|
Religion
und Weltanschauung –
Kampffelder
ideologischer Auseinandersetzung
Vortrag
für das Kolloquium des Ostdeutschen Kuratoriums von Verbänden e.V.
Berlin,
10.03.2007
Quelle:
freidenker.org/
Liebe
Freundinnen und Freunde,
liebe
Genossinnen und Genossen!
Was
könnten Religion und Weltanschauung mit dem Thema eines Kolloquiums über
den aktuellen Geschichtsrevisionismus zu tun haben? Ich denke, mehr als
auf den ersten Blick zu erkennen ist. Zweifelsohne wurde für das
Unternehmen „Delegitimierung der DDR“ eine Unmenge pfäffisches
Personal angestellt. Doch dies ist nur ein Randaspekt. Das Hauptthema ist
aus meiner Sicht, dass und wie versucht wird, Religion und auch
nicht-religiöse Weltanschauung zu nutzen, um das Klas-senziel zu
erreichen: ein materialistisch-dialektisches Denken aus den Köpfen zu
vertreiben, eine Bejahung des kapitalistischen Systems, die Hegemonie
proimperialistischer Ideologie abzusichern.
Für
Freidenkerinnen und Freidenker ist das Thema Religion keineswegs, wie
vielfach vermutet, eine „Lieblingsbeschäftigung“. Sozialistische
Freidenker sind keine kleinbürgerlichen Religionshas-ser und
Pfaffenfresser, wir sehen nicht in der Religion die Ursache aller Übel in
der Welt, und wir übersehen nicht, dass – einhergehend mit dem
Bedeutungsverlust der Kirchen – das Monopol für die Volksverdummung längst
auf die Massenmedien übergegangen ist.
„Unsere
Religionskritik ist nicht gegen religiöse Menschen oder die Religion 'an
sich' gerichtet, sondern gegen jegliche Form des Klerikalismus, den
politischen Missbrauch der Religion und der religiösen Gefühle der
Menschen, gegen religiösen Fundamentalismus, Dogmatismus und Fanatis-mus
und gegen die 'Allianz von Thron und Altar', also gegen jegliche Form des
Staatskirchentums. In diesem Sinne verstehen wir Religionskritik als
Gesellschaftskritik.“ 1
Dabei
darf nicht übersehen werden, welche antisozialistischen und den
Kapitalismus affirmie-renden Tendenzen der politische Klerikalismus in den
ideologischen Auseinandersetzungen heute vertritt.
Verhältnis
Kirche-Staat, Marke Alt-BRD
Die
Trennung von Staat und Kirche war in der DDR grundsätzlich verwirklicht
(die viel zu späte Zu-lassung der Gründung des Freidenkerverbandes steht
auf einem andern Blatt). Diese Trennung von Staat und Kirche war eine
demokratische Errungenschaft, die von der neuen Herrschaft nach 1990
wieder zurückgedreht wurde. Vergeblich wandten wir uns (Klaus Hartmann
als Vorsitzender des Deutschen Freidenker-Verbandes und Prof. Dr. Erich
Buchholz als Gründungsvorsitzender der Ber-liner Freidenker) 1992 an die
„Gemeinsame Verfassungskommission von Bundestag und Bundesrat“ mit der
Forderung, das Staatskirchenrecht in einer neuen Verfassung zu
modernisieren. Konkret forderten wir die Streichung der Bezugnahme auf
Gott in der Präambel, die Streichung der Garantie konfessionellen
Religionsunterrichts, die reale Gleichstellung aller Kirchen, Religions-
und Weltanschauungsgemeinschaften, ihre Rechtsfähigkeit nach bürgerlichem
(statt öffentlichem) Recht sowie die Geltung des allgemeinen Arbeits- und
Sozialrechts für alle Beschäftigten.2
Unsere
Schreiben wurde ebenso wenig beachtet wie die gleichgerichteten
Forderungen der Menschenrechtsorganisation Humanistische Union.
Die
rechtliche, finanzielle und kulturelle Privilegierung der christlichen
Kirchen bedeutet eine Benachteiligung anderer, wie der großen Zahl
dauerhaft hier lebender Mitbürger muslimischem Glaubens, insbesondere der
wachsenden zahl konfessionsfreier Menschen. Sie bedeutet Ausgren-zung
Andersdenkender und -gläubiger.
„Durch
die Privilegierung schafft der Staat auch Bindungen der Privilegierten an
sich. Die ‚Brockhaus Enzyklopädie’ konstatiert, daß die Kirchen
staatlich gestützt werden, weil ‚das zuneh-mende Ausgreifen staatlicher
Ordnungsfunktionen auf immer mehr menschliche Lebensbereiche’ zur
‚Vermeidung eines völlig verstaatlichten Systems der Daseinsvorsorge’
zwinge.3 Das heißt im Klartext: Die christlichen Kirchen in Deutschland
nehmen - vorzugsweise im Bereich Bildung und Kultur - anstelle des Staates
‚staatliche Ordnungsfunktionen’ wahr, weshalb sie denn ‚auch
staatli-chen Ansprüchen ausgesetzt’4 sind. So wird ein Schlankwerden
des Staates vorgetäuscht.“5
Mit
diesem Status der „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ wird also
eine spezielle Loyalität zum Staat, die bekannte „Staatsnähe“
geschaffen. Sie verschafft kirchlichen Institutionen eine kom-fortable
Lage, ist aber letztlich mit realer Religionsfreiheit nicht vereinbar. Das
Interesse des Staates ist offenkundig.
