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Zur
aktuellen Lage in China
In
China hat sich die kapitalistische Produktionsweise durchgesetzt
Von
Uwe
Langer
aus:
Trotz
Alledem
vom Mai 2009; auf
Kommunisten-online am 14. September 2009 – Auf der Homepage der
chinesischen Botschaft in Deutschland ist im Zusammenhang mit einer Veröffentlichung
über die Entwicklung der Privatwirtschaft in China, dem „Blaubuch“,
zu lesen: „Darin wird prognostiziert, daß der Anteil der
Privatwirtschaft an Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) während des 11. Fünfjahresplans
(2006-2010 d. Verf.) von 65 auf 75 Prozent steigen wird. Mit der
Entwicklung der Privatwirtschaft werden auch einige chinesische
Privatunternehmen in die Top-500 der Welt aufrücken.
Das
Blaubuch wurde vom Gesamtchinesischen Dachverband für Industrie und
Handel, dem Staatlichen Statistikamt und der Staatlichen Kommission für
Entwicklung und Reform herausgegeben. Laut Blaubuch sind die
Privatunternehmen in China mittlerweile Hauptkanäle für
Produktionskapital, Arbeitsbeschaffung, Steuereinnahmen und Außenhandel.
Über 75 Prozent der Arbeitstätigen in den Städten und Gemeinden
arbeiten im privaten Sektor. In den letzen fünf Jahren ist die
Investition der inländischen Privatunternehmen durchschnittlich um 30
Prozent jährlich gestiegen. Die Zunahme an Unternehmen, Kapital,
Umsatz, Produktion und Gewinn liegt bei 50 Prozent pro Jahr.
„Privatunternehmen zahlen bereits mehr Steuern als Staatsbetriebe.“
(1) Das war der Stand von 2006. Inzwischen ist die Kapitalisierung der
chinesischen Wirtschaft weiter zügig vorangeschritten und in der Tat
ist die kapitalistische Produktionsweise zur dominierenden in China
geworden, sie beherrscht über zwei Drittel der Wirtschaft, sie ist zur
bestimmenden ökonomischen Basis geworden mit all den Folgen, die sich
daraus ergeben. Das wirft mit allem Nachdruck die Fragen auf: Welche
Perspektiven ergeben sich daraus und vor allem, welchen Charakter hat
die Gesellschaftsordnung in China heute?
Daß
das Kapital in aller Welt sich mit dem Voranschreiten des Kapitalismus
in China hoch zufrieden zeigt, wundert nicht. Verwunderlich ist
vielmehr, daß selbst unter Kommunisten, die sonst einen klaren Blick
und scharfe Worte übrig haben für reformistisch-revisionistische
Tendenzen in ihren oder anderen Parteien, wenig Kritik zu hören ist über
die politische und ökonomische Entwicklung in China. Einige begründen,
mit den ideologischen Attacken imperialistischer Staaten gegen China sei
Solidarität und nicht Kritik gefragt. Nichts gegen Solidarität, aber
abgesehen von der Frage, mit wem und zu welchem Zweck, ist es eine
falsch verstandene Solidarität, Probleme zu verschweigen, zumal es sich
hier um geradezu schwerwiegende Verwerfungen in der Ökonomie und
Politik eines ehemals sozialistischen Landes handelt. Einige Genossen
scheinen auch deshalb fest die Augen vor der Realität zu verschließen,
weil sie nach der Konterrevolution in den sozialistischen Staaten
1989/90 alle Hoffnungen auf die Volksrepublik China setzten und nun
einfach nicht wahrhaben wollen, daß sie diese Hoffnung bis auf weiteres
fahren lassen müssen. Nur nützt das Nichtdiskutieren von Problemen
(weil es angeblich „nur dem Klassenfeind nützt“) ebenso wenig wie
den Kopf in den Sand zu stecken. Das hat schon vor der Konterrevolution
in der UdSSR, der DDR usw. nicht geholfen, im Gegenteil, das hat nun
wirklich „nur dem Klassenfeind genützt“.
Um
die Lage in China richtig und objektiv zu bewerten und um die
gravierenden Veränderungen in der Volksrepublik und deren Bedeutung
besser zu verdeutlichen, ein kurzer Ausflug in die Grundsätze des
wissenschaftlichen Sozialismus. Wie und nach welchen Kriterien bewerten
wir als Kommunisten den Charakter einer Gesellschaftsordnung? Allein
zuverlässig und richtig ist es, die gesellschaftlichen Verhältnisse
mit den Mitteln und Methoden des wissenschaftlichen Sozialismus zu
untersuchen und daraus zu bestimmen, um welche Art von
Gesellschaftsordnung es sich handelt und ihren Entwicklungsgrad, ihre
Perspektiven zu bestimmen. Das Wesen einer Gesellschaft zu erkennen, ist
die Voraussetzung dafür, die verschiedenen Erscheinungen in ihr richtig
zu interpretieren und in den Zusammenhang mit dem ökonomischen und
politischen Charakter der Gesellschaft einzuordnen.
Entscheidend
sind für den Charakter einer Gesellschaftsordnung die Produktionsverhältnisse
und in ihnen die Frage des Eigentums an den Produktionsmitteln, der
Aneignung und Verteilung der Produkte. Für den Kapitalismus ist prägend,
daß sich die Masse und die entscheidenden Produktionsmittel in den Händen
der Kapitalisten, also in privatem Eigentum befinden. Das zwingt die
Nichtbesitzer an den Produktionsmitteln, ihre Arbeitskraft an den
Kapitalisten zu verkaufen, der diese zum Zwecke der Erwirtschaftung von
Profit ausbeutet. Während also gesellschaftlich produziert wird,
erfolgt die Aneignung privat und der Austausch vollzieht sich anarchisch
über den Markt. Die ökonomisch herrschende Klasse, das Kapital,
sichert zugleich ihre politische Herrschaft über die Errichtung ihres
Staates als Diktatur der Bourgeoisie über das Proletariat, meist in
ihrer verdeckten Form als bürgerliche Demokratie. Die unterschiedliche
Stellung der Menschen zum Eigentum an den Produktionsmitteln und ihre
unterschiedliche Rolle im Prozeß der Produktion teilen die Gesellschaft
in Klassen mit objektiv unterschiedlichen Interessen. Die Hauptklassen
Proletariat und Bourgeoisie stehen sich dabei in einem unversöhnlichen,
antagonistischen Widerspruch gegenüber, der sich in einem ständigen
Kampf zwischen ihnen äußert, dem Klassenkampf.
Für
den Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft ist es deshalb zwingend
notwendig, die Herrschaft des Kapitals zu brechen durch den Bruch mit
den Eigentumsverhältnissen, das heißt durch Enteignung des Finanz- und
Monopolkapitals und der Überführung der Masse und der wesentlichen
Produktionsmittel in gesellschaftliches Eigentum. Damit wird die
Trennung zwischen jenen, denen die Produktionsmittel gehören, und
jenen, die damit arbeiten aufgehoben, Volkseigentum geschaffen.
