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Ein
Kommunist fürchtet nichts - das ist die Schlussfolgerung aus diesem
Buch, das ist die Bilanz des Lebens des Verfassers.
JULIUS FUCIK
ERSTES
KAPITEL
Mitternacht.
Die letzte Straßenbahn mit ihren arg beschädigten Wagen war schon längst
vorübergepoltert. Der Mond ergoss sein fahles Licht aufs Fensterbrett.
Ein bläulicher Schein lag über dem Bett und ließ den übrigen Teil
des Zimmers im Halbschatten. In der Ecke verbreitete die Tischlampe
einen hellen Lichtkegel. Rita saß tief gebeugt über einem dicken Heft,
ihrem Tagebuch.
»24. Mai«, schrieb sie mit scharfgespitztem Bleistift nieder.
»Wiederum versuche ich meine Eindrücke festzuhalten. Wieder eine Lücke.
Anderthalb Monate sind vergangen, und ich habe kein einziges Wort
geschrieben. So muss ich mich eben mit diesem Fragment begnügen.
Woher soll ich denn die Zeit nehmen, ein Tagebuch zu führen. Erst
jetzt, in der Nacht, kann ich mich niedersetzen und schreiben. Ich finde
keinen Schlaf. Genosse Segal ist zur Arbeit ins Zentralkomitee der
Partei berufen worden. Schade, dass er weggeht, er ist so ein prächtiger
Mensch. Erst jetzt empfinde ich, wie wertvoll seine Freundschaft für
uns alle war. Leider wird mit der Abreise Segals unser Zirkel zum
Studium des dialektischen Materialismus auseinander fallen. Gestern
waren wir bis spätnachts bei ihm und prüften die Fortschritte unserer
Schüler. Der Sekretär des Gouvernements-Jugendkomitees, Akim, war
ebenfalls da und auch der widerliche Leiter der Personalabteilung, Tufta.
Nicht ausstehen kann ich diesen Besserwisser! Segal strahlte. Sein Schüler
Kortschagin legte den Tufta in Parteigeschichte gehörig herein. Ja,
diese zwei Monate sind nicht ungenutzt geblieben. Wenn die Arbeit solche
Erfolge zeitigt, tut einem die aufgewandte Mühe nicht leid. Man sagt,
dass Shuchrai in die Sonderabteilung des Militärbezirks versetzt wird.
Weshalb - ist mir unbekannt.
Genosse Segal hat mir seinen Schüler anvertraut.
› Führt das Begonnene zu Ende‹, sagte er zu mir, ›bleibt nicht
auf halbem Weg stehen, Sie, Rita, und er, ihr könnt manches voneinander
lernen. In dem Jungen steckt noch zuviel Spontaneität. Ihn beherrschen
stürmische Empfindungen, und seine Gefühle gehen oft mit ihm durch.
Soweit ich Sie kenne, Rita, werden Sie ihn auf die richtigen Bahnen
lenken können. Ich wünsche Ihnen Erfolg. Und vergessen Sie nicht, mir
nach Moskau zu schreiben‹, sagte mir Segal zum Abschied.
Heute wurde uns aus dem ZK ein neuer Sekretär für das Bezirkskomitee
von Solomenka geschickt. Sein Name ist Sharki. Ich kenne ihn noch von
der Armee her …
Dmitri Dubawa soll morgen Kortschagin herbringen. Ich will Dubawa
beschreiben. Er ist mittelgroß, stark, muskulös. Seit 1918 ist er
Mitglied des Komsomol, und seit 1920 gehört er zur Partei. Er ist einer
von den dreien, die wegen ihrer Zugehörigkeit zu der parteifeindlichen
Gruppierung, die sich ›Arbeiteropposition‹ nannte, aus dem
Gouvernements-Jugendkomitee ausgeschlossen wurden. Der Unterricht mit
ihm war alles andere als leicht. Jeden Tag warf er unseren Plan über
den Haufen, indem er mich mit Fragen bestürmte, die uns vom Thema
ablenkten. Zwischen Olga Jurenewa, meiner
zweiten Schülerin, und Dubawa kam es häufig zu Auseinandersetzungen.
Am ersten Abend musterte er Olga von Kopf bis Fuß und sagte:
› Deine Uniform ist noch nicht vollständig, Alte. Du musst dir noch
Lederhosen, Sporen, einen Budjonny-Helm und einen Säbel zulegen, sonst
bist du weder Fisch noch Fleisch.‹
Olga blieb ihm keine Antwort schuldig, und ich musste die beiden
trennen. Dubawa ist, soviel ich weiß, ein Freund Kortschagins …..
Nun, genug für heute. Ich muss schlafen.«
Dumpfe
Hitze lag über dem Land. Das eiserne Geländer der Bahnüberführung glühte
fast. Matte, von der Sonnenglut erschöpfte Menschen erklommen die
Stiegen zur Überführung. Es waren keine Reisenden, sondern hauptsächlich
Leute, die vom Bahnhofsviertel in die Stadt wollten.
Pawel hatte Rita von der obersten Stufe aus bemerkt. Sie war früher als
er zum Zug gekommen und schaute die Treppe hinauf.
Drei Schritt von Rita entfernt machte Kortschagin halt. Sie hatte ihn
nicht bemerkt. Pawel betrachtete sie mit seltsamer Neugier. Rita trug
eine gestreifte Bluse und einen kurzen blauen Rock aus einfachem Stoff.
Die weiche Chromlederjacke hatte sie über die Schulter geworfen.
Dichte, widerspenstige Locken umrahmten das gebräunte Gesicht. Den Kopf
leicht zurückgeworfen, stand sie blinzelnd im hellen Sonnenschein. Zum
ersten Mal sah Kortschagin seine Freundin und Lehrerin mit solchen
Augen, und zum ersten Mal kam ihm der Gedanke, dass Rita nicht nur ein
Mitglied des Büros des Gouvernementskomitees, sondern auch … Und als
er sich bei derart »sündhaften« Gedanken ertappte, rief er ihr, über
sich selbst ärgerlich, zu:
»Ich bin schon eine ganze Stunde hier und schaue dich an, und du siehst
mich gar nicht. Es ist Zeit, dass wir gehen, der Zug steht schon da.«
Rita war gestern vom Gouvernementskomitee als Vertreterin zu einer
Kreiskonferenz delegiert worden. Zur Begleitung hatte man ihr
Kortschagin beigegeben. Heute mussten sie unbedingt mit dem Zug
mitkommen, was durchaus keine leichte Sache war. Bei der Abfertigung der
damals äußerst selten fahrenden Züge stand der Bahnhof unter
Kontrolle des allmächtigen Fünferausschusses zur Regelung des
Bahnhofsverkehrs, und ohne einen Passierschein dieses Ausschusses hatte
niemand das Recht, den Bahnsteig zu betreten. Alle Ein- und Ausgänge
waren von der Sperrabteilung des Ausschusses abgeriegelt. Der völlig überfüllte
Zug konnte nur den zehnten Teil derer fassen, die mitfahren wollten.
Niemand hatte Lust zurückzubleiben, er hätte tagelang auf einen zufällig
durchfahrenden Zug warten müssen. Tausende von Menschen stürmten die
Durchgänge und versuchten zu den grünen Waggons zu gelangen. An
solchen Tagen erlebte der Bahnhof eine regelrechte Belagerung, und nicht
selten kam es sogar zum Handgemenge.
Rita und Pawel mühten sich vergebens, zum Bahnsteig vorzudringen.
Pawel, der alle Ein- und Ausgänge des Bahnhofs kannte, führte seine
Reisegefährtin durch die Gepäckabfertigungsstelle. Mühsam drängten
sie sich bis zum Wagen Nr. 4 vor. An dessen Tür stand ein schweißtriefender
Tschekist, der, die dichte Menschenmenge zurückhaltend, wohl zum
hundertsten Male wiederholte:
»Ich habe euch doch schon gesagt, der Waggon ist überfüllt. Und laut
Befehl dürfen wir niemanden auf die Puffer und Dächer lassen.«
Die erregten Menschen stürmten auf ihn ein und hielten ihm die vom Fünferausschuss
für den Wagen Nr. 4 ausgestellten Fahrkarten vor die Nase. Wütendes
Schimpfen und Schreien überall, Gedränge vor jedem Waggon. Pawel sah,
dass es unmöglich war, auf dem üblichen Weg einzusteigen. Sie mussten
jedoch unbedingt fahren, sonst würde die Konferenz scheitern.
Er rief Rita beiseite und weihte sie in seinen Aktionsplan ein. Er
wollte sich in den Waggon drängen, das Fenster öffnen und Rita durch
das Fenster hereinziehen. Auf andere Weise würden sie ihr Ziel nie
erreichen.
»Gib mir deine Lederjacke, die ist besser als jedes Mandat.«
Pawel zog Ritas Lederjacke an, steckte in eine der Taschen seine Pistole
und ließ absichtlich den Griff mit dem Riemen herausschauen. Den
Rucksack mit den Lebensmitteln legte er neben Rita auf den Boden und
ging auf den Waggon zu. Brüsk zwängte er sich durch die Masse der
Passagiere hindurch und fasste schon nach der Griffstange, als der
breitschultrige Tschekist ihn anhielt:
»Heda, Genosse, wohin?«
»Ich bin von der Sonderabteilung des Militärbezirks. Wollen mal
kontrollieren, ob alle Passagiere Fahrkarten des Fünferausschusses
haben«, sagte Pawel in einem Ton, der keinen Zweifel an seinen
Vollmachten zuließ.
Der Tschekist warf einen Blick auf Pawels Jackentasche, wischte sich mit
dem Ärmel den Schweiß von der Stirn und antwortete ziemlich gleichgültig:
»Nun, kontrollier, wenn du reinkommst.«
Pawel drang unter einem Hagel von Schimpfworten bis in die Mitte des
Wagens vor. Während er mit den Ellbogen, Schultern und, wo es Not tat,
auch mit den Fäusten arbeitete, kletterte er über fremde Schultern
hinweg, zog sich mit den Händen hoch und klammerte sich dann an den
oberen Pritschen fest.
»Wohin, zum Teufel, willst du? Verflucht noch mal!« schrie ihn eine
dicke Tante an, als er sich von oben herunterließ und ihr dabei aufs
Knie trat. Das Weib hatte sich - üppig wie sie war - auf das Ende der
unteren Pritsche gezwängt und hielt eine große Ölkanne zwischen den
Beinen. Solche Kannen, Kisten, Säcke und Körbe standen überall, auf sämtlichen
Pritschen. Im Waggon konnte man kaum Luft holen. Auf das Gezeter der
Frau antwortete Pawel mit der Frage:
»Ihre Fahrkarte, Bürgerin?«
»Was willst du?« fuhr jene den ungebetenen Kontrolleur an.
Von der obersten Gepäckbank schaute eine richtige Gaunervisage herab,
und eine tiefe Bassstimme brummte:
»Waska, was ist denn das hier für'n Früchtchen? Gib ihm mal 'nen
Passierschein auf den Friedhof.«
Unmittelbar über Kortschagins Kopf tauchte jemand auf, ein baumstarker
Kerl, die Brust voller Haare, und starrte Kortschagin mit Glotzaugen an:
»Was willst du von dieser Frau? Was für 'ne Fahrkarte?« Von der
Seitenpritsche baumelten vier Paar Beine herunter. Die Eigentümer
dieser Beine saßen eng umschlungen und knackten Sonnenblumenkerne.
Allem Anschein nach war hier ein Rudel durchtriebener Spekulanten und
Schieber beisammen, die in den Eisenbahnzügen ihr Handwerk trieben.
Pawel hatte jedoch keine Zeit, sich mit ihnen einzulassen. Es galt, Rita
in den Wagen zu bringen.
»Wem gehört diese Kiste?« fragte er einen älteren Eisenbahner und
zeigte auf eine am Fenster stehende Holzkiste.
»Der Jungfer dort«, erwiderte dieser, auf ein Paar dralle Beine in
braunen Strümpfen weisend.
Das Fenster musste geöffnet werden, aber die Kiste hinderte ihn daran.
Kein Platz, wo man sie unterbringen konnte. Pawel hob die Kiste auf und
reichte sie ihrer Besitzerin, die sich auf der oberen Pritsche breit
gemacht hatte.
»Halten Sie mal, Bürgerin, nur ein Weilchen, ich will das Fenster öffnen.«
»Was hast du fremde Sachen anzurühren?« fuhr ihn die plattnasige Frau
an, als er ihr die Kiste auf den Schoß stellte.
»Motka, was gibt dieser Bürger hier so groß an?« wandte sie sich
hilfesuchend an ihren Nachbarn. Der stieß Pawel, ohne sich auch nur von
seinem Platz zu erheben, mit einem in einer Sandale steckenden Fuß in
die Rippen.
»He, du Mistvieh, mach, dass du wegkommst, sonst kriegst du eins in die
Fresse!«
Pawel ertrug schweigend den Rippenstoß, biss sich auf die Lippen und öffnete
das Fenster.
»Bitte, Genosse, rück ein wenig zur Seite«, bat er den Eisenbahner.
Er verschaffte sich wiederum etwas Platz, indem er eine Kanne beiseite
schob, und stellte sich dicht ans Fenster. Rita reichte ihm von draußen
schnell den Rucksack herein. Pawel warf ihn dem üppigen Weib mit der
Kanne auf den Schoß, beugte sich zum Fenster hinaus, fasste Rita bei
den Händen und zog sie
ins Innere. Noch ehe der Rotarmist der Sperrabteilung diese
ordnungswidrige Handlung bemerken und verhindern konnte, war Rita
bereits im Wagen. Dem Rotarmisten blieb nichts anderes übrig, als
fluchend umzukehren. Im Wagen wurde Rita von der Spekulantenbande mit
einem solchen Hallo empfangen, dass sie verlegen und unruhig wurde. Sie
konnte nirgends hintreten, stand auf dem äußersten Rand der unteren
Pritsche und hielt sich am Brett der oberen fest.
Von allen Seiten hagelte es Schimpfworte. Der Bass von oben ließ sich
vernehmen:
»So ein Geschmeiß, quetscht sich selber hier herein und schleppt auch
noch ein Weibsbild nach!«
Und noch irgendein Unsichtbarer piepste:
»Motka, gibt ihm doch mal eins in die Schnauze!« Die plattnasige Frau
schickte sich an, die Holzkiste auf Kortschagins Kopf zu stellen.
Ringsum nichts als fremde, hämische Gesichter. Pawel bedauerte, dass
Rita dabei war. Aber sie mussten doch irgendwo Platz finden.
»Bürger, räum mal deine Säcke vom Gang weg, hier wird sich die
Genossin hinstellen«, wandte er sich an jenen, der mit Motka angeredet
wurde. Dieser antwortete derartig ordinär, dass Pawel das Blut ins
Gesicht schoss. Über der rechten Braue verspürte er einen stechenden
Schmerz.
»Na warte, du Schurke, mit dir werde ich noch abrechnen«, erwiderte er
dem frechen Kerl, sich mühsam beherrschend, aber sofort setzte es von
oben einen gehörigen Fußtritt gegen den Kopf.
»Lang ihm doch noch eine, Waska!« Von allen Seiten wurde gegrölt und
geschrieen.
Was Pawel so lange mühsam zurückgehalten hatte, das brach nun hervor,
und wie immer in solchen Momenten, handelte er rasch und entschlossen.
Er zog sich an den Händen federleicht in die Höhe, kletterte auf die
zweite Pritsche und schlug mit der Faust in Motkas freche Visage. Der
Hieb war so stark, dass der Schieber von der Pritsche auf die Köpfe der
anderen Reisenden im Gang hinunterplumpste.
»Los, herunter von der Bank, Gesindel, sonst schieß ich euch wie Hunde
über den Haufen!« schrie Kortschagin wütend und hielt den vier
Krakeelern die Pistole vor die Nase.
Die Sache nahm sofort eine andere Wendung. Rita verfolgte die Vorgänge
mit gespannter Aufmerksamkeit, bereit, auf jeden zu schießen, der es
wagen würde, Kortschagin anzugreifen. Die obere Pritsche wurde schnell
geräumt. Die Gaunerbande verzog sich schleunigst in ein benachbartes
Abteil. Als Rita den frei gewordenen Platz eingenommen hatte, flüsterte
ihr Pawel zu:
»Bleib hier ruhig sitzen, ich will noch mit denen da abrechnen.«
Rita hielt ihn zurück:
»Willst du dich wirklich mit ihnen prügeln?«
»Nein, ich komme gleich zurück«, beruhigte er sie.
Er öffnete das Fenster und kletterte auf den Bahnsteig hinaus. Nach
wenigen Minuten stand er vor dem Chef der Distrikts-Tscheka, seinem früheren
Vorgesetzten. Der hörte ihn an und gab sogleich Anweisungen, sämtliche
Passagiere des Wagens zu prüfen.
»Ich habe doch schon immer gesagt, dass die Züge bereits mit
Spekulanten im Bahnhof einlaufen«, brummte er.
Ein aus einem Dutzend Tschekisten bestehender Trupp säuberte den
Waggon. Nach alter Gewohnheit half Pawel bei der Kontrolle des gesamten
Zuges. Obwohl er nicht mehr in der Tscheka arbeitete, war die Verbindung
mit seinen Freunden noch sehr eng, und als Sekretär des
Jugendkollektivs hatte er viele seiner besten Komsomolzen zur Arbeit in
die Tscheka geschickt.
Nach Beendigung der Kontrolle ging Pawel zu Rita zurück. Neue
Passagiere füllten jetzt den Waggon - Rotarmisten und Genossen, die
dienstlich unterwegs waren.
Für Rita blieb nur noch auf der obersten Bank ein Plätzchen frei.
Alles übrige wurde mit Zeitungspaketen belegt.
»Macht nichts«, meinte Rita, »irgendwie werden wir uns schon
einrichten.«
Der Zug setzte sich in Bewegung.
An den Fenstern schwebte das auf einem riesigen Haufen von Säcken
thronende Spekulantenweib vorüber.
»Manka, wo ist meine Kanne?« hörte man sie schreien.
Durch die Zeitungspakete von den Nachbarn getrennt, saßen Rita und
Pawel auf ihrem engen Plätzchen und kauten mit vollen Backen Brot und
Äpfel. Jetzt konnten sie über den Vorfall lachen, der ihnen noch vor
kurzem gar nicht so lustig erschienen war.
Langsam kroch der Zug dahin. Die überladenen, altersschwachen
Eisenbahnwagen ächzten und knarrten in allen Fugen. Draußen begann es
graublau zu dämmern, dann verhängte die Nacht die offenen Fenster mit
ihrem schwarzen Schleier. Im Waggon war es dunkel.
Rita schlummerte, den Kopf auf dem Rucksack, vor Ermüdung ein. Pawel saß
am Rande der Bank, ließ die Beine baumeln und rauchte. Auch er war müde,
konnte sich jedoch nirgends hinlegen. Erfrischende Nachtluft wehte
durchs Fenster. Ein Stoß ließ Rita erwachen. Sie bemerkte die
glimmende Zigarette Pawels. Der ist imstande, bis morgen früh so
dazusitzen, dachte sie.
»Genosse Kortschagin! Lassen Sie die bürgerlichen Vorurteile und legen
Sie sich doch nieder«, sagte sie scherzhaft.
Pawel legte sich neben sie und streckte erleichtert seine müden Beine
aus.
»Morgen haben wir eine Menge Arbeit. Schlaf, du Raufbold.« Ihr Arm
umfasste vertrauensvoll den Freund, und er spürte ihr Haar an seiner
Wange.
Für ihn war Rita unantastbar. Sie war seine Freundin, seine Genossin im
Kampf, sein politischer Leiter. Dass sie auch eine Frau war, hatte er
zum ersten Mal heute auf der Brücke empfunden, und deshalb erregte ihn
diese Umarmung sehr. Pawel spürte ihre tiefen, gleichmäßigen Atemzüge,
irgendwo ganz nahe waren ihre Lippen. Diese Nähe erweckte in ihm den unüberwindlichen
Wunsch, ihre Lippen zu suchen, und nur mit äußerster
Willensanstrengung konnte er sich bezwingen. Rita, die seine Gefühle zu
erraten schien, lächelte in der Dunkelheit. Sie hatte bereits die
Freuden der Liebe und den Schmerz des Verlustes erlebt. Zweimal in ihrem
Leben hatte sie geliebt, und die Menschen, denen sie ihre Liebe
geschenkt, waren ihr alle beide durch weißgardistische Kugeln entrissen
worden: der eine ein tapferer Riese, ein Brigadekommandeur, der andere
ein junger Bursche mit klaren Augen; zwei Bolschewiki.
Bald wiegte das Rattern der Räder Pawel in den Schlaf. Erst gegen
Morgen weckte ihn ein Pfiff der Lokomotive.
Rita
kehrte jetzt immer erst spätabends heim. In ihrem Tagebuch, das sie nur
selten aufschlug, erschienen nur noch spärliche Notizen.
11.
August
Die Gouvernementskonferenz ist zu Ende. Akim, Michail und andere sind
nach Charkow gefahren, wo die Republikskonferenz stattfindet. Nun lastet
die ganze technische Arbeit auf mir. Dubawa und Pawel sind ins
Gouvernementskomitee gewählt worden. Seitdem Dmitri zum Sekretär des
Petschersker Bezirks-Jugendkomitees bestimmt worden ist, nimmt er an
unserem Abendzirkel nicht mehr teil. Er ist mit Arbeit überladen. Pawel
möchte noch lernen, aber entweder habe ich keine Zeit, oder er wird
irgendwohin geschickt. Wegen der gespannten Lage bei der Eisenbahn sind
sie dort ständig in Bereitschaft. Sharki war gestern bei mir. Er ist
unzufrieden, dass wir ihm die Jungen weggenommen haben. Er sagt, dass er
sie selber dringend braucht.
23.
August
Als ich heute durch den Korridor ging, sah ich an der Tür der Geschäftsleitung
Pankratow, Kortschagin und noch einen Unbekannten stehen. Ich ging zu
ihnen und hörte, wie Pawel erzählte:
»Dort sitzen Kerle, für die sogar eine Kugel noch zu schade wäre. -
›Ihr habt kein Recht‹, sagt er, ›euch in unsere Verordnungen
einzumischen. Hier hat nur das Eisenbahnforstkomitee zu bestimmen, nicht
irgendein Jugendverband.‹ -Und eine Fresse hat dieser Kerl … Da
sieht man's, wo sich die Parasiten eingenistet haben!«
Seinen Worten folgte eine Flut unflätigster Schimpfworte. Pankratow,
der mich bemerkt hatte, gab Pawel einen Rippenstoß. Jener wandte sich
um und wurde ganz blass, als er mich erblickte. Ohne mir in die Augen zu
schauen, ging er sofort davon. Jetzt werde ich ihn lange nicht zu sehen
bekommen. Er weiß ja, dass ich das Fluchen nicht ausstehen kann.
27.
August
Wir hatten eine Komiteesitzung. Die Lage wird immer komplizierter. Vorläufig
kann ich noch nicht alles eintragen - ich darf es nicht. Akim ist früher
aus dem Bezirk zurückgekehrt. Gestern ist bei Teterew wieder ein Güterzug
mit Lebensmitteln zum Entgleisen gebracht worden. Ich werde wohl besser
keine Aufzeichnungen mehr machen, denn es sind ja sowieso nur ganz
zusammenhanglose Notizen. Jetzt warte ich auf Kortschagin. Er, Sharki
und drei andere haben eine Kommune gegründet…
Eines
Tages wurde Pawel in der Werkstatt ans Telefon gerufen. Rita teilte ihm
mit, dass sie einen freien Abend habe und gern mit ihm das früher in
Angriff genommene Thema: »Die Ursachen der Niederlage der Pariser
Kommune« weiterbearbeiten möchte.
Abends, als sich Pawel dem Haus in der Kruglo-Universitätskaja-Straße
näherte, blickte er hinauf. Ritas Fenster war erleuchtet. Wie immer stürmte
er die Treppe empor, klopfte mit der Faust kurz an die Tür und trat ins
Zimmer, ohne eine Antwort abzuwarten.
Auf dem Bett, auf das sich keiner der Jungen auch nur setzen durfte, sah
er einen Mann in Uniform. Eine Pistole, die Feldtasche und eine Mütze
mit Sowjetstern lagen auf dem Tisch. Rita saß neben dem Mann und hielt
ihn fest umschlungen. Die beiden unterhielten sich lebhaft über irgend
etwas … Rita wandte Pawel ihr glückstrahlendes Gesicht zu.
Der Mann riss sich aus ihrer Umarmung und stand auf.
»Macht euch bekannt«, sagte Rita und begrüßte Pawel, »das ist…«
»David Ustinowitsch«, unterbrach sie der Gast ungezwungen und drückte
Kortschagin fest die Hand.
»Er kam überraschend hereingeschneit.« Rita lachte. Kühl erwiderte
Kortschagin den Händedruck. In seinen Augen blitzten Funken
unaussprechlicher Kränkung.
Rita wollte etwas sagen, aber Kortschagin unterbrach sie.
»Ich bin nur auf einen Sprung heraufgekommen, um dir zu sagen, dass ich
heute im Hafen beim Abladen von Brennholz arbeite, damit du nicht
umsonst wartest … Du hast ja sowieso einen Gast bei dir. Ich muss mich
beeilen, unten warten die Jungen.«
Pawel verschwand ebenso plötzlich, wie er gekommen war. Seine raschen
Schritte verhallten im Treppenhaus … Unten schlug dumpf die Tür ins
Schloss. Dann wurde es still.
»Mit ihm muss irgend etwas nicht in Ordnung sein«, sagte Rita unsicher
auf Davids verständnislosen Blick.
Unter
der Brücke fauchte schwer atmend eine Lokomotive und spie aus ihrer mächtigen
Brust einen Schwärm goldener Leuchtkäfer in die Nacht hinaus. Sie
schwirrten in phantastischen Reigen empor und verlöschten dann im
Rauch.
Auf das Geländer gestützt, beobachtete Pawel die flimmernden
vielfarbigen Lichter der Signallaternen an den Weichen. Er schloss einen
Augenblick lang die Augen.
Und doch ist es nicht zu verstehen, Genosse Kortschagin, warum Sie es so
schmerzhaft empfinden, dass Rita verheiratet ist. Hat sie denn jemals
das
Gegenteil behauptet? Und selbst wenn - was hätte das zu bedeuten?
Weshalb hat Sie das denn plötzlich so empfindlich getroffen? Waren Sie,
teurer Genosse, denn nicht bisher der Ansicht, dass nichts anderes
zwischen euch sei als geistige Freundschaft … Wie haben Sie das nur außer
acht lassen können? So nahm sich Kortschagin selbst ironisch ins Gebet.
Und wie, wenn es nun gar nicht ihr Mann ist? David Ustinowitsch kann ja
ebenso gut ihr Bruder oder ihr Onkel sein .…. Dann bist du verrückter
Kerl ganz grundlos auf einen Menschen wütend gewesen. Du bist
anscheinend genauso ein Schweinehund wie jedes andere Mannsbild. Ob es
ihr Bruder ist, das kann man ja erfahren. Angenommen, es ist ihr Bruder
oder ihr Onkel, wie willst du ihr dann dein Benehmen erklären? Nein,
genug, du gehst nicht mehr zu ihr!
Seine Gedanken wurden von dem schrillen Pfeifen einer Lokomotive
unterbrochen.
Höchste Zeit, nach Hause zu gehen. Genug Trübsal geblasen.
In
Solomenka (so hieß das Eisenbahnerviertel) hatten fünf Genossen eine
kleine Kommune gegründet. Ihr gehörten an: Sharki, Pawel, der immer
lustige blonde Tscheche Klavicek, Nikolai Okunew, der Komsomolsekretär
des Depots, und Stjopa Artjuchin, ein Mitarbeiter der Eisenbahntscheka,
vor kurzem noch Kesselschmied in der Reparaturwerkstätte.
Sie hatten ein Zimmer bekommen. Drei Tage wurde dort nach Arbeitsschluss
geweißt, gewischt und geschrubbt. Sie spektakelten derart mit ihren
Eimern, dass die Nachbarn schon dachten, es wäre Feuer ausgebrochen.
Sie zimmerten sich Bettstellen, die aus Säcken zusammengenähten
Matratzen wurden in der Parkanlage mit Ahornblättern voll gestopft, und
am vierten Tag strahlte das mit einem Petrowski-Porträt und einer
Landkarte geschmückte Zimmer vor Sauberkeit.
Zwischen den beiden Fenstern hing ein Bücherbrett mit einem Stapel Bücher.
Zwei mit Karton beschlagene Kisten wurden zu Stühlen, eine etwas größere
Kiste bildete den Schrank. Mitten im Zimmer stand ein riesiger
unbezogener Billardtisch, den man aus dem Haus der Kommunalverwaltung
hierher geschleppt hatte. Tagsüber diente er als Tisch und nachts als
Bett für Klavicek. Die fünf trugen alle ihre Habseligkeiten zusammen.
Der haushälterische Klavicek stellte eine Liste des gesamten
Kommuneeigentums auf und war schon drauf und dran, sie an der Wand zu
befestigen, ließ jedoch nach einmütigem Protest von diesem Vorhaben
ab. Alles, was in der Stube war, wurde Gemeingut. Die Gehälter, die
Lebensmittelrationen sowie zufällige Lebensmittelpakete - alles wurde
gleichmäßig verteilt. Persönliches Eigentum blieben nur die Waffen.
Einstimmig wurde beschlossen: »Mitglieder der Kommune, die das Gesetz
über die Abschaffung des Eigentums verletzen und das Vertrauen der
Genossen missbrauchen, werden aus der Kommune ausgeschlossen.« Okunew
und Klavicek bestanden noch auf der Ergänzung »und ausgesiedelt«.
Zur Eröffnung der Kommune hatten sich sämtliche Komsomolfunktionäre
des Stadtviertels eingefunden. Man borgte sich im Nachbarhaus einen
riesigen Samowar und bewirtete die Gäste mit Tee, wobei der ganze
Sacharinvorrat draufging. Als der Samowar leergetrunken war, stimmte man
im Chor ein Lied an:
Des Volkes Blut verströmt in Bächen,
und bittre Tränen rinnen drein,
doch kommt der Tag, da wir uns rächen,
dann werden wir die Richter sein!
Talja
aus der Tabakfabrik dirigierte den Chor. Ihr rotes Kopftuch hatte sich
etwas verschoben, und ihre Augen blitzten wie die eines übermütigen
Jungen. Bis jetzt war es noch niemandem gelungen, tief in diese Augen zu
schauen.
Ihre Hand flog nach oben, und gleich einem Fanfarenstoß setzte der
Gesang ein:
Stimmet an den Gesang! Nun, wohlan!
Die Fahne trägt des Volkes Grollen
ü ber Zwingburgen stolz himmelan.
Stimmet an den Gesang! Nun, wohlan!
Der Freiheit Morgenrot bricht an.
Rot ist das Tuch, das wir entrollen,
klebt doch des Volkes Blut daran.
Es
war schon spät, als sie auseinander gingen und die schweigenden Straßen
mit ihren lauten Zurufen weckten.
Sharki
griff nach dem Telefonhörer.
»Seid doch ruhig, Jungs, ich verstehe ja nichts!« rief er den lärmenden
Komsomolzen zu, die ins Zimmer des verantwortlichen Sekretärs stürmten.
Das Stimmengewirr wurde schwächer.
»Hallo! Ach, du bist da! Ja, ja, sofort. Die Tagesordnung? Immer noch
dieselbe - die Holzzustellung aus dem Hafen. Was? Nein, er ist nirgends
hingeschickt worden. Er ist hier. Soll ich ihn rufen? Gut.«
Sharki winkte Kortschagin heran.
»Genossin Ustinowitsch möchte dich sprechen.« Er übergab ihm den Hörer.
»Ich dachte schon, du seiest nicht hier. Ich habe heute zufällig einen
freien Abend. Komm doch zu mir. Mein Bruder war gerade auf der
Durchreise bei mir, wir hatten uns zwei Jahre nicht gesehen …..« Ihr
Bruder .….!
Pawel hörte ihre Worte nicht mehr. Ihm kam jener Abend in Erinnerung
und das, was er sich in jener Nacht so ernsthaft vorgenommen hatte. Ja,
heute muss er zu ihr gehen, um alle Brücken abzubrechen. Die Liebe
bringt einem zuviel Unruhe und Leid. Und ist denn jetzt die richtige
Zeit für solche Dinge?
Die Stimme im Hörer fragte:
»Was ist denn, hörst du mich nicht?«
»Doch, doch. Also nach der Komiteesitzung.« Er legte auf.
Pawel
schaute ihr fest in die Augen und sagte, indem er die Kante des
Eichentisches presste:
»Wahrscheinlich werde ich nicht mehr zu dir kommen können.«
Er sagte es und sah, wie ihre dichten Wimpern zuckten. Ihre Hand hielt
im Schreiben inne und blieb reglos auf dem geöffneten Heft liegen.
»Weshalb?«
»Es wird immer schwieriger, die Zeit dafür aufzubringen. Du weißt ja
selbst, was für schwere Tage wir jetzt erleben. Es ist schade, aber man
muss es eben aufschieben …«
Er lauschte seinen eigenen Worten und spürte die Unsicherheit in ihnen.
Was gehst du da wie die Katze um den heißen Brei herum? Es fehlt dir an
Mut, die Dinge beim richtigen Namen zu nennen!
Hartnäckig setzte er hinzu:
»Außerdem wollte ich dir schon lange sagen, dass ich dich nicht
richtig verstehe. Als Segal mich unterrichtete, blieb mir alles im Gedächtnis
haften. Aber bei dir fasse ich gar nichts. Jedes Mal musste ich von dir
zu Tokarew laufen, weil ich mich nicht zurechtfand. Ich bin eben schwer
von Begriff. Du musst dir jemanden aussuchen, der mehr Grütze im Kopf
hat.«
Er wich ihrem aufmerksamen Blick aus und fügte eigensinnig, um sich den
letzten Rückzug zu dem Mädchen zu versperren, hinzu:
»Da ist es wohl sinnlos, dass wir beide weiterhin Zeit miteinander
verlieren.«
Er erhob sich, schob mit dem Fuß vorsichtig den Stuhl beiseite und
schaute auf den gebeugten Kopf herunter, in das vom Lampenlicht
beschienene, blass gewordene Gesicht.
Dann setzte er die Mütze auf.
»Leb wohl, Genossin Rita. Es tut mir leid, dass ich dich so viele Tage
hingehalten habe. Ich hätte dir das gleich sagen sollen. Das ist schon
meine Schuld.«
Mechanisch reichte ihm Rita die Hand, und durch seine unerwartete Kälte
verwirrt, brachte sie nur mühsam hervor:
»Ich gebe dir keine Schuld, Pawel. Da ich nicht den richtigen Weg
gefunden habe, mich dir verständlich zu machen, habe ich deine heutigen
Worte wohl verdient.«
Schwer rissen sich seine Füße vom Boden los … Lautlos schloss er die
Tür hinter sich. Am Hauseingang zögerte er - jetzt könnte er noch zurückkehren,
ihr alles sagen .…. Aber wozu? Um von ihr nebst ironischen Worten eine
Ohrfeige einzuheimsen und wieder unten an der Tür zu landen? Nein.
Auf
dem Rangierbahnhof wuchs der Friedhof rostender Eisenbahnwagen und
verlassener Lokomotiven. Der über die leeren Holzplätze fegende Wind
wirbelte nur winzige Sägespäne in die Luft.
Rings um die Stadt trieb sich auf Waldpfaden, in tiefen Schluchten, wie
ein raubgieriger Luchs, die Orlik-Bande herum. Tagsüber hielt sie sich
in den umliegenden Einzelgehöften, in den Waldimkereien auf. Nachts
jedoch schlich sie sich an die Eisenbahnlinien heran, zerstörte sie mit
ihren Raubtiertatzen und verkroch sich nach Verrichtung ihres
unheimlichen Werkes wieder in ihren Unterschlupf.
Häufig stürzten Züge die Böschung hinab. Die Eisenbahnwagen
zerbarsten, die verschlafenen Menschen wurden zermalmt, und das kostbare
Getreide vermischte sich mit Blut und Erde.
Oft überfiel die berittene Bande die stillen Ortschaften der Umgebung.
Mit erschrockenem Gackern flüchteten die Hühner von den Straßen. Ein
verirrter Schuss krachte. Vor dem weißen Häuschen des Ortssowjets
entspann sich ein kurzes Geplänkel, das Knattern der Schüsse erinnerte
an das Knistern von trockenem Reisig unter den Füßen. Auf gutgenährten
Pferden jagten die Banditen durchs Dorf und hieben mit den Säbeln auf
die von ihnen festgenommenen Leute ein. Sie hieben mit pfeifendem
Schwung, so wie man Holz spaltet. Geschossen wurde nur selten - sie
sparten mit Patronen.
Ebenso schnell, wie die Bande aufgetaucht war, verschwand sie wieder.
Sie hatte überall ihre Augen und Ohren. Diese Augen suchten das weiße
Häuschen des Ortssowjets zu durchbohren, sie beobachteten es vom Hof
des Popen und von dem großen Haus eines Kulaken aus. Von diesen Gehöften
spannen sich unsichtbare Fäden in das Waldesdickicht. Dorthin wurden
von hier aus Patronen, Stücke frischen Schweinefleisches, Flaschen mit
dem bläulichen »Perwatsch«, selbstgebranntem Schnaps, geliefert,
dorthin ging auch das, was geheimnisvoll den kleinen Atamanen ins Ohr
geflüstert wurde und dann über ein äußerst kompliziertes Netz bis zu
Orlik selbst gelangte.
Die Bande zählte insgesamt nur zwei- bis dreihundert Halsabschneider,
aber die Versuche, sie zu erledigen, misslangen. In mehrere Abteilungen
gruppiert, operierten die Banditen gleichzeitig in zwei bis drei
Bezirken. Es war unmöglich, alle aufzuspüren. Nachts ein Bandit, war
er am Tag ein friedlicher Bauer, der sich auf seinem Hofe betätigte,
den Pferden Futter gab oder vor dem Tor grinsend seine Pfeife rauchte
und den vorüberreitenden Patrouillen boshafte Blicke hinterherschickte.
Rastlos streifte Alexander Pusyrewski Tag und Nacht mit seinem Regiment
in den drei Bezirken umher. Durch unermüdliche, hartnäckige
Verfolgung, holte er auch manchmal die Nachhut der Banditen ein.
Nach einem Monat musste Orlik mit seiner Bande aus zwei Bezirken
weichen. Auf einen kleinen Raum beschränkt, zog er ziellos hin und her.
Das
Leben in der Stadt ging seinen gewohnten schleppenden Gang. Auf den fünf
Märkten wimmelte es von lärmenden Menschen. Hier herrschten zwei
Tendenzen: die eine - soviel wie möglich herauszuschinden, die andere
-sowenig wie möglich zu zahlen. Gauner jeden Kalibers trieben hier nach
Kräften und Fähigkeiten ihr Werk. Wie die Ameisen wimmelten da
Hunderte geschäftiger Leutchen umher, mit Augen, in denen alles, nur
kein Gewissen, zu lesen war. Wie auf einem Düngerhaufen sammelte sich
hier der ganze Unrat
der Stadt in dem einzigen Bestreben, den harmlosen Neuling zu schröpfen.
Die selten einlaufenden Züge spien aus ihren Leibern Haufen von
Menschen aus, die mit Säcken beladen waren. Und dieses ganze Gesindel
strömte zu den Märkten.
Am Abend waren die Märkte verödet, und die Handelsgassen, die dunklen
Reihen der Verkaufsstände und Läden standen verlassen da.
Nicht jeder Waghals riskierte es, in der Dunkelheit dieses ausgestorbene
Stadtviertel aufzusuchen, wo hinter jeder Verkaufsbude Gefahr lauerte,
denn nicht selten knallte hier nachts ein Schuss, und irgend jemand sank
getroffen zu Boden, röchelte in seinem Blute. Und wenn dann endlich ein
Trupp Milizionäre (denn allein wagte sich niemand dorthin) am Tatort
ankam, fand er nichts als einen verkrampften Leichnam … Die Bande
hatte sich längst aus dem Staub gemacht, und der Lärm hatte auch die
anderen Nachtvögel des Marktviertels in alle Winde zerstreut.
Gegenüber
dem Markt lag das Kino »Orion«. Fahrdamm und Fußweg schimmerten im
elektrischen Licht. Menschengedränge. Im Zuschauerraum des Kinos
ratterte der Filmapparat. Auf der Leinwand erschlugen zwei unglückliche
Liebhaber einander. Wenn der Filmstreifen abriss, reagierte das
anwesende Publikum mit wildem Gejohle.
Im Zentrum wie auch in den Vororten der Stadt schien das Leben in den
alten Bahnen zu verlaufen.
Und selbst dort, wo sich das Hirn der revolutionären Macht befand - im
Gouvernements-Parteikomitee -, ging alles seinen gewohnten Gang. Diese
Ruhe war jedoch nur äußerlich.
In der Stadt reifte ein Sturm heran.
Das Herannahen dieses Sturmes ahnten viele von denen, die mit dem Gewehr
unter dem Bauernrock, aus allen Richtungen der Stadt zuströmten. Auch
jene wussten Bescheid, die scheinbar als Hamsterer auf den Zugdächern
in die Stadt fuhren, dann aber den Weg nicht zum Markt einschlugen,
sondern ihre Säcke in die Straßen und Häuser der Stadt trugen, die in
ihrem Gedächtnis verbucht waren.
Aber die Arbeiterbezirke, und sogar die Bolschewiki, hatten von der
nahenden Gefahr keine Ahnung.
Es gab in der Stadt nur fünf Bolschewiki, die über das, was vor sich
ging, unterrichtet waren.
Die Reste der von der Roten Armee nach Polen verjagten Petljura-Leute
trafen in engem Kontakt mit ausländischen Missionen in Warschau
Vorbereitungen, um an dem geplanten Aufstand teilzunehmen.
Aus den Resten der Petljura-Regimenter wurde in aller Stille ein Trupp für
Streifzüge formiert.
Auch in Schepetowka besaß das zentrale Aufstandskomitee seine
Organisation. Ihr gehörten siebenundvierzig Personen an, von denen die
meisten ehemalige aktive Konterrevolutionäre waren, die aber die örtliche
Tscheka in ihrer Vertrauensseligkeit auf freiem Fuß gelassen hatte.
Geleitet wurde diese Organisation von dem Popen Wassili, dem Fähnrich
Winnik und dem Petljura-Offizier Kusmenko. Winniks Bruder und Vater, die
beiden Popentöchter sowie Samotya, der sich als Geschäftsführer ins
Exekutivkomitee eingeschlichen hatte, leisteten für sie
Spionagedienste.
Sie beabsichtigten, in der für den Aufstand festgesetzten Nacht die
Spezialabteilung der Grenztruppen mit Handgranaten zu überfallen, die
Verhafteten zu befreien und, wenn möglich, auch den Bahnhof zu
besetzen.
In der großen Stadt - dem Zentrum des geplanten Aufstands - wurden in
aller Heimlichkeit die Offiziere zusammengezogen, und in den Wäldern
sammelten sich die verschiedenen Banden. Von hier aus wurden die verlässlichsten
Vertrauenspersonen nach Rumänien und zu Petljura persönlich geschickt.
Der Matrose aus der Sonderabteilung des Militärbezirks hatte schon die
sechste Nacht kein Auge zugetan. Er war einer von den wenigen
Bolschewiki, die über alles genau unterrichtet waren. Shuchrai hatte
das Gefühl eines Menschen, der ein Raubtier aufgespürt hat, das sich
gerade zum Sprung anschickt.
Man darf keinen Lärm schlagen, muss die blutgierige Meute vernichten,
dann erst wird man ruhig arbeiten können, ohne dass Gefahr hinter jedem
Baum und Strauch lauert. Die Bestie darf nicht aufgeschreckt werden. In
diesem Kampf auf Leben und Tod verbürgen nur Ausdauer und eine eiserne
Hand den Sieg.
Der Zeitpunkt des Kampfes rückte heran.
Irgendwo hier in der Stadt, im Labyrinth der Konspiration und geheimer
Treffpunkte, ist beschlossen worden: Morgen Nacht!
Jene fünf Bolschewiki, die alles wussten, beeilten sich, dem
zuvorzukommen. Nein, nicht morgen, heute Nacht!
Leise, ohne Signale, verließ der Panzerzug abends das Eisenbahndepot,
und ebenso leise schlossen sich hinter ihm die riesigen Tore des Depots.
Auf direkten telegrafischen Leitungen wurden chiffrierte Telegramme
durchgegeben. Und überall, wo sie einliefen, vergaßen die Hüter der
Republik Schlaf und Ruhe und hoben die Wespennester aus.
Akim rief Sharki an.
»Sind alle Zellenversammlungen gesichert? Ja? Gut. Komm dann sofort mit
dem Sekretär des Bezirks-Parteikomitees zur Beratung. Mit der
Holzbeschaffung steht es schlechter, als wir annahmen. Wenn du hier
bist, werden wir alles besprechen.« Akim sprach hastig, aber bestimmt.
»Ja, dieses Holz bringt uns noch alle um den Verstand«, brummte Sharki,
als er den Hörer anhängte.
Beide Sekretäre sprangen aus dem Auto, mit dem Litke sie in Windeseile
an Ort und Stelle gebracht hatte. Als sie zum zweiten Stock
hinaufstiegen, begriffen sie sofort, dass es sich hier nicht um Holz
handelte.
Auf dem Tisch des Geschäftsführers stand ein »Maxim«, an dem sich
einige Maschinengewehrschützen aus der Sonderabteilung zu schaffen
machten. In den Korridoren hielten schweigsame Posten, Partei- und
Komsomolfunktionäre der Stadt, Wache.
Hinter der breiten Tür zum Arbeitszimmer des Sekretärs ging die außerordentliche
Sitzung des Gouvernements-Parteikomitees ihrem Ende zu.
Durch die Fensterklappe führten von der Straße her Drähte zu zwei
Feldtelefonen. Alle Gespräche wurden halblaut geführt.
Sharki traf in Akims Zimmer Rita und Michail an. Rita trug - wie zur
Zeit, als sie Politleiter einer Kompanie gewesen war - einen
Rotarmistenhelm, einen feldgrauen Rock und über ihrer Lederjacke einen
Riemen, an dem eine schwere Mauserpistole hing.
»Was soll das alles bedeuten?« fragte Sharki verblüfft.
»Probealarm, Wanja. Wir fahren jetzt sofort zu euch in den Bezirk
hinaus. Sammelpunkt in der fünften Infanterieschule. Die Jungen kommen
von den Zellenversammlungen direkt dorthin. Die Hauptsache ist, dass
alles möglichst unauffällig vor sich geht«, antwortete Rita.
Im »Kadettenhain« war es still.
Die hohen Eichen, hundertjährige Riesen, rauschten ganz leise. Der
Teich schlief unter einer Decke von Wasserrosen und Algen, die breiten
Alleen waren verwildert. Mitten im Hain, hinter hohen Mauern, lag das
Gebäude der Kadettenanstalt. Hier war jetzt die fünfte
Infanterieschule der Roten Kommandeure untergebracht. Es war spät am
Abend. Im oberen Stockwerk brannte kein Licht. Nach außen hin schien
alles ruhig. Jeder, der hier vorüberging, musste annehmen, jenseits der
Mauern lägen die Bewohner in tiefstem Schlaf. Aber warum ist denn das
eiserne Tor geöffnet, und was sind das für Dinger, die, zwei riesigen
Fröschen ähnlich, am Tor hocken? Die Leute jedoch, die aus den
verschiedenen Ecken des Eisenbahnerviertels hier zusammenströmten,
wussten, dass man in der Schule bestimmt nicht schläft, wenn Nachtalarm
angesagt ist. Sie kamen nach kurzer Instruktion direkt aus den
Zellenversammlungen
hierher, sie schritten schweigend dahin, einzeln oder zu zweit, höchstens
zu dritt, und jeder von ihnen trug in seiner Tasche ein Mitgliedsbuch
mit dem Aufdruck »Kommunistische Partei (Bolschewiki)« oder »Kommunistischer
Jugendverband der Ukraine«. Das eiserne Tor konnte nur passieren, wer
ein solches Büchlein vorwies.
Im Hörsaal hatten sich bereits viele Menschen eingefunden. Hier war es
hell, die Fenster waren mit Zeltbahnen aus Segeltuch verhängt.
Die versammelten Bolschewiki scherzten über die Alarmformalitäten und
rauchten seelenruhig ihre selbstgedrehten Zigaretten. Niemand verspürte
Unruhe. Man hatte sie nur zusammengerufen, um die Disziplin der
Sonderabteilung für alle Fälle zu erproben. Die erfahrenen Frontkämpfer
wussten jedoch gleich, als sie den Schulhof betraten, dass es sich hier
nicht um einen bloßen Probealarm handelte; dafür ging alles viel zu
geräuschlos vor sich. Schweigend traten die Züge der Kursanten auf die
im Flüsterton gegebenen Befehle an. Maschinengewehre wurden
hinausgetragen; von außen her war im ganzen Häuserblock kein einziger
Lichtschein zu bemerken.
»Wird etwas Ernstes erwartet, Dmitri?« erkundigte sich Kortschagin
leise und ging auf Dubawa zu.
Der saß auf der Fensterbank mit einem Mädchen, das Pawel vorgestern
nur flüchtig bei Sharki gesehen hatte.
Dubawa klopfte Pawel scherzhaft auf die Schulter.
»Ist dir das Herz in die Hose gerutscht? Das macht nichts. Wir werden
euch das Kämpfen schon beibringen. Ihr kennt euch wohl nicht?« sagte
er mit einem Kopfnicken zu dem Mädchen hin.
»Sie heißt Anna. Ihren Familiennamen kenne ich nicht. Ihr Amt - Leiter
einer Agitationsstelle.«
Das Mädchen hörte sich diese drollige Vorstellung schweigend an und
musterte Kortschagin aufmerksam. Mit der Hand strich sie eine Locke zurück,
die unter dem fliederfarbenen Kopftuch hervorlugte. Ihre Augen
begegneten denen Kortschagins, und das stumme Duell währte einige
Sekunden. Ihre tiefschwarzen Augen, von dichten langen Wimpern
umschattet, funkelten herausfordernd. Pawel sah Dubawa an, fühlte, wie
er unwillkürlich errötete, und das stimmte ihn ärgerlich.
»Wer von euch agitiert hier nun eigentlich?« fragte Pawel und lächelte
gezwungen.
Im Saal wurde es unruhig. Ein Kompanieführer war auf einen Stuhl
gestiegen und rief laut:
»Kommunarden der ersten Kompanie, hier im Saal antreten! Los, los,
schneller, Genossen!«
Nun erschienen Shuchrai, der Vorsitzende des
Gouvernements-Exekutivkomitees, und Akim. Sie waren soeben eingetroffen.
Der Raum war voller Menschen, die bereits in Reih und Glied standen.
Der Vorsitzende des Gouvernements-Exekutivkomitees schwang sich auf den
Standplatz eines Übungsmaschinengewehrs, hob die Hand und begann laut
und deutlich zu sprechen:
»Genossen, wir haben euch zu einer ernsten und verantwortungsvollen
Aufgabe hierher gerufen. Jetzt können wir euch mitteilen, wovon gestern
noch nicht gesprochen werden durfte, da es bis dahin noch tiefes militärisches
Geheimnis war. Morgen Nacht soll hier in der Stadt und in der gesamten
Ukraine ein konterrevolutionärer Aufstand ausbrechen. Die Stadt ist
voller Offiziersgesindel. Rings herum ziehen sich die Banden zusammen.
Einer Anzahl Verschwörern ist es gelungen, sich in die Panzerabteilung
einzuschleichen, wo sie als Chauffeure tätig sind. Die Verschwörung
wurde jedoch von unserer Tscheka aufgedeckt, und nun stellen wir die
gesamte Parteiorganisation und den Jugendverband unter Waffen. Das erste
und zweite kommunistische Bataillon werden gemeinsam mit den erfahrenen
Lehrgangsteilnehmern und den Abteilungen der Tscheka vorgehen. Die
Kursanten sind schon in Aktion getreten. Jetzt ist die Reihe an euch,
Genossen. Fünfzehn Minuten stehen euch für den Waffenempfang und zur
Aufstellung zur Verfügung. Die Operation wird vom Genossen Shuchrai
geleitet. Von ihm erhalten die Kommandeure genaue Anweisungen. Ich halte
es für überflüssig, ein kommunistisches Bataillon auf den Ernst der
gegenwärtigen Lage aufmerksam zu machen. Der für morgen angesetzte
Aufstand muss von uns schon heute im Keim erstickt werden.«
Eine Viertelstunde später trat auf dem Schulhof das bewaffnete
Bataillon an.
Shuchrai musterte die reglos verharrenden Reihen.
Drei Schritt vor den Formationen standen der Bataillonskommandeur
Menailo, ein Gießer aus dem Ural, und neben ihm Akim, der Kommissar.
Links gruppierten sich die Züge der ersten Kompanie, zwei Schritt vor
ihnen standen der Kompanieführer und der Politleiter, hinter ihnen die
schweigenden Reihen des kommunistischen Bataillons, dreihundert
Bajonette.
Fjodor gab das Zeichen zum Aufbruch.
Die dreihundert marschierten durch die menschenleeren Straßen.
Die Stadt schlief.
In der Lwowskaja-Straße, gegenüber der Dikaja-Straße, unterbrach das
Bataillon seinen Marsch. Hier begann die Aktion.
Geräuschlos wurde ein Häuserblock nach dem andern abgeriegelt. Der
Bataillonsstab richtete sich im Treppenhaus eines Geschäftseinganges
ein.
Die Lwowskaja-Straße hinunter raste ein aus dem Zentrum kommendes Auto
heran. Vor dem Stab machte es halt.
Diesmal hatte Litke seinen Vater gebracht. Der Tschekist sprang auf das
Pflaster und rief seinem Sohn einige kurze Sätze in lettischer Sprache
zu. Das Auto setzte sich wieder in Bewegung und verschwand sofort um die
Ecke in der Dmitrijewskaja-Straße. Hugo Litke blickte angespannt auf
die Fahrbahn, die Hände schienen mit dem Lenkrad verwachsen,
rechts-links, rechts-links ging es.
Aha, endlich einmal war seine tollkühne Fahrerei doch zu etwas nütze.
Heute würde es niemandem einfallen, ihm für diese halsbrecherische
Raserei zwei Nächte Arrest aufzubrummen.
Und Hugo flog gleich einem Meteor durch die Straßen.
Shuchrai, den der junge Litke blitzartig von einem Ende der Stadt zum
anderen gebracht hatte, konnte nicht umhin, ihm seine Anerkennung
auszusprechen.
»Hugo, wenn du bei dieser Raserei heute keinen ins Grab bringst,
bekommst du morgen eine goldene Uhr.«
Hugo triumphierte.
»Und ich dachte schon, dass ich zehn Tage Arrest dafür erhalten würde.«
Die ersten Schläge waren gegen das Hauptquartier der Verschwörer
gerichtet. In der Sonderabteilung wurden bereits die ersten Verhafteten
und beschlagnahmten Dokumente eingeliefert. In einem Seitengässchen der
Dikaja-Straße wohnte im Haus Nr. 11 ein gewisser Zürbert. Nach den
Angaben der Tscheka spielte er bei der Verschwörung der Weißen keine
geringe Rolle. Bei ihm wurden die Listen der Offiziersgruppen
aufbewahrt, die im Podoler Bezirk vorgehen sollten.
Jan Litke fuhr selbst in die Dikaja-Straße, um Zürbert zu verhaften.
In der Wohnung, deren Fenster auf einen durch eine Mauer vom ehemaligen
Frauenkloster abgeteilten Garten hinausgingen, war Zürbert nicht
aufzufinden. Nach den Aussagen der Nachbarn war er an diesem Tag nicht
zurückgekehrt. Man nahm eine Haussuchung vor, bei der nebst einer Kiste
voller Handgranaten auch die Listen und Adressen gefunden wurden. Litke,
der befohlen hatte, im Garten einen getarnten Posten aufzustellen, hielt
sich noch einen Augenblick lang am Tisch auf, um die vorgefundenen
Materialien zu überfliegen.
Im Garten hielt ein junger Rotarmist Wache. Er hatte Befehl bekommen,
die Mauer zu beobachten. Im Dunkel scheinen die Sträucher lebendig zu
werden. Der Soldat tastete sie mit seinem Bajonett ab - niemand ist da.
Unheimlich ist es allein in der Dunkelheit.
Wozu hat man mich eigentlich hier hingestellt? Auf diese Mauer klettert
doch sowieso niemand rauf, die ist viel zu hoch. Ich will mal ans
Fenster
herangehen, dort hineinschauen, überlegte der Posten. Er warf noch
einmal einen Blick auf die Mauer und ging zum Fenster. Litke sammelte
gerade die Papiere zusammen. In demselben Moment erschien auf der Mauer
der Schatten eines Menschen. Mit katzenartiger Gewandtheit sprang der
Schatten auf einen Baum hinüber und ließ sich dann zu Boden gleiten.
Wie ein Raubtier schlich er sich lautlos an sein Opfer heran, holte aus,
und der Posten sackte zusammen. Bis zum Griff steckte die Klinge eines
Dolches in seinem Hals.
Ein aus dem Garten gellender Schuss traf die den Häuserblock umzingelt
haltenden Menschen wie ein elektrischer Schlag .….
Sechs Mann rannten mit polternden Stiefeln dem Haus zu.
Blutüberströmt, den Kopf auf den Tisch gesenkt, saß Litke tot in
einem Sessel. Eine Fensterscheibe war eingeschlagen. Die Dokumente hatte
der Feind jedoch nicht wieder an sich reißen können.
Von der Klostermauer tönte ein Schuss nach dem anderen. Der Mörder war
auf die Straße hinabgesprungen und versuchte, fortgesetzt feuernd, nach
der Lukjanowsker Halde zu flüchten. Doch er entkam nicht, eine Kugel
holte ihn ein.
Die ganze Nacht hielten die Haussuchungen an. Hunderte von Personen, die
Waffen besaßen, zweifelhafte Papiere hatten oder die bei keiner
Hausverwaltung angemeldet waren, wurden in die Tscheka eingeliefert.
Dort arbeitete eine Untersuchungskommission, die jeden Verhafteten verhörte.
An einigen Stellen leisteten die Verschwörer bewaffneten Widerstand. In
der Shiljanskaja-Straße wurde bei einer Haussuchung Antoscha Lebedew
hinterrücks erschossen.
Das Bataillon des Bezirks Solomenka hatte in dieser Nacht fünf Kämpfer
verloren und die Tscheka Jan Litke, einen alten Bolschewiken und treuen
Hüter der Republik.
Der Aufstand war rechtzeitig niedergeschlagen worden.
Noch in derselben Nacht wurde in Schepetowka der Pope Wassili samt
seinen Töchtern und der gesamten übrigen Sippschaft festgenommen.
Bald ging das gewohnte Leben weiter.
Aber schon bedrohte ein neuer Feind die Stadt - die Stockung des
Eisenbahnverkehrs, und mit ihr Hunger und Kälte.
Getreide und Holz waren jetzt von entscheidender Bedeutung.
ZWEITES
KAPITEL
Nachdenklich
nahm Fjodor die kurze Pfeife aus dem Mund und drückte behutsam auf die
Asche. Die Pfeife war ausgegangen.
Gleich einer Wolke schwebte grauer Zigarettenrauch unter der matt
beleuchteten Zimmerdecke. Alle, die in der Ecke des Zimmers um den Tisch
herum Platz genommen hatten, waren wie in feinen Nebel gehüllt.
Neben dem Vorsitzenden des Gouvernements-Exekutivkomitees saß,
vornübergebeugt,
Tokarew. Der Alte zupfte zornig an seinem Bärtchen und schielte ab und
zu auf einen kleinen glatzköpfigen Menschen, der da mit Fistelstimme
weitschweifig Phrasen drosch.
Akim fing den scheelen Blick des Schlossers auf und erinnerte sich plötzlich
an seine Kindheit. Zu Hause hatten sie einen kampflustigen Hahn, der
hatte genauso geblickt, bevor er auf jemanden losging.
Die Sitzung des Gouvernements-Parteikomitees dauerte bereits fast zwei
Stunden. Der Glatzköpfige war Vorsitzender des Eisenbahnforstkomitees.
Nervös wühlte er mit zitternden Fingern in einem Stoß von Papieren
herum und schien jetzt endlich zum Schluss kommen zu wollen.
»… Also diese eben erwähnten objektiven Bedingungen geben uns keine
Möglichkeit, den Beschluss des Gouvernements-Parteikomitees und der
Eisenbahnverwaltung zu erfüllen. Und ich betone nochmals, auch in einem
Monat werden wir nicht mehr als vierhundert Kubikmeter Holz liefern können.
Und was euren Auftrag betrifft, hundert-achtzigtausend Kubikmeter zu
liefern, so ist
das einfach« - der Glatzköpfige suchte nach Worten - »eine Utopie!«
Erregt blickte er auf die Anwesenden und schloss den kleinen Mund mit
der Miene eines Beleidigten.
Es folgte ein langes Schweigen.
Fjodor klopfte auf die Pfeife und ließ die Asche herausfallen. Endlich
unterbrach Tokarew das Schweigen mit seinem tiefen Bass.
»Lassen Sie das Wiederkäuen. Das Eisenbahnforstkomitee hatte also kein
Holz, hat jetzt keins und wird auch keins haben … Das wollen Sie doch
sagen?«
Der Glatzkopf zuckte mit den Achseln.
»Entschuldigen Sie, Genosse, das Holz haben wir bereitgestellt, es
fehlt aber an Transportmitteln.« Das Männchen hüstelte, wischte sich
mit einem karierten Taschentuch die glänzende Glatze ab, wonach es sich
vergebens bemühte, das Tuch wieder in die Tasche zu stecken, und es
schließlich nervös unter die Aktentasche schob.
»Was habt ihr also getan, um das Holz heranzuschaffen? Seit der
Verhaftung der an der Verschwörung beteiligten führenden Spezialisten
ist doch eine geraume Zeit vergangen«, ließ sich Deneko aus einer Ecke
vernehmen.
Der Glatzkopf wandte sich an ihn.
»Ich habe ja der Eisenbahnverwaltung dreimal mitgeteilt, dass wir es
ohne Transportmittel nicht schaffen können …« Tokarew unterbrach
ihn.
»Das haben wir schon gehört«, sagte der Schlosser giftig und warf
einen feindseligen Blick auf den Glatzenmann.
»Sie halten uns wohl für Dummköpfe?«
Dem Männchen lief bei dieser Frage ein kalter Schauer über den Rücken.
»Für die Handlungen der Konterrevolutionäre trage ich keine
Verantwortung«, erwiderte er, schon leise.
»Sie waren doch darüber unterrichtet, dass die Arbeiten weit von der
Eisenbahnlinie entfernt durchgeführt wurden?« fragte Akim.
»Ja, davon hatte ich gehört. Ich konnte aber die Leitung doch nicht
auf die Mängel der Arbeit in einem fremden Revier hinweisen.«
»Wie viele Angestellte haben Sie?« forschte der Vorsitzende des
Gewerkschaftsrates den Glatzkopf aus.
»Etwa zweihundert.«
»Also auf jeden dieser Schmarotzer entfällt ein Kubikmeter im Jahr!«
Tokarew spuckte wütend aus.
»Wir geben dem gesamten Eisenbahnforstkomitee Extrarationen, nehmen sie
den Arbeitern vom Munde weg. Und womit befasst ihr euch? Was habt ihr
mit den zwei Waggons Mehl gemacht, die wir euch für eure Arbeiter
gegeben haben?« schrie der Vorsitzende des Gewerkschaftsrats.
Von allen Seiten wurde der Glatzkopf mit anklagenden Fragen überschüttet.
Er wich ihnen aus, wie ein Schuldner lästigen Gläubigern ausweicht,
die die Einlösung ihrer Wechsel fordern.
Aalglatt versuchte er um jede direkte Antwort herumzukommen. Nervös
irrten seine Augen von einem zum anderen. Er witterte deutlich die
nahende Gefahr und hatte nur den einen Wunsch, sobald wie möglich von
hier wegzukommen.
Fjodor, der den Antworten des Glatzkopfes aufmerksam lauschte, schrieb
auf einen Notizblock:
»Ich bin der Ansicht, dass man diesen Menschen näher prüfen muss,
hier handelt es sich nicht um bloße Unfähigkeit. Ich habe bereits
einiges Material über ihn … Die jetzige Unterredung mit ihm ist
sinnlos. Mag er verschwinden, und gehen wir lieber zur Sache über.«
Der Vorsitzende des Gouvernements-Exekutivkomitees überflog den ihm übergebenen
Zettel und nickte Fjodor zu. Shuchrai erhob sich und ging ins Vorzimmer
zum Telefon. Als er zurückkehrte, verlas der Vorsitzende gerade den
Schluss der Resolution:
»… wegen offensichtlicher Sabotage ist die Leitung des
Eisenbahnforstkomitees abzusetzen. Die Frage der Holzbeschaffung ist der
Untersuchungsbehörde zu übergeben.«
Der Glatzkopf hatte Schlimmeres erwartet. Durch die Absetzung »wegen
Sabotage« wurde zwar seine Zuverlässigkeit bezweifelt, aber das war
eine Kleinigkeit. Und was die Sache in Bojarka betraf, so brauchte er
sich nicht zu beunruhigen, das war ja nicht in seinem Revier. Er hatte
schon befürchtet, sie seien irgendwie dahinter gekommen …..
Während er seine Papiere in die Aktentasche steckte, sagte er schon
fast beruhigt:
»Nun ja, ich bin ein parteiloser Spezialist, und Sie haben das Recht,
mir gegenüber misstrauisch zu sein. Mein Gewissen ist jedoch rein. Wenn
ich die Aufgabe nicht erfüllt habe, so nur deshalb, weil ich es nicht
vermochte.«
Niemand antwortete ihm.
Der Glatzkopf verließ das Zimmer und ging schnell die Treppe hinunter.
Mit einem Gefühl der Erleichterung öffnete er die Haustür.
»Ihr Name, Bürger?« fragte ihn ein Mann im Militärmantel.
Mit Herzklopfen brachte der Glatzkopf stotternd hervor:
»Tscher …winski …«
Als er den Raum verlassen hatte, rückten die dreizehn in dem
Arbeitszimmer des Vorsitzenden des Gouvernements-Exekutivkomitees enger
um den großen Tisch zusammen.
»Da seht…«, sagte Shuchrai und deutete mit dem Finger auf die
ausgebreitete Karte.
»Hier ist die Station Bojarka. Und sechs Kilometer entfernt ist die
Stelle, wo das Holz gefällt wurde. Hier liegen 210 000 Kubikmeter Holz
aufgestapelt. Eine Arbeitsarmee hat dort acht Monate lang mühselig
gearbeitet, und was ist das Resultat? Verrat. Eisenbahn und Stadt sind
ohne Brennmaterial, denn das Holz muss erst sechs Kilometer weit zur
Station gebracht werden. Um das zu schaffen, brauchen wir mindestens fünftausend
Fuhrwerke für einen vollen Monat, und auch dann schaffen wir es nur
unter der Bedingung, dass sie täglich zweimal die Strecke zurücklegen.
Das nächste Dorf ist aber fünfzehn Kilometer entfernt. Obendrein
treibt sich noch Orlik mit seiner Bande in dieser Gegend herum …
Versteht ihr, was das alles bedeutet? Schaut her, laut Plan sollte das
Holzfällen hier beginnen und in Richtung Bahnhof fortgesetzt werden.
Statt dessen haben diese Halunken den Schlag immer tiefer in den Wald
hineingetrieben, und der Hieb sitzt: Wir sind nicht imstande, das gefällte
Holz zur Bahn zu transportieren. Wir können nicht einmal hundert
Fuhrwerke aufbringen. Seht ihr, von welcher Seite sie uns zu schlagen
versuchen …? Das ist nicht weniger gefährlich als die Vorbereitungen
des Aufstandskomitees.«
Shuchrais geballte Faust fiel schwer auf das gewachste Papier.
Jeder der Anwesenden war sich klar über die furchtbaren Folgen, die
Shuchrai nicht einmal erwähnt hatte. Der Winter stand vor der Tür.
Krankenhäuser, Schulen, Behörden und Hunderttausende von Menschen
werden der Kälte ausgeliefert sein.
Die Komiteemitglieder überlegten.
Fjodor öffnete die Faust.
»Es gibt nur einen Ausweg, Genossen: Wir müssen im Laufe von drei
Monaten eine Schmalspurbahn bauen, die von der Station zu dem Holzplatz
- also sieben Kilometer weit - führt, und dabei berechnen, dass sie in
anderthalb Monaten schon zum Ausgangspunkt des Holzschlages
herangebracht werden muss. Ich beschäftige mich bereits die ganze Woche
mit dieser Frage. Dazu brauchen wir«, Shuchrais Stimme klang heiser, »dreihundertfünfzig
Arbeiter und zwei Ingenieure. Schienen und sieben Lokomotiven sind in
Pustscha-Wodiza vorhanden. Die Komsomolzen haben sie dort auf einem
Lagerplatz ausfindig gemacht. Vor dem Krieg hat man nämlich schon
einmal die Absicht gehabt, eine Schmalspurbahn zu bauen, die von dort in
die Stadt führen sollte. In Bojarka sind jedoch keine Wohnungen für
die Arbeiter. Es gibt dort nur eine Ruine - die ehemalige Forstschule.
Man muss deshalb die
Arbeiter partieweise dorthin schicken, für zwei Wochen, länger halten
sie es da nicht aus. Wie wär's, wenn wir hierzu die Komsomolzen
mobilisieren? Akim, wie denkst du darüber?«
Und ohne eine Antwort abzuwarten, sprach er weiter:
»Der Kommunistische Jugendverband müsste alle seine ihm zur Verfügung
stehenden Reserven dahin werfen: die Organisation von Solomenka und
einen Teil seiner Mitglieder aus der Stadt. Die Aufgabe ist sehr schwer.
Wenn man aber den Jungen klarmacht, dass allein diese Aktion die Stadt
und die Eisenbahn retten kann, so werden sie es schaffen.«
Der Eisenbahnvorsteher schüttelte ungläubig den Kopf.
»Daraus wird schwerlich etwas werden«, sagte er müde.
»An einer Stelle, wo nichts vorbereitet ist, unter den heutigen Verhältnissen
eine sieben Kilometer lange Eisenbahnstrecke zu legen … im Herbst, bei
Regen, und bald kommen die Fröste…«
Ohne ihn anzublicken, unterbrach ihn Shuchrai:
»Du hättest die Arbeiten auf dem Holzschlag selber genauer verfolgen
sollen, Andrej Wassiljewitsch. Die Strecke werden wir bauen. Oder sollen
wir etwa, die Hände im Schoß, erfrieren?«
Die
letzten Kisten mit Werkzeug waren verladen. Die Zugmannschaft hatte sich
auf ihre Plätze begeben. Ein feiner Sprühregen ließ alles grau in
grau erscheinen. Von der vor Feuchtigkeit glänzenden Lederjacke Ritas
kullerten die Regentropfen gleich Glaskügelchen herab. Rita
verabschiedete sich von Toka-rew und drückte ihm kräftig die Hand.
Leise sagte sie:
»Wir wünschen guten Erfolg.« Der Alte sah sie unter seinen buschigen
grauen Augenbrauen warm an.
»Ja, hereingelegt haben sie uns, diese Schurken, der Teufel soll sie
holen«, brummte er, die eigenen Gedanken laut beantwortend.
»Pass ordentlich auf. Sollte uns dort etwas fehlen, dann übt hier
Druck aus, wo es notwendig ist. Ohne Schlendrian kann ja dieses Gesindel
nicht arbeiten. Na, jetzt muss ich aber einsteigen, leb wohl, Töchterchen.«
Der Alte hüllte sich fester in seinen Rock. Im letzten Augenblick
erkundigte sich Rita scheinbar ganz beiläufig:
»Fährt denn Kortschagin nicht mit? Er ist nicht unter den Jungen.«
»Er ist gestern mit dem technischen Leiter auf der Draisine
vorausgefahren, um einige Vorbereitungen für unsere Ankunft zu treffen.«
Den Bahnsteig entlang kamen eilig Sharki, Dubawa und mit ihnen Anna
Borchardt, das Jackett lässig über die Schulter geworfen, eine
erloschene Zigarette zwischen den schlanken Fingern.
Rita betrachtete die Herankommenden und richtete noch eine letzte Frage
an Tokarew:
»Wie steht es denn mit dem Unterricht, den du Kortschagin erteilst?«
Tokarew blickte erstaunt auf.
»Was für ein Unterricht? Der Junge wurde doch dir anvertraut. Er hat
mir oft von dir erzählt und konnte dich nicht genug loben.«
Rita horchte misstrauisch auf.
