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Kapitel
8
Therese
war zurückgekommen. Sie hatte den ganzen Rückzug von Dorsten, einmal
mit dieser, einmal mit jener Schar, mitgemacht, immer wieder Verwundete
verbindend. Sie griff manchmal selbst nach einem Gewehr und schoss mit
den Männern gegen die vorrückende Reichswehr. Weil ihre Hoffnung, dass
Franz noch lebe, immer mehr sank, bewegte sie der Gedanke, dass sie ihn
jetzt zu vertreten habe. Und sie widersetzte sich den Männern, die sie
durchaus zwingen wollten, die Truppe zu verlassen und sich zu retten.
Sie
war an dem Tage nach Hause gekommen, als Tauten von den
Reichswehrsoldaten verhaftet worden war. Sie fand die Mutter krank im
Bett Hegen. Die alte Frau empfing sie mit der Klage: „Der Vater ist
verhaftet worden. Er ist doch unschuldig, weshalb hat man denn ihn
weggeholt? Geh hinaus, Kind, und sieh nach, wo er geblieben ist!"
Therese
war diesem kleinen, engen Leben und diesen Klagen schon so fremd
geworden, dass sie die Seufzer der verängstigten Mutter im Augenblick
gar nicht rührten. Sie zog das abgerissene und verdreckte Zeug aus und
ließ sich am Fenster nieder. Franz kommt nicht mehr! dachte sie.
Tauten
kam gegen Abend zurück.
Er
sah die Tochter am Fenster sitzen und blieb an der Tür stehen. Einen
Moment lang glitt ein kurzer Schein der Freude über sein noch blasses
Gesicht.
„
Das Kind ist da", sagte er, „nun bin ich auch die letzte Sorge
los." Er ging auf die Tochter zu und sagte: „Wir haben uns beide
unsinnigerweise hinreißen lassen, aber das kommt mir nicht mehr vor.
Jetzt wird wieder der Arbeit nachgegangen und alles vermieden, was uns
noch einmal in eine solche Lage führen könnte."
Therese
blickte ihn starr an: „Du hast wohl wieder deine Meinung
gewechselt", sagte sie enttäuscht und bitter. „Franz liegt wohl
draußen irgendwo totgeschlagen und Hunderte haben sich geopfert. Nur
Schigalski hat es nicht verstehen wollen und hat dich wohl wieder zu
dieser neuen Umkehr verleitet. Ich glaubte, dich anders
vorzufinden."
Tauten
hörte ihr verlegen zu. Er entschuldigte sich: „Was ich getan habe,
das musste ich tun, und das haben auch viele andere getan. Man kann sich
nicht gegen die Gewalt stellen, wenn sie stärker ist als wir. Und man
kann ja auch in Frieden erreichen, was man mit Auflehnung und Widerstand
nicht schaffen kann. Ich habe mich wieder besonnen, ja, und beabsichtige
nicht mehr, gegen den Willen meiner Partei zu handeln. Wenn Schigalski
nicht gewesen wäre, dann wäre ich wohl jetzt nicht mehr
losgekommen."
Therese
sagte erst nach einigen Minuten Grübelns: „Du hast nicht recht
gehandelt. Deine Umkehr ist Flucht vor dir selber, und die Politik
deiner Partei führt zum Verderben. Ich habe mich entschlossen, von heut
ab mehr auf die anderen als auf dich zu hören. Wenn du glaubst, dass
ich hier im Haus bleiben soll, dann bleibe ich, aber unsere übrigen
Wege haben sich getrennt."
Tauten
fand darauf keine Antwort mehr. Er sah sie noch eine Weile starr an, schüttelte
den Kopf und ging stumm in seine Kammer.
Therese
wusch sich und zog sich um. Sie wollte zu den alten Kreusats. Die
brauchten jetzt jemanden um sich.
Sie
begegnete in den Straßen den umherstehenden Soldaten und wandte ihre
Augen ab. Sie hasste diese Gesichter und diese Uniformen. Sie eilte
schneller.
Die
alten Kreusats saßen stumm in ihrer Küche. Als sie eintrat, stieß
Frau Kreusat einen Jammerlaut aus: „Da kommt sie!" Sie fragte:
„Hast du Franz mitgebracht?"
Therese
lief auf sie zu und zog die alte Frau in ihre Arme. „Mutter!"
Beide weinten.
Martin
Kreusat stand auf und ging in seine Kammer.
Bedrückende
Wochen durchlebten die Menschen. Endlich verkündigte die Regierung eine
Amnestie.
Die
außerhalb des Ruhrgebiets weilenden Flüchtlinge wurden aufgefordert,
zu ihren Familien zurückzukehren; es würde ihnen nichts geschehen.
Man
spürte aber keine Freude. Überall lebte der Schrecken weiter. Die
Leute auf den Feldern erhoben schnell ihre Köpfe, wenn irgendwo ein
Hufschlag ertönte. Man war noch nicht sicher, ob die Ordnungstruppen
nicht noch einmal ankämen. Die Ruhe war ein dauerndes Zittern und
Ausschauen nach neuen Feinden.
Den
Sommer über wartete man auf jene, die noch nicht zurück waren. Man
hatte sie vor Dorsten, vor Wesel, in Mülheim und einige noch vor Essen
gesehen, aber sie kamen nicht. Der Wurzbacher fehlte, der Johann Kaluga
fehlte, der Edy Koschewa und der Martin Kaminski fehlten; aus den
Nachbarstraßen fehlten welche. Aus allen Orten und aus allen Kolonien
rundum fehlten noch viele.
Die
paar Bäumchen, die in den rußigen Straßen standen, verloren schon
ihre Blätter. Dürr und welk nahte der Herbst. Der Mensch spürte Hass
und Erbitterung. Wenn es eine Ordnung und Gerechtigkeit gäbe, dann müsste
eine furchtbare Strafe über diejenigen hereinbrechen, die dem armen
Volk dieses neue Unglück bereitet hatten. Man konnte ja einander nicht
mehr anblicken, ohne nicht selber in Heulen und Knirschen auszubrechen,
so schwer war das Leben wieder geworden,
Oft
sah man auch Therese vor dem Haus, wo Kreusats wohnten, stehen. Sie
sagte nichts, sie klagte nicht -ein sonderbar still und ernst gewordenes
Geschöpf. Sie erwartete ihre schwere Stunde.
Die
Naumannsche traf sie zuweilen vor der Tür und schrie jammernd: „Warte
doch nicht, Kind, reg dich lieber etwas und versuche, darüber
hinwegzukommen!" Die ewig beschäftigte Frau trug wieder die
Zeitung aus und rannte von Haus zu Haus, um die bedrückten Leute
aufzumuntern, die alle noch unter dem Alpdruck lebten.
Endlich
war auch Zermack mit Miller und Fritz Raup zurückgekommen. Die Frau und
die Kinder empfingen ihn schreiend: „Der Vater ist da!"
Als
sich der erste, schmerzliche Wiedersehenssturm gelegt hatte, fragte
Zermack: „Ist Kreusats Junge wiedergekommen?" Die Frau schüttelte
den Kopf und fuhr mit der Schürze über ihre Augen. Der große Mann kämpfte
mit sich. Er setzte sich auf die Bank und hob seinen Jüngsten auf. Er
strich dem Kleinen, der ihn nicht wieder erkannte, über den Kopf und
beruhigte: „Schrei doch nicht, Kind, oder bin ich dir schon so fremd
geworden?"
Seine
Frau fragte ihn ängstlich: „Und wirst du wieder anfahren?"
„
Es ist ja Amnestie", antwortete er, bitter auflachend, „und
angeblich Order, alle wieder anfahren zu lassen."
Sie
griff nach einigen Grubensachen: „Die muss ich auch noch flicken, wenn
du wieder anfahren wirst." Sie sagte es nur, um ihre Tränen zu
verbergen, die ihr immerfort aufstiegen. Es gab ja überall nur Trauer
und Angst um die nicht heimgekehrten Männer; und auch sie hatte sich
schon allerhand Gedanken gemacht, ob sie ihn nicht festgenommen und ihm
was angetan hatten.
Als
sie aus der Kammer einige Sachen hervorholte, um sie zu flicken, und der
Hauer sich wieder gedankenvoll auf dem Schemel niedergelassen hatte,
erschien in der Tür plötzlich bleich und aufgeregt der älteste Junge.
„Vater, verschwinde irgendwo, man will dich holen", sagte der
Junge und drängte ihm rasch den aufgegriffenen Rock in die Hand.
„Geh, geh, sie wollen herkommen!" Frau Zermack kam aus der Kammer
und sah erschrocken ihren Mann an.
„
Mein Gott, wieder!"
„
Ruhig", ermahnte der Hauer und nahm widerstrebend den Rock.
„Erschreckt nicht gleich wieder. Wer sagte denn das?" wandte er
sich an den Jungen.
„
Geh, geh", drängte der aufgeregte Junge, und auch Frau Zermack
bat: „Geh weg, Vater!"
Zermack
zögerte noch, während der Junge erzählte: „Der Tille hat's dir
sagen lassen. Ich soll dich warnen. Man will dich holen."
„
Der Tille." Zermack kannte den alten Schutzmann als einen vernünftigen
Mann. Er sagte trotzdem noch widerstrebend: „Es kann doch nur Unsinn
sein. Die haben doch die Amnestie erlassen..." Er glaubte aber
selber nicht mehr daran, denn schon auf dem Heimwege war ihm von neuen
Verhaftungen in der Stadt erzählt worden. Er ließ sich jetzt ohne
Widerstreben von dem Jungen hinausziehen. Der Hauer stand auf dem Hof.
Er hatte, in einer kurzen Auflehnung, das Verlangen, in den Stall zu
gehen, dort das Beil zu nehmen und sich, wenn sie ankämen, zur Wehr zu
setzen. Aber der Junge zog ihn bei der Hand weiter ins Feld hinaus.
„Geh in die Kolonie, da kannst du vielleicht irgendwo unterkommen; ich
sage, du bist noch nicht zurück." Er schob ihn weiter.
Zermack
stand einen Augenblick auf dem Feldweg. „Das ist die Heimkehr."
Er schüttelte den Kopf. Er ging langsam nach der Kolonie hinauf.
Vielleicht konnte er dort eine Weile bei einem Kumpel unterkommen, bis
sich die Gefahr verzogen hatte. In Gedanken versunken ging er in die
Straße hinein, wo Wurzbachers Familie wohnte. Er wusste nicht, dass
Wurzbacher noch nicht zurückgekommen war, und klopfte bei ihm an. Frau
Wurzbacher kam heraus. Er sah ihr verhärmtes Gesicht und wagte nicht,
nach dem Mann zu fragen. Sie sagte selber: „Ihr seid alle zurückgekommen,
nur meiner ist irgendwo liegen geblieben; jetzt sitz' ich hier mit den
sechs Kindern ohne Brot. Die Mörder, die verfluchten!" weinte sie.
Zermack
stand beklommen da und wusste nicht, was er der Frau sagen sollte. Er
ging endlich weiter. Da rief ihn jemand an. Er sah sich um, erkannte
Christian Wolny. „Die sind wohl auch hinter dir her?" fragte der
frühere Kuli.
Zermack
nickte abwesend. „Ja, man hat sich kaum sehen lassen, schon jagen sie
hinter einem her. Ich musste von Hause weg, weil sie zu mir kommen
wollen!"
Christian
Wolny zog ihn mit: „Komm, gehn wir zu Heise." Zermack zögerte,
aber Christian erzählte: „Der Schigalski hat ihn zwar wieder
herausgeholt, aber Heise hat sich in den letzten Tagen gewandelt und hält
zu uns. Auch Renteleit hält sich bei ihm auf, weil sie ihn schon
gesucht haben!"