Produktion, Austausch und Verteilung erfolgen gesamtgesellschaftlich auf
der Grundlage der sozialistischen Planwirtschaft. Die Arbeiterklasse
sichert ihre politische Herrschaft durch die Diktatur des Proletariats
über die Bourgeoisie in Form der sozialistischen Demokratie. Da im
Sozialismus der Gegensatz zwischen gesellschaftlicher Produktion und
privater Aneignung aufgehoben wurde, wurden zugleich die damit
verbundenen Klassengegensätze aufgehoben. Die im Sozialismus
existierenden Klassen stehen sich dann in einem nicht-antagonistischen
Verhältnis gegenüber, in dem die gesellschaftlichen Widersprüche lösbar
sind. Die Diktatur des Proletariats in ihrer Unterdrückungsfunktion
richtet sich gegen die Überreste der kapitalistischen Herrschaft und
ihrer Vertreter aus der ehemaligen Bourgeoisie im Innern sowie gegen den
noch existierenden Kapitalismus im Äußeren. Solange neben dem
Sozialismus noch Kapitalismus existiert, kann die Diktatur des
Proletariats als Staatsform nicht aufgehoben werden.
Der
Charakter jeder Gesellschaft wird also immer von den jeweils
herrschenden Produktionsverhältnissen bestimmt. Diese Verhältnisse
vollziehen sich nach objektiven Gesetzmäßigkeiten, die der Mensch
nicht außerhalb dieser Gesetzmäßigkeiten nach Belieben verändern
kann. Es gibt keinen Kapitalismus ohne Ausbeutung. Es gibt keinen
Kapitalismus ohne Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Es
gibt keinen Sozialismus ohne gesellschaftliches Eigentum an den
Produktionsmitteln. Es gibt keinen Sozialismus ohne die politische
Herrschaft der Arbeiterklasse. Es gibt keinen Kapitalismus, der
sozialistisch regiert werden kann. Es gibt keine sozialistische
Marktwirtschaft. Jede Gesellschaftsordnung hat gesetzmäßig ihre ökonomische
Basis mit dem ihr entsprechenden politischen Überbau. Jede Gesellschaft
hat ihre Klassen mit ihren spezifischen Merkmalen und Interessen. Man
kann objektive Klassenverhältnisse nicht aufheben, solange die
Bedingungen, unter denen sie existieren, nicht aufgehoben sind.
Das
alles sind unumstößliche Grundgesetze, die überall auf der Welt
gleiche Gültigkeit haben – selbstverständlich auch in China. In
China hat sich also die kapitalistische Produktionsweise durchgesetzt,
die ökonomische Basis hat damit kapitalistischen Charakter angenommen.
In der Folge wälzen sich nun zwingend und unaufhaltsam auch die
gesamten politischen Verhältnisse um. Chinas kapitalistische Ökonomie
erhält ganz gesetzmäßig den ihr gemäßen politischen Überbau. Dafür
gibt es viele Beispiele. So die interessante neue Interpretation der
chinesischen Staatsflagge. „Die Farbe Rot steht für den Kommunismus.
Die Sterne symbolisieren die Kommunistische Partei und die vier Klassen
der Werktätigen, also Arbeiter, Bauern, Kleinbürger und die Klasse der
sogenannten „patriotischen Kapitalisten“. (2) Mit einem Federstrich
hat die Kommunistische Partei Chinas die „Klassenfrage“ geregelt.
Sie hat allen Ernstes die Bourgeoisie zur „werktätigen Klasse“
erhoben und so den Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit
„aufgehoben“. Daß sich die Wirklichkeit nicht nach diesem Roßtäuschertrick
richtet, ist klar. Die Negierung des Klassencharakters der Bourgeoisie
als Klasse der Ausbeuter und die Negierung des gesetzmäßigen
Klassenkampfes zwischen Proletariat und Bourgeoisie ist auf die Spitze
getriebener Reformismus und Revisionismus. Anders kann man es nicht und
anders darf man es nicht nennen.
Dabei
war eine solche Entwicklung in China schon lange absehbar. Vor über 30
Jahren fand in China die dritte Plenartagung des XI. Zentralkomitees der
KP Chinas statt (18. bis 22. Dezember 1978). Damals wurde beschlossen,
eine „Reform- und Öffnungspolitik“ einzuführen. Was den Charakter
dieser Politik anbelangt, so hätten schon damals alle Alarmglocken läuten
müssen, denn Deng Xiaoping und die KP-Führung verkündeten, es gehe
darum, „jene Periode zu beenden, in der der „Klassenkampf als
leitendes Prinzip“ betrachtet wurde, und eine neue Ära zu beginnen,
in der der „Wirtschaftsaufbau im Mittelpunkt“ steht (3) und weiter,
es sei um „Befreiung des Denkens“ und „Demokratie“ gegangen.
(Einige Jahre später präsentierte dies Gorbatschow in anderer
Verpackung als „Neues Denken“ und „Demokratie“ - wir wissen, wo
das endete). China würdigt heute diesen Prozeß der „Reform- und Öffnungspolitik“
als „große Wendung von historischer Bedeutung“. Die chinesische
Reformpolitik enthalte „eine Reihe von noch nie dagewesenen Veränderungen:
vom „Klassenkampf als leitendes Prinzip“ zum „Wirtschaftsaufbau im
Mittelpunkt“, von der traditionellen Planwirtschaft zur
sozialistischen Marktwirtschaft“, sie habe „das sowjetische Modell
des Sozialismus (...) abgelöst“. (4) Und voller Stolz auf diese Veränderungen
heißt es, man müsse „nur einen kleinen Bummel durch die Straßen in
Beijing“ machen, um dies zu sehen.
Ja,
Beijing ist heute voller Bürotürme aus modernstem Beton und Glas, es
gibt schicke Boutiquen, Nachtclubs, Werbetafeln von Coca Cola bis
Daimler Benz, und Banken, größer als in so manchen Zentren des
Kapitalismus selbst. Und es gibt Arbeitslose, gnadenlos ausgebeutete
Wanderarbeiter, die Mafia, Prostituierte, kurz alles, was der
Kapitalismus in seiner ganzen „Pracht“ auch in New York, Tokio,
London oder Berlin zu bieten hat. Ach ja, und noch etwas hat Beijing zu
bieten, was es vor Jahren nicht gab. Chinesische Milliardäre. Wie sind
diese zu ihrem märchenhaften Reichtum in so kurzer Zeit gekommen? Genau
so, wie jeder Kapitalist und in diesem Fall so schnell wie russische
Oligarchen z.B.: Durch erbarmungslose Ausbeutung ehemals freier Werktätiger,
die nun „dank“ neuer kapitalistischer Verhältnisse und ihrer
Entwurzelung aus ehemals sozialistischen Verhältnissen gezwungen sind,
sich zu Bettellöhnen zu verkaufen – und so für riesige Profite der
neuen Ausbeuterklasse in China sorgen.
