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 Mein Qualtinger

von Gerhard Bruny
Quelle: Kominform Wien vom 29.09.2011

Auf Kommunisten-online am 30. Sept. 2011 - Erinnerungen an den Antifaschisten Helmut Qualtinger
Im Herbst 1974 hatte ich das Glück, im legendären Wiener Innenstadtlokal „Club Gutruf“ (Milchgasse 1) Helmut Qualtinger kennenzulernen. Der Chef des an Mozarts ehemaliger Wohnadresse beheimateten Clubs, Rudi Wein, ehemaliger KZ-Häftling, Kommunist und glühender Unterstützer der DDR an allen Fronten, stellte mich vor. Es war ein Vergnügen, Qualtinger zuzuhören – und bewundernswert, wie geduldig er in Diskussionen argumentierte. Überaus belesen, von stupender Allgemeinbildung und interessiert an allem Politischen und Menschlichen, war er genau das Gegenteil des in der idiotisierten Öffentlichkeit gepflegten Bilds vom bladen „Herrn Koarl“.

Zu Qualtingers antifaschistischer Grundhaltung, die nur zu gerne im Kolportagestil der über ihn kursierenden Wanderanekdoten vergessen wird, lohnt es sich nach wie vor, André Heller zu zitieren: „Helmut hatte etwas, das ich bei einem Nichtopfer des Nationalsozialismus nur sehr selten derart ausgeprägt sah: einen geradezu tobsüchtigen Ekel vor dem Faschismus und dem mörderischen Hitlerdreck.“

Ein Beispiel: Anfang 1975 entfachte die neofaschistische ANR (Aktion Neue Rechte) ihren Terror an der Wiener Universität. Die ANR-Schläger rund um einen späteren Geschäftspartner der Baier-“K“PÖ verprügelten gezielt linke Studenten, sprengten Veranstaltungen, holten bekannte Neonazis als Referenten und schmierten Naziparolen. In dieser Situation hielt der Kommunistische Studentenverband (KSV) konsequent dagegen und organisierte eine kulturelle Großveranstaltung, um die Hegemonie der Antifaschisten an der Universität zu demonstrieren. Der damalige Sekretär des KSV, Herbert Kaizar, wusste von meiner Bekanntschaft mit Qualtinger und bat mich, ihn als Mitwirkenden für die Veranstaltung zu gewinnen. Qualtinger sagte sofort zu.

An diesem 12. Mai 1975, einem Montag, war das Audimax der Universität Wien bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Veranstaltung gegen die neofaschistische Hetze hatte den Titel „Soyfer Collage“. Die „Schmetterlinge“ hatten Texte Jura Soyfers vertont und sangen auch sein „Dachaulied“. Qualtinger las aus Soyfers lange verschollenem Romanfragment „So starb eine Partei“, einer scharfen literarischen Abrechnung mit der sozialdemokratischen Führung der Zwischenkriegszeit und ihrer Kapitulation vor dem Klassenfeind. Willi Resetarits, damals Frontmann der „Schmetterlinge“, erinnerte in seiner Sendung „Trost und Rat“ im September 2011 an diese legendäre Veranstaltung und strich Qualtingers Verdienste um die Wiederentdeckung des Werks von Soyfer heraus.

25 Jahre nach Qualtingers Tod werden nun in den bürgerlichen Gazetten wahre Lobeshymnen auf ihn angestimmt, zum Großteil von jenen, die diesen kritischen Geist zu Lebzeiten zum schrulligen „Quasi“ niedergeschrieben hatten. Besonders perfid ragt der Artikel Erich Kocinas in der „Presse“ hervor, in dem zu lesen ist: „...nach dem Krieg engagierte er sich gegen den Kommunismus.“ Eine Lüge ersten Ranges, die unter dem Motto steht: „De mortuis nil nisi male“ (über den Verstorbenen nur Schlechtes sagen)! Qualtinger stand der fortschrittlichen Bewegung zeit seines Lebens mit Sympathie nahe; was er außer Nazis aller Schattierungen am meisten hasste, war die verlogene Bourgeoisie mit ihrer Kulturattitüde, ihren politischen Schleppenträgern und Federhuren.

