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Literaturnobelpreis für Herta Müller:

Des Deutschtums alte Phase

Von Günter Ackermann

Kommunisten-online vom 14. Oktober 2009 – Peter-Dietmar Leber, Bundesgeschäftsführer der Landsmannschaft der Banater-Schwaben, sagte zum Nobelpreis für Herta Müller: Die aus Nitzkydorf im Banat stammende Schriftstellerin Herta Müller hat heute den Nobelpreis für Literatur erhalten. „Mittels der Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa“, zeichne die Schriftstellerin „Landschaften der Heimatlosigkeit“, erklärte die Jury. In ihrem letzten Roman „Atemschaukel“ hat Herta Müller die Deportation ihrer Landsleute zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion thematisiert.“

Naja, „Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa“ – was immer das auch sei – hat ihr den Nobelpreis gebracht und sie zeichne „Landschaften der Heimatlosigkeit“. Ich schüttele verwundert den Kopf. „Das sind doch Leer- und Nonsenssätze“, geht es mir durch den Kopf. Irre ich mich da? Wohl kaum.

Herr Leber, von der Landsmannschaft der Banater-Schwaben, sagt es dann auch deutlicher: Ihr Roman „Atemschaukel“, der ihr den Nobelpreis brachte, beschreibt die Deportation der Banater in die Sowjetunion. Die Schriftstellerin verdichtet die Poesie und Sachlichkeit zu einem Thema, dass gar nicht stattgefunden hat. Die Banater Schwaben leben noch heute im Banat (Rumänien), ebenso die Siebenbürger Sachsen in Siebenbürgen, niemand hat sie deportiert und vertrieben. Wer nach Deutschland kam, kam freiwillig und ohne jeden Zwang.

Aber natürlich wurden nach dem 2. Weltkrieg in Rumänen die Kollaborateure mit den deutschen  Faschisten etwas unsanft angefasst, inhaftiert und wohl auch einige hundert Kilometer nach Osten mit der Bahn verbracht. Die Rückfahrkarte bekamen sie dann einige Jahre danach. Aber das waren die Parteigänger der Nazis, die verfolgt wurden – und das nicht nur die deutschsprachigen Rumänen,

Dass man Kollaborateure hart anfasste, war damals üblich – nicht nur im Osten. So landeten in Frankreich die führenden Herren des Vichy-Regimes unter dem Fallbeil oder vor dem Exekutionskommando. Allerdings schreibt niemand etwas von Deportation und Vertreibung.

Fakt ist: Der Vater von Frau Müller diente in der SS. Jeder weiß, wer da drin war, war aus Überzeugung drin, war also Nazi. Die ehemaligen SS-Leute wurden nur in der BRD mit Samthandschuhen angefasst und konnten sogar Karriere machen. Vor Gericht landeten die allerwenigsten SS-Täter. Das war in anderen Ländern nicht so, auch in Rumänien wurden SS-Leute inhaftiert. Nicht mehr und auch nicht weniger. Möglicherweise gab es unter der deutschsprachigen Minderheit Rumäniens mehr aktive Kollaborateure als unter der übrigen Bevölkerung dort, daher wohl auch mehr, die in Haft waren. So einfach ist das.

Die heutige BRD-Regierung sieht das mit Deutschtümlerei. Die Deutschen, das Volk der Dichter und Denker, ist auch in Rumänien präsent, da, wo Deutsche das Land aufbauten und was alles da so gesponnen wird.

Warum aber gab (gibt) es in so vielen Ländern Ost- und Südosteuropas deutschsprachige Minderheiten? Der Grund ist nicht, dass weise Fürsten in der Vergangenheit aus ihren dummen und faulen Untertanen mit Hilfe der deutschen Einwanderer arbeitsfreudige Untertanen machen und so den Wohlstand aller mehren wollten. Die Erklärung ist ganz simpel:  Kriege, Naturkatastrophen. Pest und Missernten hatten das Land entvölkert. Die Fürsten holten sich die Menschen von da, wo die Elendsgegenden in Europa waren: aus Deutschland. Das war z.B. eine der Ursachen der Ostkolonisation, v.a. in Schlesien. Die Kriege mit den Mongolen, die bis nach Niederschlesien vordrangen, war die Ursache. 1240 besiegten die Mongolen bei der Schlacht bei Legnica das Heer des schlesischen Herzogs, wenn auch unter schweren Verlusten. Sie zogen sich dennoch zurück, hinterließen aber ein entvölkertes Land. Die schlesischen Herzöge förderten also die Einwanderung aus den deutschen Elendsgebieten in den Mittelgebirgen und anderswo.

