Unsere
Religionskritik ist Gesellschaftskritik
Quelle:
freidenker.org
auf
Kommunisten-online am 12. Februar 2010 -
Klaus
von Raussendorffs Beitrag stellt 7 Thesen auf, die nicht nur für
organisierte Freidenker, sondern auch für jeden Praktiker einer
kommunistischen Partei zum Rüstzeug für ideologische und andere Kämpfe
gehören. Ohne eine solche geistige Bewaffnung, ohne Übung im Umgang
damit, wäre eine Freidenkerbewegung, und genau so eine proletarische
Partei allen möglichen Fallen ausgesetzt. Deshalb lohnt es sich, darüber
tief genug nachzudenken und Militanz am richtigen Ort zu entfalten.
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Marxistische
Religionskritik ist wesentlich revolutionär und bildet wie
marxistische Theorie überhaupt eine dialektische Einheit mit der
Praxis des politischen Kampfes für Demokratie und Sozialismus.
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Indem
der Mensch sich als Schöpfer seiner Lebensverhältnisse erfährt,
wird die Gottesfrage praktisch unmöglich.
-
Die
marxistische Kritik der Religion ist Element der allgemeinen Kritik
aller Formen eines „verkehrten“ gesellschaftlichen Bewusstseins.
-
Religion:
„Seufzer“ – „Protestation“ – „Opium“.
-
Die
klassische Methode der materialistischen Religionskritik besteht in
der Erklärung der religiösen Erscheinungen aus den jeweils
konkreten Lebensverhältnissen.
-
Die
Religion hat Wurzeln im Denken und Wollen des Menschen. Sie
„verschwindet“ nicht, sondern wird in anderen Formen des
gesellschaftlichen Bewusstseins „aufgehoben“.
-
Der
politische Kampf für Frieden und Demokratie erfordert das
politische Zusammengehen von Materialisten und Glaubenden.
Unsere
Religionskritik ist Gesellschaftskritik
Von
Klaus von Raussendorff1
Religion
ist eine Form des gesellschaftlichen Bewusstseins, die weltweit in einer
verwirrenden Vielfalt in Erscheinung tritt. Einerseits suchen Milliarden
Gläubige in dieser verkehrten kapitalistischen Welt in religiösen
Vorstellungen geistige Orientierung und moralischen Rückhalt.
Andererseits ist Religion nicht nur Vertröstungsmittel. Sie motiviert
auch fortschrittliche politische Kämpfe. Dies haben in neuerer Zeit
Christen beider Konfessionen im Widerstand gegen den Faschismus gezeigt.
Auch die christliche Befreiungstheologie wird als emanzipatorische
Bewegung gewürdigt. Eine vergleichbare Legitimität wird dem
politischen Islam im Westen vielfach verweigert.Die angeblich aufgeklärte,
säkulare Welt des Westens sieht sich bedroht. Kritisiert wird angeblich
„Fundamentalismus jeglicher Art“. Konkret gemeint ist meist der
muslimische Widerstand gegen Invasion und Besatzung durch NATO-Mächte.
Deutschland ist ein weitgehend säkulares Land. Ein Viertel der Bevölkerung
bezeichnet sich als konfessionslos. Da taugt die früher übliche Verklärung
des christlichen Abendlands nur noch wenig zur propagandistischen Überhöhung
der „deutschen Verantwortung in der Welt“. Heute soll das
Vormachtstreben der hochkapitalistischen Länder mit der weltweiten,
auch militärischen, Durchsetzung von „Menschenrechten“
gerechtfertigt werden. Der außenpolitischen Aggressivität entspricht
ein krasser Irrationalismus. Neben säkularen Formen der ideologischen
Bearbeitung der Massen ist wie zu allen Zeiten Religion immer noch ein
massenwirksames Mittel der Entmündigung und Gängelung breiter Bevölkerungsschichten.
All diese Erscheinungen, die in den Medien berichtet und durch
Religionswissenschaft, Religionsgeschichte und Religionssoziologie
wissenschaftlich erforscht werden, sind Gegenstand marxistischer
Religionskritik.Religionskritik ist nicht mit Atheismus identisch. Sie
gibt es auch innerhalb der religiösen Systeme, z.B. im Judentum,
Christentum, Islam etc. Dort tritt sie als „Dissidenz“,
„Reformation“, „Erneuerung“ etc. in Erscheinung. Ferner gibt es
im Dialog zwischen den religiösen Systemen, der vorgeblich dem
„Frieden in der Welt“ dient, ein unvermeidbares Element der
kritischen Distanzierung von anderen und der Profilierung der eigenen
Gruppenidentität, wie beispielhaft vom Papst in seiner skandalträchtigen
Regensburger Rede vorgeführt.Gerade auch diese innerreligiösen
Differenzierungen sind Gegenstand marxistischer Religionskritik. Ihre
Methode ist konsequent materialistisch. Sie geht von der realen
gesellschaftlichen Entwicklung aus und sieht diese als letztlich
bestimmend dafür an, wie sich die Formen der Religion entwickeln. Die
Herangehensweise an all diese Phänomene auf der Grundlage des
Historischen soll in folgenden sieben Thesen beschrieben werden.
