Das
Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das
Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und er muss es so nützen, dass
ihn später sinnlos vertane Jahre nicht qualvoll gereuen, die Schande
einer unwürdigen, nichtigen Vergangenheit ihn nicht bedrückt und dass
er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich
dem Herrlichsten auf der Welt - dem Kampf für die Befreiung der
Menschheit - geweiht.
Nikolai
Ostrowski
Wie
der Stahl gehärtet wurde
ERSTER
TEIL
Alles
in Ostrowski ist Flamme der Aktion und des Kampfes - und diese Flamme
wuchs und dehnte sich aus, je enger Nacht und Tod ihn umringten. Er strömte
von unermüdlichem Lebensmut und Optimismus über. Und diese Freude
verband ihn mit allen kämpfenden und vorwärts schreitenden Völkern
der Erde.
ROMAIN ROLLAND
ERSTES
KAPITEL
»Wer
von euch war vor den Feiertagen bei mir zu Hause, seine Aufgaben
herzusagen? Der soll aufstehen!«
Der schwammige Mann im Priesterrock, mit dem schweren Kreuz am Hals,
blickte drohend auf die Schüler.
Seine bösen Äuglein durchbohrten geradezu die sechs Kinder, die sich
von den Bänken erhoben hatten - es waren vier Jungen und zwei Mädchen.
Ängstlich schauten sie zu ihm empor. »Ihr könnt euch setzen«,
bedeutete der Pope den Mädchen.
Mit einem Seufzer der Erleichterung setzten sie sich rasch.
Die Äuglein Vater Wassilis blieben jetzt an den übrigen vier kleinen
Gestalten haften.
»Na, kommt mal her, meine Täubchen!«
Vater Wassili erhob sich, schob den Stuhl zurück und trat dicht an die
sich eng aneinanderdrängenden Kinder heran. »Wer von euch
Taugenichtsen raucht?«
Leise erwiderten alle vier: »Wir rauchen nicht, Väterchen.«
Das feiste Gesicht des Popen lief dunkelrot an. »Ihr Halunken raucht
nicht -und wer hat mir Machorka in den Teig gestreut? Ihr raucht nicht?
Na, das werden wir ja gleich sehen. Kehrt die Taschen um! Na, wird's
bald? Was habe ich gesagt? Die Taschen heraus!«
Drei der Kinder begannen sogleich den Inhalt ihrer Taschen auf den Tisch
auszuschütten.
Sorgfältig prüfte der Pope die Taschennähte. Er spähte nach
Tabakspuren, doch er fand nichts. Darauf knöpfte er sich den vierten
vor, einen schwarzäugigen Jungen in grauem Hemd und blauer Hose, die an
den Knien geflickt war.
»Und du, was stehst du wie ein Ölgötze da?«
Der schwarzäugige Junge sah ihn hasserfüllt an und antwortete dumpf:
»Ich habe keine Taschen!« Er strich mit den Händen über die zugenähten
Stellen.
»Ach so, keine Taschen! Du meinst also, ich wüsste nicht, wer zu so
einer Gemeinheit fähig ist - den Teig zu verderben? Du meinst wohl,
dass man dich auch jetzt noch in der Schule lassen wird? Nein, mein Täubchen,
das wird dir nicht geschenkt! Das letzte Mal hat mich nur deine Mutter
durch Bitten bewogen, es noch einmal zu versuchen; aber jetzt ist
Schluss! Mach, dass du rauskommst!« Er packte den Jungen derb am Ohr,
stieß ihn in den Gang hinaus und warf die Tür hinter ihm zu.
Die Klasse schwieg und duckte sich scheu. Niemand begriff, weshalb Pawel
Kortschagin aus der Schule gejagt wurde. Nur Serjosha Brusshak, Pawels
bester Freund, hatte gesehen, wie Pawel dem Popen eine Handvoll Machorka
in den Osterteig gestreut hatte, dort in der Küche, wo die sechs Schüler
auf den Popen warteten. Sie waren in seine Wohnung gekommen, um ihre
Aufgaben nachträglich herzusagen.
Pawel hockte sich draußen auf die letzte Stufe der Vortreppe nieder. Er
überlegte, was er zu Hause der Mutter sagen sollte, seiner Mutter, die
immer so besorgt war und die sich vom frühen Morgen bis spät in die
Nacht als Köchin beim Steuerinspektor abrackerte.
Pawel würgten die Tränen.
Was soll ich jetzt bloß machen? Und alles wegen dieses verdammten
Popen. Warum, zum Kuckuck, habe ich ihm nur das Zeug hineingestreut?
Serjosha ist ja der Anstifter gewesen. »Los«, hat er gesagt, »streuen
wir diesem Ekel Machorka in den Teig!« Und da haben wir es gleich so
gemacht. Serjosha -dem passiert nichts, aber mich wird man sicher
rausschmeißen …
Die Feindschaft zwischen Pawel und Vater Wassili war schon alten Datums.
Pawel hatte sich eines Tages mit Mischa Lewtschukow gerauft und musste
deshalb nachsitzen. Damit er jedoch im leeren Klassenzimmer keine
Dummheiten machte, brachte ihn der Lehrer zu den älteren Schülern in
die zweite Klasse. Pawel setzte sich auf die letzte Bank.
Der Lehrer, ein dürres Männlein in schwarzem Rock, erzählte von der
Erde und den Gestirnen. Pawel vernahm staunend, mit weit offenem Mund,
dass die Erde schon seit vielen Millionen Jahren existierte und dass die
Sterne auch so etwas Ähnliches wie die Erde seien. Er war von dem Gehörten
derart überrascht, dass er sogar aufstehen und dem Lehrer sagen wollte:
In der Bibel steht es aber ganz anders. Er fürchtete jedoch, dass es
wieder etwas setzen könnte.
In Religion hatte Pawel vom Popen immer gute Noten bekommen. Alle Choräle,
das Neue und das Alte Testament konnte er im Schlafe hersagen. Er wusste
genau, was Gott an welchem Tage erschaffen hatte. Pawel beschloss also,
sich bei Vater Wassili nach allem zu erkundigen. Gleich in der nächsten
Religionsstunde, sobald sich der Pope in seinem Lehnstuhl niedergelassen
hatte, meldete sich Pawel, erhielt auch die Erlaubnis zu sprechen und
stand auf: »Väterchen, warum sagt der Lehrer in der oberen Klasse,
dass die Erde schon Millionen Jahre existiert, und nicht … fünftausend,
wie es in der Bibel steht?« Weiter kam er nicht. Vater Wassilis wütendes
Gekreisch unterbrach ihn:
»Was sprichst du da, du Halunke? So also lernst du das Wort des Herrn!«
Ehe Pawel sich's versah, hatte ihn der Pope bei den Ohren gepackt und
schlug ihn mit dem Kopf gegen die Wand. In der nächsten Minute flog er,
verprügelt und erschrocken, auf den Gang hinaus.
Auch bei der Mutter kam Pawel übel an.
Am nächsten Tag ging sie in die Schule und bat Vater Wassili, ihren
Sohn wieder aufzunehmen. Von diesem Zeitpunkt an hasste Pawel den Popen
aus tiefster Seele. Er hasste und fürchtete ihn zugleich. Er verzieh
niemals Kränkungen, die ihm zugefügt wurden; auch dem Popen vergaß er
die unverdiente Prügel nicht. Er trug den Groll heimlich in sich.
Der Junge hatte noch vielerlei Schikanen von Vater Wassili zu ertragen:
bald jagte ihn der Pope aus dem Zimmer, bald stellte er ihn wochenlang für
nichts und wieder nichts in die Ecke und hörte niemals seine Aufgaben
ab. Deshalb musste er auch vor Ostern mit den zurückgebliebenen Schülern
in die Wohnung des Popen gehen, um sich prüfen zu lassen. Dort, in der
Küche, hatte er ihm Machorka in den Osterteig gestreut.
Niemand hatte es gesehen, und trotzdem hatte der Pope sofort erraten,
wessen Werk das gewesen war …..
Die Stunde war zu Ende, die Kinder liefen auf den Hof hinaus und
umringten Pawel, der düster schwieg. Serjosha Brusshak war in der
Klasse geblieben. Er fühlte sich mitschuldig, konnte aber dem Freund
nicht helfen.
Aus dem offenen Fenster des Lehrerzimmers beugte sich Jefrem
Wassiljewitsch, der Schuldirektor. Sein tiefer Bass ließ Pawel
erzittern. »Kortschagin soll sofort zu mir kommen!« rief er.
Klopfenden Herzens ging Pawel ins Lehrerzimmer.
Der Besitzer der Bahnhofswirtschaft, ein älterer, blasser Mann mit
ausdruckslosen Augen, streifte den etwas abseits stehenden Pawel mit
einem flüchtigen Blick. »Wie alt ist er denn?«
»Zwölf«, antwortete die Mutter.
»Na schön, mag er dableiben. Die Bedingungen sind: acht Rubel
monatlich und Essen an den Arbeitstagen. Vierundzwanzig Stunden Dienst,
vierundzwanzig Stunden frei, und dass er sich nicht untersteht zu
stehlen.«
»Wo denken Sie hin! Gott bewahre! Stehlen wird er nicht, dafür bürge
ich«, sagte die Mutter erschrocken.
»Na, dann soll er gleich heute anfangen«, befahl der Wirt und wandte
sich an die Kellnerin, die neben ihm hinter der Theke stand: »Sina, führ
den Jungen in den Abwaschraum und sag Frossja, sie soll ihn an Stelle
von Grischka beschäftigen.«
Die Kellnerin legte das Messer weg, mit dem sie gerade Schinken
geschnitten hatte, nickte Pawel zu und ging durch den Saal zu einer
Seitentür, die in den Spülraum führte. Pawel folgte ihr. Die Mutter
ging neben ihm her und flüsterte ihm hastig zu:
»Gib dir ordentlich Mühe, Pawluschka, und mach mir keine Schande.«
Sie sah dem Sohn traurig nach und ging dann davon.
Im Spülraum herrschte Hochbetrieb. Ein Berg Teller, Gabeln, Messer türmten
sich auf dem Tisch, und mehrere Frauen trockneten das Geschirr mit Küchenhandtüchern
ab, die ihnen über die Schultern hingen.
Ein rothaariger Junge, mit zerzaustem, ungekämmtem Haar, kaum älter
als Pawel, hantierte an zwei riesigen Samowaren. Der Raum, in dem eine
große Spülschüssel mit heißem Wasser stand, war voller Dampf. Pawel
vermochte anfangs die Gesichter der arbeitenden Frauen nicht zu
unterscheiden. Er stand da und wusste weder, was er zu tun hatte, noch
an wen er sich wenden sollte.
Die Kellnerin Sina trat an eine der Frauen heran, fasste sie an der
Schulter und sagte:
»Hier, Frossja, hast du einen neuen Jungen, er soll an Stelle von
Grischka arbeiten. Erklär ihm alles, was er zu tun hat.«
Zu Pawel gewandt, deutete Sina auf die Frau, die sie soeben Frossja
genannt hatte, und erklärte ihm:
»Sie ist hier die Oberste. Was sie anordnet, musst du tun.« Dann
drehte sie sich um und ging zur Theke zurück.
»Schön«, sagte Pawel leise und blickte die vor ihm stehende Frossja
fragend an. Diese wischte sich den Schweiß von der Stirn, musterte den
Jungen von oben bis unten, als wollte sie ihn abschätzen, krempelte den
vom Ellbogen heruntergerutschten Ärmel auf und sagte mit ungewöhnlich
angenehm klingender Stimme:
»Na, was ist da schon viel zu erklären, mein Kleiner. Du musst also frühmorgens
unter diesem Kessel Feuer machen und dafür sorgen, dass immer kochendes
Wasser drin ist. Holz musst du natürlich hacken, und auch die Samoware
gehören zu deiner Arbeit. Dann wirst du, .wenn's nötig ist, Messer und
Gabeln putzen und das Abwaschwasser hinaustragen. An Arbeit fehlt's
nicht, Kleiner, wirst schon schwitzen«, sagte sie in ihrer Kostromaer
Mundart mit der Betonung des »a«. Von dieser Mundart und dem frischen
Gesicht mit der kleinen Stupsnase wurde es dem Jungen leichter ums Herz.
Das ist offenbar eine ganz nette Tante, entschied er im stillen und
wandte sich schon mutiger an Frossja:
»Und was soll ich jetzt tun, Tantchen?«
Sprach's und stockte. Das laute Gelächter der in der Spülküche beschäftigten
Frauen verschlang seine letzten Worte.
»Hahaha …! Frossja hat plötzlich einen Neffen gekriegt…«
»Haha!« lachte Frossja noch herzhafter als alle anderen.
In dem Dunst hatte Pawel ihr Gesicht nicht recht sehen können; Frossja
war erst achtzehn Jahre alt.
Ganz und gar verwirrt wandte sich Pawel nun an den Jungen und fragte: »Was
soll ich jetzt tun?«
Aber der Junge beantwortete die Frage nur mit einem Gekicher. »Frag
doch die Tante, die wird dir schon alles erklären, ich arbeite hier nur
aushilfsweise.« Er wandte sich um und sprang zur Tür hinaus, die in
die Küche führte.
»Komm her, hilf die Gabeln abtrocknen«, hörte Pawel eine ältere
Geschirrwäscherin sagen.
»Was johlt ihr da? Was hat der Junge schon Besonderes gesagt? Da, greif
zu«, sagte sie und hielt Pawel ein Handtuch hin. »Nimm das eine Ende
zwischen die Zähne, und das andere zieh straff an. Putz die Gabeln gründlich
zwischen den Zinken, damit ja kein Stäubchen mehr dranbleibt. Bei uns
wird darauf streng geachtet. Die Herrschaften sehen sich die Gabeln
genau an, und wenn sie Schmutz bemerken, ist's schlimm, dann jagt einen
die Wirtin im Nu davon.«
»Wieso die Wirtin?« Pawel stutzte. »Ihr habt doch einen Wirt. Er hat
mich ja eingestellt.«
Die Frau lachte.
»Der Wirt, mein Söhnchen, ist bei uns nur so was wie ein Möbelstück,
ein Pantoffelheld ist er. Die Zügel hat hier die Wirtin in der Hand.
Heute ist sie nicht da. Wenn du eine Weile bei uns bist, wirst du's
schon merken.«
Die Tür des Spülraums wurde aufgestoßen, und drei Kellner brachten Stöße
schmutzigen Geschirrs herein.
Einer von ihnen, ein breitschultriger, schieläugiger Bursche mit einem
derben, viereckigen Gesicht, sagte:
»Sputet euch mal etwas, aber fix! Gleich kommt der Zwölfuhrzug, und
ihr vertrödelt hier die Zeit.«
Er sah Pawel an und fragte:
»Was ist denn das für einer?«
»Ein Neuer«, antwortete Frossja.
»Aha, ein Neuer«, sagte er und ließ seine schwere Hand auf Pawels
Schulter fallen, wobei er ihn zu den Samowaren hinstieß. »Schau her,
die müssen immer fertig sein, aber der eine, siehst du, ist ganz
ausgegangen, und auch der andere dampft kaum. Heute wollen wir noch mal
ein Auge zudrücken, aber wenn das morgen wieder passiert, kriegst du
eine gelangt. Verstanden?«
Pawel machte sich, ohne ein Wort zu erwidern, an den Samowaren zu
schaffen.
Und so begann Pawels Werktätigendasein. Noch nie hatte er sich so
angestrengt wie an diesem ersten Arbeitstag. Er hatte begriffen, dass es
hier nicht wie zu Hause war, wo er der Mutter nicht immer folgte. Der
Schieläugige hatte ja klar und deutlich gesagt: Gehorchst du nicht, so
bekommst du eine gelangt.
Die Funken sprühten nur so unter den dickbäuchigen, vier Eimer Wasser
fassenden Samowaren, als Pawel die Glut anfachte. Er rannte mit den
vollen Eimern zur Abfallgrube, heizte den Wasserkessel, trocknete die
nassen Handtücher über den heißen Samowaren, kurz, er tat alles, was
ihm befohlen wurde. Todmüde ging er spät am Abend hinunter in die Küche.
Die ältliche Geschirrwäscherin Anissja sagte mit einem Blick auf die Tür,
hinter der Pawel verschwunden war:
»Der Junge ist wohl nicht richtig im Kopf; der schuftet ja wie ein Verrückter.
Der hat's wohl nötig!«
»Er ist ein tüchtiger Bursche«, meinte Frossja, »so einen braucht
man nicht anzutreiben.«
»Der wird sich die Hacken bald ablaufen«, entgegnete Luscha. »Anfangs
sind sie alle eifrig.«
Um sieben Uhr morgens übergab Pawel, von der schlaflosen Nacht und der
endlosen Rennerei völlig erschöpft, die kochenden Samoware seiner Ablösung,
einem blonden, pausbäckigen Kerl.
Nachdem sich der Junge davon überzeugt hatte, dass alles in Ordnung war
und das Wasser in den Samowaren kochte, steckte er die Hände in die
Hosentaschen, spuckte durch die Zähne, blickte Pawel mit seinen wässrigen
Augen verächtlich von oben herab an und erklärte in einem Ton, der
keinen Widerspruch duldete:
»He, du Schlafmütze! Komm morgen pünktlich um sechs Uhr zur Ablösung.«
»Warum um sechs?« fragte Pawel. »Schichtwechsel ist doch um sieben
Uhr.«
»Mag der Schichtwechsel sein, wann er will, aber du hast um sechs Uhr
hier zu sein! Und wenn du noch lange quasselst, werde ich dir mal einen
Stempel in die Visage drücken. So 'ne Null - hat kaum angefangen zu
arbeiten und will sich schon mausig machen!«
Die Geschirrwäscherinnen, die ihre Arbeit der Ablösung übergeben
hatten, verfolgten interessiert das Gespräch der beiden Jungen. Der
freche Ton und das herausfordernde Benehmen des anderen brachten Pawel
auf. Er ging einen Schritt auf seinen Arbeitskollegen zu und schickte
sich an, dem Jungen einen gehörigen Denkzettel zu versetzen; jedoch die
Furcht, gleich am ersten Tage von der Arbeitsstelle gejagt zu werden,
ließ ihn einhalten. Ganz rot vor Zorn sagte er:
»Ein bisschen sachte, tu dich nicht so dicke, sonst könnte es was
setzen. Ich komme morgen um sieben Uhr, und raufen kann ich nicht
schlechter als du. Wenn du's probieren willst - bitte sehr!«
Der Gegner trat einen Schritt zurück und schaute den erbosten Pawel
erstaunt an. So einen entschiedenen Widerstand hatte er nicht erwartet.
Er stutzte ein wenig.
»Na schön, wir werden schon sehen«, brummte er. Der erste Tag war glücklich
vorüber; mit dem Gefühl eines Menschen, der sich seine Ruhe ehrlich
verdient hat, stiefelte Pawel heim. Jetzt arbeitete auch er, und niemand
wird ihm sagen können, dass er ein Schmarotzer ist.
Hinter dem Koloss des Sägewerkes stieg träge die Morgensonne empor.
Bald wird auch Kortschagins Häuschen zu sehen sein. Da ist es, gleich
hinter dem Herrenhaus der Leszczynskis.
Die Mutter ist sicher schon aufgestanden, und ich komme von der Arbeit
zurück, dachte Pawel, begann zu pfeifen und beschleunigte seine
Schritte. Gar nicht so übel, dass man mich aus der Schule
hinausgeschmissen hat. Der verfluchte Pope hätte mir sowieso das Leben
sauer gemacht, und jetzt spucke ich auf ihn, überlegte Pawel, während
er sich zufrieden dem Haus näherte. Als er das Pförtchen öffnete,
ging ihm der Gedanke durch den Kopf: Dem Semmelblonden werde ich
bestimmt noch ein paar in die Fresse hauen, ganz bestimmt.
Die Mutter war im Hof mit dem Samowar beschäftigt. Als sie den Sohn
erblickte, fragte sie besorgt: »Na, wie ist's gegangen?«
»Ganz gut«, erwiderte Pawel.
Die Mutter wollte ihm irgend etwas mitteilen, aber Pawel hatte bereits
gesehen, was los war; durch das offene Fenster bemerkte er den breiten Rücken
seines Bruders Artjom.
»Was, Artjom ist gekommen?« fragte er bestürzt.
»Ja, gestern, und er will hier bleiben. Er wird im Depot arbeiten.«
Etwas unsicher öffnete Pawel die Zimmertür.
Die riesige Gestalt, die mit dem Rücken zu ihm am Tisch saß, wandte
sich um, und unter dichten schwarzen Brauen blickten Pawel die strengen
Augen seines Bruders an.
»Aha, da ist er, unser Machorkamann. Na also, guten Tag!«
Die Worte des heimgekehrten Bruders ließen Pawel nichts Gutes erwarten.
Artjom weiß schon alles, dachte Pawel. Er wird mich sicher ausschimpfen
oder sogar verprügeln.
Pawel hatte Angst vor seinem großen Bruder.
Artjom aber hatte offenbar nicht die Absicht, ihn zu verprügeln. Er saß
auf einem Schemel, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, und schaute
Pawel unverwandt an, halb spöttisch, halb verächtlich.
»Also du meinst, dass du die Universität schon hinter dir hast und
alle Wissenschaften aus dem Effeff kennst; da hast du dich also ans
Geschirrabwaschen gemacht?« sagte Artjom.
Pawel hatte den Blick auf ein lockeres Dielenbrett geheftet und
studierte aufmerksam einen daraus hervorragenden Nagel. Artjom aber
stand auf und ging in die Küche.
Diesmal schien es wohl noch ohne Abreibung abzugehen. Pawel seufzte
erleichtert auf.
Beim Teetrinken fragte Artjom den Bruder ruhig über den Vorfall in der
Klasse aus.
Pawel legte los.
»Und was soll weiter aus dir werden, wenn du so ein Strolch bleibst?«
fragte die Mutter bekümmert. »Was fangen wir nur mit ihm an? Nach wem
ist er so geraten? Ach, du lieber Gott, was habe ich nur mit diesem
Jungen auszustehen!«
Artjom schob die leere Tasse beiseite und wandte sich an Pawel:
»Na also, Brüderchen, wenn's schon mal so weit gekommen ist, können
wir's nicht mehr ändern. Aber nimm dich von nun an in acht, mach auf
der Arbeit keine Faxen und tu alles, wie sich's gehört. Schmeißt man
dich dort auch raus, versohl ich dich so, dass du dein Lebtag dran
denken wirst. Merk dir das! Hör jetzt auf, der Mutter Kummer zu machen.
Wo du nur hinkommst, gibt es Unannehmlichkeiten, überall stellst du was
an. Aber jetzt Schluss damit! Wenn du dort ein Jährchen gearbeitet
hast, werde ich darum bitten, dass man dich im Depot als Lehrling
einstellt, denn beim Geschirrabwaschen wird ja doch nichts Rechtes aus
dir werden. Musst ein Handwerk erlernen. Jetzt bist du noch zu klein,
aber in einem Jahr werd ich mal anfragen - vielleicht nimmt man dich
dann. Ich hab mich hierher versetzen lassen und werde hier arbeiten.
Mutter wird sich nicht mehr bei fremden Leuten abrackern müssen. Hat
genug vor dem Pack den Buckel krumm gemacht. Du aber sei vernünftig,
Pawka, und benimm dich wie ein anständiger Mensch.«
Er erhob sich zu seiner ganzen ungeheuren Größe, zog den über der
Stuhllehne hängenden Rock an und rief der Mutter zu:
»Ich geh auf ein Stündchen weg, muss noch was erledigen.« Damit ging
er hinaus, wobei er sich im Türrahmen bücken musste. Als er am Fenster
vorüberkam, rief er von draußen herein:
»Ich hab dir da Stiefel und ein Taschenmesser mitgebracht, lass dir's
von Mutter geben.«
Die
Bahnhofswirtschaft war Tag und Nacht ununterbrochen geöffnet.
Auf dem Eisenbahnknotenpunkt Schepetowka kreuzten sich sechs Linien. Bis
auf zwei, drei Stunden in der Nacht, wo der Verkehr ein wenig abflaute,
war der Bahnhof immer voller Menschen. Hunderte von Truppentransporten
begegneten sich hier und brausten dann wieder in verschiedenen
Richtungen davon. Von der Front wieder zur Front. Verstümmelte,
zerschundene Menschen trafen ein - und Männer in einförmigen grauen
Soldatenmänteln fuhren ab.
