sie?«
»Ach,
ich werde mich verheiraten«, antwortete ich heiter, »dann bin ich aus
allem heraus.«
Und
so sprachen wir, während das Morden der Verwundeten seinen Fortgang nahm.
Wenn ich jetzt daran denke, ist mir alles wie ein Traum. Damals aber war
es das Natürlichste von der Welt. Garthwaite und der junge Offizier
begannen ein angeregtes Gespräch über den Unterschied zwischen der so
genannten modernen Kriegführung und dem augenblicklichen Straßen- und
Wolkenkratzerkampf, der überall in der Stadt tobte. Ich hörte ihnen
aufmerksam zu, während ich mein Haar und meine zerrissenen Kleider in
Ordnung zu bringen versuchte. Und die ganze Zeit dauerte das Abschlachten
der Verwundeten fort. Häufig übertönten die Revolverschüsse die
Stimmen Garthwaites und des jungen Offiziers, so dass sie ihre Worte
wiederholen mussten.
Ich
durchlebte drei Tage der Chicagoer Kommune, und man kann sich eine
Vorstellung von ihrer Ausdehnung und dem Gemetzel machen, wenn ich sage,
dass ich in dieser ganzen Zeit tatsächlich nichts gesehen habe als das
Abschlachten des Volkes und den Luftkampf zwischen den Wolkenkratzern. Von
der heldenmütigen Arbeit unserer Genossen sah ich nichts. Ich hörte die
Explosion ihrer Minen und Bomben und sah den Rauch ihrer Brandstiftungen;
das war alles. Immerhin sah ich eine Großtat, nämlich den Ballonangriff
unserer Genossen auf die Befestigungen. Es war am zweiten Tage. Die drei
meuternden Regimenter waren in den Festungen bis auf den letzten Mann
vernichtet worden. Die Festungen wimmelten von Söldnern, der Wind hatte
die rechte Richtung, und unsere Ballons stiegen von einem Amtsgebäude in
der inneren Stadt auf.
Biedenbach
war, nachdem er Glen Ellen verlassen hatte, die Erfindung eines außerordentlich
wirksamen Explosivstoffes — Expedit nannte er ihn — geglückt. Das war
die Waffe, die die Ballons benutzten. Es waren nur plump und eilig
hergestellte Heißluftballons, aber sie taten ihre Schuldigkeit. Ich sah
sie alle vom Dach eines Amtsgebäudes aus. Der erste Ballon verfehlte die
Festungen gänzlich und verschwand ins Land hinein; aber wir erfuhren später,
was mit ihm geschehen war. Burton und O'Sullivan befanden sich in ihm.
Beim Niedergehen trieben sie quer über eine Bahnstrecke und gerade über
einen Truppentransportzug hinweg, der sich in voller Fahrt nach Chikago
befand. Sie warfen ihre ganze Expeditladung auf die Lokomotive, und die
Folge war, dass die Strecke auf Tage hinaus gesperrt war. Und das beste
dabei war, dass der Ballon, um sein Gewicht an Expedit erleichtert, in die
Höhe schoss, erst sechs Meilen weiter landete, und dass die beiden
heldenmütigen Insassen mit heiler Haut davonkamen.
Der
zweite Ballon versagte. Sein Flug war lahm. Er trieb zu langsam und wurde
durchlöchert, ehe er die Festungswerke erreichte. Herford und Guinness,
die sich in ihm befanden, wurden mit dem Feld, in das sie niederstürzten,
zerrissen. Biedenbach war verzweifelt — wir hörten das alles hinterher
-, und er stieg allein mit dem dritten Ballon auf. Auch er flog langsam,
hatte aber das Glück, dass es den Söldnern nicht gelang, seinen Ballon
zu treffen. Ich sehe es noch, als wäre es gestern geschehen, wie der
aufgeblähte Sack durch die Luft trieb und das winzige bisschen Mensch
unten daran hing. Die Festung konnte ich nicht sehen, aber die Leute, die
auf dem Dache standen, sagten, dass der Ballon gerade darüber schwebe.
Auch das Niederfallen des abgeschnittenen Expedits sah ich nicht, aber ich
sah den Ballon plötzlich in die Höhe schießen. Im nächsten Augenblick
türmte sich die große Säule der Explosion auf, und dann hörte ich ihr
Brüllen. Biedenbach hatte die eine Festung zerstört. Dann stiegen zwei
Ballons gleichzeitig auf. Der eine wurde in der Luft in Stücke gerissen,
das Expedit explodierte, und die Erschütterung zerstörte den zweiten
Ballon, der aber gerade in die noch unversehrte Festung fiel. Es hätte
nicht besser erdacht werden können, wenn auch die beiden Genossen ihr
Leben opferten.
