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Auf
dem „Weg zur Humanität“
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![[Abbildung]](j_r_becher.jpg)
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Zum
50. Todestag des Dichters und Kulturpolitikers Johannes R.
Becher
Quelle:
kominform.at vom 16.10.2008
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Nicht
einen Klang geh ich euch ab, nicht eine
Der Farben wird freiwillig überlassen,
Das Sensendengeln nicht und nicht das Läuten
Der Kühe von den Almen, nichts dergleichen
Gehört euch. Auch die Abendröte nicht,
Kein Stern, kein Sturm, kein Stillesein. Das Zirpen
Der Grillen nicht, nicht eines bunten Falters
Anblick, wenn er an Blüten saugt, den Feldweg
Muss man euch streitig machen, jeden Halm
Und jedes Käferchen, selbst den Geschmack
Der Speisen. Unser Wein ists, den ihr trinkt,
Und unser Brot ists, das euch labt. Noch vorerst.
Das alles fordern wir zurück und noch
Viel mehr: die Luft, die euch beglückt beim Atmen. |
Uns
an den Dichter Johannes R. Becher zu erinnern, der vor fünfzig Jahren
starb, ist nicht schwer. Zwar schweigen bürgerliche
Literaturgeschichtsschreibungen ihn tot oder denunzieren ihn -
DDR-Literatur sei „die von Johannes R. Becher, Helmut Sakowski,
Hermann Kant und vielen schlechteren Autoren“ (Wolfgang Emmerich) -,
aber das bringt die Lyrik Bechers nicht in Schwierigkeiten. Vom
Expressionismus über die Dichtung des Exils bis zur Nachkriegsliteratur
und die Lyrik der DDR hat Becher in seriösen und ernst zu nehmenden
Darstellungen einen angemessenen Platz; Brüche und verlöschende
poetische Bildwelt werden nicht verschwiegen. An die Gefahr ist zu
denken, dass der klassisch gewordene Dichter seine Aktualität einbüßt
und unzeitgemäß wird. Und die Gefahr der Verleugnung ist präsent: Günter
Kunert hat ihm viel zu verdanken; Becher war keineswegs „ein fragwürdiger
Lehrmeister“ (Emmerich). Nur wollen das die Betroffenen nicht mehr
wissen. Dem kann begegnet werden durch die Erinnerung an den großen
Theoretiker auf dem Gebiet der Lyrik und den Kulturpolitiker Becher, der
durch die Patina der Historie seinen sicheren Platz hat, aber wenig zur
Kenntnis genommen oder abfällig zur Ikone (Kurt Oesterle) erklärt
wird. Dabei war er als Kulturpolitiker zu Lebzeiten Staatsmännern wie
Walter Ulbricht suspekt. In Zeiten politischer Farbspiele könnte
Bechers Kulturpolitik ein überlegenswertes Beispiel sein, geprägt von
Toleranz und politischem Verantwortungsbewusstsein.
Becher
war nach dem Zweiten Weltkrieg nicht aus Begeisterung zum Politiker
geworden, sondern aus diesem Verantwortungsgefühl heraus. Ein Beispiel
macht das deutlich. Es ist aus dem Jahre 1945 und repräsentativ für
Bechers Entwicklung. Bereits vor dem Kriegsende hatten sowjetische
Kulturoffiziere Pläne für eine Neuordnung von Kunst und Kultur sowie
des Bildungswesens ausgearbeitet. In diese Pläne bezogen sie deutsche
Schriftsteller, auch Becher, ein. Becher hatte 1944 in Moskau die Rede
„Bemerkungen zu unseren Kulturaufgaben“ gehalten, in der er die
Partner für den Neuaufbau unter Dorfschullehreren ebenso suchte wie
unter Professoren, unter Pfarrern ebenso wie unter Schriftstellern. Beim
Werben um deutsche Künstler wurde vermieden, was als Eingriff in deren
künstlerische Grundhaltung und ästhetischen Ansichten hätte
verstanden werden können. Das erlebten nach 1945 Hans Fallada, Bernhard
Kellermann und viele andere. Gemeinsam mit den sowjetischen
Kulturoffizieren suchte Johannes R. Becher nach Gestalten und Namen, die
sich für eine Neuordnung im Zeichen antifaschistischer Vielfältigkeit
eignen konnten. Namen von Ricarda Huch bis zu Kellermann wurden ins
Gespräch gebracht. Aber sie zweifelten, ob sie dieser Aufgabe gerecht
werden könnten. Schließlich kam man auf Gerhart Hauptmann, der alt,
krank und vereinsamt in Agnetendorf lebte und einer ungewissen Zukunft
entgegensah, nachdem das Gebiet polnisch geworden war.
