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Ehrung:
Bundespräsident
Köhler hängt Wolf Biermann Blech um
Zum
70. Geburtstag bekommt der den Dank des kapitalistischen Staates: Das
Bundesverdienstkreuz
Von
Günter Ackermann/15. November 2006
Eines
muss man ihm lassen: er konnte sich immer gut und profitabel verkaufen.
Biermann verkaufte sich als Linker, sogar ein linker Verlag durfte ihn veröffentlichen.
Den aber kündigte er die Gefolgschaft, als er im Westen war und ging zu
einem ganz normalen Großverlag, Kippenheuer & Witsch.
Ich
bekam Biermann das erste Mal beim Ostermarsch 1965 mit. Da trat er am
Frankfurter Römer auf. Sein Song „Soldat, Soldat sind alle gleich,
lebendig und als Leich“ fand ich nicht besonders gut, gefiel aber vielen
anwesenden Friedensfreunden. Die anwesenden Genossen aus der (verbotenen)
KPD mögen ähnliches empfunden haben wie ich. Ist denn ein
Wehrmachtssoldat, der für einen ungerechten Krieg kämpft, gleich deinem
der Roten Armee, der für sein sozialistisches Vaterland kämpft? Das
kann’s ja nicht sein.
Heute,
am 15. November wird Biermann 70 Jahre alt. Man hörte in den letzten
Jahren nicht viel von ihm. Er hatte ja auch seine Schuldigkeit getan.
Biermann
ist der Sohn kommunistischer Eltern. Der Vater starb als Kommunist im KZ,
seine Mutter überlebte. Sie gehörte nach dem Krieg der KPD an. Mit 17
ging er in die DDR, besuchte dort eine gute Schule und bekam alle Chancen,
die ein Arbeiterjunge im Westen nie gekommen hätte. Er durfte sogar als
Assistent an der Brechtbühne Berliner Ensemble arbeiten.
Das
nimmt er jetzt zum Vorwand, sich mit dem Markenzeichen Brechts-Schüler zu
versehen. Brechtschüler Biermann? Inzwischen sind bei ihm nicht mehr alle
Soldaten gleich. Die imperialistischen sind gleicher. Brecht kam auf die
Idee, die jüdische Herkunft seines Vaters zu vermarkten – nut eher mäßigem
Erfolg. Dem „Linken“ und DDR-Dissi mochte die kapitalistische Presse,
den vom Stalinismus verfolgen Juden kauft ihm kaum einer ab.
Biermann
verbricht sich noch an einen anderen großen Deutschen Literaten: Heinrich
Heine. Zwar kann er kaum dessen Schüler gewesen sein, Heine starb 100
Jahre vor Biermanns Geburt, aber er verkauft sich in der Tradition Heines
stehend. Wo, wie? Ich kann es nicht nachvollziehen. Die beißende Kritik
Heines am deutschen Absolutismus,
der Deutschtümlerei eines Börne
und anderen, an Preußen und den deutschen Süießern hat Biermann nichts
entgegen zu setzen. Da herrscht bei ihm Leere.
So
auch mit Brecht. Dass er Brecht von Ferne gesehen
hat, macht ihm noch lange nicht zum Schüler Brechts. Auch, dass
ihm Hanns Eisler mal „guten Tag“ gesagt hat, macht Biermann nicht zu
dessen Schüler. Auch ihn missbraucht Biermann zur Eigenwerbung. Mit
Erfolg. Heute bezeichnete sogar der Literaturpapst der BRD, Marcel
Reich-Ranitcki, Biermann als Dichter.
Biermann
hat als Berufsdissi, als er noch in der DDR war und dann unmittelbar
danach, viel Geld verdient. Sein kommunistischer Vater wird sich im
Massengrab in Auschwitz umdrehen. Und das System des deutschen
Imperialismus lohnt Biermann seine Verrätereien. Er bekam vom Präsidenten
des Nachfolgestaates des 3. Reiches das Bundesverdienstkreuz umgehangen.
Glückwunsch, Herr Biermann.
G.A.
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Neues
von Biermann.
Von
Peter Hacks
Quelle:
jungeWelt
vom 16. November 2006
Am
20.11.1976 gewährte des deutschen Bourgeois' Bildzeitung, welche unter
dem Namen Der Spiegel erscheint, dem singenden Schriftsteller Wolf
Biermann ein Gespräch. Ich muß Biermann nicht vorstellen, er hat sich
vorgestellt. Er war in Köln und hat dort, mit wissenschaftlichen
Begriffen, gereimten Liedern und vielem Augenrollen und -zwinkern, den
Vorschlag gemacht, das Ziel des Kommunismus doch lieber mit bürgerlichen
Mitteln zu erreichen. Solche Leute sind, seit es eine Arbeiterbewegung
gibt, mit dem Beifall der Geschichte aus der Partei geschlossen worden,
und da Biermann beim Vortrag seiner Lehre zum einen sehr häßliche Dinge
über die DDR sagte, zum andern das Bestehen einer Art von Bund zur
Durchsetzung derselben andeutete, dessen Mitglieder einander mit Genosse
anzureden scheinen, eines aber mit Sicherheit nicht sind: Angehörige
einer bisher bekannt gewordenen sozialistischen Partei, ist er inzwischen
auch aus der DDR geschlossen. Er befindet sich nun in Westdeutschland.