So auch die Banater Schwaben, der Bevölkerungsgruppe, der Frau Müller entstammt. Nach den Türkenkriegen vor 200-300 Jahren, war das Land entvölkert, also förderte der Wiener Hof die Zuwanderung von Deutschen aus Süddeutschland und Lothringen. Da gab es die Menschen, die in Elend und Hunger lebten und in der Auswanderung ihre einzige Chance sahen.

Ich stelle also fest: Die deutschen Minderheiten und die deutsche Ostkolonisierung im Mittelalter war die Volke von Katastrophen in den Einwanderungsländern und zwang die Herrschenden Menschen einwandern zu lassen, wo es ihnen noch schlechter ging. Wie auch die heutigen Einwanderer kamen sie aus Ländern, in denen die Lebensbedingungen extrem schlecht waren, Das waren sie in weiten Teilen Deutschlands. Hier hatte sich die Feudalherrschaft durchgesetzt, unterdrückte die Bauern und beutete sie aus. Sofern es überhaupt freie Bauern gab, wurde ihr Besitz an Boden durch Erbteilung und durch Bauernlegen der weltlichen und kirchlichen Feudalherren immer kleiner und konnte sie nicht mehr ernähren. Also wanderten sie aus. Das ist das ganze Geheimnis der Ostkolonisierung.

Wenn also heute eine „Heimatvertriebene“ Nobelpreisträgerin für Literatur wird, so ist das eine Ermunterung der Behauptung, dass am Deutschtum die Welt genesen werde: Die Deutschen haben also den doofen und arbeitsscheuen Slawen die Kultur gebracht und wurden dann – nach 1945 – schnöde aus ihrer Heimat vertrieben, die ihre Vorfahren mit Entbehrungen urbar machten. Die Umsiedlung der Deutschen in Osteuropa ist aber ein Ergebnis des 2. Weltkriegs, eine wirkliche Vertreibung durch die UdSSR, Polen usw. gab es nicht. In Rumänien blieben sie sogar zur Gänze im Land.

Mal abgesehen davon, dass in Rumänien schon eine hohe Kultur in Blüte stand, als unsere Vorfahren sich noch in Bärenfell kleideten und mit Keulen bewaffnet Wisente erschlugen, stimmt das das ganze von Vertreibung nicht. Ich will hier nicht ins Detail gehen, an anderer Stelle habe ich hierüber schon geschrieben.

Herta Müller ist nie vertrieben worden, niemand hat ihr nahe gelegt, Rumänien zu verlassen. Das war ihre ureigenste Entscheidung. Wieso schreibt dann die CDU-Bundestagsabgeordnete und Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, dazu so, als sei Frau Müller eine Heimatvertriebene? Erika Steinbach schrieb: Mit diesem Nobelpreis wird deutlich, wie wertvoll das kulturelle Erbe der Deutschen aus dem Osten ist. Es gilt, dieses Erbe zu bewahren und weiterhin zu fördern.

Mit ihrer überragenden poetischen Kraft und ihrer unbestechlich antitotalitären Einstellung hat sie ein Werk geschaffen, das weit über die Ländergrenzen hinweg wirkt.

Mit ihrem Buch „Atemschaukel“ holt sie das grausame Schicksal der in sowjetische Lager deportierten Deutschen aus Rumänien in das Licht der Öffentlichkeit. Darüber hinaus hat das Buch auch besondere Bedeutung für die Millionen in den Gulag Deportierten anderer Nationen, denen ein ähnliches Schicksal widerfahren war.“