Heise
empfing sie wortkarg. Renteleit saß in der Stube. „Jetzt spielen wir
wieder Hasen, trotz der Amnestie", sagte der schwerfällige Mensch
und lachte ingrimmig.
Heise
trat in die Stube und sagte zu Zermack: „Ich halte es für richtiger,
wir bringen euch woanders unter, denn ich bin noch nicht sicher, ob sich
Schigalskis Sinn nicht wieder wandelt."
Zermack
erfuhr von Renteleit, dass Heise mit der Sozialdemokratischen Partei
gebrochen hatte, und verstand jetzt erst, dass dieser früher so
widerspruchsvolle Mann ihnen bereitwillig seine Hilfe anbot. Heise hatte
durch andere erfahren, dass sein Junge glücklich fortgekommen war.
Heini saß noch irgendwo in Elberfeld.
Heise
brachte Zermack am Abend zu seinem Schwager Schocke, der in der
Stinnesstraße wohnte, schon länger zu der Opposition stand und sich
gleich bereit erklärte, Zermack bei sich unterzubringen. Schocke hatte
sich an dem Kampf nicht beteiligt, weil er Grubeninvalide war, und
wollte wohl jetzt einen Teil Schuld abtragen.
Der
junge Zermack war wieder nach Hause gerannt. Er stieß auf der Treppe
auf eine Menge Nachbarn, und als er hinauf lief, hörte er in der Küche
die Stimmen einiger fremder Männer. Der Junge stürzte herein und
stellte sich erregt vor die Mutter.
„
Wo ist Ihr Mann?" fragte Heumisch Frau Zermack. Als sie keine
Antwort gab, ging er in die andere Stube und sah sich da um. Er fragte
den Jungen: „Wo ist der Vater?"
Der
Junge blickte ihn feindselig an: „Was wollt ihr wieder von ihm? Ich
schreie die ganze Umgebung zusammen, wenn ihr nicht gleich geht!"
„
Ich schlag dir gleich was auf das Maul!" knurrte der Beamte und
wandte sich an die zwei anderen, die mit ihm gekommen waren. „Er ist
ausgerückt! Wir hätten besser aufpassen sollen. Wir finden ihn aber
noch", sagte er, sich nochmals nach der Frau umwendend. Sie gingen.
Draußen war die Menge noch größer geworden. Man empfing die
herauskommenden Polizisten stumm und mit finsteren Blicken. Heumisch
ging schneller. Er hörte hinter sich mehrere der Männer grollend
reden: „Das ist ihre Amnestie. Man sollte die Kumpels auffordern,
gleich wieder die Brocken hinzuschmeißen. - Wir sind doch nicht ihre
Hunde, dass sie uns immer wieder hetzen können."
„
Schämt euch!" schrie die Naumannsche hinterher. „Geht zu dem
reichen Krupp und verhaftet den Kerl, der unser Elend verursacht!"
Noch
lange standen an diesem Abend die Leute vor den Häusern und
unterhielten sich empört über die ewige Jagd nach den armen Menschen.
„
Man sollte ihnen zeigen, dass wir noch nicht ganz zu Kreuze gekrochen
sind", sagten die Männer.
„
Ja, man sollte es ihnen noch mal zeigen." Zermack musste sich noch
einige Tage verbergen, bis er endlich die Gewissheit hatte, dass man
nicht mehr nach ihm fahndete. Die Partei und die Union hatten gegen
diese neue Maßnahme der Regierung zu einer Demonstration aufgerufen.
Es
war wieder wie in den Märztagen, als Zehntausende mit roten Fahnen, die
Internationale singend, durch die Stadt zogen. Die Grünen standen mit
ihren Karabinern da - sture Jägerblicke, aber sie wagten diesmal nicht,
zu schießen und die Demonstration aufzuhalten. Diese neuerwachte Masse
erschreckte sie und erinnerte sie wohl an jene Tage, da sie vor ihrem
Sturm kopflos geflüchtet waren.
Die
Regierung hatte die Strafverfahren endlich aufheben lassen.
Zermack
und Raup, denn auch dieser hatte auf einige Tage verschwinden müssen,
waren wieder nach Hause gegangen. „Hoffentlich ist jetzt die Jagd zu
Ende", sagte Zermack, der nach den letzten Wochen um viele Jahre
gealtert aussah.
Die
gewaltige Demonstration hatte gezeigt, dass ihr Widerstand, ihr Aufstand
noch nicht zu Ende war. Zermack und alle hofften und wussten, dass die
Macht der Krupp und Stinnes, und wenn es noch so lange dauerte, doch
einmal zu Ende gehen musste. Ihr zähes Anklammern an diese
stumpfsinnige Macht ihrer Söldnerarmee und all ihre Versuche, sich auch
der schwankenden Noskes und Schigalskis zu bedienen, um diese ihre Macht
zu behalten, würden einmal zu Ende sein. Und sie, die Gehetzten und
Elenden, die Schlepper dieses herzlosen Gefängnisstaates, sie würden
wieder auferstehen, ja, auferstehen, einiger und mächtiger, und für
sie würde es keinen Waffenstillstand mehr geben, bis die blutige Macht
von ihrer Erde verschwunden sein würde.
Draußen
fielen die letzten Blätter von den Bäumen. Die beiden Kreusats saßen
am Fenster und sahen hinaus. Die Stadt donnerte wieder von Arbeitslärm,
und von den Schächten tönten die Fördersignale. Man konnte das Rollen
und Klirren der Förderwagen und der Eisen hören.
„
Sie arbeiten wieder", sagte der alte Mann. „Sie haben sich wieder
untergeordnet. Sie schleppen wieder ihr Kreuz."
Die
Tür ging auf, und Therese schwankte unter einem Schmerzenslaut in die Küche.
Ihre Augen zeigten Angst, und ihr Ächzen weckte die beiden alten Leute
aus ihrer Versunkenheit.
„
Was ist denn, mein Kind?" schrie Frau Kreusat und lief ihr
entgegen.
Martin
Kreusat stand auf und rief mit dem gleichen Erschrecken: „Kind, was
ist denn?"
Therese
stand an der Tür und blickte hilflos von einem zum anderen. Sie ging
langsam, mit schleppenden Schritten seufzend auf Frau Kreusat zu und
fiel ihr um den Hals: „Das Kind!"
Frau
Kreusat führte sie in die Kammer. Sie streichelte ihr die Stirn und
wehklagte laut: „Das Kind kommt - und nicht ein reines Lümpchen haben
wir zur Hand. Nicht einen ganzen Bettbezug!"
Thereses
Hände verkrampften sich in ihre Arme: „Mutter, er kommt nicht!"
Auch
Kreusats Gesicht erzitterte und wurde feucht. Frau Kreusat drückte der
hereinkommenden Naumannschen rasch den Eimer in die Hand: „Holt Wasser
und setzt den großen Topf auf; fach das Feuer an", sagte sie zu
dem Mann, „ich renn' rasch weg, ein paar Laken borgen."
Die
Naumannsche brachte das Wasser und goss es in den Topf, den Kreusat auf
das Feuer stellte. „Mein Gott, man muss doch die Frau holen." Und
sie lief eilig hinweg, um die Hebamme zu holen. „Lieber Gott, lieber
Gott", jammerte sie, während sie hastig die Treppe hinunterstieg,
„jetzt kommt auch noch dieses Elend. Aber es ist vielleicht für alle
ein Glück; so kommen sie von ihren Gedanken ab."
Die
Wehemutter, Frau Kaduba, groß, breit, mit mütterlich besorgtem
Gesicht, kam mit einem Seufzer: „Ach, dieser Jammer!"
Frau
Freising hatte einen ihrer wenigen Bezüge mitgebracht, sie ging in die
Kammer und warf in Eile das zweite Bett auf.
„
Los, sie kann sich hier reinpacken!" Sie war so alt wie Frau
Kreusat und hatte das gleiche bekümmerte Gesicht. Sie faltete die Hände
und stieß klagend aus: „Wofür schindet man sich eigentlich mit ihnen
ab, sie werden einem doch nur umgebracht!" Sie hatte zwei im Krieg
verloren, und ihr Bruno war auch noch nicht nach Hause gekommen.
Während
Frau Kreusat jammernd umherlief, legte Frau Kaduba die erschöpfte
Therese in das andere Bett. Die Frauen umstanden in der Kammer das säuberlich
bezogene Bett und gaben Therese, die zuweilen laut aufschrie, Dutzende
Ratschläge. „So, leg die Arme um meinen Hals, halt dich ganz
fest." - „Brüll ein bisschen, kreisch drauflos, das hilft
schon." So redeten sie aufgeregt durcheinander.
Frau
Kreusat hatte auch die Tautens rufen lassen. Sie kamen beide an. Frau
Tauten lief schreiend in die Stube: „Ach, mein Kind, mein armes
Kind!" Sie fiel jammernd über die Tochter.
Tauten
blieb in der Küche. Er sagte nichts und horchte nur ängstlich nach der
Kammer. „Setz dich, Jakob", forderte ihn Martin Kreusat auf. Er
murmelte: „Es wäre besser gewesen, wenn der Junge wiedergekommen wäre.
Aber er kommt nicht - er kommt nicht mehr, sonst hätte er sich schon
irgendwie gemeldet!"
Tauten,
der mit schuldbewusster Miene dagestanden hatte, sagte endlich: „Nun
haben wir doch wenigstens das Kleine!" Er zog leise für sich eine
zweite Bank heran und saß abwartend da, seine Angst in der Faust
erstickend.
Als
die Weheschreie lauter anhuben, stand er auf und ging auf und ab. Auch
Martin Kreusat hatte einen unruhevollen Gang aufgenommen und murmelte öfters:
„Es könnte doch wohl jetzt schon genug der Qual sein!" Da erhob
sich drinnen der letzte, laute Schrei. Die beiden Männer verstummten
und starrten nach der Kammer. -Jetzt erscholl das kleine, kreischende
Stimmchen.
Beide
Männer stöhnten erlöst. Tautens Augen flossen jetzt ungehemmt über.
Frau
Kaduba trat heraus: „Es ist da!"
Hinter
ihr kam zitternd Frau Kreusat: „Es ist da, ein Jüngelchen!" Sie
schnaubte in die Schürze. „Mein Gott, jetzt fehlt nur der Große
noch!"
Der
Große lag im Wald bei Wesel.
Oben
in der Salkenberg-Kolonie saßen bei Renteleit eine Anzahl Männer. Man
sah auch Zermack, Raup und Miller darunter. Miller war mehrere Monate
weggewesen und kam wortkarger zurück. Zermack hatte die Genossen
zusammengerufen. Im Oktober hatte in Halle der Vereinigungsparteitag der
Kommunistischen und der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei
stattgefunden, und auch hier sollte, wie überall, der Zusammenschluss
der beiden Parteien vollzogen werden. Miller hatte noch keine Erklärung
abgegeben. „Entscheide dich", sagte ihm Zermack, „du weißt,
dass von deiner Entscheidung vieles abhängt, ob wir die ganze
Ortsgruppe mitbekommen. Es sind über hundertachtzig Mitglieder, und wir
wollen sie nicht einer neuen Verwirrung überlassen."
„
Ich weiß nicht, wie ich mich entscheiden soll", sagte Miller.
