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Der
»weiße Baum« von Jena
Rassismus
gehört in den USA auch zu Beginn des neuen Jahrhunderts immer noch zum
Alltag
Kolumne
von Mumia Abu-Jamal
Quelle:
jungeWelt vom
11.08.2007
Kürzlich
machten Nachrichten über einen kleinen Ort namens Jena im US-Bundesstaat
Louisiana die Runde. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es dort noch
einen »weißen Baum«, der nicht so heißt, weil er weiße Blätter hätte,
sondern weil er nur weißen Schülern Schatten spendet.
Im
September 2006 suchte der Schüler Kenneth Purvis den Schulrektor auf und
bat ihn um Erlaubnis, sich unter den »weißen Baum« setzen zu dürfen.
Der Rektor antwortete, er könne sich hinsetzen, wo immer es ihm gefiele.
Also setzten sich Kenneth und weitere schwarze Mitschüler in den Schatten
des großen Baumes. Am nächsten Morgen zierten den Baum drei Schlingen in
den Traditionsfarben der Schule. Im Süden, aber auch im Norden der USA
vermitteln Schlingen eine sehr deutliche Botschaft: Derjenige, für den
sie aufgehängt werden, wird mit dem Tode bedroht. Viele nichtweiße Schüler
werteten die drei Schlingen genau so und reagierten aufgebracht, wütend
oder verängstigt. Auch der Rektor nahm die Sache ernst, stellte eine
Untersuchung an und fand heraus, daß weiße Schüler die symbolträchtigen
Schlingen am Baum angebracht hatten. Drei Schüler wurden mit sofortiger
Wirkung der Schule verwiesen. Der zuständige Schulrat war allerdings
anderer Meinung. Er hob den Schulverweis wieder auf und verhängte über
die drei Schüler nur einen dreitägigen Ausschluß vom Unterricht. Gegenüber
der Chicago Tribune erklärte der Beamte jovial: »Pubertierende
Jugendliche spielen anderen gern mal einen Streich. Ich glaube nicht, daß
sie irgendwen bedrohen wollten.«
Für
Jenas schwarze Gemeinde war das ein Schlag ins Gesicht, den sie nicht
hinnehmen wollte. Die schwarzen Schüler der Highschool beschlossen, unter
dem »weißen Baum« ein Sit-in abzuhalten, um gegen die lasche Behandlung
der drei rassistischen Mitschüler zu protestieren. Als die Nachricht sich
wie ein Lauffeuer im Ort verbreitete, besuchte der leitende
Bezirksstaatsanwalt eine Schulversammlung, auf der die aktuelle Lage
besprochen wurde. Er hatte gleich ein paar Polizisten mitgebracht, um die
Schüler einzuschüchtern, die jetzt zu Protestformen griffen, mit denen
die schwarze Bürgerrechtsbewegung vor vierzig Jahren überall in den Südstaaten
für gleiche Rechte kämpfte. Der Staatsanwalt baute sich vor den Schülern
auf und drohte ihnen, wenn sie nicht aufhörten, wegen dieses »Streiches«
so einen Wirbel zu machen, dann würden sie sich ihn zum »schlimmsten
Feind« machen. Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, was er meinte, hängte
er noch dran: »Ein Wink von mir genügt, und euer Leben ist keinen
Pfifferling mehr wert!«
Wenige
Tage später wurde ein weißer Schüler der Jena Highschool, der für
seine rassistischen Sprüche und Beleidigungen bekannt war,
niedergeschlagen und mit Fußtritten traktiert. Er wurde ins Krankenhaus
gebracht, untersucht und nach Behandlung seiner Blessuren nach Hause
geschickt.
Schon
nach wenigen Tagen wurden sechs schwarze Schüler verhaftet und wegen
versuchten Totschlags angeklagt. Alle sechs erhielten einen sofortigen
Schulverweis, den der Schulrat nicht wieder aufhob. Ihre Kautionen wurden
mit Beträgen zwischen 70000 und 139000 US-Dollar ungewöhnlich hoch
angesetzt. Für Eltern aus der schwarzen Gemeinde unbezahlbar. Das
bedeutete natürlich, daß die sechs Jugendlichen die Monate bis zu ihren
Prozessen im Gefängnis verbringen mußten. Und wenn die Eltern schon kein
Geld für die Kaution hatten, war erst recht nichts da, um Anwälte ihres
Vertrauens bezahlen zu können. Folglich bestellte das Gericht vom Staat
bezahlte Pflichtverteidiger.
Für
Michael Bell, gegen den zuerst verhandelt wurde, war das so, als wäre er
ohne Verteidiger vor die nur aus Weißen bestehende Jury getreten. Diese
sprach ihn auch prompt des versuchten schweren Totschlags in Tateinheit
mit Körperverletzung und Verschwörung zu einer Straftat schuldig. Das
kann zur Folge haben, daß der Teenager demnächst zu einer Gefängnisstrafe
von bis zu 22 Jahren verurteilt wird. Der Pflichtverteidiger hatte weder
die Zusammensetzung der rein weißen Jury gerügt, noch irgendeinen
Beweisantrag gestellt. Er hatte auch keine Entlastungszeugen präsentiert.
Der Vorwurf des schweren Totschlags setzt eigentlich voraus, daß man sein
Opfer mit einer Waffe angegriffen hat. Welche Waffe sollen die sechs Schüler
nach Meinung der Staatsanwaltschaft eingesetzt haben? Ihre Tennisschuhe!
Die
Familien und Freunde der »Jena 6« organisieren öffentliche Proteste und
Solidarität für die Angeklagten und werden dafür selbst vom weißen
Establishment des Ortes angegriffen. Gegenüber Tory Pegram von der Bürgerrechtsorganisation
American Civil Liberties Union erklärte eine der Frauen, die den
Widerstand mit organisiert: »Wir müssen mehr Leute davon überzeugen, daß
sie sich an unseren Aktionen beteiligen sollen. Was kann uns schon
passieren? Daß wir unsere Jobs verlieren? Wir haben eh' die schlechtesten
Jobs im Ort. Oder daß sie brennende Kreuze in unsere Vorgärten stellen
oder mein Haus niederbrennen? Das hatten wir alles schon! Deswegen müssen
wir die Wahrheit herausschreien und dafür sorgen, daß das alles nie
wieder passieren kann, weil unsere Kinder sonst niemals sicher sein werden
vor diesen Rassisten!«
Übersetzung:
Jürgen Heiser
Kontakt:
jena6defense@gmail.com
Mumia Abu-Jamal, geboren am 24. April 1954 in
Philadelphia, Pennsylvania; ursprünglich (sog, Sklavenname) Wesley
Cook ist ein US-amerikanischer Journalist und schwarzer Bürgerrechtler.
1982 wurde er wegen Mordes an einem Polizisten sowie wegen
Schusswaffenbesitzes angeklagt und in einem fragwürdigen Prozess zum
Tode verurteilt. Seitdem sitzt er in der Todeszelle im US-Bundesstaat
Philadelphia. Red. K-online
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