„Offenbar
ist es das auf einer durch relativ verselbständigte Finanzmärkte
dominierten kapitalis-tischen Marktwirtschaft gegründete staatliche
System, das sowohl der Verbreitung von Religion als seiner
weltanschaulich-ethischen Legitimierungsinstanz, als auch des
weltanschaulich und ethisch prinzipiell in allgemeiner Autoritätsgläubigkeit
erzogenen Staatsbürgers bedarf. Die religiöse Legiti-mation des Staates
ist das Bemühen darum, Existenz und Wirksamkeit einer bestimmten
politischen Macht auf eine allgemeine autoritative Instanz zurückzuführen,
die angeblich außerhalb der Macht aller Menschen, auch der Staatsmänner
und ihrer Gesellschaft liege und allen gegenüber ‚höhere Interessen’
geltend mache. Da diese Autorität in der Wirklichkeit nicht zu finden
ist, kann an sie nur ungeprüft geglaubt werden.(…)
Das
schlimme SED-Erbe
Die
allgemein autoritätsgläubige Geisteshaltung der angeblich ‚mündigen’
Staatsbürger soll prinzi-piell religiös sein, den Mittlern ‚höherer
Interessen’ und ‚höheren Willens’ auch in der Politik ohne eigene
Prüfung blind gläubig folgen. Daher auch die immer wiederkehrende
Verketzerung von Auf-klärung und Vernunft als Geisteshaltungen sowie der
konfessionell nicht gebundenen Menschen, die Vernunft geltend machen und für
Prinzipien der Aufklärung in unserer Zeit eintreten. Der spätbürger-liche
Staat bedarf des religiösen Irrationalismus aus sehr irdischen Gründen
des politischen Macht-erhalts. Zugleich wird aber auch Religions- und
Kirchenkritik sofort in die Ecke der politischen Sys-temgegnerschaft gedrängt.“6
Doch
mit dem Rückwärtsgang im Staatskirchenrecht ist das Hauptproblem des
SED-Erbes ja noch nicht aus der Welt geschafft: der real existierenden
Unglaube, der die Brüder und Schwestern im Osten als unsichere
Kantonisten erschein lässt. Nach Ansicht des Internet-„Politik-Portals
für Professionals“, das sich nach Eigenwerbung „als unabhängiger und
parteipolitisch neutraler Dienst-leister für Politik“ versteht ist die
Ostzone die „Deutsche Diaspora“. Im O-Ton: „In den neuen Bun-desländern
bilden Christen eine Minderheit, die mit eigenen Problemen und den Folgen
jahrzehn-telanger Prägung der Menschen durch das SED-Regime kämpft.“7
Es
folgen Zahlen des Statistischen Bundesamtes, und die dokumentieren „in
aller Deutlichkeit, warum Papst Benedikt XVI. schon Jahre vor seiner Wahl
ins höchste katholische Kirchenamt eine Neumissionierung in der Diaspora
Ostdeutschlands für notwendig hielt. Von den 99.000 Kindern, die 2004 in
Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und
Sachsen zur Welt kamen, entstammten nur 2000 einem katholischen und 7000
einem rein evangelischen Elternhaus. Bei 49.000 Kindern sind dagegen Vater
und Mutter konfessionslos. Insgesamt gehören nur knapp 21 Prozent der
Ostdeutschen der evangelischen und gut fünf Prozent der katholischen
Kirche an.“8
Dann
werden die Zahlen gedeutet, vom katholischen Religionsphilosoph Tiefensee
(Erfurt) als „Volksatheismus“, für den evangelischen
Religionssoziologen Neubert bedeuten die Jahrzehnte der SED-Herrschaft
einen „Supergau der Kirchen". „Binnen weniger Jahrzehnte nach Gründung
der DDR sank die Zahl der Kirchenmitglieder von über 90 auf weniger als
30 Prozent. Der gesellschaftli-che und ideologische Druck im
sozialistisch-kommunistischen System veranlasste viele Getaufte zum
Austritt“, um nochmals das „unabhängige, neutrale Politikportal“ zu
zitieren, dessen Darstellung sich in fast allen Mainstream-Medien
wiederfand.
Rechristianisierung
im „Missionsland“
Die
Schlussfolgerungen der klerikalen Seite aus dieser misslichen Situation
sind unter den Stichworten Neuevangelisation oder Neumissionierung
Deutschlands geläufig. Auf diesem Feld tummeln sich Amtskirchen,
christliche Fundamentalisten, klerikale Politiker und obskure Reaktionä-re.
Die Deutsche Bischofskonferenz am 3. Oktober 2004 stand unter dem Motto
„Bonifatius und die Neumissionierung Deutschlands“, das Hirtenwort der
Deutschen Bischöfe zum Missionssonntag 2004 beginnt mit den Worten:
„Wir sind Missionsland geworden“.
Eine
annähernd vollständige Aufzählung der Stellungnahmen und Aktivitäten würde
ein Buch füllen. Bei den Neumissionierern trifft man von Opus Dei bis zur
Initiative "Neuevangelisation in der katholisch-charismatischen
Erneuerung" alles, was einen zweifelhaften Namen hat. Militante Stoß-trupps
im Katholischen Lager sind die „marianischen" Organisationen wie
die Fokular-Bewegung, die Schönstätter Bewegung, die Gemeinschaft der
Seligpreisungen, die Legionäre Christi oder Sant Egidio.
Jährlich
stattfindende Kongresse „Freude am Glauben“ des „Forums Deutscher
Katholiken“ wol-len „Katholiken unterschiedlicher spiritueller Wege
und Frömmigkeitstile zusammenzuführen, die ihre gemeinsame Grundlage in
der Treue zum Heiligen Vater und im Lehramt der katholischen Kir-che
haben.“9
Die
marianischen und charismatischen Katholiken betreiben eine überkonfessionelle
Zusam-menarbeit mit den fundamentalistischen „Evangelikalen“ im Rahmen
einer „Bekenntnisökumene“. 10Kräfte wie die „Evangelische
Notgemeinschaft in Deutschland“ arbeiten auf die "Einheit der
Chris-ten" hin, Papst Benedikt begrüßt ihr Anliegen. In seinem Grußwort
an den Ökumenischen Bekennt-niskonvent 2004 in Freudenstadt (Schwarzwald)
plädierte er für eine konfessionsübergreifende Zu-sammenarbeit
angesichts zahlreicher Versuche, den christlichen Glauben an den Rand zu
drängen, seien Christen zu einem gemeinsamen Zeugnis verpflichtet.