China
gibt derzeit (März 2009) offiziell die Arbeitslosigkeit mit 4,2 Prozent
an. Was man von den Kapitalisten auch schon gelernt hat, ist wie man
solche Statistiken schön rechnet. Bereits 2004 sprach man ganz
offiziell von einem „Beschäftigungskrieg“ in China. Allein 2001 bis
2002 wurden nur in den „Staatsunternehmen“ (volkseigen kann man
diese nach der „Umstrukturierung“ auch nicht mehr nennen) nach
offiziellen Angaben fast 20 Millionen Beschäftigte entlassen (in China
nennt man das „freigesetzt“). Fanden noch 1998 etwa 50 Prozent der
aus staatlichen Betrieben „Freigesetzten“ eine Wiederbeschäftigung,
so waren es schon 2002 weniger als zehn Prozent. (5) Die chinesische Führung
muß einräumen, daß die „Urbanisierung und die landwirtschaftliche
Restrukturierung“ millionenfach zur Landflucht führt und Ströme von
Menschen in die Städte ziehen, in der Hoffnung auf Arbeit (das
altbekannte Bauernlegen im Zuge der Industrialisierung, wie wir es aus
allen Staaten kennen, in denen sich der Kapitalismus entwickelte). Nun,
da die kapitalistische Weltwirtschaftskrise natürlich auch um China
keinen Bogen macht, schließen Zehntausende(!) Fabriken in China,
verlieren zudem Dutzende Millionen der zahllosen Wanderarbeiter ihre
Arbeit. Als arbeitslos werden aber nur registrierte Stadtbewohner erfaßt.
Wanderarbeiter haben kaum eine Chance auf eine solche Registrierung.
Millionen arbeiten in China ohne Arbeitsvertrag, oft unter illegalen
Bedingungen. Unmöglich daher zu sagen, wie hoch die Arbeitslosigkeit
– diese Geisel des Kapitalismus – im „sozialistischen“ China
wirklich ist. Sicher sehr viel höher als 4,2 Prozent. Allein an dieser
Frage sieht man, daß man sich nicht den Kapitalismus ins Haus holen
kann, ohne seinen Rattenschwanz an üblen Folgen.
Ein
Kapitalist verhält sich in China nicht anders als in Frankreich, den
USA oder sonstwo in einem kapitalistischen Land. Er muß den Gesetzen
der kapitalistischen Produktionsweise folgen oder untergehen. Er muß
Arbeitskraft ausbeuten, um Profit zu machen, egal unter welcher
„Flagge“ er das tut. Da hilft auch alles Geschwätz der chinesischen
KP von „sozialistischer“ Marktwirtschaft und dem Aufbau einer
„harmonischen Gesellschaft“, von „einem Land und zwei Systemen“
etc nichts. Harmonie zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten? Bestenfalls
naiv, wer das glaubt, hier handelt es sich aber um eine bewußte Täuschung
über die tatsächlichen Verhältnisse. Klassen, Klassenkampf? Diese
Begriffe kommen in der Politik der KP Chinas nicht mehr vor. Im
Gegenteil, man ist stolz darauf sich „vom Klassenkampf gelöst“ zu
haben. Nun hörte ich kürzlich von einem Genossen, er sehe keine Gefahr
für den Sozialismus in China, dort regiere eine KP mit über 50
Millionen Kommunisten, die es nicht zulassen würden, daß in China der
Kapitalismus siegt. (Übrigens zählt die KP Chinas inzwischen rund 75
Millionen Mitglieder, darunter zunehmend private Unternehmer). Daß eine
kommunistische Partei „regiert“, garantiert längst nicht den
Bestand des Sozialismus, eigentlich sollten spätestens seit 1989 solche
weltfremden Vorstellungen widerlegt sein. Wo waren denn die Millionen
„Kommunisten“ die es ja angeblich in den Parteien in der UdSSR und
der DDR gab, als sich die Konterrevolution offen erhob? Nur eine kleine
Minderheit der Mitglieder in der KPdSU und der SED hielten letztlich
treu zur kommunistischen Sache. Der Aufbau, die Entwicklung und der
erfolgreiche Schutz des Sozialismus erfordert in der Tat, daß eine
kommunistische Partei die politische Führung innehat. Aber es ist auch
erforderlich, daß es sich dabei um eine marxistisch-leninistische
Partei handelt und daß alle Politik sich ausrichtet auf der Grundlage
des wissenschaftlichen Sozialismus, und daß Reformismus und
Revisionismus entschieden bekämpft werden. Genau das aber ist in China
heute nicht der Fall.
Gibt
es Widerstand gegen die Kapitalisierung des ehemals sozialistischen
China in der chinesischen KP? Ja, den gibt es. Aber es ist wieder nur
eine kleine Minderheit, die noch aktiv für die Prinzipien des
Marxismus-Leninismus eintritt. Offen verspottet man diese Genossen als
„alte Leute, die von den modernen Zeiten nichts verstehen.“ Wie
gering der Widerstand ist, zeigen die Beschlüsse der letzten Parteitage
bzw. der Tagungen des Nationalen Volkskongresses. Und die haben es in
sich! Das betrifft z.B. die Verfassungsänderung, nach dem nun im Zuge
der „Verfassungsrevision“ das Privateigentum an Produktionsmitteln für
„unantastbar“ erklärt wurde. „China Today“ liefert dazu eine überaus
interessante Begründung. Dort heißt es: „daß sich China momentan in
einer Übergangsphase von der wirtschaftlichen Verwandlung hin zur
gesellschaftlichen Verwandlung befindet. Deshalb besteht die
Notwendigkeit einer angemessenen Änderung mancher Verfassungsteile, die
aufgrund der Entwicklung mittlerweile überholt sind.“ (6) Und weiter:
„„Das legale Privateigentum ist unantastbar.“ Das stellt
zweifelsohne einen grundlegenden Wandel in der Einstellung der
Kommunistischen Partei Chinas zum Privateigentum dar. Prof. Gao
Bingzhong, Soziologe an der Peking-Universität, weist darauf hin, daß
durch die Verfassungsrevision offen verkündet wird, daß das seit 1949
in China praktizierte System des Gemeineigentums „ans Ende gelangt
ist.“„ (7) Eine klare Aussage in der Tat, und der Beleg dafür, daß
der politische Überbau in China - das ist eben gesetzmäßig – der
neuen kapitalistischen Basis folgt. Das freut dann z.B. den Großkapitalisten
Liu Yonghao, (Vorstandsvorsitzender der Xinxiwang-Gruppe, den die
„Forbes“ als den reichsten Mann Chinas bezeichnete), der nun hofft,
daß damit der „Haß auf Reiche“ in China zu Ende sei und man sich
„nicht mehr schämen müsse, über Gewinne zu reden“. (8) Wo man
politisch in China schon steht, macht dieser Satz zum verfassungsmäßigen
Schutz des „Eigentums“ mehr als deutlich: „Dies hat weitreichende
Auswirkungen und stellt einen wichtigen Fortschritt Chinas in Richtung
Marktwirtschaft dar. Es ermöglicht der nicht vom Staat betriebenen
Wirtschaft, sich schnell zu entwickeln und so zum rasanten
Wirtschaftswachstum Chinas beizutragen. Diese Ergänzung verkörpert
zudem den immer von der chinesischen Regierung geförderten Geist der
Befreiung von Produktivkräften. Die Abänderung der Verfassung hat zur
Folge, daß das chinesische Rechtssystem mit der an der Marktwirtschaft
orientierten Reform koordiniert wird. Sie stellt eine verfassungsmäßige
Sicherheit für Unternehmer dar, die früher als Kapitalisten und als
Feinde des Kommunismus galten, mittlerweile aber bei der Schaffung von
Arbeitsplätzen und Reichtum eine wichtige Rolle spielen.“ (9) Ganz
offen spricht man davon, weiter in Richtung „Marktwirtschaft“
(sprich „Kapitalismus“) zu gehen. Ganz offen spricht man davon, daß
sich nun auch z.B. das Rechtssystem entsprechend ändern müsse, und
zwar orientiert an der Marktwirtschaft. Kapitalisten galten „früher“(??)
