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99% müssen sich nicht von 1% dominieren lassen

WIR EMPÖREN UNS –

HOCHWOHLDEMOKRATISCH!

von Jens-Torsten Bohlke, Brüssel

Auf Kommunisten-online am 17. Oktober 2011 – Nun denn, da auch namhafte belgische Gewerkschaftsfunktionäre sprechen würden und immerhin quer durch Westeuropa von Spanien bis Brüssel demonstrierende „Empörte“ bzw. „Indignados“ willkommen geheißen werden sollten, ging auch ich zu jener Diskussionsveranstaltung in Brüssel, die Auftakt für die belgische „Empörten“-Bewegung werden sollte. Wohl wissend, dass es sich in Griechenland und Spanien bei den „Empörten“ eher um kleinbürgerliche, anarchistisch-trotzkistisch beeinflusste Jugendliche denn die Masse der gewerkschaftlich organisierten arbeitenden Menschen handelt. Würde dies in Brüssel bei dieser Veranstaltung nun anders aussehen? Gibt es dort nur ein paar Handvoll Trotzkisten zu sehen? Oder kommt es zur Gründung einer revolutionären Massenbewegung, wenn schon hochrangige Vertreter beider großen Gewerkschaften Belgiens dort neben anderen Personen auftreten?

EURE WETTBEWERBSFÄHIGKEIT = UNSERE MASSENARMUT

Mit den Losungen „Eure Wettbewerbsfähigkeit = Unsere Massenarmut“ und „No cuts“ („Keine Sozialkürzungen“) können sich sicherlich mindestens 90% der Bevölkerung auch in Belgien einverstanden erklären. Was jedoch die grün-rot-schwarze „Koalition für Widerstand“ bedeuten soll, ist den Volksmassen sicherlich nicht klar.

REDNER ALLE IN SCHWARZ GEKLEIDET

Auffällig war, dass die Organisatoren und einige Redner in schwarzen Shirts, Hemden oder Blusen auftraten. Aber es gab nur eine gute Handvoll Redner vor ca. 100 Menschen im überfüllten Auditorium des IHEHS in Brüssel. Die Redner und die Diskussionsteilnehmer hielten recht kämpferisch klingende Reden, deren Tenor jedoch stets derselbe war. Es wurde kleinbürgerlich-radikale Kritik an den Folgen der weltweiten kapitalistischen Wirtschafts- und Finanzkrise geübt, wogegen nach Auffassung aller Redner der Massenwiderstand zu organisieren wäre.

Nur wenige der aus Belgien stammenden Redner gaben zu, dass der Widerstand gegen die Folgen der kapitalistischen Wirtschafts- und Finanzkrise im Land bisher keine nennenswerten Massen mobilisiert hat. Fragt sich, wie organisiert werden soll, was im Land bisher nicht vorhanden ist.

IM JA ZU BÜRGERLICHER DEMOKRATIE WAR MAN SICH EINIG

Kleinbürgerliche Demokraten, gleich ob Anarchisten oder Trotzkisten, diffuse Linke oder Sozialisten sind sich da rasch einig, dass Demokratie nicht heißen kann, dass da 1% Finanzkapitalisten und Börsengewinnler 99% an Bevölkerungsanteil in den Schuldturm sperren, um über öffentlichen Schuldendienst Profite zu scheffeln und der Bevölkerungsmasse ständig neue Rechnungen zu präsentieren. Auch waren sich die Redner einig, dass christliche, liberale, sozialistische, soziale und grüne Demokraten nahezu vorbehaltlos die „Finanzdiktatur“ namens EU unterstützen.

LENINS IMPERIALISMUSTHEORIE WURDE KOMPLETT AUSGEBLENDET

In diesem Punkt beginnt dann der Eklat unter den kleinbürgerlichen Demokraten, welche da meinen, das Finanzkapital mit seinem Anteil von 1% der Bevölkerung würde erst in den letzten Jahren eine Diktatur ausüben. Sie verkennen völlig, dass der Finanz- und Monopolkapitalismus sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts als Imperialismus und höchste sowie letzte Entwicklungsstufe des Kapitalismus herausbildete. Sie verkennen völlig, dass die Monopolbourgeoisie seitdem den von ihr beherrschten Völkern die gesellschaftlichen Normen diktiert und bürgerlich-demokratische Verhältnisse in der Staatsform nur in dem Maß zulässt, wie die fortschrittliche Volksbewegung sich bürgerlich-demokratische Rechte erkämpft.