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Marxistische
Religionskritik ist wesentlich revolutionär und bildet wie
marxistische Theorie überhaupt eine dialektische Einheit mit der
Praxis des politischen Kampfes für Demokratie und Sozialismus.
In der 1843 – 44 entstandenen Schrift „Zur Kritik der Hegelschen
Rechtsphilosophie. Einleitung“ formuliert der junge Marx die oft
zitierte Erkenntnis: „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre,
daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit
dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen
der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein
verächtliches Wesen ist.“ (Hegels Rechtsphilosophie, Einleitung MEW
1/385) Religionskritik leitet für Marx also unmittelbar in ein
Programm revolutionärer politischer Praxis über und bildet wie
alle spätere marxistische Theorie mit der revolutionären Praxis
eine dialektische Einheit. In den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts
entwickeln Marx und Engels ihren philosophisch-materialistische
Begriff der Praxis insbesondere in der Auseinandersetzung über die
Kritik der Religion mit den Junghegelianern (David Friedrich
Strauss, Bruno Bauer, Max Stirner u.a.), die „meinten, dass die
christliche Religion und die mit ihr verbundenen Ideen die
entscheidende Ursache für die damals in Deutschland herrschenden
reaktionären gesellschaftlichen Zustände seien. Sie
schlussfolgerten, dass allein oder doch in erster Linie eine Kritik
dieser Ideen notwendig sei, um die gegebenen
gesellschaftlich-politischen Verhältnisse verändern zu können.
(…) Marx und Engels waren durch ihre persönliche Kenntnis des
Volkskampfes gegen die feudale und kapitalistische Ausbeutung und
Unterdrückung sowie besonders durch ihre Parteinahme für das
Proletariat auf die tatsächlichen Ursachen der gesellschaftlichen
Entwicklung gestoßen.“ (Dieter Wittich, Art. „Praxis“ in
Georg Klaus/Manfred Buhr, Philosophisches Wörterbuch , Leipzig,
1969, Bd. 2, 865-866)
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Indem
der Mensch sich als Schöpfer seiner Lebensverhältnisse erfährt,
wird die Gottesfrage praktisch unmöglich.Atheismus hat keinen Sinn
mehr.
Sozialismus ist positives, nicht mehr durch Negation der
Gottesvorstellung vermitteltes Selbstbewusstsein des Menschen.
Bahnbrechend für die Entwicklung des historischen Materialismus
waren in jener Zeit Ludwig Feuerbachs Untersuchungen über das Wesen
der Religion und das Wesen des Christentums. Feuerbach überwandt
die Auffassung des bürgerlichen Rationalismus des 18. Jahrhunderts,
der in der Religion nichts als Unwissenheit, Irrtum oder betrügerische
Vorspiegelung sah.Für Feuerbach ist Religion eine Projektion des
Wesens des Menschen. „Gott, so meint Feuerbach, ist nichts weiter
als eine Schöpfung des Menschen selbst, ist Ausdruck seiner Abhängigkeit
und seiner Ohnmacht gegenüber den Geschehnissen in der Natur.In der
Phantasiegestalt Gottes idealisiert der Mensch sein eigenes Wollen
und eigenes Tun und erwartet dann von seiner eigenen Schöpfung
Hilfe.“ So der marxistische Religionswissenschaftler Fritz Schiff.
