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Ein Kommunist fürchtet nichts - das ist die Schlussfolgerung aus diesem Buch, das ist die Bilanz des Lebens des Verfassers.
JULIUS FUCIK

ERSTES KAPITEL

Mitternacht. Die letzte Straßenbahn mit ihren arg beschädigten Wagen war schon längst vorübergepoltert. Der Mond ergoss sein fahles Licht aufs Fensterbrett. Ein bläulicher Schein lag über dem Bett und ließ den übrigen Teil des Zimmers im Halbschatten. In der Ecke verbreitete die Tischlampe einen hellen Lichtkegel. Rita saß tief gebeugt über einem dicken Heft, ihrem Tagebuch.
»24. Mai«, schrieb sie mit scharfgespitztem Bleistift nieder.
»Wiederum versuche ich meine Eindrücke festzuhalten. Wieder eine Lücke. Anderthalb Monate sind vergangen, und ich habe kein einziges Wort geschrieben. So muss ich mich eben mit diesem Fragment begnügen.
Woher soll ich denn die Zeit nehmen, ein Tagebuch zu führen. Erst jetzt, in der Nacht, kann ich mich niedersetzen und schreiben. Ich finde keinen Schlaf. Genosse Segal ist zur Arbeit ins Zentralkomitee der Partei berufen worden. Schade, dass er weggeht, er ist so ein prächtiger Mensch. Erst jetzt empfinde ich, wie wertvoll seine Freundschaft für uns alle war. Leider wird mit der Abreise Segals unser Zirkel zum Studium des dialektischen Materialismus auseinander fallen. Gestern waren wir bis spätnachts bei ihm und prüften die Fortschritte unserer Schüler. Der Sekretär des Gouvernements-Jugendkomitees, Akim, war ebenfalls da und auch der widerliche Leiter der Personalabteilung, Tufta. Nicht ausstehen kann ich diesen Besserwisser! Segal strahlte. Sein Schüler Kortschagin legte den Tufta in Parteigeschichte gehörig herein. Ja, diese zwei Monate sind nicht ungenutzt geblieben. Wenn die Arbeit solche Erfolge zeitigt, tut einem die aufgewandte Mühe nicht leid. Man sagt, dass Shuchrai in die Sonderabteilung des Militärbezirks versetzt wird. Weshalb - ist mir unbekannt.
Genosse Segal hat mir seinen Schüler anvertraut.
› Führt das Begonnene zu Ende‹, sagte er zu mir, ›bleibt nicht auf halbem Weg stehen, Sie, Rita, und er, ihr könnt manches voneinander lernen. In dem Jungen steckt noch zuviel Spontaneität. Ihn beherrschen stürmische Empfindungen, und seine Gefühle gehen oft mit ihm durch. Soweit ich Sie kenne, Rita, werden Sie ihn auf die richtigen Bahnen lenken können. Ich wünsche Ihnen Erfolg. Und vergessen Sie nicht, mir nach Moskau zu schreiben‹, sagte mir Segal zum Abschied.
Heute wurde uns aus dem ZK ein neuer Sekretär für das Bezirkskomitee von Solomenka geschickt. Sein Name ist Sharki. Ich kenne ihn noch von der Armee her …
Dmitri Dubawa soll morgen Kortschagin herbringen. Ich will Dubawa beschreiben. Er ist mittelgroß, stark, muskulös. Seit 1918 ist er Mitglied des Komsomol, und seit 1920 gehört er zur Partei. Er ist einer von den dreien, die wegen ihrer Zugehörigkeit zu der parteifeindlichen Gruppierung, die sich ›Arbeiteropposition‹ nannte, aus dem Gouvernements-Jugendkomitee ausgeschlossen wurden. Der Unterricht mit ihm war alles andere als leicht. Jeden Tag warf er unseren Plan über den Haufen, indem er mich mit Fragen bestürmte, die uns vom Thema ablenkten. Zwischen Olga Jurenewa, meiner
zweiten Schülerin, und Dubawa kam es häufig zu Auseinandersetzungen. Am ersten Abend musterte er Olga von Kopf bis Fuß und sagte:
› Deine Uniform ist noch nicht vollständig, Alte. Du musst dir noch Lederhosen, Sporen, einen Budjonny-Helm und einen Säbel zulegen, sonst bist du weder Fisch noch Fleisch.‹
Olga blieb ihm keine Antwort schuldig, und ich musste die beiden trennen. Dubawa ist, soviel ich weiß, ein Freund Kortschagins ….. Nun, genug für heute. Ich muss schlafen.«

Dumpfe Hitze lag über dem Land. Das eiserne Geländer der Bahnüberführung glühte fast. Matte, von der Sonnenglut erschöpfte Menschen erklommen die Stiegen zur Überführung. Es waren keine Reisenden, sondern hauptsächlich Leute, die vom Bahnhofsviertel in die Stadt wollten.
Pawel hatte Rita von der obersten Stufe aus bemerkt. Sie war früher als er zum Zug gekommen und schaute die Treppe hinauf.
Drei Schritt von Rita entfernt machte Kortschagin halt. Sie hatte ihn nicht bemerkt. Pawel betrachtete sie mit seltsamer Neugier. Rita trug eine gestreifte Bluse und einen kurzen blauen Rock aus einfachem Stoff. Die weiche Chromlederjacke hatte sie über die Schulter geworfen. Dichte, widerspenstige Locken umrahmten das gebräunte Gesicht. Den Kopf leicht zurückgeworfen, stand sie blinzelnd im hellen Sonnenschein. Zum ersten Mal sah Kortschagin seine Freundin und Lehrerin mit solchen Augen, und zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, dass Rita nicht nur ein Mitglied des Büros des Gouvernementskomitees, sondern auch … Und als er sich bei derart »sündhaften« Gedanken ertappte, rief er ihr, über sich selbst ärgerlich, zu:
»Ich bin schon eine ganze Stunde hier und schaue dich an, und du siehst mich gar nicht. Es ist Zeit, dass wir gehen, der Zug steht schon da.«
Rita war gestern vom Gouvernementskomitee als Vertreterin zu einer Kreiskonferenz delegiert worden. Zur Begleitung hatte man ihr Kortschagin beigegeben. Heute mussten sie unbedingt mit dem Zug mitkommen, was durchaus keine leichte Sache war. Bei der Abfertigung der damals äußerst selten fahrenden Züge stand der Bahnhof unter Kontrolle des allmächtigen Fünferausschusses zur Regelung des Bahnhofsverkehrs, und ohne einen Passierschein dieses Ausschusses hatte niemand das Recht, den Bahnsteig zu betreten. Alle Ein- und Ausgänge waren von der Sperrabteilung des Ausschusses abgeriegelt. Der völlig überfüllte Zug konnte nur den zehnten Teil derer fassen, die mitfahren wollten. Niemand hatte Lust zurückzubleiben, er hätte tagelang auf einen zufällig durchfahrenden Zug warten müssen. Tausende von Menschen stürmten die Durchgänge und versuchten zu den grünen Waggons zu gelangen. An solchen Tagen erlebte der Bahnhof eine regelrechte Belagerung, und nicht selten kam es sogar zum Handgemenge.
Rita und Pawel mühten sich vergebens, zum Bahnsteig vorzudringen.
Pawel, der alle Ein- und Ausgänge des Bahnhofs kannte, führte seine Reisegefährtin durch die Gepäckabfertigungsstelle. Mühsam drängten sie sich bis zum Wagen Nr. 4 vor. An dessen Tür stand ein schweißtriefender Tschekist, der, die dichte Menschenmenge zurückhaltend, wohl zum hundertsten Male wiederholte:
»Ich habe euch doch schon gesagt, der Waggon ist überfüllt. Und laut Befehl dürfen wir niemanden auf die Puffer und Dächer lassen.«
Die erregten Menschen stürmten auf ihn ein und hielten ihm die vom Fünferausschuss für den Wagen Nr. 4 ausgestellten Fahrkarten vor die Nase. Wütendes Schimpfen und Schreien überall, Gedränge vor jedem Waggon. Pawel sah, dass es unmöglich war, auf dem üblichen Weg einzusteigen. Sie mussten jedoch unbedingt fahren, sonst würde die Konferenz scheitern.
Er rief Rita beiseite und weihte sie in seinen Aktionsplan ein. Er wollte sich in den Waggon drängen, das Fenster öffnen und Rita durch das Fenster hereinziehen. Auf andere Weise würden sie ihr Ziel nie erreichen.
»Gib mir deine Lederjacke, die ist besser als jedes Mandat.«
Pawel zog Ritas Lederjacke an, steckte in eine der Taschen seine Pistole und ließ absichtlich den Griff mit dem Riemen herausschauen. Den Rucksack mit den Lebensmitteln legte er neben Rita auf den Boden und ging auf den Waggon zu. Brüsk zwängte er sich durch die Masse der Passagiere hindurch und fasste schon nach der Griffstange, als der breitschultrige Tschekist ihn anhielt:
»Heda, Genosse, wohin?«
»Ich bin von der Sonderabteilung des Militärbezirks. Wollen mal kontrollieren, ob alle Passagiere Fahrkarten des Fünferausschusses haben«, sagte Pawel in einem Ton, der keinen Zweifel an seinen Vollmachten zuließ.
Der Tschekist warf einen Blick auf Pawels Jackentasche, wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn und antwortete ziemlich gleichgültig:
»Nun, kontrollier, wenn du reinkommst.«
Pawel drang unter einem Hagel von Schimpfworten bis in die Mitte des Wagens vor. Während er mit den Ellbogen, Schultern und, wo es Not tat, auch mit den Fäusten arbeitete, kletterte er über fremde Schultern hinweg, zog sich mit den Händen hoch und klammerte sich dann an den oberen Pritschen fest.
»Wohin, zum Teufel, willst du? Verflucht noch mal!« schrie ihn eine dicke Tante an, als er sich von oben herunterließ und ihr dabei aufs Knie trat. Das Weib hatte sich - üppig wie sie war - auf das Ende der unteren Pritsche gezwängt und hielt eine große Ölkanne zwischen den Beinen. Solche Kannen, Kisten, Säcke und Körbe standen überall, auf sämtlichen Pritschen. Im Waggon konnte man kaum Luft holen. Auf das Gezeter der Frau antwortete Pawel mit der Frage:
»Ihre Fahrkarte, Bürgerin?«
»Was willst du?« fuhr jene den ungebetenen Kontrolleur an.
Von der obersten Gepäckbank schaute eine richtige Gaunervisage herab, und eine tiefe Bassstimme brummte:
»Waska, was ist denn das hier für'n Früchtchen? Gib ihm mal 'nen Passierschein auf den Friedhof.«
Unmittelbar über Kortschagins Kopf tauchte jemand auf, ein baumstarker Kerl, die Brust voller Haare, und starrte Kortschagin mit Glotzaugen an:
»Was willst du von dieser Frau? Was für 'ne Fahrkarte?« Von der Seitenpritsche baumelten vier Paar Beine herunter. Die Eigentümer dieser Beine saßen eng umschlungen und knackten Sonnenblumenkerne. Allem Anschein nach war hier ein Rudel durchtriebener Spekulanten und Schieber beisammen, die in den Eisenbahnzügen ihr Handwerk trieben. Pawel hatte jedoch keine Zeit, sich mit ihnen einzulassen. Es galt, Rita in den Wagen zu bringen.
»Wem gehört diese Kiste?« fragte er einen älteren Eisenbahner und zeigte auf eine am Fenster stehende Holzkiste.
»Der Jungfer dort«, erwiderte dieser, auf ein Paar dralle Beine in braunen Strümpfen weisend.
Das Fenster musste geöffnet werden, aber die Kiste hinderte ihn daran. Kein Platz, wo man sie unterbringen konnte. Pawel hob die Kiste auf und reichte sie ihrer Besitzerin, die sich auf der oberen Pritsche breit gemacht hatte.
»Halten Sie mal, Bürgerin, nur ein Weilchen, ich will das Fenster öffnen.«
»Was hast du fremde Sachen anzurühren?« fuhr ihn die plattnasige Frau an, als er ihr die Kiste auf den Schoß stellte.
»Motka, was gibt dieser Bürger hier so groß an?« wandte sie sich hilfesuchend an ihren Nachbarn. Der stieß Pawel, ohne sich auch nur von seinem Platz zu erheben, mit einem in einer Sandale steckenden Fuß in die Rippen.
»He, du Mistvieh, mach, dass du wegkommst, sonst kriegst du eins in die Fresse!«
Pawel ertrug schweigend den Rippenstoß, biss sich auf die Lippen und öffnete das Fenster.
»Bitte, Genosse, rück ein wenig zur Seite«, bat er den Eisenbahner. Er verschaffte sich wiederum etwas Platz, indem er eine Kanne beiseite schob, und stellte sich dicht ans Fenster. Rita reichte ihm von draußen schnell den Rucksack herein. Pawel warf ihn dem üppigen Weib mit der Kanne auf den Schoß, beugte sich zum Fenster hinaus, fasste Rita bei den Händen und zog sie
ins Innere. Noch ehe der Rotarmist der Sperrabteilung diese ordnungswidrige Handlung bemerken und verhindern konnte, war Rita bereits im Wagen. Dem Rotarmisten blieb nichts anderes übrig, als fluchend umzukehren. Im Wagen wurde Rita von der Spekulantenbande mit einem solchen Hallo empfangen, dass sie verlegen und unruhig wurde. Sie konnte nirgends hintreten, stand auf dem äußersten Rand der unteren Pritsche und hielt sich am Brett der oberen fest.
Von allen Seiten hagelte es Schimpfworte. Der Bass von oben ließ sich vernehmen:
»So ein Geschmeiß, quetscht sich selber hier herein und schleppt auch noch ein Weibsbild nach!«
Und noch irgendein Unsichtbarer piepste:
»Motka, gibt ihm doch mal eins in die Schnauze!« Die plattnasige Frau schickte sich an, die Holzkiste auf Kortschagins Kopf zu stellen. Ringsum nichts als fremde, hämische Gesichter. Pawel bedauerte, dass Rita dabei war. Aber sie mussten doch irgendwo Platz finden.
»Bürger, räum mal deine Säcke vom Gang weg, hier wird sich die Genossin hinstellen«, wandte er sich an jenen, der mit Motka angeredet wurde. Dieser antwortete derartig ordinär, dass Pawel das Blut ins Gesicht schoss. Über der rechten Braue verspürte er einen stechenden Schmerz.
»Na warte, du Schurke, mit dir werde ich noch abrechnen«, erwiderte er dem frechen Kerl, sich mühsam beherrschend, aber sofort setzte es von oben einen gehörigen Fußtritt gegen den Kopf.
»Lang ihm doch noch eine, Waska!« Von allen Seiten wurde gegrölt und geschrieen.
Was Pawel so lange mühsam zurückgehalten hatte, das brach nun hervor, und wie immer in solchen Momenten, handelte er rasch und entschlossen. Er zog sich an den Händen federleicht in die Höhe, kletterte auf die zweite Pritsche und schlug mit der Faust in Motkas freche Visage. Der Hieb war so stark, dass der Schieber von der Pritsche auf die Köpfe der anderen Reisenden im Gang hinunterplumpste.
»Los, herunter von der Bank, Gesindel, sonst schieß ich euch wie Hunde über den Haufen!« schrie Kortschagin wütend und hielt den vier Krakeelern die Pistole vor die Nase.
Die Sache nahm sofort eine andere Wendung. Rita verfolgte die Vorgänge mit gespannter Aufmerksamkeit, bereit, auf jeden zu schießen, der es wagen würde, Kortschagin anzugreifen. Die obere Pritsche wurde schnell geräumt. Die Gaunerbande verzog sich schleunigst in ein benachbartes Abteil. Als Rita den frei gewordenen Platz eingenommen hatte, flüsterte ihr Pawel zu:
»Bleib hier ruhig sitzen, ich will noch mit denen da abrechnen.«
Rita hielt ihn zurück:
»Willst du dich wirklich mit ihnen prügeln?«
»Nein, ich komme gleich zurück«, beruhigte er sie.
Er öffnete das Fenster und kletterte auf den Bahnsteig hinaus. Nach wenigen Minuten stand er vor dem Chef der Distrikts-Tscheka, seinem früheren Vorgesetzten. Der hörte ihn an und gab sogleich Anweisungen, sämtliche Passagiere des Wagens zu prüfen.
»Ich habe doch schon immer gesagt, dass die Züge bereits mit Spekulanten im Bahnhof einlaufen«, brummte er.
Ein aus einem Dutzend Tschekisten bestehender Trupp säuberte den Waggon. Nach alter Gewohnheit half Pawel bei der Kontrolle des gesamten Zuges. Obwohl er nicht mehr in der Tscheka arbeitete, war die Verbindung mit seinen Freunden noch sehr eng, und als Sekretär des Jugendkollektivs hatte er viele seiner besten Komsomolzen zur Arbeit in die Tscheka geschickt.
Nach Beendigung der Kontrolle ging Pawel zu Rita zurück. Neue Passagiere füllten jetzt den Waggon - Rotarmisten und Genossen, die dienstlich unterwegs waren.
Für Rita blieb nur noch auf der obersten Bank ein Plätzchen frei. Alles übrige wurde mit Zeitungspaketen belegt.
»Macht nichts«, meinte Rita, »irgendwie werden wir uns schon einrichten.«
Der Zug setzte sich in Bewegung.
An den Fenstern schwebte das auf einem riesigen Haufen von Säcken thronende Spekulantenweib vorüber.
»Manka, wo ist meine Kanne?« hörte man sie schreien.
Durch die Zeitungspakete von den Nachbarn getrennt, saßen Rita und Pawel auf ihrem engen Plätzchen und kauten mit vollen Backen Brot und Äpfel. Jetzt konnten sie über den Vorfall lachen, der ihnen noch vor kurzem gar nicht so lustig erschienen war.
Langsam kroch der Zug dahin. Die überladenen, altersschwachen Eisenbahnwagen ächzten und knarrten in allen Fugen. Draußen begann es graublau zu dämmern, dann verhängte die Nacht die offenen Fenster mit ihrem schwarzen Schleier. Im Waggon war es dunkel.
Rita schlummerte, den Kopf auf dem Rucksack, vor Ermüdung ein. Pawel saß am Rande der Bank, ließ die Beine baumeln und rauchte. Auch er war müde, konnte sich jedoch nirgends hinlegen. Erfrischende Nachtluft wehte durchs Fenster. Ein Stoß ließ Rita erwachen. Sie bemerkte die glimmende Zigarette Pawels. Der ist imstande, bis morgen früh so dazusitzen, dachte sie.
»Genosse Kortschagin! Lassen Sie die bürgerlichen Vorurteile und legen Sie sich doch nieder«, sagte sie scherzhaft.
Pawel legte sich neben sie und streckte erleichtert seine müden Beine aus.
»Morgen haben wir eine Menge Arbeit. Schlaf, du Raufbold.« Ihr Arm umfasste vertrauensvoll den Freund, und er spürte ihr Haar an seiner Wange.
Für ihn war Rita unantastbar. Sie war seine Freundin, seine Genossin im Kampf, sein politischer Leiter. Dass sie auch eine Frau war, hatte er zum ersten Mal heute auf der Brücke empfunden, und deshalb erregte ihn diese Umarmung sehr. Pawel spürte ihre tiefen, gleichmäßigen Atemzüge, irgendwo ganz nahe waren ihre Lippen. Diese Nähe erweckte in ihm den unüberwindlichen Wunsch, ihre Lippen zu suchen, und nur mit äußerster Willensanstrengung konnte er sich bezwingen. Rita, die seine Gefühle zu erraten schien, lächelte in der Dunkelheit. Sie hatte bereits die Freuden der Liebe und den Schmerz des Verlustes erlebt. Zweimal in ihrem Leben hatte sie geliebt, und die Menschen, denen sie ihre Liebe geschenkt, waren ihr alle beide durch weißgardistische Kugeln entrissen worden: der eine ein tapferer Riese, ein Brigadekommandeur, der andere ein junger Bursche mit klaren Augen; zwei Bolschewiki.
Bald wiegte das Rattern der Räder Pawel in den Schlaf. Erst gegen Morgen weckte ihn ein Pfiff der Lokomotive.

Rita kehrte jetzt immer erst spätabends heim. In ihrem Tagebuch, das sie nur selten aufschlug, erschienen nur noch spärliche Notizen.

11. August
Die Gouvernementskonferenz ist zu Ende. Akim, Michail und andere sind nach Charkow gefahren, wo die Republikskonferenz stattfindet. Nun lastet die ganze technische Arbeit auf mir. Dubawa und Pawel sind ins Gouvernementskomitee gewählt worden. Seitdem Dmitri zum Sekretär des Petschersker Bezirks-Jugendkomitees bestimmt worden ist, nimmt er an unserem Abendzirkel nicht mehr teil. Er ist mit Arbeit überladen. Pawel möchte noch lernen, aber entweder habe ich keine Zeit, oder er wird irgendwohin geschickt. Wegen der gespannten Lage bei der Eisenbahn sind sie dort ständig in Bereitschaft. Sharki war gestern bei mir. Er ist unzufrieden, dass wir ihm die Jungen weggenommen haben. Er sagt, dass er sie selber dringend braucht.

23. August
Als ich heute durch den Korridor ging, sah ich an der Tür der Geschäftsleitung Pankratow, Kortschagin und noch einen Unbekannten stehen. Ich ging zu ihnen und hörte, wie Pawel erzählte:
»Dort sitzen Kerle, für die sogar eine Kugel noch zu schade wäre. - ›Ihr habt kein Recht‹, sagt er, ›euch in unsere Verordnungen einzumischen. Hier hat nur das Eisenbahnforstkomitee zu bestimmen, nicht irgendein Jugendverband.‹ -Und eine Fresse hat dieser Kerl … Da sieht man's, wo sich die Parasiten eingenistet haben!«
Seinen Worten folgte eine Flut unflätigster Schimpfworte. Pankratow, der mich bemerkt hatte, gab Pawel einen Rippenstoß. Jener wandte sich um und wurde ganz blass, als er mich erblickte. Ohne mir in die Augen zu schauen, ging er sofort davon. Jetzt werde ich ihn lange nicht zu sehen bekommen. Er weiß ja, dass ich das Fluchen nicht ausstehen kann.

27. August
Wir hatten eine Komiteesitzung. Die Lage wird immer komplizierter. Vorläufig kann ich noch nicht alles eintragen - ich darf es nicht. Akim ist früher aus dem Bezirk zurückgekehrt. Gestern ist bei Teterew wieder ein Güterzug mit Lebensmitteln zum Entgleisen gebracht worden. Ich werde wohl besser keine Aufzeichnungen mehr machen, denn es sind ja sowieso nur ganz zusammenhanglose Notizen. Jetzt warte ich auf Kortschagin. Er, Sharki und drei andere haben eine Kommune gegründet…

Eines Tages wurde Pawel in der Werkstatt ans Telefon gerufen. Rita teilte ihm mit, dass sie einen freien Abend habe und gern mit ihm das früher in Angriff genommene Thema: »Die Ursachen der Niederlage der Pariser Kommune« weiterbearbeiten möchte.
Abends, als sich Pawel dem Haus in der Kruglo-Universitätskaja-Straße näherte, blickte er hinauf. Ritas Fenster war erleuchtet. Wie immer stürmte er die Treppe empor, klopfte mit der Faust kurz an die Tür und trat ins Zimmer, ohne eine Antwort abzuwarten.
Auf dem Bett, auf das sich keiner der Jungen auch nur setzen durfte, sah er einen Mann in Uniform. Eine Pistole, die Feldtasche und eine Mütze mit Sowjetstern lagen auf dem Tisch. Rita saß neben dem Mann und hielt ihn fest umschlungen. Die beiden unterhielten sich lebhaft über irgend etwas … Rita wandte Pawel ihr glückstrahlendes Gesicht zu.
Der Mann riss sich aus ihrer Umarmung und stand auf.
»Macht euch bekannt«, sagte Rita und begrüßte Pawel, »das ist…«
»David Ustinowitsch«, unterbrach sie der Gast ungezwungen und drückte Kortschagin fest die Hand.
»Er kam überraschend hereingeschneit.« Rita lachte. Kühl erwiderte Kortschagin den Händedruck. In seinen Augen blitzten Funken unaussprechlicher Kränkung.
Rita wollte etwas sagen, aber Kortschagin unterbrach sie.
»Ich bin nur auf einen Sprung heraufgekommen, um dir zu sagen, dass ich heute im Hafen beim Abladen von Brennholz arbeite, damit du nicht umsonst wartest … Du hast ja sowieso einen Gast bei dir. Ich muss mich beeilen, unten warten die Jungen.«
Pawel verschwand ebenso plötzlich, wie er gekommen war. Seine raschen Schritte verhallten im Treppenhaus … Unten schlug dumpf die Tür ins Schloss. Dann wurde es still.
»Mit ihm muss irgend etwas nicht in Ordnung sein«, sagte Rita unsicher auf Davids verständnislosen Blick.

Unter der Brücke fauchte schwer atmend eine Lokomotive und spie aus ihrer mächtigen Brust einen Schwärm goldener Leuchtkäfer in die Nacht hinaus. Sie schwirrten in phantastischen Reigen empor und verlöschten dann im Rauch.
Auf das Geländer gestützt, beobachtete Pawel die flimmernden vielfarbigen Lichter der Signallaternen an den Weichen. Er schloss einen Augenblick lang die Augen.
Und doch ist es nicht zu verstehen, Genosse Kortschagin, warum Sie es so schmerzhaft empfinden, dass Rita verheiratet ist. Hat sie denn jemals das
Gegenteil behauptet? Und selbst wenn - was hätte das zu bedeuten? Weshalb hat Sie das denn plötzlich so empfindlich getroffen? Waren Sie, teurer Genosse, denn nicht bisher der Ansicht, dass nichts anderes zwischen euch sei als geistige Freundschaft … Wie haben Sie das nur außer acht lassen können? So nahm sich Kortschagin selbst ironisch ins Gebet. Und wie, wenn es nun gar nicht ihr Mann ist? David Ustinowitsch kann ja ebenso gut ihr Bruder oder ihr Onkel sein .…. Dann bist du verrückter Kerl ganz grundlos auf einen Menschen wütend gewesen. Du bist anscheinend genauso ein Schweinehund wie jedes andere Mannsbild. Ob es ihr Bruder ist, das kann man ja erfahren. Angenommen, es ist ihr Bruder oder ihr Onkel, wie willst du ihr dann dein Benehmen erklären? Nein, genug, du gehst nicht mehr zu ihr!
Seine Gedanken wurden von dem schrillen Pfeifen einer Lokomotive unterbrochen.
Höchste Zeit, nach Hause zu gehen. Genug Trübsal geblasen.

In Solomenka (so hieß das Eisenbahnerviertel) hatten fünf Genossen eine kleine Kommune gegründet. Ihr gehörten an: Sharki, Pawel, der immer lustige blonde Tscheche Klavicek, Nikolai Okunew, der Komsomolsekretär des Depots, und Stjopa Artjuchin, ein Mitarbeiter der Eisenbahntscheka, vor kurzem noch Kesselschmied in der Reparaturwerkstätte.
Sie hatten ein Zimmer bekommen. Drei Tage wurde dort nach Arbeitsschluss geweißt, gewischt und geschrubbt. Sie spektakelten derart mit ihren Eimern, dass die Nachbarn schon dachten, es wäre Feuer ausgebrochen. Sie zimmerten sich Bettstellen, die aus Säcken zusammengenähten Matratzen wurden in der Parkanlage mit Ahornblättern voll gestopft, und am vierten Tag strahlte das mit einem Petrowski-Porträt und einer Landkarte geschmückte Zimmer vor Sauberkeit.
Zwischen den beiden Fenstern hing ein Bücherbrett mit einem Stapel Bücher. Zwei mit Karton beschlagene Kisten wurden zu Stühlen, eine etwas größere Kiste bildete den Schrank. Mitten im Zimmer stand ein riesiger unbezogener Billardtisch, den man aus dem Haus der Kommunalverwaltung hierher geschleppt hatte. Tagsüber diente er als Tisch und nachts als Bett für Klavicek. Die fünf trugen alle ihre Habseligkeiten zusammen. Der haushälterische Klavicek stellte eine Liste des gesamten Kommuneeigentums auf und war schon drauf und dran, sie an der Wand zu befestigen, ließ jedoch nach einmütigem Protest von diesem Vorhaben ab. Alles, was in der Stube war, wurde Gemeingut. Die Gehälter, die Lebensmittelrationen sowie zufällige Lebensmittelpakete - alles wurde gleichmäßig verteilt. Persönliches Eigentum blieben nur die Waffen. Einstimmig wurde beschlossen: »Mitglieder der Kommune, die das Gesetz über die Abschaffung des Eigentums verletzen und das Vertrauen der Genossen missbrauchen, werden aus der Kommune ausgeschlossen.« Okunew und Klavicek bestanden noch auf der Ergänzung »und ausgesiedelt«.
Zur Eröffnung der Kommune hatten sich sämtliche Komsomolfunktionäre des Stadtviertels eingefunden. Man borgte sich im Nachbarhaus einen riesigen Samowar und bewirtete die Gäste mit Tee, wobei der ganze Sacharinvorrat draufging. Als der Samowar leergetrunken war, stimmte man im Chor ein Lied an:
Des Volkes Blut verströmt in Bächen,
und bittre Tränen rinnen drein,
doch kommt der Tag, da wir uns rächen,
dann werden wir die Richter sein!

Talja aus der Tabakfabrik dirigierte den Chor. Ihr rotes Kopftuch hatte sich etwas verschoben, und ihre Augen blitzten wie die eines übermütigen Jungen. Bis jetzt war es noch niemandem gelungen, tief in diese Augen zu schauen.
Ihre Hand flog nach oben, und gleich einem Fanfarenstoß setzte der Gesang ein:
Stimmet an den Gesang! Nun, wohlan!
Die Fahne trägt des Volkes Grollen
ü ber Zwingburgen stolz himmelan.
Stimmet an den Gesang! Nun, wohlan!
Der Freiheit Morgenrot bricht an.
Rot ist das Tuch, das wir entrollen,
klebt doch des Volkes Blut daran.

Es war schon spät, als sie auseinander gingen und die schweigenden Straßen mit ihren lauten Zurufen weckten.

Sharki griff nach dem Telefonhörer.
»Seid doch ruhig, Jungs, ich verstehe ja nichts!« rief er den lärmenden Komsomolzen zu, die ins Zimmer des verantwortlichen Sekretärs stürmten.
Das Stimmengewirr wurde schwächer.
»Hallo! Ach, du bist da! Ja, ja, sofort. Die Tagesordnung? Immer noch dieselbe - die Holzzustellung aus dem Hafen. Was? Nein, er ist nirgends hingeschickt worden. Er ist hier. Soll ich ihn rufen? Gut.«
Sharki winkte Kortschagin heran.
»Genossin Ustinowitsch möchte dich sprechen.« Er übergab ihm den Hörer.
»Ich dachte schon, du seiest nicht hier. Ich habe heute zufällig einen freien Abend. Komm doch zu mir. Mein Bruder war gerade auf der Durchreise bei mir, wir hatten uns zwei Jahre nicht gesehen …..« Ihr Bruder .….!
Pawel hörte ihre Worte nicht mehr. Ihm kam jener Abend in Erinnerung und das, was er sich in jener Nacht so ernsthaft vorgenommen hatte. Ja, heute muss er zu ihr gehen, um alle Brücken abzubrechen. Die Liebe bringt einem zuviel Unruhe und Leid. Und ist denn jetzt die richtige Zeit für solche Dinge?
Die Stimme im Hörer fragte:
»Was ist denn, hörst du mich nicht?«
»Doch, doch. Also nach der Komiteesitzung.« Er legte auf.

Pawel schaute ihr fest in die Augen und sagte, indem er die Kante des Eichentisches presste:
»Wahrscheinlich werde ich nicht mehr zu dir kommen können.«
Er sagte es und sah, wie ihre dichten Wimpern zuckten. Ihre Hand hielt im Schreiben inne und blieb reglos auf dem geöffneten Heft liegen.
»Weshalb?«
»Es wird immer schwieriger, die Zeit dafür aufzubringen. Du weißt ja selbst, was für schwere Tage wir jetzt erleben. Es ist schade, aber man muss es eben aufschieben …«
Er lauschte seinen eigenen Worten und spürte die Unsicherheit in ihnen.
Was gehst du da wie die Katze um den heißen Brei herum? Es fehlt dir an Mut, die Dinge beim richtigen Namen zu nennen!
Hartnäckig setzte er hinzu:
»Außerdem wollte ich dir schon lange sagen, dass ich dich nicht richtig verstehe. Als Segal mich unterrichtete, blieb mir alles im Gedächtnis haften. Aber bei dir fasse ich gar nichts. Jedes Mal musste ich von dir zu Tokarew laufen, weil ich mich nicht zurechtfand. Ich bin eben schwer von Begriff. Du musst dir jemanden aussuchen, der mehr Grütze im Kopf hat.«
Er wich ihrem aufmerksamen Blick aus und fügte eigensinnig, um sich den letzten Rückzug zu dem Mädchen zu versperren, hinzu:
»Da ist es wohl sinnlos, dass wir beide weiterhin Zeit miteinander verlieren.«
Er erhob sich, schob mit dem Fuß vorsichtig den Stuhl beiseite und schaute auf den gebeugten Kopf herunter, in das vom Lampenlicht beschienene, blass gewordene Gesicht.
Dann setzte er die Mütze auf.
»Leb wohl, Genossin Rita. Es tut mir leid, dass ich dich so viele Tage hingehalten habe. Ich hätte dir das gleich sagen sollen. Das ist schon meine Schuld.«
Mechanisch reichte ihm Rita die Hand, und durch seine unerwartete Kälte verwirrt, brachte sie nur mühsam hervor:
»Ich gebe dir keine Schuld, Pawel. Da ich nicht den richtigen Weg gefunden habe, mich dir verständlich zu machen, habe ich deine heutigen Worte wohl verdient.«
Schwer rissen sich seine Füße vom Boden los … Lautlos schloss er die Tür hinter sich. Am Hauseingang zögerte er - jetzt könnte er noch zurückkehren, ihr alles sagen .…. Aber wozu? Um von ihr nebst ironischen Worten eine Ohrfeige einzuheimsen und wieder unten an der Tür zu landen? Nein.

Auf dem Rangierbahnhof wuchs der Friedhof rostender Eisenbahnwagen und verlassener Lokomotiven. Der über die leeren Holzplätze fegende Wind wirbelte nur winzige Sägespäne in die Luft.
Rings um die Stadt trieb sich auf Waldpfaden, in tiefen Schluchten, wie ein raubgieriger Luchs, die Orlik-Bande herum. Tagsüber hielt sie sich in den umliegenden Einzelgehöften, in den Waldimkereien auf. Nachts jedoch schlich sie sich an die Eisenbahnlinien heran, zerstörte sie mit ihren Raubtiertatzen und verkroch sich nach Verrichtung ihres unheimlichen Werkes wieder in ihren Unterschlupf.
Häufig stürzten Züge die Böschung hinab. Die Eisenbahnwagen zerbarsten, die verschlafenen Menschen wurden zermalmt, und das kostbare Getreide vermischte sich mit Blut und Erde.
Oft überfiel die berittene Bande die stillen Ortschaften der Umgebung. Mit erschrockenem Gackern flüchteten die Hühner von den Straßen. Ein verirrter Schuss krachte. Vor dem weißen Häuschen des Ortssowjets entspann sich ein kurzes Geplänkel, das Knattern der Schüsse erinnerte an das Knistern von trockenem Reisig unter den Füßen. Auf gutgenährten Pferden jagten die Banditen durchs Dorf und hieben mit den Säbeln auf die von ihnen festgenommenen Leute ein. Sie hieben mit pfeifendem Schwung, so wie man Holz spaltet. Geschossen wurde nur selten - sie sparten mit Patronen.
Ebenso schnell, wie die Bande aufgetaucht war, verschwand sie wieder. Sie hatte überall ihre Augen und Ohren. Diese Augen suchten das weiße Häuschen des Ortssowjets zu durchbohren, sie beobachteten es vom Hof des Popen und von dem großen Haus eines Kulaken aus. Von diesen Gehöften spannen sich unsichtbare Fäden in das Waldesdickicht. Dorthin wurden von hier aus Patronen, Stücke frischen Schweinefleisches, Flaschen mit dem bläulichen »Perwatsch«, selbstgebranntem Schnaps, geliefert, dorthin ging auch das, was geheimnisvoll den kleinen Atamanen ins Ohr geflüstert wurde und dann über ein äußerst kompliziertes Netz bis zu Orlik selbst gelangte.
Die Bande zählte insgesamt nur zwei- bis dreihundert Halsabschneider, aber die Versuche, sie zu erledigen, misslangen. In mehrere Abteilungen gruppiert, operierten die Banditen gleichzeitig in zwei bis drei Bezirken. Es war unmöglich, alle aufzuspüren. Nachts ein Bandit, war er am Tag ein friedlicher Bauer, der sich auf seinem Hofe betätigte, den Pferden Futter gab oder vor dem Tor grinsend seine Pfeife rauchte und den vorüberreitenden Patrouillen boshafte Blicke hinterherschickte.
Rastlos streifte Alexander Pusyrewski Tag und Nacht mit seinem Regiment in den drei Bezirken umher. Durch unermüdliche, hartnäckige Verfolgung, holte er auch manchmal die Nachhut der Banditen ein.
Nach einem Monat musste Orlik mit seiner Bande aus zwei Bezirken weichen. Auf einen kleinen Raum beschränkt, zog er ziellos hin und her.

Das Leben in der Stadt ging seinen gewohnten schleppenden Gang. Auf den fünf Märkten wimmelte es von lärmenden Menschen. Hier herrschten zwei Tendenzen: die eine - soviel wie möglich herauszuschinden, die andere -sowenig wie möglich zu zahlen. Gauner jeden Kalibers trieben hier nach Kräften und Fähigkeiten ihr Werk. Wie die Ameisen wimmelten da Hunderte geschäftiger Leutchen umher, mit Augen, in denen alles, nur kein Gewissen, zu lesen war. Wie auf einem Düngerhaufen sammelte sich hier der ganze Unrat
der Stadt in dem einzigen Bestreben, den harmlosen Neuling zu schröpfen. Die selten einlaufenden Züge spien aus ihren Leibern Haufen von Menschen aus, die mit Säcken beladen waren. Und dieses ganze Gesindel strömte zu den Märkten.
Am Abend waren die Märkte verödet, und die Handelsgassen, die dunklen Reihen der Verkaufsstände und Läden standen verlassen da.
Nicht jeder Waghals riskierte es, in der Dunkelheit dieses ausgestorbene Stadtviertel aufzusuchen, wo hinter jeder Verkaufsbude Gefahr lauerte, denn nicht selten knallte hier nachts ein Schuss, und irgend jemand sank getroffen zu Boden, röchelte in seinem Blute. Und wenn dann endlich ein Trupp Milizionäre (denn allein wagte sich niemand dorthin) am Tatort ankam, fand er nichts als einen verkrampften Leichnam … Die Bande hatte sich längst aus dem Staub gemacht, und der Lärm hatte auch die anderen Nachtvögel des Marktviertels in alle Winde zerstreut.

Gegenüber dem Markt lag das Kino »Orion«. Fahrdamm und Fußweg schimmerten im elektrischen Licht. Menschengedränge. Im Zuschauerraum des Kinos ratterte der Filmapparat. Auf der Leinwand erschlugen zwei unglückliche Liebhaber einander. Wenn der Filmstreifen abriss, reagierte das anwesende Publikum mit wildem Gejohle.
Im Zentrum wie auch in den Vororten der Stadt schien das Leben in den alten Bahnen zu verlaufen.
Und selbst dort, wo sich das Hirn der revolutionären Macht befand - im Gouvernements-Parteikomitee -, ging alles seinen gewohnten Gang. Diese Ruhe war jedoch nur äußerlich.
In der Stadt reifte ein Sturm heran.
Das Herannahen dieses Sturmes ahnten viele von denen, die mit dem Gewehr unter dem Bauernrock, aus allen Richtungen der Stadt zuströmten. Auch jene wussten Bescheid, die scheinbar als Hamsterer auf den Zugdächern in die Stadt fuhren, dann aber den Weg nicht zum Markt einschlugen, sondern ihre Säcke in die Straßen und Häuser der Stadt trugen, die in ihrem Gedächtnis verbucht waren.
Aber die Arbeiterbezirke, und sogar die Bolschewiki, hatten von der nahenden Gefahr keine Ahnung.
Es gab in der Stadt nur fünf Bolschewiki, die über das, was vor sich ging, unterrichtet waren.
Die Reste der von der Roten Armee nach Polen verjagten Petljura-Leute trafen in engem Kontakt mit ausländischen Missionen in Warschau Vorbereitungen, um an dem geplanten Aufstand teilzunehmen.
Aus den Resten der Petljura-Regimenter wurde in aller Stille ein Trupp für Streifzüge formiert.
Auch in Schepetowka besaß das zentrale Aufstandskomitee seine Organisation. Ihr gehörten siebenundvierzig Personen an, von denen die meisten ehemalige aktive Konterrevolutionäre waren, die aber die örtliche Tscheka in ihrer Vertrauensseligkeit auf freiem Fuß gelassen hatte.
Geleitet wurde diese Organisation von dem Popen Wassili, dem Fähnrich Winnik und dem Petljura-Offizier Kusmenko. Winniks Bruder und Vater, die beiden Popentöchter sowie Samotya, der sich als Geschäftsführer ins Exekutivkomitee eingeschlichen hatte, leisteten für sie Spionagedienste.
Sie beabsichtigten, in der für den Aufstand festgesetzten Nacht die Spezialabteilung der Grenztruppen mit Handgranaten zu überfallen, die Verhafteten zu befreien und, wenn möglich, auch den Bahnhof zu besetzen.
In der großen Stadt - dem Zentrum des geplanten Aufstands - wurden in aller Heimlichkeit die Offiziere zusammengezogen, und in den Wäldern sammelten sich die verschiedenen Banden. Von hier aus wurden die verlässlichsten Vertrauenspersonen nach Rumänien und zu Petljura persönlich geschickt.
Der Matrose aus der Sonderabteilung des Militärbezirks hatte schon die sechste Nacht kein Auge zugetan. Er war einer von den wenigen Bolschewiki, die über alles genau unterrichtet waren. Shuchrai hatte das Gefühl eines Menschen, der ein Raubtier aufgespürt hat, das sich gerade zum Sprung anschickt.
Man darf keinen Lärm schlagen, muss die blutgierige Meute vernichten, dann erst wird man ruhig arbeiten können, ohne dass Gefahr hinter jedem Baum und Strauch lauert. Die Bestie darf nicht aufgeschreckt werden. In diesem Kampf auf Leben und Tod verbürgen nur Ausdauer und eine eiserne Hand den Sieg.
Der Zeitpunkt des Kampfes rückte heran.
Irgendwo hier in der Stadt, im Labyrinth der Konspiration und geheimer Treffpunkte, ist beschlossen worden: Morgen Nacht!
Jene fünf Bolschewiki, die alles wussten, beeilten sich, dem zuvorzukommen. Nein, nicht morgen, heute Nacht!
Leise, ohne Signale, verließ der Panzerzug abends das Eisenbahndepot, und ebenso leise schlossen sich hinter ihm die riesigen Tore des Depots.
Auf direkten telegrafischen Leitungen wurden chiffrierte Telegramme durchgegeben. Und überall, wo sie einliefen, vergaßen die Hüter der Republik Schlaf und Ruhe und hoben die Wespennester aus.
Akim rief Sharki an.
»Sind alle Zellenversammlungen gesichert? Ja? Gut. Komm dann sofort mit dem Sekretär des Bezirks-Parteikomitees zur Beratung. Mit der Holzbeschaffung steht es schlechter, als wir annahmen. Wenn du hier bist, werden wir alles besprechen.« Akim sprach hastig, aber bestimmt.
»Ja, dieses Holz bringt uns noch alle um den Verstand«, brummte Sharki, als er den Hörer anhängte.
Beide Sekretäre sprangen aus dem Auto, mit dem Litke sie in Windeseile an Ort und Stelle gebracht hatte. Als sie zum zweiten Stock hinaufstiegen, begriffen sie sofort, dass es sich hier nicht um Holz handelte.
Auf dem Tisch des Geschäftsführers stand ein »Maxim«, an dem sich einige Maschinengewehrschützen aus der Sonderabteilung zu schaffen machten. In den Korridoren hielten schweigsame Posten, Partei- und Komsomolfunktionäre der Stadt, Wache.
Hinter der breiten Tür zum Arbeitszimmer des Sekretärs ging die außerordentliche Sitzung des Gouvernements-Parteikomitees ihrem Ende zu.
Durch die Fensterklappe führten von der Straße her Drähte zu zwei Feldtelefonen. Alle Gespräche wurden halblaut geführt.
Sharki traf in Akims Zimmer Rita und Michail an. Rita trug - wie zur Zeit, als sie Politleiter einer Kompanie gewesen war - einen Rotarmistenhelm, einen feldgrauen Rock und über ihrer Lederjacke einen Riemen, an dem eine schwere Mauserpistole hing.
»Was soll das alles bedeuten?« fragte Sharki verblüfft.
»Probealarm, Wanja. Wir fahren jetzt sofort zu euch in den Bezirk hinaus. Sammelpunkt in der fünften Infanterieschule. Die Jungen kommen von den Zellenversammlungen direkt dorthin. Die Hauptsache ist, dass alles möglichst unauffällig vor sich geht«, antwortete Rita.
Im »Kadettenhain« war es still.
Die hohen Eichen, hundertjährige Riesen, rauschten ganz leise. Der Teich schlief unter einer Decke von Wasserrosen und Algen, die breiten Alleen waren verwildert. Mitten im Hain, hinter hohen Mauern, lag das Gebäude der Kadettenanstalt. Hier war jetzt die fünfte Infanterieschule der Roten Kommandeure untergebracht. Es war spät am Abend. Im oberen Stockwerk brannte kein Licht. Nach außen hin schien alles ruhig. Jeder, der hier vorüberging, musste annehmen, jenseits der Mauern lägen die Bewohner in tiefstem Schlaf. Aber warum ist denn das eiserne Tor geöffnet, und was sind das für Dinger, die, zwei riesigen Fröschen ähnlich, am Tor hocken? Die Leute jedoch, die aus den verschiedenen Ecken des Eisenbahnerviertels hier zusammenströmten, wussten, dass man in der Schule bestimmt nicht schläft, wenn Nachtalarm angesagt ist. Sie kamen nach kurzer Instruktion direkt aus den Zellenversammlungen
hierher, sie schritten schweigend dahin, einzeln oder zu zweit, höchstens zu dritt, und jeder von ihnen trug in seiner Tasche ein Mitgliedsbuch mit dem Aufdruck »Kommunistische Partei (Bolschewiki)« oder »Kommunistischer Jugendverband der Ukraine«. Das eiserne Tor konnte nur passieren, wer ein solches Büchlein vorwies.
Im Hörsaal hatten sich bereits viele Menschen eingefunden. Hier war es hell, die Fenster waren mit Zeltbahnen aus Segeltuch verhängt.
Die versammelten Bolschewiki scherzten über die Alarmformalitäten und rauchten seelenruhig ihre selbstgedrehten Zigaretten. Niemand verspürte Unruhe. Man hatte sie nur zusammengerufen, um die Disziplin der Sonderabteilung für alle Fälle zu erproben. Die erfahrenen Frontkämpfer wussten jedoch gleich, als sie den Schulhof betraten, dass es sich hier nicht um einen bloßen Probealarm handelte; dafür ging alles viel zu geräuschlos vor sich. Schweigend traten die Züge der Kursanten auf die im Flüsterton gegebenen Befehle an. Maschinengewehre wurden hinausgetragen; von außen her war im ganzen Häuserblock kein einziger Lichtschein zu bemerken.
»Wird etwas Ernstes erwartet, Dmitri?« erkundigte sich Kortschagin leise und ging auf Dubawa zu.
Der saß auf der Fensterbank mit einem Mädchen, das Pawel vorgestern nur flüchtig bei Sharki gesehen hatte.
Dubawa klopfte Pawel scherzhaft auf die Schulter.
»Ist dir das Herz in die Hose gerutscht? Das macht nichts. Wir werden euch das Kämpfen schon beibringen. Ihr kennt euch wohl nicht?« sagte er mit einem Kopfnicken zu dem Mädchen hin.
»Sie heißt Anna. Ihren Familiennamen kenne ich nicht. Ihr Amt - Leiter einer Agitationsstelle.«
Das Mädchen hörte sich diese drollige Vorstellung schweigend an und musterte Kortschagin aufmerksam. Mit der Hand strich sie eine Locke zurück, die unter dem fliederfarbenen Kopftuch hervorlugte. Ihre Augen begegneten denen Kortschagins, und das stumme Duell währte einige Sekunden. Ihre tiefschwarzen Augen, von dichten langen Wimpern umschattet, funkelten herausfordernd. Pawel sah Dubawa an, fühlte, wie er unwillkürlich errötete, und das stimmte ihn ärgerlich.
»Wer von euch agitiert hier nun eigentlich?« fragte Pawel und lächelte gezwungen.
Im Saal wurde es unruhig. Ein Kompanieführer war auf einen Stuhl gestiegen und rief laut:
»Kommunarden der ersten Kompanie, hier im Saal antreten! Los, los, schneller, Genossen!«
Nun erschienen Shuchrai, der Vorsitzende des Gouvernements-Exekutivkomitees, und Akim. Sie waren soeben eingetroffen. Der Raum war voller Menschen, die bereits in Reih und Glied standen.
Der Vorsitzende des Gouvernements-Exekutivkomitees schwang sich auf den Standplatz eines Übungsmaschinengewehrs, hob die Hand und begann laut und deutlich zu sprechen:
»Genossen, wir haben euch zu einer ernsten und verantwortungsvollen Aufgabe hierher gerufen. Jetzt können wir euch mitteilen, wovon gestern noch nicht gesprochen werden durfte, da es bis dahin noch tiefes militärisches Geheimnis war. Morgen Nacht soll hier in der Stadt und in der gesamten Ukraine ein konterrevolutionärer Aufstand ausbrechen. Die Stadt ist voller Offiziersgesindel. Rings herum ziehen sich die Banden zusammen. Einer Anzahl Verschwörern ist es gelungen, sich in die Panzerabteilung einzuschleichen, wo sie als Chauffeure tätig sind. Die Verschwörung wurde jedoch von unserer Tscheka aufgedeckt, und nun stellen wir die gesamte Parteiorganisation und den Jugendverband unter Waffen. Das erste und zweite kommunistische Bataillon werden gemeinsam mit den erfahrenen Lehrgangsteilnehmern und den Abteilungen der Tscheka vorgehen. Die Kursanten sind schon in Aktion getreten. Jetzt ist die Reihe an euch, Genossen. Fünfzehn Minuten stehen euch für den Waffenempfang und zur Aufstellung zur Verfügung. Die Operation wird vom Genossen Shuchrai geleitet. Von ihm erhalten die Kommandeure genaue Anweisungen. Ich halte es für überflüssig, ein kommunistisches Bataillon auf den Ernst der gegenwärtigen Lage aufmerksam zu machen. Der für morgen angesetzte Aufstand muss von uns schon heute im Keim erstickt werden.«
Eine Viertelstunde später trat auf dem Schulhof das bewaffnete Bataillon an.
Shuchrai musterte die reglos verharrenden Reihen.
Drei Schritt vor den Formationen standen der Bataillonskommandeur Menailo, ein Gießer aus dem Ural, und neben ihm Akim, der Kommissar. Links gruppierten sich die Züge der ersten Kompanie, zwei Schritt vor ihnen standen der Kompanieführer und der Politleiter, hinter ihnen die schweigenden Reihen des kommunistischen Bataillons, dreihundert Bajonette.
Fjodor gab das Zeichen zum Aufbruch.
Die dreihundert marschierten durch die menschenleeren Straßen.
Die Stadt schlief.
In der Lwowskaja-Straße, gegenüber der Dikaja-Straße, unterbrach das Bataillon seinen Marsch. Hier begann die Aktion.
Geräuschlos wurde ein Häuserblock nach dem andern abgeriegelt. Der Bataillonsstab richtete sich im Treppenhaus eines Geschäftseinganges ein.
Die Lwowskaja-Straße hinunter raste ein aus dem Zentrum kommendes Auto heran. Vor dem Stab machte es halt.
Diesmal hatte Litke seinen Vater gebracht. Der Tschekist sprang auf das Pflaster und rief seinem Sohn einige kurze Sätze in lettischer Sprache zu. Das Auto setzte sich wieder in Bewegung und verschwand sofort um die Ecke in der Dmitrijewskaja-Straße. Hugo Litke blickte angespannt auf die Fahrbahn, die Hände schienen mit dem Lenkrad verwachsen, rechts-links, rechts-links ging es.
Aha, endlich einmal war seine tollkühne Fahrerei doch zu etwas nütze. Heute würde es niemandem einfallen, ihm für diese halsbrecherische Raserei zwei Nächte Arrest aufzubrummen.
Und Hugo flog gleich einem Meteor durch die Straßen.
Shuchrai, den der junge Litke blitzartig von einem Ende der Stadt zum anderen gebracht hatte, konnte nicht umhin, ihm seine Anerkennung auszusprechen.
»Hugo, wenn du bei dieser Raserei heute keinen ins Grab bringst, bekommst du morgen eine goldene Uhr.«
Hugo triumphierte.
»Und ich dachte schon, dass ich zehn Tage Arrest dafür erhalten würde.«
Die ersten Schläge waren gegen das Hauptquartier der Verschwörer gerichtet. In der Sonderabteilung wurden bereits die ersten Verhafteten und beschlagnahmten Dokumente eingeliefert. In einem Seitengässchen der Dikaja-Straße wohnte im Haus Nr. 11 ein gewisser Zürbert. Nach den Angaben der Tscheka spielte er bei der Verschwörung der Weißen keine geringe Rolle. Bei ihm wurden die Listen der Offiziersgruppen aufbewahrt, die im Podoler Bezirk vorgehen sollten.
Jan Litke fuhr selbst in die Dikaja-Straße, um Zürbert zu verhaften. In der Wohnung, deren Fenster auf einen durch eine Mauer vom ehemaligen Frauenkloster abgeteilten Garten hinausgingen, war Zürbert nicht aufzufinden. Nach den Aussagen der Nachbarn war er an diesem Tag nicht zurückgekehrt. Man nahm eine Haussuchung vor, bei der nebst einer Kiste voller Handgranaten auch die Listen und Adressen gefunden wurden. Litke, der befohlen hatte, im Garten einen getarnten Posten aufzustellen, hielt sich noch einen Augenblick lang am Tisch auf, um die vorgefundenen Materialien zu überfliegen.
Im Garten hielt ein junger Rotarmist Wache. Er hatte Befehl bekommen, die Mauer zu beobachten. Im Dunkel scheinen die Sträucher lebendig zu werden. Der Soldat tastete sie mit seinem Bajonett ab - niemand ist da. Unheimlich ist es allein in der Dunkelheit.
Wozu hat man mich eigentlich hier hingestellt? Auf diese Mauer klettert doch sowieso niemand rauf, die ist viel zu hoch. Ich will mal ans Fenster
herangehen, dort hineinschauen, überlegte der Posten. Er warf noch einmal einen Blick auf die Mauer und ging zum Fenster. Litke sammelte gerade die Papiere zusammen. In demselben Moment erschien auf der Mauer der Schatten eines Menschen. Mit katzenartiger Gewandtheit sprang der Schatten auf einen Baum hinüber und ließ sich dann zu Boden gleiten. Wie ein Raubtier schlich er sich lautlos an sein Opfer heran, holte aus, und der Posten sackte zusammen. Bis zum Griff steckte die Klinge eines Dolches in seinem Hals.
Ein aus dem Garten gellender Schuss traf die den Häuserblock umzingelt haltenden Menschen wie ein elektrischer Schlag .….
Sechs Mann rannten mit polternden Stiefeln dem Haus zu.
Blutüberströmt, den Kopf auf den Tisch gesenkt, saß Litke tot in einem Sessel. Eine Fensterscheibe war eingeschlagen. Die Dokumente hatte der Feind jedoch nicht wieder an sich reißen können.
Von der Klostermauer tönte ein Schuss nach dem anderen. Der Mörder war auf die Straße hinabgesprungen und versuchte, fortgesetzt feuernd, nach der Lukjanowsker Halde zu flüchten. Doch er entkam nicht, eine Kugel holte ihn ein.
Die ganze Nacht hielten die Haussuchungen an. Hunderte von Personen, die Waffen besaßen, zweifelhafte Papiere hatten oder die bei keiner Hausverwaltung angemeldet waren, wurden in die Tscheka eingeliefert. Dort arbeitete eine Untersuchungskommission, die jeden Verhafteten verhörte. An einigen Stellen leisteten die Verschwörer bewaffneten Widerstand. In der Shiljanskaja-Straße wurde bei einer Haussuchung Antoscha Lebedew hinterrücks erschossen.
Das Bataillon des Bezirks Solomenka hatte in dieser Nacht fünf Kämpfer verloren und die Tscheka Jan Litke, einen alten Bolschewiken und treuen Hüter der Republik.
Der Aufstand war rechtzeitig niedergeschlagen worden.
Noch in derselben Nacht wurde in Schepetowka der Pope Wassili samt seinen Töchtern und der gesamten übrigen Sippschaft festgenommen.
Bald ging das gewohnte Leben weiter.
Aber schon bedrohte ein neuer Feind die Stadt - die Stockung des Eisenbahnverkehrs, und mit ihr Hunger und Kälte.
Getreide und Holz waren jetzt von entscheidender Bedeutung.

ZWEITES KAPITEL

Nachdenklich nahm Fjodor die kurze Pfeife aus dem Mund und drückte behutsam auf die Asche. Die Pfeife war ausgegangen.
Gleich einer Wolke schwebte grauer Zigarettenrauch unter der matt beleuchteten Zimmerdecke. Alle, die in der Ecke des Zimmers um den Tisch herum Platz genommen hatten, waren wie in feinen Nebel gehüllt.
Neben dem Vorsitzenden des Gouvernements-Exekutivkomitees saß, vornübergebeugt, Tokarew. Der Alte zupfte zornig an seinem Bärtchen und schielte ab und zu auf einen kleinen glatzköpfigen Menschen, der da mit Fistelstimme weitschweifig Phrasen drosch.
Akim fing den scheelen Blick des Schlossers auf und erinnerte sich plötzlich an seine Kindheit. Zu Hause hatten sie einen kampflustigen Hahn, der hatte genauso geblickt, bevor er auf jemanden losging.
Die Sitzung des Gouvernements-Parteikomitees dauerte bereits fast zwei Stunden. Der Glatzköpfige war Vorsitzender des Eisenbahnforstkomitees. Nervös wühlte er mit zitternden Fingern in einem Stoß von Papieren herum und schien jetzt endlich zum Schluss kommen zu wollen.
»… Also diese eben erwähnten objektiven Bedingungen geben uns keine Möglichkeit, den Beschluss des Gouvernements-Parteikomitees und der Eisenbahnverwaltung zu erfüllen. Und ich betone nochmals, auch in einem Monat werden wir nicht mehr als vierhundert Kubikmeter Holz liefern können. Und was euren Auftrag betrifft, hundert-achtzigtausend Kubikmeter zu liefern, so ist
das einfach« - der Glatzköpfige suchte nach Worten - »eine Utopie!« Erregt blickte er auf die Anwesenden und schloss den kleinen Mund mit der Miene eines Beleidigten.
Es folgte ein langes Schweigen.
Fjodor klopfte auf die Pfeife und ließ die Asche herausfallen. Endlich unterbrach Tokarew das Schweigen mit seinem tiefen Bass.
»Lassen Sie das Wiederkäuen. Das Eisenbahnforstkomitee hatte also kein Holz, hat jetzt keins und wird auch keins haben … Das wollen Sie doch sagen?«
Der Glatzkopf zuckte mit den Achseln.
»Entschuldigen Sie, Genosse, das Holz haben wir bereitgestellt, es fehlt aber an Transportmitteln.« Das Männchen hüstelte, wischte sich mit einem karierten Taschentuch die glänzende Glatze ab, wonach es sich vergebens bemühte, das Tuch wieder in die Tasche zu stecken, und es schließlich nervös unter die Aktentasche schob.
»Was habt ihr also getan, um das Holz heranzuschaffen? Seit der Verhaftung der an der Verschwörung beteiligten führenden Spezialisten ist doch eine geraume Zeit vergangen«, ließ sich Deneko aus einer Ecke vernehmen.
Der Glatzkopf wandte sich an ihn.
»Ich habe ja der Eisenbahnverwaltung dreimal mitgeteilt, dass wir es ohne Transportmittel nicht schaffen können …« Tokarew unterbrach ihn.
»Das haben wir schon gehört«, sagte der Schlosser giftig und warf einen feindseligen Blick auf den Glatzenmann.
»Sie halten uns wohl für Dummköpfe?«
Dem Männchen lief bei dieser Frage ein kalter Schauer über den Rücken.
»Für die Handlungen der Konterrevolutionäre trage ich keine Verantwortung«, erwiderte er, schon leise.
»Sie waren doch darüber unterrichtet, dass die Arbeiten weit von der Eisenbahnlinie entfernt durchgeführt wurden?« fragte Akim.
»Ja, davon hatte ich gehört. Ich konnte aber die Leitung doch nicht auf die Mängel der Arbeit in einem fremden Revier hinweisen.«
»Wie viele Angestellte haben Sie?« forschte der Vorsitzende des Gewerkschaftsrates den Glatzkopf aus.
»Etwa zweihundert.«
»Also auf jeden dieser Schmarotzer entfällt ein Kubikmeter im Jahr!« Tokarew spuckte wütend aus.
»Wir geben dem gesamten Eisenbahnforstkomitee Extrarationen, nehmen sie den Arbeitern vom Munde weg. Und womit befasst ihr euch? Was habt ihr mit den zwei Waggons Mehl gemacht, die wir euch für eure Arbeiter gegeben haben?« schrie der Vorsitzende des Gewerkschaftsrats.
Von allen Seiten wurde der Glatzkopf mit anklagenden Fragen überschüttet. Er wich ihnen aus, wie ein Schuldner lästigen Gläubigern ausweicht, die die Einlösung ihrer Wechsel fordern.
Aalglatt versuchte er um jede direkte Antwort herumzukommen. Nervös irrten seine Augen von einem zum anderen. Er witterte deutlich die nahende Gefahr und hatte nur den einen Wunsch, sobald wie möglich von hier wegzukommen.
Fjodor, der den Antworten des Glatzkopfes aufmerksam lauschte, schrieb auf einen Notizblock:
»Ich bin der Ansicht, dass man diesen Menschen näher prüfen muss, hier handelt es sich nicht um bloße Unfähigkeit. Ich habe bereits einiges Material über ihn … Die jetzige Unterredung mit ihm ist sinnlos. Mag er verschwinden, und gehen wir lieber zur Sache über.«
Der Vorsitzende des Gouvernements-Exekutivkomitees überflog den ihm übergebenen Zettel und nickte Fjodor zu. Shuchrai erhob sich und ging ins Vorzimmer zum Telefon. Als er zurückkehrte, verlas der Vorsitzende gerade den Schluss der Resolution:
»… wegen offensichtlicher Sabotage ist die Leitung des Eisenbahnforstkomitees abzusetzen. Die Frage der Holzbeschaffung ist der Untersuchungsbehörde zu übergeben.«
Der Glatzkopf hatte Schlimmeres erwartet. Durch die Absetzung »wegen Sabotage« wurde zwar seine Zuverlässigkeit bezweifelt, aber das war eine Kleinigkeit. Und was die Sache in Bojarka betraf, so brauchte er sich nicht zu beunruhigen, das war ja nicht in seinem Revier. Er hatte schon befürchtet, sie seien irgendwie dahinter gekommen …..
Während er seine Papiere in die Aktentasche steckte, sagte er schon fast beruhigt:
»Nun ja, ich bin ein parteiloser Spezialist, und Sie haben das Recht, mir gegenüber misstrauisch zu sein. Mein Gewissen ist jedoch rein. Wenn ich die Aufgabe nicht erfüllt habe, so nur deshalb, weil ich es nicht vermochte.«
Niemand antwortete ihm.
Der Glatzkopf verließ das Zimmer und ging schnell die Treppe hinunter. Mit einem Gefühl der Erleichterung öffnete er die Haustür.
»Ihr Name, Bürger?« fragte ihn ein Mann im Militärmantel.
Mit Herzklopfen brachte der Glatzkopf stotternd hervor:
»Tscher …winski …«
Als er den Raum verlassen hatte, rückten die dreizehn in dem Arbeitszimmer des Vorsitzenden des Gouvernements-Exekutivkomitees enger um den großen Tisch zusammen.
»Da seht…«, sagte Shuchrai und deutete mit dem Finger auf die ausgebreitete Karte.
»Hier ist die Station Bojarka. Und sechs Kilometer entfernt ist die Stelle, wo das Holz gefällt wurde. Hier liegen 210 000 Kubikmeter Holz aufgestapelt. Eine Arbeitsarmee hat dort acht Monate lang mühselig gearbeitet, und was ist das Resultat? Verrat. Eisenbahn und Stadt sind ohne Brennmaterial, denn das Holz muss erst sechs Kilometer weit zur Station gebracht werden. Um das zu schaffen, brauchen wir mindestens fünftausend Fuhrwerke für einen vollen Monat, und auch dann schaffen wir es nur unter der Bedingung, dass sie täglich zweimal die Strecke zurücklegen. Das nächste Dorf ist aber fünfzehn Kilometer entfernt. Obendrein treibt sich noch Orlik mit seiner Bande in dieser Gegend herum … Versteht ihr, was das alles bedeutet? Schaut her, laut Plan sollte das Holzfällen hier beginnen und in Richtung Bahnhof fortgesetzt werden. Statt dessen haben diese Halunken den Schlag immer tiefer in den Wald hineingetrieben, und der Hieb sitzt: Wir sind nicht imstande, das gefällte Holz zur Bahn zu transportieren. Wir können nicht einmal hundert Fuhrwerke aufbringen. Seht ihr, von welcher Seite sie uns zu schlagen versuchen …? Das ist nicht weniger gefährlich als die Vorbereitungen des Aufstandskomitees.«
Shuchrais geballte Faust fiel schwer auf das gewachste Papier.
Jeder der Anwesenden war sich klar über die furchtbaren Folgen, die Shuchrai nicht einmal erwähnt hatte. Der Winter stand vor der Tür. Krankenhäuser, Schulen, Behörden und Hunderttausende von Menschen werden der Kälte ausgeliefert sein.
Die Komiteemitglieder überlegten.
Fjodor öffnete die Faust.
»Es gibt nur einen Ausweg, Genossen: Wir müssen im Laufe von drei Monaten eine Schmalspurbahn bauen, die von der Station zu dem Holzplatz - also sieben Kilometer weit - führt, und dabei berechnen, dass sie in anderthalb Monaten schon zum Ausgangspunkt des Holzschlages herangebracht werden muss. Ich beschäftige mich bereits die ganze Woche mit dieser Frage. Dazu brauchen wir«, Shuchrais Stimme klang heiser, »dreihundertfünfzig Arbeiter und zwei Ingenieure. Schienen und sieben Lokomotiven sind in Pustscha-Wodiza vorhanden. Die Komsomolzen haben sie dort auf einem Lagerplatz ausfindig gemacht. Vor dem Krieg hat man nämlich schon einmal die Absicht gehabt, eine Schmalspurbahn zu bauen, die von dort in die Stadt führen sollte. In Bojarka sind jedoch keine Wohnungen für die Arbeiter. Es gibt dort nur eine Ruine - die ehemalige Forstschule. Man muss deshalb die
Arbeiter partieweise dorthin schicken, für zwei Wochen, länger halten sie es da nicht aus. Wie wär's, wenn wir hierzu die Komsomolzen mobilisieren? Akim, wie denkst du darüber?«
Und ohne eine Antwort abzuwarten, sprach er weiter:
»Der Kommunistische Jugendverband müsste alle seine ihm zur Verfügung stehenden Reserven dahin werfen: die Organisation von Solomenka und einen Teil seiner Mitglieder aus der Stadt. Die Aufgabe ist sehr schwer. Wenn man aber den Jungen klarmacht, dass allein diese Aktion die Stadt und die Eisenbahn retten kann, so werden sie es schaffen.«
Der Eisenbahnvorsteher schüttelte ungläubig den Kopf.
»Daraus wird schwerlich etwas werden«, sagte er müde.
»An einer Stelle, wo nichts vorbereitet ist, unter den heutigen Verhältnissen eine sieben Kilometer lange Eisenbahnstrecke zu legen … im Herbst, bei Regen, und bald kommen die Fröste…«
Ohne ihn anzublicken, unterbrach ihn Shuchrai:
»Du hättest die Arbeiten auf dem Holzschlag selber genauer verfolgen sollen, Andrej Wassiljewitsch. Die Strecke werden wir bauen. Oder sollen wir etwa, die Hände im Schoß, erfrieren?«

Die letzten Kisten mit Werkzeug waren verladen. Die Zugmannschaft hatte sich auf ihre Plätze begeben. Ein feiner Sprühregen ließ alles grau in grau erscheinen. Von der vor Feuchtigkeit glänzenden Lederjacke Ritas kullerten die Regentropfen gleich Glaskügelchen herab. Rita verabschiedete sich von Toka-rew und drückte ihm kräftig die Hand. Leise sagte sie:
»Wir wünschen guten Erfolg.« Der Alte sah sie unter seinen buschigen grauen Augenbrauen warm an.
»Ja, hereingelegt haben sie uns, diese Schurken, der Teufel soll sie holen«, brummte er, die eigenen Gedanken laut beantwortend.
»Pass ordentlich auf. Sollte uns dort etwas fehlen, dann übt hier Druck aus, wo es notwendig ist. Ohne Schlendrian kann ja dieses Gesindel nicht arbeiten. Na, jetzt muss ich aber einsteigen, leb wohl, Töchterchen.«
Der Alte hüllte sich fester in seinen Rock. Im letzten Augenblick erkundigte sich Rita scheinbar ganz beiläufig:
»Fährt denn Kortschagin nicht mit? Er ist nicht unter den Jungen.«
»Er ist gestern mit dem technischen Leiter auf der Draisine vorausgefahren, um einige Vorbereitungen für unsere Ankunft zu treffen.«
Den Bahnsteig entlang kamen eilig Sharki, Dubawa und mit ihnen Anna Borchardt, das Jackett lässig über die Schulter geworfen, eine erloschene Zigarette zwischen den schlanken Fingern.
Rita betrachtete die Herankommenden und richtete noch eine letzte Frage an Tokarew:
»Wie steht es denn mit dem Unterricht, den du Kortschagin erteilst?«
Tokarew blickte erstaunt auf.
»Was für ein Unterricht? Der Junge wurde doch dir anvertraut. Er hat mir oft von dir erzählt und konnte dich nicht genug loben.«
Rita horchte misstrauisch auf.
»Stimmt das auch, Genosse Tokarew? Er hat sich doch nach meinen Stunden von dir noch mal alles erklären lassen.«
Der Alte lachte.
»Von mir …? Nicht dass ich wüsste!«
Die Lokomotive pfiff. Klavicek rief aus dem Waggon:
»Genossin Ustinowitsch, lass doch unser Papachen endlich einsteigen. So geht's doch nicht! Was sollen wir denn ohne ihn anfangen?«
Der Tscheche wollte noch etwas sagen, schwieg aber plötzlich, als er die drei Ankommenden bemerkte. Flüchtig fing er Annas besorgten Blick auf, sah betrübt, wie sie Dubawa beim Abschied zulächelte, und wandte sich dann jäh vom Fenster ab.
Der Herbstregen peitschte ins Gesicht. Dunkelgraue, wasserschwere Wolken zogen niedrig über die Erde dahin. Der Spätherbst hatte die Bäume entblößt. Mürrisch schauten die alten Hainbuchen drein, sie verbargen ihre runzlige Rinde unter braunem Waldmoos. Der erbarmungslose Herbst hatte sie ihrer üppigen Gewänder beraubt, nackt und verkümmert standen sie nun da.
Mitten im Wald lag, einsam und verlassen, die kleine Eisenbahnstation. Von dem gepflasterten Güterbahnsteig führte ein Streifen aufgelockerter Erde in den Wald, wo es von geschäftigen Menschen wimmelte.
Widerwärtig gluckste der klebrige Lehm unter den Füßen. Mit verbissener Hartnäckigkeit wurde am Bau des Bahndamms gearbeitet. Dumpf klirrten Brecheisen, und Schaufeln kratzten auf Steinen.
Der Regen fiel wie durch ein engmaschiges Netz, und die feinen kalten Tropfen durchdrangen die Kleidung. Das Werk vieler fleißiger Hände wurde vom Regen wieder hinweggespült. Gleich dickem Brei floss der Lehm die Böschung hinunter.
Die durchnässte Kleidung war kalt und schwer, doch die Menschen verließen ihre Arbeit erst am späten Abend.
Und mit jedem Tag führten sie den Streifen aufgegrabenen und gelockerten Bodens tiefer in den Wald hinein.
Unweit der Eisenbahnstation ragte einsam das steinerne Gerippe eines Gebäudes empor. Alles, was darin nicht niet- und nagelfest war, hatten Marodeure schon längst entwendet. An Stelle der Türen und Fenster gähnten Löcher, an Stelle der Ofentüren nichts als dunkle Öffnungen. Durch die Risse im Dach waren die Sparren zu sehen.
Nur der Betonboden von vier geräumigen Zimmern war heil geblieben. Hier legten sich vierhundert völlig durchnässte und vor Dreck starrende Menschen zur Nachtruhe nieder. Vor der Tür wrangen sie ihre Kleider aus, von denen schmutzige Bäche hinunterrieselten. Wütend fluchten sie über Regen und Sumpf. Sie legten sich dicht aneinander auf den dünn mit Stroh bedeckten Betonboden, bemüht, sich gegenseitig zu erwärmen. Der Regen trommelte ununterbrochen auf die Reste des Blechdaches nieder und sickerte durch die in den Fensterrahmen befestigten Säcke auf den Fußboden; überall pfiff der Wind durch.
Frühmorgens tranken sie in einer baufälligen Baracke, in der die Küche untergebracht war, Tee und gingen dann zum Bahndamm. Mittag aß man in ewigem Einerlei magere Linsensuppe, dazu anderthalb Pfund Brot, das schwarz war wie Anthrazit.
Das war alles, was ihnen die Stadt bieten konnte.
Der technische Leiter, ein hagerer, hochgewachsener Greis mit zwei tiefen Furchen in den Wangen, Valerian Nikodimowitsch Patoschkin, und der Techniker Wakulenko, ein untersetzter Mensch mit einer fleischigen Nase im grobgeschnittenen Gesicht, hatten sich beim Stationsvorsteher einquartiert.
Tokarew übernachtete in dem winzigen Zimmerchen des kurzbeinigen, quicklebendigen Eisenbahntschekisten Choljawa.
Die Bauabteilung ertrug die Entbehrungen mit verbissener Standhaftigkeit, und der Bahndamm schob sich von Tag zu Tag tiefer in den Wald hinein.
Neun Deserteure zählte die Abteilung bereits, und einige Tage darauf liefen noch fünf Arbeiter davon.
Den ersten Schlag erhielt der Bau in der zweiten Woche: Der Abendzug brachte aus der Stadt kein Brot.
Dubawa weckte Tokarew und setzte ihn davon in Kenntnis.
Der Sekretär des Parteikollektivs ließ die behaarten Beine auf den Fußboden baumeln und raufte sich wütend die Haare.
»Na also, da geht's schon los!« brummte er vor sich hin und zog sich rasch an.
Der kugelrunde Choljawa kam gerade angetrudelt.
»Los, zum Telefon, und verbinde mich mit der Sonderabteilung. Aber schnell!« befahl Tokarew.
»Und du sag über die Brotgeschichte niemandem ein Wort«, warnte er Dubawa.
Nach endlosem Schimpfen mit dem Linientelefonisten setzte der hartnäckige Choljawa die Verbindung mit dem stellvertretenden Leiter der Sonderabteilung, Shuchrai, durch. Tokarew hörte sich Choljawas Geschimpfe an und trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.
»Was? Ihr habt kein Brot bekommen? Ich werde gleich feststellen, wer daran schuld ist«, dröhnte Shuchrais grollende Stimme im Hörer.
»Sag mir lieber, womit wir morgen die Leute satt kriegen sollen«, brüllte Tokarew ärgerlich ins Telefon.
Shuchrai schien nachzudenken. Nach einer längeren Pause vernahm der Parteisekretär:
»Das Brot werden wir noch in der Nacht zustellen. Ich werde Hugo Litke mit dem Auto schicken. Er kennt den Weg. Gegen Morgen werdet ihr Brot haben.«
Es dämmerte schon, als das mit vollen Brotsäcken beladene schmutzstarrende Auto an der Eisenbahnstation ankam. Müde und bleich nach der schlaflosen Nacht kroch der junge Litke heraus.
Der Kampf um den Bau verschärfte sich immer mehr. Von der Eisenbahnverwaltung wurde gemeldet, es gäbe keine Bahnschwellen, und außerdem seien in der Stadt keine Transportmittel aufzutreiben, um die Eisenbahnschienen und Kleinlokomotiven zur Baustelle zu befördern.
Die Kleinlokomotiven wieder hatten, wie sich herausstellte, erhebliche Reparaturen nötig. Die zwei Wochen Einsatz für das erste Arbeiteraufgebot waren bereits abgelaufen, die Ablösenden aber noch nicht zur Stelle. Es war jedoch unmöglich, die völlig erschöpften Menschen weiterhin dazulassen.
In der alten Baracke berieten die Aktivisten beim Schein einer qualmenden Ölfunzel bis spät in die Nacht hinein.
Am nächsten Morgen fuhren Tokarew, Dubawa und Klavicek in die Stadt und nahmen noch weitere sechs Mann für die Reparatur der Lokomotiven und für den Transport der Schienen mit. Klavicek, der Bäcker von Beruf war, wurde als Kontrolleur zur Lebensmittelversorgungsabteilung delegiert. Die übrigen gingen nach Pustscha-Wodiza.