DIE ILLUSION DEMOKRATISCHER KONTROLLE DER FINANZMÄRKTE

Für die kleinbürgerlichen Demokraten hat sich in der EU in den 1990er Jahren mit den Verträgen von Maastricht und später Lissabon ein „Finanzputsch“ abgespielt, wie einer der Redner es nannte. Aus dieser Auffassung heraus, die das Klassenwesen des bürgerlichen Staates, der bürgerlichen Regierung und der bürgerlichen Ordnung leugnet, wird die Illusion verbreitet, dass es reicht, mit Forderungen an die Regierungen, an die EU-Spitzengremien, an die Parlamentarier auf allen Ebenen die Diktatur des Finanzkapitals brechen zu können, wobei dann eine bürgerliche Demokratie mit auch Platz für das Finanzkapital und angeblich demokratisch kontrollierbare Börsen- und Finanzmärkte anzustreben wäre.

WO BLEIBT DER KLARE RUF NACH VERSTAATLICHUNG DER BANKEN?

Selbst zu einem Zeitpunkt, wo die bürgerlich-reaktionären Regierungen Frankreichs und Belgiens gerade die Dexia-Bank in ihrer wiederholten Bankrott-Phase durch Aufkauf der Aktien nationalisieren, kommt den kleinbürgerlichen Demokraten der Ruf nach Verstaatlichung des gesamten privatkapitalistischen Banken- und Finanzsektors nicht über die Lippen. Wenn mal jemand überhaupt Sozialismus statt Kapitalismus fordert, wie es jene griechische Studentin Donna tat, dann lediglich als revolutionäres Phrasen ohne jeden Klassen- oder Gesellschaftsbezug, aus rein moralischer Verurteilung einem kapitalistischen Ausbeutungs- und Unterdrückungsregime gegenüber, welches dem eigenen Wunschdenken mal gerade eben so ganz deutlich widerspricht.

ES BEGANN MIT TROTZKISTISCHEN PHRASEN

Luis Casillas y Gómez von der roten sozialistischen Metallarbeitergewerkschaft FGTB der Wallonie und Brüssels sprach in diesem Sinne über den Euro-Pakt der EU als „stillen Staatsstreich des Big Business in der EU“. Die EU wurde als „Europa der Konzerne und Banken“ von ihm verurteilt, weil sie die Nutznießer der EU sind. Dass weder die EU-Gremien noch die EU-Parlamentarier für die Völker arbeiten, gehört ebenfalls zu seiner moralischen Entrüstung. Es sei angemerkt, dass es Parlamentarier wie jenen Genossen der KKE im EU-Parlament gibt, die nicht nach der Pfeife der Banken- und Konzernlobby tanzen – aber muß ein Trotzkist Kommunisten wahrnehmen wollen?

RESIGNATION UND FATALISMUS SIND WICHTIGE WAFFEN DES KLASSENGEGNERS HEUTE

Luis Casillas y Gómez benennt dann Resignation und Fatalismus in Belgien mit der Frage, wem dies nützt. Dass dies die starken ideologischen Waffen des Klassengegners der Arbeiterklasse auch im heutigen Belgien sind, macht er nicht deutlich. Darin unterscheidet er sich vom Vorsitzenden der Belgischen Arbeiterpartei (PVDA-PTB) Peter Mertens.

Luis Casillas y Gómez beklagt demgegenüber lediglich in seiner kleinbürgerlichen Beschränktheit, dass die bürgerlichen Versprechen nach „Regulierung“ und „Kontrolle“ der Banken und Finanzmärkte seit der ersten großen „Rettung“ der privatkapitalistischen Großbanken nicht eingehalten worden sind. Es folgt die Aufzählung der bekannten Krisenlasten, die derzeit den Völkern aufgebürdet werden. Die gewerkschaftlich organisierten Arbeitermassen weltweit sollen dies stoppen. Als ob es einen solchen nur mal „Stopp“ überhaupt geben könnte! Als ob dies dann „ein Europa für die arbeitende Bevölkerung“ wäre, wie er es da sehen zu können meint.

DIE WELTREVOLUTION AM 15. OKTOBER 2011 - SCHON BEMERKT?