Damit habe, so Schiff weiter, Feuerbach „die Frage der Existenz
Gottes zum ersten Male dem Streit zwischen gläubigen und ungläubigen
Metaphysikern entzogen und ihr in seiner ‚Menschkunde‘, seiner
,Anthropologie‘ eine wissenschaftliche Grundlage gegeben…“
(Fritz Schiff: Die Wandlungen der Gottesvorstellung,
Urania-Freidenker-Verlag, Jena, 1931, S. 71) (ebenda) An Feuerbach
kritisch anschließend und dessen Erkenntnisse weiterführend, hebt
dann Marx den Gedanken hervor, dass die Wirklichkeit nicht wie bei
Feuerbach nur „subjektiv“, „unter der Form des Objekts oder
der Anschauung gefaßt“ werden muss, sondern gesellschaftlich
„als menschliche sinnliche Tätigkeit“, als gesellschaftliche
„Praxis“. (Karl Marx, Thesen über Feuerbach, MEW
3/533 ff. Dietz Verlag Berlin, 1969)
Schon in der Antike gibt es religionskritische Einsichten. Und
Gottlosigkeit, also Atheismus, der mit Religionskritik begrifflich
nicht identisch ist, ist vermutlich so alt wie Religion selbst. Aber
erst mit dem industriellen Kapitalismus reift ein tieferes Verständnis
des Wesens des Menschen und der Religion.Über die entscheidende
Voraussetzung dafür macht Marx eine wichtige Bemerkung in einer Fußnote
im „Kapital“: „Die Technologie“, so Marx, „enthüllt das
aktive Verhalten des Menschen zur Natur, den unmittelbaren
Produktionsprozeß seines Lebens, damit auch seiner
gesellschaftlichen Lebensverhältnisse und der ihnen entquellenden
geistigen Vorstellungen.“ (Kapital I MEW
23/ 393, Fußn. 89) Erst mit dem Aufkommen des modernen
Proletariats, des Betreibers des gigantischen Maschinenwesen des
Kapitalismus, reift die volle Erkenntnis, dass die „Weltgeschichte
nichts anders ist als die Erzeugung des Menschen durch die
menschliche Arbeit, als das Werden der Natur für den Menschen.“
Durch seinen „Entstehungsprozess“ ist der Mensch sich selbst
„als Dasein der Natur… (und)… die Natur für den Menschen als
Dasein des Menschen praktisch, sinnlich anschaubar geworden.“
Damit ist „die Frage nach einem fremden Wesen, nach einem Wesen über
der Natur und dem Menschen … praktisch unmöglich
geworden.“Daraus folgt für Marx: „Der Atheismus… hat keinen
Sinn mehr, denn der Atheismus ist eine Negation des Gottes und setzt
durch diese Negation das Dasein des Menschen; aber der Sozialismus
… ist positives, nicht mehr durch die Aufhebung der Religion
vermitteltes Selbstbewusstsein des Menschen.“ (Philos.-ökonom.
Manuskripte MEW 40/546) Später wird
Friedrich Engels in einem Brief an Eduard Bernstein vom Juli 1884
schreiben: „….und daß Atheismus nur eine Negation ausdrückt,
haben wir selbst schon vor 40 Jahren … gesagt, nur mit dem Zusatz,
daß der Atheismus als bloße Negation der Religion und stets sich
auf Religion beziehend, ohne sie selbst nichts, und daher selbst
noch eine Religion ist.“Und im Jahre 1874 beschreibt Engels die
religionslose Mentalität deutscher Arbeiter so:„Von der großen
Mehrzahl der deutschen sozialdemokratischen Arbeiter kann man sogar
sagen, daß der Atheismus bei ihnen sich schon überlebt hat; dies
rein negative Wort hat auf sie keine Anwendung mehr, indem sie nicht
mehr in einem theoretischen, sondern nur noch in einem praktischen
Gegensatz zum Gottesglauben stehn: Sie sind mit Gott einfach fertig,
sie leben und denken in der wirklichen Welt und sind daher
Materialisten.“ (Hans Lutter, Warum es keinen
„Wissenschaftlichen Atheismus“ geben kann; in: Freidenker 1-08 März
2008, S.17-18)
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Die
marxistische Kritik der Religion ist Element der allgemeinen Kritik
aller Formen eines „verkehrten“ gesellschaftlichen Bewusstseins.
