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„Dämmerung“
von
Kurt Tucholsky
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Kurt
Tucholsky:
sozialistischer
deutscher Poet, Schriftsteller und Journalist
(1890–1935)
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Diese
Zeit hat etwas durchaus Gespensterhaftes. Die Leute gehen täglich ihren
Geschäften nach, machen Verordnungen und durchbrechen sie, halten Feste
ab und tanzen, heiraten und lesen Bücher-: aber es ist alles nicht
wahr.
Was
man so gemeinhin Kunst und Kultur nennt: sie sind nicht möglich ohne
gemeinsame Voraussetzungen. Die sind nicht mehr da. Die Grundfesten
wanken. (...) Es ist durchaus nicht allen gemeinsam und selbstverständlich,
daß das Vaterland das Höchste ist, woran sich anzuschließen Pflicht
und Gewinn sei – sondern das ist sehr bestritten. Es ist durchaus
nicht allen gemeinsam, daß die Familie der Endpunkt der Entwicklung und
etwas Selbstverständliches sei - das ist sehr bestritten. Es ist
durchaus nicht selbstverständlich, daß der Kapitalismus notwendig oder
gar nutzbringend sei – das ist sehr bestritten. Sie reden verschiedene
Sprachen, die babylonischen Menschen, und sie verstehen einander nicht.
Sie sprechen aneinander vorbei, sie haben weniger gemeinsam denn je.
Seltsam
dieses Bürgertum. (Und in Deutschland sind alle Bürger.) Seltsam
dieses starre Festhalten an Formen die leer sind, an Dingen, die es
eigentlich nicht mehr gibt. Vorbei, vorbei - fühlt ihr das nicht?
(...)
Töricht, die Zerfallsymptome zu leugnen. Eine Welt wankt, und ihr
haltet an den alten Vorstellungen fest und wollt euch einreden, sie
seien nötig und natürlich wie die Sonne. (...)
Spaßmacher
besingen die neue und die alte Zeit; in bürgerlichen Zeitschriften
untersucht einer ganz ernsthaft, ob die Exposition in dem neuen Roman
des Schriftstellers W. ganz geglückt sei; Theater spielen in viele Akte
zerdehnte Aphorismen, die wir ohnehin gewußt haben, Schemen wanken auf
der Erde daher - und es ist alles nicht wahr. Der Sinn des Lebens ist in
Frage gestellt, und ich glaube fest daran, daß diese grauenvolle
Krankheit auch kräftigere Länder anfressen wird als dieses arme
Deutschland. (...)
Das
bürgerliche Zeitalter ist dahin. Was jetzt kommt, weiß niemand. Manche
ahnen es dumpf und werden verlacht. Die Massen ahnen es dumpf, können
es nicht ausdrücken und werden - noch - unterjocht. (...)
Eine
Welle flutet über die Erde. Sie ist nicht rein ökonomischer Natur, es
geht nicht nur ums Fressen und Saufen und Verdienen. Es handelt sich
nicht nur um die Frage, wie man die wirtschaftlichen Güter der Welt
verteilen wird, wer arbeiten und wer ausnutzen soll. Es geht um mehr, um
alles. (...)
Wohin
treiben wir? Wir lenken schon lange nicht mehr, führen nicht, bestimmen
nicht. Ein Lügner, wer's glaubt. Schemen und Gespenster wanken um uns
herum - taste sie nicht an: sie geben nach, zerfallen, sinken um. Es dämmert,
und wir wissen nicht, was das ist: eine Abenddämmerung oder eine
Morgendämmerung.
Kurt
Tucholsky (1920)
Kurt
Tucholsky, Ein Pyrenäenbuch – Eine Auswahl von 1920-23, Berlin 1979 |