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Grote
Markt |
Befreiungstag
in Löwen
Brief
des Löwener Neubürgers Jens Torsten Bohlke
Löwen,
den 14. September 2008
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Hallo
lieber Günter,
das
war echt geil heute!
Großer
alljährlicher Parade-Umzug in Löwen (Leuven/Louvain) in Belgien.
Anlass: Tag der Befreiung, 1944, West-Alliierte befreiten Leuven. (Leuven
hat Vorrang, da Flanderns historische Stadt in Brabant.)
Ich
also wieder mal raus, als ich die Jazzkapelle höre. Befreiungstag.
Veteranen marschieren durch Löwen (deutsch ist eine der belgischen
Amtssprachen) bzw. dem genauso ausgesprochenen Leuven und anders
ausgesprochenen Louvain. 14. September 2008.
Nein,
heute sehe ich keinen Jeep anno 1943 von den US-Streitkräften. Ich
treffe ab 16 Uhr nicht mal mehr meinen Vermieter im Gedenkzug an die
Befreiung der belgischen Stadt Löwen durch die West-Alliierten der
Anti-Hitler-Koalition im Jahre 1944. Also kurz vor jener in etlichen
bundesdeutschen Publikationen als Heldentat gefeierten bzw.
richtigerweise verklärten „Ardennen-Offensive“ der Wehrmacht, als
deutsche Faschisten in Uniformen der US Army den weiteren Vormarsch der
West-Alliierten stoppten, bis Stalin auf Bitte der West-Allliierten
vorzeitig und somit für die Rote Armee opfer- und verlustreich die
Offensive an der polnischen Weichsel befahl, die Hitler zwang, starke
Truppenverbände von der damaligen deutschen Westgrenze an die damalige
Ostgrenze zu verlegen und die „Ardennen-Offensive“ („nette“
Umschreibung für nur eines der faschistischen hitlerdeutschen
Kriegsverbrechen) abzubrechen.
Bekanntlich
war Aachen als westlichste deutsche Großstadt die erstbefreite Stadt
auf hitlerdeutschem Territorium, auch wenn der erste demokratische Bürgermeister
Aachens namens Oppenhoff noch von „Wehrwölfen“ ermordet werden
konnte. Stefan Heym kam seinerzeit mit den US-Befreiern durch Aachen.
Traurig, dass ich den Berliner (lange im Ostberliner Stadtteil Grünau
lebenden) aufrechten Schriftsteller Stefan Heym nie sprechen konnte.
Sein letztes und sehr glaubhaftes Bekenntnis zu DDR und Sozialismus war
seine sehr erfolgreiche Bundestagkandidatur für die PDS. Wie er im
Bundestag von den Nachfolgern Hitlerdeutschlands niedergemacht wurde, lässt
sich in Protokollen bestens nachlesen. Heym wusste offenbar, dass er
sehr bedauerlicherweise keine Alternative hatte, um besser auszudrücken,
dass er sehr wohl der DDR und nicht dem deutschen Finanzkapital oder
Israel verbunden war. Diesem aufrechten sich bekennenden revolutionären
Demokraten gehört meine volle Anerkennung.
Was
aber tun in diesem Löwen in Belgien, wo ohne Jeep mit Jazzkapelle und
schottischem Blasmusikkorps alljährlich der Befreiungs-Umzug wie eine
Karnevalsveranstaltung mit bürgerlichen Sponsoren erfolgt? Mir fällt
auf, dass US-Kriegsveteranen, britische Kriegsveteranen und Widerstandskämpfer
Belgien gleichermaßen geehrt werden. Wie beim Karneval in Aachen, so
stoppt der Umzug der Veteranen plus Blaskapelle an bestimmten
Bierrestaurants und Cafebistros, um dort sein „Extra-Ständchen“
darzubieten und Bier per Verrechnung mit Bons zu konsumieren. Auch das
Rathaus spendiert. (Mir als Neubürger Löwens spendierte es einst auch,
6 x Leffe blond, danke!) So ziehen dann die Jazz-Kapelle (USA-Stil), die
Dudelsack-Kapelle (schottisch-britischer Stil) und in deren Gefolge die
belgischen uns sonstigen geladenen Veteranen vorbei. Dies erlebte ich
zwei Male.