als Feinde des Kommunismus? Sie sind sie das heute etwa nicht mehr? Um
eine solche Behauptung aufzustellen, muß man eine merkwürdige
Vorstellung von Kapitalisten und eine noch merkwürdigere vom
Kommunismus haben. Ach ja, nach Lesart der KP Chinas sind Kapitalisten
ja heutzutage „werktätige Patrioten“. Der Gipfel ist es aber, davon
zu sprechen, die Kapitalisierung und der Schutz des Privateigentums an
Produktionsmitteln verkörpere „zudem den immer von der chinesischen
Regierung geförderten Geist der Befreiung von Produktivkräften.“ Für
uns Kommunisten besteht die Befreiung der Produktivkräfte darin, daß
sie von den Fesseln der kapitalistischen Produktionsverhältnisse und
der damit verbundenen Ausbeutung erlöst werden, indem man das
Privateigentum aufhebt, es vergesellschaftet und jene zu Eigentümern
macht, die damit arbeiten. Kurz, Volkseigentum schafft. Wir wissen, daß
anders kein Sozialismus möglich ist. Wir wissen, daß anders eine
Befreiung der Produktivkräfte im sozialistischen Sinne nicht geht. Es
ist geradezu perfide, die Rückversklavung der Arbeiterklasse in China
unter kapitalistische Verhältnisse als „Befreiung der Produktivkräfte“
zu bezeichnen. Befreit wird lediglich die neue chinesische Bourgeoise
von den noch übrigen Fesseln einer ehemals sozialistischen
Gesellschaft. Kein Wunder, daß immer mehr Bourgeois in die
Kommunistische Partei eintreten. Warum wohl? Um den „Kommunismus“ zu
stärken, jetzt, wo man kein „Feind“ mehr ist? Gewiß nicht. Ihnen
geht es um die endgültige Abschaffung aller sozialistischen
Errungenschaften in China, um den vollständigen Sieg der
kapitalistischen Produktionsverhältnisse.
Übrigens
ist das auch einer der Gründe für die immer wieder auftretende
antichinesische Hetze in den imperialistischen Staaten. Es geht ihnen
nicht um die „Menschenrechte“ in China, es geht erstens um die
restlose Abschaffung alles noch „Sozialistischen“ in China und
zweitens um die Bekämpfung Chinas als kapitalistischen Konkurrenten.
(Letzteres ist auch der Grund für die noch immer anhaltenden
antirussischen Ausfälle, denn dort gibt es nichts „Sozialistisches“
mehr, aber Rußland ist ein imperialistischer Konkurrent geworden.) Groß
ist die Furcht vor einer aufstrebenden kapitalistischen Supermacht
China, das dann seinerseits – und auch das gesetzmäßig –
imperialistische Ansprüche entwickeln und so zum höchst unbequemen
Konkurrenten um die Aufteilung der Welt wird. Das „westliche“
Gezeter wider China muß man also richtig einordnen und darf nicht dazu
führen, die Entwicklungen in China falsch einzuschätzen oder aus
falsch verstandener Solidarität mit Schweigen zu übergehen. Apropos
Menschenrechte. Auch hier hat China reagiert. Im Zuge der
„Verfassungsrevision“ wurden die „Menschenrechte“ neu in die
chinesische Verfassung aufgenommen. Interessant, mit welcher Begründung:
„Daß die Ergänzung „Der Staat respektiert und schützt die
Menschenrechte“ in die Verfassung aufgenommen wurde, zeigt, daß sich
die Haltung der chinesischen Regierung den international anerkannten
Wertschätzungen und Konzepten von Menschenrechten annähert.“ (10)
Was sind denn die „international anerkannten Wertschätzungen und
Konzepte von Menschenrechten“? Es sind die, die der Imperialismus nach
seinen Maßstäben vorgibt, mit einem Mantel der Heuchelei und
Verlogenheit umgibt und alle Tage selbst bricht. Und das ist vorbildhaft
für die „sozialistische“ Verfassung Chinas? Die imperialistische
Strategie des Wandels durch Annäherung, die sich z.B. im
Menschenrechtsgedusel der Schlußakte von Helsinki widerspiegelte und
von europäischen sozialistischen Staaten unterschrieben wurde (eine völlig
falsche Entscheidung), läßt grüßen.
Daß
nun nach dem Schutz des „Eigentums“ auch der Staat in China weiter
umgemodelt wird, ist nur die konsequente Folge aus dem Prozeß der
Kapitalisierung. Auf dem 11. Nationalen Volkskongresses (NVK) im März
2008 wurden entsprechende Pläne vorgelegt. Die Veränderungen sollen
„die Schwerpunkte der Reform in der Gegenwart, das internationale
Umfeld und die wirtschaftliche- und gesellschaftliche Entwicklung in
China“ berücksichtigen. (11). Auch hier ist der Weg klar
vorgezeichnet. Kernpunkt sei „die Funktionsänderung der Regierung
(...) und das Ziel, eine dienstleistungsorientierte Regierung zu
schaffen. Die Regierung als Dienstleister? Für wen? Nun, für die neuen
Herren der Ökonomie. Die Kapitalisten bestimmen inzwischen die Ökonomie
Chinas. Sie verlangen nach „ihrem Staat“, der ihnen zu „dienen“
hat. Wie in jedem anderen „normalen“ kapitalistischen Land eben. Auf
dem 11. Volkskongreß sprach Ministerpräsident Wen Jiabao davon, daß
die Reform des wirtschaftlichen und politischen Systems einen neuen
Durchbruch erzielen soll, deshalb solle man das Denken befreien. Dafür
brauche man Mut, Entschlossenheit und Aufopferungsbereitschaft. Reform
und Innovation seien Ergebnisse der Befreiung des Denkens. (12) Was es
heißt, das „Denken zu befreien“, ist klar. Weg mit den
„Einengungen“ durch den alten, überholten Marxismus-Leninismus.