»Stimmt das auch, Genosse Tokarew? Er hat sich doch nach meinen Stunden
von dir noch mal alles erklären lassen.«
Der Alte lachte.
»Von mir …? Nicht dass ich wüsste!«
Die Lokomotive pfiff. Klavicek rief aus dem Waggon:
»Genossin Ustinowitsch, lass doch unser Papachen endlich einsteigen. So
geht's doch nicht! Was sollen wir denn ohne ihn anfangen?«
Der Tscheche wollte noch etwas sagen, schwieg aber plötzlich, als er
die drei Ankommenden bemerkte. Flüchtig fing er Annas besorgten Blick
auf, sah betrübt, wie sie Dubawa beim Abschied zulächelte, und wandte
sich dann jäh vom Fenster ab.
Der Herbstregen peitschte ins Gesicht. Dunkelgraue, wasserschwere Wolken
zogen niedrig über die Erde dahin. Der Spätherbst hatte die Bäume
entblößt. Mürrisch schauten die alten Hainbuchen drein, sie verbargen
ihre runzlige Rinde unter braunem Waldmoos. Der erbarmungslose Herbst
hatte sie ihrer üppigen Gewänder beraubt, nackt und verkümmert
standen sie nun da.
Mitten im Wald lag, einsam und verlassen, die kleine Eisenbahnstation.
Von dem gepflasterten Güterbahnsteig führte ein Streifen
aufgelockerter Erde in den Wald, wo es von geschäftigen Menschen
wimmelte.
Widerwärtig gluckste der klebrige Lehm unter den Füßen. Mit
verbissener Hartnäckigkeit wurde am Bau des Bahndamms gearbeitet. Dumpf
klirrten Brecheisen, und Schaufeln kratzten auf Steinen.
Der Regen fiel wie durch ein engmaschiges Netz, und die feinen kalten
Tropfen durchdrangen die Kleidung. Das Werk vieler fleißiger Hände
wurde vom Regen wieder hinweggespült. Gleich dickem Brei floss der Lehm
die Böschung hinunter.
Die durchnässte Kleidung war kalt und schwer, doch die Menschen verließen
ihre Arbeit erst am späten Abend.
Und mit jedem Tag führten sie den Streifen aufgegrabenen und
gelockerten Bodens tiefer in den Wald hinein.
Unweit der Eisenbahnstation ragte einsam das steinerne Gerippe eines Gebäudes
empor. Alles, was darin nicht niet- und nagelfest war, hatten Marodeure
schon längst entwendet. An Stelle der Türen und Fenster gähnten Löcher,
an Stelle der Ofentüren nichts als dunkle Öffnungen. Durch die Risse
im Dach waren die Sparren zu sehen.
Nur der Betonboden von vier geräumigen Zimmern war heil geblieben. Hier
legten sich vierhundert völlig durchnässte und vor Dreck starrende
Menschen zur Nachtruhe nieder. Vor der Tür wrangen sie ihre Kleider
aus, von denen schmutzige Bäche hinunterrieselten. Wütend fluchten sie
über Regen und Sumpf. Sie legten sich dicht aneinander auf den dünn
mit Stroh bedeckten Betonboden, bemüht, sich gegenseitig zu erwärmen.
Der Regen trommelte ununterbrochen auf die Reste des Blechdaches nieder
und sickerte durch die in den Fensterrahmen befestigten Säcke auf den
Fußboden; überall pfiff der Wind durch.
Frühmorgens tranken sie in einer baufälligen Baracke, in der die Küche
untergebracht war, Tee und gingen dann zum Bahndamm. Mittag aß man in
ewigem Einerlei magere Linsensuppe, dazu anderthalb Pfund Brot, das
schwarz war wie Anthrazit.
Das war alles, was ihnen die Stadt bieten konnte.
Der technische Leiter, ein hagerer, hochgewachsener Greis mit zwei
tiefen Furchen in den Wangen, Valerian Nikodimowitsch Patoschkin, und
der Techniker Wakulenko, ein untersetzter Mensch mit einer fleischigen
Nase im grobgeschnittenen Gesicht, hatten sich beim Stationsvorsteher
einquartiert.
Tokarew übernachtete in dem winzigen Zimmerchen des kurzbeinigen,
quicklebendigen Eisenbahntschekisten Choljawa.
Die Bauabteilung ertrug die Entbehrungen mit verbissener
Standhaftigkeit, und der Bahndamm schob sich von Tag zu Tag tiefer in
den Wald hinein.
Neun Deserteure zählte die Abteilung bereits, und einige Tage darauf
liefen noch fünf Arbeiter davon.
Den ersten Schlag erhielt der Bau in der zweiten Woche: Der Abendzug
brachte aus der Stadt kein Brot.
Dubawa weckte Tokarew und setzte ihn davon in Kenntnis.
Der Sekretär des Parteikollektivs ließ die behaarten Beine auf den Fußboden
baumeln und raufte sich wütend die Haare.
»Na also, da geht's schon los!« brummte er vor sich hin und zog sich
rasch an.
Der kugelrunde Choljawa kam gerade angetrudelt.
»Los, zum Telefon, und verbinde mich mit der Sonderabteilung. Aber
schnell!« befahl Tokarew.
»Und du sag über die Brotgeschichte niemandem ein Wort«, warnte er
Dubawa.
Nach endlosem Schimpfen mit dem Linientelefonisten setzte der hartnäckige
Choljawa die Verbindung mit dem stellvertretenden Leiter der
Sonderabteilung, Shuchrai, durch. Tokarew hörte sich Choljawas
Geschimpfe an und trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.
»Was? Ihr habt kein Brot bekommen? Ich werde gleich feststellen, wer
daran schuld ist«, dröhnte Shuchrais grollende Stimme im Hörer.
»Sag mir lieber, womit wir morgen die Leute satt kriegen sollen«, brüllte
Tokarew ärgerlich ins Telefon.
Shuchrai schien nachzudenken. Nach einer längeren Pause vernahm der
Parteisekretär:
»Das Brot werden wir noch in der Nacht zustellen. Ich werde Hugo Litke
mit dem Auto schicken. Er kennt den Weg. Gegen Morgen werdet ihr Brot
haben.«
Es dämmerte schon, als das mit vollen Brotsäcken beladene
schmutzstarrende Auto an der Eisenbahnstation ankam. Müde und bleich
nach der schlaflosen Nacht kroch der junge Litke heraus.
Der Kampf um den Bau verschärfte sich immer mehr. Von der
Eisenbahnverwaltung wurde gemeldet, es gäbe keine Bahnschwellen, und außerdem
seien in der Stadt keine Transportmittel aufzutreiben, um die
Eisenbahnschienen und Kleinlokomotiven zur Baustelle zu befördern.
Die Kleinlokomotiven wieder hatten, wie sich herausstellte, erhebliche
Reparaturen nötig. Die zwei Wochen Einsatz für das erste
Arbeiteraufgebot waren bereits abgelaufen, die Ablösenden aber noch
nicht zur Stelle. Es war jedoch unmöglich, die völlig erschöpften
Menschen weiterhin dazulassen.
In der alten Baracke berieten die Aktivisten beim Schein einer
qualmenden Ölfunzel bis spät in die Nacht hinein.
Am nächsten Morgen fuhren Tokarew, Dubawa und Klavicek in die Stadt und
nahmen noch weitere sechs Mann für die Reparatur der Lokomotiven und für
den Transport der Schienen mit. Klavicek, der Bäcker von Beruf war,
wurde als Kontrolleur zur Lebensmittelversorgungsabteilung delegiert.
Die übrigen gingen nach Pustscha-Wodiza.
Es
goss immer noch in Strömen.
Mühsam zog Kortschagin seinen Fuß aus dem klebrigen Lehm. An dem
durchdringenden Kältegefühl am Fuß merkte er, dass sich die faulige
Stiefelsohle völlig gelöst hatte. Seit seiner Ankunft an der Baustelle
machten ihm seine stets feuchten und schmutzstarrenden Stiefel zu
schaffen. Jetzt hatte sich die eine Sohle gänzlich abgetrennt, und der
bloße Fuß patschte in eiskalten Lehmbrei. Der kaputte Stiefel machte
ihn arbeitsunfähig.
Pawel zog den Rest der Sohle aus dem Schmutz, und während er sie
verzweifelt betrachtete, brach er das sich selbst gegebene Wort, nicht
mehr zu fluchen. Mit dem Überrest des Stiefels humpelte er missmutig
hinüber in die Baracke, setzte sich in die Nähe der Feldküche und
hielt, nachdem er den vor Dreck starrenden Fußlappen abgewickelt hatte,
den halberfrorenen Fuß gegen den Ofen.
Am Küchentisch stand Odarka, die Bahnwärtersfrau, die dem Koch als
Gehilfin zugeteilt worden war, und zerkleinerte rote Rüben. Die noch
recht rüstige Frau war von der Natur reichlich bedacht worden:
breitschultrig wie ein Mann, mit üppiger Brust und mächtigen Hüften.
Geschickt hantierte sie mit dem Messer, und auf dem Tisch häufte sich
rasch ein Berg geschnittenen Gemüses an.
Odarka streifte Pawel mit einem flüchtigen Blick und fragte ihn nicht
allzu wohlwollend:
»Du machst dir's wohl schon zum Mittagessen bequem? Ein bisschen früh.
Willst dich wohl vor der Arbeit drücken, Jungchen? Wo steckst du denn
deine Füße hin? Hier ist doch eine Küche und kein Badehaus«, nahm
sie Kortschagin ins Gebet.
Der bejahrte Koch trat ein.
»Mein Stiefel ist völlig kaputt«, erklärte Pawel seine Anwesenheit
in der Küche.
Der Koch betrachtete den zerrissenen Stiefel, deutete auf Odarka und
sagte:
»Ihr Mann ist ein halber Schuster. Er kann den Stiefel wieder in
Ordnung bringen. Mit zerrissenen Stiefeln gehst du hier zugrunde.«
Nach den Worten des Kochs betrachtete die Frau Pawel genauer und wurde
etwas verlegen.
»Und ich habe Sie für einen Bummelanten gehalten«, gestand sie.
Pawel lächelte verzeihend. Odarka musterte nun den Stiefel mit
Kennerblick.
»Flicken wird mein Mann ihn wohl kaum noch, der taugt sowieso nichts
mehr. Ich werde Ihnen aber einen alten Gummischuh bringen, damit Ihr Fuß
nicht draufgeht. Bei uns auf dem Boden liegt irgendwo einer rum. Das
geht doch nicht - sich so zu schinden! Heute oder morgen kommt Frost,
und dann sind Sie erledigt«, sagte Odarka, jetzt schon voller Mitgefühl.
Sie legte das Messer hin und verließ die Küche.
Bald darauf erschien sie mit einem hohen Gummischuh und einem Stück
Leinwand. Als dann der in Leinwand eingewickelte und erwärmte Fuß im
warmen Gummischuh steckte, sah Pawel die Bahnwärtersfrau mit dankbarem
Blick an.
Tokarew
kehrte gereizt aus der Stadt zurück, versammelte in Choljawas Zimmer
das engere Aktiv und berichtete ihm die wenig erfreulichen Neuigkeiten,
die er mitgebracht hatte.
»Ü berall Stockungen, wo man auch hinschaut, überall drehen sich die
Räder, und nirgends kommen sie vom Fleck. Wir haben offenbar zu wenig
Weiße aus ihren Nestern aufgestöbert. Sie werden uns noch lange zu
schaffen machen«, stellte der Alte fest.
»Ich sage es euch ganz offen, Kinder: Die Sache steht schlecht. Das
zweite Aufgebot ist noch nicht beisammen; und wie viele man überhaupt
zusammenbringen wird, ist noch nicht einmal bekannt. Der Frost steht vor
der Tür. Bis es soweit ist, müssen wir, koste es, was es wolle, den
Sumpf überquert haben; denn wenn erst einmal Frost eingetreten ist,
werden wir die Erde auch mit den Zähnen nicht aufreißen können. Nun
also, Jungens, in der Stadt wird man denjenigen, die Verwirrung stiften,
ordentlich auf die Finger klopfen, aber wir müssen hier unser Tempo
verdoppeln. Und wenn wir tausendmal zugrunde gehen, die Zweigbahn muss
fertig werden. Was wären wir denn sonst für Bolschewiki? Schweinehunde
wären wir, weiter nichts.« Tokarew sagte das alles nicht im gewohnten
heiseren Bass, sondern mit einer gespannten, metallischen Stimme. Unter
den zusammengezogenen Brauen sprühten seine Augen vor Energie und
Entschlossenheit.
»Heute noch werden wir eine geschlossene Partei- und
Komsomolversammlung abhalten und dort die ganze Sache genau erklären,
und morgen gehen wir alle zur Arbeit. Die Parteilosen dürfen nach Hause
fahren, wir selbst jedoch bleiben hier. So lautet der Beschluss des
Gouvernementskomitees.« Damit überreichte er Pankratow ein gefaltetes
Blatt Papier.
Ü ber Pankratows Schulter hinweg las Kortschagin: »Es ist unbedingt
notwendig, sämtliche Mitglieder des Kommunistischen Jugendverbandes bis
zur ersten Holzlieferung ständig beim Bahnbau zu belassen. Für den
Sekretär des Gouvernementskomitees des Jugendverbandes: R. Ustinowitsch.«
Die
enge Baracke war gepfropft voll. Hundertzwanzig Menschen hatten sich
dort versammelt. Sie standen an den Wänden, saßen auf den Tischen und
sogar auf dem Herd. Pankratow eröffnete die Versammlung. Tokarew sprach
nicht lange, aber der Schluss seiner Rede traf alle wie ein
Donnerschlag.
»Die Kommunisten und die Komsomolzen kehren morgen nicht in die Stadt
zurück!«
Die Hand des Alten fuhr durch die Luft, als wollte sie damit die Unabänderlichkeit
dieses Beschlusses unterstreichen. Diese Geste schnitt alle Hoffnungen
ab, aus diesem Dreck herauszukommen. Im ersten Moment konnte man im
Lärm der Ausrufe nichts verstehen. Die ungestüme Bewegung der Körper
ließ das blinde Öllämpchen aufflackern. Dunkelheit verhüllte die
Gesichter. Das Stimmengewirr wurde immer lauter. Die einen sprachen träumerisch
vom »gemütlichen Heim«, die anderen regten sich auf und schreien
etwas von Müdigkeit. Viele schwiegen. Aber nur ein einziger sprach von
Fahnenflucht. In gereiztem Ton brüllte er aus einer Ecke:
»Zum Henker noch mal! Ich denke nicht daran, auch nur einen einzigen
Tag länger hier zu bleiben! Wenn man Menschen auf Zwangsarbeit schickt,
so wegen eines Verbrechens. Wofür aber sollen wir büßen? Zwei Wochen
lang hält man uns hier fest. Genug. Wir lassen uns nicht zum Narren
halten. Mögen die, die diesen Beschluss gefasst haben, selbst herkommen
und bauen. Mag, wer will, in diesem Dreck herumwühlen. Ich lebe nur
einmal auf der Welt. Morgen fahre ich ab.«
Okunew, hinter dem der Schreihals stand, zündete ein Streichholz an, um
ihn sehen zu können. Das Streichholz entriss der Dunkelheit für einen
Augenblick ein bösartig verzerrtes Gesicht. Okunew hatte ihn erkannt.
Es war der Sohn des Buchhalters vom Versorgungskomitee.
»Was spionierst du da? Ich verstecke mich nicht, ich bin kein Dieb.«
Das Streichholz erlosch. Pankratow erhob sich in seiner vollen Größe.
»Wer redet denn da so unverantwortliches Zeug? Für wen ist ein
Parteiauftrag Zwangsarbeit?« fragte er mit dumpfer Stimme und streifte
die Umstehenden mit ernsten Blicken.
»Genossen, wir dürfen unter keinen Umständen in die Stadt zurück,
unser Platz ist hier. Wenn wir von hier türmen, so werden Menschen
erfrieren. Jungs, je rascher wir unser Werk beenden, desto rascher
werden wir zurückkehren, aber uns von hier verdrücken, wie das da so
ein Stänkerer vorschlägt, das verbieten uns unsere Idee und unsere
Disziplin.«
Der Hafenarbeiter war kein Freund von langen Reden, aber auch diese
kurze Ansprache wurde von der gleichen herausfordernden Stimme
unterbrochen:
»Und die Parteilosen, fahren die ab?«
»Ja«, antwortete Pankratow barsch.
Zum Tisch drängte sich ein junger Bursche in kurzem städtischem Überzieher.
Wie eine Fledermaus flatterte das kleine Mitgliedsbuch über den Tisch,
prallte gegen Pankratows Brust und blieb aufrecht auf dem Tisch stehen.
»Da habt ihr mein Mitgliedsbuch, bitte sehr. Wegen dieses Stückchens
Papier gebe ich meine Gesundheit nicht her.«
Der Schluss des Satzes wurde von vielen durch die Baracke schwirrenden
Stimmen übertönt:
»Womit schmeißt du denn um dich?«
»Ach, du Krämerseele!«
»Hast dich wohl in den Komsomol eingeschlichen, um dir ein warmes Plätzchen
zu schaffen?«
»Jagt ihn hinaus!«
»Wir werden dir schon einheizen, du Schweinehund!« Der Bursche, der
das Mitgliedsbuch hingeschmissen hatte, wandte sich, den Kopf
eingezogen, dem Ausgang zu. Man wich dabei vor ihm wie vor einem Aussätzigen
zur Seite. Krachend flog die Tür hinter ihm ins Schloss.
Pankratow knüllte das weggeworfene Mitgliedsbuch zusammen und zündete
es an dem Flämmchen der Öllampe an.
Die Pappe fing Feuer und wurde zu einem verkohlten Röhrchen.
Im
Wald fiel ein Schuss. Von der baufälligen Baracke lösten sich Ross und
Reiter und verschwanden im Waldesdunkel. Aus der Schule und aus der
Baracke eilten Leute herbei. Irgend jemand bemerkte zufällig ein in den
Türspalt geschobenes Furnierbrett. Streichhölzer flammten auf. Die
flackernden Flämmchen mit den Rockschößen vor dem Wind schützend,
lasen sie:
»Macht, dass ihr alle von der Station fortkommt, dorthin, woher ihr
gekommen seid. Wer hier bleibt, kriegt eine Kugel durch den Kopf. Alle
bis zum letzten Mann werden niedergehauen. Pardon wird niemandem
gegeben. Ich lasse
euch Zeit bis, morgen Nacht.« Die Unterschrift lautete: »Ataman
Tschesnok.« Tschesnok gehörte zur Orlik-Bande.
In
Ritas Zimmer liegt auf dem Tisch das geöffnete Tagebuch.
2.
Dezember
Heute morgen ist der erste Schnee gefallen. Es herrscht starker Frost.
Auf der Treppe traf ich Wjatscheslaw Olschinski. Wir gingen ein Stück
zusammen.
»Ich habe eine besondere Vorliebe für den ersten Schnee. Welch ein
Frost! Prachtvoll, nicht?« sagte Olschinski.
Ich dachte an Bojarka und sagte ihm, dass ich mich über Frost und
Schnee gar nicht freue, im Gegenteil, sie bedrücken mich, und ich erklärte
ihm den Grund.
»Das ist zu subjektiv. Wenn man Ihre Gedanken konsequent zu Ende denkt,
so muss man jedes Lachen und überhaupt jede Äußerung der
Lebensfreude, sagen wir zum Beispiel in Kriegszeiten, ablehnen. Aber im
Leben ist das ganz anders. Die Tragödien spielen sich auf der
eigentlichen schmalen Frontzone ab. Dort wird das Lebensgefühl durch
die Nähe des Todes niedergedrückt. Und sogar dort wird gelacht. Aber
weit hinter der Front bleibt das Leben das gleiche: Lachen, Tränen,
Kummer und Freude, Genuss- und Vergnügungssucht, Aufregungen, Liebe …«
Olschinski ist Bevollmächtigter des Volkskommissariats für Auswärtige
Angelegenheiten. Parteimitglied ist er seit 1917. Stets tipptopp
gekleidet, immer glattrasiert und leicht parfümiert. Er wohnt in
unserem Haus, in Segals Wohnung. Abends sucht er mich häufig auf. Es
ist durchaus interessant, sich mit ihm zu unterhalten - er kennt den
Westen, hat ziemlich lange in Paris gelebt, und doch glaube ich nicht,
dass wir gute Freunde werden können; denn in mir sieht er vor allem die
Frau und erst dann die Parteigenossin. Er verhehlt seine Absichten und
Gedanken zwar absolut nicht - er ist mutig genug, die Wahrheit zu sagen,
und seine Art ist keineswegs grob. Er versteht es, alles in schöne
Formen zu kleiden. Und doch gefällt er mir nicht.
Die einfache, etwas ungehobelte Art Shuchrais ist mir viel lieber als
der europäische Schliff Olschinskis.
Aus Bojarka gehen kurze Berichte ein. Die Eisenbahnschwellen werden
direkt in die gefrorene Erde eingehackt. Insgesamt arbeiten dort
zweihundertvierzig Mann. Die Hälfte des zweiten Aufgebots ist
davongelaufen. Die Arbeitsbedingungen sind wirklich schwer. Wie werden
sie nur bei stärkerem Frost arbeiten? Dubawa ist schon eine Woche
wieder dort. In Pustscha-Wodiza sind von acht Lokomotiven fünf instand
gesetzt worden. Für die übrigen fehlen die Ersatzteile.
Gegen Dmitri ist von der Straßenbahnverwaltung ein Gerichtsverfahren
anhängig gemacht worden. Er hat mit seiner Brigade gewaltsam sämtliche
offenen Straßenbahnwagen angehalten, die von Pustscha-Wodiza nach der
Stadt fuhren, die Fahrgäste zum Aussteigen genötigt und die Waggons
mit Schienen für die Schmalspurbahn beladen. Neunzehn offene Waggons
wurden so durch die Stadt zum Bahnhof befördert. Die Straßenbahner
halfen mit allen Kräften.
Die Reste der Komsomolorganisation von Solomenka arbeiteten auf dem
Bahnhof die ganze Nacht bei der Verladung, und Dmitri brachte mit seinen
Leuten die Schienen nach Bojarka.
Akim lehnte es ab, im Büro den Fall Dubawa auf die Tagesordnung zu
setzen. Dmitri berichtete über die unglaublichen Verschleppungsmethoden
und den Bürokratismus in der Straßenbahnverwaltung. Dort hatte man
sich kategorisch geweigert, mehr als zwei offene Straßenbahnwagen zu
stellen. Tufta hielt Dubawa bei dieser Gelegenheit eine Gardinenpredigt:
»Es ist an der Zeit, mit den Partisanenmethoden Schluss zu machen.
Jetzt kannst du dafür eingesperrt werden. Als könnte man zu keiner
Verständigung gelangen und nicht ohne bewaffneten Übergriff auskommen.«
Ich habe Dubawa noch niemals so wütend gesehen.
»Warum hast du dich denn nicht mit ihnen verständigt, du Federfuchser?
Sitzt da, so ein Blutegel, und wetzt die Zunge. In Bojarka wird man mir,
wenn ich ohne Schienen komme, die Fresse einhauen. Und dich sollte man
auf den Bau schicken; soll dich Tokarew mal unter die Fuchtel nehmen,
damit du hier nicht herumlungerst«, dröhnte Dmitris Stimme durch das
ganze Gouvernementskomitee.
Tufta gab eine schriftliche Beschwerde gegen Dubawa ab, aber Akim
sprach, nachdem er mich gebeten hatte, das Zimmer zu verlassen, zehn
Minuten unter vier Augen mit Tufta. Hochrot und wütend verließ dieser
darauf Akims Zimmer.
3.
Dezember
Im Gouvernementskomitee gibt es eine neue Affäre; diesmal ist es die
Eisenbahntscheka, die Klage erhebt. Pankratow, Okunew und noch einige
andere Genossen sind auf die Bahnstation Motowilowka gekommen und haben
dort von den leerstehenden Gebäuden Türen und Fensterrahmen
herausgenommen. Als sie ihre Beute in einen Arbeiterzug verladen
wollten, versuchte der Stationstschekist, sie zu verhaften. Sie
entwaffneten ihn und gaben ihm erst, nachdem sich der Zug in Bewegung
gesetzt hatte, seine Pistole ohne Munition zurück. Türen und Fenster
wurden abtransportiert. Und Tokarew wird von der Materialverwaltung der
Eisenbahn beschuldigt, aus dem Bojarsker Lager zwanzig Pud Nägel eigenmächtig
beschlagnahmt zu haben. Er hat sie den Bauern für die Beschaffung
langer Holzscheite gegeben, die an Stelle von Eisenbahnschwellen benutzt
werden.
Ich habe mit dem Genossen Shuchrai über all diese Geschichten
gesprochen. Er lachte nur und sagte:
»Wir werden das schon hinkriegen!«
Die Lage auf dem Bau ist äußerst kritisch, und jeder Tag ist kostbar.
Wegen jeder Kleinigkeit muss nachgestoßen werden. Wir zitieren bald den
einen, bald den anderen Saboteur vor das Gouvernementskomitee. Unsere
Jungen vom Bau hauen immer öfter über die Stränge.
Olschinski hat mir einen kleinen elektrischen Ofen gebracht. Olga
Jurenewa und ich wärmen uns daran die Hände. Aber das Zimmer wird
dadurch nicht wärmer. Wie werden sie nur so eine Nacht im Wald
ertragen? Olga erzählt, dass es im Krankenhaus sehr kalt ist und dass
die Kranken nicht aus den Betten herauskönnen. Es wird nur jeden
dritten Tag geheizt.
Nein, Genosse Olschinski. Die Tragödie an der Front wird auch zu einer
Tragödie im Hinterland!
4.
Dezember
Die ganze Nacht fielen dichte Schneeflocken. In Bojarka soll alles
verschneit sein. Die Arbeit ist stecken geblieben. Sie säubern jetzt
die Gleise. Heute hat das Gouvernementskomitee beschlossen, dass der
erste Bauabschnitt, das heißt die Strecke bis zur Grenze des
Holzschlages, spätestens am 1. Januar 1922 fertig sein muss. Man erzählt,
als dieser Beschluss in Bojarka mitgeteilt wurde, habe Tokarew
geantwortet:
»Wenn wir bis dahin nicht krepiert sind, werden wir es schaffen.« Von
Kortschagin höre ich nichts. Es ist erstaunlich, dass seinetwegen noch
kein »Gerichtsverfahren«, ähnlich dem von Pankratow, eingeleitet
wurde. Ich weiß übrigens bis heute noch nicht, warum er mir aus dem
Wege geht.
5.
Dezember
Gestern ist die Baustelle von Banden beschossen worden.
Vorsichtig
setzten die Pferde ihre Hufe in den weichen, nachgiebigen Schnee. Ab und
zu knackte unter der Schneedecke ein aufgestöberter Zweig, und das
Pferd schnaubte. Rasch sprang es zur Seite. Nachdem es jedoch mit der
Peitsche eins über die Ohren gezogen bekommen hatte, jagte es im Galopp
vorwärts und holte die andern ein.
Etwa ein Dutzend Berittene überquerten den Höhenzug, von dem aus sich
ein noch schneefreier schwarzer Erdstreifen hinzog.
Hier hielten die Reiter ihre Pferde an. Die Steigbügel stießen
klirrend aneinander. Wiehernd schüttelte sich der vom weiten Lauf in
Schweiß geratene Hengst des Vordermanns.
»Ein ganzer Haufen hat sich hier eingenistet«, meinte der Anführer.
»Nun, wir werden ihnen schon Beine machen. Der Ataman sagte, dass diese
Kerle morgen von hier verschwinden müssen, sonst erreicht das lumpige
Fabrikgesindel wirklich bald den Holzschlag.«
Im Gänsemarsch ritten sie in Richtung zur Bahnstation, den Damm der
Schmalspurbahn entlang.
Langsam näherten sie sich der Lichtung vor der alten Forstschule. Sie
ritten jedoch nicht auf die Waldwiese hinaus, sondern hielten sich immer
dicht hinter den Bäumen.
Eine Salve zerriss die nächtliche Stille. Wie ein Eichhörnchen glitt
ein Schneeklumpen von den Zweigen einer im Mondlicht silbern glänzenden
Birke. Funken sprühten zwischen den Bäumen auf, Kugeln bohrten sich in
den abbröckelnden Mauerputz. Kläglich klirrte das zersplitternde Glas
der von Pankratow beschafften Fenster. Die Salve riss die Menschen vom
Betonboden, brachte sie im Nu auf die Beine. Als jedoch die unheimlichen
Leuchtkäfer durchs Zimmer zu schwirren begannen, warf sich ein jeder
erschreckt nieder.
Sie fielen einer über den anderen.
»Wohin willst du denn?« Dubawa packte Pawel und hielt ihn am Mantel
fest.
»Auf den Hof.«
»Leg dich hin, du Idiot! Sobald du dich nur zeigst, wirst du erschossen«,
flüsterte Dmitri.
Sie kauerten im Zimmer dicht beieinander, unmittelbar vor der Tür.
Dubawa presste sich an die Diele, die Pistole auf die Tür gerichtet.
Kortschagin hockte daneben und tastete nervös das Magazin ab. Nur noch
fünf Patronen sind drin!
Die Schießerei brach plötzlich ab. Alle verblüffte die eingetretene
Stille.
»Jungs, wer eine Waffe hat, hierher!« befahl Dubawa im Flüsterton.
Behutsam öffnete Kortschagin die Tür.
Die Lichtung war leer. Langsam kreisend fielen die Schneeflocken zur
Erde.
Und tiefer im Wald jagten zehn Reiter, ihre Pferde mit der Peitsche
anspornend, von dannen.
Gegen Mittag traf aus der Stadt eine motorisierte Draisine ein. Shuchrai
und Akim stiegen aus. Sie wurden von Tokarew und Choljawa empfangen.
Der Draisine wurden ein Maxim-Maschinengewehr, einige Kisten Patronen
und zwei Dutzend Gewehre entnommen.
Eilig gingen sie zum Arbeitsplatz. Fjodors Mantelschöße zeichneten
Zickzacklinien in den Schnee. Schwerfällig wie ein Bär tapste er
dahin. Noch immer setzte er die Füße so, als hätte er das schwankende
Deck eines Torpedoboots unter sich. Der lange Akim konnte mit Fjodor
Schritt halten, Tokarew jedoch fiel es schwer, mitzukommen.
»Der Überfall der Bande ist noch nicht das schlimmste. Aber dieser Hügel
da, der hat's in sich. Der musste uns gerade noch in die Quere kommen.
Man wird viel Erde abtragen müssen.«
Der Alte machte halt, drehte sich mit dem Rücken zum Wind und zündete
sich seine Pfeife an, indem er die Hand schützend vor das Streichholz
hielt. Nach ein paar kräftigen Zügen lief er den Vorangegangenen nach.
Akim war stehen geblieben, um auf ihn zu warten. Shuchrai schritt
indessen unbeirrt weiter.
»Werden eure Kräfte ausreichen, um die Strecke bis zum Termin fertig
zu stellen?« fragte Akim.
»Weißt du, mein Sohn, von Rechts wegen lässt es sich wohl nicht
schaffen, aber es nicht schaffen geht nun einmal nicht, und daraus
ergibt sich alles andere«, antwortete Tokarew nach einer kleinen Pause.
Sie holten Fjodor ein und gingen gemeinsam weiter. Mit verhaltener
Erregung fuhr der Schlosser fort:
»Und in diesem ›aber‹ liegt eben der Hund begraben. Nur Patoschkin
und ich wissen, dass es unter so hundsmiserablen Verhältnissen, mit
solchem Werkzeug und einem derartigen Mangel an Arbeitskräften einfach
unmöglich ist, die Strecke zu legen. Aber alle bis zum letzten Mann
sind sich im klaren darüber, dass die Strecke gelegt werden muss, koste
es, was es wolle. Deshalb konnte ich auch sagen: ›Wenn wir bis dahin
noch nicht krepiert sind, werden wir es schaffen.‹ Schaut doch selbst,
wir rackern uns hier bereits den zweiten Monat ab, das vierte Aufgebot
ist schon dran. Der Stamm der Arbeiter aber ist ohne Ablösung dabei.
Nur dank ihrer Jugend halten sie durch, und die Hälfte von ihnen ist
schwer erkältet. Das Herz tut einem weh, wenn man sich die Jungen
anschaut. Diese Prachtkerle … So manchen wird diese verfluchte
gottverlassene Gegend hier noch ins Grab bringen.«
Einen Kilometer von der Station entfernt endete das vollständig fertige
Schmalspurgleis.
Noch anderthalb Kilometer weiter lagen auf dem geraden Fahrdamm die in
die Erde eingelassenen langen Holzscheite, die Eisenbahnschwellen, wie
ein vom Wind umgewehter Bretterzaun. Noch weiter, direkt bis zum
Bergabhang, war nichts als ebene Erde.
Hier arbeitete Pankratows erste Baugruppe, vierzig Menschen legten
Schwellen.
Ein rotbärtiger Bauer in neuen Bastschuhen schleppte gemächlich
Schwellen vom Schlitten und warf sie auf den Bahndamm. In bestimmten
Abständen wurden noch mehr Schlitten ausgeladen. Zwei lange
Eisenstangen lagen auf der Erde. Das waren Gleislehren, nach denen die
Schwellen ausgerichtet wurden. Mit Äxten, Brechstangen und Schaufeln
wurde die Erde festgestampft.
Schwellenlegen ist eine mühsame und langwierige Arbeit. Die Schwellen müssen
fest und unverrückbar in der Bettung liegen, damit sich der
Schienendruck gleichmäßig auf alle Schwellen verteilt.
Die Technik des Schwellenlegens kannte nur einer - der alte Vorarbeiter
Lagutin, der trotz seiner vierundfünfzig Jahre noch kein einziges
graues Haar hatte und einen in der Mitte gescheitelten pechschwarzen
Bart trug. Er arbeitete freiwillig bereits mit dem vierten Aufgebot,
ertrug gemeinsam mit der Jugend alle Entbehrungen und hatte sich die
allgemeine Achtung der Abteilung erworben. Dieser Parteilose, es war
Taljas Vater, hatte auf allen Parteiversammlungen stets einen Ehrenplatz
inne.
Stolz auf diese Ehre, hatte der Alte gelobt, nicht vor der Beendigung
des Baus wegzugehen.
»Wie kann ich euch denn allein lassen, sagt mir das doch bitte? Ihr
werdet ja beim Schwellenlegen alles verkehrt machen ohne mich. Hier sind
scharfe Augen und eine erfahrene Hand nötig. Ich habe ja mein Lebtag
lang in ganz Russland Schwellen gelegt …«, erklärte er gutmütig bei
jeder Ablösung und blieb auf der Baustelle zurück.
Patoschkin schenkte ihm volles Vertrauen und kontrollierte seinen
Abschnitt nur selten. Als die drei sich den Arbeitenden näherten,
lockerte der vor Schweiß triefende und rot angelaufene Pankratow gerade
mit der Axt die Erde für eine Schwelle auf.
Akim erkannte den Hafenarbeiter kaum wieder. Pankratow war abgemagert,
seine hohen Backenknochen traten schärfer hervor.
»Aha, die Obrigkeit aus dem Gouvernement ist eingetroffen«, sagte er
und reichte Akim die heiße, feuchte Hand.
Das Klirren der Schaufeln verstummte. Akim sah ringsum blasse Gesichter.
Die Soldatenmäntel und kurzen Schafpelze der Arbeitenden lagen neben
ihnen auf dem Schnee.
Nachdem Tokarew mit Lagutin gesprochen hatte, nahm er Pankratow mit sich
und führte die Eingetroffenen zu der Abtragstelle. Der Hafenarbeiter
schritt an Fjodors Seite.
»Sag mal, Pankratow, wie ist das eigentlich mit dem Tschekisten in
Motowilowka vor sich gegangen? Was meinst du, habt ihr's mit der
Entwaffnung nicht doch ein wenig weit getrieben?« forschte Fjodor in
ernstem Ton den wortkargen Hafenarbeiter aus.
Pankratow lächelte verlegen.
»Wir haben ihn ja mit seinem Einverständnis entwaffnet, er hat uns
selbst darum gebeten. Ist ja ein prima Kerl, ganz unser Mann. Wir haben
ihm alles genau erklärt, worum es sich handelt, und er sagte: ›Jungs,
ich habe kein Recht, euch zu gestatten, dass ihr die Fenster und die Türen
mitnehmt. Es existiert ein Befehl des Genossen Dzierzynski, die Plünderung
von Bahneigentum zu verhindern. Der Stationsvorsteher hier steht mit mir
auf Kriegsfuß. Er stiehlt, dieser Schurke, und ich hindere ihn daran.
Wenn ich euch laufen lasse, wird er sicher eine dienstliche Anzeige
gegen mich erstatten, und ich werde vors Revolutionstribunal gestellt.
Entwaffnet mich lieber und trollt euch. Und wenn der Stationsvorsteher
euch nicht anzeigt, so bleibt es eben dabei.‹ Und da haben wir es so
gemacht. Wir haben doch die Türen und die Fenster nicht für uns privat
weggeholt!«
Als Pankratow in Shuchrais Augen ein schelmisches Lächeln wahrnahm, fügte
er hinzu:
»Man soll aber nur uns zur Verantwortung ziehen, den Burschen dort
lassen Sie in Frieden, Genosse Shuchrai.«
»Die Sache ist erledigt. Aber in Zukunft unterbleiben bitte derartige
Dinge. Das untergräbt die Disziplin. Bei uns gibt es Mittel und Wege
genug, mit dem Bürokratismus auf organisierte Weise fertig zu werden.
Aber lass gut sein, sprechen wir von etwas Wichtigerem«, und Fjodor
begann sich nach den Einzelheiten des Überfalls zu erkundigen.
Viereinhalb
Kilometer von der Station entfernt bissen sich die Spaten wütend in die
Erde. Die Leute rückten dem steinigen Hügel, der ihnen im Wege stand,
gehörig zu Leibe.
Und zu beiden Seiten standen Genossen, ausgerüstet mit dem Karabiner
Choljawas und den Pistolen von Kortschagin, Pankratow, Dubawa und
Chomutow. Das war alles, was die Abteilung an Waffen besaß.
Patoschkin hockte am Fuß des Abhangs und trug Ziffern in sein Notizbuch
ein. Der Ingenieur war allein, ohne seinen Gehilfen. Wakulenko, der ein
Disziplinarverfahren dem Tod durch eine Banditenkugel vorzog, hatte am
Morgen Reißaus genommen.
»Für den Abbau des Hügels werden wir noch einen halben Monat
brauchen. Der Boden ist völlig vereist«, sagte Patoschkin leise zu dem
vor ihm stehenden, stets mürrischen, schwerfälligen und wortkargen
Chomutow.
»Man hat uns für die Strecke insgesamt nur noch fünfundzwanzig Tage
gegeben, und Sie rechnen für diesen Abbau hier allein fünfzehn«,
erwiderte Chomutow und biss ärgerlich an seiner Schnurrbartspitze
herum.
»Diese Frist ist irreal. Natürlich habe ich in meinem Leben noch nie
unter solchen Verhältnissen und mit solchen Menschen gebaut. Ich kann
mich also irren, was mir schon zweimal passiert ist.«
Während sie so sprachen, staksten Shuchrai, Akim und Pankratow heran.
Vom Steilhang her hatte man sie schon nahen sehen.
»Schau, wer da kommt!« Petka Trofimow, ein Gewindedreher aus der
Werkstatt, ein schlitzäugiger Bursche in einem alten, an den Ellbogen
zerrissenen Sweater, stieß Kortschagin an und wies mit der Hand nach
unten. Und schon stürmte Pawel, ohne die Schaufel aus der Hand zu
legen, den Hang hinunter. Seine Augen unter dem Rotarmistenhelm
strahlten. Fjodor drückte ihm lange die Hand.
»Sieh mal einer an, unser Pawel! Du bist ja kaum zu erkennen in dieser
zusammengeschusterten Uniform.«
Pankratow verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln.
»Ja, der sieht lieblich aus. Und dazu haben ihm die Deserteure auch
noch den Mantel geklaut. Pawel und Okunew haben eine Kommune gegründet.
Da hat
ihm Okunew seine Jacke gegeben. Tut nichts, unser Pawel ist ein heißblütiger
Bursche. Er wird sich eine Woche lang auf dem Beton wärmen - das Stroh
hilft ja so gut wie gar nichts -, und dann wird er ins Gras beißen müssen«,
sagte der Hafenarbeiter nicht gerade heiter zu Akim.
Der etwas stupsnasige Okunew kniff die schelmischen Augen unter den
schwarzen Brauen zusammen und erwiderte:
»Unser Pawluscha wird bei uns schon nicht zugrunde gehen. Wir werden
eine Versammlung abhalten und ihn zum Koch bestimmen, als Aushilfe.
Dabei wird er, wenn er kein Dummkopf ist, sich tüchtig satt futtern und
sich erwärmen, am Ofen oder bei der Odarka.« Die Worte gingen in
herzlichem Gelächter unter. An diesem Tag wurde zum ersten Mal gelacht.
Fjodor besichtigte den Steilhang, er fuhr mit Tokarew und Patoschkin im
Schlitten zum Holzschlag und kehrte zurück. Am Hang wurde noch immer
hartnäckig gegraben. Fjodor sah die flitzenden Spaten, sah die
angespannt gebeugten Rücken, und sagte leise:
»Ein Meeting brauchen wir nicht. Agitation ist hier überflüssig. Du
hast recht, Tokarew, das sind Prachtkerle. Ja, so wird der Stahl gehärtet.«
Shuchrais Augen blickten begeistert mit herbem, liebevollem Stolz auf
die Erdarbeiter. Manche von ihnen hatten ja vor kurzem noch, in der
Nacht vor dem Aufstand, den Stahl des Bajonetts geführt. Und jetzt sind
sie alle von dem einzigen Bestreben beseelt, das Stahlgeleise der
Schienen zu den ersehnten Holzreichtümern, zur Quelle von Leben und Wärme
zu legen.
Patoschkin wies Fjodor höflich, aber bestimmt nach, dass es unmöglich
sei, den Einschnitt schneller als in zwei Wochen zu beenden. Fjodor
lauschte den Berechnungen, und in ihm reifte ein Entschluss.
»Geben Sie den Leuten vom Abhang eine andere Arbeit. Führen Sie die
Gleislegung weiter. Wir werden mit dem Hügel auf andere Weise fertig
werden.«
Im Stationsgebäude saß Shuchrai lange am Telefon. Choljawa hielt vor
der Tür Wache. Hinter seinem Rücken vernahm er Fjodors dumpfen Bass:
»Ruf gleich in meinem Namen den Stabschef des Militärbezirks an.
Pusyrewskis Regiment soll unverzüglich zur Baustelle abkommandiert
werden. Es ist notwendig, das ganze Gebiet von den Banden zu säubern.
Schickt uns sofort einen Panzerzug mit einem Sprengkommando. Die
weiteren Anweisungen werde ich hier erteilen. Nachts kehre ich zurück.
Litke soll gegen zwölf Uhr mit dem Auto zum Bahnhof kommen.«
Akim hielt in der Baracke eine kurze Ansprache, und dann nahm Shuchrai
das Wort. In kameradschaftlichem Gespräch verging unbemerkt eine
Stunde. Fjodor erklärte den Arbeitern, dass die auf den 1. Januar
festgelegte Frist unbedingt eingehalten werden müsse.
»Wir versetzen den Bahnbau in Kriegszustand. Die Kommunisten werden zu
einer Sonderkompanie zusammengefasst. Genosse Dubawa ist zum Kompanieführer
ernannt. Alle sechs Baugruppen erhalten präzise Aufgaben. Die noch
auszuführenden Arbeiten werden in sechs gleiche Abschnitte aufgeteilt.
Jede Gruppe erhält einen Arbeitsabschnitt. Bis zum. 1. Januar sind sämtliche
Arbeiten zu beenden.
Diejenige Gruppe, die früher fertig wird, erhält Urlaub und kehrt in
die Stadt zurück. Außerdem wird das Präsidium des
Gouvernementskomitees beim Ukrainischen Zentralexekutivkomitee ein
Gesuch einreichen, dem besten Arbeiter dieser Gruppe den Orden des Roten
Banners zu verleihen.
Zu Leitern der Baugruppen werden ernannt: für den ersten Abschnitt
-Genosse Pankratow, für den zweiten - Genosse Dubawa, für den dritten
-Genosse Chomutow, für den vierten - Genosse Lagutin, für den fünften
-Genosse Kortschagin, für den sechsten - Genosse Okunew.
Leiter des gesamten Baus bleibt«, schloss Shuchrai seine Rede, »sein
geistiger Führer und Organisator, unser unersetzlicher Anton
Nikiforowitsch Tokarew.«
Wie ein plötzlich aufflatternder Vogelschwarm flogen die Hände in die
Höhe und klatschten Beifall. Die rauen Gesichter hellten sich auf. Die
letzten in freundschaftlich-scherzhaftem Ton gesprochenen Worte des
sonst so ernsten
Mannes entluden die gespannte Aufmerksamkeit zu heiterem Gelächter.
Etwa zwanzig Menschen begleiteten Akim und Fjodor zur Draisine.
Während Fjodor von Kortschagin Abschied nahm, blickte er auf dessen im
Schnee steckenden Gummischuh und sagte leise:
»Ich schicke dir nächstens ein Paar Stiefel. Hast dir hoffentlich die
Füße noch nicht abgefroren?«
»Es scheint da so etwas im Gange zu sein, sie beginnen anzuschwellen«,
antwortete Pawel. Plötzlich erinnerte er sich an eine Bitte, die er
schon längst an Fjodor hatte richten wollen, und sagte:
»Gib mir doch ein paar Patronen für meinen Revolver. Ich habe nur noch
drei sichere.«
Shuchrai schüttelte bekümmert den Kopf.
Als er jedoch die Enttäuschung in Pawels Augen sah, schnallte er
kurzerhand seine Mauserpistole ab.
»Hier nimm - ich schenk sie dir.«
Pawel konnte es kaum glauben, dass ihm da ein schon lange erträumtes
Geschenk gemacht wurde, aber Shuchrai warf ihm den Riemen der
Pistolentasche über die Schulter.
»Nimm, nimm nur! Ich weiß ja, dass du schon seit langem scharf auf die
Pistole bist. Geh nur vorsichtig mit ihr um, dass du ja nicht einen von
den Jungen erschießt. Hier hast du noch drei Päckchen Patronen dazu.«
Neidische Blicke streiften Pawel von allen Seiten, und jemand rief ihm
zu:
»Los, Pawka, lass uns tauschen - ich geb dir ein Paar Stiefel und einen
Bauernpelz dafür.«
Pankratow stieß Pawel mutwillig an.
»Tausch sie doch gegen Filzstiefel, zum Teufel. In dem Gummischuh wirst
du Weihnachten sowieso nicht überleben.«
Den Fuß auf das Trittbrett der Draisine gestützt, füllte Shuchrai den
Waffenschein für die geschenkte Pistole aus.
Am
frühen Morgen näherte sich der Panzerzug der Station. Dumpf ratterten
seine Räder. Gleich einem üppigen Federbusch stieg der schwanenweiße
Dampf aus dem Schornstein und zerfloss in der kalten Winterluft.
Den gepanzerten Kästen entstiegen Leute, von Kopf bis Fuß in Leder
gekleidet. Einige Stunden darauf gruben drei Mineure aus dem Panzerzug
zwei mächtige Kürbisse aus brüniertem Stahl in den Hang ein,
befestigten lange Zündschnüre an ihnen und gaben Signalschüsse ab.
Sofort stoben die Menschen nach allen Seiten auseinander. Ein
Streichholz wurde angezündet, und schon glimmte das Ende der Zündschnur
auf.
Hunderte von Menschen standen einen Augenblick lang wie erstarrt. Ein,
zwei Minuten banger Erwartung … und die Erde erbebte - eine furchtbare
Kraft fegte die Spitze des Hügels hinweg und schleuderte riesige
Erdklumpen gen Himmel. Es folgte eine zweite, noch mächtigere
Detonation. Ohrenbetäubendes Getöse erdröhnte im Walddickicht.
Donnernd prasselten die hochgeschleuderten Erdklumpen auf den
hartgefrorenen Boden.
Dort, wo eben noch ein Hügel gestanden hatte, gähnte ein tiefes Loch,
und Dutzende von Metern ringsum war der zuckerweiße Schnee mit
schwarzen Erdballen bedeckt.
Leute mit Hacken und Schaufeln stürzten sich in die Sprengtrichter.
Seit
Shuchrais Abfahrt war auf dem Bau ein hartnäckiger Wettstreit entbrannt
- ein Wettstreit um den ersten Platz.
Noch lange vor der Dämmerung erhob sich Kortschagin leise, ohne die
anderen zu stören, von seinem Lager und ging, mühsam die vor Kälte
erstarrten Füße schleppend, in die Küche. Nachdem er im Kessel
Teewasser aufgesetzt hatte, kehrte er in den Schlafraum zurück und
weckte seine Gruppe.
Als die Abteilung antrat, war es draußen schon hell.
Während des Morgentees erschien Pankratow am Tisch, wo Dubawa mit
seinen Arsenalleuten saß.
»Hast du so was schon gesehen, Dmitri? Pawel hat seine Brigade noch vor
Tagesanbruch auf die Beine gebracht. Die haben sicher schon zehn Klafter
gelegt. Die Jungen sagen, er habe seine Leute aus der Hauptwerkstatt
derart aufgepulvert, dass sie die Arbeiten in ihrem Abschnitt bis zum
25. Dezember beenden wollen. Der hat im Sinn, uns allen den Platz an der
Sonne streitig zu machen. Aber, meine Herrschaften, da haben wir auch
ein Wörtchen mitzureden«, sagte er entrüstet zu Dubawa.
Dmitri lächelte sauer. Er wusste sehr genau, weshalb das Vorgehen der
Gruppe aus der Hauptwerkstatt den Parteisekretär so kränkte. Auch ihm,
Dubawa, hatte der gute Pawluscha eins versetzt, forderte, ohne ein Wort
zu verlieren, die ganze Abteilung heraus.
»Bei aller Freundschaft, hier gilt das Motto: Wer - wen«, sagte
Pankratow.
Gegen Mittag unterbrach Kortschagins Gruppe plötzlich die fieberhafte
Arbeit. Der Posten, der die Gewehre bewachte, hatte zwischen den Bäumen
eine Gruppe Berittener bemerkt und das Alarmsignal gegeben.
»Zu den Waffen, Jungs! Banditen!« schrie Pawel, warf die Schaufel zur
Seite und rannte zum Baum, an dem seine Mauserpistole hing.
Die Gruppe griff nach den Waffen und legte sich an der Bahnböschung in
den Schnee.
Die vordersten Reiter winkten aber mit den Mützen, und einer rief:
»Nicht schießen, Genossen!«
Ein halbes Hundert Berittener, an den Budjonny-Mützen den roten Stern,
kam die Straße heraufgesprengt.
Es stellte sich heraus, dass es ein Zug aus Pusyrewskis Regiment war,
der den Streckenbau besichtigen wollte. Pawel bemerkte das zerfetzte Ohr
des Pferdes, auf dem der Kommandeur ritt. Die schöne, graue Stute mit
dem weißen Mal auf der Stirn wollte nicht auf einer Stelle stehen, tänzelte
hin und her. Erschrocken wich sie zurück, als Pawel auf sie zulief und
ihre Zügel ergriff.
»Lyska, du Wildfang, hier treffen wir uns also wieder! Wie bist du heil
davongekommen, meine einohrige Schöne!«
Zärtlich umfing er den Hals der rassigen Stute und streichelte ihre
zuckenden Nüstern.
Der Kommandeur sah Pawel unverwandt an, und als er ihn erkannte, rief er
verblüfft:
»Sieh einer an, das ist ja Kortschagin…! Das Pferd hat er erkannt,
aber den Sereda nicht. - Grüß dich, alter Junge!«
In
der Stadt waren alle Hebel in Bewegung gesetzt worden. Sharki hatte die
Mitglieder des Bezirkskomitees und die bisher noch nicht mobilisierten
Genossen der Organisation nach Bojarka geschickt. In Solomenka waren nur
Mädchen zurückgeblieben. Im Eisenbahntechnikum hatte Sharki die
Entsendung einer neuen Studentengruppe für den Bau durchgesetzt.
Als er Akim darüber Bericht erstattete, sagte er halb im Scherz:
»Jetzt bin ich mit dem weiblichen Proletariat allein zurückgeblieben.
An meine Stelle setze ich die Lagutina. An die Tür hängen wir ein
Schild ›Frauenabteilung‹, und ich dampfe ebenfalls nach Bojarka ab.
Es geht nicht, verstehst du, dass ich mich hier als einziger Mann
zwischen den Frauen herumtreibe. Die Mädel schauen mich auch so schon
misstrauisch an. Wahrscheinlich schwatzen sie untereinander: ›Alle hat
er davongeschickt, er selbst aber ist hier geblieben, dieser
Schlaumeier‹, oder vielleicht sogar noch Schlimmeres. Bitte, erlaubt
mir hinzufahren.«
Akim lehnte diese Bitte lachend ab.
In Bojarka trafen wieder Menschen ein. Auch die sechzig
Eisenbahnstudenten erschienen.
Auf Shuchrais Betreiben entsandte die Eisenbahnverwaltung vier Waggons,
die als Wohnung für die Neuangekommenen dienen sollten.
Die Gruppe Dubawas wurde von ihrer Arbeit entbunden und nach
Pustscha-Wodiza geschickt. Sie erhielt den Auftrag, die Kleinlokomotiven
und fünfundsechzig Transportwagen für Schmalspurbahnen an die
Baustelle zu befördern.
Diese Arbeit wurde ebenso bewertet wie die an einem Bauabschnitt.
Vor der Abreise riet Dubawa dem Bauleiter Tokarew, Klavicek wieder zur
Baustelle zu berufen, um ihm die Leitung der neuorganisierten Gruppe
anzuvertrauen. Tokarew gab den entsprechenden Befehl, ohne den wahren
Grund zu ahnen, der Dubawa dazu bewegen hatte, sich der Existenz des
Tschechen zu erinnern. Die Ursache war aber ein Briefchen von Anna, das
einer der eingetroffenen Genossen aus Solomenka gebracht hatte.
Anna schrieb: Dmitri, Klavicek und ich haben für Euch eine ganze Menge
Literatur zusammengesucht. Wir senden Dir und allen anderen Kämpfern
von Bojarka innige Grüße. Was seid Ihr doch für Prachtkerle! Wir wünschen
Euch Kraft und Energie. Gestern sind die letzten Holzvorräte aus den
Lagern verteilt worden. Klavicek lässt Euch grüßen. Er ist ein
fabelhafter Kerl! Das Brot für Euch bäckt er selbst. Das vertraut er
in der Bäckerei niemandem an. Selbst siebt er das Mehl, selbst knetet
er den Teig mit der Maschine. Er hat irgendwo gutes Mehl aufgetrieben,
und das Brot, das er liefert, ist ausgezeichnet, gar nicht zu
vergleichen mit dem, das wir erhalten. Abends kommen unsere Freunde zu
mir: Talja Lagutina, Artjuchin, Klavicek und manchmal Sharki. Wir setzen
langsam und allmählich unseren Unterricht fort, aber größtenteils
unterhalten wir uns über alles und alle, am allermeisten aber über
Euch. Unsere Mädels sind empört darüber, dass Tokarow es ablehnt, sie
zum Bau zuzulassen. Sie beteuern, dass sie die Entbehrungen nicht
schlechter ertragen würden als alle anderen. Talja sagt: »Ich werde
Vaters Kleider anziehen und bei Papachen auftauchen. Soll er versuchen,
mich von dort wegzujagen.«
Sie ist fähig, das wirklich zu machen.
Grüß den Schwarzäugigen von mir. Anna.
Das
Schneegestöber kam ganz plötzlich. Der Himmel überzog sich mit
grauen, niedrig dahinziehenden Wolken. Der Schnee fiel in dichten
Flocken. Am Abend heulte der Wind in den Schornsteinen, er rauschte in
den Baumwipfeln, jagte den wirbelnden Schnee, und sein durchdringendes
Pfeifen schrillte durch den Wald.
Der Schneesturm wütete mit zornigem Ungestüm die ganze Nacht hindurch.
Die Menschen waren bis auf die Knochen durchfroren, obwohl die Öfen
unentwegt geheizt wurden. Das halb verfallene Gebäude der Forstschule
wollte nicht warm werden.
Als die Abteilung am anderen Morgen zur Arbeit antrat, versanken die
Menschen im tiefen Schnee, über den Bäumen strahlte die Sonne, und am
tiefblauen Himmel war kein Wölkchen zu sehen.
Die Gruppe Kortschagins säuberte ihren Streckenabschnitt vom Schnee.
Erst jetzt empfand Pawel, wie quälend die Kälte einem zusetzen kann.
Okunews altes Jackett wärmte ihn nicht, in den Gummischuh drang immer
Feuchtigkeit, und mehr als einmal war er im Schnee stecken geblieben.
Auch der Stiefel am anderen Fuß drohte völlig auseinander zufallen. Am
Hals hatte Pawel zwei große Furunkel bekommen. Als Schal diente ihm
Tokarews Handtuch.
Abgemagert, mit entzündeten Augen, schaufelte Pawel wütend den Schnee
zur Seite. Gerade um diese Zeit kam ein Personenzug auf die Bahnstation
zugekrochen. Die Lokomotive schnaufte mit letzter Kraft und konnte die
Waggons kaum noch heranschleppen. Auf dem Tender lag kein einziges
Holzscheit mehr, die letzten Reste kohlten in der Feuerung.
»Wenn Sie uns Holz geben, dann fahren wir weiter, wenn nicht, dann überführen
Sie den Zug aufs Nebengleis, solange er sich noch fahren lässt«, rief
der Lokomotivführer mit heiserer Stimme dem Stationsvorsteher zu.
Der Zug wurde aufs Nebengleis geschoben. Man teilte den
niedergeschlagenen Passagieren die Ursache des Aufenthalts mit. In den
überfüllten Wagen begann man zu seufzen und zu wettern.
»Sprechen Sie mit dem Alten da - er geht jetzt dort, am Bahnsteig. Das
ist der Bauleiter. Er kann den Befehl erteilen, Holz für die Lokomotive
auf Schlitten heranzuschaffen«, riet der Stationsvorsteher den
Zugschaffnern.
»Es wird nämlich hier zum Schwellenlegen benutzt.« Und die Schaffner
gingen zu Tokarew.
»Holz gebe ich euch, aber nicht umsonst. Es ist ja unser Baumaterial.
Der Schnee hat uns alles verweht. Im Zug sind sechs- bis siebenhundert
Passagiere. Frauen mit Kindern können im Wagen bleiben, die übrigen
aber sollen sich mit Schaufeln bewaffnen und bis zum Abend Schnee
schippen. Dafür gebe ich euch Holz. Sollten sie sich weigern, dann können
sie ruhig bis Neujahr hier sitzen«, antwortete Tokarew den Schaffnern.
»Schaut, Jungs, was für 'ne Masse Volk da heranzieht. Sogar Frauen!«
hörte Kortschagin hinter sich verwundert ausrufen. Pawel drehte sich
um.
»Hier hast du hundert Mann zur Arbeit. Pass aber auf, dass sie nicht müßig
herumstehen«, sagte Tokarew im Näher kommen.
Kortschagin verteilte die Arbeit an die Neueingetroffenen. Ein großer
Mann in einem Eisenbahnermantel mit Pelzkragen und warmer Persianermütze
drehte empört die Schaufel in der Hand hin und her und wandte sich an
eine neben ihm stehende junge Dame in einer Mütze aus Seebärfell, die
eine buschige Bommel zierte.
»Ich werde keinen Schnee schippen«, protestierte er.
»Niemand kann mich dazu zwingen. Wenn man mich darum bittet, kann ich
als Bahningenieur die Arbeit leiten, aber Schneeschaufeln haben weder du
noch ich nötig. Das sieht keine Instruktion vor. Der Alte handelt
gesetzwidrig. Ich werde ihn zur Verantwortung ziehen lassen. Wer ist
hier der Vorarbeiter?« erkundigte er sich bei einem der Nächststehenden.
Kortschagin kam heran.
»Weshalb arbeiten Sie nicht, Bürger?« Der Mann maß Pawel verächtlich
von Kopf bis Fuß.
»Wer sind denn Sie?«
»Ich bin Arbeiter.«
»Dann habe ich mit Ihnen nichts zu verhandeln. Schicken Sie mir Ihren
Vorarbeiter oder sonst einen von denen da …« Kortschagin sah ihn
finster an.
»Wenn Sie nicht arbeiten wollen, so lassen Sie es sein. Ohne unseren
Vermerk auf der Fahrkarte kommen Sie nicht wieder in den Zug. Das ist
die Anweisung unseres Bauleiters.«
»Und Sie, Bürgerin, weigern Sie sich auch zu arbeiten?« Pawel wandte
sich jetzt an die junge Dame und war plötzlich wie vom Donner gerührt.
Vor ihm stand Tonja Tumanowa.
Nur mit Mühe erkannte sie in dem zerlumpten Burschen Pawel Kortschagin.
In abgetragener, zerrissener Kleidung und phantastischem Schuhwerk, mit
einem schmutzigen Handtuch um den Hals und ungewaschenem Gesicht, stand
Pawel vor ihr. Nur seine Augen glühten noch im alten Feuer. Ja, das
waren seine Augen. Und es ist noch gar nicht so lange her, dass sie
diesen zerlumpten Burschen, der eher einem Landstreicher glich, geliebt
hat. Wie anders war doch alles geworden!
Jetzt ist sie seit kurzem verheiratet und ist gerade mit ihrem Mann auf
der Hochzeitsreise in die große Stadt, wo er einen verantwortlichen
Posten bei der Bahnverwaltung bekleidet. Und ausgerechnet hier muss sie
ihrer Jugendliebe begegnen. Es war ihr sogar peinlich, ihm die Hand zu
reichen. Was würde Wassili denken? Wie unangenehm, dass Kortschagin so
heruntergekommen ist. Offensichtlich hat es der Heizer im Leben nicht
weiter als bis zum Erdarbeiter gebracht.
Unentschlossen stand sie da und wurde über und über rot vor
Verlegenheit. Den Bahningenieur ärgerte das, wie ihm schien,
unverfrorene Benehmen dieses Landstreichers, der unverwandt seine Frau
anstarrte. Er warf die Schaufel hin und ging auf Tonja zu.
»Gehen wir, Tonja. Ich kann diesen Lazzarone nicht mehr ruhig
anschauen.«
Kortschagin wusste aus dem Roman »Guiseppe Garibaldi«, was Lazzarone
bedeutete.
»Wenn ich ein Lazzarone bin, so bist du einfach ein irrtümlich am
Leben gebliebener Bourgeois«, erwiderte er dem Bahningenieur dumpf und
fügte, sich an Tonja wendend, betont kalt hinzu:
»Greifen Sie zur Schaufel, Genossin Tumanowa, und gehen Sie an die
Arbeit. Nehmen Sie sich kein Beispiel an diesem gemästeten Büffel.
Verzeihen Sie, ich weiß nicht, in welchen Beziehungen Sie zu ihm
stehen.«
Pawel lächelte nicht besonders liebenswürdig und sagte noch mit einem
Blick auf Tonjas Pelzüberschuhe flüchtig: »Hierzubleiben rate ich
Ihnen nicht. Vor einigen Tagen hatten wir Banditenbesuch.«
Er drehte ihnen den Rücken zu und ging, den Gummischuh nachschleppend,
zu seiner Brigade.
Pawels letzte Worte hatten auch auf den Bahningenieur ihre Wirkung nicht
verfehlt. Tonja überredete ihn mitzuarbeiten.
Am Abend, nach Beendigung der Arbeit, kehrten alle zum Bahnhof zurück.
Tonjas Mann war vorausgeeilt, um im Zug Plätze zu belegen. Tonja blieb
stehen und ließ die Arbeiter vorübergehen. Als letzter folgte, auf die
Schaufel gestützt, der völlig erschöpfte Kortschagin.
»Guten Tag, Pawluscha. Ich muss gestehen, dass ich nicht erwartet
hatte, dich so wieder zu sehen. Hast du denn unter der Sowjetmacht
wirklich nichts Besseres verdient, als in der Erde herumzubuddeln? Ich
dachte, du seiest schon längst Kommissar oder so etwas Ähnliches
geworden. Was bist du doch bloß für ein Pechvogel…«, sagte Tonja,
neben ihm hergehend.
Pawel blieb stehen und maß Tonja mit erstauntem Blick.
»Ach, ich habe nicht erwartet, dich so - affektiert wieder zu sehen«,
erwiderte Pawel, der einen Moment nach einem passenden, nicht allzu
groben Ausdruck gesucht hatte.
Tonja errötete bis in die Ohrenspitzen.
»Du bist immer noch so grob!«
Kortschagin schwang die Schaufel auf die Schulter und ging weiter. Erst
nachdem er einige Schritte zurückgelegt hatte, sagte er:
»Meine Grobheit ist noch unvergleichlich erträglicher als Ihre so
genannte Höflichkeit, Genossin Tumanowa. Um mein Leben brauchen Sie
sich keine Sorgen zu machen, da ist schon alles in Ordnung. Ihr Leben
aber hat sich schlimmer gestaltet, als ich mir vorgestellt hatte. Vor
zwei Jahren hast du dich noch nicht geschämt, einem Arbeiter die Hand
zu reichen. Und jetzt riechst du schon ganz nach Mottenpulver. Und,
offen gestanden, wir haben einander nichts mehr zu sagen.«
Pawel
hatte einen Brief von Artjom erhalten. Der Bruder schrieb ihm von seiner
bevorstehenden Heirat und bat ihn, unbedingt zu kommen.
Der Wind entriss Kortschagins Händen das flatternde weiße Papier und
wirbelte es, einer Taube gleich, in die Höhe.
Er wird der Hochzeit nicht beiwohnen können. Ist es denn denkbar, jetzt
von hier wegzufahren? Schon gestern hat dieser Bär, Pankratow, seine
Gruppe überholt und stürmt in einem solchen Tempo vorwärts, dass
allen Hören und Sehen vergeht. Der Hafenarbeiter steuert unaufhaltsam
auf sein Ziel los und spornt, selber aus der ihm eigenen Ruhe gebracht,
auch seine Leute zu unerhörten Leistungen an.
Patoschkin beobachtete den stummen und erbitterten Wettkampf der
Bauarbeiter. Erstaunt fragte er sich: Was sind das bloß für Menschen?
Welche unbegreifliche Kraft beseelt sie? Wenn jetzt das Wetter nur noch
acht Tage anhält, so erreichen wir den Holzschlag. Das alte Sprichwort
ist also wahr: Ein Menschenalter lebst du, ein Menschenalter lernst du,
und im Alter bleibst du doch derselbe Narr. Diese Leute werfen mit ihrer
Arbeit alle Berechnungen und Normen über den Haufen.
Aus der Stadt traf Klavicek ein und brachte frisches Brot mit. Nachdem
er mit Tokarew gesprochen hatte, suchte er Kortschagin an seiner
Arbeitsstelle auf. Sie begrüßten sich herzlich. Lächelnd holte
Klavicek aus seinem Rucksack eine schöne gelbe schwedische Pelzjacke
hervor, klatschte dabei auf das schmiegsame Chromleder und sagte:
»Die gehört dir. Errätst du, von wem? - Hoho! Du bist aber schön
dumm, mein Junge! Das schickt dir Genossin Ustinowitsch, damit du Esel
nicht
erfrierst. Die Jacke hat sie vom Genossen Olschinski geschenkt bekommen,
und kaum aus seinen Händen empfangen, gab sie mir das kostbare Stück
mit den Worten: ›Für Kortschagin.‹ Akim hatte ihr erzählt, dass du
in dieser Kälte ohne Mantel arbeitest. Olschinski rümpfte dabei ein
wenig die Nase. ,Ich kann ja diesem Genossen einen Mantel schicken',
sagte er. Aber Rita lachte nur und meinte: ›Macht nichts, in der Jacke
kann er besser arbeiten! ‹ Also nimm, da hast du sie.«
Pawel musterte erstaunt das teure Geschenk und zog es dann, ein wenig zögernd,
über den verfrorenen Körper. Der weiche Pelz erwärmte rasch Schultern
und Brust.
Rita
schrieb in ihr Tagebuch:
20.
Dezember
Schneesturm auf Schneesturm. Nichts als Wind und Schnee. In Bojarka
waren sie fast am Ziel, aber Fröste und Schneegestöber haben ihnen
Halt geboten. Sie versinken im Schnee. Gefrorene Erde zu graben ist sehr
schwer. Es bleiben ihnen nur noch dreiviertel Kilometer, aber die
schwierigsten.
Tokarew meldet, dass auf dem Bau Typhusfälle vorgekommen sind. Drei
Mann sind erkrankt.
22.
Dezember
Zur Plenarsitzung des Gouvernements-Jugendkomitees ist aus Bojarka
niemand erschienen. Siebzehn Kilometer von Bojarka entfernt haben die
Banditen einen Getreidezug zum Entgleisen gebracht. Laut Befehl des
Bevollmächtigten des Volkskommissariats für Ernährung ist die gesamte
Bauabteilung dorthin geschickt worden.
23.
Dezember
Aus Bojarka sind weitere sieben Typhuskranke in die Stadt gebracht
worden. Unter ihnen ist auch Okunew.
Ich war auf dem Bahnhof. Von den Puffern eines aus Charkow
eingetroffenen Zuges wurden erstarrte Leichen heruntergeholt. In den
Krankenhäusern herrscht Kälte. Verfluchter Schneesturm! Wann wird er
endlich aufhören?
24.
Dezember
Komme eben von Shuchrai. Es ist also wahr: Gestern Nacht hat Orlik mit
seiner ganzen Bande Bojarka überfallen. Zwei Stunden lang dauerte der
Kampf. Die Banditen hatten die Telefondrähte zerschnitten, und erst
heute morgen gelang es Shuchrai, genaue Nachrichten zu erhalten. Die
Bande ist zurückgeschlagen worden. Tokarew hat einen Brustschuss
abbekommen. Heute wird er in die Stadt gebracht. Klavicek, der in jener
Nacht Wachhabender war, ist umgebracht worden. Er hatte als erster die
Bande bemerkt und Alarm geschlagen. Schießend zog er sich zurück, es
gelang ihm jedoch nicht mehr, die Schule zu erreichen; er wurde
niedergesäbelt. Von den Bauarbeitern sind elf verwundet. Ein Panzerzug
und zwei Kavallerieschwadronen sind dort bereits eingetroffen.
Bauleiter ist jetzt Pankratow.
Ein Teil der Bande wurde im Laufe des Tages von Pusyrewski beim Weiler
Gluboki eingeholt und bis auf den letzten Mann niedergemacht.
Viele von den parteilosen Arbeitern sind, ohne auf den Zug zu warten, zu
Fuß die Strecke entlang davongelaufen.
25.
Dezember
Tokarew und die übrigen Verwundeten sind in die Stadt gebracht worden.
Sie liegen im Spital. Die Ärzte haben versprochen, den Alten zu retten.
Er liegt bewusstlos. Das Leben der anderen Genossen ist außer Gefahr.
Das Gouvernements-Parteikomitee und wir haben aus Bojarka ein Telegramm
erhalten:
»Als Antwort auf die Banditenüberfälle erklären die auf einer
Kundgebung versammelten Bauarbeiter der Schmalspurbahn, gemeinsam mit
der Besatzung des Panzerzuges und den Rotarmisten des
Kavallerieregiments, dass wir der Stadt, trotz aller Hindernisse, am 1.
Januar das Holz liefern werden. Mit Anspannung aller unserer Kräfte
gehen wir an die Arbeit. Es lebe die Kommunistische Partei, die uns
hierher beordert hat! Vorsitzender der Kundgebung: Kortschagin. Sekretär:
Bersin.«
Klavicek wurde in Solomenka mit militärischen Ehren begraben. -
Das
heißersehnte Holz war schon nahe, aber die letzten Arbeiten gingen quälend
langsam voran; täglich legte der Typhus Dutzende der dringend
notwendigen Hände lahm.
Schwach auf den Beinen, wie ein Betrunkener schwankend, kehrte
Kortscha-gin zur Station zurück. Schon seit Tagen lief er mit hoher
Temperatur umher. Heute aber spürte er das Fieber, das ihn schüttelte,
stärker als sonst.
Der Bauchtyphus, der die Abteilung heimsuchte, hatte auch Pawel gepackt.
Sein kräftiger Körper leistete jedoch Widerstand, und fünf Tage lang
brachte er die Kraft auf, sich von dem mit Stroh bedeckten Betonboden zu
erheben und gemeinsam mit den ändern zur Arbeit zu gehen. Weder die
Pelzjacke noch die Filzstiefel - ein Geschenk Fjodors -, die er über
die schon erfrorenen Füße gezogen hatte, konnten ihm jetzt helfen.