Wenn Marx feststellt: „Für Deutschland ist die Kritik der
Religion im wesentlichen beendigt, und die Kritik der Religion ist
die Voraussetzung aller Kritik.“ (Hegels Rechtsphilosophie
Einleitung MEW 1/378)“, so fordert er
damit, das methodische Vorgehen der Religionskritik auf alle
Erscheinungen der Ideologie und des gesellschaftlichen Überbaus
anzuwenden. Die anthropologische Projektionstheorie Feuerbachs
versucht, wie Marx feststellt, „das religiöse Wesen in das
menschliche Wesen aufzulösen“.Das Neue bei Marx ist, dass er
fordert, die Verdopplung der Welt in eine weltliche und eine religiöse
„aus der Selbstzerrissenheit und (dem) Sichselbstwidersprechen
dieser weltlichen Grundlage zu erklären“ (Vierte Feuerbach-These MEW
3/6). Für Marx gilt es: „Nachdem die Heiligengestalt der
menschlichen Selbstentfremdung entlarvt ist, die Selbstentfremdung
in ihren unheiligen Gestalten zu entlarven. Die Kritik des Himmels
verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der
Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die
Kritik der Politik.“ (Hegels Rechtsphilosophie Einleitung MEW
1/379) Von der Kritik der Religion ausgehend, gelangt Marx zur
Wurzel des Entfremdungsprozesses in der bürgerlichen Ökonomie:
„Der Gegenstand, den die Arbeit produziert, ihr Produkt, tritt ihr
als ein fremdes Wesen, als eine von dem Produzenten unabhängige
Macht gegenüber.“ (Philos.-ökonom. Manuskripte MEW
40/511) Staat und Gesellschaft „produzieren die Religion“ als
„ein verkehrtes Weltbewusstsein“, und zwar weil sie selbst
„eine verkehrte Welt sind“. (Hegels Rechtsphilosophie Einleitung
MEW 1/378) „Die religiöse Entfremdung
als solche geht nur in dem Gebiet des Bewußtseins des menschlichen
Innern vor, aber die ökonomische Entfremdung ist die des wirklichen
Lebens.“ Die reale Selbstentfremdung betrifft alle Formen der
gesellschaftlichen Praxis: „Religion, Familie, Staat, Recht,
Moral, Wissenschaft, Kunst etc. sind nur besondere Weisen der
Produktion und fallen alle unter ihr allgemeines Gesetz.“ (Philos.-ökonom.
Manuskripte MEW 40/537) Religion ist für
Marx überall, wo „die Anerkennung des Menschen auf einem Umweg,
durch einen Mittler“ erfolgt. Selbst wenn der Mensch „durch die
Vermittlung des Staates sich als Atheisten erklärt“, (Judenfrage,
MEW 1/353) entgeht er nicht der
„Mystifikation der kapitalistischen Produktionsweise“, der „ökonomischen
Trinität“, bestehend aus den „entfremdeten und irrationalen
Formen von Kapital-Zins, Boden-Rente, Arbeit-Arbeitslohn“. Er
unterliegt der „Personifizierung der Sachen und der Versachlichung
der Produktionsverhältnisse.“ Wo das Kapital herrscht, herrscht
die kapitalistische „Religion des Alltagslebens“. (Kapital
III MEW 25/838).
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Religion:
„Seufzer“ – „Protestation“ – „Opium“.
Was also ist Religion? Die Antwort, die die marxistische
Religionskritik zu geben vermag, beruht, wie bisher ausgeführt, auf
einer Partei ergreifenden, revolutionären Herangehensweise (Ziffer
1), auf der Überwindung des Atheismus als einer von der Leugnung
Gottes abhängigen, quasi-religiösen Ideologie (Ziffer 2) und auf
der Aufdeckung der Wurzeln religiöser Entfremdung des Menschen in
der kapitalistischen Ökonomie (Ziffer 3). Nur auf dieser Grundlage
und in diesem Zusammenhang erschließt sich die differenzierte
Auffassung der Religion, die der junge Marx in den folgenden oft
zitierten Sätzen skizziert hat: „Der Mensch macht die Religion,
die Religion macht nicht den Menschen… Der Mensch, das ist die
Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät
produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewußtsein, weil sie
eine verkehrte Welt sind…. Sie ist die phantastische
Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen
keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist
also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die
Religion ist. Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des
wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche
Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt
einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist.
Sie ist das Opium des Volkes.“ (Karl Marx, Zur Kritik der
Hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1/378)
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Die
klassische Methode der materialistischen Religionskritik besteht in
der Erklärung der religiösen Erscheinungen aus den jeweils
konkreten Lebensverhältnissen.