Veranstalter des Konvents war Prof. Dr. Peter P. J. Beyerhaus, Ritter vom
Orden des Heiligen Johannes des Täufers und Vorsitzender des
Theologischen Konvents der Konferenz Bekennender Gemeinschaften. Weitere
Evangelikale Akti-visten: Pastor U. Rüß, Rechtsritter im
Johanniterorden, Pastor Kai Uwe Schroeter, Leiter des Geist-lichen Rüstzentrums
Krelingen.
In
der Münchner Olympiahalle endete am 26.03.2006 „der größte
Gottesdienst Europas“, wie die deutschen Evangelisierer stolz verkünden
- „ProChrist 2006“ hieß die Kampagne. Nach dem
„Evangelisationskongress“ 1974 in Lausanne wurde in Deutschland die
„Lausanner Bewegung“ ge-gründet, Paten waren die Evangelikalen
Spitzenorganisationen Evangelischen Allianz und Arbeits-gemeinschaft
Missionarischer Dienste. Sie nennt sich auch „Koalition für die
Evangelisation in Deutschland“, aus ihrer Arbeit entstand die
evangelistische Initiative ProChrist, die per Satellit ver-netzte
„Evangelisationen“ mit dem Evangelisten Ulrich Parzany vorbereitet und
durchführt. 11
Mit
solchen Missionsaktion gelingt es den Fundamentalisten zunehmend, sich den
Amtskirchen als Partner und Helfer anzudienen. Das Kuratorium von Pro
Christ 2006 vereinte prominente Fun-damentalisten mit Amtskirchenfunktionären
und dem politischen Klerikalismus:
Der
evangelikale Frontmann Peter Hahne mit seinem Präses Peter Strauch,
Vorsitzender der Evangelischen Allianz, Landesbischöfe aus Baden und
Bayern, Thüringen und Sachsen, Manager und Unternehmer mit Namen wie
Deichmann oder Graf zu Castell-Castell, Schauspielerin Susanne Steidle und
Frank-J. Weise, Vorsitzender der Bundesagentur für Arbeit, ausgediente
Ministerpräsidenten (Teufel) oder SPD-Vorsitzende (Vogel), Aktive wie
Christian Wulff, Niedersächsischer Minis-terpräsident, die tiefschwarze
Christine Lieberknecht, Thüringer CDU-Fraktionvorsitzende sowie Günther
Beckstein, Innenminister in Bayern.
Auch
die Kleinsten blieben nicht verschont: „ProChrist für Kids“ sollte
Kinder „zum Staunen bringen“, und zumindest in Nürnberg staunten
nicht nur Kinder nicht schlecht. Als Helfer und Attrak-tion hatten die
Rattenfänger das Team vom „Turm der Sinne“ in Nürnberg engagiert,
einer Einrich-tung des – Humanistischen Verbandes Nürnberg! Ob der
bisher eher den Konfessionslosen zugeta-ne Verband in diesem Fall in eine
Falle ging, der Drang nach „gesellschaftlicher Anerkennung“ alle
Hemmungen fahren ließ, oder gar höhere Mächte im Spiel waren – ein
Fall zum Staunen bleibts zweifellos. 12
Deutsch-europäischer
Imperialismus unter christlicher Flagge
Schließlich
darf bei den Aktivisten ein Name nicht unerwähnt bleiben: Seine
Kaiserliche Hoheit Dr. Otto von Habsburg. Beim schon erwähnten Ökumenischen
Bekenntniskonvent 2004 wurde er ange-kündigt mit „Leitgedanken einer
christlichen Europapolitik in Auseinandersetzung mit sozialistischen und
liberalistischen Konzeptionen", und gelobt: "sein Lebenswerk ist
das Thema unserer Tagung: Der Kampf für ein christliches Europa". 13
Stolz erwähnt man seine Funktion von 1930 bis 2000 als „Chef und Souverän
des Ordens vom Goldenen Vlies". Der Orden ist „der Jungfrau Maria
gewid-met", sein Ziel „die Erhaltung des katholischen Glaubens, der
Schutz der Kirche und die Wahrung der unbefleckten Ehre des
Rittertums" 14
Seit
1990 reiste Otto von Habsburg als Internationaler Präsident der
Paneuropa-Union und Eu-ropa-Parlamentarier durch die „neuen Bundesländer“,
verdammte den Sozialismus, „entlarvte“ die Atheisten als
„Antichristen“ und forderte politische Unterstützung bei der
Neumissionierung des Os-tens. Manche erinnern sich villeicht noch daran,
dass er am 19.August 1989 auch Schirmherr des „Paneuropa-Picknicks“ in
Sopron war, bei dem 700 DDR-Bürger zur Flucht in den goldenen Westen
eingeladen wurden. 1987 beklagte er: „Konservative, also Menschen, die
nicht auf die Ideologien der Französischen Revolution eingeschworen sind,
müssen es sich immer wieder gefallen lassen, als restaurativ und reaktionär
verleumdet zu werden. Solche Anwürfe sind grotesk. Ein Konservati-ver
lebt aus seiner religiösen Überzeugung und der Erfahrung der
Geschichte.“15
Uns
interessiert aber an Seiner Kaiserliche Hoheit besonders sein seit 1936 währendes
Enga-gement in der Paneuropa-Union, deren Präsident er seit 1973 ist. Die
von Graf Richard von Cou-denhove-Kalergi 1922 gegründete Organisation
versteht sich als Massenbewegung für ein christli-ches, soziales und
einiges Europa, ein „Großeuropa“. wie der Name verrät.