Dann spricht Carlos Lancharro Rodríguez als Abgesandter der spanischen „Empörten“ aus Barcelona. Wie unter seinem Namen auf der Leinwand prangt, sieht er am 15. Oktober 2011 schon mal die World Revolution. Bekanntlich bringen es die „Empörten“ in Barcelona auf Tausende Anhänger, die dort einige Plätze besetzt halten und sich immer wieder mal Straßenschlachten mit einer brutal vorgehenden Polizei liefern.

Für Carlos Lancharro Rodríguez ist dies ein Reflex auf die derzeit extremer gewordene Massenverelendung des spanischen Volkes. Er fordert die Überwindung der Ausbeutungs- und Unterdrückungsgesellschaft, des kapitalistischen Systems, des Zweiparteiensystems in Spanien.

Die beiden großen reformistischen Gewerkschaften Spaniens hätten nur unter dem Druck der Gewerkschaftsbasis im vergangenen September einen ersten großen landesweiten Generalstreiks organisiert. 15% der Werktätigen Spaniens sind Gewerkschaftsmitglieder.

Carlos Lancharro Rodríguez beschimpft die Gewerkschaften als Handlanger des kapitalistischen Systems, die den Generalstreik nur zum Dampfablassen organisiert hätten und die Illusion verbreiten würden, nun bessere Bedingungen für Verhandlungen mit der Kapitalseite herausgeschlagen zu haben. Wo es doch nach den Worten von Carlos Lancharro Rodríguez nicht um Geschenke gehen könne. Obwohl der Generalstreik 70% der Arbeiter und Angestellten mobilisiert habe, ließen ihm die Gewerkschaftsführungen keine weiteren Kampfaktionen folgen, sondern übten sich in der „Sozialpartnerschaft“.

Carlos Lancharro Rodríguez sieht den Ausweg in „rotierenden Funktionen“ in Wirtschaft und Verwaltung sowie breiter Debatte mit Wortrecht für jedermann beim Suchen nach dem künftigen Weg. Er forderte eine kämpferische und solidarische Gewerkschaftsbewegung, eine linke illusionsfreie Politik. Dies alles sei nicht nur in Diskussion derzeit, sondern bereits in Aktion ... ein Schelm, wer hier kleinbürgerlichen Voluntarismus riecht!

Die organisierte Volksbewegung sieht er in solchen Strukturen wie Straßen und Plätzen, Familien und Freundeskreisen organisiert. So soll die „Weltrevolution“ am 15. Oktober 2011 ganz ohne kommunistische Partei geschehen ... wer's glaubt, mag selig werden!

Am Ende seiner Rede ruft Carlos Lancharro Rodríguez noch zur Unterstützung der Genossen in New York auf, die dort bei Besetzt Wall Street ... an der heutigen Weltrevolution ... teilgenommen haben. Die heutige weltrevolutionäre Bewegung verfügt nach seinen Worten über eine Anhängerschaft der „Empörten“ in 70 Ländern und 800 Ortschaften.

Es lebe also das „Empörten“-Weltsystem als Alternative zum finanzdiktatorischen Kapitalismus! (Beifall im Saal)

Carlos Lancharro Rodríguez ist Techniker für Rettungswagen und Aktivist bei Revolta Global (Globale Revolte). Revolta Global ist die katalonische Filiale eines von der IV. Internationale betriebenen trotzkistischen Netzwerks.

ES GEHT NUR UM GERECHTERE UMVERTEILUNG DER GESELLSCHAFTLICHEN GÜTER

Dann spricht Felipe van Keirsbilck, Generalsekretär des Angestelltenzweiges CNE in der französischsprachigen Gewerkschaft CSC der Wallonie und Brüssels. Er referiert darüber, wie die Massenaktion in Gang gebracht werden soll. Er meint, mit der Aussicht auf ein sehr reiches Europa mit Reichtum und hohen Sozialstandards für alle könnten die Arbeitermassen gegen die Raffgier der Banken und Multinationalen mobilisiert werden.

(Ich begann ein paar Äußerungen loszulassen, denn ausgerechnet die CNE hat ihren flämischen Partner LBC kürzlich verraten, als es in Belgien um den IPA, den Interprofessionellen Akkord ging, bei welchem mit aktiver Unterstützung der CNE die Angestelltenrechte drastisch abgebaut werden zugunsten von ein wenig Anheben der Sozialleistungen für die Arbeiter ... es gibt ca. 4 Millionen Angestellte und ca. 2 Millionen Arbeiter in Belgien, so dass dieses Herangehen der CNE sich allein für die Kapitalseite sektkorkenmäßig rechnet!).

