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Der
Anti-Wiener
Vor
25 Jahren:
Helmut
Qualtinger stirbt in Wien
Quelle: Kominform vom vom
29.09.2011,
05:40
Auf
Kommunisten-online am 30. Sept. 2011- Sein
Vater, ein Wiener Gymnasiallehrer für Mathematik, Physik und Chemie,
ist ein begeisterter Nationalsozialist, als Hitler 1938 Österreich dem
Deutschen Reich „anschließt“. Damals ist Helmut Qualtinger zehn
Jahre alt. Der Abscheu gegenüber dem spießbürgerlichen Faschismus
seiner Umgebung prägt ihn sein Leben lang. Qualtinger tingelt als
Lokalreporter, Filmkritiker und Lektor durch Europa, gründet 1946 eine
Studentenbühne, in der er selbst Hauptdarsteller, Regisseur und
Beleuchter ist. In den 50er Jahren spielt er Kabarett, unter anderem
zusammen mit Carl Merz und Georg Kreisler. Die Programme der Gruppe heißen
„Brettl vorm Kopf“, „Dachl überm Kopf“ (als die Gruppe eine
eigene Bühne bekommt), „Glasl vorm Aug“ (als das Fernsehen überträgt)
oder „Hackl im Kreuz“ (als sie sich Anfang der 60er Jahre auflöst).
Berühmt wird Qualtinger mit seinen Auftritten als „Der Herr Karl“,
in denen er einen Wiener Spießbürger mit Hitler-Bärtchen darstellt,
der als gemütlicher und gnadenloser Opportunist alle Systemwechsel übersteht.
Später
gibt Qualtinger das Kabarett weitgehend auf. Auf Tourneen liest er aus
Karl Kraus' Anti-Kriegsstück „Die letzten Tage der Menschheit“ und
aus Hitlers „Mein Kampf“. Er spielt und führt Regie an der Wiener
Volksbühne und am Hamburger Thalia-Theater. Von 1973 bis 1980 lebt er
in Hamburg und lernt dort seine zweite Frau, die Schauspielerin Vera
Borek, kennen. Qualtinger spielt in zahlreichen Fernseh- und Kino-Filmen
mit, so in der Kafka-Verfilmung „Das Schloss“ und in der
dreiteiligen „Alpensaga“. 1971 erhält er die Goldene Kamera für
seine Rolle in „Das falsche Gewicht“.
Qualtinger
lebt am Rande der bürgerlichen Normalität. Er kleidet sich nachlässig,
fährt kein Auto, ist ein Einzelgänger. Georg Kreisler erzählt in
einer Erinnerung, wie Qualtinger die Bild-Zeitung verklagt, weil sie über
seine Alkoholprobleme berichtet hatte. Zur Hauptverhandlung erscheint
Qualtinger volltrunken. Nicht, dass man ihn als Trinker bezeichnete,
findet er unehrenhaft, sondern dass man Trinker als unehrenhaft
darstellt. Seine letzte Filmrolle spielt der große, korpulente Mann
1985: den Kellermeister Remigio de Varagine in „Der Name der Rose“.
Im Mai 1986 erleidet Qualtinger innere Blutungen. Am 29. September
stirbt er in einem Wiener Krankenhaus an seiner kranken Leber, gut eine
Woche vor seinem 58. Geburtstag.
Quelle:
http://www.wdr.de/
Genie
der Doppeldeutigkeit: Vor 20 Jahren starb «Der Qualtinger»
Wien
(dpa) - Er war ein Genie der Doppeldeutigkeit, ein gnadenloser
Menschenkenner und unbestrittener Star. Auch 20 Jahre nach seinem Tod
ist Helmut Qualtinger (1928-1986) ein unerreichtes Phänomen: Keiner übte
beißender Kritik an Österreich und den Österreichern und schaffte es
wie er, dafür auch noch geliebt zu werden.
Ambivalenz,
Widerspruch und anarchistische Energie waren die Triebkräfte im Werk
des Volksschauspielers, Kabarettisten und Schriftstellers. Dass er für
viele mit seiner populärsten Figur, dem phlegmatisch-selbstgerechten
Mitläufer «Herr Karl» verschmolz, war eine der großen Tragödien in
seinem Leben: aus schwarzem Humor und scharfsinniger, treffsicherer
Satire wurde bloße Folklore.