Für
Graf Richard N. Coudenhove-Kalergi bestand der Makel Pan-Europas in seiner
„Desorgani-sation“ und seiner „weichen Ostgrenze“ – Grundlage
der bis heute fortbestehenden antikommunisti-schen Ausrichtung. Der vom
Bosch-Konzern unterstützte Graf „favorisierte ‚eine Art
multinationales Konzern-Europa’ (…) Des Grafen Definition der Grenzen
Europas (einschließlich seiner Kolonien!) ist variabel, nach Osten reicht
Europa bis zur Grenzlinie zwischen ‚Bolschewismus’ und dem ‚demo-kratischen
System’, die nach anderen Himmelsrichtungen gewandt paneuropäische
Mission wird durch die Selbstbehauptung gegen den ‚angelsächsischen
Kapitalismus’ und durch die Abwehr der ‚Sklavenaufstände’ des Südens
bestimmt.“16
„Hauptfeind
war für die Aktivisten der PEU die UdSSR, aus deren Einflusszone die
Staaten Mittel- und Osteuropas zunächst "befreit" werden
sollten. Gemäss dieser Vorgaben ging die PEU in den 1980er-Jahren daran,
die Staaten Mittel- und Osteuropas zu unterminieren. Noch als
parlamen-tarischer Mitarbeiter des auf CSU-Ticket ins Europaparlament
gelangten Otto von Habsburgs entwi-ckelte allen voran Bernd Posselt (MdEP,
Vors. Sudentendeutsche Landsmannschaft) Undercover-Aktivitäten, mit denen
er nationalistische Fanatiker, die sich als Vertreter von
"Volksgruppen" in Mit-tel- und Osteuropa verstanden, unterstützte.
Das Baltikum, das ehemalige Jugoslawien sowie die ehemalige
Tschechoslowakei und Polen waren bevorzugte Agitationsfelder der Paneuropäer.
Im Baltikum, der Tschechoslowakei und Jugoslawien mussten erst völkisch-separatistische
Bewegun-gen mal friedlich, mal blutig ihre Eintrittskarte für die EU erkämpfen.
Doch stets waren Paneuropäer als Vertreter des völkischen Separatismus
mit von der Partie.“17
„Als
wollten sie Samuel Huntingtons These vom ‚Kampf der Kulturen’ auf eine
verquere Weise bestätigen, orientieren die PEU-AnhängerInnen auf eine
europäische Identität, die auf dem Christen-tum basieren soll. ‚Die
Paneuropa-Union bekennt sich zum Christentum als Seele Europas’, heißt
es im ‚Bamberger Programm’ der PEU Deutschland vom Juni 1996. Mit
‚Europa als christliche Werte-gemeinschaft’ ist dessen erster
Abschnitt überschrieben - als Ausdruck der logischen Priorität, die die
Durchsetzung gemeinschaftsstiftender Werte vor der Gewährung von
Freiheiten und Rechten haben soll. (…) Bei ihren Bemühungen, der Säkularisierung
entgegenzutreten, arbeitet die PEU mit dem konservativen katholischen
Klerus zusammen, nicht zuletzt auch mit dem Vatikan.“ 18
Otto
von Habsburg hat aber nicht nur das christliche Seelenheil Großeuropas
fest im Blick – In seinem Artikel „Der weltweite Terrorismus und das
stärker werdende Bollwerk christlicher Religiosi-tät“ erkennt er im
11. September 2001 „eine geistesgeschichtliche Zeitenwende“: „Da
steht an erster Stelle die Erfahrung, daß – für alle weithin sichtbar
– die USA heute die einzige Supermacht in der Welt sind. Es ist ein Glück
für uns, daß gerade in dieser Zeit die USA eine verantwortliche
Regie-rung haben, die außerdem auch moralisch schon darum vertrauenswürdig
ist, weil Präsident Bush gewagt hat, etwas zu tun, was gegen den
Zeitgeist ist: Er hat seine Arbeit mit einem Gebet ange-fangen. Nicht
weniger bezeichnend ist die allgemeine Sorge, wie die Welt überhaupt
weiterbestehen kann, wenn am Schluß nur mehr eine Macht auf Erden übrig
bleibt – nämlich die USA. Dabei sollte man eigentlich beruhigt sein, daß
diese einzigartige Stellung in die Hände von Amerikanern gefallen ist,
die, wie Präsident Bush, moralisch und religiös fest verankert
sind.“19
Vatikan
auf proimperialistischem Kurs
Doch
nicht nur paneuropäisch und transatlantisch sollen im Zeichen der
Rechristianisierung die Rei-hen fest geschlossen werden. Auch an den
Schulen sollen Schülerinnen und Schüler neben der Evolutionslehre
„gleichberechtigt“ die christliche Schöpfungslehre erlernen – nicht
im Religionsunter-richt wohlgemerkt, im Biologieunterricht!
„Bahnbrechend“ hat sich hier die hessische Kultusministerin Wolf mit
Äußerungen hervorgetan, wonach christliche Schöpfungsvorstellungen auch
im Biologieun-terricht behandelt werden sollen und es zulässig sein müsse,
die Evolutionstheorie in Frage zu stel-len.
Die
„neue Alternative“ zur Evolutionstheorie soll modern klingen und
anspruchsvoller als der gewöhnliche Kreationismus. „Intelligentes
Design“ heißt sie und wurde vom rechtsgewirkten US-Think Tank Discovery
Institute in Seattle erschaffen. Es handelt sich aber um alten Wein in
neuen Schläuchen, eine "wissenschaftlich" verbrämte Version
des Schöpfungsglaubens. In diese Kerbe hieb auch Papst Benedikt XVI. in
der Predigt zu seiner Amtseinführung am 24. April 2005 im Vati-kan:
„Wir sind nicht das zufällige, sinnlose Produkt der Evolution. Jeder
von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes.“
Offenbar
will die Katholische Kirche mit dieser Kampagne gezielt den
Schulterschluss mit den protestantischen Evangelikalen in den USA suchen,
die zu den politisch wichtigsten Stützen von Präsident Bush zählen. Sie
schließt damit an jene Allianzen an, die sie bei anderen Themen wie
Abtreibung und Stammzellenforschung bereits mit den Evangelikalen gebildet
hat. Aber da der Vatikan bekanntlich auch ein „Global Player“ ist,
kann man sich ob dieser Bündnisbemühungen mit der reaktionärsten
Fraktion der imperialistischen Führungsmacht einen speziellen eigenen
Reim ma-chen.20
Dass
der Vatikan sich immer offensichtlicher als pro-imperialistischer Bündnispartner
anzubie-dern versucht, wurde zuletzt mit der Rede Papst Benedikts in der
Universität Regensburg zum Islam dokumentiert. 21 Wenige Wochen nach Ende
der US-gestützten Aggression Israels gegen den Liba-non hielt er es für
angebracht, die antiislamische Kampagne zu befeuern, indem er den Islam
als einen vernunftlosen Glauben charakterisierte, der Menschen mit Gewalt
aufgezwungen werde.
