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Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010 –

Show der Herrschenden – das Volk spielte die Statistenrolle

Von Günter Ackermann

Kommunisten-online vom 26. Dezember 2010 – Das Ruhrgebiet war Europas Kulturhauptstadt. Die ehemals größte Industrieregion Europas wird seit Jahrzehnten entindustrialisiert, übertroffen nur noch von den ehemaligen DDR-Gebieten im Osten. Gelsenkirchen, die Stadt der 1000 Feuer – es brennt kein einziges mehr. Duisburg und Dortmund, einst waren sie Stahlstandorte. Hoesch in Dortmund ist abgewickelt, die Westfalenhütte, ein modernes Hüttenwerk – geschlossen. Nur noch in Duisburg wird Stahl hergestellt, bei Thyssen und der ehemaligen Mannesmann-Hütte, heute HKM. Und bei Thyssen auch nur noch auf der August-Thyssen-Hütte in Marxloh. Die Hochöfen der Hütten in Ruhrort und Meiderich sind kalt und abgerissen. Die moderne Krupp-Hütte in Rheinhausen – 1986 Schauplatz eines großem Arbeitskampfes – ist wegrationalisiert. Ebenso der Bergbau: Die letzte Zeche im Stadtgebiet von Duisburg, die Zeche Walsum, wurde 2008 dicht gemacht.

Man sollte annehmen, dass anlässlich der Kulturhauptstadt 2010 dieser Entwicklung gedacht wurde und die  reichhaltige Arbeiterkultur im Revier, als Beispiel der Arbeiterbewegung seit dem 19. Jahrhundert, Rechnung getragen wurde. Das taten die Macher aus Wirtschaft, Politik, bürgerlicher Kultur und Medien natürlich nicht. Die Menschen des Reviers waren Statisten am Rande – nicht der Mittelpunkt.

Die Macher der Ruhr 2010 haben sich dieses Spektakel allerdings etwas kosten lassen. In Essen wurde der gesamte Hauptbahnhof, einschließlich des Umfelds, das der Kommune gehört, umgebaut. Der Hauptbahnhof passte wirklich nicht mehr ins Bild einer „Kulturhauptstadt“: Fast alle Rolltreppen funktionierten dauerhaft nicht, Aufzüge gab es nicht. Wenn Rollstuhlfahrer zum Zug wollten, mussten  sie sich bei der Auskunft melden und man beförderte sie mit Lastenaufzug auf den Bahnsteig. Erwachsene mit Kinderwagen mussten auf mitleidige Mitreisende hoffen, die ihnen halfen, den Kinderwagen nach oben zu bringen, half niemand, dann Stufe für Stufe nach oben hecheln, in der Hoffnung, dass der Kinderwagen nicht kippt und das Kind raus fällt.. Nein, der Hauptbahnhof war nicht der einer Kulturhauptstadt, jeder Dorfbahnhof war besser.

Also begann voriges Jahr das große Bauen. Praktisch bedeutet das erstmal, dass so gut wie alles außer Betrieb war. Als Gehbehinderter musste ich mich über einen Nebeneingang nach oben quälen um oft genug dann, kurz vor Abfahrt des Zuges, aus dem Lautsprecher zu erfahren, dass der Zug nicht von Gleis 2, sondern von Gleis 22 abfährt. Keine Chance, den Zug zu erreichen – und oft genug hatte ich einen Kinderwagen dabei.

Aber alles wird mal fertig – denkt man. Nicht der Hauptbahnhof und sein Umfeld in Essen. Zwar funktioniert er wieder, es gibt Rolltreppen und Aufzüge, aber draußen wird immer nach gebaut und drinnen funktionieren noch nicht wieder die Anzeigen auf den Bahnsteigen und auch nicht die Notruf- und Infosäulen. Eben  Europas Kulturhauptstadt.

Die Macher dieses Spektakels erkoren sich vor allem vier Objekte, von denen sie ihre Aktivitäten entfalteten:

- Zeche Zollverein in Essen ,

- Landschaftspark Nord in Duisburg

. Zeche Nordstern in Gelsenkirchen und

- den Union-Turm in Dortmund.