Bei jedem Schritt spürte er ein schmerzhaftes Stechen in der Brust,
seine Zähne schlugen aufeinander, ihm schwindelte, und die Bäume
schienen sich im Reigen zu drehen.
Mit Mühe erreichte er die Station. Er staunte über den ungewöhnlichen
Lärm und schaute auf: Ein langer Zug stand auf der Bahnstation. Auf den
offenen Wagen standen kleine Lokomotiven, Schienen und Schwellen lagen
aufgestapelt - sie wurden von den Leuten abgeladen, die mit dem Zug
eingetroffen waren.
Pawel machte noch einige Schritte, dann verlor er das Gleichgewicht. Er
fühlte dumpf, wie sein Kopf auf den Boden aufschlug. Der Schnee kühlte
die glühenden Wangen.
Man fand ihn erst nach einigen Stunden, trug ihn in die Baracke.
Kortschagin atmete schwer und erkannte die ihn Umgebenden nicht. Der vom
Panzerzug herbeigerufene Feldscher erklärte: »Kruppöse Lungenentzündung
und Bauchtyphus. Temperatur 41,5. Dazu noch die entzündeten Gelenke und
die Geschwüre am Hals. Das sind jedoch Lappalien, verglichen mit den
ersten zwei Krankheiten, die völlig ausreichen, ihn ins Jenseits zu befördern.«
Pankratow und der wieder eingetroffene Dubawa taten alles, um Pawel zu
retten.
Ein Landsmann Kortschagins - Aljoscha Kochanski - wurde beauftragt, den
Kranken in seine Heimatstadt zu schaffen.
Unter Choljawas Druck und mit Hilfe der gesamten Brigade Kortschagins
gelang es Pankratow und Dubawa schließlich, den besinnungslosen Pawel
und Aljoscha in einem vollgepfropften Eisenbahnwagen unterzubringen.
Aus Angst vor Flecktyphus wollte man sie nicht hereinlassen. Die
Passagiere weigerten sich und drohten, den Typhuskranken unterwegs an
die Luft zu setzen.
Choljawa fuchtelte mit der Pistole vor den Nasen derer, die sich der
Unterbringung des Kranken widersetzten, und schrie:
»Der Junge hat keine ansteckende Krankheit! Er wird fahren, und wenn
wir gezwungen sein sollten, euch alle rauszuschmeißen! Merkt euch das,
egoistisches Gesindel. Sollte es jemand wagen, den Kranken auch nur
anzurühren -ich werde die Tscheka an der ganzen Strecke darauf
aufmerksam machen -, dann werdet ihr alle aus dem Zug geholt und kommt
hinter Schloss und Riegel. Hier, Aljoscha, hast du Pawkas Pistole. Schieß
nur los, wenn sich jemand einfallen lässt, ihn anzufassen«, fügte
Choljawa hinzu, um den Passagieren einen Schreck einzujagen.
Der Zug setzte sich in Bewegung. Auf dem leer gewordenen Bahnsteig trat
Pankratow an Dubawa heran.
»Was denkst du, wird er's überstehen?«
Er erhielt keine Antwort.
»Lass uns gehen, Dmitri. Wie's kommt, so kommt es eben. Jetzt tragen
wir für alles die Verantwortung. Die Lokomotiven müssen noch heute
Nacht abgeladen werden. Morgen wollen wir versuchen sie zu heizen.«
Währenddessen telefonierte Choljawa mit allen seinen Tschekafreunden
auf der ganzen Strecke und bat sie eindringlich, nicht zuzulassen, dass
der kranke Kortschagin von den Reisenden aus dem Zug gesetzt werde, und
erst nachdem er das feste Versprechen erhalten hatte, dass sie dies
nicht dulden würden, begab er sich zur Ruhe.
An dem nächsten Eisenbahnknotenpunkt wurde aus dem Zug die Leiche eines
während der Reise verstorbenen unbekannten jungen Burschen auf den
Bahnsteig geschleppt. Wer es gewesen war und woran er gestorben war, das
wusste niemand. Die Eisenbahntschekisten liefen, der Bitte Choljawas
eingedenk, zum Wagen, um das Abladen zu verhindern. Nachdem sie sich
jedoch überzeugt hatten, dass der Junge tot war, ließen sie ihn in die
Leichenkammer des Lazaretts schaffen.
Darauf riefen sie sogleich Choljawa an und teilten ihm den Tod seines
Freundes mit, um dessen Leben er so besorgt gewesen war.
Ein kurzes Telegramm aus Bojarka informierte das Gouvernementskomitee
vom Tode Kortschagins.
Indessen lieferte Aljoscha Kochanski den Schwerkranken bei seiner Mutter
ab und legte sich selbst mit heftigem Typhus nieder.
9.
Januar
Warum ist mir nur so schwer ums Herz? Bevor ich mich niedersetzte, habe
ich geweint. Wer hätte je gedacht, dass auch die Rita schluchzen kann,
und noch dazu so herzzerreißend? Weint man denn immer nur aus Schwäche?
Ein brennender Schmerz ist heute die Ursache. Warum musste nur dieser
Kummer kommen? Und warum ausgerechnet heute, am Tag unseres großen
Sieges, wo die Schrecken der Kälte überwunden, wo auf den
Eisenbahnstationen Riesenmengen kostbaren Heizmaterials auf Verladung
warten, wo ich eben erst bei der Siegesfeier im Plenum des Stadtsowjets
anwesend war, auf der die Erbauer der Bahnstrecke als Helden gefeiert
wurden? Ja, das ist ein Sieg, aber zwei haben ihn mit ihrem Leben
bezahlt, Klavicek und Kortschagin.
Pawels Tod hat mir die Wahrheit offenbart: Er war mir teurer, als ich je
gedacht habe.
Damit breche ich meine Aufzeichnungen ab. Ich weiß nicht, ob ich sie
jemals wiederaufnehmen werde. Morgen schreibe ich nach Charkow, dass ich
einverstanden bin, im Zentralkomitee des Ukrainischen Jugendverbandes zu
arbeiten.
DRITTES
KAPITEL
Die
Jugend trug den Sieg davon. Kortschagin hatte den Typhus überwunden.
Zum vierten Mal hatte er an der Schwelle des Todes gestanden und war
wieder zum Leben zurückgekehrt. Erst nach einem Monat erhob er sich von
seinem Lager, noch unsicher auf den Beinen, mager und bleich, und
versuchte, sich an den Wänden haltend, durchs Zimmer zu gehen. Von der
Mutter gestützt, erreichte er das Fenster und schaute lange auf die
Straße hinaus. Die Sonnenstrahlen spiegelten sich in den Schneepfützen.
Draußen war Tauwetter, der Frühling kündete sich an. Dicht vor dem
Fenster, auf den Zweigen eines Kirschbaums, schaukelte ein graubäuchiger
Spatz und schielte hie und da mit unruhigen schelmischen Augen zu Pawel
herüber.
»Nun haben wir also beide den Winter überlebt«, sagte Pawel leise und
trommelte gegen die Scheibe.
Erschrocken blickte ihn die Mutter an.
»Mit wem unterhältst du dich denn?«
»Mit dem Spatz dort … Nun ist er weggeflogen, der Spitzbube …«,
antwortete Pawel mit einem schwachen Lächeln.
Es war ein schöner Frühling geworden. Kortschagin begann an seine Rückkehr
in die Stadt zu denken. Er fühlte sich wieder so weit bei Kräften,
dass er schon ganz sicher gehen konnte. Und doch schien in seinem
Organismus irgend etwas nicht zu stimmen. Als er einmal im Garten
spazierenging, streckte ihn ein jäher stechender Schmerz im Rückgrat
zu Boden. Mühsam schleppte er sich ins Zimmer. Am nächsten Tag wurde
er aufmerksam vom Arzt untersucht. Der entdeckte, als er ihm das Rückgrat
abtastete, eine ausgeprägte Vertiefung in einem Wirbel und fragte
verwundert:
»Woher haben Sie denn das?«
»Das stammt von einem Pflasterstein, Doktor. Bei Rowno ist hinter mir
mitten auf der Chaussee ein dreizölliges Geschoß krepiert…«
»Aber wie konnten Sie denn die ganze Zeit damit herumgehen? Haben Sie
denn keine Beschwerden gehabt?«
»Nein. Etwa zwei Stunden habe ich damals gelegen, und dann ging's
weiter, zu Pferd. Jetzt spüre ich zum ersten Male etwas.« Der Arzt
untersuchte stirnrunzelnd die Vertiefung.
»Das ist aber eine recht unangenehme Geschichte, mein Lieber. Die
Wirbelsäule hat solche Erschütterungen nicht gern. Hoffen wir, dass
sie sich in Zukunft nicht bemerkbar machen wird. Ziehen Sie sich an,
Genosse Kortschagin.« Mit schlecht verhehlter Besorgnis blickte er
seinen Patienten an.
Artjom wohnte bei der Familie seiner jungen, unscheinbaren Ehefrau
Stjoscha. Es waren verarmte Bauern. Pawel stattete Artjom einmal einen
Besuch ab. Ein kleiner, verdreckter, schieläugiger Junge lief auf dem
winzigen, schmutzigen Hof umher. Als er Pawel gewahrte, glotzte er ihn
mit seinen frechen Äuglein an, bohrte eifrig mit dem Finger in der Nase
und fragte:
»Was suchst du denn hier? Bist wohl stehlen gekommen? Mach lieber, dass
du wegkommst, denn mit unserer Mutter ist nicht zu spaßen!«
In dem alten niedrigen Bauernhaus wurde ein Fensterchen geöffnet, und
Artjom rief:
»Komm nur herein, Pawluscha!«
Am Ofen stand eine Alte mit pergamentgelbem Gesicht und hantierte mit
einer Topfgabel. Flüchtig streifte ihr missmutiger Blick Pawel, und
nachdem sie den Gast an sich vorbeigelassen hatte, klapperte sie wieder
mit ihrem gusseisernen Kochgeschirr.
Zwei halbwüchsige Mädchen mit kurzen Zöpfen kletterten bei Pawels
Eintreten rasch auf den breiten russischen Ofen und guckten mit der
Neugier kleiner Wilder von dort herab.
Artjom saß ein wenig verlegen am Tisch. Seine Heirat war weder von
seiner Mutter noch vom Bruder gebilligt worden. Artjom, der doch selbst
aus proletarischem Haus stammte, hatte plötzlich aus unbekannten Gründen
seine drei Jahre währende Freundschaft mit der schönen
Konfektionsarbeiterin Galja, der Tochter eines Steinmetzen, abgebrochen
und war zu der unscheinbaren Stjoscha gezogen. Nun wohnte er im Haus
seiner Schwiegermutter, mit noch fünf hungrigen Mäulern und ohne
Arbeitskräfte. Nach Beendigung seiner Arbeit im Depot rackerte er sich
noch tüchtig auf dem Feld ab, um die heruntergekommene Wirtschaft
wieder hochzubringen.
Artjom wusste sehr gut, dass Pawel seinen Übergang »ins kleinbürgerliche
Milieu« - wie er es nannte - nicht billigte, und jetzt beobachtete er,
wie der Bruder alles, was er hier sah, aufnahm.
Sie saßen eine Weile beieinander, tauschten nichts sagende Worte aus,
wie man das gewöhnlich bei Besuchen zu tun pflegt, und Pawel schickte
sich schon wieder an zu gehen. Artjom hielt ihn zurück.
»Warte doch, wirst mit uns zu Mittag essen. Gleich bringt Stjoscha
frische Milch. Also morgen willst du fahren? Bist doch eigentlich noch
zu schwach, Pawel.«
Stjoscha kam herein, begrüßte Pawel und rief Artjom auf die Tenne
hinaus, damit er ihr etwas tragen helfe. Pawel blieb mit der wortkargen
Alten allein zurück. Durchs Fenster vernahm man den Klang der
Kirchenglocke. Die Alte legte die Topfgabel zur Seite und murmelte
unzufrieden vor sich hin:
»Ach, Herr Jesus, bei dieser Teufelsarbeit kommt man nicht einmal zum
Beten!« Sie warf dem Besucher einen scheelen Blick zu, löste das um
den Hals geknüpfte Tuch und trat in eine Ecke, die mit vergilbten,
traurig dreinschauenden Heiligenbildern vollgestellt war. Sie legte drei
ihrer knochigen Finger zusammen und bekreuzigte sich.
»Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name«, flüsterten
ihre welken Lippen.
Der Junge im Hof nahm Anlauf und sprang auf den Rücken eines
langohrigen schwarzen Schweins. Mit den Fersen seiner nackten Füße
trat er dem Tier in die Weichen, hielt sich mit beiden Händen an den
Borsten fest und schrie auf das herumrennende und grunzende Schwein ein:
»Hott, hott, lauf zu! Brr, halt still!«
Das Schwein jagte mit dem Jungen auf dem Rücken im Hof herum und
versuchte ihn abzuschütteln, aber der schieläugige Wildfang hatte sich
festgeklammert.
Die Alte unterbrach ihr Gebet und steckte den Kopf zum Fenster hinaus.
»Ich werde dir das Reiten schon austreiben, verfluchter Bengel du!
Mach, dass du von dem Schwein herunterkommst! Hol dich der Teufel! Der
Erdboden soll dich verschlingen, verrückter Lauser du!«
Schließlich gelang es dem Schwein, seinen Reiter abzuwerfen, und die
Alte wandte sich befriedigt wieder den Heiligenbildern zu. Sie setzte
eine fromme Miene auf und betete weiter:
»Dein Reich komme... «
In der Tür tauchte der verheulte Junge auf. Er wischte sich die
blutende Nase mit dem Ärmel, wimmerte und schluchzte vor Schmerz und
bettelte.
»Ma-a-ma, gib mir 'nen Pfannkuchen …« Die Alte wandte sich böse
nach ihm um.
»Nicht einmal beten lässt er einen, dieser schieläugige Satan. Ich
werde dir gleich etwas zu essen geben, du Halunke...« Sie griff nach
einer auf der Bank liegenden Peitsche. Der Kleine verschwand im Nu. Die
Mädchen kicherten leise.
Die
Alte machte sich zum dritten Mal ans Gebet.
Pawel erhob sich und ging, ohne auf den Bruder zu warten. Während er
die Pforte hinter sich schloss, sah er am letzten Fenster den Kopf der
Alten. Sie verfolgte ihn mit den Augen.
Wie, zum Teufel, ist Artjom hier hineingeraten? Jetzt wird er bis zu
seinem Tode in diesem Jammer stecken. Stjoscha wird natürlich jedes
Jahr ein Kind gebären. Er wird sich hier vergraben wie ein Käfer im
Mist. Schließlich wird er noch gar das Depot verlassen, dachte Pawel
traurig, als er durch die einsamen Straßen des Städtchens schritt …
Und ich habe noch geglaubt, dass man ihn zur politischen Arbeit
heranziehen könnte.
Pawel freute sich, dass er am nächsten Tag wieder in die große Stadt
fahren würde, in der er seine Freunde, die ihm so teuren Menschen, zurückgelassen
hatte. Die Großstadt zog ihn an durch ihre unwiderstehliche Kraft, ihr
pulsierendes Leben, durch die Geschäftigkeit des unaufhaltsam
dahinziehenden Menschenstroms, das Gerassel der Straßenbahnen und das
Getöse der Autohupen. Vor allem aber sehnte er sich nach den riesigen
Steingebäuden, nach den verrußten Werkstätten seines Betriebes, den
Maschinen und dem leisen Surren der Riemen. Es zog ihn dorthin, wo sich
die riesigen Räder ungestüm drehten, wo es nach Maschinenöl roch, zu
all dem, was ihm ans Herz gewachsen war. Hier jedoch, in dem stillen Städtchen,
ergriff Pawel, während er durch die leeren Straßen streifte, eine
seltsame Niedergeschlagenheit. Er war nicht besonders verwundert, dass
ihm dieses Städtchen fremd und langweilig geworden war. Er empfand es
sogar als unangenehm, tagsüber spazierenzugehen.
Wenn er so an den geschwätzigen, vor ihren Haustüren hockenden
Klatschbasen vorüberging, vernahm Pawel ihr aufgeregtes Geflüster:
»Schaut nur, wo kommt denn dieses Schreckgespenst her?«
»Der hat, scheint's, die Schwindsucht!«
»Eine feine Pelzjacke, nicht? Ist todsicher gestohlen …«
Und dann kam noch vieles andere, was ihn anwiderte.
Schon seit langem hatte er sich von hier völlig losgelöst.
Die Großstadt mit den energischen und lebensfreudigen Genossen und der
brausenden Tätigkeit war ihm näher und vertrauter geworden.
Unmerklich hatte sich Kortschagin dem Fichtenwäldchen genähert und
blieb am Kreuzweg stehen. Rechts lag das vom Wald durch einen hohen
spitzen Zaun abgegrenzte alte graue Gefängnis, dahinter das weiße Gebäude
des Krankenhauses.
Hier, auf dem Platz, hatte man Walja und ihre Genossen erhängt.
Schweigend weilte er an der Stelle, auf der der Galgen gestanden hatte.
Dann ging er den steilen Abhang hinunter und gelangte zu den Gräbern
der Kameraden.
Unbekannte sorgsame Hände hatten die Gräberreihen mit Tannenkränzen
geschmückt und den kleinen Friedhof mit einer grünen Hecke umgeben.
Auf dem Hügel ragten schlanke Fichten empor. Wie grüne Seide bedeckte
zartes Gras die Hänge der Schlucht.
Hier endete schon das Städtchen. Es war still und traurig ringsum.
Leise rauschten die Bäume, und die Frühlingsdüfte der zu neuem Leben
erwachten Erde erfüllten die Luft. Hier hatten die tapferen Kameraden
ihr Leben gelassen, damit das Leben derer schöner werde, die in Elend
und Armut geboren wurden und für die allein die Geburt schon den Anfang
der Sklaverei bedeutete.
Pawels Hand zog langsam die Mütze vom Kopf, und Trauer, tiefe Trauer
erfüllte sein Herz.
Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur
einmal gegeben, und er muss es so nützen, dass ihn später sinnlos
vertane Jahre nicht qualvoll gereuen, die Schande einer unwürdigen,
nichtigen Vergangenheit ihn nicht bedrückt und dass er sterbend sagen
kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten auf
der Welt - dem Kampf für die Befreiung der Menschheit - geweiht. Und er
muss sich beeilen zu leben. Denn eine dumme Krankheit oder irgendein
tragischer Zufall kann dem Leben jäh ein Ende setzen.
Von diesen Gedanken bewegt, verließ Kortschagin den Friedhof.
Zu
Hause packte die Mutter traurig die Sachen des Sohnes. Pawel, der sie
beobachtete, sah, wie sie nur mühsam die Tränen verbarg.
»Vielleicht bleibst du doch hier, Pawluscha? Es ist mir bitter, im
Alter allein zu sein. So viele Kinder habe ich zur Welt gebracht, und
kaum wachsen sie heran, so laufen sie davon. Was zieht dich denn so nach
der Stadt? Auch hier lässt sich's leben. Oder hast du dir vielleicht
auch so eine kurzhaarige Wachtel ausersehen? Mir, der Alten, erzählt ja
doch niemand was. Artjom hat sich verheiratet, ohne mir auch nur ein
Wort zu sagen, und von dir ist schon überhaupt nicht zu reden. Man
bekommt euch nur zu sehen, wenn ihr kaum noch kriechen könnt«, sagte
die Mutter leise, während sie die spärlichen Habseligkeiten des Sohnes
in eine saubere Tasche packte.
Pawel nahm sie an den Schultern und zog sie an sich.
»Nein, Mamachen, von einer Wachtel ist nicht die Rede. Weißt du denn
nicht, dass sich die Vögel ein Weibchen ihrer Art suchen? Bin ich denn
etwa deiner Meinung nach ein Wachtelhahn?« Die Mutter musste lächeln.
»Ich habe mir fest vorgenommen, Mamachen, so lange kein Mädchen zu küssen,
bis nicht in der ganzen Welt die Bourgeois ausgerottet sind. Du glaubst,
dass man da lange warten muss? Nein, Mamachen, lange werden sich die
Bourgeois nicht mehr halten könne .n … Bald wird es nur eine einzige
Republik für die Menschheit geben, und euch alte Leute, die ihr euer
Leben lang viel geschuftet habt - euch schicken wir nach Italien. Das
ist so ein warmes Land,
direkt am Meer; Winter gibt es da überhaupt nicht. Wir quartieren euch
dort in die Paläste der Bourgeois ein, und ihr könnt eure alten
Knochen in der Sonne wärmen. Wir aber werden nach Amerika fahren, um
dort mit den Bourgeois ein Ende zu machen.«
»Ich werde es wohl kaum erleben, mein Söhnchen, dass deine Märchen
Wirklichkeit werde n.… Genauso ein Springinsfeld wie du war auch dein
Großvater. Ein Seemann war er. Ein wahrhaftiger Räuber, Gott steh mir
bei. Er hat am Sewastopoler Krieg teilgenommen und es dort so weit
gebracht, dass er mit einem Arm und einem Bein nach Hause zurückkehrte.
Zwei Kreuze haben sie ihm an die Brust gehängt und zwei silberne
Halbrubelstücke an Bändchen. Gestorben ist er aber in fürchterlicher
Armut. Eigensinnig war er, hatte irgendeinem von der Obrigkeit mit der
Krücke eins über den Schädel gehauen und hat fast ein Jahr dafür im
Gefängnis gesessen. Eingesperrt haben sie ihn, auch die Kreuze halfen
nichts. Wenn ich dich so anschaue, mein Söhnchen, scheint es mir, als wärst
du ganz nach deinem Großvater geraten.«
»Warum machen wir uns den Abschied so schwer, Mamachen? Gib mir mal die
Ziehharmonika. Ich habe sie lange nicht mehr in den Händen gehabt.«
Er beugte den Kopf über die Perlmuttreihen der Tasten. Die Mutter
staunte, wie neuartig sein Spiel war. Er spielte anders als früher. In
seiner Musik lag jetzt nicht mehr die unbändige Verwegenheit, jenes
tolle Jauchzen voller Ausgelassenheit, jener trunkene Übermut, die den
jungen Harmonikaspieler Pawka im ganzen Städtchen berühmt gemacht
hatten. Seine Musik klang melodisch, war jedoch, ohne ihre Kraft eingebüßt
zu haben, ernster und tiefgründiger geworden.
Zum
Bahnhof ging er allein.
Die Mutter hatte er überredet, daheim zu bleiben. Er wollte keine Tränen
beim Abschiednehmen.
Gewaltsam drängte sich alles in den Zug. Pawel erwischte ganz oben eine
freie Bank und beobachtete von dort aus die schreienden und aufgeregten
Menschen in den Gängen.
Genauso wie früher wurden auch jetzt Säcke hereingeschleppt und unter
die Bänke geschoben.
Als sich der Zug in Bewegung setzte, beruhigten sich alle und machten
sich, wie immer auf Eisenbahnfahrten, gierig übers Essen her.
Pawel schlief bald ein.
Das erste Haus, das er aufsuchen wollte, befand sich im Zentrum der
Stadt, auf dem Krestschatik. Langsam stieg er die Stufen der Bahnüberführung
hinan. Ringsum war alles vertraut, nichts hatte sich verändert. Er überschritt
die Brücke, und seine Hand streifte über das glatte Geländer. Er
gelangte zu den Stufen, die hinabführten, und blieb stehen - auf der Brücke
war keine Menschenseele.
Die Nacht bot dem bezauberten Auge einen großartigen Anblick. Wie
schwarzer Samt bedeckte die Finsternis den Horizont, und hoch oben in
unerreichbarer Ferne funkelten phosphorartig unzählige Sterne. Und
unten, wo die unbestimmbare Grenze der Erde mit dem Horizont
zusammenfloss, streute die Stadt Millionen Lichter in die Dunkelheit…
Kortschagin entgegen kamen einige Gestalten die Treppe herauf. Die
schroffen Stimmen der hitzig streitenden Menschen verscheuchten die nächtliche
Stille; Pawel riss seinen Blick von den Lichtern der Stadt los und
begann die Stufen hinabzusteigen.
Auf dem Krestschatik, im Büro der Sonderabteilung des Militärbezirks,
wurde Kortschagin vom diensthabenden Kommandanten mitgeteilt, dass
Shuchrai schon längst aus der Stadt weg sei.
Der Kommandant forschte Pawel ziemlich lange aus, und erst nachdem er
sich davon überzeugt hatte, dass dieser mit Shuchrai persönlich
bekannt war, erzählte er ihm, dass Fjodor bereits vor zwei Monaten nach
Taschkent, an die turkestanische Front, kommandiert worden sei.
Kortschagins Enttäuschung war so groß, dass er sich nicht einmal nach
den Einzelheiten erkundigte.
Schweigend kehrte er um und verließ das Gebäude. Von plötzlicher Müdigkeit
überwältigt, ließ er sich auf den Stufen der Freitreppe nieder.
Eine Straßenbahn fuhr vorüber und erfüllte die Straße mit ihrem
Gerassel. Auf dem Gehsteig bewegte sich ein endloser Menschenstrom. Die
Stadt war belebt - hie und da glückliches Frauenlachen, einzelne
Wortfetzen eines männlichen Basses, die Tenorstimme eines Jünglings
oder die heisere, krächzende Stimme eines Greises. Die Schritte waren
immer eilig. Hell erleuchtete Straßenbahnen eilten vorüber,
Scheinwerfer der Autos flammten auf, hell glühten die Lämpchen an dem
Reklameplakat des benachbarten Kinos. Und überall waren Menschen, die
die Straße mit unablässigem Stimmengewirr erfüllten. So sah der Abend
einer Großstadt aus.
Der Lärm und der lebendige Atem der Hauptstraße ließen Kortschagin
allmählich den Schmerz vergessen, den die Nachricht von Fjodors Abreise
hervorgerufen hatte. Wohin sollte er sich aber jetzt wenden? Nach
Solomenka zu gehen, wo seine Freunde wohnten, war zu weit. Wie von
selbst kam ihm das Haus an der nahen Kruglo-Universitätskaja-Straße in
Erinnerung. Natürlich wird er sich jetzt dorthin wenden. Außer Fjodor
war ihm ja Rita der nächste Mensch, den er wieder sehen wollte. Dort,
bei Akim, würde er auch übernachten können.
Schon von weitem sah er Licht in dem bekannten Eckfenster oben. Mit Mühe
bezwang er seine Aufregung und öffnete die eichene Haustür. Auf dem
Treppenabsatz blieb er einige Sekunden stehen. Hinter der Tür von Ritas
Zimmer waren einige Stimmen zu hören, jemand spielte auf einer Gitarre.
Aha, sogar Gitarrespielen ist jetzt erlaubt? Die Lebensordnung ist also
nicht mehr so streng, dachte Pawel.
Er klopfte leicht mit der Faust an die Tür. Um seiner Erregung Herr zu
werden, biss er sich auf die Lippen.
Die Tür wurde von einer unbekannten jungen Frau mit Löckchen geöffnet.
Sie schaute Kortschagin fragend an.
»Sie wünschen?«
Die Tür war offen geblieben, und ein flüchtiger Blick auf die fremde
Einrichtung ließ ihn die Antwort ahnen.
»Kann ich Genossin Ustinowitsch sprechen?«
»Sie wohnt nicht mehr hier. Sie ist schon im Januar nach Charkow
abgereist und von dort, wie man erzählt, nach Moskau.«
»Und wohnt Genosse Akim noch hier, oder ist auch er abgereist?«
»Genosse Akim ist auch nicht mehr da. Er ist jetzt Sekretär des
Gouvernements-Jugendkomitees von Odessa.«
Pawel blieb nichts anderes übrig, als umzukehren. Seine Freude über
die Rückkehr in die Stadt erlosch allmählich.
Jetzt war es höchste Zeit, ernstlich an eine Unterkunft zu denken.
»So aufs Geratewohl die Freunde abzuklappern hat keinen Zweck, dabei läuft
man sich nur die Hacken ab und trifft doch niemanden an«, brummte
Kortschagin mürrisch, gegen die Erbitterung ankämpfend. Schließlich
entschloss er sich doch, noch einmal sein Glück zu versuchen und zu
Pankratow zu gehen. Der Hafenarbeiter wohnte in der Nähe der
Schiffsanlegestelle. Zu ihm war es näher als nach Solomenka.
Müde und zerschlagen erreichte er schließlich Pankratows Wohnung, und
während er an die einst mit Ocker angestrichene Tür klopfte, dachte er
bei sich: Wenn auch der nicht zu Hause ist, werde ich nicht mehr
umherrennen. Ich lege mich einfach unter ein Boot und übernachte so.
Die Tür wurde von einer alten Frau in einem schlichten, unterm Kinn
zusammengebundenen Kopftuch geöffnet. Es war Pankratows Mutter.
»Ist Ignat zu Hause, Mütterchen?«
»Eben ist er gekommen. Wollen Sie zu ihm?« Sie hatte Pawel nicht
erkannt, wandte sich ab und rief:
»Ignat, da ist jemand, der zu dir will!«
Pawel folgte ihr ins Zimmer und legte seine Reisetasche auf den Boden.
Pankratow kaute zu Ende und drehte sich vom Tisch aus nach ihm um.
»Wenn du zu mir gekommen bist, dann setz dich her und erzähle. Ich
will inzwischen meine Suppe verdrücken. Seit dem Morgen habe ich nur
Wasser in den Bauch gekriegt!« Und Pankratow griff nach einem riesigen
Holzlöffel.
Pawel ließ sich etwas abseits auf einem alten, kaputten Stuhl nieder,
nahm die Mütze ab und wischte sich mit ihr nach alter Gewohnheit den
Schweiß von der Stirn. Hab ich mich denn wirklich so verändert, dass
mich sogar Ignat nicht mehr erkennt? ging es ihm durch den Sinn.
Pankratow aß ein paar Löffel Suppe. Als er jedoch von dem Gast keine
Antwort bekam, schaute er sich um.
»Na, schieß los, was willst du denn?«
Pankratows Hand blieb mit einem Stück Brot auf halbem Wege zum Mund in
der Luft hängen. Er blinzelte ganz verwirrt.
»He … Warte mal… Teufel noch mal! Was soll denn das bedeuten?«
Als Kortschagin sein vor Aufregung rot gewordenes Gesicht sah, konnte er
es nicht mehr aushaken und prustete los.
»Pawka! Wir haben dich doch alle längst tot geglaubt! - Aber halt mal!
Wie heißt du denn?«
Auf Pankratows Geschrei kamen die ältere Schwester und die Mutter aus
dem Nebenzimmer gelaufen. Alle drei überzeugten sich schließlich, dass
es wirklich Kortschagin war, der vor ihnen stand.
Im Haus lag schon längst alles in tiefstem Schlaf, und Pankratow erzählte
noch immer von den Ereignissen, die sich während der letzten vier
Monate abgespielt hatten.
»Sharki und Dubawa sind bereits im Winter nach Charkow abgereist. Und
nicht so einfach abgereist sind sie, diese Teufelskerle, sondern auf die
Kommunistische Universität. Sie wurden in den Vorbereitungskursus
aufgenommen. Wir wollten - an die fünfzehn Mann - dorthin fahren. In
der Hitze des Gefechts habe auch ich ein Aufnahmegesuch geschrieben. Man
muss mal, denke ich, das Gehirn 'n bisschen verdichten, denn es ist zu dünnflüssig.
Aber, verstehst du, in der Kommission haben sie mich reingelegt.«
Pankratow schnaubte gekränkt, und dann fuhr er fort:
»Zuerst ging meine Sache wie geschmiert. Alles stimmte bei mir: Ein
Parteibuch habe ich, bin auch lange genug Mitglied des Jugendverbandes,
an meiner sozialen Lage und Herkunft kann keiner was aussetzen. Aber als
es zur Prüfung des politischen Wissens kam, gab's plötzlich
Unannehmlichkeiten.
Ich bin da mit einem Genossen von der Kommission in Streit geraten. Der
stellte mir folgende Frage: ›Sagen Sie, Genosse Pankratow, welche
Kenntnisse haben Sie in Philosophie?‹ Aber das war's eben, dass ich
davon nicht die geringste Ahnung hatte. Ich entsann mich aber sogleich,
dass bei uns mal so ein vagabundierender Gymnasiast als Hafenarbeiter
angestellt war. Lastträger war der aus purer Wichtigtuerei geworden.
Der hatte uns einmal erzählt, dass es in Griechenland, der Teufel weiß
wann, solche Gelehrte gegeben hatte, die sich einbildeten, dass sie
alles wüssten. Die nannte man Philosophen. Einer von diesen Typen - ich
habe seinen Namen vergessen, Idogenes, glaube ich, hieß er - hauste
sein ganzes Leben lang in einer Tonne, und so weiter … Als größter
Spezialist galt bei ihnen derjenige, der vierzigmal nachwies, dass weiß
schwarz und schwarz weiß sei. Kurz und gut - sie waren alle Schwindler.
Nun also, ich erinnerte mich daran, was uns der Gymnasiast erzählt
hatte, und dachte: So, der will mich jetzt an der Nase herumführen,
dieses Kommissionsmitglied. Und der schaut mich auch verschmitzt von der
Seite an. Da habe ich denn losgelegt.
› Philosophie‹, sagte ich, ›das ist einfach leeres Geschwätz und
Spiegelfechterei. Ich, Genossen, habe gar keine Lust, mich mit solchem
Quatsch abzugeben. Die Parteigeschichte, die studiere ich von ganzem
Herzen gern.‹ Da nahmen sie mich gleich ins Gebet, wollten wissen,
woher ich denn solche Vorstellungen über die Philosophie hätte. Da
habe ich dann noch einiges von dem hinzugefügt, was uns der Gymnasiast
erzählt hatte. Die ganze Kommission brach in schallendes Gelächter
aus. Ich wurde wütend. ›Was‹, sagte ich, ›ihr wollt mich wohl zum
Narren halten?‹, nahm meine Mütze und ging.
Später begegnete mir dieses Kommissionsmitglied im Gouvernementskomitee
und unterhielt sich fast drei Stunden lang mit mir. Dabei stellte sich
heraus, dass der Gymnasiast alles wie Kraut und Rüben durcheinander
gebracht hatte und dass die Philosophie wirklich eine große und ernste
Sache ist.
Nun siehst du, Dubawa und Sharki, die kamen durch. Dmitri, der hat in
der Schule ordentlich was gelernt, aber Sharki - der weiß auch nicht
viel mehr als ich. Wahrscheinlich hat ihm sein Orden dabei geholfen.
Kurz und gut, ich hatte das Nachsehen. Man hat mich dann mit der
Verwaltung der Dampferanlegestelle betraut. Ich vertrete den Leiter des
Frachthafens. Früher hatte ich mit den verschiedenen Chefs wegen der
Jugendlichen häufig Differenzen, und jetzt muss ich selbst die
Wirtschaft leiten. Manchmal ist es auch so: Jemand erweist sich als
Faulpelz oder als unverbesserlicher Dummerjan, und dann nehme ich ihn
mir tüchtig vor, sowohl als Betriebsleiter wie als Jugendsekretär. Der
wird mir schon kein X für ein U mehr vormachen. Aber von mir später.
Was für Neuigkeiten habe ich dir denn noch nicht erzählt? Über Akim
weißt du Bescheid. Von den Genossen aus dem Bezirkskomitee ist nur noch
Tufta auf dem alten Platz. Tokarew macht den Sekretär des
Bezirks-Parteikomitees in Solomenka, und Okunew aus deiner Kommune
steckt dort im Bezirks-Jugendkomitee. Die politische Aufklärung leitet
Talja. In den Werkstätten ist Zwetajew dein Nachfolger geworden. Ich
kenne ihn nur wenig, ab und zu sehen wir uns im Gouvernementskomitee, er
ist anscheinend kein dummer Kerl, aber voller Eigenliebe. Wenn du dich
noch an Anna Borchardt erinnerst, auch sie ist in Solomenka, sie ist
Leiterin der Frauenabteilung im Bezirks-Parteikomitee. Von den anderen
habe ich dir schon erzählt. Ja, Pawluscha, viele Leute hat die Partei
zum Lernen geschickt. In der Gouvernementsparteischule hockt jetzt das
gesamte Aktiv über den Büchern. Man hat versprochen, das nächste Jahr
auch mich dorthin zu schicken.«
Es war lange nach Mitternacht, als sie einschliefen. Als Kortschagin am
Morgen erwachte, war Ignat schon zur Anlegestelle gegangen. Dussja,
seine Schwester, ein kräftiges Mädchen, das dem Bruder sehr ähnlich
sah, bewirtete den Gast mit Frühstück und plauderte mit ihm fröhlich
über allerlei Kleinigkeiten. Pankratows Vater, ein Schiffsmaschinist,
war auf Fahrt.
Als sich Kortschagin auf den Weg machen wollte, erinnerte ihn Dussja:
»Vergessen Sie nicht, dass wir Sie zum Mittagessen erwarten.«
Im
Gouvernementskomitee herrschte wie immer reges Leben. Ununterbrochen
ging die Tür auf und zu. Die Korridore und Zimmer waren voller
Menschen. Hinter der Tür der Geschäftsleitung hörte man das gedämpfte
Klappern der Schreibmaschinen. Pawel blieb eine Zeitlang im Gang stehen.
Er sah sich lange um, ob ihm kein Bekannter begegnete, da er jedoch
niemanden erblickte, trat er ins Zimmer des Sekretärs. Hinter dem großen
Schreibtisch saß in einer blauen Russenbluse der Sekretär des
Gouvernementskomitees. Er begrüßte Kortschagin mit einem kurzen
Kopfnicken und fuhr, ohne aufzublicken, im Schreiben fort.
Pawel setzte sich ihm gegenüber und betrachtete den Nachfolger Akims
aufmerksam.
»In welcher Angelegenheit kommen Sie?« fragte der Sekretär, nachdem
er hinter die letzte Zeile des vollgeschriebenen Blattes einen Punkt
gesetzt hatte.
Pawel erzählte ihm seine Geschichte.
»Ihr müsst mich wiederauferstehen lassen, Genosse, in die
Mitgliederliste der Organisation eintragen und in die Werkstätten
schicken. Gib bitte eine solche Anweisung.«
Der Sekretär lehnte sich im Sessel zurück. Dann erwiderte er zögernd:
»Deine Mitgliedschaft werden wir natürlich wiederherstellen, das ist
gar keine Frage. Jedoch dich in die Werkstätten schicken, ist nicht
ganz so einfach, dort arbeitet bereits Zwetajew, ein Mitglied des neuen
Gouvernementskomitees. Wir werden dich für eine andere Arbeit
verwenden.«
Kortschagins Blick verdüsterte sich.
»Ich will nicht deshalb in die Werkstätten, um Zwetajew bei seiner
Arbeit zu stören. Ich will dorthin, um in meinem Fach zu arbeiten, und
nicht als Sekretär des Kollektivs, und da ich mich gesundheitlich noch
ziemlich schwach fühle, bitte ich, mir keine andere Arbeit zu geben.«
Der Sekretär willigte ein und schrieb einige Worte auf einen Zettel.
»Ü bergeben Sie das dem Genossen Tufta. Er wird schon alles regeln.«
In der Personalabteilung war Tufta gerade damit beschäftigt, seinen
Gehilfen, den Kartothekführer, abzukanzeln.
Pawel hörte sich das Gezänk eine halbe Minute lang an, als er jedoch
sah, dass sich die Sache in die Länge zog, unterbrach er den außer
sich geratenen Personalleiter.
»Kannst etwas später die Schimpferei zu Ende führen, Tufta. Hier hast
du einen Zettel, wollen mal meine Papiere in Ordnung bringen!«
Tufta schaute bald auf den Zettel, bald auf Kortschagin. Endlich
kapierte er.
»Ach so! Du bist also nicht gestorben? Was soll man aber jetzt machen?
Du bist ja aus der Mitgliederliste gestrichen! Ich selbst habe deine
Karteikarte ans Zentralkomitee geschickt. Außerdem bist du ja auch
nicht von der Unionsvolkszählung erfasst worden, und nach dem
Rundschreiben des Zentralkomitees sind alle, die nicht erfasst worden
sind, ausgeschlossen. Dir bleibt also nichts anderes übrig, als von
neuem dem Jugendverband beizutreten«, erklärte Tufta in einem Ton, der
keinen Einspruch zuließ.
Kortschagin runzelte die Stirn.
»Du bist also immer noch der alte! Ein junger Kerl, aber schlimmer als
eine alte Ratte aus dem Gouvernementsarchiv. Wann endlich wird mal ein
Mensch aus dir werden, Tufta?«
Tufta sprang auf wie von der Tarantel gestochen.
»Lies mir hier gefälligst nicht die Leviten. Meine Arbeit verantworte
ich selbst. Rundschreiben werden nicht geschrieben, damit man sie
missachtet. Und wegen der ›Ratte‹ werde ich dich noch zur
Verantwortung ziehen lassen.« Die letzten Worte brachte Tufta drohend
hervor. Demonstrativ zog er einen Haufen ungelesener Briefe zu sich
heran und gab durch sein ganzes Verhalten zu verstehen, dass das Gespräch
beendet sei.
Langsam wandte sich Pawel zur Tür. Dann fiel ihm jedoch etwas ein, er
kehrte zum Tisch zurück und nahm den vor Tufta liegenden Zettel des
Sekretärs wieder an sich.
Der Personalleiter beobachtete Pawel. Dieser junge Tufta mit den großen
spitzen Ohren war greisenhaft, böse und zanksüchtig, unsympathisch und
lächerlich zugleich.
»Schön«, sagte Kortschagin mit spöttischer Ruhe.
»Man kann mich natürlich der ›Desorganisierung der Statistik‹
beschuldigen, aber sag mir, wie du das ausknobeln willst, gegen
diejenigen Mitglieder disziplinarisch vorzugehen, die es wagen zu
sterben, ohne dir vorher ein entsprechendes Gesuch einzureichen? So was
steht doch jedem frei. Er kann erkranken, er kann auch sterben, aber ein
Rundschreiben ist für solche Fälle wahrscheinlich nicht vorgesehen.«
»Hahaha!« platzte Tuftas Gehilfe vergnügt heraus. Er hatte es nicht
mehr ausgehalten, den Neutralen zu spielen.
Die Spitze des Bleistifts in Tuftas Hand brach ab. Er schmiss ihn hin,
konnte aber seinem Gegner nicht mehr antworten. Ein ganzes Rudel
lachender und sich laut unterhaltender junger Leute drang ins Zimmer.
Unter ihnen war auch Okunew. Das freudige Staunen und das Ausfragen nahm
kein Ende. Nach einigen Minuten kam noch eine Gruppe Jugendlicher
herein, unter ihnen auch Olga Jurenewa. Lange drückte sie Pawel
sprachlos und freudig bewegt die Hand.
Er musste noch einmal alles von Anfang an erzählen. Die aufrichtige
Freude der Genossen, ihre unverfälschte Freundschaft und ihr Mitgefühl,
ihr kräftiger Händedruck und ihr freundschaftliches, etwas derbes
Klopfen auf die Schulter ließen ihn Tufta vergessen.
Am Schluss berichtete Pawel den Genossen von seiner Unterredung mit
Tufta. Ringsum wurden Ausrufe der Empörung laut. Olga maß Tufta mit
einem vernichtenden Blick und begab sich ins Zimmer des Sekretärs.
»Lass uns zu Neshdanow gehen! Er wird ihm schon eins auf die Schnauze
geben.« Mit diesen Worten umfasste Okunew Pawel, und zusammen mit den
anderen Genossen folgten sie Olga.
»Man muss ihn absetzen und zur Strafe ein Jahr lang als Lastträger bei
Pankra-tow an der Anlegestelle arbeiten lassen. Tufta ist ja durch und
durch Bürokrat!« ereiferte sich Olga.
Der Sekretär des Gouvernementskomitees hörte sich die Forderung
Okunews, Olgas und der anderen, Tufta abzusetzen, mit nachsichtigem Lächeln
an.
Ȇ ber Kortschagins Wiedereinstellung braucht man keine Worte zu
verlieren. Er bekommt sofort sein Mitgliedsbuch«, sagte er.
»Was Tufta betrifft, so bin ich mit euch einverstanden, dass er ein
Formalist ist. Das ist sein Hauptfehler. Man muss aber doch zugeben,
dass er seine Sache nicht schlecht macht. Wo ich auch gearbeitet habe,
überall war bei den Jugendorganisationen die Statistik ein
undurchdringlicher Dschungel. Man konnte keiner Ziffer Glauben schenken.
Aber bei uns ist die Statistik in Ordnung. Ihr wisst ja selber, dass
Tufta manchmal bis spät in die Nacht in seiner Abteilung sitzt. Ich
denke so: Absetzen kann man ihn jederzeit. Wenn aber ein prima Bursche
seine Stelle einnimmt, der von der Statistik nichts versteht, so werden
wir zwar keinen Bürokratismus haben, aber auch keine Ordnung. Lassen
wir ihn also arbeiten. Ich werde ihm schon den Kopf waschen, wie sich's
gehört, das wird eine Zeitlang wirken, und nachher werden wir schon
sehen.«
»Gut, hol ihn der Teufel«, erklärte sich Okunew einverstanden.
»Los, Pawluscha, fahren wir nach Solomenka. Wir haben heute im Klub
eine Versammlung des Jugendaktivs. Niemand weiß bis jetzt was von dir,
und plötzlich wird angesagt: ›Das Wort hat Kortschagin.‹ Bist ein
Prachtkerl, Pawluscha, dass du nicht gestorben bist. Denn wirklich,
welchen Nutzen hätte dabei das Proletariat?« schloss Okunew scherzend,
indem er Kortschagin mit beiden Armen umfasste und ihn auf den Korridor
hinausschob.
»Olga, wirst du kommen?«
»Aber selbstverständlich.«
Pankratows erwarteten Kortschagin vergebens zum Mittagessen, auch abends
kehrte er nicht zurück. Okunew schleppte seinen Freund zu sich in die
Wohnung. Er hatte ein Zimmer im Haus des Sowjets.
Hier tischte er auf, was er nur auftreiben konnte. Dann breitete er vor
Pawel einen Packen Zeitungen und zwei dicke Hefte mit Protokollen der
Sitzungen des Bezirks-Jugendkomitees aus und sagte:
»Schau dir diese ganzen Erzeugnisse durch. Während du deine Zeit mit
dem Typhus vertrödelt hast, ist eine Menge Wasser den Berg
hinabgelaufen. Lies und mach dich mit allem bekannt, was hier inzwischen
los war und was jetzt los ist. Gegen Abend hole ich dich ab, und wir
gehen in den Klub, und wenn du inzwischen müde wirst, leg dich hin und
schlaf dich aus.«
Okunew steckte einen Haufen Dokumente, Bescheinigungen und andere
Papiere in die Taschen (der Sekretär des Bezirks-Jugendkomitees
benutzte prinzipiell keine Aktentasche, sie lag unter dem Bett), machte
eine letzte Runde durchs Zimmer und ging.
Als er am Abend zurückkehrte, war der Boden des Zimmers mit auseinander
gefalteten Zeitungen bedeckt, eine Menge Bücher lagen stoßweise auf
dem Tisch aufgeschichtet. Pawel saß auf dem Bett und las die letzten
Briefe des Zentralkomitees, die er unter dem Kopfkissen des Freundes
gefunden hatte.
»Ach, du Lümmel, was hast du nur aus meinem Zimmer gemacht!« rief
Okunew mit gespielter Entrüstung.
»Heda, halt ein, Genosse, du liest ja da ein vertrauliches Schreiben!
Man muss bloß so einen Kerl in sein Zimmer lassen!«
Pawel legte den Brief lächelnd beiseite.
»Hierin sind ja nun gerade keine Geheimnisse enthalten. Dafür aber
hast du tatsächlich ein vertrauliches Schreiben als Lampenschirm
benutzt. Der Rand ist sogar schon etwas angesengt. Siehst du?«
Okunew nahm das angesengte Blatt und schlug sich, nachdem er einen Blick
darauf geworfen hatte, mit der Handfläche gegen die Stirn.
»Und ich suche es schon seit drei Tagen, verdammt noch mal! Es war
verschwunden, als hätte es der Erdboden verschluckt. Jetzt fällt's mir
ein, vorgestern hat Wolynzew daraus einen Lampenschirm gemacht, und dann
hat er es selbst im Schweiße seines Angesichts gesucht.« Okunew
faltete das Blatt sorgfältig zusammen und steckte es unter die
Matratze.
»Später werden wir aufräumen«, sagte er in beruhigendem Ton, »jetzt
werden wir erst mal etwas essen, und dann geht's in den Klub. Setz dich,
Pawluscha!«
Okunew zog aus der einen Tasche einen in Zeitungspapier eingewickelten
langen Dörrfisch hervor und aus der anderen zwei Scheiben Brot. Er
schob das Papier an den Rand des Tisches und breitete auf der frei
gewordenen Stelle eine Zeitung aus. Dann packte er den Fisch beim Kopf
und begann damit gegen den Tisch zu klopfen, damit sich die Haut besser
abziehen ließe.
Während Okunew auf dem Tisch saß und energisch mit den Kinnbacken
arbeitete, teilte er Pawel, halb scherzend, halb sachlich, die neuesten
Nachrichten mit.
Okunew führte Pawel durch den Diensteingang in den Klub, gleich hinter
die Kulissen. In einer Ecke des geräumigen Saals, rechts von der Bühne,
neben dem Flügel, befanden sich Talja Lagutina und Anna Borchardt im
Kreis der Eisenbahnerkomsomolzen. Anna gegenüber, mit seinem Stuhl
wippend, saß Wolynzew, der Jugendsekretär des Eisenbahndepots,
rotwangig wie ein reifer Apfel, in einer völlig abgetragenen, ehemals
schwarzen Lederjacke. Wolynzews Haare und Augenbrauen hatten die Farbe
von Weizenähren.
Neben ihm, den Ellbogen nachlässig auf den Klavierdeckel gestützt, saß
Zwetajew, ein schmucker Bursche mit kastanienbraunem Haar und
scharfgeschnittenen Lippen. Der Kragen seines Hemdes war aufgeschlagen.
Während sich Okunew der Gruppe näherte, hörte er, wie Anna sagte:
»Mancher versucht die Aufnahme neuer Genossen mit allen Mitteln zu
erschweren. Auf Zwetajew trifft das bestimmt zu.«
»Der Kommunistische Jugendverband ist kein Durchgangshof«, erwiderte
Zwetajew trotzig und in geringschätzigem Ton.
»Schaut her, schaut her! Nikolai strahlt heute wie ein blankgeputzter
Samowar!« rief Talja, als sie Okunew gewahr wurde.
Sie zogen ihn in ihren Kreis und bestürmten ihn:
»Wo warst du denn?«
»Wir wollen endlich anfangen!«
Okunew winkte beruhigend mit der Hand ab.
»Nicht so hitzig, Kinder, gleich wird Tokarew kommen, und dann geht's
los.«
»Da kommt er ja schon!« rief Anna. Okunew eilte ihm entgegen.
»Komm hinter die Kulissen, Väterchen, ich werde dir einen deiner alten
Bekannten zeigen. Wirst aber Augen machen!«
»Wer kann schon dort sein?« brummte der Alte und sog dann an seiner
Zigarette. Aber schon führte ihn Okunew mit sich fort.
Die
Glocke in Okunews Hand schrillte derart durchdringend, dass sich selbst
die eifrigsten Schwätzer beeilten, ihre Gespräche zu unterbrechen.
Hinter Tokarew hing in einem aus Tannengrün geflochtenen Rahmen das Löwenhaupt
des genialen Schöpfers des Kommunistischen Manifests. Während Okunew
die Versammlung eröffnete, blickte Tokarew auf den hinter den Kulissen
stehenden Kortschagin.
»Genossen! Bevor wir zur Tagesordnung übergehen, hat ein Genosse
gebeten, ihm das Wort zu erteilen; sowohl Genosse Tokarew wie ich sind
damit einverstanden.«
Aus dem Saal hörte man zustimmende Rufe.
Okunew platzte heraus:
»Das Wort zur Begrüßung hat Pawka Kortschagin!«
Unter den hundert im Saal Anwesenden kannten Kortschagin mindestens
achtzig Genossen, und als die vertraute Gestalt an der Rampe erschien
und der hochgewachsene blasse Bursche zu sprechen begann, wurde er von
allen mit frohen Rufen und stürmischen Ovationen begrüßt.
»Liebe Genossen!«
Die Stimme Kortschagins blieb gleichmäßig, aber seine Erregung war
doch zu spüren.
»Es ist also Tatsache, Freunde, dass ich zu euch zurückgekehrt bin und
meinen Platz in euren Reihen wieder einnehme. Ich bin glücklich, dass
ich wieder da bin. Ich sehe hier eine Anzahl meiner Freunde. Bei Okunew
habe ich gelesen, dass sich hier bei uns in Solomenka die Zahl der
Genossen um ein Drittel vermehrt hat, dass man in den Werkstätten und
im Depot mit der Herstellung von Feuerzangen Schluss gemacht hat und
dass jetzt die ausrangierten Maschinen vom Lokomotivfriedhof in
Generalreparatur genommen werden. Das alles bedeutet, dass unser Land zu
neuem Leben erwacht und neue Kräfte sammelt. Da weiß man, wofür man
lebt! Wie hätte ich denn in einer solchen Zeit sterben können!«
Kortschagins Augen strahlten vor Glück.
Unter stürmischen Zurufen stieg Pawel von der Bühne in den Saal und
ging dorthin, wo Anna Borchardt und Talja saßen. Schnell schüttelte er
ihnen die Hände. Die Freunde rückten zusammen, und Pawel setzte sich.
Taljas Hand legte sich auf die seine und drückte sie fest, sehr fest.
Annas Augen waren weit geöffnet, ihre Wimpern zuckten kaum merklich,
und ihr Blick verriet Staunen und Wiedersehensfreude.
Die
Tage vergingen. Gewöhnlich konnte man sie wohl kaum nennen. Jeder Tag
brachte etwas Neues, und Kortschagin musste, wenn er morgens seine Zeit
einteilte, betrübt feststellen, dass der Tag nicht ausreichte und immer
etwas von dem Geplanten ungetan bleiben musste.
Pawel wohnte bei Okunew und arbeitete in der Werkstätte als
Monteurgehilfe.
Lange stritt er sich mit Nikolai herum, bevor der sich einverstanden
erklärte, ihn vorerst von leitender politischer Arbeit zu befreien.
»Bei uns herrscht Mangel an Menschen, und du willst dich in den Betrieb
zurückziehen. Rede mir nicht von deiner Krankheit, ich bin selber nach
dem Typhus einen Monat lang am Stock ins Bezirkskomitee gegangen. Ich
kenne dich doch, Pawka, das ist nicht der wahre Grund. Sag mir lieber,
was los ist«, bestürmte ihn Okunew.
»Der wirkliche Grund, Kolja, ist, dass ich lernen möchte.«
Okunew brüllte triumphierend auf:
»Aha …! Darum geht es! Du möchtest lernen, aber glaubst du
vielleicht, dass ich das nicht möchte? Ein Egoist bist du, mein
Freundchen. Wir also sollen uns hier abschuften, und du wirst studieren.
Nein, mein Lieber, gleich morgen gehst du in die Instruktionsabteilung.«
Aber nach langem Hin und Her gab Okunew doch nach.
»Zwei Monate werde ich dich in Ruhe lassen. Sollst meine Gutmütigkeit
kennen lernen. Aber mit Zwetajew wirst du nicht zusammenarbeiten können,
der ist zu sehr von sich eingenommen.«
Zwetajew nahm die Rückkehr Kortschagins in die Werkstatt mit Zurückhaltung
auf. Er war überzeugt, dass mit dessen Erscheinen ein Kampf um die
politische Leitung beginnen würde, und bereitete sich, von Ehrgeiz erfüllt,
zum Widerstand vor. Aber vom ersten Tag an überzeugte er sich, dass
seine Annahme nicht stimmte. Als Kortschagin von der Absicht des
Jugendkomitees erfuhr, ihn als Mitglied des Komitees zu kooptieren, ging
er selbst zum verantwortlichen Sekretär und überredete ihn, indem er
sich auf seine Abmachungen mit Okunew berief, diese Frage von der
Tagesordnung abzusetzen. Kortschagin übernahm in der Komsomolzelle
seiner Abteilung die Leitung eines politischen Elementarkurses, aber der
Arbeit im Komitee wich er aus. Und doch war, obgleich er auf die
offizielle Leitung verzichtete, Pawels Einfluss
auf die gesamte Arbeit des Kollektivs deutlich zu spüren. Unauffällig,
ganz kameradschaftlich half er Zwetajew mehr als einmal aus schwierigen
Situationen.
Eines Tages, als Zwetajew die Werkstatt betrat, bemerkte er höchst
erstaunt, wie die gesamte Komsomolzelle und ungefähr dreißig
parteilose Jungen die Fenster putzten, Maschinen reinigten, den langjährigen
Schmutz von ihnen abkratzten und Alteisen und Gerumpel auf den Hof
hinausschleppten. Pawel war gerade dabei, den von Öl beschmutzten
Zementboden mit einem Schrubber zu bearbeiten.
»Was scheuert ihr denn da herum?« fragte Zwetajew verständnislos.
»Wir wollen nicht im Dreck arbeiten. Seit zwanzig Jahren ist hier nicht
saubergemacht worden. Wir werden unsere Werkabteilung binnen einer Woche
vollständig renovieren«, erwiderte ihm Kortschagin kurz.
Zwetajew zuckte mit den Schultern und ging.
Den Elektromonteuren genügte das aber noch nicht - sie räumten nicht
nur in der Werkstatt auf, sondern machten sich auch an die Säuberung
des Fabrikhofes. Dieser große Hof war von jeher eine Schuttabladestätte
gewesen. Was lag da nicht alles umher! Hunderte von Waggonrädern, ganze
Berge rostigen Eisens, Schienen, Puffer, Buchsen - mehrere tausend
Tonnen Metall rosteten dort unter freiem Himmel. Aber der Angriff auf
diese Abladestelle wurde von der Verwaltung gestoppt:
»Wir haben jetzt wichtigere Auf gaben. Der Hof läuft uns nicht davon.«
Da pflasterten die Monteure noch schnell den Vorplatz zum Eingang in
ihre Werkabteilung mit Ziegelsteinen und befestigten vor der Tür ein
Drahtnetz zum Reinigen der Schuhe. Die Aufräumungsarbeiten in der
Werkstatt wurden jedoch abends nach Betriebsschluss fortgesetzt.
Als der Chefingenieur Strish eine Woche später die Abteilung betrat,
war die ganze Werkstatt von Licht überflutet. Die riesigen Fenster
gaben, gereinigt von uraltem, mit Öl vermischtem Staub, den
Sonnenstrahlen den Weg in den Maschinensaal frei, wo sie sich in den
blankgeputzten Teilen der Motoren spiegelten. Die schweren
Maschinenteile waren grün angestrichen, und auf die Speichen der Räder
hatte jemand sorgsam gelbe Pfeile gemalt.
»Hm, ja …«, staunte Strish.
In einer entlegenen Ecke der Abteilung beendeten einige Leute gerade
ihre Arbeit. Strish ging auf sie zu. Kortschagin kam ihm entgegen, eine
Büchse mit angemischter Farbe in der Hand.
»Einen Augenblick, mein Lieber«, hielt ihn der Ingenieur an.
»Mit dem, was Sie da tun, bin ich einverstanden. Aber woher haben Sie
die Farbe? Ich habe doch verboten, ohne meine Erlaubnis Material zu
verbrauchen, und Farbe ist sehr knapp. Das Anstreichen der
Lokomotivteile ist wichtiger als das, was Sie hier machen.«
»Wir haben weggeworfene Farbenbüchsen gesucht. Zwei Tage lang haben
wir uns mit dem alten Gerümpel abgegeben und etwa fünfundzwanzig Pfund
zusammengekratzt. Wir halten uns genau an die Vorschriften, Genosse
Ingenieur.«
Strish brummte noch ein wenig, aber diesmal schon ganz verlegen.
»Das ist natürlich etwas anderes. Hm, hm … immerhin interessant.
Woher kommt denn dieser - sagen wir mal - spontane Sauberkeitsfimmel?
Sie haben doch wohl diese Arbeit in Ihrer freien Zeit ausgeführt?«
Kortschagin spürte aus den Worten des Technischen Leiters völlige
Verständnislosigkeit.
»Natürlich. Wann denn sonst?«
»Ja, aber…«
»Ja, das ist eben das Aber, Genosse Strish. Wer hat Ihnen denn gesagt,
dass sich die Bolschewiki mit diesem Schmutz abfinden würden? Warten
Sie nur ab, wir werden die Sache noch viel besser in Schwung bringen.
Sie werden noch Ihr blaues Wunder erleben.«
Er wich dem Ingenieur vorsichtig aus, um ihn nicht mit Farbe zu
beschmieren, und ging davon.
Bis spätabends steckte Kortschagin gewöhnlich in der öffentlichen
Bibliothek. Er freundete sich mit allen drei Bibliothekarinnen an und
brachte seine ganze Überredungskunst auf, um schließlich das Recht zu
erhalten, alle Bücher durchzusehen. Stundenlang saß Pawel auf der an
die riesigen Bücherschränke gelehnten kleinen Leiter und durchblätterte
ein Buch nach dem anderen, immer auf der Suche nach etwas, was für ihn
interessant und nützlich sein könnte. Es waren meist alte Bücher, die
er fand. Die neue Literatur hatte ganz bescheiden in einem kleinen
Schrank Platz gefunden. Da standen zufällig hierher geratene Broschüren
aus der Zeit des Bürgerkrieges, »Das Kapital« von Marx, »Die Eiserne
Ferse« und noch einige andere Bände.
Unter den alten Büchern fand Kortschagin den Roman »Spartakus«.
Nachdem er ihn in zwei Nächten verschlungen hatte, stellte er ihn in
den kleinen Schrank neben eine Reihe Gorki-Bände.
So gruppierte Pawel die für ihn interessante und wichtige Literatur die
ganze Zeit hindurch um. Die Bibliothekarinnen hinderten ihn nicht daran,
ihnen war das gleichgültig.
Die
im Jugendkollektiv herrschende Eintönigkeit und Ruhe wurde durch einen
scheinbar unbedeutenden Vorfall jäh gestört. Kostja Fidin, ein
stupsnasiger, phlegmatischer Bursche mit pockennarbigem Gesicht, ein
Mitglied der Zellenleitung der mittleren Reparaturwerkstätte, hatte
beim Bohren einer Eisenplatte einen teuren amerikanischen Bohrer
zerbrochen, und zwar infolge unglaublicher Nachlässigkeit, ja sogar
noch schlimmer - es sah fast wie Absicht aus. Der Obermeister der
mittleren Werkstatt, Chodorow, hatte Kostja angewiesen, in eine Platte
einige Löcher zu bohren. Anfänglich weigerte sich Kostja, aber als der
Meister darauf bestand, nahm er die Platte und begann zu bohren.
Chodorow war in der Werkstatt unbeliebt, da er ewig nörgelte und sehr
große Ansprüche an die Arbeit stellte. Er war früher einmal
Menschewik gewesen. Am gesellschaftlichen Leben beteiligte er sich überhaupt
nicht, die Komsomolzen sah er scheel an, er verstand jedoch seine Sache
ausgezeichnet und erfüllte seine Pflichten gewissenhaft.
Der Meister bemerkte, dass Kostja »trocken« bohrte, ohne den Bohrer
entsprechend geölt zu haben. Hastig ging er zur Bohrmaschine und
stellte sie ab.
»Du hast wohl keine Augen im Kopf, oder arbeitest du erst seit gestern
hier!« schrie er Kostja an, da ihm klar war, dass der Bohrer durch eine
derartige Behandlung unbedingt kaputtgehen musste.
Kostja gab eine freche Antwort und begann erneut zu bohren. Chodorow
ging zum Abteilungsleiter, um sich zu beschweren. Kostja hingegen
rannte, ohne die Bohrmaschine abzustellen, nach einer Ölkanne, damit,
wenn jemand von der Betriebsleitung käme, alles in Ordnung vorgefunden
würde. Als er mit dem Öl zurückkehrte, war der Bohrer bereits
gebrochen. Der Abteilungsleiter verlangte Fidins Entlassung, Die Leitung
der Abteilungsjugendzelle setzte sich jedoch für Kostja ein, mit der
Begründung, dass Chodorow das Jugendaktiv unterdrücke. Die
Administration bestand auf ihrer Forderung, und die Sache wurde der
Leitung der gesamten Betriebsjugend zur Behandlung vorgelegt. Damit nahm
die Geschichte ihren Anfang.
Von den fünf Mitgliedern der Jugendleitung waren drei, darunter auch
Zwetajew, der Meinung, dass Kostja einen Verweis bekommen und auf eine
andere Arbeitsstelle überführt werden müsse.
Die zwei anderen Mitglieder der Leitung hielten Kostja überhaupt für
unschuldig.
Die Sitzung fand in Zwetajews Büro statt. Es standen dort ein großer,
mit rotem Tuch bedeckter Tisch und einige von den Jungen aus der
Tischlerei selber angefertigte lange Bänke und Schemel. An den Wänden
hingen die Bilder führender Genossen, und hinter dem Tisch war über
die ganze Wand die Fahne des Jugendkollektivs ausgebreitet.
Zwetajew war von der Betriebsarbeit befreit. Er war dank seiner Fähigkeiten
im Laufe der letzten vier Monate zu einer führenden Stellung im
Komsomol aufgerückt. Man hatte ihn zum Mitglied des
Bezirks-Jugendkomitees sowie in das Gouvernementskomitee gewählt. Früher
arbeitete er als Schmied im Metallwerk. In den Hauptwerkstätten war er
jedoch ein Neuling. Aber gleich vom ersten Tag an hatte er die Zügel
fest in die Hand genommen. Durch seine allzu große Überheblichkeit und
seine Entschlossenheit dämpfte er die Initiative der Jungen. Er wollte
alles selber machen. Da er nicht imstande war, die ganze Arbeit allein
zu bewältigen, begann er seinen Mitarbeitern Passivität vorzuwerfen.
Sogar die Ausstattung des Zimmers hatte er beaufsichtigen müssen.
Zwetajew saß in dem einzigen, aus der Roten Ecke hierher gebrachten
bequemen Sessel und leitete die Sitzung. Als Chomutow, der
Parteiorganisator des Betriebes, ums Wort bat, pochte jemand an die
verschlossene Tür. Zwetajew verzog unzufrieden das Gesicht. Es klopfte
wieder. Katja Seljonowa stand auf und schob den Riegel zurück. In der Tür
stand Kortschagin. Katja ließ ihn eintreten.
Pawel ging schon auf eine der freien Bänke zu, als Zwetajew rief:
»Kortschagin! Wir haben heute eine geschlossene Sitzung!«
Pawel wurde über und über rot und ging langsam zum Tisch.
»Das weiß ich. Mich interessiert jedoch euer Standpunkt zum Fall
Kostja Fidin. Ich möchte dazu einen neuen Gesichtspunkt vorbringen.
Oder hast du etwas gegen meine Anwesenheit einzuwenden?«
»Ich habe nichts dagegen. Es ist dir jedoch bekannt, dass an
geschlossenen Sitzungen nur Komiteemitglieder teilnehmen dürfen. Wenn
es zu viele Leute sind, ist die Behandlung der Fragen schwieriger. Aber
wenn du nun einmal hier bist, nimm schon Platz.«
Kortschagin erhielt zum ersten Mal eine solche Ohrfeige. Zwischen seinen
Augenbrauen bildete sich eine Falte.
»Wozu diese Formalität?« fragte Chomutow missbilligend.
Kortschagin brachte ihn jedoch durch eine Geste zum Schweigen und ließ
sich auf einem Schemel nieder.
»Also, was ich sagen wollte«, begann Chomutow. »Was Chodorow
betrifft, so stimmt es, dass er ein Fremdkörper ist. Aber bei uns steht
es schlecht um die Disziplin. Wenn alle Komsomolzen anfangen, die Bohrer
zu zerbrechen, so werden wir bald die Bude zumachen können, und außerdem
ist das für die Parteilosen ein sehr schlechtes Beispiel. Ich bin der
Ansicht, dass man dem Burschen eine Verwarnung erteilen muss.«
Zwetajew ließ ihn nicht zu Ende reden und widersprach. Zehn Minuten
lang hörte Kortschagin zu, dann war er sich über den Standpunkt des
Komitees im klaren. Als man schon abstimmen wollte, bat er, eine Erklärung
abgeben zu dürfen. Es kostete Zwetajew große Überwindung, Pawel das
Wort zu erteilen.
»Genossen, ich möchte zu der Sache mit Kostja einmal meine Meinung
sagen.«
Kortschagins Stimme klang schärfer, als es ihm selbst lieb war.
»Die Sache mit Kostja ist ein Signal - aber das wichtigste dabei ist
nicht einmal Kostja. Ich habe mir gestern einige Zahlen notiert.« Pawel
holte sein Notizbuch hervor.
»Die Zahlen hat mir die Kontrolle im Betrieb gegeben. Hört jetzt nur
aufmerksam zu! Dreiundzwanzig Prozent aller Komsomolzen kommen täglich
fünf bis fünfzehn Minuten zu spät zur Arbeit. Das ist bereits zur
Regel geworden. Siebzehn Prozent aller Komsomolzen schwänzen
systematisch ein bis zwei Tage im Monat, während es unter der
unorganisierten Jugend nur vierzehn Prozent Bummler gibt. Diese Zahlen
sind für uns schlimmer als Peitschenhiebe. Ich habe mir bei dieser
Gelegenheit außerdem noch folgendes notiert: Unter den Parteigenossen
gibt es vier Prozent Bummler, die allmonatlich einen Tag fehlen, und
ebenfalls vier Prozent, die sich verspäten. Von den parteilosen
erwachsenen Arbeitern bummeln monatlich elf Prozent einen Tag, zu spät
kommen dreizehn Prozent. Werkzeugbruch geht zu neunzig Prozent
auf Kosten der Jugendlichen, davon entfallen nur sieben Prozent auf
solche, die erst kurze Zeit im Betrieb arbeiten. Die Schlussfolgerung
daraus ist, dass wir Komsomolzen viel schlechter arbeiten als die
Parteimitglieder und die erwachsenen parteilosen Arbeiter. Das ist aber
nicht in allen Werkstätten so. In der Schmiede herrscht beneidenswerte
Ordnung, bei den Elektromonteuren steht es zufrieden stellend, aber in
den anderen Werkstätten haben wir überall so ziemlich die gleiche
Lage. Genosse Chomutow hat meines Erachtens zu der Frage der Disziplin
nur ein Viertel von dem gesagt, was gesagt werden müsste. Vor uns steht
die Aufgabe, diese Lage zu verändern. Ich will hier nicht Agitation
treiben und Versammlungsreden schwingen. Wir müssen jedoch gegen diese
Lotterwirtschaft und Schlamperei mit aller Schärfe ankämpfen. Die
alten Arbeiter sagen es geradeheraus: ›Für den Unternehmer ist besser
gearbeitet worden, dem Kapitalisten ist bessere Arbeit geliefert
worden.‹ Und jetzt, wo wir unsere eigenen Herren sind, lässt sich so
was überhaupt nicht entschuldigen. Nicht so sehr Kostja oder sonst wer
ist in erster Linie daran schuld, sondern wir alle sind es, weil wir
diese Übel nicht nur nicht bekämpft haben, wie es sich gehört,
sondern im Gegenteil solche wie Kostja häufig unter den verschiedensten
Vorwänden in Schutz nehmen. Samochin und Butylak haben soeben davon
gesprochen, dass Fidin einer von uns ist - wie man sagt, ›einer von
uns‹, ein Aktivist, der seine gesellschaftliche Arbeit leistet. Nun
ja, ihm ist ein Bohrer gebrochen, was ist schon Besonderes dabei, wem
kann das nicht passieren? Dafür ist der Junge unser Mann, der Meister
aber ist ein fremdes Element .…. Obwohl sich niemand mit Chodorow
beschäftigen will … Dieser Nörgler hat eine dreißigjährige
Berufspraxis hinter sich. Von seiner politischen Einstellung wollen wir
hier nicht reden. Im Moment ist er im Recht: Er, das fremde Element,
bewahrt das Staatseigentum, wir aber vernichten kostbare importierte
Instrumente. Ich bin der Ansicht, dass wir jetzt zum ersten Schlag
ausholen sollten.
Ich beantrage, Fidin als Schlendrian, als Taugenichts und Desorganisator
aus dem Jugendverband auszuschließen, seine Angelegenheit an der
Wandzeitung zu behandeln und offen, ohne irgendwelche Beschönigung, die
von mir genannten Zahlen im Leitartikel zu veröffentlichen. Wir haben
Kräfte genug, wir haben Genossen, auf die wir uns dabei stützen können.
