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BERLINS QUAL DER WAHL

von Jens-Torsten Bohlke

Kommunisten-online vom 19. Sept. 2011 – Einen klaren Wahlgewinner, wie ihn die reaktionären bürgerlichen Medien in Wowereit, Künast und der CDU sehen, gibt es bei der Wahl in Berlin gar nicht. Immerhin hat sich die „Parteienlandschaft“ im Abgeordnetenhaus durch den Einzug der „Piratenpartei“ verändert. Es ist schon bemerkenswert, dass diese Partei bei der ersten Teilnahme an der Berliner Wahl von immerhin fast jedem 10. wählenden Wähler gewählt worden ist. Die bürgerlichen Kommentatoren sinnieren da süffisant über eine weitere „Spaltung des linken Lagers“. Wer bitte ist bei den neuen Abgeordneten des Berliner Abgeordnetenhauses links stehend?

VON DENEN, DIE NOCH WÄHLEN GEHEN, WÄHLEN CA. 50% ANDERS ODER GAR GANZ ANDERS ALS JEMALS ZUVOR

Die sog. „Wählerwanderungen“ zeigen schon erstaunliche Ergebnisse. Die „Piraten“ mit ihrem Unschuldsbonus schnitten da überraschend gut ab. Liest man ihr Programm, so stellten sie sich als Bürgerrechtspartei dar. Sie bezogen Position gegen den „Krieg gegen den Terrorismus“ des US- und EU-Imperialismus, ohne NATO und EU dabei frontal anzugreifen und konsequent den Ausstieg aus NATO und EU zu fordern: „Zehn Jahre nach den Terroranschlägen am 11. September in den USA warnt die Piratenpartei Deutschland vor einer neuen Koalition der Willigen aus Terroristen und Innenpolitikern, die weltweit Freiheitsrechte bedrohen. Sofern es ein Ziel der Attentäter war, freiheitliche Gesellschaftsmodelle zu schwächen, müssen wir ein Jahrzehnt später bestürzt feststellen, dass sie auf dem Weg sind, ihr Ziel zu erreichen.“ (http://www.piratenpartei.de/)

Über den Rahmen einer kleinbürgerlichen, bestenfalls radikal-demokratischen und keinesfalls revolutionär-demokratischen Partei kommt die Piratenpartei allerdings nicht hinaus. Sie fordert statt Hartz 4 ein bedingungsloses Grundeinkommen und keine Durchsetzung des sozialen Menschenrechts auf Arbeit für alle im Volke. Dass die Piratenpartei sich für die Legalisierung von Haschisch ausspricht, bringt ihr bei einigen Jugendlichen sicherlich Punkte, löst aber kein gesellschaftliches Problem. Der derzeitige Vorsitzende der Piratenpartei, Sebastian Nerz, ist laut FAZ ein ehemaliger CDU-Sympathisant und Student, der sich mit inhaltlichen Aussagen sehr zurückhält.

DIE „PIRATENPARTEI“ - NEUE GESICHTER, KAUM SOZIALE FORDERUNGEN

In Berlin forderte die „Piratenpartei“ u.a. auch freie Fahrt im öffentlichen Nahverkehr. Christoph Lauer, ihr Vorsitzender des Landesverbands, zog 2005 aus Bonn nach Berlin und machte so letztlich als Studienabbrecher (oder lt. Spiegel Software-Unternehmer) politisch Karriere im Apparat der Piratenpartei, bei der er auf Listenplatz 13 sicher an die Abgeordnetendiäten kommt und nun weiter innerparteilich den Parteivorsitzenden herausfordern oder sich mit ihm arrangieren kann. Er nennt dies pragmatisches Herangehen, wir Kommunisten wittern darin den bürgerlich-karrieristischen Beliebigkeitspolitiker.