Dass in der Religionskritik eine konsequent materialistische Methode
anzuwenden ist, wurde eingangs bereits erwähnt. Marx unterscheidet
in der schon erwähnten Fußnote im „Kapital“ zwei Methoden
materialistischer Religionsanalyse, von denen er nur die eine als
wirklich wissenschaftlich anerkennt. Als „unkritisch“
charakterisiert er eine „Religionsgeschichte“, die von der
„materiellen Basis“ vom „unmittelbaren Produktionsprozess“
des menschlichen Lebens abstrahiert. Marx wendet sich gegen die
„abstrakten und ideologischen Vorstellungen“ eines
ungeschichtlichen „naturwissenschaftlichen Materialismus, der den
geschichtlichen Prozess ausschließt“. Statt der Methode, die
„durch Analyse den irdischen Kern der religiösen
Nebelbildungen“ aufspürt, besteht für Marx „die einzig
materialistische und daher wissenschaftliche Methode“ darin,
„umgekehrt, aus den jedesmaligen wirklichen Lebensverhältnissen
ihre verhimmelten Formen zu entwickeln.“ (Kapital I MEW
23/ 393, Fußn. 89) Bei der Anwendung dieser Methode auf die heutige
Welt muss berücksichtigt werden, dass sich der Kapitalismus vollständig
zu einem Weltsystem entwickelt hat, wie Marx und Engels bereits im
Manifest der kommunistischen Partei von 1848 mit den Worten
prognostizierten: „Die große Industrie hat den Weltmarkt
hergestellt. (…) An die Stelle der alten lokalen und nationalen
Selbstgenügsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger
Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit der Nationen voneinander.“
(MEW 4/ 463, 466). Daher ist heute die
Entwicklung der internationalen Politik, die Stellung der Nationen
im internationalen Staatensystem und in der Weltwirtschaft in
Betracht zu ziehen, wenn man die Kritik der religiösen
Erscheinungen nach der Methode von Marx aus den heutigen
„wirklichen Lebensverhältnissen“ entwickeln will. Dann
erscheinen religiöse Strömungen unter dem Aspekt ihrer politischen
Funktion im kapitalistischen Weltsystem: Der evangelikale
Fundamentalismus der USA als Ideologie
imperialistischer Weltherrschaft, die Politik des Vatikans als
ideologische Dienstleistung für die kapitalistische
„Globalisierung“, die Klerikalisierung des – aus Sicht des
Judaismus als unjüdisch kritisierten – Zionismus als Ideologie
des zionistischen Siedlerkolonialismus, der Wahabismus- Salafismus
als Ideologie des Vormachtstrebens Saudi Arabiens in der
muslimischen Welt, das staatshörige Kirchenwesen Deutschlands als
ideologischer Stützpfeiler der „deutschen Verantwortung in der
Welt.“In demselben weltpolitischen Zusam-menhang wird auch der
ideologische Atheismus zum Gegenstand marxistischer Religionskritik,
wenn er „säkularer“ Vorherrschaft des Westens das Wort redet
oder gar im „Krieg gegen den Terror“ die anti-islamische Hetze
durch „religionskritische“ Beiträge bereichert.
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Die
Religion hat Wurzeln im Denken und Wollen des Menschen. Sie
„verschwindet“ nicht, sondern wird in anderen Formen des
gesellschaftlichen Bewusstseins „aufgehoben“.
Religion hat, wie erwähnt (Ziffer 3) ökonomische Wurzeln in der
kapitalistischen Entfremdung der Arbeit. Sie legitimiert Politik der
herrschenden Klassen (Ziffer 5). Ist daraus nun zu schließen, dass
Religion in dem Maße „verschwindet“, wie das Maschinensystem in
Gemeineigentum überführt und die Produktion gesamtwirtschaftlich
unter demokratischer Kontrolle geplant wird, d.h. Ausbeutung und
Klassenherrschaft überwunden werden? Hier ist zu bedenken, dass
Religion nicht ausschließlich auf materiell gesellschaftlichen
Ursachen beruht.Die Religion hat, ähnlich dem philosophischen
Idealismus, auch erkenntnistheoretische (gnoseologische) Wurzeln,
wie der marxistische Philosoph R.O. Gropp anschaulich darstellt:
„Da alles, was den Menschen in seinem Verhalten zur Umwelt
bestimmt, in irgendeiner Form durch seinen Kopf hindurchgeht und
hier als Gefühl, Gedanke und Wille bewusst wird, so liegt schon
darin die Möglichkeit, dass er sein Denken und Wollen als den
eigentlichen Ausgangspunkt seines Handelns ansieht, und es liegt
nahe, dass er dementsprechend auch die Vorgänge in der Natur als
Handlungen bzw. Wirkungen irgendwelcher geistiger Wesen oder eines
allgemeinen ‚Weltwillens‘ und dergleichen betrachtet.“ (R.O.
Gropp, Grundlagen des dialektischen Materialismus, Berlin, 1970, S.