Prof.
Juan Cole von der Universität Michigan/USA analysierte, dass der Papst
sachlich falsch argumentierte: Benedikt behauptete, dass das Koran-Zitat
„Es gibt keinen Zwang in Glaubenssa-chen“ ein früher Vers aus der
Zeit sei, als Mohammed noch machtlos war, aber später im Leben befahl,
dass seine Religion mit dem Schwert ausgebreitet würde. Aber da die
Zweite Sure tatsäch-lich aus der Medina-Periode stammt, als Mohammed
bereits an der Macht war, ist diese Theorie nicht haltbar. 22
Der
Berliner Rechtsanwalt Alant Jost erstattete aufgrund der Rede Strafanzeige
beim General-bundesanwalt gegen den Papst wegen Volksverhetzung. 23
Dass
die christlichen Amtskirchen in Deutschland in der Vergangenheit fest an
der Seite des deutschen Imperialismus standen und für seine Kriege
trommelten, ist hinreichend bekannt, und wird von den Koppelschlössern
der Soldaten mit der Inschrift „Gott mit uns“ bis zur Tradition des
Waffensegnens eindrucksvoll dokumentiert. Doch diese Tradition reicht bis
in die Gegenwart. Bei seinem jährlichen Soldatengottesdienst gibt
Kardinal Meisner solch göttliche Sätze von sich wie „In der Hand des
betenden Soldaten ist das Gewehr vor Missbrauch sicher“.
Und
nicht zu vergessen: Vor drei Tagen, am 8. März feierten die Militärseelsorge-Verträge
der BRD 50. Geburtstag. 1957 hatten sich jene Kräfte in der Evangelischen
Kirche endgültig durchge-setzt, die Adenauers Politik der
Wiederbewaffnung und Remilitarisierung für die „Verteidigung der
Freiheit“ ihren Segen gaben. Die entsprechende Regelung mit der
Katholischen Kirche gründet sich weiterhin auf das Hitler-Konkordat von
1933. In der DDR gab es keine Militärseelsorge. Nach dem Anschluss gab es
zunächst Widerstände der Landeskirchen, bis schließlich die alten
BRD-Regeln seit 2004 im ganzen einig Vaterland verbindlich sind.
Anlässlich
einer Fachtagung zum Thema stellten wir 2002 fest: „Wir lehnen die so
genannte ‚Mi-litärseelsorge’ ab, da sie der öffentlichen Akzeptanz
und der Legitimation von Kriegen ebenso dient, wie der ‚moralischen’
Aufrüstung des militärischen Personals. Dies bestätigen nachdrücklich
Äuße-rungen wie die des katholischen Militärbischofs Mixa: ‚Die
Soldaten müssen den Auftrag, den ihnen der Staat erteilt, guten Gewissens
erfüllen können’ (Die Tagespost, 13.11.2001). Und entsprechend der
‚veränderten Auftragslage’ und ‚Neuausrichtung der Bundeswehr’
auf weltweite NATO-Interventionen sieht Mixa den ‚Schwerpunkt in
seelsorgerischer Einsatzbegleitung’ (‚Verteidigungs-ausschuss’ des
Deutschen Bundestages am 14.11.2001)“. 24
Hartwig
Hohnsbein kommentierte kürzlich: „… Es war zugleich der erneute Gang
der Kirche in die Babylonische Gefangenschaft staatlicher Militärpolitik,
aus der sie 1945 nach jahrhundertelanger Knechtschaft gerade befreit
worden war. Spätestens seit dem Jahre 1999 liegt das offen zutage. Am 24.
März 1999 begann die NATO ohne UNO-Mandat ihren Krieg gegen Jugoslawien.
Schon einen Tag später erkannte der damalige Vorsitzende des Rates der
Evangelischen Kirche in Deutschland, Manfred Kock, dieses völkerrechtswidrige
Terrorunternehmen als »einzig wirksames, letztes Mittel« an. Am 29. März
übernahm der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz,
Bischof Karl Lehmann, diese Rechtfertigung: »Wir anerkennen die humanitären
Ziele dieser Intervention.« Beide Erklärungen trugen dazu bei, den
Widerstand gegen diesen ersten deutschen Angriffskrieg seit 1945 zu schwächen.
Seit jenen Märztagen 1999 haben die Kirchen alle Militäraktionen der
Bundeswehr unterstützt. Sichtbar wird das darin, daß ihre Militärseelsorger
alle Auslandseinsätze beglei-tet haben.“ 25
„Als
endlich die Waffen schwiegen, da schwiegen auch die Kirchen zu dem, was
die Waffen angerichtet hatten – in Vietnam wie in späteren
Kriegsgebieten. Jugoslawien und das von ihm militä-risch abgetrennte
Kosovo sind seit der Einstellung der Bombardements kaum noch Thema für
Bi-schöfe und Präsides. Ein Schuldbekenntnis in Bezug auf die durch
NATO-Bomben Getöteten, Ver-stümmelten, um ihr Hab und Gut oder ihre
Arbeitsstelle Gebrachten unterblieb. Kein Wort des Be-dauerns über die
zerstörten Brücken, Schulen, Krankenhäuser, Fabriken und so weiter;
kein Wort zur bewußten Verseuchung und zu den langfristigen Folgen durch
Radioaktivität und persistente Schadstoffe; keine Ermahnung an die jetzt
im Kosovo Verantwortung mittragende deutsche Regie-rung, das
terroristische Treiben der UCK gegen Serben, Roma, Ashkali und weitere
Minderheiten zu stoppen, obwohl ein Ratschlag von Theologen,
Gesellschafts- und Naturwissenschaftlern in Göttin-gen der Kirche all
dies vorhielt.“ 26
Und
die „Gottlosen“?