Zwei Jahre war Pawel bereits auf dieser Arbeitsstelle. Küche und Spülraum
-das war alles, was er in dieser Zeit zu Gesicht bekommen hatte. In der
riesigen Küche unten im Keller wurde fieberhaft gearbeitet. Über
zwanzig Menschen waren dort beschäftigt. Zehn Kellner liefen zwischen
Theke und Küche hin und her.
Pawel verdiente nicht mehr acht, sondern zehn Rubel monatlich. Er war in
den vergangenen zwei Jahren gewachsen und kräftiger geworden. Viel
Plackerei hatte er in der letzten Zeit gehabt. Ein halbes Jahr war er
als Küchenjunge tätig gewesen und dann wieder in den Spülraum
abgeschoben worden. Er hatte dem allmächtigen Chef missfallen, dieser
widerspenstige Junge, von dem man jeden Moment erwarten konnte, dass er
einem wegen einer Backpfeife mit dem Messer an die Kehle fahren würde.
Er wäre längst weggejagt worden, aber sein unverwüstlicher
Arbeitseifer rettete ihn immer wieder. Arbeiten konnte Pawel mehr als
alle anderen, darin war er unermüdlich.
In den Stunden, in denen es besonders heiß herging, rannte er wie ein
Besessener, das Tablett in der Hand, vier, fünf Stufen auf einmal
nehmend, in die Küche hinunter und wieder zurück.
Nachts, wenn der Andrang in beiden Sälen der Wirtschaft nachgelassen
hatte, versammelten sich die Kellner unten in den Vorratskammern neben
der Küche. Hier ging es bei Siebzehn und vier und anderen Glücksspielen
hoch her. Pawel hatte mehr als einmal Geld haufenweise auf dem Tisch
liegen sehen. Er wunderte sich nicht über das viele Geld, wusste er
doch, dass jeder Kellner während seines vierundzwanzigstündigen
Dienstes an die dreißig bis vierzig Rubel Trinkgeld einsteckte. Fünfzigkopekenweise,
rubelweise sammelten sie das Geld ein und vertranken und verspielten es
dann. Pawel verabscheute sie aus ganzem Herzen.
Diese verfluchten Hunde, dachte er. Artjom ist einer der besten
Schlosser im Betrieb und verdient nur achtundvierzig Rubel, und ich
zehn. Und die stecken soviel Geld an einem Tag ein. Wofür eigentlich?
Tragen auf und räumen weg. Und nachher versaufen und verspielen sie
alles. Diese Schufte laufen hier als Lakaien umher. Aber ihre Frauen und
Söhnchen leben in den Städten wie die Herrschaften.
Die Kellner brachten zuweilen ihre in Gymnasiastenuniform gekleideten Söhne
und ihre vor lauter Wohlleben immer fetter werdenden Frauen mit. Die
haben sicher mehr Geld als die Herren, um die sie herumtanzen, dachte
Pawel.
Er wunderte sich auch nicht über das, was nachts in den Winkeln der Küche
und in den Lagerräumen vor sich ging. Er wusste sehr gut, dass kein Küchenmädchen,
keine Kellnerin lange auf ihrer Arbeitsstelle bleiben konnte, wenn sie
sich nicht jedem, der hier ein Wort zu sagen hatte, für ein paar Rubel
verkaufte.
Begierig nach allem Neuen und Unbekannten, lernte Pawel hier die Abgründe
des Lebens kennen und in ihre morastigen Tiefen schauen, aus denen ihn
Moder und Fäulnis anwehten.
Artjom war es nicht gelungen, den Bruder als Lehrling beim Depot
unterzubringen: Jugendliche unter fünfzehn Jahren wurden nicht
eingestellt.
Pawel erwartete sehnlichst den Tag, an dem er von hier weggehen könnte.
Es zog ihn nach dem riesigen, verrußten Steingebäude, oft war er dort
bei Artjom, kontrollierte mit ihm die Waggons und war bemüht, ihm
behilflich zu sein.
Besonders öde wurde es, als Frossja die Stelle verlassen hatte.
Das lachende, fröhliche Mädchen fehlte Pawel, und er fühlte mehr denn
je, wie sehr er an ihr gehangen hatte. Wenn er morgens den Spülraum
betrat und das zänkische Geschrei der Frauen vernahm, empfand er Leere
und Einsamkeit.
Während
einer nächtlichen Pause hockte Pawel beim Heizen des Wasserkessels vor
dem geöffneten Ofentürchen, kniff die Augen zusammen und schaute
blinzelnd ins Feuer. Der Ofen verbreitete eine wohltuende Wärme. Pawel
war ganz allein im Spülraum, und unwillkürlich kehrten seine Gedanken
zu dem zurück, was er vor kurzem erlebt hatte, zu Frossja. Noch heute
stand alles deutlich vor seinen Augen.
Es war an einem Sonnabend gewesen. Pawel war während der nächtlichen
Pause die Treppe hinunter in die Küche gegangen. Im Treppenwinkel war
er aus Neugier auf den dort gelagerten Holzstapel geklettert, um in den
Lagerraum hineinzuschauen, in dem sich die Kartenspieler zu versammeln
pflegten. Das Spiel war dort in vollem Gange. Die Bank hielt Saliwanow,
der vor Aufregung dunkel angelaufen war.
Plötzlich hörte Pawel Schritte auf der Treppe. Der Junge wandte sich
um: Prochoschka kam herunter. Pawel kroch unter die Treppe, um
abzuwarten, bis der andere in die Küche gehen würde. Unter der Treppe
war es dunkel, so dass Prochoschka ihn nicht sehen konnte. Pawel jedoch
konnte seinen breiten Rücken und seinen großen Kopf erkennen.
Behänden, leichten Schrittes eilte noch jemand die Treppe herunter, und
Pawel vernahm eine bekannte Stimme:
»Prochoschka, warte einen Augenblick!«
Prochoschka blieb stehen, drehte sich um und schaute hinauf.
»Was gibt's?« brummte er.
Die Schritte auf der Treppe kamen näher, und Pawel erkannte Frossja.
Sie packte den Kellner am Ärmel und sagte mit stockender, gepresster
Stimme:
»Prochoschka, wo ist denn das Geld, das dir der Leutnant gegeben hat?«
Prochor riss sich heftig los.
»Was für Geld? Hast du vielleicht keins von mir gekriegt?« versetzte
er gereizt und scharf.
»Aber er hat dir doch dreihundert Rubel gegeben.« Frossja unterdrückte
krampfhaft ein Schluchzen.
»Dreihundert Rubel, sagst du?« erwiderte Prochoschka giftig.
»Und du willst sie also haben? Sind Sie vielleicht nicht gar zu teuer,
gnädiges Fräulein aus der Spülküche? Ich denke, die fünfzig Rubel,
die ich dir gegeben habe, genügen auch. Was denkst du dir eigentlich?
Es gibt nettere Fräuleins, gebildetere, und selbst die nehmen nicht
einmal soviel Geld. Sollst dich lieber schön bedanken - für eine Nacht
volle fünfzig Rubel. Bin doch nicht auf den Kopf gefallen. Einen Zehner
oder zwei werde ich dir noch geben, aber damit basta! Und wenn du dich
nicht blöd anstellst, wirst du noch genug verdienen. Ich werde dir
schon wieder was verschaffen.« Mit diesen Worten drehte sich
Prochoschka um und verschwand in der Küche.
»Schuft, du niederträchtiger!« schrie ihm Frossja nach und begann, an
den Holzstapel gelehnt, dumpf zu schluchzen.
Es lässt sich nur schwer schildern, was Pawel, im Dunkeln unter der
Treppe hockend empfand, als er dieses Gespräch hörte und sah, wie
Frossja, die am ganzen Körper bebte, den Kopf auf den Holzstapel fallen
ließ. Pawel machte sich nicht bemerkbar. Krampfhaft hielt er das
eiserne Treppengeländer umklammert, und in seinem Kopf hämmerte es
klar und deutlich: Auch die haben sie also verschachert, dies verfluchte
Gesindel. Ach, Frossja, Frossja …!
So wurde sein Hass gegen Prochoschka noch tiefer und heftiger, seine
gesamte Umgebung wurde ihm noch widerwärtiger und verhasster. Ja, wenn
ich stark genug wäre, ich würde diesen Schuft zu Tode prügeln! Warum
bin ich nicht so groß und stark wie Artjom?
Die Flammen im Ofen flackerten auf und verlöschten, ihre roten Zungen
bebten und verflochten sich zu einer langen bläulichen Spirale. Pawel
schien es, als mache sich jemand über ihn lustig und streckte ihm höhnisch
die Zunge heraus.
Im Raum war es still, nur das Holz knisterte, und vom Wasserhahn her war
das Geräusch gleichmäßig fallender Tropfen zu hören.
Klimka stellte den letzten blankgeputzten Kochtopf auf das Wandbrett und
trocknete sich die Hände ab. Die Küche war leer. Der diensttuende Koch
und die Küchenmädchen schliefen in der Garderobe. Nachts herrschte in
der Küche immer drei Stunden lang Ruhe, und diese Stunden verbrachte
Klimka stets oben bei Pawel. Der Küchenjunge und der schwarzäugige
Bursche vom Wasserkessel hatten sich gut angefreundet. Als Klimka
heraufkam, sah er Pawel vor dem offenen Ofen kauern. Pawka bemerkte den
Schatten der wohlbekannten wuschelköpfigen Gestalt an der Wand und
sagte, ohne sich umzuschauen :
»Setz dich, Klimka.«
Der Küchenjunge kletterte auf die aufgestapelten Holzscheite, streckte
sich auf ihnen aus, blickte den stumm zusammengekauerten Pawel an und
sagte lächelnd:
»Was machst du denn da, zauberst wohl vor dem Feuer?«
Pawel riss nur mühsam den Blick von den Flammenzungen los. Ein Paar große,
glänzende Augen richteten sich auf Klimka. In diesen Augen las Klimka
unsagbaren Kummer. Zum ersten Mal sah er in den Augen seines Freundes
eine solche Traurigkeit.
»Du bist heute so komisch, Pawka«, sagte er verwundert, und nach einer
kurzen Pause fügte er hinzu:
»Ist etwas passiert?« Pawel stand auf und setzte sich neben Klimka.
»Gar nichts ist passiert«, erwiderte er mit dumpfer Stimme.
»Aber es fällt mir schwer, hier auszuhalten, Klimka.« Seine auf den
Knien ruhenden Hände ballten sich zu Fäusten.
»Was ist heute mit dir los?« fragte Klimka wieder und stützte sich
auf den Ellbogen.
»Heute, sagst du? Immer schon war das gleiche los, seitdem ich hier
bin. Schau nur, was sich hier tut! Wir schuften wie die Viecher, und zum
Dank haut dir jeder, der Lust dazu hat, eine runter, und niemand steht
dir bei. Die Wirtsleute haben uns angestellt, damit wir für sie
arbeiten, aber uns prügeln, das darf jeder, der nur kräftig genug dazu
ist. Du kannst dich in Stücke reißen, aber allen kannst du's doch
nicht recht machen, und wem du's eben nicht recht machst, der langt dir
eine. Man gibt sich doch schon solche Mühe, um alles zu machen, wie
sich's gehört, damit keiner etwas auszusetzen hat; man rast hin und
her, und doch, hat man mal jemandem etwas nicht rechtzeitig gebracht -
gleich kriegst du eins ins Genick …« Klimka unterbrach ihn
erschrocken:
»Schrei doch nicht so, sonst kommt noch jemand und hört's.«
Pawel sprang auf.
»Sollen sie's doch hören. Ich geh sowieso weg von hier. Selbst
Schneeschippen an der Bahnlinie ist noch besser, als hier zu arbeiten
… hier geht man zugrunde, hier sind alle durch die Bank Gauner. Wie
viel Geld die haben! Und uns behandeln sie wie die Tiere. Mit den Mädchen
machen sie, was sie wollen. Gibt ein anständiges Mädchen nicht nach,
so wird sie eins-zwei-drei rausgeschmissen. Und wo soll sie hin?
Obdachlose, Flüchtlinge, Hungernde werden angestellt. Die bleiben schon
wegen des Brotes. Hier haben sie doch wenigstens was zu essen, und vor
Hunger gehen sie auf alles ein!«
Er sprach mit einer derartigen Erbitterung, dass Klimka aus Angst,
jemand könnte ihr Gespräch mit anhören, plötzlich aufsprang und die
zur Küche führende Tür verschloss, aber Pawel machte seinem Herzen
noch weiter Luft.
»Ja, du, Klimka, du hältst immer den Mund, wenn man dich prügelt.
Warum eigentlich?«
Pawel ließ sich auf einen Schemel fallen und stützte müde den Kopf in
die Hand. Klimka schob Holz in den Ofen und setzte sich dann zu ihm.
»Wollen wir heute nicht lesen?« fragte er Pawel.
»Ich habe kein Buch«, antwortete dieser, »der Bücherstand ist
geschlossen.«
»Wieso verkauft er denn heute nicht?« fragte Klimka verwundert.
»Die Gendarmen haben den Verkäufer geholt. Haben wohl irgend etwas bei
ihm gefunden.«
»Was denn?«
»Man sagt, etwas mit Politik.«
Klimka schaute Pawel verständnislos an.
»Was bedeutet das - Politik?«
Pawka zuckte die Achseln.
»Weiß der Teufel! Man sagt, wenn jemand gegen den Zaren ist, dann heißt
das Politik.«
Klimka fuhr erschrocken zusammen.
»Gibt's denn solche Leute?«
»Weiß nicht«, antwortete Pawel.
Die Tür ging auf, und die verschlafene Glascha trat ein.
»Warum schlaft ihr nicht, Jungs? Auf eine Stunde könnt ihr noch
einnicken, bis die Züge ankommen. Geh, Pawka, ich werde auf den Kessel
Acht geben.«
Pawel
sollte seine Stelle schneller verlassen, als er es geahnt hatte, und auf
ganz unerwartete Weise.
An einem frostigen Januartag hatte Pawel seine Schicht beendet und
machte sich zum Heimgehen fertig; doch der Bursche, der ihn ablösen
sollte, war nicht erschienen. Pawel ging zur Wirtin und erklärte ihr,
er werde nach Hause gehen, aber sie ließ ihn nicht weg. Der todmüde
Junge musste nun weitere vierundzwanzig Stunden schuften, und als die
Nacht kam, war er völlig
erschöpft. In der Pause hatte er die Wasserkessel zu füllen, um bis
zum Dreiuhrzug kochendes Wasser zu haben.
Pawel drehte den Hahn auf - aber es kam kein Wasser. Das Pumpwerk
versagte offenbar. Er ließ den Hahn offen, streckte sich auf dem
Holzstapel aus und schlief ein; die Müdigkeit hatte ihn übermannt.
Nach einigen Minuten schon gluckste und rauschte es im Hahn. Wasser strömte
in den Kessel, füllte ihn bis an den Rand und floss über die Kacheln
auf den Fußboden des Spülraums, in dem, wie gewöhnlich, niemand mehr
war. Das Wasser rann und sickerte unter der Tür hindurch in den
Wartesaal.
Wasserbäche rieselten unter das Gepäck und die Koffer der schlafenden
Reisenden. Niemand merkte es, und erst als das Wasser einen auf dem
Boden liegenden Fahrgast erreichte und dieser aufsprang und zu schreien
begann, stürzte alles zum Gepäck.
Es entstand ein heilloses Durcheinander.
Das Wasser aber stieg und stieg.
Prochoschka, der einen Tisch im zweiten Saal abräumte, kam auf das
Geschrei der Reisenden herbeigestürzt, sprang über die Pfützen zur Tür
und riss sie gewaltsam auf. Das Wasser flutete nun in Strömen in den
Saal.
Das Geschrei wurde lauter. Die diensttuenden Kellner eilten in den Spülraum.
Prochoschka warf sich auf den schlafenden Pawel.
Ein Schlag nach dem andern hagelte auf den Kopf des vor Schmerz völlig
benommenen Jungen nieder. In seiner Schlaftrunkenheit verstand er gar
nicht, was los war. Grelle Blitze flackerten vor seinen Augen. Ein
brennender Schmerz durchfuhr seinen ganzen Körper.
Ü bel zugerichtet, schleppte er sich mit Mühe und Not nach Hause.
Am Morgen befragte ihn Artjom mit finsterer, zorniger Miene über das
Vorgefallene.
Pawel erzählte ihm, wie sich alles zugetragen hatte.
»Wer hat dich geschlagen?« fragte Artjom mit gepresster Stimme.
»Prochoschka.«
»Schön, kannst liegen bleiben.«
Artjom zog seinen Schafpelz an und verließ das Haus, ohne ein Wort zu
sagen.
»Kann
ich den Kellner Prochor sprechen?« erkundigte sich ein unbekannter
Arbeiter bei Glascha.
»Er wird gleich hier sein, warten Sie einen Augenblick«, erwiderte
sie. Die riesige Gestalt lehnte sich an den Türrahmen.
»Schön, ich werde warten.«
Das Tablett voller Geschirr in den Händen, stieß Prochor mit dem Fuß
die Tür auf und trat ein.
»Das ist er«, sagte Glascha und wies auf Prochor.
Artjom schritt auf ihn zu, ließ seine Hand wuchtig auf die Schulter des
Kellners fallen und fragte ihn unverblümt:
»Warum hast du meinen Bruder Pawka verprügelt?«
Prochor versuchte seine Schulter frei zu machen, aber ein furchtbarer
Faustschlag warf ihn zu Boden. Er wollte aufstehen, aber ein zweiter,
schrecklicher als der erste, nagelte ihn förmlich am Fußboden fest.
Die erschrockenen Frauen sprangen zur Seite.
Artjom drehte sich um und ging von dannen.
Mit blutig geschlagenem Gesicht wälzte sich Prochoschka auf dem Fußboden.
Abends kehrte Artjom nicht aus dem Depot zurück.
Die Mutter brachte in Erfahrung, dass man ihn in der Gendarmerie
festhielt.
Am Abend des sechsten Tages kam Artjom nach Hause. Die Mutter schlief
bereits. Er trat zu dem auf dem Bett sitzenden Pawel und fragte ihn
freundlich:
»Geht's besser, Brüderchen?« und setzte sich neben ihn auf den
Bettrand.
»Na, es gibt Schlimmeres.« Nach kurzem Schweigen fügte er hinzu: »Macht
nichts, fängst jetzt im Elektrizitätswerk an. Ich habe dort schon von
dir gesprochen. Dort wirst du wenigstens was Vernünftiges lernen.«
Pawel drückte mit beiden Händen heftig die riesige Hand des Bruders.
ZWEITES
KAPITEL
Wie
ein Sturmwind brauste durch das Städtchen die erschütternde Nachricht:
»Der Zar ist gestürzt!«
Niemand wollte es glauben.
Einem im Schneegestöber langsam herankeuchenden Zug entstiegen zwei
Studenten, die Gewehre über den Mänteln, und eine Abteilung revolutionärer
Soldaten mit roten Armbinden. Sie verhafteten die Bahnhofsgendarmen,
einen alten Oberst und den Chef der Garnison. Jetzt endlich glaubte man
es im Städtchen. Tausende von Menschen wälzten sich durch die
verschneiten Straßen zum Marktplatz.
Gierig lauschten sie den neuen Worten: »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.«
Die unruhigen Tage voller Lärm, Aufregung und Begeisterung vergingen.
Im Städtchen trat wieder Ruhe ein, und nur die rote Fahne auf dem Gebäude
der Stadtverwaltung, in dem sich die Menschewiki und Sozialrevolutionäre
festgesetzt hatten, zeugte von der eingetretenen Veränderung. Alles übrige
war beim alten geblieben.
Gegen Ende des Winters wurde ein Gardekavallerieregiment in dem Städtchen
einquartiert. Allmorgendlich ritt die Truppe schwadronweise zum Bahnhof,
um die von der Südfront geflüchteten Deserteure abzufangen.
Die Gardekavalleristen waren alle große, baumstarke Kerle mit satten
Gesichtern. Die Offiziere, zumeist Grafen und Fürsten, hatten goldene
Epauletten, silberne Biesen an den Reithosen, alles genauso, wie es
unter dem Zaren gewesen war - als hätte es nie eine Revolution gegeben.
So verging das Jahr neunzehnhundertsiebzehn.
Für Pawel, Klimka und Serjosha Brusshak hatte sich nichts geändert.
Ihre Herren waren die gleichen geblieben. Erst im regnerischen Monat
November schien irgend etwas Ungewöhnliches vor sich zu gehen. Neue
Leute tauchten auf dem Bahnhof auf, zumeist Soldaten aus den Schützengräben;
sie trugen den seltsamen Namen »Bolschewiki«.
Woher dieser hart und gewichtig klingende Name kam, konnte niemand mit
Bestimmtheit sagen.
Den Gardekavalleristen fiel es immer schwerer, den Strom der Deserteure
zu stoppen. Immer häufiger zersplitterten die Scheiben der
Bahnhofsfenster bei den Schießereien. Viele Gruppen rückten von der
Front aus und setzten sich, wenn man sie anhalten wollte, mit Bajonetten
zur Wehr. Anfang Dezember strömten schon ganze Truppenverbände zurück.
Die Gardekavalleristen riegelten den Bahnhof ab. Sie glaubten auf diese
Weise die Deserteure aufhalten zu können, aber das
Maschinengewehrgeknatter belehrte sie bald eines anderen. Es waren mit
dem Tod vertraute Menschen, die aus den Eisenbahnwagen herausstürzten.
Die grauen Frontsoldaten jagten die Kavalleristen in die Stadt hinein,
vertrieben sie und kehrten zum Bahnhof zurück; und wieder passierten
Truppentransporte das Städtchen.
An
einem Frühlingstag des Jahres neunzehnhundertachtzehn verließen die
drei Freunde Serjosha Brusshaks Wohnung, in der sie Sechsundsechzig
gespielt hatten. Unterwegs machten sie beim Gärtchen der Kortschagins
halt und legten sich dort ins Gras. Sie langweilten sich redlich, hatten
zu keiner ihrer üblichen Beschäftigungen Lust und dachten darüber
nach, wie sie den Tag am besten verbringen könnten. Plötzlich hörten
sie hinter sich Pferdegetrappel. Ein Reiter kam angesprengt. Mit einem
Sprung setzte das Pferd über den Graben, der die Chaussee von dem
niedrigen Gartenzaun trennte. Der Reiter
winkte den im Gras Liegenden mit der Peitsche.
»Heda, Jungs, kommt mal her!«
Die drei sprangen auf und rannten zum Zaun. Der Reiter war völlig in
Staub gehüllt; die in den Nacken geschobene Mütze, die graue Hose und
die Feldbluse waren mit einer dicken Schicht grauen Straßenstaubs
bedeckt. Am Koppel baumelten ein Revolver und zwei deutsche
Handgranaten.
»Bringt mir Wasser zum Trinken, Jungs!« bat er, und während Pawel ins
Haus lief, um Wasser zu holen, wandte sich der Reiter Serjosha zu, der
ihn unverwandt anstarrte:
»Sag mal, Junge, wer ist jetzt bei euch in der Stadt an der Macht?«
Hastig teilte Serjosha dem Fremden alle Neuigkeiten mit.
»Seit zwei Wochen ist bei uns niemand an der Macht. Hier herrscht der
Selbstschutz. Alle Einwohner halten nachts der Reihe nach Wache. - Aber
was sind Sie denn für einer?« fragte er nun seinerseits.
»Merk dir, wer zuviel weiß, wird bald alt«, erwiderte der Reiter mit
einem Lächeln.
Pawel kam mit einem Krug Wasser aus dem Haus gelaufen.
Gierig trank der Reiter das Wasser in einem Zug bis auf den letzten
Tropfen aus, gab Pawel den Krug zurück, zog die Zügel an und sprengte
im Galopp zu dem nahen Tannenwäldchen.
»Wer war das?« wandte sich Pawel verständnislos an Klimka.
»Woher soll ich denn das wissen?« erwiderte dieser achselzuckend.
»Wahrscheinlich wird wieder eine andere Macht kommen. Deshalb haben
sich auch gestern Leszczynskis verduftet, und wenn die Reichen ausrücken,
so bedeutet das: die Partisanen kommen«, entschied Serjosha mit
Bestimmtheit diese höchst politische Frage.
Seine Schlussfolgerungen waren so einleuchtend, dass Pawel und Klimka
sofort zustimmten.
