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GegenStandpunkt
– Kein Kommentar im Freien Radio für Stuttgart vom 3. Oktober 2007
Die
Analyse des GegenStandpunkt-Verlags in Radio Lora München vom 8.
Oktober 2007
Noch
ein Fall von „arm trotz Arbeit“:
Die
„Generation Praktikum“
Quelle:
GegenStandpunkt
vom 3. Oktober 2007
Da
wird die Allianz aus Politikern, Arbeitgeberverbänden und öffentlicher
Meinung nicht müde, die Bedeutung von „Bildung“ und
„Qualifikation“ zu beschwören – „unser rohstoffarmes Land“ könne
seinen „Lebensstandard“ und seine „Spitzenposition“ nur mit gut
ausgebildeten jungen Menschen halten, Bildung sei aber auch für den
einzelnen das „Mittel gegen Arbeitslosigkeit“ und der
Schlüssel zum „persönlichen Erfolg“ im Berufsleben – und dann
wird mit denjenigen, die sich nach den angeblichen Erfordernissen der
„Wissensgesellschaft“ verhalten, alles andere als pfleglich
umgegangen. „Prekäre Beschäftigungsverhältnisse“ beim Einstieg in
den Beruf sind für junge Hochschulabsolventen zur Normalität geworden.
Anstatt wie geplant eine Karriere zu starten, müssen
Nachwuchsakademiker heute schlechte Bezahlung, befristete Anstellungen,
oder erzwungene Selbstständigkeit in Kauf nehmen. Dazu gehören seit
einiger Zeit auch so genannte „Praktika“. Berufsanfänger mit
Hochschulstudium dürfen sich erst einmal ohne Bezahlung oder
bestenfalls gegen ein paar 100 Euro Taschengeld nützlich machen, bevor
man ihnen eine bezahlte Stelle anbietet – oder auch nicht. Dabei ist
es kein Geheimnis, woher der kleinliche Umgang mit dem angeblich so
dringend benötigten „klugen und hoch qualifizierten Nachwuchs“
rührt: „Es ist ein simpler Mechanismus: In Zeiten der
Massenarbeitslosigkeit können es sich Unternehmen leisten, die Angst
der Absolventen vor dem Zurückbleiben auszunutzen“, so zu lesen
in Campus online der ZEIT vom 25.9.2006. Ähnlich äußern sich alle
einschlägigen Berichte. Dem entnehmen wir: Unternehmen sind ganz
grundsätzlich darauf aus, Leute, die auf sie angewiesen sind,
auszunutzen. Sobald sie die Möglichkeit dazu sehen, tun sie es. In
diesem Fall ist es die „Angst“ von Nachwuchsakademikern,
schon zu Beginn des Berufslebens ziemlich endgültig den Eintritt in die
Welt der besser bezahlten, angenehmeren und sichereren Jobs zu
verpassen, die den Unternehmen gerade Recht kommt – ebenso wie die
„Masse“ der von ihnen Entlassenen, die sie offenbar auch bei
Akademikern als Druckmittel einsetzen können, um billige Dienste zu
erpressen. Was für die frisch Diplomierten eine „Notlage“ ist, ist
für die Unternehmen eine günstige Gelegenheit, die sie nicht
verpassen. Mit einem Wort: hier liegt „Ausbeutung“ vor, wie die ZEIT
und andere messerscharf erkennen. Ein schönes Urteil also darüber, wie
in dieser Gesellschaft mit den „Humanressourcen“ umgesprungen wird
– sehr verschwenderisch nämlich. Die Menschen und das, was sie
gelernt haben, interessieren nur als Ressource für den Geschäftserfolg
der Unternehmer und wie weit ihr Dienst daran honoriert wird, hängt
nicht von ihren Anstrengungen und Leistungen ab, sondern fällt ins
Belieben der Nutzer dieser „Ressource“.