Aber
zurück zum Volk des Abgrunds! Ich wusste nicht viel von ihm. Es wütete,
mordete und vernichtete in der eigentlichen Stadt und wurde seinerseits
wieder vernichtet; aber nicht ein einziges Mal gelang es ihm, die Stadt
der Oligarchen im Westen zu erreichen. Die Oligarchen hatten sich gut
geschützt. Was für Unheil auch im Herzen der Stadt angerichtet wurde,
ihnen und ihren Frauen und Kindern geschah nichts. Ich habe gehört, dass
ihre Kinder in diesen entsetzlichen Tagen in den Parks spielten, und dass
sie in ihrem Spiel am liebsten nachahmten, wie ihre Eltern das Proletariat
zerstampften.
Für
die Söldner war es keine Kleinigkeit, es mit dem Volk des Abgrunds
aufzunehmen und gleichzeitig mit den Genossen zu kämpfen. Chikago blieb
seiner Überlieferung treu, und wenn auch eine Generation von Revolutionären
ausgemerzt wurde, so kostete es den Gegner doch fast dieselben Opfer. Die
Eiserne Ferse veröffentlichte natürlich keine Zahlen. Aber nach einer
sehr vorsichtigen Schätzung wurden mindestens hundertdreißigtausend Söldner
erschlagen. Die Genossen hatten jedoch keinen Vorteil davon. Statt Hand in
Hand mit dem ganzen Land zu gehen, blieben die Revolutionäre allein, und
so konnte die ganze Macht der Oligarchie, wenn es Not tat, gegen sie
gerichtet werden. Und so geschah es denn auch: stündlich, täglich wurden
in endlosen Truppenzügen Hunderttausende von Söldnern nach Chikago
geworfen.
Und
das Volk des Abgrunds war so zahlreich. Des Schlachtens müde, begannen
die Soldaten ein großes Herdentreiben, in der Absicht, den Straßenpöbel
in den Michigan-See zu jagen. Zu Beginn dieses Treibens trafen Garthwaite
und ich den jungen Offizier. Das Herdentreiben misslang tatsächlich dank
der glänzenden Arbeit der Genossen. Statt der großen Herde, die sie
zusammenzutreiben gedachten, jagten die Söldner nicht mehr als
vierzigtausend der Unglücklichen in den See. Wenn sie den Pöbel in der
Hand hatten und gegen den See trieben, machten die Genossen hin und wieder
einen Entlastungsangriff, und durch das Loch, das in dem einschließenden
Netz entstand, entkamen viele.
Ein
Beispiel hierfür sahen Garthwaite und ich gleich nach unserer Begegnung
mit dem jungen Offizier. Ein Teil des Pöbels - es war derselbe, unter dem
wir uns befunden hatten — wurde zurückgedrängt; die Flucht nach Süden
und Osten war ihm durch starke Truppenabteilungen abgeschnitten. Im Westen
verlegten ihnen die Soldaten, bei denen wir waren, den Weg. Der einzige
Weg, der frei blieb, war der nach Norden, und der ging nach dem See, durch
das Feuer der Maschinengewehre von Osten, Westen und Süden hindurch. Ob
das Volk ahnte, dass es nach dem See getrieben wurde, oder ob es nur
blindes Glück war, weiß ich nicht; jedenfalls aber schwenkte es durch
eine Querstraße ab, ging dann in der nächsten Straße wieder zurück und
gelangte, südwärts gehend, wieder in das große Arbeiterviertel.
Garthwaite
und ich versuchten zu dieser Zeit, aus der Zone der Straßenkämpfe
herauszugelangen, aber wir kamen erst recht wieder mitten hinein. An der
Ecke sahen wir den brüllenden Mob gegen uns anrücken. Wir wollten gerade
forteilen, als Garthwaite mich am Arm packte und vor den Rädern eines
halben Dutzends mit Maschinengewehren bewaffneter Automobile, die
herangesaust kamen, zurückzog. Dahinter kamen Soldaten mit Gewehren. Als
sie ihre Stellung einnehmen wollten, stieß der Mob auf sie, und es
schien, als sollten sie überwältigt werden, ehe sie in Tätigkeit treten
konnten.
Hier
und dort schoss ein Soldat sein Gewehr ab, aber dieses vereinzelte Schießen
machte keinen Eindruck auf den Mob. In tierischer Raserei brüllend, kam
er an; es schien, als könnten die Maschinengewehre nicht eingesetzt
werden. Die Automobile, auf denen sie aufmontiert waren, blockierten die
Straße, und die Soldaten mussten sich auf den Bürgersteigen postieren.
