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GegenStandpunkt
– Kein Kommentar! im Freien Radio für Stuttgart vom 10. Mai
2006
Die Analyse des GegenStandpunkt-Verlags
in Radio Lora München vom 15. Mai 2006
Die
Antwort der Politik auf Störungen der Schulordnung
an der Berliner Rütli-Schule:
„Schluss
mit der Integrationsverweigerung!“ –
oder:
Zu ändern
hat sich nicht der deutsche Kapitalismus mit den beschissenen
Lebensbedingungen, die er In- wie Ausländern zumutet, sondern die
Einstellung der Migranten.
1.
Erst kürzlich hatten – angesichts nächtlicher Brände in französischen
Vorstädten – deutsche Politiker beruhigend darauf hingewiesen, dass
die „gesellschaftliche Realität bei uns anders“, mit derartigen Störungen
der öffentlichen Ordnung also eher nicht zu rechnen sei. Da genügt ein
„Brandbrief“ von Lehrern einer Berliner Hauptschule an ihre Schulbehörde,
um in der Regierungskoalition ein gewaltiges Echo auszulösen. Darin
wird mangelnder Respekt vor den Lehrern beklagt, Desinteresse der Schüler
und Eltern, Sachbeschädigungen sowie das Fehlen von „Mitarbeitern aus
anderen Kulturkreisen“, „die uns bei Deeskalation und
Krisenintervention helfen“. Nicht weniger als ein „nationaler
Integrationsgipfel“ erscheint den „aufgescheuchten Politikern“
(FAZ) als angemessene Antwort auf die Störung der Schulordnung im
Bezirk Neukölln. Hat sich die pädagogische Welt über Nacht gravierend
verändert – oder wird sie nur anders interpretiert?
2.
Bildungsanstalten wie die Rütli-Schule wegen der dort üblichen
rauen Sitten zum „Symbol für eine gescheiterte Integrationspolitik“
zu ernennen, ist, nüchtern gesehen, alles andere als sachgerecht.
Durchaus im Einklang mit den Fortschritten und Ansprüchen der
deutschen Klassengesellschaft findet in diesem Teil des Bildungssystems der
Teil der heranwachsenden Staatsbürger ordnungsgemäße Betreuung, für
den schon vor Eintritt ins Berufsleben die „Perspektivlosigkeit“
hinsichtlich seiner marktwirtschaftlichen Benützung und damit die
Perspektive auf ein Leben in garantierter Existenznot feststeht. Dass
sich in diesem Teil der Überbevölkerung – ohne die ist ein
erfolgreicher Kapitalismus nicht zu haben! – eine große Zahl
Jugendlicher „mit Migrationshintergrund“ befindet, ist bekannt –
und auch kein Zufall: Deutsche Unternehmer haben und nehmen sich die
Freiheit, aus dem Überangebot von Lehrstellen-Bewerbern mit nützlichen
„Sekundärtugenden“ wie Fleiß und Gefügigkeit diejenigen mit den
besten Abschlüssen und Noten auszuwählen. Das schlägt überwiegend zu
Ungunsten der Bewerber aus Einwandererfamilien aus, nicht weil die
Ausbildungsbetriebe grundsätzlich etwas gegen fremdstämmige
Jugendliche hätten, sondern weil das deutsche Bildungssystem einen
großen Teil von ihnen bereits frühzeitig von weiteren
Bildungsfortschritten ausschließt. Nicht nur die Überbevölkerung,
sondern auch ihre ethnische Zusammensetzung verdankt sich also den
Selektionskriterien des Kapitals, das Lehrstellen nur seinen
Kalkulationen entsprechend schafft. Die Hauptschule ist das auf
bescheidenem Niveau gehaltene Bildungsangebot für die von vornherein
Ausgemusterten, die mit keinen Anforderungen an „Exzellenz“-Leistungen
behelligt werden, weil für sie die Konkurrenz um irgendwie taugliche
Zugangsberechtigungen zum Arbeitsleben bereits gelaufen ist. Umso
wichtiger sind für sie Disziplin und eine „gefestigte Haltung“ (so
die Familienministerin), die sich v. a. im Respekt vor der
Schulordnung zu bewähren hat. So funktioniert dieser Schulzweig
in der deutschen Klassengesellschaft – und jetzt werden die Kids
frech!
3.