Wenn
man ein Fazit zieht, was es mit der propagierten „Rechristianisierung“
auf sich hat, geht es darum, den Volksatheismus als Erbe der
„SED-Diktatur“ zu verdammen und zu überwinden, kirchli-che
Privilegien in ganz Deutschland zu zementieren, dafür im Gegenzug
sozialistische Ideen aus den Köpfen zu vertreiben und
kapitalismus-ergebene Schafe zu formen.
Jedoch
wäre es ein Irrtum zu meinen, dass solche Ziele nur mit religiösen
Inhalten einhergingen oder an kirchliche Institutionen gebunden seien.
Gerade angesichts der beklagten Situation einer verbreiteten areligiösen
Haltung sind „Auffangstellungen“ erforderlich, die vergleichbare
Leistungen bei nicht kirchlich gebundenen Menschen vollbringen.
In
diesem Zusammenhang muss der „Humanistische Verband“ erwähnt werden,
der mit einem umfangreichen Dienstleistungsangebot auftritt, und dank
„Staatsknete“ besonders in Berlin über einen großen hauptamtlichen
Apparat verfügt. Seinen Ursprung hat der Verband im früheren „West-berliner
Freidenker-Verband“, der in den 1950er/60er Jahren eng mit dem „Ostbüro“
der SPD ver-bunden war, und seinen strikt antikommunistischen Kurs auch
bis 1989/90 durchhielt.
In
dieser Zeit der Konterrevolution in der DDR nahm er einen von einem
Kirchenvertreter in Rostock auf den „Runden Tisch“ gezauberten
„Stasi-Befehl“ zum Anlass, den Anfang 1989 gegrün-deten „Verband
der Freidenker der DDR“ als Stasi-Organisation zu denunzieren und öffentlich
seine Selbstauflösung zu verlangen. Die Mitglieder wollte man selbstverständlich
„übernehmen“. Als sich die Mehrheit des DDR-Verbandes davon nicht
beeindrucken ließ, sondern sich 1991 mit den west-deutschen Freidenkern
zu einem gemeinsamen Deutschen Freidenker-Verband zusammenschloss,
versuchte man zunächst, den Ost-Freidenkern den Namen Freidenker
gerichtlich verbieten zu las-sen – ohne Erfolg.
Die
„Westberliner“ suchten sich andere Partner und schlossen sich 1993 mit
freireligiösen Gruppen zum „Humanistischen Verband Deutschlands“
zusammen. Der Schwerpunkt der Tätigkeit liegt auf „Geschäftsfeldern“,
also einem kommerziellen Dienstleistungsbetrieb für Konfessionslose.
Warum der Name humanistisch an die Stelle der Freidenker trat, erklären
sie selbst mit der „Not-wendigkeit politischer und konzeptioneller
Trennstriche: Ein Motiv der Namens- und Konzeptände-rung war die
ambivalente Geschichte der freigeistigen Bewegung selbst. Das betrifft
sowohl die Dis-tanz zu einer Freidenkerei, die die freie Weltanschauung
dogmatisch und sektiererisch an den Mar-xismus-Leninismus zu binden
versuchte, als auch die klare Distanz nach rechts.“27
Die
Evangelische Kirche unterhält eine „Zentralstelle für
Weltanschauungsfragen“, sozusagen als Agentur zur
„Feindbeobachtung“. Deren Leiter Andreas Fincke stellt befriedigt
fest, dass sich „der HVD von klassischen Freidenkerpositionen entfernt
(hat). Er fordert nicht mehr die radikale Trennung von Staat und Kirche
(bzw. Weltanschauung), sondern reklamiert die finanzielle Unter-stützung
auch für sich“. 28
Die
‚Frankfurter Allgemeine Zeitung’ nahm die kirchlichen Erkenntnisse zum
Anlass, über den HVD wohlwollend zu sprechen, und ließ auch den
HVD-Vorsitzenden Groschopp zu Wort kommen: „Der in Dortmund ansässige
‚Deutsche Freidenker-Verband’, über den Groschopp nur mit leisem
Spott spricht, faßte die von der Kirche mitgetragene Wende von 1989 als
‚Konterrevolution’ auf und schickte Grußadressen an Erich Honecker
und Egon Krenz. Noch heute gehört der Vorsitzende Klaus Hartmann dem
‚Internationalen Komitee zur Verteidigung von Slobodan Milosevic’ an.
Der HVD dagegen, so Groschopp, streite als politisch neutraler Verband
nicht über die Steuerreform, sondern allenfalls über die Kirchensteuer
...“ 29
Die
„Grußadressen“ hat Groschopp erfunden, jedoch hat er leider nicht über
meinen Gefäng-nisbesuch bei Genossen Heinz Kessler berichtet, mit dem wir
auch ein Zeichen des Protests gegen die Kolonialrechtsprechung des
BRD-Regimes und die Diskriminierung der Funktionsträger der DDR setzen
wollten.
Wie
„politisch neutral“ dieser Humanistische Verband ist, zeigte sich, als
Groschopps Vorgän-ger Stöckel als SPD-Bundestagsabgeordneter im März
1999 seine Hand für die Beteiligung an der NATO-Aggression gegen
Jugoslawien hob. So verwundert es auch nicht mehr, dass die
Bundesde-legiertenkonferenz des HVD am 6./7. Mai 2006 in Hannover
forderte, analog den Kirchen künftig humanistische „Militärseelsorge“
in der Bundeswehr betreiben zu dürfen. Die Begründung ist zumin-dest
nicht witzig gemeint: „Der HVD fordert die Bundesregierung auf, ihrer
Verantwortung gegenüber allen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in den
Diensten der Bundeswehr endlich nachzukommen.“30
Es
gibt noch weitere Bereiche harter ideologischer Auseinandersetzung, in
denen Religionsfreie derzeit Gefahr laufen, für die Ziele der
Herrschenden vereinnahmt zu werden. Aktuelles Beispiel sind die Debatten
über den Islam, bei denen meist die Stichworte Terrorismus und „Krieg
gegen den Terror“, oder auch Integration, Leitkultur und „innere
Sicherheit“ nicht fehlen.
Zwischen
Religionskritik und Islamophobie
Eine
„Giordano-Bruno-Stiftung“, die sich ansonsten verdienstvoll um die
Herausgabe der Werke des Kirchenkritikers Karlheinz Deschner bemüht, hat
jüngst die Gründung eines „Zentralrats der Ex-Muslime“ lanciert.
