|
Belgiens
Künstlerverband wird zum Megaphon einer Antwort der Öffentlichkeit auf
das nationalistische Krakeele chaotischer Politiker: es reicht jetzt!
„NICHT
IN UNSEREM NAMEN!“
von
Thomas Blommaert und David Pestieau
übersetzt
von Jens-Torsten Bohlke
Brüssel,
12. Januar 2011, Solidair. (auf Kommunisten-online am 18. Januar 2011)
– Das bunte Plakat leuchtet gut die Ankündigung einer neuen
Aufführung der Oper „Die Stumme von Portici“ von Daniel-François-Esprit
Auber herbei, was in Brüssel 1830 Bestürzung hervorrief*. „Solidarität
macht eine Kultur groß“, heißt es da in beiden
Landessprachen als Titel der Kampagne. Zugleich ist dies der Titel eines
Aufrufs, mit welchem 200 niederländischsprachige Künstler zu Neujahr
auf die Rede vom 11. Juli 2010 des Politikers Jan Peumans von der flämischen
nationalistischen Partei N-VA reagierten. Sie wenden sich gegen „den
engstirnigen Nationalismus und gegen die Spaltungswütigkeit“.
Die
200 Künstler erhalten Unterstützung von über tausend weiteren
Kulturschaffenden in Belgien. Weitere gesellschaftliche Kräfte haben
sich der Bewegung für Solidarität in Belgien und gegen den
Nationalismus der Politiker angeschlossen. Spürbar ist dies in den
Gewerkschaften, bei den Studenten mit ihren „öffentlichen
Kissenschlachten“, bei den Wissenschaftlern mit ihrer Vorwärtsgruppe.
Die
Gebrüder Dardenne
Die
Vereinigung „Kultur und Demokratie“ startete im Dezember 2010
auch für die französischsprachigen Künstler und Intellektuellen in
Belgien einen Aufruf gegen den Nationalismus. Mit großem Erfolg. Unter
anderem die Gebrüder Dardenne, ihre Kollegin und Filmemacherin Marion
Hansel und Jaco Van Dormael sowie der Schriftsteller Pierre Mertens
schlossen sich jenem Aufruf mit hunderten weiteren Kultur- und
Geistesschaffenden an.
Inzwischen
vereinte sich „Solidarität macht eine Kultur groß“ mit
anderen Initiativen, um gemeinsam „eine gesellschaftliche Bewegung“
gegen den Nationalismus und für den Erhalt der sozialen Sicherheit in
Belgien hervorzubringen. So entstand die Plattform „Nicht in
Unserem Namen“ („Niet in Onze Naam“ / „Pas En Notre Nom“) -
Eine andere Bewegung ist möglich.
Am
21. Januar wird diese Plattform konkret auftreten und alle Stimmen
versammeln. Ganz sicher werden die Koryphäen der Kultur Belgiens dabei
sein, so dass da große Namen zu erwarten sind. Aber auch die
Wissenschaftler und die Gewerkschaften und die Bewegung „Kultur und
Demokratie“ werden da sein und werden zu Wort kommen. Marcel De
Munnynck von „Kultur und Demokratie“ führt aus: „Es ist
von großer Bedeutung, dass wir die Kräfte bündeln.“
Am
21. Januar ergeht das Signal, dass eine andere Bewegung für Belgien möglich
ist. Eine Bewegung, die danach schaut, was alle Menschen in Belgien
verbindet und nicht, was die Menschen trennt. Eine Bewegung, die offen
ist und positiv denkt.
De
Wever auf seine Eier
Tom
Lanoye holt forsch aus: „Der flämische Nationalismus von Bart De
Wever ist das Kernproblem der Belgischen Unbeweglichkeit, mit seinem
Hohelied auf die Spaltung.“ (2) Der Freund von Lanoye, Herman
Brusselmans, ist da noch eine Note schärfer: „Hoffentlich wird De
Wever unglaublich was auf seine Eier kriegen. Ich habe das kommunitäre
Herumlallen mehr als satt.“ (3)
De
Wever wird dann allein lachen können, aber mit einem säuerlichen
Lachen. Er sitzt mit einem Problem fest. Der Fluch der Schriftsteller
ist nur eines der vielen Zeichen an der Wand. Der Protest gegen das
„Nie Genug“ der Nationalisten, vor allem von den Parteien N-VA und
CD&V, schwillt an wie die auftauenden Flüsse. 42% der Flamen ist
nach sechs Monaten Krise der Meinung, dass die N-VA keinen Kompromiß
will. Dies wurde auf VTM verbreitet. (4)
Ellbogenarbeit
Soziologien
geben immer wieder neu an, dass die Belgier nicht für das
Auseinanderfallen des Landes sind. Ein Teil schon, aber sicher keine
Mehrheit. Und doch bleibt die politische Bühne im Bann des
Spaltungsprozesses, welcher unmittelbar auch auf ein Aufspalten der
sozialen Sicherheit hinausläuft. Und somit auf den Abbau der sozialen
Sicherheit.