Die Krokodilstränen der Frau Steinbach sind ebenso Lüge, wie ihre eigene „Vertreibung“. Sie wurde zwar im Osten geboren, aber zum einen, in einem Ort, der nach dem Völkerrecht nach dem 1. Weltkrieg zur Republik Polen gehörte (polnischer Korridor) und im 2. Weltkrieg besetzt war. Daher gilt sie hier nicht als Vertrieben aus dem ehemals zu Deutschland gehörenden Ostgebieten. Der Vater von Erika Steinbach war Besatzungssoldat, er war in Polen stationiert. Die Eltern lebten in Bremen, aber die Mutter zog zu ihrem Mann ins besetzte Polen. Dort wurde Frau Steinbach geboren. Wer hat sie von da vertrieben? Dass die deutsche Wehrmacht und ihr gesamter Tross, sich vor der Roten Armee zurück ziehen musste, meinetwegen vertrieben wurde, ist klar. Aber was war da Unrecht?

Nein, was wir hier erleben, ist eine Hervorhebung des Deutschtums, ist Chauvinismus pur und wird zur Propagierung des Deutschtums verwendet. Hat das alles das Nobelpreiskomitee nicht gewusst? Es musste das wissen. Mal abgesehen vom Umstand, dass selbst namhafte Literaturkritiker, wie Marcel Reich-Ranicki, verwundert und sprachlos sind.

Krzysztof Maslon, der Feuilletonist der renommierten Tageszeitung „Rzeczpospolita” in Polen schreibt über die Nobelpreisverleihung den Artikel „Dwa oblicza nagrody“[1] und meint „Über den Nobelpreis für Herta Müller werden sich nicht nur Antikommunisten und die Opfer kommunistischer Verfolgung freuen, nicht nur die Feministinnen, sondern auch – so denke ich – die Mitglieder des deutschen Bundes der Vertriebenen. Ein Nobelpreis von Erika Steinbach – das gefällt mir schon sehr viel weniger”. 

Maslon und die Zeitung „Rzeczpospolita” sind alles andere, aber nicht links, sondern eher bürgerlich-konservativ. Mit diesen Worten will ich es beim Thema belassen. Herta Müller hat den Nobelpreis bekommen, das spricht eher gegen diesen Preis.

G.A.


[1]  deutsch: „Die zwei Gesichter des Preises” siehe

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Literaturnobelpreis für Herta Müller:

Vertreibungen

Von U.H. Schliz (Managua, Nikaraguar)

Kommunisteen-online vom 15. Oktober 2009 – Grundsätzlich bin ich gegen jede Vertreibung. Wie ist das nun also mit jenen Deutschen, die vor dem zweiten Weltkrieg in Ostpreußen, Schlesien, im Banat etc. lebten und das danach nicht mehr tun konnten?

Grundsätzlich als Kommunist gehe ich davon aus, daß die führenden Genossen der kommunistischen Parteien, sich was dabei gedacht haben. Ich bin sicher, daß sie genau, wie ich auch, grundsätzlich gegen jede Vertreibung waren als sie bestimmte Entscheidungen diesbezüglich durchführten.

Wenn es also ums denken geht, muss man ganz genau den Finger auf jeden Posten legen und fragen: Wie kommt der da hin? (Unser geliebter Brecht)

Posten Nr. 1:

Nichts dabei gedacht haben sich offenbar überwiegende und flächendeckende Teile dieser Deutschen im Osten als sie frenetisch die Völkermordpolitik des heimischen Reiches aktiv oder akklamierend bis sehnsüchtig unterstützten. Und das taten sie! Das ist ein schwer zu schluckender, aber harter Fakt. Laut Wikipedia haben ein erheblicher Teil der banater Schwaben in der SS gedient oder sonst wie  diesem unsäglichen deutschen Völkermordregime Beifall gezollt. (Einige Hundert haben sich aber auch den Partisanen angeschlossen und die wurden nicht „vertrieben” oder enteignet.) Es ist manchmal ein geistiger Kraftakt, sich in dieses die Phantasie übersteigende Leiden der Millionen in den Gaskammern verröchelnden und die Verzweiflung der sonst irgendwie ihres Lebensrechts und ihrer Lebensaussicht beraubten vorzustellen. Eines ist aber völlig klar: die Opfer konnten hinterher nur eins sagen: NIE WIEDER! Nur das konnten sie sagen – und konsequent durchführen. Den noch immer fruchtbaren Schoß aus dem das kroch, musste man sich, soweit wie es geht, vom Hals halten. Und dieser Schoß hat – in diesem Fall – ein deutsches Gesicht  und auch das Gekrochene – da ist nichts zu machen. Und wer sich bei Rassismus und Völkermord nichts denkt, kann hinterher keine Toleranz erwarten, als ob er es nicht gewesen wäre. Das ist doch die tumb-taube Dreistigkeit des deutschen Michels, der – geistig faul und impotent – nur seinen eigenen Bauchnabel beschaut  und für den die „Anderen” auf eine so gleichgültige und so unempfindliche Art einfach nicht gelten, daß einem das Frösteln kommt.