Es goss immer noch in Strömen.
Mühsam zog Kortschagin seinen Fuß aus dem klebrigen Lehm. An dem durchdringenden Kältegefühl am Fuß merkte er, dass sich die faulige Stiefelsohle völlig gelöst hatte. Seit seiner Ankunft an der Baustelle machten ihm seine stets feuchten und schmutzstarrenden Stiefel zu schaffen. Jetzt hatte sich die eine Sohle gänzlich abgetrennt, und der bloße Fuß patschte in eiskalten Lehmbrei. Der kaputte Stiefel machte ihn arbeitsunfähig.
Pawel zog den Rest der Sohle aus dem Schmutz, und während er sie verzweifelt betrachtete, brach er das sich selbst gegebene Wort, nicht mehr zu fluchen. Mit dem Überrest des Stiefels humpelte er missmutig hinüber in die Baracke, setzte sich in die Nähe der Feldküche und hielt, nachdem er den vor Dreck starrenden Fußlappen abgewickelt hatte, den halberfrorenen Fuß gegen den Ofen.
Am Küchentisch stand Odarka, die Bahnwärtersfrau, die dem Koch als Gehilfin zugeteilt worden war, und zerkleinerte rote Rüben. Die noch recht rüstige Frau war von der Natur reichlich bedacht worden: breitschultrig wie ein Mann, mit üppiger Brust und mächtigen Hüften. Geschickt hantierte sie mit dem Messer, und auf dem Tisch häufte sich rasch ein Berg geschnittenen Gemüses an.
Odarka streifte Pawel mit einem flüchtigen Blick und fragte ihn nicht allzu wohlwollend:
»Du machst dir's wohl schon zum Mittagessen bequem? Ein bisschen früh. Willst dich wohl vor der Arbeit drücken, Jungchen? Wo steckst du denn deine Füße hin? Hier ist doch eine Küche und kein Badehaus«, nahm sie Kortschagin ins Gebet.
Der bejahrte Koch trat ein.
»Mein Stiefel ist völlig kaputt«, erklärte Pawel seine Anwesenheit in der Küche.
Der Koch betrachtete den zerrissenen Stiefel, deutete auf Odarka und sagte:
»Ihr Mann ist ein halber Schuster. Er kann den Stiefel wieder in Ordnung bringen. Mit zerrissenen Stiefeln gehst du hier zugrunde.«
Nach den Worten des Kochs betrachtete die Frau Pawel genauer und wurde etwas verlegen.
»Und ich habe Sie für einen Bummelanten gehalten«, gestand sie.
Pawel lächelte verzeihend. Odarka musterte nun den Stiefel mit Kennerblick.
»Flicken wird mein Mann ihn wohl kaum noch, der taugt sowieso nichts mehr. Ich werde Ihnen aber einen alten Gummischuh bringen, damit Ihr Fuß nicht draufgeht. Bei uns auf dem Boden liegt irgendwo einer rum. Das geht doch nicht - sich so zu schinden! Heute oder morgen kommt Frost, und dann sind Sie erledigt«, sagte Odarka, jetzt schon voller Mitgefühl. Sie legte das Messer hin und verließ die Küche.
Bald darauf erschien sie mit einem hohen Gummischuh und einem Stück Leinwand. Als dann der in Leinwand eingewickelte und erwärmte Fuß im warmen Gummischuh steckte, sah Pawel die Bahnwärtersfrau mit dankbarem Blick an.

Tokarew kehrte gereizt aus der Stadt zurück, versammelte in Choljawas Zimmer das engere Aktiv und berichtete ihm die wenig erfreulichen Neuigkeiten, die er mitgebracht hatte.
»Ü berall Stockungen, wo man auch hinschaut, überall drehen sich die Räder, und nirgends kommen sie vom Fleck. Wir haben offenbar zu wenig Weiße aus ihren Nestern aufgestöbert. Sie werden uns noch lange zu schaffen machen«, stellte der Alte fest.
»Ich sage es euch ganz offen, Kinder: Die Sache steht schlecht. Das zweite Aufgebot ist noch nicht beisammen; und wie viele man überhaupt zusammenbringen wird, ist noch nicht einmal bekannt. Der Frost steht vor der Tür. Bis es soweit ist, müssen wir, koste es, was es wolle, den Sumpf überquert haben; denn wenn erst einmal Frost eingetreten ist, werden wir die Erde auch mit den Zähnen nicht aufreißen können. Nun also, Jungens, in der Stadt wird man denjenigen, die Verwirrung stiften, ordentlich auf die Finger klopfen, aber wir müssen hier unser Tempo verdoppeln. Und wenn wir tausendmal zugrunde gehen, die Zweigbahn muss fertig werden. Was wären wir denn sonst für Bolschewiki? Schweinehunde wären wir, weiter nichts.« Tokarew sagte das alles nicht im gewohnten heiseren Bass, sondern mit einer gespannten, metallischen Stimme. Unter den zusammengezogenen Brauen sprühten seine Augen vor Energie und Entschlossenheit.
»Heute noch werden wir eine geschlossene Partei- und Komsomolversammlung abhalten und dort die ganze Sache genau erklären, und morgen gehen wir alle zur Arbeit. Die Parteilosen dürfen nach Hause fahren, wir selbst jedoch bleiben hier. So lautet der Beschluss des Gouvernementskomitees.« Damit überreichte er Pankratow ein gefaltetes Blatt Papier.
Ü ber Pankratows Schulter hinweg las Kortschagin: »Es ist unbedingt notwendig, sämtliche Mitglieder des Kommunistischen Jugendverbandes bis zur ersten Holzlieferung ständig beim Bahnbau zu belassen. Für den Sekretär des Gouvernementskomitees des Jugendverbandes: R. Ustinowitsch.«

Die enge Baracke war gepfropft voll. Hundertzwanzig Menschen hatten sich dort versammelt. Sie standen an den Wänden, saßen auf den Tischen und sogar auf dem Herd. Pankratow eröffnete die Versammlung. Tokarew sprach nicht lange, aber der Schluss seiner Rede traf alle wie ein Donnerschlag.
»Die Kommunisten und die Komsomolzen kehren morgen nicht in die Stadt zurück!«
Die Hand des Alten fuhr durch die Luft, als wollte sie damit die Unabänderlichkeit dieses Beschlusses unterstreichen. Diese Geste schnitt alle Hoffnungen ab, aus diesem Dreck herauszukommen. Im ersten Moment konnte man im
Lärm der Ausrufe nichts verstehen. Die ungestüme Bewegung der Körper ließ das blinde Öllämpchen aufflackern. Dunkelheit verhüllte die Gesichter. Das Stimmengewirr wurde immer lauter. Die einen sprachen träumerisch vom »gemütlichen Heim«, die anderen regten sich auf und schreien etwas von Müdigkeit. Viele schwiegen. Aber nur ein einziger sprach von Fahnenflucht. In gereiztem Ton brüllte er aus einer Ecke:
»Zum Henker noch mal! Ich denke nicht daran, auch nur einen einzigen Tag länger hier zu bleiben! Wenn man Menschen auf Zwangsarbeit schickt, so wegen eines Verbrechens. Wofür aber sollen wir büßen? Zwei Wochen lang hält man uns hier fest. Genug. Wir lassen uns nicht zum Narren halten. Mögen die, die diesen Beschluss gefasst haben, selbst herkommen und bauen. Mag, wer will, in diesem Dreck herumwühlen. Ich lebe nur einmal auf der Welt. Morgen fahre ich ab.«
Okunew, hinter dem der Schreihals stand, zündete ein Streichholz an, um ihn sehen zu können. Das Streichholz entriss der Dunkelheit für einen Augenblick ein bösartig verzerrtes Gesicht. Okunew hatte ihn erkannt. Es war der Sohn des Buchhalters vom Versorgungskomitee.
»Was spionierst du da? Ich verstecke mich nicht, ich bin kein Dieb.« Das Streichholz erlosch. Pankratow erhob sich in seiner vollen Größe.
»Wer redet denn da so unverantwortliches Zeug? Für wen ist ein Parteiauftrag Zwangsarbeit?« fragte er mit dumpfer Stimme und streifte die Umstehenden mit ernsten Blicken.
»Genossen, wir dürfen unter keinen Umständen in die Stadt zurück, unser Platz ist hier. Wenn wir von hier türmen, so werden Menschen erfrieren. Jungs, je rascher wir unser Werk beenden, desto rascher werden wir zurückkehren, aber uns von hier verdrücken, wie das da so ein Stänkerer vorschlägt, das verbieten uns unsere Idee und unsere Disziplin.«
Der Hafenarbeiter war kein Freund von langen Reden, aber auch diese kurze Ansprache wurde von der gleichen herausfordernden Stimme unterbrochen:
»Und die Parteilosen, fahren die ab?«
»Ja«, antwortete Pankratow barsch.
Zum Tisch drängte sich ein junger Bursche in kurzem städtischem Überzieher. Wie eine Fledermaus flatterte das kleine Mitgliedsbuch über den Tisch, prallte gegen Pankratows Brust und blieb aufrecht auf dem Tisch stehen.
»Da habt ihr mein Mitgliedsbuch, bitte sehr. Wegen dieses Stückchens Papier gebe ich meine Gesundheit nicht her.«
Der Schluss des Satzes wurde von vielen durch die Baracke schwirrenden Stimmen übertönt:
»Womit schmeißt du denn um dich?«
»Ach, du Krämerseele!«
»Hast dich wohl in den Komsomol eingeschlichen, um dir ein warmes Plätzchen zu schaffen?«
»Jagt ihn hinaus!«
»Wir werden dir schon einheizen, du Schweinehund!« Der Bursche, der das Mitgliedsbuch hingeschmissen hatte, wandte sich, den Kopf eingezogen, dem Ausgang zu. Man wich dabei vor ihm wie vor einem Aussätzigen zur Seite. Krachend flog die Tür hinter ihm ins Schloss.
Pankratow knüllte das weggeworfene Mitgliedsbuch zusammen und zündete es an dem Flämmchen der Öllampe an.
Die Pappe fing Feuer und wurde zu einem verkohlten Röhrchen.

Im Wald fiel ein Schuss. Von der baufälligen Baracke lösten sich Ross und Reiter und verschwanden im Waldesdunkel. Aus der Schule und aus der Baracke eilten Leute herbei. Irgend jemand bemerkte zufällig ein in den Türspalt geschobenes Furnierbrett. Streichhölzer flammten auf. Die flackernden Flämmchen mit den Rockschößen vor dem Wind schützend, lasen sie:
»Macht, dass ihr alle von der Station fortkommt, dorthin, woher ihr gekommen seid. Wer hier bleibt, kriegt eine Kugel durch den Kopf. Alle bis zum letzten Mann werden niedergehauen. Pardon wird niemandem gegeben. Ich lasse
euch Zeit bis, morgen Nacht.« Die Unterschrift lautete: »Ataman Tschesnok.« Tschesnok gehörte zur Orlik-Bande.

In Ritas Zimmer liegt auf dem Tisch das geöffnete Tagebuch.

2. Dezember
Heute morgen ist der erste Schnee gefallen. Es herrscht starker Frost. Auf der Treppe traf ich Wjatscheslaw Olschinski. Wir gingen ein Stück zusammen.
»Ich habe eine besondere Vorliebe für den ersten Schnee. Welch ein Frost! Prachtvoll, nicht?« sagte Olschinski.
Ich dachte an Bojarka und sagte ihm, dass ich mich über Frost und Schnee gar nicht freue, im Gegenteil, sie bedrücken mich, und ich erklärte ihm den Grund.
»Das ist zu subjektiv. Wenn man Ihre Gedanken konsequent zu Ende denkt, so muss man jedes Lachen und überhaupt jede Äußerung der Lebensfreude, sagen wir zum Beispiel in Kriegszeiten, ablehnen. Aber im Leben ist das ganz anders. Die Tragödien spielen sich auf der eigentlichen schmalen Frontzone ab. Dort wird das Lebensgefühl durch die Nähe des Todes niedergedrückt. Und sogar dort wird gelacht. Aber weit hinter der Front bleibt das Leben das gleiche: Lachen, Tränen, Kummer und Freude, Genuss- und Vergnügungssucht, Aufregungen, Liebe …«
Olschinski ist Bevollmächtigter des Volkskommissariats für Auswärtige Angelegenheiten. Parteimitglied ist er seit 1917. Stets tipptopp gekleidet, immer glattrasiert und leicht parfümiert. Er wohnt in unserem Haus, in Segals Wohnung. Abends sucht er mich häufig auf. Es ist durchaus interessant, sich mit ihm zu unterhalten - er kennt den Westen, hat ziemlich lange in Paris gelebt, und doch glaube ich nicht, dass wir gute Freunde werden können; denn in mir sieht er vor allem die Frau und erst dann die Parteigenossin. Er verhehlt seine Absichten und Gedanken zwar absolut nicht - er ist mutig genug, die Wahrheit zu sagen, und seine Art ist keineswegs grob. Er versteht es, alles in schöne Formen zu kleiden. Und doch gefällt er mir nicht.
Die einfache, etwas ungehobelte Art Shuchrais ist mir viel lieber als der europäische Schliff Olschinskis.
Aus Bojarka gehen kurze Berichte ein. Die Eisenbahnschwellen werden direkt in die gefrorene Erde eingehackt. Insgesamt arbeiten dort zweihundertvierzig Mann. Die Hälfte des zweiten Aufgebots ist davongelaufen. Die Arbeitsbedingungen sind wirklich schwer. Wie werden sie nur bei stärkerem Frost arbeiten? Dubawa ist schon eine Woche wieder dort. In Pustscha-Wodiza sind von acht Lokomotiven fünf instand gesetzt worden. Für die übrigen fehlen die Ersatzteile.
Gegen Dmitri ist von der Straßenbahnverwaltung ein Gerichtsverfahren anhängig gemacht worden. Er hat mit seiner Brigade gewaltsam sämtliche offenen Straßenbahnwagen angehalten, die von Pustscha-Wodiza nach der Stadt fuhren, die Fahrgäste zum Aussteigen genötigt und die Waggons mit Schienen für die Schmalspurbahn beladen. Neunzehn offene Waggons wurden so durch die Stadt zum Bahnhof befördert. Die Straßenbahner halfen mit allen Kräften.
Die Reste der Komsomolorganisation von Solomenka arbeiteten auf dem Bahnhof die ganze Nacht bei der Verladung, und Dmitri brachte mit seinen Leuten die Schienen nach Bojarka.
Akim lehnte es ab, im Büro den Fall Dubawa auf die Tagesordnung zu setzen. Dmitri berichtete über die unglaublichen Verschleppungsmethoden und den Bürokratismus in der Straßenbahnverwaltung. Dort hatte man sich kategorisch geweigert, mehr als zwei offene Straßenbahnwagen zu stellen. Tufta hielt Dubawa bei dieser Gelegenheit eine Gardinenpredigt:
»Es ist an der Zeit, mit den Partisanenmethoden Schluss zu machen. Jetzt kannst du dafür eingesperrt werden. Als könnte man zu keiner Verständigung gelangen und nicht ohne bewaffneten Übergriff auskommen.«
Ich habe Dubawa noch niemals so wütend gesehen.
»Warum hast du dich denn nicht mit ihnen verständigt, du Federfuchser? Sitzt da, so ein Blutegel, und wetzt die Zunge. In Bojarka wird man mir, wenn ich ohne Schienen komme, die Fresse einhauen. Und dich sollte man auf den Bau schicken; soll dich Tokarew mal unter die Fuchtel nehmen, damit du hier nicht herumlungerst«, dröhnte Dmitris Stimme durch das ganze Gouvernementskomitee.
Tufta gab eine schriftliche Beschwerde gegen Dubawa ab, aber Akim sprach, nachdem er mich gebeten hatte, das Zimmer zu verlassen, zehn Minuten unter vier Augen mit Tufta. Hochrot und wütend verließ dieser darauf Akims Zimmer.

3. Dezember
Im Gouvernementskomitee gibt es eine neue Affäre; diesmal ist es die Eisenbahntscheka, die Klage erhebt. Pankratow, Okunew und noch einige andere Genossen sind auf die Bahnstation Motowilowka gekommen und haben dort von den leerstehenden Gebäuden Türen und Fensterrahmen herausgenommen. Als sie ihre Beute in einen Arbeiterzug verladen wollten, versuchte der Stationstschekist, sie zu verhaften. Sie entwaffneten ihn und gaben ihm erst, nachdem sich der Zug in Bewegung gesetzt hatte, seine Pistole ohne Munition zurück. Türen und Fenster wurden abtransportiert. Und Tokarew wird von der Materialverwaltung der Eisenbahn beschuldigt, aus dem Bojarsker Lager zwanzig Pud Nägel eigenmächtig beschlagnahmt zu haben. Er hat sie den Bauern für die Beschaffung langer Holzscheite gegeben, die an Stelle von Eisenbahnschwellen benutzt werden.
Ich habe mit dem Genossen Shuchrai über all diese Geschichten gesprochen. Er lachte nur und sagte:
»Wir werden das schon hinkriegen!«
Die Lage auf dem Bau ist äußerst kritisch, und jeder Tag ist kostbar. Wegen jeder Kleinigkeit muss nachgestoßen werden. Wir zitieren bald den einen, bald den anderen Saboteur vor das Gouvernementskomitee. Unsere Jungen vom Bau hauen immer öfter über die Stränge.
Olschinski hat mir einen kleinen elektrischen Ofen gebracht. Olga Jurenewa und ich wärmen uns daran die Hände. Aber das Zimmer wird dadurch nicht wärmer. Wie werden sie nur so eine Nacht im Wald ertragen? Olga erzählt, dass es im Krankenhaus sehr kalt ist und dass die Kranken nicht aus den Betten herauskönnen. Es wird nur jeden dritten Tag geheizt.
Nein, Genosse Olschinski. Die Tragödie an der Front wird auch zu einer Tragödie im Hinterland!

4. Dezember
Die ganze Nacht fielen dichte Schneeflocken. In Bojarka soll alles verschneit sein. Die Arbeit ist stecken geblieben. Sie säubern jetzt die Gleise. Heute hat das Gouvernementskomitee beschlossen, dass der erste Bauabschnitt, das heißt die Strecke bis zur Grenze des Holzschlages, spätestens am 1. Januar 1922 fertig sein muss. Man erzählt, als dieser Beschluss in Bojarka mitgeteilt wurde, habe Tokarew geantwortet:
»Wenn wir bis dahin nicht krepiert sind, werden wir es schaffen.« Von Kortschagin höre ich nichts. Es ist erstaunlich, dass seinetwegen noch kein »Gerichtsverfahren«, ähnlich dem von Pankratow, eingeleitet wurde. Ich weiß übrigens bis heute noch nicht, warum er mir aus dem Wege geht.

5. Dezember
Gestern ist die Baustelle von Banden beschossen worden.

Vorsichtig setzten die Pferde ihre Hufe in den weichen, nachgiebigen Schnee. Ab und zu knackte unter der Schneedecke ein aufgestöberter Zweig, und das Pferd schnaubte. Rasch sprang es zur Seite. Nachdem es jedoch mit der Peitsche eins über die Ohren gezogen bekommen hatte, jagte es im Galopp vorwärts und holte die andern ein.
Etwa ein Dutzend Berittene überquerten den Höhenzug, von dem aus sich ein noch schneefreier schwarzer Erdstreifen hinzog.
Hier hielten die Reiter ihre Pferde an. Die Steigbügel stießen klirrend aneinander. Wiehernd schüttelte sich der vom weiten Lauf in Schweiß geratene Hengst des Vordermanns.
»Ein ganzer Haufen hat sich hier eingenistet«, meinte der Anführer.
»Nun, wir werden ihnen schon Beine machen. Der Ataman sagte, dass diese Kerle morgen von hier verschwinden müssen, sonst erreicht das lumpige Fabrikgesindel wirklich bald den Holzschlag.«
Im Gänsemarsch ritten sie in Richtung zur Bahnstation, den Damm der Schmalspurbahn entlang.
Langsam näherten sie sich der Lichtung vor der alten Forstschule. Sie ritten jedoch nicht auf die Waldwiese hinaus, sondern hielten sich immer dicht hinter den Bäumen.
Eine Salve zerriss die nächtliche Stille. Wie ein Eichhörnchen glitt ein Schneeklumpen von den Zweigen einer im Mondlicht silbern glänzenden Birke. Funken sprühten zwischen den Bäumen auf, Kugeln bohrten sich in den abbröckelnden Mauerputz. Kläglich klirrte das zersplitternde Glas der von Pankratow beschafften Fenster. Die Salve riss die Menschen vom Betonboden, brachte sie im Nu auf die Beine. Als jedoch die unheimlichen Leuchtkäfer durchs Zimmer zu schwirren begannen, warf sich ein jeder erschreckt nieder.
Sie fielen einer über den anderen.
»Wohin willst du denn?« Dubawa packte Pawel und hielt ihn am Mantel fest.
»Auf den Hof.«
»Leg dich hin, du Idiot! Sobald du dich nur zeigst, wirst du erschossen«, flüsterte Dmitri.
Sie kauerten im Zimmer dicht beieinander, unmittelbar vor der Tür. Dubawa presste sich an die Diele, die Pistole auf die Tür gerichtet. Kortschagin hockte daneben und tastete nervös das Magazin ab. Nur noch fünf Patronen sind drin!
Die Schießerei brach plötzlich ab. Alle verblüffte die eingetretene Stille.
»Jungs, wer eine Waffe hat, hierher!« befahl Dubawa im Flüsterton.
Behutsam öffnete Kortschagin die Tür.
Die Lichtung war leer. Langsam kreisend fielen die Schneeflocken zur Erde.
Und tiefer im Wald jagten zehn Reiter, ihre Pferde mit der Peitsche anspornend, von dannen.
Gegen Mittag traf aus der Stadt eine motorisierte Draisine ein. Shuchrai und Akim stiegen aus. Sie wurden von Tokarew und Choljawa empfangen.
Der Draisine wurden ein Maxim-Maschinengewehr, einige Kisten Patronen und zwei Dutzend Gewehre entnommen.
Eilig gingen sie zum Arbeitsplatz. Fjodors Mantelschöße zeichneten Zickzacklinien in den Schnee. Schwerfällig wie ein Bär tapste er dahin. Noch immer setzte er die Füße so, als hätte er das schwankende Deck eines Torpedoboots unter sich. Der lange Akim konnte mit Fjodor Schritt halten, Tokarew jedoch fiel es schwer, mitzukommen.
»Der Überfall der Bande ist noch nicht das schlimmste. Aber dieser Hügel da, der hat's in sich. Der musste uns gerade noch in die Quere kommen. Man wird viel Erde abtragen müssen.«
Der Alte machte halt, drehte sich mit dem Rücken zum Wind und zündete sich seine Pfeife an, indem er die Hand schützend vor das Streichholz hielt. Nach ein paar kräftigen Zügen lief er den Vorangegangenen nach. Akim war stehen geblieben, um auf ihn zu warten. Shuchrai schritt indessen unbeirrt weiter.
»Werden eure Kräfte ausreichen, um die Strecke bis zum Termin fertig zu stellen?« fragte Akim.
»Weißt du, mein Sohn, von Rechts wegen lässt es sich wohl nicht schaffen, aber es nicht schaffen geht nun einmal nicht, und daraus ergibt sich alles andere«, antwortete Tokarew nach einer kleinen Pause.
Sie holten Fjodor ein und gingen gemeinsam weiter. Mit verhaltener Erregung fuhr der Schlosser fort:
»Und in diesem ›aber‹ liegt eben der Hund begraben. Nur Patoschkin und ich wissen, dass es unter so hundsmiserablen Verhältnissen, mit solchem Werkzeug und einem derartigen Mangel an Arbeitskräften einfach unmöglich ist, die Strecke zu legen. Aber alle bis zum letzten Mann sind sich im klaren darüber, dass die Strecke gelegt werden muss, koste es, was es wolle. Deshalb konnte ich auch sagen: ›Wenn wir bis dahin noch nicht krepiert sind, werden wir es schaffen.‹ Schaut doch selbst, wir rackern uns hier bereits den zweiten Monat ab, das vierte Aufgebot ist schon dran. Der Stamm der Arbeiter aber ist ohne Ablösung dabei. Nur dank ihrer Jugend halten sie durch, und die Hälfte von ihnen ist schwer erkältet. Das Herz tut einem weh, wenn man sich die Jungen anschaut. Diese Prachtkerle … So manchen wird diese verfluchte gottverlassene Gegend hier noch ins Grab bringen.«
Einen Kilometer von der Station entfernt endete das vollständig fertige Schmalspurgleis.
Noch anderthalb Kilometer weiter lagen auf dem geraden Fahrdamm die in die Erde eingelassenen langen Holzscheite, die Eisenbahnschwellen, wie ein vom Wind umgewehter Bretterzaun. Noch weiter, direkt bis zum Bergabhang, war nichts als ebene Erde.
Hier arbeitete Pankratows erste Baugruppe, vierzig Menschen legten Schwellen.
Ein rotbärtiger Bauer in neuen Bastschuhen schleppte gemächlich Schwellen vom Schlitten und warf sie auf den Bahndamm. In bestimmten Abständen wurden noch mehr Schlitten ausgeladen. Zwei lange Eisenstangen lagen auf der Erde. Das waren Gleislehren, nach denen die Schwellen ausgerichtet wurden. Mit Äxten, Brechstangen und Schaufeln wurde die Erde festgestampft.
Schwellenlegen ist eine mühsame und langwierige Arbeit. Die Schwellen müssen fest und unverrückbar in der Bettung liegen, damit sich der Schienendruck gleichmäßig auf alle Schwellen verteilt.
Die Technik des Schwellenlegens kannte nur einer - der alte Vorarbeiter Lagutin, der trotz seiner vierundfünfzig Jahre noch kein einziges graues Haar hatte und einen in der Mitte gescheitelten pechschwarzen Bart trug. Er arbeitete freiwillig bereits mit dem vierten Aufgebot, ertrug gemeinsam mit der Jugend alle Entbehrungen und hatte sich die allgemeine Achtung der Abteilung erworben. Dieser Parteilose, es war Taljas Vater, hatte auf allen Parteiversammlungen stets einen Ehrenplatz inne.
Stolz auf diese Ehre, hatte der Alte gelobt, nicht vor der Beendigung des Baus wegzugehen.
»Wie kann ich euch denn allein lassen, sagt mir das doch bitte? Ihr werdet ja beim Schwellenlegen alles verkehrt machen ohne mich. Hier sind scharfe Augen und eine erfahrene Hand nötig. Ich habe ja mein Lebtag lang in ganz Russland Schwellen gelegt …«, erklärte er gutmütig bei jeder Ablösung und blieb auf der Baustelle zurück.
Patoschkin schenkte ihm volles Vertrauen und kontrollierte seinen Abschnitt nur selten. Als die drei sich den Arbeitenden näherten, lockerte der vor Schweiß triefende und rot angelaufene Pankratow gerade mit der Axt die Erde für eine Schwelle auf.
Akim erkannte den Hafenarbeiter kaum wieder. Pankratow war abgemagert, seine hohen Backenknochen traten schärfer hervor.
»Aha, die Obrigkeit aus dem Gouvernement ist eingetroffen«, sagte er und reichte Akim die heiße, feuchte Hand.
Das Klirren der Schaufeln verstummte. Akim sah ringsum blasse Gesichter. Die Soldatenmäntel und kurzen Schafpelze der Arbeitenden lagen neben ihnen auf dem Schnee.
Nachdem Tokarew mit Lagutin gesprochen hatte, nahm er Pankratow mit sich und führte die Eingetroffenen zu der Abtragstelle. Der Hafenarbeiter schritt an Fjodors Seite.
»Sag mal, Pankratow, wie ist das eigentlich mit dem Tschekisten in Motowilowka vor sich gegangen? Was meinst du, habt ihr's mit der Entwaffnung nicht doch ein wenig weit getrieben?« forschte Fjodor in ernstem Ton den wortkargen Hafenarbeiter aus.
Pankratow lächelte verlegen.
»Wir haben ihn ja mit seinem Einverständnis entwaffnet, er hat uns selbst darum gebeten. Ist ja ein prima Kerl, ganz unser Mann. Wir haben ihm alles genau erklärt, worum es sich handelt, und er sagte: ›Jungs, ich habe kein Recht, euch zu gestatten, dass ihr die Fenster und die Türen mitnehmt. Es existiert ein Befehl des Genossen Dzierzynski, die Plünderung von Bahneigentum zu verhindern. Der Stationsvorsteher hier steht mit mir auf Kriegsfuß. Er stiehlt, dieser Schurke, und ich hindere ihn daran. Wenn ich euch laufen lasse, wird er sicher eine dienstliche Anzeige gegen mich erstatten, und ich werde vors Revolutionstribunal gestellt. Entwaffnet mich lieber und trollt euch. Und wenn der Stationsvorsteher euch nicht anzeigt, so bleibt es eben dabei.‹ Und da haben wir es so gemacht. Wir haben doch die Türen und die Fenster nicht für uns privat weggeholt!«
Als Pankratow in Shuchrais Augen ein schelmisches Lächeln wahrnahm, fügte er hinzu:
»Man soll aber nur uns zur Verantwortung ziehen, den Burschen dort lassen Sie in Frieden, Genosse Shuchrai.«
»Die Sache ist erledigt. Aber in Zukunft unterbleiben bitte derartige Dinge. Das untergräbt die Disziplin. Bei uns gibt es Mittel und Wege genug, mit dem Bürokratismus auf organisierte Weise fertig zu werden. Aber lass gut sein, sprechen wir von etwas Wichtigerem«, und Fjodor begann sich nach den Einzelheiten des Überfalls zu erkundigen.

Viereinhalb Kilometer von der Station entfernt bissen sich die Spaten wütend in die Erde. Die Leute rückten dem steinigen Hügel, der ihnen im Wege stand, gehörig zu Leibe.
Und zu beiden Seiten standen Genossen, ausgerüstet mit dem Karabiner Choljawas und den Pistolen von Kortschagin, Pankratow, Dubawa und Chomutow. Das war alles, was die Abteilung an Waffen besaß.
Patoschkin hockte am Fuß des Abhangs und trug Ziffern in sein Notizbuch ein. Der Ingenieur war allein, ohne seinen Gehilfen. Wakulenko, der ein Disziplinarverfahren dem Tod durch eine Banditenkugel vorzog, hatte am Morgen Reißaus genommen.
»Für den Abbau des Hügels werden wir noch einen halben Monat brauchen. Der Boden ist völlig vereist«, sagte Patoschkin leise zu dem vor ihm stehenden, stets mürrischen, schwerfälligen und wortkargen Chomutow.
»Man hat uns für die Strecke insgesamt nur noch fünfundzwanzig Tage gegeben, und Sie rechnen für diesen Abbau hier allein fünfzehn«, erwiderte Chomutow und biss ärgerlich an seiner Schnurrbartspitze herum.
»Diese Frist ist irreal. Natürlich habe ich in meinem Leben noch nie unter solchen Verhältnissen und mit solchen Menschen gebaut. Ich kann mich also irren, was mir schon zweimal passiert ist.«
Während sie so sprachen, staksten Shuchrai, Akim und Pankratow heran. Vom Steilhang her hatte man sie schon nahen sehen.
»Schau, wer da kommt!« Petka Trofimow, ein Gewindedreher aus der Werkstatt, ein schlitzäugiger Bursche in einem alten, an den Ellbogen zerrissenen Sweater, stieß Kortschagin an und wies mit der Hand nach unten. Und schon stürmte Pawel, ohne die Schaufel aus der Hand zu legen, den Hang hinunter. Seine Augen unter dem Rotarmistenhelm strahlten. Fjodor drückte ihm lange die Hand.
»Sieh mal einer an, unser Pawel! Du bist ja kaum zu erkennen in dieser zusammengeschusterten Uniform.«
Pankratow verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln.
»Ja, der sieht lieblich aus. Und dazu haben ihm die Deserteure auch noch den Mantel geklaut. Pawel und Okunew haben eine Kommune gegründet. Da hat
ihm Okunew seine Jacke gegeben. Tut nichts, unser Pawel ist ein heißblütiger Bursche. Er wird sich eine Woche lang auf dem Beton wärmen - das Stroh hilft ja so gut wie gar nichts -, und dann wird er ins Gras beißen müssen«, sagte der Hafenarbeiter nicht gerade heiter zu Akim.
Der etwas stupsnasige Okunew kniff die schelmischen Augen unter den schwarzen Brauen zusammen und erwiderte:
»Unser Pawluscha wird bei uns schon nicht zugrunde gehen. Wir werden eine Versammlung abhalten und ihn zum Koch bestimmen, als Aushilfe. Dabei wird er, wenn er kein Dummkopf ist, sich tüchtig satt futtern und sich erwärmen, am Ofen oder bei der Odarka.« Die Worte gingen in herzlichem Gelächter unter. An diesem Tag wurde zum ersten Mal gelacht.
Fjodor besichtigte den Steilhang, er fuhr mit Tokarew und Patoschkin im Schlitten zum Holzschlag und kehrte zurück. Am Hang wurde noch immer hartnäckig gegraben. Fjodor sah die flitzenden Spaten, sah die angespannt gebeugten Rücken, und sagte leise:
»Ein Meeting brauchen wir nicht. Agitation ist hier überflüssig. Du hast recht, Tokarew, das sind Prachtkerle. Ja, so wird der Stahl gehärtet.«
Shuchrais Augen blickten begeistert mit herbem, liebevollem Stolz auf die Erdarbeiter. Manche von ihnen hatten ja vor kurzem noch, in der Nacht vor dem Aufstand, den Stahl des Bajonetts geführt. Und jetzt sind sie alle von dem einzigen Bestreben beseelt, das Stahlgeleise der Schienen zu den ersehnten Holzreichtümern, zur Quelle von Leben und Wärme zu legen.
Patoschkin wies Fjodor höflich, aber bestimmt nach, dass es unmöglich sei, den Einschnitt schneller als in zwei Wochen zu beenden. Fjodor lauschte den Berechnungen, und in ihm reifte ein Entschluss.
»Geben Sie den Leuten vom Abhang eine andere Arbeit. Führen Sie die Gleislegung weiter. Wir werden mit dem Hügel auf andere Weise fertig werden.«
Im Stationsgebäude saß Shuchrai lange am Telefon. Choljawa hielt vor der Tür Wache. Hinter seinem Rücken vernahm er Fjodors dumpfen Bass:
»Ruf gleich in meinem Namen den Stabschef des Militärbezirks an. Pusyrewskis Regiment soll unverzüglich zur Baustelle abkommandiert werden. Es ist notwendig, das ganze Gebiet von den Banden zu säubern. Schickt uns sofort einen Panzerzug mit einem Sprengkommando. Die weiteren Anweisungen werde ich hier erteilen. Nachts kehre ich zurück. Litke soll gegen zwölf Uhr mit dem Auto zum Bahnhof kommen.«
Akim hielt in der Baracke eine kurze Ansprache, und dann nahm Shuchrai das Wort. In kameradschaftlichem Gespräch verging unbemerkt eine Stunde. Fjodor erklärte den Arbeitern, dass die auf den 1. Januar festgelegte Frist unbedingt eingehalten werden müsse.
»Wir versetzen den Bahnbau in Kriegszustand. Die Kommunisten werden zu einer Sonderkompanie zusammengefasst. Genosse Dubawa ist zum Kompanieführer ernannt. Alle sechs Baugruppen erhalten präzise Aufgaben. Die noch auszuführenden Arbeiten werden in sechs gleiche Abschnitte aufgeteilt. Jede Gruppe erhält einen Arbeitsabschnitt. Bis zum. 1. Januar sind sämtliche Arbeiten zu beenden.
Diejenige Gruppe, die früher fertig wird, erhält Urlaub und kehrt in die Stadt zurück. Außerdem wird das Präsidium des Gouvernementskomitees beim Ukrainischen Zentralexekutivkomitee ein Gesuch einreichen, dem besten Arbeiter dieser Gruppe den Orden des Roten Banners zu verleihen.
Zu Leitern der Baugruppen werden ernannt: für den ersten Abschnitt -Genosse Pankratow, für den zweiten - Genosse Dubawa, für den dritten -Genosse Chomutow, für den vierten - Genosse Lagutin, für den fünften -Genosse Kortschagin, für den sechsten - Genosse Okunew.
Leiter des gesamten Baus bleibt«, schloss Shuchrai seine Rede, »sein geistiger Führer und Organisator, unser unersetzlicher Anton Nikiforowitsch Tokarew.«
Wie ein plötzlich aufflatternder Vogelschwarm flogen die Hände in die Höhe und klatschten Beifall. Die rauen Gesichter hellten sich auf. Die letzten in freundschaftlich-scherzhaftem Ton gesprochenen Worte des sonst so ernsten
Mannes entluden die gespannte Aufmerksamkeit zu heiterem Gelächter.
Etwa zwanzig Menschen begleiteten Akim und Fjodor zur Draisine.
Während Fjodor von Kortschagin Abschied nahm, blickte er auf dessen im Schnee steckenden Gummischuh und sagte leise:
»Ich schicke dir nächstens ein Paar Stiefel. Hast dir hoffentlich die Füße noch nicht abgefroren?«
»Es scheint da so etwas im Gange zu sein, sie beginnen anzuschwellen«, antwortete Pawel. Plötzlich erinnerte er sich an eine Bitte, die er schon längst an Fjodor hatte richten wollen, und sagte:
»Gib mir doch ein paar Patronen für meinen Revolver. Ich habe nur noch drei sichere.«
Shuchrai schüttelte bekümmert den Kopf.
Als er jedoch die Enttäuschung in Pawels Augen sah, schnallte er kurzerhand seine Mauserpistole ab.
»Hier nimm - ich schenk sie dir.«
Pawel konnte es kaum glauben, dass ihm da ein schon lange erträumtes Geschenk gemacht wurde, aber Shuchrai warf ihm den Riemen der Pistolentasche über die Schulter.
»Nimm, nimm nur! Ich weiß ja, dass du schon seit langem scharf auf die Pistole bist. Geh nur vorsichtig mit ihr um, dass du ja nicht einen von den Jungen erschießt. Hier hast du noch drei Päckchen Patronen dazu.«
Neidische Blicke streiften Pawel von allen Seiten, und jemand rief ihm zu:
»Los, Pawka, lass uns tauschen - ich geb dir ein Paar Stiefel und einen Bauernpelz dafür.«
Pankratow stieß Pawel mutwillig an.
»Tausch sie doch gegen Filzstiefel, zum Teufel. In dem Gummischuh wirst du Weihnachten sowieso nicht überleben.«
Den Fuß auf das Trittbrett der Draisine gestützt, füllte Shuchrai den Waffenschein für die geschenkte Pistole aus.

Am frühen Morgen näherte sich der Panzerzug der Station. Dumpf ratterten seine Räder. Gleich einem üppigen Federbusch stieg der schwanenweiße Dampf aus dem Schornstein und zerfloss in der kalten Winterluft.
Den gepanzerten Kästen entstiegen Leute, von Kopf bis Fuß in Leder gekleidet. Einige Stunden darauf gruben drei Mineure aus dem Panzerzug zwei mächtige Kürbisse aus brüniertem Stahl in den Hang ein, befestigten lange Zündschnüre an ihnen und gaben Signalschüsse ab. Sofort stoben die Menschen nach allen Seiten auseinander. Ein Streichholz wurde angezündet, und schon glimmte das Ende der Zündschnur auf.
Hunderte von Menschen standen einen Augenblick lang wie erstarrt. Ein, zwei Minuten banger Erwartung … und die Erde erbebte - eine furchtbare Kraft fegte die Spitze des Hügels hinweg und schleuderte riesige Erdklumpen gen Himmel. Es folgte eine zweite, noch mächtigere Detonation. Ohrenbetäubendes Getöse erdröhnte im Walddickicht. Donnernd prasselten die hochgeschleuderten Erdklumpen auf den hartgefrorenen Boden.
Dort, wo eben noch ein Hügel gestanden hatte, gähnte ein tiefes Loch, und Dutzende von Metern ringsum war der zuckerweiße Schnee mit schwarzen Erdballen bedeckt.
Leute mit Hacken und Schaufeln stürzten sich in die Sprengtrichter.

Seit Shuchrais Abfahrt war auf dem Bau ein hartnäckiger Wettstreit entbrannt - ein Wettstreit um den ersten Platz.
Noch lange vor der Dämmerung erhob sich Kortschagin leise, ohne die anderen zu stören, von seinem Lager und ging, mühsam die vor Kälte erstarrten Füße schleppend, in die Küche. Nachdem er im Kessel Teewasser aufgesetzt hatte, kehrte er in den Schlafraum zurück und weckte seine Gruppe.
Als die Abteilung antrat, war es draußen schon hell.
Während des Morgentees erschien Pankratow am Tisch, wo Dubawa mit seinen Arsenalleuten saß.
»Hast du so was schon gesehen, Dmitri? Pawel hat seine Brigade noch vor Tagesanbruch auf die Beine gebracht. Die haben sicher schon zehn Klafter gelegt. Die Jungen sagen, er habe seine Leute aus der Hauptwerkstatt derart aufgepulvert, dass sie die Arbeiten in ihrem Abschnitt bis zum 25. Dezember beenden wollen. Der hat im Sinn, uns allen den Platz an der Sonne streitig zu machen. Aber, meine Herrschaften, da haben wir auch ein Wörtchen mitzureden«, sagte er entrüstet zu Dubawa.
Dmitri lächelte sauer. Er wusste sehr genau, weshalb das Vorgehen der Gruppe aus der Hauptwerkstatt den Parteisekretär so kränkte. Auch ihm, Dubawa, hatte der gute Pawluscha eins versetzt, forderte, ohne ein Wort zu verlieren, die ganze Abteilung heraus.
»Bei aller Freundschaft, hier gilt das Motto: Wer - wen«, sagte Pankratow.
Gegen Mittag unterbrach Kortschagins Gruppe plötzlich die fieberhafte Arbeit. Der Posten, der die Gewehre bewachte, hatte zwischen den Bäumen eine Gruppe Berittener bemerkt und das Alarmsignal gegeben.
»Zu den Waffen, Jungs! Banditen!« schrie Pawel, warf die Schaufel zur Seite und rannte zum Baum, an dem seine Mauserpistole hing.
Die Gruppe griff nach den Waffen und legte sich an der Bahnböschung in den Schnee.
Die vordersten Reiter winkten aber mit den Mützen, und einer rief:
»Nicht schießen, Genossen!«
Ein halbes Hundert Berittener, an den Budjonny-Mützen den roten Stern, kam die Straße heraufgesprengt.
Es stellte sich heraus, dass es ein Zug aus Pusyrewskis Regiment war, der den Streckenbau besichtigen wollte. Pawel bemerkte das zerfetzte Ohr des Pferdes, auf dem der Kommandeur ritt. Die schöne, graue Stute mit dem weißen Mal auf der Stirn wollte nicht auf einer Stelle stehen, tänzelte hin und her. Erschrocken wich sie zurück, als Pawel auf sie zulief und ihre Zügel ergriff.
»Lyska, du Wildfang, hier treffen wir uns also wieder! Wie bist du heil davongekommen, meine einohrige Schöne!«
Zärtlich umfing er den Hals der rassigen Stute und streichelte ihre zuckenden Nüstern.
Der Kommandeur sah Pawel unverwandt an, und als er ihn erkannte, rief er verblüfft:
»Sieh einer an, das ist ja Kortschagin…! Das Pferd hat er erkannt, aber den Sereda nicht. - Grüß dich, alter Junge!«

In der Stadt waren alle Hebel in Bewegung gesetzt worden. Sharki hatte die Mitglieder des Bezirkskomitees und die bisher noch nicht mobilisierten Genossen der Organisation nach Bojarka geschickt. In Solomenka waren nur Mädchen zurückgeblieben. Im Eisenbahntechnikum hatte Sharki die Entsendung einer neuen Studentengruppe für den Bau durchgesetzt.
Als er Akim darüber Bericht erstattete, sagte er halb im Scherz:
»Jetzt bin ich mit dem weiblichen Proletariat allein zurückgeblieben. An meine Stelle setze ich die Lagutina. An die Tür hängen wir ein Schild ›Frauenabteilung‹, und ich dampfe ebenfalls nach Bojarka ab. Es geht nicht, verstehst du, dass ich mich hier als einziger Mann zwischen den Frauen herumtreibe. Die Mädel schauen mich auch so schon misstrauisch an. Wahrscheinlich schwatzen sie untereinander: ›Alle hat er davongeschickt, er selbst aber ist hier geblieben, dieser Schlaumeier‹, oder vielleicht sogar noch Schlimmeres. Bitte, erlaubt mir hinzufahren.«
Akim lehnte diese Bitte lachend ab.
In Bojarka trafen wieder Menschen ein. Auch die sechzig Eisenbahnstudenten erschienen.
Auf Shuchrais Betreiben entsandte die Eisenbahnverwaltung vier Waggons, die als Wohnung für die Neuangekommenen dienen sollten.
Die Gruppe Dubawas wurde von ihrer Arbeit entbunden und nach Pustscha-Wodiza geschickt. Sie erhielt den Auftrag, die Kleinlokomotiven und fünfundsechzig Transportwagen für Schmalspurbahnen an die Baustelle zu befördern.
Diese Arbeit wurde ebenso bewertet wie die an einem Bauabschnitt.
Vor der Abreise riet Dubawa dem Bauleiter Tokarew, Klavicek wieder zur Baustelle zu berufen, um ihm die Leitung der neuorganisierten Gruppe anzuvertrauen. Tokarew gab den entsprechenden Befehl, ohne den wahren Grund zu ahnen, der Dubawa dazu bewegen hatte, sich der Existenz des Tschechen zu erinnern. Die Ursache war aber ein Briefchen von Anna, das einer der eingetroffenen Genossen aus Solomenka gebracht hatte.
Anna schrieb: Dmitri, Klavicek und ich haben für Euch eine ganze Menge Literatur zusammengesucht. Wir senden Dir und allen anderen Kämpfern von Bojarka innige Grüße. Was seid Ihr doch für Prachtkerle! Wir wünschen Euch Kraft und Energie. Gestern sind die letzten Holzvorräte aus den Lagern verteilt worden. Klavicek lässt Euch grüßen. Er ist ein fabelhafter Kerl! Das Brot für Euch bäckt er selbst. Das vertraut er in der Bäckerei niemandem an. Selbst siebt er das Mehl, selbst knetet er den Teig mit der Maschine. Er hat irgendwo gutes Mehl aufgetrieben, und das Brot, das er liefert, ist ausgezeichnet, gar nicht zu vergleichen mit dem, das wir erhalten. Abends kommen unsere Freunde zu mir: Talja Lagutina, Artjuchin, Klavicek und manchmal Sharki. Wir setzen langsam und allmählich unseren Unterricht fort, aber größtenteils unterhalten wir uns über alles und alle, am allermeisten aber über Euch. Unsere Mädels sind empört darüber, dass Tokarow es ablehnt, sie zum Bau zuzulassen. Sie beteuern, dass sie die Entbehrungen nicht schlechter ertragen würden als alle anderen. Talja sagt: »Ich werde Vaters Kleider anziehen und bei Papachen auftauchen. Soll er versuchen, mich von dort wegzujagen.«
Sie ist fähig, das wirklich zu machen.
Grüß den Schwarzäugigen von mir. Anna.

Das Schneegestöber kam ganz plötzlich. Der Himmel überzog sich mit grauen, niedrig dahinziehenden Wolken. Der Schnee fiel in dichten Flocken. Am Abend heulte der Wind in den Schornsteinen, er rauschte in den Baumwipfeln, jagte den wirbelnden Schnee, und sein durchdringendes Pfeifen schrillte durch den Wald.
Der Schneesturm wütete mit zornigem Ungestüm die ganze Nacht hindurch. Die Menschen waren bis auf die Knochen durchfroren, obwohl die Öfen unentwegt geheizt wurden. Das halb verfallene Gebäude der Forstschule wollte nicht warm werden.
Als die Abteilung am anderen Morgen zur Arbeit antrat, versanken die Menschen im tiefen Schnee, über den Bäumen strahlte die Sonne, und am tiefblauen Himmel war kein Wölkchen zu sehen.
Die Gruppe Kortschagins säuberte ihren Streckenabschnitt vom Schnee. Erst jetzt empfand Pawel, wie quälend die Kälte einem zusetzen kann. Okunews altes Jackett wärmte ihn nicht, in den Gummischuh drang immer Feuchtigkeit, und mehr als einmal war er im Schnee stecken geblieben. Auch der Stiefel am anderen Fuß drohte völlig auseinander zufallen. Am Hals hatte Pawel zwei große Furunkel bekommen. Als Schal diente ihm Tokarews Handtuch.
Abgemagert, mit entzündeten Augen, schaufelte Pawel wütend den Schnee zur Seite. Gerade um diese Zeit kam ein Personenzug auf die Bahnstation zugekrochen. Die Lokomotive schnaufte mit letzter Kraft und konnte die Waggons kaum noch heranschleppen. Auf dem Tender lag kein einziges Holzscheit mehr, die letzten Reste kohlten in der Feuerung.
»Wenn Sie uns Holz geben, dann fahren wir weiter, wenn nicht, dann überführen Sie den Zug aufs Nebengleis, solange er sich noch fahren lässt«, rief der Lokomotivführer mit heiserer Stimme dem Stationsvorsteher zu.
Der Zug wurde aufs Nebengleis geschoben. Man teilte den niedergeschlagenen Passagieren die Ursache des Aufenthalts mit. In den überfüllten Wagen begann man zu seufzen und zu wettern.
»Sprechen Sie mit dem Alten da - er geht jetzt dort, am Bahnsteig. Das ist der Bauleiter. Er kann den Befehl erteilen, Holz für die Lokomotive auf Schlitten heranzuschaffen«, riet der Stationsvorsteher den Zugschaffnern.
»Es wird nämlich hier zum Schwellenlegen benutzt.« Und die Schaffner gingen zu Tokarew.
»Holz gebe ich euch, aber nicht umsonst. Es ist ja unser Baumaterial. Der Schnee hat uns alles verweht. Im Zug sind sechs- bis siebenhundert Passagiere. Frauen mit Kindern können im Wagen bleiben, die übrigen aber sollen sich mit Schaufeln bewaffnen und bis zum Abend Schnee schippen. Dafür gebe ich euch Holz. Sollten sie sich weigern, dann können sie ruhig bis Neujahr hier sitzen«, antwortete Tokarew den Schaffnern.
»Schaut, Jungs, was für 'ne Masse Volk da heranzieht. Sogar Frauen!« hörte Kortschagin hinter sich verwundert ausrufen. Pawel drehte sich um.
»Hier hast du hundert Mann zur Arbeit. Pass aber auf, dass sie nicht müßig herumstehen«, sagte Tokarew im Näher kommen.
Kortschagin verteilte die Arbeit an die Neueingetroffenen. Ein großer Mann in einem Eisenbahnermantel mit Pelzkragen und warmer Persianermütze drehte empört die Schaufel in der Hand hin und her und wandte sich an eine neben ihm stehende junge Dame in einer Mütze aus Seebärfell, die eine buschige Bommel zierte.
»Ich werde keinen Schnee schippen«, protestierte er.
»Niemand kann mich dazu zwingen. Wenn man mich darum bittet, kann ich als Bahningenieur die Arbeit leiten, aber Schneeschaufeln haben weder du noch ich nötig. Das sieht keine Instruktion vor. Der Alte handelt gesetzwidrig. Ich werde ihn zur Verantwortung ziehen lassen. Wer ist hier der Vorarbeiter?« erkundigte er sich bei einem der Nächststehenden. Kortschagin kam heran.
»Weshalb arbeiten Sie nicht, Bürger?« Der Mann maß Pawel verächtlich von Kopf bis Fuß.
»Wer sind denn Sie?«
»Ich bin Arbeiter.«
»Dann habe ich mit Ihnen nichts zu verhandeln. Schicken Sie mir Ihren Vorarbeiter oder sonst einen von denen da …« Kortschagin sah ihn finster an.
»Wenn Sie nicht arbeiten wollen, so lassen Sie es sein. Ohne unseren Vermerk auf der Fahrkarte kommen Sie nicht wieder in den Zug. Das ist die Anweisung unseres Bauleiters.«
»Und Sie, Bürgerin, weigern Sie sich auch zu arbeiten?« Pawel wandte sich jetzt an die junge Dame und war plötzlich wie vom Donner gerührt. Vor ihm stand Tonja Tumanowa.
Nur mit Mühe erkannte sie in dem zerlumpten Burschen Pawel Kortschagin. In abgetragener, zerrissener Kleidung und phantastischem Schuhwerk, mit einem schmutzigen Handtuch um den Hals und ungewaschenem Gesicht, stand Pawel vor ihr. Nur seine Augen glühten noch im alten Feuer. Ja, das waren seine Augen. Und es ist noch gar nicht so lange her, dass sie diesen zerlumpten Burschen, der eher einem Landstreicher glich, geliebt hat. Wie anders war doch alles geworden!
Jetzt ist sie seit kurzem verheiratet und ist gerade mit ihrem Mann auf der Hochzeitsreise in die große Stadt, wo er einen verantwortlichen Posten bei der Bahnverwaltung bekleidet. Und ausgerechnet hier muss sie ihrer Jugendliebe begegnen. Es war ihr sogar peinlich, ihm die Hand zu reichen. Was würde Wassili denken? Wie unangenehm, dass Kortschagin so heruntergekommen ist. Offensichtlich hat es der Heizer im Leben nicht weiter als bis zum Erdarbeiter gebracht.
Unentschlossen stand sie da und wurde über und über rot vor Verlegenheit. Den Bahningenieur ärgerte das, wie ihm schien, unverfrorene Benehmen dieses Landstreichers, der unverwandt seine Frau anstarrte. Er warf die Schaufel hin und ging auf Tonja zu.
»Gehen wir, Tonja. Ich kann diesen Lazzarone nicht mehr ruhig anschauen.«
Kortschagin wusste aus dem Roman »Guiseppe Garibaldi«, was Lazzarone bedeutete.
»Wenn ich ein Lazzarone bin, so bist du einfach ein irrtümlich am Leben gebliebener Bourgeois«, erwiderte er dem Bahningenieur dumpf und fügte, sich an Tonja wendend, betont kalt hinzu:
»Greifen Sie zur Schaufel, Genossin Tumanowa, und gehen Sie an die Arbeit. Nehmen Sie sich kein Beispiel an diesem gemästeten Büffel. Verzeihen Sie, ich weiß nicht, in welchen Beziehungen Sie zu ihm stehen.«
Pawel lächelte nicht besonders liebenswürdig und sagte noch mit einem Blick auf Tonjas Pelzüberschuhe flüchtig: »Hierzubleiben rate ich Ihnen nicht. Vor einigen Tagen hatten wir Banditenbesuch.«
Er drehte ihnen den Rücken zu und ging, den Gummischuh nachschleppend, zu seiner Brigade.
Pawels letzte Worte hatten auch auf den Bahningenieur ihre Wirkung nicht verfehlt. Tonja überredete ihn mitzuarbeiten.
Am Abend, nach Beendigung der Arbeit, kehrten alle zum Bahnhof zurück. Tonjas Mann war vorausgeeilt, um im Zug Plätze zu belegen. Tonja blieb stehen und ließ die Arbeiter vorübergehen. Als letzter folgte, auf die Schaufel gestützt, der völlig erschöpfte Kortschagin.
»Guten Tag, Pawluscha. Ich muss gestehen, dass ich nicht erwartet hatte, dich so wieder zu sehen. Hast du denn unter der Sowjetmacht wirklich nichts Besseres verdient, als in der Erde herumzubuddeln? Ich dachte, du seiest schon längst Kommissar oder so etwas Ähnliches geworden. Was bist du doch bloß für ein Pechvogel…«, sagte Tonja, neben ihm hergehend.
Pawel blieb stehen und maß Tonja mit erstauntem Blick.
»Ach, ich habe nicht erwartet, dich so - affektiert wieder zu sehen«, erwiderte Pawel, der einen Moment nach einem passenden, nicht allzu groben Ausdruck gesucht hatte.
Tonja errötete bis in die Ohrenspitzen.
»Du bist immer noch so grob!«
Kortschagin schwang die Schaufel auf die Schulter und ging weiter. Erst nachdem er einige Schritte zurückgelegt hatte, sagte er:
»Meine Grobheit ist noch unvergleichlich erträglicher als Ihre so genannte Höflichkeit, Genossin Tumanowa. Um mein Leben brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, da ist schon alles in Ordnung. Ihr Leben aber hat sich schlimmer gestaltet, als ich mir vorgestellt hatte. Vor zwei Jahren hast du dich noch nicht geschämt, einem Arbeiter die Hand zu reichen. Und jetzt riechst du schon ganz nach Mottenpulver. Und, offen gestanden, wir haben einander nichts mehr zu sagen.«

Pawel hatte einen Brief von Artjom erhalten. Der Bruder schrieb ihm von seiner bevorstehenden Heirat und bat ihn, unbedingt zu kommen.
Der Wind entriss Kortschagins Händen das flatternde weiße Papier und wirbelte es, einer Taube gleich, in die Höhe.
Er wird der Hochzeit nicht beiwohnen können. Ist es denn denkbar, jetzt von hier wegzufahren? Schon gestern hat dieser Bär, Pankratow, seine Gruppe überholt und stürmt in einem solchen Tempo vorwärts, dass allen Hören und Sehen vergeht. Der Hafenarbeiter steuert unaufhaltsam auf sein Ziel los und spornt, selber aus der ihm eigenen Ruhe gebracht, auch seine Leute zu unerhörten Leistungen an.
Patoschkin beobachtete den stummen und erbitterten Wettkampf der Bauarbeiter. Erstaunt fragte er sich: Was sind das bloß für Menschen? Welche unbegreifliche Kraft beseelt sie? Wenn jetzt das Wetter nur noch acht Tage anhält, so erreichen wir den Holzschlag. Das alte Sprichwort ist also wahr: Ein Menschenalter lebst du, ein Menschenalter lernst du, und im Alter bleibst du doch derselbe Narr. Diese Leute werfen mit ihrer Arbeit alle Berechnungen und Normen über den Haufen.
Aus der Stadt traf Klavicek ein und brachte frisches Brot mit. Nachdem er mit Tokarew gesprochen hatte, suchte er Kortschagin an seiner Arbeitsstelle auf. Sie begrüßten sich herzlich. Lächelnd holte Klavicek aus seinem Rucksack eine schöne gelbe schwedische Pelzjacke hervor, klatschte dabei auf das schmiegsame Chromleder und sagte:
»Die gehört dir. Errätst du, von wem? - Hoho! Du bist aber schön dumm, mein Junge! Das schickt dir Genossin Ustinowitsch, damit du Esel nicht
erfrierst. Die Jacke hat sie vom Genossen Olschinski geschenkt bekommen, und kaum aus seinen Händen empfangen, gab sie mir das kostbare Stück mit den Worten: ›Für Kortschagin.‹ Akim hatte ihr erzählt, dass du in dieser Kälte ohne Mantel arbeitest. Olschinski rümpfte dabei ein wenig die Nase. ,Ich kann ja diesem Genossen einen Mantel schicken', sagte er. Aber Rita lachte nur und meinte: ›Macht nichts, in der Jacke kann er besser arbeiten! ‹ Also nimm, da hast du sie.«
Pawel musterte erstaunt das teure Geschenk und zog es dann, ein wenig zögernd, über den verfrorenen Körper. Der weiche Pelz erwärmte rasch Schultern und Brust.

Rita schrieb in ihr Tagebuch:

20. Dezember
Schneesturm auf Schneesturm. Nichts als Wind und Schnee. In Bojarka waren sie fast am Ziel, aber Fröste und Schneegestöber haben ihnen Halt geboten. Sie versinken im Schnee. Gefrorene Erde zu graben ist sehr schwer. Es bleiben ihnen nur noch dreiviertel Kilometer, aber die schwierigsten.
Tokarew meldet, dass auf dem Bau Typhusfälle vorgekommen sind. Drei Mann sind erkrankt.

22. Dezember
Zur Plenarsitzung des Gouvernements-Jugendkomitees ist aus Bojarka niemand erschienen. Siebzehn Kilometer von Bojarka entfernt haben die Banditen einen Getreidezug zum Entgleisen gebracht. Laut Befehl des Bevollmächtigten des Volkskommissariats für Ernährung ist die gesamte Bauabteilung dorthin geschickt worden.

23. Dezember
Aus Bojarka sind weitere sieben Typhuskranke in die Stadt gebracht worden. Unter ihnen ist auch Okunew.
Ich war auf dem Bahnhof. Von den Puffern eines aus Charkow eingetroffenen Zuges wurden erstarrte Leichen heruntergeholt. In den Krankenhäusern herrscht Kälte. Verfluchter Schneesturm! Wann wird er endlich aufhören?

24. Dezember
Komme eben von Shuchrai. Es ist also wahr: Gestern Nacht hat Orlik mit seiner ganzen Bande Bojarka überfallen. Zwei Stunden lang dauerte der Kampf. Die Banditen hatten die Telefondrähte zerschnitten, und erst heute morgen gelang es Shuchrai, genaue Nachrichten zu erhalten. Die Bande ist zurückgeschlagen worden. Tokarew hat einen Brustschuss abbekommen. Heute wird er in die Stadt gebracht. Klavicek, der in jener Nacht Wachhabender war, ist umgebracht worden. Er hatte als erster die Bande bemerkt und Alarm geschlagen. Schießend zog er sich zurück, es gelang ihm jedoch nicht mehr, die Schule zu erreichen; er wurde niedergesäbelt. Von den Bauarbeitern sind elf verwundet. Ein Panzerzug und zwei Kavallerieschwadronen sind dort bereits eingetroffen.
Bauleiter ist jetzt Pankratow.
Ein Teil der Bande wurde im Laufe des Tages von Pusyrewski beim Weiler Gluboki eingeholt und bis auf den letzten Mann niedergemacht.
Viele von den parteilosen Arbeitern sind, ohne auf den Zug zu warten, zu Fuß die Strecke entlang davongelaufen.