Der
Unterschied zwischen den verschiedenen Gemeinschaften wird dabei dick
mit Farbe hervorgehoben. So treiben die Geister auseinander und bekommt
der nationalistische Abschaum überall mehr Raum für seine
Ellbogenarbeit. Die schweigende Mehrheit hat da lange Zeit nur passiv
zugeschaut. Aber dennoch stur und sich weigernd. Die Öffentlichkeit
richtet sich gegen die Zeitgeistströmung. Dies zeigte die Presse im
Dezember bei den Meinungsumfragen. (5)
„Verwirrt“
durch das politische Chaos
Als
er gefragt wurde, ob das Volk hinter ihm steht, antwortete De Wever:
„Ja, Voka**, die KBC*** und der Bauernbund stehen hinter mir.“ Aber
das ist natürlich ganz was anderes als das „arbeitende“ Land. Das
Land ist „bestürzt“ über das politische Chaos, wie das ACW****
mitteilte.
Die
Plattform „Nicht in unserem Namen“ schreibt: „Hier ist eine neue
offene Geschichte nötig, der Solidarität, der sozialen Gerechtigkeit
und kulturellen Vielfalt.“ Am 21. Januar fügt die Plattform die Tat
zu ihrem Wort hinzu. Der 21. Januar wird ein Meilenstein in der neuen
Geschichte Belgiens. Sei dabei!
Alle
Informationen und Fahrgelegenheiten auf www.nietinonzenaam.be
1.
Peumans, Vorsitzender des Flämischen Parlaments, hatte darin gesagt,
dass sie nicht ausreichend durchdrungen waren von der flämischen Kultur
und Identität.
2.
De Morgen, 27. Dezember 2010.
3.
De Morgen, 7. Januar 2011.
4.
Vtm, 7. Januar 2011.
5.
La Libre Belgique, 18. Dezember 2010.
Die
ersten Gesichter vom 21. Januar:
Maaike
Neuville, Schauspielerin, u.a. in Van Vlees en Bloed, Katarakt, und
Dirty Mind
Marijke
Pinoy, Schauspielerin im Film Ben X und TV-Serien wie De Smaak van De
Keyser
Lieve
Franssen, Dirigentin des Brecht-Eisler-Chors, Louis Paul Boonkring
Lebuïn
D’Haese, bildender Künstler,
Claude
Semal, Schauspieler und Sänger
Anmerkungen:
*
Aufführung in Brüssel 1830
Die
Aufführung der Oper im Theater La Monnaie in Brüssel am 25. August
1830, anlässlich des 59. Geburtstages von König Wilhelm I. der
Niederlande, hatte weitreichende Folgen. Wilhelm regierte damals über
die ehemaligen katholischen Habsburgischen Niederlande, als Folge der
Beschlüsse des Wiener Kongresses. Auslöser war das Duett Amour sacré
de la patrie („Die heilige Liebe zum Vaterland“):
Amour
sacré de la patrie,
Rends-nous
l’audace et la fierté;
A
mon pays je dois la vie.
Il
me devra sa liberté.
Geheiligte
Liebe zum Vaterland,
Gib
uns Wagemut und Stolz zurück;
Meinem
Land verdanke ich das Leben.
Es
wird mir seine Freiheit verdanken.
Die
Zuschauer waren hierdurch bereits sehr erregt, als Massaniello im
dritten Akt mit einer Axt in der Hand sang: „Laufet zur Rache! Die
Waffen, das Feuer! Auf dass unsere Wachsamkeit unserem Leid ein Ende
bereite!“ Daraufhin erhob sich das Publikum und rief „Aux armes! aux
armes!“ (Zu den Waffen!).
Die
nach der Opernaufführung ausgelösten Unruhen gegen die ungeliebte
niederländische Herrschaft führten zur belgischen Revolution und
schließlich zur Unabhängigkeit Belgiens.
http://de.wikipedia.org/wiki/La_Muette_de_Portici
**
Voka ist der flämische liberale Unternehmerverband, welcher Deutschland
als wirtschaftspolitisches Vorbild hat und den Sozialabbau in
Deutschland schnellstmöglich auf Flandern übertragen will;
***
KBC ist der größte Bank- und Versicherungskonzern Belgiens
****
ACW ist die in Flandern stark ausgeprägte Christliche Arbeiterbewegung
|