Noch hatten sich die drei Jungen über das eben Geschehene nicht richtig
aussprechen können, als auf der Chaussee abermals Pferdegetrappel zu hören
war. Alle drei rannten zum Gartenzaun.
Vom Wald her, von dort, wo kaum sichtbar das Försterhaus lag, kamen
Menschen und Fuhrwerke, und bereits ganz nahe sprengten auf der Chaussee
ungefähr fünfzehn Berittene heran, die Gewehre quer über dem Sattel.
Zwei ritten voran: der eine ein älterer Mann in feldgrauem Rock mit
Offizierskoppel und einem Feldstecher auf der Brust; neben ihm der
Reiter, mit dem die Jungen soeben gesprochen hatten. Am Rock des Älteren
leuchtete ein rotes Band.
»Was hab ich gesagt!« rief Serjosha und puffte Pawel mit dem Ellbogen
in die Seite.
»Siehst du, ein rotes Band. Partisanen! Ich will mich totschlagen
lassen, wenn das nicht Partisanen sind …« Er jauchzte vor Freude auf
und schwang sich über den Zaun auf die Straße.
Die beiden Freunde folgten seinem Beispiel. Alle drei standen jetzt am
Rande der Chaussee und blickten auf die Näher kommenden.
Die Männer ritten dicht heran. Der Reiter, mit dem die Jungen schon
bekannt geworden waren, nickte ihnen zu und wies mit der Peitsche auf
das Haus der Leszczynskis.
»Wer wohnt dort?«
Pawel, bemüht, mit dem Pferd des Reiters Schritt zu halten, erzählte:
»Das ist das Haus vom Rechtsanwalt Leszczynski. Gestern ist er ausgerückt.
Hat wahrscheinlich Angst vor euch gekriegt…«
»Woher weißt du denn, wer wir sind?« erkundigte sich der andere
Reiter lächelnd.
Pawka zeigte auf das rote Band und erwiderte:
»Und was ist das da? Man sieht's doch gleich …«
Die Einwohner strömten auf die Straße und bestaunten neugierig die in
die Stadt einrückende Abteilung. Unsere drei Freunde standen an der
Chaussee und wandten kein Auge von den vorüberziehenden müden,
staubbedeckten Rotgardisten. Als das einzige Geschütz der Abteilung und
die Karren mit den
Maschinengewehren über das Pflaster geholpert waren, gingen die Jungen
den Partisanen nach und kehrten erst nach Hause zurück, als die Truppe
im Zentrum der Stadt Halt gemacht hatte und in den Wohnungen Quartier
bezog.
In dem geräumigen Esszimmer des Leszczynskischen Hauses, in dem sich
der Stab einquartiert hatte, saßen am Abend vier Männer an einem großen
Tisch mit gedrechselten Beinen; es waren der Abteilungskommandeur,
Genosse Bulgakow, ein älterer Mann mit graumeliertem Haar, und drei
Stabsmitglieder.
Bulgakow hatte die Karte des Gouvernements auf dem Tisch ausgebreitet,
fuhr mit dem Finger über sie hinweg, indem er wichtige Linien mit dem
Nagel nachzog, und sprach auf einen Mann mit hervorstehenden
Backenknochen und kräftigen Zähnen ein, der ihm gegenübersaß.
»Du meinst also, Genösse Jermatschenko, dass wir hier den Kampf
aufnehmen sollen. Ich bin jedoch der Ansicht, dass wir morgen früh von
hier abrücken müssen. Besser wäre sogar, es noch in der Nacht zu tun,
aber die Leute sind müde. Wir haben die Aufgabe, schnellstens Kasatin
zu erreichen, damit die Deutschen uns nicht zuvorkommen. Mit unseren Kräften
Widerstand zu leisten wäre ja lächerlich … Ein einziges Geschütz
mit etwa dreißig Geschossen, zweihundert Bajonette und sechzig Säbel -
was für eine kolossale Streitmacht …! Die Deutschen rücken wie eine
eiserne Lawine vor … Ein Gefecht können wir erst aufnehmen, wenn wir
uns mit anderen abziehenden Roten Abteilungen vereinigt haben. Wir müssen
doch im Auge behalten, Genosse, dass wir, außer mit den Deutschen,
unterwegs noch mit den verschiedenen konterrevolutionären Banden zu tun
haben werden. Meine Meinung ist die: Morgen früh ziehen wir los und
sprengen beim Abmarsch die Eisenbahnbrücke hinter der Station. Bis die
Deutschen sie wieder instand gesetzt haben, werden zwei, drei Tage
vergehen. Der Weitertransport ihrer Truppen auf der Bahnstrecke wird
somit aufgehalten. Was meint ihr dazu, Genossen? Fassen wir also einen
Beschluss!«
Strushkow, der Bulgakow schräg gegenübersaß, bewegte die Lippen,
schaute auf die Karte, dann auf Bulgakow und presste schließlich mühsam
die Worte hervor:
»Ich … unter … stütze Bulgakow.«
Der jüngste der Anwesenden, ein Bursche in einem Arbeitskittel, erklärte
sich ebenfalls einverstanden:
»Bulgakow hat recht.«
Nur Jermatschenko, derjenige, der am Tag mit den Jungen gesprochen
hatte, schüttelte den Kopf.
»Wozu, zum Teufel, haben wir denn die Abteilung aufgestellt? Um vor den
Deutschen kampflos zurückzuweichen? Meiner Ansicht nach soll man es
hier mit ihnen aufnehmen. Ich hab es satt, ewig zu türmen. Wenn es nach
mir ginge, würde ich hier kämpfen - unbedingt…«
Heftig rückte er den Stuhl vom Tisch weg, erhob sich und schritt im
Zimmer auf und ab.
Bulgakow betrachtete ihn missbilligend.
»Kämpfen muss man mit Verstand, Jermatschenko. Wir können die Leute
nicht dem sicheren Untergang und der Vernichtung preisgeben. Und außerdem
wäre es einfach lächerlich, denn eine ganze Division rückt uns nach,
mit schwerer Artillerie und Panzerautos … Sei doch kein Kind, Genosse
Jermatschenko ..…« Und schon an die übrigen gewandt, fügte er
hinzu:
»Es ist also beschlossene Sache - morgen früh rücken wir ab … Die nächste
Frage betrifft die Verbindung«, fuhr Bulgakow fort.
»Da wir zuletzt abrücken, haben wir die Arbeit im Hinterland der
Deutschen zu organisieren. Hier ist ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt,
das Städtchen hat zwei Bahnhöfe. Wir müssen dafür sorgen, dass ein
zuverlässiger Genosse auf der Bahnstation arbeitet. Wir werden sofort
entscheiden, wen wir von den Unsern zur Organisierung der Arbeit hier
lassen können. Schlagt Kandidaten vor.«
»Ich denke, man sollte den Matrosen Shuchrai dazu bestimmen«, sagte
Jermatschenko und trat an den Tisch.
»Erstens stammt Shuchrai aus dieser Gegend. Zweitens ist er Schlosser
und Monteur, kann also Arbeit auf der Station bekommen. Drittens ist er
von niemandem bei unserer Abteilung gesehen worden - er trifft erst
nachts hier ein. Er hat Grütze im Kopf und wird seine Sache schon
machen. Ich denke, das ist der geeignetste Mann.« Bulgakow nickte.
»Richtig, ich bin mit dir einverstanden, Jermatschenko. Habt ihr etwas
einzuwenden, Genossen?« wandte er sich an die übrigen.
»Nein? Die Frage ist also erledigt. Wir geben Shuchrai Geld und ein
Mandat für die Arbeit … Und jetzt noch die dritte und letzte Frage,
Genossen. Es handelt sich um die Waffen, die sich in der Stadt befinden.
Wie wir erfahren haben, ist hier ein ganzes Waffenlager vorhanden -
zwanzigtausend Gewehre, die noch vom zaristischen Krieg stammen. Sie
liegen in einer Scheune. Das Lager ist von allen vergessen worden. Mir
hat der Bauer, dem die Scheune gehört, davon Mitteilung gemacht. Er möchte
die Gewehre loswerden … Wir dürfen dieses Lager natürlich keineswegs
in die Hände der Deutschen fallen lassen. Ich denke, dass man es in
Brand setzen sollte, und zwar gleich, damit bis zum Morgen alles vorbei
ist. Die Sache hat aber einen Haken. Die Scheune steht am Rande der
Stadt, inmitten armseliger Bauernhöfe, die Feuer fangen könnten.«
Strushkow, ein Mann von kräftiger Gestalt, mit einem schon seit langem
unrasierten Gesicht, erhob sich:
»W o.… wo ..… wozu ..… verbrennen? Ich d-denke, wir sollten die
Waffen unter die Be … Bevölkerung ver … verteilen.«
Bulgakow wandte sich ihm sofort zu:
»Verteilen, sagst du?«
»Richtig! Das ist eine Idee!« rief Jermatschenko begeistert aus.
»Man muss sie an die Arbeiter und an die übrige Bevölkerung ausgeben,
an alle, die Waffen wollen. Dann werden sie wenigstens etwas haben,
womit sie den Deutschen auf die Finger klopfen können, wenn die es zu
toll treiben. Und das werden sie bestimmt. Wenn's nicht mehr zum
Aushalten ist, werden die Jungen schon zu den Waffen greifen. Strushkow
hat recht: Die Waffen müssen verteilt werden. Es wäre sogar gut, sie
hinaus aufs Land zu schaffen. Die Bauern werden sie ganz tief
einbuddeln, und wenn die Deutschen kommen, um alles zu requirieren, wird
man diese Dinger recht gut brauchen können.« Bulgakow lachte auf.
»Ja, aber die Deutschen werden befehlen, alle Waffen abzuliefern, und
da wird man alles angeschleppt bringen.« Jermatschenko protestierte:
»Nicht alle werden das tun, manche ja, andere nicht.« Bulgakow
streifte die Anwesenden mit einem fragenden Blick.
»Wir müssen die Gewehre verteilen, unbedingt verteilen«, unterstützte
der junge Arbeiter Jermatschenko und Strushkow.
»Also gut, verteilen wir sie«, willigte Bulgakow ein.
»So, das wäre nun alles«, sagte er und stand auf.
»Wir können uns jetzt bis zum Morgen ausruhen. Wenn Shuchrai kommt,
schickt ihn zu mir. Ich will mit ihm sprechen. Und du, Jermatschenko,
geh und kontrolliere die Posten.« Nachdem die drei ihn verlassen
hatten, ging Bulgakow in das Schlafzimmer der Hauseigentümer, breitete
auf der Matratze seinen Soldatenmantel aus und legte sich nieder.
Am
nächsten Morgen ging Pawel vom Elektrizitätswerk nach Hause. Seit
einem Jahr arbeitete er dort bereits als Hilfsheizer.
Im Städtchen herrschte ein ungewöhnliches Treiben. Das fiel ihm sofort
auf. Man sah immer mehr Leute, die ein, zwei, sogar drei Gewehre trugen.
Pawel eilte heim, ohne zu verstehen, was da vor sich ging. Vor der
Leszczynskischen Villa sattelten seine neuen Freunde die Pferde.
Er rannte heim, wusch sich hastig und erfuhr von der Mutter, dass Artjom
noch nicht nach Hause gekommen war. Darauf lief Pawka zu Serjosha
Brusshak, der am anderen Ende der Stadt wohnte.
Serjosha war der Sohn eines Lokomotivführergehilfen. Sein Vater hatte
ein Häuschen und eine kleine Wirtschaft.
Serjosha war nicht zu Hause. Seine Mutter, eine rundliche Frau mit sehr
weißer Haut, schaute Pawel mit unzufriedener Miene an.
»Der Teufel mag wissen, wo der steckt! Sprang in aller Herrgottsfrühe
aus den Federn und treibt sich weiß Gott wo herum. Man sagt, dass
irgendwo Waffen verteilt werden. Dort wird er sicher auch nicht fehlen.
Die Hosen strammziehen sollte man euch Rotznasen. Seid schon ganz außer
Rand und Band geraten. Seine liebe Müh und Not hat man mit euch. Noch
nicht trocken hinter den Ohren, und schon Waffen in den Händen. Sag dem
Bengel, dass ich ihm den Kopf abreißen werde, wenn er mir nur eine
einzige Patrone ins Haus bringt. Jeden Dreck schleppt er heran, und dann
soll man auch noch die Verantwortung dafür tragen. Und du, du rennst
wohl auch dahin?«
Aber Pawel hörte nicht mehr auf das Geschimpfe von Serjoshas Mutter,
sondern war schon wieder auf und davon.
Auf der Chaussee kam ihm ein Mann entgegen, der über jeder Schulter ein
Gewehr trug.
Pawel stürzte auf ihn zu.
»Onkelchen, woher hast du die?«
»Dort oben in der Werchowina werden sie verteilt.«
So schnell ihn nur seine Beine trugen, rannte Pawel in die genannte
Richtung.
Nachdem er zwei Straßen durchquert hatte, stieß er auf einen Jungen,
der ein schweres Infanteriegewehr mit Bajonett schleppte.
»Woher hast du das?« Pawel hielt den Jungen an.
»Gegenüber der Schule geben die Soldaten Waffen aus, aber jetzt ist
schon alles verteilt. Die ganze Nacht ging es. Bloß leere Kisten sind
geblieben. Das ist schon das zweite, das ich erwischt habe«, schloss
der Junge stolz.
Diese Nachricht war ein schwerer Schlag für Pawel.
Ach, zum Teufel, wäre ich doch gleich hingerannt und nicht erst nach
Hause gegangen, dachte er verzweifelt. Wie konnte ich das nur verpassen?
Plötzlich fiel ihm etwas ein. Er drehte sich jäh um, holte mit drei
Sprüngen den Jungen ein und riss ihm mit aller Kraft das Gewehr aus den
Händen.
»Du hast schon eins - das reicht für dich. Und das hier nehme ich!«
erklärte Pawka in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ.
Außer sich über diesen Raub am helllichten Tag, warf sich der Junge
auf Pawka. Dieser sprang jedoch einen Schritt zurück und hielt ihm das
Bajonett entgegen:
»Weg, oder du wirst aufgespießt!« schrie er.
Der Junge heulte vor Ärger los und lief schimpfend in ohnmächtiger Wut
davon. Pawka aber ging befriedigt nach Haus. Er setzte über den Zaun
und eilte in den kleinen Schuppen, versteckte das eroberte Gewehr unter
einem Dachbalken und ging dann, vergnügt vor sich her pfeifend, ins
Haus.
Schön
sind die Sommerabende in solchen ukrainischen Städtchen wie Schepetowka,
die bis auf einige wenige Straßen im Stadtinnern ganz ländlich
anmuten.
An diesen stillen Sommerabenden ist die gesamte Jugend auf der Straße.
Die Mädchen und Burschen versammeln sich vor ihren Haustüren, in den Gärten
und Vorgärten, oder sie sitzen gruppen- und paarweise auf dem
geschichteten Bauholz auf der Straße.
Ringsum Lachen und Gesang.
Die Luft ist erfüllt von berauschendem Blumenduft. Hoch am Himmel
flimmern die Sterne, kleinen Leuchtkäfern gleich, und der Klang der
Stimme ist weithin vernehmbar .….
Pawkas große Leidenschaft ist seine Ziehharmonika. Liebevoll hält er
das klangvolle Instrument mit den zwei Tastenreihen auf den Knien. Die
geschmeidigen Finger berühren kaum die Tasten, behänd gleiten sie von
oben nach unten. Tief seufzen die Bässe auf, und plötzlich erklingt
hellstimmig und
ü bermütig ein Lied …..
Der Balg der Ziehharmonika krümmt und dehnt sich - wer will da nicht
tanzen? Das junge Volk hält es kaum auf den Plätzen, die Beine bewegen
sich von selbst.
Heute Abend geht es besonders fröhlich zu. Es ist ein lustiges Völkchen,
das sich bei den aufgestapelten Balken vor Pawels Haus zusammengefunden
hat. Und am lautesten tönt das herzliche Lachen von Galotschka, der
Nachbarin. Die Tochter des Steinmetzen liebt Tanz und Gesang sehr. Sie
hat eine tiefe Altstimme, weich wie Samt.
Pawel fürchtet sich ein wenig vor der Zunge Galotschkas. Sie setzt sich
neben ihn auf die Balken, drückt ihn fest an sich und lacht.
»Ach, du mein unübertrefflicher Musikant! Schade, bist noch ein
bisschen zu jung, sonst wärst du gerade der passende Mann für mich.
Ich liebe die Harmonikaspieler, das Herz schmilzt mir jedes Mal, wenn
ich sie höre.«
Pawel errötete bis an die Haarwurzeln - nur gut, dass man das am Abend
nicht sehen kann. Er rückt ab von Galotschka, sie aber hält ihn fest
und lässt ihn nicht weg.
»Wohin willst du denn, mein Lieber? Bist ein schöner Freier«, neckt
sie ihn.
Pawka fühlt ihre prallen Brüste an seiner Schulter. Eine unerklärliche
Unruhe erfüllt sein Herz. Und ringsum erschüttert Gelächter die sonst
so ruhige Straße.
Pawka stemmt seine Hand gegen Galotschkas Schulter und sagt:
»Stör mich nicht. Rück ein wenig beiseite.«
Und wieder lautes Lachen, Necken und Scherze.
Marussja mischt sich ein:
»Pawka, spiel doch etwas Trauriges, was einem so richtig zu Herzen
geht.«
Langsam dehnt sich die Harmonika, langsam gleiten die Finger; eine allen
bekannte, von allen geliebte Melodie. Galotschka greift sie als erste
auf, nach ihr Marussja und alle anderen.
In der heimischen Hütte,
da versammeln sich die Treidler.
Lieb und schön ist's hier.
Von unserem traurig Los
woll'n ein Lied wir singen.
»Pawka!« Das ist Artjoms Stimme.
Pawel packt die Ziehharmonika zusammen.
»Ich muss jetzt gehen. Artjom ruft mich.«
Marussja bittet:
»Bleib noch ein Weilchen, spiel noch eins. Kommst noch früh genug nach
Haus.«
Aber Pawel hat es eilig.
»Nein, morgen ist auch noch ein Tag. Da können wir wieder spielen.
Jetzt muss ich gehen.« Und schon eilt er über die Straße und ist im
Haus verschwunden.
Er öffnet die Zimmertür und sieht: Am Tisch sitzen Roman, ein
Arbeitskollege von Artjom, und noch ein anderer Mann, den er nicht
kennt.
»Du hast mich gerufen?« fragt Pawel.
Artjom nickt und sagt dann zu dem Unbekannten:
»Das ist er also, mein Brüderchen.«
Der Fremde streckt Pawel seine schwielige Hand entgegen.
»Hör mal zu, Pawka«, wendet sich Artjom an den Bruder.
»Du hast mir doch gesagt, dass bei euch im Elektrizitätswerk der
Monteur krank geworden ist. Erkundige dich morgen, ob sie nicht einen
einstellen wollen, der was von der Sache versteht. Wenn sie jemanden
brauchen, gib mir sofort Bescheid.«
Der Unbekannte mischt sich ins Gespräch.
»Nein, ich geh lieber mit ihm zusammen hin. Will selbst mit dem Chef
reden.«
»Natürlich brauchen wir einen. Das Werk stand doch heute still, weil
Stankowitsch krank geworden ist. Unser Chef ist zweimal gegangen, um
Ersatz zu finden, aber vergebens. Er wollte nicht riskieren, das Werk
mit nur einem Heizer in Gang zu setzen.«
»Na also, dann ist die Sache schon so gut wie gemacht«, sagte der
Unbekannte.
»Ich hole dich morgen früh ab und gehe mit dir zusammen hin«, wendet
er sich an Pawel.
»Schön.«
Pawels Blick begegnet den ruhigen grauen Augen des Unbekannten, die ihn
aufmerksam mustern. Der feste, unverwandte Blick verwirrt Pawel ein
wenig. Die von oben bis unten zugeknöpfte graue Jacke spannt etwas über
dem breiten Rücken. Schultern und Kopf sind durch einen kräftigen
Nacken verbunden, und der ganze Mensch strotzt vor Kraft wie eine alte
knorrige Eiche. Beim Abschied sagt Artjom:
»Einstweilen alles Gute, Shuchrai. Morgen gehst du mit meinem Bruder
hin und regelst die Sache.«
Die
Deutschen marschierten drei Tage nach dem Abzug der Rotgardisten in die
Stadt ein. Das Pfeifen der Lokomotive auf dem in den letzten Tagen
verwaisten Bahnhof verkündete ihre Ankunft. Wie ein Lauffeuer
verbreitete sich die Nachricht im Städtchen:
»Die Deutschen sind da!«
Und obwohl alle längst wussten, dass die Deutschen kommen würden,
glich die Stadt in diesem Augenblick einem aufgescheuchten
Ameisenhaufen. Man hatte doch nicht so recht daran glauben wollen. Und
jetzt waren sie plötzlich da, diese schrecklichen Deutschen. Sie waren
nicht mehr irgendwo im Anmarsch, sondern schon mitten in der Stadt.
Die Einwohner standen alle hinter ihren Gartenzäunen oder an den
Pforten. Auf die Straße trauten sie sich nicht hinaus.
Die Deutschen, in ihren dunkelgrünen Uniformen, marschierten mit gefälltem
Bajonett zu beiden Seiten der Chaussee, die Mitte frei lassend. Die
Bajonette waren breit wie Messer. Auf dem Kopf trugen die Soldaten
schwere Stahlhelme und auf dem Rücken mächtige Tornister. In langer,
ununterbrochener Reihe marschierten sie vom Bahnhof zur Stadt, stets auf
der Hut, jederzeit zur Abwehr bereit, obwohl kein Mensch daran dachte,
ihnen Widerstand zu leisten.
Den Gruppen voran marschierten zwei Offiziere, Mauserpistolen in den Händen.
In der Mitte der Chaussee schritt ein Hetmanfeldwebel in blauem
ukrainischem Überrock und mit Tscherkessenmütze; er war der
Dolmetscher.
Die Deutschen nahmen auf dem Platz im Zentrum der Stadt in einem Viereck
Aufstellung. Die Trommel wurde geschlagen. Eine kleine Gruppe etwas
dreister gewordener Einwohner hatte sich angesammelt. Der
Hetmanfeldwebel stieg auf die Vortreppe der Apotheke und verlas mit
lauter Stimme den Befehl des Kommandanten, Major Korff:
Ich befehle:
§1
Alle Bürger der Stadt haben binnen 24 Stunden die in ihrem Besitz
befindlichen Schuss- und Hiebwaffen abzuliefern. Nichteinhaltung dieses
Befehls wird mit dem Tode durch Erschießen bestraft.
§ 2 Über die Stadt wird der Belagerungszustand verhängt. Nach acht
Uhr abends
ist das Verlassen der Wohnung verboten.
DER STADTKOMMANDANT MAJOR KORFF
In
dem Gebäude der früheren Stadtverwaltung, wo nach der Revolution der
Rat der Arbeiterdeputierten seinen Sitz gehabt hatte, richtete sich die
deutsche Militärkommandantur ein. Vor dem Eingang stand ein Posten, der
keinen Stahlhelm, sondern eine Pickelhaube mit dem riesigen kaiserlichen
Adler trug. Im Hof befand sich die Waffenablieferungsstelle.
Durch die angedrohte Erschießung erschreckt, schleppte die Bevölkerung
den ganzen Tag Waffen herbei. Erwachsene ließen sich nicht blicken.
Kinder und Halbwüchsige lieferten die Waffen ab. Die Deutschen nahmen
niemanden fest. Wer die Waffen nicht bis zur Sammelstelle tragen wollte,
warf sie einfach in der Nacht auf die Straße. Am Morgen sammelte eine
deutsche Patrouille die Waffen auf, packte sie auf einen Wagen und
schaffte sie zur Kommandantur.
Um ein Uhr mittags, nach Ablauf der Ablieferungsfrist, zählten die
deutschen Soldaten ihre Trophäen. Es waren insgesamt vierzehntausend
Gewehre abgeliefert worden, sechstausend Gewehre blieben somit in den Händen
der Bevölkerung. Die daraufhin vorgenommenen allgemeinen Haussuchungen
hatten nur ganz magere Ergebnisse.
Im Morgengrauen des darauf folgenden Tages wurden hinter der Stadt beim
alten jüdischen Friedhof zwei Eisenbahnarbeiter erschossen, bei denen während
der Haussuchung Gewehre gefunden worden waren.