Als
Aufruf zum Widerstand an alle „Billiglöhner“ sind solche
Diagnosen freilich nicht gemeint. Das böse Wort von der
„Ausbeutung“ fällt den Erfindern des Schlagworts von der
„Generation Praktikum“ ein, weil sie die Behandlung der Studierten
als billige Arbeitskräfte für unpassend halten. Bekanntlich
werden Zeit, Spiegel, Stern und Konsorten nicht müde, bei nicht so „Hochqualifizierten“
die von Kapitalisten gezahlten Hungerlöhne zwischen 3 und 6 Euro als
zwar harte, aber unumgängliche Notwendigkeit fürs Arbeiten-Dürfen zu
propagieren oder zusammen mit der Gewerkschaft die Auffassung zu
vertreten, dass bei 7,50 brutto Mindestlohn, wenn es ihn denn gäbe, von
„Ausnutzen“ und „Ausbeutung“ nicht mehr die Rede sein kann. Wenn
der Spiegel einen „Missbrauch von Hochqualifizierten als unter-
oder gar unbezahlte Ersatzarbeiter“ (Spiegel online, Januar 2007)
konstatiert oder von „hochqualifizierten Billiglöhnern“
(ARD) die Rede ist, dann liegt der ‚Skandal’ darin, dass die
potenzielle Elite hier einmal so behandelt wird, wie es der große Rest
des gewöhnlichen Menschenmaterials offenbar verdient. Während sonst
das „Besitzstandsdenken“ gegeißelt wird, ist man von der
Berechtigung der Ansprüche des akademischen Standes überzeugt und
sieht Missbrauch, wenn die unternehmerische Kostenkalkulation sich von
diesen „Ansprüchen“ nicht beeindrucken lässt. Oder es ist gleich
die „deutsche Wirtschaft“ selbst, die sich des Mitgefühls
besorgter Kommentatoren sicher sein kann. Sie, die deutsche Wirtschaft,
schadet nämlich in erster Linie sich, wenn sie den „dringend
gebrauchten hoch qualifizierten Nachwuchs“ (Zeit) so schlecht
behandelt. So wird sich eingefühlt in die Interessen der Wirtschaft und
das „schamlose Ausnutzen einer Notlage“ dann doch nur als
ungeschickte, kurzsichtige Geschäftspolitik registriert. Der Geschäftserfolg
wird als oberster Gesichtspunkt anerkannt und versichert, er ginge doch
ganz prima mit einem dem Status dieses Nachwuchses angemessenen
Umgang zusammen.
Und
die Betroffenen? Sie setzen sich zur Wehr – aber wie! Die am eigenen
Leib gemachte Erfahrung, dass nicht Qualifikation sondern
kapitalistischer Bedarf ein Einkommen bringt, erschüttert sie nicht im
Glauben an die ‚Leistungsgesellschaft’ und ihrem Anrecht auf eine
besondere Stellung in ihr. Sie wollen nicht das Prinzip entdecken
sondern einen ungerechten Umgang mit ihrem Stand. Ihr Widerstand ist
deshalb an Bescheidenheit kaum zu überbieten. Sie wenden sich untertänig
mit Petitionen an die Abgeordneten und machen konstruktive Vorschläge
zur „Beendigung des unregulierten Zustands, der zum Missbrauch der
Arbeitskraft von Hochschulabsolventen führt“(Homepage
students-at-work.de der DGB-Jugend). Nach dem Studium ‚Erfahrungen in
der Praxis‘ sammeln – selbstverständlich, aber bitte nicht zu
lange: „Der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass Praktika
von Hochschulabsolventen, die länger als drei Monate dauern und in dem
Berufsbild abgeleistet werden, für das der Hochschulabsolvent
ausgebildet wurde, in ein reguläres Arbeitsverhältnis umgewandelt
werden“. (Petition der ehemaligen Dauerpraktikantin Désirée G.
an den Bundestag). Eine bisschen Anerkennung für die geleistete Arbeit
wäre auch nicht schlecht (Petition der Vertreterin des DGB „Mindestlohn
von 300 Euro“) und die Mitbegründerin des Selbsthilfevereins
„Fairwork“ verlangt 1200 Euro brutto, wenn es dann doch nicht
bei den drei Monaten bleibt – „damit orientieren wir uns am europäischen
Mindestlohn“ – sowie eine akademikergerechte Benamsung, die
klarstellt, dass es sich nicht um mies bezahlte Arbeit, sondern um einen
Einstieg in den Aufstieg handelt: „Die Zeit nach dem Abschluss
sollte nicht Praktikum genannt werden, sondern Trainee-Programm oder
Volontariat“ (Spiegel-online Interview mit Bettina König,
10.05.).
Der
Bundestag mochte sich bisher mit den Anträgen nicht beschäftigen und
auch dem Bundesminister für Arbeit sind die Nachwuchsakademiker nicht
mehr wert als dem Kapital. Er denkt gar nicht daran, den Kapitalisten
Grenzen beim kostengünstigen Einsatz auch des akademischen Personals zu
ziehen. Im Gegenteil: Wie beim gewöhnlichen Rest der Menschheit wird
auch hier jede gesetzliche Auflage beim „Ausnutzen“ von
Arbeitskräften als Hindernis von ‚Beschäftigung‘ gesehen.
Stattdessen setzt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales – so
ein Ministeriumssprecher – „verstärkt auf Aufklärung“,
die man sich seit Anfang des Jahres beim extra dafür geschaffenen
Internetportal „Generation Praktikum“ abholen kann. Nach dem alten
Motto des Satiremagazins Titanic‚ das den hungernden Negern
„Spachteln!“ als Lösung ihres Problems empfiehlt, bekommt man dann
folgenden heißen Tipp: „Sich nicht unter Wert verkaufen … zusammen
mit dem künftigen Arbeitgeber die Möglichkeit prüfen, statt einen
Praktikumsvertrag einen zeitlich befristeten Arbeitsvertrag zu schließen“.
Genau, so entkommt man der „Praktikumsfalle“: einfach nicht
reintappen!
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