Der Skandal, den die entnervten Lehrer mit ihrem
Brandbrief auslösen, liegt selbstverständlich nicht in der Funktion
der Schule für ein Wirtschaftssystem, das einem Teil der Jugend den
Einstieg ins „Arbeitsleben“ von vornherein und ziemlich endgültig
verwehrt.*)
Er liegt in der Störung des Schulfriedens, mit der dessen Hüter
nicht mehr fertig werden; und damit ist schon alles klar: Die sichere
Aussicht auf ein Leben „am Rand der Gesellschaft“ wird als gegebene
Lage vorausgesetzt – „So ist es eben!“ Tiefer
schürfende Analysen, die der Sache „auf den Grund“ gehen, vertiefen
genau diesen „Befund“:
„Diese
Schüler sind zweifach stigmatisiert. Sie wissen, dass sie als Hauptschüler
überhaupt keine Chancen auf eine Lehrstelle haben. Und in der
Gesellschaft sind sie stigmatisiert als Ausländer.“
Wenn
das der Grund des Elends ist: Sollte man dann das „Stigmatisieren“
nicht einfach mal lassen? Kein einziger Gedanke bewegt sich in diese
Richtung. Hauptschüler „mit Migrationshintergrund“ haben ihren
doppelten Makel weg, da ist nichts zu machen; das ist schlicht
und ergreifend ihre Lebenssituation. Mit der haben sie es alles andere
als einfach, das leugnet niemand. Daraus folgt aber bestenfalls das
eine: In dieser ihrer Lebenslage muss man ihnen helfen!
„Ganz
wichtig ist deshalb, wie man innerhalb der Schule mit diesen Strukturen [!]
umgeht.“
Damit
nicht am Ende zum Entsetzen aller ordnungsliebenden Bürger die „Polizei
an der Schule!“ deren gestörten Frieden reparieren muss.
4.
Eine passgenaue Schulpädagogik ist umso wichtiger, als bei den Problemfällen,
die von den Rütli-Lehrern angezeigt worden sind, auf die
Erziehungsanstalt Nr. 1 der bürgerlichen Gesellschaft, die Familie,
überhaupt kein Verlass ist. Im Gegenteil, sie ist selber Teil des
Problems, wenn nicht überhaupt dessen Ursache, jedenfalls ist sie in
ihrer türkischen Variante eine einzige ungute „Struktur“:
„Die
Jungen bekommen als ‚junge Prinzen’ ihre Wünsche fast vollständig
erfüllt. […] Jeder vierte türkische Junge erlebt, dass der Vater die
Mutter prügelt. […] So erklärt sich die hohe Akzeptanz solcher
Macho-Normen bei türkischen Jugendlichen.“ (Ahmet Toprak, aus
Kurdistan stammender Referent für Gewaltprävention in SZ Ostern 06)
Und
wer meint, solch fundamentalen Entgleisungen wäre mit
Erziehungsberatung oder gar mit ein bisschen Vernunft beizukommen, der täuscht
sich total:
„Im
Grunde müsste die Gewaltprävention schon in der Schwangerschaft
anfangen.“ (Sevinç Yada, eine an einer „sozialen
Brennpunktschule“ wirkende türkischstämmige Pädagogin.)
Nach
der Seite hin ist also keinerlei Abhilfe in Sicht. Das Problem,
leibhaftig oder bereits in der 3. Generation aus Asien zugereiste
Jugendliche in hoffnungsloser Lebenslage zu einer „lebensbejahenden
Einstellung und angepasster Lebensführung“ zu erziehen, bleibt an der
Schule hängen. Die ist damit aber, das weiß man jetzt, eindeutig überfordert.
Denn es geht gar nicht bloß um das Fehlverhalten Einzelner. Das
dokumentiert nach dem Urteil der politisch Zuständigen vielmehr das
ganz grundsätzliche Fehlverhalten einer ganzen Bevölkerungsschicht,
die ihre „Stigmatisierung“ mit der Organisation einer
„Parallelgesellschaft“ beantworte.
5.
So gesehen ist es nur angemessen, wenn als Reaktion auf Prügeleien
an der Rütli-Schule ein Ruck durch die deutsche Ausländerpolitik
geht. Vorfälle wie diese – so die politische Entscheidung – sind
ein Frontabschnitt der Auseinandersetzung mit den
„Parallelkulturen“. Die haben sich als Folge von „Migration“
mitten in den Nationen des Abendlands entwickelt und bedrohen – so der
Konsens der europäischen Regierungen seit der Ermordung des niederländischen
Filmemachers van Gogh – die innere Sicherheit des Gemeinwesens.
Angesichts dieser Gefahrenlage wird bedingungslose Anpassung
– leitkulturell ausgedrückt: die Integration der „andern“
ohne Wenn und Aber – zur nationalen Aufgabe. Wie das am effektivsten
zu bewerkstelligen ist, welche bisherigen Fehler dringlich abzustellen
sind, kurz: über die Methoden der Integration darf wie immer
kontrovers diskutiert werden, solange klar ist: Was sich zu ändern hat,
ist nicht im Geringsten der deutsche Kapitalismus mit den beschissenen
Lebensbedingungen, die er in- wie ausländischen Bewohnern des Standorts
zumutet, sondern allein und ein bisschen plötzlich die Einstellung
der Migranten.