Aber was tut er? Von der Bundesregierung fordert er „sich auf
internationaler E-bene für die Einführung und Einhaltung der
Menschenrechte in den Ländern des islamischen Herr-schaftsraumes
einzusetzen“.
„Wie
geeignet ausgerechnet die deutsche Bundesregierung ist, sich für die
Geltung der Men-schenrechte zu verwenden, soll hier nicht kommentiert
werden. Menschenrechtsorganisationen kriti-sieren jedenfalls seit langem,
dass alle Bundesregierungen das Thema ‚Menschenrechte’ immer im Außenministerium
angesiedelt haben, was erstens signalisiert, dass dies kein
innenpolitisches The-ma ist, da ‚bei uns’ mit den Menschenrechten
alles bestens sei. Und zweitens bewirkt diese Praxis, die Menschenrechte
als Waffe in den Beziehungen zu anderen Ländern zu instrumentalisieren
– bis hin zum Kriegsvorwand.“31
Innenpolitisch
fordert der „Zentralrat der Ex-Muslime“: „Da der Islam in seiner
konsequenten Form mit diversen Artikeln des Grundgesetzes kollidiert, kann
er nicht den vollen Schutz des Grund-gesetzes für sich in Anspruch
nehmen!“ Zu diesem unfassbaren Plädoyer des Ausschlusses vom Schutz des
Grundgesetzes bemerkte die Islambeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion Dr.
Lale Akgün treffend: ‚Es stimmt einfach nicht, dass der Islam nicht mit
dem Grundgesetz vereinbar ist. Das ist eine unzulässige
Verallgemeinerung, mit der nur die Islamophobie angeheizt wird.
Funda-mentalistisch-religiösen Auswüchsen, ob von christlicher, jüdischer
oder muslimischer Seite, müssen wir entschieden entgegentreten. Aber eine
Ungleichbehandlung der Religionen darf es nicht geben - alle Religionen
genießen den gleichen Schutz’“.32
Einige
werfen angesichts der Gründung dieses „Zentralrats der Ex-Muslime“
die Frage auf, ob damit nicht der anschwellenden antimuslimischen
Stimmungsmache im Land zusätzliche Munition geliefert wird, verbunden mit
der Frage, ob Religionskritik überhaupt noch „erlaubt“ ist, wenn
daraus Rassisten oder Kriegsbefürworter Honig saugen können. Die
notwenige Kritik an Machtmissbrauch und Menschenrechtsverletzungen durch
religiöse Institutionen erfordert die glasklare Abgrenzung von jenen, die
Religionskritik nur als Vorwand benutzen, um Antiislamismus als
Hassideologie ver-breiten. Und leider gelangt man von den Internet Seiten
der Ex-Muslime direkt zu solchen der US-Neocons, zu
Zionismus-Propagandisten, Befürwortern der US-Kriege und professionellen
Islam-Hassern.
Schon
seit einigen Jahren wird in Deutschland die vergiftete Debatte um eine
vermeintliche „Leitkultur“ geführt. Dabei wird ein nationalistischer,
kulturalistisch aufgeladener Chauvinismus vom Zaun gebrochen, mit einem ständigen
Verweis auf die christlich-abendländischen Werte, eine Be-grifflichkeit,
die wir noch aus vergangenen Jahrzehnten gut kennen. Damals nämlich wurde
die „christlich-abendländische Tradition“ als Gegenmetapher und
Gegenkraft gegen den „sozialistischen Materialismus“ in Anschlag
gebracht, und heute dienen die christlich-abendländischen Werte plötz-lich
als Metapher und Kampflosung für den sogenannten „Zusammenprall der
Kulturen“, mit dem der bekannte Samuel Huntington für die neuen Kriege
des Imperialismus die ideologische Vorlage gelie-fert hat.
Plötzlich
finden wir ganz neue „Freunde“ der Religionskritik, die eine ganz
scharfe Klinge ge-gen den Islam führen, der auch nicht mehr als Islam,
sondern nur noch als Islamismus zu existieren scheint, und dem unterstellt
wird, dass er die ideologische Antithese zur Zivilisation, zum Westen und
seinen Werten darstelle. Nachdem „der Orientale“ als kulturologisch
und „rassisch“ minderwerti-ger Mensch, der Orient als Hort der Zurückgebliebenheit
und Mittelalterlichkeit, als das Gegenteil von Vernunft, Freiheit und Veränderbarkeit
dargestellt wird, erstrahlt dagegen „der Westen“ als der Hort des
Universalismus, der Menschenrechte und - man erinnert sich an Ronald
Reagan – als der „Leuchtturm der Freiheit“.
Bei
der Mobilisierung solch antiislamischer Stimmungen hat man es nicht im
Geringsten mit Religionskritik zu tun, dies wurzelt vielmehr in der
Ideologie und der Mentalität der Kreuzzüge, in den antijüdischen und
antitürkischen Ausfällen Luthers und entstammt dem ideologischen und
propa-gandistischen Marschgepäck der Kolonisatoren. Der Deutsche
Freidenker-Verband lässt sich sicher nicht in diese Falschmünzerkampagne
vermeintlicher Religionskritik einspannen, in dieser zutiefst
rassistischen Propagandakampagne eine ihm zugedachte Rolle als nützlicher
Idiot zu spielen, und zu Bushs Kreuzzügen seinen „atheistischen
Segen“ zu spenden. 33
*
Liebe
Freundinnen und Freunde, Genossinnen und Genossen,
lasst
mich auch an dieser Stelle ein Fazit ziehen: Ohne Materialismus, Dialektik
und eine materialis-tisch-dialektische Auffassung der Geschichte bleibt
Religionskritik eine stumpfe Waffe, bleibt die Dialektik von Religion und
Gesellschaft unbegriffen, besteht immer die Gefahr, für die Interessen
der herrschenden instrumentalisiert zu werden.