25. Dezember
Tokarew und die übrigen Verwundeten sind in die Stadt gebracht worden. Sie liegen im Spital. Die Ärzte haben versprochen, den Alten zu retten. Er liegt bewusstlos. Das Leben der anderen Genossen ist außer Gefahr.
Das Gouvernements-Parteikomitee und wir haben aus Bojarka ein Telegramm erhalten:
»Als Antwort auf die Banditenüberfälle erklären die auf einer Kundgebung versammelten Bauarbeiter der Schmalspurbahn, gemeinsam mit der Besatzung des Panzerzuges und den Rotarmisten des Kavallerieregiments, dass wir der Stadt, trotz aller Hindernisse, am 1. Januar das Holz liefern werden. Mit Anspannung aller unserer Kräfte gehen wir an die Arbeit. Es lebe die Kommunistische Partei, die uns hierher beordert hat! Vorsitzender der Kundgebung: Kortschagin. Sekretär: Bersin.«
Klavicek wurde in Solomenka mit militärischen Ehren begraben. -

Das heißersehnte Holz war schon nahe, aber die letzten Arbeiten gingen quälend langsam voran; täglich legte der Typhus Dutzende der dringend notwendigen Hände lahm.
Schwach auf den Beinen, wie ein Betrunkener schwankend, kehrte Kortscha-gin zur Station zurück. Schon seit Tagen lief er mit hoher Temperatur umher. Heute aber spürte er das Fieber, das ihn schüttelte, stärker als sonst.
Der Bauchtyphus, der die Abteilung heimsuchte, hatte auch Pawel gepackt. Sein kräftiger Körper leistete jedoch Widerstand, und fünf Tage lang brachte er die Kraft auf, sich von dem mit Stroh bedeckten Betonboden zu erheben und gemeinsam mit den ändern zur Arbeit zu gehen. Weder die Pelzjacke noch die Filzstiefel - ein Geschenk Fjodors -, die er über die schon erfrorenen Füße gezogen hatte, konnten ihm jetzt helfen.
Bei jedem Schritt spürte er ein schmerzhaftes Stechen in der Brust, seine Zähne schlugen aufeinander, ihm schwindelte, und die Bäume schienen sich im Reigen zu drehen.
Mit Mühe erreichte er die Station. Er staunte über den ungewöhnlichen Lärm und schaute auf: Ein langer Zug stand auf der Bahnstation. Auf den offenen Wagen standen kleine Lokomotiven, Schienen und Schwellen lagen aufgestapelt - sie wurden von den Leuten abgeladen, die mit dem Zug eingetroffen waren.
Pawel machte noch einige Schritte, dann verlor er das Gleichgewicht. Er fühlte dumpf, wie sein Kopf auf den Boden aufschlug. Der Schnee kühlte die glühenden Wangen.
Man fand ihn erst nach einigen Stunden, trug ihn in die Baracke. Kortschagin atmete schwer und erkannte die ihn Umgebenden nicht. Der vom Panzerzug herbeigerufene Feldscher erklärte: »Kruppöse Lungenentzündung und Bauchtyphus. Temperatur 41,5. Dazu noch die entzündeten Gelenke und die Geschwüre am Hals. Das sind jedoch Lappalien, verglichen mit den ersten zwei Krankheiten, die völlig ausreichen, ihn ins Jenseits zu befördern.«
Pankratow und der wieder eingetroffene Dubawa taten alles, um Pawel zu retten.
Ein Landsmann Kortschagins - Aljoscha Kochanski - wurde beauftragt, den Kranken in seine Heimatstadt zu schaffen.
Unter Choljawas Druck und mit Hilfe der gesamten Brigade Kortschagins gelang es Pankratow und Dubawa schließlich, den besinnungslosen Pawel und Aljoscha in einem vollgepfropften Eisenbahnwagen unterzubringen.
Aus Angst vor Flecktyphus wollte man sie nicht hereinlassen. Die Passagiere weigerten sich und drohten, den Typhuskranken unterwegs an die Luft zu setzen.
Choljawa fuchtelte mit der Pistole vor den Nasen derer, die sich der Unterbringung des Kranken widersetzten, und schrie:
»Der Junge hat keine ansteckende Krankheit! Er wird fahren, und wenn wir gezwungen sein sollten, euch alle rauszuschmeißen! Merkt euch das, egoistisches Gesindel. Sollte es jemand wagen, den Kranken auch nur anzurühren -ich werde die Tscheka an der ganzen Strecke darauf aufmerksam machen -, dann werdet ihr alle aus dem Zug geholt und kommt hinter Schloss und Riegel. Hier, Aljoscha, hast du Pawkas Pistole. Schieß nur los, wenn sich jemand einfallen lässt, ihn anzufassen«, fügte Choljawa hinzu, um den Passagieren einen Schreck einzujagen.
Der Zug setzte sich in Bewegung. Auf dem leer gewordenen Bahnsteig trat Pankratow an Dubawa heran.
»Was denkst du, wird er's überstehen?«
Er erhielt keine Antwort.
»Lass uns gehen, Dmitri. Wie's kommt, so kommt es eben. Jetzt tragen wir für alles die Verantwortung. Die Lokomotiven müssen noch heute Nacht abgeladen werden. Morgen wollen wir versuchen sie zu heizen.«
Währenddessen telefonierte Choljawa mit allen seinen Tschekafreunden auf der ganzen Strecke und bat sie eindringlich, nicht zuzulassen, dass der kranke Kortschagin von den Reisenden aus dem Zug gesetzt werde, und erst nachdem er das feste Versprechen erhalten hatte, dass sie dies nicht dulden würden, begab er sich zur Ruhe.
An dem nächsten Eisenbahnknotenpunkt wurde aus dem Zug die Leiche eines während der Reise verstorbenen unbekannten jungen Burschen auf den Bahnsteig geschleppt. Wer es gewesen war und woran er gestorben war, das wusste niemand. Die Eisenbahntschekisten liefen, der Bitte Choljawas eingedenk, zum Wagen, um das Abladen zu verhindern. Nachdem sie sich jedoch überzeugt hatten, dass der Junge tot war, ließen sie ihn in die Leichenkammer des Lazaretts schaffen.
Darauf riefen sie sogleich Choljawa an und teilten ihm den Tod seines Freundes mit, um dessen Leben er so besorgt gewesen war.
Ein kurzes Telegramm aus Bojarka informierte das Gouvernementskomitee vom Tode Kortschagins.
Indessen lieferte Aljoscha Kochanski den Schwerkranken bei seiner Mutter ab und legte sich selbst mit heftigem Typhus nieder.

9. Januar
Warum ist mir nur so schwer ums Herz? Bevor ich mich niedersetzte, habe ich geweint. Wer hätte je gedacht, dass auch die Rita schluchzen kann, und noch dazu so herzzerreißend? Weint man denn immer nur aus Schwäche? Ein brennender Schmerz ist heute die Ursache. Warum musste nur dieser Kummer kommen? Und warum ausgerechnet heute, am Tag unseres großen Sieges, wo die Schrecken der Kälte überwunden, wo auf den Eisenbahnstationen Riesenmengen kostbaren Heizmaterials auf Verladung warten, wo ich eben erst bei der Siegesfeier im Plenum des Stadtsowjets anwesend war, auf der die Erbauer der Bahnstrecke als Helden gefeiert wurden? Ja, das ist ein Sieg, aber zwei haben ihn mit ihrem Leben bezahlt, Klavicek und Kortschagin.
Pawels Tod hat mir die Wahrheit offenbart: Er war mir teurer, als ich je gedacht habe.
Damit breche ich meine Aufzeichnungen ab. Ich weiß nicht, ob ich sie jemals wiederaufnehmen werde. Morgen schreibe ich nach Charkow, dass ich einverstanden bin, im Zentralkomitee des Ukrainischen Jugendverbandes zu arbeiten.

DRITTES KAPITEL

Die Jugend trug den Sieg davon. Kortschagin hatte den Typhus überwunden. Zum vierten Mal hatte er an der Schwelle des Todes gestanden und war wieder zum Leben zurückgekehrt. Erst nach einem Monat erhob er sich von seinem Lager, noch unsicher auf den Beinen, mager und bleich, und versuchte, sich an den Wänden haltend, durchs Zimmer zu gehen. Von der Mutter gestützt, erreichte er das Fenster und schaute lange auf die Straße hinaus. Die Sonnenstrahlen spiegelten sich in den Schneepfützen. Draußen war Tauwetter, der Frühling kündete sich an. Dicht vor dem Fenster, auf den Zweigen eines Kirschbaums, schaukelte ein graubäuchiger Spatz und schielte hie und da mit unruhigen schelmischen Augen zu Pawel herüber.
»Nun haben wir also beide den Winter überlebt«, sagte Pawel leise und trommelte gegen die Scheibe.
Erschrocken blickte ihn die Mutter an.
»Mit wem unterhältst du dich denn?«
»Mit dem Spatz dort … Nun ist er weggeflogen, der Spitzbube …«, antwortete Pawel mit einem schwachen Lächeln.
Es war ein schöner Frühling geworden. Kortschagin begann an seine Rückkehr in die Stadt zu denken. Er fühlte sich wieder so weit bei Kräften, dass er schon ganz sicher gehen konnte. Und doch schien in seinem Organismus irgend etwas nicht zu stimmen. Als er einmal im Garten spazierenging, streckte ihn ein jäher stechender Schmerz im Rückgrat zu Boden. Mühsam schleppte er sich ins Zimmer. Am nächsten Tag wurde er aufmerksam vom Arzt untersucht. Der entdeckte, als er ihm das Rückgrat abtastete, eine ausgeprägte Vertiefung in einem Wirbel und fragte verwundert:
»Woher haben Sie denn das?«
»Das stammt von einem Pflasterstein, Doktor. Bei Rowno ist hinter mir mitten auf der Chaussee ein dreizölliges Geschoß krepiert…«
»Aber wie konnten Sie denn die ganze Zeit damit herumgehen? Haben Sie denn keine Beschwerden gehabt?«
»Nein. Etwa zwei Stunden habe ich damals gelegen, und dann ging's weiter, zu Pferd. Jetzt spüre ich zum ersten Male etwas.« Der Arzt untersuchte stirnrunzelnd die Vertiefung.
»Das ist aber eine recht unangenehme Geschichte, mein Lieber. Die Wirbelsäule hat solche Erschütterungen nicht gern. Hoffen wir, dass sie sich in Zukunft nicht bemerkbar machen wird. Ziehen Sie sich an, Genosse Kortschagin.« Mit schlecht verhehlter Besorgnis blickte er seinen Patienten an.
Artjom wohnte bei der Familie seiner jungen, unscheinbaren Ehefrau Stjoscha. Es waren verarmte Bauern. Pawel stattete Artjom einmal einen Besuch ab. Ein kleiner, verdreckter, schieläugiger Junge lief auf dem winzigen, schmutzigen Hof umher. Als er Pawel gewahrte, glotzte er ihn mit seinen frechen Äuglein an, bohrte eifrig mit dem Finger in der Nase und fragte:
»Was suchst du denn hier? Bist wohl stehlen gekommen? Mach lieber, dass du wegkommst, denn mit unserer Mutter ist nicht zu spaßen!«
In dem alten niedrigen Bauernhaus wurde ein Fensterchen geöffnet, und Artjom rief:
»Komm nur herein, Pawluscha!«
Am Ofen stand eine Alte mit pergamentgelbem Gesicht und hantierte mit einer Topfgabel. Flüchtig streifte ihr missmutiger Blick Pawel, und nachdem sie den Gast an sich vorbeigelassen hatte, klapperte sie wieder mit ihrem gusseisernen Kochgeschirr.
Zwei halbwüchsige Mädchen mit kurzen Zöpfen kletterten bei Pawels Eintreten rasch auf den breiten russischen Ofen und guckten mit der Neugier kleiner Wilder von dort herab.
Artjom saß ein wenig verlegen am Tisch. Seine Heirat war weder von seiner Mutter noch vom Bruder gebilligt worden. Artjom, der doch selbst aus proletarischem Haus stammte, hatte plötzlich aus unbekannten Gründen seine drei Jahre währende Freundschaft mit der schönen Konfektionsarbeiterin Galja, der Tochter eines Steinmetzen, abgebrochen und war zu der unscheinbaren Stjoscha gezogen. Nun wohnte er im Haus seiner Schwiegermutter, mit noch fünf hungrigen Mäulern und ohne Arbeitskräfte. Nach Beendigung seiner Arbeit im Depot rackerte er sich noch tüchtig auf dem Feld ab, um die heruntergekommene Wirtschaft wieder hochzubringen.
Artjom wusste sehr gut, dass Pawel seinen Übergang »ins kleinbürgerliche Milieu« - wie er es nannte - nicht billigte, und jetzt beobachtete er, wie der Bruder alles, was er hier sah, aufnahm.
Sie saßen eine Weile beieinander, tauschten nichts sagende Worte aus, wie man das gewöhnlich bei Besuchen zu tun pflegt, und Pawel schickte sich schon wieder an zu gehen. Artjom hielt ihn zurück.
»Warte doch, wirst mit uns zu Mittag essen. Gleich bringt Stjoscha frische Milch. Also morgen willst du fahren? Bist doch eigentlich noch zu schwach, Pawel.«
Stjoscha kam herein, begrüßte Pawel und rief Artjom auf die Tenne hinaus, damit er ihr etwas tragen helfe. Pawel blieb mit der wortkargen Alten allein zurück. Durchs Fenster vernahm man den Klang der Kirchenglocke. Die Alte legte die Topfgabel zur Seite und murmelte unzufrieden vor sich hin:
»Ach, Herr Jesus, bei dieser Teufelsarbeit kommt man nicht einmal zum Beten!« Sie warf dem Besucher einen scheelen Blick zu, löste das um den Hals geknüpfte Tuch und trat in eine Ecke, die mit vergilbten, traurig dreinschauenden Heiligenbildern vollgestellt war. Sie legte drei ihrer knochigen Finger zusammen und bekreuzigte sich.
»Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name«, flüsterten ihre welken Lippen.
Der Junge im Hof nahm Anlauf und sprang auf den Rücken eines langohrigen schwarzen Schweins. Mit den Fersen seiner nackten Füße trat er dem Tier in die Weichen, hielt sich mit beiden Händen an den Borsten fest und schrie auf das herumrennende und grunzende Schwein ein:
»Hott, hott, lauf zu! Brr, halt still!«
Das Schwein jagte mit dem Jungen auf dem Rücken im Hof herum und versuchte ihn abzuschütteln, aber der schieläugige Wildfang hatte sich festgeklammert.
Die Alte unterbrach ihr Gebet und steckte den Kopf zum Fenster hinaus.
»Ich werde dir das Reiten schon austreiben, verfluchter Bengel du! Mach, dass du von dem Schwein herunterkommst! Hol dich der Teufel! Der Erdboden soll dich verschlingen, verrückter Lauser du!«
Schließlich gelang es dem Schwein, seinen Reiter abzuwerfen, und die Alte wandte sich befriedigt wieder den Heiligenbildern zu. Sie setzte eine fromme Miene auf und betete weiter:
»Dein Reich komme... «
In der Tür tauchte der verheulte Junge auf. Er wischte sich die blutende Nase mit dem Ärmel, wimmerte und schluchzte vor Schmerz und bettelte.
»Ma-a-ma, gib mir 'nen Pfannkuchen …« Die Alte wandte sich böse nach ihm um.
»Nicht einmal beten lässt er einen, dieser schieläugige Satan. Ich werde dir gleich etwas zu essen geben, du Halunke...« Sie griff nach einer auf der Bank liegenden Peitsche. Der Kleine verschwand im Nu. Die Mädchen kicherten leise.

Die Alte machte sich zum dritten Mal ans Gebet.
Pawel erhob sich und ging, ohne auf den Bruder zu warten. Während er die Pforte hinter sich schloss, sah er am letzten Fenster den Kopf der Alten. Sie verfolgte ihn mit den Augen.
Wie, zum Teufel, ist Artjom hier hineingeraten? Jetzt wird er bis zu seinem Tode in diesem Jammer stecken. Stjoscha wird natürlich jedes Jahr ein Kind gebären. Er wird sich hier vergraben wie ein Käfer im Mist. Schließlich wird er noch gar das Depot verlassen, dachte Pawel traurig, als er durch die einsamen Straßen des Städtchens schritt … Und ich habe noch geglaubt, dass man ihn zur politischen Arbeit heranziehen könnte.
Pawel freute sich, dass er am nächsten Tag wieder in die große Stadt fahren würde, in der er seine Freunde, die ihm so teuren Menschen, zurückgelassen hatte. Die Großstadt zog ihn an durch ihre unwiderstehliche Kraft, ihr pulsierendes Leben, durch die Geschäftigkeit des unaufhaltsam dahinziehenden Menschenstroms, das Gerassel der Straßenbahnen und das Getöse der Autohupen. Vor allem aber sehnte er sich nach den riesigen Steingebäuden, nach den verrußten Werkstätten seines Betriebes, den Maschinen und dem leisen Surren der Riemen. Es zog ihn dorthin, wo sich die riesigen Räder ungestüm drehten, wo es nach Maschinenöl roch, zu all dem, was ihm ans Herz gewachsen war. Hier jedoch, in dem stillen Städtchen, ergriff Pawel, während er durch die leeren Straßen streifte, eine seltsame Niedergeschlagenheit. Er war nicht besonders verwundert, dass ihm dieses Städtchen fremd und langweilig geworden war. Er empfand es sogar als unangenehm, tagsüber spazierenzugehen.
Wenn er so an den geschwätzigen, vor ihren Haustüren hockenden Klatschbasen vorüberging, vernahm Pawel ihr aufgeregtes Geflüster:
»Schaut nur, wo kommt denn dieses Schreckgespenst her?«
»Der hat, scheint's, die Schwindsucht!«
»Eine feine Pelzjacke, nicht? Ist todsicher gestohlen …«
Und dann kam noch vieles andere, was ihn anwiderte.
Schon seit langem hatte er sich von hier völlig losgelöst.
Die Großstadt mit den energischen und lebensfreudigen Genossen und der brausenden Tätigkeit war ihm näher und vertrauter geworden.
Unmerklich hatte sich Kortschagin dem Fichtenwäldchen genähert und blieb am Kreuzweg stehen. Rechts lag das vom Wald durch einen hohen spitzen Zaun abgegrenzte alte graue Gefängnis, dahinter das weiße Gebäude des Krankenhauses.
Hier, auf dem Platz, hatte man Walja und ihre Genossen erhängt.
Schweigend weilte er an der Stelle, auf der der Galgen gestanden hatte. Dann ging er den steilen Abhang hinunter und gelangte zu den Gräbern der Kameraden.
Unbekannte sorgsame Hände hatten die Gräberreihen mit Tannenkränzen geschmückt und den kleinen Friedhof mit einer grünen Hecke umgeben. Auf dem Hügel ragten schlanke Fichten empor. Wie grüne Seide bedeckte zartes Gras die Hänge der Schlucht.
Hier endete schon das Städtchen. Es war still und traurig ringsum. Leise rauschten die Bäume, und die Frühlingsdüfte der zu neuem Leben erwachten Erde erfüllten die Luft. Hier hatten die tapferen Kameraden ihr Leben gelassen, damit das Leben derer schöner werde, die in Elend und Armut geboren wurden und für die allein die Geburt schon den Anfang der Sklaverei bedeutete.
Pawels Hand zog langsam die Mütze vom Kopf, und Trauer, tiefe Trauer erfüllte sein Herz.
Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und er muss es so nützen, dass ihn später sinnlos vertane Jahre nicht qualvoll gereuen, die Schande einer unwürdigen, nichtigen Vergangenheit ihn nicht bedrückt und dass er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten auf der Welt - dem Kampf für die Befreiung der Menschheit - geweiht. Und er muss sich beeilen zu leben. Denn eine dumme Krankheit oder irgendein tragischer Zufall kann dem Leben jäh ein Ende setzen.
Von diesen Gedanken bewegt, verließ Kortschagin den Friedhof.

Zu Hause packte die Mutter traurig die Sachen des Sohnes. Pawel, der sie beobachtete, sah, wie sie nur mühsam die Tränen verbarg.
»Vielleicht bleibst du doch hier, Pawluscha? Es ist mir bitter, im Alter allein zu sein. So viele Kinder habe ich zur Welt gebracht, und kaum wachsen sie heran, so laufen sie davon. Was zieht dich denn so nach der Stadt? Auch hier lässt sich's leben. Oder hast du dir vielleicht auch so eine kurzhaarige Wachtel ausersehen? Mir, der Alten, erzählt ja doch niemand was. Artjom hat sich verheiratet, ohne mir auch nur ein Wort zu sagen, und von dir ist schon überhaupt nicht zu reden. Man bekommt euch nur zu sehen, wenn ihr kaum noch kriechen könnt«, sagte die Mutter leise, während sie die spärlichen Habseligkeiten des Sohnes in eine saubere Tasche packte.
Pawel nahm sie an den Schultern und zog sie an sich.
»Nein, Mamachen, von einer Wachtel ist nicht die Rede. Weißt du denn nicht, dass sich die Vögel ein Weibchen ihrer Art suchen? Bin ich denn etwa deiner Meinung nach ein Wachtelhahn?« Die Mutter musste lächeln.
»Ich habe mir fest vorgenommen, Mamachen, so lange kein Mädchen zu küssen, bis nicht in der ganzen Welt die Bourgeois ausgerottet sind. Du glaubst, dass man da lange warten muss? Nein, Mamachen, lange werden sich die Bourgeois nicht mehr halten könne .n … Bald wird es nur eine einzige Republik für die Menschheit geben, und euch alte Leute, die ihr euer Leben lang viel geschuftet habt - euch schicken wir nach Italien. Das ist so ein warmes Land,
direkt am Meer; Winter gibt es da überhaupt nicht. Wir quartieren euch dort in die Paläste der Bourgeois ein, und ihr könnt eure alten Knochen in der Sonne wärmen. Wir aber werden nach Amerika fahren, um dort mit den Bourgeois ein Ende zu machen.«
»Ich werde es wohl kaum erleben, mein Söhnchen, dass deine Märchen Wirklichkeit werde n.… Genauso ein Springinsfeld wie du war auch dein Großvater. Ein Seemann war er. Ein wahrhaftiger Räuber, Gott steh mir bei. Er hat am Sewastopoler Krieg teilgenommen und es dort so weit gebracht, dass er mit einem Arm und einem Bein nach Hause zurückkehrte. Zwei Kreuze haben sie ihm an die Brust gehängt und zwei silberne Halbrubelstücke an Bändchen. Gestorben ist er aber in fürchterlicher Armut. Eigensinnig war er, hatte irgendeinem von der Obrigkeit mit der Krücke eins über den Schädel gehauen und hat fast ein Jahr dafür im Gefängnis gesessen. Eingesperrt haben sie ihn, auch die Kreuze halfen nichts. Wenn ich dich so anschaue, mein Söhnchen, scheint es mir, als wärst du ganz nach deinem Großvater geraten.«
»Warum machen wir uns den Abschied so schwer, Mamachen? Gib mir mal die Ziehharmonika. Ich habe sie lange nicht mehr in den Händen gehabt.«
Er beugte den Kopf über die Perlmuttreihen der Tasten. Die Mutter staunte, wie neuartig sein Spiel war. Er spielte anders als früher. In seiner Musik lag jetzt nicht mehr die unbändige Verwegenheit, jenes tolle Jauchzen voller Ausgelassenheit, jener trunkene Übermut, die den jungen Harmonikaspieler Pawka im ganzen Städtchen berühmt gemacht hatten. Seine Musik klang melodisch, war jedoch, ohne ihre Kraft eingebüßt zu haben, ernster und tiefgründiger geworden.

Zum Bahnhof ging er allein.
Die Mutter hatte er überredet, daheim zu bleiben. Er wollte keine Tränen beim Abschiednehmen.
Gewaltsam drängte sich alles in den Zug. Pawel erwischte ganz oben eine freie Bank und beobachtete von dort aus die schreienden und aufgeregten Menschen in den Gängen.
Genauso wie früher wurden auch jetzt Säcke hereingeschleppt und unter die Bänke geschoben.
Als sich der Zug in Bewegung setzte, beruhigten sich alle und machten sich, wie immer auf Eisenbahnfahrten, gierig übers Essen her.
Pawel schlief bald ein.
Das erste Haus, das er aufsuchen wollte, befand sich im Zentrum der Stadt, auf dem Krestschatik. Langsam stieg er die Stufen der Bahnüberführung hinan. Ringsum war alles vertraut, nichts hatte sich verändert. Er überschritt die Brücke, und seine Hand streifte über das glatte Geländer. Er gelangte zu den Stufen, die hinabführten, und blieb stehen - auf der Brücke war keine Menschenseele.
Die Nacht bot dem bezauberten Auge einen großartigen Anblick. Wie schwarzer Samt bedeckte die Finsternis den Horizont, und hoch oben in unerreichbarer Ferne funkelten phosphorartig unzählige Sterne. Und unten, wo die unbestimmbare Grenze der Erde mit dem Horizont zusammenfloss, streute die Stadt Millionen Lichter in die Dunkelheit…
Kortschagin entgegen kamen einige Gestalten die Treppe herauf. Die schroffen Stimmen der hitzig streitenden Menschen verscheuchten die nächtliche Stille; Pawel riss seinen Blick von den Lichtern der Stadt los und begann die Stufen hinabzusteigen.
Auf dem Krestschatik, im Büro der Sonderabteilung des Militärbezirks, wurde Kortschagin vom diensthabenden Kommandanten mitgeteilt, dass Shuchrai schon längst aus der Stadt weg sei.
Der Kommandant forschte Pawel ziemlich lange aus, und erst nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass dieser mit Shuchrai persönlich bekannt war, erzählte er ihm, dass Fjodor bereits vor zwei Monaten nach Taschkent, an die turkestanische Front, kommandiert worden sei. Kortschagins Enttäuschung war so groß, dass er sich nicht einmal nach den Einzelheiten erkundigte.
Schweigend kehrte er um und verließ das Gebäude. Von plötzlicher Müdigkeit überwältigt, ließ er sich auf den Stufen der Freitreppe nieder.
Eine Straßenbahn fuhr vorüber und erfüllte die Straße mit ihrem Gerassel. Auf dem Gehsteig bewegte sich ein endloser Menschenstrom. Die Stadt war belebt - hie und da glückliches Frauenlachen, einzelne Wortfetzen eines männlichen Basses, die Tenorstimme eines Jünglings oder die heisere, krächzende Stimme eines Greises. Die Schritte waren immer eilig. Hell erleuchtete Straßenbahnen eilten vorüber, Scheinwerfer der Autos flammten auf, hell glühten die Lämpchen an dem Reklameplakat des benachbarten Kinos. Und überall waren Menschen, die die Straße mit unablässigem Stimmengewirr erfüllten. So sah der Abend einer Großstadt aus.
Der Lärm und der lebendige Atem der Hauptstraße ließen Kortschagin allmählich den Schmerz vergessen, den die Nachricht von Fjodors Abreise hervorgerufen hatte. Wohin sollte er sich aber jetzt wenden? Nach Solomenka zu gehen, wo seine Freunde wohnten, war zu weit. Wie von selbst kam ihm das Haus an der nahen Kruglo-Universitätskaja-Straße in Erinnerung. Natürlich wird er sich jetzt dorthin wenden. Außer Fjodor war ihm ja Rita der nächste Mensch, den er wieder sehen wollte. Dort, bei Akim, würde er auch übernachten können.
Schon von weitem sah er Licht in dem bekannten Eckfenster oben. Mit Mühe bezwang er seine Aufregung und öffnete die eichene Haustür. Auf dem Treppenabsatz blieb er einige Sekunden stehen. Hinter der Tür von Ritas Zimmer waren einige Stimmen zu hören, jemand spielte auf einer Gitarre.
Aha, sogar Gitarrespielen ist jetzt erlaubt? Die Lebensordnung ist also nicht mehr so streng, dachte Pawel.
Er klopfte leicht mit der Faust an die Tür. Um seiner Erregung Herr zu werden, biss er sich auf die Lippen.
Die Tür wurde von einer unbekannten jungen Frau mit Löckchen geöffnet. Sie schaute Kortschagin fragend an.
»Sie wünschen?«
Die Tür war offen geblieben, und ein flüchtiger Blick auf die fremde Einrichtung ließ ihn die Antwort ahnen.
»Kann ich Genossin Ustinowitsch sprechen?«
»Sie wohnt nicht mehr hier. Sie ist schon im Januar nach Charkow abgereist und von dort, wie man erzählt, nach Moskau.«
»Und wohnt Genosse Akim noch hier, oder ist auch er abgereist?«
»Genosse Akim ist auch nicht mehr da. Er ist jetzt Sekretär des Gouvernements-Jugendkomitees von Odessa.«
Pawel blieb nichts anderes übrig, als umzukehren. Seine Freude über die Rückkehr in die Stadt erlosch allmählich.
Jetzt war es höchste Zeit, ernstlich an eine Unterkunft zu denken.
»So aufs Geratewohl die Freunde abzuklappern hat keinen Zweck, dabei läuft man sich nur die Hacken ab und trifft doch niemanden an«, brummte Kortschagin mürrisch, gegen die Erbitterung ankämpfend. Schließlich entschloss er sich doch, noch einmal sein Glück zu versuchen und zu Pankratow zu gehen. Der Hafenarbeiter wohnte in der Nähe der Schiffsanlegestelle. Zu ihm war es näher als nach Solomenka.
Müde und zerschlagen erreichte er schließlich Pankratows Wohnung, und während er an die einst mit Ocker angestrichene Tür klopfte, dachte er bei sich: Wenn auch der nicht zu Hause ist, werde ich nicht mehr umherrennen. Ich lege mich einfach unter ein Boot und übernachte so.
Die Tür wurde von einer alten Frau in einem schlichten, unterm Kinn zusammengebundenen Kopftuch geöffnet. Es war Pankratows Mutter.
»Ist Ignat zu Hause, Mütterchen?«
»Eben ist er gekommen. Wollen Sie zu ihm?« Sie hatte Pawel nicht erkannt, wandte sich ab und rief:
»Ignat, da ist jemand, der zu dir will!«
Pawel folgte ihr ins Zimmer und legte seine Reisetasche auf den Boden. Pankratow kaute zu Ende und drehte sich vom Tisch aus nach ihm um.
»Wenn du zu mir gekommen bist, dann setz dich her und erzähle. Ich will inzwischen meine Suppe verdrücken. Seit dem Morgen habe ich nur Wasser in den Bauch gekriegt!« Und Pankratow griff nach einem riesigen Holzlöffel.
Pawel ließ sich etwas abseits auf einem alten, kaputten Stuhl nieder, nahm die Mütze ab und wischte sich mit ihr nach alter Gewohnheit den Schweiß von der Stirn. Hab ich mich denn wirklich so verändert, dass mich sogar Ignat nicht mehr erkennt? ging es ihm durch den Sinn. Pankratow aß ein paar Löffel Suppe. Als er jedoch von dem Gast keine Antwort bekam, schaute er sich um.
»Na, schieß los, was willst du denn?«
Pankratows Hand blieb mit einem Stück Brot auf halbem Wege zum Mund in der Luft hängen. Er blinzelte ganz verwirrt.
»He … Warte mal… Teufel noch mal! Was soll denn das bedeuten?«
Als Kortschagin sein vor Aufregung rot gewordenes Gesicht sah, konnte er es nicht mehr aushaken und prustete los.
»Pawka! Wir haben dich doch alle längst tot geglaubt! - Aber halt mal! Wie heißt du denn?«
Auf Pankratows Geschrei kamen die ältere Schwester und die Mutter aus dem Nebenzimmer gelaufen. Alle drei überzeugten sich schließlich, dass es wirklich Kortschagin war, der vor ihnen stand.
Im Haus lag schon längst alles in tiefstem Schlaf, und Pankratow erzählte noch immer von den Ereignissen, die sich während der letzten vier Monate abgespielt hatten.
»Sharki und Dubawa sind bereits im Winter nach Charkow abgereist. Und nicht so einfach abgereist sind sie, diese Teufelskerle, sondern auf die Kommunistische Universität. Sie wurden in den Vorbereitungskursus aufgenommen. Wir wollten - an die fünfzehn Mann - dorthin fahren. In der Hitze des Gefechts habe auch ich ein Aufnahmegesuch geschrieben. Man muss mal, denke ich, das Gehirn 'n bisschen verdichten, denn es ist zu dünnflüssig. Aber, verstehst du, in der Kommission haben sie mich reingelegt.«
Pankratow schnaubte gekränkt, und dann fuhr er fort:
»Zuerst ging meine Sache wie geschmiert. Alles stimmte bei mir: Ein Parteibuch habe ich, bin auch lange genug Mitglied des Jugendverbandes, an meiner sozialen Lage und Herkunft kann keiner was aussetzen. Aber als es zur Prüfung des politischen Wissens kam, gab's plötzlich Unannehmlichkeiten.
Ich bin da mit einem Genossen von der Kommission in Streit geraten. Der stellte mir folgende Frage: ›Sagen Sie, Genosse Pankratow, welche Kenntnisse haben Sie in Philosophie?‹ Aber das war's eben, dass ich davon nicht die geringste Ahnung hatte. Ich entsann mich aber sogleich, dass bei uns mal so ein vagabundierender Gymnasiast als Hafenarbeiter angestellt war. Lastträger war der aus purer Wichtigtuerei geworden. Der hatte uns einmal erzählt, dass es in Griechenland, der Teufel weiß wann, solche Gelehrte gegeben hatte, die sich einbildeten, dass sie alles wüssten. Die nannte man Philosophen. Einer von diesen Typen - ich habe seinen Namen vergessen, Idogenes, glaube ich, hieß er - hauste sein ganzes Leben lang in einer Tonne, und so weiter … Als größter Spezialist galt bei ihnen derjenige, der vierzigmal nachwies, dass weiß schwarz und schwarz weiß sei. Kurz und gut - sie waren alle Schwindler. Nun also, ich erinnerte mich daran, was uns der Gymnasiast erzählt hatte, und dachte: So, der will mich jetzt an der Nase herumführen, dieses Kommissionsmitglied. Und der schaut mich auch verschmitzt von der Seite an. Da habe ich denn losgelegt.
› Philosophie‹, sagte ich, ›das ist einfach leeres Geschwätz und Spiegelfechterei. Ich, Genossen, habe gar keine Lust, mich mit solchem Quatsch abzugeben. Die Parteigeschichte, die studiere ich von ganzem Herzen gern.‹ Da nahmen sie mich gleich ins Gebet, wollten wissen, woher ich denn solche Vorstellungen über die Philosophie hätte. Da habe ich dann noch einiges von dem hinzugefügt, was uns der Gymnasiast erzählt hatte. Die ganze Kommission brach in schallendes Gelächter aus. Ich wurde wütend. ›Was‹, sagte ich, ›ihr wollt mich wohl zum Narren halten?‹, nahm meine Mütze und ging.
Später begegnete mir dieses Kommissionsmitglied im Gouvernementskomitee und unterhielt sich fast drei Stunden lang mit mir. Dabei stellte sich heraus, dass der Gymnasiast alles wie Kraut und Rüben durcheinander gebracht hatte und dass die Philosophie wirklich eine große und ernste Sache ist.
Nun siehst du, Dubawa und Sharki, die kamen durch. Dmitri, der hat in der Schule ordentlich was gelernt, aber Sharki - der weiß auch nicht viel mehr als ich. Wahrscheinlich hat ihm sein Orden dabei geholfen. Kurz und gut, ich hatte das Nachsehen. Man hat mich dann mit der Verwaltung der Dampferanlegestelle betraut. Ich vertrete den Leiter des Frachthafens. Früher hatte ich mit den verschiedenen Chefs wegen der Jugendlichen häufig Differenzen, und jetzt muss ich selbst die Wirtschaft leiten. Manchmal ist es auch so: Jemand erweist sich als Faulpelz oder als unverbesserlicher Dummerjan, und dann nehme ich ihn mir tüchtig vor, sowohl als Betriebsleiter wie als Jugendsekretär. Der wird mir schon kein X für ein U mehr vormachen. Aber von mir später. Was für Neuigkeiten habe ich dir denn noch nicht erzählt? Über Akim weißt du Bescheid. Von den Genossen aus dem Bezirkskomitee ist nur noch Tufta auf dem alten Platz. Tokarew macht den Sekretär des Bezirks-Parteikomitees in Solomenka, und Okunew aus deiner Kommune steckt dort im Bezirks-Jugendkomitee. Die politische Aufklärung leitet Talja. In den Werkstätten ist Zwetajew dein Nachfolger geworden. Ich kenne ihn nur wenig, ab und zu sehen wir uns im Gouvernementskomitee, er ist anscheinend kein dummer Kerl, aber voller Eigenliebe. Wenn du dich noch an Anna Borchardt erinnerst, auch sie ist in Solomenka, sie ist Leiterin der Frauenabteilung im Bezirks-Parteikomitee. Von den anderen habe ich dir schon erzählt. Ja, Pawluscha, viele Leute hat die Partei zum Lernen geschickt. In der Gouvernementsparteischule hockt jetzt das gesamte Aktiv über den Büchern. Man hat versprochen, das nächste Jahr auch mich dorthin zu schicken.«
Es war lange nach Mitternacht, als sie einschliefen. Als Kortschagin am Morgen erwachte, war Ignat schon zur Anlegestelle gegangen. Dussja, seine Schwester, ein kräftiges Mädchen, das dem Bruder sehr ähnlich sah, bewirtete den Gast mit Frühstück und plauderte mit ihm fröhlich über allerlei Kleinigkeiten. Pankratows Vater, ein Schiffsmaschinist, war auf Fahrt.
Als sich Kortschagin auf den Weg machen wollte, erinnerte ihn Dussja:
»Vergessen Sie nicht, dass wir Sie zum Mittagessen erwarten.«

Im Gouvernementskomitee herrschte wie immer reges Leben. Ununterbrochen ging die Tür auf und zu. Die Korridore und Zimmer waren voller Menschen. Hinter der Tür der Geschäftsleitung hörte man das gedämpfte Klappern der Schreibmaschinen. Pawel blieb eine Zeitlang im Gang stehen. Er sah sich lange um, ob ihm kein Bekannter begegnete, da er jedoch niemanden erblickte, trat er ins Zimmer des Sekretärs. Hinter dem großen Schreibtisch saß in einer blauen Russenbluse der Sekretär des Gouvernementskomitees. Er begrüßte Kortschagin mit einem kurzen Kopfnicken und fuhr, ohne aufzublicken, im Schreiben fort.
Pawel setzte sich ihm gegenüber und betrachtete den Nachfolger Akims aufmerksam.
»In welcher Angelegenheit kommen Sie?« fragte der Sekretär, nachdem er hinter die letzte Zeile des vollgeschriebenen Blattes einen Punkt gesetzt hatte.
Pawel erzählte ihm seine Geschichte.
»Ihr müsst mich wiederauferstehen lassen, Genosse, in die Mitgliederliste der Organisation eintragen und in die Werkstätten schicken. Gib bitte eine solche Anweisung.«
Der Sekretär lehnte sich im Sessel zurück. Dann erwiderte er zögernd:
»Deine Mitgliedschaft werden wir natürlich wiederherstellen, das ist gar keine Frage. Jedoch dich in die Werkstätten schicken, ist nicht ganz so einfach, dort arbeitet bereits Zwetajew, ein Mitglied des neuen Gouvernementskomitees. Wir werden dich für eine andere Arbeit verwenden.«
Kortschagins Blick verdüsterte sich.
»Ich will nicht deshalb in die Werkstätten, um Zwetajew bei seiner Arbeit zu stören. Ich will dorthin, um in meinem Fach zu arbeiten, und nicht als Sekretär des Kollektivs, und da ich mich gesundheitlich noch ziemlich schwach fühle, bitte ich, mir keine andere Arbeit zu geben.«
Der Sekretär willigte ein und schrieb einige Worte auf einen Zettel.
»Ü bergeben Sie das dem Genossen Tufta. Er wird schon alles regeln.«
In der Personalabteilung war Tufta gerade damit beschäftigt, seinen Gehilfen, den Kartothekführer, abzukanzeln.
Pawel hörte sich das Gezänk eine halbe Minute lang an, als er jedoch sah, dass sich die Sache in die Länge zog, unterbrach er den außer sich geratenen Personalleiter.
»Kannst etwas später die Schimpferei zu Ende führen, Tufta. Hier hast du einen Zettel, wollen mal meine Papiere in Ordnung bringen!«
Tufta schaute bald auf den Zettel, bald auf Kortschagin. Endlich kapierte er.
»Ach so! Du bist also nicht gestorben? Was soll man aber jetzt machen? Du bist ja aus der Mitgliederliste gestrichen! Ich selbst habe deine Karteikarte ans Zentralkomitee geschickt. Außerdem bist du ja auch nicht von der Unionsvolkszählung erfasst worden, und nach dem Rundschreiben des Zentralkomitees sind alle, die nicht erfasst worden sind, ausgeschlossen. Dir bleibt also nichts anderes übrig, als von neuem dem Jugendverband beizutreten«, erklärte Tufta in einem Ton, der keinen Einspruch zuließ.
Kortschagin runzelte die Stirn.
»Du bist also immer noch der alte! Ein junger Kerl, aber schlimmer als eine alte Ratte aus dem Gouvernementsarchiv. Wann endlich wird mal ein Mensch aus dir werden, Tufta?«
Tufta sprang auf wie von der Tarantel gestochen.
»Lies mir hier gefälligst nicht die Leviten. Meine Arbeit verantworte ich selbst. Rundschreiben werden nicht geschrieben, damit man sie missachtet. Und wegen der ›Ratte‹ werde ich dich noch zur Verantwortung ziehen lassen.« Die letzten Worte brachte Tufta drohend hervor. Demonstrativ zog er einen Haufen ungelesener Briefe zu sich heran und gab durch sein ganzes Verhalten zu verstehen, dass das Gespräch beendet sei.
Langsam wandte sich Pawel zur Tür. Dann fiel ihm jedoch etwas ein, er kehrte zum Tisch zurück und nahm den vor Tufta liegenden Zettel des Sekretärs wieder an sich.
Der Personalleiter beobachtete Pawel. Dieser junge Tufta mit den großen spitzen Ohren war greisenhaft, böse und zanksüchtig, unsympathisch und lächerlich zugleich.
»Schön«, sagte Kortschagin mit spöttischer Ruhe.
»Man kann mich natürlich der ›Desorganisierung der Statistik‹ beschuldigen, aber sag mir, wie du das ausknobeln willst, gegen diejenigen Mitglieder disziplinarisch vorzugehen, die es wagen zu sterben, ohne dir vorher ein entsprechendes Gesuch einzureichen? So was steht doch jedem frei. Er kann erkranken, er kann auch sterben, aber ein Rundschreiben ist für solche Fälle wahrscheinlich nicht vorgesehen.«
»Hahaha!« platzte Tuftas Gehilfe vergnügt heraus. Er hatte es nicht mehr ausgehalten, den Neutralen zu spielen.
Die Spitze des Bleistifts in Tuftas Hand brach ab. Er schmiss ihn hin, konnte aber seinem Gegner nicht mehr antworten. Ein ganzes Rudel lachender und sich laut unterhaltender junger Leute drang ins Zimmer. Unter ihnen war auch Okunew. Das freudige Staunen und das Ausfragen nahm kein Ende. Nach einigen Minuten kam noch eine Gruppe Jugendlicher herein, unter ihnen auch Olga Jurenewa. Lange drückte sie Pawel sprachlos und freudig bewegt die Hand.
Er musste noch einmal alles von Anfang an erzählen. Die aufrichtige Freude der Genossen, ihre unverfälschte Freundschaft und ihr Mitgefühl, ihr kräftiger Händedruck und ihr freundschaftliches, etwas derbes Klopfen auf die Schulter ließen ihn Tufta vergessen.
Am Schluss berichtete Pawel den Genossen von seiner Unterredung mit Tufta. Ringsum wurden Ausrufe der Empörung laut. Olga maß Tufta mit einem vernichtenden Blick und begab sich ins Zimmer des Sekretärs.
»Lass uns zu Neshdanow gehen! Er wird ihm schon eins auf die Schnauze geben.« Mit diesen Worten umfasste Okunew Pawel, und zusammen mit den anderen Genossen folgten sie Olga.
»Man muss ihn absetzen und zur Strafe ein Jahr lang als Lastträger bei Pankra-tow an der Anlegestelle arbeiten lassen. Tufta ist ja durch und durch Bürokrat!« ereiferte sich Olga.
Der Sekretär des Gouvernementskomitees hörte sich die Forderung Okunews, Olgas und der anderen, Tufta abzusetzen, mit nachsichtigem Lächeln an.
»Ü ber Kortschagins Wiedereinstellung braucht man keine Worte zu verlieren. Er bekommt sofort sein Mitgliedsbuch«, sagte er.
»Was Tufta betrifft, so bin ich mit euch einverstanden, dass er ein Formalist ist. Das ist sein Hauptfehler. Man muss aber doch zugeben, dass er seine Sache nicht schlecht macht. Wo ich auch gearbeitet habe, überall war bei den Jugendorganisationen die Statistik ein undurchdringlicher Dschungel. Man konnte keiner Ziffer Glauben schenken. Aber bei uns ist die Statistik in Ordnung. Ihr wisst ja selber, dass Tufta manchmal bis spät in die Nacht in seiner Abteilung sitzt. Ich denke so: Absetzen kann man ihn jederzeit. Wenn aber ein prima Bursche seine Stelle einnimmt, der von der Statistik nichts versteht, so werden wir zwar keinen Bürokratismus haben, aber auch keine Ordnung. Lassen wir ihn also arbeiten. Ich werde ihm schon den Kopf waschen, wie sich's gehört, das wird eine Zeitlang wirken, und nachher werden wir schon sehen.«
»Gut, hol ihn der Teufel«, erklärte sich Okunew einverstanden.
»Los, Pawluscha, fahren wir nach Solomenka. Wir haben heute im Klub eine Versammlung des Jugendaktivs. Niemand weiß bis jetzt was von dir, und plötzlich wird angesagt: ›Das Wort hat Kortschagin.‹ Bist ein Prachtkerl, Pawluscha, dass du nicht gestorben bist. Denn wirklich, welchen Nutzen hätte dabei das Proletariat?« schloss Okunew scherzend, indem er Kortschagin mit beiden Armen umfasste und ihn auf den Korridor hinausschob.
»Olga, wirst du kommen?«
»Aber selbstverständlich.«
Pankratows erwarteten Kortschagin vergebens zum Mittagessen, auch abends kehrte er nicht zurück. Okunew schleppte seinen Freund zu sich in die Wohnung. Er hatte ein Zimmer im Haus des Sowjets.
Hier tischte er auf, was er nur auftreiben konnte. Dann breitete er vor Pawel einen Packen Zeitungen und zwei dicke Hefte mit Protokollen der Sitzungen des Bezirks-Jugendkomitees aus und sagte:
»Schau dir diese ganzen Erzeugnisse durch. Während du deine Zeit mit dem Typhus vertrödelt hast, ist eine Menge Wasser den Berg hinabgelaufen. Lies und mach dich mit allem bekannt, was hier inzwischen los war und was jetzt los ist. Gegen Abend hole ich dich ab, und wir gehen in den Klub, und wenn du inzwischen müde wirst, leg dich hin und schlaf dich aus.«
Okunew steckte einen Haufen Dokumente, Bescheinigungen und andere Papiere in die Taschen (der Sekretär des Bezirks-Jugendkomitees benutzte prinzipiell keine Aktentasche, sie lag unter dem Bett), machte eine letzte Runde durchs Zimmer und ging.
Als er am Abend zurückkehrte, war der Boden des Zimmers mit auseinander gefalteten Zeitungen bedeckt, eine Menge Bücher lagen stoßweise auf dem Tisch aufgeschichtet. Pawel saß auf dem Bett und las die letzten Briefe des Zentralkomitees, die er unter dem Kopfkissen des Freundes gefunden hatte.
»Ach, du Lümmel, was hast du nur aus meinem Zimmer gemacht!« rief Okunew mit gespielter Entrüstung.
»Heda, halt ein, Genosse, du liest ja da ein vertrauliches Schreiben! Man muss bloß so einen Kerl in sein Zimmer lassen!«
Pawel legte den Brief lächelnd beiseite.
»Hierin sind ja nun gerade keine Geheimnisse enthalten. Dafür aber hast du tatsächlich ein vertrauliches Schreiben als Lampenschirm benutzt. Der Rand ist sogar schon etwas angesengt. Siehst du?«
Okunew nahm das angesengte Blatt und schlug sich, nachdem er einen Blick darauf geworfen hatte, mit der Handfläche gegen die Stirn.
»Und ich suche es schon seit drei Tagen, verdammt noch mal! Es war verschwunden, als hätte es der Erdboden verschluckt. Jetzt fällt's mir ein, vorgestern hat Wolynzew daraus einen Lampenschirm gemacht, und dann hat er es selbst im Schweiße seines Angesichts gesucht.« Okunew faltete das Blatt sorgfältig zusammen und steckte es unter die Matratze.
»Später werden wir aufräumen«, sagte er in beruhigendem Ton, »jetzt werden wir erst mal etwas essen, und dann geht's in den Klub. Setz dich, Pawluscha!«
Okunew zog aus der einen Tasche einen in Zeitungspapier eingewickelten langen Dörrfisch hervor und aus der anderen zwei Scheiben Brot. Er schob das Papier an den Rand des Tisches und breitete auf der frei gewordenen Stelle eine Zeitung aus. Dann packte er den Fisch beim Kopf und begann damit gegen den Tisch zu klopfen, damit sich die Haut besser abziehen ließe.
Während Okunew auf dem Tisch saß und energisch mit den Kinnbacken arbeitete, teilte er Pawel, halb scherzend, halb sachlich, die neuesten Nachrichten mit.
Okunew führte Pawel durch den Diensteingang in den Klub, gleich hinter die Kulissen. In einer Ecke des geräumigen Saals, rechts von der Bühne, neben dem Flügel, befanden sich Talja Lagutina und Anna Borchardt im Kreis der Eisenbahnerkomsomolzen. Anna gegenüber, mit seinem Stuhl wippend, saß Wolynzew, der Jugendsekretär des Eisenbahndepots, rotwangig wie ein reifer Apfel, in einer völlig abgetragenen, ehemals schwarzen Lederjacke. Wolynzews Haare und Augenbrauen hatten die Farbe von Weizenähren.
Neben ihm, den Ellbogen nachlässig auf den Klavierdeckel gestützt, saß Zwetajew, ein schmucker Bursche mit kastanienbraunem Haar und scharfgeschnittenen Lippen. Der Kragen seines Hemdes war aufgeschlagen.
Während sich Okunew der Gruppe näherte, hörte er, wie Anna sagte:
»Mancher versucht die Aufnahme neuer Genossen mit allen Mitteln zu erschweren. Auf Zwetajew trifft das bestimmt zu.«
»Der Kommunistische Jugendverband ist kein Durchgangshof«, erwiderte Zwetajew trotzig und in geringschätzigem Ton.
»Schaut her, schaut her! Nikolai strahlt heute wie ein blankgeputzter Samowar!« rief Talja, als sie Okunew gewahr wurde.
Sie zogen ihn in ihren Kreis und bestürmten ihn:
»Wo warst du denn?«
»Wir wollen endlich anfangen!«
Okunew winkte beruhigend mit der Hand ab.
»Nicht so hitzig, Kinder, gleich wird Tokarew kommen, und dann geht's los.«
»Da kommt er ja schon!« rief Anna. Okunew eilte ihm entgegen.
»Komm hinter die Kulissen, Väterchen, ich werde dir einen deiner alten Bekannten zeigen. Wirst aber Augen machen!«
»Wer kann schon dort sein?« brummte der Alte und sog dann an seiner Zigarette. Aber schon führte ihn Okunew mit sich fort.

Die Glocke in Okunews Hand schrillte derart durchdringend, dass sich selbst die eifrigsten Schwätzer beeilten, ihre Gespräche zu unterbrechen.
Hinter Tokarew hing in einem aus Tannengrün geflochtenen Rahmen das Löwenhaupt des genialen Schöpfers des Kommunistischen Manifests. Während Okunew die Versammlung eröffnete, blickte Tokarew auf den hinter den Kulissen stehenden Kortschagin.
»Genossen! Bevor wir zur Tagesordnung übergehen, hat ein Genosse gebeten, ihm das Wort zu erteilen; sowohl Genosse Tokarew wie ich sind damit einverstanden.«
Aus dem Saal hörte man zustimmende Rufe.
Okunew platzte heraus:
»Das Wort zur Begrüßung hat Pawka Kortschagin!«
Unter den hundert im Saal Anwesenden kannten Kortschagin mindestens achtzig Genossen, und als die vertraute Gestalt an der Rampe erschien und der hochgewachsene blasse Bursche zu sprechen begann, wurde er von allen mit frohen Rufen und stürmischen Ovationen begrüßt.
»Liebe Genossen!«
Die Stimme Kortschagins blieb gleichmäßig, aber seine Erregung war doch zu spüren.
»Es ist also Tatsache, Freunde, dass ich zu euch zurückgekehrt bin und meinen Platz in euren Reihen wieder einnehme. Ich bin glücklich, dass ich wieder da bin. Ich sehe hier eine Anzahl meiner Freunde. Bei Okunew habe ich gelesen, dass sich hier bei uns in Solomenka die Zahl der Genossen um ein Drittel vermehrt hat, dass man in den Werkstätten und im Depot mit der Herstellung von Feuerzangen Schluss gemacht hat und dass jetzt die ausrangierten Maschinen vom Lokomotivfriedhof in Generalreparatur genommen werden. Das alles bedeutet, dass unser Land zu neuem Leben erwacht und neue Kräfte sammelt. Da weiß man, wofür man lebt! Wie hätte ich denn in einer solchen Zeit sterben können!« Kortschagins Augen strahlten vor Glück.
Unter stürmischen Zurufen stieg Pawel von der Bühne in den Saal und ging dorthin, wo Anna Borchardt und Talja saßen. Schnell schüttelte er ihnen die Hände. Die Freunde rückten zusammen, und Pawel setzte sich. Taljas Hand legte sich auf die seine und drückte sie fest, sehr fest.
Annas Augen waren weit geöffnet, ihre Wimpern zuckten kaum merklich, und ihr Blick verriet Staunen und Wiedersehensfreude.

Die Tage vergingen. Gewöhnlich konnte man sie wohl kaum nennen. Jeder Tag brachte etwas Neues, und Kortschagin musste, wenn er morgens seine Zeit einteilte, betrübt feststellen, dass der Tag nicht ausreichte und immer etwas von dem Geplanten ungetan bleiben musste.
Pawel wohnte bei Okunew und arbeitete in der Werkstätte als Monteurgehilfe.
Lange stritt er sich mit Nikolai herum, bevor der sich einverstanden erklärte, ihn vorerst von leitender politischer Arbeit zu befreien.
»Bei uns herrscht Mangel an Menschen, und du willst dich in den Betrieb zurückziehen. Rede mir nicht von deiner Krankheit, ich bin selber nach dem Typhus einen Monat lang am Stock ins Bezirkskomitee gegangen. Ich kenne dich doch, Pawka, das ist nicht der wahre Grund. Sag mir lieber, was los ist«, bestürmte ihn Okunew.
»Der wirkliche Grund, Kolja, ist, dass ich lernen möchte.«
Okunew brüllte triumphierend auf:
»Aha …! Darum geht es! Du möchtest lernen, aber glaubst du vielleicht, dass ich das nicht möchte? Ein Egoist bist du, mein Freundchen. Wir also sollen uns hier abschuften, und du wirst studieren. Nein, mein Lieber, gleich morgen gehst du in die Instruktionsabteilung.«
Aber nach langem Hin und Her gab Okunew doch nach.
»Zwei Monate werde ich dich in Ruhe lassen. Sollst meine Gutmütigkeit kennen lernen. Aber mit Zwetajew wirst du nicht zusammenarbeiten können, der ist zu sehr von sich eingenommen.«
Zwetajew nahm die Rückkehr Kortschagins in die Werkstatt mit Zurückhaltung auf. Er war überzeugt, dass mit dessen Erscheinen ein Kampf um die politische Leitung beginnen würde, und bereitete sich, von Ehrgeiz erfüllt, zum Widerstand vor. Aber vom ersten Tag an überzeugte er sich, dass seine Annahme nicht stimmte. Als Kortschagin von der Absicht des Jugendkomitees erfuhr, ihn als Mitglied des Komitees zu kooptieren, ging er selbst zum verantwortlichen Sekretär und überredete ihn, indem er sich auf seine Abmachungen mit Okunew berief, diese Frage von der Tagesordnung abzusetzen. Kortschagin übernahm in der Komsomolzelle seiner Abteilung die Leitung eines politischen Elementarkurses, aber der Arbeit im Komitee wich er aus. Und doch war, obgleich er auf die offizielle Leitung verzichtete, Pawels Einfluss
auf die gesamte Arbeit des Kollektivs deutlich zu spüren. Unauffällig, ganz kameradschaftlich half er Zwetajew mehr als einmal aus schwierigen Situationen.
Eines Tages, als Zwetajew die Werkstatt betrat, bemerkte er höchst erstaunt, wie die gesamte Komsomolzelle und ungefähr dreißig parteilose Jungen die Fenster putzten, Maschinen reinigten, den langjährigen Schmutz von ihnen abkratzten und Alteisen und Gerumpel auf den Hof hinausschleppten. Pawel war gerade dabei, den von Öl beschmutzten Zementboden mit einem Schrubber zu bearbeiten.
»Was scheuert ihr denn da herum?« fragte Zwetajew verständnislos.
»Wir wollen nicht im Dreck arbeiten. Seit zwanzig Jahren ist hier nicht saubergemacht worden. Wir werden unsere Werkabteilung binnen einer Woche vollständig renovieren«, erwiderte ihm Kortschagin kurz.
Zwetajew zuckte mit den Schultern und ging.
Den Elektromonteuren genügte das aber noch nicht - sie räumten nicht nur in der Werkstatt auf, sondern machten sich auch an die Säuberung des Fabrikhofes. Dieser große Hof war von jeher eine Schuttabladestätte gewesen. Was lag da nicht alles umher! Hunderte von Waggonrädern, ganze Berge rostigen Eisens, Schienen, Puffer, Buchsen - mehrere tausend Tonnen Metall rosteten dort unter freiem Himmel. Aber der Angriff auf diese Abladestelle wurde von der Verwaltung gestoppt:
»Wir haben jetzt wichtigere Auf gaben. Der Hof läuft uns nicht davon.«
Da pflasterten die Monteure noch schnell den Vorplatz zum Eingang in ihre Werkabteilung mit Ziegelsteinen und befestigten vor der Tür ein Drahtnetz zum Reinigen der Schuhe. Die Aufräumungsarbeiten in der Werkstatt wurden jedoch abends nach Betriebsschluss fortgesetzt.
Als der Chefingenieur Strish eine Woche später die Abteilung betrat, war die ganze Werkstatt von Licht überflutet. Die riesigen Fenster gaben, gereinigt von uraltem, mit Öl vermischtem Staub, den Sonnenstrahlen den Weg in den Maschinensaal frei, wo sie sich in den blankgeputzten Teilen der Motoren spiegelten. Die schweren Maschinenteile waren grün angestrichen, und auf die Speichen der Räder hatte jemand sorgsam gelbe Pfeile gemalt.
»Hm, ja …«, staunte Strish.
In einer entlegenen Ecke der Abteilung beendeten einige Leute gerade ihre Arbeit. Strish ging auf sie zu. Kortschagin kam ihm entgegen, eine Büchse mit angemischter Farbe in der Hand.
»Einen Augenblick, mein Lieber«, hielt ihn der Ingenieur an.
»Mit dem, was Sie da tun, bin ich einverstanden. Aber woher haben Sie die Farbe? Ich habe doch verboten, ohne meine Erlaubnis Material zu verbrauchen, und Farbe ist sehr knapp. Das Anstreichen der Lokomotivteile ist wichtiger als das, was Sie hier machen.«
»Wir haben weggeworfene Farbenbüchsen gesucht. Zwei Tage lang haben wir uns mit dem alten Gerümpel abgegeben und etwa fünfundzwanzig Pfund zusammengekratzt. Wir halten uns genau an die Vorschriften, Genosse Ingenieur.«
Strish brummte noch ein wenig, aber diesmal schon ganz verlegen.
»Das ist natürlich etwas anderes. Hm, hm … immerhin interessant. Woher kommt denn dieser - sagen wir mal - spontane Sauberkeitsfimmel? Sie haben doch wohl diese Arbeit in Ihrer freien Zeit ausgeführt?«
Kortschagin spürte aus den Worten des Technischen Leiters völlige Verständnislosigkeit.
»Natürlich. Wann denn sonst?«
»Ja, aber…«
»Ja, das ist eben das Aber, Genosse Strish. Wer hat Ihnen denn gesagt, dass sich die Bolschewiki mit diesem Schmutz abfinden würden? Warten Sie nur ab, wir werden die Sache noch viel besser in Schwung bringen. Sie werden noch Ihr blaues Wunder erleben.«
Er wich dem Ingenieur vorsichtig aus, um ihn nicht mit Farbe zu beschmieren, und ging davon.
Bis spätabends steckte Kortschagin gewöhnlich in der öffentlichen Bibliothek. Er freundete sich mit allen drei Bibliothekarinnen an und brachte seine ganze Überredungskunst auf, um schließlich das Recht zu erhalten, alle Bücher durchzusehen. Stundenlang saß Pawel auf der an die riesigen Bücherschränke gelehnten kleinen Leiter und durchblätterte ein Buch nach dem anderen, immer auf der Suche nach etwas, was für ihn interessant und nützlich sein könnte. Es waren meist alte Bücher, die er fand. Die neue Literatur hatte ganz bescheiden in einem kleinen Schrank Platz gefunden. Da standen zufällig hierher geratene Broschüren aus der Zeit des Bürgerkrieges, »Das Kapital« von Marx, »Die Eiserne Ferse« und noch einige andere Bände.
Unter den alten Büchern fand Kortschagin den Roman »Spartakus«. Nachdem er ihn in zwei Nächten verschlungen hatte, stellte er ihn in den kleinen Schrank neben eine Reihe Gorki-Bände.
So gruppierte Pawel die für ihn interessante und wichtige Literatur die ganze Zeit hindurch um. Die Bibliothekarinnen hinderten ihn nicht daran, ihnen war das gleichgültig.

