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Abgleiten in die Barbarei (II)

STRASBOURG/BERLIN/WASHINGTON

Quelle: german-foreign-policy vom 11.06.2007

(Eigener Bericht) - Schwere Vorwürfe gegen die Bundesregierung und ihre rot-grüne Vorgängerin erhebt der Sonderberichterstatter des Europarats. Dick Marty (Schweiz) war vor mehreren Monaten beauftragt worden, die Folterkooperation mit den Vereinigten Staaten zu untersuchen. In dem am Wochenende vorgelegten Bericht schreibt Marty, ohne Handlangerdienste der Verbündeten Washingtons, darunter Deutschland, hätte das von den USA installierte System globaler Verschleppungen, heimlicher Freiheitsberaubung und jahrelanger Folter nicht aufgebaut werden können. Auch die NATO habe zur Vorbereitung der Verbrechen beigetragen. Über die Aufklärungsbemühungen berichtet der Sonderberichterstatter: „Einige europäische Regierungen haben die Suche nach der Wahrheit behindert und setzen dies fort, indem sie sich auf den Begriff des 'Staatsgeheimnisses' berufen.“ Es handele sich vor allem um die Regierungen Italiens und Deutschlands. Dabei „werden Staatsgeheimnisse aus Gründen ausgerufen, die denen gleichen, die Russland bei seinem Vorgehen gegen Wissenschaftler, Journalisten und Rechtsanwälte vorbringt“, urteilt Marty.

In seinem neuen Bericht über geheime Verschleppungen und Folter durch US-Behörden präzisiert der Sonderberichterstatter der Parlamentarischen Versammlung des Europarats die bereits im vergangenen Jahr vorgelegten Erkenntnisse.[1] So kann Marty unter anderem rekonstruieren, auf welchem Weg der deutsche Staatsbürger Khaled el-Masri am 28. Mai 2004 aus einem afghanischen Foltergefängnis nach Albanien abgeschoben wurde. Wie el-Masri später berichtete, fürchtete er, während des geheimen Transports ermordet zu werden. Bis heute unterlässt es Berlin, die Verwicklung deutscher Dienste vollständig offen zu legen.[2]

Geheimhaltung und Sicherheit

Marty zufolge hat die ehemalige rot-grüne Bundesregierung systematisch mit den US-Sicherheitsdiensten kooperiert, insbesondere mit der CIA. Der Sonderberichterstatter belegt dies am Beispiel des Folteropfers el-Masri, aber auch an Einzelheiten über die prinzipielle Zusammenarbeit der Behörden. Ohne die Beihilfe der Verbündeten Washingtons, insbesondere der europäischen Partner, „hätten wir nicht einmal davon geträumt“, ein globales Netzwerk zum Entführen, Verschleppen und auch Töten von Terrorverdächtigen aufzubauen, heißt es demnach in US-Geheimdienstkreisen. Bei einem von vielen Details handelt es sich um die Durchsetzung zivil-militärischer Willkür im Luftverkehr, soweit es um US-amerikanische Maschinen ging: „Zivile Flugzeuge landeten in Staatsauftrag auf Militärflugplätzen; Militärtransporter wurden auf zivile Gesellschaften registriert; zivile Agenten und Unternehmer flogen in militärischem Reiseauftrag.“[3] „Unappetitlicher Streit über Rechtsfragen“ habe um jeden Preis vermieden werden sollen, zitiert Marty einen Insider. Demnach sagten die europäischen Verbündeten, darunter Deutschland, den USA „physische Sicherheit für ihr Personal“ und „Geheimhaltung und Sicherheit von Informationen“ auf höchster Stufe zu.

4. Oktober 2001

Für ihre gemeinsame Verschwörung gegen Verfassungsgrundsätze der beteiligten Staaten benutzten die USA und deren europäische Bündnispartner NATO-Strukturen. Laut Marty wurde die kriminelle Verabredung am 4. Oktober 2001 eingeleitet, als die NATO auf Verlangen Washingtons eine Reihe von Maßnahmen „im Kampf gegen den Terror“ beschloss. Den subversiven Charakter der Übereinkünfte verdeutlicht das NATO-Eingeständnis, dabei habe es sich nicht „um ein formelles Dokument“ gehandelt, „das von den Mitgliedstaaten unterschrieben wurde“, sondern um „eine interne Entscheidung“. Wie sich Marty in einem Briefwechsel von den Brüsseler Militärbehörden bestätigen lassen musste, bleiben die Übereinkünfte weiter geheim. Der Sonderberichterstatter des Europaparlaments, dem zentrale Informationen bis heute vorenthalten werden, schlussfolgert, dass die „interne Entscheidung“ der NATO die Voraussetzungen für die Verschleppungsflüge der CIA schuf.[4] Sie fand die Zustimmung der deutschen Regierung. Wenige Wochen nach dem NATO-Treffen am 4. Oktober 2001 wurde Murat Kurnaz in Pakistan verschleppt [5], kurz danach der Deutsche Haydar Zammar [6].

Leitzentrale

Nach Angaben eines deutschen Geheimdienstexperten spielt die Bundesrepublik im US-„Anti-Terror-Kampf“ eine hervorgehobene Rolle. Neben der langjährigen Zusammenarbeit der Dienste und der Nutzung in Deutschland befindlicher Militärflugplätze für Verschleppungen profitiert Washington von einer CIA-Zentrale in Frankfurt am Main. Die „etwa 200 CIA-Mitarbeiter umfassende Station in der Mainmetropole ist seit Jahren der vorgeschobene Posten des US-Auslandsnachrichtendienstes für den Nahen und Mittleren Osten“, erläutert der Geheimdienstspezialist Schmidt-Eenboom: „In dieser Funktion ist sie auch die Leitstelle für die illegalen Verschleppungen von Terrorverdächtigen quer durch Europa und aus und in arabische Staaten.“[7] Die Koordinaten der Verschleppungszentrale in Frankfurt am Main sind den deutschen Diensten und damit dem Kanzleramt bekannt.