Die „Anderen” muss er dann feststellen: Die Völker des Ostens, zum Beispiel –, fanden das Alles nicht so lustig, wie er. Sie hatten die Dreistigkeit auch leben zu wollen.

Wenn mir – als „Untermensch” – dieses „Untermenschenschicksal” passiert wäre, wäre es mir ganz sicher auch tausendmal scheißegal, ob er der da vorher gelebt hat oder nicht – nur weg damit. NIE WIEDER! Aber ganz, ganz sicher. Das ist die einzigmögliche logische Reaktion. Das hat außer mit Gerechtigkeit vor Allem etwas mit Selbstschutz zu tun. Denen das weh tat, trugen auch die Verantwortung.

Nein?

Posten Nr.2:

Das fing ja nicht mit dieser „Vertreibung” an. Da war ja vorher schon was passiert und zwar gar nicht niedlich: Nämlich die völkermordende Vertreibung der Ostvölker durch deutschtümelnde Nazis – mit der angekündigten Aussicht, daß sie als „lebensunwertes Leben”  nur Zyklon B erwartet – im besten Fall, ein tierhaftes Sklavendasein. In ihr enteignetes Eigentum zogen nun die „deutschen Herrenmenschen” ein. Dieser Teil des Films wird immer ausgeblendet.

Als die Rote Armee Hitler das Genick brach, wurde der Spieß umgedreht. Und jetzt war plötzlich Schluss mit lustig. Jetzt ging’s anders rum.  Und vergleichsweise ging es ja dann den ehemaligen „Herrenmenschen” dann nicht so schlecht – trotz „Vertreibung”. Sie konnten ja frei  leben und ziemlich gut – daheim im Reich, das jetzt eine Bundesrepublik war. Das Leben der „Anderen” – hingegen – war nämlich zu Asche geworden – im Krematorium nach der Gaskammer. 

In den fünfziger Jahren wurden dann sowieso die meisten Bestimmungen gegen sogenannte Volksdeutsche aufgehoben. Die Lage normalisierte sich. Gemessen an den Fakten ist das reichlich großzügig und ausgesprochen humanistisch Da wurde sicher enteignet. Aber für wen? Für die geschundenen Völker! Wer wurde enteignet? Die Schinder und ihre Mitläufer!

Posten Nr. 3:

Wer wurde nun  wirklich vertrieben? Zunächst war es das tausendjährige Reich, das die Ostkolonisatoren zu tausenden heimholte. Dann, als die rote Panzerfaust der Sowietvölker unter Führung Stalins „ante portas” war, trieben das Nazi-Deutschland hunderttausende – oder verbrachte sie – mit einer völlig verantwortungslosen  Gräuelpropaganda nach Westen. Sicher war es auch das schlechte Gewissen um das,  was sie getan oder gelassen hatten, und herrenmenschliche Abscheu vor den „mordenden Horden asiatischer Untermenschen”. Allemal aber war es ihr höchsteigenes und persönliches Gespinst, das sie trieb. Bei diesem verantwortungslosen und fliehenden, und völlig unnötigen Massenwahnsinn kamen abertausende ums Leben. Dafür kann nun kein „abscheulicher Kommunist” rein gar nichts. Aber sie – die „Vertriebenen” tun so, als ob. Sie waren keine Täter.

Und jetzt hat dieser Alptraum von geistiger Struktur auch noch einen Nobelpreis bekommen. Oh, Deutschland, arme Mutter!

(Verteibt mich doch bitte auch ein bisschen – nach rechts! – Das lohnt sich so.)