Immer mehr drängten sich von hinten nach, und es war unmöglich,
herauszugelangen. Garthwaite hielt mich fest am Arm, und wir drückten uns
eng an die Front eines Hauses.
Der
Mob war keine zehn Meter mehr entfernt, als die Maschinengewehre ihr Feuer
eröffneten; aber vor diesem todbringenden Feuer konnte nichts leben
bleiben. Der Mob stürmte an, konnte aber nicht weiter. In einem Haufen,
einem Hügel, einer ungeheuren, immer noch wachsenden Woge von Toten und
Sterbenden türmte er sich auf. Die Nachkommenden drängten vorwärts, und
die Kolonne schob sich von Rinnstein zu Rinnstein ineinander. Verwundete,
Männer und Frauen, wurden über den Kamm der furchtbaren Woge
hinweggeworfen und fielen, sich windend, nieder, bis sie sich unter den Rädern
der Automobile wälzten. Dann wurden die Unglücklichen von den Soldaten
mit den Bajonetten durchstochen; ich sah jedoch, wie einer von ihnen auf
die Füße kam und einem Soldaten mit den Zähnen an den Hals fuhr. Beide,
Soldat und Sklave, gingen gemeinsam in dem Getümmel unter.
Das
Schießen ließ nach. Die Arbeit war getan. Der Mob hatte seinen wilden
Durchbruchsversuch aufgeben müssen.
Es
erging Befehl, die Räder der Kriegsautomobile freizumachen. Sie konnten
nicht über die Todeswogen hinweggelangen und sollten doch die Straße
hinabfahren. Die Soldaten waren noch dabei, die Leichen vor den Rädern
fortzuziehen, als das verhängnisvolle Ereignis eintrat. Wir erfuhren später
den Hergang. An der nächsten Ecke hatten unsere Genossen ein Haus
besetzt. Über Dächer und andere Häuser drangen sie vor, bis sie an eine
Stelle kamen, von der sie auf die dichtgeschlossenen Soldatenmassen
hinabsehen konnten. Und dann begann das Gegengemetzel.
Ohne
Warnung kam vom Dach des Gebäudes ein Hagel von Bomben herab. Die
Automobile und eine Menge Soldaten wurden in Stücke gerissen. Wir selbst
flohen mit den Überlebenden wie wahnsinnig zurück. An der nächsten Ecke
eröffnete ein anderes Haus das Feuer auf uns. Hatten die Soldaten früher
die Straße mit toten Sklaven bedeckt, so bildeten sie jetzt bald selbst
eine solche Decke. Garthwaite und ich schienen gegen den Tod gefeit zu
sein. Wie zuvor suchten wir jetzt Schutz in einem Toreingang. Diesmal
wurde er nicht unversehens überfallen. Als das Krachen der Bomben aufhörte,
blickte Garthwaite die Straße hinab.
»Der
Mob kommt wieder«, rief er mir zu. »Wir müssen fort.«
Hand
in Hand flohen wir den blutigen Bürgersteig hinab und suchten schlüpfend
und gleitend die Ecke zu erreichen. In der Nebenstraße sahen wir noch
einige laufende Soldaten. Es widerfuhr ihnen nichts. Der Weg war frei. Wir
machten daher einen Augenblick halt und blickten uns um. Der Mob rückte
langsam vor. Er bewaffnete sich eifrig mit den Gewehren der Gefallenen und
tötete die Verwundeten. Wir sahen, wie der junge Offizier, der uns
gerettet hatte, starb. Er stützte sich mühsam auf den Ellbogen und
schoss seine automatische Pistole ab.
»Da
geht meine Aussicht auf Beförderung dahin«, Garthwaite lachte, als ein
Weib, ein Schlachtermesser schwingend, auf den verwundeten jungen Mann
eindrang. »Kommen Sie. Es ist die falsche Richtung, aber irgendwo kommen
wir schon heraus.«
Wir
flohen ostwärts durch die stillen Straßen, an jeder Ecke auf neues
Unheil vorbereitet. Im Süden loderte ein ungeheurer Brand am Himmel, und
wir wussten, dass das große Arbeiterviertel in Flammen stand. Zuletzt
sank ich auf den Bürgersteig; ich war erschöpft und konnte nicht weiter.