Die Mehrheit unserer Jugendgenossen sind gute Betriebsarbeiter. Sechzig
von ihnen haben in Bojarka gearbeitet, und das ist die beste Schule
gewesen. Mit Hilfe und Unterstützung dieser Genossen werden wir in
unserem Betrieb Ordnung schaffen. Nur muss ein für allemal mit einer
derartigen Einstellung zur Sache, wie sie jetzt vorherrscht, Schluss
gemacht werden.«
Der sonst so ruhige und schweigsame Kortschagin hatte diesmal
leidenschaftlich und scharf gesprochen. Zwetajew sah den Monteur zum
ersten Mal in seiner wirklichen Gestalt. Er verstand, dass Pawel recht
hatte, aber das Misstrauen ihm gegenüber hinderte ihn daran, sich mit
ihm einverstanden zu erklären. Er betrachtete Kortschagins Auftreten
als eine scharfe Kritik am allgemeinen Zustand der Organisation, als
eine Untergrabung seiner - Zwetajews - Autorität und nahm sich vor, mit
Pawel gründlich abzurechnen. Er begann seine Widerlegung mit der
unverblümten Anschuldigung, dass Kortschagin den Menschewik Chodorow
verteidige.
Drei Stunden lang währte die stürmische Debatte. Erst am späten Abend
wurde ihr Ergebnis zusammengefasst. Von der unerbittlichen Logik der
Tatsachen geschlagen und nachdem sich die Mehrheit auf Pawels Standpunkt
gestellt hatte, beging Zwetajew einen Fehler - er verstieß gegen die
Demokratie. Vor der entscheidenden Abstimmung forderte er Kortschagin
auf, das Zimmer zu verlassen.
»Gut, ich werde hinausgehen, Ehre macht dir das nicht, Zwetajew. Bevor
ich gehe, mache ich dich nur auf eins aufmerksam, dass ich, falls du
deinen Standpunkt doch durchsetzen solltest, morgen in der allgemeinen
Versammlung auftreten werde. Dort wirst du - ich bin fest davon überzeugt
- keine Mehrheit bekommen. Du hast unrecht, Zwetajew. Ich denke, Genosse
Chomutow, dass du diese Frage noch vor der allgemeinen Versammlung auf
der Parteiversammlung behandeln lassen musst.«
Zwetajew rief ihm herausfordernd zu:
»Willst du mich erschrecken? Ich weiß auch ohne dich, was ich zu tun
habe. Wir werden dort auch über dich sprechen. Wenn du selbst nicht
arbeitest, so hindere wenigstens andere nicht daran.«
Als Pawel die Tür hinter sich ins Schloss geworfen hatte, fuhr er sich
mit der Hand über die heiße Stirn und ging durch das leere Büro zum
Ausgang. Draußen auf der Straße atmete er tief, zündete sich eine
Zigarette an und ging auf das Häuschen auf Batyjewa Gora zu, wo Tokarew
wohnte.
Kortschagin traf den Schlosser beim Abendbrot.
»Nun erzähl mal, was gibt's bei euch Neues. Darja, bring ihm doch eine
Schüssel Brei.« Tokarew nötigte Pawel, Platz zu nehmen.
Darja Fominischna, Tokarews Frau, die im Gegensatz zu ihrem Mann groß
und rundlich war, setzte Pawel einen Teller voll Hirsebrei vor. Sie
wischte sich die feuchten Lippen mit der weißen Schürze ab und sagte
herzlich:
»Iß, mein Junge.«
Früher, als Tokarew noch in der Werkstatt gearbeitet hatte, war Pawel häufig
bis zum späten Abend bei ihm zu Gast gewesen. Aber seit seiner Rückkehr
in die Stadt war er heute zum ersten Mal bei dem Alten.
Der Schlosser lauschte aufmerksam Pawels Erzählung. Er selbst sagte
kein Wort, löffelte fleißig seinen Brei, nur hier und da ließ er ein
leises »Hm« vernehmen. Als er mit dem Essen fertig war, wischte er
sich mit dem Taschentuch den Bart ab und räusperte sich.
»Du hast natürlich recht. Wir hätten schon längst diese wichtige
Frage behandeln müssen. Das Kollektiv der Werkstätten ist das größte
und bedeutendste in unserem Bezirk. Da muss man auch den Anfang machen.
Du bist also mit Zwetajew in Streit geraten? Schlimm. Er ist ein
rechthaberischer Kerl, aber du hast es doch immer verstanden, mit den
Jungen zu arbeiten. Nebenbei, was machst du eigentlich in den Werkstätten?«
»Ich arbeite in meinem Fach. Na, und mache überall ein bisschen mit.
Leite in der Zelle meiner Werkabteilung einen Elementarzirkel.«
»Und in der Jugendleitung, was machst du da?« Kortschagin wurde
verlegen.
»Ich habe die erste Zeit, da ich mich noch ein bisschen schwach fühlte
und außerdem lernen wollte, offiziell an der Leitung nicht
teilgenommen.«
»Na ja, da haben wir's!« rief Tokarew missbilligend aus.
»Weißt du, mein Söhnchen, nur eins rettet dich vor einer gründlichen
Kopfwäsche: Das ist deine schwache Gesundheit. Und jetzt, wie ist es,
hast du dich ein bisschen erholt?«
»Ja.«
»Nun also, dann mach dich jetzt mal richtig an die Arbeit. Hat doch
keinen Sinn, dass du weiter so herumwurstelst. Wann ist es schon
dagewesen, dass man als fünftes Rad am Wagen was Vernünftiges leisten
konnte! Jeder wird dir sagen, du drückst dich vor der Verantwortung -
und du kannst dich nicht einmal verteidigen. Bring das alles morgen in
Ordnung, und Okunew werde ich den Kopf waschen«, schloss Tokarew, und
in seiner Stimme lag Unzufriedenheit.
»Lass ihn in Ruhe, Alter«, bat Pawel, »ich hab ihn selbst gebeten,
mir vorläufig keine Funktion zu übertragen.«
Tokarew pfiff verächtlich durch die Zähne.
»Du hast ihn gebeten, und er hat dir nachgegeben? Nun gut, was soll man
schon mit euch Komsomolzen anfangen? - Aber jetzt los, Junge, lies mir
mal wie in früheren Zeiten die Zeitung vor. Meine Augen wollen nicht
mehr so recht.«
Das
Büro des Parteikollektivs erklärte sich mit dem Standpunkt der
Mehrheit des Jugendkomitees einverstanden. Das Partei- und
Komsomolkollektiv erhielt eine wichtige und schöne Aufgabe: durch die
eigene Arbeit ein gutes Beispiel an Arbeitsdisziplin zu geben. In der
Komiteesitzung wurde Zwetajew ordentlich vorgenommen. Anfangs wollte er
sich auflehnen, aber durch das Auftreten
des Parteisekretärs Lopachin, eines älteren Arbeiters mit einem
gelblich-blassen mageren Gesicht, in die Enge getrieben, kapitulierte
Zwetajew und gab seinen Fehler halbwegs zu.
Am nächsten Tag erschienen an den Wandzeitungen der Hauptwerkstätten
Artikel, die die Aufmerksamkeit aller Arbeiter auf sich lenkten. Sie
wurden laut vorgelesen und leidenschaftlich diskutiert.
Am Abend, auf der ungewöhnlich stark besuchten Komsomolversammlung,
wurde von nichts anderem gesprochen.
Kostja wurde aus dem Jugendverband ausgeschlossen, und in das
Komsomolkomitee wurde ein neuer Leiter für Agitations- und
Bildungsarbeit gewählt: Kortschagin.
Es herrschte ungewöhnliche Stille, und alle hörten aufmerksam
Neshdanow zu. Er sprach über die neuen Aufgaben, über die neue Ära,
die jetzt für die Eisenbahnwerkstätten begonnen hatte.
Nach der Versammlung wartete Kortschagin auf der Straße auf Zwetajew.
»Gehen wir zusammen. Wir haben manches miteinander zu besprechen«,
sagte Pawel.
»Worum handelt es sich?« fragte Zwetajew dumpf.
Pawel fasste ihn unter und ging einige Schritte mit ihm. Vor einer Bank
machte er halt.
»Setzen wir uns ein wenig«, sagte Pawel und nahm als erster Platz.
Zwetajews Zigarette glühte einige Mal auf und erlosch wieder.
»Sag mal, Zwetajew, was hast du eigentlich gegen mich?«
Es folgten einige Minuten Schweigen.
»Ach, darüber willst du reden, und ich dachte, du willst mit mir über
die Arbeit sprechen!« sagte Zwetajew etwas unruhig, mit gekünsteltem
Erstaunen in der Stimme.
Pawel legte Zwetajew fest die Hand aufs Knie.
»Lass doch diesen Ton, Dimka. So spielen sich doch nur Diplomaten auf.
Sag mir ganz offen, was hab ich dir getan?« Zwetajew rückte nervös
hin und her.
»Was willst du eigentlich von mir? Was soll ich gegen dich haben! Ich
habe dir ja selbst vorgeschlagen mitzuarbeiten. Du hast das abgelehnt,
und jetzt sieht es so aus, als hätte ich dich verdrängen wollen.«
Pawel spürte in Zwetajews Stimme Unaufrichtigkeit, und ohne seine Hand
vom Knie des anderen zu nehmen, sagte er erregt:
»Du willst mir nicht antworten - dann werde ich es für dich tun. Du
glaubst, dass ich dir im Wege bin, glaubst, ich träumte davon,
Komsomolsekretär zu werden. Würde das nicht zutreffen, dann wären
diese Streitereien wegen Kostja nicht gewesen. Aber solches Misstrauen
hemmt doch die ganze Arbeit. Würde das nur uns beide betreffen, dann wäre
es ja nicht wichtig, soll jeder von uns denken, was er will. Wir werden
aber schon morgen gemeinsam arbeiten müssen. Wie soll das aussehen?
Also, hör zu. Hier gibt's nichts zu streiten. Beide sind wir
Arbeiterjungen. Wenn dir unsere Sache über alles geht, so gibst du mir
jetzt deine Hand, und ab morgen arbeiten wir kameradschaftlich
miteinander. Wenn du dir jedoch diesen ganzen Mist nicht sofort aus dem
Kopf schlägst und herumstänkerst, dann werden wir wegen jeder
Schwierigkeit, die sich daraus ergibt, hart aneinander rennen. Hier hast
du meine Hand, schlag ein, solange sie noch die Hand eines Freundes ist.«
Mit großer Genugtuung spürte Kortschagin die knochigen Finger
Zwetajews in seiner Hand.
Eine
Woche war vergangen. Im Bezirks-Parteikomitee ging der Arbeitstag zur
Neige. In den Zimmern war es still geworden. Aber Tokarew war noch immer
bei der Arbeit. Der Alte saß in seinem Sessel und las aufmerksam die
neu eingelaufenen Schriftstücke. Da klopfte es an die Tür.
»Herein!« rief Tokarew,
Kortschagin betrat das Zimmer und legte dem Sekretär zwei ausgefüllte
Fragebogen hin.
»Was ist das?«
»Das ist das Ende meiner Verantwortungslosigkeit, Väterchen. Ich
denke, es wird schon Zeit. Wenn du der gleichen Ansicht bist, bitte ich
um deine Unterstützung.« Tokarew warf einen Blick auf die Überschrift
und musterte Pawel einige Sekunden lang. Dann nahm er schweigend die
Feder zur Hand, und in die Rubrik, in der nach dem Parteialter des Befürwortenden
gefragt wird, schrieb er das Jahr 1903 und setzte daneben mit fester
Hand seine Unterschrift, durch die er Pawel Andrejewitsch Kortschagin
als Kandidaten der KPR(B) empfahl.
»Hier nimm, mein Sohn. Ich hoffe, du wirst meinen grauen Haaren niemals
Schande machen.«
Im
Zimmer war es drückend schwül, und alle hatten nur den einen Wunsch:
schnell wegzukommen, hinaus in die Kastanienalleen beim Bahnhof.
»Mach Schluss, Pawka, ich halt's nicht mehr aus«, flehte der schweißtriefende
Zwetajew. Katja und die anderen unterstützten ihn.
Kortschagin schlug das Buch zu. Der Zirkel hatte seine Arbeit beendet.
Während sich alle gleichzeitig von ihren Plätzen erhoben, surrte der
altersschwache Telefonapparat »Erikson« an der Wand. Zwetajew nahm den
Hörer ab und führte das Gespräch, bemüht, den Lärm im Zimmer zu überschreien.
Dann hängte er den Hörer auf und wandte sich an Kortschagin.
»Auf dem Bahnhof stehen zwei Waggons des polnischen Konsulats. Dort
funktioniert das Licht nicht. Der Zug soll in einer Stunde abfahren, die
Leitung muss repariert werden. Nimm also deinen Handwerkskasten, Pawel,
und geh hin. Die Sache ist dringend.«
Zwei blitzblanke Pullmanwagen standen gleich am ersten Bahnsteig. Der
Salonwagen mit den breiten Fenstern war hell erleuchtet. Aber im
Nachbarwagen herrschte Dunkelheit.
Pawel trat an den Wagen heran und wollte gerade aufsteigen, als sich von
der Wand des Stationsgebäudes rasch eine Gestalt löste und ihn an der
Schulter packte.
»Wohin, Bürger?«
Pawel kannte diese Stimme.
Er blickte sich um und sah eine Lederjacke, ein breites Mützenschild,
eine dünne Nase mit einem kleinen Höcker und einen wachsamen,
misstrauischen Blick: Artjuchin. Der erkannte ihn ebenfalls.
Er nahm die Hand von Pawels Schulter, sein Gesichtsausdruck verlor das
Amtliche, aber sein Blick blieb fragend am Handwerkskasten haften.
»Wohin willst du?«
Pawel gab kurz Bescheid. Hinter dem Waggon tauchte eine andere Gestalt
auf.
»Ich werde sofort den Zugbegleiter rufen.«
Im Salonwagen, den Kortschagin hinter dem Schaffner bestieg, befanden
sich einige Passagiere in eleganten Reisekostümen. Am Tisch, den ein
seidenes Tischtuch mit einem Rosenmuster bedeckte, saß, den Rücken zur
Tür gekehrt, eine Frau. Sie unterhielt sich mit einem ihr gegenüberstehenden
hochgewachsenen Offizier. Kaum hatte sie jedoch den Monteur bemerkt,
verstummte das Gespräch.
Kortschagin, der die von der letzten Lampe in den Durchgang führenden
Leitungsdrähte rasch untersucht und sie in Ordnung gefunden hatte,
verließ den Salonwagen und forschte weiter nach der schadhaften Stelle.
Ihm folgte unablässig der behäbige, stiernackige Zugbegleiter in einer
Uniform mit einer Menge großer Messingknöpfe, auf denen ein einköpfiger
Adler prangte.
»Hier ist alles in Ordnung, der Akkumulator arbeitet. Der Schaden muss
im zweiten Wagen liegen.«
Der Zugbegleiter drehte in der Tür den Schlüssel um, und sie betraten
den dunklen Korridor. Pawel suchte die Leitung mit seiner Taschenlampe
ab und entdeckte sogleich die Stelle, wo der Kurzschluss entstanden war.
Nach wenigen Minuten leuchtete die erste Lampe im Durchgang auf und
erhellte ihn mit ihrem matten Licht.
»Im Coupe müssen die Lampen ausgewechselt werden. Sie sind
durchgebrannt«, sagte Kortschagin zu seinem Begleiter.
»Dann muss ich die gnädige Frau rufen. Sie hat den Schlüssel.« Und
der Schaffner, der Kortschagin nicht allein lassen wollte, nahm ihn mit
sich.
Die Frau betrat als erste das Coupe. Ihr folgte Kortschagin. Der
Zugbegleiter blieb in der Tür stehen, die er mit seiner massiven
Gestalt ganz einnahm. Pawel bemerkte zwei elegante Lederkoffer in den
Gepäcknetzen, einen nachlässig auf das Polster geworfenen seidenen
Mantel, ein Fläschchen Parfüm und eine winzige Puderdose aus Malachit
auf dem Tisch. Die Frau setzte sich in die Ecke des Diwans, strich ihr
flachsblondes Haar zurecht und beobachtete den Monteur bei seiner
Arbeit.
»Gestatten gnädige Frau, dass ich das Coupe einen Augenblick verlasse,
der Herr Major wünscht kaltes Bier«, sagte der Schaffner devot und
beugte mühsam seinen Stiernacken vor.
»Sie können gehen«, erwiderte die Angeredete.
Das Gespräch wurde in polnischer Sprache geführt. Aus dem Gang fiel
ein Lichtstreifen auf die Schulter der Frau. Das elegante, von
erstklassigen Pariser Schneidern angefertigte Kleid aus feiner Lyoner
Seide ließ Schultern und Arme frei. In dem kleinen Ohr wippte
aufblitzend und funkelnd ein tropfenförmiger Brillant. Kortschagin sah
nur die wie aus Elfenbein geschnitzten Schultern und Arme der Frau. Das
Gesicht war in Schatten getaucht. Flink arbeitete Pawel mit dem
Schraubenzieher und wechselte an der Decke die Fassung aus. Nach einer
Minute erleuchtete helles Licht das Coupe. Es blieb nur noch die zweite
Lampe über dem Diwan, auf dem die Frau saß, zu überprüfen.
»Ich muss auch noch diese Lampe nachsehen«, sagte Kortschagin und
blieb vor ihr stehen.
»Ach ja, ich störe Sie hier«, erwiderte die Dame in reinstem
Russisch. Sie erhob sich behänd vom Diwan und stand direkt neben Pawel.
Jetzt konnte er auch ihr Gesicht sehen. Die schnurgeraden Augenbrauen
und hochmütig zusammengepressten Lippen kamen ihm bekannt vor. Jeder
Zweifel war ausgeschlossen. Vor ihm stand Nelly Leszczynska. Die Tochter
des Advokaten musste seinen verwunderten Blick bemerkt haben. Doch wenn
Kortschagin sie auch erkannt hatte, Nelly Leszczynska merkte nicht, dass
der Monteur ihr ehemaliger unruhiger Nachbar war.
Als Antwort auf seine erstaunten Blicke zog sie die Augenbrauen lässig
zusammen, begab sich zur Coupetür und blieb dort stehen.
Pawel prüfte die andere Lampe. Nachdem er sie losgeschraubt hatte,
hielt er sie gegen das Licht und fragte plötzlich, unerwartet für sich
selbst, noch mehr aber für Nelly Leszczynska, in polnischer Sprache:
»Ist Viktor auch hier?«
Bei dieser Frage wandte sich Kortschagin nicht um. Er konnte Nellys
Gesicht nicht sehen, aber ihr langes Schweigen zeugte von ihrer
Verlegenheit.
»Kennen Sie ihn denn?«
»Sehr gut sogar. Wir waren doch Nachbarn.« Pawel blickte sie an.
»Ach, Sie sind ja Pawel, der Sohn der …«, Nelly hielt inne.
»… Köchin«, half ihr Kortschagin aus.
»Wie groß Sie geworden sind! Ich kann mich noch daran erinnern, was für
ein wilder Junge Sie waren.«
Nelly musterte ihn unverhohlen vom Kopf bis zu den Füßen.
»Aber weshalb interessiert Sie Viktor? Soweit ich mich entsinne,
standet ihr gar nicht so gut miteinander«, sagte Nelly mit singender
Sopranstimme, in der Hoffnung, sich durch diese unerwartete Begegnung
ein wenig zu zerstreuen.
Der Schraubenzieher drehte flink eine Schraube in die Wand.
»Mit Viktor habe ich noch eine Rechnung zu begleichen. Sollten Sie ihn
sehen, sagen Sie ihm, dass ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben habe,
mit ihm abzurechnen.«
»Sagen Sie mir doch, wie viel er Ihnen schuldig ist, ich kann Ihnen
gleich alles bezahlen.«
Sie wusste genau, welche »Abrechnung« Kortschagin meinte. Die
Geschichte mit den Petljura-Leuten war ihr bekannt. Es reizte sie
jedoch, sich über diesen »Plebejer« lustig zu machen. Kortschagin würdigte
sie keiner Antwort.
»Sagen Sie, stimmt es, dass unser Haus ausgeraubt und zerstört worden
ist? Die Laube und die Blumenbeete hat man doch sicher verwüstet?«
erkundigte sich Nelly traurig.
»Das Haus gehört jetzt uns und nicht euch, und wir haben gar kein
Interesse daran, es zu zerstören.« Nelly lächelte höhnisch.
»Oho, Sie hat man also auch erzogen! Aber ganz nebenbei, das hier ist
der Wagen der polnischen Gesandtschaft, und in diesem Coupe bin ich die
Herrin, Sie aber sind das geblieben, was Sie waren, ein Sklave. Sie
arbeiten auch heute noch, damit ich Licht habe, damit ich hier auf
diesem Diwan bequem lesen kann. Früher hat Ihre Mutter für uns Wäsche
gewaschen, und Sie haben Wasser getragen. Jetzt treffen wir uns in der
gleichen Lage wieder.«
Sie sprach mit triumphierender Schadenfreude. Pawel, der damit beschäftigt
war, das Ende des Drahtes mit einem Messer zu spitzen, betrachtete die
Polin mit unverhohlenem Spott.
»Ich hätte für Sie persönlich, Bürgerin, auch nicht einen rostigen
Nagel in die Wand geschlagen. Da aber die Bourgeoisie die Diplomaten
ausgedacht hat, halten wir uns an die Regeln und schlagen ihnen nicht
den Kopf ab, nicht einmal Grobheiten sagen wir ihnen, wie Sie es
beispielsweise jetzt tun.«
Nelly wurde puterrot.
»Was hätten Sie mit mir angefangen, wenn es Ihnen gelungen wäre,
Warschau einzunehmen? Hätten Sie mich auch zu Frikadellen verarbeitet
oder zur Konkubine genommen?«
Sie stand in der Tür, graziös vorgeneigt, mit sinnlich bebenden
Nasenflügeln. Man sah ihr an, dass der Kokaingenuss ihr nicht fremd
war. Die Lampe über dem Diwan gab endlich Licht. Pawel richtete sich
auf.
»Wer braucht Sie denn? Auch ohne unsere Säbel werden Sie schließlich
an Kokain krepieren. An so einer wie dir würde ich mich nicht einmal
vergreifen.«
Den Kasten in der Hand, machte er zwei Schritte zur Tür. Nelly wich zur
Seite, und erst am Ende des Korridors hörte er ihre gepresste Stimme:
»Verfluchter Bolschewik!«
Am
Abend des nächsten Tages, als sich Kortschagin auf dem Weg zur
Bibliothek befand, begegnete er auf der Straße Katja Seljonowa. Sie
hielt ihn am Ärmel fest und vertrat ihm scherzhaft den Weg.
»Wohin rennst du denn, Agitpropmann?«
»In die Bibliothek, Tantchen, gib mir den Weg frei«, erwiderte
Kortschagin in gleichem Ton, nahm Katja behutsam an den Schultern und
schob sie vorsichtig etwas zur Seite.
Katja machte sich los und schritt neben Pawel her.
»Hör mal, Pawluscha! Man muss ja nicht ununterbrochen studieren …
Weißt du was? Komm mit mir jetzt zu Sina Gladysch, dort wird heute eine
große Gesellschaft sein. Die Mädels haben mich schon lange darum
gebeten, dich einzuladen. Du hast nichts als Politik im Kopf. Hast du
denn wirklich gar kein Bedürfnis nach Zerstreuung? Einmal etwas
ausspannen? Lass heute mal das Lesen sein, davon wird dein Kopf nur
freier werden«, überredete ihn Katja hartnäckig.
»Was für eine Gesellschaft ist das? Was wird dort los sein?«
Katja äffte ihn spöttisch nach:
»Was dort los sein wird! Natürlich wird dort nicht gebetet, man amüsiert
sich - das ist alles. Du kannst doch Harmonika spielen? Und ich habe
dich noch nicht ein einziges Mal gehört. Nun, tu mir schon den
Gefallen. Sinas Onkel hat eine Ziehharmonika, aber er spielt schlecht.
Die Mädels interessieren sich für dich, und du vergräbst dich hinter
den Büchern. Wo steht es geschrieben, dass sich Komsomolzen nicht auch
mal amüsieren dürfen? Los. Gehen wir, solange ich es noch nicht satt
habe, dich zu überreden, oder wir werden uns
für mindestens einen Monat verkrachen.«
Die Anstreicherin Katja mit den großen Augen war ein guter Kamerad und
keine schlechte Komsomolzin. Kortschagin wollte das Mädchen nicht kränken
und willigte ein, obwohl ihm das alles ungewöhnlich und etwas seltsam
vorkam.
In der Wohnung des Lokomotivführers Gladysch ging es laut und lebhaft
her. Die Erwachsenen waren, um das junge Volk nicht zu stören, ins
Nebenzimmer gegangen. Im ersten großen Raum und auf der angrenzenden
Veranda, die in einen kleinen Garten führte, waren etwa fünfzehn
Burschen und Mädchen beisammen. Als Katja und Pawel durch den Garten
auf die Veranda kamen, wurde dort gerade »Füttert die Täubchen«
gespielt. Das ging so vor sich: Mitten auf der Veranda standen zwei mit
den Lehnen gegeneinander gestellte Stühle, auf denen nach Aufforderung
der Gastgeberin, die das Spiel leitete, ein Junge und ein Mädchen Platz
nahmen. Die Gastgeberin rief:
»Füttert die Täubchen!«, und die beiden drehten sich um, so dass
sich ihre Lippen trafen, und sie mussten sich dann in aller Öffentlichkeit
küssen. Dann kamen andere Spiele an die Reihe, das »Ringspiel«, der
»Briefträger«, und alle waren unbedingt mit Küssen verbunden. Beim
»Briefträger« aber ging die Knutscherei nicht in aller Öffentlichkeit
vor sich, sondern wurde von der hellerleuchteten Veranda ins Zimmer
verlegt, wo dann jedes Mal das Licht ausgemacht wurde. Für diejenigen,
denen diese Spiele nicht gefielen, lag auf einem kleinen runden Tisch in
der Ecke ein Kartenspiel, »Blumenflirt«, bereit. Pawels Nachbarin, ein
Mädchen von sechzehn Jahren, sah ihn mit ihren blauen Augen kokett an,
reichte ihm eine Karte hin und sagte leise:
»Veilchen.«
Vor einigen Jahren war Pawel auf solchen Gesellschaften gewesen, und
wenn er sich auch nicht unmittelbar daran beteiligt hatte, betrachtete
er sie doch als eine normale Erscheinung. Jetzt aber, wo er sich von dem
spießbürgerlichen Leben der Kleinstadt für immer losgesagt hatte, kam
ihm diese Gesellschaft irgendwie abstoßend und lächerlich vor.
Wie dem aber auch war, er hielt eine Karte des »Blumenflirts« in der
Hand.
Dem »Veilchen« gegenüber standen die Worte:
»Sie gefallen mir sehr.«
Pawel blickte das Mädchen an. Gänzlich ungeniert begegnete sie seinem
Blick.
»Warum?«
Die Frage kam ungeschickt heraus. Aber das Mädchen hatte sich die
Antwort schon vorher ausgedacht.
»Rose.« Sie hielt ihm die zweite Karte hin.
Auf dieser Karte, der »Rose«gegenüber, las er:
»Sie sind mein Ideal.« Kortschagin sah das Mädchen an und fragte, bemüht,
nicht grob zu sein:
»Wozu gibst du dich mit solchem Unsinn ab?«
Das Mädchen wurde verwirrt und verlegen.
»Ist Ihnen etwa mein Geständnis unangenehm?« Sie verzog schmollend
ihr Mündchen.
Kortschagin ließ ihre Frage unbeantwortet. Es interessierte ihn jedoch,
mit wem er es zu tun hatte, und er stellte Fragen, auf die das Mädchen
bereitwillig Antwort gab. Bald war er im Bilde, dass sie eine
Mittelschule besuchte, dass ihr Vater Kontrolleur im Eisenbahndepot sei,
dass sie Pawel schon seit langem vom Sehen kannte und ihn schon immer
gern hatte näher kennen lernen wollen.
»Wie heißt du denn?« erkundigte sich Kortschagin.
»Mura Wolynzewa.«
»Dein Bruder ist Zellensekretär im Depot?«
»Ja.«
Jetzt wusste Kortschagin Bescheid. Wolynzew, einer der aktivsten
Komsomolzen des Bezirks, kümmerte sich anscheinend überhaupt nicht um
seine Schwester, und so wuchs sie denn als eine kleine Spießbürgerin
heran. Im letzten Jahr hatte sie angefangen auf derartige Gesellschaften
zu gehen, wie sie
ihre Freundinnen ab und zu veranstalteten. Immer und überall diese
ewige Küsserei. Sie hatte Kortschagin einige Male bei ihrem Bruder
gesehen.
Mura war es klar, dass Pawel ihr Benehmen nicht gefiel, und als man sie
aufforderte, »die Täubchen zu füttern«, weigerte sie sich, da sie
einen schiefen Blick Kortschagins auffing, entschieden. So saßen sie
noch einige Minuten beisammen, und Mura erzählte von sich. Katja
Seljonowa kam auf sie zu.
»Soll ich dir die Ziehharmonika bringen? Wirst du spielen?« Und
schelmisch mit den Augen zwinkernd, blickte sie Mura an:
»Nun, habt ihr Bekanntschaft miteinander geschlossen?«
Pawel zog Katja auf den neben ihm stehenden Stuhl. Er nahm die
Gelegenheit wahr, dass um sie herum gelacht und geschrieen wurde, und
antwortete:
»Spielen werde ich nicht, Mura und ich gehen sofort weg.«
»Oho! Ihr habt es hier also schon satt«, sagte Katja vieldeutig.
»Ja, wir haben es satt. Aber sag mir bloß, sind außer uns beiden noch
mehr Komsomolzen hier? Oder haben nur wir uns in diesen Taubenschlag
verirrt?«
Besänftigend meinte Katja:
»Die Blödelei ist schon zu Ende, jetzt wird gleich getanzt.«
Kortschagin stand auf.
»Tanze meinetwegen, Katjuscha, aber Mura und ich, wir gehen trotzdem
weg.«
Einmal abends schaute Anna Borchardt zu Okunew herein. Kortschagin war
allein.
»Bist du heute sehr beschäftigt, Pawel? Willst du nicht mit mir zur
Vollversammlung des Stadtsowjets gehen? Zu zweit ist's angenehmer, und
die Versammlung wird sicher spät aus sein.«
Kortschagin machte sich rasch fertig. Über dem Bett hing seine
Mauserpistole, aber sie war zu schwer. Er holte aus der Lade Okunews
Browning hervor und steckte ihn ein. Dann schrieb er einige Zeilen an
Okunew und versteckte den Schlüssel an der vereinbarten Stelle.
Im Theater trafen sie Pankratow und Olga. Sie saßen alle beisammen und
gingen in den Pausen auf dem Platz vor dem Theater auf und ab. Die
Sitzung zog sich, wie es Anna vorausgesagt hatte, bis spät in die Nacht
hin.
»Willst du nicht vielleicht zu mir schlafen kommen? Es ist schon spät,
und der Weg ist weit«, schlug Olga vor.
»Nein, danke, Pawel und ich haben verabredet, gemeinsam nach Hause zu
gehen«, antwortete Anna.
Pankratow und Olga schritten die Hauptstraße hinunter, und die beiden
aus Solomenka begaben sich auf den Heimweg.
Es war eine finstere und schwüle Nacht. Die Stadt lag in tiefem Schlaf.
Die Teilnehmer der Plenartagung strebten durch die stillen Straßen in
verschiedenen Richtungen auseinander. Ihre Schritte und Stimmen
verhallten allmählich in der Ferne. Pawel und Anna entfernten sich
rasch vom Stadtzentrum. Auf dem leeren Marktplatz wurden sie von einer
Patrouille angehalten, die ihre Dokumente prüfte und die beiden dann
weitergehen ließ. Sie überquerten den Boulevard und gelangten auf eine
unbeleuchtete, einsame Straße, die über ein freies Gelände führte.
Sie bogen links auf die Chaussee ab und kamen an den Eisenbahnlagern vorüber.
Es waren langgestrecke Betonbauten, die düster und grimmig
dreinschauten. Anna wurde unwillkürlich unruhig. Forschend blickte sie
ins Dunkel und gab Kortschagin nur kurze und zerstreute Antworten. Als
sich dann ein verdächtiger Schatten als Telegrafenpfahl entpuppte,
lachte Anna auf und gestand Kortschagin, wie ihr zumute war. Sie fasste
ihn unter, schmiegte sich an ihn und wurde so allmählich ruhiger.
»Ich bin erst zweiundzwanzig Jahre alt, aber nervös wie ein altes Mütterchen.
Du kannst mich für feige halten. Das stimmt aber nicht. Heute sind
meine Nerven irgendwie besonders überspannt. Jetzt, da ich fühle, dass
du neben mir gehst, schwindet meine Unruhe, und ich schäme mich, dass
ich ein Hasenfuß bin.«
Pawels Ruhe, das Aufglimmen seiner Zigarette, die ab und zu für einen
kurzen Augenblick sein Gesicht, die kühn geschwungenen Brauen
beleuchtete, verscheuchten die Furcht, die die nächtliche Finsternis,
die Verlassenheit der Gegend und der im Theater gehörte Bericht über
einen grauenhaften Mord, der in der vergangenen Nacht im Stadtteil Podol
verübt worden war, wachgerufen hatten.
Sie hatten die Lager bereits hinter sich und passierten die Brücke über
dem Flüsschen, gingen dann die Bahnhofschaussee entlang auf den Tunnel
zu, der Verbindung dieses Stadtteils mit dem Eisenbahnbezirk.
Den Bahnhof hatten sie weit abseits, rechts liegenlassen. Der Tunnel führte
in ein schmales Gässchen hinter dem Depot. Dort waren sie schon fast zu
Haus. Oben an den Eisenbahnlinien glitzerten die Lichter an den Weichen
und Signalen, und beim Depot hörte man das Schnaufen einer Lokomotive.
Ü ber dem Tunneleingang hing an einem rostigen Haken eine Laterne. Der
Wind schaukelte sie kaum merklich hin und her, und ihr trübgelbes Licht
glitt die Tunnelwände entlang.
Etwa zehn Schritt vom Tunnel entfernt stand dicht an der Chaussee ein
einsames Häuschen. Vor zwei Jahren war da ein schweres Geschoß
eingeschlagen und hatte im Innern des Häuschens das Unterste zuoberst
gekehrt, seine Fassade in eine Ruine verwandelt, die jetzt als riesiges
Loch gähnte und gleich einem Bettler am Straßenrand ihre Armseligkeit
preisgab.
Auf dem Damm fuhr ein Zug vorüber.
»Nun sind wir schon fast zu Hause.« Anna seufzte erleichtert.
Pawel versuchte seinen Arm unauffällig frei zu machen. Aber Anna ließ
nicht los. Sie hatten soeben das zerstörte Häuschen hinter sich, da stürzte
plötzlich etwas hinter ihnen herunter. Sie vernahmen hastige Schritte,
ein Keuchen; sie wurden eingeholt.
Kortschagin wollte seinen Arm losreißen, doch Anna presste ihn angsterfüllt
nur noch fester. Als sich Pawel dann doch mit Gewalt befreite, war es
schon zu spät, eiserne Finger krallten sich in seinen Nacken. Ein Ruck
- und Pawels Gesicht wurde dem Angreifenden zugekehrt. Die Hand packte
ihn an der Kehle und drehte dabei den Kragen seiner Feldbluse wie einen
Strick zusammen. Pawel erblickte eine Pistole vor sich, deren Lauf
langsam einen Bogen in der Luft beschrieb und auf ihn gerichtet war.
Mit übermenschlicher Gespanntheit verfolgten seine Augen die Bewegung.
Es war der Tod, der ihm in Gestalt der dunklen Mündung ins Angesicht
schaute, und Kortschagin brachte nicht die Kraft auf, sein Wille reichte
nicht aus, für den hundertsten Teil einer Sekunde den Blick von dieser
Mündung abzuwenden. Er erwartete den Tod. Aber der Schuss erfolgte
nicht, und Pawels weitgeöffnete Augen sahen das Gesicht des Banditen:
einen mächtigen Schädel, einen riesigen Unterkiefer, einen schwarzen,
seit langem nicht geschorenen Bart. Die Augen aber blieben im Dunkeln;
sie waren von dem breiten Schirm der Sportmütze verdeckt.
Einen Augenblick lang erblickte Kortschagin das kreidebleiche Gesicht
Annas, sah, wie das Mädchen von einem der Banditen zu der Hausruine
gezerrt wurde. Dort warf er sie nieder und verdrehte ihr dabei die Arme.
Noch eine Gestalt flitzte vorbei, die Kortschagin nur als Schatten an
der Wand wahrnehmen konnte.
Hinten bei den Ruinen des Hauses fand ein Kampf statt. Anna wehrte sich
erbittert, ihr unterdrückter Hilferuf wurde durch eine Mütze erstickt,
die ihr den Mund verschloss. Den Kerl, in dessen Händen sich Pawel
befand, zog es wie ein wildes Tier zur Beute. Er wollte doch nicht nur
als teilnahmsloser Zeuge bei einer Vergewaltigung dabeistehen. Er war
allem Anschein nach der Anführer, und eine derartige Rollenverteilung
gefiel ihm ganz und gar nicht. Der Bursche, den er da vor sich hatte,
war noch ein richtiger Grünschnabel, allem Anschein nach so ein
Jammerlappen aus dem Depot. Er war ihnen bestimmt in keiner Weise gefährlich.
Wenn man dem zwei-, dreimal ordentlich mit der Pistole über die
Schnauze fährt und dann in Richtung auf das freie Gelände weist, wird
er sicher wie ein
geölter Blitz davonsausen und sich bis zur Stadt kein einziges Mal
umschauen. Und so ließ er Pawel los.
»Mach, dass du wegkommst …, aber 'n bisschen Volldampf! Und wenn du
nur einen Laut von dir gibst, so kriegst du eine ins Genick!« Der Kerl
mit dem mächtigen Schädel stieß Kortschagin den Lauf der Pistole
gegen die Stirn.
»Los!« presste er heiser hervor und ließ die Waffe sinken, damit der
Bursche nicht befürchte, dass er ihm in den Rücken schießen könnte.
Kortschagin stürzte zurück. Die ersten paar Schritte lief er seitwärts,
ohne den Banditen aus den Augen zu lassen.
Der begriff, dass der Junge immer noch eine Kugel erwartete, und eilte
dem Hause zu.
Kortschagins Hand griff nach der Tasche. Jetzt nur nicht verpassen, nur
nicht verpassen. Er wandte sich jäh um, streckte die linke Hand aus,
zielte und drückte ab. Das alles war das Werk einer Sekunde.
Der Bandit hatte seinen Fehler zu spät bemerkt. Bevor er noch anlegen
konnte, hatte ihn schon eine Kugel in die Seite getroffen.
Der Stoß schleuderte ihn gegen die Tunnelwand, und er sank mit dumpfem
Stöhnen langsam zu Boden, während er versuchte, sich an die Wand zu
klammern. Aus der Hausruine glitt ein Schatten den steilen Abhang
hinunter. Kortschagin jagte ihm eine Kugel nach. Ein zweiter Schatten
floh geduckt in die Finsternis des Tunnels. Wieder ein Schuss. Der
Schatten sprang zur Seite und verschwand im Dunkel. Drei Browningschüsse
durchbrachen die nächtliche Stille.
Anna, von dem Schrecken des Vorgefallenen aufs tiefste erschüttert,
blickte, als Pawel ihr aufstehen half, auf den Banditen, der sich an der
Mauer wie ein Wurm in den letzten Zügen wand, und konnte an ihre
Rettung kaum glauben.
Kortschagin zog sie gewaltsam in die Dunkelheit, heraus aus dem
Lichtkreis. Dann rannten sie zurück in die Stadt, auf den Bahnhof zu.
Über dem Tunnel, auf dem Bahndamm, sah man bereits Laternen leuchten,
und auf dem Gleis knallte dumpf ein Alarmschuss.
Als
sie endlich Annas Wohnung erreicht hatten, krähten irgendwo auf
Batyjewa Gora schon die Hähne. Anna legte sich ein wenig hin.
Kortschagin nahm am Tisch Platz. Er rauchte, und sein Blick folgte
aufmerksam der aufsteigenden grauen Rauchwolke .….
Jetzt hatte er zum vierten Mal in seinem Leben einen Menschen getötet.
Existierte denn überhaupt auf der Welt Tapferkeit im reinsten Sinne des
Wortes? Pawel rief sich all seine Eindrücke und Empfindungen ins Gedächtnis
zurück und musste eingestehen, dass das schwarze Auge der Pistolenmündung
sein Herz in den ersten Sekunden hatte erstarren lassen. Und durften
sich denn die zwei Schatten so straflos aus dem Staub machen, nur weil
er auf einem Auge erblindet war und linkshändig schießen musste? Nein.
Er hätte aus einer so geringen Entfernung auch besser schießen können,
aber jene Gespanntheit und Hast, zweifellos Anzeichen seiner Verwirrung,
hatten ihn daran gehindert.
Das Licht der Taschenlampe beleuchtete seinen Kopf. Anna beobachtete
ihn, sie verfolgte jede Bewegung seiner Gesichtsmuskeln. Seine Augen
blickten ruhig, und von den ihn quälenden Gedanken zeugte einzig eine
Furche auf der Stirn.
»Worüber denkst du nach, Pawel?«
Seine Gedanken verflogen, durch die Frage aufgescheucht, gleich der
Rauchwolke hinter die Grenzen des Lichtkreises, und er sagte das erste,
was ihm in den Sinn kam: »Ich gehe jetzt sofort zur Kommandantur. Man
muss sie von allem in Kenntnis setzen.«
Und schwerfällig, seine Müdigkeit bekämpfend, stand er auf und
reichte Anna die Hand.
Anna ließ die Hand nicht gleich los, sie wollte nicht allein bleiben.
Sie brachte ihn bis zur Tür und schloss sie erst, als Pawel, der ihr
jetzt plötzlich so teuer geworden war, in der Dunkelheit verschwunden
war.
Kortschagins Erscheinen in der Kommandantur klärte die Sache mit dem
Mord auf, der für die Eisenbahnwache ganz unverständlich war. Die
Leiche hatte man sofort identifiziert; es war ein den Kriminalbehörden
zur Genüge bekannter, immer wieder rückfälliger Einbrecher und Mörder,
der Totenschädel-Fimka.
Der Vorfall am Tunnel wurde tags darauf Stadtgespräch und führte zu
einem unerwarteten Zusammenstoß zwischen Pawel und Zwetajew.
Während der Arbeit erschien Zwetajew in der Werkabteilung und rief
Pawel beiseite. Er ging mit ihm in den Korridor, blieb dort in einer
dunklen Ecke stehen und stieß endlich - denn er wusste nicht, wie
anfangen - hervor:
»Erzähl bitte, was gestern passiert ist.«
»Du bist doch im Bilde.«
Zwetajew zuckte nervös mit den Schultern. Der Monteur ahnte nicht, dass
der Vorfall am Tunnel Zwetajew schmerzlicher als die anderen berührt
hatte; er ahnte nicht, dass dieser Schmied, trotz seiner äußerlichen
Gleichgültigkeit, für Anna Borchardt etwas übrig hatte. Nicht nur
Zwetajew war Anna sympathisch, aber bei ihm war die Sache viel
komplizierter.
Die Begebenheit am Tunnel, von der ihm eben Talja Lagutina erzählt
hatte, ließ eine qualvolle Unruhe in ihm zurück. Er konnte dem Monteur
die Frage nicht so offen stellen, wollte aber trotzdem eine Antwort
darauf haben. Irgendwo im tiefsten Innern war ihm klar, wie egoistisch
und kleinlich seine Besorgnis war, aber in dem Kampf der
verschiedenartigen Empfindungen trug ein primitives und geradezu
tierisches Gefühl den Sieg davon.
»Hör doch, Kortschagin«, sprach er gedämpft, »dieses Gespräch
bleibt streng unter uns. Ich verstehe, dass du über die Geschichte
nichts erzählen willst, Annas wegen. Aber mir kannst du vertrauen. Sag
doch, haben die anderen Kerle, als der Bandit dich festhielt, inzwischen
Anna vergewaltigt?« Bei den letzten Worten wandte sich Zwetajew unwillkürlich
ab.
Kortschagin gingen allmählich die Augen auf. Wäre Anna dem Zwetajew
gleichgültig, dann würde er sich nicht so aufregen, aber wenn er sie
lieb hat, dann … Pawel fühlte sich für Anna verletzt.
»Warum willst du das wissen?«
Zwetajew murmelte einige abgerissene Worte, fühlte aber, dass er
durchschaut worden war, und das machte ihn plötzlich böse.
»Weshalb drückst du dich um eine Antwort herum? Ich frage dich etwas,
und du unterziehst mich da einem Verhör.«
»Liebst du Anna?«
Schweigen. Dann brachte Zwetajew mühsam heraus:
»Ja.«
Kortschagin verbiss nur schwer seine Wut, kehrte ihm den Rücken und
schritt, ohne sich umzublicken, den Korridor entlang.
Eines
Abends stand Qkunew vor dem Bett des Freundes und trat verlegen von
einem Fuß auf den anderen. Schließlich setzte er sich auf den Bettrand
und legte die Hand auf Pawels aufgeschlagenes Buch.
»Weißt du, Pawluscha, ich muss dir was erzählen. Einerseits ist es
zwar eine Lappalie, aber andererseits auch nicht. Zwischen mir und Talja
Lagutina ist das so eine ulkige Geschichte. Zuerst, siehst du, da hat
sie mir gefallen.« Okunew kratzte sich verlegen hinterm Ohr. Als er
jedoch sah, dass der Freund ernst blieb, fasste er Mut:
»Und dann ging es Talja … auch so. Kurz und gut - ich werde dir das
nicht erst alles erzählen -, es liegt ja auf der Hand. Wir haben also
gestern beschlossen, unser Glück zu versuchen und ein gemeinsames Leben
aufzubauen. Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt, beide sind wir
stimmberechtigt. Wir wollen miteinander nach dem Prinzip der
Gleichberechtigung leben. Was hältst du davon?« Kortschagin dachte
nach.
»Was kann ich dir darauf erwidern, Kolja? Ihr beide seid meine Freunde,
gehört beide zu uns. In allem anderen passt ihr auch zueinander. Und
Talja ist ein besonders feines Mädel… Hier ist doch alles klar.«
Am darauf folgenden Tag trug Kortschagin seine Sachen in die
Gemeinschaftswohnung des Depots, und kurze Zeit später fand bei Anna
eine kommunistische Feier ohne Festmahl zu Ehren des Freundschaftsbundes
zwischen Talja und Nikolai statt. Es war ein Abend der Erinnerungen, man
las Abschnitte aus Lieblingsbüchern, sang schöne Lieder im Chor. Weit
hinaus schallten die Kampflieder. Später brachten Katja Seljonowa und
Mura Wolynzewa eine Ziehharmonika, und ein Gemisch aus dunklen und
silberhellen Stimmen erfüllte das Zimmer. Selten hatte Pawka so gut wie
an diesem Abend gespielt. Und als zum Erstaunen aller sogar der lange
Pankratow zu tanzen begann, vergaß der Musikant sich vollständig, und
seine Harmonika brauste feurig auf:
Hört es alle! Hört es alle!
Denikin spuckt Gift und Galle:
Die Tscheka hat ungeniert
Koltschak völlig liquidiert.
Die
Harmonika erzählte von der Vergangenheit - von den heißen Kriegsjahren
und vom Heute -, von Freundschaft, Kampf und Freude. Als Pawel das
Instrument Wolynzew übergeben hatte und der Schlosser die
temperamentvolle Melodie vom »Äpfelchen« erklingen ließ, stürzte
sich niemand anders als Kortschagin in den ungestümen Tanz. Zum dritten
und letzten Mal in seinem Leben tanzte Pawel eine tolle ukrainische
Tschetschotka.
VIERTES
KAPITEL
Die
Grenze - das sind zwei Pfähle. Schweigsam und feindlich stehen sie
einander gegenüber - verkörpern zwei Welten. Der eine Pfahl ist
gehobelt und lackiert, rot und weiß gestrichen wie ein Schilderhaus, am
oberen Ende ist der einköpfige Raubvogel mit starken Nägeln befestigt.
Die Schwingen ausgebreitet, umkrallt der einköpfige Adler mit seinen Fängen
gleichsam den gestreiften Pfahl und blickt feindselig auf das gegenüberliegende
Metallschild; der gebogene Schnabel ist krampfhaft vorgestreckt. Sechs
Schritt von ihm entfernt steht ein anderer Pfosten. Tief in die Erde
eingegraben ist der rund behauene Eichenpfahl, an dem ein gusseisernes
Schild mit Hammer und Sichel befestigt ist. Zwischen den zwei Welten
liegt ein Abgrund, obwohl die Pfähle auf ebener Erde stehen. Diese
sechs Schritt darf keiner ohne Erlaubnis tun, wenn er nicht sein Leben
riskieren will.
Hier ist die Grenze.
Tausende Kilometer weit, vom Schwarzen Meer bis zum Nördlichen Eismeer,
erstreckt sich die reglose Kette dieser stummen Wachposten der
Sowjetischen Sozialistischen Republiken, jeder von ihnen trägt das
Emblem der Arbeit auf dem gusseisernen Schild. Jener Pfahl, an dem der
gefiederte Räuber angenagelt ist, markiert die Grenze des Landes der
polnischen Pans.
Es ist eine gottverlassene Gegend, in der sich dieses kleine Städtchen
Beresdow verbirgt.
Zehn Kilometer davon entfernt, dem polnischen Flecken Korez gegenüber,
verläuft die Grenze. Zwischen Slawuta und Anapol liegt der Bezirk des
N-sker Grenzschutzbataillons.
Ein Grenzpfahl neben dem anderen erhebt sich auf den schneebedeckten
Feldern, die Pfähle dringen durch die Waldschneisen, steigen die Abhänge
hinab, kommen wieder zum Vorschein, ragen auf den Hügeln empor und
blicken, am Fluss angelangt, von den hohen Ufern auf die schneeverwehte
Ebene des fremden Landes hinunter.
Es herrscht strenger Frost. Der Schnee knirscht unter den Filzstiefeln.
Von dem mit Hammer und Sichel beschlagenen Grenzpfahl löst sich eine mächtige
Gestalt mit einem Helm auf dem Kopf. Schweren Schrittes schreitet sie
ihren Abschnitt ab. Der hochgewachsene Rotarmist trägt Filzstiefel und
einen grauen Mantel mit grünen Litzen. Über den Mantel hat er einen
riesigen Schafpelz mit
einem breiten Kragen gehängt. Der Kopf ist warm in den Tuchhelm gehüllt,
die Hände stecken in Fäustlingen aus Schaffell. Der Pelz ist lang, er
reicht bis zu den Fersen, und sogar bei wütendem Schneesturm schützt
er vor Kälte. Über den Pelz geschultert liegt das Gewehr. Der
Rotarmist schreitet, mit dem Pelz den Schnee streifend, seinen Grenzpfad
entlang und zieht voller Behagen den Rauch der selbstgedrehten
Machorkazigarette ein. Auf der Sowjetseite stehen die Wachposten auf
offenem Feld in einer Entfernung von einem Kilometer, damit sie einander
noch mit bloßem Auge erkennen können. Auf polnischer Seite stehen auf
derselben Strecke zwei Posten.
Auf dieser Strecke kommt dem Rotarmisten ein polnischer Soldat auf
seinem Pfad entgegen. Er trägt kurze grobe Soldatenstiefel und eine
graugrüne Uniform, darüber einen schwarzen Mantel mit zwei Reihen glänzender
Knöpfe. Auf dem Kopf hat er eine polnische Mütze mit einem weißen
Adler; auf den Schulterklappen und auf dem Kragen sind ebenfalls Adler,
aber davon wird dem Soldaten nicht wärmer. Der Frost durchdringt ihn
bis auf die Knochen. Er reibt sich die erstarrten Ohren, schlägt im
Gehen die Absätze gegeneinander. Die in grünen Handschuhen steckenden
Hände sind völlig durchfroren. Der polnische Soldat kann nicht eine
Minute stehen bleiben; sofort lässt der Frost seine Gelenke erstarren,
und deshalb geht er die ganze Zeit auf und ab, manchmal sogar im
Laufschritt. Die Posten sind jetzt auf gleicher Höhe angelangt, der
Pole macht kehrt und geht nun in derselben Richtung wie der Rotarmist.
An der Grenze darf nicht gesprochen werden, aber wenn ringsum kein
Lebewesen ist, wenn erst einen Kilometer weiter menschliche Gestalten
sichtbar sind - wer soll da erfahren, ob die beiden ihre Strecke
schweigend abschreiten oder die internationalen Vorschriften verletzen?
Der Pole möchte rauchen, hat aber seine Streichhölzer in der Kaserne
liegenlassen, und wie zum Trotz weht ihm auch noch ein leichter Wind den
verführerischen Machorkageruch herüber. Der Pole hat aufgehört, das
angefrorene Ohr zu reiben, und schaut nach rückwärts. Es kommt vor,
dass sich Reiterpatrouillen unter Führung des Wachtmeisters oder gar
des Herrn Oberleutnants an der Grenze herumtreiben und unerwartet hinter
den Hügeln auftauchen, um die Posten zu inspizieren. Aber ringsum keine
Menschenseele.
Blendendweiß glitzert der Schnee in der Sonne. Am Himmel ist nicht eine
Schneeflocke.
»Genosse, gib mir bitte Feuer«, bricht der Pole als erster die
Heiligkeit des Gesetzes und zieht, während er das französische Gewehr
mit dem aufgepflanzten Bajonett über die Schulter wirft, mit den
erstarrten Händen mühsam ein Päckchen Zigaretten aus der Manteltasche
hervor. Der Rotarmist hört die Bitte des Polen, aber die
Felddienstordnung für den Grenzschutz verbietet den Posten, sich mit
jemandem von jenseits der Grenze zu unterhalten; außerdem hat er auch
nicht ganz verstanden, was der andere wollte, der ja polnisch gesprochen
hatte. Er setzt seinen Weg fort und tritt fest mit den weichen
Filzstiefeln in den knirschenden Schnee.
»Genosse Bolschewik, gib Feuer, schmeiß mir deine Streichholzschachtel
herüber.« Diesmal sagt es der Pole schon russisch.
Der Rotarmist mustert sein Gegenüber. Es scheint, dass der Frost dem »Pan«
bis an die Leber gegangen ist. Er ist zwar ein Bourgeoissoldat, führt
aber ein jämmerliches Leben. In so einem dünnen Mäntelchen hat man
ihn in die Kälte hinausgejagt, und nun hopst er wie ein Hase umher,
lechzt nach einer Zigarette. Und ohne sich umzudrehn, wirft ihm der
Rotarmist eine Streichholzschachtel hinüber. Der Soldat fängt sie im
Flug auf. Erst nachdem er mehrere Streichhölzer zerbrochen hat, gelingt
es ihm schließlich anzurauchen. Die Schachtel wandert den gleichen Weg
über die Grenze zurück, und jetzt verstößt der Rotarmist unerwartet
gegen die Vorschrift:
»Behalt sie, ich habe noch mehr.«
Da schallt es über die Grenze herüber:
»Nein, danke, für diese Schachtel würde man mir zwei Jahre Gefängnis
aufbrummen.«
Der Rotarmist betrachtete die Schachtel. Ein Flugzeug ist darauf
abgebildet. Statt des Propellers ist da eine mächtige Faust, und die
Aufschrift lautet:
»Unsere Antwort.«
Ja, tatsächlich, das passt nicht so recht für die dort. Der polnische
Soldat schreitet noch immer mit ihm in gleicher Richtung. Ihm ist es
langweilig, so allein in dieser verlassenen Gegend zu sein.
Rhythmisch
knarren die Sättel. Der regelmäßige Trab der Pferde wirkt einschläfernd.
Auf der Schnauze des Rappen, um seine Nüstern und auf seiner Mähne
liegt Reif. Der Atem des Tieres steigt als weißer Dampf empor. Graziös
setzt die scheckige Stute des Bataillonskommandeurs die Hufe auf, beugt
den schlanken Hals und spielt mit der Trense. Beide Reiter tragen graue
Feldmäntel mit roten Quadraten auf den Ärmeln und Koppel mit
Schulterriemen. Die Litzen des Bataillonskommandeurs Gawrilow sind grün,
die seines Begleiters hingegen rot. Gawrilow steht im Grenzdienst. Sein
Bataillon hat auf einer Strecke von siebzig Kilometern Grenzposten
aufgestellt, hier ist er der Herr. Sein Begleiter ist ein Gast aus
Beresdow, Kriegskommissar eines Ausbildungsbataillons, Kortschagin.
In der Nacht ist Schnee gefallen. Er liegt da, flaumig und weich, unberührt
von Pferdehufen und Stiefeln. Die Reiter sind aus dem Jungholz
herausgeritten und traben jetzt über das Feld. Vierzig Schritt weiter
ragen abermals zwei Pfähle auf.
Plötzlich zieht Gawrilow die Zügel straff. Kortschagin lenkt den
Rappen zur Seite, um die Ursache der Störung zu erfahren. Gawrilow
beugt sich hinunter und betrachtet aufmerksam die seltsamen Spuren, die
in den Schnee eingedrückt sind. Es sieht aus, als wäre ein Zahnrad über
den Schnee gerollt. Hier ist ein schlaues Tierchen vorbeigefegt, das
seinen Fuß in die Spur des anderen gesetzt und seine Spuren durch
allerhand erfinderische Schnörkel zu verwischen gesucht hat. Es ist
schwer festzustellen, woher die Spur kommt. Aber nicht diese Tierspur
ist es, die den Bataillonskommandeur bewegen hat, seinen Ritt zu
unterbrechen. Zwei Schritt von dieser Fährte entfernt sind andere vom
Schnee verwehte Spuren zu sehen. Hier ist ein Mensch gegangen. Er hat
seine Spuren nicht verwischt, sondern ist direkt auf den Wald
losgesteuert! Und die Spur zeigt deutlich, dass dieser Mensch aus Polen
gekommen ist. Der Bataillonskommandeur gibt seinem Pferd die Sporen, und
die Spur führt ihn zum Grenzposten. Auf polnischer Seite sind zehn
Schritte weit ebenfalls Fußspuren zu sehen.
»In der Nacht hat jemand die Grenze überschritten«, brummt der
Bataillonskommandeur.
»Sie haben das beim dritten Zug wieder verschlafen, und im
Morgenbericht ist nichts gemeldet worden. So eine Bande!« Gawrilows
leicht ergrauter Schnurrbart hängt, vom Reif versilbert, borstig über
die Lippen.
Den Reitern kommen zwei menschliche Gestalten entgegen. Die eine ist
klein, schwarz, der Stahl des französischen Bajonetts funkelt in der
Sonne. Die andere ist riesenhaft groß und trägt einen gelben
Schafspelz. Die Stute spürt die Sporen, ihr Trab wird immer schneller,
und die Reiter nähern sich rasch den zwei Gestalten. Der Rotarmist rückt
seinen Schulterriemen zurecht und spuckt die zu Ende gerauchte Zigarette
in den Schnee.
»Guten Tag, Genosse, wie steht es auf Ihrem Abschnitt?« Und ohne sich
sonderlich zu bücken, da der Rotarmist groß ist, reicht ihm der
Bataillonskommandeur die Hand. Der Riese reißt sich rasch den
Fausthandschuh herunter.
Der Pole beobachtet das von weitem. Zwei rote Offiziere begrüßen den
Wachposten wie einen nahen Freund. Einen Augenblick stellt er sich vor,
was wohl passieren würde, wenn er seinem Major Zakrzewski die Hand
reichen wollte. Bei diesem unsinnigen Gedanken blickt er sich unwillkürlich
um.
»Ich habe soeben Wache bezogen, Genosse Batailionskommandeur«, meldet
der Soldat.
»Haben Sie die Spuren dort gesehen?«
»Nein, noch nicht.«
»Wer stand nachts von zwei bis sechs Uhr Posten?« »Surotenko, Genosse
Bataillonskommandeur.«
»Schon gut, geben Sie nur ordentlich acht.« Und während er dem Pferd
die Sporen gibt, warnt er streng:
»Marschiere weniger neben dem dort drüben daher.« Während dann die
Pferde die breite Landstraße entlangtraben, die sich zwischen der
Grenze und der Ortschaft Beresdow hinzieht, erzählt der
Bataillonskommandeur:
»An der Grenze muss man stets auf der Hut sein. Passt du einmal nicht
auf, musst du es bitter büßen. Das ist ein ruheloser Dienst. Am Tage
kommen die nicht so leicht über die Grenze, um so mehr heißt es aber
in der Nacht aufpassen. Urteilen Sie selbst, Genosse Kortschagin: Auf
meinem Abschnitt zieht sich die Grenze mitten durch vier Dörfer. Da ist
es sehr schwer, aufzupassen. Wie du die Posten auch aufstellen magst,
bei jeder Hochzeit und an jedem Feiertag erscheint dir die ganze
Verwandtschaft. Und wie sollten sie auch nicht? Zwanzig Schritt stehen
die Bauernhütten voneinander entfernt, und das Flüsschen kann eine
Henne zu Fuß passieren. Ohne Schmuggel geht es dabei auch nicht ab. Es
handelt sich zwar meist um Kleinigkeiten. Da bringt ein Weib ein paar
Flaschen polnischen vierzigprozentigen Schnaps. Es gibt aber auch
allerlei Schmuggler großen Stils, die mit viel Geld arbeiten. Und weißt
du, was die Polen machen? In allen Grenzdörfern haben sie richtige
Warenhäuser eröffnet - dort kannst du einkaufen, was du willst. Natürlich
sind die nicht für ihre eigenen bettelarmen Bauern bestimmt.«
Interessiert hört Kortschagin den Worten des Bataillonskommandeurs zu.
Das Leben an der Grenze gleicht einem Spähgang ohne Ende.
»Sagen Sie, Genosse Gawrilow, beschäftigen sich die Grenzschmuggler
ausschließlich mit dem Herüberschmuggeln von Waren?« Der
Bataillonskommandeur antwortet mürrisch:
»Da liegt eben der Hund begraben.«
Beresdow
ist ein kleiner Flecken, ein ödes Provinznest in der ehemaligen jüdischen
Siedlungszone. Zwei- bis dreihundert Häuschen stehen in wirrem
Durcheinander, jedes von ihnen dort, wo es der Zufall hingestellt hat.
In der Mitte des Nestes, auf einem riesigen Marktplatz, wirken die zwei
Dutzend Buden wie verloren. Der Platz ist schmutzig und voller Mist.
Rings um den Ort liegen Bauernhöfe. Im Zentrum der jüdischen Siedlung,
auf dem Weg zum Schlachthaus, steht die alte Synagoge. Ein Hauch von
Trostlosigkeit geht von diesem baufälligen Gebäude aus. Die Synagoge
ist zwar an Sonnabenden nicht gerade schwach besucht, jedoch kein
Vergleich dazu, wie es früher war, und auch das Leben des Rabbiners ist
nicht mehr so, wie er es wünscht. Anscheinend muss doch etwas sehr
Schlimmes im Jahre 1917 passiert sein, wenn die Jugend sogar hier in
diesem Krähwinkel dem Rabbiner nicht mehr mit dem gebührenden Respekt
begegnet. Zwar halten sich die Alten noch immer an die religiösen
Vorschriften und verschmähen »treife«, das zum Genuss Verbotene, aber
wie viele der Jungen essen schon das von Gott verfluchte
Schweinefleisch! Pfui Teufel, der Ekel steigt einem hoch, wenn man nur
daran denkt. Reb Boruch stößt mit dem Fuß zornig ein Schwein
beiseite, das eifrig in einem Misthaufen nach etwas Genießbarem sucht.
Ja, der Rabbi ist nicht gerade erbaut darüber, dass Beresdow zum
Bezirkszentrum geworden ist. Es sind da plötzlich eine Menge
Kommunisten hergekommen, und jedes Mal passiert etwas Neues, jeden Tag
gibt es neue Unannehmlichkeiten. Erst gestern hat der Rabbi an dem Haus
des Popen ein neues Schild entdeckt mit der Aufschrift: »Beresdower
Bezirkskomitee des Kommunistischen Jugendverbandes der Ukraine«. Dieses
Schild verhieß nichts Gutes.
In solche Gedanken vertieft, schritt der Rabbi dahin, bis er an der Tür
seiner Synagoge eine kleine Bekanntmachung entdeckte:
»Heute findet im Klub eine öffentliche Versammlung der werktätigen
Jugend statt. Referenten: Genosse Lissizyn, Vorsitzender des
Exekutivkomitees, und Genosse Kortschagin, stellvertretender Sekretär
des Bezirks-Jugendkomitees. Nach der Versammlung: Konzert der Schüler
der Mittelschule.«
Wütend riss der Rabbiner den Zettel ab. »Da haben wir's schon!«
Das
Kirchlein des Ortes ist ringsum von einem großen Garten umgeben. In
diesem Garten steht auch das geräumige, altmodische Haus des Popen. In
den Zimmern herrscht stets muffig-öde Leere. Hier wohnen der Pope und
seine Frau. Sie sind ebenso langweilig und alt wie ihr Haus und einander
längst überdrüssig. Die Langeweile verschwand aber, seit die neuen
Herren ins Haus eingezogen sind. Der große Saal, in dem der ehrwürdige
Hausherr nur an den Kirchweihfesten Gäste zu empfangen pflegte, ist
jetzt immer voller Menschen. Das Popenhaus ist zum Sitz des
Parteikomitees von Beresdow geworden. An der Tür des kleinen Zimmers,
rechts vom Haupteingang, steht mit Kreide geschrieben: »Bezirkskomitee
des Jugendverbandes.«
Hier verbrachte Kortschagin, der neben seiner Funktion als
Kriegskommissar des Ausbildungsbataillons auch den Posten des
stellvertretenden Sekretärs des soeben geschaffenen Bezirkskomitees des
Kommunistischen Jugendverbandes bekleidete, einen Teil seiner Tage.
Acht Monate waren seit dem Abend vergangen, als Pawel an dem geselligen
Beisammensein bei Anna teilgenommen hatte. Und doch kam es ihm vor, als
sei es gestern gewesen.
Kortschagin schob einen Haufen Schriftstücke beiseite, lehnte sich im
Sessel zurück und versank in Nachdenken.
Im Haus ist alles still geworden. Die Räume des Parteikomitees sind um
diese späte Stunde leer. Vor wenigen Minuten hat auch Trofimow, der
Sekretär des Bezirks-Parteikomitees, Kortschagin verlassen, und jetzt
ist er allein geblieben. Phantastische Eisblumen blühen an den
Fenstern. Auf dem Tisch steht eine Petroleumlampe, der Ofen ist glühend
heiß. Kortschagin denkt an das vor kurzem Erlebte.
Im August schickte ihn die Belegschaft seiner Werkstatt als
Jungorganisator mit dem Reparaturzug nach der Stadt Jekaterinoslaw.
Hundertfünfzig Menschen fuhren bis zum späten Herbst von Station zu
Station, um die Folgen von Krieg und Zerstörung zu beseitigen und die
Strecke von verbrannten, zerstörten Eisenbahnwagen zu säubern.
Ihr Weg führte sie auch über die Strecke von Sinelnikowo nach Pologi.
Hier, im ehemaligen Reich des Banditen Machno, begegnete man auf Schritt
und Tritt Spuren der Zerstörung und Vernichtung. In Guljai-Polje
blieben sie eine Woche, um das Steingebäude des Pumpwerks wieder in
Ordnung zu bringen und auf die mit Dynamit gesprengte Wasserzisterne
eiserne Flicken aufzusetzen. Der Elektromonteur beherrschte zwar nicht
die Kunst des Schlosserhandwerks, doch hatte er, mit dem Schraubenschlüssel
bewaffnet, mehrere tausend rostige Muttern befestigt.
Im Spätherbst kehrte der Zug in die heimatlichen Werkstätten zurück,
und die Werkabteilungen hatten wieder hundertfünfzig Paar kräftige Hände
mehr…
Jetzt konnte man Kortschagin immer häufiger bei Anna treffen. Die tiefe
Falte in seiner Stirn hatte sich geglättet, und nicht selten war sein
ansteckendes Lachen zu hören.
Wieder leitete er einen Zirkel, und die Jungen aus der Werkstatt
lauschten seinen Erzählungen von den längst vergangenen Tagen des
Kampfes. Pawel berichtete ihnen von den Aufständen Stepan Rasins und
Pugatschows, von den Versuchen des rebellischen, versklavten, rückständigen
Russlands, den gekrönten Tyrannen zu stürzen.
Eines Abends, als bei Anna viel junges Volk versammelt war, sagte sich
Pawel plötzlich von einer alten, gesundheitsschädigenden Gewohnheit
los. Schon fast von Kindheit an gewöhnt zu rauchen, erklärte er
entschlossen und bestimmt:
»Ich werde nicht mehr rauchen.«
Das war ganz unerwartet gekommen. Irgend jemand hatte behauptet, dass
die Gewohnheit stärker sei als der menschliche Wille, und als Beispiel
auf das Rauchen hingewiesen. Die Meinungen gingen auseinander. Pawel
hatte nicht die Absicht, sich in den Streit einzumischen, aber Talja
forderte ihn heraus, seine Ansicht zu äußern. Da sagte er:
»Der Mensch ist Herr über seine Gewohnheiten, und nicht umgekehrt.
Wohin sollte denn das sonst führen?«
Zwetajew rief aus einer Ecke herüber:
»Lauter schöne Redensarten. Kortschagin liebt das. Geht man jedoch der
Sache auf den Grund - was stellt sich dann heraus? Dass er selber
raucht. Weiß er etwa nicht, dass das Rauchen schädlich ist? Jawohl, es
aber aufzugeben, dazu ist er zu willensschwach. Erst vor kurzem hat er
in den Zirkeln ›Kultur gepfropft‹.« Und in völlig verändertem Ton
setzte Zwetajew höhnisch hinzu: »Und dann soll er uns mal erzählen,
wie es bei ihm mit dem Fluchen steht? Wer Pawka kennt, weiß, dass aus
seinem Mund Schimpfworte zwar selten, aber dann röcht kräftig
herausplatzen. Es ist natürlich leichter, Predigten zu halten, als
selber ein Heiliger zu sein.«
Stille trat ein. Die Anwesenden waren von Zwetajews schroffer Art
unangenehm berührt. Der Elektromonteur antwortete nicht sogleich. Er
nahm ruhig die Zigarette aus dem Mund, zerdrückte sie und sagte leise:
»Ich werde nicht mehr rauchen.«
Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu:
»Das tue ich meinetwegen und auch ein wenig um Dimkas willen. Ein
Mensch, der seine schlechten Gewohnheiten nicht ablegen kann, ist keinen
Heller wert. Mit dem Fluchen wird das freilich so schnell nicht gehen.
Es stimmt, Kinder, die schlimme Angewohnheit bin ich noch nicht ganz
losgeworden. Aber sogar Dimka muss zugeben, dass ich jetzt selten
fluche. Ein Wort entschlüpft leichter, als man eine Zigarette anraucht.
Und deshalb verspreche ich heute noch nicht, dass ich auch mit dem
Fluchen bereits Schluss machen werde. Es wird aber gleichfalls dazu
kommen.«
Kurz
vor Ausbruch des Winters blockierten Holzflöße den Fluss. Das
Hochwasser riss sie auseinander, und viel Heizmaterial ging verloren und
schwamm flussabwärts. Und abermals entsandte der Arbeiterbezirk
Solomenka seine Brigaden, um die Holzreichtümer zu retten.
Kortschagin, der hinter seinen Kameraden nicht zurückstehen wollte,
verheimlichte vor den Genossen seine starke Erkältung, und als eine
Woche später an den Ufern der Anlegestelle Berge von Rundholz
emporwuchsen, da hatten das eisige Wasser und die ungesunde herbstliche
Nässe in Kortschagins Körper den alten, im Blut schlummernden Feind
wiedererweckt. Er wurde von starkem Fieber gepackt. Zwei Wochen lang
durchwühlten furchtbare rheumatische Schmerzen seinen Körper. Nachdem
er aus dem Krankenhaus entlassen worden war, konnte er bloß sitzend am
Schraubstock arbeiten. Der Meister schüttelte den Kopf. Einige Tage
darauf erklärte eine Ärztekommission Pawel für arbeitsunfähig. Er
bekam seinen Lohn ausgezahlt und erhielt das Recht auf Invalidenrente,
auf die er jedoch ärgerlich verzichtete.