Stamm meldete sich. „Du weißt, dass ich mit mir schwere Kämpfe
durchzumachen hatte", sagte er, „und ich hab' mich für ein
Zusammengehen mit euch entschieden. Und auch heute entscheide ich mich
wieder für euch. Die alte Zeit mit dem vielen Schwanken muss ein Ende
nehmen. Dir dürfte es auch nicht so schwer sein, dich für das Bessere
zu entscheiden."
Miller
schwieg. Sein Gesicht arbeitete angestrengt. Die anderen warteten und
sahen ihn an. Endlich hob er den Kopf und sagte: „Ich kann mich noch
nicht entscheiden."
Die
anderen standen auf. Zermack sagte: „Überlege es dir, enttäusche die
Genossen nicht, Wilm. Unser Kampf beginnt erst." - Die anderen
nickten. - Auch der graue Heise nickte. - Zermack sah Miller an: „Du
willst doch jetzt nicht auf der Strecke liegen bleiben?"
Miller
stand auf und ging allein hinaus.
Die
anderen folgten. Draußen sagte Miller: „Es ist eine ernste Sache,
aber ich will nicht nachgeredet bekommen, dass ich flüchten will!"
Die
Feuer brannten wieder, und vom Schacht tönten die Fördersignale. Aus
einem der Häuser ertönten die Klänge eines Bandoneons. Zermack hörte
die Melodie und den Gesang mehrerer junger Stimmen: „Brüder, zur
Sonne, zur Freiheit, Brüder, zum Lichte empor, hell aus dem dunklen
Vergangnen leuchtet die Zukunft hervor..."
Es
war Christian Wolny. Christian führte jetzt die Kommunistische
Jugendgruppe. In der kleinen Kammer saßen der junge Heise, Martin
Kaminski mit Edy Koschewa und Bruno Freising und eine Schar anderer. Bruno
spielte Bandoneon. Christian Wolny stand aufrecht und sang mit glücklichem
Blick: „Auf, und verjagt die Tyrannen, auf dass ihre Herrschaft
zerschellt..."
„
Unsere guten Jungen!" sagte Fritz Raup. „Unsere Hoffnung. Aber
wir sind auch noch da und werden nächstens noch mit mehr kommen. Mit
noch mehr."
Die
Flammen im Krupp-Werk stiegen hoch in den Himmel. Zermack sah hin und
lauschte. Er hörte das Dröhnen der Eisen und das Pochen der schweren Hämmer.
Er sah die Schächte und die Berge von Kohle und dachte an die vielen,
die sich unten und in dem flammenden Werk wieder um das trockene Brot
abmühten. Ihr Müheland, ihr Schmerzensland, ihre Ruhr! „Und wir
werden uns von all den Peinigern frei machen, und wenn wir noch dutzende
und hunderte Male in den Tod ziehen müssten!" sagte er. „Und
wenn wir es nicht selber erleben, dann sollen es unsere Kinder erleben.
Ja, wir werden uns nicht aufgeben, bis das Land von allen Henkern frei
ist. Es ist unser Schweiß, es sind unsere Blutstropfen, unsere Mühe.
Unsere Mühe!" „Unsere Mühe!" sagte Stamm.
Die
Stadt stand rot und hell in dem auflodernden Flammenschein, als schürten
dort mächtige Arbeitsarme die neue Glut. Und das Klirren der Ketten und
die Schreie der Lokomotiven hörten sich an, als risse ein stöhnender
Riese an seinen Fesseln…
Kapitel
7
Schwarz
und ölig wälzten sich die Fluten des Alt-Essener Kanals. Renteleit lag
mit Christian Wolny und mehreren anderen Männern in einer Vertiefung
hinter dem Maschinengewehr. Jenseits des Kanals lief die Reichswehr
umher. Sie schoss drüben aus den Häusern. Auch Geschütze donnerten drüben,
und einzelne Granaten schlugen in der Nähe der abgehetzten
Maschinengewehrmannschaft ein und überschütteten sie mit Splittern und
mit aufgewühlter Ackererde. So hatten sich Renteleit und Christian seit
vielen Tagen bis hierher geschleppt und immer wieder gewehrt. Auch der bärenstarke
Renteleit war fast am Ende seiner Kräfte. Es waren ihrer immer weniger
geworden, und Renteleit übersah mit immer größerer Sorge die einzeln
und zu zweit und dritt hinter dem Kanal verstreut kauernden Genossen,
die dem Feind das Eindringen in ihre Stadt zu wehren versuchten. Sie
waren dreckig von Staub und Schweiß und abgerissen von dem Kriechen in
den Feldern und in dem Gebüsch, und hungrig, weil sie sich nur selten
Zeit nahmen, um sich in den Bauernhäusern das Stück Brot zu erbetteln.
Auf Hilfe hofften sie kaum noch, denn sie wussten, dass sich in der
Stadt alles in voller Auflösung befand. Sie fühlten sich aber
verpflichtet, wenigstens noch das Wegschaffen der Verwundeten zu
sichern. Diesseits feuerten noch einige Maschinengewehre.
Die
Kumpels schossen sparsam, denn sie verfügten nur noch über wenig
Munition. Auch Christian überzählte oft eilig und mit immer größerer
Besorgnis den Rest, den sie in den leergeschossenen Gurt steckten, um
dann und wann wieder einige Schüsse abfeuern zu können.
Sie
mussten einige Male ihre Deckung wechseln, weil sie von den Granaten
aufgespürt wurden, die immer in bestimmten Abständen heranrauschten
und mit einer ziemlichen Zielsicherheit vor und hinter ihnen krepierten.
Obwohl fast keine Hoffnung auf Hilfe vorhanden war, sah auch Renteleit
zuweilen noch sehnsüchtig nach der rückwärts liegenden Stadt. Aber
dort wurden von den Ängstlichen schon eilends die Gewehre abgegeben,
und sie liefen auseinander. Anstatt der Verstärkung wurde ihnen an den
Kanal die bittere Nachricht gebracht, dass der Kampf abzubrechen sei.
„
Jetzt sind wir fertig", seufzte einer der grauen Männer neben
Renteleit.
„
Schießt dorthin schnell ein paar Kugeln ab", befahl Renteleit
Christian Wolny, „dort hinter der Brücke rennt die Reichswehr."
Christian
Wolny schoss wieder verbissen hinüber. Mit einem Blick auf den Gurt
sagte er erschrocken: „Wir haben bald keinen Schuss mehr drinnen.
Schickt doch schnell einige Leute zu den anderen, sie sollen uns
Munition ausborgen."
Die
anderen sagten, als man sie um Munition bat: „Wir haben ja selber
nichts mehr", und einige sagten böse: „Geht, holt sie euch drüben
von den Noskes, da haben unsere Feiglinge die Munition zurückgelassen.
Jetzt werden wir damit abgeknallt."
Renteleit,
der selber bei einer Gruppe vorgesprochen hatte, kam, nachdem er längere
Zeit im Gelände herumgekrochen war, mit einigen Patronen, die er bei
den Toten in einem Loch gefunden hatte, zurück. Sie konnten wieder ein
paar Schüsse abfeuern.
„
Bald ist es vorbei!" sagte auch er jetzt schon verzagt.
In
der Stadt tönten die Glocken. „Ostern!" sagte Renteleit. „Die
Spießer feiern Erlösung!" Ein heiseres Lachen erschütterte ihn.
„Sie feiern ihre Befreiung, während wir hier verrecken."
„
Lasst uns abbrechen!" klagte ein kleiner verwundeter Schlepper.
„Mit den paar Handvoll können wir nichts mehr halten."
Renteleit
schrie ihn wütend an: „Du bleibst hier, keiner regt sich weg. Wenn
wir den Kanal freigeben, erschlagen sie uns in der Stadt die
Verwundeten."
Er
kroch noch einmal zu den anderen und kam mit einem halben Munitionsgurt
zurück. Die Gruppe hatte den letzten Patronengurt geteilt. Sie schossen
wieder, sparsam, sparsam...
Jenseits
des Kanals knallten ununterbrochen die Maschinengewehre der Reichswehr,
und die Geschütze donnerten in immer kürzeren Abständen. Die Söldner
brauchten nicht zu sparen.
Ein
verdreckter Mann kroch in Renteleits Grube. Dieser verband gerade einen
seiner Salkenberger, den Schorsch Plewka, der ihm die ganze Zeit still
und anhänglich gefolgt war, und den eine Kugel der Reichswehr in den
Hals getroffen hatte.
„
Ist ein Schießmeister unter euch?" fragte der Genosse, in dem
Renteleit den Schotte wieder erkannte. Schotte schleppte einige Pakete
mit, während zwei Leute mit anderen Paketen folgten.
„
Die Brücke muss gesprengt werden!" erklärte Schotte eilig und
nahm Renteleit, der Schießmeister war, mit.
„
Und das Maschinengewehr?" fragte Christian Wolny erschrocken.
„Hier, packt die Handgranate drunter", sagte Schotte, „und
sprengt es!"
Renteleit
hatte Schotte unterwegs öfters getroffen. Er war einer der Mutigen, die
bis zuletzt ausharrten. Er nahm die Pakete und befahl Christian Wolny:
„Nimm dein Maschinengewehr und geh mit den anderen zurück!" Sie
hatten keine Patrone mehr, und das Maschinengewehr nützte ihnen auch
nichts mehr. Aber Christian hätte es um sein Leben nicht den Noskiten
überlassen; er musste es noch einmal verbergen, denn es würde
sicherlich wieder gebraucht. Sie verabschiedeten sich mit einem Blick,
in dem die Sorge des einen um den anderen lag. Und Christian Wolny kroch
mit seinem Maschinengewehr zurück.
Renteleit
war mit Schotte, nach einem mühseligen Kriechen, an der Brücke
angekommen, wo sie noch ein paar Genossen mit Sprengstoff erwarteten.
Dort stand noch ein Maschinengewehr, und die Kumpels hatten noch einige
Patronen. „Schießt, wenn sie uns drüben stören wollen", befahl
Schotte der Gruppe. Sie krochen an den Pfeiler und kletterten dort
angestrengt hoch. Mit den erfrorenen Fingern in die Eisenträger
verkrallt, schob Renteleit Paket um Paket darunter. Ein anderer Hauer
brach mit einem Spitzeisen und Hammer in einen der Pfeiler ein größeres
Loch und stopfte da eine Ladung hinein.
Die
Reichswehr schoss jetzt immer heftiger. Man schien die Männer bei ihrer
Arbeit bemerkt zu haben, und die Kugeln hämmerten gegen das Eisen- und
in das Steinwerk. Manche der Kugeln schlugen oft so dicht neben ihnen
ein, dass sie ihre Arbeit unterbrechen mussten.
„
Los, weiter", trieb Schotte. „Wir müssen fertig werden, sonst
kommen sie herüber und dringen in die Stadt."
Renteleit
stopfte die letzten Ladungen unter die Träger und verband sie mit den
Drähten. Die Maschinengewehre der Reichswehr schossen jetzt so niedrig,
dass Schotte und Renteleit sich nur mit Mühe zurückbewegen konnten.
Sie
rollten den Leitungsdraht auseinander und schlossen die Sprengbatterie
daran. Sie duckten sich in die Schollen. Renteleit drehte den Schlüssel
herum. -„Nichts!" sagte er betroffen. Er drehte noch einmal mit
stärkerem Ruck, so wie er es früher in der Grube immer getan hatte,
wenn ihm ein Kohlenschuss nicht kommen wollte... wieder nichts.
„
Nicht in Ordnung!" sagte er. „Ich geh' und seh' mal nach."