Felipe van Keirsbilck rechnet vor, dass jährlich pro Kopf in Belgien 30.000 Euro an Wertschöpfung auf den bereits im Lande erarbeiteten und akkumulierten gesellschaftlichen Reichtum trotz Krise hinzukommen derzeit, so dass soziale Kürzungen logisch gar nicht einzusehen sind.

Er empört sich sehr über den Kapitalismus, welcher in Belgien weiszumachen versucht, dass es nicht genug Arbeitsplätze, nicht genug Ärzte geben würde. Als nächstes würde kommen, dass es nicht genug Platz für jedermann auf den Kirchhöfen geben würde!

Das arbeitende Volk sollte sich nicht als Anhängsel von Wirtschaftswachstum demütigen lassen. Wirtschaftswachstum bringe mehr Probleme als Lösungen. Weniger zu arbeiten und weniger zu produzieren würde nicht heißen, dass die Lebensbedürfnisse der Volksmassen weniger befriedigt wären. Lediglich die Verteilung der gesellschaftlichen Güter müsse anders laufen! ( ... )

Am Ende macht er aber klar, dass es weder eine „griechische Krise“ noch eine „portugiesische Krise“, sondern nur eine „kapitalistische Krise“ gibt. Ziel gewerkschaftlichen Kampfes des arbeitenden Volkes könne jedoch nur sein, für gerechte Löhne und Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnverlust zu streiten. Was die kapitalistische Krise anginge, seien die Völker dafür nicht verantwortlich, müssten sie dafür auch nicht zahlen. Die europäische Gewerkschaftsbewegung wird am 15. und 16. März 2012 in Brüssel auf einer gemeinsamen Sozialkonferenz mit den Massenbewegungen Kampfaktionen vielerorts in der EU beraten und beschließen.

Felipe Van Keirsbilck ist nicht zum ersten Mal Gast auf Einladung trotzkistischer Organisationen und steht zumindest in enger Verbindung mit ihnen.

BELGIEN STEHT VOR GROSSEN ARBEITERKÄMPFEN

Dann sprach Paul Lootens, Föderalsekretär der FGTB. Die Bankenrettung sei nichts weiter gewesen als die Privatisierung der Verluste der Bankengeschäfte bei Privatisierung der Profite aus ihnen. Dies führte in Belgien zu 4% Haushaltsdefizit. Bevor es bald zu einer neuen belgischen Regierung kommen wird, gibt es im Land große Ängste, weil in der Staatskasse zuwenig Geld für die Sozialausgaben und öffentlichen Ausgaben vorhanden ist.

Bei den Lösungsvorschlägen für dieses Thema spaltet sich nach seinen Worten die Politik in das rechte und das linke Lager. Die rechten Kräfte wollen durch Sozialkürzungen den Haushalt ausgleichen und vor allem den Empfehlungen der EU-Kommission folgen. Dies heißt Rentenreform wie in Deutschland und Einschränkung der Arbeitslosenrechte bei den Arbeitslosenleistungen und deren Bezugsdauer.

Der Kampf dagegen kann nur durch Sensibilisierung der arbeitenden Menschen für die bevorstehenden drastischen Einschnitte vorbereitet werden. Konkrete Forderungen müssten die Gewerkschaften mit den demokratischen Massenorganisationen erarbeiten.

Er ging dann noch auf die Bedeutung des Kampfes für die Erhaltung der Lohn-Indexierung ein, welche den Großteil der Arbeiter und Angestellten alljährlich zumindest vor Reallohnverlusten geschützt hat und daher eine ganz zentrale Forderung der FGTB ist. Der gewerkschaftliche Kampf werde weiterhin auf allen Ebenen, der Landes-, der Branchen- und der Betriebsebene geführt, wobei die EU-Ebene hinzugekommen ist.

Paul Lootens kann auch immer wieder als Teilnehmer an trotzkistischen Veranstaltungen gefunden werden.