Zur Rechenschaft ziehen

Im Umgang mit staatlicher Verschleppung und Folter stellt Marty Unterschiede zwischen einzelnen Ländern fest. Wie er in Erinnerung ruft, wurde im September 2002 der kanadische Bürger Maher Arar auf der Heimreise in New York entführt, in eine syrische Haftanstalt deportiert und dort gefoltert. Die kanadischen Sicherheitsbehörden unterstützten die CIA bei der Vorbereitung des Verbrechens mit „vollständig unbegründeten“ (Marty [8]) Anschuldigungen gegenüber Arar. Seine Befreiung und seine Rückkehr wurden von den kanadischen Behörden gezielt verzögert. Auch danach sah sich Arar zahlreichen Belästigungen ausgesetzt, die darauf abzielten, das Gesicht der Sicherheitsbehörden zu wahren. Unerklärliche „Informationslecks“ speisten Medienberichte mit Behauptungen zu Lasten des Folteropfers und sollten es in Misskredit bringen. Die kanadische Öffentlichkeit widerstand den Diffamierungsversuchen, setzte durch, dass eine Untersuchungskommission das Verbrechen umfänglich und allgemein nachvollziehbar aufbereitete und Arar materielle Entschädigungen und psychologische Unterstützung bekam. Zudem bestehe in Kanada die Erwartung, dass Vorkehrungen gegen mögliche weitere Staatsverbrechen getroffen und die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden, schreibt der Sonderberichterstatter.

Beliebt

In Deutschland stellt Marty einen gänzlich anderen Umgang mit staatlicher Verschleppung und Folter fest. Auch hier kam es zu Beihilfe von Sicherheitsbehörden und Regierungsmitgliedern an CIA-Verbrechen. Der Sonderberichterstatter erwähnt stellvertretend „einige sehr fragwürdige Aspekte gewisser Entscheidungen des damaligen Beauftragten für die Geheimdienste“, des „jetzigen Außenministers“ (Frank-Walter Steinmeier).[9] Zudem erinnert er an eine Kampagne der Boulevardpresse gegen die freigekommenen Folteropfer Khaled el-Masri und Murat Kurnaz, denen ein Vergehen nie nachgewiesen werden konnte. Trotzdem empörten sich die deutschen Medien im Januar 2007 über el-Masri: „Wie wurde aus diesem Libanesen eigentlich ein Deutscher?“, im Mai hieß es: „Warum lassen wir uns von so einem terrorisieren?“ Die Kampagne habe „offenbar Erfolg“ gehabt, resümiert Marty und verweist auf „latenten Islamhass“ in der deutschen Gesellschaft. Tatsächlich sind die anfänglichen Sympathiewerte für die deutschen Folteropfer gesunken; aber die seit Monaten bekannten Fakten über die Verwicklung des heutigen Außenministers in die Entführungsverbrechen haben seiner Beliebtheit nicht geschadet.[10] Steinmeiers Umfragebonus steigt kontinuierlich. Weder el-Masri noch Kurnaz haben bis heute eine Entschädigung erhalten, el-Masri wurde angemessene psychologische Unterstützung verwehrt.

Sumpf

Angesichts der seit fast sechs Jahren anhaltenden dramatischen Entwicklung ruft Marty zu einer „Neubewertung des rechtlichen und moralischen Sumpfs“ auf, „in dem wir als Ergebnis des US-geführten 'Kriegs gegen den Terror' versunken sind“. Marty erneuert damit seinen Appell vom Januar 2006, die systematische schwere Verletzung von Menschenrechten nicht länger hinzunehmen. Damals hatte er gewarnt, es drohe nichts weniger als das „Abgleiten in die Barbarei“.[11] Berlin ist auf dem besten Wege.

Bitte lesen Sie auch Täuschen und lügen, Die Folterer, Und warten noch immer und Ohne Gericht, ohne Urteil.

[1] s. dazu „Abgrundtiefe Doppelzüngigkeit“ und Abgleiten in die Barbarei
[2] s. dazu Wer ist „Sam“, der deutsche Foltergesandte?, Gespräch mit Rechtsanwalt Manfred Gnjidic und Letzte Warnung
[3], [4] Committee on Legal Affairs and Human Rights: Secret detentions and illegal transfers of detainees involving Council of Europe member states: second report; assembly.coe.int/CommitteeDocs/2007/EMarty_20070608_NoEmbargo.pdf
[5] s. dazu Nach Recht und Gesetz, Interview mit Rechtsanwalt Bernhard Docke, Sofern sie noch leben und Zwei weitere Männer
[6] s. dazu Wo ist Haydar Zammar?, Transatlantische Verbrechensausbeute, Hundertneunzig Zentimeter Länge und Steinmeier und seine Komplizen
[7] s. dazu Schmutzige Hände
[8], [9] Committee on Legal Affairs and Human Rights: Secret detentions and illegal transfers of detainees involving Council of Europe member states: second report; assembly.coe.int/CommitteeDocs/2007/EMarty_20070608_NoEmbargo.pdf
[10] s. dazu Politischer Nachruf
[11] s. dazu Abgleiten in die Barbarei

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