| Die
Völker der 3. Welt hungern - aber Berlin
will die Ausweitung des Anbaus von Pflanzen zur
Biospritherstellung |
Das
Recht auf Treibstoff
Quelle:
german-foreign-policy
23.11.2007
BRASILIA/BLUMENAU/BERLIN
(Eigener
Bericht) - Angesichts dramatisch steigender Erdölpreise intensivieren
deutsche Unternehmen ihre Kooperation mit der brasilianischen
Biosprit-Industrie. Die Verhandlungen wurden während der 25.
Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage geführt, die am Montag in
Anwesenheit von Wirtschaftsminister Glos begannen. Glos kehrt am
heutigen Freitag von seiner einwöchigen Südamerika-Reise zurück. Der
Ausbau der Biosprit-Kooperation entspricht politischen Zielen Berlins.
Durch Förderung der brasilianischen Produktion von Energierohstoffen könne
man den Einfluss der Regierung Venezuelas schwächen, heißt es in der
deutschen Hauptstadt. Venezuela verfügt über ertragreiche Erdöl-Quellen
und damit über eine relative Unabhängigkeit. Diese Stellung kann
geschwächt werden, wenn billigere Ressourcen aus brasilianischem
Biosprit zur Verfügung stehen. Gegen die Nutzung pflanzlicher
Treibstoffe, die maßgeblich von der Bundesregierung forciert wird,
setzen sich mittellose Landarbeiter zur Wehr. Dass ärmere Länder zur
Sprit-Produktion aus Nahrungsmitteln herangezogen werden, erinnere an
Ausbeutungsverhältnisse der Kolonialzeit, heißt es in oppositionellen
Kreisen.
200
Milliarden Euro
Die
heute zu Ende gehende Südamerika-Reise von Wirtschaftsminister Glos
diente dem Ausbau der deutschen Wirtschaftsbeziehungen zu Chile,
Argentinien und vor allem zu Brasilien. Erst kürzlich hat der Deutsche
Industrie- und Handelskammertag (DIHK) mitgeteilt, dass deutsche
Unternehmen für die kommenden Jahre ihre Gewinnhoffnungen außerhalb
Europas vor allem auf Lateinamerika setzen. Ursache für das gestiegene
Interesse sind umfangreiche Investitionsprogramme, die alleine in
Brasilien ein Volumen von rund 200 Milliarden Euro ausweisen. Der Handel
boomt: Die Importe aus Brasilien werden dieses Jahr um ein Viertel gegenüber
2006 steigen (auf rund vier Milliarden Euro), die Exporte nehmen sogar
um 29 Prozent zu (auf 4,8 Milliarden Euro). Die deutschen
Direktinvestitionen in Brasilien betrugen schon zwischen Januar und
September über eine Milliarde Euro und werden sich bis Ende Dezember
gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppeln. "Eine neue deutsche
Investitionswelle rollt heran", urteilt der Präsident des
Industrieverbandes Confederação Nacional da Indústria (CNI).[1]
Aufschwung
Entsprechende
Bedeutung kam den diesjährigen Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstagen
zu, die Wirtschaftsminister Michael Glos am Montag in Blumenau eröffnete.
Blumenau wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts von deutschen
Einwanderern in Südbrasilien gegründet und gehört bis heute zu den
Zentren des brasilianischen "Deutschtums". Die
Unternehmergespräche drehten sich vor allem um Logistik, da der
boomende Handel Gewinne beim Warentransport verheißt; zudem dienten
sich deutsche Manager - wie schon zuvor in Südafrika [2] - als Experten
für die Vorbereitung der Fußball-WM 2014 in Brasilien an [3]. Im
Zentrum stand daneben die brasilianische Biosprit-Branche, von deren
beispiellosem Aufschwung deutsche Konzerne profitieren wollen.
Machtbasis
"Brasilien
nimmt unter den Produzenten von Biokraftstoffen weltweit eine
herausragende Position ein", urteilt die Berliner Stiftung
Wissenschaft und Politik.[4] Das Land stellt wegen günstiger
klimatischer Bedingungen und niedriger Löhne das billigste Bioethanol
überhaupt her, ist mit knappem Abstand zu den USA der (noch) zweitgrößte
Produzent und liefert die Hälfte des gesamten global gehandelten
Ethanols. Die Produktion soll bis zum Jahr 2014 verdoppelt werden. Seine
Ethanol-Kapazitäten verdankt Brasilien der früheren Militärregierung.
Diese forcierte bereits in den 1970er Jahren die Energiegewinnung aus
Zuckerrohr, um ihre Rohstoffabhängigkeit zu verringern und damit
zugleich ihre internationale Machtbasis zu stärken. Schon damals wurde
das Programm gegen massive Widerstände von Kleinbauern und trotz
schwerer Schäden für die Umwelt durchgesetzt.