Ich
kann nicht erkennen, daß er sich dort verhalten hat wie einer, dem es
dort nicht gefällt. Er ließ sich ganz gehen. Er gab locker und
unbefangen den Schatz seines innersten Hirns und Herzens preis – alles
Dinge, die keiner in einer Umgebung tut, die ihn trüb stimmt. Wenn er
zugleich beteuerte, ihm sei am Aufbau des Sozialismus in der DDR gelegen,
ist er, nach dem, was er uns alle hören ließ, so glaubwürdig, wie es
der Spiegel wäre, wenn er seinen Titel änderte und das, was er bislang
immer geschrieben hat, fortführe unter dem Titel Die Rote Fahne zu
schreiben.
Für
diejenigen Bürger meines Landes, welche wissen wollen, wie es Biermann
seither so ergangen ist, erzähle ich also von dem Interview. Es zerfällt,
wie man hier richtig sagen muß, in drei Teile. Im ersten Teil erklärt
Biermann, was er in Köln schon erklärte. Ihm schmeckt die BRD nicht, er
liebt sein Vaterland, mit Absichtserklärungen spart er nicht; freilich
sind die ja auch billig. »Die Parteiführung«, meint er, »müßte nach
dem Kölner Abend eigentlich erleichtert sein«.
Der
zweite Teil prüft die taktischen Möglichkeiten der Rückkehr Biermanns
an seinen alten politischen Arbeitsplatz. Der dritte Teil endlich besteht
aus sehr gewöhnlicher DDR-Hetze. Er ist nicht im Ton der Untersuchung
gehalten; Biermann benutzt schlechte Gründe und abstoßende Worte. Die
Leitung der SED nennt er »stalinistische Bonzen«, was – die Meinung,
die man über Stalin hat oder haben sollte, beiseite gelassen – doch
offenbar keine zutreffende Bezeichnung ist.
Ich
will mich, als dem inhaltlich einzig ergiebigen, dem zweiten Teil widmen.
Biermann bespricht mit dem Spiegel die Erfolgsaussichten eines Antrags auf
Erlangung der DDR-Staatsbürgerschaft, wobei beide keinen Zweifel hegen,
daß das ein unzüchtiger Antrag ist. »Von wem erwarten Sie Hilfe?«,
fragt die Illustrierte. Biermann weiß viererlei Antwort.
1.
Er empfiehlt der SED, sich nach dem Beispiel der IKP oder FKP zu richten.
Ich habe der SED keine Ratschläge zu erteilen, aber ich bitte sie
herzlich, das nicht zu tun. Sie müßte, wollte sie Biermann folgen, in
der DDR eine imperialistische Wirtschaft und Herrschaft einsetzen und zu
der in ein aufständisches Verhältnis treten. Ehrlich zu sein, ich bin
recht froh, daß wir das alles schon hinter uns haben, und ich wünsche im
Gegenteil diesen mächtigen und erfindungsreichen Bruderparteien, daß sie
bald so weit sein mögen wie wir. Aber eben dies und kein anderes ist das
Rezept, das die Denker des wahren Sozialismus uns im Ernst anbieten.
2.
Er hat die Zustimmung von Heinrich Böll. Böll, man kennt ihn, ist drüben
der Herbergsvater für dissidierende Wandergesellen. Biermann hat in
seinem Bett übernachtet, und ich hoffe, er hat nicht noch Solshenizyns Läuse
darin gefunden. Ich habe Herrn Böll im Fernsehen gesehen. Er machte Augen
wie ein Hund von Thurber und zeigte wieder einmal sein geübtes Staunen
darüber, daß Konterrevolution in sozialistischen Ländern verboten ist.
3.
Er hat – wie der Spiegel es ausdrückt – »seine Leute in der DDR«;
er hat sie übrigens, natürlich, wo immer er hinkommt. Könnte die
Einigung der westdeutschen Linken, erkundigt sich der Spiegel, »eine neue
Aufgabe für Sie sein?«– Che Biermann (bescheiden): »Zumindest eine
erfreuliche Nebenwirkung«.
Manchmal
kann er einem schon leidtun.
Beide,
Biermann wie seine Befrager, vermeiden sorgfältig die Erwähnung der
DDR-Schriftsteller, die auf einer Liste erklärt haben, daß sie ihn
wiederhaben wollen. Die Sorgfalt fällt auf; noch auf der Pressekonferenz
vom Vortag setzt Biermann alle Hoffnung in sie. Ich will bei dem Punkt
noch verweilen. Unterrichtet durch die sozialistische Presse, wie ich gewöhnlich
bin, kenne ich die erwähnte Liste nicht vollständig. Überhaupt ärgere
ich mich über das Neue Deutschland mehr als über den Spiegel: weil ich
öfter darin lese. Aber notfalls läßt sich auch bei wenig Nachricht viel
denken, und ungefähr hätte jeder vom Fach die Liste niederschreiben können,
bevor sie noch verfaßt worden.