Hauptmann
hatte zwischen 1933 und 1945 Kritik und Ablehnung hören müssen; Becher
hatte schon 1932 seine Vorbehalte geäußert: „Geblieben ist ein
Mensch, 70 Jahre alt, der weiter nicht interessiert. Er ruhe in Frieden,
den er mit den herrschenden Mächten geschlossen.“ Becher konnte da
noch nicht einbeziehen, dass Hauptmanns Frieden mit den Mächtigen mehr
als nur Opportunismus war und die Grenze der Mitläuferschaft überschritt.
Andererseits konnten die Faschisten Hauptmann die „Weber“ nicht
verzeihen, und auch seine Freundschaft mit jüdischen Theaterleitern und
Verlegern wurde nicht vergessen. Gerhart Hauptmann konnte nicht
uneingeschränkt von den Faschisten genutzt werden; das allein war für
Becher ein Ansatzpunkt - der große Teile des deutschen Volkes in einer
ähnlichen Verfassung wie Hauptmann sah -, um unterschiedliche Kräfte
im Namen Hauptmanns zu einem Neubeginn zu formieren. Das verband sich
mit dem Bemühen, für den am 3. Juli 1945 gegründeten Kulturbund einen
bekannten Dichter als Ehrenvorsitzenden zu gewinnen. Bechers Vorschlag
Gerhart Hauptmann deckte sich mit den Überlegungen der sowjetischen
Kulturoffiziere. Es kam zu einer fast abenteuerlichen Reise von Berlin
nach Agnetendorf, über das die Beteiligten - insbesondere der mit
Becher befreundete Grigori Weiss - ausführlich berichtet haben: Da
wurden die Ersatzteile für Bechers Auto ebenso mitgeführt wie Benzin für
die gesamte Strecke und Lebensmittel. Anekdoten rankten sich um den
Besuch Bechers und Weiss´ in Agnetendorf. Heraus kam ein Bekenntnis des
greisen Nobelpreisträgers zu dem Neubeginn, veröffentlicht im Oktober
1945, Nr. 129 der „Täglichen Rundschau“. Bechers Artikel
„Versunkene Glocke“, benannt nach Hauptmanns gleichnamigen Stück,
konnte man dort lesen, in dem die Positionen des sozialistischen
Dichters zu einer antifaschistischen Kunst- und Kulturentwicklung
entwickelt wurden. Bechers Grundsätze einer Zusammenarbeit wurden
erkennbar. Große Dichter und Denker waren für ihn der geistige Besitz
eines Volkes. Trotz aller Verirrungen und Verbrechen, die im Namen
dieses Volkes und von Angehörigen dieses Volkes begangen wurden,
blieben Genies ein Geschenk der Zeit, in ihnen erhielten sich
Menschlichkeit, Toleranz, Gemeinschaftssinn, die „Schätze großen
Deutschtums“, wie es bei Becher hieß. Es wurde ein differenziertes
Erbe-Verständnis Bechers deutlich, das ihn zum Partner
unterschiedlicher Konzepte des Schreibens und Denkens - von Thomas Mann
bis zu Hans Fallada, von Hans Carossa bis zu Ernst Wiechert - werden ließ.