Andreas Baum, 33, aus Hessen stammend, gelernter Industrie-Elektroniker, berufstätig als Kundenberater bei einem großen Telekommunikationsunternehmen, ist Spitzenkandidat der „Piratenpartei“ in Berlin und stimmt zu, „dass die Piraten ein sozial-liberal-progressives Profil haben“, womit er aber nicht „marktliberal“ gemeint haben will, wie im „Tagesspiegel“ nachzulesen ist. Jede Menge Eklektizismus, Versatzstücke aus allen möglichen und unmöglichen kleinbürgerlichen radikal-demokratischen Auffassungen.

Von Transparenz und Umgestaltung, Glasnost und Perestroika sind die russischen Vokabeln dafür, faselte auch der konterrevolutionäre Renegat Michail Gorbatschow, welcher seit fast 20 Jahren nur noch etwas Judaslohn von seinen Freunden in der westlichen Geschäftswelt kassiert und ganz zu recht zu einer der meist verachteten Figuren bei den einstigen Völkern der Sowjetunion geworden ist.

Wie all die anderen im neuen Abgeordnetenhaus von Berlin vertretenen Parteien wird auch die „Piratenpartei“ dem arbeitenden Volk Berlins keinen Nutzen und keine bessere Zukunft bringen.

ES BLEIBT BEIM ALTEN WEIN AUS ALTEN SCHLÄUCHEN

Abgesehen von den neuen Gesichtern der „Piraten“ bleibt es im „neuen“ Abgeordnetenhaus dabei, dass es weiterhin nur den alten Wein aus den alten Schläuchen geben wird. Geschachert wird nun seitens der SPD mit den Grünen und der CDU um die künftige Besetzung der Pöstchen in der Senatsverwaltung Berlins.

Mit weit über 60 Milliarden Euro öffentlicher Schuldenlast bedient Berlins Senat künftig ca. 6-mal so viele finanzielle Forderungen wie einst die DDR. Wobei die DDR bei 22 Milliarden Valutamark an Forderungen auch 4 Milliarden Valutamark an „Außenständen“ aufzuweisen hatte. Armes Berlin? Nein, ein vom Finanzkapital ständig hochprofitabel ausgeplündertes arbeitendes Volk von Berlin, heruntergewirtschaftet von denselben Lakaien des Monopolkapitals, die dies nun schon seit 20 Jahren abwechselnd auf den einträglichen Pöstchen miteinander betrieben haben.

Immerhin verlor die NPD 0,5%, auch wenn mit 2,1% immer noch 2,1% zuviel den Faschisten eine Stimme gaben.

Bei der opportunistischen Partei Die Linke wird der Kampf um die bürgerlichen Pöstchengelder in Berlin zwischen den dortigen Karrieristen dieser Kommunistenhasser härter werden, denn diese Pseudo-Linken werden ihre Fraktion verkleinern müssen. Sie werden von OB Wowereit für den Senat nicht mehr gebraucht werden. Wer braucht überhaupt diese üblen Anbiederer im scheinheiligen Gewande angeblicher Linker?

DKP-FÜHRUNG FÜR „PIRATEN“ STATT GENOSSEN HEINZ KESSLER

Im JW-Interview sagt Berlins DKP-Spitzenkandidat Reiner Perschewski: „Selbst die vielen Leute, die nicht mehr wählen wollen, erklären uns gegenüber an den Infoständen ihre Wut über die derzeitigen Verhältnisse.“ Der aus Hamburg stammende Mitarbeiter der Deutschen Bahn und Betriebsrat formuliert dann auch ganz richtig „Unser Gegner ist das Kapital und unser Ziel eine sozialistische Gesellschaft“. Kopfschüttelnd liest unsereiner seinen nächsten Satz: „Antikapitalistische oder zumindest kapitalismuskritische Kräfte betrachten wir als unsere Bündnispartner, dazu zählt auch Die Linke.“ Wo er selbst dann etwas später zugeben muß: „In Berlin haben wir es aber mit einem eher rechten Flügel dieser Partei zu tun. Wer aus Flächentarifverträgen ausbricht, wer Wohnungen verscherbelt, wer außerparlamentarische Bewegungen ignoriert und zu behindern versucht, der muß allerdings bekämpft werden.“

Mit Leninscher Bündnispolitik hat diese Auffassung von Reiner Perschewski wenig bis nichts zu tun. Mit den offenbar erreichten 0,2% hätte die DKP Berlin aber zumindest ihr voriges Wahlergebnis verdoppelt, also statt ca. 2000 schon mal ca. 4000 Wählerstimmen. Genosse Heinz Kessler kandidierte in Berlin auch für die DKP. Ob dies die Stimmenverdoppelung brachte?