(Hier im sandinistischen Nikaragua war es auch ein Bombengeschäft als politischer Flüchtling zu gelten, auch wenn dich nicht mal Deine Schwiegermutter verfolgte. Das wurde richtig gut bezahlt von den entsprechenden Organisationen. Viele haben das mehrmals wiederholt, einschließlich Repatriierung)

Wer also noch übrig blieb, als diese Gebiete im Osten befreit wurden, das waren nicht mehr so Viele.

Meine Stiefmutter – ganz sicher des Kommunismus unverdächtig – ist auch Donauschwäbin. Das heißt, sie lebte auf der serbischen Seite in Apatin. Sie verbrachte nach der Befreiung Jugoslawiens ein paar Jahre in einem sowjetischen Arbeitslager. Sie hat sich zum Teil dabei die Zehen abgefroren. Das Ganze war kein Honigschlecken.

Laut ihrer eigenen Schilderung, war das so zwangsweise nicht. Sie hätte sich dem durchaus entziehen können. Man forderte sie auf, als Deutsche beim Wiederaufbau der zerstörten Sowietunion zu helfen. Es war dann so hart, wie sie es sich nicht vorgestellt hatte, wobei sie gleichzeitig einräumt, daß das sowjetische Volk in dem zertrümmerten Land auch nicht besser lebte als sie im Lager. Die Menschen dort waren sehr solidarisch mit den Lagerinsassen und teilten häufig mit ihnen, was sie hatten. Die Lage verbesserte sich dann langsam. Allmählich gab es dann z.B. Kino oder wo man sonst ausgehen konnte. Das hat sie immer wieder erzählt. Sie hat den Rest ihres Lebens eine Rente aus der  Sowjetunion bezogen als Entschädigung für die körperlichen Folgeschäden.

Ich bin grundsätzlich gegen Vertreibungen. Dabei ist es nun schlechterdings unmöglich „Vertriebene” des großdeutschen Typs vor ihrer eigenen völkerfeindlichen Parteilichkeit zu schützen.

Ich als Deutscher – und das bin ich allemal – schlage denen das eine Wort um die hoffärtige Fresse, dieses eine Wort, das sie ihr ganzes Leben lang nicht hören und wahr haben wollten: Verantwortung.

Sie sind nämlich noch sehr glimpflich davongekommen.

H.U.Sch.

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Der Deutschtumspreis

BERLIN/STOCKHOLM

german-foreign-policy.com vom 12.10.2009 – Organisationen der Berliner „Deutschtums“-Politik bejubeln die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an die „rumäniendeutsche“ Autorin Herta Müller. Die Preisvergabe sei ein Hinweis darauf, „wie wertvoll das kulturelle Erbe der Deutschen aus dem Osten ist“, erklärt die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach (CDU): „Es gilt, dieses Erbe zu bewahren und zu fördern.“ Der BdV hat erst vor kurzem ein Projekt gestartet, das der „deutschen Ostsiedlung“ der vergangenen Jahrhunderte mit einer Ausstellung nach dem Vorbild des „Zentrums gegen Vertreibungen“ neue Publizität verschaffen soll. Das Vorhaben gilt deutschsprachigen Minderheiten in Ost- und Südosteuropa, die von Politik und Wirtschaft der Bundesrepublik genutzt werden, um als Brückenköpfe der Berliner Expansion zu fungieren. Das Nobelpreis-Komitee verschafft einer dieser Minderheiten, den „Banater Schwaben“, denen Herta Müller angehört, exemplarische Popularität. Die politischen Intentionen des Stockholmer Komitees, das bei seinen Entscheidungen die Unterstützung ausländischer Interessenten genießt, helfen damit dem BdV und geben der „Deutschtums“-Politik neuen Auftrieb. Kritik an der Nobelpreis-Vergabe wird in Staaten laut, die von „Deutschtums“-Interventionen betroffenen sind, so etwa in Polen.