Das Verständnis befähigte ihn zum ersten Kulturminister der DDR.
Bei
alledem konnte er sich auf Thesen Lenins berufen, der darauf verwiesen
hatte, dass die Intellektuellen als Verbündete gewonnen werden mussten,
wollte man sich jene Kunst und Kultur aneignen, die in früheren
gesellschaftlichen Verhältnissen entstanden war. Das forderte von
Becher Disziplin und in mancherlei Hinsicht Selbstverleugnung als
Dichter, auch als Mensch; das brachte ihm Widersprüche, Zweifel und
Schwierigkeiten. Sie kamen nicht nur von den bürgerlichen Verbündeten,
sondern auch von politischen Mitstreitern: Kurt Huhn, Adam Scharrer und
Hans Lorbeer fühlten sich von Becher zurückgesetzt, gerade auch durch
die Bemühungen um Hauptmann, aber ebenso durch Bechers Bekenntnis zu
Heinrich Mann, der sich noch im Exil in den USA bereit erklärte, Präsident
der Deutschen Akademie der Künste (Berlin-Ost) zu werden. Selbst mit
Willi Bredel, der kein Verständnis für Bechers Bemühungen um Gerhart
Hauptmann hatte, gab es Probleme auf dem Gebiet der Bündnispolitik:
Bredel hielt wenig von Bechers großem Bündnis, das er immer wieder zur
Grundlage seiner Kulturpolitik machte. Die Disziplin des
Kulturpolitikers verstellte schließlich die Möglichkeiten des Lyrikers
Becher; nur bedingt gelang es ihm, für die Neuordnung die
entsprechenden Bilder zu finden. Immer wieder belastete ihn, dass
„sich die Bilder nicht mehr ordnen lassen“. Mancher - wie Stephan
Hermlin - sah den Dichter Becher in Konventionen versinken und zur
tragischen Existenz werden; er selbst kannte dieses Gefühl und
beschrieb es im großem Prosaversuch „Aufstand im Menschen“ (1947),
eine Auseinandersetzung mit Nietzsche und dem Entwurf des „Sich-selber-Übersteigens“,
um der eigenen moralischen Anfechtungen zwischen Alkohol und Frauen und
der poetischen Müdigkeit Herr zu werden. Mit Händen ist die Krise zu
greifen im „Tagebuch 1950“ (Auf andere Art so große Hoffnung): Der
Dichter fühlte sich überholt und geistig erschöpft. Enttäuschung
machte sich breit, dass das große „Anderswerden“, ein zentraler
Begriff der Ästhetik Bechers, zu langsam kam, auch zu hilflos blieb und
dass manches gar nicht anders zu werden schien, wie ein Blick auf die
Entnazifizierung in den westlichen Besatzungszonen verdeutlichte, die
zur Farce geriet und bald schon wieder die alten Kräfte in neuer
Verantwortlichkeit sah. Da gerieten Entscheidungen Bechers zur
politischen Doktrin - wie 1956 beim Prozess gegen Walter Janka, um
Unterschiede auszustellen und keine Zweifel an den eigenen Positionen
des politischen Verantwortlichen aufkommen zu lassen, selbst wenn er sie
als Mensch hatte. Wenn Hoffnungen und Verzweiflungen des 20.
Jahrhunderts diskutiert werden, wird immer auch Bechers Name genannt
werden müssen.
Dass
er andererseits sein kulturpolitisches Konzept, mit dem er 1945 um
Gerhart Hauptmann geworben hatte und das ihm den Zugang zu vielen Köpfen
und Herzen öffnete, nicht in Frage stellte, wird deutlich, indem es in
seiner Dichtung poetischen Ausdruck fand: In der letzten Gedichtsammlung
„Schritt der Jahrhundertmitte“ (1958) steht der Gedichtzyklus „Das
Atelier“. Becher fasste die wesentlichen Orte seiner geistigen
Entwicklung - München, Berlin, Moskau und Saarow - poetisch zusammen.