Bleibt zum Schluss daher nur die Aufforderung: Hört und lest Helmut Qualtinger!

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Der Anti-Wiener

Vor 25 Jahren: 

Helmut Qualtinger stirbt in Wien 

Quelle: Kominform vom vom 29.09.2011, 05:40

Auf Kommunisten-online am 30. Sept. 2011- Sein Vater, ein Wiener Gymnasiallehrer für Mathematik, Physik und Chemie, ist ein begeisterter Nationalsozialist, als Hitler 1938 Österreich dem Deutschen Reich „anschließt“. Damals ist Helmut Qualtinger zehn Jahre alt. Der Abscheu gegenüber dem spießbürgerlichen Faschismus seiner Umgebung prägt ihn sein Leben lang. Qualtinger tingelt als Lokalreporter, Filmkritiker und Lektor durch Europa, gründet 1946 eine Studentenbühne, in der er selbst Hauptdarsteller, Regisseur und Beleuchter ist. In den 50er Jahren spielt er Kabarett, unter anderem zusammen mit Carl Merz und Georg Kreisler. Die Programme der Gruppe heißen „Brettl vorm Kopf“, „Dachl überm Kopf“ (als die Gruppe eine eigene Bühne bekommt), „Glasl vorm Aug“ (als das Fernsehen überträgt) oder „Hackl im Kreuz“ (als sie sich Anfang der 60er Jahre auflöst). Berühmt wird Qualtinger mit seinen Auftritten als „Der Herr Karl“, in denen er einen Wiener Spießbürger mit Hitler-Bärtchen darstellt, der als gemütlicher und gnadenloser Opportunist alle Systemwechsel übersteht.

Später gibt Qualtinger das Kabarett weitgehend auf. Auf Tourneen liest er aus Karl Kraus' Anti-Kriegsstück „Die letzten Tage der Menschheit“ und aus Hitlers „Mein Kampf“. Er spielt und führt Regie an der Wiener Volksbühne und am Hamburger Thalia-Theater. Von 1973 bis 1980 lebt er in Hamburg und lernt dort seine zweite Frau, die Schauspielerin Vera Borek, kennen. Qualtinger spielt in zahlreichen Fernseh- und Kino-Filmen mit, so in der Kafka-Verfilmung „Das Schloss“ und in der dreiteiligen „Alpensaga“. 1971 erhält er die Goldene Kamera für seine Rolle in „Das falsche Gewicht“.

Qualtinger lebt am Rande der bürgerlichen Normalität. Er kleidet sich nachlässig, fährt kein Auto, ist ein Einzelgänger. Georg Kreisler erzählt in einer Erinnerung, wie Qualtinger die Bild-Zeitung verklagt, weil sie über seine Alkoholprobleme berichtet hatte. Zur Hauptverhandlung erscheint Qualtinger volltrunken. Nicht, dass man ihn als Trinker bezeichnete, findet er unehrenhaft, sondern dass man Trinker als unehrenhaft darstellt. Seine letzte Filmrolle spielt der große, korpulente Mann 1985: den Kellermeister Remigio de Varagine in „Der Name der Rose“. Im Mai 1986 erleidet Qualtinger innere Blutungen. Am 29. September stirbt er in einem Wiener Krankenhaus an seiner kranken Leber, gut eine Woche vor seinem 58. Geburtstag.

Quelle: http://www.wdr.de/

Genie der Doppeldeutigkeit: Vor 20 Jahren starb «Der Qualtinger»

Wien (dpa) - Er war ein Genie der Doppeldeutigkeit, ein gnadenloser Menschenkenner und unbestrittener Star. Auch 20 Jahre nach seinem Tod ist Helmut Qualtinger (1928-1986) ein unerreichtes Phänomen: Keiner übte beißender Kritik an Österreich und den Österreichern und schaffte es wie er, dafür auch noch geliebt zu werden.