Die im Jugendkollektiv herrschende Eintönigkeit und Ruhe wurde durch einen scheinbar unbedeutenden Vorfall jäh gestört. Kostja Fidin, ein stupsnasiger, phlegmatischer Bursche mit pockennarbigem Gesicht, ein Mitglied der Zellenleitung der mittleren Reparaturwerkstätte, hatte beim Bohren einer Eisenplatte einen teuren amerikanischen Bohrer zerbrochen, und zwar infolge unglaublicher Nachlässigkeit, ja sogar noch schlimmer - es sah fast wie Absicht aus. Der Obermeister der mittleren Werkstatt, Chodorow, hatte Kostja angewiesen, in eine Platte einige Löcher zu bohren. Anfänglich weigerte sich Kostja, aber als der Meister darauf bestand, nahm er die Platte und begann zu bohren.
Chodorow war in der Werkstatt unbeliebt, da er ewig nörgelte und sehr große Ansprüche an die Arbeit stellte. Er war früher einmal Menschewik gewesen. Am gesellschaftlichen Leben beteiligte er sich überhaupt nicht, die Komsomolzen sah er scheel an, er verstand jedoch seine Sache ausgezeichnet und erfüllte seine Pflichten gewissenhaft.
Der Meister bemerkte, dass Kostja »trocken« bohrte, ohne den Bohrer entsprechend geölt zu haben. Hastig ging er zur Bohrmaschine und stellte sie ab.
»Du hast wohl keine Augen im Kopf, oder arbeitest du erst seit gestern hier!« schrie er Kostja an, da ihm klar war, dass der Bohrer durch eine derartige Behandlung unbedingt kaputtgehen musste.
Kostja gab eine freche Antwort und begann erneut zu bohren. Chodorow ging zum Abteilungsleiter, um sich zu beschweren. Kostja hingegen rannte, ohne die Bohrmaschine abzustellen, nach einer Ölkanne, damit, wenn jemand von der Betriebsleitung käme, alles in Ordnung vorgefunden würde. Als er mit dem Öl zurückkehrte, war der Bohrer bereits gebrochen. Der Abteilungsleiter verlangte Fidins Entlassung, Die Leitung der Abteilungsjugendzelle setzte sich jedoch für Kostja ein, mit der Begründung, dass Chodorow das Jugendaktiv unterdrücke. Die Administration bestand auf ihrer Forderung, und die Sache wurde der Leitung der gesamten Betriebsjugend zur Behandlung vorgelegt. Damit nahm die Geschichte ihren Anfang.
Von den fünf Mitgliedern der Jugendleitung waren drei, darunter auch Zwetajew, der Meinung, dass Kostja einen Verweis bekommen und auf eine andere Arbeitsstelle überführt werden müsse.
Die zwei anderen Mitglieder der Leitung hielten Kostja überhaupt für unschuldig.
Die Sitzung fand in Zwetajews Büro statt. Es standen dort ein großer, mit rotem Tuch bedeckter Tisch und einige von den Jungen aus der Tischlerei selber angefertigte lange Bänke und Schemel. An den Wänden hingen die Bilder führender Genossen, und hinter dem Tisch war über die ganze Wand die Fahne des Jugendkollektivs ausgebreitet.
Zwetajew war von der Betriebsarbeit befreit. Er war dank seiner Fähigkeiten im Laufe der letzten vier Monate zu einer führenden Stellung im Komsomol aufgerückt. Man hatte ihn zum Mitglied des Bezirks-Jugendkomitees sowie in das Gouvernementskomitee gewählt. Früher arbeitete er als Schmied im Metallwerk. In den Hauptwerkstätten war er jedoch ein Neuling. Aber gleich vom ersten Tag an hatte er die Zügel fest in die Hand genommen. Durch seine allzu große Überheblichkeit und seine Entschlossenheit dämpfte er die Initiative der Jungen. Er wollte alles selber machen. Da er nicht imstande war, die ganze Arbeit allein zu bewältigen, begann er seinen Mitarbeitern Passivität vorzuwerfen.
Sogar die Ausstattung des Zimmers hatte er beaufsichtigen müssen.
Zwetajew saß in dem einzigen, aus der Roten Ecke hierher gebrachten bequemen Sessel und leitete die Sitzung. Als Chomutow, der Parteiorganisator des Betriebes, ums Wort bat, pochte jemand an die verschlossene Tür. Zwetajew verzog unzufrieden das Gesicht. Es klopfte wieder. Katja Seljonowa stand auf und schob den Riegel zurück. In der Tür stand Kortschagin. Katja ließ ihn eintreten.
Pawel ging schon auf eine der freien Bänke zu, als Zwetajew rief:
»Kortschagin! Wir haben heute eine geschlossene Sitzung!«
Pawel wurde über und über rot und ging langsam zum Tisch.
»Das weiß ich. Mich interessiert jedoch euer Standpunkt zum Fall Kostja Fidin. Ich möchte dazu einen neuen Gesichtspunkt vorbringen. Oder hast du etwas gegen meine Anwesenheit einzuwenden?«
»Ich habe nichts dagegen. Es ist dir jedoch bekannt, dass an geschlossenen Sitzungen nur Komiteemitglieder teilnehmen dürfen. Wenn es zu viele Leute sind, ist die Behandlung der Fragen schwieriger. Aber wenn du nun einmal hier bist, nimm schon Platz.«
Kortschagin erhielt zum ersten Mal eine solche Ohrfeige. Zwischen seinen Augenbrauen bildete sich eine Falte.
»Wozu diese Formalität?« fragte Chomutow missbilligend.
Kortschagin brachte ihn jedoch durch eine Geste zum Schweigen und ließ sich auf einem Schemel nieder.
»Also, was ich sagen wollte«, begann Chomutow. »Was Chodorow betrifft, so stimmt es, dass er ein Fremdkörper ist. Aber bei uns steht es schlecht um die Disziplin. Wenn alle Komsomolzen anfangen, die Bohrer zu zerbrechen, so werden wir bald die Bude zumachen können, und außerdem ist das für die Parteilosen ein sehr schlechtes Beispiel. Ich bin der Ansicht, dass man dem Burschen eine Verwarnung erteilen muss.«
Zwetajew ließ ihn nicht zu Ende reden und widersprach. Zehn Minuten lang hörte Kortschagin zu, dann war er sich über den Standpunkt des Komitees im klaren. Als man schon abstimmen wollte, bat er, eine Erklärung abgeben zu dürfen. Es kostete Zwetajew große Überwindung, Pawel das Wort zu erteilen.
»Genossen, ich möchte zu der Sache mit Kostja einmal meine Meinung sagen.«
Kortschagins Stimme klang schärfer, als es ihm selbst lieb war.
»Die Sache mit Kostja ist ein Signal - aber das wichtigste dabei ist nicht einmal Kostja. Ich habe mir gestern einige Zahlen notiert.« Pawel holte sein Notizbuch hervor.
»Die Zahlen hat mir die Kontrolle im Betrieb gegeben. Hört jetzt nur aufmerksam zu! Dreiundzwanzig Prozent aller Komsomolzen kommen täglich fünf bis fünfzehn Minuten zu spät zur Arbeit. Das ist bereits zur Regel geworden. Siebzehn Prozent aller Komsomolzen schwänzen systematisch ein bis zwei Tage im Monat, während es unter der unorganisierten Jugend nur vierzehn Prozent Bummler gibt. Diese Zahlen sind für uns schlimmer als Peitschenhiebe. Ich habe mir bei dieser Gelegenheit außerdem noch folgendes notiert: Unter den Parteigenossen gibt es vier Prozent Bummler, die allmonatlich einen Tag fehlen, und ebenfalls vier Prozent, die sich verspäten. Von den parteilosen erwachsenen Arbeitern bummeln monatlich elf Prozent einen Tag, zu spät kommen dreizehn Prozent. Werkzeugbruch geht zu neunzig Prozent
auf Kosten der Jugendlichen, davon entfallen nur sieben Prozent auf solche, die erst kurze Zeit im Betrieb arbeiten. Die Schlussfolgerung daraus ist, dass wir Komsomolzen viel schlechter arbeiten als die Parteimitglieder und die erwachsenen parteilosen Arbeiter. Das ist aber nicht in allen Werkstätten so. In der Schmiede herrscht beneidenswerte Ordnung, bei den Elektromonteuren steht es zufrieden stellend, aber in den anderen Werkstätten haben wir überall so ziemlich die gleiche Lage. Genosse Chomutow hat meines Erachtens zu der Frage der Disziplin nur ein Viertel von dem gesagt, was gesagt werden müsste. Vor uns steht die Aufgabe, diese Lage zu verändern. Ich will hier nicht Agitation treiben und Versammlungsreden schwingen. Wir müssen jedoch gegen diese Lotterwirtschaft und Schlamperei mit aller Schärfe ankämpfen. Die alten Arbeiter sagen es geradeheraus: ›Für den Unternehmer ist besser gearbeitet worden, dem Kapitalisten ist bessere Arbeit geliefert worden.‹ Und jetzt, wo wir unsere eigenen Herren sind, lässt sich so was überhaupt nicht entschuldigen. Nicht so sehr Kostja oder sonst wer ist in erster Linie daran schuld, sondern wir alle sind es, weil wir diese Übel nicht nur nicht bekämpft haben, wie es sich gehört, sondern im Gegenteil solche wie Kostja häufig unter den verschiedensten Vorwänden in Schutz nehmen. Samochin und Butylak haben soeben davon gesprochen, dass Fidin einer von uns ist - wie man sagt, ›einer von uns‹, ein Aktivist, der seine gesellschaftliche Arbeit leistet. Nun ja, ihm ist ein Bohrer gebrochen, was ist schon Besonderes dabei, wem kann das nicht passieren? Dafür ist der Junge unser Mann, der Meister aber ist ein fremdes Element .…. Obwohl sich niemand mit Chodorow beschäftigen will … Dieser Nörgler hat eine dreißigjährige Berufspraxis hinter sich. Von seiner politischen Einstellung wollen wir hier nicht reden. Im Moment ist er im Recht: Er, das fremde Element, bewahrt das Staatseigentum, wir aber vernichten kostbare importierte Instrumente. Ich bin der Ansicht, dass wir jetzt zum ersten Schlag ausholen sollten.
Ich beantrage, Fidin als Schlendrian, als Taugenichts und Desorganisator aus dem Jugendverband auszuschließen, seine Angelegenheit an der Wandzeitung zu behandeln und offen, ohne irgendwelche Beschönigung, die von mir genannten Zahlen im Leitartikel zu veröffentlichen. Wir haben Kräfte genug, wir haben Genossen, auf die wir uns dabei stützen können. Die Mehrheit unserer Jugendgenossen sind gute Betriebsarbeiter. Sechzig von ihnen haben in Bojarka gearbeitet, und das ist die beste Schule gewesen. Mit Hilfe und Unterstützung dieser Genossen werden wir in unserem Betrieb Ordnung schaffen. Nur muss ein für allemal mit einer derartigen Einstellung zur Sache, wie sie jetzt vorherrscht, Schluss gemacht werden.«
Der sonst so ruhige und schweigsame Kortschagin hatte diesmal leidenschaftlich und scharf gesprochen. Zwetajew sah den Monteur zum ersten Mal in seiner wirklichen Gestalt. Er verstand, dass Pawel recht hatte, aber das Misstrauen ihm gegenüber hinderte ihn daran, sich mit ihm einverstanden zu erklären. Er betrachtete Kortschagins Auftreten als eine scharfe Kritik am allgemeinen Zustand der Organisation, als eine Untergrabung seiner - Zwetajews - Autorität und nahm sich vor, mit Pawel gründlich abzurechnen. Er begann seine Widerlegung mit der unverblümten Anschuldigung, dass Kortschagin den Menschewik Chodorow verteidige.
Drei Stunden lang währte die stürmische Debatte. Erst am späten Abend wurde ihr Ergebnis zusammengefasst. Von der unerbittlichen Logik der Tatsachen geschlagen und nachdem sich die Mehrheit auf Pawels Standpunkt gestellt hatte, beging Zwetajew einen Fehler - er verstieß gegen die Demokratie. Vor der entscheidenden Abstimmung forderte er Kortschagin auf, das Zimmer zu verlassen.
»Gut, ich werde hinausgehen, Ehre macht dir das nicht, Zwetajew. Bevor ich gehe, mache ich dich nur auf eins aufmerksam, dass ich, falls du deinen Standpunkt doch durchsetzen solltest, morgen in der allgemeinen Versammlung auftreten werde. Dort wirst du - ich bin fest davon überzeugt - keine Mehrheit bekommen. Du hast unrecht, Zwetajew. Ich denke, Genosse Chomutow, dass du diese Frage noch vor der allgemeinen Versammlung auf der Parteiversammlung behandeln lassen musst.«
Zwetajew rief ihm herausfordernd zu:
»Willst du mich erschrecken? Ich weiß auch ohne dich, was ich zu tun habe. Wir werden dort auch über dich sprechen. Wenn du selbst nicht arbeitest, so hindere wenigstens andere nicht daran.«
Als Pawel die Tür hinter sich ins Schloss geworfen hatte, fuhr er sich mit der Hand über die heiße Stirn und ging durch das leere Büro zum Ausgang. Draußen auf der Straße atmete er tief, zündete sich eine Zigarette an und ging auf das Häuschen auf Batyjewa Gora zu, wo Tokarew wohnte.
Kortschagin traf den Schlosser beim Abendbrot.
»Nun erzähl mal, was gibt's bei euch Neues. Darja, bring ihm doch eine Schüssel Brei.« Tokarew nötigte Pawel, Platz zu nehmen.
Darja Fominischna, Tokarews Frau, die im Gegensatz zu ihrem Mann groß und rundlich war, setzte Pawel einen Teller voll Hirsebrei vor. Sie wischte sich die feuchten Lippen mit der weißen Schürze ab und sagte herzlich:
»Iß, mein Junge.«
Früher, als Tokarew noch in der Werkstatt gearbeitet hatte, war Pawel häufig bis zum späten Abend bei ihm zu Gast gewesen. Aber seit seiner Rückkehr in die Stadt war er heute zum ersten Mal bei dem Alten.
Der Schlosser lauschte aufmerksam Pawels Erzählung. Er selbst sagte kein Wort, löffelte fleißig seinen Brei, nur hier und da ließ er ein leises »Hm« vernehmen. Als er mit dem Essen fertig war, wischte er sich mit dem Taschentuch den Bart ab und räusperte sich.
»Du hast natürlich recht. Wir hätten schon längst diese wichtige Frage behandeln müssen. Das Kollektiv der Werkstätten ist das größte und bedeutendste in unserem Bezirk. Da muss man auch den Anfang machen. Du bist also mit Zwetajew in Streit geraten? Schlimm. Er ist ein rechthaberischer Kerl, aber du hast es doch immer verstanden, mit den Jungen zu arbeiten. Nebenbei, was machst du eigentlich in den Werkstätten?«
»Ich arbeite in meinem Fach. Na, und mache überall ein bisschen mit. Leite in der Zelle meiner Werkabteilung einen Elementarzirkel.«
»Und in der Jugendleitung, was machst du da?« Kortschagin wurde verlegen.
»Ich habe die erste Zeit, da ich mich noch ein bisschen schwach fühlte und außerdem lernen wollte, offiziell an der Leitung nicht teilgenommen.«
»Na ja, da haben wir's!« rief Tokarew missbilligend aus.
»Weißt du, mein Söhnchen, nur eins rettet dich vor einer gründlichen Kopfwäsche: Das ist deine schwache Gesundheit. Und jetzt, wie ist es, hast du dich ein bisschen erholt?«
»Ja.«
»Nun also, dann mach dich jetzt mal richtig an die Arbeit. Hat doch keinen Sinn, dass du weiter so herumwurstelst. Wann ist es schon dagewesen, dass man als fünftes Rad am Wagen was Vernünftiges leisten konnte! Jeder wird dir sagen, du drückst dich vor der Verantwortung - und du kannst dich nicht einmal verteidigen. Bring das alles morgen in Ordnung, und Okunew werde ich den Kopf waschen«, schloss Tokarew, und in seiner Stimme lag Unzufriedenheit.
»Lass ihn in Ruhe, Alter«, bat Pawel, »ich hab ihn selbst gebeten, mir vorläufig keine Funktion zu übertragen.«
Tokarew pfiff verächtlich durch die Zähne.
»Du hast ihn gebeten, und er hat dir nachgegeben? Nun gut, was soll man schon mit euch Komsomolzen anfangen? - Aber jetzt los, Junge, lies mir mal wie in früheren Zeiten die Zeitung vor. Meine Augen wollen nicht mehr so recht.«

Das Büro des Parteikollektivs erklärte sich mit dem Standpunkt der Mehrheit des Jugendkomitees einverstanden. Das Partei- und Komsomolkollektiv erhielt eine wichtige und schöne Aufgabe: durch die eigene Arbeit ein gutes Beispiel an Arbeitsdisziplin zu geben. In der Komiteesitzung wurde Zwetajew ordentlich vorgenommen. Anfangs wollte er sich auflehnen, aber durch das Auftreten
des Parteisekretärs Lopachin, eines älteren Arbeiters mit einem gelblich-blassen mageren Gesicht, in die Enge getrieben, kapitulierte Zwetajew und gab seinen Fehler halbwegs zu.
Am nächsten Tag erschienen an den Wandzeitungen der Hauptwerkstätten Artikel, die die Aufmerksamkeit aller Arbeiter auf sich lenkten. Sie wurden laut vorgelesen und leidenschaftlich diskutiert.
Am Abend, auf der ungewöhnlich stark besuchten Komsomolversammlung, wurde von nichts anderem gesprochen.
Kostja wurde aus dem Jugendverband ausgeschlossen, und in das Komsomolkomitee wurde ein neuer Leiter für Agitations- und Bildungsarbeit gewählt: Kortschagin.
Es herrschte ungewöhnliche Stille, und alle hörten aufmerksam Neshdanow zu. Er sprach über die neuen Aufgaben, über die neue Ära, die jetzt für die Eisenbahnwerkstätten begonnen hatte.
Nach der Versammlung wartete Kortschagin auf der Straße auf Zwetajew.
»Gehen wir zusammen. Wir haben manches miteinander zu besprechen«, sagte Pawel.
»Worum handelt es sich?« fragte Zwetajew dumpf.
Pawel fasste ihn unter und ging einige Schritte mit ihm. Vor einer Bank machte er halt.
»Setzen wir uns ein wenig«, sagte Pawel und nahm als erster Platz.
Zwetajews Zigarette glühte einige Mal auf und erlosch wieder.
»Sag mal, Zwetajew, was hast du eigentlich gegen mich?«
Es folgten einige Minuten Schweigen.
»Ach, darüber willst du reden, und ich dachte, du willst mit mir über die Arbeit sprechen!« sagte Zwetajew etwas unruhig, mit gekünsteltem Erstaunen in der Stimme.
Pawel legte Zwetajew fest die Hand aufs Knie.
»Lass doch diesen Ton, Dimka. So spielen sich doch nur Diplomaten auf. Sag mir ganz offen, was hab ich dir getan?« Zwetajew rückte nervös hin und her.
»Was willst du eigentlich von mir? Was soll ich gegen dich haben! Ich habe dir ja selbst vorgeschlagen mitzuarbeiten. Du hast das abgelehnt, und jetzt sieht es so aus, als hätte ich dich verdrängen wollen.«
Pawel spürte in Zwetajews Stimme Unaufrichtigkeit, und ohne seine Hand vom Knie des anderen zu nehmen, sagte er erregt:
»Du willst mir nicht antworten - dann werde ich es für dich tun. Du glaubst, dass ich dir im Wege bin, glaubst, ich träumte davon, Komsomolsekretär zu werden. Würde das nicht zutreffen, dann wären diese Streitereien wegen Kostja nicht gewesen. Aber solches Misstrauen hemmt doch die ganze Arbeit. Würde das nur uns beide betreffen, dann wäre es ja nicht wichtig, soll jeder von uns denken, was er will. Wir werden aber schon morgen gemeinsam arbeiten müssen. Wie soll das aussehen? Also, hör zu. Hier gibt's nichts zu streiten. Beide sind wir Arbeiterjungen. Wenn dir unsere Sache über alles geht, so gibst du mir jetzt deine Hand, und ab morgen arbeiten wir kameradschaftlich miteinander. Wenn du dir jedoch diesen ganzen Mist nicht sofort aus dem Kopf schlägst und herumstänkerst, dann werden wir wegen jeder Schwierigkeit, die sich daraus ergibt, hart aneinander rennen. Hier hast du meine Hand, schlag ein, solange sie noch die Hand eines Freundes ist.«
Mit großer Genugtuung spürte Kortschagin die knochigen Finger Zwetajews in seiner Hand.

Eine Woche war vergangen. Im Bezirks-Parteikomitee ging der Arbeitstag zur Neige. In den Zimmern war es still geworden. Aber Tokarew war noch immer bei der Arbeit. Der Alte saß in seinem Sessel und las aufmerksam die neu eingelaufenen Schriftstücke. Da klopfte es an die Tür.
»Herein!« rief Tokarew,
Kortschagin betrat das Zimmer und legte dem Sekretär zwei ausgefüllte Fragebogen hin.
»Was ist das?«
»Das ist das Ende meiner Verantwortungslosigkeit, Väterchen. Ich denke, es wird schon Zeit. Wenn du der gleichen Ansicht bist, bitte ich um deine Unterstützung.« Tokarew warf einen Blick auf die Überschrift und musterte Pawel einige Sekunden lang. Dann nahm er schweigend die Feder zur Hand, und in die Rubrik, in der nach dem Parteialter des Befürwortenden gefragt wird, schrieb er das Jahr 1903 und setzte daneben mit fester Hand seine Unterschrift, durch die er Pawel Andrejewitsch Kortschagin als Kandidaten der KPR(B) empfahl.
»Hier nimm, mein Sohn. Ich hoffe, du wirst meinen grauen Haaren niemals Schande machen.«

Im Zimmer war es drückend schwül, und alle hatten nur den einen Wunsch: schnell wegzukommen, hinaus in die Kastanienalleen beim Bahnhof.
»Mach Schluss, Pawka, ich halt's nicht mehr aus«, flehte der schweißtriefende Zwetajew. Katja und die anderen unterstützten ihn.
Kortschagin schlug das Buch zu. Der Zirkel hatte seine Arbeit beendet.
Während sich alle gleichzeitig von ihren Plätzen erhoben, surrte der altersschwache Telefonapparat »Erikson« an der Wand. Zwetajew nahm den Hörer ab und führte das Gespräch, bemüht, den Lärm im Zimmer zu überschreien.
Dann hängte er den Hörer auf und wandte sich an Kortschagin.
»Auf dem Bahnhof stehen zwei Waggons des polnischen Konsulats. Dort funktioniert das Licht nicht. Der Zug soll in einer Stunde abfahren, die Leitung muss repariert werden. Nimm also deinen Handwerkskasten, Pawel, und geh hin. Die Sache ist dringend.«
Zwei blitzblanke Pullmanwagen standen gleich am ersten Bahnsteig. Der Salonwagen mit den breiten Fenstern war hell erleuchtet. Aber im Nachbarwagen herrschte Dunkelheit.
Pawel trat an den Wagen heran und wollte gerade aufsteigen, als sich von der Wand des Stationsgebäudes rasch eine Gestalt löste und ihn an der Schulter packte.
»Wohin, Bürger?«
Pawel kannte diese Stimme.
Er blickte sich um und sah eine Lederjacke, ein breites Mützenschild, eine dünne Nase mit einem kleinen Höcker und einen wachsamen, misstrauischen Blick: Artjuchin. Der erkannte ihn ebenfalls.
Er nahm die Hand von Pawels Schulter, sein Gesichtsausdruck verlor das Amtliche, aber sein Blick blieb fragend am Handwerkskasten haften.
»Wohin willst du?«
Pawel gab kurz Bescheid. Hinter dem Waggon tauchte eine andere Gestalt auf.
»Ich werde sofort den Zugbegleiter rufen.«
Im Salonwagen, den Kortschagin hinter dem Schaffner bestieg, befanden sich einige Passagiere in eleganten Reisekostümen. Am Tisch, den ein seidenes Tischtuch mit einem Rosenmuster bedeckte, saß, den Rücken zur Tür gekehrt, eine Frau. Sie unterhielt sich mit einem ihr gegenüberstehenden hochgewachsenen Offizier. Kaum hatte sie jedoch den Monteur bemerkt, verstummte das Gespräch.
Kortschagin, der die von der letzten Lampe in den Durchgang führenden Leitungsdrähte rasch untersucht und sie in Ordnung gefunden hatte, verließ den Salonwagen und forschte weiter nach der schadhaften Stelle. Ihm folgte unablässig der behäbige, stiernackige Zugbegleiter in einer Uniform mit einer Menge großer Messingknöpfe, auf denen ein einköpfiger Adler prangte.
»Hier ist alles in Ordnung, der Akkumulator arbeitet. Der Schaden muss im zweiten Wagen liegen.«
Der Zugbegleiter drehte in der Tür den Schlüssel um, und sie betraten den dunklen Korridor. Pawel suchte die Leitung mit seiner Taschenlampe ab und entdeckte sogleich die Stelle, wo der Kurzschluss entstanden war. Nach wenigen Minuten leuchtete die erste Lampe im Durchgang auf und erhellte ihn mit ihrem matten Licht.
»Im Coupe müssen die Lampen ausgewechselt werden. Sie sind durchgebrannt«, sagte Kortschagin zu seinem Begleiter.
»Dann muss ich die gnädige Frau rufen. Sie hat den Schlüssel.« Und der Schaffner, der Kortschagin nicht allein lassen wollte, nahm ihn mit sich.
Die Frau betrat als erste das Coupe. Ihr folgte Kortschagin. Der Zugbegleiter blieb in der Tür stehen, die er mit seiner massiven Gestalt ganz einnahm. Pawel bemerkte zwei elegante Lederkoffer in den Gepäcknetzen, einen nachlässig auf das Polster geworfenen seidenen Mantel, ein Fläschchen Parfüm und eine winzige Puderdose aus Malachit auf dem Tisch. Die Frau setzte sich in die Ecke des Diwans, strich ihr flachsblondes Haar zurecht und beobachtete den Monteur bei seiner Arbeit.
»Gestatten gnädige Frau, dass ich das Coupe einen Augenblick verlasse, der Herr Major wünscht kaltes Bier«, sagte der Schaffner devot und beugte mühsam seinen Stiernacken vor.
»Sie können gehen«, erwiderte die Angeredete.
Das Gespräch wurde in polnischer Sprache geführt. Aus dem Gang fiel ein Lichtstreifen auf die Schulter der Frau. Das elegante, von erstklassigen Pariser Schneidern angefertigte Kleid aus feiner Lyoner Seide ließ Schultern und Arme frei. In dem kleinen Ohr wippte aufblitzend und funkelnd ein tropfenförmiger Brillant. Kortschagin sah nur die wie aus Elfenbein geschnitzten Schultern und Arme der Frau. Das Gesicht war in Schatten getaucht. Flink arbeitete Pawel mit dem Schraubenzieher und wechselte an der Decke die Fassung aus. Nach einer Minute erleuchtete helles Licht das Coupe. Es blieb nur noch die zweite Lampe über dem Diwan, auf dem die Frau saß, zu überprüfen.
»Ich muss auch noch diese Lampe nachsehen«, sagte Kortschagin und blieb vor ihr stehen.
»Ach ja, ich störe Sie hier«, erwiderte die Dame in reinstem Russisch. Sie erhob sich behänd vom Diwan und stand direkt neben Pawel. Jetzt konnte er auch ihr Gesicht sehen. Die schnurgeraden Augenbrauen und hochmütig zusammengepressten Lippen kamen ihm bekannt vor. Jeder Zweifel war ausgeschlossen. Vor ihm stand Nelly Leszczynska. Die Tochter des Advokaten musste seinen verwunderten Blick bemerkt haben. Doch wenn Kortschagin sie auch erkannt hatte, Nelly Leszczynska merkte nicht, dass der Monteur ihr ehemaliger unruhiger Nachbar war.
Als Antwort auf seine erstaunten Blicke zog sie die Augenbrauen lässig zusammen, begab sich zur Coupetür und blieb dort stehen.
Pawel prüfte die andere Lampe. Nachdem er sie losgeschraubt hatte, hielt er sie gegen das Licht und fragte plötzlich, unerwartet für sich selbst, noch mehr aber für Nelly Leszczynska, in polnischer Sprache:
»Ist Viktor auch hier?«
Bei dieser Frage wandte sich Kortschagin nicht um. Er konnte Nellys Gesicht nicht sehen, aber ihr langes Schweigen zeugte von ihrer Verlegenheit.
»Kennen Sie ihn denn?«
»Sehr gut sogar. Wir waren doch Nachbarn.« Pawel blickte sie an.
»Ach, Sie sind ja Pawel, der Sohn der …«, Nelly hielt inne.
»… Köchin«, half ihr Kortschagin aus.
»Wie groß Sie geworden sind! Ich kann mich noch daran erinnern, was für ein wilder Junge Sie waren.«
Nelly musterte ihn unverhohlen vom Kopf bis zu den Füßen.
»Aber weshalb interessiert Sie Viktor? Soweit ich mich entsinne, standet ihr gar nicht so gut miteinander«, sagte Nelly mit singender Sopranstimme, in der Hoffnung, sich durch diese unerwartete Begegnung ein wenig zu zerstreuen.
Der Schraubenzieher drehte flink eine Schraube in die Wand.
»Mit Viktor habe ich noch eine Rechnung zu begleichen. Sollten Sie ihn sehen, sagen Sie ihm, dass ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben habe, mit ihm abzurechnen.«
»Sagen Sie mir doch, wie viel er Ihnen schuldig ist, ich kann Ihnen gleich alles bezahlen.«
Sie wusste genau, welche »Abrechnung« Kortschagin meinte. Die Geschichte mit den Petljura-Leuten war ihr bekannt. Es reizte sie jedoch, sich über diesen »Plebejer« lustig zu machen. Kortschagin würdigte sie keiner Antwort.
»Sagen Sie, stimmt es, dass unser Haus ausgeraubt und zerstört worden ist? Die Laube und die Blumenbeete hat man doch sicher verwüstet?« erkundigte sich Nelly traurig.
»Das Haus gehört jetzt uns und nicht euch, und wir haben gar kein Interesse daran, es zu zerstören.« Nelly lächelte höhnisch.
»Oho, Sie hat man also auch erzogen! Aber ganz nebenbei, das hier ist der Wagen der polnischen Gesandtschaft, und in diesem Coupe bin ich die Herrin, Sie aber sind das geblieben, was Sie waren, ein Sklave. Sie arbeiten auch heute noch, damit ich Licht habe, damit ich hier auf diesem Diwan bequem lesen kann. Früher hat Ihre Mutter für uns Wäsche gewaschen, und Sie haben Wasser getragen. Jetzt treffen wir uns in der gleichen Lage wieder.«
Sie sprach mit triumphierender Schadenfreude. Pawel, der damit beschäftigt war, das Ende des Drahtes mit einem Messer zu spitzen, betrachtete die Polin mit unverhohlenem Spott.
»Ich hätte für Sie persönlich, Bürgerin, auch nicht einen rostigen Nagel in die Wand geschlagen. Da aber die Bourgeoisie die Diplomaten ausgedacht hat, halten wir uns an die Regeln und schlagen ihnen nicht den Kopf ab, nicht einmal Grobheiten sagen wir ihnen, wie Sie es beispielsweise jetzt tun.«
Nelly wurde puterrot.
»Was hätten Sie mit mir angefangen, wenn es Ihnen gelungen wäre, Warschau einzunehmen? Hätten Sie mich auch zu Frikadellen verarbeitet oder zur Konkubine genommen?«
Sie stand in der Tür, graziös vorgeneigt, mit sinnlich bebenden Nasenflügeln. Man sah ihr an, dass der Kokaingenuss ihr nicht fremd war. Die Lampe über dem Diwan gab endlich Licht. Pawel richtete sich auf.
»Wer braucht Sie denn? Auch ohne unsere Säbel werden Sie schließlich an Kokain krepieren. An so einer wie dir würde ich mich nicht einmal vergreifen.«
Den Kasten in der Hand, machte er zwei Schritte zur Tür. Nelly wich zur Seite, und erst am Ende des Korridors hörte er ihre gepresste Stimme:
»Verfluchter Bolschewik!«

Am Abend des nächsten Tages, als sich Kortschagin auf dem Weg zur Bibliothek befand, begegnete er auf der Straße Katja Seljonowa. Sie hielt ihn am Ärmel fest und vertrat ihm scherzhaft den Weg.
»Wohin rennst du denn, Agitpropmann?«
»In die Bibliothek, Tantchen, gib mir den Weg frei«, erwiderte Kortschagin in gleichem Ton, nahm Katja behutsam an den Schultern und schob sie vorsichtig etwas zur Seite.
Katja machte sich los und schritt neben Pawel her.
»Hör mal, Pawluscha! Man muss ja nicht ununterbrochen studieren … Weißt du was? Komm mit mir jetzt zu Sina Gladysch, dort wird heute eine große Gesellschaft sein. Die Mädels haben mich schon lange darum gebeten, dich einzuladen. Du hast nichts als Politik im Kopf. Hast du denn wirklich gar kein Bedürfnis nach Zerstreuung? Einmal etwas ausspannen? Lass heute mal das Lesen sein, davon wird dein Kopf nur freier werden«, überredete ihn Katja hartnäckig.
»Was für eine Gesellschaft ist das? Was wird dort los sein?«
Katja äffte ihn spöttisch nach:
»Was dort los sein wird! Natürlich wird dort nicht gebetet, man amüsiert sich - das ist alles. Du kannst doch Harmonika spielen? Und ich habe dich noch nicht ein einziges Mal gehört. Nun, tu mir schon den Gefallen. Sinas Onkel hat eine Ziehharmonika, aber er spielt schlecht. Die Mädels interessieren sich für dich, und du vergräbst dich hinter den Büchern. Wo steht es geschrieben, dass sich Komsomolzen nicht auch mal amüsieren dürfen? Los. Gehen wir, solange ich es noch nicht satt habe, dich zu überreden, oder wir werden uns
für mindestens einen Monat verkrachen.«
Die Anstreicherin Katja mit den großen Augen war ein guter Kamerad und keine schlechte Komsomolzin. Kortschagin wollte das Mädchen nicht kränken und willigte ein, obwohl ihm das alles ungewöhnlich und etwas seltsam vorkam.
In der Wohnung des Lokomotivführers Gladysch ging es laut und lebhaft her. Die Erwachsenen waren, um das junge Volk nicht zu stören, ins Nebenzimmer gegangen. Im ersten großen Raum und auf der angrenzenden Veranda, die in einen kleinen Garten führte, waren etwa fünfzehn Burschen und Mädchen beisammen. Als Katja und Pawel durch den Garten auf die Veranda kamen, wurde dort gerade »Füttert die Täubchen« gespielt. Das ging so vor sich: Mitten auf der Veranda standen zwei mit den Lehnen gegeneinander gestellte Stühle, auf denen nach Aufforderung der Gastgeberin, die das Spiel leitete, ein Junge und ein Mädchen Platz nahmen. Die Gastgeberin rief:
»Füttert die Täubchen!«, und die beiden drehten sich um, so dass sich ihre Lippen trafen, und sie mussten sich dann in aller Öffentlichkeit küssen. Dann kamen andere Spiele an die Reihe, das »Ringspiel«, der »Briefträger«, und alle waren unbedingt mit Küssen verbunden. Beim »Briefträger« aber ging die Knutscherei nicht in aller Öffentlichkeit vor sich, sondern wurde von der hellerleuchteten Veranda ins Zimmer verlegt, wo dann jedes Mal das Licht ausgemacht wurde. Für diejenigen, denen diese Spiele nicht gefielen, lag auf einem kleinen runden Tisch in der Ecke ein Kartenspiel, »Blumenflirt«, bereit. Pawels Nachbarin, ein Mädchen von sechzehn Jahren, sah ihn mit ihren blauen Augen kokett an, reichte ihm eine Karte hin und sagte leise:
»Veilchen.«
Vor einigen Jahren war Pawel auf solchen Gesellschaften gewesen, und wenn er sich auch nicht unmittelbar daran beteiligt hatte, betrachtete er sie doch als eine normale Erscheinung. Jetzt aber, wo er sich von dem spießbürgerlichen Leben der Kleinstadt für immer losgesagt hatte, kam ihm diese Gesellschaft irgendwie abstoßend und lächerlich vor.
Wie dem aber auch war, er hielt eine Karte des »Blumenflirts« in der Hand.
Dem »Veilchen« gegenüber standen die Worte:
»Sie gefallen mir sehr.«
Pawel blickte das Mädchen an. Gänzlich ungeniert begegnete sie seinem Blick.
»Warum?«
Die Frage kam ungeschickt heraus. Aber das Mädchen hatte sich die Antwort schon vorher ausgedacht.
»Rose.« Sie hielt ihm die zweite Karte hin.
Auf dieser Karte, der »Rose«gegenüber, las er:
»Sie sind mein Ideal.« Kortschagin sah das Mädchen an und fragte, bemüht, nicht grob zu sein:
»Wozu gibst du dich mit solchem Unsinn ab?«
Das Mädchen wurde verwirrt und verlegen.
»Ist Ihnen etwa mein Geständnis unangenehm?« Sie verzog schmollend ihr Mündchen.
Kortschagin ließ ihre Frage unbeantwortet. Es interessierte ihn jedoch, mit wem er es zu tun hatte, und er stellte Fragen, auf die das Mädchen bereitwillig Antwort gab. Bald war er im Bilde, dass sie eine Mittelschule besuchte, dass ihr Vater Kontrolleur im Eisenbahndepot sei, dass sie Pawel schon seit langem vom Sehen kannte und ihn schon immer gern hatte näher kennen lernen wollen.
»Wie heißt du denn?« erkundigte sich Kortschagin.
»Mura Wolynzewa.«
»Dein Bruder ist Zellensekretär im Depot?«
»Ja.«
Jetzt wusste Kortschagin Bescheid. Wolynzew, einer der aktivsten Komsomolzen des Bezirks, kümmerte sich anscheinend überhaupt nicht um seine Schwester, und so wuchs sie denn als eine kleine Spießbürgerin heran. Im letzten Jahr hatte sie angefangen auf derartige Gesellschaften zu gehen, wie sie
ihre Freundinnen ab und zu veranstalteten. Immer und überall diese ewige Küsserei. Sie hatte Kortschagin einige Male bei ihrem Bruder gesehen.
Mura war es klar, dass Pawel ihr Benehmen nicht gefiel, und als man sie aufforderte, »die Täubchen zu füttern«, weigerte sie sich, da sie einen schiefen Blick Kortschagins auffing, entschieden. So saßen sie noch einige Minuten beisammen, und Mura erzählte von sich. Katja Seljonowa kam auf sie zu.
»Soll ich dir die Ziehharmonika bringen? Wirst du spielen?« Und schelmisch mit den Augen zwinkernd, blickte sie Mura an:
»Nun, habt ihr Bekanntschaft miteinander geschlossen?«
Pawel zog Katja auf den neben ihm stehenden Stuhl. Er nahm die Gelegenheit wahr, dass um sie herum gelacht und geschrieen wurde, und antwortete:
»Spielen werde ich nicht, Mura und ich gehen sofort weg.«
»Oho! Ihr habt es hier also schon satt«, sagte Katja vieldeutig.
»Ja, wir haben es satt. Aber sag mir bloß, sind außer uns beiden noch mehr Komsomolzen hier? Oder haben nur wir uns in diesen Taubenschlag verirrt?«
Besänftigend meinte Katja:
»Die Blödelei ist schon zu Ende, jetzt wird gleich getanzt.« Kortschagin stand auf.
»Tanze meinetwegen, Katjuscha, aber Mura und ich, wir gehen trotzdem weg.«
Einmal abends schaute Anna Borchardt zu Okunew herein. Kortschagin war allein.
»Bist du heute sehr beschäftigt, Pawel? Willst du nicht mit mir zur Vollversammlung des Stadtsowjets gehen? Zu zweit ist's angenehmer, und die Versammlung wird sicher spät aus sein.«
Kortschagin machte sich rasch fertig. Über dem Bett hing seine Mauserpistole, aber sie war zu schwer. Er holte aus der Lade Okunews Browning hervor und steckte ihn ein. Dann schrieb er einige Zeilen an Okunew und versteckte den Schlüssel an der vereinbarten Stelle.
Im Theater trafen sie Pankratow und Olga. Sie saßen alle beisammen und gingen in den Pausen auf dem Platz vor dem Theater auf und ab. Die Sitzung zog sich, wie es Anna vorausgesagt hatte, bis spät in die Nacht hin.
»Willst du nicht vielleicht zu mir schlafen kommen? Es ist schon spät, und der Weg ist weit«, schlug Olga vor.
»Nein, danke, Pawel und ich haben verabredet, gemeinsam nach Hause zu gehen«, antwortete Anna.
Pankratow und Olga schritten die Hauptstraße hinunter, und die beiden aus Solomenka begaben sich auf den Heimweg.
Es war eine finstere und schwüle Nacht. Die Stadt lag in tiefem Schlaf. Die Teilnehmer der Plenartagung strebten durch die stillen Straßen in verschiedenen Richtungen auseinander. Ihre Schritte und Stimmen verhallten allmählich in der Ferne. Pawel und Anna entfernten sich rasch vom Stadtzentrum. Auf dem leeren Marktplatz wurden sie von einer Patrouille angehalten, die ihre Dokumente prüfte und die beiden dann weitergehen ließ. Sie überquerten den Boulevard und gelangten auf eine unbeleuchtete, einsame Straße, die über ein freies Gelände führte.
Sie bogen links auf die Chaussee ab und kamen an den Eisenbahnlagern vorüber. Es waren langgestrecke Betonbauten, die düster und grimmig dreinschauten. Anna wurde unwillkürlich unruhig. Forschend blickte sie ins Dunkel und gab Kortschagin nur kurze und zerstreute Antworten. Als sich dann ein verdächtiger Schatten als Telegrafenpfahl entpuppte, lachte Anna auf und gestand Kortschagin, wie ihr zumute war. Sie fasste ihn unter, schmiegte sich an ihn und wurde so allmählich ruhiger.
»Ich bin erst zweiundzwanzig Jahre alt, aber nervös wie ein altes Mütterchen. Du kannst mich für feige halten. Das stimmt aber nicht. Heute sind meine Nerven irgendwie besonders überspannt. Jetzt, da ich fühle, dass du neben mir gehst, schwindet meine Unruhe, und ich schäme mich, dass ich ein Hasenfuß bin.«
Pawels Ruhe, das Aufglimmen seiner Zigarette, die ab und zu für einen kurzen Augenblick sein Gesicht, die kühn geschwungenen Brauen beleuchtete, verscheuchten die Furcht, die die nächtliche Finsternis, die Verlassenheit der Gegend und der im Theater gehörte Bericht über einen grauenhaften Mord, der in der vergangenen Nacht im Stadtteil Podol verübt worden war, wachgerufen hatten.
Sie hatten die Lager bereits hinter sich und passierten die Brücke über dem Flüsschen, gingen dann die Bahnhofschaussee entlang auf den Tunnel zu, der Verbindung dieses Stadtteils mit dem Eisenbahnbezirk.
Den Bahnhof hatten sie weit abseits, rechts liegenlassen. Der Tunnel führte in ein schmales Gässchen hinter dem Depot. Dort waren sie schon fast zu Haus. Oben an den Eisenbahnlinien glitzerten die Lichter an den Weichen und Signalen, und beim Depot hörte man das Schnaufen einer Lokomotive.
Ü ber dem Tunneleingang hing an einem rostigen Haken eine Laterne. Der Wind schaukelte sie kaum merklich hin und her, und ihr trübgelbes Licht glitt die Tunnelwände entlang.
Etwa zehn Schritt vom Tunnel entfernt stand dicht an der Chaussee ein einsames Häuschen. Vor zwei Jahren war da ein schweres Geschoß eingeschlagen und hatte im Innern des Häuschens das Unterste zuoberst gekehrt, seine Fassade in eine Ruine verwandelt, die jetzt als riesiges Loch gähnte und gleich einem Bettler am Straßenrand ihre Armseligkeit preisgab.
Auf dem Damm fuhr ein Zug vorüber.
»Nun sind wir schon fast zu Hause.« Anna seufzte erleichtert.
Pawel versuchte seinen Arm unauffällig frei zu machen. Aber Anna ließ nicht los. Sie hatten soeben das zerstörte Häuschen hinter sich, da stürzte plötzlich etwas hinter ihnen herunter. Sie vernahmen hastige Schritte, ein Keuchen; sie wurden eingeholt.
Kortschagin wollte seinen Arm losreißen, doch Anna presste ihn angsterfüllt nur noch fester. Als sich Pawel dann doch mit Gewalt befreite, war es schon zu spät, eiserne Finger krallten sich in seinen Nacken. Ein Ruck - und Pawels Gesicht wurde dem Angreifenden zugekehrt. Die Hand packte ihn an der Kehle und drehte dabei den Kragen seiner Feldbluse wie einen Strick zusammen. Pawel erblickte eine Pistole vor sich, deren Lauf langsam einen Bogen in der Luft beschrieb und auf ihn gerichtet war.
Mit übermenschlicher Gespanntheit verfolgten seine Augen die Bewegung. Es war der Tod, der ihm in Gestalt der dunklen Mündung ins Angesicht schaute, und Kortschagin brachte nicht die Kraft auf, sein Wille reichte nicht aus, für den hundertsten Teil einer Sekunde den Blick von dieser Mündung abzuwenden. Er erwartete den Tod. Aber der Schuss erfolgte nicht, und Pawels weitgeöffnete Augen sahen das Gesicht des Banditen: einen mächtigen Schädel, einen riesigen Unterkiefer, einen schwarzen, seit langem nicht geschorenen Bart. Die Augen aber blieben im Dunkeln; sie waren von dem breiten Schirm der Sportmütze verdeckt.
Einen Augenblick lang erblickte Kortschagin das kreidebleiche Gesicht Annas, sah, wie das Mädchen von einem der Banditen zu der Hausruine gezerrt wurde. Dort warf er sie nieder und verdrehte ihr dabei die Arme. Noch eine Gestalt flitzte vorbei, die Kortschagin nur als Schatten an der Wand wahrnehmen konnte.
Hinten bei den Ruinen des Hauses fand ein Kampf statt. Anna wehrte sich erbittert, ihr unterdrückter Hilferuf wurde durch eine Mütze erstickt, die ihr den Mund verschloss. Den Kerl, in dessen Händen sich Pawel befand, zog es wie ein wildes Tier zur Beute. Er wollte doch nicht nur als teilnahmsloser Zeuge bei einer Vergewaltigung dabeistehen. Er war allem Anschein nach der Anführer, und eine derartige Rollenverteilung gefiel ihm ganz und gar nicht. Der Bursche, den er da vor sich hatte, war noch ein richtiger Grünschnabel, allem Anschein nach so ein Jammerlappen aus dem Depot. Er war ihnen bestimmt in keiner Weise gefährlich.
Wenn man dem zwei-, dreimal ordentlich mit der Pistole über die Schnauze fährt und dann in Richtung auf das freie Gelände weist, wird er sicher wie ein
geölter Blitz davonsausen und sich bis zur Stadt kein einziges Mal umschauen. Und so ließ er Pawel los.
»Mach, dass du wegkommst …, aber 'n bisschen Volldampf! Und wenn du nur einen Laut von dir gibst, so kriegst du eine ins Genick!« Der Kerl mit dem mächtigen Schädel stieß Kortschagin den Lauf der Pistole gegen die Stirn.
»Los!« presste er heiser hervor und ließ die Waffe sinken, damit der Bursche nicht befürchte, dass er ihm in den Rücken schießen könnte.
Kortschagin stürzte zurück. Die ersten paar Schritte lief er seitwärts, ohne den Banditen aus den Augen zu lassen.
Der begriff, dass der Junge immer noch eine Kugel erwartete, und eilte dem Hause zu.
Kortschagins Hand griff nach der Tasche. Jetzt nur nicht verpassen, nur nicht verpassen. Er wandte sich jäh um, streckte die linke Hand aus, zielte und drückte ab. Das alles war das Werk einer Sekunde.
Der Bandit hatte seinen Fehler zu spät bemerkt. Bevor er noch anlegen konnte, hatte ihn schon eine Kugel in die Seite getroffen.
Der Stoß schleuderte ihn gegen die Tunnelwand, und er sank mit dumpfem Stöhnen langsam zu Boden, während er versuchte, sich an die Wand zu klammern. Aus der Hausruine glitt ein Schatten den steilen Abhang hinunter. Kortschagin jagte ihm eine Kugel nach. Ein zweiter Schatten floh geduckt in die Finsternis des Tunnels. Wieder ein Schuss. Der Schatten sprang zur Seite und verschwand im Dunkel. Drei Browningschüsse durchbrachen die nächtliche Stille.
Anna, von dem Schrecken des Vorgefallenen aufs tiefste erschüttert, blickte, als Pawel ihr aufstehen half, auf den Banditen, der sich an der Mauer wie ein Wurm in den letzten Zügen wand, und konnte an ihre Rettung kaum glauben.
Kortschagin zog sie gewaltsam in die Dunkelheit, heraus aus dem Lichtkreis. Dann rannten sie zurück in die Stadt, auf den Bahnhof zu. Über dem Tunnel, auf dem Bahndamm, sah man bereits Laternen leuchten, und auf dem Gleis knallte dumpf ein Alarmschuss.

Als sie endlich Annas Wohnung erreicht hatten, krähten irgendwo auf Batyjewa Gora schon die Hähne. Anna legte sich ein wenig hin. Kortschagin nahm am Tisch Platz. Er rauchte, und sein Blick folgte aufmerksam der aufsteigenden grauen Rauchwolke .….
Jetzt hatte er zum vierten Mal in seinem Leben einen Menschen getötet.
Existierte denn überhaupt auf der Welt Tapferkeit im reinsten Sinne des Wortes? Pawel rief sich all seine Eindrücke und Empfindungen ins Gedächtnis zurück und musste eingestehen, dass das schwarze Auge der Pistolenmündung sein Herz in den ersten Sekunden hatte erstarren lassen. Und durften sich denn die zwei Schatten so straflos aus dem Staub machen, nur weil er auf einem Auge erblindet war und linkshändig schießen musste? Nein. Er hätte aus einer so geringen Entfernung auch besser schießen können, aber jene Gespanntheit und Hast, zweifellos Anzeichen seiner Verwirrung, hatten ihn daran gehindert.
Das Licht der Taschenlampe beleuchtete seinen Kopf. Anna beobachtete ihn, sie verfolgte jede Bewegung seiner Gesichtsmuskeln. Seine Augen blickten ruhig, und von den ihn quälenden Gedanken zeugte einzig eine Furche auf der Stirn.
»Worüber denkst du nach, Pawel?«
Seine Gedanken verflogen, durch die Frage aufgescheucht, gleich der Rauchwolke hinter die Grenzen des Lichtkreises, und er sagte das erste, was ihm in den Sinn kam: »Ich gehe jetzt sofort zur Kommandantur. Man muss sie von allem in Kenntnis setzen.«
Und schwerfällig, seine Müdigkeit bekämpfend, stand er auf und reichte Anna die Hand.
Anna ließ die Hand nicht gleich los, sie wollte nicht allein bleiben. Sie brachte ihn bis zur Tür und schloss sie erst, als Pawel, der ihr jetzt plötzlich so teuer geworden war, in der Dunkelheit verschwunden war.
Kortschagins Erscheinen in der Kommandantur klärte die Sache mit dem Mord auf, der für die Eisenbahnwache ganz unverständlich war. Die Leiche hatte man sofort identifiziert; es war ein den Kriminalbehörden zur Genüge bekannter, immer wieder rückfälliger Einbrecher und Mörder, der Totenschädel-Fimka.
Der Vorfall am Tunnel wurde tags darauf Stadtgespräch und führte zu einem unerwarteten Zusammenstoß zwischen Pawel und Zwetajew.
Während der Arbeit erschien Zwetajew in der Werkabteilung und rief Pawel beiseite. Er ging mit ihm in den Korridor, blieb dort in einer dunklen Ecke stehen und stieß endlich - denn er wusste nicht, wie anfangen - hervor:
»Erzähl bitte, was gestern passiert ist.«
»Du bist doch im Bilde.«
Zwetajew zuckte nervös mit den Schultern. Der Monteur ahnte nicht, dass der Vorfall am Tunnel Zwetajew schmerzlicher als die anderen berührt hatte; er ahnte nicht, dass dieser Schmied, trotz seiner äußerlichen Gleichgültigkeit, für Anna Borchardt etwas übrig hatte. Nicht nur Zwetajew war Anna sympathisch, aber bei ihm war die Sache viel komplizierter.
Die Begebenheit am Tunnel, von der ihm eben Talja Lagutina erzählt hatte, ließ eine qualvolle Unruhe in ihm zurück. Er konnte dem Monteur die Frage nicht so offen stellen, wollte aber trotzdem eine Antwort darauf haben. Irgendwo im tiefsten Innern war ihm klar, wie egoistisch und kleinlich seine Besorgnis war, aber in dem Kampf der verschiedenartigen Empfindungen trug ein primitives und geradezu tierisches Gefühl den Sieg davon.
»Hör doch, Kortschagin«, sprach er gedämpft, »dieses Gespräch bleibt streng unter uns. Ich verstehe, dass du über die Geschichte nichts erzählen willst, Annas wegen. Aber mir kannst du vertrauen. Sag doch, haben die anderen Kerle, als der Bandit dich festhielt, inzwischen Anna vergewaltigt?« Bei den letzten Worten wandte sich Zwetajew unwillkürlich ab.
Kortschagin gingen allmählich die Augen auf. Wäre Anna dem Zwetajew gleichgültig, dann würde er sich nicht so aufregen, aber wenn er sie lieb hat, dann … Pawel fühlte sich für Anna verletzt.
»Warum willst du das wissen?«
Zwetajew murmelte einige abgerissene Worte, fühlte aber, dass er durchschaut worden war, und das machte ihn plötzlich böse.
»Weshalb drückst du dich um eine Antwort herum? Ich frage dich etwas, und du unterziehst mich da einem Verhör.«
»Liebst du Anna?«
Schweigen. Dann brachte Zwetajew mühsam heraus:
»Ja.«
Kortschagin verbiss nur schwer seine Wut, kehrte ihm den Rücken und schritt, ohne sich umzublicken, den Korridor entlang.

Eines Abends stand Qkunew vor dem Bett des Freundes und trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. Schließlich setzte er sich auf den Bettrand und legte die Hand auf Pawels aufgeschlagenes Buch.
»Weißt du, Pawluscha, ich muss dir was erzählen. Einerseits ist es zwar eine Lappalie, aber andererseits auch nicht. Zwischen mir und Talja Lagutina ist das so eine ulkige Geschichte. Zuerst, siehst du, da hat sie mir gefallen.« Okunew kratzte sich verlegen hinterm Ohr. Als er jedoch sah, dass der Freund ernst blieb, fasste er Mut:
»Und dann ging es Talja … auch so. Kurz und gut - ich werde dir das nicht erst alles erzählen -, es liegt ja auf der Hand. Wir haben also gestern beschlossen, unser Glück zu versuchen und ein gemeinsames Leben aufzubauen. Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt, beide sind wir stimmberechtigt. Wir wollen miteinander nach dem Prinzip der Gleichberechtigung leben. Was hältst du davon?« Kortschagin dachte nach.
»Was kann ich dir darauf erwidern, Kolja? Ihr beide seid meine Freunde, gehört beide zu uns. In allem anderen passt ihr auch zueinander. Und Talja ist ein besonders feines Mädel… Hier ist doch alles klar.«
Am darauf folgenden Tag trug Kortschagin seine Sachen in die Gemeinschaftswohnung des Depots, und kurze Zeit später fand bei Anna eine kommunistische Feier ohne Festmahl zu Ehren des Freundschaftsbundes zwischen Talja und Nikolai statt. Es war ein Abend der Erinnerungen, man las Abschnitte aus Lieblingsbüchern, sang schöne Lieder im Chor. Weit hinaus schallten die Kampflieder. Später brachten Katja Seljonowa und Mura Wolynzewa eine Ziehharmonika, und ein Gemisch aus dunklen und silberhellen Stimmen erfüllte das Zimmer. Selten hatte Pawka so gut wie an diesem Abend gespielt. Und als zum Erstaunen aller sogar der lange Pankratow zu tanzen begann, vergaß der Musikant sich vollständig, und seine Harmonika brauste feurig auf:

Hört es alle! Hört es alle!
Denikin spuckt Gift und Galle:
Die Tscheka hat ungeniert
Koltschak völlig liquidiert.

Die Harmonika erzählte von der Vergangenheit - von den heißen Kriegsjahren und vom Heute -, von Freundschaft, Kampf und Freude. Als Pawel das Instrument Wolynzew übergeben hatte und der Schlosser die temperamentvolle Melodie vom »Äpfelchen« erklingen ließ, stürzte sich niemand anders als Kortschagin in den ungestümen Tanz. Zum dritten und letzten Mal in seinem Leben tanzte Pawel eine tolle ukrainische Tschetschotka.

VIERTES KAPITEL

Die Grenze - das sind zwei Pfähle. Schweigsam und feindlich stehen sie einander gegenüber - verkörpern zwei Welten. Der eine Pfahl ist gehobelt und lackiert, rot und weiß gestrichen wie ein Schilderhaus, am oberen Ende ist der einköpfige Raubvogel mit starken Nägeln befestigt. Die Schwingen ausgebreitet, umkrallt der einköpfige Adler mit seinen Fängen gleichsam den gestreiften Pfahl und blickt feindselig auf das gegenüberliegende Metallschild; der gebogene Schnabel ist krampfhaft vorgestreckt. Sechs Schritt von ihm entfernt steht ein anderer Pfosten. Tief in die Erde eingegraben ist der rund behauene Eichenpfahl, an dem ein gusseisernes Schild mit Hammer und Sichel befestigt ist. Zwischen den zwei Welten liegt ein Abgrund, obwohl die Pfähle auf ebener Erde stehen. Diese sechs Schritt darf keiner ohne Erlaubnis tun, wenn er nicht sein Leben riskieren will.
Hier ist die Grenze.
Tausende Kilometer weit, vom Schwarzen Meer bis zum Nördlichen Eismeer, erstreckt sich die reglose Kette dieser stummen Wachposten der Sowjetischen Sozialistischen Republiken, jeder von ihnen trägt das Emblem der Arbeit auf dem gusseisernen Schild. Jener Pfahl, an dem der gefiederte Räuber angenagelt ist, markiert die Grenze des Landes der polnischen Pans.
Es ist eine gottverlassene Gegend, in der sich dieses kleine Städtchen Beresdow verbirgt.
Zehn Kilometer davon entfernt, dem polnischen Flecken Korez gegenüber, verläuft die Grenze. Zwischen Slawuta und Anapol liegt der Bezirk des N-sker Grenzschutzbataillons.
Ein Grenzpfahl neben dem anderen erhebt sich auf den schneebedeckten Feldern, die Pfähle dringen durch die Waldschneisen, steigen die Abhänge hinab, kommen wieder zum Vorschein, ragen auf den Hügeln empor und blicken, am Fluss angelangt, von den hohen Ufern auf die schneeverwehte Ebene des fremden Landes hinunter.
Es herrscht strenger Frost. Der Schnee knirscht unter den Filzstiefeln. Von dem mit Hammer und Sichel beschlagenen Grenzpfahl löst sich eine mächtige Gestalt mit einem Helm auf dem Kopf. Schweren Schrittes schreitet sie ihren Abschnitt ab. Der hochgewachsene Rotarmist trägt Filzstiefel und einen grauen Mantel mit grünen Litzen. Über den Mantel hat er einen riesigen Schafpelz mit
einem breiten Kragen gehängt. Der Kopf ist warm in den Tuchhelm gehüllt, die Hände stecken in Fäustlingen aus Schaffell. Der Pelz ist lang, er reicht bis zu den Fersen, und sogar bei wütendem Schneesturm schützt er vor Kälte. Über den Pelz geschultert liegt das Gewehr. Der Rotarmist schreitet, mit dem Pelz den Schnee streifend, seinen Grenzpfad entlang und zieht voller Behagen den Rauch der selbstgedrehten Machorkazigarette ein. Auf der Sowjetseite stehen die Wachposten auf offenem Feld in einer Entfernung von einem Kilometer, damit sie einander noch mit bloßem Auge erkennen können. Auf polnischer Seite stehen auf derselben Strecke zwei Posten.
Auf dieser Strecke kommt dem Rotarmisten ein polnischer Soldat auf seinem Pfad entgegen. Er trägt kurze grobe Soldatenstiefel und eine graugrüne Uniform, darüber einen schwarzen Mantel mit zwei Reihen glänzender Knöpfe. Auf dem Kopf hat er eine polnische Mütze mit einem weißen Adler; auf den Schulterklappen und auf dem Kragen sind ebenfalls Adler, aber davon wird dem Soldaten nicht wärmer. Der Frost durchdringt ihn bis auf die Knochen. Er reibt sich die erstarrten Ohren, schlägt im Gehen die Absätze gegeneinander. Die in grünen Handschuhen steckenden Hände sind völlig durchfroren. Der polnische Soldat kann nicht eine Minute stehen bleiben; sofort lässt der Frost seine Gelenke erstarren, und deshalb geht er die ganze Zeit auf und ab, manchmal sogar im Laufschritt. Die Posten sind jetzt auf gleicher Höhe angelangt, der Pole macht kehrt und geht nun in derselben Richtung wie der Rotarmist.
An der Grenze darf nicht gesprochen werden, aber wenn ringsum kein Lebewesen ist, wenn erst einen Kilometer weiter menschliche Gestalten sichtbar sind - wer soll da erfahren, ob die beiden ihre Strecke schweigend abschreiten oder die internationalen Vorschriften verletzen?
Der Pole möchte rauchen, hat aber seine Streichhölzer in der Kaserne liegenlassen, und wie zum Trotz weht ihm auch noch ein leichter Wind den verführerischen Machorkageruch herüber. Der Pole hat aufgehört, das angefrorene Ohr zu reiben, und schaut nach rückwärts. Es kommt vor, dass sich Reiterpatrouillen unter Führung des Wachtmeisters oder gar des Herrn Oberleutnants an der Grenze herumtreiben und unerwartet hinter den Hügeln auftauchen, um die Posten zu inspizieren. Aber ringsum keine Menschenseele.
Blendendweiß glitzert der Schnee in der Sonne. Am Himmel ist nicht eine Schneeflocke.
»Genosse, gib mir bitte Feuer«, bricht der Pole als erster die Heiligkeit des Gesetzes und zieht, während er das französische Gewehr mit dem aufgepflanzten Bajonett über die Schulter wirft, mit den erstarrten Händen mühsam ein Päckchen Zigaretten aus der Manteltasche hervor. Der Rotarmist hört die Bitte des Polen, aber die Felddienstordnung für den Grenzschutz verbietet den Posten, sich mit jemandem von jenseits der Grenze zu unterhalten; außerdem hat er auch nicht ganz verstanden, was der andere wollte, der ja polnisch gesprochen hatte. Er setzt seinen Weg fort und tritt fest mit den weichen Filzstiefeln in den knirschenden Schnee.
»Genosse Bolschewik, gib Feuer, schmeiß mir deine Streichholzschachtel herüber.« Diesmal sagt es der Pole schon russisch.
Der Rotarmist mustert sein Gegenüber. Es scheint, dass der Frost dem »Pan« bis an die Leber gegangen ist. Er ist zwar ein Bourgeoissoldat, führt aber ein jämmerliches Leben. In so einem dünnen Mäntelchen hat man ihn in die Kälte hinausgejagt, und nun hopst er wie ein Hase umher, lechzt nach einer Zigarette. Und ohne sich umzudrehn, wirft ihm der Rotarmist eine Streichholzschachtel hinüber. Der Soldat fängt sie im Flug auf. Erst nachdem er mehrere Streichhölzer zerbrochen hat, gelingt es ihm schließlich anzurauchen. Die Schachtel wandert den gleichen Weg über die Grenze zurück, und jetzt verstößt der Rotarmist unerwartet gegen die Vorschrift:
»Behalt sie, ich habe noch mehr.«
Da schallt es über die Grenze herüber:
»Nein, danke, für diese Schachtel würde man mir zwei Jahre Gefängnis aufbrummen.«
Der Rotarmist betrachtete die Schachtel. Ein Flugzeug ist darauf abgebildet. Statt des Propellers ist da eine mächtige Faust, und die Aufschrift lautet:
»Unsere Antwort.«
Ja, tatsächlich, das passt nicht so recht für die dort. Der polnische Soldat schreitet noch immer mit ihm in gleicher Richtung. Ihm ist es langweilig, so allein in dieser verlassenen Gegend zu sein.

Rhythmisch knarren die Sättel. Der regelmäßige Trab der Pferde wirkt einschläfernd. Auf der Schnauze des Rappen, um seine Nüstern und auf seiner Mähne liegt Reif. Der Atem des Tieres steigt als weißer Dampf empor. Graziös setzt die scheckige Stute des Bataillonskommandeurs die Hufe auf, beugt den schlanken Hals und spielt mit der Trense. Beide Reiter tragen graue Feldmäntel mit roten Quadraten auf den Ärmeln und Koppel mit Schulterriemen. Die Litzen des Bataillonskommandeurs Gawrilow sind grün, die seines Begleiters hingegen rot. Gawrilow steht im Grenzdienst. Sein Bataillon hat auf einer Strecke von siebzig Kilometern Grenzposten aufgestellt, hier ist er der Herr. Sein Begleiter ist ein Gast aus Beresdow, Kriegskommissar eines Ausbildungsbataillons, Kortschagin.
In der Nacht ist Schnee gefallen. Er liegt da, flaumig und weich, unberührt von Pferdehufen und Stiefeln. Die Reiter sind aus dem Jungholz herausgeritten und traben jetzt über das Feld. Vierzig Schritt weiter ragen abermals zwei Pfähle auf.
Plötzlich zieht Gawrilow die Zügel straff. Kortschagin lenkt den Rappen zur Seite, um die Ursache der Störung zu erfahren. Gawrilow beugt sich hinunter und betrachtet aufmerksam die seltsamen Spuren, die in den Schnee eingedrückt sind. Es sieht aus, als wäre ein Zahnrad über den Schnee gerollt. Hier ist ein schlaues Tierchen vorbeigefegt, das seinen Fuß in die Spur des anderen gesetzt und seine Spuren durch allerhand erfinderische Schnörkel zu verwischen gesucht hat. Es ist schwer festzustellen, woher die Spur kommt. Aber nicht diese Tierspur ist es, die den Bataillonskommandeur bewegen hat, seinen Ritt zu unterbrechen. Zwei Schritt von dieser Fährte entfernt sind andere vom Schnee verwehte Spuren zu sehen. Hier ist ein Mensch gegangen. Er hat seine Spuren nicht verwischt, sondern ist direkt auf den Wald losgesteuert! Und die Spur zeigt deutlich, dass dieser Mensch aus Polen gekommen ist. Der Bataillonskommandeur gibt seinem Pferd die Sporen, und die Spur führt ihn zum Grenzposten. Auf polnischer Seite sind zehn Schritte weit ebenfalls Fußspuren zu sehen.
»In der Nacht hat jemand die Grenze überschritten«, brummt der Bataillonskommandeur.
»Sie haben das beim dritten Zug wieder verschlafen, und im Morgenbericht ist nichts gemeldet worden. So eine Bande!« Gawrilows leicht ergrauter Schnurrbart hängt, vom Reif versilbert, borstig über die Lippen.
Den Reitern kommen zwei menschliche Gestalten entgegen. Die eine ist klein, schwarz, der Stahl des französischen Bajonetts funkelt in der Sonne. Die andere ist riesenhaft groß und trägt einen gelben Schafspelz. Die Stute spürt die Sporen, ihr Trab wird immer schneller, und die Reiter nähern sich rasch den zwei Gestalten. Der Rotarmist rückt seinen Schulterriemen zurecht und spuckt die zu Ende gerauchte Zigarette in den Schnee.
»Guten Tag, Genosse, wie steht es auf Ihrem Abschnitt?« Und ohne sich sonderlich zu bücken, da der Rotarmist groß ist, reicht ihm der Bataillonskommandeur die Hand. Der Riese reißt sich rasch den Fausthandschuh herunter.
Der Pole beobachtet das von weitem. Zwei rote Offiziere begrüßen den Wachposten wie einen nahen Freund. Einen Augenblick stellt er sich vor, was wohl passieren würde, wenn er seinem Major Zakrzewski die Hand reichen wollte. Bei diesem unsinnigen Gedanken blickt er sich unwillkürlich um.
»Ich habe soeben Wache bezogen, Genosse Batailionskommandeur«, meldet der Soldat.
»Haben Sie die Spuren dort gesehen?«
»Nein, noch nicht.«
»Wer stand nachts von zwei bis sechs Uhr Posten?« »Surotenko, Genosse Bataillonskommandeur.«
»Schon gut, geben Sie nur ordentlich acht.« Und während er dem Pferd die Sporen gibt, warnt er streng:
»Marschiere weniger neben dem dort drüben daher.« Während dann die Pferde die breite Landstraße entlangtraben, die sich zwischen der Grenze und der Ortschaft Beresdow hinzieht, erzählt der Bataillonskommandeur:
»An der Grenze muss man stets auf der Hut sein. Passt du einmal nicht auf, musst du es bitter büßen. Das ist ein ruheloser Dienst. Am Tage kommen die nicht so leicht über die Grenze, um so mehr heißt es aber in der Nacht aufpassen. Urteilen Sie selbst, Genosse Kortschagin: Auf meinem Abschnitt zieht sich die Grenze mitten durch vier Dörfer. Da ist es sehr schwer, aufzupassen. Wie du die Posten auch aufstellen magst, bei jeder Hochzeit und an jedem Feiertag erscheint dir die ganze Verwandtschaft. Und wie sollten sie auch nicht? Zwanzig Schritt stehen die Bauernhütten voneinander entfernt, und das Flüsschen kann eine Henne zu Fuß passieren. Ohne Schmuggel geht es dabei auch nicht ab. Es handelt sich zwar meist um Kleinigkeiten. Da bringt ein Weib ein paar Flaschen polnischen vierzigprozentigen Schnaps. Es gibt aber auch allerlei Schmuggler großen Stils, die mit viel Geld arbeiten. Und weißt du, was die Polen machen? In allen Grenzdörfern haben sie richtige Warenhäuser eröffnet - dort kannst du einkaufen, was du willst. Natürlich sind die nicht für ihre eigenen bettelarmen Bauern bestimmt.«
Interessiert hört Kortschagin den Worten des Bataillonskommandeurs zu. Das Leben an der Grenze gleicht einem Spähgang ohne Ende.
»Sagen Sie, Genosse Gawrilow, beschäftigen sich die Grenzschmuggler ausschließlich mit dem Herüberschmuggeln von Waren?« Der Bataillonskommandeur antwortet mürrisch:
»Da liegt eben der Hund begraben.«

Beresdow ist ein kleiner Flecken, ein ödes Provinznest in der ehemaligen jüdischen Siedlungszone. Zwei- bis dreihundert Häuschen stehen in wirrem Durcheinander, jedes von ihnen dort, wo es der Zufall hingestellt hat. In der Mitte des Nestes, auf einem riesigen Marktplatz, wirken die zwei Dutzend Buden wie verloren. Der Platz ist schmutzig und voller Mist. Rings um den Ort liegen Bauernhöfe. Im Zentrum der jüdischen Siedlung, auf dem Weg zum Schlachthaus, steht die alte Synagoge. Ein Hauch von Trostlosigkeit geht von diesem baufälligen Gebäude aus. Die Synagoge ist zwar an Sonnabenden nicht gerade schwach besucht, jedoch kein Vergleich dazu, wie es früher war, und auch das Leben des Rabbiners ist nicht mehr so, wie er es wünscht. Anscheinend muss doch etwas sehr Schlimmes im Jahre 1917 passiert sein, wenn die Jugend sogar hier in diesem Krähwinkel dem Rabbiner nicht mehr mit dem gebührenden Respekt begegnet. Zwar halten sich die Alten noch immer an die religiösen Vorschriften und verschmähen »treife«, das zum Genuss Verbotene, aber wie viele der Jungen essen schon das von Gott verfluchte Schweinefleisch! Pfui Teufel, der Ekel steigt einem hoch, wenn man nur daran denkt. Reb Boruch stößt mit dem Fuß zornig ein Schwein beiseite, das eifrig in einem Misthaufen nach etwas Genießbarem sucht. Ja, der Rabbi ist nicht gerade erbaut darüber, dass Beresdow zum Bezirkszentrum geworden ist. Es sind da plötzlich eine Menge Kommunisten hergekommen, und jedes Mal passiert etwas Neues, jeden Tag gibt es neue Unannehmlichkeiten. Erst gestern hat der Rabbi an dem Haus des Popen ein neues Schild entdeckt mit der Aufschrift: »Beresdower Bezirkskomitee des Kommunistischen Jugendverbandes der Ukraine«. Dieses Schild verhieß nichts Gutes.
In solche Gedanken vertieft, schritt der Rabbi dahin, bis er an der Tür seiner Synagoge eine kleine Bekanntmachung entdeckte:
»Heute findet im Klub eine öffentliche Versammlung der werktätigen Jugend statt. Referenten: Genosse Lissizyn, Vorsitzender des Exekutivkomitees, und Genosse Kortschagin, stellvertretender Sekretär des Bezirks-Jugendkomitees. Nach der Versammlung: Konzert der Schüler der Mittelschule.«
Wütend riss der Rabbiner den Zettel ab. »Da haben wir's schon!«

Das Kirchlein des Ortes ist ringsum von einem großen Garten umgeben. In diesem Garten steht auch das geräumige, altmodische Haus des Popen. In den Zimmern herrscht stets muffig-öde Leere. Hier wohnen der Pope und seine Frau. Sie sind ebenso langweilig und alt wie ihr Haus und einander längst überdrüssig. Die Langeweile verschwand aber, seit die neuen Herren ins Haus eingezogen sind. Der große Saal, in dem der ehrwürdige Hausherr nur an den Kirchweihfesten Gäste zu empfangen pflegte, ist jetzt immer voller Menschen. Das Popenhaus ist zum Sitz des Parteikomitees von Beresdow geworden. An der Tür des kleinen Zimmers, rechts vom Haupteingang, steht mit Kreide geschrieben: »Bezirkskomitee des Jugendverbandes.«
Hier verbrachte Kortschagin, der neben seiner Funktion als Kriegskommissar des Ausbildungsbataillons auch den Posten des stellvertretenden Sekretärs des soeben geschaffenen Bezirkskomitees des Kommunistischen Jugendverbandes bekleidete, einen Teil seiner Tage.
Acht Monate waren seit dem Abend vergangen, als Pawel an dem geselligen Beisammensein bei Anna teilgenommen hatte. Und doch kam es ihm vor, als sei es gestern gewesen.
Kortschagin schob einen Haufen Schriftstücke beiseite, lehnte sich im Sessel zurück und versank in Nachdenken.
Im Haus ist alles still geworden. Die Räume des Parteikomitees sind um diese späte Stunde leer. Vor wenigen Minuten hat auch Trofimow, der Sekretär des Bezirks-Parteikomitees, Kortschagin verlassen, und jetzt ist er allein geblieben. Phantastische Eisblumen blühen an den Fenstern. Auf dem Tisch steht eine Petroleumlampe, der Ofen ist glühend heiß. Kortschagin denkt an das vor kurzem Erlebte.
Im August schickte ihn die Belegschaft seiner Werkstatt als Jungorganisator mit dem Reparaturzug nach der Stadt Jekaterinoslaw. Hundertfünfzig Menschen fuhren bis zum späten Herbst von Station zu Station, um die Folgen von Krieg und Zerstörung zu beseitigen und die Strecke von verbrannten, zerstörten Eisenbahnwagen zu säubern.
Ihr Weg führte sie auch über die Strecke von Sinelnikowo nach Pologi. Hier, im ehemaligen Reich des Banditen Machno, begegnete man auf Schritt und Tritt Spuren der Zerstörung und Vernichtung. In Guljai-Polje blieben sie eine Woche, um das Steingebäude des Pumpwerks wieder in Ordnung zu bringen und auf die mit Dynamit gesprengte Wasserzisterne eiserne Flicken aufzusetzen. Der Elektromonteur beherrschte zwar nicht die Kunst des Schlosserhandwerks, doch hatte er, mit dem Schraubenschlüssel bewaffnet, mehrere tausend rostige Muttern befestigt.
Im Spätherbst kehrte der Zug in die heimatlichen Werkstätten zurück, und die Werkabteilungen hatten wieder hundertfünfzig Paar kräftige Hände mehr…
Jetzt konnte man Kortschagin immer häufiger bei Anna treffen. Die tiefe Falte in seiner Stirn hatte sich geglättet, und nicht selten war sein ansteckendes Lachen zu hören.
Wieder leitete er einen Zirkel, und die Jungen aus der Werkstatt lauschten seinen Erzählungen von den längst vergangenen Tagen des Kampfes. Pawel berichtete ihnen von den Aufständen Stepan Rasins und Pugatschows, von den Versuchen des rebellischen, versklavten, rückständigen Russlands, den gekrönten Tyrannen zu stürzen.
Eines Abends, als bei Anna viel junges Volk versammelt war, sagte sich Pawel plötzlich von einer alten, gesundheitsschädigenden Gewohnheit los. Schon fast von Kindheit an gewöhnt zu rauchen, erklärte er entschlossen und bestimmt:
»Ich werde nicht mehr rauchen.«
Das war ganz unerwartet gekommen. Irgend jemand hatte behauptet, dass die Gewohnheit stärker sei als der menschliche Wille, und als Beispiel auf das Rauchen hingewiesen. Die Meinungen gingen auseinander. Pawel hatte nicht die Absicht, sich in den Streit einzumischen, aber Talja forderte ihn heraus, seine Ansicht zu äußern. Da sagte er:
»Der Mensch ist Herr über seine Gewohnheiten, und nicht umgekehrt. Wohin sollte denn das sonst führen?«
Zwetajew rief aus einer Ecke herüber:
»Lauter schöne Redensarten. Kortschagin liebt das. Geht man jedoch der Sache auf den Grund - was stellt sich dann heraus? Dass er selber raucht. Weiß er etwa nicht, dass das Rauchen schädlich ist? Jawohl, es aber aufzugeben, dazu ist er zu willensschwach. Erst vor kurzem hat er in den Zirkeln ›Kultur gepfropft‹.« Und in völlig verändertem Ton setzte Zwetajew höhnisch hinzu: »Und dann soll er uns mal erzählen, wie es bei ihm mit dem Fluchen steht? Wer Pawka kennt, weiß, dass aus seinem Mund Schimpfworte zwar selten, aber dann röcht kräftig herausplatzen. Es ist natürlich leichter, Predigten zu halten, als selber ein Heiliger zu sein.«
Stille trat ein. Die Anwesenden waren von Zwetajews schroffer Art unangenehm berührt. Der Elektromonteur antwortete nicht sogleich. Er nahm ruhig die Zigarette aus dem Mund, zerdrückte sie und sagte leise:
»Ich werde nicht mehr rauchen.«
Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu:
»Das tue ich meinetwegen und auch ein wenig um Dimkas willen. Ein Mensch, der seine schlechten Gewohnheiten nicht ablegen kann, ist keinen Heller wert. Mit dem Fluchen wird das freilich so schnell nicht gehen. Es stimmt, Kinder, die schlimme Angewohnheit bin ich noch nicht ganz losgeworden. Aber sogar Dimka muss zugeben, dass ich jetzt selten fluche. Ein Wort entschlüpft leichter, als man eine Zigarette anraucht. Und deshalb verspreche ich heute noch nicht, dass ich auch mit dem Fluchen bereits Schluss machen werde. Es wird aber gleichfalls dazu kommen.«

Kurz vor Ausbruch des Winters blockierten Holzflöße den Fluss. Das Hochwasser riss sie auseinander, und viel Heizmaterial ging verloren und schwamm flussabwärts. Und abermals entsandte der Arbeiterbezirk Solomenka seine Brigaden, um die Holzreichtümer zu retten.
Kortschagin, der hinter seinen Kameraden nicht zurückstehen wollte, verheimlichte vor den Genossen seine starke Erkältung, und als eine Woche später an den Ufern der Anlegestelle Berge von Rundholz emporwuchsen, da hatten das eisige Wasser und die ungesunde herbstliche Nässe in Kortschagins Körper den alten, im Blut schlummernden Feind wiedererweckt. Er wurde von starkem Fieber gepackt. Zwei Wochen lang durchwühlten furchtbare rheumatische Schmerzen seinen Körper. Nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, konnte er bloß sitzend am Schraubstock arbeiten. Der Meister schüttelte den Kopf. Einige Tage darauf erklärte eine Ärztekommission Pawel für arbeitsunfähig. Er bekam seinen Lohn ausgezahlt und erhielt das Recht auf Invalidenrente, auf die er jedoch ärgerlich verzichtete.
Schweren Herzens nahm er von der Werkstatt Abschied. Auf einen Stock gestützt, mit furchtbaren Schmerzen, zog er langsam von dannen. Die Mutter hatte ihn in ihren Briefen immer wieder angefleht, sie zu besuchen. Und jetzt fielen ihm ihre Abschiedsworte ein:
»Man bekommt euch nur zu sehen, wenn ihr kaum noch kriechen könnt.«
Im Gouvernementskomitee übergab man ihm in einer Rolle seine Papiere: die vom Jugendverband und von der Parteiorganisation. Und damit es ihm nicht allzu schwer ums Herz wurde, verabschiedete er sich kaum und fuhr zu seiner Mutter. Zwei Wochen hindurch massierte und erwärmte die alte Frau seine geschwollenen Beine, und schon nach einem Monat konnte er ohne Stock gehen. Sein Herz klopfte freudig, und die Dämmerung ging wieder in Morgenrot über. Der Zug brachte ihn ins Gouvernementszentrum, und nach drei Tagen händigte man ihm in der Organisationsabteilung ein Schreiben aus, mit
dem er von dem Gouvernements-Kriegskommissariat als Politleiter für die im Zuge der allgemeinen militärischen Ausbildung aufgestellten Einheiten bestimmt wurde.
Wieder eine Woche später traf er bereits in der verschneiten Ortschaft Beresdow als Kriegskommissar des 2. Ausbildungsbataillons ein. Das Kreiskomitee des Kommunistischen Jugendverbandes beauftragte ihn, die vereinzelten Komsomolzen aufzusuchen und in dem neuen Bezirk eine Organisation des Jugendverbändes zu schaffen. So hatte sein Leben einen ganz neuen Lauf genommen.