19-20) Insbesondere Lenin hat diese gnoseologischen Wurzeln des
philosophischen Idealismus und der Religion betont. Er bemerkt in
seinem philosophischen Werk „Empiriokritizismus und
Materialismus“: „…Zeichen oder Symbole sind auch in bezug auf
eingebildete Gegenstände durchaus möglich, und jeder kennt
Beispiele solcher Zeichen und Symbole.“ (LW 14/233) Das bedeutet,
dass auch unter ausbeutungsfreien Gesellschaftsverhältnissen die Fähigkeit
des Menschen nicht aufhören wird, Zeichen und Symbole im Bezug auf
Gegenstände zu schaffen, die mit wirklichen Dingen nur eine
eingebildete, fantastische Ähnlichkeit haben. Wie Lenin hervorhebt,
sind auch religiöse Vorstellungen von der Erkenntnis der wirklichen
Welt nicht völlig losgelöst: „….das Pfaffentum (=
philosophischer Idealismus),“ so Lenin, „besitzt natürlich
erkenntnistheoretische Wurzeln, ist nicht ohne Boden, es ist zwar
unstreitig eine taube Blüte, aber eine taube Blüte, die wächst am
lebendigen Baum der lebendigen, fruchtbaren, wahren, machtvollen,
allgewaltigen, objektiven, absoluten menschlichen Erkenntnis.“ (LW
38/344)
Auch die sozialistische Arbeiterbewegung und die
Befreiungsbewegungen haben sich Symbole kollektiven Bewusstseins
geschaffen: „Rote Fahne“, „Roter Stern“, „Hammer und
Sichel“, „Personenkult“ (Che Guevara) etc. Niemand würde auf
den Gedanken kommen, diese Symbole und den Glauben an eine schon auf
Erden befreite Menschheit für außermenschlichen Ursprungs zu
halten. Dennoch wird dem Kommunismus von seinen Gegnern gelegentlich
vorgeworfen, nicht nur gottlos, soll heißen, unmoralisch zu sein.Wo
es auf irrationale Widersprüche nicht ankommt, ist auch der
gegenteilige Vorwurf recht: Der Kommunismus sei eine neue Religion,
ja sogar eine Kirche. Dem hat der italienische Arbeiterführer
Palmiro Togliatti (1893-1964) schon vor Jahrzehnten
entgegengehalten:„Das ist wahr in dem Sinne, dass wir einen
Glauben haben, das heißt die Gewissheit, dass die sozialistische
Umgestaltung der Gesellschaft, für die wir kämpfen, nicht nur eine
Notwendigkeit ist, sondern eine Aufgabe, für die sich – mit der
Gewissheit des Erfolges – der beste Teil der Menschheit einsetzt.
Wir glauben, dass der Mensch Herr der Natur werden muss, was eine
biblische Aufgabe ist, die von Gott selbst in der Schöpfungsgeschichte
gestellt wurde. …Wir behaupten aber, dass der Mensch auch Herr der
Gesellschaft und ihrer Entwicklung werden muss, indem er sie der
Herrschaft des Egoismus, der Willkür, der Gewalttätigkeit, der
Ausbeutung entzieht. Er muss eine Gesellschaft in der Dimension
seiner eigenen Freiheit schaffen. Nur so kann man, glaube ich, zu
jener vollen Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit kommen,
die das Ziel der gesamten Menschheitsgeschichte ist. Man kann daher
sagen, dass unsere Überzeugung, wenn man so will, eine vollständige
Religion vom Menschen ist. Für den Gläubigen muss außer der Natur
und dem Menschen das Übernatürliche eingreifen, ohne das jedes
menschliche Gebäude auf Sand gebaut ist… Aber hier fängt die
philosophische Diskussion an, die wir nicht beginnen wollen.“ (Palmiro
Togliatti, Ausgewählte Reden und Aufsätze, Berlin 1977, S.
683-684)
Eine andere Frage ist, welche Zukunft die Religion hat. Laut
philosophischem Wörterbuch bedeutet Religion im Wortsinne:
„Verehrung, heiliges Versprechen, Kult“. Religion ist, so das
Lexikon: „Form des gesellschaftlichen Bewusstseins mit
Weltanschauungscharakter, deren Besonderheit in einer verzerrten,
verkehrten Widerspiegelung der Natur und Gesellschaft im Bewusstsein
der Menschen besteht, dergestalt, dass die Erscheinungen der Natur
und Gesellschaft auf übernatürliche Ursachen und Zwecke zurückgeführt
bzw. als übernatürliche Vorgänge und Mächte vorgestellt werden,
zu denen die Menschen in einem unmittelbaren Abhängigkeitsverhältnis
stehen und denen gegenüber sie sich zu ihrem Wohle zum Vollzug
bestimmter Handlungen (wie Gebete, Opfer, Kult, Ritus usw.)