Auch mal an Profit denken dürfen und sich deshalb nicht schämen müssen,
ganz so wie es den neuen chinesischen Kapitalisten gefällt. Chen Lijun,
Vorstandsvorsitzende der Zhejiang Huari Industry Investment Ltd. begrüßte
die Reformen im chinesischen Staatsapparat. Nach ihrer Einschätzung
„hinken Chinas politische Reformen trotz einer dreißigjährigen
Reform- und Öffnungspolitik der Entwicklung des Landes hinterher.“
Aber sie sieht es optimistisch: „Die Regierungsumstrukturierung
erfolgt genau zum richtigen Zeitpunkt und wird die langwierigen
politischen Probleme lösen, die in Zusammenhang mit einer rasch
wachsenden Wirtschaft aufgetreten sind“ so Chen Lijun. (13)
Daß
der allgemeine Beifall von kapitalistischer Seite die chinesische KP-Führung
längst nicht mehr stutzig macht, sondern auch noch mit Stolz erfüllt,
zeigt wohin die KP Chinas inzwischen geraten ist. Der aufsteigenden
chinesischen Bourgeoisie steht eine desorientierte, in den Kapitalismus
zurückgeworfene Arbeiterklasse gegenüber. Sie verfügt über keine
marxistisch-leninistische Partei und damit über keine revolutionäre Führung
mehr. Es gibt freilich Widerstand und Proteste, zum Teil sehr heftiger
Art. Doch die chinesischen Werktätigen müssen sich erst neu
organisieren, erst lernen, daß sie dem Klassenfeind nun wieder
unmittelbar im eigenen Land ausgesetzt sind. Millionen nehmen es noch in
Kauf, zwölf Stunden und mehr am Tag zu arbeiten, oft unter miserablen
Arbeitsbedingungen, für minimale „Löhne“ (selbst die werden oft
nicht gezahlt), ohne Arbeitsverträge, ohne Krankenversicherung, ohne
Rentenversicherung, ohne Urlaubsanspruch. Solche Zustände und daß
heute wieder Menschen auf den Straßen zu sehen sind mit einem Schild um
den Hals „Suche Arbeit“, das ist schlicht eine Schande für eine
angeblich kommunistische Partei und ein angeblich sozialistisches Land.
Es widerspricht allem, wofür die Arbeiterklasse kämpft und wofür
Sozialismus steht. Die Arbeiterklasse in China wird lernen müssen, daß
sie sich jedes ihrer Rechte wieder erkämpfen muß, so wie alle
Proletarier in allen kapitalistischen Staaten nur das an Rechten und
Lohn erhalten, was sie in harten Klassenauseinandersetzungen errungen
haben und immer wieder neu verteidigen müssen China auf dem Weg zu
einer harmonischen sozialistischen Marktwirtschaft? Das ist nichts als
eine Fata Morgana. Nein, es ist schon lange auf dem Weg zu Kapitalismus
und es ist inzwischen im Kapitalismus angekommen. In- und ausländische
Kapitalisten werden alles daran setzen, um nun auch noch die
„sozialistischen Reste“ zu beseitigen. Die KP Chinas hat
offensichtlich nicht die Absicht, sich diesem Bestreben ernsthaft in den
Weg zu stellen. Es geht längst nicht mehr um die Verteidigung des
Sozialismus, es geht darum, daß sie sich (offenbar eine Lehre aus
1989/90) rechtzeitig auf die Seite des Kapitals geschlagen hat und so an
der Macht halten konnte. Etwas muß man dafür freilich opfern: Den
Sozialismus.
Wie
immer gibt es in den Diskussionen um die Ursachen solcher Entwicklungen
(wie schon zu den Ursachen der Niederlage des Sozialismus in Europa)
alle möglichen Erklärungen. Der Sozialismus sei eben zu früh
gekommen, China habe gar nicht die Voraussetzungen gehabt, weil es wenig
kapitalistisch entwickelt, ja noch halb feudal gewesen sei, die
Bauernschaft als Träger der Revolution sei ohnehin ideologisch unzuverlässig
gewesen, ohne das zerstörte sozialistische Lager habe China allein den
Sozialismus nicht behaupten können usw. Unbestritten waren die
Voraussetzungen für eine sozialistische Entwicklung in China schwierig,
sehr schwierig sogar. Aber die Revolution in China hätte nicht siegen können,
wenn es dafür keine gesellschaftlichen Voraussetzungen gegeben hätte.
Nicht zu vergessen, daß auch die russische Revolution und der Aufbau
des Sozialismus in der Sowjetunion nach 1917 unter geradezu unsagbar
schweren Bedingungen vollzogen wurde. Aber weder die Revolutionen noch
der Aufbau des Sozialismus sind damals zusammengebrochen, selbst den
heftigsten Angriffen der Konterrevolution von innen und außen, bis hin
zu den faschistischen und imperialistischer Aggressionen, hielt der
Sozialismus stand. Es gab eine Periode großartiger Erfolge beim Aufbau
der Wirtschaft, der Begründung einer umfassenden sozialen Sicherheit,
eines stabilen Staatswesens und beim Schutz des Sozialismus vor allen
Angriffen. Die Niederlagen erfolgten zu einer Zeit, nachdem sich der
Sozialismus weit bessere Ausgangsbedingungen zu seiner weiteren
Entwicklung geschaffen hatte, als zu Beginn seines Aufbaus. Und hier
zeigen sich zwei Dinge absolut klar: 1. Solange sich in den
sozialistischen Staaten die Revolution und der Aufbau des Sozialismus im
Grundsatz auf dem Boden des Marxismus-Leninismus als Leitschnur des
Handelns bewegte, verlief der Aufbau erfolgreich und konnten alle
Angriffe abgewehrt werden. 2. Je mehr sich die führenden Parteien
jedoch vom wissenschaftlichen Sozialismus entfernten und sich
Reformismus und Revisionismus ausbreiteten, um so mehr verlor der
Sozialismus an Kraft, weil durch die Abkehr vom Marxismus-Leninismus die
Triebkräfte der sozialistischen Gesellschaft zunehmend gelähmt wurden.
So wurde das Tor zur Konterrevolution aufgestoßen und hierin liegt auch
die Hauptursache begründet, weshalb die Konterrevolution siegen konnte.