EINE VERLORENE GENERATION DARF VON DEN GEWERKSCHAFTEN NICHT ZUGELASSEN WERDEN

Guy Tordeur, Föderalsekretär der CSC Brüssel-Halle-Vilvoorde, sprach anschließend. Seine lebhafte Kritik konzentrierte sich auf die reaktionären Wirtschafts- und Sozialreformen in Deutschland, welches viele Belgier merkwürdigerweise immer noch als funktionierendes Vorbild gegenüber dem nicht gut genug funktionierenden Belgien sehen.

Worin aber bestünde „Deutschlands neues Wirtschaftswunder“? Die Verarmung stieg in Deutschland in nur 4 Jahren um 26,4%. 2,63 Millionen Menschen in Deutschland verarmten allein zwischen 2005 und 2009. Deutschland kennt weder ein Recht auf Arbeit noch Mindestlöhne. Wie kann ein solches Land als Modellbeispiel zur Nachahmung für andere Länder dienen, die bis 2020 den „deutschen Standard“ laut EU-Vorgaben erreichen müssen?

Mittlerweile sei ein Wiederaufleben der gewerkschaftlichen Proteste in Deutschland gegen die Hartz-Reformen zu beobachten. Betrachtet man die letzten 13 Jahre, dann hat das kleine Belgien elfmal mehr Arbeitsplätze in diesem Zeitraum geschaffen als das im Vergleich sehr viel größere Deutschland. Die „Arbeitgeber“ würden anderes glauben machen wollen. Aber Belgien könne mehr von Skandinavien als von Deutschland lernen.

Was bringt es den anderen EU-Ländern, den deutschen Lohnsenkungen nachzueifern, wie es Merkel und Sarkozy nicht nur predigen, sondern mit dem Euro- und Wettbewerbs-Stabilitätspakt und dem sog. „Sixpack“ diktatorisch durchzupeitschen versuchen? Deutschland ist EU-Meister im Export von Massenarbeitslosigkeit und Lohndumping. ACV-CSC halten dagegen mit der Kampagne „Hilf Heinrich“, dem entrechteten Billiglöhner in Deutschland.

Zum Schluss noch etwas zur Hungersnot in der EU, einer Hungersnot der Jugendlichen nach Arbeitsplätzen. 45% der griechischen Jugendlichen sind arbeitslos. Ebenso viele sind es in Spanien. Aber das Problem ist nicht ein Problem eines angeblichen Nord-Süd-Gefälles in der EU. In Brüssel liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 33% derzeit. Unruhe und Unfrieden unter den Jugendlichen wachsen alltäglich weiter an. Dürfen Gewerkschaften da zuschauen? Es muß eine einheitliche Forderung der Gewerkschaften sein, dass Jugendlichen das Recht auf Arbeit zugestanden wird.

Im Fernsehen antwortete Guy Tordeur: „Ich bin kein Trotzkist, aber ich lese Trotzki. Ich bin kein Marxist, aber ich lese Marx. Und ich lese Rosa Luxemburg, usw.“ Ich nehme mir vor, ihm mal Lenin zu empfehlen.

NICHT KOMMUNISTEN, RADIKALE LINKE BRAUCHT DAS VOLK

Yiorgos Vasallos, Mitglied der Initiative für Solidarität mit Griechenland, sprach dann über den Hergang bei der Zahlungskrise Griechenlands. IWF, EZB und EU-Kommission würden mit den Großbanken den kontrollierten Konkurs Griechenlands herbeiführen. Die Lohnkosten seien drastisch gesenkt worden, so dass der Mindestlohn in Griechenland mittlerweile nur noch 500 Euro beträgt.

Griechenland sei Modellfall für etliche weitere EU-Länder. Die Löhne sanken in der Breite um 20% bis 30%, im öffentlichen Dienst um bis zu 50%. Das Anfangsgehalt eines Lehrers liegt in Griechenland derzeit bei 570 Euro.

Die Lebenshaltungskosten in Griechenland sind fast gleich denen in Belgien. 30.000 bis 120.000 öffentlich Bedienstete stehen vor der Entlassung.

Krankenhäuser befinden sich im akuten Behandlungsnotstand, denn es fehlt an medizinischem Material aller Art dort. Mittlerweile mussten die „Ärzte ohne Grenzen“ und andere Hilfsorganisationen in Griechenland aktiv werden. Die Unterernährung nimmt ständig zu.

Demgegenüber deponierten Griechenlands reiche Familien 600 Milliarden Euro privates Geldvermögen in der Schweiz, Stand 2010. Hätte der griechische Staat diese gigantische Summe mit nur 10% besteuert, wäre die Zahlungskrise Griechenlands ohne weitere Kredite morgen gelöst.