Sofort nach Bekanntgabe des Befehls war Artjom nach Hause gerannt. Im
Hof begegnete er Pawel. Er packte ihn an der Schulter und fragte mit
leiser, jedoch eindringlicher Stimme:
»Hast du etwas von dem Lager nach Hause gebracht?«
Pawel wollte erst die Sache mit dem Gewehr verschweigen, doch
widerstrebte es ihm, den Bruder zu belügen, und so erzählte er ihm
alles.
Sie gingen miteinander zum Schuppen. Artjom holte das Gewehr hinter dem
Dachbalken hervor, entfernte den Verschluss und das Bajonett, packte
dann das Gewehr am Lauf und schlug es mit aller Kraft gegen einen
Zaunpfosten. Der Kolben brach in Stücke. Die Reste des Gewehrs warf
Artjom auf einen unbebauten Platz weit hinter dem Garten. Das Bajonett
und den Verschluss versenkte er in die Abortgrube.
Als er mit allem fertig war, wandte sich Artjom an seinen Bruder und
sagte:
»Du bist kein Kind mehr, Pawka, du verstehst, dass Waffen kein
Spielzeug sind. Ich warne dich ganz ernstlich: Schlepp nichts mehr ins
Haus. Du weißt doch, dass es einem jetzt das Leben kosten kann. Sei
vernünftig, und dass du mich nicht hinters Licht führst. Denn wenn du
so was nach Hause bringst und man findet es, werde ich als erster
erschossen. Dich Rotznase wird keiner anrühren. Es sind jetzt
verfluchte Zeiten. Verstanden?«
Pawel gab dem Bruder das Versprechen, nichts mehr nach Hause zu bringen.
Als die beiden über den Hof gingen, hielt gerade eine Kutsche vor dem
Tor des Leszczynskischen Hauses an. Ihr entstieg der Rechtsanwalt mit
seiner Frau und den Kindern - Nelly und Viktor.
»Ja, ja, jetzt kommen sie wieder angeflogen, die Vögelchen«, brummte
Artjom erbittert.
»Nun wird es heiter hergehen, hol alles der Teufel!« Und er ging ins
Haus.
Pawel trauerte den ganzen Tag seinem Gewehr nach. Zur selben Zeit mühte
sich sein Freund Serjosha im Schweiße seines Angesichts ab, mit dem
Spaten in einem alten verlassenen Schuppen an der Wand eine Grube
auszuheben. Endlich war sie tief genug, und Serjosha legte drei
nagelneue, in Lappen eingewickelte Gewehre hinein, die er bei der
Verteilung erbeutet hatte. Es fiel ihm gar nicht ein, sie den Deutschen
abzuliefern. Dazu hatte er sich nicht eine ganze Nacht lang geplagt,
dass er sich jetzt von seiner Beute trennen sollte.
Als er die Grube wieder zugeschüttet hatte, stampfte er die Erde sorgfältig
fest und schleppte dann Müll und altes Gerumpel auf die eingeebnete
Stelle; darauf betrachtete er kritisch das Ergebnis seiner Arbeit und
fand es befriedigend.
Jetzt mögen sie ruhig suchen, dachte er, und wenn sie was finden, so
wissen sie noch lange nicht, wem der Schuppen gehört.
Unmerklich schloss sich Pawel immer enger dem rauen Monteur an, der
bereits seit einem Monat im Elektrizitätswerk arbeitete.
Shuchrai erklärte seinem Hilfsheizer die Konstruktion eines Dynamos und
lernte ihn an.
Der aufgeweckte Junge gefiel dem Matrosen. An seinen freien Tagen kam
Shuchrai oft zu Artjom. Geduldig und verständnisvoll hörte sich der
ernste Matrose alle Erzählungen über das Leben und Treiben im Städtchen
an; besonderes Interesse zeigte er, wenn die Mutter über Pawkas
Streiche klagte. Shuchrai verstand es, auf Maria Jakowlewna so
beruhigend einzuwirken, dass sie all ihr Missgeschick vergaß und
zuversichtlich gestimmt wurde.
Eines Tages hielt Shuchrai im Hof des Elektrizitätswerks zwischen den
dort aufgeschichteten Holzstapeln Pawel an und sagte lächelnd zu ihm:
»Deine Mutter hat mir erzählt, dass du dich gern raufst. ›Er ist ein
richtiger Kampfhahn‹, hat sie gesagt.« Der Monteur lachte gutmütig.
»Kämpfen ist gar nicht so schlecht. Nur muss man wissen, wen man prügelt
und wofür.«
Pawel, der nicht wusste, ob Shuchrai das ernst meinte oder sich nur über
ihn lustig machte, antwortete:
»Ich raufe mich nicht so ins Blaue hinein, sondern nur, wenn es um
etwas Gerechtes geht.«
Plötzlich schlug ihm Shuchrai vor:
»Willst du? - Ich bring dir bei, wie man sich richtig schlägt.«
Pawel blickte ihn erstaunt an.
»Was heißt das: richtig?«
»Das wirst du gleich sehen.«
Und Pawka erhielt seine erste kurze Lektion im Boxen.
Diese Kunst fiel Pawel anfangs nicht leicht, aber er gab sich große Mühe.
Mehr als einmal warf ihn Shuchrais Faustschlag kopfüber zu Boden, aber
der fleißige Schüler hielt durch.
An
einem heißen Sommertag kam Pawel nach einem Besuch bei Klimka heim,
schlenderte im Zimmer umher, wusste aber nichts anzufangen. Da
entschloss er sich, seinen Lieblingsplatz auf dem Dach des Wächterhäuschens
aufzusuchen, das hinter dem Haus in einem Winkel des Gartens stand. Er
ging über den Hof in den Garten hinaus zu dem Bretterschuppen und
kletterte aufs Dach; er kroch in die dichten Zweige des Kirschbaums, die
über dem Schuppen hingen, bis zur Mitte des Daches und legte sich in
die pralle Sonne.
Die eine Seite des Wächterhäuschens war dem Leszczynskischen Garten
zugewandt; kroch man bis zum Dachrand, so waren der ganze Garten und
eine Seite des Hauses zu überschauen. Pawel beugte neugierig den Kopf
über den Dachvorsprung und erblickte einen Teil des Hofes, wo die
Kutsche stand. Er konnte sehen, wie der Bursche des deutschen Leutnants,
der in der Leszczynskischen Wohnung einquartiert war, die Uniform seines
Herrn ausbürstete. Pawka hatte den Offizier schon oft am Tor der Villa
gesehen.
Der Leutnant war untersetzt, rotwangig und hatte einen gestutzten
Schnurrbart; er trug einen Klemmer und hatte eine Mütze mit lackiertem
Schirm auf. Pawka wusste, dass der Leutnant das Seitenzimmer bewohnte,
dessen Fenster auf der Gartenseite lag und vom Dach aus sichtbar war.
Der Deutsche saß am Tisch und schrieb etwas, dann nahm er das
Geschriebene und verließ das Zimmer. Er übergab den Brief seinem
Burschen und ging danach durch den Garten. Vor der Gartenlaube blieb der
Leutnant stehen und schien sich mit jemandem zu unterhalten. Aus der
Laube kam Nelly Lesz-czynska. Er schob seinen Arm unter den ihren, und
beide traten durch die Gartentür auf die Straße hinaus.
Pawel hatte das alles beobachtet. Er war schon halb im Einschlafen, als
er den Burschen in das Zimmer des Leutnants treten sah. Dort hängte der
Bursche die Uniform an den Haken, öffnete das Fenster, räumte ein
wenig auf und ging wieder hinaus, die Tür lehnte er nur an.
Im nächsten Augenblick sah ihn Pawel bereits im Pferdestall.
Durch das offene Fenster konnte Pawel das ganze Zimmer überblicken. Auf
dem Tisch lag Riemenzeug und etwas Glänzendes.
Von heftiger Neugier geplagt, kletterte Pawel lautlos vom Dach auf den
Kirschbaum hinüber und ließ sich vom Stamm in den Leszczynskischen
Garten gleiten. Gebückt erreichte er mit ein paar Sprüngen das offene
Fenster und blickte ins Zimmer. Auf dem Tisch lagen ein Offizierskoppel
mit Portepee und eine Tasche mit einer wundervollen Mannlicher-Pistole.
Pawel stockte der Atem. Einige Sekunden tobte in seinem Innern ein
schwerer Kampf. Aber schließlich siegte sein tollkühnes Verlangen. Er
beugte sich ins Zimmer hinein, griff nach der Tasche und zog die
funkelnagelneue Waffe heraus. Er sprang wieder in den Garten, schaute
sich nach allen Seiten um und steckte die Pistole vorsichtig in seine
Tasche. Geschwind ging's dann durch den Garten zum Kirschbaum zurück.
Pawel erklomm behänd wie ein Affe das Dach, dann blickte er hinunter.
Der Offiziersbursche unterhielt sich friedlich mit dem Stallknecht. Im
Garten war alles still … Er kletterte vom Schuppen und lief nach
Hause.
Die Mutter war in der Küche mit dem Mittagessen beschäftigt und
beachtete Pawel nicht.
Er ergriff unauffällig einen Lappen, steckte ihn in die Hosentasche und
verschwand aus dem Haus, rannte durch den Garten, kletterte über den
Zaun und schlug den Weg zum Wald ein. Er hielt die schwer gegen das Bein
schlagende Pistole mit der Hand fest und lief aus Leibeskräften auf
eine verfallene Ziegelei zu. Seine Füße berührten kaum den Boden, der
Wind pfiff ihm um die Ohren.
Bei der alten Ziegelei herrschte tiefe Stille. Das hier und dort
eingebrochene Holzdach, Berge zerbrochener Ziegelsteine und die
verfallenen Öfen machten einen beängstigenden Eindruck. Alles war von
Steppengras überwuchert. Hier hatten sich manchmal die drei Freunde zu
ihren Spielen zusammengefunden. Pawel kannte viele verborgene Plätze,
an denen man einen gestohlenen Schatz verstecken konnte.
Ehe er in einen zerfallenen Ofen hineinkroch, spähte er vorsichtig nach
allen Seiten aus, aber auf der Straße war kein Mensch zu sehen. Leise
rauschten die Föhren. Ein leichter Wind wirbelte feinen Staub auf. Kräftiger
Harzduft erfüllte die Luft.
Ganz unten auf dem Boden des Ofens legte Pawka die in einen Lappen gehüllte
Pistole in eine Ecke und überdeckte sie mit einer Pyramide aus
Ziegelsteinen. Nachdem er aus dem Ofen hervorgekrochen war, stopfte er
das Loch, durch das er sich hineingezwängt hatte, mit Ziegeln zu,
merkte sich die Lage der Steine und schritt dann langsam davon.
Die Knie zitterten ihm immer noch ein wenig.
Wie wird das enden, dachte er bei sich, und sein Herz krampfte sich vor
Unruhe zusammen. Lange vor Arbeitsbeginn ging er ins Elektrizitätswerk,
um nur nicht zu Hause sein zu müssen. Er holte sich beim Wächter den
Schlüssel und schloss die breite Tür auf, die in den Kesselraum führte.
Während er ein Zugloch reinigte, Wasser in den Kessel pumpte und
anheizte, dachte er: Was mag sich jetzt in der Villa von Leszczynski
abspielen?
Es war schon spätabends, gegen elf Uhr, als Shuchrai an Pawel
herantrat, ihn auf den Hof hinausrief und flüsternd fragte:
»Warum ist bei euch heute Haussuchung gewesen?«
Pawel zuckte erschrocken zusammen.
»Was - Haussuchung?«
Shuchrai schwieg, dann fügte er hinzu:
»Ja, die Sache ist faul. Weißt du nicht, was sie gesucht haben?«
Pawel wusste es nur allzu gut. Er konnte sich jedoch nicht entschließen,
Shuchrai von der gestohlenen Pistole zu erzählen. Vor Aufregung bebend,
fragte er:
»Haben sie Artjom verhaftet?«
»Niemand ist verhaftet worden, aber sie haben im ganzen Haus das
Oberste zuunterst gekehrt.«
Bei diesen Worten wurde es Pawel ein wenig leichter, aber seine Unruhe
ließ nicht nach. Einige Minuten lang hing jeder seinen eigenen Gedanken
nach. Der eine, dem die Ursache der Haussuchung bekannt war, machte sich
Sorgen über den Ausgang der Affäre; der andere kannte die Ursache
nicht, war jedoch nicht weniger beunruhigt.
Weiß der Teufel, vielleicht sind sie doch dahinter gekommen? Artjom weiß
doch nichts von mir, warum haben sie Haussuchung bei ihm gemacht? Man
muss noch vorsichtiger sein, überlegte Shuchrai.
Schweigend gingen beide an die Arbeit.
In der Villa herrschte tatsächlich große Aufregung.
Sobald der Leutnant die Pistole vermisst hatte, rief er den Burschen.
Als es sich herausstellte, dass die Waffe verschwunden war, versetzte
der sonst korrekte und zurückhaltende Offizier dem Burschen mit aller
Wucht eine Ohrfeige. Der Soldat taumelte von dem Schlag zurück,
schnellte aber wie eine Sprungfeder gleich wieder vor und wartete, die Hände
an der Hosennaht, mit schuldbewusstem Gesicht gehorsam das Weitere ab.
Der zur Klärung der Angelegenheit herbeigerufene Rechtsanwalt war
gleichfalls sehr aufgebracht und entschuldigte sich vielmals, dass so
etwas in seinem Haus hatte passieren können.
Viktor Leszczynski äußerte seinem Vater gegenüber die Vermutung, dass
die Pistole von den Nachbarn, und zwar wahrscheinlich von dem Rowdy
Pawel Kortschagin, gestohlen worden sei. Der Vater beeilte sich, dem
Leutnant die Vermutung seines Sohnes mitzuteilen, und dieser gab
daraufhin der Wache den Befehl, sofort eine Haussuchung durchzuführen.
Die Haussuchung verlief ergebnislos. Der Vorfall mit der abhanden
gekommenen Pistole bewies Pawel, dass sogar so gewagte Husarenstreiche
manchmal glücklich ablaufen können.
DRITTES
KAPITEL
Tonja
stand am offenen Fenster. Gelangweilt schweifte ihr Blick über den
wohlbekannten und vertrauten Garten, über die ihn umgebenden hohen,
schlanken Pappeln, die kaum merkbar im Wind bebten, und es schien ihr
unfassbar, dass sie ein ganzes Jahr lang nicht zu Hause gewesen war. Es
kam ihr vor, als hätte sie all diese seit ihrer Kindheit vertrauten
Orte erst gestern verlassen und sei heute mit dem Morgenzug wieder
heimgekehrt.
Nichts hatte sich hier verändert. Dieselben sorgfältig beschnittenen
Reihen der Himbeersträucher, dieselben geometrisch abgezirkelten
Gartenwege, die von den Lieblingsblumen der Mutter - Stiefmütterchen -
umsäumt waren. Alles war sauber und gepflegt im Garten. Und eben diese
peinliche Sauberkeit und diese abgezirkelten Gartenwege ödeten Tonja
an.
Sie nahm ein Buch, öffnete die Verandatür, ging in den Garten
hinunter, stieß das gestrichene Pförtchen auf und schlenderte die Straße
entlang.
Sie passierte die kleine Brücke und betrat die Landstraße. Diese glich
einer Allee; rechts lag, von Palmweiden und dichtem Weidengebüsch
umgeben, ein Teich, und links begann der Wald.
Sie hatte schon fast die Teiche beim alten Steinbruch erreicht, als sie
unten am Wasser eine ausgeworfene Angel bemerkte und stehen blieb.
Tonja beugte sich über eine gekrümmte Weide, schob mit der Hand die
Zweige auseinander und erblickte einen braungebrannten barfüßigen
Jungen mit bis über die Knie hochgekrempelter Hose. Neben ihm stand
eine rostige Blechbüchse mit Würmern. Der Junge war völlig in seine
Beschäftigung vertieft und bemerkte Tonjas aufmerksamen Blick nicht.
»Kann man denn da Fische fangen?«
Pawel schaute ärgerlich auf.
Ein fremdes Mädchen stand tief über das Wasser gebeugt und hielt sich
an einer Weide fest. Es trug eine weiße Matrosenbluse mit
blaugestreiftem Kragen und einen kurzen hellgrauen Rock. Die Söckchen
mit dem bunten Rand um-
spannten ein Paar schlanke sonngebräunte Beine, die Füße steckten in
braunen Halbschuhen. Das kastanienbraune Haar war in einem schweren Zopf
zusammengehalten.
Die Hand des Jungen zitterte leicht. Der Schwimmer an der Angel zuckte,
und konzentrische Kreise durchschnitten die glatte Wasseroberfläche.
Ein aufgeregtes Stimmchen hinter ihm rief:
»Da beißt einer an, passen Sie auf, der beißt an.«
Pawel kam völlig aus der Fassung und zog an der Angel. Wassertropfen
spritzten empor, und ein am Angelhaken zappelnder Wurm kam zum
Vorschein.
Zum Henker noch mal - nun ist's mit der ganzen Angelei vorbei. Warum zum
Teufel ist die nur hergekommen, dachte Pawel wütend. Um seine
Ungeschicklichkeit zu verbergen, warf er die Angel weit hinaus ins
Wasser. Sie fiel zwischen zwei Wasserrosenblätter, gerade dorthin, wo
man sie nicht hätte hinwerfen dürfen, da der Angelhaken in den
Schlingpflanzen hängen bleiben konnte.
Er sah das sofort und fuhr, ohne sich umzudrehen, das Mädchen an:
»Was schreien Sie da herum? Sie verscheuchen mir ja alle Fische!«
Von oben ließ sich eine spöttische, belustigte Stimme vernehmen.
»Die Fische sind ja bei Ihrem Anblick schon längst davongeschwommen.
Wer angelt denn auch am helllichten Tag? Sie sind mir ein schöner
Angler!«
Das war entschieden zuviel für Pawels Selbstbeherrschung. Er erhob
sich, zog die Mütze in die Stirn, was er immer machte, wenn er zornig
war, und sagte, bemüht, sich so gewählt wie irgend möglich auszudrücken
:
»Sagen Sie, Fräulein, könnten Sie sich wirklich nicht woanders
niederlassen?«
Tonja kniff ein ganz klein wenig die Augen zusammen, dann blitzte es in
ihnen vor unterdrücktem Lachen auf.
»Stör ich Sie denn?«
Ihre Stimme klang jetzt schon nicht mehr spöttisch, sondern
freundschaftlich, versöhnlich, und Pawel, der im Begriff war, diesem plötzlich
aufgetauchten wildfremden »Fräulein« einige saftige Grobheiten zu
sagen, fühlte sich entwaffnet.
»Na schön, meinetwegen schauen Sie zu, wenn es Ihnen Spaß macht.
Platz ist für uns beide genug da«, meinte er nachgiebig und setzte
sich nieder, den Blick wiederum auf den Schwimmer der Angel gerichtet.
Der lag dicht neben der Wasserrose, und es war fast sicher, dass sich
der Haken dort verfangen hatte. Pawel konnte sich nicht entschließen,
ihn herauszuziehen.
Ist er hängen geblieben, lässt er sich nicht losreißen. Und die da
wird mich natürlich wieder auslachen. Wenn sie bloß weggehen wollte,
dachte er.
Aber Tonja richtete es sich bequem auf der leicht schwankenden gekrümmten
Weide ein, legte das Buch auf die Knie und beobachtete den sonngebräunten
schwarzäugigen Grobian, der sie so wenig liebenswürdig empfangen hatte
und nun so tat, als wäre sie Luft.
Pawel sah im Wasser das Spiegelbild des Mädchens. Sie las jetzt, und er
zog sachte an der festsitzenden Angel. Der Schwimmer war ganz
untergetaucht, die Schnur straffte sich.
Also tatsächlich hängen geblieben, verdammt noch mal, ging es ihm
durch den Kopf. Mit einem Seitenblick bemerkte er die lachenden Augen
des Mädchens im Wasserspiegel.
Ü ber die kleine Brücke beim Pumpwerk kamen zwei junge Burschen -
Obersekundaner des hiesigen Gymnasiums. Der eine war der Sohn des
Depotleiters, des Ingenieurs Sucharko, ein siebzehnjähriger Lümmel mit
Sommersprossen und fast weißen Wimpern und Augenbrauen, ein
Galgenstrick, der in der Schule »der scheckige Schura« genannt wurde.
Er war mit einer guten Angel ausgerüstet und hielt eine Zigarette keck
im Mundwinkel. Neben ihm ging Viktor Leszczynski, ein schlanker, verzärtelter
Jüngling.
Sucharko blinzelte Viktor vielsagend an und sagte, indem er sich zu ihm
hinbeugte:
»Das Mädel hat's in sich. In der ganzen Gegend findest du hier keine,
die es mit ihr aufnehmen könnte. Ich sage dir, direkt ein
ro-man-ti-sches Wesen. Sie
geht in Kiew zur Schule und verbringt jetzt die Sommerferien zu Hause.
Ihr Vater ist hier am Ort Oberförster. Meine Schwester Lisa ist mit ihr
gut bekannt. Ich habe ihr mal ein Briefchen geschickt, weißt du, so
eins in gehobenem Stil: Bin irrsinnig in Sie verliebt, erwarte mit
brennender Ungeduld Ihre Antwort und so weiter. Hatte sogar ein
passendes Gedicht von Nadson aufgegabelt.«
»Und was weiter?« erkundigte sich Viktor neugierig.
Sucharko wurde ein wenig verlegen:
»Hm, sie ziert sich, hat große Rosinen im Kopf. ›Ist nur
Papierverschwendung‹, sagte sie. Aber das ist am Anfang immer so. Bin
in solchen Sachen bewandert. Weißt du, ich hab keine Lust, so einem Mädel
lange den Hof zu machen und um sie herumzuscharwenzeln. Da geh ich
lieber abends in die Reparaturbaracken. Dort kann man sich für drei
Rubel das schönste Weibsstück aussuchen, einfach prima! Und ohne alles
Getue. Ich bin mit Walka Tichonow dort hingegangen - du kennst doch den
Bahnmeister?«
Viktor runzelte verächtlich die Stirn.
»Mit solchen Schmutzereien gibst du dich ab, Schura?« Schura zog an
seiner Zigarette, spuckte aus und warf spöttisch hin:
»Tu doch nicht so, als wärst du weiß Gott was für ein
Unschuldsengel. Wir wissen doch ganz genau, was du treibst.«
Viktor unterbrach ihn und fragte:
»Also du stellst mich jetzt vor?«
»Natürlich. Gehen wir schneller, damit sie nicht wegläuft. Gestern früh
hat sie selbst geangelt.«
Die Freunde näherten sich Tonja.
Sucharko nahm die Zigarette aus dem Mund und verbeugte sich geckenhaft:
»Guten Tag, Mademoiselle Tumanowa. Angeln Sie?«
»Nein, ich schaue nur zu«, erwiderte Tonja.
»Kennen Sie sich?« fragte Sucharko rasch und zog Viktor näher heran.
»Mein Freund Viktor Leszczynski.«
Viktor gab Tonja verlegen die Hand.
»Und warum angeln Sie heute nicht?« fragte Sucharko, bemüht, die
Unterhaltung in Gang zu bringen.
»Ich habe keine Angel mitgenommen«, antwortete Tonja.
»Ich bringe gleich eine«, sagte Sucharko diensteifrig.
»Nehmen Sie vorläufig meine, und ich hole gleich noch eine andere.«
Er hatte das Versprechen, Viktor mit Tonja bekannt zu machen, gehalten
und wollte nun die beiden allein lassen.
»Nein, wir würden hier stören. Hier wird bereits geangelt«,
antwortete Tonja.
»Wen stören?« fragte Sucharko.
»Ach, den dort?« Erst jetzt bemerkte er Pawel.
»Na, dem werd ich gleich Beine machen.«
Ehe Tonja etwas einwenden konnte, kletterte er zu Pawel hinunter.
»Zieh die Angel raus, und scher dich zum Teufel!« wandte sich Sucharko
an Pawel.
»Na, wird's bald?« setzte er hinzu, als er sah, dass Pawel seelenruhig
weiterangelte.
Pawel hob den Kopf und schaute Sucharko mit einem Blick an, der nichts
Gutes verhieß.
»'n bisschen sachte, du! Sonst kannst du was erleben!«
»W-a-as?« brauste Sucharko auf.