Dass ausgerechnet die DKP-Parteizeitung UZ zur Wahl der „Piratenpartei“ anstelle der DKP aufruft, kann als offener Affront der Essener DKP-Führung gegenüber der Berliner DKP mit ihrer Teilnahme an den Abgeordnetenhauswahlen gewertet werden. Da zeigt sich auch, wie verrottet die DKP-Spitze mittlerweile ist, wenn es ihr dermaßen an innerparteilicher Solidarität mangelt. Gerade in solchen industriellen Ballungsgebieten wie Berlin oder dem Ruhrgebiet sind Kommunisten gefordert, bei Wahlen zu kandidieren und dem arbeitenden Volk den Standpunkt der Kommunisten anzubieten, dessen Interessen auch im bürgerlichen Parlament zu vertreten sowie das bürgerliche Parlament als Tribüne für das Propagieren der eigenen Position zu nutzen. Wer so eine Parteispitze wie die Berliner DKP in Essen hat, braucht allerdings eigentlich keine sonstigen Feinde mehr. Auch wenn die UZ sicherlich zu den unbedeutendsten Zeitungen in Berlin gehört.

DIE MISSTRAUENSPARTEI DER WAHLABLEHNER SIEGTE

Größte Partei dürfte auch bei dieser Abgeordnetenhauswahl wieder die Nichtwählerpartei gewesen sein. Davon wird in keiner Nachrichtensendung gesprochen. Sieht man dazu noch das schon extrem starke Wechselverhalten der Wähler, den Schwund von „Stammwählern“, dann wird sichtbar, wie stark die Vertrauenskrise des Volkes in Berlin bezüglich der kungelnden großen Parteien ist. Leider liegen noch keine Zahlen vor, die sicherlich belegen werden, dass die Zahl der Nichtwähler höher ist als jene, welche die Senats-Regierungspartei SPD oder die BRD-Regierungsparteien CDU und FDP in absoluten Zahlen wählten.

Sich da als Wahlsieger zu feiern, wie es die Großkopfeten der verschlissenen und im Volke berüchtigten Bundestagsparteien tun, zeigt nur das ganze Ausmaß ihrer Verrottung und ihrer Verlogenheit. Sie versuchen sich in Schönfärberei. Sie wollen darüber hinwegtäuschen, dass die Nichtwählerzahl weitaus höher ist als die Zahl der Wähler von regierenden Parteien. Das Volk, wo nach bürgerlich-demokratischen Grundregeln jeder Erwachsene eine Stimme hat, legitimiert keine dieser Minderheitsregime mehr. Das Finanzkapital ist außerstande, eine demokratische mehrheitliche Regierung in Berlin oder den anderen Bundesländern überhaupt zustande zu bringen. Diese kapitalistische Gesellschaftsordnung ist tot, auch wenn mancher den Verwesungsgestank dieser Leiche nicht wahrnimmt.

Quellen:

http://www.wahlen-berlin.de/wahlen/BE2011/Ergebnis/region/a2-GI9900.asp?sel1=1052&sel2=0655&tabtitel=Berlin

http://hammelsprung-magazin.de/?p=508

http://www.tagesspiegel.de/kultur/republica11/utopisch-bin-ich-buergermeister/4066882.html

http://www.focus.de/politik/deutschland/wahlen-2011/berlin/tid-23644/vier-maenner-und-zwei-sonderfaelle-andreas-baum-piratenpartei-liberaler-idealist-mit-hang-zum-wildern_aid_665838.html

http://www.ad-hoc-news.de/portraet-chef-pirat-baum-lernwillig-und-gelassen--/de/News/22432395

http://www.jungewelt.de/2011/09-15/014.php

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