Die Zeche Zollverein in Essen

Diese Zeche ist benannt nach dem Deutschen  Zollverein von 1833, ein Zusammenschluss deutscher Bundesstaaten für den Bereich der Zoll- und Handelspolitik unter der Dominanz von Preußen. Die Zeche ging 1847 in Betrieb, geschlossen wurde sie im Jahre 1986. Noch kurz vor der Stilllegung der Zeche, die inzwischen mit der Gelsenkirchener Zeche  Nordstern zusammen gelegt worden war, wurden 3,2 Millionen Tonnen Kohle jährlich gefördert. Zollverein war einst die modernste Zeche an der Ruhr.

Heute macht man Kultur auf dem ehemaligen Gelände der Zeche, man kann den Domschatz von Essen bewundern, die WDR-Bigband spielt da auch schon mal, sie wurde zum UN-Weltkulturerbe  erklärt und in der früheren Kompressorhalle, also von der aus die Zeche mit Frischluft versorgt wurde, ist ein Fress- und Saufschuppen – wenn auch zu durchaus zivilen Preisen – entstanden  Die Kultur auf Zollverein heute, ist nicht die Kultur der Berglaute die hier  einst schufteten, es ist die Kultur des Bürgertums. Die ehemaligen Kumpels werden nur noch als fleischfarbene und lebendige Ausstellungsstücke gebraucht.

'Revierpark-Nord' von Wilfried NessLandschaftspark Nord in Duisburg-Meiderich

Ein ehemaliges Hüttenwerk des Thyssen-Konzerns. Auf der Hütte wurden im Laufe ihres Bestehens von 1901 bis 1985 37 Millionen Tonnen Spezialroheisen hergestellt. Der letzte Hochofen, der Hochofen 5, wurde im Jahr 1985, nach eben mal 12 Jahren,  Betriebszeit, stillgelegt. Wegen „Überkapazitäten auf dem europäischen Stahlmarkt“, ließ die Thyssen-Chefetage verlauten.

Jetzt ist das Hüttenwerk des Thyssen-Konzerns ein „Der Mega-Multi-Maxi-Park!“ und das Lieblingskind der Duisburger Stadtfürsten.

Als vor zwei Jahren in Duisburg ein mit privatem Geld errichtetes Kindermuseum pleite ging, fanden sich zwar Sponsoren. Die wollten, dass das Museum in ein Theatergebäude umzieht, in dem einst das Musical Les Misérables gespielt wurde, das aber ein Flop war und abgesetzt wurde. Das Theater wurde in den 90er Jahren mit viel Geld aus der Stadt- und Landeskasse errichtet und steht seitdem Absetzen des Musicals meist ungenutzt. Die Stadtspitze lehnte das ab und wollte, dass das Museum in eben jenen Landschaftspark Nord umzieht. Das aber wollten die Museumsbetreiber nicht. Wohl weil jener Landschaftspark Nord abseits der Verkehrswege liegt . Dabei stand außer Zweifel, dass das Kindermuseum einen hohen pädagogischen Wert besitzt. Eine Pleite wäre vermeidbar gewesen, wenn die Stadt und das Land Geld locker gemacht hätten. Aber für fragwürdige Projekte, wie die mörderische Love Parade, machten sie Geld locker, für das wichtige Kindermuseum war keins da.

Man sieht, dass dieser Landschaftspark Nord für die Stadtfürsten Duisburgs einen hohen Stellenwert hat und – ähnlich der Zeche Zollverein für Essen – ein Vorzeigeobjekt ist.

Das ehemalige Hüttenwerk wurde zum „Der Mega-Multi-Maxi-Park!“, weil der Thyssen-Konzern nicht mehr genug Profit heraus schinden konnte, in der Stadt sind Arbeitslosenzahlen in Schwindel erregender Höhe und die ehemaligen Arbeits- und Produktionsstätten werden in Kulturzentren umgemodelt.