Deshalb muß man auch gerade angesichts der Entwicklungen in China
offen, frei von Illusionen und ohne falsche Rücksichten über diese
Probleme reden und die richtigen Schlußfolgerungen ziehen. Das
Festhalten am Marxismus-Leninismus ist eben kein Dogma, sondern es ist
das Festhalten an einer in der Praxis immer wieder als richtig
erwiesenen wissenschaftlichen Weltanschauung, ohne die kein Sozialismus
zu machen oder zu verteidigen ist.
Uwe
Langer
(1)
http://www.china-botschaft.de/det/zt/tzzzg/fl/t274401.htm
(2) http://german.china.org.cn/de-changshi/index.htm
(3) http://www.china-botschaft.de/det/zt/zg16d/t526945.htm
(4) ebenda
(5) http://www.fmprc.gov.cn/ce/ceat/det/xwdt/t104804.htm
(6) http://www.chinatoday.com.cn/chinaheute/2004n/4n5/g5n1n1.htm
(7) ebenda
(8) ebenda
(9) ebenda
(10) ebenda
(11) http://german.china.org.cn/china/archive/lianghui08/2008-03/14/content_12606248.htm
(12) http://german.china.org.cn/china/archive/lianghui08/2008-03/18/content_12987921.htm
(13) http://german.china.org.cn/china/archive/lianghui08/2008-03/17/content_12875799.htm
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Ich
verstehe durchaus, daß es einigen
Genossen schwer fällt, sich der Realität zu stellen: Was sich
in China vollzieht, ist die umfassende Re-Kapitalisierung der
Gesellschaft. Alles Schönreden, jeder Versuch, das irgendwie in
Übereinstimmung mit dem Marxismus-Leninismus zu bringen, daß
im „sozialistischen China“ in immer stärkeren Maße die Großbanken
und Konzerne das Sagen haben, muß in die Irre führen und stärkt
letztlich nur die Basis der Revisionisten und Reformisten in der
kommunistischen Bewegung, die schon immer behaupten,
entscheidend seien nicht die Eigentums- und die damit
verbundenen Klassenfragen, sondern „der sozial
verantwortungsbewußte Umgang mit dem Eigentum“. |
Zur Diskussion um die
Entwicklungen in China
Von Uwe Langer
aus: Trotz
Alledem vom 21. August 2009; auf Kommunisten-online am 17.
September 2009 – Mein Artikel in der Mai-Ausgabe der „Trotz
alledem“ zur Lage in der VR China hat eine umfangreiche Diskussion
ausgelöst. Darüber freue ich mich, das war ein Teil der Absicht des
Artikels. Erfreulich auch das große Maß an Zustimmung. Es gab auch
Zweifel und Ablehnung. Ob es richtig sei, China so zu kritisieren. Ob
man nicht darauf vertrauen solle, daß die chinesische KP schon wüßte,
was sie tut. Bis hin zum Vorwurf des Dogmatismus, weil ich den
„chinesischen Weg“ der „kreativen Anwendung
marxistisch-leninistischer Politik“ nicht verstehen würde. Insgesamt
zeigt das, daß ein dringendes Bedürfnis besteht, Fragen der
Entwicklung des Sozialismus, seiner Ökonomie und Politik im
Allgemeinen, wie ihrer konkreten Erscheinung in China im Besonderen, zu
diskutieren und zu klären.
Aus
meiner Sicht ist klar, daß wir in dieser Diskussion nur zu richtigen
und standfesten Ergebnissen kommen, wenn wir uns als einzig
zuverlässiger Methode des wissenschaftlichen Sozialismus bedienen. Ich
verstehe durchaus, daß es einigen Genossen schwer fällt, sich der
Realität zu stellen: Was sich in China vollzieht, ist die umfassende
Re-Kapitalisierung der Gesellschaft. Alles Schönreden, jeder Versuch,
das irgendwie in Übereinstimmung mit dem Marxismus-Leninismus zu
bringen, daß im „sozialistischen China“ in immer stärkeren Maße
die Großbanken und Konzerne das Sagen haben, muß in die Irre führen
und stärkt letztlich nur die Basis der Revisionisten und Reformisten in
der kommunistischen Bewegung, die schon immer behaupten, entscheidend
seien nicht die Eigentums- und die damit verbundenen Klassenfragen,
sondern „der sozial verantwortungsbewußte Umgang mit dem Eigentum“.
Die gesamte politische Ökonomie des Marxismus-Leninismus beruht auf der
wissenschaftlichen Analyse der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte
der menschlichen Gesellschaft und der Erkenntnis, daß die
Eigentumsverhältnisse (an den Produktionsmitteln), die Stellung zum
Eigentum und die Rolle des Einzelnen im Produktionsprozeß und bei der
Aneignung seiner Ergebnisse maßgeblich den Charakter der jeweiligen
Gesellschaftsordnung und den der in ihr wirkenden Klassen bestimmen. Das
ist keine „Glaubensfrage“ sondern durch die gesellschaftliche Praxis
unwiderlegbar bewiesen, daß die Entwicklung der menschlichen
Gesellschaft bestimmten, objektiven Gesetzmäßigkeiten unterliegt.
Daran festzuhalten ist kein „Sektierertum“, sondern vernünftig und
notwendig. Am als richtig Erwiesenen festzuhalten ist kein
„Dogmatismus“.
Da
sagt mir ein Genosse in bezug auf China: „Entscheidend ist nicht,
wieviel Kapitalismus man in China zulasse, sondern daß weiterhin eine
kommunistische Partei regiert“. Was ist denn das für ein Argument?
Ebenso „wissenschaftlich“, als ob man sagen würde: „Entscheidend
ist nicht, ob man lehrt 2x2=4 oder 0815, Hauptsache, das Fach heißt
Mathematik“.
Manche
treiben angesichts der nicht mehr wegzuleugnenden, wiedergekehrten Übel
des Kapitalismus in China wie Ausbeutung, Arbeitslosigkeit, Spekulation
und Korruption, Nationalismus und Chauvinismus, immer extremer werdende
Unterschiede zwischen Arm und Reich usw., diese Argumentation noch auf
die Spitze. Ein Beispiel dafür ist ein Artikel von Werner Schleese in
der KPD-Zeitschrift „Die Rote Fahne“ vom Juli 2009. In einem Beitrag
zum 60. Jahrestag der Gründung der VR China schreibt er unter
Bezugnahme auf das Buch „CHINY na drodze socialistycznej modernizacj“
von Zbignew Wiktor, zu den aufgeworfenen Fragen wie „Korruption,
große Schar von minderbezahlten Wanderarbeitern...“: Selbst wenn
diese Widersprüche „noch so gravierend“ seien, sei das Wesentliche
„die stabile Führung durch die Kommunistische Partei Chinas“. Mit
„großer Volksverbundenheit“ würden die KP und das Volk die
Probleme schon lösen. Was ist denn das für eine Position? Egal wie
schlimm es wird, Hauptsache wir Kommunisten regieren, dann wird alles
wieder gut – irgendwann? Erst holt man sich alle Übel des
Kapitalismus selbst ins Haus, um sie über das Volk auszukippen, um sie
dann mit dem Volk wieder abzuschaffen?