Entwicklungshilfe
Die
Erweiterung der Biosprit-Produktion um Biodiesel treibt Brasilien seit
rund drei Jahren voran - mit Unterstützung aus Deutschland. Kurz
nachdem Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva im Dezember 2004 das
nationale Biodiesel-Programm vorgestellt hatte, stiegen deutsche
Entwicklungsorganisationen in die Aktivitäten ein. Die Gesellschaft für
Technische Zusammenarbeit (GTZ) unterhält seit Januar 2005 ein Projekt
mit dem Titel "Beteiligung der deutschen Wirtschaft an der
Armutsbekämpfung in Brasilien". Teil des Projekts ist ein
Biodiesel-Vorhaben, das den deutschen Unternehmen den Zugang zu Insidern
öffnet - unter Beteiligung der kurz zuvor gegründeten Firma
"Brasil Ecodiesel". Kurz nach dem Start des GTZ-Projekts übernahm
die Deutsche Bank über eine in ihrem Besitz befindliche US-Außenstelle
("Ecogreen") fast die Hälfte der Anteile an "Brasil
Ecodiesel". Das Unternehmen ist der brasilianische Branchenführer
und hält heute einen Marktanteil von rund 50 Prozent.[5]
Regionalmacht
Das
deutsche Interesse an brasilianischem Biosprit beschränkt sich längst
nicht auf wirtschaftliche Gewinnschöpfung. Gelingt es, den deutschen
Energiebedarf in größerem Umfang mit nachwachsenden Rohstoffen aus
Lateinamerika zu decken, verringert sich die Abhängigkeit von
russischem Erdgas und von Erdöl aus Nordafrika.[6] Zudem bietet sich
Brasilien gegenwärtig als Juniorpartner zur Kontrolle Südamerikas an -
insbesondere zur Eindämmung der nicht anpassungswilligen Regierung
Venezuelas.[7] Materielle Basis der relativen Unabhängigkeit dieses
Landes sind seine erheblichen Erdölvorräte. Wie die Stiftung
Wissenschaft und Politik (SWP) schreibt, stellt "die Bereitstellung
von Biotreibstoffen" in Brasilien nun "eine Alternative zur
regionalen Abhängigkeit vom venezolanischen Öl dar, und dies wiederum
stärkt die ordnungspolitische Rolle Brasiliens im
Subkontinent".[8] Tatsächlich hat Brasilia inzwischen begonnen,
sich offensiv gegen Caracas in Stellung zu bringen, und kämpft gegen
Venezuelas Einfluss in Lateinamerika an. Der jüngste Erdölfund vor der
brasilianischen Küste, dessen Volumen die gesamten Reserven Norwegens
übertrifft [9], befeuert entsprechende Aktivitäten des Staatspräsidenten
da Silva.
Verbrechen
Die
globalen Biosprit-Aktivitäten, die maßgeblich von Berlin forciert
werden (german-foreign-policy.com berichtete [10]), stoßen
international auf heftige Kritik. Kürzlich hat der
UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, mit
deutlichen Worten für Aufmerksamkeit gesorgt. Ziegler zufolge treibt
der Anbau von Zuckerrohr, Mais und Weizen zur Herstellung von Treibstoff
die Lebensmittelpreise in die Höhe und gefährdet die Versorgung der
Bevölkerung ärmerer Staaten. "Es ist ein Verbrechen gegen die
Menschheit", urteilt der UN-Experte, "auf einem
landwirtschaftlich ertragreichen Boden Nahrung zu produzieren, die dann
für Biokraftstoffe verbrannt wird".[11]
Leere
Bäuche
Proteste
werden zunehmend auch in Brasilien laut. Der Zuckerrohranbau zur
Treibstoffgewinnung bringe "zerstörerische Monokulturen"
hervor, verursache "irreparable Schäden an der Umwelt" und
schränke "die Möglichkeit für eine umfassende Agrarreform ein,
die für das Land notwendig ist", sagt eine Sprecherin der
brasilianischen Landlosenorganisation Movimento dos Trabalhadores Rurais
Sem Terra (MST).[12] Auch miserable Arbeitsbedingungen und niedrige Löhne
in der Biodiesel-Produktion werden beklagt. In einer Stellungnahme, die
im Namen von Organisationen aus mehreren lateinamerikanischen Staaten
verabschiedet wurde, heißt es: "Die Zuckerrohrindustrie war eine
der hauptsächlichen Landwirtschaftszweige, die in den Kolonien
entwickelt wurden." Auch heute, führen die Kritiker an, fordern
die reichen Staaten ein Recht auf Treibstoff ein, obwohl in den
Produktionsgebieten nicht einmal das Recht auf Nahrung gesichert ist:
Sie verlangen einen "vollen Tank auf Kosten leerer Bäuche".[13]
[1]
Attraktivität Brasiliens als Standort wächst; Handelsblatt 21.11.2007
[2] s. dazu Ein
gewisser Widerspruch
[3] BDI-Präsident Thumann: "Deutschland ist wichtiger Partner
Brasiliens bei der WM 2014"; Pressemitteilung des Bundesverbandes
der Deutschen Industrie 19.11.2007
[4] Brasilien und Biokraftstoffe; SWP-Aktuell 60, November 2007
[5] Biodiesel: brasil ecodiesel bate recorde de produção em outubro;
Ultimo Segundo 09.11.2007
[6] s. auch Treibstoffe
des Todes
[7] s. dazu Juniorpartner
[8] Brasilien und Biokraftstoffe; SWP-Aktuell 60, November 2007
[9] Lula im Glück: Brasilien steigt zur Ölmacht auf; Die Presse
20.11.2007
[10] s. dazu Deutsche
Retter, Klimavandalismus
und Treibstoffe
des Todes
[11] Jean Ziegler: Biodiesel ist "Verbrechen gegen
Menschheit"; Der Standard 19.11.2007
[12] Condição de trabalho na produção de etanol também é foco de
polêmica; www.mst.org.br/mst/pagina.php?cd=4415
[13] Tanques cheios as custas de barrigas vazias: a expansão da indústria
da cana na América Latina; www.mst.org.br/mst/pagina.php?cd=2924 |