Er kroch wieder bis zur Brücke, wo sich der Draht gelöst hatte. Er knüpfte
den Draht wieder zusammen und kroch in dem Feuer der Maschinengewehre
der Reichswehr wieder die ganze Strecke zurück. Ein heftiger Schlag
traf seinen Arm, und er fühlte das Blut herausrinnen. Er kroch
trotzdem, ohne nach der Wunde zu sehen, bis zu Schotte zurück und
drehte mit der erlahmenden Hand an der Batterie, die schon das Blut aus
seiner Wunde überströmte. Ein erschütternder Donner dröhnte, und sie
sahen, wie die Brücke sich in dem aufwallenden Dynamitrauch hochbäumte
und mit den auseinander gerissenen Teilen in das Wasser sank.
Drüben
bei der Reichswehr verstummte für eine Minute das Feuer, dann aber
wurde es um so rasender.
Schotte,
der ganz erschöpft und mit gequollenen Augen in einer Grube saß,
befahl den wenigen, die noch dalagen, zurückzugehen. Sie gingen einzeln
und schossen, sich noch einmal umwendend, ihre letzten Kugeln gegen die
drüben hervorkommende Reichswehr ab. Dann schwankte einer nach dem
anderen in die Stadt, in der die Osterglocken dröhnten.
In
der Stadt standen die Menschen in den Straßen und horchten furchtsam
nach dem Kanal. Dort donnerten die Einschläge der Reichswehrgranaten.
Von Zeit zu Zeit kam ein einzelner Arbeiter mit dem leergeschossenen
Gewehr, forderte voller Hass noch einmal Patronen oder schrie die
zaudernden Männer wütend an: „Gafft doch nicht hier herum, sondern
geht nach vorn und helft!"
Die
Kaufläden waren geschlossen und mit Eisengittern verriegelt. Man befürchtete
wieder Plünderungen.
Da
und dort mischten sich die Bürger unter die erregte Menge, hörten zu
oder fragten die zurückkommenden Rotarmisten aus. Man merkte einigen
der Bürger die Zufriedenheit an. Sie flüsterten einander zu: „Die
Reichswehr ist da!"
Der
und jener Geschäftsmann war besorgt, dass man die Stadt beschießen könnte.
Ihre Blicke verrieten den verborgenen Hass gegen die abgelumpten und
verdreckten Gestalten, die noch immer voller Wut nach Verstärkung
schrien und den Kampf nicht aufgeben wollten.
Man
erzählte sich in der Menge voller Schrecken: „Die Noskes sind schon
in Bottrop! Sie verhaften alle unsere Leute."
Und
wieder schreit einer, der müde ein leeres Gewehr mit sich schleppt:
„Gafft doch nicht hier herum und schwatzt nicht. Los, Knarren genommen
und hin zum Kanal, sonst verrecken die paar Mann!" Er hockt sich
auf eine Steinstufe hin und schluchzt. Die Menge starrt ihn an. Ein
anderer mit einem Gewehr schreit: „Ihr seid alle schuld, dass wir
jetzt totgeschlagen werden. Ihr alle seid auf den Verrat eingegangen und
habt uns allein gelassen!" Er erhebt wütend sein Gewehr: „Und
ich überlass' es ihnen nicht!" und schmettert es mehrere Male
gegen die Hauswand, bis es zersplittert. Er wirft den Rest den Bürgern
vor die Füße: „Da! Jetzt könnt ihr's nehmen!"
„
Jesus Maria!" schrie eine der Frauen. „Die Menschen werden
irrsinnig!"
„
Halt dein Maul!" grollte der abgehetzte Mann, „morgen heulst du
vor Freude, wenn uns Watter an die Mauer stellt und abknallt! -
Platz!" schrie er.
Die
Menge wich zurück.
Die
welken, grauen Gesichter waren voller Trauer. Die Bürger gingen kopfschüttelnd
ihrer Wege.
Mit
einem furchtbaren Blick des Hasses humpelte der Verwundete davon.
Die
Stadt strich die roten Fahnen ein und hüllte sich in Trauer. Die Rote
Armee, deren letzter, verzweifelter Widerstand am Kanal gebrochen war,
befand sich in Auflösung und flutete ins Bergische Gebiet.
Der
revolutionäre Zentralrat in Essen hatte alles versucht, um den Zerfall
der Front noch einmal aufzuhalten, aber die zersetzenden Kräfte, die
sich teilweise der Führung der Kämpfenden bemächtigt hatten, unterstützt
durch Watters Drohungen und Versprechungen der Regierung, hatten diese
Auflösung beschleunigt.
In
der Stadt trieb sich wieder das Plündervolk umher ; die Verwirrung
ausnutzend, drangen sie in Scharen in die Geschäfte und tobten und
schleppten die Ware und Gegenstände heraus. Die letzten zurückkehrenden
Rotarmisten versuchten, die Plünderungen aufzuhalten.
Auch
Renteleit hörte schreien: „In der Grabenstraße schlagen die
Spartakisten die Fenster ein!"
„
Jetzt beschmutzen sie uns noch!" grollte der ermüdete Mensch. Er
hielt einige Genossen auf und zog sie mit nach der Grabenstraße. Die Plünderer
verließen gerade das Kaufhaus Freudenberg, vollbepackt mit Waren.
„
Wo wollt ihr damit hin?" schrie sie Renteleit voller Zorn an.
„
Wir haben Empfangsscheine!" antworteten ihm einige der Plünderer.
„Von wem?" „Vom Vollzugsrat!"
„
Bringt sofort die Sachen zurück!" befahl Renteleit und drohte:
„Ich schieß' euch einen nach dem anderen nieder, wenn ihr nicht
gleich die Sachen wieder zurückbringt!"
Einer
brüllte: „Schlagt ihm doch was auf den Schädel; er hat hier nichts
mehr zu sagen!" Renteleit knirschte und schoss. Er trieb die
anderen, die stumm geworden waren, in das Kaufhaus zurück: „Hunde,
Banditen verfluchte, nachher heißt es: ,Spartakisten'. Wenn sich noch
einer mit einem Stück Ware sehen lässt, dem geht es wie dem
Verbrecher!"
Auch
in der Limbecker Straße fielen Schüsse. Dort tobte ein Kampf zwischen
Arbeitern und Plünderern.
In
dieses Durcheinander brachten eilig heranradelnde Boten die Nachricht,
dass die Reichswehr einrücke.
Schotte
zog den aufgeregten Renteleit mit: „Komm, wir müssen weg!"
Renteleit
wandte sich noch einmal um und seufzte: „Verfluchte Verräter. Aber
wir kommen wieder. Wir kommen...!" Er taumelte fort. —
Am
Nachmittag standen die Panzerwagen der Reichswehr am Kathaus und vor den
anderen Verwaltungsgebäuden. In allen Straßen drohten die Mündungen
der Maschinengewehre.
In
der Viehhofer Straße standen die Leute. Einige aus der Stadt
heimkehrende Männer zeigten finster zurück: „Die Noskisten bringen
wieder welche fort!"
„
Der eine hatte das Gesicht aufgeschlagen, und der zweite konnte kaum
noch laufen. Er war verwundet!" erzählte zitternd eine andere
Frau.
Eine
dritte Frau jammerte: „Mein Gott, und mein Mann ist noch nicht zu
Hause. Ich weiß nicht, wo er steckt. Wenn sie ihn nur nicht
abgeschleppt haben."
Frau
Kreusat, die mit in der Menge stand, erzitterte, als sie von den
Verhaftungen hörte. Sie begann zu weinen. Sie wollte in die Stadt, um
nach dem Jungen zu sehn. Vielleicht war er unter den Verhafteten. Man
hielt sie zurück: „Bleib hier Mutter, da rasen sie jetzt, und du
kannst noch eine Kugel abkriegen."
Frau
Kreusat stammelte: „Mein Junge ist noch nicht zurück."
Der
alte Koschewa nahm sie mit: „Kommt, Frau Kreusat, meiner ist ja auch
noch nicht zurück. Vielleicht sind sie mit den anderen weitergezogen.
Hoffen wir, dass sie noch leben."
Frau
Kreusat suchte schon den ganzen Tag ihren Franz. Der eine erzählte ihr,
man hätte ihn bei Wesel gesehen, ein anderer glaubte, ihn bei den Zurückkehrenden
gesehen zu haben. Sie schwebte zwischen Hoffnungen und tödlicher Angst,
ihn nicht wieder zu sehen.
Sie
kam wieder nach Hause zurück und klagte ihrem Mann, der grübelnd am
Fenster saß: „Ich hab' ihn nicht gefunden."
„
Er wird vielleicht noch kommen", tröstete hüstelnd Martin Kreusat
sie.
„
Und wenn ihm doch was passiert ist?" klagte sie, „sie verhaften
jetzt alle in der Stadt. Vielleicht auch ihn." Martin Kreusat hüstelte
und wandte sich ab.
Fritz
Raup und Zermack waren abends zurückgekehrt. Miller war ihnen aus den
Augen gekommen, aber sie glaubten, dass er sich mit den anderen gerettet
habe. Sie gingen, nachdem sie ihre Frauen beruhigt hatten, wieder nach
der Wache. Sie trafen dort nur die Blauen an, die ihren Dienst wieder
aufgenommen hatten. In einer Ecke stand eine Menge abgegebener Gewehre,
und Zermack erfasste die Wut. Herr Loew kam aus dem Nebenraum - er war
wieder der wohlgesetzte Herr Kommissar Loew. Er sah die beiden Männer
und erklärte: „Meine Herren, wir haben den Auftrag, unseren Dienst
wieder aufzunehmen und uns um die Ordnung im Ort zu kümmern. Sie
wissen, dass die Arbeiter schon alle ihre Gewehre abgegeben haben, und
es wäre auch für Sie ratsam, dasselbe zu tun, bevor die Reichswehr
auch hier einrückt." Er spielte noch den vermittelnden Mann, weil
er des vollständigen Sieges der Reichswehr wohl noch nicht ganz sicher
war.
Die
anderen Blauen saßen mit abgewandten Gesichtern und anscheinend auch
noch nicht ganz sicher, ob man sie nicht doch noch einmal herausholen würde.
Zermack
starrte von einem zum anderen. Sein Gesicht arbeitete heftig. Er sagte
endlich gepresst: „Die Gewehre bleiben hier nicht stehen. Die kommen
gleich weg."
Herr
Loew wollte empört auffahren: „Meine Herren...", aber Zermack
schrie drohend: „Die Gewehre werden sofort weggebracht. Die Reichswehr
kriegt sie nicht in die Hände!"
Inzwischen
waren noch mehrere Kumpels von ihrer Schar hinzugekommen. Zermack befahl
ihnen, die Gewehre mitzunehmen. Die Männer nahmen jeder mehrere der
Gewehre, andere rafften die Munition zusammen.
Herr
Loew versuchte, ihnen zu wehren, aber Zermack schob ihn zurück und
sagte: „Noch sind wir hier. Die Reichswehr kriegt keine Patrone in die
Hände!"
Er
wandte sich noch einmal an Herrn Loew: „Wir gehen, aber wir kommen
wieder. Ich warne euch, euch an unseren Menschen zu vergreifen!"
Er
zog Raup hinaus. Sie standen draußen in der Nacht. Fritz Raup fragte:
„Was tun wir jetzt?"
Zermack
grübelte düster und antwortete: „Wir können hier nicht bleiben.
Komm, sagen wir es den Frauen, und dann gehen wir. Sie werden sich
entsetzen, aber es ist besser, wir gehen, als dass wir uns den Mördern
freiwillig ausliefern."
Die
Reichswehr rückte gegen Morgen in Stoppenberg ein. Sie kam um die
Stunde, als Jupp Zermack und Fritz Raup auf Umwegen in eine neue
Ungewissheit zogen.
