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Argentina:
Weshalb
die US-Regierung am Theater von der Eichmann-Entführung durch den Mossad
interessiert war.
Von
Gaby Weber
Quelle:
Labournet
Germany
Der
Organisator des Holocaust war in Argentinien verbittert geworden und gab
Interviews. Es war eine Frage der Zeit, dass irgendwann einmal ein
Journalist an seiner Haustür klingeln würde. Eichmann war zu einer
Gefahr geworden, für seinen früheren Arbeitgeber, Standard Oil, für
Israel, für andere. Die Frage drängt sich auf: wenn man Eichmann zum
Schweigen bringen wollte, warum dann nicht mit einem Genickschuss oder ihn
einfach „verschwinden“ lassen? Das wäre billiger und praktischer
gewesen, als ihn nach Uruguay zu locken, ein Flugzeug zu organisieren,
Piloten zu engagieren, ihn festzunehmen, zu verhören und in einer Nacht-
und Nebelaktion an Israel auszuliefern? Wozu das Theater? Es brachte auch
für den jungen israelischen Staat zunächst diplomatische Probleme mit
der argentinischen Regierung, die durch die (angenommene) Verletzung ihrer
Souveränität in aller Welt bloßgestellt und erniedrigt war. Und mögliche
Komplikationen auch für Uruguay, falls eines Tages alles herauskommt ...
Wer
offensichtlich noch am selben Tag von diesem Theater profitiert hat, war
die US-Regierung. Dies ist wohl auch der Grund, warum US-Staatsbürger und
ein US-Flugzeug bei der Planung und Durchführung der Aktion eine zentrale
Rolle gespielt haben. Warum mussten die USA Argentinien vor aller Welt
erniedrigen?
Die
Antwort auf diese Frage liegt im 15. Stock des Außenministeriums in
Buenos Aires. Dort werden die bilateralen Verträge aufbewahrt. Und im
Ordner „Argentinien-USA“ kann man nach Datum suchen. Im Mai 1960, dem
Monat der Eichmann-Überführung, finde ich nur einen Vorgang, einen Brief
des argentinischen Staatssekretärs Miguel Angel Centeno, gerichtet an den
US-Botschafter. Dort, wo das Datum stehen sollte, heisst es nur „....
Mai 1960“, so als wäre der Verfasser dieses Briefes sicher gewesen,
dass die argentinische Regierung an einem Tag im Mai 1960 diese Dokument
unterzeichnen würde. Der Tag, an dem das Dokument unterzeichnet wurde,
war der 23. Mai, wie der Eingangsstempel verrät. An diesem Tag hatte Ben
Gurion in der Knesset die Verhaftung Eichmanns bekannt gegeben. Der
Kriegsverbrecher war aus dem „Nazi-Nest“ geholt worden. Und die
argentinische Regierung musste mit weiteren, derart demütigenden Aktionen
rechnen. Sie ging in die Knie und unterwarf sich dem diplomatischen Druck
der USA. Zitat aus dem Brief vom 23. Mai:
„Unter
Bezug auf das Angebot der US-Regierung vom 9. September (1959), uns
atomares Material und Forschungsgeräte zu liefern, ist es mir eine Ehre,
Eurer Exzellenz mitzuteilen, dass die argentinische Regierung Ihre in dem
Dokument ausgeführten Bedingungen akzeptiert“.
Im
September 1959 war zwischen Argentinien und den USA ein Abkommen über die
Zusammenarbeit auf nuklearem Gebiet vereinbart worden, Argentinien hatte
sich nur noch den von den USA geforderten Kontrollen zu unterwerfen und
versprechen müssen, die Atomtechnologie ausschließlich zu zivilen
Zwecken zu benutzen.
Doch
die Argentinier zauderten. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges hatten sie
gezielt und mit großem Aufwand deutsche Techniker an den Rio de la Plata
geholt, vor allem Raketenspezialisten, Flugzeugbauer und
Atomwissenschaftler. Es ging um den Aufbau einer nationalen
Waffenindustrie. In Córdoba baute Kurt Tank eine Flugzeugfabrik, in der Nähe,
in Carmen del Falda, wurden Raketen erprobt und in Bariloche bastelte
Ronald Richter an der Atombombe und der Kernfusion.