»Du wagst noch zu widersprechen, du Lumpensack? Scher dich fort!« Mit
diesen Worten versetzte er der Blechbüchse mit den Würmern einen kräftigen
Fußtritt, so dass sie sich in der Luft überschlug und ins Wasser fiel.
Die hoch aufspritzenden Wassertropfen benetzten Tonjas Gesicht.
»Sucharko, schämen Sie sich nicht?« rief sie empört aus.
Pawel sprang auf. Er wusste, Sucharko war der Sohn des Depotleiters, dem
Artjom unterstellt war. Wenn er diesem Sommersprossigen jetzt eins in
die lose Schnauze versetzte, würde sich der Gymnasiast bei seinem Vater
beschweren,
und Artjom hätte dafür zu büßen. Das war der einzige Grund, der
Pawel davon abhielt, dem Burschen sofort einen Denkzettel zu erteilen.
Sucharko spürte, dass der andere ihm gleich eine kleben würde, stürzte
vor und stieß Pawel mit beiden Händen vor die Brust. Dieser fuchtelte
mit den Armen, taumelte, erlangte jedoch schnell wieder das
Gleichgewicht.
Sucharko war zwei Jahre älter als Pawel und als Raufbold und Rüpel
bekannt.
Nach diesem heftigen Stoß konnte sich Pawel nicht mehr beherrschen.
»Ach so! Na warte mal!« Und er schlug ihm kräftig mit der Faust ins
Gesicht. Ohne ihm dann Zeit zur Besinnung zu lassen, packte er ihn fest
an seiner Gymnasiastenbluse und zog ihn in den Teich.
Sucharko stand bis zu den Knien im Wasser, seine gewichsten Schuhe und
die Hose waren durchnässt, und er versuchte mit aller Kraft, sich aus
Pawels Umklammerung zu befreien. Pawel sprang jedoch, nachdem er den
Gymnasiasten ins Wasser gestoßen hatte, selbst schnell ans Ufer zurück.
Außer sich vor Wut, stürzte Sucharko hinter Pawel her und hätte ihn
am liebsten in Stücke gerissen. Während sich Pawel rasch nach seinem
Verfolger umdrehte, fiel ihm Shuchrais Unterricht ein: auf das linke
Bein gestützt, das recht angespannt und ein wenig gebeugt. Nicht nur
mit der Hand, sondern mit dem ganzen Körper zustoßen, von unten nach
oben, gegen's Kinn schlagen.
Los…!
Jäh schlugen die Zähne aufeinander. Sucharko heulte auf von dem
furchtbaren Schmerz im Kinn und in der Zunge, in die er sich gebissen
hatte, fuchtelte hilflos mit den Händen herum und plumpste der Länge
nach ins Wasser.
Tonja schüttelte sich vor Lachen.
»Bravo, bravo!« rief sie und klatschte in die Hände.
»Das ist ja fabelhaft!«
Pawel griff nach seiner Angel, zog sie mit einem Ruck heraus, so dass
die Schnur abriss, und war mit einem Satz auf der Straße.
Beim Weggehen hörte er noch, wie Viktor zu Tonja sagte:
»Das ist Pawel Kortschagin, der berüchtigtste Raufbold der ganzen
Gegend.«
Auf
dem Bahnhof herrschte Aufregung. Ins Städtchen drangen Gerüchte, dass
die Eisenbahner zu streiken begonnen hätten. Auf der benachbarten großen
Eisenbahnstation war es unter den Depotarbeitern zu Unruhen gekommen.
Zwei Lokomotivführer waren unter dem Verdacht, Flugblätter verteilt zu
haben, von den Deutschen verhaftet worden. Auch der Arbeiter, die vom
Lande stammten, bemächtigte sich große Erregung, hervorgerufen durch
die Requisitionen und durch die Rückkehr der Gutsbesitzer auf ihre Güter.
Die Peitschen der hetmanschen Soldateska bearbeiteten brutal die Rücken
der Bauern. Die Partisanenbewegung im Gouvernement wuchs immer mehr an.
Man zählte bereits an die zehn Partisanenabteilungen, die von den
Bolschewiki aufgestellt worden waren.
Shuchrai gönnte sich in diesen Tagen keinen Augenblick Ruhe. Während
seines Aufenthalts im Städtchen hatte er große Arbeit geleistet, viele
Eisenbahner kennen gelernt. Er besuchte die Tanzabende, auf denen die
Jugend zusammenkam, und hatte eine starke, zuverlässige Gruppe aus
Schlossern des Depots und Holzarbeitern organisiert. Auch bei Artjom fühlte
er vor. Auf seine Frage, wie Artjom zur bolschewistischen Sache und
Partei stehe, antwortete ihm der kräftige Schlosser:
»Ja, weißt du, Fjodor, ich kenne mich mit diesen Parteien schlecht
aus. Aber wenn es darauf ankommt zu helfen, bin ich immer dabei. Du
kannst auf mich rechnen.«
Fjodor war damit zufrieden - er wusste, dass Artjom hielt, was er einmal
gesagt hatte. Für die Partei ist er noch nicht reif. Macht nichts, wir
leben jetzt in einer solchen Zeit, dass er bald begreifen wird, worum es
geht, dachte der Matrose.
Fjodor arbeitete jetzt nicht im Elektrizitätswerk, sondern im Depot.
Das war günstiger für seine Arbeit, denn im Elektrizitätswerk fehlte
ihm der Kontakt zu den Eisenbahnern.
Der Verkehr auf den Bahnlinien hatte gewaltigen Umfang angenommen. In
Tausenden von Waggons beförderten die Feinde alles nach Deutschland,
was sie in der Ukraine geraubt hatten: Roggen, Weizen, Vieh …
Unverhofft hatte die Hetmanwache den Telegrafisten Ponomarenko
verhaftet. In der Kommandantur war er so erbarmungslos verprügelt
worden, dass er etwas über die Agitationsarbeit Roman Sidorenkos, eines
Kollegen von Artjom aus dem Depot, erzählt hatte.
Zwei deutsche Soldaten und einer der Hetmanleute, der Gehilfe des
Stationskommandanten, erschienen im Depot, um Roman zu verhaften. Ohne
ein Wort zu verlieren, trat der Hetmanoffizier zur Werkbank, an der
Roman arbeitete, und schlug ihm mit der Knute ins Gesicht.
»Los, komm mit, du Hund! Wir wollen uns mal ein bisschen miteinander
unterhalten«, sagte er und packte den Schlosser mit einem unheimlichen
Grinsen am Ärmel.
»Dir wird das Agitieren schon vergehen!«
Artjom, der am benachbarten Schraubstock arbeitete, warf die Feile
beiseite und trat in seiner ganzen Größe auf den Hetmanoffizier zu.
Nur mühsam hielt er seinen Zorn zurück und fuhr ihn an:
»Was unterstehst du dich zu schlagen, du Schuft!«
Der Offizier wich einige Schritte zurück und griff nach seiner
Revolvertasche. Einer der Soldaten, ein untersetzter, kurzbeiniger Kerl,
riss sein schweres Gewehr mit dem breiten Bajonett von der Schulter.
»Halt!« bellte er, bereit, bei der ersten Bewegung zu schießen.
Beide Arbeiter wurden festgenommen. Artjom wurde nach einer Stunde
wieder freigelassen, Roman aber in den Gepäckkeller gesperrt.
Zehn Minuten später ruhte die Arbeit im ganzen Depot. Die Depotarbeiter
versammelten sich im Bahnhof. Auch die Weichensteller und Lagerarbeiter
schlossen sich ihnen an.
Alles war in höchster Erregung.
Jemand schrieb einen Aufruf, der die Freilassung Romans und Ponomarenkos
forderte.
Die Erregung nahm noch zu, als der Hetmanoffizier mit einem Haufen
Soldaten zum Bahnhof gestürzt kam, mit dem Revolver herumfuchtelte und
losbrüllte:
»Wenn ihr nicht sofort alle an die Arbeit geht, lasse ich euch auf der
Stelle verhaften und ein paar von euch an die Wand stellen!«
Die Rufe der erbosten Arbeiter zwangen ihn jedoch, sich schleunigst zurückzuziehen.
Aus der Stadt kamen bereits mit deutschen Soldaten besetzte Lastautos,
die vom Stationskommandanten angefordert worden waren, die Chaussee
entlanggebraust.
Die Arbeiter zerstreuten sich und gingen nach Hause. Alle hatten die
Arbeit verlassen, selbst der Stationsvorsteher. Shuchrais Arbeit war
nicht vergebens gewesen. Das war die erste Massenaktion auf der
Bahnstation.
Die Deutschen brachten auf dem Bahnsteig ein schweres Maschinengewehr in
Stellung; es stand dort wie ein Jagdhund auf dem Anstand. Neben ihm
kauerte, die Hand auf dem Griff, ein deutscher Unteroffizier.
Ö de und menschenleer war es jetzt auf dem Bahnsteig geworden.
Nachts setzten die Verhaftungen ein. Auch Artjom wurde wieder
festgenommen. Shuchrai hatte nicht zu Hause übernachtet, ihn konnten
sie nicht finden.
Die Verhafteten wurden in den riesigen Güterschuppen getrieben, und man
stellte ihnen das Ultimatum: entweder Wiederaufnahme der Arbeit oder
vors Kriegsgericht.
Fast alle Eisenbahner auf der Strecke streikten jetzt. Vierundzwanzig
Stunden lang ging nicht ein einziger Zug, und hundertzwanzig Kilometer
weiter kam es zu einem Gefecht mit einer starken Partisanenabteilung.
Sie hatte die Bahnstrecke und die Brücken in die Luft gesprengt.
In der Nacht lief ein Eisenbahntransport mit deutschen Soldaten auf der
Station ein. Der Lokomotivführer, sein Gehilfe und der Heizer machten
sich
sofort aus dem Staub. Außer diesem Militärtransport warteten auf dem
Bahnhof noch zwei Züge auf die Abfahrt.
Die schwere Tür des Güterschuppens wurde geöffnet, und den Raum
betrat der Stationskommandant - ein deutscher Leutnant -, begleitet von
seinem Adjutanten und einigen deutschen Soldaten.
Der Adjutant rief:
»Kortschagin, Politowski, Brusshak - vortreten! Ihr fahrt sofort als
Lokomotivbrigade los. Wer sich weigert, wird auf der Stelle erschossen.
Werdet ihr fahren oder nicht?«
Die drei Arbeiter antworteten mit mürrischem Kopfnicken. Unter
Bewachung wurden sie zur Lokomotive gebracht. Währenddessen rief der
Adjutant des Kommandanten die Namen eines anderen Lokomotivführers,
Gehilfen und Heizers für einen zweiten Zug auf.
Grimmig
fauchend spie die Lokomotive glühende Funken, keuchte schwer und raste
durch die nächtliche Finsternis. Artjom hatte Kohlen in die Feuerung
geworfen und schlug mit dem Fuß den Schieber zu. Jetzt trank er einen
Schluck Wasser aus dem stumpfnasigen Teekessel und wandte sich an den
alten Lokomotivführer Politowski:
»Also befördern wir sie, Alter?«
Dieser runzelte ärgerlich die buschigen Brauen:
»Bleibt doch nichts anderes übrig, wenn einem das Bajonett im Hintern
steckt.«
»Schmeißen wir alles hin, und springen wir von der Lokomotive ab«,
schlug Brusshak vor und warf einen Seitenblick nach dem auf dem Tender
stehenden deutschen Soldaten.
»Ich bin derselben Meinung«, murmelte Artjom.
»Aber da haben wir diesen Kerl dort auf dem Hals.«
»Tja«, brachte Brusshak in unbestimmtem Ton hervor und beugte sich zum
Fenster hinaus.
Politowski trat dicht an Artjom heran und flüsterte:
»Wir dürfen sie nicht dorthin fahren, verstehst du? Dort wird gekämpft.
Die Aufständischen haben die Gleise gesprengt. Und wenn wir nun diese
Hunde hinschaffen, werden sie im Handumdrehen die Partisanen erledigen.
Du musst wissen, mein Söhnchen, ich habe unterm Zaren bei Streiks nie
jemanden befördert, und ich werde das auch jetzt nicht tun. Es hieße
ja Schimpf und Schande bis ans Lebensende, wenn wir unseren eigenen
Leuten die Strafexpedition auf den Hals brächten. Die andere
Lokomotivbrigade hat sich doch aus dem Staub gemacht. Die Burschen haben
unter Lebensgefahr die Lokomotive im Stich gelassen. Unter keinen Umständen
dürfen wir jetzt den Zug befördern. Was meinst du?«
»Einverstanden, Alter, aber was fangen wir mit dem da an?« Er wies mit
einem Blick auf den Soldaten.
Der Lokomotivführer runzelte die Stirn, wischte sich mit einer Handvoll
Werg den Schweiß ab und blickte mit seinen entzündeten Augen auf das
Manometer, als hoffe er, da eine Antwort auf die peinigende Frage zu
finden. Dann fluchte er in seiner Verzweiflung plötzlich wütend.
Artjom trank noch einen Schluck Wasser aus dem Teekessel. Beide hatten
den gleichen Gedanken, aber keiner konnte sich entschließen, ihn als
erster auszusprechen. Artjom erinnerte sich an sein Gespräch mit
Shuchrai: »Wie stehst du eigentlich, Bruderherz, zur bolschewistischen
Partei und zur kommunistischen Idee?« Und an die Antwort, die er auf
die Frage gegeben hatte: »Ich bin immer bereit zu helfen, du kannst auf
mich rechnen …«
Eine schöne Hilfe, wir bringen ihnen die Henker … Politowski beugte
sich über den Werkzeugkasten und brachte, dicht neben Artjom stehend, mühsam
hervor:
»Der da muss erledigt werden, verstehst du?«
Artjom zuckte zusammen, Politowski fügte, mit den Zähnen knirschend,
hinzu:
»Es gibt keinen anderen Ausweg. Wir machen Schluss mit ihm, werfen den
Regulator und die Hebel in die Feuerung, schalten langsamen Gang ein,
und dann auf und davon!« Und Artjom antwortete, als wälze er eine
schwere Last ab:
»Schön.«
Artjom beugte sich zu Brusshak hin und teilte ihm leise den Beschluss
mit.
Brusshak zögerte mit der Antwort. Jeder von ihnen nahm ein großes
Risiko auf sich. Sie hatten alle Familie daheim. Politowskis Familie war
besonders zahlreich: Neun Mäuler hatte er zu stopfen. Und doch begriff
jeder von ihnen, dass diese Fahrt um jeden Preis verhindert werden
musste.
»Nun, ich bin einverstanden«, sagte Brusshak.
»Aber wer wird denn den …« Er verschluckte die letzten Worte, Artjom
verstand ihn auch so. Artjom wandte sich dem Alten zu, der sich am
Regulator zu schaffen machte, und nickte mit dem Kopf, als wollte er ihm
zu verstehen geben, dass auch Brusshak einverstanden sei; aber dann trat
er, von der noch ungelösten Frage gequält, näher an Politowski heran.
»Wie werden wir das aber anstellen?«
Der Gefragte blickte Artjom an:
»Das übernimmst du, du bist der Stärkste; mit einem Brecheisen eins
drauf … und fertig.« Der Alte war heftig erregt.
Artjoms Gesicht verfinsterte sich.
»Ich kann's nicht. Weiß nicht, warum - aber ich bring es nicht übers
Herz. Der Soldat ist ja im Grunde genommen nicht schuld, den haben sie
ja auch gewaltsam in den Krieg getrieben.«
Politowskis Augen blitzten auf.
»Er ist nicht schuld daran, sagst du. Aber sind wir vielleicht schuld
daran, dass man uns hierher gejagt hat? Wir fahren doch eine
Strafexpedition. Diese Unschuldslämmer werden die Partisanen über den
Haufen schießen, und die, sind die wohl schuld …? Was bist du für
ein Kindskopf. Stark wie ein Bär, aber was nützt das schon …«
»Also gut«, brachte Artjom heiser hervor und griff nach dem
Brecheisen. Politowski aber flüsterte:
»Lass, ich mach es lieber selber. Nimm du die Schaufel und wirf Kohlen
vom Tender herüber. Wenn's nötig sein sollte, versetzt du dem
Deutschen eins mit der Schaufel. Und ich tue so, als wollte ich Kohlen
zerkleinern.«
Brusshak nickte zustimmend mit dem Kopf und trat zum Regulator.
Der Deutsche, in seiner schirmlosen Feldmütze mit dem roten Rand, saß,
das Gewehr zwischen die Beine geklemmt, seitwärts auf dem Tender und
rauchte eine Zigarre; ab und zu warf er einen Blick zu den auf der
Lokomotive beschäftigten Arbeitern hinüber.
Als Artjom hinaufkletterte, um Kohle zu schaufeln, schenkte der Posten
diesem Vorgang keine besondere Beachtung. Und als dann Politowski, als
wolle er vom Rand des Tenders her große Kohlestücke heranschaffen, ihm
durch ein Zeichen zu verstehen gab, dass er ein wenig wegrücken solle,
kam der Deutsche willig herunter, trat auf die Tür zu, die zum Führerstand
führte.
Der dumpfe kurze Hieb mit dem Brecheisen, der dem Deutschen den Schädel
einschlug, ließ Artjom und Brusshak erschauern. Der Soldat sackte
zusammen und fiel auf den Durchgangssteg.
Die feldgraue Tuchmütze wurde von Blut durchtränkt. Das Gewehr schlug
klirrend auf Eisen.
»Der ist fertig«, flüsterte Politowski, warf das Brecheisen weg und fügte
mit krampfhaft verzerrtem Gesicht hinzu:
»Jetzt gibt's kein Zurück.« Die Stimme versagte ihm, aber schon im nächsten
Augenblick durchbrach er das bedrückende Schweigen und rief laut:
»Los, schraubt den Regulator ab!«
In zehn Minuten war alles erledigt. Die Lokomotive, jetzt ihrer Führung
beraubt, verlangsamte allmählich die Fahrt.
Die dunklen Silhouetten der am Wegrand stehenden Bäume tauchten im
Feuerschein der Lokomotive auf und verschwanden wieder im Schatten der
Nacht. Die glühenden Augen der Maschine suchten die Finsternis zu
durchdringen, doch ihr Licht verfing sich ringsum im dichten Schleier
der Nacht und vermochte ihr nur wenige Meter zu entreißen. Die
Lokomotive keuchte, als gäbe sie ihre letzten Kräfte her, ihr Fauchen
wurde allmählich schwächer und schwächer.
»Los, Junge, spring ab!« hörte Artjom die Stimme Politowskis hinter
sich. Im selben Moment ließ er den Griff los. Der schwere Körper wurde
nach vorn geschleudert, und die Füße prallten heftig auf dem
entgleitenden Boden auf. Artjom lief zwei Schritte, dann überschlug er
sich und stürzte schwer hin.
Von den beiden Trittbrettern der Lokomotive lösten sich gleichzeitig
noch zwei Schatten.
In
Brusshaks Haus herrschte trübe Stimmung. Antonina Wassiljewna,
Serjo-shas Mutter, hatte in den letzten vier Tagen völlig den Kopf
verloren. Sie war ohne jede Nachricht von ihrem Mann. Sie hatte in
Erfahrung gebracht, dass die Deutschen ihn wie auch Kortschagin und
Politowski gezwungen hatten, gemeinsam einen Zug zu befördern. Gestern
waren drei von der Hetmanwache im Haus erschienen und hatten sie grob
fluchend nach ihrem Mann ausgefragt.
Dunkel hatte sie erraten, dass etwas Schlimmes passiert sein musste, und
nachdem die Soldaten die Wohnung verlassen hatten, warf sie ein Tuch um
und ging, von der schrecklichen Ungewissheit gepeinigt, zu Maria
Jakowlewna, von der sie etwas über ihren Mann zu erfahren hoffte.
Ihre älteste Tochter Walja, die gerade in der Küche wirtschaftete, sah
die Mutter weggehen und fragte:
»Wohin gehst du, Mutter?«
Antonina Wassiljewna antwortete der Tochter mit Tränen in den Augen:
»Zu Kortschagins. Vielleicht kann ich dort erfahren, was mit dem Vater
ist. Wenn Serjosha heimkommt, sag ihm, dass er zu Politowski auf die
Station gehen soll.«
Walja umarmte die Mutter und bemühte sich, ihr während der wenigen
Schritte zur Tür Trost zuzusprechen:
»Es wird schon noch alles gut werden, Mama.«
Bedrückt verließ die Mutter das Haus.
Maria Jakowlewna empfing die Frau sehr herzlich. Beide erwarteten, etwas
Neues voneinander zu erfahren, aber diese Hoffnung verschwand gleich
nach den ersten Worten.
Auch bei Kortschagins war nachts Haussuchung gewesen. Man hatte Artjom
gesucht. Die Soldaten hatten Maria Jakowlewna zu Tode erschreckt. Sie
war allein in der Wohnung gewesen; Pawel hatte Nachtschicht im
Elektrizitätswerk.
Am frühen Morgen kam Pawel nach Hause. Als er durch die Mutter von der
nächtlichen Haussuchung und vom Fahnden nach Artjom erfuhr, erfasste
ihn quälende Unruhe um den Bruder. Die Brüder liebten einander trotz
ihrer verschieden gearteten Charaktere sehr. Es war eine raue Liebe,
ohne viele Worte, aber Pawel wusste genau, dass er, wenn es nötig wäre,
ohne Zaudern jedes Opfer für den Bruder auf sich nehmen würde.
Pawel ruhte nach der Arbeit nicht aus, sondern eilte zur Station, um
Shuchrai im Depot aufzusuchen. Er traf ihn jedoch nicht an, und die
Arbeiter, mit denen er bekannt war, konnten ihm nichts über die Männer
sagen, die losgefahren waren. Auch die Familie des Lokomotivführers
wusste nichts. Pawel traf im Hof Politowskis jüngsten Sohn Boris. Von
ihm erfuhr er, dass auch bei Politowskis nachts Haussuchung gewesen war.
Man hatte nach dem Vater geforscht.
So kehrte er unverrichteterdinge zu seiner Mutter zurück, warf sich müde
aufs Bett und fiel sofort in unruhigen Schlaf.
Es klopfte. Walja schaute auf.
»Wer ist da?« fragte sie und schob den Riegel zurück. In der geöffneten
Tür erschien der rothaarige Wuschelkopf Klimkas. Es war ihm anzusehen,
dass er gerannt war, er war völlig außer Atem und puterrot im Gesicht.
»Ist deine Mutter zu Hause?« erkundigte er sich bei Walja.
»Nein, sie ist weggegangen.«
»Wohin denn?«
»Ich glaube, zu Kortschagins.«
Klimka wollte davoneilen, doch Walja hielt ihn mit aller Kraft am Ärmel
fest.
Unentschlossen blickte er das Mädchen an.
»Ja, weißt du, ich hab mit ihr zu sprechen, muss ihr etwas übergeben.«
»Was musst du übergeben?« bestürmte Walja den Jungen.
»Erzähl doch, was los ist, du rothaariger Zottelbär, sprich doch! Du
zerrst einem ja die Seele aus dem Leib!« sagte das Mädchen zu ihm in
gebieterischem Ton.
Klimka vergaß alle Warnungen, vergaß den strengen Befehl Shuchrais,
den Zettel nur Antonina Wassiljewna persönlich zu übergeben und zog
einen verschmierten Papierfetzen aus der Tasche. Er konnte es Serjoshas
blonder Schwester einfach nicht abschlagen, obwohl sich der rothaarige
Klimka über seine Gefühle für sie nicht ganz im klaren war. Freilich
hätte es der bescheidene Küchenjunge niemandem und sogar sich selbst
nicht eingestanden, dass Walja ihm gefiel.
Er gab ihr den Zettel, den sie schnell überflog.
Liebe
Tonja! Mach Dir meinetwegen keine Sorgen. Alles in bester Ordnung. Wir
sind heil und unversehrt. Bald wirst du Weiteres erfahren. Teile auch
den anderen mit, dass es uns gut geht und dass sie sich nicht
beunruhigen sollen. Diesen Zettel vernichte.
Sachar.
Als
Walja die Zeilen gelesen hatte, stürzte sie auf Klimka zu.
»Woher hast du den Zettel? Sag, woher du ihn hast, du Tollpatsch, du!«
Sie ließ dem verwirrt dastehenden Klimka keine Ruhe, so dass dieser,
ehe er sich's versah, schon die zweite Dummheit beging:
»Den hat mir Shuchrai auf der Station gegeben.« Und da es ihm einfiel,
dass er nicht darüber sprechen durfte, fügte er hinzu: »Er hat mir
aber streng verboten, mit jemandem darüber zu sprechen.«
»Lass schon gut sein.« Walja lachte. »Ich werde dich nicht verpetzen.