Herr
Loew empfing den Unteroffizier, der mit einer Gruppe Soldaten auf die
Wache kam, mit einem Aufatmen. Jetzt war er endlich seiner sicher, und
er bedauerte, dass er vorher nicht seine ganze Energie zusammengerafft
und das Wegschleppen der Gewehre verhindert habe. Er meldete dem
Unteroffizier, dass die Polizei wieder ihren Dienst und die
Verwaltungsgeschäfte übernommen hätte. Er sagte nichts von den
Gewehren, weil er Sorge hatte, dass man ihn dafür verantwortlich machen
könne. Er blickte nur einen Moment misstrauisch auf die Blauen, aber
diese standen mit verschlossenen Dienstgesichtern da. Noch einmal
durchfuhr ihn der Schreck, als der Unteroffizier barsch fragte, ob die
Gewehre abgegeben worden seien. Herr Loew stotterte: „Das entzieht
sich meiner Kenntnis", und er schielte noch einmal nach den Blauen.
„Ich denke, es werden wohl noch welche in den Häusern stecken",
erklärte er in der Hoffnung, dass man die weggetragenen Gewehre bei dem
einen oder anderen wieder herausholen könnte. Der Unteroffizier drohte:
„Wir werden mit keinem fackeln, der die Roten vielleicht in Schutz
nehmen oder uns etwas verschweigen will. Die kommen alle auf Nummer
Sicher oder an die Wand!" Er ging mit der schwerbewaffneten Gruppe
wieder weg und ließ einen neuen Schrecken zurück.
Herr
Loew brummte bleich: „Man kommt niemals mehr zur Ruhe!" Er ging
in seinen Nebenraum zurück. Doch ließ es ihm drinnen keine Ruhe, er
kam wieder hervor und sagte zu den Blauen, die ihr Flüstern miteinander
gleich wieder unterbrachen: „Ich möchte Sie bitten, von der
Geschichte mit den Gewehren vor keinem etwas zu erwähnen, sonst machen
sie uns alle dafür verantwortlich."
Die
Polizisten schüttelten nur stumm die Köpfe. Am frühen Morgen kam der
Unteroffizier mit einigen der Soldaten und einem Leutnant wieder. Herr
Loew starrte sie erschrocken an. Der Leutnant sagte: „Wir werden
einige Haussuchungen vornehmen und brauchen dazu Ihre Leute, die sich
hier besser in den Buden auskennen. Bestimmen Sie gleich die einzelnen für
die verschiedenen Straßen."
Herr
Loew klappte die Hacken zusammen und sagte: „Jawohl, Herr
Leutnant!"
Der
Leutnant befahl noch einmal: „Aber eilen Sie sich, wir wollen sofort
anfangen!"
Herr
Loew sagte: „Jawohl", und verneigte sich etwas ungeschickt.
Die
Soldaten gingen. Herr Loew starrte die Blauen an, die mit verlegenen
Mienen dastanden. Er sagte: „Wir müssen schon den Befehl ausführen,
sonst kommen sie uns auf den Hals. Bitte, meine Herren, bereiten Sie
sich darauf vor, dass Sie gleich mitgehen können!" Er ließ
schnell auch noch die nicht anwesenden Schutzleute holen und ging blas
in seinen Raum. Die Blauen sahen sich an. Der ältere Tille brummte:
„Wenn man sich jetzt in den Häusern mit der Reichswehr sehen lässt,
dann kommen uns nächstens die Arbeiter wieder auf den Kopf. Man weiß
verflucht nicht mehr, wo man hingehört."
Am
nächsten Morgen gingen in der Salkenberg-Kolonie und in der Essener und
in anderen Straßen eilig Gruppen von Soldaten mit je einem Blauen in
die Häuser. Im Ort sah man viele graue Uniformen und berittene
Kommandos, die über die Felder sprengten. Die Reiter wühlten auf den
Äckern, wo sie Herr Kleinemann, der mutmaßte, dass man dort
verschiedene Gewehre vergraben hätte, heimlich hingewiesen hatte. Herr
Kleinemann winkte den vorbeikommenden Soldatentrupps und verbeugte sich
und stand stramm vor den Offizieren. Er sagte zu einem der
Unteroffiziere, der in der Straße die Haussuchungen vornahm: „Ihr
kommt leider etwas zu spät. Der Zermack und der Raup sind nicht mehr
hier. Sie hatten leider noch ausrücken können. Das waren nämlich die
Anführer."
„
Wo wohnen die beiden?" herrschte ihn der Unteroffizier an. Herr
Kleinemann nahm die Füße zusammen, wie früher bei seinem Wachdienst,
und zeigte auf die beiden Häuser, wo Raup und Zermack wohnten. Er fügte
noch hinzu: „Es sind noch mehrere mitgerannt, auch der Kreusat-Bursche
ist mitgefahren."
Der
Unteroffizier ging mit der Gruppe in das Haus, wo Fritz Raup wohnte. Er
befahl dem ihn begleitenden Tille barsch: „Gehen Sie vorauf, Sie
wissen doch wohl, wo die Genannten wohnen!"
Tille
ging der Gruppe vorauf. Er tat es nicht gern, denn gerade der Raup
kannte ihn sehr gut, und darum war ihm der Gang noch peinlicher. Der
alte Polizist empfand gegen diesen wütenden Reichswehrkerl und auch
gegen Loew eine unheimliche Wut, und er klopfte nur zögernd an die Tür
der Raupschen Wohnung. Er hörte drinnen einen Klagelaut und sah zögernd
den Unteroffizier an. Der stieß ihn zur Seite und riss die Tür auf.
Die Frau schrie und starrte die Soldaten an. Die vier Kinder umringten
sie erschrocken.
Der
Unteroffizier fragte: „Wo ist Ihr Kerl?"
Frau
Raup sagte zitternd: „Er ist nicht zu Haus." „Wir kriegen ihn
noch!" drohte der Unteroffizier und befahl den Soldaten, die
Wohnung zu durchsuchen. Die Soldaten warfen alle Sachen durcheinander,
rissen die Betten und Schränke auf und suchten überall; sie fanden
aber nicht die gesuchten Waffen. Sie kamen wieder aus der Kammer zurück.
Der
Unteroffizier drohte noch einmal der Frau: „Wenn wir deinen Kerl
kriegen, dann hängt er, verlas dich drauf!"
Die
Schar polterte hinter ihm hinaus.
Der
Unteroffizier befahl Tille: „Zu dem anderen!"
Tille,
der noch rasch Frau Raup einen entschuldigenden Blick zugeworfen hatte,
ging mit rotem Gesicht vorauf, in das nächste Haus, wo Zermack wohnte.
Frau
Zermack, die auf diesen Besuch schon vorbereitet war, blickte der
eindringenden Schar ruhiger entgegen. Der Unteroffizier schrie sie wie
Frau Raup an: „Wo ist Ihr Kerl?"
Auch
Frau Zermack antwortete: „Mein Mann ist nicht zu Hause."
Der
Unteroffizier schrie Tille an: „Ihr Feiglinge habt sie alle entschlüpfen
lassen. Auf der Wache sitzen sie und dösen. Ihr seid mir schon eine
Polizei! Aber das wird euch angekreidet!" drohte er.
Sie
durchwühlten auch Zermacks Wohnung, rissen Dielenbretter heraus,
klopften die Wände ab. Der Unteroffizier drohte der stummen Frau:
„Man soll euch alle totschlagen, mehr seid ihr nicht wert. Wenn wir
den Kerl nicht kriegen, dann holen wir dich, dann wirst du beichten, wo
er steckt."
Sie
zogen ab.
„
Führen Sie uns zu den anderen!" befahl der Unteroffizier Tille.
Tille stammelte: „Die anderen sind harmlose Leute..."
Der
Unteroffizier lachte wütend: „Harmlose Leute, alles harmlose Leute.
Sie wollen Soldat und Polizist sein? Man sollte auch euch alle erschießen!"
Tille
schwor sich, als er in das nächste Haus ging, wo die Kreusats wohnten,
dass er diesen Dienst nächstens aufgeben würde.
„
Wenn dieses Unglück bloß vorbei ist, dann bin ich mit der Uniform
fertig", sagte er sich, während er die Treppe zu den alten Leuten
hinaufstieg.
Der
Unteroffizier klopfte nicht an, er stieß brüsk die Tür auf. Die alte
Frau wollte schreien, aber Martin Kreusat hielt sie zurück. „Sei
still, Mutter!"
„
Wo ist euer Kerl?" schrie der Unteroffizier.
Sie
erhob entsetzt die Hände.
Martin
Kreusat antwortete: „Das weiß Gott. Er ist noch nicht nach Hause
gekommen."
Der
Unteroffizier stierte ihn an: „Einen Verbrecher habt ihr
erzogen!" stieß er wütend heraus.
Martin
Kreusats altes Gesicht wurde grauer und erzitterte. Er wurde größer.
„Mein Sohn ist kein Verbrecher", antwortete er jähzornig. „Wir
haben unseren Sohn gut erzogen, aber die anderen wollten ihn schlecht
erziehen. Die anderen, die mich früh zum Invaliden gemacht haben, zu
einem kranken, sterbenden Menschen, der sich mit fünfzig Jahren nicht
mehr bewegen kann. Mein Sohn war ein guter Mensch!"
Der
Soldat stierte ihn rot an. Er erhob knirschend die Pistole. Einen
Augenblick schien es, als wollte er gegen die Brust des alten Mannes
abdrücken; dann ließ er die Pistole wieder sinken, sagte voller Wut:
„Pack!" und winkte den Soldaten.
Sie
polterten hinaus.
Martin
Kreusat murmelte noch in Auflehnung: „Wir sind kein Pack. Ihr seid die
Tiere, die sich für die schändliche Sache hergeben. Mein Sohn ist ein
guter Mensch."
Eine
Reichswehrtruppe war in Tautens Haus gegangen. Jakob Tauten saß oben
allein in der Küche - seine Frau war nach Stoppenberg, um Therese zu
suchen - als er die schweren Stiefel auf der Treppe vernahm. Er machte
die Tür auf und trat hinaus. Er sah die Soldaten heraufkommen und
starrte sie verwirrt an.
„
Wo wohnt hier Tauten?" herrschte ihn der Feldwebel an, der diese
Schar anführte.
Tauten
stammelte: „Das bin ich" - und starrte noch immer verständnislos
auf die Soldaten.
Der
Feldwebel stieß ihn in die Küche. „Haben Sie Gewehre im Haus?"
herrschte er ihn wieder an.
Tauten
stammelte: „Ich hab' mein Gewehr abgegeben. Ich bin schon seit
mehreren Tagen zu Hause und nehme an nichts mehr teil." Der
Feldwebel sagte zu den Soldaten: „Der wird mitgenommen!" Er ließ
die anderen die Wohnung durchsuchen, während Tauten in voller
Verwirrung zusah. „Aber Menschen, was wollt ihr denn?" fragte er.
„
Das wirst du schon selber wissen, was wir wollen", antwortete der
Feldwebel und befahl ihm: „Zieh den Rock an und komm mit!"
Jakob
Tauten suchte zitternd seinen Rock, zog sich an und ging seufzend mit.
Er fragte auf der Treppe noch einmal: „Aber, was wollt ihr denn von
mir?"
Die
Soldaten stießen ihn ohne Antwort vor sich her.
In
der niedrigen, langen Kegelbahn der Wernerschen Schenke standen schon
eine Anzahl der Kolonisten und verschiedener Leute aus dem Ort. Die
Reichswehr hatte auch den alten Koschewa und den grauen Heise geholt.