Deutsches Erbe

Mit großer Zufriedenheit registrieren Organisationen der Berliner „Deutschtums“-Politik die Vergabe des Literatur-Nobelpreises an die Autorin Herta Müller. Müller stammt aus dem Banat, einer Region im Westen Rumäniens um Timişoara, in die seit dem 18. Jahrhundert zahlreiche deutschsprachige Siedler eingewandert waren; sie werden „Banater Schwaben“ genannt. Die Minderheit, der Müller angehört, lebt bis heute in Rumänien. Die Autorin habe „dem kleinen Banat, seinen Menschen und seiner Geschichte einen großen Namen gegeben“, resümiert die „Landsmannschaft der Banater Schwaben“.[1] Ihr Werk leiste einen „Beitrag zum besseren Verständnis des Schicksals und Daseins unserer Gemeinschaft“, schreibt die ebenfalls „rumäniendeutsche“ „Siebenbürgische Zeitung“.[2] Die Nobelpreis-Vergabe mache „deutlich, wie wertvoll das kulturelle Erbe der Deutschen aus dem Osten ist“, erklärt die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach: „Es gilt, dieses Erbe zu bewahren und weiterhin zu fördern.“[3]

„Vertriebenen“-Projekt

In der Tat befördert das Nobelpreis-Komitee mit der Vergabe der Auszeichnung an Herta Müller die politischen Anliegen der Berliner „Deutschtums“-Organisationen. So hat der BdV, dessen letztes großes Vorhaben, das „Zentrum gegen Vertreibungen“, derzeit unter staatlicher Mitwirkung in Berlin verwirklicht wird [4], erst kürzlich ein neues Projekt gestartet: eine Ausstellung („Die Gerufenen“ [5]), welche die Geschichte des „Deutschtums“ in Ost- und Südosteuropa thematisiert. Sie behandelt sämtliche europäischen Gebiete außerhalb des ehemaligen Deutschen Reichs, in denen sich deutschsprachige Siedler in erheblichem Umfang niederließen. Dazu gehören Teile Rumäniens, etwa auch die Region, in der Herta Müller ihre ersten 34 Lebensjahre verbrachte; sie hat ihr bedeutende Teile ihrer literarischen Arbeit gewidmet. Mit dem jüngsten Ausstellungsprojekt versucht der BdV den deutschsprachigen Minderheiten Ost- und Südosteuropas eine größere öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Scheinbar

Eine Publizität, wie sie der BdV für das östliche „Deutschtum“ wohl kaum hätte herstellen können, hat das Nobelpreis-Komitee den Absichten der deutschen Minderheitenpolitik scheinbar unerwartet verschafft. An der unvermittelten Nobelpreis-Entscheidung sind jedoch Zweifel angebracht. Zumindest in der Vergangenheit stand das Komitee mit ausländischen Interessenten in Verbindung, die bestimmte Kandidaten andienten und andere aus Gründen der politischen Außenwirkung verhindern wollten. So rühmt sich eine Kulturabteilung der CIA, über den Sekretär des Nobelpreiskomitees die Auszeichnung des chilenischen Poeten Pablo Neruda im Jahr 1964 verhindert zu haben. Für diese Lobby-Tätigkeit floss Geld, heißt es in den CIA-Dokumenten, die von der englischen Autorin Frances Stonor Saunders 1999 veröffentlicht wurden.[6]

Deutsch oder rumänisch?

Seit die Preisvergabe in Stockholm bekannt wurde, entdecken die Massenmedien innerhalb und außerhalb Deutschlands das westrumänische Banat und die dortige deutschsprachige Minderheit. Berichte über die deutschsprachige Nikolaus-Lenau-Schule in Timişoara („Temeschburg“), deren Schülerin Herta Müller war, werden um Reportagen über die Minderheit im Banat und ihre gesellschaftlichen Besonderheiten ergänzt. Spekulationen, ob Herta Müller eine „deutsche“ oder eine „rumänische Schriftstellerin“ sei, werden ebenso laut wie die Frage, ob „die Diskussion über den Status der Siebenbürger Sachsen oder Banater Schwaben nochmals aufleben“ werde.[7] Die deutschsprachigen Bürger Rumäniens besitzen bereits jetzt einen anerkannten Minderheitenstatus; allerdings werden von völkischen „Deutschtums“-Organisationen gelegentlich weiterreichende Forderungen thematisiert.[8]