Ambivalenz, Widerspruch und anarchistische Energie waren die Triebkräfte im Werk des Volksschauspielers, Kabarettisten und Schriftstellers. Dass er für viele mit seiner populärsten Figur, dem phlegmatisch-selbstgerechten Mitläufer «Herr Karl» verschmolz, war eine der großen Tragödien in seinem Leben: aus schwarzem Humor und scharfsinniger, treffsicherer Satire wurde bloße Folklore.

Sein Spitzname «Quasi» deutet ebenso wie seine schon bald recht massige Erscheinung auf seine Vereinnahmung als österreichische Institution: Das «Original», das mit seiner offensiven Trinkfreudigkeit zum Thekenkumpel verharmlost und dem durch Umarmung die satirische Schärfe genommen wurde. Die Karriere des Künstlers, der sich selbst in der Tradition von Johann Nestroy, Ödön von Horvath oder Karl Kraus sah, erscheint zum Teil auch als Kampf gegen dieses gemütliche Erscheinungsbild.

Der Kulturkritiker Wolfgang Kos, Leiter des Wien Museums, das vor zwei Jahren die große Ausstellung «Quasi ein Genie» zeigte, charakterisiert ihn als «Virtuose des Unbehagens», mit subversivem Witz, «der die Sprache des „häßlichen Österreichers“ schonungslos demaskierte». Schon zu Lebzeiten eine Legende, erscheint «Der Qualtinger» zwanzig Jahre nach seinem Tod immer noch als jener Künstler, der das muffig-geschichtsvergessene Nachkriegs-Österreich auf den Punkt brachte.

Sein «Herr Karl» war ein träge spießiger Mitläufer ohne jegliches Unrechtsbewusstsein. Er stand für den proletarischen Kleinbürger ebenso wie für taktische Kollaborateure der höchsten Kreise und sprach aus, was Österreich zur Politik machte: «I hab nur an Judn g'führt» - zum Straßenreinigen mit der Zahnbürste nämlich, zum Gaudium der Bevölkerung: «I war ein Opfer.»

Qualtinger selbst stammte aus bürgerlichen Verhältnissen. Sein Vater war Gymnasiallehrer und Nationalsozialist, seine Mutter blieb trotz künstlerischer Ambitionen Hausfrau. Schon als Kind spielte er leidenschaftlich Puppentheater und schulte so seine später bewunderte Fähigkeit, im atemberaubenden Wechsel verschiedene Charaktere und Stimmen nachzuahmen. Der Schüler handelte sich immer wieder Ärger ein, als er gegen Autoritäten aufbegehrte und musste mehrmals die Schule wechseln.

In den Nachkriegsjahren gründete Qualtinger eine erste eigene Theatertruppe, schrieb Stücke, die mitunter Skandale auslösten, trampte durch Europa und arbeitete als Journalist. In den 1950er Jahren schuf er sich als Mitglied einer sagenhaften Kabarett-Truppe mit Gerhard Bronner, Georg Kreisler, Louise Martini und Peter Wehle rasch Popularität. Seine mit Carl Merz ersonnenen Texte erregten Empörung und wurden zum Stadtgespräch. Kabarettprogramme wie «Spiegel vorm Gesicht» oder die «Travnicek»-Dialoge wurde ebenso wie Musikaufnahmen («Rhapsodie in Halbstark») auf Schallplatte veröffentlicht und waren in aller Munde.

Der Essayist Franz Schuh erinnert sich an seinen ersten Höreindruck voll Verwunderung, «dass es so viel erlesene Gemeinheit, so viel Schmäh und Sinnlichkeit, so viel Artistik der Sprache und eine solche Verwandlungsfähigkeit gab». Tourneen nach Deutschland sicherten Qualtinger Bekanntheit über seine Heimat hinaus, Auftritte im Theater und im Film zeigten ihn als wandlungsfähigen Charakterdarsteller, zuletzt war er in der Verfilmung von Umberto Ecos Roman «Der Name der Rose» zu sehen. Am 29. September 1986 starb Qualtinger an einem Leberleiden.

Quelle: http://www.schwabmuenchner-allgemeine.de/

Alfred Dorfer im Gespräch mit Qualtinger-Weggefährte Gerhard Bronner 

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