Aber jetzt lauf, du Rotkopf, so schnell du nur kannst, zu Pawel. Dort
wirst du auch die Mutter finden.« Mit diesen Worten gab sie dem Küchenjungen
einen freundschaftlichen Schubs in den Rücken, und in der nächsten
Sekunde war Klimkas roter Schopf bereits hinter der Gartenpforte
verschwunden.
Am Abend kam Shuchrai zu Kortschagins und berichtete Maria Jakowlewna
von den Vorgängen auf der Lokomotive. Er beruhigte die erschrockene
Frau, so gut er konnte, und teilte ihr mit, dass alle drei weit
entfernt, in einem abgelegenen Dorf bei einem Onkel von Brusshak,
Unterkunft gefunden hätten und dort in Sicherheit seien. Natürlich könnten
sie jetzt nicht nach Hause kommen. Den Deutschen stehe jedoch schon das
Wasser bis an den Hals, und es seien in nächster Zukunft Veränderungen
zu erwarten.
Diese Begebenheiten trugen dazu bei, dass sich die Familien der drei
Verschwundenen eng einander anschlossen. Die spärlich einlaufenden
Briefe, die sie bekamen, waren jedes Mal ein freudiges Ereignis, aber in
ihren Häusern war es öd und leer geworden.
Eines Tages suchte Shuchrai die alte Frau Politowski auf und gab ihr
etwas Geld.
»Hier, Mütterchen, das schickt Euch Euer Mann. Sagt aber niemandem ein
Sterbenswörtchen.«
Beglückt drückte ihm die Alte die Hand. »Recht schönen Dank! 's tut
bitter not. Die Kinder haben schon fast nichts mehr zu essen.«
Das Geld war dem Fonds entnommen, den Bulgakow dagelassen hatte.
Nun, wir werden mit der Zeit schon sehen, was weiter wird. Obwohl der
Streik wegen der angedrohten Todesstrafe abgebrochen werden musste,
obwohl wieder gearbeitet wird, brennt doch die Flamme weiter. Man kann
sie nicht mehr löschen. Und jene drei sind Prachtkerle, richtige
Proleten, dachte der Matrose begeistert, als er von Politowskis zum
Depot zurückging.
In
einer abseits gelegenen alten Schmiede, die eine ihrer verrußten Wände
dem ins Dorf Worobjowa Balka führenden Weg zukehrte, stand Politowski
mit einer langen Zange vor der Esse und wendete, in der grellen Glut
leicht blinzelnd, ein rotglühendes Eisenstück um.
Artjom drückte den Hebel des ledernen Blasebalgs, der an einem
Querbalken angebracht war.
Gutmütig in seinen Bart schmunzelnd, meinte der Lokomotivführer:
»Ein Handwerker braucht jetzt im Dorf nicht zu hungern. Arbeit gibt's
mehr als genug. Wir werden hier ein paar Wochen arbeiten und können
dann den Unsrigen wenigstens Speck und Mehl schicken. Beim Bauersmann,
mein Junge, steht der Schmied immer hoch in Ehren. Wir werden uns hier
vollfuttern wie die richtigen Bourgeois, haha. Mit dem Sachar ist's eine
andere Sache. Der hält sich mehr ans Bauerngeschäft, arbeitet den
ganzen Tag mit seinem Onkel auf dem Feld. Ist ja auch begreiflich. Wir
beide haben weder Haus noch Hof, nur unsern Buckel und unsere Hände,
wie man so sagt, Proleten auf Lebzeit, haha. Sachar aber steht mit dem
einen Fuß auf der Lokomotive, mit dem anderen im Dorf.« - Er packte
das glühende Eisenstück mit der Zange und fügte, nun schon ernst und
nachdenklich, hinzu: »Aber unsere Sache steht wacklig, Junge. Wenn die
Deutschen nicht bald verjagt werden, müssen wir nach Jekaterinoslaw
oder nach Rostow hinüber, sonst kriegen sie uns beim Schlafittchen und
hängen uns zwischen Himmel und Erde auf. Das steht fest.«
»Stimmt«, brummte Artjom.
»Wie mag's den Unseren daheim gehen, ob sie wohl von diesen Banditen
schikaniert werden?«
»Ja, ja, Alter, da haben wir uns was eingebrockt, jetzt heißt's, sich
ein bisschen fernhalten von Hause.«
Der Lokomotivführer langte aus der Esse ein glühendes Stück Eisen und
legte es rasch auf den Amboss.
»Nun, hau zu, mein Söhnchen!«
Artjom packte den schweren Schmiedehammer, der am Amboss lehnte, schwang
ihn hoch über den Kopf und schlug zu. Glühende Funken sprühten empor.
Mit leichtem Knistern flogen sie durch die Schmiede und erhellten für
eine Sekunde ihre dunkelsten Ecken.
Politowski drehte das glühende Eisen nach allen Seiten, so dass die mächtigen
Schläge darauf niederprasselten und das Metall sich wie Wachs formen
ließ.
Durch die offene Schmiedetür zog ein warmer Hauch aus der finsteren
Nacht.
Dunkel
und riesengroß erstreckt sich in der Tiefe der See, umringt von hohen Föhren,
deren mächtige Wipfel im Winde schwanken.
Hier, einen Kilometer von der Bahn entfernt, waren in den tiefen,
verlassenen Gruben der alten Steinbrüche Quellen aufgebrochen und
hatten drei Seen gebildet.
Tonja liegt oberhalb des granitnen Ufers auf einer grasbewachsenen
Lichtung. Hoch oben, hinter der Lichtung, zieht sich der Wald hin und
unten, dicht am Fuß des Abhangs, der See. Die Felsen werfen ihre
Schatten über den Rand des Sees und verdunkeln ihn noch mehr. Das ist
Tonjas Lieblingswinkel.
Unten, am Ufer des Sees, plätscherte es leise. Tonja hob den Kopf,
schob mit der Hand die Zweige auseinander und schaute hinab. Ein
elastischer, braungebrannter Körper schwamm mit starken Stößen der
Mitte des Sees zu. Tonja konnte den dunklen Rücken und den schwarzen
Kopf des Schwimmers sehen. Er schnaubte wie ein Walross, durchschnitt
mit kurzen Stößen das Wasser, drehte sich um, schlug Purzelbäume,
tauchte, legte sich schließlich ermüdet
auf den Rücken, kniff in der prallen Sonne die Augen zu und blieb, die
Arme weit ausgebreitet, fast bewegungslos liegen.
Tonja ließ die Zweige los. So was ist doch unanständig, dachte sie
belustigt und machte sich wieder an ihre Lektüre…..
In das Buch vertieft, bemerkte Tonja nicht, dass jemand über den
Granitvorsprung, der diesen Winkel vom Wald trennte, herübergeklettert
war, und erst als ihr ein Steinchen, das der Fuß des Näher kommenden
gelöst hatte, aufs Buch fiel, fuhr sie hoch und sah Pawel Kortschagin
vor sich stehen. Über die unerwartete Begegnung ebenfalls erstaunt und
auch etwas verlegen, wollte sich Pawel davonmachen.
Dann ist er also der Schwimmer gewesen, erriet Tonja, als sie Pawels
feuchte Haare sah.
»Hab ich Sie erschreckt? Ich wusste nicht, dass Sie hier sind, kam ganz
zufällig vorüber.« Mit diesen Worten griff Pawel nach dem Vorsprung
des Felsens. Auch er hatte Tonja erkannt.
»Sie stören mich gar nicht. Wenn Sie Lust haben, können wir uns ein
bisschen unterhalten.«
Pawel blickte Tonja verwundert an.
»Worüber sollen wir uns denn unterhalten?« Tonja lächelte.
»Na, was stehen Sie so da? Setzen Sie sich doch hierher.« Tonja zeigte
auf einen großen Stein.
»Wie heißen Sie eigentlich?«
»Pawka Kortschagin.«
»Und ich heiße Tonja. So, jetzt haben wir uns wenigstens vorgestellt.«
Der Junge knüllte verlegen seine Mütze.
»Sie werden also Pawka genannt?« unterbrach Tonja das Schweigen.
»Aber warum denn Pawka? Das klingt nicht schön, Pawel klingt viel hübscher.
Ich werde Sie Pawel nennen. Gehen Sie oft hierher … «.– - sie
wollte sagen »zum Baden«, aber um nicht zu verraten, dass sie ihn beim
Baden beobachtet hatte, sagte sie: »… spazieren?«
»Nein, nicht oft, nur wenn ich mal frei habe«, antwortete Pawel.
»Arbeiten Sie denn irgendwo?« erkundigte sich Tonja weiter.
»Bin Heizer im Elektrizitätswerk.«
»Sagen Sie mir doch, wo haben Sie so fabelhaft boxen gelernt?« fragte
Tonja plötzlich.
»Was geht Sie denn meine Boxerei an?« brummte Pawel unfreundlich.
»Seien Sie nicht böse«, sagte Tonja, sie spürte, dass sich Pawka über
ihre Frage ärgerte.
»Mich interessiert das sehr. War das aber ein Schlag! Wie kann man nur
so unbarmherzig zuhauen!« Sie lachte los.
»Ihnen tat's wohl leid?« fragte Pawel.
»Nein, ganz und gar nicht, im Gegenteil. Sucharko hatte seine Prügel
redlich verdient. Mir hat diese Szene viel Spaß gemacht. Man sagt, dass
Sie sich gern einmal raufen.«
»Wer sagt das?« Pawel horchte auf.
»Nun, Viktor Leszczynski meint, dass Sie ein ausgemachter Raufbold
seien.«
Pawel wurde rot.
»Viktor ist ein Lump, ein Nichtstuer. Er sollte lieber dankbar sein,
dass er damals nichts abgekriegt hat. Ich habe gehört, was er über
mich gesagt hat, wollte mir bloß nicht die Hände an ihm dreckig
machen.«
»Warum schimpfen Sie so, Pawel? Das ist gar nicht schön«, unterbrach
ihn Tonja.
Pawel machte ein finsteres Gesicht.
Wozu hab ich Dummkopf mich bloß mit dieser Gans in eine Unterhaltung
eingelassen, dachte er. Was der einfällt, erst passt ihr mein Name
nicht, dann soll ich nicht schimpfen.
»Warum haben Sie so eine Wut auf Leszczynski?« fragte Tonja.
»Ein Dämchen in Jungenhosen, ein Herrensöhnchen! Soll ihn der Kuckuck
holen! Mir kribbelt's immer in den Fingern, wenn ich solche Burschen seh.
Die
glauben, sie können sich mit einem alles erlauben, weil sie reich sind.
Ich spucke aber auf ihren Reichtum; wer mich anrührt, der bezieht
umgehend eine Tracht Prügel. Solchen Leuten kann man nur mit den Fäusten
imponieren«, sagte er erregt.
Tonja bedauerte, dass sie Leszczynski erwähnt hatte. Dieser Bursche
hier hatte offenbar mit dem verzärtelten Gymnasiasten noch ein Hühnchen
zu rupfen.
Um das Gespräch auf ein ruhigeres Thema zu lenken, erkundigte sie sich
nach Pawels Familie und Arbeit.
Ohne dass es Pawel selbst merkte, begann er ausführlich auf die Fragen
des Mädchens einzugehen und vergaß ganz, dass er sich hatte
davonmachen wollen.
»Sagen Sie, warum sind Sie nicht länger zur Schule gegangen?«
erkundigte sich Tonja.
»Ich bin rausgeflogen.«
»Weshalb?« Pawka wurde rot.
»Ich habe dem Popen Machorka in den Teig gestreut - und da hat er mich
rausgeschmissen. Ein niederträchtiger Kerl, dieser Pope, er verstand
es, einem das Leben sauer zu machen.« Pawel vergaß seine Verlegenheit
und berichtete alles der Reihe nach.
Dann erzählte er Tonja wie einer alten Bekannten von seinem
verschwundenen Bruder. Keiner von beiden bemerkte, dass sie, in ihr
freundschaftlich angeregtes Gespräch vertieft, schon einige Stunden auf
den Steinen zugebracht hatten. Endlich besann sich Pawel und sprang auf.
»Ich muss ja zur Arbeit. Es ist schon höchste Zeit. Hab da beim
Schwatzen alles übrige vergessen! Danilo wird sicherlich brummen. Nun,
leben Sie wohl, Fräulein, ich muss jetzt schleunigst in die Stadt.«
Tonja stand rasch auf und zog ihre Jacke an.
»Ich muss auch heim. Gehen wir gemeinsam.«
»Nein, ich muss rennen. Da kommen Sie nicht mit.«
»Warum nicht? Laufen wir um die Wette. Mal sehen, wer's schneller kann.«
Pawka musterte sie geringschätzig.
»Um die Wette? Mit mir wollen Sie's aufnehmen?«
»Na, wir werden sehen. Lassen Sie uns erst mal von hier wegkommen.«
Pawel sprang über den Stein und reichte Tonja die Hand. Sie rannten
durch den Wald und gelangten auf einen breiten, ebenen Waldweg, der zur
Station führte.
In der Mitte des Weges machte Tonja halt:
»Also - jetzt kann's losgehen: eins, zwei, drei! Fangen Sie mich!« Und
wie ein Wirbelwind sauste sie davon. Die Sohlen ihrer Halbschuhe
flimmerten nur so vor seinen Augen, ihre blaue Jacke flatterte im Wind.
Ich werde sie im Handumdrehen einholen, dachte Pawel, als er der
fliegenden Jacke nachjagte. Es gelang ihm jedoch erst am Ende des
Waldweges, unweit der Station, sie einzuholen. In vollem Lauf packte er
sie fest an den Schultern.
»Gefangen, Vögelchen!« rief er fröhlich, ganz außer Atem.
»Lassen Sie mich los, es tut ja weh«, wehrte sich Tonja. Sie standen
beide keuchend da, mit pochendem Herzen, und die vom schnellen Lauf
erschöpfte Tonja schmiegte sich leicht an Pawel. Wie nahe war sie ihm
jetzt! Das währte nur einen Augenblick, prägte sich ihm aber tief ins
Gedächtnis ein.
»Mich hat noch niemand einholen können«, sagte sie und befreite sich
aus seinen Händen.
Dann trennten sie sich sogleich. Pawel schwenkte zum Abschied seine Mütze
und lief in die Stadt.
Als er die Tür zum Kesselraum öffnete, war der Heizer Danilo bereits
mit der Feuerung beschäftigt. Ärgerlich drehte er sich um.
»Später konntest du wohl nicht kommen? Soll ich etwa für dich heizen,
was?«
Aber Pawel klopfte dem Heizer in bester Laune auf die Schulter und sagte
besänftigend: »Gleich wird der Ofen brennen, Alterchen.« Daraufhin
machte
er sich an den Holzstapeln zu schaffen.
Um Mitternacht, als Danilo laut schnarchend auf den Holzscheiten lag,
holte Pawel, nachdem er den ganzen Motor aufs gründlichste geölt und
dann die Hände so gut wie möglich mit Werg gesäubert hatte, die
zweiundsechzigste Fortsetzung von »Guiseppe Garibaldi« aus der Kiste
hervor und vertiefte sich in den spannenden Roman über die Abenteuer
Garibaldis, des legendären Führers der neapolitanischen »Rothemden«.
»Mit ihren wunderschönen blauen Augen blickte sie den Herzog an …«
Sie hatte auch blaue Augen, erinnerte sich Pawel. Und ist auch etwas
ganz Besonderes. Gar nicht wie sonst die Kinder reicher Leute, dachte
er. Und rennen kann sie wie der Blitz.
Ganz in seine Gedanken an das Erlebnis des vergangenen Tages vertieft,
hatte Pawel das verstärkte Sausen des Motors überhört, der vor Überbelastung
zitterte. Das riesige Schwungrad drehte sich mit rasender
Geschwindigkeit, und die betonierte Plattform, auf der der Motor stand,
bebte.
Als Pawel einen Blick auf das Manometer warf, stand der Zeiger bereits
mehrere Teilstriche über der roten Linie.
»Verdammt noch mal!« rief Pawel, sprang von der Kiste auf, stürzte
zum Dampfhebel und drehte ihn zweimal herum. Der aus der Abflussröhre
strömende Dampf zischte hinter der Wand des Heizraumes auf. Den Hebel
nach unten drückend, schob Pawel den Schwungriemen auf das Rad, das die
Pumpe in Gang setzte.
Pawel blickte auf Danilo, doch der schlief sorglos, mit weitgeöffnetem
Mund, und stieß schaurige Töne aus.
Nach einer halben Minute war der Zeiger des Manometers wieder auf seinem
alten Stand.
Als
sich Tonja von Pawel getrennt hatte, ging sie nach Hause. Sie sann über
die neuerliche Begegnung mit diesem schwarzäugigen Jungen nach, und
ohne sich dessen bewusst zu werden, freute sie sich darüber.
Wie lebhaft und hartnäckig er ist! Und er ist gar nicht so ein Grobian,
wie mir erst schien. Auf jeden Fall ist er allen diesen affigen
Gymnasiasten gar nicht ähnlich …
Er war aus anderem Holz geschnitzt, stammte aus einem Milieu, mit dem
Tonja bis jetzt nie in Berührung gekommen war.
Man kann ihn zähmen, dachte sie, und das wird eine interessante
Freundschaft werden.
Als sich Tonja dem Elternhaus näherte, sah sie Lisa Sucharko, Nelly und
Viktor Leszczynski im Garten sitzen. Viktor las. Sicherlich warteten die
drei auf sie.
Tonja begrüßte alle und setzte sich dann auf die Bank. Während der
Unterhaltung rückte Viktor Leszczynski näher zu Tonja heran und fragte
leise:
»Haben Sie den Roman gelesen?«
»Ach ja, den Roman!« besann sich Tonja.
»Und ich hab ihn doch …« Sie hätte beinah herausgeplappert, dass
sie das Buch vorhin am Seeufer hatte liegenlassen.
»Nun, wie hat Ihnen das Buch gefallen?« Viktor sah sie aufmerksam an.
Tonja dachte nach, hob, indem sie mit der Spitze ihres Halbschuhs
irgendeine verschnörkelte Figur in den Sand zeichnete, langsam den Kopf
und blickte ihn an.
»Nein, ich habe einen anderen Roman angefangen, einen interessanteren
als den, den Sie mir gebracht haben.«
»Ach so …«, meinte Viktor gedehnt.
»Und wer ist der Verfasser?« Tonja blickte ihn mit spöttisch
funkelnden Augen an.
»Niemand …«
»Tonja, bitte die Gäste herein, der Tee wartet auf euch«, rief Tonjas
Mutter von der Veranda aus.
Tonja fasste die beiden Mädchen unter und ging mit ihnen ins Haus. Und
Viktor, der hinterdreinschritt, zerbrach sich den Kopf über Tonjas
Worte, ohne deren Sinn erfassen zu können.
Das
neue, noch unbewusste Gefühl, das sich unmerklich in das Leben des
jungen Heizers eingeschlichen hatte, erregte und beunruhigte den
verwegenen und wilden Burschen.
Tonja war die Tochter des Oberförsters, und ein Oberförster war für
ihn das gleiche wie der Rechtsanwalt Leszczynski.
Pawel, der in Not und Entbehrung aufgewachsen war, hatte für alle, die
nach seinem Begriff reich waren, nichts als Feindseligkeit übrig. Auch
Tonja gegenüber war Pawel vorsichtig und misstrauisch. Bei ihr war für
ihn nicht alles einfach und verständlich, wie zum Beispiel bei
Galotschka, der Tochter des Steinmetzen; Tonja war keine aus seinem
Kreis. Mit großer Vorsicht nahm er alles auf, was von Tonja kam, stets
bereit, den geringsten Spott und Hochmut dieses schönen und gebildeten
Mädchens, ihm, dem Heizer, gegenüber aufs schärfste zu bekämpfen.
Eine ganze Woche lang hatte Pawel das Mädchen nicht gesehen; heute
wollte er zum See gehen. In der Hoffnung, sie zu treffen, nahm er
absichtlich den Weg an ihrem Haus vorüber. Am Zaun des Gartens
entlangschlendernd, erblickte er an seinem äußersten Ende die
wohlbekannte Matrosenbluse. Er bückte sich nach einem Tannenzapfen, der
am Boden lag, und zielte damit nach der weißen Bluse.
Tonja wandte sich rasch um. Als sie Pawel erblickte, lief sie schnell
zum Zaun und gab dem Jungen fröhlich lachend die Hand.
»Endlich lassen Sie sich sehen«, sagte sie erfreut. »Wo haben Sie nur
die ganze Zeit gesteckt? Ich war am See, hatte dort mein Buch vergessen
und dachte, dass ich Sie dort treffen würde. Kommen Sie doch herein in
den Garten.«
Pawel schüttelte den Kopf.
»Nein, das geht nicht.«
»Warum denn nicht?« Sie zog erstaunt die Augenbrauen hoch.
»Ihr Vater wird sicher schimpfen. Sie können dafür noch etwas
abbekommen. ›Wozu hast du diesen Vagabunden hergeschleppt‹, wird er
sagen.«
»Sie reden aber Unsinn zusammen, Pawel.« Tonja wurde böse. »Kommen
Sie sofort herein. Mein Vater sagt niemals so etwas, Sie werden sich
selbst davon überzeugen. Kommen Sie!«
Sie öffnete eilig die Gartentür. Pawel folgte ihr etwas unsicher.
»Lesen Sie gern?« fragte sie, als sie sich an den runden Gartentisch
gesetzt hatten.
»Sehr gern«, erwiderte Pawel lebhaft.
»Welches ist Ihr Lieblingsbuch?«
Pawel dachte einen Augenblick nach und antwortete: »Guiseppa Garibaldi.«
»Guiseppe Garibaldi«, korrigierte Tonja.
»Dies Buch lieben Sie also?«
»Ja, sehr. Ich habe schon achtundsechzig Fortsetzungen davon gelesen.
Jeden Lohntag kauf ich mir fünf Stück. Das war ein fabelhafter Mensch,
dieser Garibaldi!« rief Pawel begeistert aus.
»Was für ein Held! Der war richtig! Wie musste er sich mit seinen
Feinden herumschlagen und blieb doch immer Sieger! Wie viele Länder hat
er durchzogen! Ach, wenn der heute lebte, ich würde mich ihm sofort
anschließen. Und all seine Leute waren einfache Arbeiter, und immer hat
er für die Armen gekämpft.«
»Wollen Sie, dass ich Ihnen unsere Bibliothek zeige?« fragte Tonja und
nahm ihn bei der Hand.
»Nein, ins Haus geh ich nicht«, antwortete Pawel entschieden, ohne
sich von der Stelle zu rühren.
»Warum sind Sie denn so eigensinnig? Oder fürchten Sie sich
vielleicht?«
Pawel schaute auf seine bloßen Füße, die sich nicht gerade durch
besondere Sauberkeit auszeichneten, und kratzte sich hinterm Ohr.
»Ihre Mutter oder Ihr Vater werden mich sicher davonjagen.«
»Lassen Sie doch endlich dieses Gerede, oder ich werde ernstlich böse«,
brauste Tonja auf.
»Na, warum denn, Leszczynski lässt einen doch auch nicht in die
Wohnung, mit unsereinem spricht er nur in der Küche. Ich kam mal zu
ihnen in irgendeiner Angelegenheit, da ließ mich die Nelly nicht einmal
ins Zimmer - wahrscheinlich, damit ich ihnen die Teppiche nicht
beschmutze oder weiß der Teufel, weshalb sonst.«
Pawel lächelte.
»Los, gehen wir endlich hinein.« Tonja fasste ihn bei der Schulter und
schob ihn freundschaftlich zur Veranda hin.
Sie führte ihn durch das Esszimmer in einen anderen Raum mit einem
riesigen Bücherschrank. Pawel gewahrte einige hundert Bände, in
gleichmäßigen Reihen aufgestellt, und staunte über den noch nie
gesehenen Reichtum.
»Gleich werde ich für Sie ein interessantes Buch finden, und Sie
versprechen mir, zu uns zu kommen und sich ständig Bücher zu holen,
ja?«
Pawel nickte freudig.
»Ich habe Bücher sehr gern.«
Sie verbrachten einige fröhliche und angenehme Stunden miteinander.