Tische standen in der Mitte dieser Ateliers; an dem Tisch in Saarow
dachte das lyrische Subjekt an seine Schwierigkeiten: „Im Westen aber
krankhaft aufgequollen / Das Alte wieder, Macht der Niedertracht.“
Hoffnung gab ihm sein Erbe- und Traditionsverständnis, sein Besinnen
auf große Künstler, die sich zu einem säkularen Abendmahl an dem
Tisch sammeln: Rimbaud und Hölderlin, Johann Sebastian Bach, Brecht und
Ernst Busch, Eisler, Bosch und van Gogh, Utrillo und Chagall, Cranach
und die Breughels, „Und einer, Lenin, sitzt in unsrer Mitte, / Gehäuse
meiner Seele, Atelier.“ Bechers Dichtungsatelier wurde zur Vision
einer Gesamtkultur der Menschheit, die Teil einer großen
gesellschaftlichen Neugestaltung ist. Praktische Folge des
Kulturpolitikers Bechers war die Entstehung des „Leselands“ DDR mit
einer vielseitigen Literaturproduktion und hohen Auflagenhöhen, die
immer zu niedrig waren. Visionen sind nicht leicht umzusetzen, auch
dauert es seine Zeit. Aber sie werden nicht vergessen.
Rüdiger
Bernhardt
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„Wer
eine gute Sache mit schlechten Mitteln vertritt, verbündet sich
mit der schlechten Sache, die solche Gegenspieler braucht, um
sich zu behaupten und zu verbreiten. Manche schlechte Sache lebt
überhaupt nur von den Fehlern, welche die Anhänger der guten
Sache unaufhörlich begehen. Andererseits ist zu bemerken, dass
eine schlechte Sache häufig ausgezeichnet vertreten wird und
die Form den Inhalt verschlingt - die Kunstfertigkeit und
Formvollendung, womit das Schlechte vertreten wird, täuschen über
den miserablen Gehalt der Sache selbst hinweg. Es ist so, als ob
das Schlechte und Absurde größere Anstrengungen erforderte, um
es plausibel zu machen, als das Gute und das Vernünftige, das
sich, wie manche wohl meinen, „von selbst versteht“. Nichts
aber ist selbstverständlich und versteht sich von selbst - und
so muss das Gute und Vernünftige stets in Nachteil geraten,
wenn es sich auch nur einen Augenblick darauf verlässt, dass es
sich von selbst versteht. Oft erscheint auch das Gute in seiner
Darstellung schmucklos und dürftig, da es aus sich selbst zu
wirken vermeint, während das Schlechte mit einem Aufwand bester
Mittel operiert, sodass es interessant und anziehend wirkt - und
dem Bösen nicht angreifender sich entgegensetzt. Friede den
Menschen, die guten Willens sind, heißt: Weg von Menschen, die
schlechten Willens sind. Sonst geschieht es, dass das Gute und
Vernünftige mit der Ohnmacht des Schwachen identifiziert wird,
und so kann man sagen, dass eine gute Sache nur dann gut
vertreten wird, wenn sie streitbar vertreten wird. Das graue
Gute und das schillernde Böse - das Gute und Anständige,
dessen Güte und Anstand schon in ihrer grobschlächtigen
belehrenden Art zu Widerspruch reizt und wobei [man] von Gähnkrämpfen
befallen wird, das wie ein Schlafmittel wirkt - während das Böse
sich uns anbietet in einer lebendigen Überfülle von Einfällen
und in einer fließenden Hülle der [Verzauberung?]. „Wir
haben es fertiggebracht, aus der besten und interessantesten
Sache der Welt die langweiligste zu machen“ - so hörte ich
einmal den Anhänger einer guten Sache sprechen, und er hatte
recht ...“
Aus:
Johannes R. Becher: „Der Aufstand im Menschen“ |
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