Schweren Herzens nahm er von der Werkstatt Abschied. Auf einen Stock
gestützt, mit furchtbaren Schmerzen, zog er langsam von dannen. Die
Mutter hatte ihn in ihren Briefen immer wieder angefleht, sie zu
besuchen. Und jetzt fielen ihm ihre Abschiedsworte ein:
»Man bekommt euch nur zu sehen, wenn ihr kaum noch kriechen könnt.«
Im Gouvernementskomitee übergab man ihm in einer Rolle seine Papiere:
die vom Jugendverband und von der Parteiorganisation. Und damit es ihm
nicht allzu schwer ums Herz wurde, verabschiedete er sich kaum und fuhr
zu seiner Mutter. Zwei Wochen hindurch massierte und erwärmte die alte
Frau seine geschwollenen Beine, und schon nach einem Monat konnte er
ohne Stock gehen. Sein Herz klopfte freudig, und die Dämmerung ging
wieder in Morgenrot über. Der Zug brachte ihn ins Gouvernementszentrum,
und nach drei Tagen händigte man ihm in der Organisationsabteilung ein
Schreiben aus, mit
dem er von dem Gouvernements-Kriegskommissariat als Politleiter für die
im Zuge der allgemeinen militärischen Ausbildung aufgestellten
Einheiten bestimmt wurde.
Wieder eine Woche später traf er bereits in der verschneiten Ortschaft
Beresdow als Kriegskommissar des 2. Ausbildungsbataillons ein. Das
Kreiskomitee des Kommunistischen Jugendverbandes beauftragte ihn, die
vereinzelten Komsomolzen aufzusuchen und in dem neuen Bezirk eine
Organisation des Jugendverbändes zu schaffen. So hatte sein Leben einen
ganz neuen Lauf genommen.
Draußen
herrscht drückende Hitze. Bis an das weit geöffnete Fenster im Büro
des Vorsitzenden des Exekutivkomitees streckt ein Kirschbaum seine
knorrigen Zweige. Das vergoldete Kreuz am gotischen Turm der polnischen
Kirche, gegenüber dem Gebäude des Exekutivkomitees, glüht in der
Sonne. In dem Gärtchen vor dem Fenster suchen die zartflaumigen gelbgrünen
Gänschen der Wächterin nach Futter.
Der Vorsitzende des Exekutivkomitees überfliegt die soeben
eingetroffene Depesche. Ein Schatten huscht über sein Gesicht. Die große
knochige Hand fährt durch die üppigen Locken und bleibt in ihnen
stecken.
Nikolai Nikolajewitsch Lissizyn, der Vorsitzende des Beresdower
Exekutivkomitees, ist erst vierundzwanzig Jahre alt, aber weder seine
Mitarbeiter noch die Parteifunktionäre wissen das. Er ist ein großer,
kräftiger, strenger und zuweilen sogar furchterregender Mann, der wie
ein Fünfunddreißigj ähriger aussieht. Er hat einen muskulösen Körper,
auf einem kräftigen Hals sitzt ein großer Kopf mit dunklen, kühlen,
durchdringenden Augen. Sein Kinn ist scharf geschnitten und energisch.
Er trägt blaue Reithosen und einen grauen Soldatenrock, der schon
allerhand mitgemacht hat. Auf der linken Brusttasche ist der Orden des
Roten Banners befestigt.
Bis zur Oktoberrevolution »befehligte« Lissizyn nur eine Drehbank in
der Tulaer Waffenfabrik, in der sein Großvater, sein Vater und er
selbst von Kindesbeinen an als Schlosser und Dreher gearbeitet hatten.
Seit jener Herbstnacht aber, in der er zum ersten Mal die Waffe, die er
bis dahin nur hergestellt hatte, in die Hand nahm, war Kolja Lissizyn in
den Strudel gerissen worden. Revolution und Partei schleuderten ihn aus
einer Feuersbrunst in die andere.
Der Tulaer Waffenschmied ging den Ruhmesweg vom Rotarmisten zum
Kommandeur und schließlich zum Regimentskommissar.
Feuersbrünste und Kanonendonner sind in die Vergangenheit gerückt.
Jetzt befindet sich Nikolai Lissizyn hier im Grenzbezirk. Das Leben verläuft
friedlich. Bis spät in die Nacht hinein sitzt er über Ernteberichten.
Diese Depesche jedoch lässt für einen kurzen Augenblick die
Vergangenheit Wiederaufleben. In kurzem Telegrammstil signalisiert sie:
Streng
vertraulich.
An den Vorsitzenden des Beresdower Exekutivkomitees, Lissizyn. Von der
Grenze wird gemeldet, dass die Polen lebhafte Anstalten treffen, eine größere
Bande über die Linien zu bringen. Die Bande wird womöglich die
Grenzbezirke zu terrorisieren versuchen. Treffen Sie Vorsichtsmaßregeln.
Wertsachen abliefern. Steuerbeträge nicht zurückhalten.
Lissizyn
kann durch das Fenster seines Kabinetts jeden sehen, der das Gebäude
des Exekutivkomitees betritt. Auf der Außentreppe steht Kortschagin.
Bald darauf klopft er an die Tür.
»Nimm Platz, wir haben miteinander zu sprechen.« Lissizyn drückt
Kortschagin die Hand.
Eine ganze Stunde lang empfängt der Vorsitzende des Exekutivkomitees
niemanden. Als Kortschagin das Zimmer verlässt, ist es bereits Mittag.
Aus dem Garten kommt ihm Njura, Lissizyns kleine Schwester,
entgegengelaufen. Pawel nennt sie Anjutka. Sie ist zu ernst für ihre
Jahre. Wenn das Mädchen Kortschagin sieht, lächelt es ihn jedes Mal
freundlich an. Jetzt grüßt es ihn kindlich unbeholfen und wirft mit
hastiger Bewegung die kurzen Haare aus der Stirn zurück.
»Ist jemand bei Kolja? Maria Michailowna erwartet ihn zum Mittagessen.«
»Geh nur, Anjutka, er ist allein.«
Am
nächsten Tag, lange vor Morgengrauen, fuhren drei von kräftigen
Pferden gezogene Fuhrwerke am Gebäude des Exekutivkomitees vor. Leise
flüsterten die Kutscher miteinander. Aus der Finanzabteilung wurden
mehrere versiegelte Säcke herausgetragen und auf die Wagen geladen, und
schon nach wenigen Minuten hörte man das Rollen der Räder auf der
Chaussee. Die Fuhrwerke wurden von einer Abteilung bewacht, die unter
Kortschagins Kommando stand. Die vierzig Kilometer bis zur Kreisstadt (fünfundzwanzig
davon führten durch dichte Wälder) wurden ohne Zwischenfälle zurückgelegt
und die Wertsachen in den Safes der Kreisfinanzabteilung untergebracht.
Wenige Tage später kam von der Grenze her nach Beresdow ein Kavallerist
gesprengt. Mit verständnislosen Blicken verfolgten die Ortsbewohner den
Reiter und sein schweißbedecktes Pferd.
Vor dem Tor des Exekutivkomitees angelangt, sprang der Kavallerist vom
Pferd, hielt seinen Säbel fest und polterte mit den schweren Stiefeln
geräuschvoll die Stufen hinauf. Mit zusammengezogenen Brauen nahm
Lissizyn das Schreiben entgegen. Er öffnete es und quittierte den
Empfang auf dem Umschlag. Ohne dem Pferd Zeit zum Verschnaufen zu
lassen, sprang der Grenzarmist wieder in den Sattel und sprengte im
Galopp davon.
Niemandem außer dem Vorsitzenden des Exekutivkomitees war der Inhalt
des Schreibens bekannt. Die Einwohner solch eines Nestes haben jedoch Spürnasen
wie Hunde. Unter drei Krämern sind zwei immer unbedingt Schmuggler, und
dieses Gewerbe entwickelt in ihnen den Instinkt, mit tödlicher
Sicherheit Gefahren zu wittern.
In diesem Augenblick gingen zwei Männer schnellen Schrittes den Fußweg
entlang, der zum Stab des Ausbildungsbataillons führte. Einer von ihnen
war Kortschagin. Ihn kannten die Einwohner: Er war immer bewaffnet. Dass
jedoch Trofimow, der Sekretär des Parteikomitees, eine Pistole trug,
hatte etwas zu bedeuten.
Einige Minuten später kamen aus dem Stabsgebäude anderthalb Dutzend
Menschen gelaufen. In den Händen Gewehre mit aufgepflanztem Bajonett,
rannten sie zur Mühle, die an der Straßenkreuzung stand. Die übrigen
Kommunisten und Komsomolzen erhielten die Waffen im Gebäude des
Parteikomitees ausgehändigt. Es war ganz klar - etwas nicht ganz
Geheures war im Anzug. Der große Platz und die stillen Nebengassen
waren plötzlich wie ausgestorben - keine Menschenseele ließ sich
blicken. Im Handumdrehen hingen an den Türen der kleinen Verkaufsläden
und Buden riesige mittelalterliche Schlösser. Alle Fensterläden wurden
geschlossen, und nur furchtlose Hühner und von der Hitze ermattete
Schweine durchwühlten auch weiterhin eifrig die Misthaufen.
Die Feldwache hatte in den Gärten am Dorfrand Stellung bezogen. Hier
begannen die Felder, und von hier aus konnte man die schnurgerade Linie
der Straße weithin überblicken.
Die Lissizyn zugegangene Mitteilung lautete kurz und bündig:
Im
Raum Poddubzy ist heute Nacht nach kurzem Gefecht eine berittene Bande
über die Grenze auf Sowjetterritorium vorgedrungen. Sie verfügt über
ungefähr hundert Säbel und zwei leichte Maschinengewehre. Sofort
Schutzmaßnahmen treffen. Die Spur der Bande führt in die Slawutsker Wälder.
Mache ferner darauf aufmerksam, dass tagsüber eine Rote
Kosakenhundertschaft in Verfolgung der Bande Beresdow passieren wird.
Achten Sie darauf, dass keine Verwechslungen vorkommen.
KOMMANDEUR DES GRENZBATAILLONS
Gawrilow
Schon
nach einer Stunde tauchte auf der Straße ein Reiter auf, und einen
Kilometer hinter ihm war eine Gruppe Berittener zu sehen. Kortschagin
blickte unverwandt in diese Richtung. Vorsichtig kam der Reiter näher,
ohne jedoch die Feldwache in den Gärten zu bemerken. Er war ein ganz
junger Rotarmist aus dem 7. Kosakenregiment, für den der
Erkundungsdienst etwas Neues war. Als plötzlich aus den Gärten
Menschen stürzten, die das Abzeichen der Kommunistischen
Jugendinternationale auf ihren Blusen trugen und ihn umringten, lächelte
er verlegen. Nach kurzer Unterredung machte er kehrt und sprengte der im
Trab heranreitenden Hundertschaft entgegen. Die Feldwache ließ die
Roten Kosaken vorüber und verkroch sich abermals in den Gärten.
So vergingen mehrere unruhige Tage. Lissizyn wurde mitgeteilt, dass es
den Banditen nicht gelungen war, ihre Diversionstätigkeit zu
entwickeln. Von der Roten Kavallerie unablässig verfolgt, war die Bande
gezwungen, sich schleunigst über die Grenze zurückzuziehen.
Die kleine Gruppe der Bolschewiki - neunzehn Mann im ganzen - war eifrig
um den Aufbau der Sowjetordnung in ihrem Bezirk bemüht. In diesem eben
erst gebildeten Bezirk musste alles von neuem begonnen werden. Die Nähe
der Grenze zwang sie, auf der Hut zu sein.
Die Neuwahlen in die Sowjets, der Kampf mit den Banditen, die
Kulturarbeit, der Kampf gegen den Schmuggel, die militärischen
Aufgaben, die Partei- und Komsomolarbeit - das war der Kreis, der das
Leben Lissizyns, Trofimows, Kortschagins und der von ihnen
zusammengefassten zahlenmäßig geringen Gruppe von Kommunisten vom
Morgengrauen bis spät in die Nacht hinein umschloss.
Vom Pferd zum Schreibtisch, vom Schreibtisch zum Exerzierplatz, auf dem
die Jungen ausgebildet wurden; dann der Klub, die Schule, zwei oder drei
Sitzungen und nachts wieder aufs Pferd, die Mauserpistole an der Hüfte,
und der strenge Ruf der Posten:
»Halt, wer da?« - und das verdächtige Rädergerassel eines
davoneilenden Fuhrwerkes, das ausländische Waren über die Grenzen
schmuggelte, das alles füllte die Tage und viele Nächte des
Kriegskommissars des 2. Bataillons aus.
Das Bezirks-Jugendkomitee von Beresdow bestand aus Kortschagin, Lida
Polewych, einem Mädchen mit schmalen Augen - sie stammte aus dem
Wolgagebiet und war Leiterin der Frauenabteilung -, und dem ehemaligen
Gymnasiasten Shenka Raswalichin, einem hochgeschossenen hübschen
Burschen. Raswalichin, ein noch ganz junger, aber frühreifer Kerl, ein
Liebhaber waghalsiger Abenteuer und eifriger Verehrer von Sherlock
Holmes und der Bücher von Louis Boussenard, war Geschäftsleiter des
Bezirks-Parteikomitees gewesen. Erst vor vier Monaten war er dem
Jugendverband beigetreten. Aber unter den Komsomolzen benahm er sich wie
ein »alter Bolschewik«. Im Kreiskomitee hatte man lange überlegt, wen
man nach Beresdow schicken sollte. Da man aber keinen anderen fand,
entschloss man sich schließlich, Raswalichin als Leiter für politische
Bildungsarbeit dorthin zu schicken.
Die
Sonne stand hoch im Zenit, ihre heißen Strahlen drangen in die
verborgensten Winkel. Alle Lebewesen suchten irgendwo Schutz. Sogar die
Hunde schlüpften unter die Speicher und lagen dort faul und schläfrig,
von der Hitze ermattet. Das ganze Dorf schien wie ausgestorben, nur in
der Nähe des Brunnens wälzte sich ein Schwein im Schmutz und grunzte
behaglich.
Kortschagin band das Pferd los und schwang sich in den Sattel. Er biss
sich in die Lippen, da sein Knie heftig schmerzte. Auf der Vortreppe der
Schule stand die Lehrerin und schützte mit der Hand die Augen vor der
Sonne.
»Auf Wiedersehen, Genosse Kriegskommissar«, rief sie lächelnd.
Das Pferd stampfte ungeduldig mit den Hufen, reckte den Hals und zerrte
an den Zügeln.
»Auf Wiedersehen, Genossin Rakitina. Also abgemacht, morgen geben Sie
Ihre erste Stunde.«
Das Pferd spürte die gelockerten Zügel und holte sogleich zum Trab
aus. Plötzlich drang gellendes Geschrei an Pawels Ohr. So schreien die
Frauen, wenn im Dorf Feuer ausgebrochen ist. Schroff riss der
Kriegskommissar das Pferd herum und sah eine junge Bäuerin, die
keuchend vom Dorfrand hergelaufen kam. Die Rakitina trat in die Mitte
der Straße und hielt sie an. An den Türschwellen der benachbarten
Bauernhäuser zeigten sich Leute, zumeist alte Männer und Frauen. Das
gesunde junge Volk arbeitete auf den Feldern.
»Ach, ihr lieben Leute - was sich dort tut! Oh, ich kann nicht, ich
kann nicht mehr …!«
Als Kortschagin an sie herantrat, rannten schon von allen Seiten
Menschen herbei. Sie umringten die Frau, zerrten sie an den Ärmeln
ihres weißen Kittels und bestürmten sie mit ängstlichen Fragen. Aus
ihren zusammenhanglosen Worten konnte man jedoch nicht klug werden:
»Sie morden! Sie schlagen einander tot!« rief sie nur immer wieder.
Irgendein alter Mann sprang ungelenk um sie herum und versuchte etwas
aus ihr herauszubekommen:
»Brüll doch nicht wie 'ne Wahnsinnige! Wo schlagen sie sich? Weshalb?
Hör doch auf zu kreischen! Verdammt noch mal!«
»Unser Dorf schlägt sich mit den Poddubzern … wegen der Feldraine!
Die Poddubzer prügeln unsere Leute tot!«
Alle begriffen sofort das Unglück.
Auf der Straße begannen die Frauen zu heulen, die alten Männer
knirschten wütend mit den Zähnen. Und durch das Dorf, durch alle
Bauernhöfe tönte gleich Sturmgeläut der Ruf:
»Wegen der Feldraine mähen die Poddubzer unsere Leute mit Sensen
nieder!« Alles, was Beine hatte, sprang auf die Straße und lief, mit
Heugabeln, Beilen oder einfach mit einem Pfahl bewaffnet, hinter den
Einfriedungen hinaus zu den Feldern, auf denen die beiden Dörfer in
blutigem Kampf ihren alljährlichen Streit wegen der Feldraine
austrugen.
Kortschagin versetzte seinem Pferd einen so starken Hieb, dass es sofort
zu galoppieren begann. Angetrieben durch die Zurufe des Reiters, stürzte
der Rappe unaufhaltsam vorwärts und überholte die Dahineilenden. Mit
fest anliegenden Ohren jagte das Pferd kräftig ausgreifend immer
schneller und schneller dahin. Auf dem Hügel streckte eine Windmühle
ihre Flügel weit aus, als wollte sie den Vorübereilenden den Weg
versperren. Rechts von der Windmühle zogen sich Wiesen im Flusstal
entlang. Links bedeckten, so weit das Auge reichte, Roggenfelder die Hügel
und Abhänge. Der Wind streifte über den reifen Roggen dahin, als
liebkose er die Ähren. Grellrot leuchtete am Straßenrand der Mohn.
Hier war es still und unerträglich heiß. Nur aus der Ferne, von dort,
wo sich der Fluss wie eine silbrige Schlange in der Sonne wand, drang
Geschrei herüber.
Tollkühn jagte das Pferd zu den Wiesen hinunter. Wenn es jetzt mit
einem Huf hängen bleibt, so ist es um uns beide geschehen, schoss es
Pawel durch den Kopf. Das Pferd war jedoch nicht mehr zum Halten zu
bringen. Über seinen Hals gebeugt, spürte Pawel, wie ihm der Wind um
die Ohren pfiff.
Unaufhaltsam sprengte er auf die Wiese hinaus. Mit dumpfer, tierischer
Wut schlugen sich hier die Menschen. Manche lagen bereits blutüberströmt
auf der Erde.
Das Pferd warf in seinem Lauf einen bärtigen Bauern zu Boden, der, mit
einem Sensenstumpf bewaffnet, einem jungen Burschen mit blutendem
Gesicht nachlief. Dicht daneben trampelte ein sonnverbrannter kräftiger
Bauer mit seinen großen schweren Stiefeln auf einem niedergeworfenen
Gegner herum, eifrig bemüht, ihm immer wieder eins in die Magengegend
zu versetzen.
Das Pferd Kortschagins sprengte mitten in den Menschenknäuel hinein und
trieb die Raufenden auseinander. Ohne sie auch nur eine Minute lang zur
Besinnung kommen zu lassen, riss Pawel wütend das Pferd herum und ritt
wieder auf die tobende Menge zu. Er spürte, dass dieser in Raserei
geratene blutende Menschenhaufen nur durch ebensolche Raserei und durch
Schreck
getrennt werden konnte, und so schrie er wütend auf die Kämpf enden
ein:
»Auseinander, ihr verdammten Hunde! Sonst knall ich euch alle übern
Haufen, Banditengesindel!«
Er zog seine Mauserpistole aus der Tasche und feuerte über irgendein
wutverzerrtes Gesicht hinweg. Jedes Mal, wenn das Pferd hochschnellte,
krachte ein Schuss. Einige ließen die Sensen fallen und rannten davon.
Wie ein Rasender sprengte er über die Wiese, während er ununterbrochen
mit der Mauserpistole knallte. So erreichte der Kriegskommissar sein
Ziel. Die Menschen stoben nach allen Seiten auseinander, um der
Verantwortung und diesem plötzlich aufgetauchten, furchterregenden
Menschen mit dem unaufhörlich schießenden »Teufelsmechanismus« zu
entgehen.
Bald darauf kam das Bezirksgericht nach Poddubzy. Lange mühte sich der
Richter mit dem Verhör der Zeugen ab. Die Rädelsführer konnten jedoch
nicht ermittelt werden. Bei der Rauferei war niemand getötet worden,
alle Verwundeten erholten sich wieder. Beharrlich und mit
bolschewistischer Geduld versuchte der Richter den vor ihm stehenden,
finster dreinblickenden Bauern die Barbarei und Unzulässigkeit der von
ihnen hervorgerufenen Schlägerei klarzumachen.
»Die Feldraine sind daran schuld, Genosse Richter. Unsere Feldraine
sind durcheinander gekommen. Deswegen schlagen wir uns auch jedes Jahr.«
Eine Woche später bereits schritt eine Kommission den Heuschlag ab und
rammte an den strittigen Stellen kleine Pfähle in den Boden. Der schweißtriefende
alte Feldmesser, von der Hitze und dem weiten Weg ermüdet, sagte beim
Aufrollen des Messbandes zu Kortschagin:
»Schon dreißig Jahre arbeite ich als Feldmesser, und immer werden die
Feldraine zum Zankapfel. Schauen Sie sich nur die Grenzlinie der Wiesen
an. Einfach unvorstellbar. Ein Betrunkener könnte nicht so krumm gehen.
Und wie schaut es denn auf den Feldern aus? Streifen, nicht breiter als
drei Schritt, verwirren sich ineinander, und will man sie
auseinandertrennen, so ist es einfach zum Verrücktwerden. Und jedes
Jahr werden sie mehr und mehr zerstückelt. Der Sohn macht sich selbständig
- und schon teilt man das Streifchen in zwei Hälften. Ich versichere
Ihnen, in zwanzig Jahren werden die Felder bloß Raine darstellen, und
es wird keine Saatfläche mehr bleiben. Schon jetzt liegen zehn Prozent
des Bodens wegen dieser Raine brach.«
Kortschagin lächelte nur:
»In zwanzig Jahren wird es bei uns keinen einzigen Feldrain mehr geben,
Genosse Feldvermesser.« Herablassend blickte der Alte auf sein Gegenüber.
»Sie meinen wohl die kommunistische Gesellschaft? Aber die liegt,
wissen Sie, noch in weiter Ferne.«
»Und haben Sie noch nichts von der Kollektivwirtschaft in Budanowka gehört?«
»Ach, Sie meinen den Kolchos?«
»Jawohl.«
»In Budanowka war ich natürlich … Das ist aber doch nur eine
Ausnahme, Genosse Kortschagin.«
Die Kommission setzte die Vermessungen fort. Zwei Burschen schlugen Pfähle
ein, und auf beiden Seiten der Wiese standen die Bauern und wachten
sorgsam darüber, dass die Pfähle ja in die ehemaligen, durch alte,
halbverfaulte Pfahlstummel kaum erkennbaren Grenzlinien eingeschlagen
wurden.
Der
Fuhrmann hieb mit der Peitsche auf das träge Deichselpferd ein, wandte
sich seinen Fahrgästen zu und erzählte gesprächig:
»Weiß der Kuckuck, wie es gekommen ist, dass bei uns jetzt die
Komsomolzen wie Pilze aus dem Boden schießen. Früher gab's so was
nicht. Das scheint alles von der Lehrerin ausgegangen zu sein. Rakitina
ist ihr Name, vielleicht kennen Sie sie? Ist noch ein junges
Frauenzimmer, aber man kann wohl sagen, ein ganz gefährliches. Die
hetzt bei uns im Dorf alle Weiber auf, setzt ihnen Flöhe ins Ohr, hält
Versammlungen ab, und das bringt nichts als Unruhe. Manchmal haust du
deinem Weib in der Wut eine runter - ohne das geht's ja nicht.
Früher wischte sie sich stillschweigend die Tränen ab. Jetzt aber rühr
sie nicht an, sonst gibt's ein Geschrei, dass dir schlecht wird. Dann
kommt sie gleich mit dem Gericht, die Jüngeren reden dabei sogar von
Scheidung und plappern dir alle Gesetze auswendig her. Meine Hanka, die
doch immer so zahm war, ist jetzt zu einer Delegierten geworden, das ist
so was Ähnliches wie eine Älteste unter den Weibern. Vom ganzen Dorf
kommen sie zu ihr gelaufen. Zuerst wollte ich sie mir gründlich
vornehmen, aber dann hab ich's mir überlegt. Hol sie der Teufel! Sollen
sie keifen. Sie ist doch ein rechtes Weib für die Wirtschaft und überhaupt
auch so.«
Der Kutscher kratzte sich die behaarte Brust, die durch das offene Hemd
sichtbar war, und versetzte dem Pferd gewohnheitsmäßig einen
Peitschenhieb. Auf dem Wagen saßen Raswalichin und Lida. Beide hatten
in Poddubzy etwas zu erledigen. Lida wollte eine Beratung der
Frauendelegierten abhalten, und Raswalichin sollte die Arbeit in der
Komsomolzelle in Gang bringen.
»Gefallen Ihnen die Komsomolzen nicht?« fragte Lida den Fuhrmann
scherzend. Dieser zupfte an seinem Bärtchen und erwiderte gemächlich:
»Nein, warum denn. Solange man jung ist, kann man schon mal über die
Stränge hauen, ein Theaterstück aufführen oder so was Ähnliches. Ich
sehe mir selbst gern eine Komödie an, wenn es etwas Rechtes ist. Zuerst
haben wir geglaubt, dass die Jungen da was Schlimmes anstellen würden,
es ist aber ganz anders gekommen. Man sagt, dass sie Sauferei, Schlägerei
und ähnliches nicht zulassen. Sie sind alle mehr fürs Lernen. Aber sie
sind gegen Gott, und aus der Kirche wollen sie einen Klub machen. Das
ist nicht recht, deshalb sehen die Alten die Komsomolzen scheel an und
sind auf sie nicht gut zu sprechen. Aber sonst? Falsch ist allerdings,
dass sie nur Habenichtse bei sich aufnehmen, wie Bauernknechte oder
runtergekommene Bauern. Söhne von Großbauern lassen sie nicht zu.«
Das Fuhrwerk rollte den Hügel hinab und hielt an der Schule.
Die
Wächtersfrau machte ihnen das Lager in ihrem Zimmer zurecht und ging
selbst auf den Heuboden, um dort zu schlafen. Lida und Raswalichin waren
eben erst von einer Versammlung zurückgekehrt, die bis spät in die
Nacht gedauert hatte. In der Stube war es dunkel. Lida zog rasch ihre
Schuhe aus, legte sich aufs Bett und schlief sofort ein.
Grob weckten sie Raswalichins Hände, die ihren Körper in
unverkennbarer Absicht betasteten.
»Was willst du?«
»Sei doch still, Lidka. Was machst du für'n Theater? Mir ist es
langweilig, so allein dazuliegen. Verdammt noch mal! Kannst du dir denn
wirklich nichts Interessanteres vorstellen als Pennen?«
»Hände weg, und scher dich sofort von meinem Bett!« Brüsk stieß ihn
Lida von sich.
Sie hatte Raswalichins schmieriges Lächeln schon früher nicht
ausstehen können. Jetzt wollte sie ihm irgend etwas Verletzendes, Höhnisches
sagen, aber sie war zu müde und schloss wieder die Augen.
»Was zierst du dich so? Wozu bloß dieses vornehme Getue? Bist du
vielleicht aus einem Jungfernstift? Denkst wohl, ich nehm dich ernst?
Spiel dich doch nicht so auf. Wenn du vernünftig bist, so stelle mich
zuerst mal zufrieden, und dann kannst du schlafen, soviel du willst.«
Wahrscheinlich hielt er weitere Worte für überflüssig, denn er ließ
sich wiederum auf Lidas Bett nieder und legte seine Hand herrisch auf
ihre Schulter.
»Scher dich zum Teufel!« sagte Lida, die sofort wach wurde.
»Ehrenwort, ich erzähle es morgen Kortschagin.«
Raswalichin griff nach ihrer Hand und flüsterte gereizt:
»Ich pfeif auf deinen Kortschagin. Zier dich also nicht lange, denn ich
krieg dich sowieso.«
Zwischen ihm und Lida entspann sich ein kurzes, heftiges Ringen. Durch
die nächtliche Stille der Stube schallte eine, dann eine zweite und
noch eine dritte Ohrfeige … Raswalichin flog zur Seite. Lida tastete
sich im Finstern zur Tür,
stieß sie auf und rannte in den Hof hinaus. Dort stand sie nun ganz empört
im Mondlicht.
»Geh ins Haus, dumme Gans!« rief Raswalichin wutschnaubend.
Er trug sein Bett auf den Hof hinaus, um dort zu übernachten. Lida
rollte sich, nachdem sie die Tür verriegelt hatte, wie ein Igel in
ihrem Bett zusammen.
Auf der Rückfahrt am nächsten Morgen hockte Shenka auf dem Fuhrwerk
neben dem greisen Kutscher und rauchte eine Zigarette nach der anderen.
Dieses Fräulein Rührmichnichtan ist wahrhaftig noch imstande, sich bei
Kortschagin zu beschweren. So 'ne Zimperliese! Wenn sie wenigstens noch
nach was aussähe, aber so - vorne nichts und hinten nichts. Ich muss
mich aber mit ihr aussöhnen, sonst gibt's noch Scherereien. Kortschagin
ist sowieso nicht gut auf mich zu sprechen.
Raswalichin setzte sich zu Lida. Er tat verlegen, seine Augen heuchelten
Traurigkeit. Er stammelte einige zusammenhanglose Worte der
Entschuldigung und kroch zu Kreuze.
Und Raswalichin erreichte schließlich, was er wollte: Als die ersten Häuser
von Beresdow in Sicht waren, versprach Lida, niemandem etwas über den
Vorfall zu erzählen.
In
den Grenzdörfern entstanden immer neue Komsomolzellen. Die Funktionäre
aus dem Bezirkskomitee widmeten diesen ersten Keimen der kommunistischen
Bewegung viel Zeit und Kraft. Kortschagin und Lida weilten tagelang in
diesen Dörfern.
Raswalichin fuhr nur ungern aufs Land. Er verstand es nicht, den jungen
Bauernburschen näher zu kommen und ihr Vertrauen zu gewinnen. So
richtete er nur Unheil an. Lida und Kortschagin dagegen gaben sich
einfach und natürlich. Lida sammelte die Mädchen um sich, freundete
sich mit ihnen an, blieb ständig in Verbindung mit ihnen und lenkte
deren Interessen auf das Leben und die Arbeit des Komsomol. Und
Kortschagin war allen Jugendlichen im Bezirk bekannt. Das 2.
Ausbildungsbataillon erfasste eintausendsechshundert Vordienstpflichtige
zum Militärunterricht. Niemals noch hatte die Ziehharmonika eine so große
Rolle bei der Propaganda gespielt wie bei diesen Abendzusammenkünften
auf dem Lande.
Dank seiner Ziehharmonika war Kortschagin überall gern gesehen. Diese
Zauberklänge, die die Herzen bald in temperamentvollem Marsch
leidenschaftlich hinrissen, bald durch schwermütige ukrainische Weisen
liebkosend und sanft erfassten, sie waren es, die so manchen
Bauernburschen den Weg zum Komsomol wiesen. Die Jungen lauschten der
Harmonika und den Worten ihres Meisters, der noch vor kurzem ein
einfacher Arbeiter und jetzt Kriegskommissar und Jugendsekretär war.
Harmonisch verflocht sich die Melodie der Ziehharmonika mit dem, was
ihnen der junge Kommissar erzählte, schlich sich in ihre Herzen ein.
Neue Lieder erklangen in den Dörfern, und in den Bauernhütten tauchten
außer den Psalmen- und den Traumbüchern auch andere Bücher auf.
Beschwerlich wurde auch das Handwerk der Schmuggler. Nun mussten sie
sich nicht nur vor den Grenzwächtern in acht nehmen, sondern auch vor
den jungen Freunden und sorgsamen Gehilfen der Sowjetmacht. Zuweilen
gingen die Mitglieder der Jugendzellen an der Grenze in ihrem Eifer, den
Feind allein zu fassen, zu weit, und dann musste Kortschagin seine Schützlinge
aus manchen schwierigen Situationen befreien.
So war es einmal geschehen, dass Grischa Chorowodko, der blauäugige
Sekretär der Poddubzer Jugendzelle, ein Hitzkopf und leidenschaftlicher
Atheist, auf besonderem Wege die Nachricht erhalten hatte, dass dem
Dorfmüller in der Nacht Schmuggelware zugehen werde. Er brachte die
ganze Zelle auf die Beine. Mit einem Übungsgewehr und zwei Bajonetten
bewaffnet, umzingelten die Komsomolzen nachts in aller Stille die Mühle
und lauerten den Banditen auf. Aber auch die Grenzposten der GPU hatten
von dem Schmuggel erfahren und ein besonderes Fahndungskommando
ausgeschickt. Im Dunkel der Nacht gerieten die beiden Gruppen
aneinander, und nur dank der Disziplin der Grenzposten wurden die
Komsomolzen nicht über den Haufen geschossen. Die Jungen wurden
entwaffnet, in das vier Kilometer entfernt gelegene Nachbardorf abgeführt
und hinter Schloss und Riegel gesetzt.
Kortschagin war zu dieser Zeit bei Gawrilow. Morgens ließ ihm der
Bataillonskommandeur den soeben eingetroffenen Bericht zukommen, und der
Bezirks Jugendsekretär sprang aufs Pferd, um den Jungen aus der Patsche
zu helfen.
Schmunzelnd berichtete ihm der Bevollmächtigte der GPU über den nächtlichen
Vorfall.
»Machen wir es so, Genosse Kortschagin: Wir werden den Jungen nichts
anhängen, sie sind ja gute Kerle. Damit sie uns jedoch nicht mehr ins
Handwerk pfuschen, wollen wir ihnen einen Schreck einjagen.«
Der Wachposten öffnete die Tür des Schuppens, und elf junge Burschen
erhoben sich vom Boden und traten verlegen von einem Fuß auf den
anderen.
»Da, schau sie nur an«, sagte der Bevollmächtigte und zuckte bekümmert
die Schultern.
»Die haben da was Schönes angestellt, und ich muss sie jetzt in die
Kreisstadt befördern.«
Grischa erwiderte aufgeregt:
»Aber, Genosse Sacharow, was sollen wir denn nur verbrochen haben? Wir
wollten doch nur der Sowjetmacht helfen. Wir waren schon lange hinter
diesen Kulaken her, und Sie lassen uns dafür einsperren wie gewöhnliche
Banditen.« Gekränkt wandte er sich ab.
Nach langen und ernsten Verhandlungen zwischen Kortschagin und Sacharow,
bei denen beide nur mit Mühe ernst blieben, hörten sie schließlich
auf, den Jungen einen »Schreck einzujagen«.
»Wenn du für sie die Verantwortung übernimmst und versprichst, dafür
zu sorgen, dass sie sich nicht mehr an der Grenze herumtreiben, sondern
uns in anderer Weise behilflich sind, lasse ich sie frei«, wandte sich
Sacharow an Kortschagin.
»Gut, ich übernehme die Verantwortung und hoffe, dass sie mich nicht
enttäuschen werden.«
Singend kehrten die Komsomolzen nach Poddubzy zurück. Der Vorfall wurde
verschwiegen. Kurz darauf überführte man den Müller seiner
Verbrechen, diesmal aber auf gesetzlichem Weg.
In
den Waldmeiereien von Maidan-Villa führten die deutschen Kolonisten ein
wohlhabendes Leben. Je einen halben Kilometer voneinander entfernt lagen
die großen Gehöfte mit ihren Häusern und Nebengebäuden, die an
kleine Festungen erinnerten. Nach Maidan-Villa führten die Spuren der
Bande Antonjuks. Dieser zaristische Feldwebel hatte sieben seiner
Verwandten zu einer Bande zusammengefasst und machte die ganze Gegend
unsicher. Er scheute dabei auch vor Mord nicht zurück, beunruhigte
Spekulanten, verschonte aber auch keinen Sowjetfunktionär. Antonjuks
Bande war außerordentlich beweglich. Heute überfiel sie zwei
Konsumgenossenschaftler, morgen entwaffnete sie etwa zwanzig Kilometer
weiter einen Briefträger und plünderte ihn bis zur letzten Kopeke aus.
Ein Rivale Antonjuks war sein Kollege Gordi. Einer gab dem anderen
nichts nach, und beide machten der Kreismiliz sowie der GPU nicht wenig
zu schaffen.
Antonjuk wagte es, in unmittelbarer Nähe von Beresdow sein Unwesen zu
treiben. Die Fahrt auf den Landstraßen, die zur Stadt führten, wurde
unsicher. Es war äußerst schwierig, den Banditen zu fassen. Sobald ihm
der Boden zu heiß wurde, ging er über die Grenze, hielt sich dort eine
Zeitlang auf, tauchte aber stets dann, wenn man ihn am allerwenigsten
erwartete, wieder auf. Jedes Mal, wenn Lissizyn ein neuer blutiger Überfall
dieses nicht zu fassenden und deshalb so gefährlichen Räubers zu Ohren
kam, biss er sich nervös auf die Lippen.
»Wie lange wird uns dieses Gezücht noch angreifen? Die Kanaille wird
es bald erleben, dass ich selbst die Sache in die Hand nehme«, stieß
er durch die Zähne hervor. Zweimal verfolgte der Vorsitzende des
Exekutivkomitees die Banditen auf frischer Spur. Er nahm Kortschagin und
noch drei andere Kommunisten mit sich. Antonjuk gelang es jedoch immer
wieder, sich rechtzeitig aus dem Staub zu machen.
Aus der Kreisstadt wurde eine Abteilung Rotarmisten zur Bekämpfung des
Banditentums nach Beresdow entsandt. Sie stand unter dem Befehl des
geckenhaften Filatow. Hochnäsig wie ein junger Hahn, hielt er es für
überflüssig, sich beim Vorsitzenden des Exekutivkomitees zu melden,
wie es die Grenzvorschriften verlangten, und führte seine Abteilung in
das nahe gelegene Dorf Semaki. Dort langte er nachts an und ließ sich
mit seiner Abteilung in einem der ersten Bauernhäuser gleich am
Dorfrand nieder. Die Ankunft von unbekannten bewaffneten Leuten, die
noch dazu geheimnisvoll taten, zog die Aufmerksamkeit eines Komsomolzen
aus dem Nachbarhaus auf sich, der sofort den Vorsitzenden des
Dorfsowjets benachrichtigte. Der Vorsitzende des Sowjets, der von dieser
Abteilung nichts wusste, hielt sie daher für eine Bande und schickte
den Komsomolzen sofort zu Pferde mit einer Meldung in das
Bezirks-Exekutivkomitee. Es fehlte nicht viel, und das tölpelhafte
Treiben Filatows hatte vielen Menschen das Leben gekostet. Lissizyn, dem
noch in derselben Nacht über die »Bande« Mitteilung gemacht wurde,
mobilisierte gleich die Miliz und ritt mit einem Dutzend seiner Leute
nach Semaki. Sie näherten sich geräuschlos dem Hof, sprangen von ihren
Pferden, kletterten über den Zaun und stürmten gegen das Haus vor.
Der Wachposten vor der Tür erhielt mit dem Pistolengriff einen Schlag
ins Genick und sackte zu Boden. Unter dem stürmischen Druck von
Lissizyns Schultern sprang die Tür auf, und seine Leute drangen in den
Raum ein, der von einer an der Decke hängenden Lampe spärlich
beleuchtet wurde. Die eine Hand mit der Handgranate zum Wurf erhoben, in
der anderen die Mauserpistole, brüllte Lissizyn, dass die
Fensterscheiben klirrten:
»Ergebt euch, oder ich reiße euch in Stücke!«
Es fehlte nicht viel - und die Eindringlinge hätten die vom Fußboden
aufspringenden verschlafenen Menschen mit einem Kugelregen überschüttet.
Aber der schreckenerregende Anblick des Mannes mit der Handgranate zwang
automatisch Dutzende Hände in die Höhe. Und schon nach einer Minute,
als die Leute bereits in Unterkleidung auf den Hof getrieben worden
waren, löste der Orden auf Lissizyns Militärrock Filatows Zunge.
Lissizyn spuckte wütend aus und schleuderte ihm nur vernichtend
entgegen: »Schlafmütze!«
Der
Widerhall der deutschen revolutionären Bewegung war sogar hier im
Bezirk zu spüren. Das Echo des Gewehrgeknatters auf Hamburgs Barrikaden
drang bis in den kleinsten Ort. An der Grenze begann es unruhig zu
werden. Mit gespannter Erwartung las man die Zeitungen, denn es waren
Oktoberwinde, die aus dem Westen wehten. Das Bezirks-Jugendkomitee wurde
mit Gesuchen um Aufnahme in die Rote Armee überschüttet. Kortschagin
bemühte sich lange, die Vertreter der Komsomolzellen davon zu überzeugen,
dass die Politik des Sowjetlandes eine Politik des Friedens sei und dass
es nicht im Interesse des Landes läge, mit einem Nachbarstaat Krieg zu
führen. Das hatte jedoch wenig Wirkung. An jedem Sonntag kamen die
Komsomolzen aller Zellen in Beresdow zusammen und hielten in dem großen
Garten des ehemaligen Popenhauses Bezirksversammlungen ab.
Eines Tages gegen Mittag erschienen in dem geräumigen Hof des
Bezirkskomitees die Mitglieder der Poddubzer Komsomolzelle. Sie kamen
vollzähliganmarschiert. Kortschagin sah sie durchs Fenster und ging
vors Haus. Elf junge Burschen - in Stiefeln, mit dicken Rucksäcken -,
allen voran Chorowodko, machten vor dem Eingang halt.
»Was ist denn los, Grischa?« erkundigte sich Kortschagin verwundert.
Chorowodko zwinkerte ihm jedoch zu und ging mit ihm ins Haus. Als Lida,
Raswalichin und noch zwei andere Komsomolzen Chorowodko umringten,
schloss der die Tür und berichtete, seine Augenbrauen runzelnd:
»Ich mache da einen Probeappell, Genossen. Habe heute meinen Jungen
erklärt, aus dem Bezirk sei ein Telegramm eingetroffen, streng geheim
natürlich, aus dem hervorgehe, dass der Krieg gegen die deutsche
Bourgeoisie beginne und dass man auch bald gegen die Pans ziehen werde.
Aus Moskau sei der Befehl gekommen, alle Komsomolzen an die Front zu
schicken. Wer aber Angst habe, der möge ein Gesuch schreiben, dann
werde man ihn zu Hause lassen. Ich habe befohlen, dass kein Wort über
den Krieg verlauten darf. Jeder soll einen Laib Brot und ein Stück
Speck mitnehmen, und wer keinen Speck hat, Knoblauch oder Zwiebeln. Nach
einer Stunde haben sich alle ganz unauffällig hinterm Dorf einzufinden.
Wir gehen zum Bezirks- und dann zum Kreiskomitee, wo man uns Waffen aushändigen
wird. Das hat auf die Jungen mächtigen Eindruck gemacht. Sie versuchten
mich auszufragen, aber ich sagte: ›Kein Geschwätz, und damit basta!
Und wer sich weigert, der mag sein Gesuch schreiben: Der Feldzug ist
freiwillig.‹ Meine Jungen gingen auseinander, und mir klopfte mächtig
das Herz. Wie, wenn nun niemand kommt, was dann? Dann bleibt mir nur
eins - die Zelle aufzulösen und selbst von hier zu verschwinden. Ich
warte nun außerhalb des Dorfes und halte Ausschau. Einer nach dem
andern rücken sie heran. Manche von ihnen sehen reichlich verheult aus,
aber sie lassen sich nichts anmerken. Alle zehn sind gekommen, kein
einziger hat sich gedrückt. Da habt ihr sie, unsere Poddubzer Zelle!«
schloss Grischa begeistert und schlug sich stolz mit der Faust an die
Brust.
Als ihn dann Lida entrüstet ins Gebet nahm, schaute er sie verständnislos
an.
»Was willst du nur? Das ist doch die allerbeste Prüfung! So lernt man
seine Leute richtig kennen. Ich wollte sie, um die Sache noch
gewichtiger aufzuziehen, bis zum Kreiskomitee schleppen. Aber die Jungen
sind schon müde. Sollen sie nach Hause gehen. Aber du, Kortschagin,
musst ihnen noch unbedingt eine Ansprache halten. Ohne die geht es nicht
… Sag ihnen, dass die Mobilisierung widerrufen sei, ihr Heldenmut
gereiche ihnen jedoch zu Ehre und Ruhm.«
Kortschagin
kam nur selten ins Kreiszentrum. Solche Fahrten nahmen jedes Mal mehrere
Tage in Anspruch, die Arbeit erforderte jedoch seine ständige
Anwesenheit im Bezirk. Raswalichin dagegen suchte immer wieder nach
einem Anlass, in die Stadt zu gelangen. Wie ein Held aus Coopers
Abenteuerromanen machte er sich jedes Mal, vom Kopf bis zu den Füßen
bewaffnet, höchst vergnügt auf den Weg. Im Wald begann er dann auf Krähen
oder Eichhörnchen zu schießen, hielt einzelne Fußgänger an und verhörte
sie wie ein echter Untersuchungsrichter: wer sie seien, woher sie kämen
und wohin sie gingen. In der Nähe der Stadt angelangt, entledigte sich
Raswalichin seiner Waffen, schob das Gewehr ins Heu, steckte die Pistole
in die Tasche und betrat die Räume des Kreisjugendkomitees wie gewöhnlich.
»Nun, was gibt's Neues bei euch in Beresdow?« Das Zimmer des Sekretärs
des Kreiskomitees, Fedotow, war immer voller Menschen, die alle
durcheinander redeten. Es gehörte schon etwas dazu, unter solchen Umständen
zu arbeiten. Man musste vier Menschen auf einmal zuhören, dabei Notizen
machen und einem fünften antworten. Fedotow ist noch sehr jung, aber
sein Parteibuch trägt das Eintrittsdatum 1919. Nur in jenen stürmischen
Tagen hatte ein Fünfzehnjähriger Parteimitglied werden können.
Lässig beantwortete Raswalichin die Frage Fedotows.
»Man kann doch nicht alle Neuigkeiten gleich auf einmal erzählen. Ich
rackere mich von früh bis spät ab. Überall soll man zurechtkommen.
Man muss hier ja alles ganz von neuem aufbauen. Hab dieser Tage wieder
zwei neue Zellen organisiert. Wozu habt ihr mich hergerufen?« Er setzte
eine geschäftige Miene auf und ließ sich in den Lehnstuhl fallen.
Krymski, der Leiter der Wirtschaftsabteilung, blickte für einen
Augenblick von dem Haufen Schriftstücke auf, die den Tisch bedeckten,
und sah sich um.
»Wir haben Kortschagin rufen lassen und nicht dich.«
Raswalichin stieß eine dicke Rauchwolke aus.
»Kortschagin liebt es nicht hierher zufahren. Sogar darum muss ich mich
kümmern … Manche Sekretäre haben es überhaupt gut. Sie rühren
keinen Finger und lassen solche Esel wie mich schuften. Sobald
Kortschagin an die Grenze fährt, lässt er sich zwei bis drei Wochen
lang nicht blicken, und dann habe ich die ganze Arbeit auf dem Buckel.«
Raswalichin gab unzweideutig zu verstehen, dass eben nur er der
geeignete Sekretär für das Bezirks-Jugendkomitee sei.
»Mir gefällt dieser Kerl nicht«, sagte Fedotow offen zu seinen
Genossen, als Raswalichin aus dem Zimmer gegangen war.
Raswalichins Quertreibereien wurden ganz zufällig aufgedeckt. Eines
Tages erschien Lissizyn bei Fedotow, um die Post abzuholen. Jeder, der
aus dem Bezirk kam, nahm die Post für alle anderen mit. Fedotow hatte
eine eingehende Unterredung mit Lissizyn, und Raswalichin wurde
entlarvt.
»Schick uns aber trotzdem Kortschagin her. Wir kennen ihn ja fast gar
nicht«, sagte Fedotow beim Abschied.
»Gut. Aber nur unter einer Bedingung. Lasst euch nicht einfallen, ihn
uns wegzuschnappen. Dagegen werden wir ganz energisch protestieren.«
In
diesem Jahr wurde im Grenzgebiet die Oktoberfeier mit besonderer
Begeisterung begangen. Kortschagin war zum Vorsitzenden der
Oktoberkommission der Grenzdörfer gewählt worden. Nach einem Meeting
in Poddubzy zog eine fünftausendköpfige Menge von Bauern und Bäuerinnen,
die aus drei Nachbardörfern zusammengeströmt waren, mit einem
Blasorchester und dem Ausbildungsbataillon an der Spitze, unter wehenden
roten Fahnen zur Grenze. In strenger Ordnung marschierte, auf
sowjetischem Boden, die einen halben Kilometer lange Kolonne von hier
aus in die von der Grenze in zwei Teile getrennten Dörfer. Noch niemals
hatten die Polen hier einen solchen Aufmarsch gesehen. An der Spitze des
Zuges ritten der Bataillonskommandeur Gawrilow und Kortschagin, ihnen
folgte dröhnend und schmetternd das Blasorchester, Fahnen wehten, und
Lieder erschollen ohne Ende. Die Dorfjugend trug Feiertagskleidung, überall
herrschte Fröhlichkeit, erklang silberhelles Lachen der jungen Bäuerinnen.
Ernst waren die Gesichter der Erwachsenen und feierlich die der Greise.
So weit das Auge reichte, ergoss sich dieser Menschenstrom - und das
Ufer dieses Stromes war die Grenze. An keiner Stelle wurde die verbotene
Zone auch nur von einem einzigen betreten.
Kortschagin ließ die Menschen an sich vorübermarschieren.
Trotzig erklang das Komsomolzenlied:
Von
Sibiriens Urwald bis zur britischen See
ist niemand so stark wie die Rote Armee!
Und
dann setzte der Mädchenchor ein:
Auf
dem Berge oben mäht die Schnitterschar …
Mit
freudigem Lächeln wurden die Kolonnen von den Sowjetposten begrüßt,
und verwirrt schauten die polnischen Posten herüber. Obgleich das
polnische Grenzkommando rechtzeitig von der Demonstration in Kenntnis
gesetzt worden war, rief sie doch jenseits der Grenze Beunruhigung
hervor. Die berittenen Patrouillen der polnischen Grenzwache begannen
geschäftig herumzuschnüffeln. Die Wachposten wurden um das Fünffache
verstärkt und in den Schluchten für alle Fälle Reserven
bereitgehalten. Die Kolonne marschierte jedoch weiter auf heimatlichem
Boden, lärmend und fröhlich, und weithin erklangen ihre Lieder.
Auf einem Erdhügel stand ein polnischer Wachposten. Gemessenen
Schrittes bewegte sich der Zug vorüber. Die ersten Töne eines
Marschliedes erklangen. Der Pole nahm das Gewehr von der Schulter und
leistete, Gewehr bei Fuß, die
Ehrenbezeigung, Kortschagin vernahm deutlich:
»Es lebe die Kommune!«
Die Augen des Soldaten bestätigten, dass er diese Worte gesagt hatte.
Unverwandt schaute Pawel ihn an.
Ein Freund! Unter dem Soldatenmantel schlägt ein mit uns
sympathisierendes Herz. Kortschagin erwiderte leise in polnischer
Sprache:
»Grüß dich, Genosse!«
Der Wachposten blieb zurück. Er ließ die Kolonnen an sich vorübermarschieren
und hielt das Gewehr immer noch in derselben Stellung. Pawel drehte sich
noch einige Male nach der kleinen dunklen Gestalt um. Aber da stand
schon ein anderer Pole, einer mit ergrautem Schnurrbart. Unter dem
vernickelten Schirm seiner Mütze schauten unbeweglich trübe Augen
hervor. Kortschagin, der noch immer unter dem Eindruck des soeben
Vernommenen stand, murmelte in polnischer Sprache vor sich hin:
»Sei gegrüßt, Genosse!«
Aber es kam keine Antwort.
Gawrilow lächelte. Er hatte alles mit angehört.
»Du verlangst zuviel auf einmal«, sagte er.
»Außer den einfachen Infanteristen gibt es hier ja noch die
Feldgendarmerie. Hast du seine Armeetressen gesehen? Das war ein
Gendarm.«
Die Spitze der Kolonne stieg bereits in das durch die Grenze halbierte
Dorf hinunter. Auf der sowjetischen Seite bereitete man den Ankommenden
einen festlichen Empfang. Am Ufer des Flüsschens, dicht an der Grenzbrücke,
hatte sich das ganze Sowjetdorf versammelt. Mädchen und Burschen hatten
am Wegrand Aufstellung genommen. Auf polnischer Seite beobachteten die
Menschen, dicht aneinandergedrängt, von Hausdächern und Schuppen herab
unverwandt die Vorgänge jenseits des Flusses. Auf den Schwellen der Hütten
und an den Zäunen standen viele Bauern. Als der Zug durch den von
Menschen gebildeten Korridor marschierte, spielte das Orchester die »Internationale«.
Von einer provisorisch errichteten, mit grünen Zweigen geschmückten
Tribüne hielten sowohl die Jungen als auch die Alten feurige
Ansprachen. Kortschagin redete in seiner ukrainischen Muttersprache. Die
Worte schallten über die Grenze und waren auch auf dem jenseitigen Ufer
hörbar. Dort aber wollte man verhindern, dass seine Worte die Herzen
der Bewohner entflammten. Eine Gendarmeriepatrouille raste durchs Dorf,
jagte die Einwohner mit Peitschenhieben in die Häuser und schoss auf
die Dächer.
Die Straßen leerten sich rasch. Die Kugeln hatten die Jugend von den Dächern
verjagt. Am Sowjetufer sahen die Menschen diesem Treiben mit finsterer
Miene zu. Gestützt von jungen Burschen, kletterte ein alter Hirt auf
die Tribüne und begann ganz empört zu sprechen:
»Da habt ihr's! Schaut nur hin, Kinder! So hat man einst auch uns geprügelt.
Aber heute wird niemand im Dorf erleben, dass unsere Sowjetmacht zulässt,
einen Bauern mit der Peitsche zu züchtigen. Wir haben mit unseren Pans
Schluss gemacht - und damit ist es auch mit der Peitsche vorbei. Haltet
diese Macht fest in euren Händen, Jungen. Ich bin alt, ich kann keine
Reden halten. Aber sagen möchte ich euch viel: über unser früheres
Leben, als wir unter dem Zaren schuften mussten wie die Ochsen im Joch.
Jetzt will einem schier das Herz brechen, wenn man das da drüben sieht
…!« Er wies mit der knochigen Hand über den Fluss und fing an zu
weinen wie ein kleines Kind.
Nach dem Alten sprach Grischa Choworodko. Gawrilow, der seiner zornigen
Ansprache lauschte, riss sein Pferd herum und schaute aufmerksam zum
anderen Ufer hinüber, um zu sehen, ob drüben die Rede mitgeschrieben
wurde.
Doch das Ufer war menschenleer, sogar der Brückenposten war zurückgezogen
worden.
»Scheint diesmal ohne eine Note an das Volkskommissariat für Auswärtige
Angelegenheiten abzugehen«, scherzte er.
In einer regnerischen Herbstnacht, gegen Ende November, wurde dem
Banditen Antonjuk und seinen sieben Spießgesellen das blutige Handwerk
gelegt. Man erwischte die Räuberbande auf der Hochzeit eines reichen
Kolonisten in Maidan-Villa. Die Chrolinsker Kommunarden räumten hier
endgültig mit diesem Gesindel auf.
Geschwätzige Weiberzungen hatten die Nachricht von den Gästen auf der
Kolonistenhochzeit in Umlauf gebracht. Augenblicklich hatte sich die
Zelle -insgesamt zwölf Mann - versammelt und mit allem, was nur
aufzutreiben war, bewaffnet. Sie kamen auf Fuhrwerken nach Maidan-Villa,
während ein Bote Hals über Kopf nach Beresdow jagte. In Semaki stieß
er auf die Abteilung Filatows, der sich mit seinen Leuten sogleich in
Trab setzte und nach Maidan-Villa ritt, um der Spur des Banditen zu
folgen. Die Chrolinsker Kommunarden hatten inzwischen das Gehöft
umzingelt, und dann begannen die Waffen sich mit der Bande Antonjuks zu
unterhalten. Dieser verschanzte sich mit den Seinen in einem kleinen
Seitenflügel und empfing jeden, der ihm vors Korn kam, mit einem
Bleihagel. Er versuchte einen Ausfall zu machen, aber die Chrolinsker
Burschen jagten ihn wieder ins Seitengebäude zurück, wobei einer der
acht, von einer Kugel durchbohrt, liegen blieb. Mehr als einmal war
Antonjuk in derartige Situationen geraten, aber bisher war er stets mit
heiler Haut davongekommen. Handgranaten und die nächtliche Dunkelheit
hatten ihm immer wieder aus der Patsche geholfen. Vielleicht wäre er
auch diesmal wieder entwischt, denn schon hatten zwei Kommunarden ihr
Leben lassen müssen, aber da kam Filatow mit seiner Gruppe gerade im
rechten Augenblick angesprengt, und Antonjuk begriff, dass er diesmal
endgültig festsaß. Bis zum Morgengrauen pfiffen die Kugeln aus allen
Fenstern des Seitenflügels, bei Tagesanbruch jedoch wurde der Flügel
genommen und die Räuberbande ausgerottet. Von den acht hatte sich
keiner ergeben.
Vier Genossen kostete dieser Kampf das Leben, drei davon hatte die junge
Chrolinsker Komsomolzelle geopfert.
Kortschagins
Bataillon nahm an den Herbstmanövern der Territorialtruppen teil. Die
vierzig Kilometer bis zum Lager der Division bewältigte die Truppe an
einem Tag bei strömendem Regen. Der Marsch begann am frühen Morgen und
endete spätabends. Bataillonskommandeur Gussew und sein Kommissar
legten die Strecke zu Pferd zurück. Die achthundert
Vordienstpflichtigen, die sich kaum noch in die Kaserne schleppen
konnten, fielen sofort in tiefen Schlaf. Der Stab der
Territorialdivision hatte das Bataillon zu spät hinbeordert, denn schon
für den nächsten Morgen waren die Manöver angesetzt. Das
neueingetroffene Bataillon nahm auf dem Exerzierplatz Aufstellung und
wurde einer Musterung unterzogen. Bald darauf sprengten aus dem
Divisionsstab mehrere Berittene heran. Das Bataillon, das bereits mit
Uniform und Gewehren ausgerüstet worden war, machte einen prächtigen
Eindruck. Sowohl Gussew, ein erfahrener Kommandeur, als auch Kortschagin
hatten viel Kraft und Zeit auf ihr Bataillon verwandt und konnten sich
auf die ihnen anvertrauten Truppen verlassen.
Als die offizielle Musterung zu Ende war und das Bataillon seine Manövrierfähigkeit
gezeigt hatte, fuhr einer der Kommandeure, der ein schönes, jedoch
aufgedunsenes und verlebtes Gesicht hatte, Kortschagin schroff an:
»Weshalb sind Sie zu Pferd? Bei uns ist das den Kommandeuren und
Kriegskommissaren der Ausbildungsbataillone nicht gestattet. Ich befehle
Ihnen, das Pferd im Stall einzustellen und die Manöver zu Fuß
mitzumachen!«
Kortschagin wusste, dass er nicht imstande sein würde, ohne Pferd das
Manöver durchzuhalten, er würde nicht einen einzigen Kilometer zu Fuß
zurücklegen können. Aber wie sollte er das diesem gezierten Laffen
beibringen, der geschniegelt und gebügelt vor ihm stand?
»Ohne Pferd kann ich an den Manövern nicht teilnehmen.«
»Weshalb?«
Da er einsah, dass er seine Weigerung nicht anders begründen konnte,
erwiderte Kortschagin mit dumpfer Stimme:
»Ich habe geschwollene Füße und kann deshalb nicht eine ganze Woche
lang umherlaufen. Außerdem weiß ich nicht, wer Sie sind, Genosse.«
»Erstens bin ich der Stabschef Ihres Regiments, und zweitens wiederhole
ich nochmals meinen Befehl, abzusitzen. Wenn Sie Invalide sind, so trage
nicht ich die Schuld, dass Sie Militärdienst leisten.«
Kortschagin zuckte wie unter .einem Peitschenhieb zusammen. Er riss sein
Pferd an den Zügeln, Gussews feste Hand hielt ihn aber zurück.
Einige Minuten lang kämpften in Pawel zwei Gefühle: Kränkung und
Selbstbeherrschung. Pawel Kortschagin war jedoch nicht mehr jener
Rotarmist, der ohne Bedenken von einem Truppenteil zum anderen hinüberwanderte.
Er war Kriegskommissar eines Bataillons, und dieses Bataillon stand
hinter ihm. Was für ein Beispiel an Disziplin würde er durch sein
Benehmen den Jungen geben? Hatte er doch sein Bataillon nicht für
diesen Laffen erzogen! Er nahm seine Füße aus den Steigbügeln, saß
ab und schritt, einen jähen Schmerz in den Gelenken unterdrückend, zum
rechten Flügel.
Einige Tage lang herrschte außergewöhnlich schönes Wetter. Die Manöver
gingen ihrem Ende entgegen. Am fünften Tag wurden sie in der Umgebung
von Schepetowka durchgeführt, wo sie auch ihren Abschluss finden
sollten. Das Beresdower Bataillon erhielt den Auftrag, den Bahnhof vom
Dorf Klimentowitschi her zu nehmen.
Kortschagin, der die Gegend ausgezeichnet kannte, zeigte Gussew alle
Anmarschwege. Das Bataillon wurde in zwei Gruppen geteilt, fiel in einem
weit ausholenden Umgehungsmanöver, das vom Gegner unbemerkt blieb,
diesem in den Rücken und erstürmte unter Hurrarufen den Bahnhof. Laut
Gutachten des Schiedsrichters war diese Operation glänzend durchgeführt
worden. Der Bahnhof blieb in den Händen der Beresdower, und das ihn
verteidigende Bataillon, dem der Verlust von fünfzig Prozent seines
Mannschaftsbestandes gebucht wurde, musste sich in den Wald zurückziehen.
Kortschagin, der das Kommando über die eine Bataillonshälfte übernommen
hatte, stand mitten auf der Straße mit dem Kommandeur und dem
Politleiter der dritten Kompanie und erteilte Befehle über die
Aufstellung der Schützenlinie.
»Genosse Kommissar«, rief ihm ein herbeieilender Rotarmist zu, »der
Batallionskommandeur lässt fragen, ob die Bahnübergänge mit MG-Schützen
besetzt sind. Gleich wird eine Kommission eintreffen«, berichtete er
ganz außer Atem.
Pawel ging sofort mit den Kommandeuren zum Bahnübergang.
Dort war schon der ganze Regimentsstab versammelt. Man gratulierte
Gussew zu der gelungenen Operation. Die Vertreter des geschlagenen
Bataillons traten verlegen von einem Fuß auf den anderen, ohne auch nur
den Versuch zu machen, sich zu rechtfertigen.
»Das ist nicht mein Verdienst. Kortschagin stammt aus dieser Gegend und
hat uns geführt.«
Der Stabschef ritt dicht an Pawel heran und sagte spöttisch:
»Sie können ja fabelhaft laufen, Genosse. Und zu Pferd kamen Sie wohl
aus bloßer Wichtigkeit angeritten, wie?«
Er wollte noch etwas hinzufügen, aber Kortschagins Blick brachte ihn
zum Schweigen. Als der Stab davongeritten war, erkundigte sich
Kortschagin leise bei Gussew: »Weißt du, wie der heißt?«
Gussew klopfte ihm auf die Schulter.
»Ach lass das, schenk doch diesem Gecken keine Aufmerksamkeit.
Tschushanin heißt er, ein ehemaliger Fähnrich, glaube ich.«
Kortschagin überlegte den ganzen Tag, woher er diesen Namen kannte,
aber er kam nicht darauf.
Die
Manöver waren zu Ende. Das Bataillon, das die Bewertung »Ausgezeichnet«
erhalten hatte, marschierte nach Beresdow zurück. Kortschagin, der völlig
erschöpft war, blieb zwei Tage bei seiner Mutter. Das Pferd ließ er
Artjom zur Pflege. Pawel schlief täglich zwölf Stunden hintereinander,
am dritten Tag suchte er Artjom im Depot auf. In diesem verräucherten
Gebäude fühlte er
sich zu Hause. Gierig sog er den Kohlendunst ein. Alles hier zog ihn
unwiderstehlich an, alles, was ihm früher so nah und vertraut, womit
einst seine Kindheit und Jugend verbunden gewesen war. Es war ihm, als
habe er irgend etwas Teures verloren. Wie viele Monate schon hatte er
das Pfeifen der Lokomotiven nicht mehr gehört. Und wie der Seemann nach
langer Trennung jedes Mal beim Anblick des tiefblauen endlosen Meeres
wieder in Erregung gerät, so schlug jetzt auch dem ehemaligen Heizer
und Monteur inmitten der ihm so vertrauten Umgebung das Herz rascher.
Lange konnte er diese Empfindung nicht überwinden.
Mit dem Bruder sprach er wenig. Auf Artjoms Stirn bemerkte er eine neue
tiefe Furche. Artjom arbeitete jetzt am Schmiedefeuer. Daheim war
unterdessen ein zweites Kind angekommen. Sein Leben schien schwer zu
sein. Artjom sprach darüber kein Wort, doch es war auch ohne Worte
klar.
Ein, zwei Stunden arbeiteten sie miteinander; dann trennten sie sich. Am
Bahnübergang hielt Pawel sein Pferd an und blickte lange nach dem
Bahnhof zurück. Unvermittelt gab er dem Rappen die Sporen und jagte den
Waldweg entlang.
Die Waldwege waren jetzt ungefährlich. Es gab keine Überfälle mehr.
Die Bol-schewiki hatten mit den kleinen und großen Banditen aufgeräumt
und ihre Nester ausgehoben. In den Dörfern des Bezirks war das Leben
wieder ruhiger geworden.
Gegen Mittag traf Kortschagin in Beresdow ein. Am Eingang des
Bezirkskomitees kam ihm Lida Polewych freudig entgegen.
»Endlich bist du wieder da! Wir haben schon Sehnsucht nach dir gehabt.«
Sie legte den Arm um seine Schultern und ging mit ihm ins Haus.
»Wo ist denn Raswalichin?« erkundigte sich Kortschagin, als er seinen
Mantel ablegte.
Lida antwortete widerwillig:
»Weiß nicht, wo der steckt. Ah, jetzt entsinne ich mich! Am Morgen
sagte er mir, er gehe in die Schule, um dort für dich Unterricht in
Gesellschaftskunde zu geben. ›Das ist überhaupt meine Aufgabe,‹
sagte er, ›und nicht die Kortscha-gins.‹«
Diese Neuigkeit berührte Pawel unangenehm. Raswalichin hatte ihm
niemals besonders gefallen. Was wird dieser Kerl nur in der Schule
anstellen? dachte er missvergnügt.
»Nun gut. Erzähl mir, was bei euch los ist, warst du in Gruschonka?
Wie geht es den Jungen dort?«
Lida berichtete ihm alles. Kortschagin legte sich auf den Diwan und
streckte die müden Beine aus.
»Die Rakitina ist vorgestern als Kandidat in die Partei aufgenommen
worden. Das wird unsere Poddubzer Zelle noch mehr festigen. Sie ist ein
feiner Kerl und gefällt mir sehr. Siehst du, auch bei der Lehrerschaft
beginnt jetzt ein beachtlicher Umschwung. Einige von ihnen gehen ganz zu
uns über.«
An manchen Abenden saßen in Lissizyns Zimmer drei Menschen bis spät in
die Nacht um den großen Tisch herum. Es waren Lissizyn, Kortschagin und
der neue Sekretär des Bezirks-Parteikomitees, Lytschikow.
Die Schlafzimmertür war geschlossen. Anjutka und Lissizyns Frau
schliefen schon längst. Die drei jedoch saßen über ein kleines Buch
gebeugt: »Russische Geschichte« von Pokrowski. Sie fanden nur in der
Nacht Zeit zum Lernen.
Die Abende, an denen Pawel nicht in den Dörfern zu tun hatte,
verbrachte er bei Lissizyns und musste jedes Mal betrübt feststellen,
dass Lytschikow und Nikolai ihn schon wieder überholt hatten.
Aus
Poddubzy kam die Hiobsbotschaft, Grischa Chorowodko sei nachts von
unbekannten Tätern ermordet worden. Ungeachtet der Schmerzen in seinen
Füßen, eilte Kortschagin auf diese Nachricht hin zum Pferdestall des
Exekutivkomitees: In fieberhafter Hast sattelte er ein Pferd und
sprengte, die Flanken
des Tieres mit der geflochtenen Peitsche striegelnd, in Richtung der
Grenze davon.
In dem geräumigen Haus des Dorfsowjets lag Grischa, von Tannengrün
umgeben und mit der Fahne des Dorfsowjets bedeckt. Bis zum Eintreffen
der Behörde hatte man niemanden an ihn herangelassen. Ein Rotarmist der
Grenztruppen und ein Jungkommunist hielten Ehrenwache. Kortschagin
betrat den Raum, näherte sich dem Tisch und schlug das Fahnentuch zurück.
Wachsbleich, mit weitgeöffneten Augen, aus denen noch die Todesqual
starrte, lag Grischa mit zur Seite geneigtem Kopf da. Der von einem
scharfen Gegenstand zerschmetterte Hinterkopf war mit einem Tannenzweig
bedeckt.
Wer erschlug diesen Jungen, den einzigen Sohn der Witwe Chorowodko, die
schon ihren Mann, einen Mühlenarbeiter, der Mitglied des Komitees der
Dorfarmut gewesen war, in der Revolution verloren hatte?
Die Nachricht von der Ermordung ihres Sohnes hatte der alten Frau die
Besinnung geraubt. Nachbarinnen waren herbeigeeilt und hatten sich um
die Ohnmächtige bemüht. Und der Sohn lag mit stummen Lippen und wahrte
das Geheimnis seines Todes.
Grischas Tod brachte das ganze Dorf in Aufruhr. Es erwies sich, dass der
junge Sekretär der Komsomolzen und Beschützer der Landarbeiter im Dorf
mehr Freunde als Feinde gehabt hatte.
Erschüttert von diesem plötzlichen Todesfall, saß die Rakitina
weinend in ihrem Zimmer und hob nicht einmal den Kopf, als Kortschagin
eintrat.
»Was meinst du, Genossin Rakitina, wer hat ihn ermordet?« fragte
Kortschagin mit dumpfer Stimme und ließ sich schwer auf einen Stuhl
fallen.
»Wer denn anders als diese Müllerbande! Grischa war ja diesen
Schmugglern ein Dorn im Auge.« -
An Grischas Begräbnis nahmen die Einwohner zweier Dörfer teil.
Kortschagin traf mit seinem ganzen Bataillon ein, und auch die gesamte
Jugendorganisation des Bezirkes erschien, um ihrem Genossen die letzte
Ehre zu erweisen. Gawrilow ließ zweihundertfünfzig Grenzarmisten auf
dem Platze des Dorfsowjets Aufstellung nehmen. Unter den wehmütigen Klängen
des Trauermarsches wurde der rot geschmückte Sarg hinausgetragen und
auf dem Platz aufgestellt, wo neben den Gräbern der gefallenen
Bolschewiki, der Partisanen des Bürgerkrieges, ein frisches Grab
ausgehoben worden war.
Grischas Tod schloss die Reihen derer, für die er sich immer eingesetzt
hatte, nur noch fester zusammen. Die Landarbeiterjugend und die arme
Bauernschaft gelobten der Zelle ihre Unterstützung, und alle, die
voller Zorn an Grischas Grab sprachen, forderten den Tod der Mörder,
verlangten, dass man sie ausfindig machen und hier auf dem Dorfplatz
neben seinem Grabe richten solle, damit jedermann das Antlitz des
Feindes sehen könne. - Drei Salven erdröhnten, und das frische Grab
wurde mit Tannenzweigen geschmückt.
Am selben Abend noch wurde Genossin Rakitina zum neuen Sekretär der
Zelle gewählt.
Von dem Grenzposten der GPU erhielt Kortschagin die Mitteilung, dass man
dort den Mördern auf die Spur gekommen sei.
Eine
Woche später wurde im Theater des Ortes die zweite Tagung des
Bezirkssowjets eröffnet. Ernst und feierlich begann Lissizyn sein
Referat.
»Genossen, voller Genugtuung kann ich euch berichten, dass wir alle im
vergangenen Jahr eine große Arbeit durchgeführt haben. Wir haben die
Sowjetmacht in unserem Bezirk gefestigt, das Banditenunwesen mit der
Wurzel ausgerottet und die Schmuggelei unterbunden. Die Organisationen
der Dorfarmut haben sich gut entwickelt. Die Jugendorganisation ist um
das Zehnfache gewachsen, und auch die Parteiorganisation hat sich verstärkt.