Draußen herrscht drückende Hitze. Bis an das weit geöffnete Fenster im Büro des Vorsitzenden des Exekutivkomitees streckt ein Kirschbaum seine knorrigen Zweige. Das vergoldete Kreuz am gotischen Turm der polnischen Kirche, gegenüber dem Gebäude des Exekutivkomitees, glüht in der Sonne. In dem Gärtchen vor dem Fenster suchen die zartflaumigen gelbgrünen Gänschen der Wächterin nach Futter.
Der Vorsitzende des Exekutivkomitees überfliegt die soeben eingetroffene Depesche. Ein Schatten huscht über sein Gesicht. Die große knochige Hand fährt durch die üppigen Locken und bleibt in ihnen stecken.
Nikolai Nikolajewitsch Lissizyn, der Vorsitzende des Beresdower Exekutivkomitees, ist erst vierundzwanzig Jahre alt, aber weder seine Mitarbeiter noch die Parteifunktionäre wissen das. Er ist ein großer, kräftiger, strenger und zuweilen sogar furchterregender Mann, der wie ein Fünfunddreißigj ähriger aussieht. Er hat einen muskulösen Körper, auf einem kräftigen Hals sitzt ein großer Kopf mit dunklen, kühlen, durchdringenden Augen. Sein Kinn ist scharf geschnitten und energisch. Er trägt blaue Reithosen und einen grauen Soldatenrock, der schon allerhand mitgemacht hat. Auf der linken Brusttasche ist der Orden des Roten Banners befestigt.
Bis zur Oktoberrevolution »befehligte« Lissizyn nur eine Drehbank in der Tulaer Waffenfabrik, in der sein Großvater, sein Vater und er selbst von Kindesbeinen an als Schlosser und Dreher gearbeitet hatten.
Seit jener Herbstnacht aber, in der er zum ersten Mal die Waffe, die er bis dahin nur hergestellt hatte, in die Hand nahm, war Kolja Lissizyn in den Strudel gerissen worden. Revolution und Partei schleuderten ihn aus einer Feuersbrunst in die andere.
Der Tulaer Waffenschmied ging den Ruhmesweg vom Rotarmisten zum Kommandeur und schließlich zum Regimentskommissar.
Feuersbrünste und Kanonendonner sind in die Vergangenheit gerückt. Jetzt befindet sich Nikolai Lissizyn hier im Grenzbezirk. Das Leben verläuft friedlich. Bis spät in die Nacht hinein sitzt er über Ernteberichten.
Diese Depesche jedoch lässt für einen kurzen Augenblick die Vergangenheit Wiederaufleben. In kurzem Telegrammstil signalisiert sie:

Streng vertraulich.
An den Vorsitzenden des Beresdower Exekutivkomitees, Lissizyn. Von der Grenze wird gemeldet, dass die Polen lebhafte Anstalten treffen, eine größere Bande über die Linien zu bringen. Die Bande wird womöglich die Grenzbezirke zu terrorisieren versuchen. Treffen Sie Vorsichtsmaßregeln. Wertsachen abliefern. Steuerbeträge nicht zurückhalten.

Lissizyn kann durch das Fenster seines Kabinetts jeden sehen, der das Gebäude des Exekutivkomitees betritt. Auf der Außentreppe steht Kortschagin. Bald darauf klopft er an die Tür.
»Nimm Platz, wir haben miteinander zu sprechen.« Lissizyn drückt Kortschagin die Hand.
Eine ganze Stunde lang empfängt der Vorsitzende des Exekutivkomitees niemanden. Als Kortschagin das Zimmer verlässt, ist es bereits Mittag. Aus dem Garten kommt ihm Njura, Lissizyns kleine Schwester, entgegengelaufen. Pawel nennt sie Anjutka. Sie ist zu ernst für ihre Jahre. Wenn das Mädchen Kortschagin sieht, lächelt es ihn jedes Mal freundlich an. Jetzt grüßt es ihn kindlich unbeholfen und wirft mit hastiger Bewegung die kurzen Haare aus der Stirn zurück.
»Ist jemand bei Kolja? Maria Michailowna erwartet ihn zum Mittagessen.«
»Geh nur, Anjutka, er ist allein.«

Am nächsten Tag, lange vor Morgengrauen, fuhren drei von kräftigen Pferden gezogene Fuhrwerke am Gebäude des Exekutivkomitees vor. Leise flüsterten die Kutscher miteinander. Aus der Finanzabteilung wurden mehrere versiegelte Säcke herausgetragen und auf die Wagen geladen, und schon nach wenigen Minuten hörte man das Rollen der Räder auf der Chaussee. Die Fuhrwerke wurden von einer Abteilung bewacht, die unter Kortschagins Kommando stand. Die vierzig Kilometer bis zur Kreisstadt (fünfundzwanzig davon führten durch dichte Wälder) wurden ohne Zwischenfälle zurückgelegt und die Wertsachen in den Safes der Kreisfinanzabteilung untergebracht. Wenige Tage später kam von der Grenze her nach Beresdow ein Kavallerist gesprengt. Mit verständnislosen Blicken verfolgten die Ortsbewohner den Reiter und sein schweißbedecktes Pferd.
Vor dem Tor des Exekutivkomitees angelangt, sprang der Kavallerist vom Pferd, hielt seinen Säbel fest und polterte mit den schweren Stiefeln geräuschvoll die Stufen hinauf. Mit zusammengezogenen Brauen nahm Lissizyn das Schreiben entgegen. Er öffnete es und quittierte den Empfang auf dem Umschlag. Ohne dem Pferd Zeit zum Verschnaufen zu lassen, sprang der Grenzarmist wieder in den Sattel und sprengte im Galopp davon.
Niemandem außer dem Vorsitzenden des Exekutivkomitees war der Inhalt des Schreibens bekannt. Die Einwohner solch eines Nestes haben jedoch Spürnasen wie Hunde. Unter drei Krämern sind zwei immer unbedingt Schmuggler, und dieses Gewerbe entwickelt in ihnen den Instinkt, mit tödlicher Sicherheit Gefahren zu wittern.
In diesem Augenblick gingen zwei Männer schnellen Schrittes den Fußweg entlang, der zum Stab des Ausbildungsbataillons führte. Einer von ihnen war Kortschagin. Ihn kannten die Einwohner: Er war immer bewaffnet. Dass jedoch Trofimow, der Sekretär des Parteikomitees, eine Pistole trug, hatte etwas zu bedeuten.
Einige Minuten später kamen aus dem Stabsgebäude anderthalb Dutzend Menschen gelaufen. In den Händen Gewehre mit aufgepflanztem Bajonett, rannten sie zur Mühle, die an der Straßenkreuzung stand. Die übrigen Kommunisten und Komsomolzen erhielten die Waffen im Gebäude des Parteikomitees ausgehändigt. Es war ganz klar - etwas nicht ganz Geheures war im Anzug. Der große Platz und die stillen Nebengassen waren plötzlich wie ausgestorben - keine Menschenseele ließ sich blicken. Im Handumdrehen hingen an den Türen der kleinen Verkaufsläden und Buden riesige mittelalterliche Schlösser. Alle Fensterläden wurden geschlossen, und nur furchtlose Hühner und von der Hitze ermattete Schweine durchwühlten auch weiterhin eifrig die Misthaufen.
Die Feldwache hatte in den Gärten am Dorfrand Stellung bezogen. Hier begannen die Felder, und von hier aus konnte man die schnurgerade Linie der Straße weithin überblicken.
Die Lissizyn zugegangene Mitteilung lautete kurz und bündig:

Im Raum Poddubzy ist heute Nacht nach kurzem Gefecht eine berittene Bande über die Grenze auf Sowjetterritorium vorgedrungen. Sie verfügt über ungefähr hundert Säbel und zwei leichte Maschinengewehre. Sofort Schutzmaßnahmen treffen. Die Spur der Bande führt in die Slawutsker Wälder. Mache ferner darauf aufmerksam, dass tagsüber eine Rote Kosakenhundertschaft in Verfolgung der Bande Beresdow passieren wird. Achten Sie darauf, dass keine Verwechslungen vorkommen.
KOMMANDEUR DES GRENZBATAILLONS
Gawrilow

Schon nach einer Stunde tauchte auf der Straße ein Reiter auf, und einen Kilometer hinter ihm war eine Gruppe Berittener zu sehen. Kortschagin blickte unverwandt in diese Richtung. Vorsichtig kam der Reiter näher, ohne jedoch die Feldwache in den Gärten zu bemerken. Er war ein ganz junger Rotarmist aus dem 7. Kosakenregiment, für den der Erkundungsdienst etwas Neues war. Als plötzlich aus den Gärten Menschen stürzten, die das Abzeichen der Kommunistischen Jugendinternationale auf ihren Blusen trugen und ihn umringten, lächelte er verlegen. Nach kurzer Unterredung machte er kehrt und sprengte der im Trab heranreitenden Hundertschaft entgegen. Die Feldwache ließ die Roten Kosaken vorüber und verkroch sich abermals in den Gärten.
So vergingen mehrere unruhige Tage. Lissizyn wurde mitgeteilt, dass es den Banditen nicht gelungen war, ihre Diversionstätigkeit zu entwickeln. Von der Roten Kavallerie unablässig verfolgt, war die Bande gezwungen, sich schleunigst über die Grenze zurückzuziehen.
Die kleine Gruppe der Bolschewiki - neunzehn Mann im ganzen - war eifrig um den Aufbau der Sowjetordnung in ihrem Bezirk bemüht. In diesem eben erst gebildeten Bezirk musste alles von neuem begonnen werden. Die Nähe der Grenze zwang sie, auf der Hut zu sein.
Die Neuwahlen in die Sowjets, der Kampf mit den Banditen, die Kulturarbeit, der Kampf gegen den Schmuggel, die militärischen Aufgaben, die Partei- und Komsomolarbeit - das war der Kreis, der das Leben Lissizyns, Trofimows, Kortschagins und der von ihnen zusammengefassten zahlenmäßig geringen Gruppe von Kommunisten vom Morgengrauen bis spät in die Nacht hinein umschloss.
Vom Pferd zum Schreibtisch, vom Schreibtisch zum Exerzierplatz, auf dem die Jungen ausgebildet wurden; dann der Klub, die Schule, zwei oder drei Sitzungen und nachts wieder aufs Pferd, die Mauserpistole an der Hüfte, und der strenge Ruf der Posten:
»Halt, wer da?« - und das verdächtige Rädergerassel eines davoneilenden Fuhrwerkes, das ausländische Waren über die Grenzen schmuggelte, das alles füllte die Tage und viele Nächte des Kriegskommissars des 2. Bataillons aus.
Das Bezirks-Jugendkomitee von Beresdow bestand aus Kortschagin, Lida Polewych, einem Mädchen mit schmalen Augen - sie stammte aus dem Wolgagebiet und war Leiterin der Frauenabteilung -, und dem ehemaligen Gymnasiasten Shenka Raswalichin, einem hochgeschossenen hübschen Burschen. Raswalichin, ein noch ganz junger, aber frühreifer Kerl, ein Liebhaber waghalsiger Abenteuer und eifriger Verehrer von Sherlock Holmes und der Bücher von Louis Boussenard, war Geschäftsleiter des Bezirks-Parteikomitees gewesen. Erst vor vier Monaten war er dem Jugendverband beigetreten. Aber unter den Komsomolzen benahm er sich wie ein »alter Bolschewik«. Im Kreiskomitee hatte man lange überlegt, wen man nach Beresdow schicken sollte. Da man aber keinen anderen fand, entschloss man sich schließlich, Raswalichin als Leiter für politische Bildungsarbeit dorthin zu schicken.

Die Sonne stand hoch im Zenit, ihre heißen Strahlen drangen in die verborgensten Winkel. Alle Lebewesen suchten irgendwo Schutz. Sogar die Hunde schlüpften unter die Speicher und lagen dort faul und schläfrig, von der Hitze ermattet. Das ganze Dorf schien wie ausgestorben, nur in der Nähe des Brunnens wälzte sich ein Schwein im Schmutz und grunzte behaglich.
Kortschagin band das Pferd los und schwang sich in den Sattel. Er biss sich in die Lippen, da sein Knie heftig schmerzte. Auf der Vortreppe der Schule stand die Lehrerin und schützte mit der Hand die Augen vor der Sonne.
»Auf Wiedersehen, Genosse Kriegskommissar«, rief sie lächelnd.
Das Pferd stampfte ungeduldig mit den Hufen, reckte den Hals und zerrte an den Zügeln.
»Auf Wiedersehen, Genossin Rakitina. Also abgemacht, morgen geben Sie Ihre erste Stunde.«
Das Pferd spürte die gelockerten Zügel und holte sogleich zum Trab aus. Plötzlich drang gellendes Geschrei an Pawels Ohr. So schreien die Frauen, wenn im Dorf Feuer ausgebrochen ist. Schroff riss der Kriegskommissar das Pferd herum und sah eine junge Bäuerin, die keuchend vom Dorfrand hergelaufen kam. Die Rakitina trat in die Mitte der Straße und hielt sie an. An den Türschwellen der benachbarten Bauernhäuser zeigten sich Leute, zumeist alte Männer und Frauen. Das gesunde junge Volk arbeitete auf den Feldern.
»Ach, ihr lieben Leute - was sich dort tut! Oh, ich kann nicht, ich kann nicht mehr …!«
Als Kortschagin an sie herantrat, rannten schon von allen Seiten Menschen herbei. Sie umringten die Frau, zerrten sie an den Ärmeln ihres weißen Kittels und bestürmten sie mit ängstlichen Fragen. Aus ihren zusammenhanglosen Worten konnte man jedoch nicht klug werden:
»Sie morden! Sie schlagen einander tot!« rief sie nur immer wieder. Irgendein alter Mann sprang ungelenk um sie herum und versuchte etwas aus ihr herauszubekommen:
»Brüll doch nicht wie 'ne Wahnsinnige! Wo schlagen sie sich? Weshalb? Hör doch auf zu kreischen! Verdammt noch mal!«
»Unser Dorf schlägt sich mit den Poddubzern … wegen der Feldraine! Die Poddubzer prügeln unsere Leute tot!«
Alle begriffen sofort das Unglück.
Auf der Straße begannen die Frauen zu heulen, die alten Männer knirschten wütend mit den Zähnen. Und durch das Dorf, durch alle Bauernhöfe tönte gleich Sturmgeläut der Ruf:
»Wegen der Feldraine mähen die Poddubzer unsere Leute mit Sensen nieder!« Alles, was Beine hatte, sprang auf die Straße und lief, mit Heugabeln, Beilen oder einfach mit einem Pfahl bewaffnet, hinter den Einfriedungen hinaus zu den Feldern, auf denen die beiden Dörfer in blutigem Kampf ihren alljährlichen Streit wegen der Feldraine austrugen.
Kortschagin versetzte seinem Pferd einen so starken Hieb, dass es sofort zu galoppieren begann. Angetrieben durch die Zurufe des Reiters, stürzte der Rappe unaufhaltsam vorwärts und überholte die Dahineilenden. Mit fest anliegenden Ohren jagte das Pferd kräftig ausgreifend immer schneller und schneller dahin. Auf dem Hügel streckte eine Windmühle ihre Flügel weit aus, als wollte sie den Vorübereilenden den Weg versperren. Rechts von der Windmühle zogen sich Wiesen im Flusstal entlang. Links bedeckten, so weit das Auge reichte, Roggenfelder die Hügel und Abhänge. Der Wind streifte über den reifen Roggen dahin, als liebkose er die Ähren. Grellrot leuchtete am Straßenrand der Mohn. Hier war es still und unerträglich heiß. Nur aus der Ferne, von dort, wo sich der Fluss wie eine silbrige Schlange in der Sonne wand, drang Geschrei herüber.
Tollkühn jagte das Pferd zu den Wiesen hinunter. Wenn es jetzt mit einem Huf hängen bleibt, so ist es um uns beide geschehen, schoss es Pawel durch den Kopf. Das Pferd war jedoch nicht mehr zum Halten zu bringen. Über seinen Hals gebeugt, spürte Pawel, wie ihm der Wind um die Ohren pfiff.
Unaufhaltsam sprengte er auf die Wiese hinaus. Mit dumpfer, tierischer Wut schlugen sich hier die Menschen. Manche lagen bereits blutüberströmt auf der Erde.
Das Pferd warf in seinem Lauf einen bärtigen Bauern zu Boden, der, mit einem Sensenstumpf bewaffnet, einem jungen Burschen mit blutendem Gesicht nachlief. Dicht daneben trampelte ein sonnverbrannter kräftiger Bauer mit seinen großen schweren Stiefeln auf einem niedergeworfenen Gegner herum, eifrig bemüht, ihm immer wieder eins in die Magengegend zu versetzen.
Das Pferd Kortschagins sprengte mitten in den Menschenknäuel hinein und trieb die Raufenden auseinander. Ohne sie auch nur eine Minute lang zur Besinnung kommen zu lassen, riss Pawel wütend das Pferd herum und ritt wieder auf die tobende Menge zu. Er spürte, dass dieser in Raserei geratene blutende Menschenhaufen nur durch ebensolche Raserei und durch Schreck
getrennt werden konnte, und so schrie er wütend auf die Kämpf enden ein:
»Auseinander, ihr verdammten Hunde! Sonst knall ich euch alle übern Haufen, Banditengesindel!«
Er zog seine Mauserpistole aus der Tasche und feuerte über irgendein wutverzerrtes Gesicht hinweg. Jedes Mal, wenn das Pferd hochschnellte, krachte ein Schuss. Einige ließen die Sensen fallen und rannten davon. Wie ein Rasender sprengte er über die Wiese, während er ununterbrochen mit der Mauserpistole knallte. So erreichte der Kriegskommissar sein Ziel. Die Menschen stoben nach allen Seiten auseinander, um der Verantwortung und diesem plötzlich aufgetauchten, furchterregenden Menschen mit dem unaufhörlich schießenden »Teufelsmechanismus« zu entgehen.
Bald darauf kam das Bezirksgericht nach Poddubzy. Lange mühte sich der Richter mit dem Verhör der Zeugen ab. Die Rädelsführer konnten jedoch nicht ermittelt werden. Bei der Rauferei war niemand getötet worden, alle Verwundeten erholten sich wieder. Beharrlich und mit bolschewistischer Geduld versuchte der Richter den vor ihm stehenden, finster dreinblickenden Bauern die Barbarei und Unzulässigkeit der von ihnen hervorgerufenen Schlägerei klarzumachen.
»Die Feldraine sind daran schuld, Genosse Richter. Unsere Feldraine sind durcheinander gekommen. Deswegen schlagen wir uns auch jedes Jahr.«
Eine Woche später bereits schritt eine Kommission den Heuschlag ab und rammte an den strittigen Stellen kleine Pfähle in den Boden. Der schweißtriefende alte Feldmesser, von der Hitze und dem weiten Weg ermüdet, sagte beim Aufrollen des Messbandes zu Kortschagin:
»Schon dreißig Jahre arbeite ich als Feldmesser, und immer werden die Feldraine zum Zankapfel. Schauen Sie sich nur die Grenzlinie der Wiesen an. Einfach unvorstellbar. Ein Betrunkener könnte nicht so krumm gehen. Und wie schaut es denn auf den Feldern aus? Streifen, nicht breiter als drei Schritt, verwirren sich ineinander, und will man sie auseinandertrennen, so ist es einfach zum Verrücktwerden. Und jedes Jahr werden sie mehr und mehr zerstückelt. Der Sohn macht sich selbständig - und schon teilt man das Streifchen in zwei Hälften. Ich versichere Ihnen, in zwanzig Jahren werden die Felder bloß Raine darstellen, und es wird keine Saatfläche mehr bleiben. Schon jetzt liegen zehn Prozent des Bodens wegen dieser Raine brach.«
Kortschagin lächelte nur:
»In zwanzig Jahren wird es bei uns keinen einzigen Feldrain mehr geben, Genosse Feldvermesser.« Herablassend blickte der Alte auf sein Gegenüber.
»Sie meinen wohl die kommunistische Gesellschaft? Aber die liegt, wissen Sie, noch in weiter Ferne.«
»Und haben Sie noch nichts von der Kollektivwirtschaft in Budanowka gehört?«
»Ach, Sie meinen den Kolchos?«
»Jawohl.«
»In Budanowka war ich natürlich … Das ist aber doch nur eine Ausnahme, Genosse Kortschagin.«
Die Kommission setzte die Vermessungen fort. Zwei Burschen schlugen Pfähle ein, und auf beiden Seiten der Wiese standen die Bauern und wachten sorgsam darüber, dass die Pfähle ja in die ehemaligen, durch alte, halbverfaulte Pfahlstummel kaum erkennbaren Grenzlinien eingeschlagen wurden.

Der Fuhrmann hieb mit der Peitsche auf das träge Deichselpferd ein, wandte sich seinen Fahrgästen zu und erzählte gesprächig:
»Weiß der Kuckuck, wie es gekommen ist, dass bei uns jetzt die Komsomolzen wie Pilze aus dem Boden schießen. Früher gab's so was nicht. Das scheint alles von der Lehrerin ausgegangen zu sein. Rakitina ist ihr Name, vielleicht kennen Sie sie? Ist noch ein junges Frauenzimmer, aber man kann wohl sagen, ein ganz gefährliches. Die hetzt bei uns im Dorf alle Weiber auf, setzt ihnen Flöhe ins Ohr, hält Versammlungen ab, und das bringt nichts als Unruhe. Manchmal haust du deinem Weib in der Wut eine runter - ohne das geht's ja nicht.
Früher wischte sie sich stillschweigend die Tränen ab. Jetzt aber rühr sie nicht an, sonst gibt's ein Geschrei, dass dir schlecht wird. Dann kommt sie gleich mit dem Gericht, die Jüngeren reden dabei sogar von Scheidung und plappern dir alle Gesetze auswendig her. Meine Hanka, die doch immer so zahm war, ist jetzt zu einer Delegierten geworden, das ist so was Ähnliches wie eine Älteste unter den Weibern. Vom ganzen Dorf kommen sie zu ihr gelaufen. Zuerst wollte ich sie mir gründlich vornehmen, aber dann hab ich's mir überlegt. Hol sie der Teufel! Sollen sie keifen. Sie ist doch ein rechtes Weib für die Wirtschaft und überhaupt auch so.«
Der Kutscher kratzte sich die behaarte Brust, die durch das offene Hemd sichtbar war, und versetzte dem Pferd gewohnheitsmäßig einen Peitschenhieb. Auf dem Wagen saßen Raswalichin und Lida. Beide hatten in Poddubzy etwas zu erledigen. Lida wollte eine Beratung der Frauendelegierten abhalten, und Raswalichin sollte die Arbeit in der Komsomolzelle in Gang bringen.
»Gefallen Ihnen die Komsomolzen nicht?« fragte Lida den Fuhrmann scherzend. Dieser zupfte an seinem Bärtchen und erwiderte gemächlich:
»Nein, warum denn. Solange man jung ist, kann man schon mal über die Stränge hauen, ein Theaterstück aufführen oder so was Ähnliches. Ich sehe mir selbst gern eine Komödie an, wenn es etwas Rechtes ist. Zuerst haben wir geglaubt, dass die Jungen da was Schlimmes anstellen würden, es ist aber ganz anders gekommen. Man sagt, dass sie Sauferei, Schlägerei und ähnliches nicht zulassen. Sie sind alle mehr fürs Lernen. Aber sie sind gegen Gott, und aus der Kirche wollen sie einen Klub machen. Das ist nicht recht, deshalb sehen die Alten die Komsomolzen scheel an und sind auf sie nicht gut zu sprechen. Aber sonst? Falsch ist allerdings, dass sie nur Habenichtse bei sich aufnehmen, wie Bauernknechte oder runtergekommene Bauern. Söhne von Großbauern lassen sie nicht zu.«
Das Fuhrwerk rollte den Hügel hinab und hielt an der Schule.

Die Wächtersfrau machte ihnen das Lager in ihrem Zimmer zurecht und ging selbst auf den Heuboden, um dort zu schlafen. Lida und Raswalichin waren eben erst von einer Versammlung zurückgekehrt, die bis spät in die Nacht gedauert hatte. In der Stube war es dunkel. Lida zog rasch ihre Schuhe aus, legte sich aufs Bett und schlief sofort ein.
Grob weckten sie Raswalichins Hände, die ihren Körper in unverkennbarer Absicht betasteten.
»Was willst du?«
»Sei doch still, Lidka. Was machst du für'n Theater? Mir ist es langweilig, so allein dazuliegen. Verdammt noch mal! Kannst du dir denn wirklich nichts Interessanteres vorstellen als Pennen?«
»Hände weg, und scher dich sofort von meinem Bett!« Brüsk stieß ihn Lida von sich.
Sie hatte Raswalichins schmieriges Lächeln schon früher nicht ausstehen können. Jetzt wollte sie ihm irgend etwas Verletzendes, Höhnisches sagen, aber sie war zu müde und schloss wieder die Augen.
»Was zierst du dich so? Wozu bloß dieses vornehme Getue? Bist du vielleicht aus einem Jungfernstift? Denkst wohl, ich nehm dich ernst? Spiel dich doch nicht so auf. Wenn du vernünftig bist, so stelle mich zuerst mal zufrieden, und dann kannst du schlafen, soviel du willst.«
Wahrscheinlich hielt er weitere Worte für überflüssig, denn er ließ sich wiederum auf Lidas Bett nieder und legte seine Hand herrisch auf ihre Schulter.
»Scher dich zum Teufel!« sagte Lida, die sofort wach wurde.
»Ehrenwort, ich erzähle es morgen Kortschagin.«
Raswalichin griff nach ihrer Hand und flüsterte gereizt:
»Ich pfeif auf deinen Kortschagin. Zier dich also nicht lange, denn ich krieg dich sowieso.«
Zwischen ihm und Lida entspann sich ein kurzes, heftiges Ringen. Durch die nächtliche Stille der Stube schallte eine, dann eine zweite und noch eine dritte Ohrfeige … Raswalichin flog zur Seite. Lida tastete sich im Finstern zur Tür,
stieß sie auf und rannte in den Hof hinaus. Dort stand sie nun ganz empört im Mondlicht.
»Geh ins Haus, dumme Gans!« rief Raswalichin wutschnaubend.
Er trug sein Bett auf den Hof hinaus, um dort zu übernachten. Lida rollte sich, nachdem sie die Tür verriegelt hatte, wie ein Igel in ihrem Bett zusammen.
Auf der Rückfahrt am nächsten Morgen hockte Shenka auf dem Fuhrwerk neben dem greisen Kutscher und rauchte eine Zigarette nach der anderen.
Dieses Fräulein Rührmichnichtan ist wahrhaftig noch imstande, sich bei Kortschagin zu beschweren. So 'ne Zimperliese! Wenn sie wenigstens noch nach was aussähe, aber so - vorne nichts und hinten nichts. Ich muss mich aber mit ihr aussöhnen, sonst gibt's noch Scherereien. Kortschagin ist sowieso nicht gut auf mich zu sprechen.
Raswalichin setzte sich zu Lida. Er tat verlegen, seine Augen heuchelten Traurigkeit. Er stammelte einige zusammenhanglose Worte der Entschuldigung und kroch zu Kreuze.
Und Raswalichin erreichte schließlich, was er wollte: Als die ersten Häuser von Beresdow in Sicht waren, versprach Lida, niemandem etwas über den Vorfall zu erzählen.

In den Grenzdörfern entstanden immer neue Komsomolzellen. Die Funktionäre aus dem Bezirkskomitee widmeten diesen ersten Keimen der kommunistischen Bewegung viel Zeit und Kraft. Kortschagin und Lida weilten tagelang in diesen Dörfern.
Raswalichin fuhr nur ungern aufs Land. Er verstand es nicht, den jungen Bauernburschen näher zu kommen und ihr Vertrauen zu gewinnen. So richtete er nur Unheil an. Lida und Kortschagin dagegen gaben sich einfach und natürlich. Lida sammelte die Mädchen um sich, freundete sich mit ihnen an, blieb ständig in Verbindung mit ihnen und lenkte deren Interessen auf das Leben und die Arbeit des Komsomol. Und Kortschagin war allen Jugendlichen im Bezirk bekannt. Das 2. Ausbildungsbataillon erfasste eintausendsechshundert Vordienstpflichtige zum Militärunterricht. Niemals noch hatte die Ziehharmonika eine so große Rolle bei der Propaganda gespielt wie bei diesen Abendzusammenkünften auf dem Lande.
Dank seiner Ziehharmonika war Kortschagin überall gern gesehen. Diese Zauberklänge, die die Herzen bald in temperamentvollem Marsch leidenschaftlich hinrissen, bald durch schwermütige ukrainische Weisen liebkosend und sanft erfassten, sie waren es, die so manchen Bauernburschen den Weg zum Komsomol wiesen. Die Jungen lauschten der Harmonika und den Worten ihres Meisters, der noch vor kurzem ein einfacher Arbeiter und jetzt Kriegskommissar und Jugendsekretär war.
Harmonisch verflocht sich die Melodie der Ziehharmonika mit dem, was ihnen der junge Kommissar erzählte, schlich sich in ihre Herzen ein. Neue Lieder erklangen in den Dörfern, und in den Bauernhütten tauchten außer den Psalmen- und den Traumbüchern auch andere Bücher auf.
Beschwerlich wurde auch das Handwerk der Schmuggler. Nun mussten sie sich nicht nur vor den Grenzwächtern in acht nehmen, sondern auch vor den jungen Freunden und sorgsamen Gehilfen der Sowjetmacht. Zuweilen gingen die Mitglieder der Jugendzellen an der Grenze in ihrem Eifer, den Feind allein zu fassen, zu weit, und dann musste Kortschagin seine Schützlinge aus manchen schwierigen Situationen befreien.
So war es einmal geschehen, dass Grischa Chorowodko, der blauäugige Sekretär der Poddubzer Jugendzelle, ein Hitzkopf und leidenschaftlicher Atheist, auf besonderem Wege die Nachricht erhalten hatte, dass dem Dorfmüller in der Nacht Schmuggelware zugehen werde. Er brachte die ganze Zelle auf die Beine. Mit einem Übungsgewehr und zwei Bajonetten bewaffnet, umzingelten die Komsomolzen nachts in aller Stille die Mühle und lauerten den Banditen auf. Aber auch die Grenzposten der GPU hatten von dem Schmuggel erfahren und ein besonderes Fahndungskommando ausgeschickt. Im Dunkel der Nacht gerieten die beiden Gruppen aneinander, und nur dank der Disziplin der Grenzposten wurden die Komsomolzen nicht über den Haufen geschossen. Die Jungen wurden entwaffnet, in das vier Kilometer entfernt gelegene Nachbardorf abgeführt und hinter Schloss und Riegel gesetzt.
Kortschagin war zu dieser Zeit bei Gawrilow. Morgens ließ ihm der Bataillonskommandeur den soeben eingetroffenen Bericht zukommen, und der Bezirks Jugendsekretär sprang aufs Pferd, um den Jungen aus der Patsche zu helfen.
Schmunzelnd berichtete ihm der Bevollmächtigte der GPU über den nächtlichen Vorfall.
»Machen wir es so, Genosse Kortschagin: Wir werden den Jungen nichts anhängen, sie sind ja gute Kerle. Damit sie uns jedoch nicht mehr ins Handwerk pfuschen, wollen wir ihnen einen Schreck einjagen.«
Der Wachposten öffnete die Tür des Schuppens, und elf junge Burschen erhoben sich vom Boden und traten verlegen von einem Fuß auf den anderen.
»Da, schau sie nur an«, sagte der Bevollmächtigte und zuckte bekümmert die Schultern.
»Die haben da was Schönes angestellt, und ich muss sie jetzt in die Kreisstadt befördern.«
Grischa erwiderte aufgeregt:
»Aber, Genosse Sacharow, was sollen wir denn nur verbrochen haben? Wir wollten doch nur der Sowjetmacht helfen. Wir waren schon lange hinter diesen Kulaken her, und Sie lassen uns dafür einsperren wie gewöhnliche Banditen.« Gekränkt wandte er sich ab.
Nach langen und ernsten Verhandlungen zwischen Kortschagin und Sacharow, bei denen beide nur mit Mühe ernst blieben, hörten sie schließlich auf, den Jungen einen »Schreck einzujagen«.
»Wenn du für sie die Verantwortung übernimmst und versprichst, dafür zu sorgen, dass sie sich nicht mehr an der Grenze herumtreiben, sondern uns in anderer Weise behilflich sind, lasse ich sie frei«, wandte sich Sacharow an Kortschagin.
»Gut, ich übernehme die Verantwortung und hoffe, dass sie mich nicht enttäuschen werden.«
Singend kehrten die Komsomolzen nach Poddubzy zurück. Der Vorfall wurde verschwiegen. Kurz darauf überführte man den Müller seiner Verbrechen, diesmal aber auf gesetzlichem Weg.

In den Waldmeiereien von Maidan-Villa führten die deutschen Kolonisten ein wohlhabendes Leben. Je einen halben Kilometer voneinander entfernt lagen die großen Gehöfte mit ihren Häusern und Nebengebäuden, die an kleine Festungen erinnerten. Nach Maidan-Villa führten die Spuren der Bande Antonjuks. Dieser zaristische Feldwebel hatte sieben seiner Verwandten zu einer Bande zusammengefasst und machte die ganze Gegend unsicher. Er scheute dabei auch vor Mord nicht zurück, beunruhigte Spekulanten, verschonte aber auch keinen Sowjetfunktionär. Antonjuks Bande war außerordentlich beweglich. Heute überfiel sie zwei Konsumgenossenschaftler, morgen entwaffnete sie etwa zwanzig Kilometer weiter einen Briefträger und plünderte ihn bis zur letzten Kopeke aus.
Ein Rivale Antonjuks war sein Kollege Gordi. Einer gab dem anderen nichts nach, und beide machten der Kreismiliz sowie der GPU nicht wenig zu schaffen.
Antonjuk wagte es, in unmittelbarer Nähe von Beresdow sein Unwesen zu treiben. Die Fahrt auf den Landstraßen, die zur Stadt führten, wurde unsicher. Es war äußerst schwierig, den Banditen zu fassen. Sobald ihm der Boden zu heiß wurde, ging er über die Grenze, hielt sich dort eine Zeitlang auf, tauchte aber stets dann, wenn man ihn am allerwenigsten erwartete, wieder auf. Jedes Mal, wenn Lissizyn ein neuer blutiger Überfall dieses nicht zu fassenden und deshalb so gefährlichen Räubers zu Ohren kam, biss er sich nervös auf die Lippen.
»Wie lange wird uns dieses Gezücht noch angreifen? Die Kanaille wird es bald erleben, dass ich selbst die Sache in die Hand nehme«, stieß er durch die Zähne hervor. Zweimal verfolgte der Vorsitzende des Exekutivkomitees die Banditen auf frischer Spur. Er nahm Kortschagin und noch drei andere Kommunisten mit sich. Antonjuk gelang es jedoch immer wieder, sich rechtzeitig aus dem Staub zu machen.
Aus der Kreisstadt wurde eine Abteilung Rotarmisten zur Bekämpfung des Banditentums nach Beresdow entsandt. Sie stand unter dem Befehl des geckenhaften Filatow. Hochnäsig wie ein junger Hahn, hielt er es für überflüssig, sich beim Vorsitzenden des Exekutivkomitees zu melden, wie es die Grenzvorschriften verlangten, und führte seine Abteilung in das nahe gelegene Dorf Semaki. Dort langte er nachts an und ließ sich mit seiner Abteilung in einem der ersten Bauernhäuser gleich am Dorfrand nieder. Die Ankunft von unbekannten bewaffneten Leuten, die noch dazu geheimnisvoll taten, zog die Aufmerksamkeit eines Komsomolzen aus dem Nachbarhaus auf sich, der sofort den Vorsitzenden des Dorfsowjets benachrichtigte. Der Vorsitzende des Sowjets, der von dieser Abteilung nichts wusste, hielt sie daher für eine Bande und schickte den Komsomolzen sofort zu Pferde mit einer Meldung in das Bezirks-Exekutivkomitee. Es fehlte nicht viel, und das tölpelhafte Treiben Filatows hatte vielen Menschen das Leben gekostet. Lissizyn, dem noch in derselben Nacht über die »Bande« Mitteilung gemacht wurde, mobilisierte gleich die Miliz und ritt mit einem Dutzend seiner Leute nach Semaki. Sie näherten sich geräuschlos dem Hof, sprangen von ihren Pferden, kletterten über den Zaun und stürmten gegen das Haus vor.
Der Wachposten vor der Tür erhielt mit dem Pistolengriff einen Schlag ins Genick und sackte zu Boden. Unter dem stürmischen Druck von Lissizyns Schultern sprang die Tür auf, und seine Leute drangen in den Raum ein, der von einer an der Decke hängenden Lampe spärlich beleuchtet wurde. Die eine Hand mit der Handgranate zum Wurf erhoben, in der anderen die Mauserpistole, brüllte Lissizyn, dass die Fensterscheiben klirrten:
»Ergebt euch, oder ich reiße euch in Stücke!«
Es fehlte nicht viel - und die Eindringlinge hätten die vom Fußboden aufspringenden verschlafenen Menschen mit einem Kugelregen überschüttet. Aber der schreckenerregende Anblick des Mannes mit der Handgranate zwang automatisch Dutzende Hände in die Höhe. Und schon nach einer Minute, als die Leute bereits in Unterkleidung auf den Hof getrieben worden waren, löste der Orden auf Lissizyns Militärrock Filatows Zunge.
Lissizyn spuckte wütend aus und schleuderte ihm nur vernichtend entgegen: »Schlafmütze!«

Der Widerhall der deutschen revolutionären Bewegung war sogar hier im Bezirk zu spüren. Das Echo des Gewehrgeknatters auf Hamburgs Barrikaden drang bis in den kleinsten Ort. An der Grenze begann es unruhig zu werden. Mit gespannter Erwartung las man die Zeitungen, denn es waren Oktoberwinde, die aus dem Westen wehten. Das Bezirks-Jugendkomitee wurde mit Gesuchen um Aufnahme in die Rote Armee überschüttet. Kortschagin bemühte sich lange, die Vertreter der Komsomolzellen davon zu überzeugen, dass die Politik des Sowjetlandes eine Politik des Friedens sei und dass es nicht im Interesse des Landes läge, mit einem Nachbarstaat Krieg zu führen. Das hatte jedoch wenig Wirkung. An jedem Sonntag kamen die Komsomolzen aller Zellen in Beresdow zusammen und hielten in dem großen Garten des ehemaligen Popenhauses Bezirksversammlungen ab.
Eines Tages gegen Mittag erschienen in dem geräumigen Hof des Bezirkskomitees die Mitglieder der Poddubzer Komsomolzelle. Sie kamen vollzähliganmarschiert. Kortschagin sah sie durchs Fenster und ging vors Haus. Elf junge Burschen - in Stiefeln, mit dicken Rucksäcken -, allen voran Chorowodko, machten vor dem Eingang halt.
»Was ist denn los, Grischa?« erkundigte sich Kortschagin verwundert.
Chorowodko zwinkerte ihm jedoch zu und ging mit ihm ins Haus. Als Lida, Raswalichin und noch zwei andere Komsomolzen Chorowodko umringten, schloss der die Tür und berichtete, seine Augenbrauen runzelnd:
»Ich mache da einen Probeappell, Genossen. Habe heute meinen Jungen erklärt, aus dem Bezirk sei ein Telegramm eingetroffen, streng geheim natürlich, aus dem hervorgehe, dass der Krieg gegen die deutsche Bourgeoisie beginne und dass man auch bald gegen die Pans ziehen werde. Aus Moskau sei der Befehl gekommen, alle Komsomolzen an die Front zu schicken. Wer aber Angst habe, der möge ein Gesuch schreiben, dann werde man ihn zu Hause lassen. Ich habe befohlen, dass kein Wort über den Krieg verlauten darf. Jeder soll einen Laib Brot und ein Stück Speck mitnehmen, und wer keinen Speck hat, Knoblauch oder Zwiebeln. Nach einer Stunde haben sich alle ganz unauffällig hinterm Dorf einzufinden. Wir gehen zum Bezirks- und dann zum Kreiskomitee, wo man uns Waffen aushändigen wird. Das hat auf die Jungen mächtigen Eindruck gemacht. Sie versuchten mich auszufragen, aber ich sagte: ›Kein Geschwätz, und damit basta! Und wer sich weigert, der mag sein Gesuch schreiben: Der Feldzug ist freiwillig.‹ Meine Jungen gingen auseinander, und mir klopfte mächtig das Herz. Wie, wenn nun niemand kommt, was dann? Dann bleibt mir nur eins - die Zelle aufzulösen und selbst von hier zu verschwinden. Ich warte nun außerhalb des Dorfes und halte Ausschau. Einer nach dem andern rücken sie heran. Manche von ihnen sehen reichlich verheult aus, aber sie lassen sich nichts anmerken. Alle zehn sind gekommen, kein einziger hat sich gedrückt. Da habt ihr sie, unsere Poddubzer Zelle!« schloss Grischa begeistert und schlug sich stolz mit der Faust an die Brust.
Als ihn dann Lida entrüstet ins Gebet nahm, schaute er sie verständnislos an.
»Was willst du nur? Das ist doch die allerbeste Prüfung! So lernt man seine Leute richtig kennen. Ich wollte sie, um die Sache noch gewichtiger aufzuziehen, bis zum Kreiskomitee schleppen. Aber die Jungen sind schon müde. Sollen sie nach Hause gehen. Aber du, Kortschagin, musst ihnen noch unbedingt eine Ansprache halten. Ohne die geht es nicht … Sag ihnen, dass die Mobilisierung widerrufen sei, ihr Heldenmut gereiche ihnen jedoch zu Ehre und Ruhm.«

Kortschagin kam nur selten ins Kreiszentrum. Solche Fahrten nahmen jedes Mal mehrere Tage in Anspruch, die Arbeit erforderte jedoch seine ständige Anwesenheit im Bezirk. Raswalichin dagegen suchte immer wieder nach einem Anlass, in die Stadt zu gelangen. Wie ein Held aus Coopers Abenteuerromanen machte er sich jedes Mal, vom Kopf bis zu den Füßen bewaffnet, höchst vergnügt auf den Weg. Im Wald begann er dann auf Krähen oder Eichhörnchen zu schießen, hielt einzelne Fußgänger an und verhörte sie wie ein echter Untersuchungsrichter: wer sie seien, woher sie kämen und wohin sie gingen. In der Nähe der Stadt angelangt, entledigte sich Raswalichin seiner Waffen, schob das Gewehr ins Heu, steckte die Pistole in die Tasche und betrat die Räume des Kreisjugendkomitees wie gewöhnlich.
»Nun, was gibt's Neues bei euch in Beresdow?« Das Zimmer des Sekretärs des Kreiskomitees, Fedotow, war immer voller Menschen, die alle durcheinander redeten. Es gehörte schon etwas dazu, unter solchen Umständen zu arbeiten. Man musste vier Menschen auf einmal zuhören, dabei Notizen machen und einem fünften antworten. Fedotow ist noch sehr jung, aber sein Parteibuch trägt das Eintrittsdatum 1919. Nur in jenen stürmischen Tagen hatte ein Fünfzehnjähriger Parteimitglied werden können.
Lässig beantwortete Raswalichin die Frage Fedotows.
»Man kann doch nicht alle Neuigkeiten gleich auf einmal erzählen. Ich rackere mich von früh bis spät ab. Überall soll man zurechtkommen. Man muss hier ja alles ganz von neuem aufbauen. Hab dieser Tage wieder zwei neue Zellen organisiert. Wozu habt ihr mich hergerufen?« Er setzte eine geschäftige Miene auf und ließ sich in den Lehnstuhl fallen.
Krymski, der Leiter der Wirtschaftsabteilung, blickte für einen Augenblick von dem Haufen Schriftstücke auf, die den Tisch bedeckten, und sah sich um.
»Wir haben Kortschagin rufen lassen und nicht dich.«
Raswalichin stieß eine dicke Rauchwolke aus.
»Kortschagin liebt es nicht hierher zufahren. Sogar darum muss ich mich kümmern … Manche Sekretäre haben es überhaupt gut. Sie rühren keinen Finger und lassen solche Esel wie mich schuften. Sobald Kortschagin an die Grenze fährt, lässt er sich zwei bis drei Wochen lang nicht blicken, und dann habe ich die ganze Arbeit auf dem Buckel.« Raswalichin gab unzweideutig zu verstehen, dass eben nur er der geeignete Sekretär für das Bezirks-Jugendkomitee sei.
»Mir gefällt dieser Kerl nicht«, sagte Fedotow offen zu seinen Genossen, als Raswalichin aus dem Zimmer gegangen war.
Raswalichins Quertreibereien wurden ganz zufällig aufgedeckt. Eines Tages erschien Lissizyn bei Fedotow, um die Post abzuholen. Jeder, der aus dem Bezirk kam, nahm die Post für alle anderen mit. Fedotow hatte eine eingehende Unterredung mit Lissizyn, und Raswalichin wurde entlarvt.
»Schick uns aber trotzdem Kortschagin her. Wir kennen ihn ja fast gar nicht«, sagte Fedotow beim Abschied.
»Gut. Aber nur unter einer Bedingung. Lasst euch nicht einfallen, ihn uns wegzuschnappen. Dagegen werden wir ganz energisch protestieren.«

In diesem Jahr wurde im Grenzgebiet die Oktoberfeier mit besonderer Begeisterung begangen. Kortschagin war zum Vorsitzenden der Oktoberkommission der Grenzdörfer gewählt worden. Nach einem Meeting in Poddubzy zog eine fünftausendköpfige Menge von Bauern und Bäuerinnen, die aus drei Nachbardörfern zusammengeströmt waren, mit einem Blasorchester und dem Ausbildungsbataillon an der Spitze, unter wehenden roten Fahnen zur Grenze. In strenger Ordnung marschierte, auf sowjetischem Boden, die einen halben Kilometer lange Kolonne von hier aus in die von der Grenze in zwei Teile getrennten Dörfer. Noch niemals hatten die Polen hier einen solchen Aufmarsch gesehen. An der Spitze des Zuges ritten der Bataillonskommandeur Gawrilow und Kortschagin, ihnen folgte dröhnend und schmetternd das Blasorchester, Fahnen wehten, und Lieder erschollen ohne Ende. Die Dorfjugend trug Feiertagskleidung, überall herrschte Fröhlichkeit, erklang silberhelles Lachen der jungen Bäuerinnen. Ernst waren die Gesichter der Erwachsenen und feierlich die der Greise. So weit das Auge reichte, ergoss sich dieser Menschenstrom - und das Ufer dieses Stromes war die Grenze. An keiner Stelle wurde die verbotene Zone auch nur von einem einzigen betreten.
Kortschagin ließ die Menschen an sich vorübermarschieren.
Trotzig erklang das Komsomolzenlied:

Von Sibiriens Urwald bis zur britischen See
ist niemand so stark wie die Rote Armee!

Und dann setzte der Mädchenchor ein:

Auf dem Berge oben mäht die Schnitterschar …

Mit freudigem Lächeln wurden die Kolonnen von den Sowjetposten begrüßt, und verwirrt schauten die polnischen Posten herüber. Obgleich das polnische Grenzkommando rechtzeitig von der Demonstration in Kenntnis gesetzt worden war, rief sie doch jenseits der Grenze Beunruhigung hervor. Die berittenen Patrouillen der polnischen Grenzwache begannen geschäftig herumzuschnüffeln. Die Wachposten wurden um das Fünffache verstärkt und in den Schluchten für alle Fälle Reserven bereitgehalten. Die Kolonne marschierte jedoch weiter auf heimatlichem Boden, lärmend und fröhlich, und weithin erklangen ihre Lieder.
Auf einem Erdhügel stand ein polnischer Wachposten. Gemessenen Schrittes bewegte sich der Zug vorüber. Die ersten Töne eines Marschliedes erklangen. Der Pole nahm das Gewehr von der Schulter und leistete, Gewehr bei Fuß, die
Ehrenbezeigung, Kortschagin vernahm deutlich:
»Es lebe die Kommune!«
Die Augen des Soldaten bestätigten, dass er diese Worte gesagt hatte. Unverwandt schaute Pawel ihn an.
Ein Freund! Unter dem Soldatenmantel schlägt ein mit uns sympathisierendes Herz. Kortschagin erwiderte leise in polnischer Sprache:
»Grüß dich, Genosse!«
Der Wachposten blieb zurück. Er ließ die Kolonnen an sich vorübermarschieren und hielt das Gewehr immer noch in derselben Stellung. Pawel drehte sich noch einige Male nach der kleinen dunklen Gestalt um. Aber da stand schon ein anderer Pole, einer mit ergrautem Schnurrbart. Unter dem vernickelten Schirm seiner Mütze schauten unbeweglich trübe Augen hervor. Kortschagin, der noch immer unter dem Eindruck des soeben Vernommenen stand, murmelte in polnischer Sprache vor sich hin:
»Sei gegrüßt, Genosse!«
Aber es kam keine Antwort.
Gawrilow lächelte. Er hatte alles mit angehört.
»Du verlangst zuviel auf einmal«, sagte er.
»Außer den einfachen Infanteristen gibt es hier ja noch die Feldgendarmerie. Hast du seine Armeetressen gesehen? Das war ein Gendarm.«
Die Spitze der Kolonne stieg bereits in das durch die Grenze halbierte Dorf hinunter. Auf der sowjetischen Seite bereitete man den Ankommenden einen festlichen Empfang. Am Ufer des Flüsschens, dicht an der Grenzbrücke, hatte sich das ganze Sowjetdorf versammelt. Mädchen und Burschen hatten am Wegrand Aufstellung genommen. Auf polnischer Seite beobachteten die Menschen, dicht aneinandergedrängt, von Hausdächern und Schuppen herab unverwandt die Vorgänge jenseits des Flusses. Auf den Schwellen der Hütten und an den Zäunen standen viele Bauern. Als der Zug durch den von Menschen gebildeten Korridor marschierte, spielte das Orchester die »Internationale«. Von einer provisorisch errichteten, mit grünen Zweigen geschmückten Tribüne hielten sowohl die Jungen als auch die Alten feurige Ansprachen. Kortschagin redete in seiner ukrainischen Muttersprache. Die Worte schallten über die Grenze und waren auch auf dem jenseitigen Ufer hörbar. Dort aber wollte man verhindern, dass seine Worte die Herzen der Bewohner entflammten. Eine Gendarmeriepatrouille raste durchs Dorf, jagte die Einwohner mit Peitschenhieben in die Häuser und schoss auf die Dächer.
Die Straßen leerten sich rasch. Die Kugeln hatten die Jugend von den Dächern verjagt. Am Sowjetufer sahen die Menschen diesem Treiben mit finsterer Miene zu. Gestützt von jungen Burschen, kletterte ein alter Hirt auf die Tribüne und begann ganz empört zu sprechen:
»Da habt ihr's! Schaut nur hin, Kinder! So hat man einst auch uns geprügelt. Aber heute wird niemand im Dorf erleben, dass unsere Sowjetmacht zulässt, einen Bauern mit der Peitsche zu züchtigen. Wir haben mit unseren Pans Schluss gemacht - und damit ist es auch mit der Peitsche vorbei. Haltet diese Macht fest in euren Händen, Jungen. Ich bin alt, ich kann keine Reden halten. Aber sagen möchte ich euch viel: über unser früheres Leben, als wir unter dem Zaren schuften mussten wie die Ochsen im Joch. Jetzt will einem schier das Herz brechen, wenn man das da drüben sieht …!« Er wies mit der knochigen Hand über den Fluss und fing an zu weinen wie ein kleines Kind.
Nach dem Alten sprach Grischa Choworodko. Gawrilow, der seiner zornigen Ansprache lauschte, riss sein Pferd herum und schaute aufmerksam zum anderen Ufer hinüber, um zu sehen, ob drüben die Rede mitgeschrieben wurde.
Doch das Ufer war menschenleer, sogar der Brückenposten war zurückgezogen worden.
»Scheint diesmal ohne eine Note an das Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten abzugehen«, scherzte er.
In einer regnerischen Herbstnacht, gegen Ende November, wurde dem Banditen Antonjuk und seinen sieben Spießgesellen das blutige Handwerk gelegt. Man erwischte die Räuberbande auf der Hochzeit eines reichen Kolonisten in Maidan-Villa. Die Chrolinsker Kommunarden räumten hier endgültig mit diesem Gesindel auf.
Geschwätzige Weiberzungen hatten die Nachricht von den Gästen auf der Kolonistenhochzeit in Umlauf gebracht. Augenblicklich hatte sich die Zelle -insgesamt zwölf Mann - versammelt und mit allem, was nur aufzutreiben war, bewaffnet. Sie kamen auf Fuhrwerken nach Maidan-Villa, während ein Bote Hals über Kopf nach Beresdow jagte. In Semaki stieß er auf die Abteilung Filatows, der sich mit seinen Leuten sogleich in Trab setzte und nach Maidan-Villa ritt, um der Spur des Banditen zu folgen. Die Chrolinsker Kommunarden hatten inzwischen das Gehöft umzingelt, und dann begannen die Waffen sich mit der Bande Antonjuks zu unterhalten. Dieser verschanzte sich mit den Seinen in einem kleinen Seitenflügel und empfing jeden, der ihm vors Korn kam, mit einem Bleihagel. Er versuchte einen Ausfall zu machen, aber die Chrolinsker Burschen jagten ihn wieder ins Seitengebäude zurück, wobei einer der acht, von einer Kugel durchbohrt, liegen blieb. Mehr als einmal war Antonjuk in derartige Situationen geraten, aber bisher war er stets mit heiler Haut davongekommen. Handgranaten und die nächtliche Dunkelheit hatten ihm immer wieder aus der Patsche geholfen. Vielleicht wäre er auch diesmal wieder entwischt, denn schon hatten zwei Kommunarden ihr Leben lassen müssen, aber da kam Filatow mit seiner Gruppe gerade im rechten Augenblick angesprengt, und Antonjuk begriff, dass er diesmal endgültig festsaß. Bis zum Morgengrauen pfiffen die Kugeln aus allen Fenstern des Seitenflügels, bei Tagesanbruch jedoch wurde der Flügel genommen und die Räuberbande ausgerottet. Von den acht hatte sich keiner ergeben.
Vier Genossen kostete dieser Kampf das Leben, drei davon hatte die junge Chrolinsker Komsomolzelle geopfert.

Kortschagins Bataillon nahm an den Herbstmanövern der Territorialtruppen teil. Die vierzig Kilometer bis zum Lager der Division bewältigte die Truppe an einem Tag bei strömendem Regen. Der Marsch begann am frühen Morgen und endete spätabends. Bataillonskommandeur Gussew und sein Kommissar legten die Strecke zu Pferd zurück. Die achthundert Vordienstpflichtigen, die sich kaum noch in die Kaserne schleppen konnten, fielen sofort in tiefen Schlaf. Der Stab der Territorialdivision hatte das Bataillon zu spät hinbeordert, denn schon für den nächsten Morgen waren die Manöver angesetzt. Das neueingetroffene Bataillon nahm auf dem Exerzierplatz Aufstellung und wurde einer Musterung unterzogen. Bald darauf sprengten aus dem Divisionsstab mehrere Berittene heran. Das Bataillon, das bereits mit Uniform und Gewehren ausgerüstet worden war, machte einen prächtigen Eindruck. Sowohl Gussew, ein erfahrener Kommandeur, als auch Kortschagin hatten viel Kraft und Zeit auf ihr Bataillon verwandt und konnten sich auf die ihnen anvertrauten Truppen verlassen.
Als die offizielle Musterung zu Ende war und das Bataillon seine Manövrierfähigkeit gezeigt hatte, fuhr einer der Kommandeure, der ein schönes, jedoch aufgedunsenes und verlebtes Gesicht hatte, Kortschagin schroff an:
»Weshalb sind Sie zu Pferd? Bei uns ist das den Kommandeuren und Kriegskommissaren der Ausbildungsbataillone nicht gestattet. Ich befehle Ihnen, das Pferd im Stall einzustellen und die Manöver zu Fuß mitzumachen!«
Kortschagin wusste, dass er nicht imstande sein würde, ohne Pferd das Manöver durchzuhalten, er würde nicht einen einzigen Kilometer zu Fuß zurücklegen können. Aber wie sollte er das diesem gezierten Laffen beibringen, der geschniegelt und gebügelt vor ihm stand?
»Ohne Pferd kann ich an den Manövern nicht teilnehmen.«
»Weshalb?«
Da er einsah, dass er seine Weigerung nicht anders begründen konnte, erwiderte Kortschagin mit dumpfer Stimme:
»Ich habe geschwollene Füße und kann deshalb nicht eine ganze Woche lang umherlaufen. Außerdem weiß ich nicht, wer Sie sind, Genosse.«
»Erstens bin ich der Stabschef Ihres Regiments, und zweitens wiederhole ich nochmals meinen Befehl, abzusitzen. Wenn Sie Invalide sind, so trage nicht ich die Schuld, dass Sie Militärdienst leisten.«
Kortschagin zuckte wie unter .einem Peitschenhieb zusammen. Er riss sein Pferd an den Zügeln, Gussews feste Hand hielt ihn aber zurück.
Einige Minuten lang kämpften in Pawel zwei Gefühle: Kränkung und Selbstbeherrschung. Pawel Kortschagin war jedoch nicht mehr jener Rotarmist, der ohne Bedenken von einem Truppenteil zum anderen hinüberwanderte. Er war Kriegskommissar eines Bataillons, und dieses Bataillon stand hinter ihm. Was für ein Beispiel an Disziplin würde er durch sein Benehmen den Jungen geben? Hatte er doch sein Bataillon nicht für diesen Laffen erzogen! Er nahm seine Füße aus den Steigbügeln, saß ab und schritt, einen jähen Schmerz in den Gelenken unterdrückend, zum rechten Flügel.
Einige Tage lang herrschte außergewöhnlich schönes Wetter. Die Manöver gingen ihrem Ende entgegen. Am fünften Tag wurden sie in der Umgebung von Schepetowka durchgeführt, wo sie auch ihren Abschluss finden sollten. Das Beresdower Bataillon erhielt den Auftrag, den Bahnhof vom Dorf Klimentowitschi her zu nehmen.
Kortschagin, der die Gegend ausgezeichnet kannte, zeigte Gussew alle Anmarschwege. Das Bataillon wurde in zwei Gruppen geteilt, fiel in einem weit ausholenden Umgehungsmanöver, das vom Gegner unbemerkt blieb, diesem in den Rücken und erstürmte unter Hurrarufen den Bahnhof. Laut Gutachten des Schiedsrichters war diese Operation glänzend durchgeführt worden. Der Bahnhof blieb in den Händen der Beresdower, und das ihn verteidigende Bataillon, dem der Verlust von fünfzig Prozent seines Mannschaftsbestandes gebucht wurde, musste sich in den Wald zurückziehen.
Kortschagin, der das Kommando über die eine Bataillonshälfte übernommen hatte, stand mitten auf der Straße mit dem Kommandeur und dem Politleiter der dritten Kompanie und erteilte Befehle über die Aufstellung der Schützenlinie.
»Genosse Kommissar«, rief ihm ein herbeieilender Rotarmist zu, »der Batallionskommandeur lässt fragen, ob die Bahnübergänge mit MG-Schützen besetzt sind. Gleich wird eine Kommission eintreffen«, berichtete er ganz außer Atem.
Pawel ging sofort mit den Kommandeuren zum Bahnübergang.
Dort war schon der ganze Regimentsstab versammelt. Man gratulierte Gussew zu der gelungenen Operation. Die Vertreter des geschlagenen Bataillons traten verlegen von einem Fuß auf den anderen, ohne auch nur den Versuch zu machen, sich zu rechtfertigen.
»Das ist nicht mein Verdienst. Kortschagin stammt aus dieser Gegend und hat uns geführt.«
Der Stabschef ritt dicht an Pawel heran und sagte spöttisch:
»Sie können ja fabelhaft laufen, Genosse. Und zu Pferd kamen Sie wohl aus bloßer Wichtigkeit angeritten, wie?«
Er wollte noch etwas hinzufügen, aber Kortschagins Blick brachte ihn zum Schweigen. Als der Stab davongeritten war, erkundigte sich Kortschagin leise bei Gussew: »Weißt du, wie der heißt?«
Gussew klopfte ihm auf die Schulter.
»Ach lass das, schenk doch diesem Gecken keine Aufmerksamkeit. Tschushanin heißt er, ein ehemaliger Fähnrich, glaube ich.«
Kortschagin überlegte den ganzen Tag, woher er diesen Namen kannte, aber er kam nicht darauf.

Die Manöver waren zu Ende. Das Bataillon, das die Bewertung »Ausgezeichnet« erhalten hatte, marschierte nach Beresdow zurück. Kortschagin, der völlig erschöpft war, blieb zwei Tage bei seiner Mutter. Das Pferd ließ er Artjom zur Pflege. Pawel schlief täglich zwölf Stunden hintereinander, am dritten Tag suchte er Artjom im Depot auf. In diesem verräucherten Gebäude fühlte er
sich zu Hause. Gierig sog er den Kohlendunst ein. Alles hier zog ihn unwiderstehlich an, alles, was ihm früher so nah und vertraut, womit einst seine Kindheit und Jugend verbunden gewesen war. Es war ihm, als habe er irgend etwas Teures verloren. Wie viele Monate schon hatte er das Pfeifen der Lokomotiven nicht mehr gehört. Und wie der Seemann nach langer Trennung jedes Mal beim Anblick des tiefblauen endlosen Meeres wieder in Erregung gerät, so schlug jetzt auch dem ehemaligen Heizer und Monteur inmitten der ihm so vertrauten Umgebung das Herz rascher. Lange konnte er diese Empfindung nicht überwinden.
Mit dem Bruder sprach er wenig. Auf Artjoms Stirn bemerkte er eine neue tiefe Furche. Artjom arbeitete jetzt am Schmiedefeuer. Daheim war unterdessen ein zweites Kind angekommen. Sein Leben schien schwer zu sein. Artjom sprach darüber kein Wort, doch es war auch ohne Worte klar.
Ein, zwei Stunden arbeiteten sie miteinander; dann trennten sie sich. Am Bahnübergang hielt Pawel sein Pferd an und blickte lange nach dem Bahnhof zurück. Unvermittelt gab er dem Rappen die Sporen und jagte den Waldweg entlang.
Die Waldwege waren jetzt ungefährlich. Es gab keine Überfälle mehr. Die Bol-schewiki hatten mit den kleinen und großen Banditen aufgeräumt und ihre Nester ausgehoben. In den Dörfern des Bezirks war das Leben wieder ruhiger geworden.
Gegen Mittag traf Kortschagin in Beresdow ein. Am Eingang des Bezirkskomitees kam ihm Lida Polewych freudig entgegen.
»Endlich bist du wieder da! Wir haben schon Sehnsucht nach dir gehabt.« Sie legte den Arm um seine Schultern und ging mit ihm ins Haus.
»Wo ist denn Raswalichin?« erkundigte sich Kortschagin, als er seinen Mantel ablegte.
Lida antwortete widerwillig:
»Weiß nicht, wo der steckt. Ah, jetzt entsinne ich mich! Am Morgen sagte er mir, er gehe in die Schule, um dort für dich Unterricht in Gesellschaftskunde zu geben. ›Das ist überhaupt meine Aufgabe,‹ sagte er, ›und nicht die Kortscha-gins.‹«
Diese Neuigkeit berührte Pawel unangenehm. Raswalichin hatte ihm niemals besonders gefallen. Was wird dieser Kerl nur in der Schule anstellen? dachte er missvergnügt.
»Nun gut. Erzähl mir, was bei euch los ist, warst du in Gruschonka? Wie geht es den Jungen dort?«
Lida berichtete ihm alles. Kortschagin legte sich auf den Diwan und streckte die müden Beine aus.
»Die Rakitina ist vorgestern als Kandidat in die Partei aufgenommen worden. Das wird unsere Poddubzer Zelle noch mehr festigen. Sie ist ein feiner Kerl und gefällt mir sehr. Siehst du, auch bei der Lehrerschaft beginnt jetzt ein beachtlicher Umschwung. Einige von ihnen gehen ganz zu uns über.«
An manchen Abenden saßen in Lissizyns Zimmer drei Menschen bis spät in die Nacht um den großen Tisch herum. Es waren Lissizyn, Kortschagin und der neue Sekretär des Bezirks-Parteikomitees, Lytschikow.
Die Schlafzimmertür war geschlossen. Anjutka und Lissizyns Frau schliefen schon längst. Die drei jedoch saßen über ein kleines Buch gebeugt: »Russische Geschichte« von Pokrowski. Sie fanden nur in der Nacht Zeit zum Lernen.
Die Abende, an denen Pawel nicht in den Dörfern zu tun hatte, verbrachte er bei Lissizyns und musste jedes Mal betrübt feststellen, dass Lytschikow und Nikolai ihn schon wieder überholt hatten.

Aus Poddubzy kam die Hiobsbotschaft, Grischa Chorowodko sei nachts von unbekannten Tätern ermordet worden. Ungeachtet der Schmerzen in seinen Füßen, eilte Kortschagin auf diese Nachricht hin zum Pferdestall des Exekutivkomitees: In fieberhafter Hast sattelte er ein Pferd und sprengte, die Flanken
des Tieres mit der geflochtenen Peitsche striegelnd, in Richtung der Grenze davon.
In dem geräumigen Haus des Dorfsowjets lag Grischa, von Tannengrün umgeben und mit der Fahne des Dorfsowjets bedeckt. Bis zum Eintreffen der Behörde hatte man niemanden an ihn herangelassen. Ein Rotarmist der Grenztruppen und ein Jungkommunist hielten Ehrenwache. Kortschagin betrat den Raum, näherte sich dem Tisch und schlug das Fahnentuch zurück.
Wachsbleich, mit weitgeöffneten Augen, aus denen noch die Todesqual starrte, lag Grischa mit zur Seite geneigtem Kopf da. Der von einem scharfen Gegenstand zerschmetterte Hinterkopf war mit einem Tannenzweig bedeckt.
Wer erschlug diesen Jungen, den einzigen Sohn der Witwe Chorowodko, die schon ihren Mann, einen Mühlenarbeiter, der Mitglied des Komitees der Dorfarmut gewesen war, in der Revolution verloren hatte?
Die Nachricht von der Ermordung ihres Sohnes hatte der alten Frau die Besinnung geraubt. Nachbarinnen waren herbeigeeilt und hatten sich um die Ohnmächtige bemüht. Und der Sohn lag mit stummen Lippen und wahrte das Geheimnis seines Todes.
Grischas Tod brachte das ganze Dorf in Aufruhr. Es erwies sich, dass der junge Sekretär der Komsomolzen und Beschützer der Landarbeiter im Dorf mehr Freunde als Feinde gehabt hatte.
Erschüttert von diesem plötzlichen Todesfall, saß die Rakitina weinend in ihrem Zimmer und hob nicht einmal den Kopf, als Kortschagin eintrat.
»Was meinst du, Genossin Rakitina, wer hat ihn ermordet?« fragte Kortschagin mit dumpfer Stimme und ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen.
»Wer denn anders als diese Müllerbande! Grischa war ja diesen Schmugglern ein Dorn im Auge.« -
An Grischas Begräbnis nahmen die Einwohner zweier Dörfer teil. Kortschagin traf mit seinem ganzen Bataillon ein, und auch die gesamte Jugendorganisation des Bezirkes erschien, um ihrem Genossen die letzte Ehre zu erweisen. Gawrilow ließ zweihundertfünfzig Grenzarmisten auf dem Platze des Dorfsowjets Aufstellung nehmen. Unter den wehmütigen Klängen des Trauermarsches wurde der rot geschmückte Sarg hinausgetragen und auf dem Platz aufgestellt, wo neben den Gräbern der gefallenen Bolschewiki, der Partisanen des Bürgerkrieges, ein frisches Grab ausgehoben worden war.
Grischas Tod schloss die Reihen derer, für die er sich immer eingesetzt hatte, nur noch fester zusammen. Die Landarbeiterjugend und die arme Bauernschaft gelobten der Zelle ihre Unterstützung, und alle, die voller Zorn an Grischas Grab sprachen, forderten den Tod der Mörder, verlangten, dass man sie ausfindig machen und hier auf dem Dorfplatz neben seinem Grabe richten solle, damit jedermann das Antlitz des Feindes sehen könne. - Drei Salven erdröhnten, und das frische Grab wurde mit Tannenzweigen geschmückt.
Am selben Abend noch wurde Genossin Rakitina zum neuen Sekretär der Zelle gewählt.
Von dem Grenzposten der GPU erhielt Kortschagin die Mitteilung, dass man dort den Mördern auf die Spur gekommen sei.