Der
Genosse Schleese versucht die chinesische Politik der Kapitalisierung zu
rechtfertigen und als mit dem Marxismus-Leninismus übereinstimmend zu
verkaufen, indem er allen ernstes davon spricht, es handele sich um die
„chinesische Variante“ der „Neuen Ökonomischen Politik“ (NÖP)
Lenins und wirft gleich noch die Politik des „Neuen Ökonomischen
Systems“ (NÖS) von Walter Ulbricht in der DDR in den gleichen Topf.
Das ist schlicht historisch falsch und wissenschaftlich nicht zu
rechtfertigen. NÖP und NÖS sind nicht nur unter anderen Bedingungen
entstanden, sie hatten auch völlig andere Inhalte. Weder Lenin noch
Ulbricht hatten auch nur ansatzweise daran gedacht, faktisch die gesamte
Volkswirtschaft wieder unter die Fuchtel von Großbanken und Konzernen
zu stellen. Der Zweck der Übung ist freilich klar. Man versucht, der
chinesischen Rekapitalisierungspolitik ein sozialistisches Mäntelchen
umzuhängen und durch die Berufung auf die NÖP oder NÖS den eigenen
Genossen vorzumachen, die chinesische Politik der Kapitalisierung der
ehemals volkseigenen Wirtschaft stünde in der Tradition leninscher
Politik und man sei damit weiter in der Spur des Marxismus-Leninismus.
Und schließlich empfiehlt der Genosse Schleese noch den chinesischen
Weg als bedenkenswert für den „künftigen Sozialismus“.
Nun
fragt man sich, was gilt nun? Daß die Vergesellschaftung des Eigentums
an den Produktionsmitteln die Voraussetzung ist für den Aufbau des
Sozialismus und die Abschaffung von Ausbeutung (wie es nach wie vor im
Programm der KPD steht)? Oder alles getrost in die Hände des Kapitals
geben, Hauptsache, die KP regiert? Oder machen wir den Sozialismus
künftig so, daß wir erst Banken und Konzerne vergesellschaften, ein
sozialistisches Arbeitsrecht schaffen, Arbeitslosigkeit abschaffen,
kostenlose und garantierte Bildung und medizinische Versorgung
gewährleisten usw. und dann dem Volk sagen, bis dahin war‘s ganz gut,
aber nun machen wir einen noch besseren Sozialismus und dazu geben wir
das Volkseigentum an die Kapitalisten zurück, gründen wieder
Privatbanken, geben den Spekulanten die Börsen wieder, zerreißen eure
Arbeitsverträge, wer gute Bildung und Medizin will, muß zahlen,
arbeiten dürft ihr jetzt doppelt so lange für die Hälfte des Lohns,
aber dafür hat jeder die Chance, sich in Arbeitslosigkeit auszuruhen.
Und keine Sorge, wenn‘s mal zu arg wird, eure liebe KP regiert fest
und entschlossen. In enger Verbundenheit mit euch lösen wir alle
Probleme, die wir euch eingebrockt haben. Schön, wir können nicht alle
reich machen. Aber dafür ein paar von euch superreich. Darauf können
wir dann alle gemeinsam stolz sein.
Daß
gerade den Revisionisten und Reformisten in den kommunistischen Parteien
das Beispiel China so gelegen kommt, kann man freilich verstehen. Ihr
Problem ist ja nicht der Kapitalismus, ihr Problem ist, daß sie im
Kapitalismus nicht „mitspielen“ dürfen an der Macht. In China
scheint der Traum endlich Wirklichkeit geworden zu sein. Kapitalistisch
wirtschaften und „sozialistisch“ regieren. Und reich und mächtig
kann man auch noch werden dabei.
Daß
eine marxistisch-leninistische Partei die Führung hat beim Aufbau des
Sozialismus, ist eine Voraussetzung, aber nicht der Sinn des
Sozialismus. Der liegt darin, eine Gesellschaft aufzubauen, frei von
Unterdrückung und Ausbeutung, in dem die Produktionsmittel dem
Gemeinwesen dienen und deshalb ins Gemeineigentum gehören, und eine
Gesellschaft aufzubauen, die in der Lage ist, die Bedürfnisse und das
Lebensniveau aller ihrer Mitglieder auf immer höherer Ebene zu
befriedigen.
Ein
„Sozialismus“, in dem alle gleich arm sind, taugt ebenso wenig, wie
ein „Sozialismus“, der Wenige reich macht und Viele arm läßt. Wie
wollen wir denn als Kommunisten glaubwürdig gegen die Gebrechen und
Verbrechen des Kapitalismus und dessen Ursachen argumentieren, wenn wir
für die Ausbreitung des Kapitalismus in China ständig Rechtfertigungen
fabrizieren oder ihn gar noch für „vorbildlich“ für einen
künftigen Sozialismus erklären?
Wir
verurteilen die Arbeitslosigkeit als Geisel des Kapitalismus. Und die
Millionen Arbeitslosen in China? Ist den Verteidigern der chinesischen
Politik nicht klar, daß die KP Chinas erst mit der Rekapitalisierung
der Wirtschaft die Grundlage für die neue Arbeitslosigkeit geschaffen
hat? Können wir Arbeitslosigkeit in Deutschland als menschenunwürdig
brandmarken und zugleich erklären, in China sei das was anderes, weil
da eine „KP“ regiert?
Wir
sagen, die Börsen im Kapitalismus sind Herde der Spekulation und
Ausdruck der Profitgier des Kapitals. Und die Börsen in China? Wollen
wir die ernsthaft zu einer „kreativen chinesischen Variante der
sozialistischen Ökonomie“ erklären?
Wir
sagen, Bourgeoisie und Proletariat stehen sich in einem antagonistischen
Klassenverhältnis gegenüber und führen einen unversöhnlichen
Klassenkampf gegeneinander. Die KP Chinas „löst“ diesen
Widerspruch, indem sie einfach die Bourgeoisie zur „werktätigen
Klasse“ erhebt. Wollen wir das im Ernst als mit dem wissenschaftlichen
Sozialismus vereinbar erklären?
Wenn
in Deutschland Kapitalisten oder bürgerliche Politiker Hartz-IV
durchsetzen, Arbeiter zwingen länger zu arbeiten, geringe Löhne zu
akzeptieren, Arbeits- und Tarifverträge aufweichen, dann verurteilen
wir das als Sozialabbau und verschärfte Ausbeutung. Und in China? Wenn
dort viele Millionen ohne rechtmäßige Arbeitsverträge, oft mehr als
12 Stunden am Tag für kümmerlichste Löhne arbeiten müssen, keine
Renten- oder Sozialversicherung haben, Arme an der Krankenhaustür
abgewiesen werden, wollen wir dann im ernst sagen, nun ja, schon ein
Problem, aber Hauptsache, eine KP regiert? Ist denen, die die
chinesische Politik verteidigen, nicht klar, daß die KP Chinas die
politische Verantwortung für all diese Übel trägt, weil sie genau
jene Gebrechen und Verbrechen des Kapitalismus durch ihre
Rekapitalisierungspolitik überhaupt erst möglich gemacht hat?