Das jüngste Verbrechen der Kulaken in Poddubzy, deren Opfer unser
Genosse Chorowodko geworden ist, wurde von uns aufgedeckt. Die Mörder -
der Müller und sein Schwiegersohn - sind verhaftet und werden in den nächsten
Tagen durch das Gouvernementsgericht zur Verantwortung gezogen.
Zahlreiche Delegationen aus den Dörfern haben dem Präsidenten die
Forderung übermittelt, sich durch
einen speziellen Beschluss dafür einzusetzen, dass diesen Banditen und
Terroristen gegenüber unbedingt das höchste Strafmaß angewandt wird.«
Der Saal dröhnte von Zurufen:
»Wir unterstützen diesen Antrag. Tod den Feinden der Sowjetmacht!« In
einer Seitentür erschien Lida Polewych. Sie winkte Pawel zu sich. Im
Korridor überreichte ihm Lida ein Kuvert mit der Aufschrift »Eilig«.
Er öffnete den Umschlag.
An
das Bezirksskomitee des Kommunistischen Jugendverbandes Beresdow, Kopie
an das Bezirkskomitee der Partei. Laut Beschluss der Leitung des
Gouvernementskomitees wird Genosse Kortschagin aus dem Bezirk abberufen
und dem Gouvernementskomitee für eine verantwortliche Arbeit im
Jugendverband zur Verfügung gestellt.
Kortschagin
nahm Abschied von dem Bezirk, in dem er ein Jahr lang gearbeitet hatte.
Auf der letzten Sitzung des Bezirks-Parteikomitees wurden zwei Fragen
behandelt: erstens die Aufnahme des Parteikandidaten Genossen
Kortschagin in die Partei, und zweitens die Bestätigung seiner
Charakteristik und seine Befreiung von der Arbeit als Sekretär des
Bezirks-Jugendkomitees.
Lissizyn und Lida drückten Pawel fest und herzlich die Hand.
Freundschaftlich umarmten sie einander, und als Pawels Pferd vom Hof in
die Straße einbog, feuerten ein Dutzend Pistolen Salutschüsse in die
Luft.
FÜNFTES
KAPITEL
Laut
rasselnd kroch die Straßenbahn mühsam die steile Funduklejewskaja-Straße
hinauf. Beim Operntheater machte sie halt. Eine Gruppe junger Leute
stieg aus, und die Straßenbahn rasselte weiter bergan.
Pankratow trieb die Säumigen an:
»Los, Jungs, wir kommen schon zu spät.« Okunew holte ihn erst knapp
vor dem Theatereingang ein.
»Kannst du dich noch daran erinnern, Genka, vor drei Jahren sind wir
genauso hierher gekommen. Damals fand Dubawa mit der ehemaligen Gruppe
der ›Arbeiteropposition‹ zu uns zurück. Ein schöner Abend war das.
Und heute werden wir wieder mit Dubawa zu kämpfen haben.«
Pankratow gab Okunew erst im Saal Antwort, nachdem sie den am Eingang
postierten Kontrolleuren ihre Mandate vorgewiesen hatten:
»Ja, die alte Geschichte mit Dubawa wiederholt sich von neuem und an
demselben Ort.«
Sie wurden zur Ruhe ermahnt und waren gezwungen, sich auf die nächstgelegenen
freien Plätze zu begeben. Die Abendsitzung der Konferenz war bereits eröffnet.
Auf der Tribüne stand eine Frau.
»Wir sind gerade im richtigen Moment gekommen. Setz dich und hör zu,
was dein Frauchen zu sagen hat«, flüsterte Pankratow und stieß Okunew
mit dem Ellbogen an.
»… Es stimmt, wir haben viele Kräfte in der Diskussion vertan, doch
dafür hat unsere Jugend, die sich an der Aussprache beteiligte, so
manches gelernt. Wir stellen mit großer Genugtuung die Tatsache fest,
dass die Trotzki-Anhänger in unserer Organisation ganz offensichtlich
aufs Haupt geschlagen wurden. Sie können sich nicht beschweren, dass
wir ihnen keine Möglichkeit gegeben haben, sich auszusprechen, ihre
Meinung frei zu äußern. Nein, im Gegenteil: Die Handlungsfreiheit, die
wir ihnen eingeräumt haben, hat zu einer großen Reihe grober
Verletzungen gegen die Parteidisziplin geführt.«
Talja war aufgeregt, eine Haarsträhne fiel ihr ins Gesicht und störte
sie beim Sprechen. Mit einem Ruck warf sie den Kopf zurück.
»Wir haben hier viele Genossen aus den Bezirken angehört, und alle erzählten
uns von den Methoden, die die Trotzkisten anwenden. Auf unserer
Konferenz sind sie in ziemlich großer Anzahl vertreten. Die Bezirke
haben
ihnen bewusst Mandate eingeräumt, damit sie hier auf der
Stadt-Parteikonferenz noch einmal ihre Meinung äußern können. Es ist
nicht unsere Schuld, wenn nur wenige von ihnen auftreten. Ihr völliger
Bankrott in den Bezirken und Zellen hat sie ein wenig belehrt. Es ist
nicht so einfach, auf dieser Tribüne das zu wiederholen, was sie noch
gestern vertreten haben.«
Talja wurde von einer scharfen Stimme unterbrochen, die aus der rechten
Ecke des Parterres kam:
»Wir werden schon noch auftreten!« Talja Lagutina wandte sich um:
»Nun, was denn, Dubawa? Tritt doch auf und sag, was du zu sagen hast.
Wir werden dich anhören«, schlug sie vor.
Dubawa blickte sie herausfordernd an und verzog nervös den Mund.
»Es kommt die Zeit - da werden wir schon unsere Meinung sagen!« schrie
er und erinnerte sich an die gestrige schwere Niederlage, die er in
seinem Bezirk, in dem ihn jeder kannte, erlitten hatte.
Im Saal begann man zu murren. Pankratow konnte sich nicht mehr
beherrschen und rief:
»Was, ihr wollt noch einmal an unserer Partei rütteln?« Dubawa
erkannte seine Stimme. Er wandte jedoch nicht einmal den Kopf, biss sich
nur krampfhaft auf die Lippen und starrte zu Boden. Talja fuhr fort:
»Als krasses Beispiel, wie die Trotzkisten die Parteidisziplin
verletzen, kann Dubawa dienen. Er ist einer unserer alten
Komsomolfunktionäre. Viele kennen ihn, besonders die Arsenalarbeiter.
Dubawa ist Student der Charkower Kommunistischen Universität. Wir
wissen jedoch alle, dass er sich genauso wie Schkolenko schon fast drei
Wochen hier aufhält. Was haben die beiden gerade jetzt, mitten im
Semester, hier zu suchen? Es gibt nicht einen einzigen Bezirk in der
Stadt, in dem sie nicht aufgetreten wären. Es ist wahr, dass Schkolenko
in den letzten Tagen etwas nüchterner zu werden beginnt. Wer hat sie
aber hierher geschickt? Außer ihnen gibt es noch eine ganze Reihe
anderer Trotzkisten aus verschiedenen Organisationen. Alle haben sie
hier einmal gearbeitet und sind jetzt hergekommen, das Feuer des
innerparteilichen Kampfes zu entfachen. Ist ihre Parteiorganisation über
ihren Aufenthaltsort informiert? Natürlich nicht.«
Die Konferenz erwartete von den Trotzkisten ein öffentliches Bekenntnis
ihrer Fehler. Talja versuchte sie zum Eingeständnis dieser Fehler zu
bewegen und sprach zu ihnen, als stände sie nicht auf der Rednertribüne,
sondern führe eine kameradschaftliche Aussprache mit ihnen.
»Könnt ihr euch noch daran erinnern? Vor drei Jahren fand Dubawa in
diesem selben Theater mit der ehemaligen Gruppe der
›Arbeiteropposition‹ zu uns zurück. Erinnert ihr euch noch seiner
Worte: ›Niemals werden wir das Banner der Partei beflecken.‹ Kaum
sind drei Jahre vergangen, und Dubawa hat es befleckt. Ja, ich behaupte
- er hat es befleckt. Denn seine Worte ›Wir werden schon unsere
Meinung sagen‹ beweisen, dass er und seine trotzkistischen
Gesinnungsgenossen noch weiterzugehen gedenken.«
Von den hinteren Plätzen ließ sich eine Stimme hören:
»Soll doch mal Tufta vom Barometer erzählen, er ist bei ihnen so was
wie ein Meteorologe.«
Erregte Stimmen wurden laut:
»Genug der Kindereien!«
»Antworten sollen sie uns, ob sie den Kampf gegen die Partei einstellen
wollen oder nicht!«
»Sie sollen uns sagen, wer die parteifeindliche Erklärung verfasst
hat!«
Die Erregung steigerte sich immer mehr. Lange schwang der Vorsitzende
die Glocke.
Taljas Worte verhallten im Stimmengewirr. Doch der Sturm legte sich
bald, und ihre Stimme drang wieder durch.
»Wir erhalten Briefe von unseren Genossen aus entlegenen Bezirken. Sie
gehen mit uns, und das feuert uns noch mehr an. Gestattet mir, einen
Auszug aus einem dieser Briefe zu verlesen. Der Brief ist von Olga
Jurenewa. Viele von
euch kennen sie. Sie ist jetzt Leiterin der Organisationsabteilung eines
Kreis-Jugendkomitees.«
Talja zog aus einem Stoß Papiere ein Blatt heraus, überflog es und las
vor: »Die praktische Arbeit wird vernachlässigt. Die ganze
Jugendleitung ist bereits den vierten Tag in den Bezirken. Die
Trotzkisten haben den Kampf mit außergewöhnlicher Schärfe begonnen.
Gestern kam es zu einem Vorfall, über den die ganze Organisation empört
ist. Die Oppositionszellen, die in der Stadt in keiner einzigen Zelle
die Mehrheit erhalten konnten, entschlossen sich, in der Zelle des
Kreis-Kriegskommissariats, zu der auch die Kommunisten der
Kreis-Plankommission und der Gewerkschaft der Bildungsarbeiter gehören,
mit vereinten Kräften eine Schlacht zu liefern. Die Zelle zählt
zweiundvierzig Mann, er hatten sich dort aber alle Trotzkisten
eingefunden. Noch niemals haben wir derart parteifeindliche Reden wie
auf dieser Versammlung zu hören bekommen. Einer von den
Kriegskommissariatsleuten meldete sich und erklärte wortwörtlich:
›Wenn der Parteiapparat nicht nachgibt, werden wir ihn mit Gewalt
zerschlagen.‹ Diese Erklärung wurde von den Oppositionellen mit
Beifall aufgenommen. Da trat Kortschagin auf und sagte: ›Wie konntet
ihr als Parteimitglieder diesem Faschisten Beifall klatschen?‹ Man ließ
Kortschagin nicht aussprechen, polterte mit den Stühlen und brüllte.
Die Zellenmitglieder, empört über dieses pöbelhafte Benehmen,
forderten, dass man Kortschagin anhöre. Als jedoch Pawel von neuem zu
sprechen begann, wurde abermals Obstruktion getrieben. Pawel rief ihnen
zu: ›So sieht also eure Demokratie aus! Und doch werde ich sprechen!
‹ Da packten ihn einige und versuchten ihn von der Tribüne zu zerren.
Nun ging etwas Ungeheuerliches vor sich. Pawel wehrte sich und sprach
weiter, sie schleppten ihn jedoch von der Bühne, öffneten eine Seitentür
und warfen ihn die Treppe hinunter, und irgendein Schuft schlug ihm das
Gesicht blutig. Fast die ganze Zelle verließ die Versammlung. Dieser
Vorfall hat vielen die Augen geöffnet…« Talja verließ die Tribüne.
Segal
arbeitete bereits zwei Monate als Agitpropleiter des
Gouvernements-Parteikomitees. Jetzt saß er im Präsidium neben Tokarew
und lauschte aufmerksam den Reden der Delegierten der
Stadt-Parteikonferenz. Vorläufig sprachen fast ausschließlich junge
Genossen, die noch Mitglieder des Jugendverbandes waren.
Wie sie in diesen Jahren gewachsen sind, dachte Segal.
»Den Oppositionellen ist der Boden unter den Füßen schon heiß
geworden«, sagte er zu Tokarew, »und dabei haben wir noch nicht einmal
die schwere Artillerie auffahren lassen. Jetzt schlägt selbst die
Jugend die Trotzkisten kurz und klein.«
Auf die Tribüne sprang Tufta. Im Saal wurde sein Erscheinen mit
missbilligenden Rufen und einem kurzen Heiterkeitsausbruch begrüßt.
Tufta wandte sich dem Präsidium zu und wollte schon gegen einen
derartigen Empfang Protest erheben, doch es herrschte bereits wieder
Ruhe.
»Hier hat mich jemand einen Meteorologen genannt. Da kann man gleich
sehen, Genossen von der Mehrheit, wie ihr euch über meine politischen
Anschauungen lustig macht!« rief er in einem Atemzug aus.
Allgemeines Gelächter folgte seinen Worten. Tufta wies entrüstet auf
den Saal.
»Wie ihr auch lachen mögt, ich wiederhole nochmals, dass die Jugend
ein Barometer ist. Lenin hat einige Male darüber geschrieben.«
Sofort wurde es still im Saal.
»Was hat er geschrieben?« rief man ihm entgegen.
Tufta wurde lebhafter.
»Als der Oktoberaufstand vorbereitet wurde, gab Lenin die Weisung, die
kampfbereite Arbeiterjugend zu sammeln, sie zu bewaffnen und zusammen
mit den Matrosen an die verantwortlichen Stellen zu werfen. Soll ich
euch Lenins Worte vorlesen? Ich habe alle Zitate katalogisiert.« Tufta
griff nach seiner Aktenmappe.
»Wir kennen das!«
»Und was hat Lenin über die Einheit geschrieben?«
»Und über die Parteidisziplin?«
»Und wo hat Lenin die Jugend der alten Garde entgegengestellt?«
Tufta verlor den Faden und ging zu einem anderen Thema über:
»Die Genossin Lagutina hat hier einen Brief der Genossin Jurenewa
verlesen. Wir können für Zwischenfälle, die während einer Diskussion
vorkommen, keine Verantwortung übernehmen.«
Zwetajew, der neben Schkolenko saß, flüsterte mit verhaltener Wut:
»Der leistet uns ja einen schönen Bärendienst!«
Schkolenko antwortete ebenso leise:
»Ja, dieser Esel wird uns endgültig hereinlegen.«
Tuftas hohe, durchdringende Stimme kreischte weiter.
»Wenn ihr eine Fraktion der Mehrheit organisiert, so haben wir das
Recht, eine Fraktion der Minderheit zu organisieren.«
Unten brach ein Sturm los. Tufta wurde von einem Hagel entrüsteter
Zwischenrufe überschüttet:
»Was soll das heißen? Wollt ihr etwa wieder Bolschewiki und
Menschewiki haben?«
»Die Kommunistische Partei ist kein Parlament!«
»Die legen sich für alle ins Zeug, von Mjasnikow bis Martow!«
Tufta gestikulierte herum, als wollte er schwimmen, und sprudelte in
seinem Eifer drauflos:
»Ja, wir verlangen Freiheit der Gruppierungen. Wie wollen wir
Andersdenkenden denn sonst für unsere Anschauungen gegen eine so
organisierte und geschlossen auftretende, disziplinierte Mehrheit kämpfen?«
Im Saal wuchs der Lärm. Pankratow erhob sich und rief:
»Lasst ihn aussprechen. Es ist ganz nützlich, das zu wissen. Tufta
quatscht das aus, was andere verschweigen.«
Es trat wieder Ruhe ein.
Tufta begriff, dass er zu weit gegangen war. Das hätte man jetzt wohl
doch nicht sagen dürfen. Sein Gedankengang brach jäh ab, und er warf
den Zuhörern zum Schluss seiner Diskussionsrede noch eine Flut von
Worten entgegen:
»Ihr könnt uns natürlich ausschließen und uns in die Ecke drängen.
Das geht jetzt schon los. Mich hat man bereits aus dem
Gouvernements-Jugendkomitee hinausgeworfen. Macht nichts, bald wird sich
zeigen, wer im Recht war.« Er sprang von der Tribüne in den Saal
hinunter.
Dubawa erhielt von Zwetajew einen Zettel.
»Dmitri, tritt du jetzt auf. Das kann die Sache zwar nicht retten,
unsere Niederlage ist hier besiegelt. Man muss jedoch Tuftas Worte
abschwächen. Er ist ja ein Dummkopf und Schwätzer.«
Dubawa bat ums Wort, und es wurde ihm auch sofort erteilt.
Als er auf die Bühne stieg, trat im Saal atemlose Stille ein. Aus
diesem vor jeder Diskussionsrede üblichen Schweigen wehte Dubawa Kälte
der Entfremdung entgegen. Er sprach lange nicht mehr so hitzig, wie er
in den Zellen gesprochen hatte. Sein Eifer war von Tag zu Tag abgeebbt,
und jetzt glich er einem mit Wasser gelöschten Lagerfeuer, aus dem ätzender
Dunst in die Höhe steigt. Dieser Dunst bestand aus dem krankhaften
Ehrgeiz, der durch die unverhüllte Niederlage und die derbe Abfuhr, die
ihm seine alten Freunde erteilt hatten, verletzt worden war, und dem
hartnäckigen Widerwillen, seine Fehler einzugestehen. Er entschloss
sich, alles darauf ankommen zu lassen, obwohl er wusste, dass dies die
Kluft zwischen ihm und der Mehrheit nur noch vertiefen würde. Er sprach
mit dumpfer, aber deutlicher Stimme:
»Ich bitte, mich nicht zu unterbrechen und durch Zwischenfälle zu stören.
Ich will unseren Standpunkt eingehend darlegen, obwohl ich im voraus weiß,
dass dies vergebens ist: Ihr seid hier die Mehrheit.«
Als er seine Ausführungen schloss, war es, als sei im Saal eine Bombe
explodiert. Ein Sturm von Rufen hallte Dubawa entgegen. Wie
Peitschenhiebe trafen Dmitri die zornigen Ausrufe:
»Schande!«
»Nieder mit den Spaltern!«
»Genug! Genug Schmutz aufgewirbelt!«
Unter spöttischem Gelächter verließ Dmitri die Tribüne, und dieses
Gelächter kränkte ihn zu Tode. Hätte man empört geschrieen und
getobt, so hätte ihn das befriedigt. Man lachte ihn jedoch aus wie
einen Künstler, der eine falsche Note anstimmt und dann noch aus dem
Takt gerät.
»Das Wort hat Schkolenko«, erklärte der Vorsitzende.
Michail erhob sich.
»Ich verzichte aufs Wort.«
Von den hinteren Reihen ertönte Pankratows Bass:
»Und ich bitte darum!«
Am Klang der Stimme erkannte Dubawa die seelische Verfassung Pankratows.
So sprach der Hafenarbeiter, wenn ihn jemand schwer beleidigt hatte.
Dubawa begleitete die hohe, etwas nach vorn gebeugte Gestalt Ignats, der
schnell zur Tribüne schritt, mit finsterem Blick und spürte eine bedrückende
Unruhe in sich aufsteigen. Er wusste, was Ignat sagen würde. Er
erinnerte sich an die gestrige Begegnung mit seinen alten Freunden in
Solomenka, bei der die Jungen ihn in freundschaftlichem Gespräch zu
beeinflussen suchten, seine Verbindung mit der Opposition abzubrechen.
Zwetajew und Schkolenko waren mit ihm gewesen. Sie hatten sich bei
Tokarew versammelt. Dort waren Ignat, Okunew, Talja, Wolynzew, die
Seljonowa, Starowerow und Artjuchin beisammen gewesen. Dubawa war den
Versuchen gegenüber, die Einheit wiederherzustellen, stumm und taub
geblieben. Als die Diskussion ihren Höhepunkt erreicht hatte, ging er
mit Zwetajew weg und brachte damit offen zum Ausdruck, dass er nicht
gewillt war, die Fehlerhaftigkeit seines Standpunkts einzugestehen.
Schkolenko war geblieben. Und jetzt weigerte er sich aufzutreten.
Dieser schlappschwänzige Intellektuelle! Sie haben ihn bearbeitet,
klar, dachte Dubawa boshaft.
In diesem erbitterten Kampf hatte er alle seine Freunde verloren. Auf
der Kommunistischen Universität war seine alte Freundschaft mit Sharki
in die Brüche gegangen, als dieser auf der Komiteesitzung scharf gegen
die Trotzkisten auftrat. Später, als sich die Meinungsverschiedenheiten
noch mehr zuspitzten, hörte Dmitri auf, mit Sharki zu sprechen. Einige
Male hatte er in seiner Wohnung bei Anna Sharki getroffen. Anna
Borchardt und Dubawa waren schon seit einem Jahr verheiratet, hatten
jedoch getrennte Zimmer. Dubawa erblickte die Ursache für die
Verschlechterung seiner ohnehin gespannten Beziehungen zu Anna, die
seine Ansichten nicht teilte, in Sharkis immer häufiger werdenden
Besuchen bei ihr. Das war keine Eifersucht, aber Annas Freundschaft mit
Sharki, mit dem er nichts mehr zu tun haben wollte, brachte ihn auf. Er
sagte dies Anna. Es kam zu einer großen Auseinandersetzung, und ihr
Verhältnis zueinander wurde noch schlechter. Auch war er hierher
gefahren, ohne ihr ein Wort davon zu sagen.
Der rasche Lauf seiner Gedanken wurde durch Ignats Stimme unterbrochen,
der gerade zu reden begann.
»Genossen!« kam es hart von Pankratows Lippen. Er stand jetzt direkt
an der Rampe.
»Genossen! Neun Tage lang haben wir uns die Reden der Oppositionellen
angehört. Ich sage ganz offen: Sie sind nicht wie Kampfgefährten, wie
revolutionäre Kämpfer, wie unsere Genossen und Klassenbrüder
aufgetreten - ihr Auftreten war äußerst feindlich, unversöhnlich,
boshaft und verleumderisch. Ja, Genossen, verleumderisch! Uns
Bolschewiki versuchte man als Anhänger eines Knüppelregimes in der
Partei darzustellen, als Menschen, die die Interessen ihrer Klasse und
der Revolution verraten. Den besten, den bewährtesten Vortrupp unserer
Partei, die ruhmreiche, alte bolschewistische Garde, diejenigen, die die
Kommunistische Partei geschmiedet und erzogen haben, diejenigen, die in
den Gefängnissen der zaristischen Despotie geschmachtet, die - mit
Genossen Lenin an der Spitze - den unerbittlichen Kampf gegen den
internationalen Menschewismus und gegen Trotzki geführt haben, diese
Genossen
versuchte man als Vertreter des Parteibürokratismus hinzustellen. Wer
anders als der Feind kann solche Worte aussprechen? Sind denn etwa die
Partei und ihr Apparat nicht ein einheitliches Ganzes! Woran erinnert
dieses Auftreten? Wie muss man diejenigen nennen, die junge Rotarmisten
gegen ihre Kommandeure und Kommissare, gegen den Stab aufhetzen, und
dies in einem Moment, da die Truppe von Feinden umgeben ist! Wie denken
sich denn das die Trotzkisten eigentlich? Wenn ich heute noch Schlosser
bin, so zählen sie mich zu den ›Anständigen‹, wenn ich aber morgen
Sekretär des Komitees werde, dann bin ich bereits ein ›Bürokrat‹
und ›Apparatschik‹. Ist es nicht eigenartig, Genossen, dass es
gerade unter den Oppositionellen, die so scharf gegen den Bürokratismus
auftreten und die die Demokratie verteidigen, solche Leute wie Tufta
gibt, der vor kurzem wegen Bürokratismus von seiner Arbeit abgesetzt
worden ist; wie Zwetajew, der von den Leuten aus Solomenka wegen seines
Herumkommandierens und der Unterdrückung jeder Kritik im Podolsker
Bezirk dreimal seines Postens enthoben wurde? Ist es doch Tatsache, dass
sich im Kampf gegen die Partei alles vereinigt, was von der Partei gemaßregelt
wurde. Über Trotzkis ›Bolschewismus‹ mögen die alten Bolschewiki
hier sprechen. Es ist notwendig, dass die Jugend Trotzkis hartnäckigen
Kampf gegen die Bolschewiki kennen lernt, sein ständiges Überlaufen
von einem Lager ins andere. Der Kampf gegen die Opposition hat unsere
Reihen nur fester zusammengeschmiedet, hat unsere Jugend ideologisch
gefestigt. Die bolschewistische Partei und der Kommunistische
Jugendverband wurden im Kampf gegen die kleinbürgerlichen Strömungen
gestählt. Die hysterischen Panikmacher von der Opposition prophezeien
uns wirtschaftlichen und politischen Zusammenbruch. Unser Morgen wird
beweisen, was diese Prophezeiungen wert sind. Sie verlangen, dass wir
unsere Alten, wie zum Beispiel Tokarew und Segal, an die Werkbank zurückschicken,
und an ihre Stelle ein so schwankendes Element wie Dubawa setzen, der
den Kampf gegen die Partei als Heldentum darzustellen versucht. Nein,
Genossen, auf so was lassen wir uns nicht ein. Die Alten werden langsam
abgelöst, jedoch nicht von denen, die bei jeder Schwierigkeit wütend
gegen die Linie der Partei ankämpfen. Die Einheit unserer großen
Partei lassen wir nicht zerstören. Niemals wird die alte und junge
Garde gespalten werden. Im unversöhnlichen Kampf gegen die kleinbürgerlichen
Strömungen schreiten wir unter dem Banner Lenins zum Sieg!« Pankratow
verließ die Tribüne unter stürmischem Applaus.
Am
nächsten Tag versammelten sich bei Tufta ungefähr zehn Mann. Dubawa
erklärte:
»Ich fahre heute mit Schkolenko nach Charkow. Hier haben wir nichts
mehr zu suchen. Bemüht euch, Kontakt zu halten. Wir können nichts
anderes tun als abwarten, wie sich die Ereignisse weiter gestalten
werden. Zweifellos wird uns die Allrussische Konferenz verurteilen, mir
scheint jedoch, dass wir vorläufig noch keine Repressalien zu erwarten
haben. Die Mehrheit will uns nochmals in unserer praktischen Arbeit prüfen.
Jetzt den Kampf offen, besonders nach dieser Konferenz weiterzuführen -
das bedeutet, aus der Partei fliegen, und das liegt nicht in unserem
Interesse. Schwer auszudrücken, was kommen wird. Wir haben einander,
glaube ich, nichts weiter zu sagen.« Dubawa stand auf, um zu gehen.
Auch Starowerow, ein hagerer Bursche mit dünnen Lippen, erhob sich.
»Ich verstehe dich nicht«, sagte er lispelnd und ein wenig stotternd.
»Sollen denn die Konferenzbeschlüsse für uns nicht bindend sein?«
Zwetajew unterbrach ihn schroff:
»Formell sind sie natürlich bindend, sonst wird man dir das Parteibuch
wegnehmen. Wir wollen jedoch erst mal sehen, woher der Wind weht, und
gehen daher jetzt auseinander.«
Tufta rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Düster und bleich,
mit dunklen Ringen unter den übernächtigen Augen, saß Schkolenko am
Fenster und kaute an den Fingernägeln. Bei Zwetajews letzten Worten
unterbrach er seine nervöse Beschäftigung und wandte sich an die
Versammelten:
»Ich bin gegen derartige Manöver«, sagte er plötzlich gereizt und
dumpf. »Ich bin der Ansicht, dass die Beschlüsse der Konferenz für
uns bindend sind. Wir haben unsere Überzeugung vertreten, müssen uns
jedoch den Konferenzbeschlüssen fügen.«
Starowerow nickte ihm beistimmend zu.
»Ich bin derselben Meinung«, sagte er lispelnd.
Dubawa maß Schkolenko mit einem gehässigen Blick und zischte mit
betontem Spott durch die Zähne: »Dir schlägt überhaupt niemand etwas
vor. Dir bleibt noch immer die Möglichkeit, auf der
Gouvernementskonferenz in Reue zu machen.«
Schkolenko sprang auf.
»Was ist das für ein Ton, Dmitri! Ich sage dir ganz offen, mich stoßen
deine Worte ab und zwingen mich, meine gestern eingenommene Stellung zu
überprüfen!«
Dubawa wehrte mit den Händen ab.
»Dir bleibt nur eins übrig. Geh und tue Buße, bevor es zu spät ist.«
Dubawa gab allen die Hand zum Abschied und ging davon.
Kurz darauf verabschiedete sich auch Schkolenko und Starowerow.
Mit
Eiseskälte hielt das Jahr 1924 seinen Einzug. Im Januar wütete
grimmiger Frost, und in der zweiten Monatshälfte brausten Stürme über
das schneebedeckte Land hinweg.
Auf den südwestlichen Eisenbahnlinien waren die Gleise vom Schnee
verweht. Die Menschen kämpften gegen das entfesselte Element.
Schneebagger krallten sich mit stählernen Schaufeln in die Berge von
Schnee ein und bahnten den Zügen ihren Weg. Frost und Schneegestöber
zerrissen die vereisten Telegrafendrähte. Von den zwölf Linien
arbeiteten nur noch drei: die indoeuropäische und zwei direkte
Leitungen.
Im Telegrafenraum des Bahnhofs Schepetowka I führten die drei
Morseapparate ein unaufhörliches, nur dem geübten Ohr verständliches
Gespräch.
Die Telegrafistinnen waren jung, und die Länge des von ihnen seit ihrem
Dienstantritt abgezogenen Bandes betrug höchstens zwanzig Kilometer, während
der Alte, ihr Kollege, bereits das dritte Kilometerhundert begonnen
hatte. Er las die Bänder nicht wie sie, mit gerunzelter Stirn mühsam
die schwierigen Buchstaben zu Sätzen aneinanderreihend, er schrieb ein
Wort nach dem anderen auf ein Formular, indem er nur das Klopfen des
Apparates abhörte. Da fing er die Worte auf: »An alle, alle, alle!«
Während der Telegrafist notierte, überlegte er: Wahrscheinlich wieder
so ein Rundschreiben über den Kampf gegen Schneeverwehungen. Draußen
wirbelte der Schnee, der Wind warf ihn ballenweise immer wieder gegen
das Fenster. Dem Telegrafisten schien es, als habe jemand an die Scheibe
geklopft. Er wandte den Kopf, und sein Blick wurde unwillkürlich von
der Schönheit der Eisblumen gebannt. Niemals hätte Menschenhand diese
feingravierten eigenartigen Blätter und Stengel formen können.
Durch den Anblick der Eisblumen abgelenkt, horchte er nicht mehr auf den
Apparat und nahm dann, als er die Augen wieder vom Fenster losgerissen
hatte, das Band, um die versäumten Worte nachzulesen.
Der Apparat meldete:
»Am 21. Januar, sechs Uhr fünfzig Minuten …«
Rasch notierte der Telegrafist das Gelesene. Dann ließ er das Band
fallen und lauschte, den Kopf auf die Hand gestützt.
»Gestern … starb in Gorki …« Der Telegrafist schrieb langsam mit.
Wie viele freudige und tragische Nachrichten hatte er schon in seinem
Leben vernommen. Als erster erfuhr er von fremdem Kummer und fremdem Glück.
Seit langem hatte er aufgehört, sich in den Sinn der kurzen
abgerissenen Sätze hineinzudenken. Er fing sie rein akustisch auf und
hielt sie dann mechanisch auf dem Papier fest, ohne ihren Inhalt zu
beachten.
Eben ist da jemand gestorben, und man teilt es jemandem mit. Der
Telegrafist hatte die Anschrift: »An alle, alle, alle!« schon längst
vergessen. Der Apparat klopfte weiter.
»W-l-a-d-i-m-i-r I-l-j-i-t-s-c-h« übersetzte der alte Telegrafist das
Klopfen der Hämmerchen in Buchstaben. Er saß ruhig, ein wenig müde
da. Irgendwo ist da ein Wladimir Iljitsch gestorben, für irgendwen
schreibt er heute diese tragischen Worte auf, irgendwer wird vor
Verzweiflung und Kummer schluchzen. Ihm aber ist das alles fremd - er
ist nur ein abseits stehender Zeuge. Der Apparat klopft Punkte und
Striche, und wiederum Punkte und Striche. Er hat aus den bekannten Tönen
schon den ersten Buchstaben zusammengesetzt und ihn aufs Papier übertragen.
Es war der Buchstabe L. Danach trug er den zweiten Buchstaben E ein,
daneben setzte er sorgfältig ein N, wobei er zweimal den Mittelstrich
zwischen den beiden Linien zeichnete, dem fügte er sofort ein I hinzu
und fing dann schon automatisch das letzte N auf.
Der Telegrafenapparat klopfte jetzt eine Pause, und für den Bruchteil
einer Sekunde blieb der Blick des Mannes an dem von ihm geschriebenen
Wort haften:
»LENIN.«
Der Apparat klopfte weiter. Aber der an dem bekannten Namen haften
gebliebene Gedanke kehrte wieder zu ihm zurück. Der Telegrafist schaute
nochmals auf das letzte Wort - »LENIN«. Wie? Lenin? Die Linse seines
Auges erfasste plötzlich den gesamten Inhalt des Telegramms. Einige
Sekunden lang betrachtete der Telegrafist das Blatt, und zum ersten Male
während seiner zweiunddreißigjährigen Tätigkeit traute er seinen Übertragungen
nicht.
Dreimal überflog er hastig die Zeilen. Hartnäckig wiederholten sie
jedoch dieselben Worte:
»… starb Wladimir Iljitsch Lenin.« Der Alte sprang auf, hob den
spiralförmigen Streifen in die Höhe und bohrte seinen Blick in die
Schriftzeichen. Der zwei Meter lange Streifen bestätigte, was er nicht
glauben wollte. Er wandte sein totenbleiches Gesicht den Kolleginnen zu,
und diese vernahmen seinen erschrockenen Aufschrei:
»Lenin ist gestorben!«
Die
Nachricht von diesem unersetzlichen Verlust verließ das Telegrafenamt
durch die geöffnete Tür und raste mit der Schnelligkeit eines
Sturmwindes über den Bahnhof, wirbelte wie Schneegestöber über Gleise
und Weichen hinweg und drang mit dem eisigen Zugwind durch die halbgeöffneten
eisenbeschlagenen Tore des Depots.
In der Werkstatt stand über der ersten Reparaturgrube eine Lokomotive,
die bei der Brigade für leichte Ausbesserungen instand gesetzt wurde.
Der alte Politowski war selbst in die Grube unter seine Lokomotive
gekrochen und zeigte den Schlossern die reparaturbedürftigen Stellen.
Sachar Brusshak bog gemeinsam mit Artjom das verbogene Räderwerk
zurecht. Er hielt das Gitter auf den Amboss, und Artjom bearbeitete es
mit dem Hammer.
Sachar war in den letzten Jahren stark gealtert. Das Leben hatte ihm
eine tiefe Furche in die Stirn gegraben, die Schläfen waren ergraut,
sein Rücken war gebeugt, und die tief eingefallenen Augen blickten
kummervoll.
Im hellen Spalt der Tür tauchte ein Mensch auf, der dann im Dämmerlicht
der Werkstatt wieder verschwand, Sein erster Ruf wurde von Hammerschlägen
übertönt, doch als er zu den Leuten an der Lokomotive kam, blieb
Artjom mit erhobenem Hammer stehen.
»Genossen! Lenin ist gestorben!«
Der Hammer sank langsam nieder, lautlos ließ ihn Artjom zu Boden
gleiten.
»Was hast du gesagt?«
Krampfhaft krallte sich seine Hand in den Halbpelz des Menschen ein, der
die Hiobsbotschaft überbracht hatte. Er sah ihn an und erkannte den
Parteisekretär.
Jener aber rang nach Atem und wiederholte mit gebrochener, dumpfer
Stimme:
»Ja, Genossen, Lenin ist gestorben.«
Jetzt begann Artjom die grausame Wahrheit zu begreifen.
Die Arbeiter krochen aus der Grube und vernahmen schweigend die
Botschaft vom Tode des Mannes, dessen Name in der ganzen Welt bekannt
war.
Am Tor heulte eine Lokomotive auf. Alle zuckten zusammen ….. Vom
anderen Ende des Bahnhofs antwortete eine zweite, eine dritte … Zu
ihren mächtigen und alarmierenden Rufen gesellte sich die Sirene des
Kraftwerks, hoch und durchdringend wie der Flug von Schrapnellen, und
wurde noch von den hellen Pfiffen der prächtigen Schnellzuglokomotive
»S« übertroffen, die zur Abfahrt des nach Kiew gehenden Zuges
bereitstand.
Der GPU-Mitarbeiter fuhr verblüfft zusammen, als der polnische
Lokomotivführer der Linie Schepetowka-Warschau, der den Grund der
Alarmsignale erfahren hatte, kurz aufhorchte, dann ebenfalls das
Kettchen nach unten zog und das Dampfventil öffnete. Er wusste, dass er
dieses Signal zum letzten Male gab, dass er nie mehr eine Lokomotive
bedienen wird. Seine Hand hielt jedoch die Kette fest, und das Pfeifen
seiner Lokomotive ließ die erschrockenen polnischen Kuriere und
Diplomaten von ihren weichen Coupesitzen auffahren.
Im Depot sammelten sich die Menschen; durch alle Tore strömten sie
herbei.
Als das große Gebäude überfüllt war, erklangen aus dem traurigen
Schweigen die ersten Worte.
Es sprach der Sekretär des Kreis-Parteikomitees von Schepetowka,
Scharabin, ein alter Bolschewik.
»Genossen! Der Führer des Weltproletariats, Genosse Lenin, ist nicht
mehr. Die Partei hat einen unersetzlichen Verlust erlitten. Es starb der
Schöpfer der bolschewistischen Partei, der Mann, der die Partei zur
Unversöhnlichkeit ihren Feinden gegenüber erzogen hat.…. Der Tod des
Führers der Partei und der Arbeiterklasse ruft die besten Söhne des
Proletariats in unsere Reihen … «.«
Ein Trauermarsch ertönte. Hunderte entblößten die Häupter, und
Artjom, der schon seit fünfzehn Jahren nicht mehr geweint hatte, spürte,
dass ihm ein Schluchzen die Kehle zuschnürte, und seine mächtigen
Schultern bebten.
Die Wände des Eisenbahnerklubs schienen dem Andrang der Menschenmassen
nicht standhalten zu können. Draußen herrschte bittere Kälte. Die
zwei mächtigen Tannen am Eingang standen im Schneeornat und mit
Eiszapfen behängt. Im Saal war es jedoch heiß und schwül, vom rotglühenden
Ofen und vom Atem der sechshundert Menschen, die an der Trauersitzung
der Parteiorganisation teilnahmen.
Heute war der Saal nicht von dem üblichen Lärm erfüllt. Tiefe Trauer
dämpfte alle Stimmen. Die Leute sprachen nur flüsternd miteinander,
und in den vielen hundert Augenpaaren lag traurige Besorgnis. Es war,
als hätte sich hier die Mannschaft eines Schiff es versammelt, dem Wind
und Wellen plötzlich seinen erprobten Steuermann entrissen hatten.
Geräuschlos nahmen die Mitglieder des Parteikomitees ihre Plätze am
Tisch des Präsidiums ein. Der stämmige Sirotenko nahm behutsam die
Glocke, ließ sie kurz ertönen und stellte sie wieder auf ihren Platz.
Allmählich trat im Saal drückende Stille ein.
Gleich nach der Ansprache erhob sich der Parteisekretär Sirotenko.
Das, was er berichtete, setzte niemanden von den Anwesenden in
Erstaunen, obwohl es für eine Trauerkundgebung ungewöhnlich war.
Sirotenko sagte:
»Siebenunddreißig Arbeiter bitten die auf der Sitzung Anwesenden, ein
Gesuch zu erörtern, das sie alle unterzeichnet haben.« Und er verlas:
»An das Eisenbahnerkollektiv der Kommunistischen Partei der
Bolschewiki, Bahnhof Schepetowka, Südwestliche Eisenbahnlinie.
Der Tod Lenins hat uns in die Reihen der bolschewistischen Partei
gerufen. Wir bitten darum, uns nach Prüfung des Antrags auf der
heutigen Sitzung in die Partei Lenins aufzunehmen.«
Den kurzen Worten folgten zwei lange Reihen Unterschriften. Sirotenko
las sie vor und machte nach jedem Namen eine kurze Pause, damit ihn sich
die Anwesenden einprägen konnten:
»Politowski, Stanislaw Sigmundowitsch, Lokomotivführer, sechsunddreißig
Jahre berufstätig.«
Durch den Saal ging beifälliges Gemurmel.
»Kortschagin, Artjom Andrejewitsch, Schlosser, siebzehn Jahre berufstätig.«
»Brusshak, Sachar Filippowitsch, Lokomotivführer, einundzwanzig Jahre
berufstätig.«
Das Stimmengewirr wuchs an. Der Mann am Präsidiumstisch verlas immer
weitere Namen; es waren die der vorbildlichsten, besten
Eisenbahnarbeiter.
Ganz still wurde es im Saal, als der erste derer, die das Gesuch
unterschrieben hatten, zum Präsidiumstisch trat. Nicht ohne Erregung
erzählte nun der alte Politowski den Versammelten die Geschichte seines
Lebens.
»… Was kann ich euch da viel sagen, Genossen? Ihr wisst ja selbst,
wie das Leben eines Arbeiters in früheren Zeiten verlief. Die reinste
Fronarbeit, und das Alter verbrachte er in Hunger und Elend. Nun, ich
bekenne, als die Revolution kam, fühlte ich mich schon als alter Mann.
Die Sorge um die Familie lastete schwer auf mir, und ich übersah den
Weg in die Partei. Obwohl ich niemals dem Feind Beistand geleistet habe,
nahm ich doch nur selten selber am Kampf teil. Im Jahre 1905 war ich
Mitglied des Streikkomitees in den Warschauer Depotwerkstätten, und da
habe ich zu den Bolschewiki gehalten. Jung war ich noch und ein
Hitzkopf. Aber wozu die Vergangenheit ausgraben! Der Tod Iljitschs hat
mich mitten ins Herz getroffen. Wir haben unseren Freund und Wohltäter
für immer verloren, und da hab ich kein Recht, an mein Alter zu denken
…! Vielleicht wird ein anderer das besser ausdrücken können als ich,
ich bin eben kein Redner. Eins möchte ich nur noch sagen: Einen anderen
Weg als den der Bolschewiki gibt es für mich nicht.«
Das graue Haupt des Lokomotivführers beugte sich trotzig vor, und seine
Augen unter den grauen Brauen blickten fest und klar in den Saal, aus
dem die Entscheidung kommen sollte.
Keine einzige Hand erhob sich, um gegen die Aufnahme dieses kleinen
grauhaarigen Mannes in die Partei etwas einzuwenden, und es enthielt
sich niemand der Stimme, als die Parteileitung die Parteilosen um ihre
Stellungnahme befragte … Politowski verließ die Rednertribüne als
Mitglied der Kommunistischen Partei.
Jedem im Saal war es klar, dass etwas Ungewöhnliches geschah.
Dort, wo soeben noch der Lokomotivführer gestanden hatte, sah man jetzt
die kräftige Gestalt Artjoms. Der Schlosser schien nicht recht zu
wissen, was er mit seinen großen Händen anfangen sollte, und so drückte
und quetschte er seine Pelzmütze zusammen. Die an den Borten schon
abgeschabte Schafpelzjacke stand offen. Die graue Feldbluse, die am
Kragen von zwei Messingknöpfen zusammengehalten wurde, gab dem
Schlosser ein feierliches Aussehen. Artjom blickte in den Saal und
bemerkte plötzlich das vertraute Gesicht einer Frau: Zwischen ihren
Kolleginnen aus der Schneiderwerkstätte saß Galina, die Tochter des
Steinmetzen. Sie lächelte ihm ermunternd zu. Aus diesem Lächeln las er
Zustimmung und noch etwas Unausgesprochenes, was sich in ihren
Mundwinkeln verbarg.
»Erzähl deinen Lebenslauf, Artjom!« sagte Sirotenko.
Mühsam begann der ältere Kortschagin seine Erzählung, denn er war es
nicht gewohnt, auf großen Versammlungen zu sprechen. Erst jetzt spürte
er, dass er all das, was sich in seinem Leben zugetragen hatte, nicht in
Worte zu kleiden vermochte. Nur mühselig reihten sich die Sätze
aneinander, und seine Erregung machte ihm das Reden noch schwerer. Noch
nie hatte er etwas Ähnliches empfunden. Es war ihm völlig klar, dass
sein Leben jetzt an einem Wendepunkt stand, dass er im Begriff war, den
letzten Schritt zu tun, um seinem harten Dasein Inhalt und Sinn zu
geben.
»Wir waren vier Kinder zu Hause«, begann Artjom.
Im Saal herrschte Stille. Sechshundert Menschen lauschten gespannt dem
stämmigen Arbeiter mit der Adlernase und den Augen, die unter dichten
dunklen Brauen versteckt lagen.
»Die Mutter arbeitete als Köchin bei den Herrschaften. An meinen Vater
kann ich mich kaum erinnern. Er lebte nicht gut mit meiner Mutter. Goss
mehr hinter die Binde als nötig war. Wir waren immer mit der Mutter
zusammen. Es ging über ihre Kraft, so viele Münder zu stopfen. Die
Herrschaften zahlten ihr im Monat vier Rubel samt Kost, und dafür
musste sie vom frühen Morgen bis spät in die Nacht schuften. Ich hatte
das Glück, zwei Winter lang die Schule besuchen zu dürfen. Man brachte
mir dort das Lesen und Schreiben bei. Als ich jedoch neun Jahre alt war,
blieb der Mutter nichts anderes übrig, als mich in eine
Schlosserwerkstatt in die Lehre zu geben. Drei Jahre lang arbeitete ich
ohne Lohn für die bloße Kost. Der Besitzer der Werkstatt war ein
Deutscher, er hieß Förster. Zuerst wollte er mich nicht nehmen, weil
ich noch so jung war. Ich war aber ein kräftiger Bursche, und die
Mutter machte mich um zwei Jahre älter. Drei Jahre war ich bei diesem
Deutschen. Das Handwerk konnte ich bei ihm nicht erlernen. Ich musste
den ganzen Tag in der Hauswirtschaft helfen, überall hinlaufen, ihm
Schnaps bringen. Er soff bis zur Bewusstlosigkeit….. Man jagte mich
auch nach Kohlen und Eisen … Die Hausfrau machte mich zu ihrem Diener:
Töpfe musste ich für sie schleppen und Kartoffeln schälen. Jeder
hatte es darauf abgesehen, mich mit Fußtritten zu traktieren, oft ganz
ohne jeden Grund - einfach so, aus Gewohnheit. Tat ich der Hausfrau
irgend etwas nicht recht - die Trunksucht ihres Mannes hatte sie
verbittert -, so haute sie mir einfach eine runter. Und wenn ich mich
auch von ihr losmachte und auf die Straße lief, wohin sollte ich denn
gehen, bei wem mich beschweren? Die Mutter wohnte vierzig Werst
entfernt, und auch bei ihr war kein Unterkommen … In der Werkstatt war
es nicht besser. Der Bruder des Meisters führte dort das große Wort.
Dieser Halunke liebte es, sich über mich lustig zu machen. ›Gib mir
diese Scheibe dort‹, sagte er zu mir und zeigte in eine Ecke, wo sich
die Schmiedeesse befand. Ich ging hin, griff mit der Hand danach: Er
hatte sie jedoch soeben erst geschmiedet und aus der Esse geholt. Auf
dem Boden sah sie schwarz aus - fasste man sie aber an, so verbrannte
man sich die Finger bis auf die Knochen. Ich schrie vor Schmerz, er aber
grinste und hatte noch seine Freude daran. Diese Quälereien konnte ich
nicht mehr ertragen und lief zur Mutter. Aber sie wusste nicht, was sie
mit mir anfangen sollte, und brachte mich zu dem Deutschen zurück.
Brachte mich zurück und weinte dabei während des ganzen Weges. Im
dritten Lehrjahr begannen sie mir etwas vom Schlosserhandwerk
beizubringen, aber die Prügelei hörte nicht auf. Ich lief wieder
davon, diesmal nach Starakonstantinow. In dieser Stadt arbeitete ich in
einer Fleischerei und wusch dort anderthalb Jahre lang die Tierdärme.
Unser Unternehmer verspielte seine ganze Habe, blieb uns den Lohn für
mehr als vier Monate schuldig und ging dann auf und davon. So kam ich
aus dieser Spelunke heraus. Ich setzte mich in den Zug, stieg in
Shmerinka aus und begab mich auf Arbeitssuche. Zu meinem Glück fand
sich ein Depotarbeiter, der Mitleid mit mir hatte und mir half. Als er
erfuhr, dass ich etwas von der Schlosserei verstand, gab er mich für
seinen Neffen aus und setzte sich für mich bei seinem Chef ein. Meiner
Größe nach schätzte man mich auf siebzehn Jahre, und so wurde ich
Schlossergehilfe. Und hier in Schepetowka arbeite ich schon seit neun
Jahren. Das ist alles über meine Vergangenheit, und mein jetziges Leben
kennt ihr ja.«
Artjom fuhr sich mit der Mütze über die Stirn und atmete tief auf. Es
galt noch, das Wichtigste zu sagen, was ihm am allerschwersten fiel. Ja,
das Allerschwerste, und er musste es sagen, bevor man ihn danach fragte.
Er runzelte die dichten Brauen und fuhr in seiner Erzählung fort:
»Man kann mich fragen, warum ich bis jetzt noch nicht Bolschewik
geworden bin, schon damals, als die Revolution ausbrach. Was soll ich
darauf antworten? Nun, bis zum Altwerden hat's noch Zeit, und ich habe
eben erst heute den richtigen Weg gefunden. Wozu soll ich das verhehlen?
Wir haben diesen Weg übersehen, schon im Jahre 1918 hätten wir ihn
einschlagen sollen, als wir
gegen die Deutschen streikten. Der Matrose Shuchrai hat oftmals mit uns
darüber gesprochen. Erst 1920 ergriff ich das Gewehr. Nachdem dann das
Durcheinander zu Ende war und wir die Weißen ins Schwarze Meer
getrieben hatten, kehrten wir zurück. Da fing es an … die Familie,
Kinder … Ich hab mich in die häuslichen Sorgen vergraben. Jetzt aber,
da unser Genosse Lenin von uns gegangen ist und die Partei ihren Ruf
erschallen ließ, hab ich über mein ganzes Leben nachgedacht und hab
gefunden, was da nicht stimmt. Es genügt nicht, die Sowjetmacht zu
verteidigen, wir müssen alle zusammen wie eine große Familie an Lenins
Stelle treten, damit unsere Sowjetmacht wie eine eherne Festung dasteht.
Wir müssen Bolschewiki werden - es ist ja unsere Partei!«
Einfach, aber mit großer Aufrichtigkeit, verlegen über die für ihn
ungewöhnlichen Worte, beendete der Schlosser seine Rede. Es war ihm plötzlich,
als hätte er eine drückende Last von sich geworfen, er richtete sich
in seiner ganzen Größe auf und wartete auf die Fragen.
»Vielleicht möchte jemand eine Frage stellen?« unterbrach Sirotenko
die eingetretene Stille.
In die Menschenreihen kam Bewegung, aber niemand ergriff sogleich das
Wort. Ein pechschwarzer Heizer, der direkt von der Lokomotive zur
Versammlung gekommen war, rief entschlossen:
»Was gibt's da viel zu fragen? Kennen wir ihn denn etwa nicht? Bestätigt
ihn und basta!«
Der Schmied Giljaka, untersetzt, von Hitze und Anstrengung ganz rot im
Gesicht, stieß heiser hervor:
»So einer kommt nicht unter die Räder, er wird ein standhafter Genosse
sein. Lass abstimmen, Sirotenko!«
In den hinteren Reihen, in denen die Komsomolzen saßen, erhob sich
einer, der im Halbdunkel nicht zu erkennen war, und fragte:
»Soll Genosse Kortschagin sagen, warum er sich auf dem Lande
niedergelassen hat und ob ihn nicht die Bauernwirtschaft der
proletarischen Psychologie entfremdet.«
Im Saal ließ sich ein leises, unzufriedenes Gemurmel vernehmen, und
irgend jemand protestierte:
»Drück dich einfacher aus! Gerade der richtige Ort zum Phrasendreschen
…«
Aber Artjom beantwortete die Frage schon:
»Lasst nur, Genossen. Der Junge hat den Nagel auf den Kopf getroffen.
Ich habe mich aufs Land verkrochen. Das stimmt. Aber mein
Arbeitergewissen habe ich noch immer behalten. Und von heute an ist es
mit dem Landleben aus. Ich ziehe mit meiner Familie in die Nähe des
Depots, das wird richtig sein. Denn dort auf dem Lande fühle ich mich
nicht in meinem Element.«
Und als Artjom die Hände sah, die wie ein Wald emporragten, erbebte
sein Herz aufs neue. Dann schritt er, ohne seinen Körper zu spüren,
erhobenen Hauptes auf seinen Platz.
Hinter ihm tönte Sirotenkos Stimme:
»Einstimmig.«
Sachar Brusshak stand als dritter vor dem Präsidiumstisch. Der
wortkarge alte Gehilfe Politowskis, der inzwischen schon lange selber
Lokomotivführer geworden war, schloss die Erzählung über sein
Arbeitsleben mit den leise gesprochenen, jedoch allen verständlichen
Worten:
»Ich habe die Pflicht, für meine Kinder das Werk zu Ende zu führen.
Nicht deshalb sind sie zugrunde gegangen, damit ich mich in meinem
Schmerz vergrabe. Nach ihrem Tod bin ich nicht für sie eingesprungen.
Aber der Tod Lenins hat mir die Augen geöffnet. Über meine
Vergangenheit fragt mich nicht. Unser wirkliches Leben beginnt erst
jetzt.«
Von Erinnerungen überwältigt, blickte Sachar düster, mit gerunzelten
Brauen vor sich hin. Als jedoch die Anwesenden einstimmig seine Aufnahme
in die Partei beschlossen, hellte sich sein Gesicht auf, und der graue
Kopf hob sich zuversichtlich.
Bis spät in die Nacht wurde im Depot Heerschau gehalten. Nur die Besten
derer, die sich zum Lenin-Aufgebot gemeldet hatten, jene, die man gut
kannte
und die sich ihr Leben lang bewährt hatten, wurden in die Partei
aufgenommen.
Durch Lenins Tod wurden Hunderttausende Arbeiter Bolschewiki. Die Partei
blieb auch nach dem Ableben Lenins so unerschütterlich wie ein Baum,
dessen Wurzelwerk tief in der Erde verwachsen ist. Er wird nicht verkümmern,
sägt man ihm auch die Spitze ab.
SECHSTES
KAPITEL
Vor
dem Eingang zum Konzertsaal des Hotels standen zwei junge Menschen. Der
eine, ein langer junger Mann mit einem Zwicker, trug eine rote Binde mit
der Aufschrift »Kommandant«.
»Tagt hier die ukrainische Delegation?« erkundigte sich Rita. Der
Lange antwortete streng offiziell: »Ja, und Sie wünschen?«
»Ich möchte zur Tagung.«
Der Lange versperrte ihr den Weg. Er musterte Rita und sagte:
»Ihr Mandat, bitte. Nur Delegierte mit beschließender und beratender
Stimme sind zugelassen.«
Rita entnahm ihrer Handtasche eine Karte mit Goldaufdruck. Der Lange
las:
»Mitglied des Zentralkomitees.« Sofort erwiderte er höflich in
freundschaftlichem Ton:
»Bitte, treten Sie ein, dort links sind noch Plätze frei.«
Rita ging die Stuhlreihen entlang, und als sie den ersten freien Platz
gewahrte, setzte sie sich. Die Delegiertenberatung schien zu Ende zu
gehen. Rita lauschte den Ausführungen des Vorsitzenden. Die Stimme kam
ihr bekannt vor.
»Somit, Genossen, sind die Vertreter der Delegationen in den
Seniorenkonvent des Allrussischen Kongresses und in den Delegiertenrat
gewählt. Die Sitzung beginnt in zwei Stunden. Gestatten Sie mir, noch
einmal die Liste der zum Kongress eingetroffenen Delegierten nachzuprüfen.«
Rita erkannte Akim. Er war es, der eilig die Namen verlas. Als Antwort
erhoben sich Hände mit roten oder weißen Mandatskarten. Rita lauschte
gespannt. Das ist ein bekannter Name: »Pankratow.«
Sie spähte nach der erhobenen Hand. Es gelang ihr jedoch nicht, unter
den Sitzenden das vertraute Gesicht des Hafenarbeiters ausfindig zu
machen. Ein Name folgte dem anderen. Und wieder wurde ein ihr bekannter
Genosse genannt, »Okunew«, und gleich darauf »Sharki«.
Ritas Augen suchten Sharki. Unweit entdeckte sie sein Profil …
Zweifellos -Wanja. Schon mehrere Jahre hatte sie ihn nicht gesehen.
Es folgten weitere Namen. Plötzlich ließ sie einer zusammenfahren:
»Kortschagin.«
Irgendwo ganz vorn erhob sich eine Hand, tauchte wieder unter, und -
sonderbar - Rita Ustinowitsch hatte den quälenden Wunsch, den
Namensvetter ihres verstorbenen Freundes zu sehen. Unverwandt blickte
sie dorthin, wo sich die Hand erhoben hatte, aber alle Köpfe schienen
einander zu gleichen. Rita stand auf und ging durch den Seitengang zu
den vordersten Reihen. Da verstummte Akim. Sofort entstand ein Gescharre
mit den Stühlen. Die Delegierten unterhielten sich laut miteinander,
und überall schallte es von jugendlichem Lachen. Mit Mühe überschrie
Akim den Lärm:
»Nicht zu spät kommen! Punkt sieben Uhr … Großes Theater!«
Alle drängten dem Ausgang zu.
Rita begriff, dass sie in diesem Menschenstrom keinen von denen finden würde,
deren Namen sie soeben vernommen hatte. Jetzt galt es, Akim nicht aus
den Augen zu verlieren und durch ihn die übrigen zu finden. Sie ließ
die letzte Delegiertengruppe vorüber und ging auf Akim zu.
»Nun, Kortschagin, alter Junge, fahren wir also auch!« vernahm sie
hinter ihrem Rücken, und eine ihr so bekannte, so vertraute Stimme
erwiderte:
»Gut, gehen wir!«
Rita wandte blitzschnell den Kopf.
Vor ihr stand ein hochgewachsener, braungebrannter junger Mann in blauen
Reithosen und einer feldgrauen Soldatenbluse, die in der Taille mit
einem schmalen kaukasischen Riemen umgürtet war.
Mit weitaufgerissenen Augen starrte ihn Rita an, und erst als ein Paar
Arme sie herzlich umschlangen und eine bewegte Stimme leise »Rita« zu
ihr sagte, begriff sie, dass dies wirklich Pawel Kortschagin war.
»Du lebst?«
Diese Worte sagten ihm alles. Sie wusste nicht, dass die Nachricht von
seinem Tod auf einem Irrtum beruhte.
Der Saal war jetzt leer. Durch das weitgeöffnete Fenster drang der Lärm
der Twersliaja, dieser mächtigen Verkehrsader der Stadt. Von einer
nahen Uhr dröhnten laut sechs Schläge. Und den beiden schien es, als
seien sie sich jetzt erst, vor wenigen Minuten, begegnet. Die rasch vorrückenden
Zeiger der Uhr riefen jedoch zum Großen Theater. Rita blickte Pawel
nochmals an, als sie über die breite Treppe dem Ausgang zuschritten. Er
war einen halben Kopf größer als sie, sonst war er jedoch immer noch
der alte, nur männlicher und zurückhaltender war er geworden.
»Ich habe dich ja gar nicht gefragt, wo du eigentlich arbeitest.«
»Ich bin Sekretär eines Kreis-Jugendkomitees oder, wie Dubawa wohl
sagen würde, ein ›Amtsschimmel‹.« Pawel lächelte.
»Hast du ihn irgendwo gesehen?«
»Ja, und diese Begegnung hat auf mich einen sehr unangenehmen Eindruck
gemacht.«
Sie gingen auf die Straße hinaus. Hupende Autos jagten dahin. Überall
zahllose Menschen, ein Gewirr von Stimmen. Auf dem Weg zum Großen
Theater wechselten sie nur wenige Worte miteinander. Beide beschäftigte
der gleiche Gedanke.
Die Eingänge waren von einem ungestüm brausenden und brandenden
Menschenmeer umlagert. Alle strebten dem riesigen Gebäude zu und
versuchten in das von Rotarmisten bewachte Theater einzudringen. Die
unerbittlichen Rotarmisten gewährten jedoch nur den Delegierten
Einlass, die stolz ihr Mandat vorwiesen und so die Kette der Posten
durchschritten.
Die Menge, die das Theater umwogte, bestand aus Komsomolzen, denen es
nicht gelungen war, eine Besucherkarte zu bekommen, die aber trotzdem
versuchten - koste es, was es wolle -, der Eröffnung des Kongresses
beizuwohnen. Einige besonders gewandte Komsomolzen drängelten sich
mitten in die Delegiertengruppen hinein und zeigten ebenfalls irgendein
rotes Papierchen vor, das ein Mandat vorstellen sollte. Manche von ihnen
hatten so die Möglichkeit, bis an den Eingang zu kommen; einige schlüpften
sogar durch die Türen hindurch. Hier aber landeten sie in den Armen des
diensthabenden Zentralkomiteemitglieds oder des Kommandanten, der die Gäste
auf die Ränge und die Delegierten ins Parkett wies und von dem sie, zum
größten Vergnügen der übrigen draußengebliebenen »kartenlosen
Gesellschaft«, wieder hinausexpediert wurden.
Nur etwa der zwanzigste Teil derer, die an dem Kongress teilzunehmen wünschten,
fand im Theater Platz.
Mit großer Mühe gelangten Rita und Pawel zur Tür. Immer mehr
Delegierte strömten herbei, wurden von Straßenbahnen und Autos
herangebracht. Den Rotarmisten, die ebenfalls Komsomolzen waren, fiel es
immer schwerer, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Man drückte sie an die
Wand, und dicht bei der Tür erschollen laute Rufe:
»Los, vorwärts, Jungs, gebt nicht nach!«
»Los, Bruderherz, dräng nur nach vorn, wir werden's schon schaffen!«
»Lo-os! Lo-os! Feste …!«
Zusammen mit Kortschagin und Rita stürmte ein kleiner flinker Bursche,
mit dem Abzeichen des Kommunistischen Jugendverbandes auf der Brust, wie
ein Wirbelwind durch die Tür. Er lief an dem Kommandanten vorüber und
rannte
Hals über Kopf ins Foyer. Einen Augenblick - und er war im Strom der
Delegierten untergetaucht.
»Wir wollen uns hierher setzen«, sagte Rita, als sie das Parkett
betraten, und zeigte auf zwei Sessel in den hinteren Reihen. Sie nahmen
Platz.
»Ich möchte, dass du mir eine Frage beantwortest«, sagte Rita.
»Obwohl die Sache schon längst veraltet ist, denke ich doch, dass du
es mir jetzt erklären wirst: Weshalb hast du damals unseren Unterricht
und unsere Freundschaft abgebrochen?«
Von der ersten Minute ihres Wiedersehens an hatte Pawel diese Frage
erwartet. Und dennoch verwirrte sie ihn.
Ihre Augen begegneten einander, und Pawel begriff: Sie weiß alles.
»Ich glaube, Rita, dass du es selber weißt. Das war vor drei Jahren,
und jetzt kann ich mich dafür nur verurteilen. Kortschagin hat in
seinem Leben überhaupt nicht wenige große und kleine Fehler gemacht,
und einer davon war der, von dem du jetzt sprichst.« Rita lächelte.
»Das war ein gutes Vorwort. Ich möchte jedoch eine Antwort haben.«
Pawel sagte leise:
»Daran bin nicht nur ich schuld, sondern auch der Roman
›Stechfliege‹ und seine revolutionäre Romantik. Bücher, in denen
in lebendiger Weise mutige, geistig hoch stehende und willensstarke
Revolutionäre geschildert werden, die tapfer und selbstlos unserer
Sache ergeben sind, hinterließen in mir stets einen außerordentlich
starken Eindruck und riefen in mir den Wunsch wach, ihnen nachzueifern.
Da habe ich auch mein Gefühl für dich nach dem Beispiel dieses Romans
unterdrückt. Jetzt kommt mir das lächerlich vor, mehr noch,
beklagenswert.«
»Und jetzt wird die ›Stechfliege‹ also anders bewertet?«
»Nein, Rita, im Prinzip nicht. Ich bin nur gegen die überflüssige
Tragik des qualvollen Herumexperimentierens. mit der eigenen
Willenskraft. Ich bin jedoch für das Grundsätzliche in der
›Stechfliege‹: für das Mutige, für die grenzenlose
Standhaftigkeit, für diesen Typ eines Menschen, der zu leiden versteht,
ohne es immerfort zur Schau zu tragen. Ich bin für diesen Typ eines
Revolutionärs, für den das Persönliche gegenüber der Allgemeinheit völlig
in den Hintergrund tritt.«
»Es ist aber doch bedauerlich, Pawel, dass dieses Gespräch drei Jahre
später stattfindet, als es hätte stattfinden sollen«, sagte Rita
nachdenklich.
»Bedauerst du das deshalb, Rita, weil ich für dich sowieso niemals
mehr als ein Genosse hätte sein können?«
»Nein, Pawel, du hättest auch mehr werden können.«
»Das kann man noch gutmachen.«
»Nein, jetzt ist es ein wenig zu spät, Genosse ›Stechfliege‹.«
Rita lächelte über ihren Scherz und fügte erklärend hinzu:
»Ich habe ein Töchterchen. Es hat einen Vater, der auch mir ein sehr
guter Freund ist. Wir drei halten fest zusammen, und das Trio ist
vorerst noch unzertrennlich.«
Ihre Finger berührten Pawels Hand. Es war eine Geste der Besorgnis um
ihn. Sie begriff jedoch sofort, dass diese Bedenken überflüssig waren.
Pawel war in diesen drei Jahren nicht nur körperlich, sondern auch
geistig gewachsen. Sie verstand, dass er jetzt traurig war - das verriet
der Ausdruck seiner Augen -, jedoch ohne Pose, aufrichtig und schlicht
sagte er:
»Trotz allem bleibt mir noch unvergleichlich mehr, als ich soeben
verloren habe.«
Pawel und Rita erhoben sich. Es war Zeit, sich näher zur Bühne zu
begeben. Sie gingen zu den Sesselreihen, wo sich die ukrainischen
Delegierten niedergelassen hatten. Das Orchester spielte. Überall
hingen riesige rote Transparente, und die flammenden Buchstaben riefen
ihnen zu:
»Die Zukunft gehört uns!« Tausende von Menschen füllten das Parkett,
die Logen und Ränge, und diese Tausende verschmolzen hier zu einem
einzigen mächtigen Motor nie erlahmender Energie. Das riesige
Theatergebäude hatte in seinen Wänden die Blüte der jungen Garde des
mächtigen Proletariergeschlechts aufgenommen. Tausende Augenpaare - und
in jedem dieser Augenpaare sprühten und spiegelten sich die Worte
wider, die über dem schweren Vorhang geschrieben standen:
»Die Zukunft gehört uns!«
Der Ansturm der Menschen nahm immer noch kein Ende. Nur wenige Minuten -
dann öffnete sich langsam der schwere Samtvorhang, und der Sekretär
des Zentralkomitees begann, selbst bewegt von dem feierlichen
Augenblick:
»Der Sechste Kongress des Kommunistischen Jugendverbandes der
Sowjetunion ist hiermit eröffnet.«
Noch nie in seinem Leben hatte Kortschagin tiefer und klarer die Größe
und Macht der Revolution empfunden, noch nie hatte ihn ein größerer
Stolz, eine hellere Freude erfüllt als hier, auf dieser Siegesfeier der
jungen Garde des Bolschewismus, der auch er als Kämpfer und Erbauer
angehörte.
Der Kongress nahm seine Teilnehmer von früh bis spät in Anspruch, und
erst auf einer der letzten Sitzungen begegneten sich Pawel und Rita
wieder. Er fand sie im Kreis ukrainischer Delegierter.
»Morgen, nach Schluss des Kongresses, fahr ich gleich ab«, sagte sie.
»Ich weiß nicht, ob es uns noch gelingen wird, vor der Abreise
miteinander zu reden. Deshalb habe ich heute für dich zwei Hefte mit
meinen Notizen, die die Vergangenheit betreffen, und einen kurzen Brief
herausgesucht. Wenn du das gelesen hast, schicke es mir per Post zurück.
Aus diesen Aufzeichnungen wirst du alles erfahren, was ich dir nicht erzählt
habe.«
Er drückte ihr die Hand und schaute sie lange an, als wollte er sich
ihre Züge fest einprägen.
Sie trafen sich, wie verabredet, am nächsten Tag vor dem Haupteingang,
und Rita übergab ihm eine Rolle und ein geschlossenes Kuvert. Die
beiden verabschiedeten sich zurückhaltend, denn ringsum standen
Menschen. Aus Ritas verschleierten Augen strömte ihm jedoch große Wärme
und auch ein wenig Kummer entgegen.
Kurz darauf trugen die Züge sie in verschiedene Richtungen davon.
Die Ukrainer waren in mehreren Eisenbahnwagen untergebracht. Kortschagin
fuhr gemeinsam mit den Kiewer Genossen. Am Abend, als schon alle ruhten
und neben ihm Okunew schnarchte, rückte Kortschagin näher zum Licht
und öffnete den Brief:
Pawluscha,
Lieber!
Ich hätte Dir das alles persönlich sagen können, aber so ist es
besser. Ich wünsche nur eins: dass das, worüber wir vor Beginn des
Kongresses gesprochen haben, keine schmerzende Wunde in Deinem Leben
hinterlässt. Ich weiß, Du bist willensstark, deshalb glaube ich Deinen
Worten. Ich habe keine formale Einstellung zum Leben, und ich denke,
dass man in persönlichen Beziehungen manchmal auch eine Ausnahme machen
kann, natürlich nur sehr selten, wenn es sich um starke, tiefe Gefühle
handelt. Du hättest das verdient. Ich habe jedoch den im ersten
Augenblick in mir aufgekommenen Wunsch, unserer Jugend zu geben, was ihr
gebührt, unterdrückt. Ich fühlte, dass uns dies nicht viel Freude
bringen würde. Pawel, man darf nicht so hart gegen sich selbst sein.
Unser Leben ist nicht nur vom Kampf erfüllt, sondern auch von dem
freudigen Glück eines starken Gefühls. Was Dein sonstiges Leben
betrifft, ich meine seinen eigentlichen Inhalt, so bin ich da nicht im
geringsten besorgt. Ich drücke Dir herzlich die Hand.
Rita
In
Gedanken versunken, zerriss Pawel den Brief. Er streckte die Hand zum
Fenster hinaus und spürte, wie der Wind seinen Fingern die
Papierschnitzel entriss und davontrug. Bis zum Morgen waren beide Hefte
durchgelesen, wieder eingewickelt und verschnürt.
In Charkow verließ ein Teil der Ukrainer den Zug, darunter Okunew,
Pankra-tow und Kortschagin. Nikolai fuhr nach Kiew, um Talja abzuholen,
die bei Anna geblieben war. Pankratow, der Mitglied des Zentralkomitees
des Jugendverbandes der Ukraine geworden war, hatte dort ebenfalls
verschiedenes zu erledigen. Kortschagin entschloss sich, mit ihnen nach
Kiew zu fahren und bei dieser Gelegenheit die Freunde aufzusuchen. In
Kiew ging er zum Postschalter des Bahnhofs, um Rita die Hefte zurückzuschicken.
Als er sich dann nach den Genossen umsah, war keiner mehr da. Die Straßenbahn
brachte ihn zu dem Haus, in dem Anna und Dubawa wohnten. Pawel stieg zum
ersten Stock hinauf und klopfte an die Tür links, die zu Annas Zimmer führte.
Das Klopfen blieb unbeantwortet. Es war noch früh am Morgen, und Anna
konnte unmöglich bereits zur Arbeit gegangen sein. Wahrscheinlich schläft
sie noch dachte er. Nebenan wurde die Tür geöffnet, und Dubawa trat
verschlafen heraus. Sein Gesicht war fahl, mit dunklen Ringen unter den
Augen, und ein scharfer Zwiebelgeruch, vermischt mit Branntwein, strömte
von ihm aus. Durch die halbgeöffnete Tür bemerkte Kortschagin auf dem
Bett eine korpulente Frau, vielmehr nur ihr dickes nacktes Bein und die
Schultern.
Dubawa, der Pawels Blick bemerkt hatte, stieß mit dem Fuß die Tür zu.
»Wohin willst du, zur Genossin Borchardt?« fragte er heiser und
blickte dabei in irgendeine Ecke.