Ich
bin nun mal Kommunist, d.h. Marxist-Leninist. Aus Deutschland.
DDR-sozialisiert. Jemand, der in Schule, beim Politunterricht im
NVA-Wehrdienst und im Fach ML (Marxismus-Leninismus) nicht weghörte.
Meine völlig parteilosen Eltern, selbst parteilose aber geförderte
Arbeiterkinder in der DDR, erzogen mich sehr bewusst zu einem
selbstdenkenden kritischen und selbstkritischen parteilichen Menschen. Für
mich hat es ein Sitzen zwischen Stühlen nie gegeben.
Nun
bin ich hier in Belgien und erlebe zum dritten Mal das
„Befreiungsspektakel“ vor Ort. Als Ausländer habe ich mich
rauszuhalten. Aber: Schon 2005 war ich Stadtparlamentskandidat der PvdA/PTB,
der hiesigen respektablen Sammlungspartei der Kommunisten (mit Stalin
und Mao im Banner, aber mit Trotzki und Opportunisten auf der klaren
Abschussliste). Mittlerweile bin ich integriert, kenne Stadt und
Menschen, bin hier verankert, will niemals „zurück nach
Deutschland“, wie alle meine weiteren deutschen Kollegen nie wieder
zurückwollen nach Deutschland.... Was also tun an diesem denkwürdigen
alljährlichen Sonntag hier in Löwen?
Ich
gehe raus. Auf die Strasse. Die wir Kommunisten ja gerne besetzen. Ich
treffe Freunde, darunter Flamen und Türken. Au backe, was warten wir
auf die Kapelle mit den Kriegsveteranen! An jeder Kneipe gießen sich
die Veteranen ihren Umtrunk in die Kehlen. Freibier gibt es im Rathaus für
sie, wie ich es als Neubürger auch genießen konnte ... in meinem Fall
„Willkommen, Steuerzahler“.... Meine Handycam ist gezückt. Ich gebe
meiner Gesellschaft, der flämischen jungen Bekannten meiner besten
Freunde und Nachbarn vor Ort, einem alten Flamen und Löwener sowie
einem kurdischen „Illegalen“ nacheinander drei Biere aus, gekauft in
einem türkischen Eckladen. Endlich, ich filme die Kapelle der Schotten
und anschließend gut angetrunkene Löwener Stadtverordnete. Und da habe
ich doch die Schapka von der Sowjetarmee aufgesetzt!
Einfach
köstlich, die Reaktionen! Ca. 25 fassungslose aber freundlich
reagierende Menschen aus Belgien befassen sich mit mir. Ich mache klar,
dass die Sowjetrussen einst 2000-3000 Kilometer nach Berlin zurücklegten,
während dies bei den Westalliierten bestenfalls gut 600 Kilometer
waren. Anschließend fragte ich (mit gespieltem russischem Akzent) an,
warum denn die Veteranen aus Russland weder eingeladen noch beim
Spektakel dabei sind. Nun ja, die Flamen denken erst und handeln dann.
Immerhin setzte nun sichtlich ein Denkprozess bei da anwesenden Löwens
Stadtparlamentariern ein. Ich brachte sie doch ins Grübeln. Und genau
dies ist Belgien! Kein Abbügeln, der Überraschende wird akzeptiert,
die Gegenüber nehmen entgegen und nehmen ihre Bedenkzeit. Ich fand es köstlich.
Auch der türkische Ladeninhaber, wo ich die Biere kaufte, und meine
Nachbarn, alle fanden es köstlich. Niemand stieß sich daran. dass ich
ja mal aus Deutschland einwanderte und nun mit sowjetischer Tschapka
hier was rüberbringe.
So
war das wohl heute ein diskutables Novum in Löwen (Leuven/Louvain) in
Belgien.
Rote
Grüße,
Jens |