Ich war krank und zerschlagen, und alle Glieder schmerzten. Aber ich
konnte mich doch eines Lächelns nicht erwehren, als Garthwaite, der sich
eine Zigarette drehte, sagte:
»Ich
weiß, ich bringe bei Ihrer Rettung alles durcheinander, aber ich finde
weder Anfang noch Ende von der Situation. Es ist alles wie Kraut und Rüben.
Jedes Mal, wenn wir hinauswollen, geschieht etwas, und wir werden zurückgetrieben.
Wir sind hier nur ein paar Ecken von der Stelle entfernt, wo ich Sie aus
dem Torweg herausholte. Freund und Feind sind ein einziges Durcheinander,
ein Chaos. Man weiß nicht, wer in den verwünschten Häusern steckt. Wenn
man es wissen will, kriegt man eine Bombe auf den Kopf. Wenn man friedlich
seines Weges geht, rennt man in den Mob hinein und wird durch die
Maschinengewehre getötet, oder man rennt in die Söldner hinein und wird
von seinen eigenen Genossen oben auf dem Dache totgeworfen. Und obendrein
kommt der Mob und schlägt einen tot.«
Er
schüttelte traurig den Kopf, zündete sich die Zigarette an und setzte
sich neben mich.
»Und
einen Hunger habe ich«, fügte er hinzu, »ich könnte Kieselsteine
essen.«
Im
nächsten Augenblick war er aufgesprungen und suchte auf der Straße einen
Kieselstein, mit dem er das Schaufenster hinter uns einschlug.
»Es
ist zwar das Erdgeschoß und kein gutes«, erklärte er, indem er mir
durch das entstandene Loch half. »Aber es ist das Beste, was wir tun können.
Sie schlafen ein bisschen, und ich gehe auf Erkundigung aus. Ich habe es
übernommen, Sie zu retten, und das werde ich auch zu Ende bringen, aber
ich brauche Zeit dazu, Zeit, eine Menge Zeit — und etwas zu essen.«
Es
war ein Sattlerladen, in dem wir uns befanden, und er richtete mir in dem
dahinterliegenden Privatbureau aus Pferdedecken ein Lager her. Zu all
meinem Elend bekam ich jetzt noch heftige Kopfschmerzen, und ich war froh,
dass ich die Augen schließen und versuchen konnte, zu schlafen.
»Ich
komme wieder«, lauteten seine Abschiedsworte. »Ich habe zwar gar keine
Hoffnung, ein Auto zu bekommen, aber etwas zu essen bringe ich ganz
bestimmt.«
Ich
sollte Garthwaite erst nach drei Jahren wieder sehen. Statt
wiederzukommen, wurde er mit einem Lungenschuss und einem Schuss in die
Fleischteile des Halses ins Krankenhaus gebracht.
Alpdrücken
Seit
der Nacht, in der ich von New York nach Chikago gereist war, hatte ich die
Augen nicht mehr geschlossen. Und daher sowohl wie infolge meiner Erschöpfung
fiel ich in einen tiefen Schlaf. Garthwaite war nicht zurückgekehrt. Ich
hatte meine Uhr verloren und wusste nicht, wie spät es war. Wie ich noch
mit geschlossenen Augen dalag, hörte ich wieder denselben dumpfen Ton
entfernter Explosionen. Die Hölle war immer noch los. Ich kroch durch den
Laden nach vorn. Der Widerschein der ungeheuren Brände machte die Straße
fast taghell. Man hätte die feinste Schrift mit Leichtigkeit lesen können.
Einige Straßen weiter ertönte das Krachen von Handgranaten und das
Rattern der Maschinengewehre, und aus der Ferne hörte man eine lange
Reihe schwerer Explosionen. Ich kroch wieder auf meine Pferdedecken und
schlief weiter.
Als
ich das nächste Mal erwachte, fiel ein schwacher, gelblicher Schimmer
herein. Es war die Dämmerung des zweiten Tages. Ich kroch nach vorn, ein
rauchiger, von bleichen Strahlen durchschossener Dunst erfüllte die Luft.
Auf der anderen Seite der Straße wankte ein unglücklicher Sklave. Die
eine Hand drückte er gegen die Seite, und hinter ihm sah ich eine
Blutspur. Seine Augen wanderten argwöhnisch und furchtsam umher. Einmal
blickte er gerade zu mir herüber, und ich sah auf seinem Gesicht den
stumpfen Ausdruck des verwundeten und gehetzten Tieres. Er sah mich, aber
zwischen uns gab es keine Verwandtschaft, keinerlei Verständnis; so
kauerte er sich denn nieder und schleppte sich weiter. Er erwartete keine
Hilfe mehr in Gottes Welt. Er war ein Sklave in dem großen
Sklaventreiben, das die Herren veranstalteten. Alles, was er erhoffte,
wonach er ausschaute, war eine Höhle, um hineinzukriechen und sich wie
ein Tier zu verstecken. Das scharfe Rasseln eines vorbeifahrenden
Krankenwagens an der Ecke gab ihm einen Ruck. Aber für seinesgleichen
waren die Krankenwagen nicht da. Mit schmerzlichem Stöhnen warf er sich
in einen Torweg. Eine Minute später kam er wieder heraus und wankte
verzweifelt weiter.