Tauten musste sich wie die anderen mit dem Gesicht gegen die Wand
stellen.
„
Was wollen sie denn von uns?" wandte er sich noch ganz eingeschüchtert
an den starrblickenden Heise.
Einer
der Soldaten schrie ihn an: „Halt dein Maul, hier wird nicht
geredet!"
Tauten
wurde still, seufzte und wandte sich wieder mit dem Gesicht nach der
Wand.
Sie
standen schon mehrere Stunden in der gleichen Ungewissheit.
Erst
am Nachmittag hörte Tauten Schigalskis Stimme, der mit den Soldaten und
dem Wachunteroffizier sprach. Er drehte sich um und sah Schigalski mit
dem Unteroffizier hereinkommen.
Schigalski
schalt: „Ich hab' dir gesagt, dass du mit hineinschluderst. Jetzt hast
du deine dumme Freundschaft mit Miller und Zermack. Jetzt muss man alle
Behörden abrennen und sich das Maul wundschwätzen, um dich wieder
freizubekommen."
Jakob
Tauten hörte nur, dass er wieder freigelassen werden sollte, und sah
den Parteisekretär dankbar an.
Schigalski
verhandelte noch einmal mit dem Unteroffizier, zeigte die Bescheinigung
von der höheren Kommandostelle der Reichswehr, bei der er, nach vielem
Verhandeln, Tautens Freilassung erwirkt hatte. Er zeigte auch seinen
Sekretärausweis der Sozialdemokratischen Partei vor und sagte: „Meine
Partei war immer gegen diesen sinnlosen Kampf, und wir bedauern, dass es
soweit gekommen ist."
Er
konnte Tauten mitnehmen. Tauten, von den Schrecken noch ganz geschwächt,
schwankte neben ihm her, während Schigalski weiterschimpfte: „Ich
hab' dir immer gesagt, dass du dich hineinreiten wirst, aber du hast
nicht darauf gehört. Du kannst noch von Glück reden, dass wir uns
darauf besonnen haben, dass du früher deine Pflicht besser erfüllt
hattest, sonst wäre es jetzt um dich geschehen."
Tauten
antwortete nicht. Er dachte nur: Nach Hause, nach Hause, die Frau wird
sich zu Tode ängstigen.
Schigalski
holte abends auch noch den Heise heraus, den er mit den gleichen Vorwürfen
überschüttete, dass er den Jungen mit hinausrennen ließ. „Der hört
nicht mehr auf mich", antwortete Heise, der wegen des Sohnes aus
dem Haus geholt worden war. „Er ging einfach weg und hat sich bis
jetzt noch nicht sehen lassen."
Schigalski
knurrte: „Du hättest ihn anders erziehen sollen, dann wäre er dir
besser gefolgt."
Heise
blickte ihn mit einem stillen Hass an: „Besser erziehen, sagst du,
sollen wir die Kinder. Aber wenn ich ihn so erziehen soll", sagte
er plötzlich aufgeregt, „wie sie diese Söldner-Gesellschaft erzogen
haben, dann soll er lieber auf seinem Wege zugrunde gegangen sein."
Er fügte erstickt hinzu: „Das sind keine Menschen, das sind Bestien
und Mörder, die sie uns hergeschickt haben."
Nachts
kam der alte Koschewa mit zerschlagenem Gesicht nach Hause. Dutzende
Male hatten die Fäuste der Soldaten in sein altes, blutendes Gesicht
geschlagen. Er sollte verraten, wo sein Edy steckte. Er sagte immer: er
wisse es nicht. Und wenn er es gewusst hätte, er hätte den Jungen
nicht preisgegeben, nein, diesen Mördern nicht.
„
Den Wirrwa", erzählte er den Leuten, die furchtsam im Haus
zusammenstanden, „den sie mit verhaftet haben, musste man ins
Krankenhaus schleppen, so geschlagen hatten sie ihn. Erschossen soll er
werden."
Mehrere
Wochen lang ritten die Watter-Husaren durch Eisendorf. Sie preschten in
die Felder, sprangen ab, wühlten und jagten nach einiger Zeit wieder
davon.
Bei
dem Auftauchen der Reiter stoben die Leute voller Schrecken in die Häuser.
„Sie suchen wieder!"
Die
Mütter rissen die Kinder von der Straße, dass sie nicht unter die Hufe
der galoppierenden Pferde gerieten. Sie jammerten: „Die Teufel, was
suchen sie denn immerfort bei uns? Sie sollen lieber abziehen und die
Menschen nicht rumhetzen."
Die
Söldner zogen nicht ab. In den Schenken allabendlich zechend, erzählten
sie prahlend von ihren blutigen Menschenjagden, als handelte es sich um
Hasentreibjagden.
In
Hamborn waren vierundsechzig Arbeiter, in Pelkum bei Hamm zweiundneunzig
exekutiert worden. In Bottrop hatte man sie „wie Stangenvögel auf
einem Schützenfest" abgeknallt.
Willi
Werner, der nach dem Einrücken der Reichswehr wieder in Stoppenberg
aufgetaucht war, hatte in diesen Tagen hohen Betrieb. Die Nächte
hallten wider von Gelagen mit Willi, der seine Offiziersgäste gut zu
bewirten verstand. Langsam versammelten sich drinnen auch die alten
Stammgäste wieder. Klirrende Prosits und das Erhardt-Lied wechselten
mit zotigen Späßen und der Wacht am Rhein ab.
Am
nächsten Morgen preschten wieder die Husaren heran. Sie suchten nach
Waffen und nach verborgenen Rückzüglern. Stiefelknarren, Säbelklappern
- schneidende Stimmen: „Man soll euch alle einbuchten, dann ist man
euch Aufwiegler ein für allemal los!"
Herr
Kleinemann, der seine innere und äußere Sicherheit wieder völlig
hergestellt fühlte, redete in seinem Laden wie die „Allgemeine".
„Ja, die Vernunft hat sich Gott sei Dank wieder durchgesetzt und wir können
jetzt mit ruhigeren Zeiten rechnen. Die Regierung hat gut eingegriffen
und hat die notwendige Ruhe wiederhergestellt."
Er
ging jetzt auch wieder sicherer nach der Wernerschen Schenke, wo er sich
die Gespräche der Soldaten anhörte.
Stübel
und Schwerlich zechten mit, und auch Herr Kleinemann stieß mit den grölenden
Unteroffizieren auf den „Sieg" an: „Auf unseren alten
Hindenburg, meine Herren" - „Auf unsere tüchtigen Truppen!"
Herr
Kleinemann kam jetzt jeden Abend in gehobener Stimmung nach Hause.
„Jetzt haben wir endgültig unsere Ruhe!"
Die
„Allgemeine" und der „Kleine Anzeiger" (beides
konservative, von der rheinischen Industrie finanzierte Blätter)
berichteten: Die Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung und die
freiwillige Waffenabgabe machen gute Fortschritte!
Die
Husaren trieben mehrere Hundert Arbeiter zusammen, rasten noch einige
Zeit umher und zogen schließlich ab. Die Zeitfreiwilligen hielten
Einzug. Mit einer Gruppe drangen sie auch bei Frau Zermack wieder ein.
Ausgefütterte, rohe, dumme Gesichter. Stiefel knarrten, Gewehre
klapperten. „Wo ist Ihr Kerl?" schnauzte ein Leutnant, dass die
Kinder vor Schreck loszeterten.
Sie
wisse es nicht!
Sie,
seine Frau, wisse es nicht? Wem wolle sie dies vorreden! „Wenn er
geschnappt wird, dann kann er sich auf einen verfluchten Tanz gefasst
machen! Totschlagen soll man alle, dann ist man euch Sorte auf einmal
los!"
Die
Zeitfreiwilligen stöberten noch ein paar Rückkehrer auf und trieben
sie weg. Nach einigen Wochen zogen sie endlich ab.
Die
„Grünen" übernahmen als letzte und dableibende
Sicherheitstruppe die vollkommene Wiederherstellung der
„Ordnung".
Die
Seilscheiben in den Schächten drehten sich in alter Schnelligkeit. Die
„Allgemeine" berichtete mit Genugtuung: Die Besinnung des
arbeitenden Volkes habe die bösen Auswirkungen der blinden Verhetzung
überwunden. Man könne damit rechnen, dass der Kohleausfall der
Streikenden alsbald wiederaufgeholt sei.
Kapitel
8
Therese
war zurückgekommen. Sie hatte den ganzen Rückzug von Dorsten, einmal
mit dieser, einmal mit jener Schar, mitgemacht, immer wieder Verwundete
verbindend. Sie griff manchmal selbst nach einem Gewehr und schoss mit
den Männern gegen die vorrückende Reichswehr. Weil ihre Hoffnung, dass
Franz noch lebe, immer mehr sank, bewegte sie der Gedanke, dass sie ihn
jetzt zu vertreten habe. Und sie widersetzte sich den Männern, die sie
durchaus zwingen wollten, die Truppe zu verlassen und sich zu retten.
Sie
war an dem Tage nach Hause gekommen, als Tauten von den
Reichswehrsoldaten verhaftet worden war. Sie fand die Mutter krank im
Bett Hegen. Die alte Frau empfing sie mit der Klage: „Der Vater ist
verhaftet worden. Er ist doch unschuldig, weshalb hat man denn ihn
weggeholt? Geh hinaus, Kind, und sieh nach, wo er geblieben ist!"
Therese
war diesem kleinen, engen Leben und diesen Klagen schon so fremd
geworden, dass sie die Seufzer der verängstigten Mutter im Augenblick
gar nicht rührten. Sie zog das abgerissene und verdreckte Zeug aus und
ließ sich am Fenster nieder. Franz kommt nicht mehr! dachte sie.
Tauten
kam gegen Abend zurück.
Er
sah die Tochter am Fenster sitzen und blieb an der Tür stehen. Einen
Moment lang glitt ein kurzer Schein der Freude über sein noch blasses
Gesicht.
„
Das Kind ist da", sagte er, „nun bin ich auch die letzte Sorge
los." Er ging auf die Tochter zu und sagte: „Wir haben uns beide
unsinnigerweise hinreißen lassen, aber das kommt mir nicht mehr vor.
Jetzt wird wieder der Arbeit nachgegangen und alles vermieden, was uns
noch einmal in eine solche Lage führen könnte."
Therese
blickte ihn starr an: „Du hast wohl wieder deine Meinung
gewechselt", sagte sie enttäuscht und bitter. „Franz liegt wohl
draußen irgendwo totgeschlagen und Hunderte haben sich geopfert. Nur
Schigalski hat es nicht verstehen wollen und hat dich wohl wieder zu
dieser neuen Umkehr verleitet. Ich glaubte, dich anders
vorzufinden."
Tauten
hörte ihr verlegen zu. Er entschuldigte sich: „Was ich getan habe,
das musste ich tun, und das haben auch viele andere getan. Man kann sich
nicht gegen die Gewalt stellen, wenn sie stärker ist als wir. Und man
kann ja auch in Frieden erreichen, was man mit Auflehnung und Widerstand
nicht schaffen kann. Ich habe mich wieder besonnen, ja, und beabsichtige
nicht mehr, gegen den Willen meiner Partei zu handeln. Wenn Schigalski
nicht gewesen wäre, dann wäre ich wohl jetzt nicht mehr
losgekommen."
Therese
sagte erst nach einigen Minuten Grübelns: „Du hast nicht recht
gehandelt. Deine Umkehr ist Flucht vor dir selber, und die Politik
deiner Partei führt zum Verderben. Ich habe mich entschlossen, von heut
ab mehr auf die anderen als auf dich zu hören. Wenn du glaubst, dass
ich hier im Haus bleiben soll, dann bleibe ich, aber unsere übrigen
Wege haben sich getrennt."
