Pisa
und das kapitalistische deutsche Bildungssystem
von
Günter Ackermann
Das
in der Zeit nach den napoleonischen Kriegen zu Beginn des
19. Jahrhunderts entstandene dreigliedrige Schulsystem, besteht bis
heute, nach 200 Jahren, nur leicht verändert, fort.
Unten
gab es die Volksschulen. Sie vermittelten den Arbeiter- und
Bauernkindern mal eben das, was sie brauchten, um ihr Arbeitskraft zu
verkaufen. Mehr brauchten sie nicht zu wissen, zu was auch? Die
aufkommende Industrie brauchte billige Arbeitskräfte, die zwar lesen
und schreiben, auch etwas rechnen konnten, also über die Grundlagen des
Wissens verfügten, um Kohle abbauen, Eisen gießen und Maschinen bauen
zu können, aber damit hatte es sich auch.
Die
in der Mitte, also die unteren und mittleren Beamten. Angestellten, aber
auch die Techniker, besuchten die „Mittelschulen“ (heute
Realschulen).
Die
Eliten, rekrutierten ihren Nachwuchs aus den Gymnasien. Dorthin und
anschließend auf die Universitäten, gingen ihre Kinder – anfangs nur
ihre Söhne.
Die
blaublütigen Eliten aus der Zeit des Feudalismus wurden ersetzt durch
jene, die über die Produktionsmittel verfügen. Die Klasse der
Feudalherren fügte ich mit der Zeit ein ins Bürgertum. Der
wohlklingende Namen war nur zierendes Beiwerk, was zählte, was der
materielle Reichtum. Man denke nur daran, dass große Industriebosse
adlig wurde (Krupp von Bohlen und Halbach oder Freiherr von Stumm-Halberg, von Siemens usw.).
Waren die feudalen Gutsbesitzer aus der Zeit vor den
napoleonischen Kriegen zum großen Teil fast Analphabeten – der preußische
Kriegsminister Hermann
von Boyen (1771 bis 1848),
einer der Reformer um Stein und Hardenberg
–
macht sich in seinen
Memoiren darüber lustig, dass es preußische Generäle gab, die des
Lesens und Schreibens unkundig waren. Das war eine der Ursachen des
Sieges Napoleons bei Jena und Auerstedt über die Preußen 1806.
Die
danach einsetzenden Reformen des Freiherrn von Stein, dann Hardenbergs,
dienten nicht zur sozialen Gerechtigkeit. Wilhelm Freiherr von
Humboldt (22.06.1767 bis 08.04.1835)
reformierte dann im Rahmen die das Schulsystem und gestaltete
es in seiner heutigen Form.
Ziel
war, dass in den Staatsdienst und Militär,
entsprechend gebildete Beamte und Offiziere traten und dass die
aufkommende Industrie über ein ausreichendes Reservoir
von gut ausgebildeten Fachkräften zugreifen konnten und die
Forschungsarbeiten der Universitäten den Erfordernissen der Industrie
nutzbar waren.
Arbeiter
oder Bauern in die Gymnasien oder gar Universitäten war nicht
vorgesehen, es sei denn, besonders hochbegabte junge Knaben, die dann
als Lehrer oder Pfarrer/Priester ausgebildet wurden. Das aber war eine
absolute Rarität. Der Schriftsteller Karl May war so ein Hochbegabter,
der dann als Volksschullehrer ausgebildet wurde.
Durchlässig
sollten die Schultypen nicht sein. Es war klar, dass sich der soziale
Status der Eltern vererbte: Arbeiter und Bauern nur auf die Volksschule,
kleine und mittlere Beamte an die Mittelschule und die Oberschicht
schickte ihre Kindern ans Gymnasium.
Die
erste Selektion erfolgt bereit im Kindesalter. Nach der Grundschule wird
bestimmt, welches Kind Akademiker, Techniker oder Arbeiter wird. Ein
Wechsel der Schultypen von unten nach oben ist so gut wie unmöglich,
von oben nach unten selten.
Heute
ist es im Prinzip ganz genau so. Wenn auch die 60er Jahre mit der
Bildungsreform einiges modernisiert wurde, das dreigliedrige Schulsystem
von vor 200 Jahren besteht noch heute.
Was
die Pisastudien aufzeigen, ist genau diese Schwäche dieses Systems. Es
wird richtig kritisiert, dass in Deutschland die Bildungschancen mehr
wie in anderen Ländern, z.B. Skandinaviens, von der sozialen Herkunft
abhängen. Bildungsmonopol der Bourgeoisie wird das oft richtig genannt.
Die
bürgerlichen Politiker übten sich nach der ersten Pisa-Studie in
Zerknirschung – änderten aber am System nichts. Es sollen einige
Ganztagsschulen eingerichtet werden – das war's! Warum sollten sie
auch etwas ändern, es gibt eh zuviel Akademiker und Arbeiter erst recht? Einige besonders qualifizierte Fachkräfte fehlen zwar, aber
sie
können aus dem Reservoir die vorhanden mit Abitur ausgebildet werden.
Oder, noch besser und noch
billiger, man greift auf die in die anderen Ländern auf deren Kosten Ausgebildeten
zurück. Die akzeptieren auch noch niedrigere Einkommen und sind sie
aufmümpfig, bekommen sie den Vertrag nicht verlängert, damit erlischt
deren Aufenthaltserlaubnis und die können abgeschoben werden.
Also
brauchen die deutschen Schulen nicht den Standards der skandinavischen Länder
angepasst zu werden, eine besondere Förderung der Arbeiter und Migrantenkinder
ist zu teuer und kontraproduktiv. Die Kosten amortisieren sich nicht.
Also betreibt man Kosmetik, das ist billiger.
Hinzu
kommt die alte Erkenntnis der bürgerlichen Bildungsideologen:
Ungebildete Menschen lassen sich leichter regieren als gebildete.
Insofern sind die in der Pisastudie „Risikokinder" genannten,
also jene, die selbst einfachste Texte nicht verstehen und nur auf
Grundschulniveau rechnen können, soziales Strandgut, welches
uninteressant ist. Sie zu fördern ist zu teuer – immerhin 25% aller
15-jährigen.
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