Dortmunder U

Das „Dortmunder U“ oder „U-Turm“ ist das ehemalige Gär- und Lagerhochhaus der Unions-Brauerei. Die Brauerei gibt es nicht mehr, der Großkonzern Brau und Brunnen schloss sie, das Bier wird in einer anderen Brauerei gebraut.

Die Ruhr 2010 machte diesen Brauerei-Turm jetzt am 28. Mai 2010 zum Kultur- und Kreativzentrum und hat ihn als Ausstellungs- und Museumsstandort im Rahmen der Ruhr.2010 teileröffnet.

Zeche Nordstern in Gelsenkirchen

Sie wurde  1986 geschlossen. Vorher, 1982, war das Bergwerk der Zeche Zollverein angeschlossen worden. Noch 1980 wurden  1,9 1993Mio. t Fett- Gas- und Flammkohle gefördert und 3300 Kumpels arbeiteten auf der Zeche.

Nach der Stilllegung der Zeche wurde das Gelände grundsaniert. Auf wessen Kosten ist mir nicht bekannt. Anzunehmen ist – denn das ist üblich – nicht auf Kosten der Verursacher. Hier war es die RAG, davor die RWE-Tochter Gelsenberg AG.

Wie auch immer. Es wurde ein Park auf den Zechengelände und dort fand 1997 sogar die Bundesgartenschau (BUGA) statt. Die Verantwortlichen der Gelsenkirchener BUGA waren stolz darauf, dass sie die frühere Nutzung des Geländes als Zeche nicht vertuscht hatten, sondern sie einbezogen.

Ich habe ein Bild der BUGA-Gelsenkirchen  gefunden, auf der ein Bermann mit schwarzem Gesicht zu sehen war. Der kam mit Sicherheit nicht aus dem Bergwerk, Maskenbildner hatten ihn  offenbar schwarz geschminkt. Ob es überhaupt ein Kumpel war,  bezweifle ich.

Der allerneueste Gag ist der Herkules auf dem Turm der Schachtanlage Nordstern. „Der Herkules ist eine gute Symbolfigur für das Ruhrgebiet“, sagte der Hersteller Lüpertz voll Eigenlob – nach eigener Einschätzung Bildhauer. Darüber, ob das Monster schön ist oder nicht, mag ich nicht urteilen. Aber ich finde, mit dem Ruhrgebiet hat er nicht das Geringste zu tun. Den Symbolwert mag ich nicht erkennen. Teuer ist das 23 Tonnen schwere und 18 m hohe Monstrum außerdem; schlappe rund 2 Millionen Euro kostet das Ding. Dabei ist Gelsenkirchen, wie viele andere Städte im Revier, notorisch schwach bei Kasse.

Ballonaktion Ende Mai 2010: SchachtZeichen

Auch das war kulturhauptstädtisch: Gelbe Ballons sollten da aufgelassen werden, wo einst Schachtanlagen standen. Der Sinn der Sache war aber, das Verschwinden der Zechen  zur Kunst zu erklären. Es hatte rein nostalgische Gründe. Und es sollte gezeigt werden, dass all das eine sehr gute Entwicklung – weg  vom Bergbau – war.

„Heute kann man auf diesen alten Bergbauflächen - wenn man weiß, wo sie sind - den Wandel der Montanregion sinnlich erfahren. Man sieht Parks und Parkplätze, Einkaufszentren und Fabriken, Wohnsiedlungen und Schrottplätze, Museen und Theater, Gewerbeflächen und Freizeitstätten, Bürohäuser und wilde Wälder - und steht doch auf altem Zechengrund.“[1]

Oder: „Hier wird neue Energie gefördert. Sie heißt Kultur.“[2]

Flotte Sprüche anstelle Arbeit und Brot für die Bewohner. Jetzt pflegen das gute Viertel Bewohner des Reviers, die ohne Arbeit sind, eben Kultur und leben von Hartz IV, nur unterbrochen von 1-Euro-Jobs oder andere Maßnahmen der Arbeitsvermittler der Arbeitsämter. Aber zu vermitteln ist nichts. Duisburg, das zeigte eine Statistik aus den 90er Jahren, hat weniger gewerbliche Arbeitsplätze als Mannheim. Zur Information: Duisburg hat fast 500.000 Einwohner, Mannheim dagegen nur 312.000.