Ich
legte mich wieder auf meine Pferdedecken und wartete eine Stunde auf
Garthwaite. Meine Kopfschmerzen waren nicht vergangen. Im Gegenteil, sie
wurden immer schlimmer. Nur mit größter Anstrengung war ich imstande,
die Augen zu öffnen und mich umzusehen. Und das Öffnen der Augen und das
Umschauen verursachte mir einen unerträglichen Schmerz. Dazu klopfte das
Blut heftig in meinem Hirn. Krank und schwindlig kroch ich durch das
zersplitterte Fenster und suchte instinktiv und tappend einen Ausweg aus
dem schrecklichen Schlachthaus. Und dann hatte ich einen Alp. Meine
Erinnerung an das, was in den folgenden Stunden vorging, ist wie die
Erinnerung an schwere, von Alpdrücken begleitete Träume. Viele
Ereignisse haben sich meinem Gehirn scharf eingeprägt. Aber zwischen
diesen unauslöschlichen Bildern liegen Zwischenräume, die mir völlig
aus dem Bewusstsein entschwunden sind. Was in ihnen geschah, weiß ich
nicht und werde es auch nie wissen.
Ich
erinnere mich, dass ich an der Straßenecke über die Beine eines Menschen
stolperte. Es war der arme gehetzte Unglückliche, der sich an meinem
Versteck vorbeigeschlichen hatte. Wie deutlich sehe ich noch seine armen,
jämmerlichen, knorrigen Hände, die auf dem Pflaster lagen — Hände,
die eher Hufen und Klauen als Händen glichen, die ganz verzerrt und
entstellt waren durch die Arbeit eines Lebens, und die auf der Innenseite
eine schwielige, wohl einen halben Zoll dicke Hornhaut hatten. Und als ich
mich aufraffte und weiterging, blickte ich dem Unglücklichen in das
Gesicht und sah, dass er noch lebte, denn seine Augen sahen mich stumpf
an, und sie sahen mich wirklich.
Dann
kam ein freundliches Nichts. Ich wusste und sah nichts, ich humpelte nur
weiter, ohne Rettung zu finden. Meine nächste traumhafte Erscheinung war
eine stille Totenstraße. Ich stand plötzlich in ihr, so wie ein durchs
Land streichender Wanderer auf ein fließendes Gewässer stoßen mag. Nur
dass der Fluss, den ich anstarrte, nicht weiter floss. Er war im Tode
erstarrt. Von Bürgersteig zu Bürgersteig lag er ganz eben da, nur hier
und da ragte ein Klumpen oder ein Hügel von Körpern über die Oberfläche
heraus. Das arme gehetzte Volk des Abgrunds, diese gejagten Sklaven —
sie lagen da wie die Hasen in Kalifornien nach einer Treibjagd(1).
Ich sah die Straße hinauf und hinab. Nichts regte sich. Die stillen Häuser
schauten aus ihren vielen Fenstern auf das Bild herab. Nur einmal sah ich
einen Arm sich in dem Totenfluß bewegen. Ich schwöre, dass ich ihn sich
bewegen, sich wie in heftigstem Schmerz winden und gleichzeitig einen Kopf
sich heben sah, der blutbefleckt in namenlosem Schrecken unverständliche
Laute sprach, dann wieder zurücksank und sich nicht mehr regte.
Ich
erinnere mich einer anderen Straße mit stillen Häusern zu beiden Seiten
und eines Schreckens, der mir zum Bewusstsein kam, als ich wieder das Volk
des Abgrunds sah. Diesmal jedoch in einem Strom, der floss und näher kam.
Aber ich merkte, dass man ihn nicht zu fürchten brauchte. Der Strom
bewegte sich langsam, und ihm entstiegen Seufzer und Klagen, Flüche und
greisenhaftes, hysterisches, wahnsinniges Schwatzen, denn es waren die
ganz Alten und die ganz Jungen, die Schwachen, Kranken und Hilflosen, die
Überreste des Arbeiterviertels. Der Brand ihrer Wohnstätten im Süden
hatte sie in die Hölle der Straßenkämpfe getrieben, und wohin sie sich
wandten und was aus ihnen geworden ist, weiß ich nicht und habe ich nie
erfahren(2).