Tauten
fand darauf keine Antwort mehr. Er sah sie noch eine Weile starr an, schüttelte
den Kopf und ging stumm in seine Kammer.
Therese
wusch sich und zog sich um. Sie wollte zu den alten Kreusats. Die
brauchten jetzt jemanden um sich.
Sie
begegnete in den Straßen den umherstehenden Soldaten und wandte ihre
Augen ab. Sie hasste diese Gesichter und diese Uniformen. Sie eilte
schneller.
Die
alten Kreusats saßen stumm in ihrer Küche. Als sie eintrat, stieß
Frau Kreusat einen Jammerlaut aus: „Da kommt sie!" Sie fragte:
„Hast du Franz mitgebracht?"
Therese
lief auf sie zu und zog die alte Frau in ihre Arme. „Mutter!"
Beide weinten.
Martin
Kreusat stand auf und ging in seine Kammer.
Bedrückende
Wochen durchlebten die Menschen. Endlich verkündigte die Regierung eine
Amnestie.
Die
außerhalb des Ruhrgebiets weilenden Flüchtlinge wurden aufgefordert,
zu ihren Familien zurückzukehren; es würde ihnen nichts geschehen.
Man
spürte aber keine Freude. Überall lebte der Schrecken weiter. Die
Leute auf den Feldern erhoben schnell ihre Köpfe, wenn irgendwo ein
Hufschlag ertönte. Man war noch nicht sicher, ob die Ordnungstruppen
nicht noch einmal ankämen. Die Ruhe war ein dauerndes Zittern und
Ausschauen nach neuen Feinden.
Den
Sommer über wartete man auf jene, die noch nicht zurück waren. Man
hatte sie vor Dorsten, vor Wesel, in Mülheim und einige noch vor Essen
gesehen, aber sie kamen nicht. Der Wurzbacher fehlte, der Johann Kaluga
fehlte, der Edy Koschewa und der Martin Kaminski fehlten; aus den
Nachbarstraßen fehlten welche. Aus allen Orten und aus allen Kolonien
rundum fehlten noch viele.
Die
paar Bäumchen, die in den rußigen Straßen standen, verloren schon
ihre Blätter. Dürr und welk nahte der Herbst. Der Mensch spürte Hass
und Erbitterung. Wenn es eine Ordnung und Gerechtigkeit gäbe, dann müsste
eine furchtbare Strafe über diejenigen hereinbrechen, die dem armen
Volk dieses neue Unglück bereitet hatten. Man konnte ja einander nicht
mehr anblicken, ohne nicht selber in Heulen und Knirschen auszubrechen,
so schwer war das Leben wieder geworden,
Oft
sah man auch Therese vor dem Haus, wo Kreusats wohnten, stehen. Sie
sagte nichts, sie klagte nicht -ein sonderbar still und ernst gewordenes
Geschöpf. Sie erwartete ihre schwere Stunde.
Die
Naumannsche traf sie zuweilen vor der Tür und schrie jammernd: „Warte
doch nicht, Kind, reg dich lieber etwas und versuche, darüber
hinwegzukommen!" Die ewig beschäftigte Frau trug wieder die
Zeitung aus und rannte von Haus zu Haus, um die bedrückten Leute
aufzumuntern, die alle noch unter dem Alpdruck lebten.
Endlich
war auch Zermack mit Miller und Fritz Raup zurückgekommen. Die Frau und
die Kinder empfingen ihn schreiend: „Der Vater ist da!"
Als
sich der erste, schmerzliche Wiedersehenssturm gelegt hatte, fragte
Zermack: „Ist Kreusats Junge wiedergekommen?" Die Frau schüttelte
den Kopf und fuhr mit der Schürze über ihre Augen. Der große Mann kämpfte
mit sich. Er setzte sich auf die Bank und hob seinen Jüngsten auf. Er
strich dem Kleinen, der ihn nicht wieder erkannte, über den Kopf und
beruhigte: „Schrei doch nicht, Kind, oder bin ich dir schon so fremd
geworden?"
Seine
Frau fragte ihn ängstlich: „Und wirst du wieder anfahren?"
„
Es ist ja Amnestie", antwortete er, bitter auflachend, „und
angeblich Order, alle wieder anfahren zu lassen."
Sie
griff nach einigen Grubensachen: „Die muss ich auch noch flicken, wenn
du wieder anfahren wirst." Sie sagte es nur, um ihre Tränen zu
verbergen, die ihr immerfort aufstiegen. Es gab ja überall nur Trauer
und Angst um die nicht heimgekehrten Männer; und auch sie hatte sich
schon allerhand Gedanken gemacht, ob sie ihn nicht festgenommen und ihm
was angetan hatten.
Als
sie aus der Kammer einige Sachen hervorholte, um sie zu flicken, und der
Hauer sich wieder gedankenvoll auf dem Schemel niedergelassen hatte,
erschien in der Tür plötzlich bleich und aufgeregt der älteste Junge.
„Vater, verschwinde irgendwo, man will dich holen", sagte der
Junge und drängte ihm rasch den aufgegriffenen Rock in die Hand.
„Geh, geh, sie wollen herkommen!" Frau Zermack kam aus der Kammer
und sah erschrocken ihren Mann an.
„
Mein Gott, wieder!"
„
Ruhig", ermahnte der Hauer und nahm widerstrebend den Rock.
„Erschreckt nicht gleich wieder. Wer sagte denn das?" wandte er
sich an den Jungen.
„
Geh, geh", drängte der aufgeregte Junge, und auch Frau Zermack
bat: „Geh weg, Vater!"
Zermack
zögerte noch, während der Junge erzählte: „Der Tille hat's dir
sagen lassen. Ich soll dich warnen. Man will dich holen."
„
Der Tille." Zermack kannte den alten Schutzmann als einen vernünftigen
Mann. Er sagte trotzdem noch widerstrebend: „Es kann doch nur Unsinn
sein. Die haben doch die Amnestie erlassen..." Er glaubte aber
selber nicht mehr daran, denn schon auf dem Heimwege war ihm von neuen
Verhaftungen in der Stadt erzählt worden. Er ließ sich jetzt ohne
Widerstreben von dem Jungen hinausziehen. Der Hauer stand auf dem Hof.
Er hatte, in einer kurzen Auflehnung, das Verlangen, in den Stall zu
gehen, dort das Beil zu nehmen und sich, wenn sie ankämen, zur Wehr zu
setzen. Aber der Junge zog ihn bei der Hand weiter ins Feld hinaus.
„Geh in die Kolonie, da kannst du vielleicht irgendwo unterkommen; ich
sage, du bist noch nicht zurück." Er schob ihn weiter.
Zermack
stand einen Augenblick auf dem Feldweg. „Das ist die Heimkehr."
Er schüttelte den Kopf. Er ging langsam nach der Kolonie hinauf.
Vielleicht konnte er dort eine Weile bei einem Kumpel unterkommen, bis
sich die Gefahr verzogen hatte. In Gedanken versunken ging er in die
Straße hinein, wo Wurzbachers Familie wohnte. Er wusste nicht, dass
Wurzbacher noch nicht zurückgekommen war, und klopfte bei ihm an. Frau
Wurzbacher kam heraus. Er sah ihr verhärmtes Gesicht und wagte nicht,
nach dem Mann zu fragen. Sie sagte selber: „Ihr seid alle zurückgekommen,
nur meiner ist irgendwo liegen geblieben; jetzt sitz' ich hier mit den
sechs Kindern ohne Brot. Die Mörder, die verfluchten!" weinte sie.
Zermack
stand beklommen da und wusste nicht, was er der Frau sagen sollte. Er
ging endlich weiter. Da rief ihn jemand an. Er sah sich um, erkannte
Christian Wolny. „Die sind wohl auch hinter dir her?" fragte der
frühere Kuli.
Zermack
nickte abwesend. „Ja, man hat sich kaum sehen lassen, schon jagen sie
hinter einem her. Ich musste von Hause weg, weil sie zu mir kommen
wollen!"
Christian
Wolny zog ihn mit: „Komm, gehn wir zu Heise." Zermack zögerte,
aber Christian erzählte: „Der Schigalski hat ihn zwar wieder
herausgeholt, aber Heise hat sich in den letzten Tagen gewandelt und hält
zu uns. Auch Renteleit hält sich bei ihm auf, weil sie ihn schon
gesucht haben!"
Heise
empfing sie wortkarg. Renteleit saß in der Stube. „Jetzt spielen wir
wieder Hasen, trotz der Amnestie", sagte der schwerfällige Mensch
und lachte ingrimmig.
Heise
trat in die Stube und sagte zu Zermack: „Ich halte es für richtiger,
wir bringen euch woanders unter, denn ich bin noch nicht sicher, ob sich
Schigalskis Sinn nicht wieder wandelt."
Zermack
erfuhr von Renteleit, dass Heise mit der Sozialdemokratischen Partei
gebrochen hatte, und verstand jetzt erst, dass dieser früher so
widerspruchsvolle Mann ihnen bereitwillig seine Hilfe anbot. Heise hatte
durch andere erfahren, dass sein Junge glücklich fortgekommen war.
Heini saß noch irgendwo in Elberfeld.
Heise
brachte Zermack am Abend zu seinem Schwager Schocke, der in der
Stinnesstraße wohnte, schon länger zu der Opposition stand und sich
gleich bereit erklärte, Zermack bei sich unterzubringen. Schocke hatte
sich an dem Kampf nicht beteiligt, weil er Grubeninvalide war, und
wollte wohl jetzt einen Teil Schuld abtragen.
Der
junge Zermack war wieder nach Hause gerannt. Er stieß auf der Treppe
auf eine Menge Nachbarn, und als er hinauf lief, hörte er in der Küche
die Stimmen einiger fremder Männer. Der Junge stürzte herein und
stellte sich erregt vor die Mutter.
„
Wo ist Ihr Mann?" fragte Heumisch Frau Zermack. Als sie keine
Antwort gab, ging er in die andere Stube und sah sich da um. Er fragte
den Jungen: „Wo ist der Vater?"
Der
Junge blickte ihn feindselig an: „Was wollt ihr wieder von ihm? Ich
schreie die ganze Umgebung zusammen, wenn ihr nicht gleich geht!"
„
Ich schlag dir gleich was auf das Maul!" knurrte der Beamte und
wandte sich an die zwei anderen, die mit ihm gekommen waren. „Er ist
ausgerückt! Wir hätten besser aufpassen sollen. Wir finden ihn aber
noch", sagte er, sich nochmals nach der Frau umwendend. Sie gingen.
Draußen war die Menge noch größer geworden. Man empfing die
herauskommenden Polizisten stumm und mit finsteren Blicken. Heumisch
ging schneller. Er hörte hinter sich mehrere der Männer grollend
reden: „Das ist ihre Amnestie. Man sollte die Kumpels auffordern,
gleich wieder die Brocken hinzuschmeißen. - Wir sind doch nicht ihre
Hunde, dass sie uns immer wieder hetzen können."
„
Schämt euch!" schrie die Naumannsche hinterher. „Geht zu dem
reichen Krupp und verhaftet den Kerl, der unser Elend verursacht!"
Noch
lange standen an diesem Abend die Leute vor den Häusern und
unterhielten sich empört über die ewige Jagd nach den armen Menschen.
„
Man sollte ihnen zeigen, dass wir noch nicht ganz zu Kreuze gekrochen
sind", sagten die Männer.