Die Ballonaktion SchachtZeichen war, obwohl ungewollt, ein Zeichen des Niedergangs dieser Region von mehr als 5 Millionen Menschen mit einer (offiziellen) Arbeitslosenquote von 13,2 % und – in absoluten Zahlen – 262.586 (2008),  in Wirklichkeit aber erheblich mehr. Seit 1980 stieg die Arbeitslosigkeit um 300%.

Schachtzeichen (Foto/Grafik: RUHR.2010)

Helden des Reviers – nach den Machern von Ruhr 2010

Industriemuseum Heinrichshütte in Hattingen

Ja, Helden gab es reichlich unter den Menschen, vor allem den Arbeitern, des Ruhrgebiets. Die Arbeiterbewegung war bei den Herrschenden so gefürchtet, dass Kaiser Wilhelm der Letzte sich nicht traute, im Revier eine Garnison der kaiserlichen Armee einzurichten. Wehrpflichtige von der Ruhr mussten fernab „dienen“. Die Angst, die Soldaten – die meisten kamen ja aus der Arbeiterklasse – könnten  sich im Zweifel mit den Arbeitern verbünden, saß tief.

Immer wieder gingen  von hier Streikwellen aus. Der erste große Streik war der der Bergarbeiter in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts. Nach dem 1. Weltkrieg war das Ruhrgebiet eines der Zentren der Revolution. Als in Berlin Kapp gegen  die Republik putschte und die SPD-Reichsregierung feige kapitulierte, bildete sich hier die Rote Ruhrarmee. Sie wurde nur durch den Verrat der sozialdemokratischen Führung geschlagen. Helden des Ruhrgebiets eben.

Oder: (weiter)

 

 

 

Mathias Thesen

Datei:Stamps of Germany (DDR) 1964, MiNr 1017.jpg

Harro Schulze-Boysen

 Mathias Thesen

Der war Arbeiter, Gewerkschafter, Kommunist, Reichstagsabgeordneter, Widerstandskämpfer gegen den deutschen Faschismus. Die Nazis ermordeten ihn 1944 im KZ-Sachsenhausen.

Harro Schulze-Boysen, Sohn des Direktors der Demag in Duisburg, Offizier und Nazigegner. Er wurde 1942 in Plötzensee ermordet.

Mit seinem Andenken tut  sich die BRD noch heute schwer. In Duisburg erinnert nichts an ihn. Ein Antrag von mir als Bezirksvertreter (damals PDS) bei der Bezirksvertretung im Jahre 2000, den Platz vor der DEMAD, der nachen einem Nazi-Industrieführer und DEMAG-Chef benannt ist, in Harro-Scjulze-Boysen-Platz umzubeenennen, wurde abgelehnt – von allen bürgerlichen Parteien, einschl. der Grünen. Der Grüne erklärte, er wisse nicht, wer das sei. 

Ehrung erfuhr Harro Schulze-Boysen nur in der DDR (siehe Bild einer Briefmarke).

Hans Marchwitza

Empfang zu Ehren Hans Marchwitzas in der Akademie der Künste 

Aus Anlass des 70. Geburtstages des bedeutenden deutschen Arbeiterschriftstellers Hans Marchwitza fand am 28.6.1960 in der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin ein Empfang statt

Während des Empfanges: Hans Machwitza erzählt

vlnr: Prof. Otto Nagel, Ludwig Renn, Arnold Zweig, Hans Marchwitza und Willi Bredel.

Hans Marchwitza, war Bergarbeiter und Sohn eines schlesischen Bergmanns und dessen Frau, einer Kohlewäscherin. Marchwitza ging später als Bergmann ins Ruhrgebiet. Im 1. Weltkrieg lernte er die Schlächtereien zum Nutzen des deutschen Großkapitals kennen. Zurück aus dem Krieg war er Soldatenrat, trat 1919 in die USPD ein und 1920 in die KPD.

Während der Ruhrkämpfe wurde er Offizier in der Roten Ruhrarmee. Später schrieb er sein bekanntestes Werk „Sturm auf Essen“ (1930) über diese Kämpfe.