Tonja stellte ihn der Mutter vor, und das erwies sich als gar nicht so
schlimm; ihr gefiel Pawel.
Tonja führte Pawel auch in ihr Zimmer, zeigte ihm ihre Romane und
Schulbücher.
Auf dem Toilettentisch stand ein kleiner Spiegel. Tonja ließ Pawel
hineinblicken und sagte lachend:
»Warum sehen Ihre Haare bloß so wuschlig aus? Kämmen Sie die denn
nie, und lassen Sie die nicht mal schneiden?«
»Ich lasse mir den Kopf immer ratzekahl scheren, wenn die Haare zu lang
geworden sind. Was soll man denn sonst mit ihnen anfangen?«
rechtfertigte sich Pawel verlegen.
Tonja nahm lachend ihren Kamm vom Toilettentisch und glättete behänd
die strubbligen Haare.
»Sehen Sie, jetzt schauen Sie ganz anders aus«, sagte sie, Pawel
betrachtend.
»Sie müssen die Haare hübsch schneiden lassen, sonst sehen Sie wie
ein Zottelbär aus.«
Sie warf einen kritischen Blick auf sein verschossenes Hemd und seine
abgewetzten Hosen, sagte jedoch nichts.
Pawel hatte diesen Blick bemerkt und schämte sich nun seines Aufzuges.
Beim Abschied bat ihn Tonja wiederzukommen und nahm ihm das Versprechen
ab, in zwei Tagen gemeinsam angeln zu gehen.
Pawel sprang mit einem Satz durchs offene Fenster in den Garten; er
wollte nicht noch einmal durch die Wohnung gehen und der Mutter
begegnen.
Seit
Artjoms Verschwinden war in der Familie Kortschagin Schmalhans Küchenmeister.
Pawels Lohn reichte nicht zum Leben.
Maria Jakowlewna beschloss, sich mit ihrem Sohn zu beraten, ob sie nicht
wieder arbeiten gehen sollte. Leszczynskis suchten gerade eine Köchin.
Aber Pawel war entschieden dagegen.
»Nein, Mutter, ich werde mir noch Extraarbeit suchen. Im Sägewerk
werden Hilfsarbeiter zum Brettersortieren gebraucht. Ich werde dort
halbtägig arbeiten, und dann wird es für uns beide reichen. Du sollst
nicht arbeiten gehen, sonst wird Artjom auf mich böse sein und sagen:
Nicht einmal das hat er fertig gebracht, dass die Mutter nicht zu
arbeiten brauchte.«
Die Mutter wollte ihm beweisen, dass sie unbedingt auch verdienen müsse,
aber Pawel blieb bei seiner Meinung, und schließlich gab sie nach.
Schon am folgenden Tag begann Pawel im Sägewerk zu arbeiten. Er musste
dort die frisch gesägten Bretter zum Trocknen auslegen. Pawel traf an
der neuen Arbeitsstelle alte Bekannte: Mischa Lewtschukow, mit dem er
zusammen in die Schule gegangen war, und Wanja Kuleschow. Er beschloss,
gemeinsam mit Mischa Akkordarbeit zu übernehmen. Der Verdienst war
ziemlich gut. Am Tag arbeitete Pawel jetzt in dem Sägewerk, und abends
eilte er ins Elektrizitätswerk.
Nach zehn Tagen brachte er der Mutter seinen Lohn. Als er ihr das Geld
aushändigte, trat er verlegen von einem Fuß auf den anderen und bat
schließlich:
»Weißt du, Mutter, kauf mir doch ein Satinhemd, ein blaues - kannst du
dich noch entsinnen, so eins, wie ich voriges Jahr hatte. Dabei geht
zwar die Hälfte des Geldes drauf, aber hab keine Angst, ich werde noch
mehr verdienen. Meins ist gar zu alt«, rechtfertigte er sich, als
wollte er sich wegen seiner Bitte entschuldigen.
»Natürlich, natürlich musst du eins haben, Pawluscha. Noch heute kauf
ich den Stoff, und morgen näh ich dir das Hemd. Wirklich, du hast ja
kein einziges anständiges Hemd.« Zärtlich sah sie ihren Sohn an.
Pawel machte vor einem Friseurgeschäft halt, überzeugte sich, dass er
noch einen Rubel in der Tasche hatte, und ging hinein.
Der Friseur, ein gewandter Bursche, bemerkte den eintretenden Jungen und
wies ihm einen Sessel an.
»Nehmen Sie Platz!«
Pawel ließ sich in dem tiefen, bequemen Sessel nieder und erblickte im
Spiegel ein verlegenes, verwirrtes Gesicht.
»Soll ich Sie kahlscheren?« fragte der Friseur.
»Ja … das heißt, im Grunde genommen, nein … im großen und ganzen
… und - wie nennen Sie das eigentlich …..« Pawel gestikulierte
verzweifelt.
»Ach so, ich verstehe.« Der Friseur lächelte.
Schwitzend und erschöpft, aber gut geschnitten und frisiert verließ
Pawel nach einer Viertelstunde das Geschäft. Der Friseur hatte die
widerspenstige Mähne hartnäckig mit Wasser, Kamm und Bürste
bearbeitet und schließlich doch den Sieg davongetragen.
Auf der Straße atmete Pawel befreit auf und zog die Mütze tiefer ins
Gesicht.
Was wird nur die Mutter sagen, wenn sie das sieht!
Pawel
konnte nicht, wie versprochen, zum Angeln kommen, und Tonja war
beleidigt.
Sehr aufmerksam ist dieser Junge gerade nicht, dachte sie ärgerlich.
Als sich Pawel jedoch auch in den nächsten Tagen nicht blicken ließ,
begann die Zeit wieder lang zu werden.
Sie hatte sich eben zum Spazierengehen fertiggemacht, als die Mutter die
Tür zu ihrem Zimmer öffnete und sagte:
»Besuch für dich, Tonja. Darf er hereinkommen?«
In der Tür stand Pawel; Tonja erkannte ihn nicht einmal sogleich.
Er trug eine neue blaue Satinbluse und schwarze Hosen. Die geputzten
Stiefel glänzten, und - Tonja sah es sofort - seine Haare waren
geschnitten und standen nicht mehr wie vorher zu Berge. Der schwarzäugige
Heizer erschien ihr jetzt in einem ganz anderen Licht.
Tonja wollte schon ihre Verwunderung äußern; aber um den ohnedies
verlegenen Jungen nicht noch mehr zu verwirren, tat sie so, als hätte
sie diese auffällige Veränderung nicht bemerkt.
Sie überschüttete ihn mit Vorwürfen:
»Schämen Sie sich denn gar nicht? Warum sind Sie nicht zum Angeln
gekommen? So halten Sie also Wort?«
»Ich habe diese Tage im Sägewerk gearbeitet und konnte nicht kommen.«
Er wollte ihr doch nicht verraten, dass er, um sich Hemd und Hose kaufen
zu können, in den letzten Tagen bis zum Umfallen geschuftet hatte.
Tonja erriet dies jedoch von selbst, und ihr ganzer Ärger war dahin.
»Wollen wir einen Spaziergang zum Teich machen?« schlug sie vor, und
sie gingen durch den Garten auf die Chaussee hinaus.
Und jetzt vertraute ihr Pawel, wie einem Freund, das große Geheimnis
von der gestohlenen Pistole des Leutnants an. Er versprach ihr, an einem
der
nächsten Tage mit ihr tief in den Wald zu gehen und Schießübungen
anzustellen.
»Verrat mich aber nicht!« Das Du kam ganz unerwartet.
»Ich werde dich niemals verraten«, beteuerte Tonja feierlich.
VIERTES
KAPITEL
Heftig
und schonungslos tobte der Klassenkampf in der Ukraine. Immer mehr
Menschen griffen zu den Waffen, und jeder Zusammenstoß ließ die Zahl
der Kämpfer anwachsen.
Das ruhige Leben der Bevölkerung lag weit, weit zurück in der
Vergangenheit.
Einem Sturm gleich brauste es durch das Land, die baufälligen Häuschen
erzitterten unter den Kanonenschüssen. Ängstlich drückten sich die
Einwohner in den Kellern und in den Gräben herum, die sie selber
ausgehoben hatten.
Lawinenartig überfluteten Petljura-Banden verschiedener Färbung und
Schattierung, kleine und große Atamane, eine endlose Zahl von Banditen,
das Gouvernement.
Ehemalige Offiziere, rechte und linke ukrainische Sozialrevolutionäre -
jeder verwegene Abenteurer, der imstande war, eine Meute Halsabschneider
um sich zu scharen, erklärte sich zum Ataman, rollte zuweilen die
gelb-blaue Fahne der Petljura-Anhänger auf und riss dort, wo es ihm
seine Kräfte und die Lage erlaubten, die Macht an sich.
Aus diesen bunt zusammengewürfelten Banden, die durch Kulaken und
galizische Regimenter aus dem Belagerungskorps des Atamans Konowalez
verstärkt wurden, formierte der »Hauptataman Petljura« seine
Regimenter und Divisionen. Und gegen dieses Gelichter von
Sozialrevolutionären und Kulakenmeuten stürmten die roten
Partisanenabteilungen vor, und die Erde erzitterte unter Hunderten und
Tausenden von Pferdehufen, MG-Wagen und Munitionskarren.
Im April jenes unruhigen Jahres neunzehnhundertneunzehn pflegte sich der
tödlich erschrockene und verwirrte Spießer, wenn er des Morgens den
Schlaf aus den Augen rieb und die Fenster seines Häuschens öffnete,
besorgt bei dem schon früher auf gestandenen Nachbarn zu erkundigen:
»Wer ist denn heute in der Stadt am Ruder, Awtonom Petrowitsch?«
Awtonom Petrowitsch zog die Hose hoch, sah sich ängstlich um und sagte:
»Ich weiß es nicht, Afanas Kirillowitsch. Nachts sind irgendwelche
Truppen eingezogen. Wir werden schon sehen. Werden die Juden geplündert,
so sind es Petljura-Leute. Und wenn es die ›Genossen‹ sind, dann
kann man das gleich an den Gesprächen merken. Da halte ich jetzt
Ausschau, um zu erfahren, wessen Bild man heute aufhängen soll, damit
es einem nicht so geht wie meinem Nachbarn Gerassim Leontjewitsch. Er
hatte einmal nicht ganz genau nachgeschaut und hängte ein Bild von
Lenin auf. Und ausgerechnet kommen da drei Leute von einer
Petljura-Abteilung zu ihm ins Haus. Kaum haben sie das Bild gesehen,
fallen sie auch schon über ihn her und ziehen ihm mit der Peitsche
zwanzig über. ›Wir werden dir Hundesohn, kommunistischem Luder das
Fell schon gehörig gerben‹, sagten sie. Wie sehr er sich auch zu
rechtfertigen suchte, wie sehr er auch schrie, es half ihm alles nichts.«
Und wenn ein Trupp Bewaffneter die Straße entlangzog, schlossen die
Spießer ängstlich ihre Fenster und verkrochen sich. Sicher ist sicher
…!
Bei den Arbeitern rief die gelb-blaue Fahne der Petljura-Räuber dumpfen
Hass hervor. Machtlos, etwas gegen diese Welle wilden Chauvinismus zu
unternehmen, atmeten sie nur dann auf, wenn die durchmarschierenden
Roten nach hartem Ringen mit den von allen Seiten auf sie eindringenden
Gelb-Blauen wie ein Keil ins Städtchen einbrachen. Ein, zwei Tage wehte
die rote Fahne über dem Rathaus, aber der Truppenteil zog weiter, und
wieder umhüllte Dämmerung die Stadt.
Zur Zeit war der Oberst Golub - der »Stolz und Ruhm« der Dneprdivision
-Herr der Stadt.
Tags zuvor war seine Abteilung, zweitausend Halsabschneider stark,
feierlich in die Stadt eingezogen. An der Spitze der Abteilung ritt auf
einem feurigen Rappen der Pan Oberst. Trotz der warmen Aprilsonne trug
er einen kaukasischen Filzumhang, eine Saporoger Lammfellmütze mit
himbeerfarbenem Deckel und einen Tscherkessenrock mit der dazugehörigen
Ausrüstung: Dolch und Säbel mit ziseliertem Silber.
Ein schöner Mann ist dieser Oberst Golub: große schwarze Augenbrauen,
das Gesicht bleich, mit einem leichten gelblichen Schimmer - der Spur
zahlloser Saufgelage. Im Mund hat er eine Pfeife. Vor der Revolution war
der Pan Oberst auf den Plantagen einer Zuckerfabrik als Inspektor tätig
gewesen; es war aber ein eintöniges Leben, nicht zu vergleichen mit dem
eines Atamans. Und so war denn der Inspektor aus dem Schlamm, der das
Land überschwemmte, als Pan Oberst Golub aufgetaucht.
Zu Ehren der Ankömmlinge wurde in dem einzigen Theater des Städtchens
eine prunkvolle Feier veranstaltet. Es erschien die ganze »Blüte« der
Petljura-Intelligenz: ukrainische Lehrer, die beiden Popentöchter - die
ältere, die schöne Anja, und die jüngere, Dina -, auf den Hund
gekommene Pans, ehemalige Angestellte des Grafen Potocki, dazu eine beträchtliche
Menge Kleinbürger, die sich »freie Kosakenschaft« nannten - Nachläufer
der ukrainischen Sozialrevolutionäre.
Das Theater war brechend voll. Die in grellbunte, blumenbestickte
ukrainische Nationaltrachten gekleideten, mit unzähligen bunten Bändern
und Glasperlenschnüren geschmückten Lehrerinnen, Popentöchter und
Kleinbürgerinnen waren von einem ganzen Haufen sporenklirrender Militärs
umringt, die an ein Gemälde aus der alten Saporoger Zeit erinnerten.
Das Regimentsorchester dröhnte. Auf der Bühne war man fieberhaft mit
den Vorbereitungen zu der Aufführung des Schauspiels »Nasar Stodolja«
beschäftigt.
Es gab kein elektrisches Licht. Man meldete das dem Pan Oberst im Stab.
Er war gerade im Begriff, die Feier durch seine persönliche Anwesenheit
zu ehren. Als er den Bericht seines Adjutanten, des Kosakenfähnrichs
Paljanyza (so nannte sich jetzt der ehemalige zaristische Unterleutnant
Poljanzew), angehört hatte, warf er lässig, aber gebieterisch hin:
»Das elektrische Licht hat zu brennen. Verreck meinetwegen, aber schaff
einen Monteur her und lass das Elektrizitätswerk schleunigst in Gang
setzen.«
»Zu Befehl, Pan Oberst.«
Der Fähnrich Paljanyza brauchte nicht zu verrecken, er schaffte einen
Monteur herbei.
Nach einer Stunde wurde Pawel von zwei Petljura-Leuten ins Elektrizitätswerk
gebracht. Dazu holte man noch einen Monteur und einen Maschinisten.
Paljanyza erklärte kurz und bündig:
»Wenn bis sieben Uhr kein Licht brennt, baumelt ihr alle drei da oben!«
Er deutete mit der Hand auf eine eiserne Stange.
Dieser kurz formulierte Befehl verfehlte nicht seine Wirkung. Zur
festgesetzten Zeit brannte das Licht.
Die Feier war schon in bestem Gang, als der Pan Oberst in Begleitung
seiner Freundin - eines vollbusigen Mädchens mit strohgelbem Haar, der
Tochter des Gastwirts, in dessen Haus er Quartier genommen hatte - das
Theater betrat.
Nachdem er sich auf dem Ehrenplatz dicht an der Rampe niedergelassen
hatte, gab er das Zeichen zum Beginn. Im gleichen Augenblick teilte sich
auch schon der Vorhang. Vor den Augen der Zuschauer tauchte der Rücken
des davoneilenden Regisseurs auf.
Während der Vorstellung pumpten sich die Offiziere in Gesellschaft
ihrer Damen am Büfett ordentlich mit Selbstgebranntem voll, den der
allgegenwärtige Paljanyza besorgt hatte, und sprachen eifrigst den
reichhaltigen Leckerbissen zu, die in der Stadt requiriert worden waren.
Gegen Ende der Aufführung
hatten alle schon einen gehörigen Schwips.
Paljanyza sprang dann auf die Bühne und verkündete theatralisch:
»Meine verehrten Herrschaften, wir werden jetzt mit dem Tanz beginnen.«
Im Saal wurde Beifall geklatscht. Alle begaben sich auf den Hof, damit
die Petljura-Soldaten, die für diesen Abend zur Bewachung des Theaters
mobilisiert worden waren, die Stühle wegbringen konnten und so Platz
zum Tanzen geschafft wurde.
Eine halbe Stunde später ging es im Theater hoch her. Die stark
angeheiterten Petljura-Offiziere tanzten wie toll einen ukrainischen
Hopak mit den vor Hitze geröteten Stadtschönen, und das Stampfen der
schweren Stiefel ließ die Wände des altersschwachen Theaters
erzittern.
Um diese Zeit näherte sich aus der Richtung, in der die Mühle stand,
eine bewaffnete Abteilung Berittener dem Städtchen.
Die am Ortseingang postierte, mit Maschinengewehren versehene
Petljura-Wache bemerkte die herankommenden Reiter, wurde unruhig und
machte die Maschinengewehre schussbereit. Die Verschlüsse knackten,
dann wurde die nächtliche Stille durch einen schrillen Ruf
unterbrochen: »Halt! Wer da?«
Aus der Dunkelheit lösten sich zwei Gestalten; eine von ihnen ritt auf
die Wache zu und brüllte mit lautem, versoffenem Bass:
»Ich bin der Ataman Pawljuk mit meiner Abteilung. Und wer seid ihr?
Golub-Leute?«
»Jawohl«, antwortete der vortretende Offizier.
»Wo kann ich meine Abteilung unterbringen?« fragte Pawljuk.
»Ich werde mich gleich telefonisch beim Stab erkundigen«, antwortete
der Offizier und verschwand in einem kleinen, am Weg stehenden Haus.
Nach einer Minute erschien er wieder und befahl:
»Los, Jungs, weg mit dem Maschinengewehr von der Straße! Gebt dem Pan
Ataman den Weg frei.«
Pawljuk zog die Zügel an und machte vor dem hell erleuchteten Theater
halt, wo die Lustbarkeit ihren Höhepunkt erreicht hatte.
»Aha, da geht's ja fröhlich her«, sagte er zu dem neben ihm reitenden
Kosakenhauptmann.
»Lasst uns absteigen, Gukmatsch, wir kommen gerade recht. Suchen wir
uns die passenden Weiber aus. Die gibt's hier wie Sand am Meer. - He,
Staleshko«, schrie er, »mach Quartier für die Jungs! Wir bleiben
hier. Die Wache geht mit mir.« Er stieg schwerfällig vom Pferd.
Am Theatereingang wurde Pawljuk von zwei bewaffneten Petljura-Soldaten
angehalten.
»Ihre Eintrittskarte?«
Pawljuk streifte die beiden jedoch nur mit einem verächtlichen Blick
und schob den einen mit der Schulter beiseite. So folgten ihm etwa zwölf
Leute seiner Abteilung. Ihre Pferde hatten sie am Gartenzaun
festgebunden.
Die Neuankömmlinge erregten sofort allgemeine Aufmerksamkeit. Besonders
fiel die riesige Gestalt Pawljuks auf, der einen Offiziersrock aus gutem
Tuch, blaue Gardehosen und eine zottige Pelzmütze trug. Über der
Schulter hatte er an einem Riemen eine Mauserpistole hängen, und aus
der Tasche lugte eine Handgranate hervor.
»Wer ist das?« flüsterten die Leute, die um den Tanzboden
herumstanden, wo sich Golubs Adjutant gerade stürmisch mit der älteren
Popentochter im Kreis drehte. Ihre fliegenden Röcke enthüllten den
begeisterten Kriegern die seidenen Höschen des außer Rand und Band
geratenen Mädchens.
Pawljuk bahnte sich mit den Schultern einen Weg durch die Menge und trat
in den Kreis.
Lüsternen Blicks schaute er auf die Beine der Popentochter, feuchtete
die trockenen Lippen mit der Zunge an und schritt mitten durch die
Tanzenden auf das Orchester zu. Er stellte sich vor die Rampe und ließ
seine geflochtene Lederpeitsche knallen.
»Einen feurigen Hopak, los!«
Der Dirigent des Orchesters schenkte ihm keine Beachtung. Da holte
Pawljuk heftig mit der Peitsche aus und ließ sie auf den Rücken des
Dirigenten sausen. Dieser sprang auf wie von einer Tarantel gestochen.
Die Musik brach jäh ab. Im Saal trat augenblicklich Stille ein.
»So eine Frechheit!« brauste die Gastwirtstochter auf.
»Das darfst du auf keinen Fall dulden.« Erregt drückte sie den Arm
Golubs.
Golub erhob sich schwerfällig von seinem Sitz, stieß mit dem Fuß
einen vor ihm stehenden Stuhl um, ging drei Schritte auf Pawljuk zu und
blieb dicht vor ihm stehen. Er hatte Pawljuk sofort erkannt. Mit diesem
Konkurrenten um die Macht im Bezirk hatte er noch alte Rechnungen zu
begleichen.
Erst vor einer Woche hatte Pawljuk dem Pan Oberst auf gemeinste Weise
ein Bein gestellt.
Mitten im heftigsten Kampf mit einem roten Regiment, das die Golub-Leute
nicht zum ersten Mal in die Enge trieb, war Pawljuk, anstatt die
Bolschewiki von hinten anzugreifen, in eine kleine Ortschaft
eingebrochen, hatte die schwachen Posten der Roten überrannt und
ringsum Sperren gestellt, um dann im Ort eine Plünderung vorzunehmen,
die alle bisher erlebten übertraf. Natürlich war diese Aktion, wie
sich das für einen echten Petljura-Mann gehörte, gegen die jüdische
Bevölkerung gerichtet gewesen.
Währenddessen hatten aber die Roten den rechten Flügel der Golub-Leute
zusammengehauen und waren verschwunden.
Und jetzt war der freche Rittmeister hier eingedrungen und hat es
gewagt, in Anwesenheit des Pan Oberst dessen Kapellmeister zu schlagen.
Das konnte Golub keinesfalls dulden. Er verstand sehr wohl, dass es mit
seiner Autorität im Regiment aus sein würde, wenn er nicht
augenblicklich diesen übergeschnappten Ataman in die Schranken wies.
Einige Sekunden lang standen sie sich Auge in Auge schweigend gegenüber.
Golub, der mit der einen Hand den Säbelgriff presste und mit der
anderen nach der Pistole in seiner Tasche griff, fuhr ihn an:
»Was unterstehst du dich, meine Leute zu schlagen, du Schuft?« Langsam
griff auch Pawljuks Hand nach der Pistolentasche.
»Sachte, Pan Golub, sachte, sonst könnten Sie was abkriegen. Treten
Sie mir nicht auf mein Lieblingshühnerauge, ich könnte vielleicht noch
beleidigt sein.«
Diese höhnischen Worte waren für Golubs Geduld zuviel.
»Packt sie, schmeißt sie aus dem Theater, und zieht jedem noch fünfundzwanzig
Ordentliche über!« schrie er.
Von allen Seiten warfen sich die Offiziere wie eine Koppel Jagdhunde auf
die Pawljuk-Leute.
Ein Schuss knallte. Im Saal entstand ein Gedränge und ein
Durcheinander, als wären zwei Rudel Hunde aufeinander losgelassen.
Blindlings schlugen die Gegner mit den Säbeln aufeinander los, packten
den erstbesten beim Schopf oder direkt an der Gurgel. Die zu Tode
erschrockenen Frauen kreischten laut auf und drängten von den Raufenden
weg.
In wenigen Minuten waren die Pawljuk-Leute entwaffnet, verprügelt, in
den Hof hinausgeschleppt und auf die Straße gesetzt.
Pawljuk hatte bei der Schlägerei seine Pelzmütze eingebüßt, man
hatte ihm das Gesicht blutig geschlagen und ihn entwaffnet - er raste
vor Wut. Er schwang sich aufs Pferd und sprengte mit seiner Abteilung
von dannen.
Der Abend war verdorben. Keinem kam es in den Sinn, sich nach diesen
Vorgängen noch zu amüsieren. Die Frauen weigerten sich zu tanzen und
verlangten, dass man sie nach Hause begleite; aber Golub zeigte sich
bockbeinig.
»Niemand wird aus dem Saal hinausgelassen! Stellt Posten auf!«
Paljanyza beeilte sich, dem Befehl nachzukommen.