Und
einmal mehr ist klar: Hier kann die Hauptgesellschaft nicht länger
abwarten, bis die Parallelgesellschaft sich mal selber ändert. Der
Staat hat gefälligst dafür zu sorgen, dass den Migranten keine
andere Wahl bleibt als Anpassung bis zur Unkenntlichkeit: Er hat doch
die Mittel – notfalls das Universalheilmittel „Raus!“
Politikersprüchen
von der Art:
„Es
geht! Wir können erreichen, dass dort [in den Ausländerghettos] unser
Wertekanon herrscht und man [!] sich wie in Westeuropa fühlt!“
(H. Buschkowsky, Bürgermeister in Berlin-Neukölln, SPD)
haben
Taten zu folgen: Kampf der Integrationsverweigerung! Nicht nur an der Rütli-Schule
– aber eine Hauptfront bleibt die Schule schon. Natürlich denkt man
da nicht an Sonderprogramme, damit die Jugendlichen das nachholen, was
ihnen die Selektionsinstanz Schule nicht beibringen wollte, sondern an
die schulspezifischen pädagogischen Zuchtmittel: Ausschluss aus der
Klassengemeinschaft, Arrest, Internat bzw. Heim – und für die ganz
resistenten Integrationsverweigerer bleibt als überzeugendste pädagogische
Perspektive immer noch die Abschiebung.
6.
Die ganze schöne Aufregung wäre freilich halb verschenkt, wenn die
Mehrheitsgesellschaft nicht die Gelegenheit beim Schopfe ergriffe, auch
mit sich, mit ihrem „Versagen“ ins Gericht zu gehen:
Nein, sie wirft sich nicht vor, die Kinder und Jugendlichen aus dem
Immigrantenmilieu einer Konkurrenz zuerst an der Schule, dann auf
dem Lehrstellen- und Arbeitsmarkt ausgesetzt zu haben, den diese auf
Grund ihrer Bildungsvoraussetzungen und was die Schule daraus macht bzw.
gemacht hat, verlieren mussten. Sie wirft ihren
Erziehungsbeauftragten vielmehr vor, vor lauter „Multikulti“ zu
wenig hart gewesen zu sein, so dass sie es versäumt hätten, den
Migrantenabkömmlingen die richtige Einstellung beizubiegen: Diese
und ihre Eltern hätten es ihrer mangelnden Integrationsbereitschaft zuzuschreiben,
dass sie in der Bildungskonkurrenz ganz unten gelandet sind und deswegen
„keine Perspektiven“ auf dem Arbeitmarkt haben. Abrechnung ist daher
angesagt mit aller Unsittlichkeit, mit der die Ordnungsfanatiker der
Republik schon seit Jahrzehnten abrechnen: Weg mit diesen „multikulturellen
Illusionen“, mit dem vergifteten „Erbe von ’68“, mit
Relativismus und Vaterlandsvergessenheit!
„Wer
soll auch einen Staat und dessen Repräsentanten achten, wenn diese
vorrangig Selbstzweifel und Selbstaufgabe verkörpern? Gerade jungen
Muslimen, deren agile [!] Religion sich ausbreitet, kann nicht
entgehen, wie sehr die christlich-abendländische Kultur in Deutschland
in die Ecke gedrängt worden ist.“ (B. Kohler, FAZ, 6.4.)
Die
Deutschen müssen sich am Riemen reißen. Ihren christlich-abendländischen
Pflichtenkanon aus der Ecke hervorholen. Dem „agilen“ Fremdkörperwesen
der Migranten die eigene dogmatische Überzeugungstreue, den eigenen
sittlichen Fundamentalismus entgegensetzen. Damit am Ende auch die doppelt
„stigmatisierte“ jugendliche Überfluss-Bevölkerung des
Kapitalstandorts Deutschland mal richtig merkt, dass sie weder
in Sachen Gewalttätigkeit noch in Sachen „agil“-aktiver
Borniertheit ihrer „Gastgesellschaft“ das Wasser reichen kann.
*)
Zur Funktion der Schule im und für das herrschende
Wirtschaftssystem: Freerk Huisken: Weder für die Schule noch fürs
Leben. Vom unbestreitbaren Nutzen unserer Lehranstalten. Kritik der
Erziehung Bd. 2 (1992); 2. Auflage (1998) u. d. T.:
Erziehung im Kapitalismus. Von den Grundlügen der Pädagogik und
dem unbestreitbaren Nutzen der bürgerlichen Lehranstalten, (VSA)
ISBN 3-87975-722-4
Ders.: »Wo das Schulvolk unregierbar wird. – Über unerwünschte
Wirkungen erwünschter Schul‑, Sozial- und Ausländerpolitik
in Rütli- und anderen Restschulen«, Vortrag Hamburg 11.05.2006, http://doku.argudiss.de
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