Eine Woche später wurde im Theater des Ortes die zweite Tagung des Bezirkssowjets eröffnet. Ernst und feierlich begann Lissizyn sein Referat.
»Genossen, voller Genugtuung kann ich euch berichten, dass wir alle im vergangenen Jahr eine große Arbeit durchgeführt haben. Wir haben die Sowjetmacht in unserem Bezirk gefestigt, das Banditenunwesen mit der Wurzel ausgerottet und die Schmuggelei unterbunden. Die Organisationen der Dorfarmut haben sich gut entwickelt. Die Jugendorganisation ist um das Zehnfache gewachsen, und auch die Parteiorganisation hat sich verstärkt. Das jüngste Verbrechen der Kulaken in Poddubzy, deren Opfer unser Genosse Chorowodko geworden ist, wurde von uns aufgedeckt. Die Mörder - der Müller und sein Schwiegersohn - sind verhaftet und werden in den nächsten Tagen durch das Gouvernementsgericht zur Verantwortung gezogen. Zahlreiche Delegationen aus den Dörfern haben dem Präsidenten die Forderung übermittelt, sich durch
einen speziellen Beschluss dafür einzusetzen, dass diesen Banditen und Terroristen gegenüber unbedingt das höchste Strafmaß angewandt wird.«
Der Saal dröhnte von Zurufen:
»Wir unterstützen diesen Antrag. Tod den Feinden der Sowjetmacht!« In einer Seitentür erschien Lida Polewych. Sie winkte Pawel zu sich. Im Korridor überreichte ihm Lida ein Kuvert mit der Aufschrift »Eilig«. Er öffnete den Umschlag.

An das Bezirksskomitee des Kommunistischen Jugendverbandes Beresdow, Kopie an das Bezirkskomitee der Partei. Laut Beschluss der Leitung des Gouvernementskomitees wird Genosse Kortschagin aus dem Bezirk abberufen und dem Gouvernementskomitee für eine verantwortliche Arbeit im Jugendverband zur Verfügung gestellt.

Kortschagin nahm Abschied von dem Bezirk, in dem er ein Jahr lang gearbeitet hatte. Auf der letzten Sitzung des Bezirks-Parteikomitees wurden zwei Fragen behandelt: erstens die Aufnahme des Parteikandidaten Genossen Kortschagin in die Partei, und zweitens die Bestätigung seiner Charakteristik und seine Befreiung von der Arbeit als Sekretär des Bezirks-Jugendkomitees.
Lissizyn und Lida drückten Pawel fest und herzlich die Hand.
Freundschaftlich umarmten sie einander, und als Pawels Pferd vom Hof in die Straße einbog, feuerten ein Dutzend Pistolen Salutschüsse in die Luft.

FÜNFTES KAPITEL

Laut rasselnd kroch die Straßenbahn mühsam die steile Funduklejewskaja-Straße hinauf. Beim Operntheater machte sie halt. Eine Gruppe junger Leute stieg aus, und die Straßenbahn rasselte weiter bergan.
Pankratow trieb die Säumigen an:
»Los, Jungs, wir kommen schon zu spät.« Okunew holte ihn erst knapp vor dem Theatereingang ein.
»Kannst du dich noch daran erinnern, Genka, vor drei Jahren sind wir genauso hierher gekommen. Damals fand Dubawa mit der ehemaligen Gruppe der ›Arbeiteropposition‹ zu uns zurück. Ein schöner Abend war das. Und heute werden wir wieder mit Dubawa zu kämpfen haben.«
Pankratow gab Okunew erst im Saal Antwort, nachdem sie den am Eingang postierten Kontrolleuren ihre Mandate vorgewiesen hatten:
»Ja, die alte Geschichte mit Dubawa wiederholt sich von neuem und an demselben Ort.«
Sie wurden zur Ruhe ermahnt und waren gezwungen, sich auf die nächstgelegenen freien Plätze zu begeben. Die Abendsitzung der Konferenz war bereits eröffnet. Auf der Tribüne stand eine Frau.
»Wir sind gerade im richtigen Moment gekommen. Setz dich und hör zu, was dein Frauchen zu sagen hat«, flüsterte Pankratow und stieß Okunew mit dem Ellbogen an.
»… Es stimmt, wir haben viele Kräfte in der Diskussion vertan, doch dafür hat unsere Jugend, die sich an der Aussprache beteiligte, so manches gelernt. Wir stellen mit großer Genugtuung die Tatsache fest, dass die Trotzki-Anhänger in unserer Organisation ganz offensichtlich aufs Haupt geschlagen wurden. Sie können sich nicht beschweren, dass wir ihnen keine Möglichkeit gegeben haben, sich auszusprechen, ihre Meinung frei zu äußern. Nein, im Gegenteil: Die Handlungsfreiheit, die wir ihnen eingeräumt haben, hat zu einer großen Reihe grober Verletzungen gegen die Parteidisziplin geführt.«
Talja war aufgeregt, eine Haarsträhne fiel ihr ins Gesicht und störte sie beim Sprechen. Mit einem Ruck warf sie den Kopf zurück.
»Wir haben hier viele Genossen aus den Bezirken angehört, und alle erzählten uns von den Methoden, die die Trotzkisten anwenden. Auf unserer Konferenz sind sie in ziemlich großer Anzahl vertreten. Die Bezirke haben
ihnen bewusst Mandate eingeräumt, damit sie hier auf der Stadt-Parteikonferenz noch einmal ihre Meinung äußern können. Es ist nicht unsere Schuld, wenn nur wenige von ihnen auftreten. Ihr völliger Bankrott in den Bezirken und Zellen hat sie ein wenig belehrt. Es ist nicht so einfach, auf dieser Tribüne das zu wiederholen, was sie noch gestern vertreten haben.«
Talja wurde von einer scharfen Stimme unterbrochen, die aus der rechten Ecke des Parterres kam:
»Wir werden schon noch auftreten!« Talja Lagutina wandte sich um:
»Nun, was denn, Dubawa? Tritt doch auf und sag, was du zu sagen hast. Wir werden dich anhören«, schlug sie vor.
Dubawa blickte sie herausfordernd an und verzog nervös den Mund.
»Es kommt die Zeit - da werden wir schon unsere Meinung sagen!« schrie er und erinnerte sich an die gestrige schwere Niederlage, die er in seinem Bezirk, in dem ihn jeder kannte, erlitten hatte.
Im Saal begann man zu murren. Pankratow konnte sich nicht mehr beherrschen und rief:
»Was, ihr wollt noch einmal an unserer Partei rütteln?« Dubawa erkannte seine Stimme. Er wandte jedoch nicht einmal den Kopf, biss sich nur krampfhaft auf die Lippen und starrte zu Boden. Talja fuhr fort:
»Als krasses Beispiel, wie die Trotzkisten die Parteidisziplin verletzen, kann Dubawa dienen. Er ist einer unserer alten Komsomolfunktionäre. Viele kennen ihn, besonders die Arsenalarbeiter. Dubawa ist Student der Charkower Kommunistischen Universität. Wir wissen jedoch alle, dass er sich genauso wie Schkolenko schon fast drei Wochen hier aufhält. Was haben die beiden gerade jetzt, mitten im Semester, hier zu suchen? Es gibt nicht einen einzigen Bezirk in der Stadt, in dem sie nicht aufgetreten wären. Es ist wahr, dass Schkolenko in den letzten Tagen etwas nüchterner zu werden beginnt. Wer hat sie aber hierher geschickt? Außer ihnen gibt es noch eine ganze Reihe anderer Trotzkisten aus verschiedenen Organisationen. Alle haben sie hier einmal gearbeitet und sind jetzt hergekommen, das Feuer des innerparteilichen Kampfes zu entfachen. Ist ihre Parteiorganisation über ihren Aufenthaltsort informiert? Natürlich nicht.«
Die Konferenz erwartete von den Trotzkisten ein öffentliches Bekenntnis ihrer Fehler. Talja versuchte sie zum Eingeständnis dieser Fehler zu bewegen und sprach zu ihnen, als stände sie nicht auf der Rednertribüne, sondern führe eine kameradschaftliche Aussprache mit ihnen.
»Könnt ihr euch noch daran erinnern? Vor drei Jahren fand Dubawa in diesem selben Theater mit der ehemaligen Gruppe der ›Arbeiteropposition‹ zu uns zurück. Erinnert ihr euch noch seiner Worte: ›Niemals werden wir das Banner der Partei beflecken.‹ Kaum sind drei Jahre vergangen, und Dubawa hat es befleckt. Ja, ich behaupte - er hat es befleckt. Denn seine Worte ›Wir werden schon unsere Meinung sagen‹ beweisen, dass er und seine trotzkistischen Gesinnungsgenossen noch weiterzugehen gedenken.«
Von den hinteren Plätzen ließ sich eine Stimme hören:
»Soll doch mal Tufta vom Barometer erzählen, er ist bei ihnen so was wie ein Meteorologe.«
Erregte Stimmen wurden laut:
»Genug der Kindereien!«
»Antworten sollen sie uns, ob sie den Kampf gegen die Partei einstellen wollen oder nicht!«
»Sie sollen uns sagen, wer die parteifeindliche Erklärung verfasst hat!«
Die Erregung steigerte sich immer mehr. Lange schwang der Vorsitzende die Glocke.
Taljas Worte verhallten im Stimmengewirr. Doch der Sturm legte sich bald, und ihre Stimme drang wieder durch.
»Wir erhalten Briefe von unseren Genossen aus entlegenen Bezirken. Sie gehen mit uns, und das feuert uns noch mehr an. Gestattet mir, einen Auszug aus einem dieser Briefe zu verlesen. Der Brief ist von Olga Jurenewa. Viele von
euch kennen sie. Sie ist jetzt Leiterin der Organisationsabteilung eines Kreis-Jugendkomitees.«
Talja zog aus einem Stoß Papiere ein Blatt heraus, überflog es und las vor: »Die praktische Arbeit wird vernachlässigt. Die ganze Jugendleitung ist bereits den vierten Tag in den Bezirken. Die Trotzkisten haben den Kampf mit außergewöhnlicher Schärfe begonnen. Gestern kam es zu einem Vorfall, über den die ganze Organisation empört ist. Die Oppositionszellen, die in der Stadt in keiner einzigen Zelle die Mehrheit erhalten konnten, entschlossen sich, in der Zelle des Kreis-Kriegskommissariats, zu der auch die Kommunisten der Kreis-Plankommission und der Gewerkschaft der Bildungsarbeiter gehören, mit vereinten Kräften eine Schlacht zu liefern. Die Zelle zählt zweiundvierzig Mann, er hatten sich dort aber alle Trotzkisten eingefunden. Noch niemals haben wir derart parteifeindliche Reden wie auf dieser Versammlung zu hören bekommen. Einer von den Kriegskommissariatsleuten meldete sich und erklärte wortwörtlich: ›Wenn der Parteiapparat nicht nachgibt, werden wir ihn mit Gewalt zerschlagen.‹ Diese Erklärung wurde von den Oppositionellen mit Beifall aufgenommen. Da trat Kortschagin auf und sagte: ›Wie konntet ihr als Parteimitglieder diesem Faschisten Beifall klatschen?‹ Man ließ Kortschagin nicht aussprechen, polterte mit den Stühlen und brüllte. Die Zellenmitglieder, empört über dieses pöbelhafte Benehmen, forderten, dass man Kortschagin anhöre. Als jedoch Pawel von neuem zu sprechen begann, wurde abermals Obstruktion getrieben. Pawel rief ihnen zu: ›So sieht also eure Demokratie aus! Und doch werde ich sprechen! ‹ Da packten ihn einige und versuchten ihn von der Tribüne zu zerren. Nun ging etwas Ungeheuerliches vor sich. Pawel wehrte sich und sprach weiter, sie schleppten ihn jedoch von der Bühne, öffneten eine Seitentür und warfen ihn die Treppe hinunter, und irgendein Schuft schlug ihm das Gesicht blutig. Fast die ganze Zelle verließ die Versammlung. Dieser Vorfall hat vielen die Augen geöffnet…« Talja verließ die Tribüne.

Segal arbeitete bereits zwei Monate als Agitpropleiter des Gouvernements-Parteikomitees. Jetzt saß er im Präsidium neben Tokarew und lauschte aufmerksam den Reden der Delegierten der Stadt-Parteikonferenz. Vorläufig sprachen fast ausschließlich junge Genossen, die noch Mitglieder des Jugendverbandes waren.
Wie sie in diesen Jahren gewachsen sind, dachte Segal.
»Den Oppositionellen ist der Boden unter den Füßen schon heiß geworden«, sagte er zu Tokarew, »und dabei haben wir noch nicht einmal die schwere Artillerie auffahren lassen. Jetzt schlägt selbst die Jugend die Trotzkisten kurz und klein.«
Auf die Tribüne sprang Tufta. Im Saal wurde sein Erscheinen mit missbilligenden Rufen und einem kurzen Heiterkeitsausbruch begrüßt. Tufta wandte sich dem Präsidium zu und wollte schon gegen einen derartigen Empfang Protest erheben, doch es herrschte bereits wieder Ruhe.
»Hier hat mich jemand einen Meteorologen genannt. Da kann man gleich sehen, Genossen von der Mehrheit, wie ihr euch über meine politischen Anschauungen lustig macht!« rief er in einem Atemzug aus.
Allgemeines Gelächter folgte seinen Worten. Tufta wies entrüstet auf den Saal.
»Wie ihr auch lachen mögt, ich wiederhole nochmals, dass die Jugend ein Barometer ist. Lenin hat einige Male darüber geschrieben.«
Sofort wurde es still im Saal.
»Was hat er geschrieben?« rief man ihm entgegen.
Tufta wurde lebhafter.
»Als der Oktoberaufstand vorbereitet wurde, gab Lenin die Weisung, die kampfbereite Arbeiterjugend zu sammeln, sie zu bewaffnen und zusammen mit den Matrosen an die verantwortlichen Stellen zu werfen. Soll ich euch Lenins Worte vorlesen? Ich habe alle Zitate katalogisiert.« Tufta griff nach seiner Aktenmappe.
»Wir kennen das!«
»Und was hat Lenin über die Einheit geschrieben?«
»Und über die Parteidisziplin?«
»Und wo hat Lenin die Jugend der alten Garde entgegengestellt?«
Tufta verlor den Faden und ging zu einem anderen Thema über:
»Die Genossin Lagutina hat hier einen Brief der Genossin Jurenewa verlesen. Wir können für Zwischenfälle, die während einer Diskussion vorkommen, keine Verantwortung übernehmen.«
Zwetajew, der neben Schkolenko saß, flüsterte mit verhaltener Wut:
»Der leistet uns ja einen schönen Bärendienst!«
Schkolenko antwortete ebenso leise:
»Ja, dieser Esel wird uns endgültig hereinlegen.«
Tuftas hohe, durchdringende Stimme kreischte weiter.
»Wenn ihr eine Fraktion der Mehrheit organisiert, so haben wir das Recht, eine Fraktion der Minderheit zu organisieren.«
Unten brach ein Sturm los. Tufta wurde von einem Hagel entrüsteter Zwischenrufe überschüttet:
»Was soll das heißen? Wollt ihr etwa wieder Bolschewiki und Menschewiki haben?«
»Die Kommunistische Partei ist kein Parlament!«
»Die legen sich für alle ins Zeug, von Mjasnikow bis Martow!«
Tufta gestikulierte herum, als wollte er schwimmen, und sprudelte in seinem Eifer drauflos:
»Ja, wir verlangen Freiheit der Gruppierungen. Wie wollen wir Andersdenkenden denn sonst für unsere Anschauungen gegen eine so organisierte und geschlossen auftretende, disziplinierte Mehrheit kämpfen?« Im Saal wuchs der Lärm. Pankratow erhob sich und rief:
»Lasst ihn aussprechen. Es ist ganz nützlich, das zu wissen. Tufta quatscht das aus, was andere verschweigen.«
Es trat wieder Ruhe ein.
Tufta begriff, dass er zu weit gegangen war. Das hätte man jetzt wohl doch nicht sagen dürfen. Sein Gedankengang brach jäh ab, und er warf den Zuhörern zum Schluss seiner Diskussionsrede noch eine Flut von Worten entgegen:
»Ihr könnt uns natürlich ausschließen und uns in die Ecke drängen. Das geht jetzt schon los. Mich hat man bereits aus dem Gouvernements-Jugendkomitee hinausgeworfen. Macht nichts, bald wird sich zeigen, wer im Recht war.« Er sprang von der Tribüne in den Saal hinunter.
Dubawa erhielt von Zwetajew einen Zettel.
»Dmitri, tritt du jetzt auf. Das kann die Sache zwar nicht retten, unsere Niederlage ist hier besiegelt. Man muss jedoch Tuftas Worte abschwächen. Er ist ja ein Dummkopf und Schwätzer.«
Dubawa bat ums Wort, und es wurde ihm auch sofort erteilt.
Als er auf die Bühne stieg, trat im Saal atemlose Stille ein. Aus diesem vor jeder Diskussionsrede üblichen Schweigen wehte Dubawa Kälte der Entfremdung entgegen. Er sprach lange nicht mehr so hitzig, wie er in den Zellen gesprochen hatte. Sein Eifer war von Tag zu Tag abgeebbt, und jetzt glich er einem mit Wasser gelöschten Lagerfeuer, aus dem ätzender Dunst in die Höhe steigt. Dieser Dunst bestand aus dem krankhaften Ehrgeiz, der durch die unverhüllte Niederlage und die derbe Abfuhr, die ihm seine alten Freunde erteilt hatten, verletzt worden war, und dem hartnäckigen Widerwillen, seine Fehler einzugestehen. Er entschloss sich, alles darauf ankommen zu lassen, obwohl er wusste, dass dies die Kluft zwischen ihm und der Mehrheit nur noch vertiefen würde. Er sprach mit dumpfer, aber deutlicher Stimme:
»Ich bitte, mich nicht zu unterbrechen und durch Zwischenfälle zu stören. Ich will unseren Standpunkt eingehend darlegen, obwohl ich im voraus weiß, dass dies vergebens ist: Ihr seid hier die Mehrheit.«
Als er seine Ausführungen schloss, war es, als sei im Saal eine Bombe explodiert. Ein Sturm von Rufen hallte Dubawa entgegen. Wie Peitschenhiebe trafen Dmitri die zornigen Ausrufe:
»Schande!«
»Nieder mit den Spaltern!«
»Genug! Genug Schmutz aufgewirbelt!«
Unter spöttischem Gelächter verließ Dmitri die Tribüne, und dieses Gelächter kränkte ihn zu Tode. Hätte man empört geschrieen und getobt, so hätte ihn das befriedigt. Man lachte ihn jedoch aus wie einen Künstler, der eine falsche Note anstimmt und dann noch aus dem Takt gerät.
»Das Wort hat Schkolenko«, erklärte der Vorsitzende.
Michail erhob sich.
»Ich verzichte aufs Wort.«
Von den hinteren Reihen ertönte Pankratows Bass:
»Und ich bitte darum!«
Am Klang der Stimme erkannte Dubawa die seelische Verfassung Pankratows. So sprach der Hafenarbeiter, wenn ihn jemand schwer beleidigt hatte. Dubawa begleitete die hohe, etwas nach vorn gebeugte Gestalt Ignats, der schnell zur Tribüne schritt, mit finsterem Blick und spürte eine bedrückende Unruhe in sich aufsteigen. Er wusste, was Ignat sagen würde. Er erinnerte sich an die gestrige Begegnung mit seinen alten Freunden in Solomenka, bei der die Jungen ihn in freundschaftlichem Gespräch zu beeinflussen suchten, seine Verbindung mit der Opposition abzubrechen. Zwetajew und Schkolenko waren mit ihm gewesen. Sie hatten sich bei Tokarew versammelt. Dort waren Ignat, Okunew, Talja, Wolynzew, die Seljonowa, Starowerow und Artjuchin beisammen gewesen. Dubawa war den Versuchen gegenüber, die Einheit wiederherzustellen, stumm und taub geblieben. Als die Diskussion ihren Höhepunkt erreicht hatte, ging er mit Zwetajew weg und brachte damit offen zum Ausdruck, dass er nicht gewillt war, die Fehlerhaftigkeit seines Standpunkts einzugestehen. Schkolenko war geblieben. Und jetzt weigerte er sich aufzutreten.
Dieser schlappschwänzige Intellektuelle! Sie haben ihn bearbeitet, klar, dachte Dubawa boshaft.
In diesem erbitterten Kampf hatte er alle seine Freunde verloren. Auf der Kommunistischen Universität war seine alte Freundschaft mit Sharki in die Brüche gegangen, als dieser auf der Komiteesitzung scharf gegen die Trotzkisten auftrat. Später, als sich die Meinungsverschiedenheiten noch mehr zuspitzten, hörte Dmitri auf, mit Sharki zu sprechen. Einige Male hatte er in seiner Wohnung bei Anna Sharki getroffen. Anna Borchardt und Dubawa waren schon seit einem Jahr verheiratet, hatten jedoch getrennte Zimmer. Dubawa erblickte die Ursache für die Verschlechterung seiner ohnehin gespannten Beziehungen zu Anna, die seine Ansichten nicht teilte, in Sharkis immer häufiger werdenden Besuchen bei ihr. Das war keine Eifersucht, aber Annas Freundschaft mit Sharki, mit dem er nichts mehr zu tun haben wollte, brachte ihn auf. Er sagte dies Anna. Es kam zu einer großen Auseinandersetzung, und ihr Verhältnis zueinander wurde noch schlechter. Auch war er hierher gefahren, ohne ihr ein Wort davon zu sagen.
Der rasche Lauf seiner Gedanken wurde durch Ignats Stimme unterbrochen, der gerade zu reden begann.
»Genossen!« kam es hart von Pankratows Lippen. Er stand jetzt direkt an der Rampe.
»Genossen! Neun Tage lang haben wir uns die Reden der Oppositionellen angehört. Ich sage ganz offen: Sie sind nicht wie Kampfgefährten, wie revolutionäre Kämpfer, wie unsere Genossen und Klassenbrüder aufgetreten - ihr Auftreten war äußerst feindlich, unversöhnlich, boshaft und verleumderisch. Ja, Genossen, verleumderisch! Uns Bolschewiki versuchte man als Anhänger eines Knüppelregimes in der Partei darzustellen, als Menschen, die die Interessen ihrer Klasse und der Revolution verraten. Den besten, den bewährtesten Vortrupp unserer Partei, die ruhmreiche, alte bolschewistische Garde, diejenigen, die die Kommunistische Partei geschmiedet und erzogen haben, diejenigen, die in den Gefängnissen der zaristischen Despotie geschmachtet, die - mit Genossen Lenin an der Spitze - den unerbittlichen Kampf gegen den internationalen Menschewismus und gegen Trotzki geführt haben, diese Genossen
versuchte man als Vertreter des Parteibürokratismus hinzustellen. Wer anders als der Feind kann solche Worte aussprechen? Sind denn etwa die Partei und ihr Apparat nicht ein einheitliches Ganzes! Woran erinnert dieses Auftreten? Wie muss man diejenigen nennen, die junge Rotarmisten gegen ihre Kommandeure und Kommissare, gegen den Stab aufhetzen, und dies in einem Moment, da die Truppe von Feinden umgeben ist! Wie denken sich denn das die Trotzkisten eigentlich? Wenn ich heute noch Schlosser bin, so zählen sie mich zu den ›Anständigen‹, wenn ich aber morgen Sekretär des Komitees werde, dann bin ich bereits ein ›Bürokrat‹ und ›Apparatschik‹. Ist es nicht eigenartig, Genossen, dass es gerade unter den Oppositionellen, die so scharf gegen den Bürokratismus auftreten und die die Demokratie verteidigen, solche Leute wie Tufta gibt, der vor kurzem wegen Bürokratismus von seiner Arbeit abgesetzt worden ist; wie Zwetajew, der von den Leuten aus Solomenka wegen seines Herumkommandierens und der Unterdrückung jeder Kritik im Podolsker Bezirk dreimal seines Postens enthoben wurde? Ist es doch Tatsache, dass sich im Kampf gegen die Partei alles vereinigt, was von der Partei gemaßregelt wurde. Über Trotzkis ›Bolschewismus‹ mögen die alten Bolschewiki hier sprechen. Es ist notwendig, dass die Jugend Trotzkis hartnäckigen Kampf gegen die Bolschewiki kennen lernt, sein ständiges Überlaufen von einem Lager ins andere. Der Kampf gegen die Opposition hat unsere Reihen nur fester zusammengeschmiedet, hat unsere Jugend ideologisch gefestigt. Die bolschewistische Partei und der Kommunistische Jugendverband wurden im Kampf gegen die kleinbürgerlichen Strömungen gestählt. Die hysterischen Panikmacher von der Opposition prophezeien uns wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruch. Unser Morgen wird beweisen, was diese Prophezeiungen wert sind. Sie verlangen, dass wir unsere Alten, wie zum Beispiel Tokarew und Segal, an die Werkbank zurückschicken, und an ihre Stelle ein so schwankendes Element wie Dubawa setzen, der den Kampf gegen die Partei als Heldentum darzustellen versucht. Nein, Genossen, auf so was lassen wir uns nicht ein. Die Alten werden langsam abgelöst, jedoch nicht von denen, die bei jeder Schwierigkeit wütend gegen die Linie der Partei ankämpfen. Die Einheit unserer großen Partei lassen wir nicht zerstören. Niemals wird die alte und junge Garde gespalten werden. Im unversöhnlichen Kampf gegen die kleinbürgerlichen Strömungen schreiten wir unter dem Banner Lenins zum Sieg!« Pankratow verließ die Tribüne unter stürmischem Applaus.

Am nächsten Tag versammelten sich bei Tufta ungefähr zehn Mann. Dubawa erklärte:
»Ich fahre heute mit Schkolenko nach Charkow. Hier haben wir nichts mehr zu suchen. Bemüht euch, Kontakt zu halten. Wir können nichts anderes tun als abwarten, wie sich die Ereignisse weiter gestalten werden. Zweifellos wird uns die Allrussische Konferenz verurteilen, mir scheint jedoch, dass wir vorläufig noch keine Repressalien zu erwarten haben. Die Mehrheit will uns nochmals in unserer praktischen Arbeit prüfen. Jetzt den Kampf offen, besonders nach dieser Konferenz weiterzuführen - das bedeutet, aus der Partei fliegen, und das liegt nicht in unserem Interesse. Schwer auszudrücken, was kommen wird. Wir haben einander, glaube ich, nichts weiter zu sagen.« Dubawa stand auf, um zu gehen. Auch Starowerow, ein hagerer Bursche mit dünnen Lippen, erhob sich.
»Ich verstehe dich nicht«, sagte er lispelnd und ein wenig stotternd. »Sollen denn die Konferenzbeschlüsse für uns nicht bindend sein?«
Zwetajew unterbrach ihn schroff:
»Formell sind sie natürlich bindend, sonst wird man dir das Parteibuch wegnehmen. Wir wollen jedoch erst mal sehen, woher der Wind weht, und gehen daher jetzt auseinander.«
Tufta rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Düster und bleich, mit dunklen Ringen unter den übernächtigen Augen, saß Schkolenko am Fenster und kaute an den Fingernägeln. Bei Zwetajews letzten Worten unterbrach er seine nervöse Beschäftigung und wandte sich an die Versammelten:
»Ich bin gegen derartige Manöver«, sagte er plötzlich gereizt und dumpf. »Ich bin der Ansicht, dass die Beschlüsse der Konferenz für uns bindend sind. Wir haben unsere Überzeugung vertreten, müssen uns jedoch den Konferenzbeschlüssen fügen.«
Starowerow nickte ihm beistimmend zu.
»Ich bin derselben Meinung«, sagte er lispelnd.
Dubawa maß Schkolenko mit einem gehässigen Blick und zischte mit betontem Spott durch die Zähne: »Dir schlägt überhaupt niemand etwas vor. Dir bleibt noch immer die Möglichkeit, auf der Gouvernementskonferenz in Reue zu machen.«
Schkolenko sprang auf.
»Was ist das für ein Ton, Dmitri! Ich sage dir ganz offen, mich stoßen deine Worte ab und zwingen mich, meine gestern eingenommene Stellung zu überprüfen!«
Dubawa wehrte mit den Händen ab.
»Dir bleibt nur eins übrig. Geh und tue Buße, bevor es zu spät ist.«
Dubawa gab allen die Hand zum Abschied und ging davon.
Kurz darauf verabschiedete sich auch Schkolenko und Starowerow.

Mit Eiseskälte hielt das Jahr 1924 seinen Einzug. Im Januar wütete grimmiger Frost, und in der zweiten Monatshälfte brausten Stürme über das schneebedeckte Land hinweg.
Auf den südwestlichen Eisenbahnlinien waren die Gleise vom Schnee verweht. Die Menschen kämpften gegen das entfesselte Element. Schneebagger krallten sich mit stählernen Schaufeln in die Berge von Schnee ein und bahnten den Zügen ihren Weg. Frost und Schneegestöber zerrissen die vereisten Telegrafendrähte. Von den zwölf Linien arbeiteten nur noch drei: die indoeuropäische und zwei direkte Leitungen.
Im Telegrafenraum des Bahnhofs Schepetowka I führten die drei Morseapparate ein unaufhörliches, nur dem geübten Ohr verständliches Gespräch.
Die Telegrafistinnen waren jung, und die Länge des von ihnen seit ihrem Dienstantritt abgezogenen Bandes betrug höchstens zwanzig Kilometer, während der Alte, ihr Kollege, bereits das dritte Kilometerhundert begonnen hatte. Er las die Bänder nicht wie sie, mit gerunzelter Stirn mühsam die schwierigen Buchstaben zu Sätzen aneinanderreihend, er schrieb ein Wort nach dem anderen auf ein Formular, indem er nur das Klopfen des Apparates abhörte. Da fing er die Worte auf: »An alle, alle, alle!«
Während der Telegrafist notierte, überlegte er: Wahrscheinlich wieder so ein Rundschreiben über den Kampf gegen Schneeverwehungen. Draußen wirbelte der Schnee, der Wind warf ihn ballenweise immer wieder gegen das Fenster. Dem Telegrafisten schien es, als habe jemand an die Scheibe geklopft. Er wandte den Kopf, und sein Blick wurde unwillkürlich von der Schönheit der Eisblumen gebannt. Niemals hätte Menschenhand diese feingravierten eigenartigen Blätter und Stengel formen können.
Durch den Anblick der Eisblumen abgelenkt, horchte er nicht mehr auf den Apparat und nahm dann, als er die Augen wieder vom Fenster losgerissen hatte, das Band, um die versäumten Worte nachzulesen.
Der Apparat meldete:
»Am 21. Januar, sechs Uhr fünfzig Minuten …«
Rasch notierte der Telegrafist das Gelesene. Dann ließ er das Band fallen und lauschte, den Kopf auf die Hand gestützt.
»Gestern … starb in Gorki …« Der Telegrafist schrieb langsam mit. Wie viele freudige und tragische Nachrichten hatte er schon in seinem Leben vernommen. Als erster erfuhr er von fremdem Kummer und fremdem Glück. Seit langem hatte er aufgehört, sich in den Sinn der kurzen abgerissenen Sätze hineinzudenken. Er fing sie rein akustisch auf und hielt sie dann mechanisch auf dem Papier fest, ohne ihren Inhalt zu beachten.
Eben ist da jemand gestorben, und man teilt es jemandem mit. Der Telegrafist hatte die Anschrift: »An alle, alle, alle!« schon längst vergessen. Der Apparat klopfte weiter.
»W-l-a-d-i-m-i-r I-l-j-i-t-s-c-h« übersetzte der alte Telegrafist das Klopfen der Hämmerchen in Buchstaben. Er saß ruhig, ein wenig müde da. Irgendwo ist da ein Wladimir Iljitsch gestorben, für irgendwen schreibt er heute diese tragischen Worte auf, irgendwer wird vor Verzweiflung und Kummer schluchzen. Ihm aber ist das alles fremd - er ist nur ein abseits stehender Zeuge. Der Apparat klopft Punkte und Striche, und wiederum Punkte und Striche. Er hat aus den bekannten Tönen schon den ersten Buchstaben zusammengesetzt und ihn aufs Papier übertragen. Es war der Buchstabe L. Danach trug er den zweiten Buchstaben E ein, daneben setzte er sorgfältig ein N, wobei er zweimal den Mittelstrich zwischen den beiden Linien zeichnete, dem fügte er sofort ein I hinzu und fing dann schon automatisch das letzte N auf.
Der Telegrafenapparat klopfte jetzt eine Pause, und für den Bruchteil einer Sekunde blieb der Blick des Mannes an dem von ihm geschriebenen Wort haften:
»LENIN.«
Der Apparat klopfte weiter. Aber der an dem bekannten Namen haften gebliebene Gedanke kehrte wieder zu ihm zurück. Der Telegrafist schaute nochmals auf das letzte Wort - »LENIN«. Wie? Lenin? Die Linse seines Auges erfasste plötzlich den gesamten Inhalt des Telegramms. Einige Sekunden lang betrachtete der Telegrafist das Blatt, und zum ersten Male während seiner zweiunddreißigjährigen Tätigkeit traute er seinen Übertragungen nicht.
Dreimal überflog er hastig die Zeilen. Hartnäckig wiederholten sie jedoch dieselben Worte:
»… starb Wladimir Iljitsch Lenin.« Der Alte sprang auf, hob den spiralförmigen Streifen in die Höhe und bohrte seinen Blick in die Schriftzeichen. Der zwei Meter lange Streifen bestätigte, was er nicht glauben wollte. Er wandte sein totenbleiches Gesicht den Kolleginnen zu, und diese vernahmen seinen erschrockenen Aufschrei:
»Lenin ist gestorben!«

Die Nachricht von diesem unersetzlichen Verlust verließ das Telegrafenamt durch die geöffnete Tür und raste mit der Schnelligkeit eines Sturmwindes über den Bahnhof, wirbelte wie Schneegestöber über Gleise und Weichen hinweg und drang mit dem eisigen Zugwind durch die halbgeöffneten eisenbeschlagenen Tore des Depots.
In der Werkstatt stand über der ersten Reparaturgrube eine Lokomotive, die bei der Brigade für leichte Ausbesserungen instand gesetzt wurde. Der alte Politowski war selbst in die Grube unter seine Lokomotive gekrochen und zeigte den Schlossern die reparaturbedürftigen Stellen. Sachar Brusshak bog gemeinsam mit Artjom das verbogene Räderwerk zurecht. Er hielt das Gitter auf den Amboss, und Artjom bearbeitete es mit dem Hammer.
Sachar war in den letzten Jahren stark gealtert. Das Leben hatte ihm eine tiefe Furche in die Stirn gegraben, die Schläfen waren ergraut, sein Rücken war gebeugt, und die tief eingefallenen Augen blickten kummervoll.
Im hellen Spalt der Tür tauchte ein Mensch auf, der dann im Dämmerlicht der Werkstatt wieder verschwand, Sein erster Ruf wurde von Hammerschlägen übertönt, doch als er zu den Leuten an der Lokomotive kam, blieb Artjom mit erhobenem Hammer stehen.
»Genossen! Lenin ist gestorben!«
Der Hammer sank langsam nieder, lautlos ließ ihn Artjom zu Boden gleiten.
»Was hast du gesagt?«
Krampfhaft krallte sich seine Hand in den Halbpelz des Menschen ein, der die Hiobsbotschaft überbracht hatte. Er sah ihn an und erkannte den Parteisekretär.
Jener aber rang nach Atem und wiederholte mit gebrochener, dumpfer Stimme:
»Ja, Genossen, Lenin ist gestorben.«
Jetzt begann Artjom die grausame Wahrheit zu begreifen.
Die Arbeiter krochen aus der Grube und vernahmen schweigend die Botschaft vom Tode des Mannes, dessen Name in der ganzen Welt bekannt war.
Am Tor heulte eine Lokomotive auf. Alle zuckten zusammen ….. Vom anderen Ende des Bahnhofs antwortete eine zweite, eine dritte … Zu ihren mächtigen und alarmierenden Rufen gesellte sich die Sirene des Kraftwerks, hoch und durchdringend wie der Flug von Schrapnellen, und wurde noch von den hellen Pfiffen der prächtigen Schnellzuglokomotive »S« übertroffen, die zur Abfahrt des nach Kiew gehenden Zuges bereitstand.
Der GPU-Mitarbeiter fuhr verblüfft zusammen, als der polnische Lokomotivführer der Linie Schepetowka-Warschau, der den Grund der Alarmsignale erfahren hatte, kurz aufhorchte, dann ebenfalls das Kettchen nach unten zog und das Dampfventil öffnete. Er wusste, dass er dieses Signal zum letzten Male gab, dass er nie mehr eine Lokomotive bedienen wird. Seine Hand hielt jedoch die Kette fest, und das Pfeifen seiner Lokomotive ließ die erschrockenen polnischen Kuriere und Diplomaten von ihren weichen Coupesitzen auffahren.
Im Depot sammelten sich die Menschen; durch alle Tore strömten sie herbei.
Als das große Gebäude überfüllt war, erklangen aus dem traurigen Schweigen die ersten Worte.
Es sprach der Sekretär des Kreis-Parteikomitees von Schepetowka, Scharabin, ein alter Bolschewik.
»Genossen! Der Führer des Weltproletariats, Genosse Lenin, ist nicht mehr. Die Partei hat einen unersetzlichen Verlust erlitten. Es starb der Schöpfer der bolschewistischen Partei, der Mann, der die Partei zur Unversöhnlichkeit ihren Feinden gegenüber erzogen hat.…. Der Tod des Führers der Partei und der Arbeiterklasse ruft die besten Söhne des Proletariats in unsere Reihen … «.«
Ein Trauermarsch ertönte. Hunderte entblößten die Häupter, und Artjom, der schon seit fünfzehn Jahren nicht mehr geweint hatte, spürte, dass ihm ein Schluchzen die Kehle zuschnürte, und seine mächtigen Schultern bebten.
Die Wände des Eisenbahnerklubs schienen dem Andrang der Menschenmassen nicht standhalten zu können. Draußen herrschte bittere Kälte. Die zwei mächtigen Tannen am Eingang standen im Schneeornat und mit Eiszapfen behängt. Im Saal war es jedoch heiß und schwül, vom rotglühenden Ofen und vom Atem der sechshundert Menschen, die an der Trauersitzung der Parteiorganisation teilnahmen.
Heute war der Saal nicht von dem üblichen Lärm erfüllt. Tiefe Trauer dämpfte alle Stimmen. Die Leute sprachen nur flüsternd miteinander, und in den vielen hundert Augenpaaren lag traurige Besorgnis. Es war, als hätte sich hier die Mannschaft eines Schiff es versammelt, dem Wind und Wellen plötzlich seinen erprobten Steuermann entrissen hatten.
Geräuschlos nahmen die Mitglieder des Parteikomitees ihre Plätze am Tisch des Präsidiums ein. Der stämmige Sirotenko nahm behutsam die Glocke, ließ sie kurz ertönen und stellte sie wieder auf ihren Platz. Allmählich trat im Saal drückende Stille ein.
Gleich nach der Ansprache erhob sich der Parteisekretär Sirotenko.
Das, was er berichtete, setzte niemanden von den Anwesenden in Erstaunen, obwohl es für eine Trauerkundgebung ungewöhnlich war. Sirotenko sagte:
»Siebenunddreißig Arbeiter bitten die auf der Sitzung Anwesenden, ein Gesuch zu erörtern, das sie alle unterzeichnet haben.« Und er verlas:
»An das Eisenbahnerkollektiv der Kommunistischen Partei der Bolschewiki, Bahnhof Schepetowka, Südwestliche Eisenbahnlinie.
Der Tod Lenins hat uns in die Reihen der bolschewistischen Partei gerufen. Wir bitten darum, uns nach Prüfung des Antrags auf der heutigen Sitzung in die Partei Lenins aufzunehmen.«
Den kurzen Worten folgten zwei lange Reihen Unterschriften. Sirotenko las sie vor und machte nach jedem Namen eine kurze Pause, damit ihn sich die Anwesenden einprägen konnten:
»Politowski, Stanislaw Sigmundowitsch, Lokomotivführer, sechsunddreißig Jahre berufstätig.«
Durch den Saal ging beifälliges Gemurmel.
»Kortschagin, Artjom Andrejewitsch, Schlosser, siebzehn Jahre berufstätig.«
»Brusshak, Sachar Filippowitsch, Lokomotivführer, einundzwanzig Jahre berufstätig.«
Das Stimmengewirr wuchs an. Der Mann am Präsidiumstisch verlas immer weitere Namen; es waren die der vorbildlichsten, besten Eisenbahnarbeiter.
Ganz still wurde es im Saal, als der erste derer, die das Gesuch unterschrieben hatten, zum Präsidiumstisch trat. Nicht ohne Erregung erzählte nun der alte Politowski den Versammelten die Geschichte seines Lebens.
»… Was kann ich euch da viel sagen, Genossen? Ihr wisst ja selbst, wie das Leben eines Arbeiters in früheren Zeiten verlief. Die reinste Fronarbeit, und das Alter verbrachte er in Hunger und Elend. Nun, ich bekenne, als die Revolution kam, fühlte ich mich schon als alter Mann. Die Sorge um die Familie lastete schwer auf mir, und ich übersah den Weg in die Partei. Obwohl ich niemals dem Feind Beistand geleistet habe, nahm ich doch nur selten selber am Kampf teil. Im Jahre 1905 war ich Mitglied des Streikkomitees in den Warschauer Depotwerkstätten, und da habe ich zu den Bolschewiki gehalten. Jung war ich noch und ein Hitzkopf. Aber wozu die Vergangenheit ausgraben! Der Tod Iljitschs hat mich mitten ins Herz getroffen. Wir haben unseren Freund und Wohltäter für immer verloren, und da hab ich kein Recht, an mein Alter zu denken …! Vielleicht wird ein anderer das besser ausdrücken können als ich, ich bin eben kein Redner. Eins möchte ich nur noch sagen: Einen anderen Weg als den der Bolschewiki gibt es für mich nicht.«
Das graue Haupt des Lokomotivführers beugte sich trotzig vor, und seine Augen unter den grauen Brauen blickten fest und klar in den Saal, aus dem die Entscheidung kommen sollte.
Keine einzige Hand erhob sich, um gegen die Aufnahme dieses kleinen grauhaarigen Mannes in die Partei etwas einzuwenden, und es enthielt sich niemand der Stimme, als die Parteileitung die Parteilosen um ihre Stellungnahme befragte … Politowski verließ die Rednertribüne als Mitglied der Kommunistischen Partei.
Jedem im Saal war es klar, dass etwas Ungewöhnliches geschah.
Dort, wo soeben noch der Lokomotivführer gestanden hatte, sah man jetzt die kräftige Gestalt Artjoms. Der Schlosser schien nicht recht zu wissen, was er mit seinen großen Händen anfangen sollte, und so drückte und quetschte er seine Pelzmütze zusammen. Die an den Borten schon abgeschabte Schafpelzjacke stand offen. Die graue Feldbluse, die am Kragen von zwei Messingknöpfen zusammengehalten wurde, gab dem Schlosser ein feierliches Aussehen. Artjom blickte in den Saal und bemerkte plötzlich das vertraute Gesicht einer Frau: Zwischen ihren Kolleginnen aus der Schneiderwerkstätte saß Galina, die Tochter des Steinmetzen. Sie lächelte ihm ermunternd zu. Aus diesem Lächeln las er Zustimmung und noch etwas Unausgesprochenes, was sich in ihren Mundwinkeln verbarg.
»Erzähl deinen Lebenslauf, Artjom!« sagte Sirotenko.
Mühsam begann der ältere Kortschagin seine Erzählung, denn er war es nicht gewohnt, auf großen Versammlungen zu sprechen. Erst jetzt spürte er, dass er all das, was sich in seinem Leben zugetragen hatte, nicht in Worte zu kleiden vermochte. Nur mühselig reihten sich die Sätze aneinander, und seine Erregung machte ihm das Reden noch schwerer. Noch nie hatte er etwas Ähnliches empfunden. Es war ihm völlig klar, dass sein Leben jetzt an einem Wendepunkt stand, dass er im Begriff war, den letzten Schritt zu tun, um seinem harten Dasein Inhalt und Sinn zu geben.
»Wir waren vier Kinder zu Hause«, begann Artjom.
Im Saal herrschte Stille. Sechshundert Menschen lauschten gespannt dem stämmigen Arbeiter mit der Adlernase und den Augen, die unter dichten dunklen Brauen versteckt lagen.
»Die Mutter arbeitete als Köchin bei den Herrschaften. An meinen Vater kann ich mich kaum erinnern. Er lebte nicht gut mit meiner Mutter. Goss mehr hinter die Binde als nötig war. Wir waren immer mit der Mutter zusammen. Es ging über ihre Kraft, so viele Münder zu stopfen. Die Herrschaften zahlten ihr im Monat vier Rubel samt Kost, und dafür musste sie vom frühen Morgen bis spät in die Nacht schuften. Ich hatte das Glück, zwei Winter lang die Schule besuchen zu dürfen. Man brachte mir dort das Lesen und Schreiben bei. Als ich jedoch neun Jahre alt war, blieb der Mutter nichts anderes übrig, als mich in eine Schlosserwerkstatt in die Lehre zu geben. Drei Jahre lang arbeitete ich ohne Lohn für die bloße Kost. Der Besitzer der Werkstatt war ein Deutscher, er hieß Förster. Zuerst wollte er mich nicht nehmen, weil ich noch so jung war. Ich war aber ein kräftiger Bursche, und die Mutter machte mich um zwei Jahre älter. Drei Jahre war ich bei diesem Deutschen. Das Handwerk konnte ich bei ihm nicht erlernen. Ich musste den ganzen Tag in der Hauswirtschaft helfen, überall hinlaufen, ihm Schnaps bringen. Er soff bis zur Bewusstlosigkeit….. Man jagte mich auch nach Kohlen und Eisen … Die Hausfrau machte mich zu ihrem Diener: Töpfe musste ich für sie schleppen und Kartoffeln schälen. Jeder hatte es darauf abgesehen, mich mit Fußtritten zu traktieren, oft ganz ohne jeden Grund - einfach so, aus Gewohnheit. Tat ich der Hausfrau irgend etwas nicht recht - die Trunksucht ihres Mannes hatte sie verbittert -, so haute sie mir einfach eine runter. Und wenn ich mich auch von ihr losmachte und auf die Straße lief, wohin sollte ich denn gehen, bei wem mich beschweren? Die Mutter wohnte vierzig Werst entfernt, und auch bei ihr war kein Unterkommen … In der Werkstatt war es nicht besser. Der Bruder des Meisters führte dort das große Wort. Dieser Halunke liebte es, sich über mich lustig zu machen. ›Gib mir diese Scheibe dort‹, sagte er zu mir und zeigte in eine Ecke, wo sich die Schmiedeesse befand. Ich ging hin, griff mit der Hand danach: Er hatte sie jedoch soeben erst geschmiedet und aus der Esse geholt. Auf dem Boden sah sie schwarz aus - fasste man sie aber an, so verbrannte man sich die Finger bis auf die Knochen. Ich schrie vor Schmerz, er aber grinste und hatte noch seine Freude daran. Diese Quälereien konnte ich nicht mehr ertragen und lief zur Mutter. Aber sie wusste nicht, was sie mit mir anfangen sollte, und brachte mich zu dem Deutschen zurück. Brachte mich zurück und weinte dabei während des ganzen Weges. Im dritten Lehrjahr begannen sie mir etwas vom Schlosserhandwerk beizubringen, aber die Prügelei hörte nicht auf. Ich lief wieder davon, diesmal nach Starakonstantinow. In dieser Stadt arbeitete ich in einer Fleischerei und wusch dort anderthalb Jahre lang die Tierdärme. Unser Unternehmer verspielte seine ganze Habe, blieb uns den Lohn für mehr als vier Monate schuldig und ging dann auf und davon. So kam ich aus dieser Spelunke heraus. Ich setzte mich in den Zug, stieg in Shmerinka aus und begab mich auf Arbeitssuche. Zu meinem Glück fand sich ein Depotarbeiter, der Mitleid mit mir hatte und mir half. Als er erfuhr, dass ich etwas von der Schlosserei verstand, gab er mich für seinen Neffen aus und setzte sich für mich bei seinem Chef ein. Meiner Größe nach schätzte man mich auf siebzehn Jahre, und so wurde ich Schlossergehilfe. Und hier in Schepetowka arbeite ich schon seit neun Jahren. Das ist alles über meine Vergangenheit, und mein jetziges Leben kennt ihr ja.«
Artjom fuhr sich mit der Mütze über die Stirn und atmete tief auf. Es galt noch, das Wichtigste zu sagen, was ihm am allerschwersten fiel. Ja, das Allerschwerste, und er musste es sagen, bevor man ihn danach fragte. Er runzelte die dichten Brauen und fuhr in seiner Erzählung fort:
»Man kann mich fragen, warum ich bis jetzt noch nicht Bolschewik geworden bin, schon damals, als die Revolution ausbrach. Was soll ich darauf antworten? Nun, bis zum Altwerden hat's noch Zeit, und ich habe eben erst heute den richtigen Weg gefunden. Wozu soll ich das verhehlen? Wir haben diesen Weg übersehen, schon im Jahre 1918 hätten wir ihn einschlagen sollen, als wir
gegen die Deutschen streikten. Der Matrose Shuchrai hat oftmals mit uns darüber gesprochen. Erst 1920 ergriff ich das Gewehr. Nachdem dann das Durcheinander zu Ende war und wir die Weißen ins Schwarze Meer getrieben hatten, kehrten wir zurück. Da fing es an … die Familie, Kinder … Ich hab mich in die häuslichen Sorgen vergraben. Jetzt aber, da unser Genosse Lenin von uns gegangen ist und die Partei ihren Ruf erschallen ließ, hab ich über mein ganzes Leben nachgedacht und hab gefunden, was da nicht stimmt. Es genügt nicht, die Sowjetmacht zu verteidigen, wir müssen alle zusammen wie eine große Familie an Lenins Stelle treten, damit unsere Sowjetmacht wie eine eherne Festung dasteht. Wir müssen Bolschewiki werden - es ist ja unsere Partei!«
Einfach, aber mit großer Aufrichtigkeit, verlegen über die für ihn ungewöhnlichen Worte, beendete der Schlosser seine Rede. Es war ihm plötzlich, als hätte er eine drückende Last von sich geworfen, er richtete sich in seiner ganzen Größe auf und wartete auf die Fragen.
»Vielleicht möchte jemand eine Frage stellen?« unterbrach Sirotenko die eingetretene Stille.
In die Menschenreihen kam Bewegung, aber niemand ergriff sogleich das Wort. Ein pechschwarzer Heizer, der direkt von der Lokomotive zur Versammlung gekommen war, rief entschlossen:
»Was gibt's da viel zu fragen? Kennen wir ihn denn etwa nicht? Bestätigt ihn und basta!«
Der Schmied Giljaka, untersetzt, von Hitze und Anstrengung ganz rot im Gesicht, stieß heiser hervor:
»So einer kommt nicht unter die Räder, er wird ein standhafter Genosse sein. Lass abstimmen, Sirotenko!«
In den hinteren Reihen, in denen die Komsomolzen saßen, erhob sich einer, der im Halbdunkel nicht zu erkennen war, und fragte:
»Soll Genosse Kortschagin sagen, warum er sich auf dem Lande niedergelassen hat und ob ihn nicht die Bauernwirtschaft der proletarischen Psychologie entfremdet.«
Im Saal ließ sich ein leises, unzufriedenes Gemurmel vernehmen, und irgend jemand protestierte:
»Drück dich einfacher aus! Gerade der richtige Ort zum Phrasendreschen …«
Aber Artjom beantwortete die Frage schon:
»Lasst nur, Genossen. Der Junge hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich habe mich aufs Land verkrochen. Das stimmt. Aber mein Arbeitergewissen habe ich noch immer behalten. Und von heute an ist es mit dem Landleben aus. Ich ziehe mit meiner Familie in die Nähe des Depots, das wird richtig sein. Denn dort auf dem Lande fühle ich mich nicht in meinem Element.«
Und als Artjom die Hände sah, die wie ein Wald emporragten, erbebte sein Herz aufs neue. Dann schritt er, ohne seinen Körper zu spüren, erhobenen Hauptes auf seinen Platz.
Hinter ihm tönte Sirotenkos Stimme:
»Einstimmig.«
Sachar Brusshak stand als dritter vor dem Präsidiumstisch. Der wortkarge alte Gehilfe Politowskis, der inzwischen schon lange selber Lokomotivführer geworden war, schloss die Erzählung über sein Arbeitsleben mit den leise gesprochenen, jedoch allen verständlichen Worten:
»Ich habe die Pflicht, für meine Kinder das Werk zu Ende zu führen. Nicht deshalb sind sie zugrunde gegangen, damit ich mich in meinem Schmerz vergrabe. Nach ihrem Tod bin ich nicht für sie eingesprungen. Aber der Tod Lenins hat mir die Augen geöffnet. Über meine Vergangenheit fragt mich nicht. Unser wirkliches Leben beginnt erst jetzt.«
Von Erinnerungen überwältigt, blickte Sachar düster, mit gerunzelten Brauen vor sich hin. Als jedoch die Anwesenden einstimmig seine Aufnahme in die Partei beschlossen, hellte sich sein Gesicht auf, und der graue Kopf hob sich zuversichtlich.
Bis spät in die Nacht wurde im Depot Heerschau gehalten. Nur die Besten derer, die sich zum Lenin-Aufgebot gemeldet hatten, jene, die man gut kannte
und die sich ihr Leben lang bewährt hatten, wurden in die Partei aufgenommen.
Durch Lenins Tod wurden Hunderttausende Arbeiter Bolschewiki. Die Partei blieb auch nach dem Ableben Lenins so unerschütterlich wie ein Baum, dessen Wurzelwerk tief in der Erde verwachsen ist. Er wird nicht verkümmern, sägt man ihm auch die Spitze ab.

SECHSTES KAPITEL

Vor dem Eingang zum Konzertsaal des Hotels standen zwei junge Menschen. Der eine, ein langer junger Mann mit einem Zwicker, trug eine rote Binde mit der Aufschrift »Kommandant«.
»Tagt hier die ukrainische Delegation?« erkundigte sich Rita. Der Lange antwortete streng offiziell: »Ja, und Sie wünschen?«
»Ich möchte zur Tagung.«
Der Lange versperrte ihr den Weg. Er musterte Rita und sagte:
»Ihr Mandat, bitte. Nur Delegierte mit beschließender und beratender Stimme sind zugelassen.«
Rita entnahm ihrer Handtasche eine Karte mit Goldaufdruck. Der Lange las:
»Mitglied des Zentralkomitees.« Sofort erwiderte er höflich in freundschaftlichem Ton:
»Bitte, treten Sie ein, dort links sind noch Plätze frei.«
Rita ging die Stuhlreihen entlang, und als sie den ersten freien Platz gewahrte, setzte sie sich. Die Delegiertenberatung schien zu Ende zu gehen. Rita lauschte den Ausführungen des Vorsitzenden. Die Stimme kam ihr bekannt vor.
»Somit, Genossen, sind die Vertreter der Delegationen in den Seniorenkonvent des Allrussischen Kongresses und in den Delegiertenrat gewählt. Die Sitzung beginnt in zwei Stunden. Gestatten Sie mir, noch einmal die Liste der zum Kongress eingetroffenen Delegierten nachzuprüfen.«
Rita erkannte Akim. Er war es, der eilig die Namen verlas. Als Antwort erhoben sich Hände mit roten oder weißen Mandatskarten. Rita lauschte gespannt. Das ist ein bekannter Name: »Pankratow.«
Sie spähte nach der erhobenen Hand. Es gelang ihr jedoch nicht, unter den Sitzenden das vertraute Gesicht des Hafenarbeiters ausfindig zu machen. Ein Name folgte dem anderen. Und wieder wurde ein ihr bekannter Genosse genannt, »Okunew«, und gleich darauf »Sharki«.
Ritas Augen suchten Sharki. Unweit entdeckte sie sein Profil … Zweifellos -Wanja. Schon mehrere Jahre hatte sie ihn nicht gesehen.
Es folgten weitere Namen. Plötzlich ließ sie einer zusammenfahren:
»Kortschagin.«
Irgendwo ganz vorn erhob sich eine Hand, tauchte wieder unter, und - sonderbar - Rita Ustinowitsch hatte den quälenden Wunsch, den Namensvetter ihres verstorbenen Freundes zu sehen. Unverwandt blickte sie dorthin, wo sich die Hand erhoben hatte, aber alle Köpfe schienen einander zu gleichen. Rita stand auf und ging durch den Seitengang zu den vordersten Reihen. Da verstummte Akim. Sofort entstand ein Gescharre mit den Stühlen. Die Delegierten unterhielten sich laut miteinander, und überall schallte es von jugendlichem Lachen. Mit Mühe überschrie Akim den Lärm:
»Nicht zu spät kommen! Punkt sieben Uhr … Großes Theater!«
Alle drängten dem Ausgang zu.
Rita begriff, dass sie in diesem Menschenstrom keinen von denen finden würde, deren Namen sie soeben vernommen hatte. Jetzt galt es, Akim nicht aus den Augen zu verlieren und durch ihn die übrigen zu finden. Sie ließ die letzte Delegiertengruppe vorüber und ging auf Akim zu.
»Nun, Kortschagin, alter Junge, fahren wir also auch!« vernahm sie hinter ihrem Rücken, und eine ihr so bekannte, so vertraute Stimme erwiderte:
»Gut, gehen wir!«
Rita wandte blitzschnell den Kopf.
Vor ihr stand ein hochgewachsener, braungebrannter junger Mann in blauen Reithosen und einer feldgrauen Soldatenbluse, die in der Taille mit einem schmalen kaukasischen Riemen umgürtet war.
Mit weitaufgerissenen Augen starrte ihn Rita an, und erst als ein Paar Arme sie herzlich umschlangen und eine bewegte Stimme leise »Rita« zu ihr sagte, begriff sie, dass dies wirklich Pawel Kortschagin war.
»Du lebst?«
Diese Worte sagten ihm alles. Sie wusste nicht, dass die Nachricht von seinem Tod auf einem Irrtum beruhte.
Der Saal war jetzt leer. Durch das weitgeöffnete Fenster drang der Lärm der Twersliaja, dieser mächtigen Verkehrsader der Stadt. Von einer nahen Uhr dröhnten laut sechs Schläge. Und den beiden schien es, als seien sie sich jetzt erst, vor wenigen Minuten, begegnet. Die rasch vorrückenden Zeiger der Uhr riefen jedoch zum Großen Theater. Rita blickte Pawel nochmals an, als sie über die breite Treppe dem Ausgang zuschritten. Er war einen halben Kopf größer als sie, sonst war er jedoch immer noch der alte, nur männlicher und zurückhaltender war er geworden.
»Ich habe dich ja gar nicht gefragt, wo du eigentlich arbeitest.«
»Ich bin Sekretär eines Kreis-Jugendkomitees oder, wie Dubawa wohl sagen würde, ein ›Amtsschimmel‹.« Pawel lächelte.
»Hast du ihn irgendwo gesehen?«
»Ja, und diese Begegnung hat auf mich einen sehr unangenehmen Eindruck gemacht.«
Sie gingen auf die Straße hinaus. Hupende Autos jagten dahin. Überall zahllose Menschen, ein Gewirr von Stimmen. Auf dem Weg zum Großen Theater wechselten sie nur wenige Worte miteinander. Beide beschäftigte der gleiche Gedanke.
Die Eingänge waren von einem ungestüm brausenden und brandenden Menschenmeer umlagert. Alle strebten dem riesigen Gebäude zu und versuchten in das von Rotarmisten bewachte Theater einzudringen. Die unerbittlichen Rotarmisten gewährten jedoch nur den Delegierten Einlass, die stolz ihr Mandat vorwiesen und so die Kette der Posten durchschritten.
Die Menge, die das Theater umwogte, bestand aus Komsomolzen, denen es nicht gelungen war, eine Besucherkarte zu bekommen, die aber trotzdem versuchten - koste es, was es wolle -, der Eröffnung des Kongresses beizuwohnen. Einige besonders gewandte Komsomolzen drängelten sich mitten in die Delegiertengruppen hinein und zeigten ebenfalls irgendein rotes Papierchen vor, das ein Mandat vorstellen sollte. Manche von ihnen hatten so die Möglichkeit, bis an den Eingang zu kommen; einige schlüpften sogar durch die Türen hindurch. Hier aber landeten sie in den Armen des diensthabenden Zentralkomiteemitglieds oder des Kommandanten, der die Gäste auf die Ränge und die Delegierten ins Parkett wies und von dem sie, zum größten Vergnügen der übrigen draußengebliebenen »kartenlosen Gesellschaft«, wieder hinausexpediert wurden.
Nur etwa der zwanzigste Teil derer, die an dem Kongress teilzunehmen wünschten, fand im Theater Platz.
Mit großer Mühe gelangten Rita und Pawel zur Tür. Immer mehr Delegierte strömten herbei, wurden von Straßenbahnen und Autos herangebracht. Den Rotarmisten, die ebenfalls Komsomolzen waren, fiel es immer schwerer, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Man drückte sie an die Wand, und dicht bei der Tür erschollen laute Rufe:
»Los, vorwärts, Jungs, gebt nicht nach!«
»Los, Bruderherz, dräng nur nach vorn, wir werden's schon schaffen!«
»Lo-os! Lo-os! Feste …!«
Zusammen mit Kortschagin und Rita stürmte ein kleiner flinker Bursche, mit dem Abzeichen des Kommunistischen Jugendverbandes auf der Brust, wie ein Wirbelwind durch die Tür. Er lief an dem Kommandanten vorüber und rannte
Hals über Kopf ins Foyer. Einen Augenblick - und er war im Strom der Delegierten untergetaucht.
»Wir wollen uns hierher setzen«, sagte Rita, als sie das Parkett betraten, und zeigte auf zwei Sessel in den hinteren Reihen. Sie nahmen Platz.
»Ich möchte, dass du mir eine Frage beantwortest«, sagte Rita.
»Obwohl die Sache schon längst veraltet ist, denke ich doch, dass du es mir jetzt erklären wirst: Weshalb hast du damals unseren Unterricht und unsere Freundschaft abgebrochen?«
Von der ersten Minute ihres Wiedersehens an hatte Pawel diese Frage erwartet. Und dennoch verwirrte sie ihn.
Ihre Augen begegneten einander, und Pawel begriff: Sie weiß alles.
»Ich glaube, Rita, dass du es selber weißt. Das war vor drei Jahren, und jetzt kann ich mich dafür nur verurteilen. Kortschagin hat in seinem Leben überhaupt nicht wenige große und kleine Fehler gemacht, und einer davon war der, von dem du jetzt sprichst.« Rita lächelte.
»Das war ein gutes Vorwort. Ich möchte jedoch eine Antwort haben.« Pawel sagte leise:
»Daran bin nicht nur ich schuld, sondern auch der Roman ›Stechfliege‹ und seine revolutionäre Romantik. Bücher, in denen in lebendiger Weise mutige, geistig hoch stehende und willensstarke Revolutionäre geschildert werden, die tapfer und selbstlos unserer Sache ergeben sind, hinterließen in mir stets einen außerordentlich starken Eindruck und riefen in mir den Wunsch wach, ihnen nachzueifern. Da habe ich auch mein Gefühl für dich nach dem Beispiel dieses Romans unterdrückt. Jetzt kommt mir das lächerlich vor, mehr noch, beklagenswert.«
»Und jetzt wird die ›Stechfliege‹ also anders bewertet?«
»Nein, Rita, im Prinzip nicht. Ich bin nur gegen die überflüssige Tragik des qualvollen Herumexperimentierens. mit der eigenen Willenskraft. Ich bin jedoch für das Grundsätzliche in der ›Stechfliege‹: für das Mutige, für die grenzenlose Standhaftigkeit, für diesen Typ eines Menschen, der zu leiden versteht, ohne es immerfort zur Schau zu tragen. Ich bin für diesen Typ eines Revolutionärs, für den das Persönliche gegenüber der Allgemeinheit völlig in den Hintergrund tritt.«
»Es ist aber doch bedauerlich, Pawel, dass dieses Gespräch drei Jahre später stattfindet, als es hätte stattfinden sollen«, sagte Rita nachdenklich.
»Bedauerst du das deshalb, Rita, weil ich für dich sowieso niemals mehr als ein Genosse hätte sein können?«
»Nein, Pawel, du hättest auch mehr werden können.«
»Das kann man noch gutmachen.«
»Nein, jetzt ist es ein wenig zu spät, Genosse ›Stechfliege‹.« Rita lächelte über ihren Scherz und fügte erklärend hinzu:
»Ich habe ein Töchterchen. Es hat einen Vater, der auch mir ein sehr guter Freund ist. Wir drei halten fest zusammen, und das Trio ist vorerst noch unzertrennlich.«
Ihre Finger berührten Pawels Hand. Es war eine Geste der Besorgnis um ihn. Sie begriff jedoch sofort, dass diese Bedenken überflüssig waren. Pawel war in diesen drei Jahren nicht nur körperlich, sondern auch geistig gewachsen. Sie verstand, dass er jetzt traurig war - das verriet der Ausdruck seiner Augen -, jedoch ohne Pose, aufrichtig und schlicht sagte er:
»Trotz allem bleibt mir noch unvergleichlich mehr, als ich soeben verloren habe.«
Pawel und Rita erhoben sich. Es war Zeit, sich näher zur Bühne zu begeben. Sie gingen zu den Sesselreihen, wo sich die ukrainischen Delegierten niedergelassen hatten. Das Orchester spielte. Überall hingen riesige rote Transparente, und die flammenden Buchstaben riefen ihnen zu:
»Die Zukunft gehört uns!« Tausende von Menschen füllten das Parkett, die Logen und Ränge, und diese Tausende verschmolzen hier zu einem einzigen mächtigen Motor nie erlahmender Energie. Das riesige Theatergebäude hatte in seinen Wänden die Blüte der jungen Garde des mächtigen Proletariergeschlechts aufgenommen. Tausende Augenpaare - und in jedem dieser Augenpaare sprühten und spiegelten sich die Worte wider, die über dem schweren Vorhang geschrieben standen:
»Die Zukunft gehört uns!«
Der Ansturm der Menschen nahm immer noch kein Ende. Nur wenige Minuten - dann öffnete sich langsam der schwere Samtvorhang, und der Sekretär des Zentralkomitees begann, selbst bewegt von dem feierlichen Augenblick:
»Der Sechste Kongress des Kommunistischen Jugendverbandes der Sowjetunion ist hiermit eröffnet.«
Noch nie in seinem Leben hatte Kortschagin tiefer und klarer die Größe und Macht der Revolution empfunden, noch nie hatte ihn ein größerer Stolz, eine hellere Freude erfüllt als hier, auf dieser Siegesfeier der jungen Garde des Bolschewismus, der auch er als Kämpfer und Erbauer angehörte.
Der Kongress nahm seine Teilnehmer von früh bis spät in Anspruch, und erst auf einer der letzten Sitzungen begegneten sich Pawel und Rita wieder. Er fand sie im Kreis ukrainischer Delegierter.
»Morgen, nach Schluss des Kongresses, fahr ich gleich ab«, sagte sie. »Ich weiß nicht, ob es uns noch gelingen wird, vor der Abreise miteinander zu reden. Deshalb habe ich heute für dich zwei Hefte mit meinen Notizen, die die Vergangenheit betreffen, und einen kurzen Brief herausgesucht. Wenn du das gelesen hast, schicke es mir per Post zurück. Aus diesen Aufzeichnungen wirst du alles erfahren, was ich dir nicht erzählt habe.«
Er drückte ihr die Hand und schaute sie lange an, als wollte er sich ihre Züge fest einprägen.
Sie trafen sich, wie verabredet, am nächsten Tag vor dem Haupteingang, und Rita übergab ihm eine Rolle und ein geschlossenes Kuvert. Die beiden verabschiedeten sich zurückhaltend, denn ringsum standen Menschen. Aus Ritas verschleierten Augen strömte ihm jedoch große Wärme und auch ein wenig Kummer entgegen.
Kurz darauf trugen die Züge sie in verschiedene Richtungen davon.
Die Ukrainer waren in mehreren Eisenbahnwagen untergebracht. Kortschagin fuhr gemeinsam mit den Kiewer Genossen. Am Abend, als schon alle ruhten und neben ihm Okunew schnarchte, rückte Kortschagin näher zum Licht und öffnete den Brief:

Pawluscha, Lieber!
Ich hätte Dir das alles persönlich sagen können, aber so ist es besser. Ich wünsche nur eins: dass das, worüber wir vor Beginn des Kongresses gesprochen haben, keine schmerzende Wunde in Deinem Leben hinterlässt. Ich weiß, Du bist willensstark, deshalb glaube ich Deinen Worten. Ich habe keine formale Einstellung zum Leben, und ich denke, dass man in persönlichen Beziehungen manchmal auch eine Ausnahme machen kann, natürlich nur sehr selten, wenn es sich um starke, tiefe Gefühle handelt. Du hättest das verdient. Ich habe jedoch den im ersten Augenblick in mir aufgekommenen Wunsch, unserer Jugend zu geben, was ihr gebührt, unterdrückt. Ich fühlte, dass uns dies nicht viel Freude bringen würde. Pawel, man darf nicht so hart gegen sich selbst sein. Unser Leben ist nicht nur vom Kampf erfüllt, sondern auch von dem freudigen Glück eines starken Gefühls. Was Dein sonstiges Leben betrifft, ich meine seinen eigentlichen Inhalt, so bin ich da nicht im geringsten besorgt. Ich drücke Dir herzlich die Hand.
Rita

In Gedanken versunken, zerriss Pawel den Brief. Er streckte die Hand zum Fenster hinaus und spürte, wie der Wind seinen Fingern die Papierschnitzel entriss und davontrug. Bis zum Morgen waren beide Hefte durchgelesen, wieder eingewickelt und verschnürt.
In Charkow verließ ein Teil der Ukrainer den Zug, darunter Okunew, Pankra-tow und Kortschagin. Nikolai fuhr nach Kiew, um Talja abzuholen, die bei Anna geblieben war. Pankratow, der Mitglied des Zentralkomitees des Jugendverbandes der Ukraine geworden war, hatte dort ebenfalls verschiedenes zu erledigen. Kortschagin entschloss sich, mit ihnen nach Kiew zu fahren und bei dieser Gelegenheit die Freunde aufzusuchen. In Kiew ging er zum Postschalter des Bahnhofs, um Rita die Hefte zurückzuschicken. Als er sich dann nach den Genossen umsah, war keiner mehr da. Die Straßenbahn brachte ihn zu dem Haus, in dem Anna und Dubawa wohnten. Pawel stieg zum ersten Stock hinauf und klopfte an die Tür links, die zu Annas Zimmer führte. Das Klopfen blieb unbeantwortet. Es war noch früh am Morgen, und Anna konnte unmöglich bereits zur Arbeit gegangen sein. Wahrscheinlich schläft sie noch dachte er. Nebenan wurde die Tür geöffnet, und Dubawa trat verschlafen heraus. Sein Gesicht war fahl, mit dunklen Ringen unter den Augen, und ein scharfer Zwiebelgeruch, vermischt mit Branntwein, strömte von ihm aus. Durch die halbgeöffnete Tür bemerkte Kortschagin auf dem Bett eine korpulente Frau, vielmehr nur ihr dickes nacktes Bein und die Schultern.
Dubawa, der Pawels Blick bemerkt hatte, stieß mit dem Fuß die Tür zu.
»Wohin willst du, zur Genossin Borchardt?« fragte er heiser und blickte dabei in irgendeine Ecke.
»Sie wohnt nicht mehr hier. Weißt du das denn nicht?«
Kortschagin schaute ihn mit finsterem Blick prüfend an.
»Das wusste ich nicht. Wo ist sie denn hingezogen?« fragte er. Dubawa wurde plötzlich zornig.
»Das interessiert mich nicht.« Er rülpste und fügte mit unterdrücktem Groll hinzu:
»Willst sie wohl trösten kommen? Da bist du gerade der Rechte. Der Platz ist frei, bitte sehr! Um so mehr, da du keinen Korb zu befürchten hast. Hat sie mir doch des Öfteren gesagt, dass du ihr gefällst oder wie das sonst noch bei den Weibern heißt. Nimm die Gelegenheit beim Schöpf! Da hast du gleich eine Gemeinschaft von Leib und Seele.«
Pawel spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss, beherrschte sich aber und sagte leise:
»Wohin bist du nur geraten! Ich hätte nie erwartet, dass du so tief sinken würdest. Du warst doch früher gar kein schlechter Kerl. Wie kann man so auf den Hund kommen?«
Dubawa lehnte sich an die Wand. Ihm war anscheinend kalt geworden, da er mit nackten Füßen auf dem Zementboden stand. Ihn fröstelte. Die Tür ging auf, und in ihrem Rahmen erschien eine verschlafene Frau mit aufgedunsenem Gesicht.
»Schatz, komm doch rein, wozu stehst du da herum …?« Dubawa ließ sie nicht zu Ende sprechen, er schlug die Tür zu und stemmte sich mit dem Körper dagegen.
»Ein viel versprechender Anfang …«, sagte Pawel. »Mit wem hast du dich denn da eingelassen, und wohin soll das alles führen?« Dubawa schien der Unterredung überdrüssig zu sein und schrie:
»Ihr werdet mir noch vorschreiben, mit wem ich ins Bett gehen soll! Lass deine Moralpredigten! Scher dich dorthin, woher du gekommen bist! Geh nur und erzähl allen, dass Dubawa säuft und mit Straßenmädchen schläft.«
Pawel ging auf ihn zu und sagte aufgeregt:
»Dmitri, schmeiß dieses Weib raus. Ich will noch einmal, zum letzten Mal, mit dir sprechen …«
Dubawas Gesicht verfinsterte sich. Er drehte sich um und ging ins Zimmer.
»Ach, du Dreckskerl!« zischte Kortschagin und stieg langsam die Treppe hinunter.