Auf die zahlreichen Proteste antwortete Golub eigensinnig einige Male:
»Es wird weitergefeiert bis zum Morgen, meine Damen und Herren. Ich
werde selbst den ersten Walzer tanzen.«
Abermals setzte die Musik ein, doch zu einem vergnügten Fest sollte es
nicht mehr kommen.
Kaum hatte der Oberst eine Runde mit der Popentochter getanzt, als die
Posten zur Tür hereinstürmten mit den Rufen:
»Die Pawljuk-Leute umzingeln das Theater.«
Das nach der Straße gelegene Fenster neben der Bühne zersprang
klirrend. Im Fensterrahmen erschien der Lauf eines Maschinengewehrs.
Alle stürzten in die Mitte des Saales.
Paljanyza schoss nach der 1000-Watt-Birne an der Decke, diese platzte
wie eine Bombe und überschüttete die Anwesenden mit einem Regen feiner
Glassplitter.
Tiefe Finsternis.
Von der Straße her hörte man schreien:
»Alles auf den Hof hinaus!«, und es folgte ein wüstes Geschimpfe.
Das tolle, hysterische Gekreisch der Frauen, die wütenden Befehle des
im Saal herumrennenden Golub, der versuchte, die kopflos gewordenen
Offiziere um sich zu sammeln, die Schüsse und Rufe auf dem Hof - all
dies verschmolz zu unglaublichem Lärm. Niemand hatte bemerkt, wie
Paljanyza durch eine Hintertür auf die Nebenstraße hinausgeschlüpft
war und zum Stab Golubs rannte.
Nach einer halben Stunde tobte in der Stadt ein regelrechtes Gefecht.
Die nächtliche Stille wurde durch ununterbrochenes Gewehrknattern
zerfetzt, unterstützt von dem Rattern der Maschinengewehre. Die völlig
aus dem Häuschen geratenen Spießbürger sprangen aus ihren Federbetten
und starrten zu den Fenstern hinaus.
Allmählich hörte die Schießerei auf. Nur am Rand der Stadt war noch
hin und wieder das kurze Gebell eines Maschinengewehrs zu hören.
Der Kampf ließ nach. Der Morgen dämmerte schon …
Gerüchte
über einen Pogrom gingen um in der Stadt. Sie gelangten auch in die
niedrigen jüdischen Häuschen mit den schiefen Fenstern, die wie
angeklebt am schmutzigen Flussabhang hockten. In diesen Schachteln, die
sich Häuser nannten, kampierte in unglaublicher Enge die jüdische
Armut.
In der Druckerei, in der Serjosha Brusshak bereits das zweite Jahr
arbeitete, waren Setzer und Hilfsarbeiter Juden. Serjosha lebte mit
ihnen in bestem Einvernehmen. Alle hielten kameradschaftlich wie eine
Familie gegen den Unternehmer, den dicken, selbstzufriedenen Herrn
Blumstein, zusammen. Zwischen ihm und den Druckereiarbeitern spielte
sich ununterbrochen ein zäher Kampf ab. Blumstein war bestrebt, das
Letzte aus den Leuten herauszupressen und die Löhne möglichst zu drücken.
Deshalb waren die Arbeiter wiederholt in den Streik getreten und hatten
die Druckerei zwei, drei Wochen stillgelegt. Es waren dort insgesamt
vierzehn Mann beschäftigt. Serjosha war der jüngste, zwölf Stunden
lang drehte er täglich das Rad der Druckpresse. Heute fiel Serjosha die
besondere Unruhe unter den Arbeitern auf. In den letzten stürmischen
Monaten hatte der Betrieb nur immer von Fall zu Fall Aufträge erhalten.
Man druckte die Aufrufe des Hauptatamans.
Der schwindsüchtige Setzer Mendel rief Serjosha in eine Ecke und sagte:
»Weißt du, dass es in der Stadt zu Pogromen kommen wird?«
Serjosha blickte erstaunt auf.
»Nein, davon weiß ich nichts.«
Mendel legte seine knochige gelbe Hand auf Serjoshas Schulter und sagte
in väterlich vertraulichem Ton:
»Es wird ganz bestimmt dazu kommen. Das ist klar. Sie werden die Juden
umbringen. Ich frage dich: Willst du deinen Kollegen in der Not
beistehen oder nicht?«
»Natürlich will ich das, wenn ich nur kann. Mendel, sag mir, was ich
tun soll.«
»Du bist ein feiner Kerl, Serjosha, wir vertrauen dir. Dein Vater ist
ja auch Arbeiter. Lauf sofort nach Haus und sprich mit deinem Vater,
frag ihn, ob er bereit ist, einige alte Leute und Frauen bei sich zu
verstecken. Wir werden dann vorher ausmachen, wen wir bei euch
unterbringen. Berate dich dann noch mit den Deinen, bei wem man noch
Leute verbergen kann. Lauf schnell,
Serjosha, jede Minute ist kostbar.«
»Gut, Mendel, kannst auf mich rechnen. Ich renne sofort zu Pawka und
Klimka. Sie werden bestimmt auch jemanden aufnehmen.«
»Wart einen Augenblick«, sagte Mendel beunruhigt und hielt den schon
aufbrechenden Serjosha zurück.
»Wer ist das - Pawka und Klimka? Kennst du die beiden gut?«
»Das sind meine Freunde; der Bruder von Pawka Kortschagin ist
Schlosser.«
»Ah, Kortschagin«, meinte Mendel beruhigt, »den kenne ich. Ich habe
mal zusammen mit ihm in einem Haus gewohnt. Dem kann man vertrauen. Geh,
Serjosha, und bring uns bald Bescheid.«
Serjosha rannte los.
Die Pogrome nahmen am dritten Tag nach dem Gefecht zwischen den
Pawljuk-Leuten und der Golub-Abteilung ihren Anfang.
Der geschlagene und aus der Stadt vertriebene Pawljuk hatte sich mit
seinen Leuten zurückgezogen und die Nachbarortschaft besetzt. Bei dem nächtlichen
Kampf hatte er zwei Dutzend Mann verloren. Ebensogross war der Verlust
der Golub-Abteilung.
Die Toten wurden eiligst auf den Friedhof gebracht und noch am selben
Tag ohne besondere Feierlichkeiten beerdigt, denn man hatte keinen
Grund, viel Aufhebens zu machen. Zwei Atamane waren einander wie toll
gewordene Hunde an die Gurgel gefahren. Keine Ursache, das Begräbnis
groß aufzuziehen. Paljanyza verlangte zwar Begräbnisfeierlichkeiten,
wobei er die Pawljuk-Leute zu roten Banditen erklärt haben wollte, aber
das Komitee der Sozialrevolutionäre, dem der Pope Wassili vorstand, war
dagegen.
Der nächtliche Zusammenstoß hatte in Golubs Regiment Unzufriedenheit
hervorgerufen, besonders unter der Hundertschaft der Leibwache Golubs,
deren Verluste an Toten am größten waren. Um diese Unzufriedenheit zu
beseitigen und die Stimmung zu heben, machte Paljanyza dem Obersten den
Vorschlag, »das Leben zu erleichtern«, wie er höhnisch die
Veranstaltung eines Pogroms nannte. Er berief sich auf die in der
Abteilung herrschende schlechte Stimmung und suchte so Golub die
Notwendigkeit eines Pogroms zu beweisen. Angesichts der bedrohlichen
Lage gab der Oberst, der anfangs nicht gewillt gewesen war, vor seiner
Hochzeit mit der Gastwirtstochter die Ruhe in der Stadt zu stören,
schließlich seine Zustimmung.
Die geplante Aktion kam dem Herrn Oberst auch wegen seines Eintritts in
die Partei der Sozialrevolutionäre ein wenig ungelegen. Auch könnten
seine Feinde noch unliebsames Gerede über ihn verbreiten, dass er,
Golub, ein Pogromanstifter sei, und bestimmt würden sie ihn beim
Hauptataman anschwärzen. Einstweilen jedoch war Golub nur sehr wenig
vom Hauptataman abhängig, er versorgte sich mit seiner Bande auf eigene
Rechnung und Gefahr. Außerdem wusste der Hauptataman nur zu gut, was für
Gelichter in seinem Dienst stand, und er hatte auch selbst mehr als
einmal die Bedürfnisse des Direktoriums aus so genannten »Requisitionen«
befriedigt. Was übrigens Golubs Ruf als Pogromanstifter betraf, so war
dieser schon seit langem solide genug begründet; da gab es nicht mehr
viel hinzuzufügen.
Die Plünderei begann am frühen Morgen.
Das Städtchen lag noch im grauen Morgendunst.
Die einsamen, menschenleeren Straßen durchzogen gleich durchnässten
Leinenstreifen kreuz und quer die ungleichmäßig gebauten jüdischen
Viertel. Die kleinen Fenster mit den blinden Scheiben waren verhängt
und die Fensterläden fest verschlossen.
Äußerlich schienen die Viertel in tiefem Schlaf zu liegen. Drinnen in
den Häuschen jedoch schlief keiner. Dicht aneinandergedrängt saßen
die Familien in einem der Stübchen. Nur die ganz kleinen Kinder, die
von all dem, was um sie herum vorging, nichts verstanden, schliefen
sorglos und ruhig in den Armen ihrer Mütter.
An diesem Morgen musste sich Salomyga, der Chef der Golubschen Leibwache
- ein schwarzhaariger Bursche mit einem Zigeunergesicht und einer
graublauen, von einem Säbelhieb stammenden Narbe auf der Wange -, lange
abmühen, bis er Golubs Adjutanten Paljanyza aus dem Schlaf reißen
konnte.
Der Adjutant war noch nicht zu sich gekommen. Ein dummer Traum quälte
ihn und ließ ihn nicht los. Ein buckliger Teufel mit scheußlich
verzerrter Fratze hatte sich an seiner Kehle festgekrallt und ihm die
ganze Nacht keine Ruhe gelassen. Als er schließlich den zum Zerspringen
schmerzenden Kopf erhob, wurde ihm klar, dass Salomyga ihn weckte.
»Los, steh auf, verdammt noch mal!« Salomyga schüttelte ihn derb an
der Schulter.
»Es ist schon spät. Man muss endlich anfangen. Hast wohl zuviel
gesoffen, was?«
Paljanyza schüttelte den Schlaf ab und setzte sich auf. Ein scharfes
Sodbrennen plagte ihn, er spie bitteren Speichel aus.
»Was ist denn los, womit sollen wir anfangen?« Verständnislos glotzte
er Salomyga an.
»Was los ist? Wir wollen uns doch heute die Juden vornehmen. Hast du
das etwa vergessen?«
Paljanyza dachte nach. Ach ja, richtig das hatte er ganz vergessen.
Gestern Abend war auf dem Gutshof, auf den sich der Pan Oberst mit
seiner Braut und einem Haufen Saufkumpanen zurückgezogen hatte, ein mächtiges
Gelage abgehalten worden.
Golub hatte es nämlich vorgezogen, während des Pogroms die Stadt zu
verlassen; so konnte er sagen, dass in seiner Abwesenheit ein Missverständnis
geschehen wäre, und Paljanyza würde die Sache schon deichseln. Oh,
dieser Paljanyza war ein sehr erfahrener Fachmann, was die »Lebenserleichterung«
betraf.
Paljanyza goss sich einen Eimer Wasser über den Kopf und konnte allmählich
seine Gedanken sammeln. Bald lief er auch schon im Stab umher und
erteilte verschiedene Befehle.
Die Leibwache war bereits aufgesessen. Um Komplikationen zu vermeiden,
hatte der vorsorgliche Paljanyza Befehl erteilt, die Wege aus der
Arbeitersiedlung und vom Bahnhof in die Stadt zu bewachen.
Im Garten des Leszczynskischen Hauses wurde ein Maschinengewehr
aufgestellt, dessen Lauf auf die Landstraße gerichtet war. Sollten die
Arbeiter die Absicht haben, sich in die Sache einzumischen, so würde es
Kugeln hageln.
Als alle Vorbereitungen beendet waren, schwangen sich der Adjutant und
Salomyga aufs Pferd.
Im letzten Augenblick fiel Paljanyza etwas ein.
»Halt, beinah hätt ich was vergessen. Her mit zwei Wagen. Wir wollen
doch Golub ein Hochzeitsgeschenk mitbringen.« Er lachte.
»Die erste Beute kriegt wie immer der Kommandeur, und das erste Weib,
das kriege ich, sein Adjutant. Hast du's verstanden, du dämlicher
Trottel?«
Das bezog sich auf Salomyga.
Dieser funkelte ihn aus seinen gelblichen Augen an.
»Es wird schon für alle reichen.«
Sie ritten auf der Chaussee, an der Spitze der Adjutant und Salomyga,
hinter ihnen der ungeordnete Haufen der Hundertschaft.
Allmählich lichtete sich der Morgennebel. Vor einem zweistöckigen Haus
mit dem verrosteten Aushängeschild »Galanteriewarenhandlung Fuchs«
ließ Paljanyza das Pferd halten.
Seine feingliedrige graue Stute stampfte unruhig mit den Hufen aufs
Pflaster.
»Nun, mit Gottes Hilfe, hier fangen wir an«, sagte Paljanyza und saß
ab.
»Los, Jungs, runter von den Pferden«, wandte er sich an die
Begleitmannschaft.
»Gleich wird die Vorstellung beginnen. Herrschaften, haut aber
niemandem den Schädel ein. Dazu ist später noch Zeit genug. Na, und
die Weiber - wenn ihr nicht allzu scharf seid, haltet euch bis zum Abend
zurück.«
Einer der Leute fletschte die kräftigen Zähne und wandte ein:
»Aber wieso denn, Pan Fähnrich, vielleicht haben die selber Lust dazu?«
Wieherndes Gelächter ringsum. Paljanyza blickte den Sprecher begeistert
an.
»Natürlich, wenn die selber Lust haben, dann los, das kann euch
niemand verbieten.«
Paljanyza ging zu der verschlossenen Ladentür und stieß heftig mit dem
Fuß dagegen. Die starke Eichentür rührte sich nicht einmal.
Der Anfang musste woanders gemacht werden. Der Adjutant bog um die Ecke
und wandte sich, den Säbel in der Faust, zu der Haustür, die in die Räume
des Geschäftsinhabers führte. Salomyga folgte ihm.
Die Hausbewohner hatten schon längst das Stampfen der Pferdehufe auf
dem Pflaster vernommen. Als dann das Getrappel vor dem Laden verstummte
und Stimmen, durch die Wände zu hören waren, hatten sie ein Gefühl,
als würde ihnen das Herz aus der Brust gerissen und der ganze Körper
stürbe ihnen ab.
Drei Menschen waren in dem Haus. Der reiche Fuchs war schon am
vorangegangenen Abend mit Frau und Töchtern aus der Stadt geflohen. Zu
Hause gelassen hatte er das schüchterne und stille Dienstmädchen, die
neunzehnjährige Riwa, die ihm Hab und Gut hüten sollte. Damit sie sich
in der leeren Wohnung nicht fürchte, hatte er ihr geraten, ihre alten
Eltern zu sich zu nehmen und bis zu seiner Rückkehr zu dritt in der
Wohnung zu bleiben. Der durchtriebene Kaufmann versuchte die nur schwach
widerstrebende Riwa damit zu beruhigen, dass es vielleicht gar nicht zu
einem Pogrom kommen würde - was sei schon bei den Armen zu holen? Und
nach seiner Rückkehr würde er ihr Stoff für ein neues Kleid schenken.
Alle drei im Haus lauschten in qualvoller Hoffnung: Vielleicht reiten
sie vorüber, vielleicht haben sie sich geirrt, vielleicht haben die da
gar nicht vor ihrem Haus Halt gemacht? Vielleicht ist alles nur eine
Sinnestäuschung? In dem Moment aber erdröhnte, wie um all ihre
Hoffnung zunichte zu machen, ein dumpfer Schlag gegen die Ladentür.
Der alte schlohweiße Peisach, der mit kindlich erschrockenen blauen
Augen an der Tür stand, die in den Laden führte, murmelte ein Gebet.
Mit der ganzen Leidenschaft eines Gläubigen flehte er den allmächtigen
Jehova um Rettung an. Während er inständig um Abwendung des Unglücks
von diesem Haus betete, näherten sich draußen Schritte.
Ein dröhnender, grober Stoß gegen die Tür ließ die beiden Alten
zusammenfahren.
»Aufmachen!« Es folgte ein zweiter Stoß, noch derber als der erste,
und das Fluchen wütender Stimmen.
Aber die Alten waren nicht imstande, die Hand zu heben und den Riegel
beiseite zu schieben.
Nun wurde mit Gewehrkolben gegen die Tür gestoßen. Sie geriet aus den
Fugen und gab krachend nach.
Das Haus füllte sich mit Bewaffneten, die sofort alle Winkel durchstöberten.
Ein Stoß mit dem Gewehrkolben brach die von der Wohnung in den Laden führende
Tür auf. Die Eindringlinge gingen hinein und schoben sogleich die
Riegel der Außentür zurück.
Jetzt begann die Plünderei.
Als die Fuhren mit Stoffen, Schuhen und anderer Beute voll beladen
waren, schaffte Salomyga alles in Golubs Wohnung. Bei seiner Rückkehr
ins Haus hörte er einen verzweifelten Aufschrei.
Paljanyza hatte seinen Leuten die weitere Plünderung des Ladens überlassen
und war ins Zimmer gegangen. Er musterte die drei dort mit seinen grünlichen
Luchsaugen und sagte, zu den Alten gewandt:
»Schert euch weg!«
Weder der Vater noch die Mutter rührten sich.
Paljanyza trat auf sie zu und zog langsam den Säbel aus der Scheide.
»Mutter!« schrie die Tochter mit durchdringender Stimme.
Dies war der Schrei, den Salomyga vernommen hatte.
Paljanyza wandte sich an seine herbeigeeilten Kumpane und befahl kurz,
auf die Alten weisend:
»Schmeißt die raus!« Und als diese mit Gewalt aus der Tür gedrängt
waren, sagte Paljanyza zu dem hinzugekommenen Salomyga:
»Bleib eine Weile vor der Tür stehen - ich werde einige Worte mit dem
Mädel reden.«
Als der alte Peisach einen Schrei hörte und zur Tür stürzte, traf ihn
ein schwerer Schlag gegen die Brust und schleuderte ihn an die Wand. Dem
Alten verging vor Schmerz der Atem. Da warf sich die sonst immer so schüchterne
alte Toiba wie eine Wölfin auf Salomyga:
»Was tun Sie, was tun Sie! Lassen Sie mich durch!«
Sie stürzte zur Tür, und Salomyga war nicht imstande, ihre krampfhaft
in seinen Überrock gekrallten Greisenfinger zu lösen.
Peisach, wieder zur Besinnung gekommen, eilte ihr zu Hilfe.
»Lassen Sie, lassen Sie uns durch! Oh, meine Tochter!«
Mit vereinten Kräften schoben sie Salomyga von der Tür weg. Wütend
riss dieser seine Pistole heraus und versetzte dem Alten mit dem Griff
einen Schlag auf den ergrauten Kopf. Lautlos brach Peisach zusammen.
Aus dem Zimmer drangen Riwas gellende Schreie.
Als Toiba, die ihrer Sinne nicht mehr mächtig war, hinausgeschleppt
wurde, hallten ihre unmenschlichen Schreie und Hilferufe über die ganze
Straße.
Im Haus war es still geworden.
Als Paljanyza das Zimmer verließ, sagte er, ohne Salomyga anzusehen,
der schon nach der Türklinke griff:
»Geh nicht rein - mit der ist's aus. Ich habe sie ein bisschen mit dem
Kissen zugedeckt.« Er schritt über den Leichnam des alten Peisach
hinweg und trat in eine dicke dunkle Flüssigkeit.
»Hm, das war kein guter Anfang«, bemerkte er, als er auf die Straße
hinausging.
Schweigend folgten ihm die übrigen. Ihre Füße ließen blutige Spuren
auf Fußboden und Stufen zurück.
In der Stadt war bereits die Hölle los. Es kam zu einem kurzen
Handgemenge unter den Plünderern, die sich über die Verteilung der
Beute nicht einig werden konnten. Hier und da wurden Säbel gezückt,
und fast überall gab es wüste Schlägereien.
Aus einer Kneipe wurden große eichene Fässer aufs Straßenpflaster
gerollt.
Dann ging's von Haus zu Haus.
Niemand setzte sich zur Wehr. Die Räuber rannten durch die winzigen
Zimmerchen, durchstöberten hastig alle Winkel und verließen dann, mit
allen möglichen Gegenständen beladen, die Häuser, in denen außer
Haufen von Lumpen und herumwirbelnden Federn aus dem Bettzeug nichts zurückblieb.
Der erste Tag zählte nur zwei Todesopfer: Riwa und ihren Vater. In der
Nacht jedoch sollten noch grauenhaftere Verbrechen geschehen.
Am Abend war die gesamte bunt zusammengewürfelte Meute bis zur
Besinnungslosigkeit besoffen. In dieser Verfassung erwartete die vom
Alkohol vertierte Petljura-Bande den Anbruch der Nacht.
Die Nacht ließ ihnen völlig freie Hand. In der undurchdringlichen
Finsternis gehen Mord und Totschlag leichter vonstatten. Auch Schakale
ziehen die Nacht bei ihren Raubzügen vor und fallen nur die bereits dem
Tode Geweihten an.
Keiner wird sein Leben lang diese entsetzlichen zwei Nächte und drei
Tage vergessen. Wie viele Menschen wurden zu Krüppeln geschlagen oder
vernichtet, wie viele junge Köpfe ergrauten in jenen blutigen Stunden,
wie viele Tränen wurden vergossen! Und wer weiß, ob jene glücklicher
waren, die am Leben blieben - mit leerem Herzen, unmenschlich gepeinigt
von der untilgbaren Schmach, voll von unsagbarem Kummer, dem Kummer um
die erschlagenen Angehörigen. Teilnahmslos lagen junge Mädchenkörper
in den Gässchen, geschändet, gefoltert, mit verrenkten Gliedmaßen,
apathisch gegenüber allem, was vor sich ging.
Und nur ganz unten am Fluss, in dem Häuschen des Schmiedes Naum, stießen
die Banditen, als sie seine junge Frau Sara überfielen, auf den
erbittertsten Widerstand. Der athletische Schmied, in der Kraft seiner
vierundzwanzig Jahre, mit den stahlharten Muskeln des geübten
Hammerschlägers, wollte seine Gefährtin unter keinen Umständen
hergeben.
In dem kleinen Haus kam es zu einem kurzen, aber erbitterten Gefecht,
wobei zwei Petljura-Leute getötet wurden. Nachdem Naum alle Patronen
verschossen hatte, opferte er die letzte Kugel seiner Frau Sara und warf
sich selbst mit gefälltem Bajonett dem Tod entgegen. Von vielen Kugeln
durchlöchert, sank sein schwerer Körper auf die erste Stufe der Treppe
nieder.
In dem Städtchen tauchten, die wohlgenährten Pferde vor den Wagen
gespannt, Großbauern aus den umliegenden Dörfern auf und beluden ihre
Fuhrwerke mit allem, was ihr Gefallen erregte. Von ihren Söhnen und
Verwandten aus der Golub-Abteilung begleitet, fuhren sie eilig zwei-,
dreimal zwischen Dorf und Stadt hin und zurück.
Als Serjosha Brusshak, der gemeinsam mit seinem Vater die Hälfte seiner
Kollegen aus der Druckerei im Keller und auf dem Boden verborgen hatte,
durch den Gemüsegarten auf sein Häuschen zuging, erblickte er auf der
Chaussee einen flüchtenden Mann.
Die Arme schwenkend, in einem langschößigen, geflickten Überrock,
ohne Mütze, rannte dort keuchend ein alter Jude, mit totenbleichem
Gesicht, gejagt von einem Petljura-Mann auf einem grauen Pferd, der
gerade zum Schlag ausholen wollte. Als der Alte das Pferd dicht hinter
sich hörte, machte er eine Handbewegung, als wollte er sich vor dem
drohenden Hieb schützen. Serjosha lief auf die Chaussee, sprang schützend
vor den Alten und warf sich dem Pferd entgegen:
»Untersteh dich, du Bandit, du Hund!«
Der Berittene, der gar nicht daran dachte, den Säbelhieb aufzuhalten,
ließ die flache Klinge auf den weißblonden Kopf des Jungen
niedersausen.
weiter
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