Viele
dieser Techniker verließen nach dem Putsch gegen Perón, 1955,
Argentinien. Die meisten gingen in die Bundesrepublik zurück, wo gerade
die Bundeswehr gegründet worden war, viele folgten aber auch dem Ruf der
USA, wo Wernher von Braun tätig war. Auch Ronald Richter diente sich der
US Airforce (USAF) an, wurde aber wegen mangelnder Qualifikation abgelehnt
- „not interested“, heisst es in dem vertraulichen Vermerk vom 21.
November 1956 des Headquarters der USAF.
Die
USA übten heftigen Druck auf die Regierung in Buenos Aires aus, die
Zusammenarbeit mit den Nazi-Technikern zu beenden und boten sich selbst
als neue Partner an. Im Juli 1955 wurde in Washington der bilaterale
Vertrag unterzeichnet, der fünf Jahre gültig sein sollte. In Artikel II
versprechen die USA, Argentinien sechs Kilo angereichertes Uran zu
liefern, aber nur für „friedliche Zwecke“.
Dieser
Vertrag lief im Juli 1960 aus und musste also verlängert werden. Aber die
Argentinier wollten sich nicht auf die „friedlichen Zwecke“ beschränken
lassen und sie brauchten auch eine viel größere Menge von Uran. Seit
September 59 war die Verlängerung unterschriftsreif, aber die Argentinier
stellten sich stur. Bis zum 23. Mai 1960. An diesem Tag wurde weltweit
bekannt, dass der ranghöchste NS-Mann in Exil aus dem Nazi-Nest
Argentinien geholt worden war. An diesem Tag unterwarfen sie sich
bedingungslos den Forderungen aus Washington. Zwei Wochen später wurde
der bilaterale „Vertrag über die zivile Nutzung der Atomenergie“
unterzeichnet.
Ein
weiterer Sieg für die USA war das „Abkommen über Zusammenarbeit und
technische Ausbildung durch US-Offiziere“ vom 2. August 1960. Die
argentinische Regierung zahlt den im Lande tätigen US-Militärinstrukteuren
Flugtickets Erster Klasse und Artikel XIII gewährt ihnen Immunität den
argentinischen Gerichten gegenüber. Diese Zusicherung der Immunität war
schon damals ungewöhnlich, was auch erklärt, dass diese Verträge nicht
in der Öffentlichkeit diskutiert wurden. Und heute lehnt die Mehrheit der
lateinamerikanischen Staaten, auch Argentinien, die Immunität für
US-Soldaten ab.
Es
ist auffällig, dass Argentinien damals vor einer weltweiten Bloßstellung
bewahrt wurde. Dabei schätzen Historiker, dass sich nach dem Zweiten
Weltkrieg etwa 50.000 Nazis nach Argentinien abgesetzt hatten, darunter
auch Kriegsverbrecher wie Eichmann und Mengele. In Argentinien kam dieses
dunkle Kapitel der Geschichte erst in den neunziger Jahren in die Öffentlichkeit,
in Deutschland bis heute nicht. Auch in den Protokollen und im Prozess in
Israel sagte Eichmann so gut wie nichts über die Struktur des Naziexils
am Rio de la Plata aus, und weder die Richter und Ermittler noch die
Weltpresse insistierten.
Dies
sind die Tatsachen.
Ab
hier ein Kommentar: Man könnte sich auf den Standpunkt stellen: ein
geniales Theater mit erfolgreichem Ende! Denn schließlich ist es ein
Erfolg, dass der Spuk der Naziwissenschaftler am Rio de la Plata sein Ende
fand. Argentinien ist ein atomwaffenfreies Gebiet und das ist gut so.
Allerdings wäre es wünschenswert, dass der gesamte Planet atomwaffenfrei
wird. Warum ist er es nicht?
Gründe
genug, damit die USA und Argentinien endlich alle Dokumente freigeben. |