Sein
Spitzname «Quasi» deutet ebenso wie seine schon bald recht massige
Erscheinung auf seine Vereinnahmung als österreichische Institution:
Das «Original», das mit seiner offensiven Trinkfreudigkeit zum
Thekenkumpel verharmlost und dem durch Umarmung die satirische Schärfe
genommen wurde. Die Karriere des Künstlers, der sich selbst in der
Tradition von Johann Nestroy, Ödön von Horvath oder Karl Kraus sah,
erscheint zum Teil auch als Kampf gegen dieses gemütliche
Erscheinungsbild.
Der
Kulturkritiker Wolfgang Kos, Leiter des Wien Museums, das vor zwei
Jahren die große Ausstellung «Quasi ein Genie» zeigte,
charakterisiert ihn als «Virtuose des Unbehagens», mit subversivem
Witz, «der die Sprache des „häßlichen Österreichers“
schonungslos demaskierte». Schon zu Lebzeiten eine Legende, erscheint
«Der Qualtinger» zwanzig Jahre nach seinem Tod immer noch als jener Künstler,
der das muffig-geschichtsvergessene Nachkriegs-Österreich auf den Punkt
brachte.
Sein
«Herr Karl» war ein träge spießiger Mitläufer ohne jegliches
Unrechtsbewusstsein. Er stand für den proletarischen Kleinbürger
ebenso wie für taktische Kollaborateure der höchsten Kreise und sprach
aus, was Österreich zur Politik machte: «I hab nur an Judn g'führt»
- zum Straßenreinigen mit der Zahnbürste nämlich, zum Gaudium der Bevölkerung:
«I war ein Opfer.»
Qualtinger
selbst stammte aus bürgerlichen Verhältnissen. Sein Vater war
Gymnasiallehrer und Nationalsozialist, seine Mutter blieb trotz künstlerischer
Ambitionen Hausfrau. Schon als Kind spielte er leidenschaftlich
Puppentheater und schulte so seine später bewunderte Fähigkeit, im
atemberaubenden Wechsel verschiedene Charaktere und Stimmen nachzuahmen.
Der Schüler handelte sich immer wieder Ärger ein, als er gegen Autoritäten
aufbegehrte und musste mehrmals die Schule wechseln.
In
den Nachkriegsjahren gründete Qualtinger eine erste eigene
Theatertruppe, schrieb Stücke, die mitunter Skandale auslösten,
trampte durch Europa und arbeitete als Journalist. In den 1950er Jahren
schuf er sich als Mitglied einer sagenhaften Kabarett-Truppe mit Gerhard
Bronner, Georg Kreisler, Louise Martini und Peter Wehle rasch Popularität.
Seine mit Carl Merz ersonnenen Texte erregten Empörung und wurden zum
Stadtgespräch. Kabarettprogramme wie «Spiegel vorm Gesicht» oder die
«Travnicek»-Dialoge wurde ebenso wie Musikaufnahmen («Rhapsodie in
Halbstark») auf Schallplatte veröffentlicht und waren in aller Munde.
Der
Essayist Franz Schuh erinnert sich an seinen ersten Höreindruck voll
Verwunderung, «dass es so viel erlesene Gemeinheit, so viel Schmäh und
Sinnlichkeit, so viel Artistik der Sprache und eine solche Verwandlungsfähigkeit
gab». Tourneen nach Deutschland sicherten Qualtinger Bekanntheit über
seine Heimat hinaus, Auftritte im Theater und im Film zeigten ihn als
wandlungsfähigen Charakterdarsteller, zuletzt war er in der Verfilmung
von Umberto Ecos Roman «Der Name der Rose» zu sehen. Am 29. September
1986 starb Qualtinger an einem Leberleiden.
Quelle:
http://www.schwabmuenchner-allgemeine.de/
Alfred
Dorfer im Gespräch mit Qualtinger-Weggefährte Gerhard Bronner |