Er floh 1933 in die Schweiz, wurde aber als Gegner Hitlers ausgewiesen. Er ging weiter ins Saarland und dann, nach dem Anschluss der Saar an Hitler-Deutschland, nach Frankfrech.

Ab 1936 kämpfte er in Spanien gegen Franco. Nach der Niederlage der spanischen Republik zurück in Frankreich, wieder Verhaftung. Aber ihm gelang es, auf ein  Schiff und in die USA zu kommen. Dort verbrachte er die Kriegszeit.

Nach dem Krieg ging er zurück nach Deutschland, zuerst nach Stuttgart, aber dann zog er in die damalige SBZ und wohnte bis zu seinem Tod in Potsdam.

Er war sein Leben lang im Herzen Kumpel geblieben, was ihm von bürgerlicher Seite Hohn und Spott einbrachte. So lästerte Marcel Reich-Ranitzki über ihn in „Die Zeit“ und sprach ihm jegliche schriftstellerischen Fähigkeiten ab.

Das sind nur wenige Namen von Helden aus dem Ruhrgebiet, es gibt derer viele.

Es gab viele namenlose Helden, die treu zur Arbeitersache – auch während der Zeit des Faschismus – standen, kommen in der Ausstellung nicht vor. Im März 1933. also nach der Machtergreifung durch den Faschismus, nach Reichstagswahl und Ermächtigungsgesetz, bekam die NSBO (Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation) eben mal auf 30,7% - und das trotz Terror der Faschisten bei der Stimmabgabe eine Niederlage verpasst. Die Nazis reagierten auf ihre Art: Sie hielten die Wahlergebnisse geheim und schafften die Betriebsratswahlen einfach ab.

Während des Krieges waren es oft genug Arbeiter in den Bergwerken und Fabriken an der Ruhr, die sich mit Zwangsarbeitern, KZ-Häftlingen und Kriegsgefangenen solidarisierten und sie mit Nahrung versorgten. Das war streng verboten und hätte zur Inhaftierung in einem KZ geführt. Das war namenloses Heldentum.

Nicht aber für die Macher der Ruhr 2010. Im Industriemuseum Henrichshütte in Hattingen fand im Rahmen der Ruhr 2010 eine Ausstellung statt. Titel: „HELDEN Von der Sehnsucht nach dem Besonderen“

In der Ankündigung hieß es:

„Die große Sonderausstellung „HELDEN. Von der Sehnsucht nach dem Besonderen“ spürt Kult und Mythos nach. Von den Heroen der Antike bis zu modernen Rettungskräften, von Horst Schimanski bis Lara Croft begegnen die Besucher Helden und Heldinnen der Region und der Fremde, ihren Medien und Machern.“ Und man sieht das Bild von eines „Helden“ des Musicals Strarlight-Express.  vor einem großen Zahnrad. Das ist ein Held der Macher der Ruhr 2010!

Die Arbeiterbewegung der Ruhr spielt nur eine Randrolle, sie ist eben einfach nicht weg zu leugnen.

Love Parade in Duisburg[3] [4]

Massenpanik auf der Loveparade 2010

Im Rahmen der Ruhr 2010 fand am 24. Juli 2010 in Duisburg die Love Parade statt. Da die Besucherzahlen der letzten Jahre immer nach oben geschönt waren, sprach man vorher von 1,4 Millionen Besuchern. Tatsächlich aber kamen maximal 485.000 Besucher über den Tag verteilt. In Spitzenzeiten waren es maximal 235.000 Besucher. Die Stadtspitze und die Macher der Ruhr 2010 wussten von der Lüge – und logen mit.

Als direkte Ursache der Katastrophe war schlichtweg Schlamperei – und das aller, die das Spektakel organisiert, veranstaltet, genehmigt und gesichert hatten und ganz direkt: Ein defekter Kanaldeckel im Tunnel am Aufgang zur Rampe. Irgendwer hatte die Gefahr geahnt und hatte ein Stück Bauzaun auf den offenen Kanal gelegt. Klar erwiesen ist: Eine Besucherin trat in die Falle, rutsche 50 cm tief und  steckte fest. Aber ihr gelang es, sich zu befreien. So kam sie mit dem Leben davon. Der Kanaldeckel befand sich exakt an der Stelle, an der viele zu Tode kamen.