Gegen diese brutale Abwälzung der Folgen der kapitalistischen Weltwirtschafts- und Finanzkrise hat sich in Griechenland eine wachsende Massenbewegung erhoben. Die Regierung versucht, diese Bewegung mit Polizeigewalt niederzuknüppeln.

Das antikapitalistische Linksbündnis will die Betriebsgewerkschaften koordinieren. Von Bedeutung ist der hohe Jugendanteil bei den Protesten.

Die autonome Gewerkschaftsbewegung steht den „Empörten“ am nächsten. Sie wird von Synaspismus, einer Mitgliedspartei der „Europäischen Linkspartei“ geleitet. Mittlerweile kam es auch im öffentlichen Dienst zu monatelangen Streiks, obwohl die dortige reformistische Gewerkschaft der Regierungspartei PASOK nahesteht.

Während die „Empörten“ Ende Mai 2011 auf dem Syntagmaplatz in Athen sehr müde wirkten, gab es mittlerweile ein Wiederaufleben ihrer Bewegung. Tausende politisch bisher inaktive Menschen kamen zu den offenen Versammlungen auf dem Syntagmaplatz.

Die Bewegung der „Empörten“ hat Probleme, klare Ziele und Forderungen zu formulieren, ist aber eine großartige Kontaktmöglichkeit für viele Menschen, um mit den Massenorganisationen ins Gespräch zu kommen. Gemeinsam mit der Arbeiterbewegung konnten die „Empörten“ viel bewegen und Streiks sowie die damit verbundenen gemeinsamen Demonstrationen erfolgreich werden lassen. Auch organisierten sich Schüler und Studenten im Kampf für Lehrmaterial und gegen die Privatisierung des Bildungswesens.

Worin sind sich die „Empörten“ einig? Sie sind gegen die Einmischung von IWF und EU, die Griechen wollen keine Kredite aufnehmen. Gefordert wird eine Aussetzung des Schuldendienstes, die Nationalisierung des Bankensystems, die Vergesellschaftung des gesamten Finanzbereiches, die Verteidigung der Löhne.

Es entwickelt sich auch eine weitere Bewegung, die des „zivilen Ungehorsams“. Sie zeigt sich im Verweigern der Zahlung der erhöhten Fahrpreise im öffentlichen Verkehrswesen sowie der privaten Straßengebühren und der Hausbesteuerung. Viele dieser Zahlungsverweigerer könnten nicht mal zahlen, wenn sie es wollten.

Der Streik am 19. Oktober 2011 kann zum Sturz der Regierung führen. Die Listen der radikalen Linkskräfte könnten bei Wahlen bis zu 20% erzielen. Die radikale Linke muß rasch eine gemeinsame Kampffront aufbauen.

Yiorgos Vasallos ist führender Funktionäre der NGO „Corporate Europe Observatory“ („... wir zeigen die Macht der Konzernlobby in der EU auf ...“) und Aktivist bei ATTAC.

WO FORDERT DIE KKE SOZIALISMUS DURCH WAHLSIEG?

Die nach den Vorträgen sich anschließende Diskussion wird in französischer Sprache geführt. Quer durch den Hörsaal schmunzeln mir zwei Genossen der Belgischen Arbeiterpartei (PVDA-PTB) zu. Einer von ihnen, Mitglied des kommunistischen Jugendverbandes COMAC in Brüssel, bestätigt mir später, dass in der Diskussion fast ausschließlich die in Brüssel heimischen Trotzkisten der IV. Internationale ihre Kampfreden hielten, wie ich schon vermutete.

So richtig folgen konnte ich lediglich der Kampfrede von Donna, Studentin aus Griechenland. Sie benannte die Zahl besetzter Universitäten. Ihr Vater gehört zu den 22% arbeitslosen Menschen in Griechenland.

„Wir“ hatten „11 Generalstreiks in den letzten eineinhalb Jahren, einer davon dauerte 48 Stunden, und der nächste folgt in 4 Tagen. 'Wir' hatten sehr bedeutende Streiks, so den dreimonatigen Busfahrerstreik und den Streik der Zeitarbeiter.