„Deutschtums“-Inseln

Die „Deutschtums“-Inseln in Ost- und Südosteuropa genießen seit je die besondere Aufmerksamkeit der Berliner Außenpolitik. Deutsche Politiker und Unternehmer knüpfen bevorzugt an die Sprachkenntnisse sowie die verbreitete „Deutschtums“-Loyalität der dortigen Minderheiten an und nutzen deren Angehörige als Einflussagenten. Zu einer prominenten Anlaufstelle deutscher Interessenten hat sich dabei etwa das rumänische Sibiu („Hermannstadt“) entwickelt, wo eine Organisation der deutschsprachigen Minderheit („Demokratisches Forum der Deutschen in Rumänien“, DFDR) sogar den Bürgermeister stellt. Die Stadt profitiert nicht nur von Fördergeldern für die deutschsprachige Minderheit Rumäniens, sondern auch von „Entwicklungshilfe“: Ende der 1990er Jahre hat die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) im Auftrag des deutschen Entwicklungsministeriums mit der Renovierung der Altstadt von Sibiu begonnen. Es gebe dort „mittelalterliche Architektur, die eher deutsch anmutet“, heißt es in Medienberichten unter Anspielung auf die Gründung der Stadt durch deutschsprachige Siedler vor rund 800 Jahren.[9] Neben den GTZ-Investitionen haben vor allem Unternehmen aus Deutschland der Stadt in den vergangenen zehn Jahren einen beträchtlichen Aufschwung ermöglicht. „Es ist nun mal ein Unterschied, ob man für das Gespräch mit dem Vorarbeiter einen Dolmetscher braucht oder sich mit ihm direkt unterhalten kann“, erklärt der deutschsprachige Bürgermeister über die Vorteile, die die deutsche Industrie (Siemens, ThyssenKrupp, Continental und andere produzieren in der Nähe von Sibiu) bei ihrer Expansion in die Billiglohnländer Südosteuropas aus der deutschsprachigen Minderheit zieht.[10]

Nationaler Stolz

Kritische Stimmen zu den politischen Folgen der Preisvergabe sind in der Bundesrepublik kaum zu finden. Kritisieren US-Medien - auch diejenigen, die der gegenwärtigen Administration nahe stehen - die Vergabe des Friedens-Nobelpreises an US-Präsident Barack Obama als ein allzu billiges Andienen, herrscht in der deutschen Öffentlichkeit Stolz auf die Auszeichnung. Die „Deutschtums“-PR, die das Nobelpreis-Komitee Berlin mit der Preisvergabe gratis verschafft, stößt durchweg auf Zustimmung. Kritik wird hingegen in osteuropäischen Ländern laut, die von „Deutschtums“-Interventionen besonders betroffen sind, so etwa in Polen. Wie die angesehene polnische Tageszeitung Rzeczpospolita schreibt, werden sich über den jüngsten Literatur-Nobelpreis „nicht nur Antikommunisten und Opfer kommunistischer Verfolgung“ freuen, „sondern auch Funktionäre des Vertriebenenbundes“.[11]

[1] Nobelpreis für Literatur an Herta Müller; www.banater-schwaben.de
[2] Literaturnobelpreis für Herta Müller; www.siebenbuerger.de 08.10.2009
[3] Gratulation zum Nobelpreis für Literatur; Pressemitteilung des Bundes der Vertriebenen 09.10.2009
[4] s. dazu Bundestag: Mehrheit für „Zentrum gegen Vertreibung“, Die Perspektive der Täter, Revisionsoffensive und 60 Jahre Aggressionen
[5] s. dazu Die deutsche Ostsiedlung
[6] Frances Stonor Saunders: Who Paid the Piper? The CIA and the Cultural Cold War, London 1999
[7] Herta Müller ist eine deutsche Schriftstellerin; Frankfurter Allgemeine Zeitung 10.10.2009
[8] s. auch Beziehungen pflegen, Schwelende Konflikte und Hintergrundbericht: Die Föderalistische Union Europäischer Volksgruppen
[9] Tritt auf die Verkehrsbremse; Akzente 01/2005
[10] s. dazu Übernahme und Die deutsche Ostsiedlung
[11] „Die Feministinnen freuen sich“; Spiegel Online 09.10.2009

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