verpflichtet fühlen,“ (Werner Schuffenhauer, Art. „Religion“
In: Georg Klaus, Manfred Buhr, Philosophisches Wörterbuch, Bd. 2,
S. 939) Wie wir oben aber gesehen haben, betrachtet Marx alle Formen
der gesellschaftlichen Praxis, „Religion, Familie, Staat, Recht,
Moral, Wissenschaft, Kunst etc.“, als „nur besondere Weisen der
Produktion“. Und er betont: sie „fallen alle unter ihr
allgemeines Gesetz.“ Dieses Gesetz ist die „selbstzerrissene“
Wirklichkeit, die mit Notwendigkeit „verzerrtes“,
„verkehrtes“ Bewusstsein hervorbringt. Insofern ist im Vergleich
mit anderen Formen des gesellschaftlichen Bewusstseins die in der
Lexikon-Definition hervorgehobene „Besonderheit“ des religiösen
Bewusstseins nur eine relative. Das eigentlich Besondere des religiösen
Bewusstseins besteht darin, dass es sich selbst ausdrücklich als
durch übernatürliche Vorgänge und Mächte bewirkt und von diesen
abhängig begreift. Dies ist in der Regel bei anderen Formen des
gesellschaftlichen Bewusstseins nicht der Fall.Hinter die einmal
errungene Erkenntnis, dass Gottesvorstellungen Erfindungen der
menschlichen Fantasie sind, führt kein Weg zurück, jedenfalls
nicht auf der Basis vernünftigen Denkens. Das bedeutet nicht, dass
die Formen und Inhalte des religiösen Bewusstseins spurlos
„verschwinden“. Dazu sind sie zu sehr mit Jahrtausenden
menschlicher Geschichte verbunden. Sie sind Teil der allgemeinen
kulturellen Traditionen der Menschheit und haben nationale Eigentümlichkeiten
in je besonderer Weise geprägt. Als symbolische Schöpfungen der
Fantasie bleiben sie in anderen Formen des gesellschaftlichen
Bewusstseins „aufgehoben“. Sie werden zu „Stoffen“ künstlerischer
und gedanklicher Bearbeitung in einem nichtreligiösen, humanen,
freigeistigen Sinne.
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Der
politische Kampf für Frieden und Demokratie erfordert das
politische Zusammengehen von Materialisten und Glaubenden.
Gegenwärtig hat Religion in vielen Ländern einen Einfluss auf die
Politik, der noch vor wenigen Jahrzehnten unvorstellbar schien.
Entgegen früheren Annahmen führte das westliche Modell der
Modernisierung nicht zu einem angeblich unausweichlichen,
gradlinigen Säkularisierungsprozess. Als zu kurzsichtig erwiesen
sich Erwartungen, allein schon Kapitalismus, Wissenschaft und
Technologie werde eine fortschreitende „Entzauberung“ und
„Verdinglichung“ der Welt bewirken, den religiösen Glauben zur
Privatsache machen und die Religion aus dem öffentlichen Leben
verschwinden lassen.Gleichwohl handelt es bei dem viel diskutierten
„Wiederaufleben der Religion“ nicht um eine Umkehr der
langfristigen Tendenz der Verweltlichung des öffentlichen und
privaten Lebens. Eher haben wir es wohl mit markanten Ausnahmen von
den Säkularisierungstendenzen der Moderne zu tun, und zwar vor
allem in USA und Israel sowie in der
muslimischen Welt. In den USA mutierte
seit den 70er Jahren der protestantische Fundamentalismus von einer
theologischen Strömung zu einer Massenbewegung der äußersten
Rechten. In Israel setzte nach dem Sieg von 1967, der theologisch
als Wunder und „zweite Geburt“ gedeutet wurde, eine deutliche
Klerikalisierung von Staat und Gesellschaft ein. Die islamische
Revolution im Iran erfolgte zwölf Jahre später 1979, teilweise als
Reaktion auf die israelische Eroberung der heiligen Stätten des
Islam in Jerusalem. Hamas trat als Widerstandsbewegung gegen die
israelische Besatzung erst mit der Intifada Ende 1988 als
einflussreiche politische Kraft in Erscheinung. Der Aufstieg der
Hezbollah im Libanon erfolgte im Zuge eines 18jährigen
Befreiungskampfes bis zur Vertreibung der israelischen Besatzung aus
Südlibanon im Mai 2000.