'Wir' haben eine starke Bewegung der 'Empörten' mit so starken Forderungen wie der nach Vergesellschaftung der Banken und Schuldzahlungsstopp. Bisher jedoch kein Ergebnis. Warum? Die Gewerkschaften haben keinen konkreten Plan gegen die Regierung. Die stärkste Gewerkschaft unterstützt die Regierung.

Die zwei größten Linkparteien berücksichtigten nicht die Forderungen nach gemeinsamem Handeln als radikale Linke. Es wird nicht mehr lange dauern, bis Belgien in derselben Lage ist. Und wir sahen das schon in Irland, Portugal, Italien und Spanien. Es ist abzusehen, welche Länder demnächst dran sind.

Ganz sicherlich können wir keine Lösung innerhalb nur eines Landes finden. Das System ist gescheitert, nicht nur in Griechenland, sondern in ganz Europa. Und das arbeitende Volk sollte nicht für dieses Scheitern zahlen.

Daher, was wir brauchen, das ist ein komplettes Programm mit radikalen Forderungen nach einer alternativen Entwicklung seitens des arbeitenden Volkes, mit Vorschlägen für eine sozialistische Gesellschaft. Das ist ein harter Weg, aber ohne ihn wird sich nichts lösen lassen.“ So die fast gesamte wörtliche Übersetzung des von ihr Gesagten.

Auf meine Frage, was sie denn zur KKE sagen würde, meinte Donna nur, dass die KKE gegen die „Empörten“ kämpfen würde und nur verkündet, dass das Volk sie wählen soll, damit so der Sozialismus kommt. Jenes COMAC-Mitglied schüttelte darüber später genauso den Kopf wie ich. Auf meine Nachfrage bezüglich PAME ging die junge griechische Trotzkistin dann gar nicht mehr ein. Ich verließ dann auch dieses sehr von Brüssels Trotzkisten beherrschte Treffen.

Der COMAC-Genosse lud mich noch zum Besuch der Demonstration der spanischen „Empörten“ Richtung Brüsseler Nordbahnhof ein. „Love is the answer“, Liebe ist die Lösung, konnte ich dort lesen. Nun denn, da müssten im katholischen Spanien die ihre Nächsten liebenden katholischen Betschwestern und -brüder doch alles seit Jahrhunderten bestens gelöst haben, dachte ich kopfschüttelnd.

Die Hauptlosung der kleinen Demonstration lautete inhaltlich „Europa gebiert Zwillinge: Sozialkahlschlag = Massenelend“. Sehr geschlechtsbezogen ging es unter den Losungen weiter. „Das Patriarchat unterdrückt die Frauen, dann der Kapitalismus uns Ausländer, und Europa nimmt uns die Luft zum Atmen“. Auch die nächste Losung richtete sich gegen das Patriarchat. Dann noch etwas dort für hochaktuell Gehaltenes „Die Hausarbeit der Frauen steckt nicht in der Krise“. „Die Demokratie ist unsere Würde“, stand auf einen Schirm mit den spanischen Farben gekritzelt. „Die machistischen Schulden werden bezahlt mit der Streichung der Schulden der Emanzipation vom Machismo“.

Und schon waren die wenigen Leute vorbeigegangen, mit ein paar lauten französischen Sprechchören aus den Hälsen der Unterstützer jener spanischen „Empörten“. Für mich war das Ganze bestenfalls eine bürgerlich-feministische Karikatur.

Videos:

http://www.youtube.com/watch?v=lLuMLtRxKas

http://www.youtube.com/watch?v=QugeEM7svUI

http://www.youtube.com/watch?v=JM1g8b8XeVg

http://www.youtube.com/watch?v=hiVceccvVqo

http://www.youtube.com/watch?v=QRQ5wKsENWA

http://www.youtube.com/watch?v=jYVU2W28-PA

http://www.youtube.com/watch?v=7Qt4Wmz5d8o

http://www.youtube.com/watch?v=nLF-GxH2Mn4

http://www.youtube.com/watch?v=dGEbiK7DRv4

http://www.youtube.com/watch?v=xsfovyts7lo

http://www.youtube.com/watch?v=sIChLAxOF2A

http://www.youtube.com/watch?v=7PkqPjS3jjI

http://www.youtube.com/watch?v=4QiN7vevFTk

http://www.youtube.com/watch?v=5fGv4nKkcjE

http://www.youtube.com/watch?v=TCyPb1ArYPw

http://www.youtube.com/watch?v=3H8T4I_zER8

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