»Sie wohnt nicht mehr hier. Weißt du das denn nicht?«
Kortschagin schaute ihn mit finsterem Blick prüfend an.
»Das wusste ich nicht. Wo ist sie denn hingezogen?« fragte er. Dubawa
wurde plötzlich zornig.
»Das interessiert mich nicht.« Er rülpste und fügte mit unterdrücktem
Groll hinzu:
»Willst sie wohl trösten kommen? Da bist du gerade der Rechte. Der
Platz ist frei, bitte sehr! Um so mehr, da du keinen Korb zu befürchten
hast. Hat sie mir doch des Öfteren gesagt, dass du ihr gefällst oder
wie das sonst noch bei den Weibern heißt. Nimm die Gelegenheit beim Schöpf!
Da hast du gleich eine Gemeinschaft von Leib und Seele.«
Pawel spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss, beherrschte sich
aber und sagte leise:
»Wohin bist du nur geraten! Ich hätte nie erwartet, dass du so tief
sinken würdest. Du warst doch früher gar kein schlechter Kerl. Wie
kann man so auf den Hund kommen?«
Dubawa lehnte sich an die Wand. Ihm war anscheinend kalt geworden, da er
mit nackten Füßen auf dem Zementboden stand. Ihn fröstelte. Die Tür
ging auf, und in ihrem Rahmen erschien eine verschlafene Frau mit
aufgedunsenem Gesicht.
»Schatz, komm doch rein, wozu stehst du da herum …?« Dubawa ließ
sie nicht zu Ende sprechen, er schlug die Tür zu und stemmte sich mit
dem Körper dagegen.
»Ein viel versprechender Anfang …«, sagte Pawel. »Mit wem hast du
dich denn da eingelassen, und wohin soll das alles führen?« Dubawa
schien der Unterredung überdrüssig zu sein und schrie:
»Ihr werdet mir noch vorschreiben, mit wem ich ins Bett gehen soll!
Lass deine Moralpredigten! Scher dich dorthin, woher du gekommen bist!
Geh nur und erzähl allen, dass Dubawa säuft und mit Straßenmädchen
schläft.«
Pawel ging auf ihn zu und sagte aufgeregt:
»Dmitri, schmeiß dieses Weib raus. Ich will noch einmal, zum letzten
Mal, mit dir sprechen …«
Dubawas Gesicht verfinsterte sich. Er drehte sich um und ging ins
Zimmer.
»Ach, du Dreckskerl!« zischte Kortschagin und stieg langsam die Treppe
hinunter.
Zwei
Jahre waren vergangen. Unmerklich verstrichen Tage und Monate. Und das
stürmische, vielseitige Leben gab diesen, dem äußeren Anschein nach
so eintönigen Tagen immer neuen Inhalt, so dass das Heute nur selten
dem Gestern glich. Hundertsechzig Millionen, ein großes Volk, das zum
ersten Mal in der Geschichte Herr seines unermesslichen Landes und
seiner unerschöpflichen Reichtümer geworden war, baute in heldenhafter
und angespannter
Arbeit die vom Krieg zerstörte Volkswirtschaft wieder auf. Das Land
erstarkte, es gewann frische Kraft - nirgends mehr waren die rauchlosen
Schlote der vor kurzem noch leblosen und in ihrer Verlassenheit finster
dreinschauenden Betriebe zu sehen.
Kortschagin hatte diese zwei Jahre in rastloser Arbeit verbracht. Er
nahm es nicht einmal wahr, wie schnell sie verflogen. Ein geruhsames
Leben zu führen, sich frühmorgens gähnend zu recken und sich abends pünktlich
zehn Uhr schlafen zu legen, das entsprach nicht seiner Art. Er hatte es
eilig zu leben. Und er eilte nicht nur selbst, er trieb auch die anderen
zur Eile an.
Zum Schlafen blieb nur wenig Zeit. Meist waren die Fenster seines
Zimmers bis spät in die Nacht erleuchtet, und drinnen saßen über den
Tisch gebeugt Menschen und studierten. In den zwei Jahren hatten sie den
dritten Band des »Kapitals« durchgearbeitet. Der komplizierte
Mechanismus der kapitalistischen Ausbeutung wurde ihnen allmählich klar
und verständlich.
In der Stadt, in der Kortschagin arbeitete, tauchte plötzlich
Raswalichin auf. Er wurde vom Gouvernementskomitee geschickt, mit dem
Vorschlag, ihn als Sekretär eines Bezirks-Jugendkomitees einzusetzen.
Pawel war gerade unterwegs, und in seiner Abwesenheit hatte die
Jugendleitung Raswalichin in einen der Bezirke kommandiert. Als
Kortschagin nach seiner Rückkehr davon erfuhr, verlor er kein Wort darüber.
Nach einem Monat jedoch erschien Pawel plötzlich in Raswalichins
Bezirk. Es lag nicht viel schwarz auf weiß gegen Raswalichin vor, aber
es handelte sich im allgemeinen um Saufereien, Bevorzugung von Kriechern
und Schmeichlern und Zurücksetzung von guten Genossen. Kortschagin
setzte den Fall auf die Tagesordnung des Jugendkomitees, und als sich
die anderen für die Erteilung einer strengen Rüge aussprachen, erklärte
er unvermittelt:
»Mein Vorschlag ist: Ausschluss, ohne Recht auf Wiederaufnahme.«
Pawels Vorschlag setzte alle in Erstaunen, er schien ihnen zu hart.
Kortschagin jedoch wiederholte:
»Ausschließen muss man den Halunken. Diesem Gymnasiasten wurde
Gelegenheit geboten, ein Mensch zu werden. Er hat sich einfach in unsere
Reihen eingeschlichen.« Und Pawel erzählte von Beresdow.
Raswalichin schrie: »Ich protestiere entschieden gegen den Vorschlag
Kortschagins. Er hetzt gegen mich aus persönlichen Motiven. Da kann
sich ja jeder ausdenken, was ihm passt. Soll doch Kortschagin Beweise,
Dokumente, Tatsachenmaterial vorweisen! Ich könnte da auch plötzlich
erklären, er habe sich mit Schmuggelei befasst, aber wird man ihn etwa
deshalb gleich aus dem Komsomol ausschließen? Nein, soll er doch ein
Dokument vorlegen!«
»Warte nur ab. Du kriegst schon dein Dokument!« erwiderte ihm
Kortschagin.
Raswalichin verließ das Zimmer. Nach einer halben Stunde setzte
Kortschagin die Annahme folgender Resolution durch: »Als fremdes
Element ist Raswalichin aus den Reihen des Komsomol auszuschließen.«
Im
Sommer gingen die Genossen einer nach dem anderen auf Urlaub.
Diejenigen, um deren Gesundheit es schlecht stand, fuhren ans Meer. Alle
sehnten sich nach Erholung, und Kortschagin ließ seine Kameraden
fahren, verschaffte ihnen Sanatoriumsplätze und materielle Hilfe.
Bleich und abgespannt, jedoch freudig erregt, reisten sie ab. Ihre
Arbeit lastete jetzt auf Pawels Schultern, er aber bewältigte sie
gleich einem braven Arbeitspferd, das geduldig den schweren Karren
bergauf zieht. Die Genossen kehrten dann braungebrannt, lebenslustig,
voller Energie wieder zurück, und andere traten ihren Urlaub an. So
fehlte den ganzen Sommer hindurch immer irgend jemand. Das Leben jedoch
ging unaufhaltsam seinen geregelten Gang, und Kortschagins Fernsein von
der Arbeit, auch nur für einen Tag, war undenkbar.
So verging der Sommer. Herbst und Winter liebte Pawel nicht; sie
brachten ihm viele körperliche Leiden.
Diesen Sommer hatte Pawel mit besonderer Ungeduld erwartet. Es war für
ihn qualvoll, sich einzugestehen, dass seine Kräfte von Jahr zu Jahr
schwanden.
Nur zwei Wege blieben ihm offen: entweder zuzugeben, dass er nicht
imstande war, die Mühen angespannter Arbeit zu ertragen, dass er ein
Invalide war -oder auf seinem Posten auszuharren, solange die Kräfte
reichten.
Er wählte den zweiten Weg.
Eines Tages, auf einer Sitzung des Kreis-Parteikomitees, setzte sich der
alte Doktor Bartelik, ein ehemaliger Illegaler, jetzt Leiter des
Kreisgesundheitsamtes, zu ihm.
»Du siehst nicht besonders gut aus, Genosse Kortschagin. Hast du dich
von der Ärztekommission untersuchen lassen? Wie steht es denn mit
deiner Gesundheit? Warst wohl nicht dort - oder hab ich das nur
vergessen? Musst dich aber mal untersuchen lassen, Freundchen. Komm am
Donnerstagabend.«
Pawel ging nicht zur Kommission - er hatte zu tun. Bartelik hatte ihn
aber nicht vergessen und schleppte ihn eines Tages doch mit. Als
Ergebnis einer eingehenden ärztlichen Untersuchung, an der Bartelik als
Nervenarzt beteiligt war, wurde folgendes festgestellt:
»Die Ärztekommission hält einen sofortigen Urlaub mit längerer
Erholung auf der Krim sowie weitere eingehende Behandlung für unbedingt
notwendig, andernfalls sind schwere Folgen unausbleiblich.«
Dieser Feststellung ging eine lange Aufzählung verschiedener
Krankheiten in lateinischer Sprache voraus, woraus Kortschagin nur das
eine entnehmen konnte, dass nicht die Beschwerden in den Füßen sein
Hauptleiden waren, sondern eine schwere Störung des zentralen
Nervensystems.
Bartelik ließ den Kommissionsbeschluss vom Parteikomitee bestätigen,
und niemand hatte etwas gegen Kortschagins unverzügliche Beurlaubung
einzuwenden. Pawel selbst schlug jedoch vor, seine Abreise bis zur Rückkehr
Sbitnews, des Leiters der Orgabteilung des Kreis-Jugendkomitees,
hinauszuschieben, da er das Komitee nicht ohne Leitung lassen wollte.
Man erklärte sich damit einverstanden, obwohl Bartelik dagegen war.
In drei Wochen sollte also Pawel zum ersten Mal in seinem Leben auf
Urlaub gehen. Der Schein für einen Sanatoriumsaufenthalt in Jewpatoria
lag bereits in seiner Schublade.
In diesen Tagen arbeitete Kortschagin besonders intensiv. Er führte
eine Plenarsitzung des Kreis-Jugendkomitees durch und bemühte sich,
ohne seine Kräfte zu schonen, alles in Ordnung zu bringen, um dann
ruhigen Herzens abfahren zu können.
Und gerade am Vorabend seiner Abfahrt ans Meer, das er noch niemals in
seinem Leben gesehen hatte, ereignete sich eine widerliche, abstoßende
Szene.
Pawel hatte sich nach der Arbeitszeit ins Zimmer der Agitpropabteilung
der Partei begeben und setzte sich in Erwartung einer Beratung, die dort
stattfinden sollte, auf den Sims eines geöffneten Fensters, das von
einem Bücherschrank verdeckt war. Als er eintrat, war das Zimmer leer.
Bald darauf kamen einige Leute, die Pawel jedoch wegen des Schrankes
nicht sehen konnten. Er erkannte die Stimme Failos, des Leiters der
Kreisabteilung für Volkswirtschaft, eines schönen, hochgewachsenen
Mannes mit militärischem Auftreten. Oft war Pawel zu Ohren gekommen,
dass Failo ein Trinker sei und jedem hübschen Mädchen nachlaufe.
Failo war ein ehemaliger Partisan. Mit selbstzufriedenem Lächeln erzählte
er bei jeder Gelegenheit, wie er den Machno-Leuten die Köpfe
abgeschlagen hatte, jeden Tag einem ganzen Dutzend.
Kortschagin konnte ihn nicht ausstehen. Einmal kam eine Komsomolzin zu
Pawel und erzählte ihm bitterlich weinend, Failo habe ihr versprochen,
sie zu heiraten. Nachdem er jedoch eine Woche lang mit ihr gelebt hatte,
habe er sie verlassen, ja sogar aufgehört, sie zu grüßen. Vor der
Kontrollkommission gelang es Failo, sich herauszureden, denn das Mädchen
hatte keine Beweise. Pawel aber glaubte ihr.
Kortschagin horchte auf.
»Nun, Failo, wie steht's mit deinen Erfolgen? Was hast du wieder
angestellt?«
Diese Frage stellte Gribow, einer von Failos Freunden, ein Mensch des
gleichen Schlages. Aus unerfindlichen Gründen arbeitete Gribow als
Propagandist,
obwohl er äußerst unwissend und beschränkt, kurz, ein Dummkopf war.
Er tat sich indes mit seinem Propagandistentitel wichtig und brachte ihn
bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit aufs Tapet.
»Kannst mir gratulieren. Gestern hatte ich es mit der Korotajewa. Du
hast zwar gesagt, dass bei ihr nichts zu machen ist, aber wenn ich mal
eine aufs Korn nehme, mein Lieber, dann kannst du schon sicher sein …«,
und Failo machte noch eine schmutzige Bemerkung.
Kortschagin lief ein nervöses Kribbeln über den Rücken - ein Zeichen
höchster Gereiztheit. Korotajewa war die Leiterin der Frauenabteilung
des Kreis-Parteikomitees. Sie war gleichzeitig mit Pawel in die Stadt
gekommen, und er hatte sich mit dieser sympathischen Genossin
angefreundet, die aufmerksam und teilnahmsvoll zu jeder Frau und überhaupt
zu jedem war, der von ihr Rat und Hilfe erhoffte.
Unter den Mitarbeitern des Komitees genoss die Korotajewa große
Achtung. Sie war unverheiratet, und Failo sprach zweifellos von ihr.
»Und lügst du auch nicht, Failo? Das sieht ihr doch gar nicht ähnlich.«
»Ich und lügen! Für wen hältst du mich denn eigentlich? Ich bin noch
mit ganz anderen fertig geworden. Man muss es nur richtig anpacken. Jede
verlangt ihre eigene Behandlung. Die eine gibt gleich am ersten Tag
nach, aber die taugen meist nicht viel, einer anderen muss man erst
einen ganzen Monat lang nachlaufen. Man muss sich eben in ihrer Psyche
auskennen. Ja, mein Lieber, das ist eine ganze Wissenschaft, aber in
diesem Fach bin ich ein Meister. Hahahaha …!«
Failo schwoll der Kamm vor Selbstzufriedenheit, und das Häufchen Zuhörer
spornte ihn an, weiterzuerzählen. Sie waren begierig, Einzelheiten zu
erfahren.
Kortschagin stand auf, ballte die Fäuste und spürte, wie sein Herz
erregt klopfte.
»Die Korotajewa einfach so auf den ersten Anhieb zu bekommen, daran war
gar nicht zu denken. Laufen lassen wollte ich sie aber auch nicht, um so
weniger, als ich mit Gribow um ein Dutzend Flaschen Portwein gewettet
hatte. So legte ich mich also ins Zeug. Ich besuchte sie ein-, zweimal,
merkte aber, dass sie mich scheel ansah. Man schwatzt da so
verschiedenes über mich - vielleicht ist ihr was zu Ohren gekommen
….. Mit einem Wort: in den Flanken ein richtiger Misserfolg. Da musste
also ein Umgehungsmanöver herhalten. Haha! -›Verstehst du‹, sage
ich zu ihr, ›da habe ich nun gekämpft, unzählige Feinde habe ich zu
Brei zermalmt, habe mich in der Welt herumgetrieben, nicht wenig Kummer
erlebt, habe so manches durchmachen müssen, aber eine Frau, eine
richtige Lebensgefährtin, habe ich nicht gefunden. So lebe ich denn wie
ein obdachloser Hund, ohne Zärtlichkeit, ohne Liebe …‹ Und so
weiter und so fort, immer dieselbe Leier. Mit einem Wort, ich packte sie
immerzu an ihren schwachen Seiten. Viel habe ich mich mit ihr abplagen müssen.
Eine Zeitlang wollte ich schon die Sache fahren lassen und mit der
ganzen Komödie Schluss machen. Hol sie der Teufel! Aber nun war das für
mich schon eine prinzipielle Sache geworden. Aus prinzipiellen Gründen
musste ich durchhalte .…Schließlich habe ich sie doch kirre gemacht,
und meine Geduld hat sich gelohnt: bin statt auf ein Weib auf eine
Jungfrau gestoßen. Haha! Ach, zum Totlachen!«
Und Failo setzte seine abscheuliche Erzählung fort.
Kortschagin konnte sich später nur schwer entsinnen, wie es gekommen
war, dass er plötzlich vor Failo stand.
»Du Schweinehund!« schrie Pawel wütend.
»Wer ist ein Schweinehund, ich oder du, der fremde Gespräche
belauscht?«
Anscheinend hatte Pawel noch irgend etwas geantwortet, denn Failo packte
ihn plötzlich an der Brust.
»Beleidigen willst du mich auch noch?« schrie der angetrunkene Failo
und versetzte Kortschagin einen Faustschlag.
Kortschagin griff nach einem Holzschemel und streckte Failo mit einem
Schlag nieder. Pawel hatte keine Waffe bei sich, und nur dieser Umstand
rettete Failo das Leben.
Diese Angelegenheit aber hatte zur Folge, dass Pawel an dem Tag, an dem
er nach der Krim fahren sollte, vor dem Parteigericht stand.
Im Stadttheater war die gesamte Parteiorganisation versammelt. Der
Vorfall in der Agitpropabteilung hatte allgemeines Aufsehen erregt, und
das Gerichtsverfahren entwickelte sich zu einer heftigen Diskussion über
Fragen des persönlichen Lebens. Die Probleme der neuen Lebensformen,
der persönlichen Beziehungen und der Partei-Ethik drängten die zu
behandelnde Sache in den Hintergrund. Der Vorfall wurde zu einem Signal.
Failo benahm sich vor dem Parteigericht herausfordernd. Er lächelte
frech und erklärte, dass er seine Angelegenheit dem Volksgericht übergeben
und dass für seinen zerschlagenen Kopf Kortschagin noch mit
Zwangsarbeit büßen werde. Die Beantwortung der an ihn gestellten
Fragen lehnte er kategorisch ab.
»Ihr wollt eure Zungen auf meine Kosten wetzen? Da seid ihr auf dem
Holzweg! Ihr könnt mir ja schließlich anhängen, was ihr wollt. Und
wenn mich die Weiber jetzt attackieren, so geschieht das, weil ich ihnen
keine Beachtung schenke. Die ganze Sache ist keinen Pfifferling wert. Wäre
das im Jahre 1918 geschehen, dann hätte ich mit diesem Idioten
Kortschagin auf andere Art abgerechnet. Aber jetzt wird man hier auch
ohne mich auskommen können.«
Wütend verließ er den Raum.
Als Kortschagin vom Vorsitzenden ersucht wurde, über die Angelegenheit
zu berichten, sprach Pawel ruhig. Man spürte jedoch, dass er sich nur mühsam
beherrschte.
»Der Vorfall, um den es sich hier handelt, hat sich nur deshalb so
abgespielt, weil ich mich nicht in der Hand hatte. Die Zeit ist schon längst
vorbei, da ich mehr von meiner Faust als von meinem Kopf Gebrauch
machte. Ich weiß nicht, wie es geschah, aber ehe ich mich besann, hatte
Failo eins auf den Schädel bekommen. Seit Jahren ist das der einzige
Fall, wo der Partisan in mir durchgegangen ist. Ich verurteile mein
Handeln, obwohl der Schlag eigentlich völlig angebracht war. Solche
Leute wie Failo sind abstoßende Erscheinungen in unserem
kommunistischen Leben. Ich kann es nicht begreifen und werde mich
niemals damit abfinden können, dass ein Revolutionär, ein Kommunist,
zugleich eine niederträchtige Bestie und ein Schuft sein kann. Dieser
Vorfall hat uns dazu gebracht, die Fragen des persönlichen Lebens auf
die Tagesordnung zu stellen, und das ist das einzig Positive an der
ganzen Geschichte.«
Die überwiegende Mehrheit des Parteikollektivs stimmte für Failos
Ausschluss aus der Partei. Gribow wurde wegen falscher Aussagen eine
strenge Rüge mit Verwarnung ausgesprochen. Die übrigen, die an der
Unterhaltung beteiligt gewesen waren, gestanden, wie sich alles
zugetragen hatte. Ihnen wurde ein Verweis erteilt.
Bartelik berichtete über Pawels Nervenzustand, und die Versammelten
protestierten stürmisch, als das Parteigericht den Vorschlag machte,
Kortschagin eine Rüge zu erteilen. Der Vorschlag wurde zurückgezogen
und Pawel rehabilitiert.
Einige Tage später brachte der Zug Pawel nach Charkow. Auf seine
beharrliche Bitte hatte sich das Kreiskomitee der Partei damit
einverstanden erklärt, ihn dem Zentralkomitee des Kommunistischen
Jugendverbandes der Ukraine zur Verfügung zu stellen. Man gab ihm eine
gute Charakteristik mit, und er reiste ab. Einer der Sekretäre des ZK
war Akim. Pawel ging zu ihm und erzählte ihm alles.
Akim las die Charakteristik. Nach den Worten »der Partei getreu ergeben«
stand weiter:
»… ist diszipliniert, nur in äußerst seltenen Fällen jähzornig,
kann dabei sogar seine Selbstbeherrschung verlieren. Schuld daran ist
eine schwere Störung des Nervensystems.«
»Hat man sich's doch nicht verkneifen können, das in deine
Charakteristik einzutragen, Pawluscha. Aber sei darüber nicht betrübt,
so etwas kommt
sogar bei gesunden Menschen vor. Fahr nach dem Süden und erhol dich
ordentlich. Wenn du zurückkehrst, werden wir schon besprechen, wo du
arbeiten kannst.« Akim drückte ihm zum Abschied fest die Hand.
Das
Sanatorium des Zentralkomitees »Kommunar«. Üppige Rosenbeete, in der
Sonne glitzernde Springbrunnen, weinumrankte Gebäude mitten im Garten.
Menschen in weißen Kitteln und in Badeanzügen. Eine junge Ärztin trägt
die Namen der Kurgäste ein. Ein geräumiges Zimmer im Eckgebäude,
blendendweiße Betten, Sauberkeit und Ruhe, die durch nichts gestört
wird.
Vom Bad erfrischt und umgekleidet, ging Kortschagin ans Meer.
Überall, wohin das Auge reichte, Meer, nichts als Meer. Majestätisch
und friedlich, blauschwarz wie polierter Marmor lag es da. Irgendwo im
fernen himmelblauen Dunst verloren sich seine Grenzen. Wie blitzende
Feuerfunken spiegelte sich die strahlende Sonne in den Wellen. Am
Horizont zeichneten sich im Morgennebel die hohen Bergmassive ab. Die
Brust sog die belebend frische Brise ein, und das Auge konnte sich nicht
von der erhabenen Stille des blauen Meeres trennen.
Liebkosend benetzte eine leichte Welle den goldenen Meeressand und
Pawels Füße.
SIEBENTES
KAPITEL
Neben
dem Sanatorium des Zentralkomitees lag der große Park der Poliklinik.
Durch diesen Park mussten die Kurgäste aus dem Sanatorium »Kommunar«
gehen, wenn sie vom Meer zurückkehrten. Hier, abseits, im Schatten der
dichten Platane an der hohen Kalksteinwand, war Pawels Lieblingsplatz.
Nur selten kam jemand vorüber. Von diesem Winkel aus konnte man in der
Ferne das lebhafte Auf und Ab der Menschen in den Alleen und Wegen des
Gartens beobachten und am Abend der Musik lauschen, ohne in das
aufregende Getriebe des großen Kurorts hineingerissen zu werden.
Auch heute war Kortschagin dorthin gegangen. Er ließ sich behaglich in
einem Schaukelstuhl nieder und schlummerte ein, vom Baden und von der
Hitze erschlafft. Sein Frottierhandtuch und der Roman »Meuterei« von
Furma-now lagen neben ihm auf einem Stuhl. In den ersten Tagen seines
Aufenthalts im Sanatorium war Pawel in einem äußerst nervösen Zustand
und litt ununterbrochen an Kopfschmerzen. Die Professoren dokterten
immer noch an seiner komplizierten und äußerst seltenen Krankheit
herum. Das häufige Abhören und Abklopfen wurde Pawel zuwider und ermüdete
ihn. Die leitende Ärztin, die den seltsamen Namen Jerusalimtschik trug,
eine sympathische Parteigenossin, konnte ihren Patienten jedes Mal nur
mit Mühe ausfindig machen und redete ihm geduldig zu, mit ihr diesen
oder jenen Facharzt aufzusuchen.
»Mein Ehrenwort, ich halte das nicht mehr aus«, sagte Pawel. »Fünfmal
am Tag muss man ein und dasselbe erzählen. ›War Ihre Großmutter
nicht geisteskrank? Hat Ihr Urgroßvater nicht an Rheumatismus
gelitten?‹ Verdammt noch mal, woher soll ich denn wissen, woran der
gelitten hat, ich habe ihn überhaupt niemals zu Gesicht bekommen. Dabei
versucht mir noch jeder zuzureden, ich solle bekennen, dass ich einmal
Gonorrhöe oder noch was Schlimmeres gehabt habe. Und ich würde ihnen,
offen gestanden, dafür am liebsten jedes Mal eins auf den Schädel
geben. Lasst mich doch ausruhen! Denn wenn man mich die ganzen
anderthalb Monate studieren wird, werde ich noch gemeingefährlich.«
Die Jerusalimtschik lachte und gab scherzhafte Antworten. Nach wenigen
Minuten fasste sie ihn unter und führte ihn, während sie irgend etwas
Interessantes erzählte, zum Chirurgen.
Heute war keine Untersuchung vorgesehen, und erst in einer Stunde sollte
zu Mittag gegessen werden. Pawel vernahm im Halbschlaf Schritte. Er
hatte die Augen geschlossen. Man wird denken, dass ich schlafe, und
weggehen. Seine
Hoffnung wurde jedoch zerstört, ein Schaukelstuhl knarrte, irgend
jemand ließ sich darauf nieder. Der feine Parfümgeruch verriet, dass
eine Frau neben ihm saß. Er öffnete die Augen. Das erste, was er sah,
waren ein blendendweißes Kleid und sonngebräunte Füße in
Saffiarisandalen, dann ein Bubikopf, zwei große Augen und eine Reihe
scharfer weißer Zähne wie bei einem Mäuschen. Sie lächelte verlegen.
»Entschuldigen Sie, ich habe Sie wohl gestört?« Kortschagin schwieg.
Das war nicht sehr höflich, jedoch gab er die Hoffnung nicht auf, dass
seine Nachbarin verschwinden werde.
»Gehört das Buch Ihnen?«
Sie blätterte in dem Roman.
»Ja.«
Einige Minuten Schweigen.
»Sagen Sie, Genosse, sind Sie aus dem Sanatorium des ZK?« Kortschagin
machte eine ungeduldige Bewegung. Was hat sie bloß hier zu suchen? Das
nennt sich nun Ausruhen. Gleich wird sie noch fragen, was mir fehlt. Ich
will lieber weggehen. Unfreundlich antwortete er: »Nein.«
»Ich glaube, ich habe Sie dort gesehen.«
Pawel hatte sich bereits erhoben, als er hinter sich eine tiefe
weibliche Stimme vernahm.
»Dora, wohin hast du dich denn da verkrochen?« Auf den Rand des
Schaukelstuhls ließ sich eine üppige, sonnverbrannte Blondine im
Strandkostüm nieder. Mit flüchtigem Blick streifte sie Kortschagin.
»Ich muss Sie schon irgendwo gesehen haben, Genosse. Arbeiten Sie nicht
zufällig in Charkow?«
»Ja, in Charkow.«
»Und wo arbeiten Sie dort?«
Kortschagin wollte diesen ermüdenden Fragereien ein Ende machen.
»Bei der Müllabfuhr!«
Unwillkürlich zuckte er unter ihrem Gelächter zusammen.
»Man kann nicht behaupten, dass Sie sehr höflich sind, Genosse.«
So begann ihre Freundschaft, und Dora Rodkina, Mitglied des
Stadtkomitees der Charkower Parteiorganisation, erinnerte sich noch oft
an diesen drolligen Anfang ihrer Bekanntschaft.
Im
Garten des Sanatoriums »Talassa«, den Kortschagin wegen des
Nachmittagskonzerts aufgesucht hatte, traf er unerwartet Sharki. Ein
Foxtrott führte sie zusammen, so sonderbar dies auch war.
Nach einer korpulenten Sängerin, die toll gestikulierend »Die Nacht
lodert im Entzücken der Wollust« vorgetragen hatte, sprang ein Pärchen
auf die Bühne. Er - mit rotem Zylinder, halbnackt, mit irgendwelchen
bunten Schnallen an den Hüften und blendendweißem Vorhemd und
Krawatte. Mit einem Wort, die lächerliche Parodie auf einen Wilden. Sie
- eine hübsche Person mit viel Stoff umwickelt. Unter dem begeisterten
Gegröle der dicken NÖP-Leute, die hinter den Sesseln und Liegestühlen
der Sanatoriumsgäste standen, hopste dieses Pärchen auf der Bühne im
Foxtrott hin und her. Einen widerwärtigeren Anblick konnte man sich
kaum vorstellen. Der feiste Kerl mit seinem lächerlichen Zylinder und
die Frau wanden sich dicht aneinandergeschmiegt in unzüchtigen
Bewegungen. Kortschagin schickte sich eben zum Gehen an, als sich in der
vordersten Reihe, direkt vor der Tribüne, jemand erhob und wütend
schrie:
»Zum Teufel noch mal! Was soll diese Prostitution? Schluss damit!«
Pawel erkannte Sharki.
Der Klavierspieler brach jäh ab. Die Geige kreischte noch einmal auf
und verstummte. Das Pärchen auf der Bühne stand erstarrt. Die Leute
hinter den Stühlen zischten wütend:
»Unerhörte Frechheit, die Vorstellung zu stören!«
»Ganz Europa tanzt!«
»Empörend!«
Doch aus einer Gruppe der »Kommunar«-Leute ertönte plötzlich ein
schriller Pfiff. Es war Sergej Shbanow, der Sekretär des
Tscherepowezker Bezirksjugendkomitees, der beschlossen hatte, der Sache
ein Ende zu machen. Andere unterstützten ihn, und das Pärchen
verschwand im Nu von der Bildfläche.
Der geschwätzige Conferencier, der wie ein geschniegelter Lakai aussah,
gab dem Publikum bekannt, dass die Truppe abreisen würde.
»Ab durch die Mitte, auf unsere Bitte! Sag deiner Lieben, nach Moskau
hat's dich getrieben!« sagte unter großem Gelächter ein junger
Bursche im Krankenkittel.
Kortschagin fand Sharki in den ersten Reihen. Lange saßen sie in Pawels
Zimmer beieinander. Wanja war Agitpropleiter eines Kreis-Parteikomitees.
»Weißt du schon, ich bin verheiratet. Bald werde ich einen Sohn oder
eine Tochter haben«, sagte Sharki.
»Oho, wer ist denn deine Frau?« wunderte sich Kortschagin. Sharki zog
eine Fotografie aus der Tasche und zeigte sie Pawel.
»Erkennst du sie?« Auf der Fotografie waren er und Anna Borchardt
abgebildet.
»Und wo steckt Dubawa?« fragte Pawel noch verwunderter.
»Dubawa ist in Moskau. Er hat nach seinem Ausschluss aus der Partei die
Kommunistische Universität verlassen und besucht jetzt die Moskauer
Technische Hochschule. Gerüchten zufolge soll er wieder in die Partei
aufgenommen sein. Doch ganz zu Unrecht! Von ihm geht Zersetzung aus …
Weißt du, was Ignat treibt? Er ist jetzt stellvertretender Direktor
einer Werft. Von den anderen habe ich wenig gehört. Wir sind ja in alle
Himmelsrichtungen verstreut worden, arbeiten in den verschiedenen Ecken
unseres Landes. Es ist schön, einem alten Freund zu begegnen und
vergangener Tage zu gedenken«, sagte Sharki.
Dora kam mit einigen Kurgästen ins Zimmer. Ein hochgewachsener Genosse
aus Tambow schloss die Tür. Dora warf einen Blick auf Sharkis Orden und
erkundigte sich bei Pawel:
»Ist dein Besucher Parteimitglied? Wo arbeitet er?«
Ohne zu wissen, worum es sich handelte, gab Kortschagin kurz über
Sharki Auskunft.
»Dann kann er hierbleiben. Soeben sind Genossen aus Moskau
eingetroffen. Sie werden uns über die letzten Ereignisse in der Partei
berichten. Wir haben beschlossen, bei dir zu einer Art geschlossener
Sitzung zusammenzukommen«, erklärte Dora.
Fast alle Anwesenden, mit Ausnahme von Pawel und Sharki, waren alte
Bolschewiki. Bartaschew, ein Mitglied der Moskauer Kontrollkommission,
berichtete über die neue Opposition, die von Trotzki, Sinowjew und
Kamenew geführt wurde.
»In einer so gespannten Situation müssen wir an Ort und Stelle sein«,
schloss Bartaschew. »Ich reise morgen ab.«
Drei
Tage nach dieser Sitzung verließen die Patienten vorzeitig das
Sanatorium. Auch Pawel reiste ab, ohne das Ende seines Urlaubs
abzuwarten.
Im Zentralkomitee des Jugendverbandes hielt man ihn nicht lange auf. Er
wurde zum Sekretär des Kreis-Jugendkomitees in einem Industriegebiet
ernannt, und schon nach einer Woche sprach er zum ersten Mal vor den städtischen
Funktionären.
An einem späten Herbsttag raste das Auto des Kreis-Parteikomitees, in
dem Kortschagin mit noch zwei anderen Funktionären nach einem weit
entlegenen Bezirk fuhr, in einen Graben und überschlug sich. Alle
Insassen wurden verletzt. Kortschagin trug eine Quetschung des rechten
Knies davon. Wenige Tage nach diesem Unfall brachte man ihn in die
Charkower Chirurgische Klinik. Nach einer Untersuchung des geschwollenen
Knies und nach verschiedenen Röntgenaufnahmen sprach sich das Ärztekonsilium
für eine sofortige Operation aus.
Kortschagin gab seine Zustimmung.
»Also morgen früh«, sagte der dicke Professor, der Leiter des
Konsiliums, und erhob sich. Ihm folgten die anderen.
Ein kleines, helles Einzelzimmer. Tadellose Sauberkeit und ein längst
vergessener eigentümlicher Lazarettgeruch. Kortschagin blickte um sich.
Ein Nachttisch mit schneeweißem Deckchen, ein weißer Schemel - das war
alles.
Die Schwester brachte das Abendbrot.
Pawel wollte nicht essen. Im Bett halb aufgerichtet, schrieb er Briefe.
Der Schmerz im Bein erschwerte das Denken. Das Essen widerte ihn an.
Als der vierte Brief geschrieben war, öffnete sich behutsam die Tür
des Krankenzimmers. Eine junge Frau in weißem Kittel und mit weißer
Haube kam herein. Sie hatte feingezeichnete Brauen und große Augen, die
schwarz zu sein schienen. In der einen Hand hielt sie eine Aktenmappe,
in der anderen - ein Blatt Papier und einen Bleistift.
»Ich bin Ihr Arzt«, sagte sie.
»Habe heute Dienst und werde jetzt gleich ein kleines Verhör
veranstalten. Und Sie werden - wohl oder übel - alles über sich erzählen
müssen.«
Sie lächelte freundlich, und dieses Lächeln machte das »Verhör«
weniger unangenehm. Eine ganze Stunde lang erzählte Kortschagin sowohl
von sich als auch von seiner Urgroßmutter.
Die
Menschen im Operationssaal trugen Gazemasken.
Vernickelte chirurgische Instrumente blinkten. Ein schmaler Tisch,
darunter eine riesige Schüssel. Als sich Kortschagin hingelegt hatte,
war der Professor gerade mit dem Händewaschen fertig.
Hinter Pawel beeilte man sich mit den Vorbereitungen für die Operation.
Kortschagin schaute um sich. Die Schwester legte die Lanzetten und
Pinzetten zurecht. Die ihn behandelnde Ärztin, Bashanowa, löste den
Verband vom Bein.
»Schauen Sie nicht hin, Genosse Kortschagin, das ist nicht gut für die
Nerven«, sagte sie leise.
»Von wessen Nerven sprechen Sie, Doktor?« Kortschagin lächelte spöttisch.
Nach wenigen Minuten bedeckte eine dichte Maske sein Gesicht, und der
Professor sagte:
»Seien Sie ganz ruhig. Sie bekommen gleich Chloroform. Atmen Sie tief
durch die Nase und zählen Sie.«
Unter der Maske ließ sich eine gedämpfte, ruhige Stimme vernehmen:
»Gut. Ich bitte schon im voraus um Entschuldigung, wenn ich nicht ganz
salonfähige Ausdrücke von mir geben sollte.«
Der Professor konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.
Die ersten Chloroform tropfen verbreiteten einen widerlich stickigen
Geruch.
Kortschagin lag auf dem Operationstisch, atmete tief, und bemüht,
deutlich zu sprechen, fing er an zu zählen. So begann der erste Akt
seiner Tragödie.
Artjom
riss den Briefumschlag auf. Von einer ihm selbst unerklärlichen
Erregung erfasst, faltete er den Brief auseinander, überflog hastig die
ersten Zeilen und las ihn, ohne aufzublicken, bis zum Ende.
Artjom!
Wir schreiben einander viel zu selten. Einmal, höchstens zweimal im
Jahr! Es kommt ja auch nicht auf die Zahl an. Du schreibst, dass Du mit
Deiner Familie aus Schepetowka nach dem Kasatinsker Depot übergesiedelt
bist, um die Wurzeln auszureißen.
Ich kann das verstehen, diese Wurzeln - das ist die rückständige,
kleinbürgerliche Denkweise Deiner Frau Stjoscha, das sind ihre
Verwandten und alles Drum und Dran. Menschen vom Schlage Stjoschas sind
schwer umzuformen. Ich fürchte sogar, dass Dir das nie gelingen wird.
Du schreibst, »es ist schwer, noch im Alter zu lernen«, jedoch geht's
bei Dir anscheinend ganz gut vorwärts. Du hast nicht recht, Dich so
hartnäckig zu weigern, den Betrieb zu verlassen,
um als Vorsitzender des Stadtsowjets zu arbeiten. Du hast doch mit um
die Macht gekämpft. So nimm also auch daran teil. Gleich morgen musst
Du mit der Arbeit im Stadtsowjet beginnen!
Jetzt von mir. Es gehen da sonderbare Dinge vor sich. Ich musste oft
Krankenhäuser aufsuchen, wurde bereits zweimal operiert, habe dabei
nicht wenig Blut und Kräfte verloren, und niemand kann mir sagen, wann
das alles endlich aufhören wird.
Ich habe meine Arbeit aufgegeben und eine neue Beschäftigung gefunden,
nämlich »krank« zu spielen. Ich habe nicht wenig ausgestanden, und
nun kann ich als Resultat das rechte Knie nicht bewegen, habe einige Nähte
am Körper, und dazu kommt die letzte ärztliche Entdeckung, dass mir
der Stoß, den ich vor sieben Jahren ins Rückgrat bekommen habe, noch
schwer zu schaffen machen wird. Ich bin bereit, alles zu ertragen, um
nur wieder meinen Platz in den Kampfreihen einnehmen zu können.
Es gibt für mich nichts Schrecklicheres, als ausscheiden zu müssen.
Ich wage es kaum, daran auch nur zu denken. Deshalb bin ich zu allem
bereit. Es winkt jedoch keine Besserung, und die Wolken am Horizont
ziehen sich immer dichter zusammen. Sobald ich mich nach der ersten
Operation ein wenig erholt hatte, bin ich sogleich zur Arbeit zurückgekehrt,
wurde jedoch bald darauf wieder hierher gebracht. Soeben habe ich eine
Überweisung ins Sanatorium »Mainak« in Jewpatoria bekommen. In
einigen Tagen fahre ich. Sei nicht traurig, Artjom. Ich bin ja nicht
umzubringen. In mir steckt Leben genug für drei. Werde schon noch was
schaffen, Brüderchen. Achte auf Deine Gesundheit, mute Dir nicht zuviel
zu. Die Wiederherstellung der Gesundheit kommt dann der Partei teuer zu
stehen. Mit den Jahren haben wir Erfahrung und Wissen gesammelt, so
manches gelernt, und das alles nicht dazu, um dann in Lazaretten
herumzulungern.
Ich drücke Dir fest die Hand.
Pawel
Um
die gleiche Zeit, als Artjom, die dichten Brauen runzelnd, den Brief des
Bruders las, verabschiedete sich Pawel im Krankenhaus von der Ärztin
Bashanowa. Sie reichte ihm die Hand und fragte:
»Sie fahren morgen auf die Krim? Wo wollen Sie den Rest des Tages
verbringen?«
Kortschagin antwortete:
»Gleich kommt die Genossin Rodkina. Bis morgen werde ich im Kreis ihrer
Familie sein, und dann begleitet sie mich zum Bahnhof.«
Die Bashanowa kannte Dora, die Pawel häufig besucht hatte.
»Erinnern Sie sich noch an unser Gespräch, Genosse Kortschagin, als
Sie mir versprachen, vor Ihrer Abreise meinen Vater aufzusuchen? Ich
habe ihm von Ihrem Gesundheitszustand ausführlich erzählt und möchte
gern, dass er Sie untersucht. Heute Abend könnte man das machen.«
Kortschagin erklärte sich sofort einverstanden.'
An demselben Abend wurde Pawel von Irina Wassiljewna in das geräumige
Kabinett ihres Vaters geführt.
In Anwesenheit seiner Tochter untersuchte der berühmte Chirurg
Kortschagin aufmerksam. Irina hatte sämtliche Röntgenaufnahmen und
Analysen aus der Klinik mitgebracht. Pawel entging die plötzliche Blässe
nicht, die eine Bemerkung ihres Vaters in lateinischer Sprache auf
Irinas Gesicht hervorgerufen hatte. Kortschagin betrachtete den großen
kahlen Kopf des Professors und versuchte irgend etwas in seinen
durchdringenden Augen zu lesen. Bashanow war jedoch nichts anzumerken.
Als sich Pawel angezogen hatte, verabschiedete sich der Chirurg höflich
von ihm; er fuhr zu einer Sitzung und beauftragte die Tochter, Pawel
seine Diagnose mitzuteilen.
Kortschagin legte sich in dem mit auserlesenem Geschmack eingerichteten
Zimmer Irina Wassiljewnas auf den Diwan und wartete, bis sie zu sprechen
beginnen würde. Sie wusste jedoch nicht, wie sie anfangen, wie sie ihm
den
Befund beibringen sollte. Es fiel ihr sehr schwer. Der Vater hatte ihr
erklärt, dass die Wissenschaft vorläufig nicht imstande sei, das Zerstörungswerk
eines in Pawels Organismus vor sich gehenden Entzündungsprozesses
aufzuhalten. Er war gegen jeden chirurgischen Eingriff.
»Diesen jungen Menschen erwartet die Tragödie einer völligen Lähmung,
und wir sind machtlos dagegen.«
Als Arzt und Freund fand Irina es nicht ratsam, ihm dies zu sagen, und
teilte ihm vorsichtig nur einen kleinen Teil der Wahrheit mit:
»Ich bin fest davon überzeugt, Genosse Kortschagin, dass die Moorbäder
in Jewpatoria eine Änderung hervorrufen werden und dass Sie im Herbst
wieder arbeitsfähig sind.«
Während sie dies sagte, übersah sie völlig, dass sie die ganze Zeit
zwei aufmerksame Augen beobachteten.
»Aus Ihren Worten, vielmehr aus dem, was Sie nicht aussprechen, erkenne
ich den ganzen Ernst meines Zustandes. Können Sie sich noch daran
erinnern, dass ich Sie darum gebeten habe, mit mir immer offen zu
sprechen? Vor mir braucht man nichts zu verbergen. Ich werde nicht in
Ohnmacht fallen und gedenke mich auch nicht umzubringen. Ich möchte
aber im voraus wissen, was mich erwartet«, erklärte Pawel.
Die Ärztin versuchte jedoch, ihn mit scherzhaften Worten abzulenken. So
erfuhr Pawel an diesem Abend nicht die Wahrheit über das, was ihn
erwartete. Als sie sich verabschiedeten, sagte sie leise:
»Vergessen Sie nie, dass ich viel für sie übrig habe, Genosse
Kortschagin. In Ihrem Leben kann noch so manches passieren. Wenn Sie
meine Hilfe oder meinen Rat brauchen, so benachrichtigen Sie mich. Ich
werde alles tun, was in meinen Kräften steht.«
Sie schaute ihm durchs Fenster nach und sah, wie sich die hohe, auf
einen Stock gestützte Gestalt in der Lederjacke mühsam zu einer
Droschke schleppte.
Und wieder war er in Jewpatoria. Südliche Hitze. Lärmende,
sonnverbrannte Menschen mit goldgestickten runden Tatarenmützen auf den
Köpfen. In zehn Minuten brachte das Auto die Fahrgäste zu einem zweistöckigen
grauen Kalksteingebäude, dem Sanatorium »Mainak«. Der diensthabende
Arzt wies die Angekommenen in ihre Zimmer.
»Von wem haben Sie Ihre Einweisung, Genosse?« fragte er Kortschagin
und machte vor dem Zimmer Nr. 11 halt.
»Vom ZK der KP(B) der Ukraine,«
»Dann werden wir Sie hier beim Genossen Ebner unterbringen. Er ist ein
Deutscher und hat um einen russischen Nachbarn gebeten«, erklärte ihm
der Arzt. Er klopfte an die Tür, und aus dem Zimmer rief eine Stimme in
schlechtem Russisch: »Herein!«
Kortschagin stellte seinen Koffer im Zimmer ab und wandte sich einem
hellblonden Mann mit schönen, lebhaften Augen zu, der auf dem Bett lag.
Der Deutsche begrüßte ihn mit gutmütigem Lächeln:
»Guten Morgen, Genosse. Ich wollte eigentlich ›Sdrastwuj‹ sagen«,
verbesserte er sich und streckte Pawel seine durchsichtige Hand mit den
langen schmalen Fingern entgegen.
In wenigen Minuten saß Pawel an seinem Bett, und bald darauf waren sie
in ein lebhaftes Gespräch vertieft, das in jener »internationalen«
Sprache geführt wurde, in der die Worte nur eine untergeordnete Rolle
spielen und der unverstandene Satz durch Erraten, durch Gesten und Mimik
- überhaupt durch alle Mittel des ungeschriebenen Esperanto ergänzt
wird. Pawel wusste bald, dass Adam Ebner ein deutscher Arbeiter war.
Während des Hamburger Aufstandes von 1923 hatte eine Kugel Ebner an der
Hüfte verletzt. Jetzt war die alte Wunde wieder aufgebrochen und
fesselte ihn ans Bett. Trotz großer Schmerzen hielt er sich tapfer und
gewann dadurch Pawels Achtung.
Einen besseren Nachbarn hätte sich Pawel kaum wünschen können. Das
war keiner, der vom Morgen bis zum Abend über seine Krankheiten redete
und
jammerte. Man konnte im Gegenteil, war man mit ihm zusammen, sein
eigenes Missgeschick vergessen.
Es ist nur schade, dass ich keine blasse Ahnung von der deutschen
Sprache habe, dachte Pawel.
In
einer Gartenecke standen einige Schaukelstühle, ein Tisch aus
Bambusrohr und zwei Krankenwagen. Hier verbrachten die fünf, die von
den Kranken den Spitznamen »Exekutivkomitee der Komintern« erhalten
hatten, nach der Heilbehandlung den ganzen Tag.
Auf dem einen Wagen lag Ebner und auf dem anderen Pawel Kortschagin. Die
Ärzte hatten ihm das Gehen verboten. Die drei übrigen waren: der
schwerfällige Este Weimann, die Lettin Martha Laurin, eine braunäugige
junge Frau mit dem Gesicht eines achtzehnjährigen Mädchens, und der
Sibirier Ledenew, ein großer kräftiger Mann mit ergrauten Schläfen.
Tatsächlich waren hier fünf Nationalitäten vertreten: ein Deutscher,
ein Este, eine Lettin, ein Russe und ein Ukrainer. Martha und Weimann
beherrschten die deutsche Sprache und übersetzten für Ebner. Pawel und
Ebner hatte das Zusammenleben einander näher gebracht. Martha und
Weimann hatten sich mit Ebner durch die deutschen Sprachkenntnisse und
Ledenew mit Kortschagin durch das Schachspiel angefreundet.
Bis zur Ankunft von Innokenti Pawlowitsch Ledenew war Kortschagin »Schachmeister«
des Sanatoriums gewesen. Er hatte sich diesen Titel nach einem hartnäckigen
Kampf mit Weimann erobert. Weimann wurde besiegt, und das brachte den
phlegmatischen Esten aus dem Gleichgewicht. Lange konnte er Kortschagin
diese Niederlage nicht verzeihen.
Bald jedoch tauchte im Sanatorium ein hochgewachsener älterer Mann auf,
der für seine fünfzig Jahre ungewöhnlich jung aussah; er machte
Kortschagin den Vorschlag, mit ihm eine Partie zu spielen. Ohne Gefahr
zu wittern, eröffnete Kortschagin die Partie mit einem Damengambit,
woraufhin Ledenew mit den mittleren Bauern losrückte. Als »Schachmeister«
war Pawel verpflichtet, mit jedem neu eingetroffenen Schachspieler zu
spielen. Jedes Mal versammelte sich dabei eine große Schar von
Zuschauern. Schon beim neunten Zug erkannte Kortschagin die Gefahr der
sicher vorrückenden Bauern Ledenews und begriff, dass er es mit einem
gefährlichen Gegner zu tun hatte. Ganz zu Unrecht war er an dieses
Spiel so leichtsinnig herangegangen.
Nach dreistündigem Kampf war Pawel gezwungen, sich trotz aller Bemühungen
und Anstrengungen zu ergeben. Er erkannte seine Niederlage weit früher
als alle anderen, die ihn umstanden. Er schaute seinen Partner an, und
Ledenew erwiderte diesen Blick mit einem gutmütigen väterlichen Lächeln.
Es war klar, dass er ebenfalls Pawels Niederlage kommen sah. Der
aufgeregte Este, der unverhohlen Kortschagins Niederlage herbeisehnte,
hatte noch nichts bemerkt.
»Ich pflege immer bis zum letzten Bauern auszuharren«, sagte Pawel,
und als Antwort nickte Ledenew zustimmend auf die ihm allein verständlichen
Worte.
Im Laufe von fünf Tagen spielte Kortschagin zehn Partien mit Ledenew,
von denen er sieben verlor, zwei gewann und eine unentschieden
gestaltete.
Weimann triumphierte:
»Ach, ich danke Ihnen, Genosse Ledenew! Sie haben es ihm ordentlich
gegeben! Das hat er verdient! Uns alte Schachspieler hat er alle
reingelegt und ist selbst bei einem alten reingefallen. Hahaha .….! 's
ist nicht angenehm zu verlieren, was?« neckte er seinen besiegten
Besieger.
Kortschagin war nicht mehr »Schachmeister«. An Stelle dieser
Spielerehre fand er jedoch in Innokenti Pawlowitsch einen Menschen, der
ihm in der Folge lieb und teuer wurde. Kortschagins Schachniederlage war
kein Zufall. Er kannte die Strategie des Schachspiels nur oberflächlich.
Seine Niederlage hatte ihm ein Meister beigebracht, der in die
Geheimnisse des Schachspiels eingeweiht war.
Kortschagin und Ledenew hatten ein gemeinsames Datum in ihrem Leben:
Kortschagin war in demselben Jahr zur Welt gekommen, in dem Ledenew in
die Partei eintrat. Der eine war der typische Vertreter der alten und
der andere der der jungen bolschewistischen Garde. Der eine verfügte über
große politische Erfahrung und Lebensweisheit, hatte viele Jahre in der
Illegalität und in den zaristischen Gefängnissen verbracht und dann
verantwortliche Arbeit im Staatsapparat geleistet; der andere hatte
jugendliches Feuer und nur acht Kampfjahre hinter sich, die jedoch
imstande gewesen wären, mehr als ein Leben zu verbrennen. Und alle
beide - der Alte wie der Junge - hatten heiße Herzen und eine
untergrabene Gesundheit. Die Tage eilten dahin.
Am Abend verwandelte sich das gemeinsame Zimmer Ebners und Kortscha-gins
in einen Klub. Hier erfuhr man sämtliche politischen Neuigkeiten. Die
Abende im Zimmer Nr. 11 verliefen äußerst lebhaft. Oft versuchte
Weimann irgendwelche saftigen Witze zu erzählen, denn er war ein großer
Liebhaber von Witzen, geriet jedoch sofort in ein doppeltes Kreuzfeuer
von Martha und Kortschagin. Martha verstand es, ihn mit feinem
ironischem Spott zurechtzuweisen. Wenn dies nicht half, mischte sich
Kortschagin ein.
»Weimann, wäre es nicht angebracht, erst einmal anzufragen, ob uns
deine Geistreichelei überhaupt gefällt …?« begann Martha, und Pawel
unterstützte sie in erregtem Ton: »Ich verstehe absolut nicht, wie
sich das bei dir zusammenreimt …«
Weimann schob die wulstige Unterlippe vor, und seine schmalen Äuglein
huschten spöttisch über die Gesichter der Anwesenden.
»Es wird wohl bei der Hauptverwaltung für politische Aufklärung eine
Inspektion für Moral eingeführt werden müssen. Ich werde ihr
Kortschagin als Oberinspektor empfehlen. Martha kann ich noch verstehen.
Sie macht eben in ihrer Eigenschaft als Frau Opposition, aber
Kortschagin will sich als Tugendengel aufspielen, so eine Art Komsomolsäugling
… Und außerdem kann ich es überhaupt nicht leiden, wenn das Ei die
Henne belehren will.«
Nach einer solchen erregten Auseinandersetzung über kommunistische
Ethik wurde die Frage der anzüglichen Witze eines Tages prinzipiell erörtert.
Martha übersetzte Ebner die Standpunkte der Streitenden.
»Erotische Witze taugen nicht viel«, erklärte Adam. »Ich teile
Pawels Standpunkt.«
Weimann blieb nichts anderes übrig als nachzugeben. Er versuchte sich
scherzend aus der Affäre zu ziehen und gab in Zukunft keine Witze mehr
zum besten.
Kortschagin hielt Martha für eine Komsomolzin. Ihrem Aussehen nach schätzte
er sie auf neunzehn Jahre. Wie groß war jedoch sein Erstaunen, als er
eines Tages aus einem Gespräch mit ihr erfuhr, dass sie seit 1917
Parteimitglied, einunddreißig Jahre alt war und zu den aktivsten
Funktionären der lettischen Kommunistischen Partei gehört hatte. 1918
war sie von den Weißen zum Tode durch Erschießen verurteilt, aber kurz
darauf auf dem Weg des Austausches, gemeinsam mit anderen Genossen, nach
der Sowjetunion gebracht worden. Zur Zeit arbeitete sie in der »Prawda«
und studierte gleichzeitig auf einer Hochschule. Auf welche Weise sie
sich miteinander befreundet hatten, konnte sich Kortschagin nicht mehr
entsinnen. Aber die kleine Lettin, die Ebner häufig besuchte, wurde
bald ein festes Glied der Fünfergruppe. Der Genosse Eglitt, der viele
Jahre illegal in der Partei gearbeitet hatte, ebenfalls Lette, neckte
sie verschmitzt:
»Martchen, was soll nun aus dem armen Osol in Moskau werden? Das geht
doch nicht!«
Jeden
Morgen, eine Minute vor dem Glockenzeichen, hörte man im Sanatorium
einen Hahn krähen. Ebner war es, der den Hahnenschrei so naturgetreu
nachzuahmen verstand. Alle Bemühungen des Personals, den auf unerklärliche
Weise in das Sanatorium hineingeratenen Hahn ausfindig zu machen, waren
vergebens. Ebner machte das großen Spaß.
Gegen Ende des Monats begann sich Kortschagins Befinden zu
verschlechtern. Die Ärzte verordneten ihm Bettruhe. Ebner war sehr
traurig darüber, denn er hatte diesen jungen Bolschewiken, dessen
Gesundheit so früh zerrüttet und der doch niemals missgestimmt war,
sondern stets vor Lebensfreude und Energie übersprudelte, aufrichtig
lieb gewonnen. Als er von Martha hörte, dass die Ärzte Kortschagin
eine tragische Zukunft prophezeiten, war er sehr aufgeregt.
Bis zur Abfahrt aus dem Sanatorium musste Kortschagin das Bett hüten,
aber es gelang ihm, seine Leiden vor seiner Umgebung zu verbergen. Nur
Martha erriet an der ungewöhnlichen Blässe seines Gesichts, was er
durchlitt. Eine Woche vor seiner Abreise erhielt Pawel einen Brief vom
ukrainischen Zentralkomitee, in dem ihm die Genossen mitteilten, dass
sie seinen Urlaub um zwei Monate verlängert hätten, da nach dem Befund
der Sanatoriumsärzte an eine Rückkehr zur Arbeit bei seinem
augenblicklichen Gesundheitszustand nicht zu denken sei. Gleichzeitig
mit dem Brief schickten ihm die Genossen Geld.
Pawel nahm diesen ersten Schlag entgegen, wie er einstmals Shuchrais
Schläge beim Boxunterricht entgegenzunehmen pflegte; damals wurde er
auch zu Boden geworfen, war aber immer wieder auf die Beine gesprungen.
Unerwartet erhielt er eines Tages einen Brief von seiner Mutter. Sie
schrieb ihm, dass in einer Hafenstadt, unweit von Jewpatoria, ihre
Jugendfreundin Albina Kützam lebe, die sie schon fünfzehn Jahre nicht
gesehen habe. Sie bitte ihn sehr darum, diese Freundin aufzusuchen.
Dieser Brief sollte eine große Rolle in Pawels Leben spielen.
Eine Woche später begleiteten ihn die Freunde aus dem Sanatorium zur
Landungsstelle. Beim Abschied umarmte Ebner seinen Leidensgefährten
Pawel herzlich und küsste ihn wie einen Bruder. Martha war jedoch
verschwunden, und Pawel reiste ab, ohne sich von ihr verabschiedet zu
haben.
Am nächsten Tag brachte ihn eine Droschke von der Anlegestelle zu einem
Häuschen, das in einem nicht sehr großen Garten stand. Pawel bat
seinen Begleiter, sich zu erkundigen, ob hier die Familie Kützam wohne.
Die Familie Kützam bestand aus fünf Personen: der Mutter Albina
Kützam,
einer älteren, ein wenig korpulenten Frau mit schwermütigen schwarzen
Augen und einem Gesicht, das Spuren ehemaliger Schönheit aufwies, ihren
zwei Töchtern, Lolja und Taja, dem Söhnchen Loljas und dem alten
Kützam,
einem unangenehmen Dickwanst, der wie ein Eber aussah.
Der Alte arbeitete in einem Konsumladen, die jüngere Tochter, Taja, war
als ungelernte Arbeiterin tätig, die ältere, Lolja, eine
Stenotypistin, hatte sich kürzlich von ihrem Mann, einem Säufer und
Tunichtgut, getrennt und war im Augenblick arbeitslos. Sie war tagsüber
zu Hause, sorgte für ihr Söhnchen und half der Mutter in der
Wirtschaft. Außer den Töchtern hatte Mutter Kützam noch einen Sohn,
George, der sich jedoch in Moskau aufhielt.
Kortschagin wurde von der Familie Kützam herzlich aufgenommen. Nur der
Alte warf dem Gast einen missgünstigen, lauernden Blick zu.
Geduldig erzählte Pawel der Mutter alles, was er aus der
Familienchronik der Kortschagins wusste, und erkundigte sich auch nach
ihrem Leben.
Lolja war zweiundzwanzig Jahre alt. Die kurzhaarige schlichte Brünette
mit dem breiten, offenen Gesicht freundete sich rasch mit Pawel an und
weihte ihn gern in alle Familiengeheimnisse ein. Kortschagin erfuhr,
dass der Alte die ganze Familie tyrannisiere, jede Initiative und die
geringste Willensäußerung unterdrücke. Beschränkt, engherzig,
kleinlich und nörglerisch, hielt er die Familie in ständigem Schrecken
und zog sich damit die tiefe Feindschaft der Kinder und den Hass seiner
Frau zu, die bereits fünfundzwanzig Jahre lang gegen seinen Despotismus
ankämpfte. Die Töchter standen stets auf Seiten der Mutter, aber diese
unaufhörlichen Familienstreitigkeiten vergällten ihnen das Leben. So
vergingen die Tage - eine Kette von unendlich vielen kleinen und großen
Kränkungen.
Das zweite Unglück der Familie war George. Nach Loljas Schilderungen
war er ein typischer Geck, ein hochnäsiger Aufschneider, der es liebte,
gut zu essen, sich schick zu kleiden und oft einen hinter die Binde zu
gießen. Nach Beendigung der Neunjahresschule hatte George, der Liebling
der Mutter, Geld für eine Reise nach Moskau verlangt.
»Ich fahre auf die Universität. Mag Lolja ihren Ring verkaufen und du
deine Sachen. Ich brauche Geld, woher ihr es nehmt, ist mir egal.«
George wusste sehr gut, dass ihm die Mutter nichts abschlagen konnte,
und nutzte ihre Schwäche auf gewissenlose Weise aus. Den Schwestern
gegenüber verhielt er sich geringschätzig und hochmütig, betrachtete
sie von oben herab. Alles Geld, das Frau Kützam vom Alten herausholen
konnte, und alles, was Taja verdiente, schickte die Mutter dem Sohn. Und
George lebte, nachdem er mit Glanz durchs Examen gefallen war, sorglos
bei seinem Onkel und terrorisierte die Mutter mit Telegrammen, in denen
er Geld verlangte.
Taja, die jüngere Tochter, bekam Kortschagin erst am späten Abend zu
sehen. Flüsternd teilte ihr die Mutter im Hausflur die Ankunft des
Gastes mit. Taja begrüßte Pawel, reichte ihm verlegen die Hand und errötete
bis in die Spitzen ihrer kleinen Ohren vor dem unbekannten jungen Mann.
Pawel gab ihre kräftige, abgearbeitete Hand nicht gleich frei.
Taja war achtzehn Jahre alt. Sie war keine Schönheit, aber ihre großen
braunen Augen, die feinen mongolisch gezeichneten Brauen, die schöne
Linie der Nase und die frischen, eigensinnigen Lippen verliehen ihr
einen eigenen Reiz. Die gestreifte Arbeitsbluse spannte sich über ihren
jungen festen Brüsten.
Die Schwestern bewohnten zwei winzige Zimmer. In Tajas Zimmer standen
eine schmale, eiserne Bettstelle und eine Kommode, die allerhand
Nippsachen und ein kleiner Spiegel zierten. An der Wand hingen etwa drei
Dutzend Karten und Fotografien. Das Fensterbrett schmückten zwei
Blumentöpfe mit blutroten Geranien und rosa Astern. Die Mullgardine war
durch ein hellblaues Band zusammengerafft.
»Taja gestattet ungern Vertretern des männlichen Geschlechts, ihr
Zimmer zu betreten. Mit Ihnen macht sie jedoch eine Ausnahme, wie Sie
sehen«, verulkte Lolja die Schwester.
Am nächsten Tag saß die Familie in den Räumen der Eltern zum Tee
beisammen. Taja war in ihrem Zimmer und lauschte von dort aus dem
allgemeinen Gespräch. Der alte Kützam rührte gelegentlich in seinem
Teeglas und blickte ärgerlich über die, Brillengläser hinweg auf den
vor ihm sitzenden Gast.
»Ich verurteile die heutigen Familiengesetze«, sagte er. »Fällt's
dir gerade ein, heiratest du, und passt dir was nicht, ist gleich die
Scheidung da. Man macht eben, was man will.«
Der Alte verschluckte sich und musste husten. Wieder zu Atem gekommen,
zeigte er auf Lolja.
»Hat ihren Schatz genommen, ohne zu fragen, und hat ihn stehen lassen,
ohne zu fragen. Und nun kannst du die Tochter und noch das Kind von dem
da durchfüttern. Sauerei!«
Lolja errötete tief gekränkt und suchte ihre Tränen vor Pawel zu
verbergen.
»Und was meinen Sie? Hätte sie vielleicht mit diesem Parasiten weiter
zusammenleben sollen?« fragte Pawel, ohne seine vor Aufregung
blitzenden Augen von dem Alten abzuwenden.
»Sie hätte sich's überlegen müssen, bevor sie ihn genommen hat«,
erwiderte dieser gehässig.
Albina mischte sich ins Gespräch ein. Mit Mühe hielt sie ihre Empörung
zurück und sagte schroff:
»Hör mal, Alter, wozu erwähnst du in Anwesenheit eines fremden
Menschen solche Dinge? Man kann ja auch von irgend etwas anderem
sprechen und nicht gerade darüber.«
Der Alte wandte sich ihr zu: »Ich weiß, was ich zu reden habe! Seit
wann ist es üblich, mir Vorhaltungen zu machen?«
In der Nacht dachte Pawel viel über die Familie Kützam nach. Er war
hier zufällig hereingeschneit und nahm unwillkürlich an einem
Familiendrama teil. Er überlegte, wie er der Mutter und den Töchtern
aus dieser Versklavung heraushelfen könnte. Jedoch sein eigenes Leben
hinderte ihn, frei zu handeln; vor ihm selbst standen neue und ungelöste
Fragen. In diesem Augenblick war es schwerer denn je, irgendwelche
entscheidenden Schritte zu unternehmen.
Es gab nur einen Ausweg: Die Familie musste sich trennen - Mutter und Töchter
mussten endgültig vom Alten weggehen. Das war jedoch nicht so einfach.
Pawel war nicht imstande, sich diesem Familienproblem zu widmen. Nach
wenigen Tagen sollte er abfahren und würde diesen Menschen vielleicht
nie wieder begegnen. Sollte man nicht vielleicht besser alles seinen
Gang gehen lassen und lieber keinen Staub aufwirbeln? Die widerwärtige
Art des Alten ließ ihm jedoch keine Ruhe. Pawel entwarf verschiedene Pläne,
doch erschienen sie ihm alle undurchführbar.
Der nächste Tag war ein Sonntag. Als Pawel aus der Stadt zurückkehrte,
war Taja allein zu Hause. Die anderen waren zu Besuch bei Verwandten.
Pawel ging zu ihr ins Zimmer und ließ sich müde auf einen Stuhl
fallen.
»Warum gehen Sie nirgends hin und zerstreuen sich ein wenig?« fragte
er sie.
»Ich habe keine Lust, irgendwohin zu gehen«, antwortete sie leise.
Er erinnerte sich an seine nächtlichen Pläne und beschloss, Taja um
ihre Meinung zu fragen.
Schnell, damit ihn niemand störe, ging er auf sein Ziel los:
»Hör mal, Taja, wir wollen miteinander per ›du‹ reden - wozu diese
chinesischen Zeremonien? Ich reise bald ab. Wir haben uns in einer ungünstigen
Zeit kennen gelernt, in einer Zeit, in der ich selbst in die Klemme
geraten bin, sonst würden wir die Sache anders anpacken. Wäre das vor
einem Jahr geschehen, so hätte ich euch einfach von hier weggeholt. Für
solche Hände wie deine und Loljas findet sich immer und überall
Arbeit. Von eurem Vater müsst ihr euch trennen, der lässt sich nicht
überzeugen. Aber vorerst ist dieser Plan undurchführbar. Ich weiß
selbst noch nicht, was aus mir werden wird, und darum stehe ich,
sozusagen, ohne Waffen da. Was muss man also jetzt tun? Ich werde meine
Rückkehr zur Arbeit durchsetzen. Die Ärzte haben, weiß der Teufel
was, über mich geschrieben, und die Genossen zwingen mich dazu, mich
endlich zu kurieren. Nun, das werden wir dort schon in Ordnung bringen
… Ich werde meiner Mutter schreiben, und wir werden sehen, wie man dem
Jammer ein Ende macht. Ich lasse euch trotz allem nicht im Stich. Aber
eins musst du wissen, Tajuscha, ihr werdet euer Leben von Grund auf ändern
müssen, vor allem du. Hast du den Willen und die Kraft dazu?«
Taja hob den Kopf und erwiderte leise:
»Den Willen habe ich schon, ob ich jedoch die Kraft aufbringen werde,
weiß ich nicht.«
Die Unbestimmtheit der Antwort war Kortschagin begreiflich.
»Macht nichts, Tajuscha. Wir werden das schon schaffen, wenn nur der
Wille vorhanden ist. Sag mir nur: Fühlst du dich sehr mit deiner
Familie verbunden?«
Taja antwortete nicht sogleich, denn die Frage war zu unerwartet
gekommen.
»Mir tut nur die Mutter sehr leid«, sagte sie schließlich. »Ihr
ganzes Leben lang hat der Vater sie gequält. Und jetzt holt George noch
das Letzte aus ihr heraus. Sie tut mir so leid … obwohl sie mich nicht
so lieb hat wie George …«
Viel sprachen sie an diesem Tag miteinander, und kurz vor der Rückkehr
der anderen sagte Pawel scherzend:
»Erstaunlich, dass der Alte noch keinen Versuch gemacht hat, dich unter
die Haube zu bringen!«
Taja winkte erschrocken ab.
»Ich werde nie heiraten. Loljas Ehe ist mir eine Warnung. Um keinen
Preis werde ich heiraten.«
Pawel lächelte.
»Also ein Gelübde fürs Leben? Wenn aber der Richtige auftaucht, ein
wirklich feiner Kerl, was dann?«
»Auch dann nicht. Alle sind gut, solange sie einem den Hof machen.«
Pawel legte seine Hand besänftigend auf ihre Schulter.
»Gut. Man kann auch ohne Mann auskommen. Du bist aber gar zu schlecht
auf die Männer zu sprechen. Ein Glück nur, dass ich dir nicht den Hof
gemacht, um dich geworben habe, sonst hätte ich mich wohl gleich böse
in
die Nesseln gesetzt.« Freundschaftlich streichelte er die Hand des
verlegenen Mädchens.
»Solche wie du suchen sich ganz andere Frauen aus. Wozu brauchen die
denn uns?« sagte sie leise.
Einige
Tage später brachte der Zug Kortschagin nach Charkow. Taja, Lolja und
Albina mit ihrer Schwester Rosa begleiteten ihn zum Bahnhof. Beim
Abschied nahm ihm Albina das Versprechen ab, die Mädchen nicht im Stich
zu lassen und ihnen behilflich zu sein, aus diesem Elend herauszukommen.
Sie verabschiedeten sich von ihm wie von einem nahen Verwandten, und
Tajas Augen standen voll Tränen. Lange noch sah er aus dem Fenster das
weiße Taschentuch in Loljas Hand und Tajas gestreifte Bluse.
In Charkow übernachtete er bei seinem Freund Petja Nowikow, da er Dora
nicht zur Last fallen wollte. Er ruhte sich aus und fuhr dann ins
Zentralkomitee. Er wartete auf Akim.
Als der endlich gekommen war und beide allein saßen, bat Pawel, ihm
sofort eine Arbeit zu geben.
Akim schüttelte ablehnend den Kopf.
»Das geht nicht, Pawel. Es liegt ein Beschluss der Ärztekommission und
des Zentralkomitees der Partei vor, in dem es heißt: ›In Anbetracht
des schwer erschütterten Gesundheitszustandes ist Genosse Kortschagin
in das Neuropathologische Institut zwecks Heilung zu schicken. Seine Rückkehr
zur Arbeit kann nicht gestattet werden.‹«
»Papier ist geduldig, Akim! Ich bitte dich - gib mir die Möglichkeit
zu arbeiten! Dieses Herumwandern von einer Klinik zur anderen ist
sinnlos.«
Akim wollte nicht darauf eingehen.
»Wir können nicht gegen die Beschlüsse verstoßen. Versteh doch,
Pawluscha, das ist doch das beste für dich.«
Kortschagin bestand jedoch derart hartnäckig auf seinem Wunsch, dass
Akim nicht anders konnte und schließlich nachgab.
Schon am nächsten Tag arbeitete Kortschagin in der Spezialabteilung des
Sekretariats des Zentralkomitees. Er hatte gemeint, er brauchte nur
wieder anfangen zu arbeiten, und neue Kräfte würden sich einstellen.
Vom ersten Tag an war es ihm jedoch klar, dass er sich geirrt hatte.