Ich
habe eine dunkle Erinnerung, dass ich ein Schaufenster einschlug und mich
in einem Laden versteckte, um dem von Soldaten verfolgten Mob zu
entrinnen. Einmal krepierte dicht neben mir eine Bombe. Wohin ich aber
auch sah, nirgends konnte ich ein menschliches Wesen erblicken. Meine nächste
deutliche Erinnerung setzt ein beim Krachen eines Gewehrschusses und der
plötzlichen Wahrnehmung, dass ein Soldat von einem Automobil auf mich
schoss. Die Kugel ging fehl, und im nächsten Augenblick rief ich die
Parole und gab die Zeichen. Meine Erinnerung an die Fahrt in dem Automobil
ist sehr getrübt, wenn auch durch ein lebendiges Bild unterbrochen. Das
Krachen des Gewehrs des neben mir sitzenden Soldaten zwang mich, die Augen
zu öffnen, und ich sah, wie George Milford, den ich von der Pell-Street
kannte, langsam auf den Bürgersteig niedersank. In diesem Augenblick
schoss der Soldat noch einmal, und Milford brach zusammen. Sein Körper überschlug
sich und fiel zuckend zu Boden. Der Soldat lachte, und das Automobil fuhr
weiter.
Das
nächste, dessen ich mich entsinne, ist, dass ein Mann, der dicht neben
mir auf und ab ging, mich aus tiefem Schlummer weckte. Sein Ausdruck war
abgehetzt und gespannt, und von seiner Stirn tropfte der Schweiß auf die
Nase. Die eine Hand presste er fest an die Brust, und während er ging,
tropfte Blut auf den Fußboden. Er trug Söldneruniform. Von draußen
klang, wie durch dicke Mauern, das gedämpfte Donnern platzender Bomben.
Ich befand mich in einem Hause, von dem aus mit einem anderen gekämpft
wurde.
Ein
Arzt kam herein, um den Verwundeten zu verbinden, und ich hörte, dass es
zwei Uhr nachmittags war. Meine Kopfschmerzen hatten sich nicht gebessert,
und der Arzt gab mir ein Pulver, das mein Herz beruhigen und mir
Erleichterung bringen sollte. Ich schlief wieder, und das nächste, was
ich von mir wusste, war, dass ich mich auf dem Dache des Hauses befand.
Der Kampf hatte aufgehört, und ich beobachtete den Ballonangriff auf die
Festungswerke. Jemand hatte seinen Arm um mich gelegt, und ich lehnte mich
fest an ihn. Es erschien mir als eine unzweifelhafte Tatsache, dass Ernst
es war, der mich im Arm hielt, und ich wunderte mich, dass sein Haar und
seine Augenbrauen so arg versengt waren.
Es
war der reine Zufall, dass wir uns in dieser schrecklichen Stadt gefunden
hatten. Er ahnte nicht, dass ich New York verlassen hatte, und als er
durch das Zimmer kam, in dem ich schlief, glaubte er zuerst nicht, dass
ich es war. Dann sah ich nicht mehr viel von der Chicagoer Kommune.
Nachdem wir den Ballonangriff beobachtet hatten, führte Ernst mich in das
Haus hinein, wo ich den ganzen Nachmittag und die ganze Nacht schlief.
Noch einen dritten Tag blieben wir in dem Hause, am vierten aber verließen
wir Chikago mit Erlaubnis der Behörden, die Ernst ein Automobil gestellt
hatten.
Meine
Kopfschmerzen waren fort, aber ich war müde an Leib und Seele. Im
Automobil lehnte ich mich gegen Ernst und sah mit teilnahmslosen Augen zu,
wie die Soldaten versuchten, den Wagen zur Stadt hinauszuschaffen. Der
Kampf tobte noch, wenn auch nur an vereinzelten Stellen. Hier und dort
befanden sich noch ganze Distrikte im Besitz unserer Genossen, aber sie
waren von starken Truppenmassen umzingelt und bewacht. So wurden die
Genossen in hundert Einzelschlingen festgehalten, während ihre
Unterwerfung weiter ging. Und Unterwerfung bedeutete Tod, denn es gab
keinen Pardon, und die Genossen kämpften heldenhaft bis zum letzten Mann(3).