Nach dem Unglück beeilte stich die Leitung der Ruhr 2010 zu verkünden: Sie träfe keine Schuld, die Veranstaltung sei keine der Ruhr 2010 gewesen, sondern eine private.

Das sagte Fritz Pleitgen, Ex- Intendant des Westdeutschen Rundfunks und Chef der Ruhr 2010. Dabei war es jener Pleitgen, der Monate davor Druck auf die Stadt ausübte. Die zierte sich nämlich wegen der Kosten.

Alle wollten  diese Mammutveranstaltung: CDU, FDP, Grüne, SPD stimmten im Rat dafür. Die Fraktion der Linken stimmte auch nicht dagegen, sie enthielten sich.

 Jetzt soll eine Gedenkstätte entstehen. Derzeit ist es ein Glaskasten in der Nähe des Ortes. Es wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben und der Entwurf eines Jürgen Meister gewann – zwei Tage danach war klar: Der „Künstler“ hätte ein Schnäppchen gelandet, denn er kaufte „seinen“ Entwurf für ein paar Euro im  Internet.

Das alles passt so richtig in die Ruhr 2010 und es passt noch besser zu dem Verantwortlichen der Loveparade. Es wurde geschwindelt, belogen, betrogen, manipuliert, verarscht und gefälscht. Ein unendliches Trauerspiel.

Ich wohne nur einige hundert Meter vom Unglückstunnel weg und fahre in der Woche mehrfach hindurch. Da, wo die 21 jungen Menschen zu Tode kamen, ist noch immer eine nicht gewollte Gedenkstätte, brennen Kerzen, halten Autos an und Menschen bleiben stehen und legen Blumen ab usw. Der Glaskasten, der die vorläufige Gedenkstätte sein soll, befindet sich außerhalb des Tunnels. Da ist niemand.

das Plagiat und der Plagiator

Wedau-Stadion in Duisburg während des Gedenkgottesdienstes: 

„darngvolle“ Leere

Die Duisburger ignorierten ganz einfach die Leichenfledderer aus Politik und Kirchen  und schaffen sich ihre eigene Gedenkstätte und machen ihr eigenes Gedenken. nach dem Unglück wollte der Oberbürgermeister an der Stelle des Unglücks sein Mitgefühl heucheln. Er wurde ausgebuht. Vor ein paar Wochen wagte der sich das erste Mal wieder in die Öffentlichkeit und eröffnete den Umbau des Marktplatzes in Rheinhausen. Ein Einwohner bespritzte ihn mit Tomatenketchup.

Im Sommer wollten Leichenfledderer im Priesterrock und Talar weitab vom Unglücksort, im Wedau-Stadion, einen Gedenkgottesshow veranstalten. Mehrere hunderttausend Menschen würden kommen, gab man bekannt. Es kamen nur ein paar hundert, vielleicht tausend  Menschen – das Stadion blieb leer und die Schwarzkittel blieben unter sich.

Auch das ist ein  Teil der Alltagskultur im Revier.

Fazit

Bei der Ruhr 2010 feierten sich die Herrschenden selbst. Man versuchte zu übertünchen, dass das Revier im Niedergang begriffen ist. Alte Industrien verschwinden, neue sind nicht in Sicht. Als Billiglohngebiet, wie Moldawien, eignet sich das Revier nicht. Die Arbeiterklasse ist zu klassenbewusst und die high-tech.Brancche braucht wenig Arbeitskräfte und produziert fast alles bereits jetzt in Billiglohnländern.

