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Vor
35 Jahren, am 11. September 1973 putschte die CIA mit Hilfe verräterischer
Generäle gegen Präsident Allende –
Wenige
Tage später, am 16. September 1973 ermordeten die Putschisten den Sänger
des Volkes von Chile, Victor Jara, bestialisch.
Rückblick:
junge
Welt, DDR
1973,
September
Wir
sind fünftausend
Victor
Jarra, der große chilenische Volkssänger, der die Hoffnung des Volkes
auf ein besseres Leben sang, lebt nicht mehr. Er war einer der fünftausend,
die die Junta im Stadion von Santiago eingekerkert, gefoltert und
ermordet hat. Kurz bevor er starb, schrieb er seine letzte Botschaft,
ein letztes Lied. Ein Stück des Texte übergab er einem jungen
Genossen, der aus dem Stadion entkam und es nach Frankreich brachte.
Jarras
Witwe, Joan, berichtete in der französischen Hauptstadt vor
Journalisten, wie sie vom Tod ihre Mannes erfuhr. „Am 18. September
klopfte nachts ein junger Angestellter des Leichenschauhauses an mein«
Tür und sagte, er hätte Victor unter Hunderten von Leichen von
Studenten und Arbeitern erkannt. So war es mir möglich, ihn abzuholen
und zu begraben“, sagte sie. „Er war ein anonymer Toter, eine Nummer
unter anderen anonymen Toten.“
Die
Botschaft drückt aus, wer Victor Jarra war: Ungebrochen trotz des ihn
umgebenden Grauens und Terrors in seiner Zuversicht, daß die Faust des
Volkes zurückschlagen wird.
Die
Junta verzieh ihm nicht seine revolutionären Lieder, seine aktive
politische Arbeit für die Unidad Popular. Victor Jarra gehört zu den
Begründern der modernen chilenischen Musik, die auf der
lateinamerikanischen Volksmusik beruht. Er gab seinen Liedern einen
revolutionären, kämpferischen Inhalt. Die einfachen Bauern, die Kumpel
der Kupfer- und Salpeterminen, Studenten und Arbeiter kannten ihn und
seine Volksmusikgruppe, die Quilapayuns, die er gründete und mehrere
Jahre leitete. Sie reisten durch das Land, riefen die Bauern in ihren
Liedern auf, sich gegen die Latifundienbesitzer zusammenzuschließen,
die Unidad Popular zu unterstützen. Victor Jarra war Mitglied des
Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chiles.
Seine
Frau Joan berichtete in einem Gespräch in Paris: „Ich sprach Victor
zum letzten Mal telefonisch am 11. September, dem Tag des Militärputsches.
Er war mit 600 Studenten und Professoren in der Technischen Universität,
die schon von Truppen umstellt war und beschossen wurde. Am 13.
September erfuhr ich, daß er im Stadion von Santiago gefangen gehalten
wurde. Dann kamen Tage der Ungewißheit und der Angst. Am 18. September
klopfte nachts ein junger Angestellter des Leichenschauhauses an meine Tür
und sagte, er hätte Victor unter Hunderten von Leichen von Studenten
und Arbeitern erkannt. So war es mir möglich, ihn abzuholen und zu
begraben. Ohne diese Nachricht hätte ich nie erfahren, daß er tot ist
und unter welchen Umständen er gestorben ist. Er war ein anonymer
Toter, eine Nummer unter anderen anonymen Toten.“ Die letzten von
Victor Jarra an die Weltöffentlichkeit gelangten, die faschistische
Junta anklagenden Verse haben folgenden Wortlaut:
Stadion
— Chile
Wir
sind fünftausend
Hier
in diesem kleinen Teil der Stadt
Wir
sind fünftausend
Wieviele
aber sind wir alle zusammen in den Städten und im Land?
Nur
hier zehntausend Hände, die säten und Fabriken betrieben,
Wieviele
Menschen ausgeliefert dem Hunger und der Kälte —
den
Schrecken und Schmerzen, dem moralischen Druck,
dem
Terror und dem Wahnsinn.
Sechs
der Unseren sind verloren in der Weite des Alls
einer
gestorben — ein Mann erschlagen — wie niemals ich geglaubt
hätte,
daß man ein menschliches Wesen so schlagen kann.
Die
vier anderen wollten dem Schrecken entgehen,
einer
stürzte sich in die Tiefe,
der
andere schlug seinen Kopf gegen die Mauer, aber alle mit
dem
starren Blick des Todes.
Welches
Grauen das Gesicht des Faschismus hervorruft.
Sie
führen ihre Pläne mit minutiöser Genauigkeit aus — sie
lassen
sich durch nichts stören,
Blutvergießen
ist ihnen eine Auszeichnung,
Mord
ihr Ruhm.
Ist
das die Welt, die du geschaffen hast, oh Herr?
Dafür
deine sieben Tage der Wunder und der Arbeit?,
zwischen
diesen vier Mauern gibt es nur noch eine Nummer,
die
nichts wünscht,
die
allmählich immer mehr den Tod herbeisehnt.
Doch
plötzlich erwacht mein Bewußtsein, und ich sehe dieses Zeichen
ohne
Zittern,
doch
mit dem Dröhnen der Panzer, und die Soldaten, die ihre Gesichter
sanfter
Matronen zeigen.
Und
Mexiko? Und Kuba? Und die Welt, die aufschreit gegen diese
Schande?
Wir
sind zehntausend Hände weniger, die schaffen.
Wieviele
aber sind wir in meinem ganzen Land?
Das
Blut unseres Kameraden Präsidenten schlägt stärker als
Bomben
und Maschinengewehre,
und
so wird auch unsere Faust zurückschlagen.
Wie
mühsam entringt sich mir dieses Lied.
Wenn
ich über den Terror singen muß,
so
singe ich über den Terror von heute,
als
müßte ich vor Schrecken sterben,
zwischen
so vielen Augenblicken der Unendlichkeit mich zu sehen,
in
denen das Schweigen und der Aufschrei aus meinem Lied brechen.
Was
ich sehe, haben meine Augen nie zuvor geschaut,
was
ich fühlte, und was ich fühle,
läßt
den Augenblick erstehen ...
(Deutsche
Übersetzung Ira Joswiakowski)
Hier
bricht das Gedicht ab. Wir wissen nicht, wem Victor Jarra den zweiten
Teil gab, ob der Genosse lebend aus dem Stadion entkam oder ob er es
weitergab, bevor er selbst den Weg Victor Jarras ging
Und
so starb Victor Jarra:
Man
brachte ihn in das Nationalstadion. Mit ihm war sein ständiger
Begleiter - die Gitarre. Und er begann zu singen. Die Verhafteten nahmen
die Melodie auf, obwohl die Wächter drohten, das Feuer zu eröffnen.
Dann hackten Soldaten auf Befehl eines Offiziers Victor die Hände ab.
Er konnte sich nicht mehr begleiten, aber setzte mit schwächer
werdender Stimme das Lied fort. Mit dem Kolben zerschmetterten sie
seinen Kopf, und dann hängten sie Victor zur Abschreckung der
Verhafteten vor der Tribüne auf. |