Acht Stunden lang saß er ununterbrochen an seinem Schreibtisch, ohne zu
essen, da es ihm schwer fiel, von der zweiten Etage in das benachbarte
Restaurant zu gehen, um dort Frühstück und Mittagessen einzunehmen;
oft war ihm ein Arm oder ein Bein wie abgestorben. Manchmal wurde sein
ganzer Körper steif, und er fieberte. Häufig, wenn es an der Zeit war,
zur Arbeit zu fahren, fehlte ihm plötzlich die Kraft, sich vom Bett zu
erheben, und wenn der Anfall vorbei war, sah er mit Verzweiflung, dass
er sich um eine ganze Stunde verspätet hatte. Schließlich machte man
ihm wegen seiner Unpünktlichkeit Vorhaltungen, und er begriff, dass das
der Anfang von dem Schrecklichsten war, das er sich vorstellen konnte -
dem Ausscheiden aus den Reihen der Kämpfer.
Akim half ihm noch einmal und auch ein zweites Mal - er versetzte ihn
auf eine andere Arbeitsstelle. Das Unvermeidliche trat jedoch ein. Nach
zwei Monaten musste Pawel wieder das Bett hüten. Da erinnerte er sich
an die Abschiedsworte der Ärztin Bashanowa und schrieb ihr einen Brief.
Sie suchte ihn unmittelbar danach auf. Und von ihr erfuhr er das
Wesentlichste - nämlich, dass er nicht unbedingt im Spital liegen müsse.
»Das heißt also, dass bei mir die Dinge so gut stehen, dass ich mich
nicht einmal mehr zu kurieren brauche«, versuchte er zu scherzen.
Sobald er wieder ein wenig zu Kräften gekommen war, erschien Pawel
abermals im Zentralkomitee. Diesmal war Akim jedoch unerbittlich. Auf
seine kategorische Forderung, ins Krankenhaus zur Behandlung zu gehen,
antwortete Kortschagin dumpf:
»Nirgends gehe ich hin. Das hat keinen Zweck. Ich habe das von
kompetenter Seite erfahren. Mir bleibt nur noch übrig, eine
Invalidenrente zu beziehen und von der Arbeit zurückzutreten. Aber
darauf gehe ich nicht ein. Ihr könnt
mich nicht von der Arbeit losreißen. Ich bin erst vierundzwanzig Jahre
alt und kann mein Leben nicht als Invalide fristen, mich in Krankenhäusern
herumtreiben, wo ich zudem genau weiß, dass es nutzlos ist. Gebt mir
eine Arbeit, die meinen Möglichkeiten entspricht. Ich kann zu Hause
arbeiten oder in irgendeinem Büro wohnen … jedoch nicht als
Schreiber, der die Ein- und Ausgänge bucht. Die Arbeit muss mir
zusagen, damit ich mich nicht überflüssig fühle.«
Pawels Stimme war immer erregter und lauter geworden.
Akim verstand die Gefühle dieses vor kurzem noch so feurigen Burschen.
Er begriff Pawels Tragödie, er wusste, dass für Kortschagin, der sein
kurzes Leben der Partei gewidmet hatte, die Trennung von Kampf und
Arbeit und der Übergang in die Etappe fürchterlich sein mussten, und
er beschloss, alles zu tun, was in seinen Kräften stand.
»Gut, Pawel, reg dich nicht auf. Morgen haben wir Sekretariatssitzung.
Ich werde diese Frage auf die Tagesordnung setzen und verspreche dir,
deine Bitte zu unterstützen.«
Kortschagin stand schwerfällig auf und gab ihm die Hand.
»Kannst du dir denn wirklich vorstellen, Akim, dass mich das Leben in
die Ecke drängen und erdrücken kann, solange hier noch ein Herz schlägt?«
Heftig zog er Akims Hand an seine Brust, und Akim spürte ein dumpfes,
schnelles Herzklopfen.
»Solange es da noch klopft, wird es niemandem gelingen, mich von der
Partei zu trennen. Das vermag nur der Tod allein. Vergiss das nicht,
mein Freund.«
Akim schwieg. Er wusste, dass dies keine Phrase, sondern der Aufschrei
eines schwerverwundeten Kämpfers war. Er verstand, dass solche Menschen
wie Pawel nicht anders reden und empfinden können.
Nach zwei Tagen teilte ihm Akim mit, dass er die Möglichkeit habe, ihn
an verantwortlicher Stelle in der Redaktion des Zentralorgans
einzusetzen. Dazu sei jedoch notwendig, dass man seine literarischen Fähigkeiten
prüfe.
Pawel wurde vom Redaktionskollegium zuvorkommend empfangen. Die
stellvertretende Chefredakteurin, eine alte Illegale, Mitglied des Präsidiums
der Zentralen Kontrollkommission der Ukraine, richtete einige Fragen an
ihn:
»Welche Bildungsanstalten haben Sie absolviert, Genosse?«
»Drei Jahre Volksschule.«
»Und Parteischulen haben Sie keine besucht?«
»Nein.«
»Nun, das macht nichts, es kommt vor, dass einer auch ohne das ein
guter Journalist wird. Genosse Akim hat uns von Ihnen erzählt. Wir können
Ihnen Arbeit geben, die Sie nicht unbedingt hier in der Redaktion machen
müssen, sondern zu Hause, überhaupt unter geeigneten
Arbeitsbedingungen, die aber erst geschaffen werden müssen. Für diese
Arbeit sind jedoch eingehende Kenntnisse erforderlich, besonders auf dem
Gebiet der Literatur und der Sprache.«
Pawel ahnte eine Niederlage. In einem halbstündigen Gespräch wurden
seine lückenhaften Kenntnisse festgestellt, und in einem Artikel, den
er geschrieben hatte, unterstrich die Genossin mit Rotstift mehr als
drei Dutzend stilistische Unrichtigkeiten und nicht wenig
orthographische Fehler.
»Genosse Kortschagin! Sie sind sehr begabt. Wenn Sie sich tüchtig
weiterbilden, können Sie literarischer Mitarbeiter werden,
augenblicklich schreiben Sie jedoch noch mangelhaft. Aus Ihrem Artikel
ist ersichtlich, dass Sie die russische Sprache nur ungenügend
beherrschen. Das ist nicht erstaunlich. Sie haben keine Zeit gehabt zu
lernen. Wir können Sie leider nicht verwenden. Ich wiederhole jedoch
nochmals, dass Sie bedeutende Anlagen haben. Wenn man Ihren Artikel
bearbeitet, ohne den Inhalt zu ändern, wird er vorzüglich sein. Wir
brauchen jedoch Leute, die fremde Artikel bearbeiten können.«
Auf den Stock gestützt, erhob sich Kortschagin. Seine rechte Braue
zuckte krampfhaft.
»Nun ja, Sie haben recht. Was bin ich schon für ein Literat? Ich war
ein guter Heizer, kein schlechter Monteur, ich konnte reiten, verstand
es, die Komsomolzen anzufeuern, aber für Ihren Frontabschnitt bin ich
nicht der geeignete Mann.«
Er verabschiedete sich und ging.
An der Korridorecke wäre er fast umgefallen. Eine fremde Frau, mit
einer Aktenmappe unterm Arm, fing ihn auf.
»Was haben Sie, Genosse? Sie sehen ja furchtbar blass aus.«
Nach einigen Sekunden kam Kortschagin wieder zu sich. Dann machte er
sich sanft von der Frau los und humpelte, auf den Stock gestützt,
davon.
Von diesem Tag an ging es mit Kortschagin bergab. An Arbeit war nicht
mehr zu denken. Immer häufiger musste er das Bett hüten. Das
Zentralkomitee befreite ihn von jeder Tätigkeit und ersuchte die
Sozialversicherung, ihm eine Rente auszuschreiben. Diese Rente erhielt
er zusammen mit der Invalidenkarte. Das Zentralkomitee gab ihm Geld,
seine Personaldokumente und die Erlaubnis, zu fahren, wohin er wolle.
Von Martha kam ein Brief. Sie lud ihn ein, sie zu besuchen und etwas
auszuruhen. Pawel hatte ohnehin die Absicht gehabt, nach Moskau zu
fahren, in der leisen Hoffnung, sein Glück im ZK der KPdSU (B) zu
finden, das heißt, Arbeit zu bekommen, die keine Bewegung erforderte.
Jedoch auch in Moskau machte man ihm den Vorschlag, sich kurieren zu
lassen. Man wollte ihn in einem guten Krankenhaus unterbringen. Er
lehnte ab.
Unbemerkt verstrich die Zeit, die er bei Martha und ihrer Freundin Nadja
Peterson verbrachte. Tagsüber blieb er allein, denn Martha und Nadja
gingen am Morgen weg und kamen erst am Abend wieder. Pawel verschlang
viele Bücher, die er bei Martha fand. Häufig bekamen sie auch Besuch.
Aus der Hafenstadt trafen Briefe ein. Die Familie Kützam bat Pawel, sie
zu besuchen. Das Leben dort wurde immer unerträglicher. Sie erwarteten
seine Hilfe.
Und eines Morgens war Kortschagin nicht mehr in der stillen Wohnung der
Gusjatnikow-Gasse zu finden. Der Zug brachte ihn nach dem Süden, ans
Meer, heraus aus dem feuchtkalten, regnerischen Herbst, zu den warmen
Ufern der südlichen Krim. Pawel beobachtete, wie die Telegrafenstangen
an seinem Fenster vorüberglitten. Er saß da, mit gerunzelten Brauen,
und grimmige Entschlossenheit sprach aus seinen dunklen Augen.
ACHTES
KAPITEL
Unten,
an den chaotisch aufgetürmten Steinblöcken, rauscht das Meer. Der
trockene, aus der fernen Türkei kommende Wind umweht das Gesicht. Wie
ein geknickter Bogen drängt sich, durch eine Mole aus Eisenbeton vom
offenen Meer getrennt, der Hafen ins Ufer hinein. Hier am Meer bricht
der Gebirgskamm jäh ab. Und hoch oben auf den Berghängen haben sich
die winzigen weißen Häuser der Vorstadt eingenistet.
In dem alten Park außerhalb der Stadt ist es still. Gras überwuchert
die vernachlässigten Wege, und abgestorbene, vom Herbst gelbgefärbte
Ahornblätter fallen langsam zu Boden.
Kortschagin war von einem Droschkenkutscher, einem alten Perser, hierher
gebracht worden, der, nachdem er seinen seltsamen Gast abgesetzt hatte,
sich nicht enthalten konnte zu sagen:
»Was willst du denn hier? Dämchen gibt es keine, ein Theater auch
nicht. Nur Schakale treiben sich hier herum … Was du hier machen
willst, verstehe ich nicht! Lass uns wieder zurückfahren, Herr Genosse!«
Kortschagin zahlte, und der Alte fuhr davon.
Ö de und verlassen lag der Park da. Auf einem Felsvorsprung über dem
Meer fand Pawel eine Bank. Er setzte sich und wandte sein Gesicht den
schon kraftlosen Strahlen der Herbstsonne zu.
Pawel hatte diese Einöde hier aufgesucht, um über sein Leben und darüber,
was weiter werden sollte, nachzudenken. Es war Zeit, die Bilanz zu
ziehen und einen Entschluss zu fassen.
Seitdem er das letzte Mal hier gewesen war, hatten sich die Gegensätze
in der Familie Kützam äußerst zugespitzt. Als der Alte von
Kortschagins Ankunft erfuhr, bekam er einen Wutanfall und schlug einen
Heidenlärm. Ganz von selbst fiel die Führung des Widerstandes
Kortschagin zu. Die energische Abwehr seiner Frau und der Töchter war
dem Alten völlig unerwartet gekommen. Vom ersten Tag an teilte sich das
Haus in zwei feindliche Lager. Die Tür zu den Räumen, in denen die
Alten hausten, wurde vernagelt, und eine der kleinen Kammern war
Kortschagin zur Verfügung gestellt worden. Die Miete für dieses Zimmer
hatte der Alte im voraus erhalten, und er schien sich bald damit zu
beruhigen, dass die Töchter, die sich von ihm abgewandt hatten, auch
keine finanzielle Unterstützung mehr verlangen würden.
Albina blieb aus »diplomatischen« Erwägungen beim Alten wohnen. Zu
dem Jungen schaute der Alte nicht einmal hinein, weil er dem verhassten
Kerl nicht begegnen wollte. Im Hof dagegen fauchte er wie eine
Lokomotive, um zu zeigen, dass er Herr im Hause sei.
Vor seiner Anstellung im Konsumladen hatte der Alte zwei Berufe gehabt -
er war Schuster und Zimmermann gewesen. In seiner Freizeit konnte er
sich daher jetzt etwas hinzuverdienen und hatte sich hierfür in seinem
Schuppen eine Werkstatt eingerichtet. Bald stellte er, um den Mieter zu
ärgern, seine Werkstatt direkt vor dessen Fenster auf. Während er
einen Nagel nach dem anderen verbissen einschlug, war er höchst
befriedigt. Er wusste nur zu gut, dass dies Kortschagin beim Lesen störte.
»Warte nur, Bürschlein, ich werde dich schon von hier wegekeln …«,
brummelte er vor sich hin.
Weit weg, am Horizont, sah man die rauchige Spur eines Dampfschiffes wie
eine dunkle Wolke am Himmel entlanggleiten. Ein Möwenschwarm schrie
durchdringend auf und strich über das Meer.
Kortschagin stützte den Kopf in beide Hände und verfiel in Grübeln.
Vor seinen Augen zog sein ganzes Leben vorüber, von seiner Kindheit bis
in die letzten Tage hinein. Hatte er seine vierundzwanzig Jahre gut oder
schlecht ausgenutzt? Wie ein unvoreingenommener Richter sichtete er in
seinem Gedächtnis Jahr um Jahr, überprüfte sein ganzes Leben und
stellte mit großer Genugtuung fest, dass er es gar nicht so schlecht
genutzt hatte. Nicht wenige Fehler hatte er allerdings begangen,
manchmal aus Dummheit oder Unreife, meist aber aus Unkenntnis. Die
Hauptsache jedoch war, dass er die Tage des Kampfes nicht verschlafen,
dass er im eisernen Ringen um ein neues Leben seinen Mann gestanden
hatte und dass auf dem purpurroten Banner der Revolution auch einige
Blutstropfen von ihm waren.
Solange seine Kräfte nicht versiegt waren, hatte er unerschütterlich
in den Reihen der Kämpfer gestanden. Jetzt, da er verwundet war, konnte
er die Front nicht mehr halten, und geblieben war ihm nur eins -
dahinzuvegetieren in Hinterlandlazaretten. Er entsann sich: Als die
roten Regimenter, einer Lawine gleich, gegen Warschau vorstießen, wurde
ein Kämpfer verwundet und brach unter den Pferdehufen zusammen. Die
Kameraden legten dem Verwundeten eilig einen Verband an, übergaben ihn
den Sanitätern und stürmten weiter, dem Feind nach. Um eines
verlorenen Kämpfers willen hielt die Schwadron im Vorwärtsstürmen
nicht inne. Im Kampf für die große Sache ist es so - und kann es auch
gar nicht anders sein. Gewiss, es gab auch Ausnahmen. Er hatte auch
schon MG-Schützen ohne Beine gesehen - diese Kämpfer auf den MG-Wagen
jagten dem Feind Schrecken ein. Ihre Maschinengewehre säten Tod und
Verderben. Ihrer eisernen Ausdauer und ihrer scharfen Augen wegen waren
sie zum Stolz der Regimenter geworden. Aber solche Menschen gab es nur
wenige.
Wie sollte Pawel jetzt handeln, jetzt, nach dem Zusammenbruch, wo keine
Aussicht mehr bestand auf seine Rückkehr in die Kämpferreihen? Hatte
er doch der Bashanowa das Geständnis abgerungen, dass ihm in der
Zukunft noch Entsetzlicheres bevorstehe. Was blieb ihm zu tun übrig?
Diese ungelöste Frage tat sich vor ihm wie ein tiefer, gähnender
Abgrund auf.
Wozu leben, wenn er das Wertvollste - die Fähigkeit zu kämpfen -
verloren hatte? Womit sollte er sein Leben rechtfertigen - jetzt und in
der noch freudloseren Zukunft? Womit das Leben ausfüllen? Einfach nur
essen, trinken und atmen? Als ohnmächtiger Zeuge zusehen, wie die
Genossen kämpfend vorwärts schreiten? Ihnen zur Last fallen? Oder
sollte er mit seinem Körper, der ihn im Stich gelassen hatte, kurzen
Prozess machen? Eine Kugel ins Herz - und Schluss! Hast verstanden,
nicht schlecht zu leben, also versteh es auch, rechtzeitig abzuschließen.
Kann man denn einen Kämpfer verurteilen, der nicht langsam dahinsiechen
will?
Seine Hand tastete in der Tasche nach dem Browning. Mit gewohnter
Bewegung umklammerten die Finger den Griff. Langsam zog er die Waffe
hervor.
Wer hätte gedacht, dass es einmal so kommen würde?
Die Mündung der Pistole schien ihn verächtlich anzublinzeln. Pawel
legte sie aufs Knie und stieß einen wütenden Fluch aus.
Das ist phrasenhaftes Heldentum, weiter nichts, mein Lieber! Sich
niederknallen - das kann ja jeder Dummkopf - immer und jederzeit. Das
ist der feigste und leichteste Ausweg. Wird es schwer zu leben - so
macht man Schluss. Aber hast du versucht, dieses Leben zu besiegen? Hast
du alles getan, um dich aus diesem eisernen Ring herauszuwinden? Hast du
denn schon vergessen, wie wir bei Nowograd-Wolhynsk siebzehnmal am Tag
Attacke geritten und die Stadt trotz alledem schließlich eingenommen
haben? Weg mit der Pistole, und niemandem ein Wort darüber! Du musst
auch dann zu leben verstehen, wenn das Leben unerträglich wird. Trachte
danach, dieses Leben nützlich zu gestalten.
Er erhob sich und ging zum Weg zurück. Ein vorüberfahrender
Bergbewohner brachte ihn auf seinem Karren in die Stadt. Dort kaufte er
an einer Straßenecke die Lokalzeitung. In ihr wurde eine Versammlung
der Parteifunktionäre im Demjan-Bedny-Klub angekündigt. Erst spätnachts
kehrte Pawel heim. Er ahnte nicht, dass die Rede, die er dort gehalten
hatte, seine letzte Versammlungsrede gewesen sein sollte.
Taja fand keinen Schlaf. Kortschagins lange Abwesenheit beunruhigte sie.
Was war mit ihm geschehen? Wo konnte er stecken? Etwas Hartes, Kaltes
hatte sie heute in seinen Augen gelesen, die sonst immer so voller Leben
waren. Er sprach wenig von sich. Sie fühlte jedoch, dass er Schweres
durchmachte.
Die Uhr im Zimmer der Mutter hatte gerade zwei geschlagen, als Taja die
Gartenpforte knarren hörte. Sie warf sich eine Jacke über und ging die
Tür öffnen. Lolja schlief fest und murmelte irgend etwas im Schlaf.
»Ich war deinetwegen schon unruhig«, flüsterte sie, über Pawels
Heimkehr erfreut, als er den Hausflur betrat.
»Bis zu meinem Tode wird mir kein Unglück zustoßen, Tajuscha. Schläft
Lolja? Weißt du, ich habe gar keine Lust zu schlafen. Ich möchte dir
etwas über den heutigen Tag erzählen. Lass uns in dein Zimmer gehen,
damit wir Lolja nicht aufwecken«, sagte er, gleichfalls flüsternd.
Taja zögerte. Durfte sie sich nachts mit ihm unterhalten? Und wenn es
die Mutter erfährt, was wird sie von ihr denken? Wie aber soll sie ihm
das sagen, ohne ihn zu verletzen? Und was will er ihr sagen? Während
sie noch darüber nachdachte, ging sie schon langsam auf ihr Zimmer zu.
»Es handelt sich um folgendes, Taja«, begann Pawel mit gedämpfter
Stimme, als sie im dunklen Zimmer einander gegenübersaßen, so dicht,
dass sie seinen Atem spürte.
»Mein Leben hat eine solche Wendung genommen, dass es sogar mir ein
bisschen sonderbar vorkommt. Die letzten Tage waren nicht leicht für
mich. Ich wusste nicht recht, wie ich weiterleben sollte. Noch niemals
ist es so dunkel um mich gewesen wie in diesen Tagen. Heute habe ich
jedoch mit mir selbst eine ›Politbüro-Sitzung‹ abgehalten und einen
sehr wichtigen Beschluss gefasst. Wundere dich nicht, dass ich dich
einweihe.«
Er erzählte ihr, was er in den letzten Monaten durchgemacht, und vieles
von dem, worüber er draußen im Park so intensiv nachgedacht hatte.
»So steht es also mit mir. Jetzt komme ich aber zum Eigentlichen. Die
großen Auseinandersetzungen mit deiner Familie haben erst begonnen. Man
muss von hier weg an die frische Luft, möglichst weit weg von diesem
Nest. Man muss das Leben von neuem anfangen. Da ich mich nun einmal in
diesen Kleinkrieg eingemischt habe, so wollen wir ihn auch zu Ende führen.
Du und ich, wir beide haben jetzt ein freudloses Leben. Ich habe mich
entschlossen, es wieder auflodern zu lassen. Verstehst du, was ich
meine? Willst du meine Freundin, meine Frau werden?«
Taja hatte ihn bisher mit tiefer Erregung angehört. Bei seinen letzten
Worten fuhr sie jedoch vor Überraschung jäh zusammen.
»Heute verlange ich keine Antwort von dir, Taja. Überlege dir das
alles noch sehr genau. Dir ist wahrscheinlich unverständlich, wie man
so mit der Tür ins Haus fallen kann. Alle diese Mätzchen sind überflüssig.
Ich gebe dir meine Hand, Mädel, hier hast du sie. Wenn du diesmal
vertraust, dann täuschst du dich nicht. Ich habe viel von dem, was du
brauchst, und umgekehrt. Ich habe meinen Entschluss bereits gefasst:
Unser Bündnis bleibt so lange bestehen, bis du ein fertiger Mensch
geworden bist, einer von den Unsrigen. Wenn mir das nicht gelingen
sollte, bin ich keinen Heller wert. Bis dahin dürfen wir unser Bündnis
nicht lösen. Sobald du dich völlig entwickelt hast, bist du von
jeglicher Verpflichtung mir gegenüber frei. Wer weiß, was kommt. Es
kann ja möglich sein, dass ich körperlich endgültig zusammenbreche.
Vergiss nicht, dass du dann nicht mehr an mich gebunden bist.«
Nachdem er einige Sekunden geschwiegen hatte, fuhr er warm und innig
fort:
»Jetzt biete ich dir Freundschaft und Liebe an.« Er hielt ihre Hand
fest in der seinen und war so ruhig, als hätte er bereits ihr Einverständnis.
»Und wirst du mich auch nicht verlassen?«
»Mit Worten lässt sich nichts beweisen, Taja. Dir bleibt nur übrig zu
glauben, dass Menschen meines Schlages ihre Freunde nicht verraten …..
wenn nur sie mich nicht verraten«, schloss er bitter.
»Ich kann dir heute noch nicht antworten, all das kommt so unerwartet«,
erwiderte sie.
Kortschagin erhob sich.
»Leg dich schlafen, Taja, der Morgen naht schon.«
Er ging langsam in sein Zimmer hinüber. Ohne sich auszukleiden, warf er
sich auf das Bett und schlummerte sofort ein, kaum dass sein Kopf das
Kissen berührt hatte.
In Kortschagins Zimmer lagen auf dem Tisch vor dem Fenster ganze Stapel
aus der Parteibibliothek ausgeliehener Bücher, ein Stoß Zeitungen und
mehrere voll geschriebene Notizbücher. Im Zimmer standen ein Bett, zwei
Stühle und an der Tür, die zu Tajas Zimmer führte, hing eine riesige
Karte von China, die mit schwarzen und roten Fähnchen besteckt war. Mit
den Genossen aus dem Parteikomitee hatte Kortschagin vereinbart, dass
man ihm Parteiliteratur schicken würde, außerdem hatten sie ihm
versprochen, dass sich der Leiter der Hafenbibliothek, der größten
Bibliothek der Stadt, seiner besonders annehmen würde. Bald erhielt er
von dort große Bücherpakete. Lolja sah erstaunt, wie er vom frühen
Morgen bis zum Abend, mit kurzen Unterbrechungen nur während des Frühstücks
und Mittagessens, las und sich Notizen machte. Den Abend verbrachten sie
stets zu dritt in ihrem Zimmer. Kortschagin unterhielt sich dann mit den
Schwestern über das Gelesene.
Spät nach Mitternacht sah der Alte, wenn er auf den Hof hinausging,
zwischen den Fensterläden des unwillkommenen Mieters stets noch einen
Lichtstreifen. Leise, auf den Fußspitzen, schlich er sich dann ans
Fenster heran und erspähte durch den Spalt einen über Bücher
gebeugten Kopf.
Andere Leute schlafen, und der brennt die ganze Nacht Licht. Geht im
Haus herum, als sei er der Herr. Die Mädel sind so gehässig geworden,
grübelte der Alte böse und verschwand.
Zum ersten Mal seit acht Jahren hatte Kortschagin so viel freie Zeit und
gar keine Pflichten. Und er las mit dem Heißhunger eines Neubekehrten.
Acht-
zehn Stunden des Tages saß er über die Bücher gebeugt. Wer weiß, wie
sich das auf seine Gesundheit ausgewirkt hätte, wenn Taja nicht eines
Tages wie beiläufig gesagt hätte:
»Ich habe meine Kommode an einen anderen Platz geschoben. Die Tür zu
deinem Zimmer kann jetzt geöffnet werden. Wenn du mir etwas zu sagen
hast, brauchst du nicht erst durch Loljas Zimmer zu gehen.«
Pawel strahlte vor Glück. Taja lächelte ihm freudig zu - der Bund war
geschlossen.
Nun
sah der Alte in den späten Nachtstunden keinen Lichtschimmer im
Eckzimmer seines Mieters mehr, aber der Mutter entging die nur schlecht
verhehlte Freude in Tajas Augen nicht. Ein leichter Schatten zeichnete
sich unter den von innerem Feuer strahlenden Augen, der von schlaflosen
Nächten erzählte. Der Klang der Gitarre und Tajas Lieder waren immer häufiger
in der kleinen Wohnung zu hören.
Taja war durch ihre Liebe zur Frau erwacht und litt nun darunter, diese
Liebe wie etwas Verbotenes verbergen zu müssen. Jedes Geräusch ließ
sie zusammenschrecken, immer vermeinte sie die Schritte der Mutter zu hören.
Qualvoll war ihr der Gedanke, was sie der Mutter antworten würde, wenn
diese einmal fragen sollte, weshalb sie nachts ihre Zimmertür zuriegle.
Pawel merkte, was in ihr vorging, und sprach ihr zärtlich und
beruhigend zu:
»Warum fürchtest du dich? Wenn man richtig nachdenkt, sind wir doch
eigentlich die Herren hier. Schlafe ruhig. Fremde haben sich in unser
Leben nicht einzumischen.«
Sie schmiegte die Wange an Pawels Brust und schlief beruhigt in den
Armen des Geliebten ein. Lange lauschte er ihren Atemzügen und lag
regungslos da, um ihren ruhigen Schlummer nicht zu stören. Tiefe Zärtlichkeit
zu diesem Mädchen, das ihm ihr Leben anvertraut hatte, erfüllte ihn.
Als erste erfuhr die Schwester den Grund für den immerwährenden Glanz
in Tajas Augen, und ein Schatten der Entfremdung legte sich zwischen die
beiden Schwestern. Auch die Mutter hörte davon, oder eigentlich hatte
sie es erraten. Ihr Misstrauen war erwacht. Das hatte sie von
Kortschagin nicht erwartet.
»Tajuscha passt nicht zu ihm«, sagte sie eines Tages zu Lolja.
»Was soll daraus werden?«
Unruhige Gedanken quälten sie, doch konnte sie sich nicht entschließen,
mit Pawel zu sprechen.
Bei Kortschagin kam viel junges Volk zusammen, so dass es häufig in dem
kleinen Zimmer zu eng wurde.
Die Stimmen drangen wie das Gesumm eines Bienenschwarms ans Ohr der
Alten. Zuweilen sang man im Chor:
Unwirsch
ist's auf unserem Meer,
Stürme brausen Tag und Nacht…..
und
Pawels Lieblingslied:
Des
Volkes Blut verströmt in Bächen …
Es
war ein Zirkel von Arbeiterfunktionären, der sich hier versammelte, mit
dessen Leitung Kortschagin beauftragt worden war, nachdem er in einem
Brief an das Stadt-Parteikomitee darum gebeten hatte, ihm eine
Propagandaarbeit anzuvertrauen.
So verliefen Pawels Tage.
Wieder hielt Kortschagin das Steuer in beiden Händen und gab seinem
Leben, das einige scharfe Wendungen vollführt hatte, eine neue
Richtung. Er träumte davon, durch sein Studium und die erworbenen
Kenntnisse der Literatur wieder einen Platz in den Reihen der Kämpfer
einnehmen zu können.
Aber das Leben stellte ihm immer neue Hindernisse in den Weg, und während
er ihnen begegnete, dachte er beunruhigt darüber nach, inwieweit sie
ihn hindern würden, sein Ziel zu erreichen.
Ganz unerwartet kam aus Moskau der missratene Student George mit seiner
Frau an. Er quartierte sich bei seinem Schwiegervater ein, der das Amt
eines Notars ausübte, und kam häufig zur Mutter um Geld.
Die Ankunft Georges trug erheblich zur Verschlechterung der
Familienbeziehungen bei. Ohne zu zögern, hatte George sofort seines
Vaters Partei ergriffen und hetzte, von der sowjetfeindlich gesinnten
Familie seiner Frau unterstützt, aus dem Hinterhalt, um Kortschagin -
koste es, was es wolle - aus dem Haus hinauszuekeln und Taja von ihm zu
trennen.
Zwei Wochen nach Georges Ankunft erhielt Lolja in einem der umliegenden
Bezirke Arbeit. Sie verließ mit ihrem Sohn und der Mutter die Stadt.
Kortschagin und Taja siedelten in ein abgelegenes Küstenstädtchen über.
Artjom
erhielt nur selten von seinem Bruder einen Brief. An den Tagen, an denen
er auf seinem Tisch im Stadtsowjet das graue Kuvert mit der bekannten
eckigen Handschrift vorfand, verlor er beim Überfliegen der Seiten die
ihm eigene Gelassenheit. Und auch diesmal dachte er, während er den
Brief öffnete, mit verhaltener Zärtlichkeit:
Ach, Pawluscha, Pawluscha! Wenn wir doch näher beieinander leben könnten;
wie gut würden mir deine Ratschläge tun, Bruderherz. Er las:
Artjom,
ich möchte Dir erzählen, was ich durchgemacht habe. Solche Briefe wie
Dir schreibe ich sonst niemandem. Du kennst mich ja und verstehst meine
Worte. Das Leben setzt mir im Kampf um meine Gesundheit recht hart zu.
Mich treffen immer neue Schläge. Kaum habe ich mich von dem einen
erholt, da kommt schon ein neuer, noch unbarmherziger als der erste. Das
schrecklichste jedoch ist, dass ich machtlos bin, etwas dagegen zu tun.
Mein linker Arm versagte den Dienst. Das war ein harter Schlag, doch
auch meine Beine wurden immer schlimmer, und ich, der ich mich bisher
schon schwer genug innerhalb meiner vier Wände bewegen konnte, schleppe
mich jetzt mit Müh und Not vom Bett zum Tisch. Das ist jedoch
voraussichtlich noch nicht alles. Was mir das Morgen bringt, weiß ich
nicht.
Ich gehe nicht mehr aus dem Haus, sehe nur noch aus dem Fenster ein Stückchen
Meer. Kann es denn eine schlimmere Tragödie geben als die eines
Menschen, dessen Körper ihm verräterisch den Dienst versagt, eines
Menschen mit dem Herzen eines Bolschewiken, der sich danach sehnt zu
arbeiten, mit Euch in der an allen Fronten angreifenden Armee zu sein,
dort, wo die eiserne Sturmlawine heranrollt? Ich glaube daran, dass ich
noch in die Kampfreihen zurückkehren werde, dass in den zum Angriff
vorstürmenden Kolonnen auch mein Bajonett nicht fehlen wird. Zweifeln
darf ich nicht, habe kein Recht dazu. Zehn Jahre lang haben mich Partei
und Jugendverband in der Kunst des Widerstandes erzogen, und auch für
mich gelten die Worte: »Es gibt keine Festungen, die die Bolschewiki
nicht nehmen könnten.«
Mein Leben besteht jetzt darin, dass ich studiere. Bücher, Bücher und
nochmals Bücher. Ich habe viel geschafft, Artjom. Ich habe die
Hauptwerke der gesamten klassischen schönen Literatur durchgenommen,
habe meine Arbeiten für den ersten Fernkursus der Kommunistischen
Universität abgeliefert. Am Abend leite ich einen Zirkel für junge
Parteigenossen. Meine Verbindung zur praktischen Arbeit der Organisation
geht über diese Genossen. Und dann habe ich Tajuscha, ihr geistiges
Wachstum, ihre Entwicklung und dann ihre Liebe, die rührende Zärtlichkeit
meiner kleinen Frau. Wir leben sehr gut zusammen. Unsere Wirtschaft ist
einfach und unkompliziert - mit den zweiunddreißig Rubel meiner Rente
und Tajas Verdienst. Zur Partei geht Taja meinen Weg: Sie hat als
Hausangestellte gearbeitet und ist jetzt Geschirrwäscherin in einer
Speisehalle (in diesem Städtchen gibt es keine Industrie).
Vor kurzem zeigte mir Taja triumphierend ihre erste Delegiertenkarte von
der Frauenabteilung. Das ist für sei kein einfaches Stück Papier. Ich
verfolge ihre Entwicklung zum neuen Menschen und helfe ihr dabei, soviel
ich kann. Die Zeit wird kommen, da ein Großbetrieb, ein
Arbeitskollektiv ihre Ausbildung vollenden werden. Solange wir hier
sind, geht sie jedoch den hier einzig möglichen Weg.
Zweimal hat uns Tajas Mutter besucht. Die Mutter zieht, ohne dass sie es
selbst weiß, Taja zurück in ein Leben, das aus lauter Kleinigkeiten
besteht und das sich nur auf das Persönliche, auf engstirnige
Interessen beschränkt. Ich habe mich noch bemüht, Albina zu überzeugen,
dass ihre eigenen schweren Erlebnisse keinen Schatten auf den Weg ihrer
Tochter werfen dürfen. Aber all dies war vergebens. Ich fühle, dass
sich die Mutter eines Tages der Tochter auf ihrem Weg zum neuen Leben in
die Quere stellen wird, und dann wird ein Kampf unvermeidlich sein.
Ich drücke Dir fest die Hand.
Dein Pawel
Sanatorium
Nr. 5 in Staraja Mazesta. Das zweistöckige Steingebäude steht auf
einer in einen Felsen gehauenen Terrasse. Überall ringsum Wald,
zickzackartig schlängelt sich der Weg dahin. Die Zimmerfenster sind
weit offen, ein leichter Wind bringt den Geruch der Schwefelquellen
herauf. Kortschagin ist allein in seinem Zimmer. Morgen werden neue
Genossen kommen, dann wird er einen Mitbewohner haben. Er hört hinter
dem Fenster Schritte und eine ihm bekannte Stimme. Es unterhalten sich
dort einige Leute. Aber wo hat er nur diesen tiefen Bass schon einmal
gehört? - Er denkt angestrengt nach und holt dann plötzlich aus der
Tiefe seines Gedächtnisses einen längst vergrabenen, jedoch nicht
vergessenen Namen hervor: Innokenti Pawlowitsch Ledenew - ja, das ist er
und kein anderer. Und fest überzeugt von der Richtigkeit seiner
Vermutung, ruft Pawel ihn beim Namen. Eine Minute später sitzt Ledenew
bei ihm und schüttelt ihm freudig die Hand.
»Bist also noch am Leben, alter Junge? Nun, was kannst du mir
Erfreuliches mitteilen? Du hast also, scheint's, beschlossen, diesmal
ernstlich krank zu spielen? Das kann ich nicht billigen, keinesfalls! Du
solltest dir an mir ein Beispiel nehmen. Mich wollten die Ärzte auch
schon zum alten Eisen werfen, und ich halte mich, ihnen zum Trotz, immer
noch auf den Beinen.« Ledenew lachte gutmütig.
Kortschagin fühlte, wie der Freund durch dieses Lachen sein Mitgefühl
und seine tiefe Besorgnis verbergen wollte.
Zwei Stunden verbrachten sie in angeregter Unterhaltung. Ledenew erzählte
die letzten Moskauer Neuigkeiten. Von ihm erfuhr Kortschagin zum ersten
Mal von den wichtigen Beschlüssen, die gerade von der Partei gefasst
worden waren - über die Kollektivierung der Landwirtschaft und die
Umgestaltung des Dorfes. Gierig sog Pawel seine Worte auf.
»Und ich dachte, dass du irgendwo in deiner Heimat steckst und den
Laden schmeißt. Und da plötzlich - so was Dummes! Nun, das hat nichts
zu bedeuten, bei mir stand's noch schlimmer, ich war schon ganz ans Bett
gefesselt, und, siehst du, ich kann mich wieder bewegen. Es ist jetzt
nicht die Zeit für ein geruhsames Leben. Das geht ganz und gar nicht!
Ich denke manchmal so bei mir, dass es wohl an der Zeit ist, ein wenig
auszuruhen, Atem zu schöpfen. Man ist doch nicht mehr so jung, da
kommt's einem schon zuweilen sauer an, so seine zehn bis zwölf Stunden
bei der Arbeit zu sitzen. Nun, wenn du dir das so durch den Kopf gehen lässt
und dabei beginnst, deine gesamte Tätigkeit zu überprüfen, um
wenigstens einen Teil davon ›abzuschieben‹, da ist's immer wieder
dieselbe Geschichte. Du fängst an, deine verschiedenen Arbeiten
abzuschieben, und versinkst derartig darin, dass du vor zwölf Uhr
nachts nicht nach Hause kommst. Je stärker eine Maschine arbeitet,
desto schneller drehen sich die Räder, und bei uns kommt alles mit
jedem weiteren Tag immer mehr und mehr in Schwung, und so geschieht's
also, dass wir Alten jetzt leben müssen wie zu der Zeit, da wir noch
jung waren.«
Ledenew fuhr sich mit der Hand über die hohe Stirn und sagte mit väterlichem
Interesse:
»Na, und jetzt erzähl mal, was es bei dir gibt.«
Gespannt lauschte er Pawels Erzählung über seine Erlebnisse, und Pawel
fing des Öfteren einen verständnisvollen warmen Blick auf.
Im Schatten der weitverzweigten Bäume, in einer Ecke der Terrasse, saß
eine Gruppe von Kurgästen. Die buschigen Augenbrauen fest
zusammengezogen, las ein Mann an einem kleinen Tisch die »Prawda«.
Sein schwarzes Russenhemd, die abgetragene Schirmmütze, das
braungebrannte, hagere, seit langem nicht rasierte Gesicht mit den
tiefliegenden hellblauen Augen - in alldem erkannte er den alten Kumpel
Tschernokossow. Zwölf Jahre waren vergangen, seit dieser Mann, dem man
die Leitung eines ganzen Gebietes anvertraute, seinen Hammer beiseite
gelegt hatte, und doch schien es, als sei er eben erst aus der Grube
gekommen. Das lag an seiner Art, sich zu benehmen, zu sprechen, ja,
sogar an seiner Ausdrucksweise.
Tschernokossow war Leitungsmitglied des Gebiets-Parteikomitees und
Mitglied der Regierung. Eine qualvolle Krankheit, der Brand im Bein,
untergrub seine Kräfte. Tschernokossow hasste sein krankes Bein, das
ihn gezwungen hatte, jetzt schon beinah ein halbes Jahr das Bett zu hüten.
Ihm gegenüber saß, nachdenklich rauchend, Alexandra Alexejewna
Shigirewa. Sie war siebenunddreißig Jahre alt und schon seit neunzehn
Jahren Parteimitglied. Die »Metallarbeiterin Schurotschka«, wie sie
einst die Petersburger Illegalen genannt hatten, war schon als ganz
junges Mädchen in sibirischer Verbannung gewesen.
Der dritte am Tisch war Pankow. Seinen schönen Kopf mit dem antiken
Profil etwas geneigt, las er in einer deutschen Zeitschrift und rückte
von Zeit zu Zeit seine große Hornbrille zurecht. Es mutete sonderbar
an, wie dieser Dreißigjährige Athlet mühsam sein Bein nachschleppte,
das ihm nicht mehr gehorchen wollte. Michail Wassiljewitsch Pankow,
Redakteur, Schriftsteller und Mitarbeiter des
Volksbildungskommissariats, hatte ganz Europa bereist, beherrschte
mehrere Fremdsprachen, besaß ausgedehnte Kenntnisse auf verschiedenen
Gebieten der Wissenschaft, und sogar der sonst sehr zurückhaltende
Tschernokossow begegnete ihm mit großer Achtung.
»Das ist also der Genosse, mit dem du in einem Zimmer lebst?« fragte
die Shigirewa leise Tschernokossow und deutete mit dem Kopf auf den
Krankenwagen, in dem Kortschagin saß.
Tschernokossow legte die Zeitung beiseite, sein Gesicht hellte sich plötzlich
auf.
»Ja, das ist Kortschagin. Ich muss dich mit ihm bekannt machen, Schura.
Seine Krankheit hat ihm allerlei Hindernisse in den Weg gelegt, sonst würde
er noch an so manchen Engpässen seinen Mann stehen können. Er ist
einer von den Jungkommunisten der ersten Generation. Kurz, wenn wir den
Burschen ein wenig, unterstützen - und ich habe die feste Absicht, das
zu tun -, so wird er noch arbeiten können.« Pankow lauschte seinen
Worten.
»Was hat er denn?« fragte ebenso leise Schura Shigirewa.
»Die Folgen des Jahres zwanzig. Bei ihm ist was mit dem Rückgrat nicht
in Ordnung. Ich habe hier mit dem Arzt gesprochen, der befürchtet, dass
diese Verletzung zu einer völligen Lähmung führen wird. So eine
verfluchte Geschichte!«
»Ich werde ihn sofort herbringen«, sagte Schura. Das war der Anfang
ihrer Bekanntschaft. Pawel ahnte damals noch nicht, dass ihm die
Shigirewa und Tschernokossow bald nahe und teure Freunde und in den
bevorstehenden schweren Krankheitsjahren seine treuesten Stützen werden
sollten.
Das
Leben ging seinen alten Lauf. Taja arbeitete, Kortschagin lernte. Kaum
hatte er die Zirkelarbeit aufgenommen, als sich plötzlich ein neues
Unglück heranschlich. Die Paralyse lähmte ihm die Beine. Jetzt
gehorchte ihm nur noch der rechte Arm. Er biss sich die Lippen blutig,
als er nach vergeblichen Bemühungen begriff, dass er sich nicht mehr
werde bewegen können. Tapfer
verbarg Taja vor ihm die Verzweiflung und den Kummer über ihre
Ohnmacht, ihm nicht helfen zu können. Schuldbewusst lächelnd sagte er
zu ihr:
»Tajuscha, wir müssen uns trennen. Das war in unserer Vereinbarung
nicht vorgesehen. Ich werde diese Sache noch heute gründlich überdenken.«
Sie ließ ihn nicht ausreden. Es war schwer, die Tränen zurückzuhalten.
Krampfhaft schluchzend drückte sie Pawels Kopf an ihre Brust.
Artjom erfuhr von dem neuen Unglück, das den Bruder betroffen hatte. Er
schrieb der Mutter, und Maria Jakowlewna ließ alles im Stich und fuhr
zu ihrem Sohn. Sie lebten jetzt zu dritt. Die alte Frau befreundete sich
rasch mit Taja. Pawel setzte sein Studium fort.
Eines Abends, an einem unfreundlichen Wintertag, brachte Taja den Beleg
ihres ersten Sieges - den Ausweis eines Mitglieds des Stadtsowjets. Von
da an sah sie Pawel immer seltener. Von der Sanatoriumsküche, in der
sie als Geschirrwäscherin beschäftigt war, ging Taja in die
Frauenabteilung, in den Sowjet, und kam erst spätabends müde, jedoch
voller Eindrücke nach Hause. Es näherte sich der Tag ihrer Aufnahme
als Kandidat in die Partei. In großer Erregung bereitete sie sich
darauf vor, als sie ein neuer Schlag traf. Pawels Krankheit tat ihr
Werk. Unerträglich brennend, begann ein Entzündungsprozess im rechten
Auge, der dann auch auf das linke übergriff. Ein dunkler Schleier
bedeckte alles um ihn herum.
Lautlos hatte sich das in seiner Unüberwindlichkeit doppelt
schreckliche Hindernis eingestellt und versperrte ihm den Weg. Die
Mutter und Taja waren in grenzenloser Verzweiflung, er aber fasste ruhig
den Entschluss:
Man muss abwarten. Wenn es wirklich keine Möglichkeit zum Vorwärtskommen
gibt, wenn all das, was ich getan habe, um zur Arbeit zurückkehren zu können,
durch die Blindheit zunichte gemacht wird und ich mich niemals wieder
einreihen kann - dann muss Schluss gemacht werden.
Kortschagin schrieb an seine Freunde. Sie antworteten ihm und ermahnten
ihn, stark zu sein und den Kampf fortzusetzen.
In diesen für ihn so schweren Tagen teilte ihm Taja eines Tages freudig
erregt mit:
»Pawluscha, ich bin Kandidat der Partei.«
Pawel lauschte ihrem Bericht, wie die Zelle die neue Genossin in ihre
Reihen aufgenommen hatte, und erinnerte sich seiner eigenen ersten
Schritte in der Partei.
»Und so, Genossin Kortschagina, sind wir zwei jetzt eine kommunistische
Fraktion«, sagte er und drückte ihr die Hand.
Am nächsten Tag übermittelte er dem Parteisekretär des Bezirks
brieflich die Bitte, ihn zu besuchen. Am Abend hielt vor Kortschagins
Haus ein dreckbespritztes Auto, und Wolmer, ein bejahrter Lette mit
einem üppigen Backenbart, schüttelte Pawel die Hand.
»Na, wie geht's? Was treibst du denn da für Unfug? Los, steh auf, wir
wollen dich sofort zur Landarbeit schicken«, sagte er lachend.
Der Bezirkssekretär verbrachte zwei Stunden bei Kortschagin und vergaß
sogar die für den Abend angesetzte Sitzung. Im Zimmer auf und ab
gehend, hörte sich der Lette Pawels erregte Worte an und sagte schließlich:
»Red doch nicht immer vom Zirkel. Du musst dich ordentlich ausruhen,
und dann muss man sehen, wie es um deine Augen steht. Vielleicht ist
noch nicht alles verloren. Wäre es nicht gut, dich nach Moskau zu
schicken? Denk mal darüber nach …« Kortschagin unterbrach ihn:
»Ich brauche Menschen, Genosse Wolmer, lebendige Menschen! Ich halte es
in der Einsamkeit nicht aus. Mehr als je brauche ich jetzt Menschen um
mich. Schick mir die Jungen, möglichst noch ganz unreife Burschen. Ich
weiß, die schwenken bei dir in den Dörfern gar zu leicht nach links
ab, zur Kommune -in der Kollektivwirtschaft fühlen sie sich beengt.
Denn die Jungkommunisten, die schlagen leicht über die Stränge, wenn
man nicht aufpasst. Ich kenne das!«
»Woher hast du denn das erfahren?« fragte Wolmer erstaunt.
»Erst heute haben wir derartige Nachrichten aus dem Bezirk bekommen.«
Pawel lächelte.
»Du wirst dich vielleicht an meine Frau erinnern? Man hat sie gestern
als Kandidatin in die Partei aufgenommen. Sie hat mir das alles erzählt.«
»Die Geschirrwäscherin Kortschagina? Das ist deine Frau? Und ich habe
es gar nicht gewusst!« Er dachte kurz nach und schlug sich plötzlich
mit der Hand an die Stirn.
»Jetzt weiß ich, wen wir dir schicken - Lew Bersenew. Einen besseren
Genossen kannst du gar nicht bekommen. Ihr werdet gut zueinander passen.
Seid beide so etwas wie zwei Hochfrequenz-Transformatoren. Ich war nämlich
früher mal Elektromonteur, daher dieser Vergleich. Und dann wird Lew für
dich auch einen Radioapparat zusammenbasteln, er ist auf diesem Gebiet
ein Meister. Ich hocke selber häufig bis zwei Uhr nachts bei ihm mit
den Hörern an den Ohren. Meine Frau hat sogar schon Verdacht geschöpft:
›Wo treibst du dich denn neuerdings nachts immer so lange herum, alter
Kunde?‹«
Kortschagin erkundigte sich lächelnd:
»Wer ist denn dieser Bersenew?«
Von dem Hinundherlaufen ermüdet, ließ sich Wolmer auf einen Stuhl
fallen und erzählte:
»Bersenew ist unser Notar. Er ist aber grad so ein Notar, wie ich eine
Balletttänzerin bin. Vor noch nicht sehr langer Zeit war Lew ein maßgebender
Parteiarbeiter. Seit 1912 steht er in der revolutionären Bewegung, und
seit der Oktoberrevolution ist er Parteimitglied. In den Bürgerkriegsjahren
hatte er einen hohen Posten im Armeestab inne, in der 2. Reiterarmee war
er Mitglied des Revolutionstribunals, zermalmte die weiße Brut im
Kaukasus. Auch bei Zarizyn war er und an der Südfront. Im Fernen Osten
stand er an der Spitze des Obersten Militärgerichts der Republik. Hat
so manches durchgemacht. Schließlich packte ihn die Tuberkulose. Er ist
vom Fernen Osten hergekommen. Hier im Kaukasus ist er Vorsitzender des
Gouvernementsgerichts und stellvertretender Vorsitzender des
Landesgerichts. Wegen seiner Lunge ging es mit ihm immer mehr bergab.
Jetzt, wo er schon auf dem letzten Loch pfeift, haben ihn die Ärzte
hergeschickt. Siehst du, deshalb haben wir auch so einen ungewöhnlichen
Notar. Er hat hier eine ruhige Arbeit, da geht's mit ihm einigermaßen.
Dann hat man ihm allmählich die Leitung einer Zelle übertragen, dann
wurde er ins Bezirkskomitee gewählt, einen Kursus für politischen
Unterricht hat man ihm noch aufgehalst, dazu die Kontrollkommission; er
ist ein unersetzliches Mitglied aller verantwortlichen Kommissionen für
die kompliziertesten und kniffligsten Angelegenheiten. Außerdem ist er
Jäger und schließlich, wie gesagt, leidenschaftlicher Radiobastler.
Und obgleich ihm eine Lunge fehlt, kann man sich kaum vorstellen, dass
er krank ist. Er strotzt vor Energie. Sterben wird er sicherlich auch
irgendwo unterwegs vom Bezirkskomitee zum Gericht.«
Pawel unterbrach ihn schroff:
»Warum bürdet ihr ihm derart viel auf? Er arbeitet doch bei euch hier
mehr als früher.«
Wolmer kniff die Augen zusammen und schaute Kortschagin von der Seite
an:
»Und wenn wir dir jetzt einen Zirkel oder sonst was geben, dann wird
Lew sagen: ›Warum halst ihr ihm so viel auf?‹ Er steht auf dem
Standpunkt: Besser ein Jahr heißer Arbeit, als fünf Jahre krank
dahinzuvegetieren. Die Menschen werden wir erst schonen können, wenn
wir den Sozialismus aufgebaut haben.«
»Das stimmt. Auch ich bin dafür, ein Jahr voller Arbeit gegen fünf
Jahre Dahinvegetieren einzutauschen. Trotzdem sind wir manchmal zu
verschwenderisch mit unseren Kräften. Und darin liegt, wie ich jetzt
begriffen habe, weniger Heroismus als Spontaneität und
Verantwortungslosigkeit. Erst jetzt habe ich angefangen zu begreifen,
dass ich keinerlei Recht hatte, so brutal mit meiner Gesundheit
umzugehen. Es hat sich herausgestellt, dass das gar kein Heroismus war.
Vielleicht hätte ich ohne dieses Spartanertum noch einige Jahre
durchgehalten. Kurz, die Kinderkrankheit, der Radikalismus - das ist
eine der Hauptgefahren in meiner Lage.«
So redet er jetzt, aber stell ihn auf die Beine, und er wird alles auf
der Welt vergessen, dachte Wolmer, aber er schwieg.
Am Abend des nächsten Tages kam Lew zu Pawel. Sie trennten sich erst um
Mitternacht. Lew verließ seinen neuen Freund mit einem Gefühl, als sei
er einem Bruder begegnet, den er vor vielen Jahren verloren hatte.
Am nächsten Morgen kletterten Leute auf dem Dach herum und montierten
eine Antenne, während Lew drinnen in der Wohnung hantierte und dabei
interessante Begebenheiten aus seinem Leben erzählte. Pawel konnte ihn
nicht sehen, aus Tajas Schilderung wusste er jedoch, dass Lew blond war,
helle Augen hatte, dass er schlank war und sich rasch bewegte. Genauso
hatte ihn sich Pawel vom ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft an
vorgestellt.
In der Dämmerung leuchteten im Zimmer drei Radioröhren auf. Lew überreichte
Pawel feierlich die Kopfhörer. Im Äther herrschte ein Chaos von Tönen.
Die Morseapparate aus dem Hafen zwitscherten wie die Vögelchen,
irgendwo - offenbar nicht weit von der Küste entfernt - peilte sie der
Funker eines Dampfers an. Und in diesem Gewirr von Geräuschen und Tönen
fand das Variometer eine ruhige und sichere Stimme und holte sie näher
heran.
»Achtung! Achtung! Hier spricht Moskau …«
Der kleine Apparat fing mit seiner Antenne sechzig Sender der Welt auf.
Das Leben, das Pawel abseits geschleudert hatte, drang durch die stählerne
Membran zu ihm ins Krankenzimmer, und er spürte seinen mächtigen Arm.
Als der ermüdete Bersenew die Freude in Pawels Gesicht sah, lächelte
er befriedigt.
In dem großen Haus liegt alles in tiefem Schlaf. Unruhig murmelt Taja
irgend etwas im Traum vor sich hin. Sie kommt jetzt immer erst spätabends
nach Haus, erschöpft und durchfroren. Je tiefer sie in die Arbeit
eindringt, desto seltener hat sie freie Abende, und Pawel erinnert sich
an Bersenews Worte:
Wenn ein Bolschewik eine Frau hat, die Parteigenossin ist, so sehen sich
beide selten. Das hat zwei Vorteile: Sie werden einander nicht überdrüssig,
und zum Zanken bleibt ihnen auch keine Zeit!
Was konnte er dagegen einwenden? Das war zu erwarten. Es hatte einmal
eine Zeit gegeben, da Taja ihm all ihre Abende widmete. Damals gab es
mehr Wärme, mehr Zärtlichkeit. Aber während sie eben damals nur seine
Freundin und seine Frau gewesen war, war sie jetzt seine Schülerin und
Parteigenossin.
Er begriff, dass Taja, je weiter sie in ihrer Entwicklung fortschritt,
immer weniger Zeit für ihn haben würde, und er nahm das als etwas
Selbstverständliches hin.
Pawel wurde die Leitung eines Zirkels übertragen.
Und wieder wurden im Hause die Abende lebhaft. Die Stunden, die Pawel
mit der Jugend verbrachte, erfüllten ihn mit neuem und zuversichtlichem
Mut.
In der übrigen Zeit konnte ihn die Mutter kaum von den Kopfhörern
wegbringen, um ihm die Mahlzeiten zu reichen.
Das Radio gab ihm das, was ihm die Blindheit genommen hatte: die Möglichkeit
zu lernen. Und dieser, keine Hindernisse kennende Drang ließ ihn die
qualvollen Schmerzen des immer noch fiebernden Körpers, das Brennen in
den Augen und das ganze harte, ihm so ungnädige Leben vergessen.
Als Pawel im Rundfunk von den Leistungen der heldenhaften Magnitogorsker
Jugend hörte, die unter dem Banner des Komsomol die Kortschaginsche
Generation abgelöst hatte, war er überglücklich.
Im Geist erlebte er die bitteren Uralfröste und die Schneestürme mit,
die die Menschen wie Rudel toller Wölfe überfielen. Der Wind heulte,
aber Nacht und Schneesturm trotzend, setzte ein Trupp Komsomolzen der
zweiten Generation beim Schein der Bogenlampen Glasscheiben in die Dächer
der Riesenbauten ein, um die ersten Gebäude dieses gigantischen
Kombinats vor Schnee und Kälte zu schützen. Winzig klein schien
dagegen der Streckenbau im Wald, bei dem die erste Generation der Kiewer
Jungkommunisten einst gegen den Schneesturm gekämpft hatte. Das Land
war gewachsen, gewachsen waren auch die Menschen.
Am Dnepr durchbrach das Wasser die stählernen Dämme und überflutete
Maschinen und Menschen. Abermals waren es Jungkommunisten, die sich den
Naturgewalten entgegenstemmten und nach erbittertem zweitägigem Kampf
die entfesselten Elemente wieder in ihre stählernen Schranken zurücktrieben.
In diesem grandiosen Kampf marschierte die neue Generation der
Komsomolzen an der Spitze. Freudig vernahm Pawel unter den Namen der
Helden einen ihm vertrauten Namen: Ignat Pankratow.
NEUNTES
KAPITEL
Mehrere
Tage wohnten sie in Moskau im Lagerraum des Archivs einer Behörde,
deren Chef ihnen behilflich war, Pawel in einer Spezialklinik
unterzubringen.
Erst jetzt begriff Pawel, dass es keine große Kunst war, mit gesundem,
jugendlichem Körper standhaft zu sein; doch auch nun nicht zu wanken,
da einen das Leben mit eisernen Ringen umklammert hielt - das war, fühlte
er, eine Sache der Ehre.
Seit den Tagen, die Pawel im Lagerraum des Archivs verbracht hatte,
waren anderthalb Jahre vergangen, achtzehn Monate unbeschreiblicher
Leiden.
In der Klinik erklärte Professor Awerbach ihm ganz offen, dass er das
Augenlicht wahrscheinlich nicht wiedergewinnen werde. In unbestimmter
Zukunft, wenn die Entzündung zurückgegangen sein werde, würden die
Chirurgen eine Operation seiner Pupillen versuchen. Um die Entzündung
abzudämmen, wurden chirurgische Eingriffe vorgeschlagen.
Man bat ihn um seine Zustimmung, und Pawel gestattete den Ärzten, alles
zu tun, was sie für nötig hielten.
In den Stunden, die er auf den Operationstischen verbrachte, während
Lanzetten seinen Hals bearbeiteten, um die Nebenschilddrüsen zu
entfernen, streiften ihn dreimal die dunklen Fittiche des Todes. Aber
das Leben gab Kortschagin nicht her. Nach den schrecklichen Stunden des
Wartens fand Taja ihren Freund totenbleich, aber doch lebendig und, wie
immer, ruhig und liebevoll wieder.
»Mach dir keine Sorgen, Mädel, ich bin nicht so leicht umzubringen,
ich werde noch leben und allerlei Unfug treiben, den arithmetischen
Berechnungen der gelehrten Äskulapjünger zum Trotz. Was meinen
Gesundheitszustand betrifft, so haben sie vollkommen recht; sie irren
sich jedoch sehr, wenn sie mich für hundertprozentig arbeitsunfähig
halten. Das werden wir erst noch sehen.«
Pawel hatte fest entschlossen den Weg gewählt, auf dem er in die Reihen
der Erbauer des neuen Lebens zurückkehren wollte.
Der Winter war zu Ende, und der Frühling riss die Fenster auf. Der vom
Blutverlust völlig entkräftete Kortschagin begriff, nachdem er die
letzte Operation überstanden hatte, dass er im Krankenhaus nicht mehr
bleiben konnte. So viele Monate inmitten von menschlichem Elend, von Stöhnen
und Klagen der dem Tode Geweihten waren unvergleichlich schwerer als nur
seine eigenen Qualen zu ertragen.
Auf den Vorschlag, sich einer neuen Operation zu unterziehen, erwiderte
er kalt und schroff:
»Schluss, hab genug davon. Einen Teil meines Blutes habe ich der
Wissenschaft geopfert, und das, was mir verbleibt, habe ich für andere
Zwecke nötig.«
Noch am selben Tag schrieb er an das Zentralkomitee der Partei einen
Brief, mit der Bitte, ihm behilflich zu sein, in Moskau zu bleiben, wo
seine Frau Arbeit gefunden hatte, da jedes weitere Herumreisen für ihn
sinnlos sei.
Zum ersten Mal wandte er sich an die Partei um Hilfe. Als Antwort auf
seinen Brief stellte ihm der Moskauer Sowjet ein Zimmer zur Verfügung.
Pawel verließ das Krankenhaus mit dem einzigen Wunsch, nie mehr dorthin
zurückkehren zu müssen.
Das bescheidene Zimmer in einer stillen Nebengasse der Kropotkinstraße
erschien ihm als höchster Luxus. Und häufig, wenn er nachts erwachte,
wollte er kaum daran glauben, dass das Krankenhaus irgendwo weit hinter
ihm lag.
Taja wurde Parteimitglied. Beharrlich in ihrer Arbeit, blieb sie, trotz
der Tragödie ihres privaten Lebens, hinter den tüchtigsten
Aktivistinnen ihres Betriebes nicht zurück. Die Belegschaft schenkte
dieser wortkargen Arbeiterin volles Vertrauen und wählte sie als
Mitglied des Betriebsrats. Der Stolz auf seine Freundin, die sich zu
einer Bolschewikin entwickelt hatte, erfreute Pawel und gab ihm einen
gewissen Trost in seiner schweren Lage.
Die Ärztin Bashanowa, die in dienstlichen Angelegenheiten nach Moskau
gekommen war, besuchte ihn. Sie unterhielten sich lange. Pawel sprach
mit leidenschaftlicher Wärme von dem Weg, der ihn in nicht mehr allzu
ferner Zukunft in die Reihen der Kämpfer zurückführen sollte.
Die Bashanowa bemerkte an seinen Schläfen einen Silberstreifen und
sagte mit leiser Stimme:
»Ich sehe, Sie haben nicht wenig durchgemacht. Aber Ihren unauslöschlichen
Enthusiasmus haben Sie trotzdem nicht eingebüßt. Was braucht man mehr?
Es ist gut, dass Sie sich entschlossen haben, die Arbeit zu beginnen, zu
der Sie sich fünf Jahre lang vorbereitet haben. Wie werden Sie aber
arbeiten?«
Pawel lächelte beruhigend.
»Morgen bekomme ich eine Kartonvorlage. Ohne die kann ich nicht
schreiben. Sonst geraten die Zeilen durcheinander. Ich habe lange nach
einem Ausweg gesucht und habe ihn gefunden - aus dem Karton
herausgeschnittene Streifen werden meinen Bleistift daran hindern, aus
dem Rahmen einer geraden Zeile zu gleiten. Es ist schwer zu schreiben,
ohne das Geschriebene zu sehen, jedoch nicht unmöglich. Davon habe ich
mich schon überzeugt. Anfangs wollte es nicht gelingen, jetzt schreibe
ich aber langsamer, ich führe jeden einzelnen Buchstaben sorgfältig
aus, und so geht es ziemlich gut.«
Pawel begann zu arbeiten. Er plante ein Buch, das der heldenhaften
Kotowski-Division gewidmet sein sollte.
Der Titel fand sich von selbst.
»Die Sturmgeborenen.«
Von diesem Tag an konzentrierte sich sein ganzes Leben auf seine Arbeit
an diesem Buch. Langsam, Zeile um Zeile, wuchsen die Seiten an. Ganz im
Bann der von ihm geschaffenen Gestalten, vergaß er alles andere. Zum
ersten Mal erlebte er die Qual des Schaffens, als sich die lebendig vor
ihm erstehenden, so gegenwärtigen, unvergesslichen Bilder nicht auf das
Papier bannen ließen und die Zeilen blass, ohne Feuer und Leidenschaft
blieben.
Alles, was er schrieb, musste er Wort für Wort im Gedächtnis behalten.
Verlor er den Faden, so stockte die ganze Arbeit. Die Mutter beobachtete
ihn besorgt.
Oft musste er ganze Seiten, manchmal sogar ganze Kapitel auswendig vor
sich hersagen, und der Mutter schien es manchmal, als habe ihr Sohn den
Verstand verloren. Solange er schrieb, wagte sie nicht, ihn zu stören.
Nur wenn sie die auf den Boden gerutschten Blätter aufhob, sagte sie
schüchtern:
»Du solltest dich lieber mit etwas anderem beschäftigen, Pawluscha. Wo
hat man das schon gesehen, immer nur schreiben und schreiben, ohne Ende
…«
Pawel lachte herzlich über die Besorgnis der Mutter und versicherte
ihr, sie könne ganz beruhigt sein, bei ihm sei »vorläufig noch keine
Schraube locker«.
Drei Kapitel des geplanten Buches waren fertig. Pawel sandte sie nach
Odessa, an seine ehemaligen Mitkämpfer aus der Kotowski-Division, damit
sie ihre Meinung äußerten. Bald darauf erhielt er von ihnen einen
Brief mit günstigen Urteilen - das Manuskript jedoch ging auf dem Rückweg
verloren. Die Arbeit von sechs Monaten war vernichtet. Das war für
Pawel ein harter Schlag. Er bedauerte es bitter, dass er das Original
des Manuskripts weggeschickt hatte, ohne Kopien davon anfertigen zu
lassen. Als er Ledenew von seinem Verlust erzählte, meinte der:
»Warum bist du so unvorsichtig gewesen? Beruhige dich, jetzt nützt das
Schimpfen nichts. Fang noch einmal von vorn an.«
»Aber Innokenti Pawlowitsch! Man hat mir die Arbeit von sechs Monaten
geraubt, das Resultat vieler mühseliger Arbeitstage! Diese elenden
Hunde!«
Ledenew war bemüht, ihn zu beruhigen.
Alles musste also von neuem begonnen werden. Ledenew besorgte Papier. Er
ließ die bereits fertigen Blätter mit der Schreibmaschine abtippen.
Nach anderthalb Monaten war das erste Kapitel wieder neu geschrieben.
Kortschagins hatten als Wohnungsnachbarn die Familie Alexejew. Der älteste
Sohn, Alexander, war Sekretär eines der städtischen Bezirkskomitees
des Kommunistischen Jugendverbandes. Er hatte eine achtzehnjährige
Schwester, Galja, die eine Betriebsschule absolviert hatte. Galja war
ein lebensfrohes Mädchen. Pawel beauftragte die Mutter, mit ihr zu
sprechen, ob sie nicht bereit wäre, ihm als seine »Sekretärin« bei
der Arbeit zu helfen.
Galja gab mit großer Bereitwilligkeit ihre Zustimmung.
Sie kam lächelnd und freundlich, und als sie erfuhr, dass Pawel ein
Buch schrieb, sagte sie:
»Ich werde Ihnen gern behilflich sein, Genosse Kortschagin. Das ist
doch etwas anderes, als für den Vater langweilige Rundschreiben über
die Instandhaltung der Wohnungen zu schreiben.«
Seit diesem Tag ging die literarische Arbeit mit doppelter
Geschwindigkeit vorwärts. Im Verlauf eines Monats war so viel geschafft
worden, dass Pawel darüber selbst erstaunt war. Galjas lebhafte
Teilnahme und ihr Interesse erleichterten ihm die Arbeit sehr. Ihr
Bleistift glitt leise übers Papier hinweg, und die Stellen, die ihr
besonders gefielen, las sie wiederholt vor, in ehrlichem Entzücken über
das Geschriebene. Im Hause war sie fast der einzige Mensch, der
Vertrauen zu seiner Arbeit hatte. Den anderen schien es, dass nichts
dabei herauskommen würde und dass er sich nur bemühe, seine erzwungene
Untätigkeit durch irgend etwas auszufüllen.
Als Ledenew, von einer Dienstreise nach Moskau zurückgekehrt, die
ersten Kapitel gelesen hatte, sagte er:
»Fahr nur so fort, mein Freund. Der Erfolg ist dir sicher. Du wirst
noch viel Freude erleben, Genosse Pawel. Ich bin fest davon überzeugt,
dass dein Traum, wieder in die Reihen zurückzukehren, bald in Erfüllung
gehen wird. Verlier nur die Hoffnung nicht, mein Sohn.«
Der Alte ging, mit großer Zufriedenheit.
Dann kam Galja. Ihr Bleistift huschte über das Papier, und neue Worte,
neue Zeilen über die unvergessliche Vergangenheit reihten sich
aneinander.
In jenen Momenten, wenn Pawel in seine Gedanken versank und sich der
Macht der Erinnerung hingab, beobachtete Galja, wie seine Wimpern
zuckten, wie sich seine Augen veränderten und die einander ablösenden
Gedanken widerspiegelten. Es war schwer zu glauben, dass er blind war,
denn die reinen, durch kein Fleckchen getrübten Augen zeugten von
Leben.
Am Abend las sie ihm jedes Mal die Arbeit des Tages vor und sah, wie er
aufmerksam lauschte, aber zuweilen die Stirn runzelte:
»Warum sind Sie denn unzufrieden, Genosse Kortschagin? Das ist doch gut
geschrieben.«
»Nein, Galja, es ist nicht das Richtige.«
Wenn die eine oder die andere Seite misslungen war, begann Pawel wieder
selbst zu schreiben. Durch die schmalen Streifen der Vorlage gehemmt,
hielt er es manchmal nicht mehr aus und ließ das Schreiben wieder sein.
Dann zerbrach er in grenzenloser Wut über das Leben, das ihm sein
Augenlicht genommen hatte, die Bleistifte, und auf den wundgebissenen
Lippen zeigten sich Blutspuren.
Als die Arbeit zu Ende ging, begannen häufiger als sonst verbotene
Empfindungen die immer wache Willenskraft zu sprengen. Verboten waren
ihm Kummer und andere einfache menschliche Gefühle, heiße und zärtliche,
die jeder haben durfte, nur er nicht. Wenn er nur einem dieser Gefühle
nachgeben würde, so könnte die Sache ein tragisches Ende nehmen.
Taja kehrte gewöhnlich erst spätabends aus der Fabrik heim, und
nachdem sie mit der Mutter halblaut einige Worte gewechselt hatte, ging
sie zur Ruhe.
Das letzte Kapitel war geschrieben. Mehrere Tage hintereinander hatte
Galja ihm das Buch vorgelesen. Morgen wird das Manuskript nach Leningrad
an die Kultur- und Propagandaabteilung des Gebietskomitees geschickt.
Wenn man dort dem Buch »den Weg ins Leben« freigibt, so wird es einem
Verlag zugestellt und dann …
Unruhig klopfte Pawels Herz. Dann … ja, dann beginnt ein neues Leben,
das er sich durch Jahre angestrengter und hartnäckiger Arbeit erobert
hatte.
Mit dem Schicksal des Buches entschied sich auch das Schicksal Pawels.
Wenn das Manuskript für schlecht erklärt wird, dann ist es mit ihm
aus. Sollte aber der Misserfolg nur ein halber sein, ein Misserfolg, den
man durch weiteres Studium beheben kann, so würde er es sofort wieder
anpacken.
Die Mutter gab das schwere Paket auf der Post ab. Es folgten Tage
gespannter Erwartung. Noch nie in seinem Leben hatte Kortschagin mit so
qualvoller Ungeduld auf Briefe gewartet wie in diesen Wochen. Er
fieberte von der Morgenpost bis zur Abendpost.
Aber Leningrad schwieg.
Das Schweigen Leningrads schien Gefahr zu verheißen. Das Vorgefühl
einer Niederlage wuchs mit jedem Tag, und Pawel gestand sich ein, dass
eine völlige Ablehnung des Buches seinen Tod bedeuten würde. Dann
konnte er nicht mehr leben. Das Leben hätte jeden Sinn verloren.
In solchen Augenblicken erinnerte er sich an den Park draußen am Meer,
und wieder und wieder stellte er sich die Frage:
Hast du auch alles getan, um dich aus der eisernen Umklammerung frei zu
machen, um in die Kampfreihen zurückzukehren, um dein Leben nützlich
zu gestalten?
Und er antwortete:
Ja, es scheint so, alles!
Wochen vergingen. Und eines Tages, als das Warten schon unerträglich
geworden war, rief die Mutter, die nicht weniger aufgeregt war als ihr
Sohn, beim Betreten des Zimmers:
»Nachricht aus Leningrad!«
Es war ein Telegramm vom Gebietskomitee. Einige knappe Worte auf einem
Formular:
»Roman begeistert aufgenommen. Wird sofort herausgegeben. Herzliche Glückwünsche
zum Erfolg.«
Pawels Herz schlug höher. Der ersehnte Traum war Wirklichkeit geworden!
Der eiserne Ring war gesprengt. Abermals - mit einer neuen Waffe - war
er in die Kampfreihen, zum Leben zurückgekehrt. |