Ab 2014 wird es im Revier keine fordernde Zeche mehr geben. Der Bergbau an der Ruhr wird ebenfalls Geschichte sein, wie der im Aachener Revier schon lange, der Borinage in Belgien, Lothringen in  Frankreich  und an der Saar. Sicher, die Arbeit der Bergleute war hart und sehr gefährlich. Aber mit dem Wegfall des Bergbaus fallen auch die vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten weg, die der Bergbau bot. Hier wurden nicht nur die „normalen“ Bergleute, die Hauer, ausgebildet, sondern auch verschiedene andere Berufe, wie Elektriker, Mechaniker, Heizer, Maschinenführer usw. Mal abgesehen von den Berufen mit Fachhochschul- oder Hochschulausbildung, also die Steiger und Obersteiger, All das fällt flach. Die Beschäftigten der Zulieferbetriebe sind ebenso betroffen.

Dass dies in einer Region, die vom Bergbau geprägt ist, nicht ohne negative Folgen  bleibt, ist klar. Vor allem, weil der andere Industriezweig, der in der Zeit der Industrialisierung dem Bergbau folgte, ebenfalls  rückläufig ist. Ich meine die Eisen- und Stahlproduktion. Einige der großen Hüttenwerke wurden geschlossen und in denen, die es noch gibt, wurde rationalisiert auf Teufel-komm-raus.

Auch andere Industriezweige sind in Gefahr. So will General Motors am liebsten sein Opel-Werk in Bochum schließen, jedenfalls haben sie da auch massiv Arbeitsplätze abgebaut. Oder die Schließung des Handy-Werk von Nokia in Bochum usw.

Die Macher der Ruhr 2010 versuchten den Menschen im Revier weiß zu machen, sie seien die Lösung der Misere.

Das sind sie mitnichten. Die Nachhaltigkeit dieses Spektakels dürfte bei Null liegen. Ich glaube, bereits 2011 redet niemand mehr von der Ruhr als Kulturhauptstadt Europas. Schon allein deshalb nicht, weil die Symbole der Ruhr 2010 Symbole des Niedergangs sind: Stillgelegte Zechen, geschlossene Hüttenwerke, beseitigte Brauereien…

Auf der anderen Seite wäre die Ruhr 2010 eine gute Gelegenheit gewesen, an die Kultur der hiesigen Menschen zu erinnern. Das Ruhrgebiet ist der Beweis dafür, dass Menschen der unterschiedlichsten Regionen, Nationen, Kulturen und Religionen friedlich und verständnisvoll zusammen leben können.

Hier gibt es etwas nicht, was ich Lokalchauvinismus nennen möchte. So z.B. in Köln, wo ich eine Zeit land gelebt habe. Dort gab es zwei Worte für Kölner, die nicht in Köln geborenen waren: Imi und Pimok. Beides abwertende Bezeichnung von zugewanderten Kölner Bürgern.

Hier im Ruhrgebiet fragt niemand danach, ob man hier geboren wurde oder weit weg. Fast jeder stammt von weit weg und wenn er nicht, dann sein Vater, Großvater oder Urgroßvater (-mütter). Ich prägte mal den Spruch, dass das Telefonbuch von Warschau und das von Duisburg sich kaum unterscheiden. In beiden gibt es auch deutsche Namen – nur türkische gibt es in  Warschau kaum.

In diesem Schmelztiegel, in dem sich die Kulturen mischten, entstand eine ganz besondere Kultur. Die besteht aus Sportvereinen, Kaninchenzüchter- und Taubenzüchter-Vereinen, Gesangsvereinen, aber auch schreibende, fotografierende und malende Arbeiter sind so selten nicht. Oder Arbeiter, die sich mit historischen und naturwissenschaftlichen Fragen[5] beschäftigen und Fotografie von beachtlichem Niveau betreiben.

Diese Kultur, die meines Erachtens zumindest in Deutschland einmalig ist, kam bei der Ruhr 2010 kaum oder gar nicht vor.

Das sollte sie wohl auch nicht. Denn es ist die Kultur von Arbeitern, die sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen – auch wenn die Butter inzwischen, wegen Hartz IV, schon wieder mal Margarine geworden ist.

G.A.


[5]  Ich kenne in Essen  einen ehemaligen Bergmann, der sich mit Zoologie der einheimischen Wildtiere beschäftig und sie fotografisch dokumentiert.

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