Internationale Konflikte erwiesen sich in den letzten Jahrzehnten
wieder als eine wichtige Ursache für den Faktor Religion in der
Politik. Samuel Huntington spricht von „Zusammenprall der
Kulturen“ und liefert damit ein viel zitiertes Stichwort zur
oberflächlichen Interpretation imperialistischer Gewaltpolitik. Es
verdeckt die Klassengegensätze, die in religiöser Form zum
Ausdruck kommen. Es verharmlost die säkularen Ideologien, mit denen
heute Krieg und Interventionen westlicher Mächte bemäntelt werden.
Es negiert die Ideale der französischen Revolution von Gleichheit
und Brüderlichkeit. Es bagatellisiert die Botschaft von der
Gleichheit aller Menschen, die auch den großen Religionen gemeinsam
ist. Materialisten und Glaubende sind gefordert, sich über
gemeinsame Ziele des Kampfes für Frieden und Demokratie zu verständigen.
Dazu beizutragen ist heute eine der wichtigsten Aufgaben
marxistischer Religionskritik. Dabei gilt es einen wichtigen
Erfahrungsschatz kritisch aufzuarbeiten.
Nach der Niederlage der faschistischen Regimes und dem Zerfall der
Kolonialreiche ergaben sich in vielen Ländern neue „Möglichkeiten
für ein Bündnis der revolutionären Arbeitermassen mit breiten
Massen von Gläubigen“, wie die Weltkonferenz der kommunistischen
und Arbeiterparteien 1969 erklärte. Man ging davon aus, dass im
Rahmen „breit angelegter Kontakte und gemeinsamer Aktionen die große
Masse der Gläubigen zur aktiven Kraft im antiimperialistischen
Kampf und bei tiefgreifenden sozialen Umgestaltungen wird.“
(Internationale Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien
Moskau 1969, Berlin 1969, S. 31) Warum es dennoch nicht im Weltmaßstab
zu einem solchen Bündnis kam, muss hier unerörtert bleiben. Halten
wir im Rahmen unseres Themas lediglich fest, dass Palmiro Togliatti,
der im Hinblick auf die organisierte katholische Welt eine besondere
Sensibilität für dieses Thema entwickelte, kurz vor seinem Tode
1964 gewarnt hatte: „Zu diesem Zweck dient uns die alte
atheistische Propaganda überhaupt nicht.“Schon Lenin hatte „die
Unterordnung des Kampfes gegen die Religion unter den Kampf für den
Sozialismus“ gefordert und darauf aufmerksam gemacht, dass sowohl
im Kulturkampf in Deutschland als auch im Kampf der bürgerlichen
Republikaner Frankreichs gegen den Klerikalismus „die bürgerlichen
Regierungen bewusst versuchten, durch einen quasiliberalen
‚Feldzug‘ gegen den Klerikalismus die Aufmerksamkeit der Massen
vom Sozialismus abzulenken.“ (W.I. Lenin, Über das Verhältnis
der Arbeiterpartei zur Religion (26. Mai 1909) LW 15/412-14) Die
damalige deutsche Sozialdemokratie hatte ganz in diesem Sinne
reagiert, indem sie einen Redakteur entließ, der auf die
antisemitische Propaganda des Hofpredigers Adolph Stoecker, mit der
dieser die Arbeiter wieder für Monarchie und Christentum zurückgewinnen
wollte, mit der Initiierung einer Kirchenaustrittskampagne
antwortete.
(Johann Most – 1846-1906 – war Buchbinder, Redakteur der
sozialdemokratischen Zeitung „Die Freiheit“, vor 1878
Reichstagsabgeordneter der SPD,
Freidenker; 1883 veröffentlichte er ,Die Gottespest und die
Religionsseuche‘; er emigrierte später in die USA;
nach Ulrich Nanko, Nationalliberale, sozialistische und völkische
Freidenker zwischen 1848 und 1881 – Zur Frühgeschichte des
organisierten Atheismus in deutschsprachigen Raum, in: Faber Richard
und Susanne Lanwerd (Hrsg.), Atheismus: Ideologie, Philsophie oder
Mentalität? Würzburg, Königshausen und Neumann, 2006, S. 183-194)
Im Kalten Krieg stand beim Dialog zwischen Marxisten und Christen
nicht zuletzt die Verhinderung des Atomkrieges auf der Tagesordnung,
heute stellt der „Krieg gegen den (islamischen) Terror“ und die
Hetze gegen den Islam eine besondere Herausforderung für die
Friedenskräfte dar.
Quelle:
freidenker.org
(«Freidenker» 2/2009)
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