Eine
doppelzüngige Politik, die die Übel des Kapitalismus brandmarkt,
solange sie z.B. in den USA, Deutschland, Frankreich oder Japan
auftreten, die aber genau jene Übel entschuldigt, wenn sie in China
stattfinden, eine solche Politik ist nur von Schaden für die
kommunistische Bewegung, weil sie die Argumentation der Kommunisten
unglaubwürdig macht.
Daß
man von den kommunistischen Parteien, die zum Lager des Revisionismus
gehören, nichts anderes erwarten kann, als daß sie den „chinesischen
Weg“ preisen, ist klar. Es liegt in ihrem Interesse, sich mit dem
Kapitalismus auszusöhnen.
Es
gibt aber auch nach wie vor nicht wenige Genossen, die sich – mit
sonst klarem Blick und marxistisch-leninistischen Überzeugungen – in
bezug auf die Entwicklungen in China den Realitäten verweigern. Aber es
hilft nichts, die Augen zu verschließen.
Die
Entwicklungen in China und die Diskussion darum zeigen noch etwas: Wir
brauchen eine generelle Diskussion um den Sozialismus, seine
theoretischen Grundlagen und praktische Ausgestaltung. Wir müssen das
Fahrrad dabei gar nicht neu erfinden, aber offenbar ist es notwendig,
„Vergessenes“ wieder in Erinnerung zu rufen, Falsches vom Richtigen
zu trennen, die Erfahrungen beim Aufbau der UdSSR oder der DDR im Sinne
des Gesetzes der Negation der Negation positiv aufzuheben. Wir wissen um
die Erfahrungen aus der Existenz des Sozialismus von 1917 bis zu seiner
Niederlage 1989/90: Daß er sich in der Zeit am erfolgreichsten
entwickelte, als die kommunistischen Parteien und ihre Führungen den
bewährten Prinzipien des Marxismus-Leninismus folgten, daß sein Aufbau
gehemmt wurde durch zunehmende Abweichungen vom wissenschaftlichen
Sozialismus und seine Niederlage unvermeidlich wurde, als durch den
nicht bekämpften, fortschreitenden Revisionismus und Reformismus in den
Staats- und Parteiführungen die Basis des Sozialismus soweit
zerfressen, die KP‘s soweit desorientiert und demoralisiert waren,
daß sie der Konterrevolution keinen ernsthaften Widerstand mehr
entgegensetzen konnten.
Vielleicht
erinnern sich die Älteren unter uns. Wie viele haben es nicht wahrhaben
wollen: Eine verräterische sowjetische Führung? Unmöglich! Volk und
Partei in Zwietracht? Ausgeschlossen! Wir können den Sozialismus wieder
verlieren? Niemals!
Noch
zum 40. Jahrestag der DDR, als schon klar war, daß die
Gorbatschowclique den Sozialismus in der UdSSR und in den
„Bruderstaaten“ längst „verkauft“ hatte, die Konterrevolution
schon offen auf der Straße war, die SED-Führung sich als
handlungsunfähig erwies und DDR-Bürger zu Tausenden ihr Land
verließen, sprach die Staats- und Parteiführung der DDR vom
„unverbrüchlichen Bruderbund mit der Sowjetunion“, von der
„festen Einheit von Volk und Partei“, daß der Sozialismus „ein
für allemal gesiegt“ habe... Das alles hatte nichts mehr mit der
Realität zu tun. Es durfte nicht wahr sein, was nicht wahr sein sollte.
Aus diesen Erfahrungen muß man nun endlich auch mal die Konsequenzen
ziehen.
Der
Kapitalismus siegt in China? Unmöglich? Die ökonomische Basis in China
hat der Kapitalismus bereits zurückerobert. Damit wird sich notwendig
auch der gesamte politische Überbau hin zu einem bürgerlichen Staat
umwälzen. Dieser Prozeß ist derzeit im vollen Gange. Die
Veränderungen in der chinesischen Verfassung, in der der Schutz des
kapitalistischen Eigentums ausdrücklich verankert wurde, und die
Ankündigung, den „Staat“ zum „Dienstleister“ für die
Wirtschaft zu machen, sind Ausdruck dieses Prozesses.
Die
neue „Elite“ Chinas, die künftig die Geschicke des Landes bestimmen
wird, orientiert sich am „westlichen Lebensstil“. Streben nach Macht
und Reichtum zählen zu ihren „Grundwerten“, die sie bei ihren
Studien an den Elite-Universitäten in den imperialistischen Staaten so
vorbildhaft von der dortigen Bourgeoisie und ihren Zöglingen vorgelebt
bekommen haben. Ja, junge chinesische „Manager“ haben durchaus noch
ein Mao-Bild an der Wand, so wie manche Sprößlinge des deutschen
Bürgertums ein Bild von Che Guevara, und kommen sich damit furchtbar
progressiv vor, während sie zugleich Pläne schmieden, wie sie noch
schneller zu noch mehr Reichtum auf Kosten anderer kommen. Auf sie, die
junge verbürgerlichte sogenannte „MTV-Generation“ in China, setzen
die imperialistischen Mächte, durchaus zu recht. Von denen ist keine
Verteidigung des Sozialismus zu erwarten. Und sie setzen vor allem auf
die ökonomische Macht der neuen chinesischen Bourgeoisie, die alles
daran setzen wird, um auch die sozialistischen Reste in China zu
beseitigen. Davor kann und darf man nicht länger die Augen
verschließen.
Kann
China wieder „zurück“ auf dem Weg zum Sozialismus? Ja.
Grundsätzlich gibt es für jedes Land eine sozialistische Perspektive.
Die Frage ist immer, wann und wie die Voraussetzungen dafür
herangereift sind. In China werden sie dann reif sein, wenn die
chinesische Arbeiterklasse sich wieder neu organisiert hat, eine wieder
marxistisch-leninistische Partei sie führt und eine revolutionäre
Situation entstanden ist, die Bedingung ist, um den Kapitalismus in
China wieder zurückzuschlagen. Gegenwärtig existieren solche
Voraussetzungen nicht. Um so wichtiger ist es, die Lage und die
Entwicklungen in China realistisch und objektiv zu beurteilen, das hilft
nicht nur unseren Genossen, diese Vorgänge richtig zu verstehen, es ist
auch im Interesse der chinesischen Arbeiterklasse, die gegenwärtig auch
noch um eine sachliche Analyse ihrer Lage ringen und sich neu
orientieren muß, nachdem sie mit der neuen chinesischen Bourgeoisie und
ihren imperialistischen Partnern den Klassengegner wieder direkt im
eigenen Land hat.
Uwe
Langer
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