Jedes
Mal, wenn wir uns einer solchen Gegend näherten, schickten uns die Wachen
zurück und wiesen uns einen Umweg. Einmal führte der einzige uns offene
Weg durch einen brennenden Abschnitt zwischen zwei starken Stellungen der
Genossen. Von beiden Seiten hörten wir das Knattern der Gewehre und das
Brüllen des Kampfes, während das Automobil sich seinen Weg durch
rauchende Trümmerhaufen suchte. Oft waren die Straßen durch Berge von Trümmern
gesperrt, und wir wurden zu Umwegen gezwungen. Wir steckten in einem
Labyrinth von Trümmern und kamen nur langsam vorwärts.
Die
Viehhöfe (das Arbeiterviertel, die Schlachtereien und alles sonstige)
waren rauchende Ruinen. Zur Rechten verdunkelte eine Rauchwolke weithin
den Himmel — dort gab es nichts als Zerstörung, wie der Soldat uns
sagte. Er hatte am Nachmittag des dritten Tages ein Automobil mit
Depeschen von dort herein gefahren. Einer der furchtbarsten Kämpfe, sagte
er, hätte dort stattgefunden, und viele Straßen seien unpassierbar, weil
sich die Gefallenen dort zu Bergen angehäuft hätten.
Als
wir an den zertrümmerten Mauern eines Gebäudes in der Gegend der Viehhöfe
vorbeifuhren, wurde das Automobil von einer Woge des Todes aufgehalten.
Sie glich ganz einer von der See aufgetürmten Woge, und uns war klar, was
sich hier ereignet hatte. Als der Mob an der Straßenecke anstürmte, war
er von Maschinengewehren, die in der Seitenstraße aufgestellt waren,
reihenweise niedergemäht worden. Aber auch die Soldaten hatte ihr
Geschick ereilt. Eine glücklich geworfene Bombe musste unter ihnen
explodiert sein, der Mob, aufgehalten, bis seine Toten zur Woge wurden,
hatte seinen lebendigen Schaum, die kämpfenden Sklaven, vorwärtsgeschleudert.
Soldaten und Sklaven lagen nun, zerfetzt und zerrissen, um und über den
Trümmern der Maschinengewehre und Automobile.
Ernst
sprang aus dem Wagen. Er hatte ein Paar Schultern und einen Kranz weißen
Haares gesehen, deren Träger er kannte. Ich achtete nicht darauf, und
erst, als er wieder neben mir im Wagen saß und der Wagen anfuhr, sagte
er:
»Es
war Bischof Morehouse.«
Wir
gelangten nun bald ins Freie. Ich warf noch einen Blick auf den raucherfüllten
Himmel zurück. Von weither kam der dumpfe Ton einer Explosion. Da presste
ich mein Gesicht an Ernsts Brust und weinte leise um die verlorene Sache.
Ernst legte zärtlich den Arm um mich.
»Für
diesmal verloren, liebes Herz. Aber nicht für immer. Wir haben viel
gelernt. Morgen wird unsere Sache, stark in Wissen und Zucht, neu
erstehen.«
Das
Automobil bog auf einen Bahnhof ein. Hier sollten wir einen Zug nach New
York bekommen. Während wir noch auf dem Bahnsteig warteten, donnerten
drei Züge in der Richtung nach Chikago vorbei. Sie waren voll gepfropft
mit zerlumpten, ungelernten Arbeitern, Volk des Abgrunds.
»Sklavenaushebungen
zum Wiederaufbau von Chikago«, sagte Ernst. »Du siehst, in Chikago sind
alle Sklaven getötet.«
(1)
In jenen Tagen war das Land so wenig bevölkert, dass wilde Tiere oft zur
Plage wurden. In Kalifornien hielt sich lange der Brauch des
Hasentreibens. An einem bestimmten Tage pflegten alle Landwirte einer
Gegend sich zu versammeln und die Hasen zu Tausenden in eine dazu
hergestellte Einfriedung zu treiben, wo sie dann von Männern und Knaben
erschlagen wurden.
(2)
Man hat lange Zeit darüber gestritten, ob der Brand des Arbeiterviertels
im Süden zufällig erfolgte oder eine Tat der Söldner war; jetzt aber
steht endgültig fest, dass das Feuer von den Söldnern auf Befehl ihrer Führer
angelegt wurde.
(3)
Zahlreiche Häuser hielten sich mehr als eine Woche, eines sogar über elf
Tage. Jedes Haus musste wie eine Festung gestürmt werden, und die Söldner
erkämpften sich ihren Weg von Stockwerk zu Stockwerk. Es waren Kämpfe
auf Leben und Tod. Pardon wurde weder gegeben noch genommen, und bei
diesen Kämpfen hatten die Revolutionäre den Vorteil, über den
Angreifern zu sein. Wenn die Revolutionäre auch getötet wurden, so war
der Verlust doch nicht einseitig. Das stolze Proletariat von Chikago
machte seinem alten Ruhm Ehre. Denn so viele von den Seinen getötet
wurden, so viele tötete es vom Feinde.