„
Ja, man sollte es ihnen noch mal zeigen." Zermack musste sich noch
einige Tage verbergen, bis er endlich die Gewissheit hatte, dass man
nicht mehr nach ihm fahndete. Die Partei und die Union hatten gegen
diese neue Maßnahme der Regierung zu einer Demonstration aufgerufen.
Es
war wieder wie in den Märztagen, als Zehntausende mit roten Fahnen, die
Internationale singend, durch die Stadt zogen. Die Grünen standen mit
ihren Karabinern da - sture Jägerblicke, aber sie wagten diesmal nicht,
zu schießen und die Demonstration aufzuhalten. Diese neuerwachte Masse
erschreckte sie und erinnerte sie wohl an jene Tage, da sie vor ihrem
Sturm kopflos geflüchtet waren.
Die
Regierung hatte die Strafverfahren endlich aufheben lassen.
Zermack
und Raup, denn auch dieser hatte auf einige Tage verschwinden müssen,
waren wieder nach Hause gegangen. „Hoffentlich ist jetzt die Jagd zu
Ende", sagte Zermack, der nach den letzten Wochen um viele Jahre
gealtert aussah.
Die
gewaltige Demonstration hatte gezeigt, dass ihr Widerstand, ihr Aufstand
noch nicht zu Ende war. Zermack und alle hofften und wussten, dass die
Macht der Krupp und Stinnes, und wenn es noch so lange dauerte, doch
einmal zu Ende gehen musste. Ihr zähes Anklammern an diese
stumpfsinnige Macht ihrer Söldnerarmee und all ihre Versuche, sich auch
der schwankenden Noskes und Schigalskis zu bedienen, um diese ihre Macht
zu behalten, würden einmal zu Ende sein. Und sie, die Gehetzten und
Elenden, die Schlepper dieses herzlosen Gefängnisstaates, sie würden
wieder auferstehen, ja, auferstehen, einiger und mächtiger, und für
sie würde es keinen Waffenstillstand mehr geben, bis die blutige Macht
von ihrer Erde verschwunden sein würde.
Draußen
fielen die letzten Blätter von den Bäumen. Die beiden Kreusats saßen
am Fenster und sahen hinaus. Die Stadt donnerte wieder von Arbeitslärm,
und von den Schächten tönten die Fördersignale. Man konnte das Rollen
und Klirren der Förderwagen und der Eisen hören.
„
Sie arbeiten wieder", sagte der alte Mann. „Sie haben sich wieder
untergeordnet. Sie schleppen wieder ihr Kreuz."
Die
Tür ging auf, und Therese schwankte unter einem Schmerzenslaut in die Küche.
Ihre Augen zeigten Angst, und ihr Ächzen weckte die beiden alten Leute
aus ihrer Versunkenheit.
„
Was ist denn, mein Kind?" schrie Frau Kreusat und lief ihr
entgegen.
Martin
Kreusat stand auf und rief mit dem gleichen Erschrecken: „Kind, was
ist denn?"
Therese
stand an der Tür und blickte hilflos von einem zum anderen. Sie ging
langsam, mit schleppenden Schritten seufzend auf Frau Kreusat zu und
fiel ihr um den Hals: „Das Kind!"
Frau
Kreusat führte sie in die Kammer. Sie streichelte ihr die Stirn und
wehklagte laut: „Das Kind kommt - und nicht ein reines Lümpchen haben
wir zur Hand. Nicht einen ganzen Bettbezug!"
Thereses
Hände verkrampften sich in ihre Arme: „Mutter, er kommt nicht!"
Auch
Kreusats Gesicht erzitterte und wurde feucht. Frau Kreusat drückte der
hereinkommenden Naumannschen rasch den Eimer in die Hand: „Holt Wasser
und setzt den großen Topf auf; fach das Feuer an", sagte sie zu
dem Mann, „ich renn' rasch weg, ein paar Laken borgen."
Die
Naumannsche brachte das Wasser und goss es in den Topf, den Kreusat auf
das Feuer stellte. „Mein Gott, man muss doch die Frau holen." Und
sie lief eilig hinweg, um die Hebamme zu holen. „Lieber Gott, lieber
Gott", jammerte sie, während sie hastig die Treppe hinunterstieg,
„jetzt kommt auch noch dieses Elend. Aber es ist vielleicht für alle
ein Glück; so kommen sie von ihren Gedanken ab."
Die
Wehemutter, Frau Kaduba, groß, breit, mit mütterlich besorgtem
Gesicht, kam mit einem Seufzer: „Ach, dieser Jammer!"
Frau
Freising hatte einen ihrer wenigen Bezüge mitgebracht, sie ging in die
Kammer und warf in Eile das zweite Bett auf.
„
Los, sie kann sich hier reinpacken!" Sie war so alt wie Frau
Kreusat und hatte das gleiche bekümmerte Gesicht. Sie faltete die Hände
und stieß klagend aus: „Wofür schindet man sich eigentlich mit ihnen
ab, sie werden einem doch nur umgebracht!" Sie hatte zwei im Krieg
verloren, und ihr Bruno war auch noch nicht nach Hause gekommen.
Während
Frau Kreusat jammernd umherlief, legte Frau Kaduba die erschöpfte
Therese in das andere Bett. Die Frauen umstanden in der Kammer das säuberlich
bezogene Bett und gaben Therese, die zuweilen laut aufschrie, Dutzende
Ratschläge. „So, leg die Arme um meinen Hals, halt dich ganz
fest." - „Brüll ein bisschen, kreisch drauflos, das hilft
schon." So redeten sie aufgeregt durcheinander.
Frau
Kreusat hatte auch die Tautens rufen lassen. Sie kamen beide an. Frau
Tauten lief schreiend in die Stube: „Ach, mein Kind, mein armes
Kind!" Sie fiel jammernd über die Tochter.
Tauten
blieb in der Küche. Er sagte nichts und horchte nur ängstlich nach der
Kammer. „Setz dich, Jakob", forderte ihn Martin Kreusat auf. Er
murmelte: „Es wäre besser gewesen, wenn der Junge wiedergekommen wäre.
Aber er kommt nicht - er kommt nicht mehr, sonst hätte er sich schon
irgendwie gemeldet!"
Tauten,
der mit schuldbewusster Miene dagestanden hatte, sagte endlich: „Nun
haben wir doch wenigstens das Kleine!" Er zog leise für sich eine
zweite Bank heran und saß abwartend da, seine Angst in der Faust
erstickend.
Als
die Weheschreie lauter anhuben, stand er auf und ging auf und ab. Auch
Martin Kreusat hatte einen unruhevollen Gang aufgenommen und murmelte öfters:
„Es könnte doch wohl jetzt schon genug der Qual sein!" Da erhob
sich drinnen der letzte, laute Schrei. Die beiden Männer verstummten
und starrten nach der Kammer. -Jetzt erscholl das kleine, kreischende
Stimmchen.
Beide
Männer stöhnten erlöst. Tautens Augen flossen jetzt ungehemmt über.
Frau
Kaduba trat heraus: „Es ist da!"
Hinter
ihr kam zitternd Frau Kreusat: „Es ist da, ein Jüngelchen!" Sie
schnaubte in die Schürze. „Mein Gott, jetzt fehlt nur der Große
noch!"
Der
Große lag im Wald bei Wesel.
Oben
in der Salkenberg-Kolonie saßen bei Renteleit eine Anzahl Männer. Man
sah auch Zermack, Raup und Miller darunter. Miller war mehrere Monate
weggewesen und kam wortkarger zurück. Zermack hatte die Genossen
zusammengerufen. Im Oktober hatte in Halle der Vereinigungsparteitag der
Kommunistischen und der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei
stattgefunden, und auch hier sollte, wie überall, der Zusammenschluss
der beiden Parteien vollzogen werden. Miller hatte noch keine Erklärung
abgegeben. „Entscheide dich", sagte ihm Zermack, „du weißt,
dass von deiner Entscheidung vieles abhängt, ob wir die ganze
Ortsgruppe mitbekommen. Es sind über hundertachtzig Mitglieder, und wir
wollen sie nicht einer neuen Verwirrung überlassen."
„
Ich weiß nicht, wie ich mich entscheiden soll", sagte Miller.
Stamm meldete sich. „Du weißt, dass ich mit mir schwere Kämpfe
durchzumachen hatte", sagte er, „und ich hab' mich für ein
Zusammengehen mit euch entschieden. Und auch heute entscheide ich mich
wieder für euch. Die alte Zeit mit dem vielen Schwanken muss ein Ende
nehmen. Dir dürfte es auch nicht so schwer sein, dich für das Bessere
zu entscheiden."
Miller
schwieg. Sein Gesicht arbeitete angestrengt. Die anderen warteten und
sahen ihn an. Endlich hob er den Kopf und sagte: „Ich kann mich noch
nicht entscheiden."
Die
anderen standen auf. Zermack sagte: „Überlege es dir, enttäusche die
Genossen nicht, Wilm. Unser Kampf beginnt erst." - Die anderen
nickten. - Auch der graue Heise nickte. - Zermack sah Miller an: „Du
willst doch jetzt nicht auf der Strecke liegen bleiben?"
Miller
stand auf und ging allein hinaus.
Die
anderen folgten. Draußen sagte Miller: „Es ist eine ernste Sache,
aber ich will nicht nachgeredet bekommen, dass ich flüchten will!"
Die
Feuer brannten wieder, und vom Schacht tönten die Fördersignale. Aus
einem der Häuser ertönten die Klänge eines Bandoneons. Zermack hörte
die Melodie und den Gesang mehrerer junger Stimmen: „Brüder, zur
Sonne, zur Freiheit, Brüder, zum Lichte empor, hell aus dem dunklen
Vergangnen leuchtet die Zukunft hervor..."
Es
war Christian Wolny. Christian führte jetzt die Kommunistische
Jugendgruppe. In der kleinen Kammer saßen der junge Heise, Martin
Kaminski mit Edy Koschewa und Bruno Freising und eine Schar anderer. Bruno
spielte Bandoneon. Christian Wolny stand aufrecht und sang mit glücklichem
Blick: „Auf, und verjagt die Tyrannen, auf dass ihre Herrschaft
zerschellt..."
„
Unsere guten Jungen!" sagte Fritz Raup. „Unsere Hoffnung. Aber
wir sind auch noch da und werden nächstens noch mit mehr kommen. Mit
noch mehr."
Die
Flammen im Krupp-Werk stiegen hoch in den Himmel. Zermack sah hin und
lauschte. Er hörte das Dröhnen der Eisen und das Pochen der schweren Hämmer.
Er sah die Schächte und die Berge von Kohle und dachte an die vielen,
die sich unten und in dem flammenden Werk wieder um das trockene Brot
abmühten. Ihr Müheland, ihr Schmerzensland, ihre Ruhr! „Und wir
werden uns von all den Peinigern frei machen, und wenn wir noch dutzende
und hunderte Male in den Tod ziehen müssten!" sagte er. „Und
wenn wir es nicht selber erleben, dann sollen es unsere Kinder erleben.
Ja, wir werden uns nicht aufgeben, bis das Land von allen Henkern frei
ist. Es ist unser Schweiß, es sind unsere Blutstropfen, unsere Mühe.
Unsere Mühe!" „Unsere Mühe!" sagte Stamm.
Die
Stadt stand rot und hell in dem auflodernden Flammenschein, als schürten
dort mächtige Arbeitsarme die neue Glut. Und das Klirren der Ketten und
die Schreie der Lokomotiven hörten sich an, als risse ein stöhnender
Riese an seinen Fesseln… |