Den
Kampf um die „Beherrschung der Köpfe“ führen die Herrschenden als
Kampf um die Deu-tungshoheit der Geschichte, ihr Sieg ist erst komplett,
wenn die Untertanen das Geschichtsbild der Herrschenden zu ihrem eigenen
machen. Es kann daher nicht verwundern, dass sie für Menschen, die sie über
die kirchliche Obrigkeit nicht mehr erreichen können, andere Formen der
„Missionie-rung“, andere Instrumente verfügbar machen, um die
Hegemonie imperialistischer „Kultur“ und Vorstellungen zu verankern.
Der
Irrationalismus begegnet uns in vielfältiger, in religiöser und in
weltlicher Gestalt. Deshalb haben wir 2005 in Berlin zwei Konferenzen
unter dem Motto „Aufklärung contra Gehirnwäsche, Volksverdummung und
Zerstörung der Vernunft“ durchgeführt. Sie beschäftigten sich 60
Jahre nach der Befreiung vom Faschismus schwerpunktmäßig mit den
unterschiedlichen Versuchen der Diffa-mierung und Zerstörung des
Antifaschismus. Daran anknüpfend wollen wir uns im Rahmen einer weiteren
Konferenz mit einem Thema beschäftigen, das auch mit dem heutigen
Kolloquium im Zusammenhang steht:
Die
Rede, dass „die Deutschen in der DDR erst 1990 endgültig befreit
wurden“, läuft auf die Negation der Befreiung vom Faschismus, auf die
Denunziation der Sowjetunion als „illegitime Be-freierin“ hinaus.
Gegenwärtig erleben wir wieder eine beispiellose antirussische
Hetzkampagne. Der ‚Spiegel’ zeigt diese Woche auf der Titelseite den
russischen Präsidenten Putin als finster lauernden Bolschewik, ein
Plakatmotiv aus der Nazi-Zeit, das von Adenauer adaptiert wurde mit dem
Text „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau“ und von Franz-Josef
Strauß für seinen Wahlkampf unter dem Motto „Freiheit statt
Sozialismus“. Untergründig wird hier an das tiefsitzende antislawische
Ressentiment, die rassistische Rede vom slawischen Untermenschen angeknüpft.
Darüber
hinaus kann man mit Sicherheit erwarten, dass wir in den nächsten Monaten
bis zum November eine sich steigernde Kampagne erleben werden, die der
Verdammung der Oktoberrevo-lution, deren 90. Jahrestag bevorsteht, dienen
soll. Auch hier werden wir mit weiteren Varianten des
Geschichtsrevisionismus konfrontiert werden, die den Menschen den Blick
und den Weg in die Zu-kunft versperren sollen.
Wenn
die Herrschenden das Ende der Geschichte propagieren, wollen wir ihnen in
dem einen Punkt nicht widersprechen – dass ihre Zukunft hinter ihnen
liegt.
Wir
verteidigen mit der Legitimität des Sozialismus genau dieses Offenhalten
und Öffnen des Weges in eine menschenwürdige Zukunft.
Wir
verteidigen ebenso die Legitimität der Revolution als Mittel und Ausdruck
des Selbstbe-stimmungsrechts des Menschen über ihm gemäße
gesellschaftliche Verhältnisse, als Wahrnehmung seines Menschenrechts und
seiner Rolle als Subjekt der Geschichte.
Wir
würden uns freuen, viele von Euch zu unserer Konferenz im Oktober 2007 zu
dieser Thematik begrüßen zu können, das ostdeutsche Kuratorium der Verbände
lade ich herzlich ein, die Konferenz aktiv mitzugestalten.
Anmerkungen:
1
„Berliner
Erklärung“ des Deutschen Freidenker-Verbandes, 1994
2
Brief an die
Verfassungskommission, siehe ‚Freidenker’ 3-1992
3
Brockhaus
Enzyklopädie, Einundzwanzigster Band, Mannheim 1993,S.31
4
Ebenda
5
Prof. Dr. Hans-Günter
Eschke, Jena, Die Trennung von Staat und Kirche - Herausforderung für die
Freidenker, s. http://freidenker.de/
6
Ebenda
7 POLIXEA-Portal,
16.08.2005, http://www.polixea-portal.de
8
Ebenda
9
„Der Fels“ 2001/ 02
10
http://www.betanien.de/
11
http://www.lausannerbewegung.de/
12
‚Freidenker’ 1-2006
13
http://www.betanien.de/Material/ermahnendes_Artikel/konvent.htm
14
http://www.uni-protokolle.de/Lexikon/Orden_vom_Goldenen_Vlies.html
15
Otto von Habsburg: Die
Reichsidee. Geschichte und Zukunft einer übernationalen Ordnung; Amalthea
1987
16
Dr. Wolf-Dieter Gudopp,
Auf dem Weg in den Dritten Weltkrieg?, Frankfurt/Main, 1991, s.a. Reinhard
Opitz, Fa-schismus und Neofaschismus, Köln 1988, sowie Europastrategien
des deutschen Kapitals, Köln 1977
17
Der Rechte Rand, Nr. 62
vom Januar / Februar 2000
18
Ebenda
19
http://www.konservative-epoche.de
20
Klaus Hartmann,
Chefdesigner Gott, in ‚Freidenker’ 4-2005 und „junge Welt“,
14.10.2005
21
http://www.vaticanradio.org/
22
‚Freidenker’
4-2006, S. 42
23
ebenda, S. 41
24
http://www.freidenker.de
25
Hartwig Hohnsbein,
Kirche und Krieg, in: ossietzky 3-200725
26
ebenda
27
http://hpd-online.de/node/364
28
http://www.confessio.de/cf/041/Conf041-2.html
29
Frankfurter Allgmeine
Zeitung, 07.12.2004
30
http://www.humanismus.de/
31
Klaus Hartmann, Merkwürdiges
vom „Zentralrat der Ex-Muslime“, s.a. junge Welt, 15.03.2007, S. 3 und
http://www.redglobe.de/
32
ebenda
33
Klaus Hartmann:
Freidenker-Tradition - Verteidigung von Vernunft, Selbstbestimmung und
Antifaschismus, Freidenker-Konferenz in Berlin, 19.02.2005
|