Die
Terroristen
Erst
als Ernst und ich schon wochenlang in New York waren, konnten wir das Unglück,
das über Chikago gekommen war, in seinem ganzen Umfang begreifen. Die
Lage war bitter und blutig. An vielen, über das ganze Land verstreuten
Orten hatten Sklavenaufstände und Metzeleien stattgefunden. Die Zahl der
Märtyrer stieg ins ungemessene. Zahllose Hinrichtungen fanden statt.
Berge und Einöden waren voll von Banditen und Flüchtlingen, die
erbarmungslos niedergeschossen wurden. Unsere eigenen Zufluchtsorte waren
überfüllt von Genossen, auf deren Köpfe man Preise gesetzt hatte. Durch
ihre Spione auf unsere Spur gehetzt, hatten die Soldaten der Eisernen
Ferse zahlreiche unserer Schlupfwinkel geplündert.
Viele
Genossen waren entmutigt und übten Vergeltung durch terroristische Akte.
Das Fehlschlagen ihrer Hoffnungen machte sie ganz hoffnungslos und
verzweifelt. Viele terroristische Organisationen, mit denen wir keinerlei
Verbindung hatten, entstanden und verursachten uns viele Mühe und Sorge(1).
Diese missleiteten Menschen opferten mutwillig ihr Leben, machten häufig
unsere Pläne zuschanden und hemmten unsere Organisation.
Und
durch das alles hindurch schritt die Eiserne Ferse ruhig und besonnen, rüttelte
auf der Suche nach den Genossen den ganzen sozialen Bau auf, siebte die Söldner,
die Arbeiterkasten und ihren Geheimdienst, strafte ohne Mitleid und
Bosheit, duldete schweigend alle Widervergeltung, die an ihr geübt wurde,
und füllte die Lücken in ihren Reihen ebenso schnell aus, wie sie
entstanden. Und gleichzeitig arbeiteten Ernst und die anderen Führer mächtig
an der Reorganisation der revolutionären Kräfte. Die Größe dieser
Arbeit kann man ermessen, wenn man bedenkt(2)
(1)
Die Annalen dieser kurzen Ära der Verzweiflung bilden eine blutige Lektüre.
Rache war das herrschende Motiv, und die Mitglieder der terroristischen
Organisation achteten in ihrer Hoffnungslosigkeit das Leben für nichts.
Die Daniten, die ihren Namen der Mythologie der Mormonen entnahmen, kamen
aus den Bergen im Westen und breiteten sich über die ganze Küste des
Stillen Ozeans von Panama bis Alaska aus. Die Walküren waren Frauen, sie
waren die furchtbarsten von allen. Keine Frau konnte Mitglied werden, die
nicht einen nahen Verwandten durch die Hand der Oligarchie verloren hatte.
Sie verpflichteten sich, ihre Gefangenen zu Tode zu martern. Eine andere
berühmte Frauenorganisation war die der Kriegswitwen. Eine ähnliche
Organisation wie die Walküren bildeten die Berserker. Diese Männer
machten sich nichts aus dem Leben, und sie waren es, die die große Söldnerstadt
Bellona mit ihrer ganzen Bevölkerung von über hunderttausend Seelen
vernichteten. Die Bedlamiten und Höllendamiten gehörten beide derselben
Organisation an, während eine neue religiöse Sekte, der jedoch keine
lange Blüte beschieden war, sich den »Zorn Gottes« nannte. Unter vielen
anderen mögen noch folgende Organisationen erwähnt werden, um zu zeigen,
wie tödlich ernst ihnen die Sache war: Die blutenden Herzen, Söhne des
Morgens, die Morgensterne, die Flamingos, die drei Triangeln, die drei
Riegel, die Rächer, die Komantschen und die Unterweltler.
(2)
Hier endet das Manuskript von Avis Everhard. Es bricht plötzlich mitten
im Satze ab. Sie muss Nachricht von der Ankunft der Söldner erhalten
haben, denn sie hatte Zeit, das Manuskript zu verstecken, ehe sie floh
oder gefangen genommen wurde. Es ist sehr zu bedauern, dass sie nicht
lange genug lebte, um ihre Erzählung zu Ende schreiben zu können, denn
sonst wäre zweifellos das Geheimnis aufgedeckt worden, das seit sieben
Jahrhunderten über der Hinrichtung Ernst Everhards ruht. |