|
ÜBER NOLL, FÜR
NOLL
Peter
Hacks
Mit
zwei Chefs d'œuvre hat sich Dieter Noll in den Kanon der Nationalliteratur
der DDR eingetragen, den Romanen »Die Abenteuer des Werner Holt« und
»Kippenberg«. Der »Holt« war Nolls größter und bequemster Sieg. Er
wollte das schreiben, und die Leute wollten das lesen.
Noll
war im letzten Kriegswinter sechzehn oder siebzehn Jahre alt. Die »Abenteuer
des Werner Holt« sind die Fronterlebnisse eines Sechzehn- oder
Siebzehnjährigen. Die Deutschen liebten die Geschichte des kleinen
Nazisoldaten, der zu minderjährig
ist, um für Schuld im Ernst in Frage zu kommen. Sie entliehen dem juvenilen Täter seinen Hauch von Unschuld, und
sie profitierten ein wenig von seinem poetischen Freispruch. Kaum
je hat sich ein Volk in einen Bestseller so hineingeschmissen.
Es
ist klar, daß der Autor die Publikumsgunst für seinen Erstling genoß.
Wahrscheinlich ist, daß er sie irgendwann zu genießen
aufhörte. Seit dem Erscheinen des »Holt« kann Noll von
den Einkünften aus ihm leben, aber daraus, daß er von dem Buch
bis heute lebt, folgt ja nicht, daß er es bis heute liebt.
»Es
gibt da unter Ihren Schriften eine, Herr Goethe«, sagte Napoleon
am 2. Oktober 1808, »die ich, soviel will ich Ihnen verraten,
bereits sieben Mal gelesen habe und mit Gewinn immer wieder lesen werde.«
- »Ihre Majestät haben die Güte, mich
zu hoch zu ehren«, sagte Goethe. »Der Titel des besagten Werkes«,
fuhr Napoleon fort, »lautet: >Die Leiden des jungen Werthers<.«
- »Nicht das!« beschwor ihn Goethe mit gepeinigter Stimme, »Ich
flehe Ihre Majestät an, nicht schon wieder, nicht
schon wieder das!«
Tatsächlich
war der »Werther« volle 35 Jahre vor diesem Gespräch,
das ich so ziemlich Talleyrands »Erinnerungen« entnehme,
erschienen. Goethe hatte in dem drittel Jahrhundert seine Pflicht nicht
vernachlässigt. Er hatte ganz ausnehmende Romane,
Dramen und Epen in die Welt gesetzt; im Augenblick bereitete
er die »Wahlverwandtschaften« vor, die einem gutgearbeiteten
Stück Prosa bereits sehr nahekommen würden. Nicht jeder,
will ich andeuten, wird sich glücklich schätzen, dem in seinen
Kinderjahren, ein »Werther« zustößt und lebenslang anhaftet,
und ich tue hiernach wohl besser, nicht allzu stark zu betonen,
daß jeder, aber wirklich jeder DDR-Mensch den »Holt«
gelesen hat.
Der
Held im »Kippenberg« ist ein Professor, kein Schüler wie Holt.
Die Romane haben den Verfasser und außer dem so gut wie
nichts gemeinsam.
Die
Kippenberghandlung ist eine ästhetische Leistung, keine biographische
Erfahrung. Der Autor hat sie hergestellt, nicht sich von der Seele
geschaufelt. Das Muster des sozialistischen Gesellschaftsromans
ist deutlich angegangen. Der Stoff greift in die Mitte der
Gesellschaft: nicht »in die Produktion« nämlich, sondern in die
Produktivitätsfrage. Es ist die Geschichte eines Gelehrten,
welcher die Theorie und Praxis seiner Wissenschaft mit dem in der
Politik erreichten Bewußtseinsstand der DDR in Übereinstimmung zu
bringen trachtet.
Das
war alles nicht leicht zu machen und wurde dadurch erschwert, daß die
Klassenlage der 60er, worin der Plan zum »Kippenberg«
entstand, dem Verfasser in den 70ern, vom VIII. Parteitag, unter
dem Hintern weggezogen worden war. – Sie erkennen sicher, daß, wenn
der »Holt« Nolls »Werther« war, der
»Kippenberg« sein »Faust« wurde. Auch der »Faust« erhält seinen
Reichtum und seine Schwierigkeit daher, daß sich nicht feststellen läßt,
in welcher Epoche er spielt.
Vom
»Werther«-Typ sind die Bücher, die sich gleichsam von selber
schreiben. Vom »Faust«-Typ sind diejenigen, die sich beim besten
Willen nicht schreiben lassen. Ich will den anspruchsvollen Vergleich
nicht ins Müßige hineindehnen. »Holt« ist von Dieter Nolls
Hauptwerken das erfolgreichere, »Kippenberg« das besser geschriebene
und das wichtigere. Wenigstens in dem
Punkt sind Kunstwerke barmherzig, daß sie uns nicht zwingen, uns
zwischen ihnen zu entscheiden.
Nolls
Werdegang ist so nach der Regel, daß er fast nur in der DDR
möglich war. Der Abiturient studierte die Germanistik und
andere Kunstwissenschaften, anschließend ging er ins Verlagswesen.
Sein erstes Buch, der »Holt«, erschien in seinem ersten Verlag. So
normal, so berufsmäßig läuft das hier ab.
Und
doch ist Noll kein Schriftsteller nach der Regel.
Er
ist in erstaunlichem Maße das Gegenteil eines Schöngeists. Mit
musischen Sachen befaßt er sich ohne Not kaum. Seine Aufmerksamkeit gehört
Gegenständen wie dem Krieg gegen Nazideutschland
und den Naturwissenschaften. Wenn ich eine Auskunft über einen
Sowjetmarschall oder über organische Chemie
benötige, wende ich mich an Noll. Unter den Fächern der
Gelehrsamkeit verehrt er die Systematik. Darauf muß einer erst einmal kommen. Viele von den Jahren, während deren ich ihn
kenne, widmete er dem Handwerk des Edelsteinschleifens, und
seine Werkstatt ähnelte der, die die encyclopédie abbildet.
Noll
dichtet besonders ungern, selbst für einen Berufsschriftsteller.
Er haßte es, den »Kippenberg« zu schreiben, aber ich
glaube, er schrieb nicht einmal den »Holt« gern. Er gebiert Text
so widerstrebend und unter solchen Erschütterungen wie der Berg
Ätna seine Lava. Zwischen seinen Arbeiten klaffen oft
große Abstände. Keinerlei Schaffensdrang hindert ihn, die Feder
beiseite zu legen. Dieter Noll, da müssen wir uns um ihn nicht sorgen,
kann die Literatur mühelos lassen. Wenn er jetzt 75 wird, aber Dinge
der Art fechten ihn wenig an.
Die
vornehmsten Leidenschaften seines Lebens, will mir scheinen,
waren das Segeln und der Kommunismus. Als 1989 die
Akademie der Künste der DDR sich versammelte, um der Konterrevolution
beizutreten, ging Noll zu meiner Überraschung
hin, und sein Hingehen bewirkte, daß der Eintritt der Akademie
in die Konterrevolution mit einer, Nolls, Gegenstimme
beschlossen worden ist.
Wenn
alle untreu werden, Noll nicht. |