Zwei Jahre waren vergangen. Unmerklich verstrichen Tage und Monate. Und das stürmische, vielseitige Leben gab diesen, dem äußeren Anschein nach so eintönigen Tagen immer neuen Inhalt, so dass das Heute nur selten dem Gestern glich. Hundertsechzig Millionen, ein großes Volk, das zum ersten Mal in der Geschichte Herr seines unermesslichen Landes und seiner unerschöpflichen Reichtümer geworden war, baute in heldenhafter und angespannter
Arbeit die vom Krieg zerstörte Volkswirtschaft wieder auf. Das Land erstarkte, es gewann frische Kraft - nirgends mehr waren die rauchlosen Schlote der vor kurzem noch leblosen und in ihrer Verlassenheit finster dreinschauenden Betriebe zu sehen.
Kortschagin hatte diese zwei Jahre in rastloser Arbeit verbracht. Er nahm es nicht einmal wahr, wie schnell sie verflogen. Ein geruhsames Leben zu führen, sich frühmorgens gähnend zu recken und sich abends pünktlich zehn Uhr schlafen zu legen, das entsprach nicht seiner Art. Er hatte es eilig zu leben. Und er eilte nicht nur selbst, er trieb auch die anderen zur Eile an.
Zum Schlafen blieb nur wenig Zeit. Meist waren die Fenster seines Zimmers bis spät in die Nacht erleuchtet, und drinnen saßen über den Tisch gebeugt Menschen und studierten. In den zwei Jahren hatten sie den dritten Band des »Kapitals« durchgearbeitet. Der komplizierte Mechanismus der kapitalistischen Ausbeutung wurde ihnen allmählich klar und verständlich.
In der Stadt, in der Kortschagin arbeitete, tauchte plötzlich Raswalichin auf. Er wurde vom Gouvernementskomitee geschickt, mit dem Vorschlag, ihn als Sekretär eines Bezirks-Jugendkomitees einzusetzen. Pawel war gerade unterwegs, und in seiner Abwesenheit hatte die Jugendleitung Raswalichin in einen der Bezirke kommandiert. Als Kortschagin nach seiner Rückkehr davon erfuhr, verlor er kein Wort darüber.
Nach einem Monat jedoch erschien Pawel plötzlich in Raswalichins Bezirk. Es lag nicht viel schwarz auf weiß gegen Raswalichin vor, aber es handelte sich im allgemeinen um Saufereien, Bevorzugung von Kriechern und Schmeichlern und Zurücksetzung von guten Genossen. Kortschagin setzte den Fall auf die Tagesordnung des Jugendkomitees, und als sich die anderen für die Erteilung einer strengen Rüge aussprachen, erklärte er unvermittelt:
»Mein Vorschlag ist: Ausschluss, ohne Recht auf Wiederaufnahme.«
Pawels Vorschlag setzte alle in Erstaunen, er schien ihnen zu hart. Kortschagin jedoch wiederholte:
»Ausschließen muss man den Halunken. Diesem Gymnasiasten wurde Gelegenheit geboten, ein Mensch zu werden. Er hat sich einfach in unsere Reihen eingeschlichen.« Und Pawel erzählte von Beresdow.
Raswalichin schrie: »Ich protestiere entschieden gegen den Vorschlag Kortschagins. Er hetzt gegen mich aus persönlichen Motiven. Da kann sich ja jeder ausdenken, was ihm passt. Soll doch Kortschagin Beweise, Dokumente, Tatsachenmaterial vorweisen! Ich könnte da auch plötzlich erklären, er habe sich mit Schmuggelei befasst, aber wird man ihn etwa deshalb gleich aus dem Komsomol ausschließen? Nein, soll er doch ein Dokument vorlegen!«
»Warte nur ab. Du kriegst schon dein Dokument!« erwiderte ihm Kortschagin.
Raswalichin verließ das Zimmer. Nach einer halben Stunde setzte Kortschagin die Annahme folgender Resolution durch: »Als fremdes Element ist Raswalichin aus den Reihen des Komsomol auszuschließen.«

Im Sommer gingen die Genossen einer nach dem anderen auf Urlaub. Diejenigen, um deren Gesundheit es schlecht stand, fuhren ans Meer. Alle sehnten sich nach Erholung, und Kortschagin ließ seine Kameraden fahren, verschaffte ihnen Sanatoriumsplätze und materielle Hilfe. Bleich und abgespannt, jedoch freudig erregt, reisten sie ab. Ihre Arbeit lastete jetzt auf Pawels Schultern, er aber bewältigte sie gleich einem braven Arbeitspferd, das geduldig den schweren Karren bergauf zieht. Die Genossen kehrten dann braungebrannt, lebenslustig, voller Energie wieder zurück, und andere traten ihren Urlaub an. So fehlte den ganzen Sommer hindurch immer irgend jemand. Das Leben jedoch ging unaufhaltsam seinen geregelten Gang, und Kortschagins Fernsein von der Arbeit, auch nur für einen Tag, war undenkbar.
So verging der Sommer. Herbst und Winter liebte Pawel nicht; sie brachten ihm viele körperliche Leiden.
Diesen Sommer hatte Pawel mit besonderer Ungeduld erwartet. Es war für ihn qualvoll, sich einzugestehen, dass seine Kräfte von Jahr zu Jahr schwanden.
Nur zwei Wege blieben ihm offen: entweder zuzugeben, dass er nicht imstande war, die Mühen angespannter Arbeit zu ertragen, dass er ein Invalide war -oder auf seinem Posten auszuharren, solange die Kräfte reichten.
Er wählte den zweiten Weg.
Eines Tages, auf einer Sitzung des Kreis-Parteikomitees, setzte sich der alte Doktor Bartelik, ein ehemaliger Illegaler, jetzt Leiter des Kreisgesundheitsamtes, zu ihm.
»Du siehst nicht besonders gut aus, Genosse Kortschagin. Hast du dich von der Ärztekommission untersuchen lassen? Wie steht es denn mit deiner Gesundheit? Warst wohl nicht dort - oder hab ich das nur vergessen? Musst dich aber mal untersuchen lassen, Freundchen. Komm am Donnerstagabend.«
Pawel ging nicht zur Kommission - er hatte zu tun. Bartelik hatte ihn aber nicht vergessen und schleppte ihn eines Tages doch mit. Als Ergebnis einer eingehenden ärztlichen Untersuchung, an der Bartelik als Nervenarzt beteiligt war, wurde folgendes festgestellt:
»Die Ärztekommission hält einen sofortigen Urlaub mit längerer Erholung auf der Krim sowie weitere eingehende Behandlung für unbedingt notwendig, andernfalls sind schwere Folgen unausbleiblich.«
Dieser Feststellung ging eine lange Aufzählung verschiedener Krankheiten in lateinischer Sprache voraus, woraus Kortschagin nur das eine entnehmen konnte, dass nicht die Beschwerden in den Füßen sein Hauptleiden waren, sondern eine schwere Störung des zentralen Nervensystems.
Bartelik ließ den Kommissionsbeschluss vom Parteikomitee bestätigen, und niemand hatte etwas gegen Kortschagins unverzügliche Beurlaubung einzuwenden. Pawel selbst schlug jedoch vor, seine Abreise bis zur Rückkehr Sbitnews, des Leiters der Orgabteilung des Kreis-Jugendkomitees, hinauszuschieben, da er das Komitee nicht ohne Leitung lassen wollte. Man erklärte sich damit einverstanden, obwohl Bartelik dagegen war.
In drei Wochen sollte also Pawel zum ersten Mal in seinem Leben auf Urlaub gehen. Der Schein für einen Sanatoriumsaufenthalt in Jewpatoria lag bereits in seiner Schublade.
In diesen Tagen arbeitete Kortschagin besonders intensiv. Er führte eine Plenarsitzung des Kreis-Jugendkomitees durch und bemühte sich, ohne seine Kräfte zu schonen, alles in Ordnung zu bringen, um dann ruhigen Herzens abfahren zu können.
Und gerade am Vorabend seiner Abfahrt ans Meer, das er noch niemals in seinem Leben gesehen hatte, ereignete sich eine widerliche, abstoßende Szene.
Pawel hatte sich nach der Arbeitszeit ins Zimmer der Agitpropabteilung der Partei begeben und setzte sich in Erwartung einer Beratung, die dort stattfinden sollte, auf den Sims eines geöffneten Fensters, das von einem Bücherschrank verdeckt war. Als er eintrat, war das Zimmer leer. Bald darauf kamen einige Leute, die Pawel jedoch wegen des Schrankes nicht sehen konnten. Er erkannte die Stimme Failos, des Leiters der Kreisabteilung für Volkswirtschaft, eines schönen, hochgewachsenen Mannes mit militärischem Auftreten. Oft war Pawel zu Ohren gekommen, dass Failo ein Trinker sei und jedem hübschen Mädchen nachlaufe.
Failo war ein ehemaliger Partisan. Mit selbstzufriedenem Lächeln erzählte er bei jeder Gelegenheit, wie er den Machno-Leuten die Köpfe abgeschlagen hatte, jeden Tag einem ganzen Dutzend.
Kortschagin konnte ihn nicht ausstehen. Einmal kam eine Komsomolzin zu Pawel und erzählte ihm bitterlich weinend, Failo habe ihr versprochen, sie zu heiraten. Nachdem er jedoch eine Woche lang mit ihr gelebt hatte, habe er sie verlassen, ja sogar aufgehört, sie zu grüßen. Vor der Kontrollkommission gelang es Failo, sich herauszureden, denn das Mädchen hatte keine Beweise. Pawel aber glaubte ihr.
Kortschagin horchte auf.
»Nun, Failo, wie steht's mit deinen Erfolgen? Was hast du wieder angestellt?«
Diese Frage stellte Gribow, einer von Failos Freunden, ein Mensch des gleichen Schlages. Aus unerfindlichen Gründen arbeitete Gribow als Propagandist,
obwohl er äußerst unwissend und beschränkt, kurz, ein Dummkopf war. Er tat sich indes mit seinem Propagandistentitel wichtig und brachte ihn bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit aufs Tapet.
»Kannst mir gratulieren. Gestern hatte ich es mit der Korotajewa. Du hast zwar gesagt, dass bei ihr nichts zu machen ist, aber wenn ich mal eine aufs Korn nehme, mein Lieber, dann kannst du schon sicher sein …«, und Failo machte noch eine schmutzige Bemerkung.
Kortschagin lief ein nervöses Kribbeln über den Rücken - ein Zeichen höchster Gereiztheit. Korotajewa war die Leiterin der Frauenabteilung des Kreis-Parteikomitees. Sie war gleichzeitig mit Pawel in die Stadt gekommen, und er hatte sich mit dieser sympathischen Genossin angefreundet, die aufmerksam und teilnahmsvoll zu jeder Frau und überhaupt zu jedem war, der von ihr Rat und Hilfe erhoffte.
Unter den Mitarbeitern des Komitees genoss die Korotajewa große Achtung. Sie war unverheiratet, und Failo sprach zweifellos von ihr.
»Und lügst du auch nicht, Failo? Das sieht ihr doch gar nicht ähnlich.«
»Ich und lügen! Für wen hältst du mich denn eigentlich? Ich bin noch mit ganz anderen fertig geworden. Man muss es nur richtig anpacken. Jede verlangt ihre eigene Behandlung. Die eine gibt gleich am ersten Tag nach, aber die taugen meist nicht viel, einer anderen muss man erst einen ganzen Monat lang nachlaufen. Man muss sich eben in ihrer Psyche auskennen. Ja, mein Lieber, das ist eine ganze Wissenschaft, aber in diesem Fach bin ich ein Meister. Hahahaha …!«
Failo schwoll der Kamm vor Selbstzufriedenheit, und das Häufchen Zuhörer spornte ihn an, weiterzuerzählen. Sie waren begierig, Einzelheiten zu erfahren.
Kortschagin stand auf, ballte die Fäuste und spürte, wie sein Herz erregt klopfte.
»Die Korotajewa einfach so auf den ersten Anhieb zu bekommen, daran war gar nicht zu denken. Laufen lassen wollte ich sie aber auch nicht, um so weniger, als ich mit Gribow um ein Dutzend Flaschen Portwein gewettet hatte. So legte ich mich also ins Zeug. Ich besuchte sie ein-, zweimal, merkte aber, dass sie mich scheel ansah. Man schwatzt da so verschiedenes über mich - vielleicht ist ihr was zu Ohren gekommen ….. Mit einem Wort: in den Flanken ein richtiger Misserfolg. Da musste also ein Umgehungsmanöver herhalten. Haha! -›Verstehst du‹, sage ich zu ihr, ›da habe ich nun gekämpft, unzählige Feinde habe ich zu Brei zermalmt, habe mich in der Welt herumgetrieben, nicht wenig Kummer erlebt, habe so manches durchmachen müssen, aber eine Frau, eine richtige Lebensgefährtin, habe ich nicht gefunden. So lebe ich denn wie ein obdachloser Hund, ohne Zärtlichkeit, ohne Liebe …‹ Und so weiter und so fort, immer dieselbe Leier. Mit einem Wort, ich packte sie immerzu an ihren schwachen Seiten. Viel habe ich mich mit ihr abplagen müssen. Eine Zeitlang wollte ich schon die Sache fahren lassen und mit der ganzen Komödie Schluss machen. Hol sie der Teufel! Aber nun war das für mich schon eine prinzipielle Sache geworden. Aus prinzipiellen Gründen musste ich durchhalte .…Schließlich habe ich sie doch kirre gemacht, und meine Geduld hat sich gelohnt: bin statt auf ein Weib auf eine Jungfrau gestoßen. Haha! Ach, zum Totlachen!«
Und Failo setzte seine abscheuliche Erzählung fort.
Kortschagin konnte sich später nur schwer entsinnen, wie es gekommen war, dass er plötzlich vor Failo stand.
»Du Schweinehund!« schrie Pawel wütend.
»Wer ist ein Schweinehund, ich oder du, der fremde Gespräche belauscht?«
Anscheinend hatte Pawel noch irgend etwas geantwortet, denn Failo packte ihn plötzlich an der Brust.
»Beleidigen willst du mich auch noch?« schrie der angetrunkene Failo und versetzte Kortschagin einen Faustschlag.
Kortschagin griff nach einem Holzschemel und streckte Failo mit einem Schlag nieder. Pawel hatte keine Waffe bei sich, und nur dieser Umstand rettete Failo das Leben.
Diese Angelegenheit aber hatte zur Folge, dass Pawel an dem Tag, an dem er nach der Krim fahren sollte, vor dem Parteigericht stand.
Im Stadttheater war die gesamte Parteiorganisation versammelt. Der Vorfall in der Agitpropabteilung hatte allgemeines Aufsehen erregt, und das Gerichtsverfahren entwickelte sich zu einer heftigen Diskussion über Fragen des persönlichen Lebens. Die Probleme der neuen Lebensformen, der persönlichen Beziehungen und der Partei-Ethik drängten die zu behandelnde Sache in den Hintergrund. Der Vorfall wurde zu einem Signal. Failo benahm sich vor dem Parteigericht herausfordernd. Er lächelte frech und erklärte, dass er seine Angelegenheit dem Volksgericht übergeben und dass für seinen zerschlagenen Kopf Kortschagin noch mit Zwangsarbeit büßen werde. Die Beantwortung der an ihn gestellten Fragen lehnte er kategorisch ab.
»Ihr wollt eure Zungen auf meine Kosten wetzen? Da seid ihr auf dem Holzweg! Ihr könnt mir ja schließlich anhängen, was ihr wollt. Und wenn mich die Weiber jetzt attackieren, so geschieht das, weil ich ihnen keine Beachtung schenke. Die ganze Sache ist keinen Pfifferling wert. Wäre das im Jahre 1918 geschehen, dann hätte ich mit diesem Idioten Kortschagin auf andere Art abgerechnet. Aber jetzt wird man hier auch ohne mich auskommen können.«
Wütend verließ er den Raum.
Als Kortschagin vom Vorsitzenden ersucht wurde, über die Angelegenheit zu berichten, sprach Pawel ruhig. Man spürte jedoch, dass er sich nur mühsam beherrschte.
»Der Vorfall, um den es sich hier handelt, hat sich nur deshalb so abgespielt, weil ich mich nicht in der Hand hatte. Die Zeit ist schon längst vorbei, da ich mehr von meiner Faust als von meinem Kopf Gebrauch machte. Ich weiß nicht, wie es geschah, aber ehe ich mich besann, hatte Failo eins auf den Schädel bekommen. Seit Jahren ist das der einzige Fall, wo der Partisan in mir durchgegangen ist. Ich verurteile mein Handeln, obwohl der Schlag eigentlich völlig angebracht war. Solche Leute wie Failo sind abstoßende Erscheinungen in unserem kommunistischen Leben. Ich kann es nicht begreifen und werde mich niemals damit abfinden können, dass ein Revolutionär, ein Kommunist, zugleich eine niederträchtige Bestie und ein Schuft sein kann. Dieser Vorfall hat uns dazu gebracht, die Fragen des persönlichen Lebens auf die Tagesordnung zu stellen, und das ist das einzig Positive an der ganzen Geschichte.«
Die überwiegende Mehrheit des Parteikollektivs stimmte für Failos Ausschluss aus der Partei. Gribow wurde wegen falscher Aussagen eine strenge Rüge mit Verwarnung ausgesprochen. Die übrigen, die an der Unterhaltung beteiligt gewesen waren, gestanden, wie sich alles zugetragen hatte. Ihnen wurde ein Verweis erteilt.
Bartelik berichtete über Pawels Nervenzustand, und die Versammelten protestierten stürmisch, als das Parteigericht den Vorschlag machte, Kortschagin eine Rüge zu erteilen. Der Vorschlag wurde zurückgezogen und Pawel rehabilitiert.
Einige Tage später brachte der Zug Pawel nach Charkow. Auf seine beharrliche Bitte hatte sich das Kreiskomitee der Partei damit einverstanden erklärt, ihn dem Zentralkomitee des Kommunistischen Jugendverbandes der Ukraine zur Verfügung zu stellen. Man gab ihm eine gute Charakteristik mit, und er reiste ab. Einer der Sekretäre des ZK war Akim. Pawel ging zu ihm und erzählte ihm alles.
Akim las die Charakteristik. Nach den Worten »der Partei getreu ergeben« stand weiter:
»… ist diszipliniert, nur in äußerst seltenen Fällen jähzornig, kann dabei sogar seine Selbstbeherrschung verlieren. Schuld daran ist eine schwere Störung des Nervensystems.«
»Hat man sich's doch nicht verkneifen können, das in deine Charakteristik einzutragen, Pawluscha. Aber sei darüber nicht betrübt, so etwas kommt
sogar bei gesunden Menschen vor. Fahr nach dem Süden und erhol dich ordentlich. Wenn du zurückkehrst, werden wir schon besprechen, wo du arbeiten kannst.« Akim drückte ihm zum Abschied fest die Hand.

Das Sanatorium des Zentralkomitees »Kommunar«. Üppige Rosenbeete, in der Sonne glitzernde Springbrunnen, weinumrankte Gebäude mitten im Garten. Menschen in weißen Kitteln und in Badeanzügen. Eine junge Ärztin trägt die Namen der Kurgäste ein. Ein geräumiges Zimmer im Eckgebäude, blendendweiße Betten, Sauberkeit und Ruhe, die durch nichts gestört wird.
Vom Bad erfrischt und umgekleidet, ging Kortschagin ans Meer.
Überall, wohin das Auge reichte, Meer, nichts als Meer. Majestätisch und friedlich, blauschwarz wie polierter Marmor lag es da. Irgendwo im fernen himmelblauen Dunst verloren sich seine Grenzen. Wie blitzende Feuerfunken spiegelte sich die strahlende Sonne in den Wellen. Am Horizont zeichneten sich im Morgennebel die hohen Bergmassive ab. Die Brust sog die belebend frische Brise ein, und das Auge konnte sich nicht von der erhabenen Stille des blauen Meeres trennen.
Liebkosend benetzte eine leichte Welle den goldenen Meeressand und Pawels Füße.

SIEBENTES KAPITEL

Neben dem Sanatorium des Zentralkomitees lag der große Park der Poliklinik. Durch diesen Park mussten die Kurgäste aus dem Sanatorium »Kommunar« gehen, wenn sie vom Meer zurückkehrten. Hier, abseits, im Schatten der dichten Platane an der hohen Kalksteinwand, war Pawels Lieblingsplatz. Nur selten kam jemand vorüber. Von diesem Winkel aus konnte man in der Ferne das lebhafte Auf und Ab der Menschen in den Alleen und Wegen des Gartens beobachten und am Abend der Musik lauschen, ohne in das aufregende Getriebe des großen Kurorts hineingerissen zu werden.
Auch heute war Kortschagin dorthin gegangen. Er ließ sich behaglich in einem Schaukelstuhl nieder und schlummerte ein, vom Baden und von der Hitze erschlafft. Sein Frottierhandtuch und der Roman »Meuterei« von Furma-now lagen neben ihm auf einem Stuhl. In den ersten Tagen seines Aufenthalts im Sanatorium war Pawel in einem äußerst nervösen Zustand und litt ununterbrochen an Kopfschmerzen. Die Professoren dokterten immer noch an seiner komplizierten und äußerst seltenen Krankheit herum. Das häufige Abhören und Abklopfen wurde Pawel zuwider und ermüdete ihn. Die leitende Ärztin, die den seltsamen Namen Jerusalimtschik trug, eine sympathische Parteigenossin, konnte ihren Patienten jedes Mal nur mit Mühe ausfindig machen und redete ihm geduldig zu, mit ihr diesen oder jenen Facharzt aufzusuchen.
»Mein Ehrenwort, ich halte das nicht mehr aus«, sagte Pawel. »Fünfmal am Tag muss man ein und dasselbe erzählen. ›War Ihre Großmutter nicht geisteskrank? Hat Ihr Urgroßvater nicht an Rheumatismus gelitten?‹ Verdammt noch mal, woher soll ich denn wissen, woran der gelitten hat, ich habe ihn überhaupt niemals zu Gesicht bekommen. Dabei versucht mir noch jeder zuzureden, ich solle bekennen, dass ich einmal Gonorrhöe oder noch was Schlimmeres gehabt habe. Und ich würde ihnen, offen gestanden, dafür am liebsten jedes Mal eins auf den Schädel geben. Lasst mich doch ausruhen! Denn wenn man mich die ganzen anderthalb Monate studieren wird, werde ich noch gemeingefährlich.«
Die Jerusalimtschik lachte und gab scherzhafte Antworten. Nach wenigen Minuten fasste sie ihn unter und führte ihn, während sie irgend etwas Interessantes erzählte, zum Chirurgen.
Heute war keine Untersuchung vorgesehen, und erst in einer Stunde sollte zu Mittag gegessen werden. Pawel vernahm im Halbschlaf Schritte. Er hatte die Augen geschlossen. Man wird denken, dass ich schlafe, und weggehen. Seine
Hoffnung wurde jedoch zerstört, ein Schaukelstuhl knarrte, irgend jemand ließ sich darauf nieder. Der feine Parfümgeruch verriet, dass eine Frau neben ihm saß. Er öffnete die Augen. Das erste, was er sah, waren ein blendendweißes Kleid und sonngebräunte Füße in Saffiarisandalen, dann ein Bubikopf, zwei große Augen und eine Reihe scharfer weißer Zähne wie bei einem Mäuschen. Sie lächelte verlegen.
»Entschuldigen Sie, ich habe Sie wohl gestört?« Kortschagin schwieg. Das war nicht sehr höflich, jedoch gab er die Hoffnung nicht auf, dass seine Nachbarin verschwinden werde.
»Gehört das Buch Ihnen?«
Sie blätterte in dem Roman.
»Ja.«
Einige Minuten Schweigen.
»Sagen Sie, Genosse, sind Sie aus dem Sanatorium des ZK?« Kortschagin machte eine ungeduldige Bewegung. Was hat sie bloß hier zu suchen? Das nennt sich nun Ausruhen. Gleich wird sie noch fragen, was mir fehlt. Ich will lieber weggehen. Unfreundlich antwortete er: »Nein.«
»Ich glaube, ich habe Sie dort gesehen.«
Pawel hatte sich bereits erhoben, als er hinter sich eine tiefe weibliche Stimme vernahm.
»Dora, wohin hast du dich denn da verkrochen?« Auf den Rand des Schaukelstuhls ließ sich eine üppige, sonnverbrannte Blondine im Strandkostüm nieder. Mit flüchtigem Blick streifte sie Kortschagin.
»Ich muss Sie schon irgendwo gesehen haben, Genosse. Arbeiten Sie nicht zufällig in Charkow?«
»Ja, in Charkow.«
»Und wo arbeiten Sie dort?«
Kortschagin wollte diesen ermüdenden Fragereien ein Ende machen.
»Bei der Müllabfuhr!«
Unwillkürlich zuckte er unter ihrem Gelächter zusammen.
»Man kann nicht behaupten, dass Sie sehr höflich sind, Genosse.«
So begann ihre Freundschaft, und Dora Rodkina, Mitglied des Stadtkomitees der Charkower Parteiorganisation, erinnerte sich noch oft an diesen drolligen Anfang ihrer Bekanntschaft.

Im Garten des Sanatoriums »Talassa«, den Kortschagin wegen des Nachmittagskonzerts aufgesucht hatte, traf er unerwartet Sharki. Ein Foxtrott führte sie zusammen, so sonderbar dies auch war.
Nach einer korpulenten Sängerin, die toll gestikulierend »Die Nacht lodert im Entzücken der Wollust« vorgetragen hatte, sprang ein Pärchen auf die Bühne. Er - mit rotem Zylinder, halbnackt, mit irgendwelchen bunten Schnallen an den Hüften und blendendweißem Vorhemd und Krawatte. Mit einem Wort, die lächerliche Parodie auf einen Wilden. Sie - eine hübsche Person mit viel Stoff umwickelt. Unter dem begeisterten Gegröle der dicken NÖP-Leute, die hinter den Sesseln und Liegestühlen der Sanatoriumsgäste standen, hopste dieses Pärchen auf der Bühne im Foxtrott hin und her. Einen widerwärtigeren Anblick konnte man sich kaum vorstellen. Der feiste Kerl mit seinem lächerlichen Zylinder und die Frau wanden sich dicht aneinandergeschmiegt in unzüchtigen Bewegungen. Kortschagin schickte sich eben zum Gehen an, als sich in der vordersten Reihe, direkt vor der Tribüne, jemand erhob und wütend schrie:
»Zum Teufel noch mal! Was soll diese Prostitution? Schluss damit!« Pawel erkannte Sharki.
Der Klavierspieler brach jäh ab. Die Geige kreischte noch einmal auf und verstummte. Das Pärchen auf der Bühne stand erstarrt. Die Leute hinter den Stühlen zischten wütend:
»Unerhörte Frechheit, die Vorstellung zu stören!«
»Ganz Europa tanzt!«
»Empörend!«
Doch aus einer Gruppe der »Kommunar«-Leute ertönte plötzlich ein schriller Pfiff. Es war Sergej Shbanow, der Sekretär des Tscherepowezker Bezirksjugendkomitees, der beschlossen hatte, der Sache ein Ende zu machen. Andere unterstützten ihn, und das Pärchen verschwand im Nu von der Bildfläche.
Der geschwätzige Conferencier, der wie ein geschniegelter Lakai aussah, gab dem Publikum bekannt, dass die Truppe abreisen würde.
»Ab durch die Mitte, auf unsere Bitte! Sag deiner Lieben, nach Moskau hat's dich getrieben!« sagte unter großem Gelächter ein junger Bursche im Krankenkittel.
Kortschagin fand Sharki in den ersten Reihen. Lange saßen sie in Pawels Zimmer beieinander. Wanja war Agitpropleiter eines Kreis-Parteikomitees.
»Weißt du schon, ich bin verheiratet. Bald werde ich einen Sohn oder eine Tochter haben«, sagte Sharki.
»Oho, wer ist denn deine Frau?« wunderte sich Kortschagin. Sharki zog eine Fotografie aus der Tasche und zeigte sie Pawel.
»Erkennst du sie?« Auf der Fotografie waren er und Anna Borchardt abgebildet.
»Und wo steckt Dubawa?« fragte Pawel noch verwunderter.
»Dubawa ist in Moskau. Er hat nach seinem Ausschluss aus der Partei die Kommunistische Universität verlassen und besucht jetzt die Moskauer Technische Hochschule. Gerüchten zufolge soll er wieder in die Partei aufgenommen sein. Doch ganz zu Unrecht! Von ihm geht Zersetzung aus … Weißt du, was Ignat treibt? Er ist jetzt stellvertretender Direktor einer Werft. Von den anderen habe ich wenig gehört. Wir sind ja in alle Himmelsrichtungen verstreut worden, arbeiten in den verschiedenen Ecken unseres Landes. Es ist schön, einem alten Freund zu begegnen und vergangener Tage zu gedenken«, sagte Sharki.
Dora kam mit einigen Kurgästen ins Zimmer. Ein hochgewachsener Genosse aus Tambow schloss die Tür. Dora warf einen Blick auf Sharkis Orden und erkundigte sich bei Pawel:
»Ist dein Besucher Parteimitglied? Wo arbeitet er?«
Ohne zu wissen, worum es sich handelte, gab Kortschagin kurz über Sharki Auskunft.
»Dann kann er hierbleiben. Soeben sind Genossen aus Moskau eingetroffen. Sie werden uns über die letzten Ereignisse in der Partei berichten. Wir haben beschlossen, bei dir zu einer Art geschlossener Sitzung zusammenzukommen«, erklärte Dora.
Fast alle Anwesenden, mit Ausnahme von Pawel und Sharki, waren alte Bolschewiki. Bartaschew, ein Mitglied der Moskauer Kontrollkommission, berichtete über die neue Opposition, die von Trotzki, Sinowjew und Kamenew geführt wurde.
»In einer so gespannten Situation müssen wir an Ort und Stelle sein«, schloss Bartaschew. »Ich reise morgen ab.«

Drei Tage nach dieser Sitzung verließen die Patienten vorzeitig das Sanatorium. Auch Pawel reiste ab, ohne das Ende seines Urlaubs abzuwarten.
Im Zentralkomitee des Jugendverbandes hielt man ihn nicht lange auf. Er wurde zum Sekretär des Kreis-Jugendkomitees in einem Industriegebiet ernannt, und schon nach einer Woche sprach er zum ersten Mal vor den städtischen Funktionären.
An einem späten Herbsttag raste das Auto des Kreis-Parteikomitees, in dem Kortschagin mit noch zwei anderen Funktionären nach einem weit entlegenen Bezirk fuhr, in einen Graben und überschlug sich. Alle Insassen wurden verletzt. Kortschagin trug eine Quetschung des rechten Knies davon. Wenige Tage nach diesem Unfall brachte man ihn in die Charkower Chirurgische Klinik. Nach einer Untersuchung des geschwollenen Knies und nach verschiedenen Röntgenaufnahmen sprach sich das Ärztekonsilium für eine sofortige Operation aus.
Kortschagin gab seine Zustimmung.
»Also morgen früh«, sagte der dicke Professor, der Leiter des Konsiliums, und erhob sich. Ihm folgten die anderen.
Ein kleines, helles Einzelzimmer. Tadellose Sauberkeit und ein längst vergessener eigentümlicher Lazarettgeruch. Kortschagin blickte um sich. Ein Nachttisch mit schneeweißem Deckchen, ein weißer Schemel - das war alles.
Die Schwester brachte das Abendbrot.
Pawel wollte nicht essen. Im Bett halb aufgerichtet, schrieb er Briefe. Der Schmerz im Bein erschwerte das Denken. Das Essen widerte ihn an.
Als der vierte Brief geschrieben war, öffnete sich behutsam die Tür des Krankenzimmers. Eine junge Frau in weißem Kittel und mit weißer Haube kam herein. Sie hatte feingezeichnete Brauen und große Augen, die schwarz zu sein schienen. In der einen Hand hielt sie eine Aktenmappe, in der anderen - ein Blatt Papier und einen Bleistift.
»Ich bin Ihr Arzt«, sagte sie.
»Habe heute Dienst und werde jetzt gleich ein kleines Verhör veranstalten. Und Sie werden - wohl oder übel - alles über sich erzählen müssen.«
Sie lächelte freundlich, und dieses Lächeln machte das »Verhör« weniger unangenehm. Eine ganze Stunde lang erzählte Kortschagin sowohl von sich als auch von seiner Urgroßmutter.

Die Menschen im Operationssaal trugen Gazemasken.
Vernickelte chirurgische Instrumente blinkten. Ein schmaler Tisch, darunter eine riesige Schüssel. Als sich Kortschagin hingelegt hatte, war der Professor gerade mit dem Händewaschen fertig.
Hinter Pawel beeilte man sich mit den Vorbereitungen für die Operation. Kortschagin schaute um sich. Die Schwester legte die Lanzetten und Pinzetten zurecht. Die ihn behandelnde Ärztin, Bashanowa, löste den Verband vom Bein.
»Schauen Sie nicht hin, Genosse Kortschagin, das ist nicht gut für die Nerven«, sagte sie leise.
»Von wessen Nerven sprechen Sie, Doktor?« Kortschagin lächelte spöttisch.
Nach wenigen Minuten bedeckte eine dichte Maske sein Gesicht, und der Professor sagte:
»Seien Sie ganz ruhig. Sie bekommen gleich Chloroform. Atmen Sie tief durch die Nase und zählen Sie.«
Unter der Maske ließ sich eine gedämpfte, ruhige Stimme vernehmen:
»Gut. Ich bitte schon im voraus um Entschuldigung, wenn ich nicht ganz salonfähige Ausdrücke von mir geben sollte.«
Der Professor konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.
Die ersten Chloroform tropfen verbreiteten einen widerlich stickigen Geruch.
Kortschagin lag auf dem Operationstisch, atmete tief, und bemüht, deutlich zu sprechen, fing er an zu zählen. So begann der erste Akt seiner Tragödie.

Artjom riss den Briefumschlag auf. Von einer ihm selbst unerklärlichen Erregung erfasst, faltete er den Brief auseinander, überflog hastig die ersten Zeilen und las ihn, ohne aufzublicken, bis zum Ende.

Artjom! Wir schreiben einander viel zu selten. Einmal, höchstens zweimal im Jahr! Es kommt ja auch nicht auf die Zahl an. Du schreibst, dass Du mit Deiner Familie aus Schepetowka nach dem Kasatinsker Depot übergesiedelt bist, um die Wurzeln auszureißen.
Ich kann das verstehen, diese Wurzeln - das ist die rückständige, kleinbürgerliche Denkweise Deiner Frau Stjoscha, das sind ihre Verwandten und alles Drum und Dran. Menschen vom Schlage Stjoschas sind schwer umzuformen. Ich fürchte sogar, dass Dir das nie gelingen wird. Du schreibst, »es ist schwer, noch im Alter zu lernen«, jedoch geht's bei Dir anscheinend ganz gut vorwärts. Du hast nicht recht, Dich so hartnäckig zu weigern, den Betrieb zu verlassen,
um als Vorsitzender des Stadtsowjets zu arbeiten. Du hast doch mit um die Macht gekämpft. So nimm also auch daran teil. Gleich morgen musst Du mit der Arbeit im Stadtsowjet beginnen!
Jetzt von mir. Es gehen da sonderbare Dinge vor sich. Ich musste oft Krankenhäuser aufsuchen, wurde bereits zweimal operiert, habe dabei nicht wenig Blut und Kräfte verloren, und niemand kann mir sagen, wann das alles endlich aufhören wird.
Ich habe meine Arbeit aufgegeben und eine neue Beschäftigung gefunden, nämlich »krank« zu spielen. Ich habe nicht wenig ausgestanden, und nun kann ich als Resultat das rechte Knie nicht bewegen, habe einige Nähte am Körper, und dazu kommt die letzte ärztliche Entdeckung, dass mir der Stoß, den ich vor sieben Jahren ins Rückgrat bekommen habe, noch schwer zu schaffen machen wird. Ich bin bereit, alles zu ertragen, um nur wieder meinen Platz in den Kampfreihen einnehmen zu können.
Es gibt für mich nichts Schrecklicheres, als ausscheiden zu müssen. Ich wage es kaum, daran auch nur zu denken. Deshalb bin ich zu allem bereit. Es winkt jedoch keine Besserung, und die Wolken am Horizont ziehen sich immer dichter zusammen. Sobald ich mich nach der ersten Operation ein wenig erholt hatte, bin ich sogleich zur Arbeit zurückgekehrt, wurde jedoch bald darauf wieder hierher gebracht. Soeben habe ich eine Überweisung ins Sanatorium »Mainak« in Jewpatoria bekommen. In einigen Tagen fahre ich. Sei nicht traurig, Artjom. Ich bin ja nicht umzubringen. In mir steckt Leben genug für drei. Werde schon noch was schaffen, Brüderchen. Achte auf Deine Gesundheit, mute Dir nicht zuviel zu. Die Wiederherstellung der Gesundheit kommt dann der Partei teuer zu stehen. Mit den Jahren haben wir Erfahrung und Wissen gesammelt, so manches gelernt, und das alles nicht dazu, um dann in Lazaretten herumzulungern.
Ich drücke Dir fest die Hand.
Pawel

Um die gleiche Zeit, als Artjom, die dichten Brauen runzelnd, den Brief des Bruders las, verabschiedete sich Pawel im Krankenhaus von der Ärztin Bashanowa. Sie reichte ihm die Hand und fragte:
»Sie fahren morgen auf die Krim? Wo wollen Sie den Rest des Tages verbringen?«
Kortschagin antwortete:
»Gleich kommt die Genossin Rodkina. Bis morgen werde ich im Kreis ihrer Familie sein, und dann begleitet sie mich zum Bahnhof.«
Die Bashanowa kannte Dora, die Pawel häufig besucht hatte.
»Erinnern Sie sich noch an unser Gespräch, Genosse Kortschagin, als Sie mir versprachen, vor Ihrer Abreise meinen Vater aufzusuchen? Ich habe ihm von Ihrem Gesundheitszustand ausführlich erzählt und möchte gern, dass er Sie untersucht. Heute Abend könnte man das machen.«
Kortschagin erklärte sich sofort einverstanden.'
An demselben Abend wurde Pawel von Irina Wassiljewna in das geräumige Kabinett ihres Vaters geführt.
In Anwesenheit seiner Tochter untersuchte der berühmte Chirurg Kortschagin aufmerksam. Irina hatte sämtliche Röntgenaufnahmen und Analysen aus der Klinik mitgebracht. Pawel entging die plötzliche Blässe nicht, die eine Bemerkung ihres Vaters in lateinischer Sprache auf Irinas Gesicht hervorgerufen hatte. Kortschagin betrachtete den großen kahlen Kopf des Professors und versuchte irgend etwas in seinen durchdringenden Augen zu lesen. Bashanow war jedoch nichts anzumerken.
Als sich Pawel angezogen hatte, verabschiedete sich der Chirurg höflich von ihm; er fuhr zu einer Sitzung und beauftragte die Tochter, Pawel seine Diagnose mitzuteilen.
Kortschagin legte sich in dem mit auserlesenem Geschmack eingerichteten Zimmer Irina Wassiljewnas auf den Diwan und wartete, bis sie zu sprechen beginnen würde. Sie wusste jedoch nicht, wie sie anfangen, wie sie ihm den
Befund beibringen sollte. Es fiel ihr sehr schwer. Der Vater hatte ihr erklärt, dass die Wissenschaft vorläufig nicht imstande sei, das Zerstörungswerk eines in Pawels Organismus vor sich gehenden Entzündungsprozesses aufzuhalten. Er war gegen jeden chirurgischen Eingriff.
»Diesen jungen Menschen erwartet die Tragödie einer völligen Lähmung, und wir sind machtlos dagegen.«
Als Arzt und Freund fand Irina es nicht ratsam, ihm dies zu sagen, und teilte ihm vorsichtig nur einen kleinen Teil der Wahrheit mit:
»Ich bin fest davon überzeugt, Genosse Kortschagin, dass die Moorbäder in Jewpatoria eine Änderung hervorrufen werden und dass Sie im Herbst wieder arbeitsfähig sind.«
Während sie dies sagte, übersah sie völlig, dass sie die ganze Zeit zwei aufmerksame Augen beobachteten.
»Aus Ihren Worten, vielmehr aus dem, was Sie nicht aussprechen, erkenne ich den ganzen Ernst meines Zustandes. Können Sie sich noch daran erinnern, dass ich Sie darum gebeten habe, mit mir immer offen zu sprechen? Vor mir braucht man nichts zu verbergen. Ich werde nicht in Ohnmacht fallen und gedenke mich auch nicht umzubringen. Ich möchte aber im voraus wissen, was mich erwartet«, erklärte Pawel.
Die Ärztin versuchte jedoch, ihn mit scherzhaften Worten abzulenken. So erfuhr Pawel an diesem Abend nicht die Wahrheit über das, was ihn erwartete. Als sie sich verabschiedeten, sagte sie leise:
»Vergessen Sie nie, dass ich viel für sie übrig habe, Genosse Kortschagin. In Ihrem Leben kann noch so manches passieren. Wenn Sie meine Hilfe oder meinen Rat brauchen, so benachrichtigen Sie mich. Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht.«
Sie schaute ihm durchs Fenster nach und sah, wie sich die hohe, auf einen Stock gestützte Gestalt in der Lederjacke mühsam zu einer Droschke schleppte.
Und wieder war er in Jewpatoria. Südliche Hitze. Lärmende, sonnverbrannte Menschen mit goldgestickten runden Tatarenmützen auf den Köpfen. In zehn Minuten brachte das Auto die Fahrgäste zu einem zweistöckigen grauen Kalksteingebäude, dem Sanatorium »Mainak«. Der diensthabende Arzt wies die Angekommenen in ihre Zimmer.
»Von wem haben Sie Ihre Einweisung, Genosse?« fragte er Kortschagin und machte vor dem Zimmer Nr. 11 halt.
»Vom ZK der KP(B) der Ukraine,«
»Dann werden wir Sie hier beim Genossen Ebner unterbringen. Er ist ein Deutscher und hat um einen russischen Nachbarn gebeten«, erklärte ihm der Arzt. Er klopfte an die Tür, und aus dem Zimmer rief eine Stimme in schlechtem Russisch: »Herein!«
Kortschagin stellte seinen Koffer im Zimmer ab und wandte sich einem hellblonden Mann mit schönen, lebhaften Augen zu, der auf dem Bett lag. Der Deutsche begrüßte ihn mit gutmütigem Lächeln:
»Guten Morgen, Genosse. Ich wollte eigentlich ›Sdrastwuj‹ sagen«, verbesserte er sich und streckte Pawel seine durchsichtige Hand mit den langen schmalen Fingern entgegen.
In wenigen Minuten saß Pawel an seinem Bett, und bald darauf waren sie in ein lebhaftes Gespräch vertieft, das in jener »internationalen« Sprache geführt wurde, in der die Worte nur eine untergeordnete Rolle spielen und der unverstandene Satz durch Erraten, durch Gesten und Mimik - überhaupt durch alle Mittel des ungeschriebenen Esperanto ergänzt wird. Pawel wusste bald, dass Adam Ebner ein deutscher Arbeiter war.
Während des Hamburger Aufstandes von 1923 hatte eine Kugel Ebner an der Hüfte verletzt. Jetzt war die alte Wunde wieder aufgebrochen und fesselte ihn ans Bett. Trotz großer Schmerzen hielt er sich tapfer und gewann dadurch Pawels Achtung.
Einen besseren Nachbarn hätte sich Pawel kaum wünschen können. Das war keiner, der vom Morgen bis zum Abend über seine Krankheiten redete und
jammerte. Man konnte im Gegenteil, war man mit ihm zusammen, sein eigenes Missgeschick vergessen.
Es ist nur schade, dass ich keine blasse Ahnung von der deutschen Sprache habe, dachte Pawel.

In einer Gartenecke standen einige Schaukelstühle, ein Tisch aus Bambusrohr und zwei Krankenwagen. Hier verbrachten die fünf, die von den Kranken den Spitznamen »Exekutivkomitee der Komintern« erhalten hatten, nach der Heilbehandlung den ganzen Tag.
Auf dem einen Wagen lag Ebner und auf dem anderen Pawel Kortschagin. Die Ärzte hatten ihm das Gehen verboten. Die drei übrigen waren: der schwerfällige Este Weimann, die Lettin Martha Laurin, eine braunäugige junge Frau mit dem Gesicht eines achtzehnjährigen Mädchens, und der Sibirier Ledenew, ein großer kräftiger Mann mit ergrauten Schläfen. Tatsächlich waren hier fünf Nationalitäten vertreten: ein Deutscher, ein Este, eine Lettin, ein Russe und ein Ukrainer. Martha und Weimann beherrschten die deutsche Sprache und übersetzten für Ebner. Pawel und Ebner hatte das Zusammenleben einander näher gebracht. Martha und Weimann hatten sich mit Ebner durch die deutschen Sprachkenntnisse und Ledenew mit Kortschagin durch das Schachspiel angefreundet.
Bis zur Ankunft von Innokenti Pawlowitsch Ledenew war Kortschagin »Schachmeister« des Sanatoriums gewesen. Er hatte sich diesen Titel nach einem hartnäckigen Kampf mit Weimann erobert. Weimann wurde besiegt, und das brachte den phlegmatischen Esten aus dem Gleichgewicht. Lange konnte er Kortschagin diese Niederlage nicht verzeihen.
Bald jedoch tauchte im Sanatorium ein hochgewachsener älterer Mann auf, der für seine fünfzig Jahre ungewöhnlich jung aussah; er machte Kortschagin den Vorschlag, mit ihm eine Partie zu spielen. Ohne Gefahr zu wittern, eröffnete Kortschagin die Partie mit einem Damengambit, woraufhin Ledenew mit den mittleren Bauern losrückte. Als »Schachmeister« war Pawel verpflichtet, mit jedem neu eingetroffenen Schachspieler zu spielen. Jedes Mal versammelte sich dabei eine große Schar von Zuschauern. Schon beim neunten Zug erkannte Kortschagin die Gefahr der sicher vorrückenden Bauern Ledenews und begriff, dass er es mit einem gefährlichen Gegner zu tun hatte. Ganz zu Unrecht war er an dieses Spiel so leichtsinnig herangegangen.
Nach dreistündigem Kampf war Pawel gezwungen, sich trotz aller Bemühungen und Anstrengungen zu ergeben. Er erkannte seine Niederlage weit früher als alle anderen, die ihn umstanden. Er schaute seinen Partner an, und Ledenew erwiderte diesen Blick mit einem gutmütigen väterlichen Lächeln. Es war klar, dass er ebenfalls Pawels Niederlage kommen sah. Der aufgeregte Este, der unverhohlen Kortschagins Niederlage herbeisehnte, hatte noch nichts bemerkt.
»Ich pflege immer bis zum letzten Bauern auszuharren«, sagte Pawel, und als Antwort nickte Ledenew zustimmend auf die ihm allein verständlichen Worte.
Im Laufe von fünf Tagen spielte Kortschagin zehn Partien mit Ledenew, von denen er sieben verlor, zwei gewann und eine unentschieden gestaltete.
Weimann triumphierte:
»Ach, ich danke Ihnen, Genosse Ledenew! Sie haben es ihm ordentlich gegeben! Das hat er verdient! Uns alte Schachspieler hat er alle reingelegt und ist selbst bei einem alten reingefallen. Hahaha .….! 's ist nicht angenehm zu verlieren, was?« neckte er seinen besiegten Besieger.
Kortschagin war nicht mehr »Schachmeister«. An Stelle dieser Spielerehre fand er jedoch in Innokenti Pawlowitsch einen Menschen, der ihm in der Folge lieb und teuer wurde. Kortschagins Schachniederlage war kein Zufall. Er kannte die Strategie des Schachspiels nur oberflächlich. Seine Niederlage hatte ihm ein Meister beigebracht, der in die Geheimnisse des Schachspiels eingeweiht war.
Kortschagin und Ledenew hatten ein gemeinsames Datum in ihrem Leben: Kortschagin war in demselben Jahr zur Welt gekommen, in dem Ledenew in
die Partei eintrat. Der eine war der typische Vertreter der alten und der andere der der jungen bolschewistischen Garde. Der eine verfügte über große politische Erfahrung und Lebensweisheit, hatte viele Jahre in der Illegalität und in den zaristischen Gefängnissen verbracht und dann verantwortliche Arbeit im Staatsapparat geleistet; der andere hatte jugendliches Feuer und nur acht Kampfjahre hinter sich, die jedoch imstande gewesen wären, mehr als ein Leben zu verbrennen. Und alle beide - der Alte wie der Junge - hatten heiße Herzen und eine untergrabene Gesundheit. Die Tage eilten dahin.
Am Abend verwandelte sich das gemeinsame Zimmer Ebners und Kortscha-gins in einen Klub. Hier erfuhr man sämtliche politischen Neuigkeiten. Die Abende im Zimmer Nr. 11 verliefen äußerst lebhaft. Oft versuchte Weimann irgendwelche saftigen Witze zu erzählen, denn er war ein großer Liebhaber von Witzen, geriet jedoch sofort in ein doppeltes Kreuzfeuer von Martha und Kortschagin. Martha verstand es, ihn mit feinem ironischem Spott zurechtzuweisen. Wenn dies nicht half, mischte sich Kortschagin ein.
»Weimann, wäre es nicht angebracht, erst einmal anzufragen, ob uns deine Geistreichelei überhaupt gefällt …?« begann Martha, und Pawel unterstützte sie in erregtem Ton: »Ich verstehe absolut nicht, wie sich das bei dir zusammenreimt …«
Weimann schob die wulstige Unterlippe vor, und seine schmalen Äuglein huschten spöttisch über die Gesichter der Anwesenden.
»Es wird wohl bei der Hauptverwaltung für politische Aufklärung eine Inspektion für Moral eingeführt werden müssen. Ich werde ihr Kortschagin als Oberinspektor empfehlen. Martha kann ich noch verstehen. Sie macht eben in ihrer Eigenschaft als Frau Opposition, aber Kortschagin will sich als Tugendengel aufspielen, so eine Art Komsomolsäugling … Und außerdem kann ich es überhaupt nicht leiden, wenn das Ei die Henne belehren will.«
Nach einer solchen erregten Auseinandersetzung über kommunistische Ethik wurde die Frage der anzüglichen Witze eines Tages prinzipiell erörtert. Martha übersetzte Ebner die Standpunkte der Streitenden.
»Erotische Witze taugen nicht viel«, erklärte Adam. »Ich teile Pawels Standpunkt.«
Weimann blieb nichts anderes übrig als nachzugeben. Er versuchte sich scherzend aus der Affäre zu ziehen und gab in Zukunft keine Witze mehr zum besten.
Kortschagin hielt Martha für eine Komsomolzin. Ihrem Aussehen nach schätzte er sie auf neunzehn Jahre. Wie groß war jedoch sein Erstaunen, als er eines Tages aus einem Gespräch mit ihr erfuhr, dass sie seit 1917 Parteimitglied, einunddreißig Jahre alt war und zu den aktivsten Funktionären der lettischen Kommunistischen Partei gehört hatte. 1918 war sie von den Weißen zum Tode durch Erschießen verurteilt, aber kurz darauf auf dem Weg des Austausches, gemeinsam mit anderen Genossen, nach der Sowjetunion gebracht worden. Zur Zeit arbeitete sie in der »Prawda« und studierte gleichzeitig auf einer Hochschule. Auf welche Weise sie sich miteinander befreundet hatten, konnte sich Kortschagin nicht mehr entsinnen. Aber die kleine Lettin, die Ebner häufig besuchte, wurde bald ein festes Glied der Fünfergruppe. Der Genosse Eglitt, der viele Jahre illegal in der Partei gearbeitet hatte, ebenfalls Lette, neckte sie verschmitzt:
»Martchen, was soll nun aus dem armen Osol in Moskau werden? Das geht doch nicht!«

Jeden Morgen, eine Minute vor dem Glockenzeichen, hörte man im Sanatorium einen Hahn krähen. Ebner war es, der den Hahnenschrei so naturgetreu nachzuahmen verstand. Alle Bemühungen des Personals, den auf unerklärliche Weise in das Sanatorium hineingeratenen Hahn ausfindig zu machen, waren vergebens. Ebner machte das großen Spaß.
Gegen Ende des Monats begann sich Kortschagins Befinden zu verschlechtern. Die Ärzte verordneten ihm Bettruhe. Ebner war sehr traurig darüber, denn er hatte diesen jungen Bolschewiken, dessen Gesundheit so früh zerrüttet und der doch niemals missgestimmt war, sondern stets vor Lebensfreude und Energie übersprudelte, aufrichtig lieb gewonnen. Als er von Martha hörte, dass die Ärzte Kortschagin eine tragische Zukunft prophezeiten, war er sehr aufgeregt.
Bis zur Abfahrt aus dem Sanatorium musste Kortschagin das Bett hüten, aber es gelang ihm, seine Leiden vor seiner Umgebung zu verbergen. Nur Martha erriet an der ungewöhnlichen Blässe seines Gesichts, was er durchlitt. Eine Woche vor seiner Abreise erhielt Pawel einen Brief vom ukrainischen Zentralkomitee, in dem ihm die Genossen mitteilten, dass sie seinen Urlaub um zwei Monate verlängert hätten, da nach dem Befund der Sanatoriumsärzte an eine Rückkehr zur Arbeit bei seinem augenblicklichen Gesundheitszustand nicht zu denken sei. Gleichzeitig mit dem Brief schickten ihm die Genossen Geld.
Pawel nahm diesen ersten Schlag entgegen, wie er einstmals Shuchrais Schläge beim Boxunterricht entgegenzunehmen pflegte; damals wurde er auch zu Boden geworfen, war aber immer wieder auf die Beine gesprungen.
Unerwartet erhielt er eines Tages einen Brief von seiner Mutter. Sie schrieb ihm, dass in einer Hafenstadt, unweit von Jewpatoria, ihre Jugendfreundin Albina Kützam lebe, die sie schon fünfzehn Jahre nicht gesehen habe. Sie bitte ihn sehr darum, diese Freundin aufzusuchen. Dieser Brief sollte eine große Rolle in Pawels Leben spielen.
Eine Woche später begleiteten ihn die Freunde aus dem Sanatorium zur Landungsstelle. Beim Abschied umarmte Ebner seinen Leidensgefährten Pawel herzlich und küsste ihn wie einen Bruder. Martha war jedoch verschwunden, und Pawel reiste ab, ohne sich von ihr verabschiedet zu haben.
Am nächsten Tag brachte ihn eine Droschke von der Anlegestelle zu einem Häuschen, das in einem nicht sehr großen Garten stand. Pawel bat seinen Begleiter, sich zu erkundigen, ob hier die Familie Kützam wohne.
Die Familie Kützam bestand aus fünf Personen: der Mutter Albina Kützam, einer älteren, ein wenig korpulenten Frau mit schwermütigen schwarzen Augen und einem Gesicht, das Spuren ehemaliger Schönheit aufwies, ihren zwei Töchtern, Lolja und Taja, dem Söhnchen Loljas und dem alten Kützam, einem unangenehmen Dickwanst, der wie ein Eber aussah.
Der Alte arbeitete in einem Konsumladen, die jüngere Tochter, Taja, war als ungelernte Arbeiterin tätig, die ältere, Lolja, eine Stenotypistin, hatte sich kürzlich von ihrem Mann, einem Säufer und Tunichtgut, getrennt und war im Augenblick arbeitslos. Sie war tagsüber zu Hause, sorgte für ihr Söhnchen und half der Mutter in der Wirtschaft. Außer den Töchtern hatte Mutter Kützam noch einen Sohn, George, der sich jedoch in Moskau aufhielt.
Kortschagin wurde von der Familie Kützam herzlich aufgenommen. Nur der Alte warf dem Gast einen missgünstigen, lauernden Blick zu.
Geduldig erzählte Pawel der Mutter alles, was er aus der Familienchronik der Kortschagins wusste, und erkundigte sich auch nach ihrem Leben.
Lolja war zweiundzwanzig Jahre alt. Die kurzhaarige schlichte Brünette mit dem breiten, offenen Gesicht freundete sich rasch mit Pawel an und weihte ihn gern in alle Familiengeheimnisse ein. Kortschagin erfuhr, dass der Alte die ganze Familie tyrannisiere, jede Initiative und die geringste Willensäußerung unterdrücke. Beschränkt, engherzig, kleinlich und nörglerisch, hielt er die Familie in ständigem Schrecken und zog sich damit die tiefe Feindschaft der Kinder und den Hass seiner Frau zu, die bereits fünfundzwanzig Jahre lang gegen seinen Despotismus ankämpfte. Die Töchter standen stets auf Seiten der Mutter, aber diese unaufhörlichen Familienstreitigkeiten vergällten ihnen das Leben. So vergingen die Tage - eine Kette von unendlich vielen kleinen und großen Kränkungen.
Das zweite Unglück der Familie war George. Nach Loljas Schilderungen war er ein typischer Geck, ein hochnäsiger Aufschneider, der es liebte, gut zu essen, sich schick zu kleiden und oft einen hinter die Binde zu gießen. Nach Beendigung der Neunjahresschule hatte George, der Liebling der Mutter, Geld für eine Reise nach Moskau verlangt.
»Ich fahre auf die Universität. Mag Lolja ihren Ring verkaufen und du deine Sachen. Ich brauche Geld, woher ihr es nehmt, ist mir egal.« George wusste sehr gut, dass ihm die Mutter nichts abschlagen konnte, und nutzte ihre Schwäche auf gewissenlose Weise aus. Den Schwestern gegenüber verhielt er sich geringschätzig und hochmütig, betrachtete sie von oben herab. Alles Geld, das Frau Kützam vom Alten herausholen konnte, und alles, was Taja verdiente, schickte die Mutter dem Sohn. Und George lebte, nachdem er mit Glanz durchs Examen gefallen war, sorglos bei seinem Onkel und terrorisierte die Mutter mit Telegrammen, in denen er Geld verlangte.
Taja, die jüngere Tochter, bekam Kortschagin erst am späten Abend zu sehen. Flüsternd teilte ihr die Mutter im Hausflur die Ankunft des Gastes mit. Taja begrüßte Pawel, reichte ihm verlegen die Hand und errötete bis in die Spitzen ihrer kleinen Ohren vor dem unbekannten jungen Mann. Pawel gab ihre kräftige, abgearbeitete Hand nicht gleich frei.
Taja war achtzehn Jahre alt. Sie war keine Schönheit, aber ihre großen braunen Augen, die feinen mongolisch gezeichneten Brauen, die schöne Linie der Nase und die frischen, eigensinnigen Lippen verliehen ihr einen eigenen Reiz. Die gestreifte Arbeitsbluse spannte sich über ihren jungen festen Brüsten.
Die Schwestern bewohnten zwei winzige Zimmer. In Tajas Zimmer standen eine schmale, eiserne Bettstelle und eine Kommode, die allerhand Nippsachen und ein kleiner Spiegel zierten. An der Wand hingen etwa drei Dutzend Karten und Fotografien. Das Fensterbrett schmückten zwei Blumentöpfe mit blutroten Geranien und rosa Astern. Die Mullgardine war durch ein hellblaues Band zusammengerafft.
»Taja gestattet ungern Vertretern des männlichen Geschlechts, ihr Zimmer zu betreten. Mit Ihnen macht sie jedoch eine Ausnahme, wie Sie sehen«, verulkte Lolja die Schwester.
Am nächsten Tag saß die Familie in den Räumen der Eltern zum Tee beisammen. Taja war in ihrem Zimmer und lauschte von dort aus dem allgemeinen Gespräch. Der alte Kützam rührte gelegentlich in seinem Teeglas und blickte ärgerlich über die, Brillengläser hinweg auf den vor ihm sitzenden Gast.
»Ich verurteile die heutigen Familiengesetze«, sagte er. »Fällt's dir gerade ein, heiratest du, und passt dir was nicht, ist gleich die Scheidung da. Man macht eben, was man will.«
Der Alte verschluckte sich und musste husten. Wieder zu Atem gekommen, zeigte er auf Lolja.
»Hat ihren Schatz genommen, ohne zu fragen, und hat ihn stehen lassen, ohne zu fragen. Und nun kannst du die Tochter und noch das Kind von dem da durchfüttern. Sauerei!«
Lolja errötete tief gekränkt und suchte ihre Tränen vor Pawel zu verbergen.
»Und was meinen Sie? Hätte sie vielleicht mit diesem Parasiten weiter zusammenleben sollen?« fragte Pawel, ohne seine vor Aufregung blitzenden Augen von dem Alten abzuwenden.
»Sie hätte sich's überlegen müssen, bevor sie ihn genommen hat«, erwiderte dieser gehässig.
Albina mischte sich ins Gespräch ein. Mit Mühe hielt sie ihre Empörung zurück und sagte schroff:
»Hör mal, Alter, wozu erwähnst du in Anwesenheit eines fremden Menschen solche Dinge? Man kann ja auch von irgend etwas anderem sprechen und nicht gerade darüber.«
Der Alte wandte sich ihr zu: »Ich weiß, was ich zu reden habe! Seit wann ist es üblich, mir Vorhaltungen zu machen?«
In der Nacht dachte Pawel viel über die Familie Kützam nach. Er war hier zufällig hereingeschneit und nahm unwillkürlich an einem Familiendrama teil. Er überlegte, wie er der Mutter und den Töchtern aus dieser Versklavung heraushelfen könnte. Jedoch sein eigenes Leben hinderte ihn, frei zu handeln; vor ihm selbst standen neue und ungelöste Fragen. In diesem Augenblick war es schwerer denn je, irgendwelche entscheidenden Schritte zu unternehmen.
Es gab nur einen Ausweg: Die Familie musste sich trennen - Mutter und Töchter mussten endgültig vom Alten weggehen. Das war jedoch nicht so einfach. Pawel war nicht imstande, sich diesem Familienproblem zu widmen. Nach wenigen Tagen sollte er abfahren und würde diesen Menschen vielleicht nie wieder begegnen. Sollte man nicht vielleicht besser alles seinen Gang gehen lassen und lieber keinen Staub aufwirbeln? Die widerwärtige Art des Alten ließ ihm jedoch keine Ruhe. Pawel entwarf verschiedene Pläne, doch erschienen sie ihm alle undurchführbar.
Der nächste Tag war ein Sonntag. Als Pawel aus der Stadt zurückkehrte, war Taja allein zu Hause. Die anderen waren zu Besuch bei Verwandten.
Pawel ging zu ihr ins Zimmer und ließ sich müde auf einen Stuhl fallen.
»Warum gehen Sie nirgends hin und zerstreuen sich ein wenig?« fragte er sie.
»Ich habe keine Lust, irgendwohin zu gehen«, antwortete sie leise.
Er erinnerte sich an seine nächtlichen Pläne und beschloss, Taja um ihre Meinung zu fragen.
Schnell, damit ihn niemand störe, ging er auf sein Ziel los:
»Hör mal, Taja, wir wollen miteinander per ›du‹ reden - wozu diese chinesischen Zeremonien? Ich reise bald ab. Wir haben uns in einer ungünstigen Zeit kennen gelernt, in einer Zeit, in der ich selbst in die Klemme geraten bin, sonst würden wir die Sache anders anpacken. Wäre das vor einem Jahr geschehen, so hätte ich euch einfach von hier weggeholt. Für solche Hände wie deine und Loljas findet sich immer und überall Arbeit. Von eurem Vater müsst ihr euch trennen, der lässt sich nicht überzeugen. Aber vorerst ist dieser Plan undurchführbar. Ich weiß selbst noch nicht, was aus mir werden wird, und darum stehe ich, sozusagen, ohne Waffen da. Was muss man also jetzt tun? Ich werde meine Rückkehr zur Arbeit durchsetzen. Die Ärzte haben, weiß der Teufel was, über mich geschrieben, und die Genossen zwingen mich dazu, mich endlich zu kurieren. Nun, das werden wir dort schon in Ordnung bringen … Ich werde meiner Mutter schreiben, und wir werden sehen, wie man dem Jammer ein Ende macht. Ich lasse euch trotz allem nicht im Stich. Aber eins musst du wissen, Tajuscha, ihr werdet euer Leben von Grund auf ändern müssen, vor allem du. Hast du den Willen und die Kraft dazu?«
Taja hob den Kopf und erwiderte leise:
»Den Willen habe ich schon, ob ich jedoch die Kraft aufbringen werde, weiß ich nicht.«
Die Unbestimmtheit der Antwort war Kortschagin begreiflich.
»Macht nichts, Tajuscha. Wir werden das schon schaffen, wenn nur der Wille vorhanden ist. Sag mir nur: Fühlst du dich sehr mit deiner Familie verbunden?«
Taja antwortete nicht sogleich, denn die Frage war zu unerwartet gekommen.
»Mir tut nur die Mutter sehr leid«, sagte sie schließlich. »Ihr ganzes Leben lang hat der Vater sie gequält. Und jetzt holt George noch das Letzte aus ihr heraus. Sie tut mir so leid … obwohl sie mich nicht so lieb hat wie George …«
Viel sprachen sie an diesem Tag miteinander, und kurz vor der Rückkehr der anderen sagte Pawel scherzend:
»Erstaunlich, dass der Alte noch keinen Versuch gemacht hat, dich unter die Haube zu bringen!«
Taja winkte erschrocken ab.
»Ich werde nie heiraten. Loljas Ehe ist mir eine Warnung. Um keinen Preis werde ich heiraten.«
Pawel lächelte.
»Also ein Gelübde fürs Leben? Wenn aber der Richtige auftaucht, ein wirklich feiner Kerl, was dann?«
»Auch dann nicht. Alle sind gut, solange sie einem den Hof machen.«
Pawel legte seine Hand besänftigend auf ihre Schulter.
»Gut. Man kann auch ohne Mann auskommen. Du bist aber gar zu schlecht auf die Männer zu sprechen. Ein Glück nur, dass ich dir nicht den Hof gemacht, um dich geworben habe, sonst hätte ich mich wohl gleich böse in
die Nesseln gesetzt.« Freundschaftlich streichelte er die Hand des verlegenen Mädchens.
»Solche wie du suchen sich ganz andere Frauen aus. Wozu brauchen die denn uns?« sagte sie leise.