Wir
Schriftsteller reden hier viel und seit langem gegeneinander. Der
Streitgegenstand ist immer derselbe: das Recht der Dichter auf Unbildung.
Viele meinen, der Künstler müsse sich immer mitteilen, wie es ihm ums
Gemüt sei. Die anderen wieder leugnen das gar nicht, mögen indessen
nicht einsehen, wieso dieser richtige Satz den Künstler hindere,
gelegentlich einen Blick in die ersten Abschnitte von »Was tun?« zu
werfen.
Gewiß
ist die Vorstellung, man könne die Vorzüge des Sozialismus mit den paar
noch übrigen Vorzügen des Imperialismus verbinden, angenehm. Aber sie
ist, zur gegenwärtigen Zeit, eine ungebildete Vorstellung. Es ist der
Wunsch nach einem schokoladenen Leninismus, und ein Lenin, der aus
Schokolade wäre, würde schnell schmelzen.
Dichter,
die das Recht auf Unbildung beanspruchen, sind verpflichtet, sich mit
ihren Stoffen vorzusehen. Als vor Jahren der Knabe Biermann auf seinem
Wunderhorn daherschwatzte, was ihm so an Kleinigkeiten durch den Kopf
ging, war das ganz allerliebst. Die Reime waren schon damals schlecht, die
Verse holprig, die Gedanken kraus; die Worte waren schon damals nicht
wichtig genug, um nicht des Beistands der Musik zu bedürfen, und die
Melodien nicht stark genug, um ohne Worte standzuhalten, aber Biermanns
Lieder waren bildhaft und wunderlich wie die, welche die Schäfer auf der
Heide und die Dienstmädchen in den großen Städten singen. Erst als ein
fehlerhafter Ehrgeiz ihn trieb, sich an Heines Philosophie und Villons
Weltgefühl zu messen, als er sich von den Alltagssachen weg und den
Weltsachen zuwandte, verstieß er gegen die seiner Begabung angemessene
Gattung und sank vom Volksliedsänger zum Kabarettisten. Er wurde, was er
ist: der Eduard Bernstein des Tingeltangel.
Wolf
Biermann ist nicht so gut, wie man annimmt. Ich erwähne das nicht zum
erstenmal, und ich würde es hier nicht wiederholen, wenn es ihn nicht
erklärte. Biermann übernahm sich. Und in je höherem Maße er sich übernahm,
desto mehr bedurfte seine Kunst, neben dem Gedicht und der Gitarre, des
Skandals.
Biermann
(so wenig wie andere Künstler, die es betrifft) wird sich von mir nicht
widerlegt fühlen. Diese Uneinsichtigkeit billige ich. Alle Künstler
haben ein Auge für Kunst, keiner ein Ohr für Vorhaltungen. Keine Sorte
von Urteilen beeinflussen Künstler, nicht kritische und nicht politische.
Auf Kunst wirkt nur Kunst. Schlechte Kunst ist ausschließlich durch
bessere Kunst zu widerlegen.
Genug
also davon und zurück zu den Gelegenheiten für Biermanns Rekonquista.
4.
nämlich und zum Schluß rechnet Biermann mit der Furcht unseres Staates
vor ihm. Er bedeutet dem Spiegel, daß die Regierung der DDR, solange sie
ihn duldete, stark war, nun aber, da sie ihn los ist, zittert. Diese
Behauptung ist als ihr eigener Beweis gemeint; Biermann schließt das aus
dem.
Ich
finde ihn nicht so schlüssig, wie er sich findet.
Mir
tut seit dem Frühjahr ein Zahn weh. Ich habe den Zahn geduldet, weil mein
Zahnarzt es an der Leber hatte oder ich verreist war, aus olchen Gründen.
Jetzt habe ich vor, ihn wirklich ziehen zu lassen, und ich versichere, er
schmerzt mich heute nicht schlimmer, als er es im Frühjahr tat. Ich will
gar nicht, wie ich ja könnte, vorbringen, daß ich bisher zitterte und
nun stark bin. Es paßt mir einfach, es jetzt zu tun. Von dieser Fachfrage
des richtigen Folgerns einmal abgesehen: Wolf Biermann, denke ich, setzt
die Furchtschwelle der sozialistischen Gesellschaft vielleicht ein wenig
zu niedrig an, wenn er seinen Fall in dem Zusammenhang erörtert. Man soll
mich nicht ungerecht schelten. Meine Gespräche mit Biermann sind, wenn es
sie gab, stets unerfrischend verlaufen, ohne Verständnisinnigkeit. Ich
rede leichter von als mit ihm. Aus Billigkeit will ich ihm das letzte Wort
abtreten, und ich wähle unter vielen schönen sein goldenstes: »Es ist
in Köln nichts passiert, was mich im nachhinein gequält hätte.« |