Einige Tage später brachte der Zug Kortschagin nach Charkow. Taja, Lolja und Albina mit ihrer Schwester Rosa begleiteten ihn zum Bahnhof. Beim Abschied nahm ihm Albina das Versprechen ab, die Mädchen nicht im Stich zu lassen und ihnen behilflich zu sein, aus diesem Elend herauszukommen. Sie verabschiedeten sich von ihm wie von einem nahen Verwandten, und Tajas Augen standen voll Tränen. Lange noch sah er aus dem Fenster das weiße Taschentuch in Loljas Hand und Tajas gestreifte Bluse.
In Charkow übernachtete er bei seinem Freund Petja Nowikow, da er Dora nicht zur Last fallen wollte. Er ruhte sich aus und fuhr dann ins Zentralkomitee. Er wartete auf Akim.
Als der endlich gekommen war und beide allein saßen, bat Pawel, ihm sofort eine Arbeit zu geben.
Akim schüttelte ablehnend den Kopf.
»Das geht nicht, Pawel. Es liegt ein Beschluss der Ärztekommission und des Zentralkomitees der Partei vor, in dem es heißt: ›In Anbetracht des schwer erschütterten Gesundheitszustandes ist Genosse Kortschagin in das Neuropathologische Institut zwecks Heilung zu schicken. Seine Rückkehr zur Arbeit kann nicht gestattet werden.‹«
»Papier ist geduldig, Akim! Ich bitte dich - gib mir die Möglichkeit zu arbeiten! Dieses Herumwandern von einer Klinik zur anderen ist sinnlos.«
Akim wollte nicht darauf eingehen.
»Wir können nicht gegen die Beschlüsse verstoßen. Versteh doch, Pawluscha, das ist doch das beste für dich.«
Kortschagin bestand jedoch derart hartnäckig auf seinem Wunsch, dass Akim nicht anders konnte und schließlich nachgab.
Schon am nächsten Tag arbeitete Kortschagin in der Spezialabteilung des Sekretariats des Zentralkomitees. Er hatte gemeint, er brauchte nur wieder anfangen zu arbeiten, und neue Kräfte würden sich einstellen. Vom ersten Tag an war es ihm jedoch klar, dass er sich geirrt hatte. Acht Stunden lang saß er ununterbrochen an seinem Schreibtisch, ohne zu essen, da es ihm schwer fiel, von der zweiten Etage in das benachbarte Restaurant zu gehen, um dort Frühstück und Mittagessen einzunehmen; oft war ihm ein Arm oder ein Bein wie abgestorben. Manchmal wurde sein ganzer Körper steif, und er fieberte. Häufig, wenn es an der Zeit war, zur Arbeit zu fahren, fehlte ihm plötzlich die Kraft, sich vom Bett zu erheben, und wenn der Anfall vorbei war, sah er mit Verzweiflung, dass er sich um eine ganze Stunde verspätet hatte. Schließlich machte man ihm wegen seiner Unpünktlichkeit Vorhaltungen, und er begriff, dass das der Anfang von dem Schrecklichsten war, das er sich vorstellen konnte - dem Ausscheiden aus den Reihen der Kämpfer.
Akim half ihm noch einmal und auch ein zweites Mal - er versetzte ihn auf eine andere Arbeitsstelle. Das Unvermeidliche trat jedoch ein. Nach zwei Monaten musste Pawel wieder das Bett hüten. Da erinnerte er sich an die Abschiedsworte der Ärztin Bashanowa und schrieb ihr einen Brief. Sie suchte ihn unmittelbar danach auf. Und von ihr erfuhr er das Wesentlichste - nämlich, dass er nicht unbedingt im Spital liegen müsse.
»Das heißt also, dass bei mir die Dinge so gut stehen, dass ich mich nicht einmal mehr zu kurieren brauche«, versuchte er zu scherzen.
Sobald er wieder ein wenig zu Kräften gekommen war, erschien Pawel abermals im Zentralkomitee. Diesmal war Akim jedoch unerbittlich. Auf seine kategorische Forderung, ins Krankenhaus zur Behandlung zu gehen, antwortete Kortschagin dumpf:
»Nirgends gehe ich hin. Das hat keinen Zweck. Ich habe das von kompetenter Seite erfahren. Mir bleibt nur noch übrig, eine Invalidenrente zu beziehen und von der Arbeit zurückzutreten. Aber darauf gehe ich nicht ein. Ihr könnt
mich nicht von der Arbeit losreißen. Ich bin erst vierundzwanzig Jahre alt und kann mein Leben nicht als Invalide fristen, mich in Krankenhäusern herumtreiben, wo ich zudem genau weiß, dass es nutzlos ist. Gebt mir eine Arbeit, die meinen Möglichkeiten entspricht. Ich kann zu Hause arbeiten oder in irgendeinem Büro wohnen … jedoch nicht als Schreiber, der die Ein- und Ausgänge bucht. Die Arbeit muss mir zusagen, damit ich mich nicht überflüssig fühle.«
Pawels Stimme war immer erregter und lauter geworden.
Akim verstand die Gefühle dieses vor kurzem noch so feurigen Burschen. Er begriff Pawels Tragödie, er wusste, dass für Kortschagin, der sein kurzes Leben der Partei gewidmet hatte, die Trennung von Kampf und Arbeit und der Übergang in die Etappe fürchterlich sein mussten, und er beschloss, alles zu tun, was in seinen Kräften stand.
»Gut, Pawel, reg dich nicht auf. Morgen haben wir Sekretariatssitzung. Ich werde diese Frage auf die Tagesordnung setzen und verspreche dir, deine Bitte zu unterstützen.«
Kortschagin stand schwerfällig auf und gab ihm die Hand.
»Kannst du dir denn wirklich vorstellen, Akim, dass mich das Leben in die Ecke drängen und erdrücken kann, solange hier noch ein Herz schlägt?« Heftig zog er Akims Hand an seine Brust, und Akim spürte ein dumpfes, schnelles Herzklopfen.
»Solange es da noch klopft, wird es niemandem gelingen, mich von der Partei zu trennen. Das vermag nur der Tod allein. Vergiss das nicht, mein Freund.«
Akim schwieg. Er wusste, dass dies keine Phrase, sondern der Aufschrei eines schwerverwundeten Kämpfers war. Er verstand, dass solche Menschen wie Pawel nicht anders reden und empfinden können.
Nach zwei Tagen teilte ihm Akim mit, dass er die Möglichkeit habe, ihn an verantwortlicher Stelle in der Redaktion des Zentralorgans einzusetzen. Dazu sei jedoch notwendig, dass man seine literarischen Fähigkeiten prüfe.
Pawel wurde vom Redaktionskollegium zuvorkommend empfangen. Die stellvertretende Chefredakteurin, eine alte Illegale, Mitglied des Präsidiums der Zentralen Kontrollkommission der Ukraine, richtete einige Fragen an ihn:
»Welche Bildungsanstalten haben Sie absolviert, Genosse?«
»Drei Jahre Volksschule.«
»Und Parteischulen haben Sie keine besucht?«
»Nein.«
»Nun, das macht nichts, es kommt vor, dass einer auch ohne das ein guter Journalist wird. Genosse Akim hat uns von Ihnen erzählt. Wir können Ihnen Arbeit geben, die Sie nicht unbedingt hier in der Redaktion machen müssen, sondern zu Hause, überhaupt unter geeigneten Arbeitsbedingungen, die aber erst geschaffen werden müssen. Für diese Arbeit sind jedoch eingehende Kenntnisse erforderlich, besonders auf dem Gebiet der Literatur und der Sprache.«
Pawel ahnte eine Niederlage. In einem halbstündigen Gespräch wurden seine lückenhaften Kenntnisse festgestellt, und in einem Artikel, den er geschrieben hatte, unterstrich die Genossin mit Rotstift mehr als drei Dutzend stilistische Unrichtigkeiten und nicht wenig orthographische Fehler.
»Genosse Kortschagin! Sie sind sehr begabt. Wenn Sie sich tüchtig weiterbilden, können Sie literarischer Mitarbeiter werden, augenblicklich schreiben Sie jedoch noch mangelhaft. Aus Ihrem Artikel ist ersichtlich, dass Sie die russische Sprache nur ungenügend beherrschen. Das ist nicht erstaunlich. Sie haben keine Zeit gehabt zu lernen. Wir können Sie leider nicht verwenden. Ich wiederhole jedoch nochmals, dass Sie bedeutende Anlagen haben. Wenn man Ihren Artikel bearbeitet, ohne den Inhalt zu ändern, wird er vorzüglich sein. Wir brauchen jedoch Leute, die fremde Artikel bearbeiten können.«
Auf den Stock gestützt, erhob sich Kortschagin. Seine rechte Braue zuckte krampfhaft.
»Nun ja, Sie haben recht. Was bin ich schon für ein Literat? Ich war ein guter Heizer, kein schlechter Monteur, ich konnte reiten, verstand es, die Komsomolzen anzufeuern, aber für Ihren Frontabschnitt bin ich nicht der geeignete Mann.«
Er verabschiedete sich und ging.
An der Korridorecke wäre er fast umgefallen. Eine fremde Frau, mit einer Aktenmappe unterm Arm, fing ihn auf.
»Was haben Sie, Genosse? Sie sehen ja furchtbar blass aus.«
Nach einigen Sekunden kam Kortschagin wieder zu sich. Dann machte er sich sanft von der Frau los und humpelte, auf den Stock gestützt, davon.
Von diesem Tag an ging es mit Kortschagin bergab. An Arbeit war nicht mehr zu denken. Immer häufiger musste er das Bett hüten. Das Zentralkomitee befreite ihn von jeder Tätigkeit und ersuchte die Sozialversicherung, ihm eine Rente auszuschreiben. Diese Rente erhielt er zusammen mit der Invalidenkarte. Das Zentralkomitee gab ihm Geld, seine Personaldokumente und die Erlaubnis, zu fahren, wohin er wolle. Von Martha kam ein Brief. Sie lud ihn ein, sie zu besuchen und etwas auszuruhen. Pawel hatte ohnehin die Absicht gehabt, nach Moskau zu fahren, in der leisen Hoffnung, sein Glück im ZK der KPdSU (B) zu finden, das heißt, Arbeit zu bekommen, die keine Bewegung erforderte. Jedoch auch in Moskau machte man ihm den Vorschlag, sich kurieren zu lassen. Man wollte ihn in einem guten Krankenhaus unterbringen. Er lehnte ab.
Unbemerkt verstrich die Zeit, die er bei Martha und ihrer Freundin Nadja Peterson verbrachte. Tagsüber blieb er allein, denn Martha und Nadja gingen am Morgen weg und kamen erst am Abend wieder. Pawel verschlang viele Bücher, die er bei Martha fand. Häufig bekamen sie auch Besuch.
Aus der Hafenstadt trafen Briefe ein. Die Familie Kützam bat Pawel, sie zu besuchen. Das Leben dort wurde immer unerträglicher. Sie erwarteten seine Hilfe.
Und eines Morgens war Kortschagin nicht mehr in der stillen Wohnung der Gusjatnikow-Gasse zu finden. Der Zug brachte ihn nach dem Süden, ans Meer, heraus aus dem feuchtkalten, regnerischen Herbst, zu den warmen Ufern der südlichen Krim. Pawel beobachtete, wie die Telegrafenstangen an seinem Fenster vorüberglitten. Er saß da, mit gerunzelten Brauen, und grimmige Entschlossenheit sprach aus seinen dunklen Augen.

ACHTES KAPITEL

Unten, an den chaotisch aufgetürmten Steinblöcken, rauscht das Meer. Der trockene, aus der fernen Türkei kommende Wind umweht das Gesicht. Wie ein geknickter Bogen drängt sich, durch eine Mole aus Eisenbeton vom offenen Meer getrennt, der Hafen ins Ufer hinein. Hier am Meer bricht der Gebirgskamm jäh ab. Und hoch oben auf den Berghängen haben sich die winzigen weißen Häuser der Vorstadt eingenistet.
In dem alten Park außerhalb der Stadt ist es still. Gras überwuchert die vernachlässigten Wege, und abgestorbene, vom Herbst gelbgefärbte Ahornblätter fallen langsam zu Boden.
Kortschagin war von einem Droschkenkutscher, einem alten Perser, hierher gebracht worden, der, nachdem er seinen seltsamen Gast abgesetzt hatte, sich nicht enthalten konnte zu sagen:
»Was willst du denn hier? Dämchen gibt es keine, ein Theater auch nicht. Nur Schakale treiben sich hier herum … Was du hier machen willst, verstehe ich nicht! Lass uns wieder zurückfahren, Herr Genosse!«
Kortschagin zahlte, und der Alte fuhr davon.
Ö de und verlassen lag der Park da. Auf einem Felsvorsprung über dem Meer fand Pawel eine Bank. Er setzte sich und wandte sein Gesicht den schon kraftlosen Strahlen der Herbstsonne zu.
Pawel hatte diese Einöde hier aufgesucht, um über sein Leben und darüber, was weiter werden sollte, nachzudenken. Es war Zeit, die Bilanz zu ziehen und einen Entschluss zu fassen.
Seitdem er das letzte Mal hier gewesen war, hatten sich die Gegensätze in der Familie Kützam äußerst zugespitzt. Als der Alte von Kortschagins Ankunft erfuhr, bekam er einen Wutanfall und schlug einen Heidenlärm. Ganz von selbst fiel die Führung des Widerstandes Kortschagin zu. Die energische Abwehr seiner Frau und der Töchter war dem Alten völlig unerwartet gekommen. Vom ersten Tag an teilte sich das Haus in zwei feindliche Lager. Die Tür zu den Räumen, in denen die Alten hausten, wurde vernagelt, und eine der kleinen Kammern war Kortschagin zur Verfügung gestellt worden. Die Miete für dieses Zimmer hatte der Alte im voraus erhalten, und er schien sich bald damit zu beruhigen, dass die Töchter, die sich von ihm abgewandt hatten, auch keine finanzielle Unterstützung mehr verlangen würden.
Albina blieb aus »diplomatischen« Erwägungen beim Alten wohnen. Zu dem Jungen schaute der Alte nicht einmal hinein, weil er dem verhassten Kerl nicht begegnen wollte. Im Hof dagegen fauchte er wie eine Lokomotive, um zu zeigen, dass er Herr im Hause sei.
Vor seiner Anstellung im Konsumladen hatte der Alte zwei Berufe gehabt - er war Schuster und Zimmermann gewesen. In seiner Freizeit konnte er sich daher jetzt etwas hinzuverdienen und hatte sich hierfür in seinem Schuppen eine Werkstatt eingerichtet. Bald stellte er, um den Mieter zu ärgern, seine Werkstatt direkt vor dessen Fenster auf. Während er einen Nagel nach dem anderen verbissen einschlug, war er höchst befriedigt. Er wusste nur zu gut, dass dies Kortschagin beim Lesen störte.
»Warte nur, Bürschlein, ich werde dich schon von hier wegekeln …«, brummelte er vor sich hin.
Weit weg, am Horizont, sah man die rauchige Spur eines Dampfschiffes wie eine dunkle Wolke am Himmel entlanggleiten. Ein Möwenschwarm schrie durchdringend auf und strich über das Meer.
Kortschagin stützte den Kopf in beide Hände und verfiel in Grübeln. Vor seinen Augen zog sein ganzes Leben vorüber, von seiner Kindheit bis in die letzten Tage hinein. Hatte er seine vierundzwanzig Jahre gut oder schlecht ausgenutzt? Wie ein unvoreingenommener Richter sichtete er in seinem Gedächtnis Jahr um Jahr, überprüfte sein ganzes Leben und stellte mit großer Genugtuung fest, dass er es gar nicht so schlecht genutzt hatte. Nicht wenige Fehler hatte er allerdings begangen, manchmal aus Dummheit oder Unreife, meist aber aus Unkenntnis. Die Hauptsache jedoch war, dass er die Tage des Kampfes nicht verschlafen, dass er im eisernen Ringen um ein neues Leben seinen Mann gestanden hatte und dass auf dem purpurroten Banner der Revolution auch einige Blutstropfen von ihm waren.
Solange seine Kräfte nicht versiegt waren, hatte er unerschütterlich in den Reihen der Kämpfer gestanden. Jetzt, da er verwundet war, konnte er die Front nicht mehr halten, und geblieben war ihm nur eins - dahinzuvegetieren in Hinterlandlazaretten. Er entsann sich: Als die roten Regimenter, einer Lawine gleich, gegen Warschau vorstießen, wurde ein Kämpfer verwundet und brach unter den Pferdehufen zusammen. Die Kameraden legten dem Verwundeten eilig einen Verband an, übergaben ihn den Sanitätern und stürmten weiter, dem Feind nach. Um eines verlorenen Kämpfers willen hielt die Schwadron im Vorwärtsstürmen nicht inne. Im Kampf für die große Sache ist es so - und kann es auch gar nicht anders sein. Gewiss, es gab auch Ausnahmen. Er hatte auch schon MG-Schützen ohne Beine gesehen - diese Kämpfer auf den MG-Wagen jagten dem Feind Schrecken ein. Ihre Maschinengewehre säten Tod und Verderben. Ihrer eisernen Ausdauer und ihrer scharfen Augen wegen waren sie zum Stolz der Regimenter geworden. Aber solche Menschen gab es nur wenige.
Wie sollte Pawel jetzt handeln, jetzt, nach dem Zusammenbruch, wo keine Aussicht mehr bestand auf seine Rückkehr in die Kämpferreihen? Hatte er doch der Bashanowa das Geständnis abgerungen, dass ihm in der Zukunft noch Entsetzlicheres bevorstehe. Was blieb ihm zu tun übrig?
Diese ungelöste Frage tat sich vor ihm wie ein tiefer, gähnender Abgrund auf.
Wozu leben, wenn er das Wertvollste - die Fähigkeit zu kämpfen - verloren hatte? Womit sollte er sein Leben rechtfertigen - jetzt und in der noch freudloseren Zukunft? Womit das Leben ausfüllen? Einfach nur essen, trinken und atmen? Als ohnmächtiger Zeuge zusehen, wie die Genossen kämpfend vorwärts schreiten? Ihnen zur Last fallen? Oder sollte er mit seinem Körper, der ihn im Stich gelassen hatte, kurzen Prozess machen? Eine Kugel ins Herz - und Schluss! Hast verstanden, nicht schlecht zu leben, also versteh es auch, rechtzeitig abzuschließen. Kann man denn einen Kämpfer verurteilen, der nicht langsam dahinsiechen will?
Seine Hand tastete in der Tasche nach dem Browning. Mit gewohnter Bewegung umklammerten die Finger den Griff. Langsam zog er die Waffe hervor.
Wer hätte gedacht, dass es einmal so kommen würde?
Die Mündung der Pistole schien ihn verächtlich anzublinzeln. Pawel legte sie aufs Knie und stieß einen wütenden Fluch aus.
Das ist phrasenhaftes Heldentum, weiter nichts, mein Lieber! Sich niederknallen - das kann ja jeder Dummkopf - immer und jederzeit. Das ist der feigste und leichteste Ausweg. Wird es schwer zu leben - so macht man Schluss. Aber hast du versucht, dieses Leben zu besiegen? Hast du alles getan, um dich aus diesem eisernen Ring herauszuwinden? Hast du denn schon vergessen, wie wir bei Nowograd-Wolhynsk siebzehnmal am Tag Attacke geritten und die Stadt trotz alledem schließlich eingenommen haben? Weg mit der Pistole, und niemandem ein Wort darüber! Du musst auch dann zu leben verstehen, wenn das Leben unerträglich wird. Trachte danach, dieses Leben nützlich zu gestalten.
Er erhob sich und ging zum Weg zurück. Ein vorüberfahrender Bergbewohner brachte ihn auf seinem Karren in die Stadt. Dort kaufte er an einer Straßenecke die Lokalzeitung. In ihr wurde eine Versammlung der Parteifunktionäre im Demjan-Bedny-Klub angekündigt. Erst spätnachts kehrte Pawel heim. Er ahnte nicht, dass die Rede, die er dort gehalten hatte, seine letzte Versammlungsrede gewesen sein sollte.
Taja fand keinen Schlaf. Kortschagins lange Abwesenheit beunruhigte sie. Was war mit ihm geschehen? Wo konnte er stecken? Etwas Hartes, Kaltes hatte sie heute in seinen Augen gelesen, die sonst immer so voller Leben waren. Er sprach wenig von sich. Sie fühlte jedoch, dass er Schweres durchmachte.
Die Uhr im Zimmer der Mutter hatte gerade zwei geschlagen, als Taja die Gartenpforte knarren hörte. Sie warf sich eine Jacke über und ging die Tür öffnen. Lolja schlief fest und murmelte irgend etwas im Schlaf.
»Ich war deinetwegen schon unruhig«, flüsterte sie, über Pawels Heimkehr erfreut, als er den Hausflur betrat.
»Bis zu meinem Tode wird mir kein Unglück zustoßen, Tajuscha. Schläft Lolja? Weißt du, ich habe gar keine Lust zu schlafen. Ich möchte dir etwas über den heutigen Tag erzählen. Lass uns in dein Zimmer gehen, damit wir Lolja nicht aufwecken«, sagte er, gleichfalls flüsternd.
Taja zögerte. Durfte sie sich nachts mit ihm unterhalten? Und wenn es die Mutter erfährt, was wird sie von ihr denken? Wie aber soll sie ihm das sagen, ohne ihn zu verletzen? Und was will er ihr sagen? Während sie noch darüber nachdachte, ging sie schon langsam auf ihr Zimmer zu.
»Es handelt sich um folgendes, Taja«, begann Pawel mit gedämpfter Stimme, als sie im dunklen Zimmer einander gegenübersaßen, so dicht, dass sie seinen Atem spürte.
»Mein Leben hat eine solche Wendung genommen, dass es sogar mir ein bisschen sonderbar vorkommt. Die letzten Tage waren nicht leicht für mich. Ich wusste nicht recht, wie ich weiterleben sollte. Noch niemals ist es so dunkel um mich gewesen wie in diesen Tagen. Heute habe ich jedoch mit mir selbst eine ›Politbüro-Sitzung‹ abgehalten und einen sehr wichtigen Beschluss gefasst. Wundere dich nicht, dass ich dich einweihe.«
Er erzählte ihr, was er in den letzten Monaten durchgemacht, und vieles von dem, worüber er draußen im Park so intensiv nachgedacht hatte.
»So steht es also mit mir. Jetzt komme ich aber zum Eigentlichen. Die großen Auseinandersetzungen mit deiner Familie haben erst begonnen. Man muss von hier weg an die frische Luft, möglichst weit weg von diesem Nest. Man muss das Leben von neuem anfangen. Da ich mich nun einmal in diesen Kleinkrieg eingemischt habe, so wollen wir ihn auch zu Ende führen. Du und ich, wir beide haben jetzt ein freudloses Leben. Ich habe mich entschlossen, es wieder auflodern zu lassen. Verstehst du, was ich meine? Willst du meine Freundin, meine Frau werden?«
Taja hatte ihn bisher mit tiefer Erregung angehört. Bei seinen letzten Worten fuhr sie jedoch vor Überraschung jäh zusammen.
»Heute verlange ich keine Antwort von dir, Taja. Überlege dir das alles noch sehr genau. Dir ist wahrscheinlich unverständlich, wie man so mit der Tür ins Haus fallen kann. Alle diese Mätzchen sind überflüssig. Ich gebe dir meine Hand, Mädel, hier hast du sie. Wenn du diesmal vertraust, dann täuschst du dich nicht. Ich habe viel von dem, was du brauchst, und umgekehrt. Ich habe meinen Entschluss bereits gefasst: Unser Bündnis bleibt so lange bestehen, bis du ein fertiger Mensch geworden bist, einer von den Unsrigen. Wenn mir das nicht gelingen sollte, bin ich keinen Heller wert. Bis dahin dürfen wir unser Bündnis nicht lösen. Sobald du dich völlig entwickelt hast, bist du von jeglicher Verpflichtung mir gegenüber frei. Wer weiß, was kommt. Es kann ja möglich sein, dass ich körperlich endgültig zusammenbreche. Vergiss nicht, dass du dann nicht mehr an mich gebunden bist.«
Nachdem er einige Sekunden geschwiegen hatte, fuhr er warm und innig fort:
»Jetzt biete ich dir Freundschaft und Liebe an.« Er hielt ihre Hand fest in der seinen und war so ruhig, als hätte er bereits ihr Einverständnis.
»Und wirst du mich auch nicht verlassen?«
»Mit Worten lässt sich nichts beweisen, Taja. Dir bleibt nur übrig zu glauben, dass Menschen meines Schlages ihre Freunde nicht verraten ….. wenn nur sie mich nicht verraten«, schloss er bitter.
»Ich kann dir heute noch nicht antworten, all das kommt so unerwartet«, erwiderte sie.
Kortschagin erhob sich.
»Leg dich schlafen, Taja, der Morgen naht schon.«
Er ging langsam in sein Zimmer hinüber. Ohne sich auszukleiden, warf er sich auf das Bett und schlummerte sofort ein, kaum dass sein Kopf das Kissen berührt hatte.
In Kortschagins Zimmer lagen auf dem Tisch vor dem Fenster ganze Stapel aus der Parteibibliothek ausgeliehener Bücher, ein Stoß Zeitungen und mehrere voll geschriebene Notizbücher. Im Zimmer standen ein Bett, zwei Stühle und an der Tür, die zu Tajas Zimmer führte, hing eine riesige Karte von China, die mit schwarzen und roten Fähnchen besteckt war. Mit den Genossen aus dem Parteikomitee hatte Kortschagin vereinbart, dass man ihm Parteiliteratur schicken würde, außerdem hatten sie ihm versprochen, dass sich der Leiter der Hafenbibliothek, der größten Bibliothek der Stadt, seiner besonders annehmen würde. Bald erhielt er von dort große Bücherpakete. Lolja sah erstaunt, wie er vom frühen Morgen bis zum Abend, mit kurzen Unterbrechungen nur während des Frühstücks und Mittagessens, las und sich Notizen machte. Den Abend verbrachten sie stets zu dritt in ihrem Zimmer. Kortschagin unterhielt sich dann mit den Schwestern über das Gelesene.
Spät nach Mitternacht sah der Alte, wenn er auf den Hof hinausging, zwischen den Fensterläden des unwillkommenen Mieters stets noch einen Lichtstreifen. Leise, auf den Fußspitzen, schlich er sich dann ans Fenster heran und erspähte durch den Spalt einen über Bücher gebeugten Kopf.
Andere Leute schlafen, und der brennt die ganze Nacht Licht. Geht im Haus herum, als sei er der Herr. Die Mädel sind so gehässig geworden, grübelte der Alte böse und verschwand.
Zum ersten Mal seit acht Jahren hatte Kortschagin so viel freie Zeit und gar keine Pflichten. Und er las mit dem Heißhunger eines Neubekehrten. Acht-
zehn Stunden des Tages saß er über die Bücher gebeugt. Wer weiß, wie sich das auf seine Gesundheit ausgewirkt hätte, wenn Taja nicht eines Tages wie beiläufig gesagt hätte:
»Ich habe meine Kommode an einen anderen Platz geschoben. Die Tür zu deinem Zimmer kann jetzt geöffnet werden. Wenn du mir etwas zu sagen hast, brauchst du nicht erst durch Loljas Zimmer zu gehen.«
Pawel strahlte vor Glück. Taja lächelte ihm freudig zu - der Bund war geschlossen.

Nun sah der Alte in den späten Nachtstunden keinen Lichtschimmer im Eckzimmer seines Mieters mehr, aber der Mutter entging die nur schlecht verhehlte Freude in Tajas Augen nicht. Ein leichter Schatten zeichnete sich unter den von innerem Feuer strahlenden Augen, der von schlaflosen Nächten erzählte. Der Klang der Gitarre und Tajas Lieder waren immer häufiger in der kleinen Wohnung zu hören.
Taja war durch ihre Liebe zur Frau erwacht und litt nun darunter, diese Liebe wie etwas Verbotenes verbergen zu müssen. Jedes Geräusch ließ sie zusammenschrecken, immer vermeinte sie die Schritte der Mutter zu hören. Qualvoll war ihr der Gedanke, was sie der Mutter antworten würde, wenn diese einmal fragen sollte, weshalb sie nachts ihre Zimmertür zuriegle. Pawel merkte, was in ihr vorging, und sprach ihr zärtlich und beruhigend zu:
»Warum fürchtest du dich? Wenn man richtig nachdenkt, sind wir doch eigentlich die Herren hier. Schlafe ruhig. Fremde haben sich in unser Leben nicht einzumischen.«
Sie schmiegte die Wange an Pawels Brust und schlief beruhigt in den Armen des Geliebten ein. Lange lauschte er ihren Atemzügen und lag regungslos da, um ihren ruhigen Schlummer nicht zu stören. Tiefe Zärtlichkeit zu diesem Mädchen, das ihm ihr Leben anvertraut hatte, erfüllte ihn.
Als erste erfuhr die Schwester den Grund für den immerwährenden Glanz in Tajas Augen, und ein Schatten der Entfremdung legte sich zwischen die beiden Schwestern. Auch die Mutter hörte davon, oder eigentlich hatte sie es erraten. Ihr Misstrauen war erwacht. Das hatte sie von Kortschagin nicht erwartet.
»Tajuscha passt nicht zu ihm«, sagte sie eines Tages zu Lolja.
»Was soll daraus werden?«
Unruhige Gedanken quälten sie, doch konnte sie sich nicht entschließen, mit Pawel zu sprechen.
Bei Kortschagin kam viel junges Volk zusammen, so dass es häufig in dem kleinen Zimmer zu eng wurde.
Die Stimmen drangen wie das Gesumm eines Bienenschwarms ans Ohr der Alten. Zuweilen sang man im Chor:

Unwirsch ist's auf unserem Meer,
Stürme brausen Tag und Nacht…..

und Pawels Lieblingslied:

Des Volkes Blut verströmt in Bächen …

Es war ein Zirkel von Arbeiterfunktionären, der sich hier versammelte, mit dessen Leitung Kortschagin beauftragt worden war, nachdem er in einem Brief an das Stadt-Parteikomitee darum gebeten hatte, ihm eine Propagandaarbeit anzuvertrauen.
So verliefen Pawels Tage.
Wieder hielt Kortschagin das Steuer in beiden Händen und gab seinem Leben, das einige scharfe Wendungen vollführt hatte, eine neue Richtung. Er träumte davon, durch sein Studium und die erworbenen Kenntnisse der Literatur wieder einen Platz in den Reihen der Kämpfer einnehmen zu können.
Aber das Leben stellte ihm immer neue Hindernisse in den Weg, und während er ihnen begegnete, dachte er beunruhigt darüber nach, inwieweit sie ihn hindern würden, sein Ziel zu erreichen.
Ganz unerwartet kam aus Moskau der missratene Student George mit seiner Frau an. Er quartierte sich bei seinem Schwiegervater ein, der das Amt eines Notars ausübte, und kam häufig zur Mutter um Geld.
Die Ankunft Georges trug erheblich zur Verschlechterung der Familienbeziehungen bei. Ohne zu zögern, hatte George sofort seines Vaters Partei ergriffen und hetzte, von der sowjetfeindlich gesinnten Familie seiner Frau unterstützt, aus dem Hinterhalt, um Kortschagin - koste es, was es wolle - aus dem Haus hinauszuekeln und Taja von ihm zu trennen.
Zwei Wochen nach Georges Ankunft erhielt Lolja in einem der umliegenden Bezirke Arbeit. Sie verließ mit ihrem Sohn und der Mutter die Stadt. Kortschagin und Taja siedelten in ein abgelegenes Küstenstädtchen über.

Artjom erhielt nur selten von seinem Bruder einen Brief. An den Tagen, an denen er auf seinem Tisch im Stadtsowjet das graue Kuvert mit der bekannten eckigen Handschrift vorfand, verlor er beim Überfliegen der Seiten die ihm eigene Gelassenheit. Und auch diesmal dachte er, während er den Brief öffnete, mit verhaltener Zärtlichkeit:
Ach, Pawluscha, Pawluscha! Wenn wir doch näher beieinander leben könnten; wie gut würden mir deine Ratschläge tun, Bruderherz. Er las:

Artjom, ich möchte Dir erzählen, was ich durchgemacht habe. Solche Briefe wie Dir schreibe ich sonst niemandem. Du kennst mich ja und verstehst meine Worte. Das Leben setzt mir im Kampf um meine Gesundheit recht hart zu.
Mich treffen immer neue Schläge. Kaum habe ich mich von dem einen erholt, da kommt schon ein neuer, noch unbarmherziger als der erste. Das schrecklichste jedoch ist, dass ich machtlos bin, etwas dagegen zu tun. Mein linker Arm versagte den Dienst. Das war ein harter Schlag, doch auch meine Beine wurden immer schlimmer, und ich, der ich mich bisher schon schwer genug innerhalb meiner vier Wände bewegen konnte, schleppe mich jetzt mit Müh und Not vom Bett zum Tisch. Das ist jedoch voraussichtlich noch nicht alles. Was mir das Morgen bringt, weiß ich nicht.
Ich gehe nicht mehr aus dem Haus, sehe nur noch aus dem Fenster ein Stückchen Meer. Kann es denn eine schlimmere Tragödie geben als die eines Menschen, dessen Körper ihm verräterisch den Dienst versagt, eines Menschen mit dem Herzen eines Bolschewiken, der sich danach sehnt zu arbeiten, mit Euch in der an allen Fronten angreifenden Armee zu sein, dort, wo die eiserne Sturmlawine heranrollt? Ich glaube daran, dass ich noch in die Kampfreihen zurückkehren werde, dass in den zum Angriff vorstürmenden Kolonnen auch mein Bajonett nicht fehlen wird. Zweifeln darf ich nicht, habe kein Recht dazu. Zehn Jahre lang haben mich Partei und Jugendverband in der Kunst des Widerstandes erzogen, und auch für mich gelten die Worte: »Es gibt keine Festungen, die die Bolschewiki nicht nehmen könnten.«
Mein Leben besteht jetzt darin, dass ich studiere. Bücher, Bücher und nochmals Bücher. Ich habe viel geschafft, Artjom. Ich habe die Hauptwerke der gesamten klassischen schönen Literatur durchgenommen, habe meine Arbeiten für den ersten Fernkursus der Kommunistischen Universität abgeliefert. Am Abend leite ich einen Zirkel für junge Parteigenossen. Meine Verbindung zur praktischen Arbeit der Organisation geht über diese Genossen. Und dann habe ich Tajuscha, ihr geistiges Wachstum, ihre Entwicklung und dann ihre Liebe, die rührende Zärtlichkeit meiner kleinen Frau. Wir leben sehr gut zusammen. Unsere Wirtschaft ist einfach und unkompliziert - mit den zweiunddreißig Rubel meiner Rente und Tajas Verdienst. Zur Partei geht Taja meinen Weg: Sie hat als Hausangestellte gearbeitet und ist jetzt Geschirrwäscherin in einer Speisehalle (in diesem Städtchen gibt es keine Industrie).
Vor kurzem zeigte mir Taja triumphierend ihre erste Delegiertenkarte von der Frauenabteilung. Das ist für sei kein einfaches Stück Papier. Ich verfolge ihre Entwicklung zum neuen Menschen und helfe ihr dabei, soviel ich kann. Die Zeit wird kommen, da ein Großbetrieb, ein Arbeitskollektiv ihre Ausbildung vollenden werden. Solange wir hier sind, geht sie jedoch den hier einzig möglichen Weg.
Zweimal hat uns Tajas Mutter besucht. Die Mutter zieht, ohne dass sie es selbst weiß, Taja zurück in ein Leben, das aus lauter Kleinigkeiten besteht und das sich nur auf das Persönliche, auf engstirnige Interessen beschränkt. Ich habe mich noch bemüht, Albina zu überzeugen, dass ihre eigenen schweren Erlebnisse keinen Schatten auf den Weg ihrer Tochter werfen dürfen. Aber all dies war vergebens. Ich fühle, dass sich die Mutter eines Tages der Tochter auf ihrem Weg zum neuen Leben in die Quere stellen wird, und dann wird ein Kampf unvermeidlich sein.
Ich drücke Dir fest die Hand.
Dein Pawel

Sanatorium Nr. 5 in Staraja Mazesta. Das zweistöckige Steingebäude steht auf einer in einen Felsen gehauenen Terrasse. Überall ringsum Wald, zickzackartig schlängelt sich der Weg dahin. Die Zimmerfenster sind weit offen, ein leichter Wind bringt den Geruch der Schwefelquellen herauf. Kortschagin ist allein in seinem Zimmer. Morgen werden neue Genossen kommen, dann wird er einen Mitbewohner haben. Er hört hinter dem Fenster Schritte und eine ihm bekannte Stimme. Es unterhalten sich dort einige Leute. Aber wo hat er nur diesen tiefen Bass schon einmal gehört? - Er denkt angestrengt nach und holt dann plötzlich aus der Tiefe seines Gedächtnisses einen längst vergrabenen, jedoch nicht vergessenen Namen hervor: Innokenti Pawlowitsch Ledenew - ja, das ist er und kein anderer. Und fest überzeugt von der Richtigkeit seiner Vermutung, ruft Pawel ihn beim Namen. Eine Minute später sitzt Ledenew bei ihm und schüttelt ihm freudig die Hand.
»Bist also noch am Leben, alter Junge? Nun, was kannst du mir Erfreuliches mitteilen? Du hast also, scheint's, beschlossen, diesmal ernstlich krank zu spielen? Das kann ich nicht billigen, keinesfalls! Du solltest dir an mir ein Beispiel nehmen. Mich wollten die Ärzte auch schon zum alten Eisen werfen, und ich halte mich, ihnen zum Trotz, immer noch auf den Beinen.« Ledenew lachte gutmütig.
Kortschagin fühlte, wie der Freund durch dieses Lachen sein Mitgefühl und seine tiefe Besorgnis verbergen wollte.
Zwei Stunden verbrachten sie in angeregter Unterhaltung. Ledenew erzählte die letzten Moskauer Neuigkeiten. Von ihm erfuhr Kortschagin zum ersten Mal von den wichtigen Beschlüssen, die gerade von der Partei gefasst worden waren - über die Kollektivierung der Landwirtschaft und die Umgestaltung des Dorfes. Gierig sog Pawel seine Worte auf.
»Und ich dachte, dass du irgendwo in deiner Heimat steckst und den Laden schmeißt. Und da plötzlich - so was Dummes! Nun, das hat nichts zu bedeuten, bei mir stand's noch schlimmer, ich war schon ganz ans Bett gefesselt, und, siehst du, ich kann mich wieder bewegen. Es ist jetzt nicht die Zeit für ein geruhsames Leben. Das geht ganz und gar nicht! Ich denke manchmal so bei mir, dass es wohl an der Zeit ist, ein wenig auszuruhen, Atem zu schöpfen. Man ist doch nicht mehr so jung, da kommt's einem schon zuweilen sauer an, so seine zehn bis zwölf Stunden bei der Arbeit zu sitzen. Nun, wenn du dir das so durch den Kopf gehen lässt und dabei beginnst, deine gesamte Tätigkeit zu überprüfen, um wenigstens einen Teil davon ›abzuschieben‹, da ist's immer wieder dieselbe Geschichte. Du fängst an, deine verschiedenen Arbeiten abzuschieben, und versinkst derartig darin, dass du vor zwölf Uhr nachts nicht nach Hause kommst. Je stärker eine Maschine arbeitet, desto schneller drehen sich die Räder, und bei uns kommt alles mit jedem weiteren Tag immer mehr und mehr in Schwung, und so geschieht's also, dass wir Alten jetzt leben müssen wie zu der Zeit, da wir noch jung waren.«
Ledenew fuhr sich mit der Hand über die hohe Stirn und sagte mit väterlichem Interesse:
»Na, und jetzt erzähl mal, was es bei dir gibt.«
Gespannt lauschte er Pawels Erzählung über seine Erlebnisse, und Pawel fing des Öfteren einen verständnisvollen warmen Blick auf.
Im Schatten der weitverzweigten Bäume, in einer Ecke der Terrasse, saß eine Gruppe von Kurgästen. Die buschigen Augenbrauen fest zusammengezogen, las ein Mann an einem kleinen Tisch die »Prawda«. Sein schwarzes Russenhemd, die abgetragene Schirmmütze, das braungebrannte, hagere, seit langem nicht rasierte Gesicht mit den tiefliegenden hellblauen Augen - in alldem erkannte er den alten Kumpel Tschernokossow. Zwölf Jahre waren vergangen, seit dieser Mann, dem man die Leitung eines ganzen Gebietes anvertraute, seinen Hammer beiseite gelegt hatte, und doch schien es, als sei er eben erst aus der Grube gekommen. Das lag an seiner Art, sich zu benehmen, zu sprechen, ja, sogar an seiner Ausdrucksweise.
Tschernokossow war Leitungsmitglied des Gebiets-Parteikomitees und Mitglied der Regierung. Eine qualvolle Krankheit, der Brand im Bein, untergrub seine Kräfte. Tschernokossow hasste sein krankes Bein, das ihn gezwungen hatte, jetzt schon beinah ein halbes Jahr das Bett zu hüten.
Ihm gegenüber saß, nachdenklich rauchend, Alexandra Alexejewna Shigirewa. Sie war siebenunddreißig Jahre alt und schon seit neunzehn Jahren Parteimitglied. Die »Metallarbeiterin Schurotschka«, wie sie einst die Petersburger Illegalen genannt hatten, war schon als ganz junges Mädchen in sibirischer Verbannung gewesen.
Der dritte am Tisch war Pankow. Seinen schönen Kopf mit dem antiken Profil etwas geneigt, las er in einer deutschen Zeitschrift und rückte von Zeit zu Zeit seine große Hornbrille zurecht. Es mutete sonderbar an, wie dieser Dreißigjährige Athlet mühsam sein Bein nachschleppte, das ihm nicht mehr gehorchen wollte. Michail Wassiljewitsch Pankow, Redakteur, Schriftsteller und Mitarbeiter des Volksbildungskommissariats, hatte ganz Europa bereist, beherrschte mehrere Fremdsprachen, besaß ausgedehnte Kenntnisse auf verschiedenen Gebieten der Wissenschaft, und sogar der sonst sehr zurückhaltende Tschernokossow begegnete ihm mit großer Achtung.
»Das ist also der Genosse, mit dem du in einem Zimmer lebst?« fragte die Shigirewa leise Tschernokossow und deutete mit dem Kopf auf den Krankenwagen, in dem Kortschagin saß.
Tschernokossow legte die Zeitung beiseite, sein Gesicht hellte sich plötzlich auf.
»Ja, das ist Kortschagin. Ich muss dich mit ihm bekannt machen, Schura. Seine Krankheit hat ihm allerlei Hindernisse in den Weg gelegt, sonst würde er noch an so manchen Engpässen seinen Mann stehen können. Er ist einer von den Jungkommunisten der ersten Generation. Kurz, wenn wir den Burschen ein wenig, unterstützen - und ich habe die feste Absicht, das zu tun -, so wird er noch arbeiten können.« Pankow lauschte seinen Worten.
»Was hat er denn?« fragte ebenso leise Schura Shigirewa.
»Die Folgen des Jahres zwanzig. Bei ihm ist was mit dem Rückgrat nicht in Ordnung. Ich habe hier mit dem Arzt gesprochen, der befürchtet, dass diese Verletzung zu einer völligen Lähmung führen wird. So eine verfluchte Geschichte!«
»Ich werde ihn sofort herbringen«, sagte Schura. Das war der Anfang ihrer Bekanntschaft. Pawel ahnte damals noch nicht, dass ihm die Shigirewa und Tschernokossow bald nahe und teure Freunde und in den bevorstehenden schweren Krankheitsjahren seine treuesten Stützen werden sollten.

Das Leben ging seinen alten Lauf. Taja arbeitete, Kortschagin lernte. Kaum hatte er die Zirkelarbeit aufgenommen, als sich plötzlich ein neues Unglück heranschlich. Die Paralyse lähmte ihm die Beine. Jetzt gehorchte ihm nur noch der rechte Arm. Er biss sich die Lippen blutig, als er nach vergeblichen Bemühungen begriff, dass er sich nicht mehr werde bewegen können. Tapfer
verbarg Taja vor ihm die Verzweiflung und den Kummer über ihre Ohnmacht, ihm nicht helfen zu können. Schuldbewusst lächelnd sagte er zu ihr:
»Tajuscha, wir müssen uns trennen. Das war in unserer Vereinbarung nicht vorgesehen. Ich werde diese Sache noch heute gründlich überdenken.«
Sie ließ ihn nicht ausreden. Es war schwer, die Tränen zurückzuhalten. Krampfhaft schluchzend drückte sie Pawels Kopf an ihre Brust.
Artjom erfuhr von dem neuen Unglück, das den Bruder betroffen hatte. Er schrieb der Mutter, und Maria Jakowlewna ließ alles im Stich und fuhr zu ihrem Sohn. Sie lebten jetzt zu dritt. Die alte Frau befreundete sich rasch mit Taja. Pawel setzte sein Studium fort.
Eines Abends, an einem unfreundlichen Wintertag, brachte Taja den Beleg ihres ersten Sieges - den Ausweis eines Mitglieds des Stadtsowjets. Von da an sah sie Pawel immer seltener. Von der Sanatoriumsküche, in der sie als Geschirrwäscherin beschäftigt war, ging Taja in die Frauenabteilung, in den Sowjet, und kam erst spätabends müde, jedoch voller Eindrücke nach Hause. Es näherte sich der Tag ihrer Aufnahme als Kandidat in die Partei. In großer Erregung bereitete sie sich darauf vor, als sie ein neuer Schlag traf. Pawels Krankheit tat ihr Werk. Unerträglich brennend, begann ein Entzündungsprozess im rechten Auge, der dann auch auf das linke übergriff. Ein dunkler Schleier bedeckte alles um ihn herum.
Lautlos hatte sich das in seiner Unüberwindlichkeit doppelt schreckliche Hindernis eingestellt und versperrte ihm den Weg. Die Mutter und Taja waren in grenzenloser Verzweiflung, er aber fasste ruhig den Entschluss:
Man muss abwarten. Wenn es wirklich keine Möglichkeit zum Vorwärtskommen gibt, wenn all das, was ich getan habe, um zur Arbeit zurückkehren zu können, durch die Blindheit zunichte gemacht wird und ich mich niemals wieder einreihen kann - dann muss Schluss gemacht werden.
Kortschagin schrieb an seine Freunde. Sie antworteten ihm und ermahnten ihn, stark zu sein und den Kampf fortzusetzen.
In diesen für ihn so schweren Tagen teilte ihm Taja eines Tages freudig erregt mit:
»Pawluscha, ich bin Kandidat der Partei.«
Pawel lauschte ihrem Bericht, wie die Zelle die neue Genossin in ihre Reihen aufgenommen hatte, und erinnerte sich seiner eigenen ersten Schritte in der Partei.
»Und so, Genossin Kortschagina, sind wir zwei jetzt eine kommunistische Fraktion«, sagte er und drückte ihr die Hand.
Am nächsten Tag übermittelte er dem Parteisekretär des Bezirks brieflich die Bitte, ihn zu besuchen. Am Abend hielt vor Kortschagins Haus ein dreckbespritztes Auto, und Wolmer, ein bejahrter Lette mit einem üppigen Backenbart, schüttelte Pawel die Hand.
»Na, wie geht's? Was treibst du denn da für Unfug? Los, steh auf, wir wollen dich sofort zur Landarbeit schicken«, sagte er lachend.
Der Bezirkssekretär verbrachte zwei Stunden bei Kortschagin und vergaß sogar die für den Abend angesetzte Sitzung. Im Zimmer auf und ab gehend, hörte sich der Lette Pawels erregte Worte an und sagte schließlich:
»Red doch nicht immer vom Zirkel. Du musst dich ordentlich ausruhen, und dann muss man sehen, wie es um deine Augen steht. Vielleicht ist noch nicht alles verloren. Wäre es nicht gut, dich nach Moskau zu schicken? Denk mal darüber nach …« Kortschagin unterbrach ihn:
»Ich brauche Menschen, Genosse Wolmer, lebendige Menschen! Ich halte es in der Einsamkeit nicht aus. Mehr als je brauche ich jetzt Menschen um mich. Schick mir die Jungen, möglichst noch ganz unreife Burschen. Ich weiß, die schwenken bei dir in den Dörfern gar zu leicht nach links ab, zur Kommune -in der Kollektivwirtschaft fühlen sie sich beengt. Denn die Jungkommunisten, die schlagen leicht über die Stränge, wenn man nicht aufpasst. Ich kenne das!«
»Woher hast du denn das erfahren?« fragte Wolmer erstaunt.
»Erst heute haben wir derartige Nachrichten aus dem Bezirk bekommen.«
Pawel lächelte.
»Du wirst dich vielleicht an meine Frau erinnern? Man hat sie gestern als Kandidatin in die Partei aufgenommen. Sie hat mir das alles erzählt.«
»Die Geschirrwäscherin Kortschagina? Das ist deine Frau? Und ich habe es gar nicht gewusst!« Er dachte kurz nach und schlug sich plötzlich mit der Hand an die Stirn.
»Jetzt weiß ich, wen wir dir schicken - Lew Bersenew. Einen besseren Genossen kannst du gar nicht bekommen. Ihr werdet gut zueinander passen. Seid beide so etwas wie zwei Hochfrequenz-Transformatoren. Ich war nämlich früher mal Elektromonteur, daher dieser Vergleich. Und dann wird Lew für dich auch einen Radioapparat zusammenbasteln, er ist auf diesem Gebiet ein Meister. Ich hocke selber häufig bis zwei Uhr nachts bei ihm mit den Hörern an den Ohren. Meine Frau hat sogar schon Verdacht geschöpft: ›Wo treibst du dich denn neuerdings nachts immer so lange herum, alter Kunde?‹«
Kortschagin erkundigte sich lächelnd:
»Wer ist denn dieser Bersenew?«
Von dem Hinundherlaufen ermüdet, ließ sich Wolmer auf einen Stuhl fallen und erzählte:
»Bersenew ist unser Notar. Er ist aber grad so ein Notar, wie ich eine Balletttänzerin bin. Vor noch nicht sehr langer Zeit war Lew ein maßgebender Parteiarbeiter. Seit 1912 steht er in der revolutionären Bewegung, und seit der Oktoberrevolution ist er Parteimitglied. In den Bürgerkriegsjahren hatte er einen hohen Posten im Armeestab inne, in der 2. Reiterarmee war er Mitglied des Revolutionstribunals, zermalmte die weiße Brut im Kaukasus. Auch bei Zarizyn war er und an der Südfront. Im Fernen Osten stand er an der Spitze des Obersten Militärgerichts der Republik. Hat so manches durchgemacht. Schließlich packte ihn die Tuberkulose. Er ist vom Fernen Osten hergekommen. Hier im Kaukasus ist er Vorsitzender des Gouvernementsgerichts und stellvertretender Vorsitzender des Landesgerichts. Wegen seiner Lunge ging es mit ihm immer mehr bergab. Jetzt, wo er schon auf dem letzten Loch pfeift, haben ihn die Ärzte hergeschickt. Siehst du, deshalb haben wir auch so einen ungewöhnlichen Notar. Er hat hier eine ruhige Arbeit, da geht's mit ihm einigermaßen. Dann hat man ihm allmählich die Leitung einer Zelle übertragen, dann wurde er ins Bezirkskomitee gewählt, einen Kursus für politischen Unterricht hat man ihm noch aufgehalst, dazu die Kontrollkommission; er ist ein unersetzliches Mitglied aller verantwortlichen Kommissionen für die kompliziertesten und kniffligsten Angelegenheiten. Außerdem ist er Jäger und schließlich, wie gesagt, leidenschaftlicher Radiobastler. Und obgleich ihm eine Lunge fehlt, kann man sich kaum vorstellen, dass er krank ist. Er strotzt vor Energie. Sterben wird er sicherlich auch irgendwo unterwegs vom Bezirkskomitee zum Gericht.«
Pawel unterbrach ihn schroff:
»Warum bürdet ihr ihm derart viel auf? Er arbeitet doch bei euch hier mehr als früher.«
Wolmer kniff die Augen zusammen und schaute Kortschagin von der Seite an:
»Und wenn wir dir jetzt einen Zirkel oder sonst was geben, dann wird Lew sagen: ›Warum halst ihr ihm so viel auf?‹ Er steht auf dem Standpunkt: Besser ein Jahr heißer Arbeit, als fünf Jahre krank dahinzuvegetieren. Die Menschen werden wir erst schonen können, wenn wir den Sozialismus aufgebaut haben.«
»Das stimmt. Auch ich bin dafür, ein Jahr voller Arbeit gegen fünf Jahre Dahinvegetieren einzutauschen. Trotzdem sind wir manchmal zu verschwenderisch mit unseren Kräften. Und darin liegt, wie ich jetzt begriffen habe, weniger Heroismus als Spontaneität und Verantwortungslosigkeit. Erst jetzt habe ich angefangen zu begreifen, dass ich keinerlei Recht hatte, so brutal mit meiner Gesundheit umzugehen. Es hat sich herausgestellt, dass das gar kein Heroismus war. Vielleicht hätte ich ohne dieses Spartanertum noch einige Jahre durchgehalten. Kurz, die Kinderkrankheit, der Radikalismus - das ist eine der Hauptgefahren in meiner Lage.«
So redet er jetzt, aber stell ihn auf die Beine, und er wird alles auf der Welt vergessen, dachte Wolmer, aber er schwieg.
Am Abend des nächsten Tages kam Lew zu Pawel. Sie trennten sich erst um Mitternacht. Lew verließ seinen neuen Freund mit einem Gefühl, als sei er einem Bruder begegnet, den er vor vielen Jahren verloren hatte.
Am nächsten Morgen kletterten Leute auf dem Dach herum und montierten eine Antenne, während Lew drinnen in der Wohnung hantierte und dabei interessante Begebenheiten aus seinem Leben erzählte. Pawel konnte ihn nicht sehen, aus Tajas Schilderung wusste er jedoch, dass Lew blond war, helle Augen hatte, dass er schlank war und sich rasch bewegte. Genauso hatte ihn sich Pawel vom ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft an vorgestellt.
In der Dämmerung leuchteten im Zimmer drei Radioröhren auf. Lew überreichte Pawel feierlich die Kopfhörer. Im Äther herrschte ein Chaos von Tönen. Die Morseapparate aus dem Hafen zwitscherten wie die Vögelchen, irgendwo - offenbar nicht weit von der Küste entfernt - peilte sie der Funker eines Dampfers an. Und in diesem Gewirr von Geräuschen und Tönen fand das Variometer eine ruhige und sichere Stimme und holte sie näher heran.
»Achtung! Achtung! Hier spricht Moskau …«
Der kleine Apparat fing mit seiner Antenne sechzig Sender der Welt auf. Das Leben, das Pawel abseits geschleudert hatte, drang durch die stählerne Membran zu ihm ins Krankenzimmer, und er spürte seinen mächtigen Arm.
Als der ermüdete Bersenew die Freude in Pawels Gesicht sah, lächelte er befriedigt.
In dem großen Haus liegt alles in tiefem Schlaf. Unruhig murmelt Taja irgend etwas im Traum vor sich hin. Sie kommt jetzt immer erst spätabends nach Haus, erschöpft und durchfroren. Je tiefer sie in die Arbeit eindringt, desto seltener hat sie freie Abende, und Pawel erinnert sich an Bersenews Worte:
Wenn ein Bolschewik eine Frau hat, die Parteigenossin ist, so sehen sich beide selten. Das hat zwei Vorteile: Sie werden einander nicht überdrüssig, und zum Zanken bleibt ihnen auch keine Zeit!
Was konnte er dagegen einwenden? Das war zu erwarten. Es hatte einmal eine Zeit gegeben, da Taja ihm all ihre Abende widmete. Damals gab es mehr Wärme, mehr Zärtlichkeit. Aber während sie eben damals nur seine Freundin und seine Frau gewesen war, war sie jetzt seine Schülerin und Parteigenossin.
Er begriff, dass Taja, je weiter sie in ihrer Entwicklung fortschritt, immer weniger Zeit für ihn haben würde, und er nahm das als etwas Selbstverständliches hin.
Pawel wurde die Leitung eines Zirkels übertragen.
Und wieder wurden im Hause die Abende lebhaft. Die Stunden, die Pawel mit der Jugend verbrachte, erfüllten ihn mit neuem und zuversichtlichem Mut.
In der übrigen Zeit konnte ihn die Mutter kaum von den Kopfhörern wegbringen, um ihm die Mahlzeiten zu reichen.
Das Radio gab ihm das, was ihm die Blindheit genommen hatte: die Möglichkeit zu lernen. Und dieser, keine Hindernisse kennende Drang ließ ihn die qualvollen Schmerzen des immer noch fiebernden Körpers, das Brennen in den Augen und das ganze harte, ihm so ungnädige Leben vergessen.
Als Pawel im Rundfunk von den Leistungen der heldenhaften Magnitogorsker Jugend hörte, die unter dem Banner des Komsomol die Kortschaginsche Generation abgelöst hatte, war er überglücklich.
Im Geist erlebte er die bitteren Uralfröste und die Schneestürme mit, die die Menschen wie Rudel toller Wölfe überfielen. Der Wind heulte, aber Nacht und Schneesturm trotzend, setzte ein Trupp Komsomolzen der zweiten Generation beim Schein der Bogenlampen Glasscheiben in die Dächer der Riesenbauten ein, um die ersten Gebäude dieses gigantischen Kombinats vor Schnee und Kälte zu schützen. Winzig klein schien dagegen der Streckenbau im Wald, bei dem die erste Generation der Kiewer Jungkommunisten einst gegen den Schneesturm gekämpft hatte. Das Land war gewachsen, gewachsen waren auch die Menschen.
Am Dnepr durchbrach das Wasser die stählernen Dämme und überflutete Maschinen und Menschen. Abermals waren es Jungkommunisten, die sich den Naturgewalten entgegenstemmten und nach erbittertem zweitägigem Kampf die entfesselten Elemente wieder in ihre stählernen Schranken zurücktrieben. In diesem grandiosen Kampf marschierte die neue Generation der Komsomolzen an der Spitze. Freudig vernahm Pawel unter den Namen der Helden einen ihm vertrauten Namen: Ignat Pankratow.

NEUNTES KAPITEL

Mehrere Tage wohnten sie in Moskau im Lagerraum des Archivs einer Behörde, deren Chef ihnen behilflich war, Pawel in einer Spezialklinik unterzubringen.
Erst jetzt begriff Pawel, dass es keine große Kunst war, mit gesundem, jugendlichem Körper standhaft zu sein; doch auch nun nicht zu wanken, da einen das Leben mit eisernen Ringen umklammert hielt - das war, fühlte er, eine Sache der Ehre.
Seit den Tagen, die Pawel im Lagerraum des Archivs verbracht hatte, waren anderthalb Jahre vergangen, achtzehn Monate unbeschreiblicher Leiden.
In der Klinik erklärte Professor Awerbach ihm ganz offen, dass er das Augenlicht wahrscheinlich nicht wiedergewinnen werde. In unbestimmter Zukunft, wenn die Entzündung zurückgegangen sein werde, würden die Chirurgen eine Operation seiner Pupillen versuchen. Um die Entzündung abzudämmen, wurden chirurgische Eingriffe vorgeschlagen.
Man bat ihn um seine Zustimmung, und Pawel gestattete den Ärzten, alles zu tun, was sie für nötig hielten.
In den Stunden, die er auf den Operationstischen verbrachte, während Lanzetten seinen Hals bearbeiteten, um die Nebenschilddrüsen zu entfernen, streiften ihn dreimal die dunklen Fittiche des Todes. Aber das Leben gab Kortschagin nicht her. Nach den schrecklichen Stunden des Wartens fand Taja ihren Freund totenbleich, aber doch lebendig und, wie immer, ruhig und liebevoll wieder.
»Mach dir keine Sorgen, Mädel, ich bin nicht so leicht umzubringen, ich werde noch leben und allerlei Unfug treiben, den arithmetischen Berechnungen der gelehrten Äskulapjünger zum Trotz. Was meinen Gesundheitszustand betrifft, so haben sie vollkommen recht; sie irren sich jedoch sehr, wenn sie mich für hundertprozentig arbeitsunfähig halten. Das werden wir erst noch sehen.«
Pawel hatte fest entschlossen den Weg gewählt, auf dem er in die Reihen der Erbauer des neuen Lebens zurückkehren wollte.
Der Winter war zu Ende, und der Frühling riss die Fenster auf. Der vom Blutverlust völlig entkräftete Kortschagin begriff, nachdem er die letzte Operation überstanden hatte, dass er im Krankenhaus nicht mehr bleiben konnte. So viele Monate inmitten von menschlichem Elend, von Stöhnen und Klagen der dem Tode Geweihten waren unvergleichlich schwerer als nur seine eigenen Qualen zu ertragen.
Auf den Vorschlag, sich einer neuen Operation zu unterziehen, erwiderte er kalt und schroff:
»Schluss, hab genug davon. Einen Teil meines Blutes habe ich der Wissenschaft geopfert, und das, was mir verbleibt, habe ich für andere Zwecke nötig.«
Noch am selben Tag schrieb er an das Zentralkomitee der Partei einen Brief, mit der Bitte, ihm behilflich zu sein, in Moskau zu bleiben, wo seine Frau Arbeit gefunden hatte, da jedes weitere Herumreisen für ihn sinnlos sei.
Zum ersten Mal wandte er sich an die Partei um Hilfe. Als Antwort auf seinen Brief stellte ihm der Moskauer Sowjet ein Zimmer zur Verfügung.
Pawel verließ das Krankenhaus mit dem einzigen Wunsch, nie mehr dorthin zurückkehren zu müssen.
Das bescheidene Zimmer in einer stillen Nebengasse der Kropotkinstraße erschien ihm als höchster Luxus. Und häufig, wenn er nachts erwachte, wollte er kaum daran glauben, dass das Krankenhaus irgendwo weit hinter ihm lag.
Taja wurde Parteimitglied. Beharrlich in ihrer Arbeit, blieb sie, trotz der Tragödie ihres privaten Lebens, hinter den tüchtigsten Aktivistinnen ihres Betriebes nicht zurück. Die Belegschaft schenkte dieser wortkargen Arbeiterin volles Vertrauen und wählte sie als Mitglied des Betriebsrats. Der Stolz auf seine Freundin, die sich zu einer Bolschewikin entwickelt hatte, erfreute Pawel und gab ihm einen gewissen Trost in seiner schweren Lage.
Die Ärztin Bashanowa, die in dienstlichen Angelegenheiten nach Moskau gekommen war, besuchte ihn. Sie unterhielten sich lange. Pawel sprach mit leidenschaftlicher Wärme von dem Weg, der ihn in nicht mehr allzu ferner Zukunft in die Reihen der Kämpfer zurückführen sollte.
Die Bashanowa bemerkte an seinen Schläfen einen Silberstreifen und sagte mit leiser Stimme:
»Ich sehe, Sie haben nicht wenig durchgemacht. Aber Ihren unauslöschlichen Enthusiasmus haben Sie trotzdem nicht eingebüßt. Was braucht man mehr? Es ist gut, dass Sie sich entschlossen haben, die Arbeit zu beginnen, zu der Sie sich fünf Jahre lang vorbereitet haben. Wie werden Sie aber arbeiten?«
Pawel lächelte beruhigend.
»Morgen bekomme ich eine Kartonvorlage. Ohne die kann ich nicht schreiben. Sonst geraten die Zeilen durcheinander. Ich habe lange nach einem Ausweg gesucht und habe ihn gefunden - aus dem Karton herausgeschnittene Streifen werden meinen Bleistift daran hindern, aus dem Rahmen einer geraden Zeile zu gleiten. Es ist schwer zu schreiben, ohne das Geschriebene zu sehen, jedoch nicht unmöglich. Davon habe ich mich schon überzeugt. Anfangs wollte es nicht gelingen, jetzt schreibe ich aber langsamer, ich führe jeden einzelnen Buchstaben sorgfältig aus, und so geht es ziemlich gut.«
Pawel begann zu arbeiten. Er plante ein Buch, das der heldenhaften Kotowski-Division gewidmet sein sollte.
Der Titel fand sich von selbst.
»Die Sturmgeborenen.«
Von diesem Tag an konzentrierte sich sein ganzes Leben auf seine Arbeit an diesem Buch. Langsam, Zeile um Zeile, wuchsen die Seiten an. Ganz im Bann der von ihm geschaffenen Gestalten, vergaß er alles andere. Zum ersten Mal erlebte er die Qual des Schaffens, als sich die lebendig vor ihm erstehenden, so gegenwärtigen, unvergesslichen Bilder nicht auf das Papier bannen ließen und die Zeilen blass, ohne Feuer und Leidenschaft blieben.
Alles, was er schrieb, musste er Wort für Wort im Gedächtnis behalten. Verlor er den Faden, so stockte die ganze Arbeit. Die Mutter beobachtete ihn besorgt.
Oft musste er ganze Seiten, manchmal sogar ganze Kapitel auswendig vor sich hersagen, und der Mutter schien es manchmal, als habe ihr Sohn den Verstand verloren. Solange er schrieb, wagte sie nicht, ihn zu stören. Nur wenn sie die auf den Boden gerutschten Blätter aufhob, sagte sie schüchtern:
»Du solltest dich lieber mit etwas anderem beschäftigen, Pawluscha. Wo hat man das schon gesehen, immer nur schreiben und schreiben, ohne Ende …«
Pawel lachte herzlich über die Besorgnis der Mutter und versicherte ihr, sie könne ganz beruhigt sein, bei ihm sei »vorläufig noch keine Schraube locker«.
Drei Kapitel des geplanten Buches waren fertig. Pawel sandte sie nach Odessa, an seine ehemaligen Mitkämpfer aus der Kotowski-Division, damit sie ihre Meinung äußerten. Bald darauf erhielt er von ihnen einen Brief mit günstigen Urteilen - das Manuskript jedoch ging auf dem Rückweg verloren. Die Arbeit von sechs Monaten war vernichtet. Das war für Pawel ein harter Schlag. Er bedauerte es bitter, dass er das Original des Manuskripts weggeschickt hatte, ohne Kopien davon anfertigen zu lassen. Als er Ledenew von seinem Verlust erzählte, meinte der:
»Warum bist du so unvorsichtig gewesen? Beruhige dich, jetzt nützt das Schimpfen nichts. Fang noch einmal von vorn an.«
»Aber Innokenti Pawlowitsch! Man hat mir die Arbeit von sechs Monaten geraubt, das Resultat vieler mühseliger Arbeitstage! Diese elenden Hunde!«
Ledenew war bemüht, ihn zu beruhigen.
Alles musste also von neuem begonnen werden. Ledenew besorgte Papier. Er ließ die bereits fertigen Blätter mit der Schreibmaschine abtippen. Nach anderthalb Monaten war das erste Kapitel wieder neu geschrieben.
Kortschagins hatten als Wohnungsnachbarn die Familie Alexejew. Der älteste Sohn, Alexander, war Sekretär eines der städtischen Bezirkskomitees des Kommunistischen Jugendverbandes. Er hatte eine achtzehnjährige Schwester, Galja, die eine Betriebsschule absolviert hatte. Galja war ein lebensfrohes Mädchen. Pawel beauftragte die Mutter, mit ihr zu sprechen, ob sie nicht bereit wäre, ihm als seine »Sekretärin« bei der Arbeit zu helfen.
Galja gab mit großer Bereitwilligkeit ihre Zustimmung.
Sie kam lächelnd und freundlich, und als sie erfuhr, dass Pawel ein Buch schrieb, sagte sie:
»Ich werde Ihnen gern behilflich sein, Genosse Kortschagin. Das ist doch etwas anderes, als für den Vater langweilige Rundschreiben über die Instandhaltung der Wohnungen zu schreiben.«
Seit diesem Tag ging die literarische Arbeit mit doppelter Geschwindigkeit vorwärts. Im Verlauf eines Monats war so viel geschafft worden, dass Pawel darüber selbst erstaunt war. Galjas lebhafte Teilnahme und ihr Interesse erleichterten ihm die Arbeit sehr. Ihr Bleistift glitt leise übers Papier hinweg, und die Stellen, die ihr besonders gefielen, las sie wiederholt vor, in ehrlichem Entzücken über das Geschriebene. Im Hause war sie fast der einzige Mensch, der Vertrauen zu seiner Arbeit hatte. Den anderen schien es, dass nichts dabei herauskommen würde und dass er sich nur bemühe, seine erzwungene Untätigkeit durch irgend etwas auszufüllen.
Als Ledenew, von einer Dienstreise nach Moskau zurückgekehrt, die ersten Kapitel gelesen hatte, sagte er:
»Fahr nur so fort, mein Freund. Der Erfolg ist dir sicher. Du wirst noch viel Freude erleben, Genosse Pawel. Ich bin fest davon überzeugt, dass dein Traum, wieder in die Reihen zurückzukehren, bald in Erfüllung gehen wird. Verlier nur die Hoffnung nicht, mein Sohn.«
Der Alte ging, mit großer Zufriedenheit.
Dann kam Galja. Ihr Bleistift huschte über das Papier, und neue Worte, neue Zeilen über die unvergessliche Vergangenheit reihten sich aneinander.
In jenen Momenten, wenn Pawel in seine Gedanken versank und sich der Macht der Erinnerung hingab, beobachtete Galja, wie seine Wimpern zuckten, wie sich seine Augen veränderten und die einander ablösenden Gedanken widerspiegelten. Es war schwer zu glauben, dass er blind war, denn die reinen, durch kein Fleckchen getrübten Augen zeugten von Leben.
Am Abend las sie ihm jedes Mal die Arbeit des Tages vor und sah, wie er aufmerksam lauschte, aber zuweilen die Stirn runzelte:
»Warum sind Sie denn unzufrieden, Genosse Kortschagin? Das ist doch gut geschrieben.«
»Nein, Galja, es ist nicht das Richtige.«
Wenn die eine oder die andere Seite misslungen war, begann Pawel wieder selbst zu schreiben. Durch die schmalen Streifen der Vorlage gehemmt, hielt er es manchmal nicht mehr aus und ließ das Schreiben wieder sein. Dann zerbrach er in grenzenloser Wut über das Leben, das ihm sein Augenlicht genommen hatte, die Bleistifte, und auf den wundgebissenen Lippen zeigten sich Blutspuren.
Als die Arbeit zu Ende ging, begannen häufiger als sonst verbotene Empfindungen die immer wache Willenskraft zu sprengen. Verboten waren ihm Kummer und andere einfache menschliche Gefühle, heiße und zärtliche, die jeder haben durfte, nur er nicht. Wenn er nur einem dieser Gefühle nachgeben würde, so könnte die Sache ein tragisches Ende nehmen.
Taja kehrte gewöhnlich erst spätabends aus der Fabrik heim, und nachdem sie mit der Mutter halblaut einige Worte gewechselt hatte, ging sie zur Ruhe.
Das letzte Kapitel war geschrieben. Mehrere Tage hintereinander hatte Galja ihm das Buch vorgelesen. Morgen wird das Manuskript nach Leningrad an die Kultur- und Propagandaabteilung des Gebietskomitees geschickt. Wenn man dort dem Buch »den Weg ins Leben« freigibt, so wird es einem Verlag zugestellt und dann …
Unruhig klopfte Pawels Herz. Dann … ja, dann beginnt ein neues Leben, das er sich durch Jahre angestrengter und hartnäckiger Arbeit erobert hatte.
Mit dem Schicksal des Buches entschied sich auch das Schicksal Pawels. Wenn das Manuskript für schlecht erklärt wird, dann ist es mit ihm aus. Sollte aber der Misserfolg nur ein halber sein, ein Misserfolg, den man durch weiteres Studium beheben kann, so würde er es sofort wieder anpacken.
Die Mutter gab das schwere Paket auf der Post ab. Es folgten Tage gespannter Erwartung. Noch nie in seinem Leben hatte Kortschagin mit so qualvoller Ungeduld auf Briefe gewartet wie in diesen Wochen. Er fieberte von der Morgenpost bis zur Abendpost.
Aber Leningrad schwieg.
Das Schweigen Leningrads schien Gefahr zu verheißen. Das Vorgefühl einer Niederlage wuchs mit jedem Tag, und Pawel gestand sich ein, dass eine völlige Ablehnung des Buches seinen Tod bedeuten würde. Dann konnte er nicht mehr leben. Das Leben hätte jeden Sinn verloren.
In solchen Augenblicken erinnerte er sich an den Park draußen am Meer, und wieder und wieder stellte er sich die Frage:
Hast du auch alles getan, um dich aus der eisernen Umklammerung frei zu machen, um in die Kampfreihen zurückzukehren, um dein Leben nützlich zu gestalten?
Und er antwortete:
Ja, es scheint so, alles!
Wochen vergingen. Und eines Tages, als das Warten schon unerträglich geworden war, rief die Mutter, die nicht weniger aufgeregt war als ihr Sohn, beim Betreten des Zimmers:
»Nachricht aus Leningrad!«
Es war ein Telegramm vom Gebietskomitee. Einige knappe Worte auf einem Formular:
»Roman begeistert aufgenommen. Wird sofort herausgegeben. Herzliche Glückwünsche zum Erfolg.«
Pawels Herz schlug höher. Der ersehnte Traum war Wirklichkeit geworden! Der eiserne Ring war gesprengt. Abermals - mit einer neuen Waffe - war er in die Kampfreihen, zum Leben zurückgekehrt.

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